Eva Almstädt


Engelsgrube


Kommissarin Pia Korittkis
zweiter Fall





luebbe digital

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Vollständige eBook-Ausgabe
der bei Bastei Lübbe erschienenen Taschenbuchausgabe


luebbe digital und Bastei Lübbe Taschenbuch in der Verlagsgruppe Lübbe


Originalausgabe

© 2005 by Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG, Bergisch Gladbach

Datenkonvertierung eBook:

le-tex publishing services GmbH, Leipzig


ISBN 978-3-8387-0026-7

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1. KAPITEL

Das Warten fing langsam an, ihm auf die Nerven zu gehen. Ebenso wie Isabels sonderbares Verhalten. Sie stand seit einer halben Stunde reglos am Fenster und sah hinaus. Joe hatte selbst schon auf die Straße geschaut. Kein Windhauch bewegte die Blätter der Alleebäume im schwachen Lichtschein der Straßenlaternen. Der Park jenseits der Straße war dunkel und menschenleer.

Er musste etwas tun, irgendetwas. Als er den schweren Esstisch in die Mitte der Halle zog, ertönte ein lautes, scharrendes Geräusch. Es veranlasste Isabel dazu, sich zu ihm umzudrehen.

»Was soll das werden, Joe? Lass den Tisch dort stehen, wo er immer steht. So ein Schwachsinn!«

Joe ließ den Tisch für einen Moment los. »Wie wäre es, wenn du mal mit anfassen würdest. Unser Essen wird gleich angeliefert.«

»Wir warten auf Albrecht.«

Sie drehte sich wieder zum Fenster um. Einen Moment lang starrte Joe auf ihren Rücken. Sie trug ein altmodisches Samtkleid mit tiefem Rückenausschnitt. Ihre Schulterblätter zeichneten sich unter der weißen Haut ab wie kleine Flügelansätze und reizten ihn dazu, sie zu berühren. Das alte Kleid musste sie irgendwo auf dem Speicher gefunden haben. Es war staubig und roch nach Mottenkugeln, aber dennoch …

Joe seufzte lautlos und schob den Tisch in die Mitte des Raumes. Dann stellte er die schweren Stühle an ihren Platz und warf eine Damasttischdecke über die zerkratzte Tischplatte. Den Rotweinfleck verdeckte er mit einem Kerzenleuchter. Er schleppte Teller, Gläser und Besteck heran und verteilte sie auf dem Tisch. Alles war vorbereitet.

Plötzlich dröhnte das Geräusch des Türklopfers durch die Halle. Joe zuckte zusammen. Das Klopfen war ungewohnt, sie bekamen hier niemals Besuch. Und Albrecht hatte schließlich einen Schlüssel für sein Haus. Beunruhigt starrte er den dunklen Korridor hinunter, der zur Vordertür führte. Das Klopfen ertönte zum zweiten Mal, dieses Mal ungeduldiger. Er hörte Isabel hinter sich auflachen.

»Das sind die von Giuseppe. Das ist nur unser Essen, Joe. Sie sind ausnahmsweise einmal pünktlich!«

Joe hatte das Abendessen bei einem italienischen Restaurant in der Nachbarschaft bestellt. Er hatte aber nicht damit gerechnet, dass das Essen noch vor Albrecht eintreffen könnte. Eilig ging er zur Eingangstür, um zu öffnen.

Zwei Kellner mit großen Styroporboxen vor der Brust standen auf dem Treppenabsatz. Sie folgten Joe ins Haus. Für einen kurzen Moment sah Joe sein Umfeld, wie Außenstehende es sehen mussten: die großbürgerliche Einrichtung der Villa, altmodisch, unvollständig und dreckig!

 

 

 

Albrecht traf mit einer halben Stunde Verspätung ein. Sein Gesichtsausdruck verriet nichts darüber, wie es ihm ergangen war. Joe bemerkte jedoch, dass Albrechts Hand zitterte, als er nach dem gefüllten Glas griff, das Isabel ihm reichte.

»Nun sag schon, wie war es?«, drängte Isabel. Albrecht trank in hastigen Zügen und wischte sich anschließend mit dem Handrücken über den Mund. »Done!«

Joe fühlte seinen Herzschlag hart in seiner Brust. Vor Erleichterung wurde ihm schwindelig. Albrecht war erfolgreich gewesen. Das war gut, denn sie brauchten das Geld. Allein das Abendessen, das vor ihnen auf dem Tisch stand, kostete ein kleines Vermögen. Jedenfalls an der schmalen monatlichen Zuwendung gemessen, die Joe von seinem Vater für das Studium erhielt. Dieses Geld reichte gerade für die Miete seiner Einzimmerwohnung und das Mittagessen in der Mensa. Nicht einmal ein klappriges Auto war drin. Albrechts finanzielle Situation war noch angespannter. Er wohnte zwar mietfrei in diesem Haus, das er später einmal erben würde, aber die Kosten für den alten Kasten übertrafen die Einkünfte aus seiner Maklertätigkeit bei weitem. Und Isabel war von jeher ein Wunder an Überlebenskunst gewesen. Sie erinnerte Joe an die Pflanzen, die ohne Wasser auf irgendwelchen Steinen wuchsen: faszinierend und abstoßend zugleich. Seit Isabel die Fliegerei aus gesundheitlichen Gründen hatte aufgeben müssen, arbeitete sie nicht mehr. Sie sprach manchmal davon, zur Schauspielschule zu gehen, aber damit hatte es sich.

»Auf uns!«, sagte sie triumphierend und hob ihr Glas, »und nun lasst uns anfangen, ich sterbe vor Hunger!«

 

 

 

»Verdammt, ich fühle mich großartig heute!«, tönte Albrecht zum wiederholten Male an diesem Abend. Pasta, Saltimbocca und Tiramisu waren bereits bis auf den letzten Rest vertilgt. Der Rotwein, den Albrecht sich großzügig nachschenkte, schien ihn zu immer neuen Selbstbetrachtungen zu animieren. Joe und Isabel sahen einander ungeduldig an. Es dauerte eine Weile, bis Albrecht die Blicke seiner Freunde bemerkte und sich erhob.

»Also gut, ihr könnt es wohl nicht abwarten. Für diesen Anlass habe ich etwas Besonderes organisiert …«

Er ging nach nebenan in den Damensalon, wie der an die Halle grenzende Raum seiner verspielten Einrichtung wegen genannt wurde.

Joe hörte ein Kratzen und Klicken, als Albrecht das Geheimfach in der Holzvertäfelung öffnete. Stets bestand er darauf, allein dorthin zu gehen. Eine Eigenart, die Isabel und Joe in seiner Abwesenheit mit einem konspirativen Lächeln bedachten. Sie hatten sich längst über die Lage und den Mechanismus des Faches informiert.

»Fragt mich lieber nicht, wo ich das her habe. Es ist allerbester Stoff«, meinte Albrecht, als er mit dem Briefchen in der Hand zurückkehrte.

Er schüttete das Kokain auf den verspiegelten Blumenvasenuntersetzer seiner Großtante. Joe sah ihm zu, wie er die weißen Krümel mit der Klinge eines Teppichmessers zerhackte. Mit der Kante seines Personalausweises schob Albrecht das weiße Pulver zu drei dünnen lines zusammen.

Joe versuchte, mit kreisenden Bewegungen seine verspannten Schultern zu lockern. Er fragte sich, ob genug für alle da war und ob sie auch alle gleich viel bekämen. Sein Verlangen nach dem Stoff, seine Gier, wurde langsam übermächtig. Für einen kurzen Moment befürchtete er, dass ihre Freundschaft genau an diesem Punkt einmal an ihre Grenzen stoßen würde …

 

 

 

Sie gingen erst schlafen, als der Morgen graute. Seit die sechs Zimmer im oberen Stockwerk durch das undichte Dach unbewohnbar geworden waren, schliefen Albrecht, Isabel und Joe unten im Gartenzimmer. Ein neues Dach für die Jugendstilvilla mit ihren Erkern und Türmchen wäre so teuer wie ein Reihenhaus in einem Lübecker Vorort, behauptete Albrecht. Er zöge es vor, nicht darüber nachzudenken. Das Gartenzimmer war, gemessen an der Halle oder dem Damensalon, ein kleiner, intimer Raum. Durch eine geschwungene Flügeltür blickte man in den verwilderten Garten.

Joe ließ sich auf eine der Matratzen fallen und griff nach einer Steppdecke. Während er sich körperlich erschöpft und ausgebrannt fühlte, war sein Geist noch hellwach. Der Stoff war wirklich erstklassig gewesen, er hatte das Gefühl, klarer denken zu können als jemals zuvor. Unangenehm war nur, dass sein Hals sich wie betäubt anfühlte und er kaum noch schlucken konnte. Das kam davon, wenn man das Zeug schniefte.

Während er auf Albrecht und Isabel wartete, starrte er an die stuckverzierte Decke. Etwas war anders als sonst. Sein Blick blieb an einem nackten Haken hängen. Bis vor kurzem hatte dort oben noch ein altmodischer Kronleuchter gehangen.

Albrecht hatte bereits eine Menge Mobiliar verkauft, um finanziell über die Runden zu kommen. Ob sein Freund dieses Haus auf Dauer würde halten können?

Als Isabel und Albrecht ins Zimmer kamen, hatte er sich die Decke bis über die Ohren gezogen und stellte sich schlafend. Joe wusste, was nun folgen würde. Anfangs waren sie immer recht leise, als versuchten sie, Rücksicht auf ihn zu nehmen. Aber er ahnte, dass er ein Teil ihres Spiels war. Isabel hatte Joe einmal anvertraut, dass Albrecht ohne Zuschauer gar nicht könne …

Einerseits erregte es Joe, dabei zu sein, andererseits fühlte er sich benutzt. Sie waren keinen Meter von ihm entfernt, doch die räumliche Nähe schloss ihn nur umso unbarmherziger vom Geschehen aus.

Isabel flüsterte etwas. Dann hörte es sich so an, als ob die Decken zurückgeschlagen würden. Joe blinzelte in die Dunkelheit. Er würde noch verrückt werden, dachte er mit aufkommender Verzweiflung. Wenn es nur schon vorbei wäre.

Isabels Atem wurde schneller. Albrecht stöhnte leise. Joe meinte, den Sex nicht nur hören, sondern auch riechen zu können. Seine Hand griff unter der Decke in seine Boxershorts. Seiner Erregung nachgebend, fühlte er Scham und Erniedrigung.

Es kam ihm fast im selben Moment wie Isabel, nur dass sein Orgasmus von den anderen unbemerkt und nahezu lautlos verklang. Danach schlief Joe beinahe augenblicklich ein.

2. KAPITEL

Für Anfang September war es noch ungewöhnlich warm. Pia Korittki, Kommissarin bei der Bezirkskriminalinspektion in Lübeck, unterbrach die Bearbeitung der vor ihr liegenden Akte. Sie saß seit acht Uhr morgens vor dem Bildschirm, und ihre Augen brannten. Die Jalousien vor der Fensterfront waren heruntergelassen und die Fenster gekippt. Trotzdem zeigte das Thermometer 28 Grad an. Ein kleiner Tischventilator zwischen den Aktenstapeln brachte einzelne Zettel zum Flattern. Während sie noch überlegte, ob sie heute zum Essen in die Kantine gehen sollte, steckte ihr Kollege Conrad Wohlert den Kopf zur Tür herein.

»Hey, Pia. Broders lässt fragen, ob du mal eben zu ihm rüberkommen kannst. Er macht gerade eine Vernehmung …«

Pia loggte sich aus dem Programm aus, in dem sie gearbeitet hatte. »Sind alle anderen schon zum Essen, oder warum bin ich gefragt?« Skeptisch blickte sie ihren Kollegen an. Es war allgemein bekannt, dass sie und Hauptkommissar Broders nicht gerade in bestem Einvernehmen zueinander standen.

Conrad Wohlert antwortete, ohne ihr dabei in die Augen zu sehen: »Keine Ahnung. Er hat ausdrücklich nach dir verlangt. Ich muss jetzt weg nach Kücknitz. Also bis später …«

Pia war misstrauisch. Seit ihrem ersten Tag in dieser Abteilung, und der lag nun schon ein gutes halbes Jahr zurück, machte Heinz Broders ihr das Leben schwer. Es verging kaum ein Tag im Kommissariat, an dem Broders nicht die eine oder andere boshafte Bemerkung von sich gab. Auch die anderen Kollegen schienen ständig auf der Hut vor ihm zu sein. Pia hatte jedoch das Gefühl, dass ihre Anwesenheit ihn geradezu herausforderte. In den vergangenen Monaten hatte er jedenfalls strikt vermieden, mit ihr zusammenzuarbeiten.

Broders Büro lag am anderen Ende des Ganges. Er teilte es mit Kriminalhauptkommissar Kürschner. Wilfried Kürschner war der dienstälteste Kollege in der Abteilung. Er vertrat zur Zeit den in Urlaub gegangenen Leiter des Kommissariats, Kriminalrat Gabler.

Die Bürotür war nur angelehnt, und Pia trat ein. Zwei Personen befanden sich im Raum. Heinz Broders, der hemdsärmelig und verschwitzt hinter seinem Schreibtisch hockte, und ein ihr unbekannter Mann, der mit dem Rücken zur Tür saß. Als er Pia eintreten hörte, drehte er sich langsam um. Pia ertappte sich dabei, wie sie ihn verwundert anstarrte. Gegen Broders biederen Aufzug sah der Mann geradezu exotisch aus. Zuerst fielen die langen braungrauen Haare auf, die im Nacken von einem Lederband zusammengehalten wurden. Er trug ein Holzfällerhemd, eine Lederweste, Jeans und klobige Stiefel. Seine Gesichtszüge schienen merkwürdig unproportioniert zu sein. Es war aber nicht die unförmige Nase in dem großflächigen Gesicht, die Pia stutzen ließ, es waren seine Augen: Sie blickten stechend unter dunklen Augenbrauen hervor.

Broders wirkte aufgekratzt. Sein Hals über dem engen Hemdkragen war gerötet. »Kommissarin Korittki, kommen Sie rein«, begrüßte er sie steif, obwohl sie sich eigentlich seit langem duzten. »Ich habe hier Herrn Manfred Rist bei mir sitzen. Es geht um die Taxi-Fälle, Sie wissen doch …«

Pia merkte auf. Die so genannten »Taxi-Fälle« waren ihr gut bekannt. Es handelte sich um eine Reihe äußerst brutaler Raubüberfälle, die im Raum Lübeck verübt worden waren. Wiederholt waren Taxifahrer nachts von einem Fahrgast in eine einsame Gegend gelockt, mit einem Totschläger niedergeprügelt und dann ausgeraubt worden. Einer der Taxifahrer war vor ein paar Wochen an seinen schweren Kopfverletzungen gestorben. Seitdem war das Kommissariat 1 in die Ermittlungen eingeschaltet worden.

»Herr Rist hat gerade ein Geständnis unterzeichnet, die Taxi-Fälle betreffend«, sagte Broders. Er schien sich Mühe zu geben, ganz ruhig und unbeteiligt zu erscheinen.

Seit Wochen arbeitete die Kripo auf Hochtouren an diesem Fall, und nun saß er einfach so da, der Mann, der die Raubüberfälle begangen hatte. Geständig.

In die Befriedigung über den gelösten Fall mischte sich bei Pia ein Hauch von Neid, dass Heinz Broders dieser dicke Brocken in den Schoß gefallen war. Broders hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Es schien bereits alles gesagt worden zu sein.

»Soll ich Herrn Rist hinunterführen …«, fragte Pia, das Wort Arrestzelle meidend. Sie griff nach ihren Handschellen am Gürtel, um den Mann ins Polizeizentralgewahrsam zu bringen.

Warum rührte sich Broders hinter seinem Schreibtisch nicht? Die ganze Situation gefiel ihr nicht besonders.

Trotzdem war sie völlig überrascht, als Manfred Rist plötzlich aufsprang und in Richtung Tür stürzte. Pia, angespannt und misstrauisch, reagierte mit kaum wahrnehmbarer Verzögerung. Der Mann war recht groß, mindestens ebenso groß wie sie, und er brachte wahrscheinlich annähernd das doppelte Gewicht auf die Waage. Sie warf sich zwischen ihn und die Tür, um ihn zu stoppen. Der Flüchtende packte sie und schleuderte sie wie eine Schaufensterpuppe zur Seite. Pia gelang es gerade noch, ihm im Fallen sein Bein wegzuhebeln, sodass er ebenfalls das Gleichgewicht verlor.

Rist war trotz seines Kampfgewichtes schnell wieder auf den Beinen. Pia packte seine Arme. Er drehte sich zu ihr um, befreite sich aus ihrem Griff, und sie spürte frustriert, dass sie gegen seine Muskelkraft wenig ausrichten konnte.

Bevor er die Tür aufreißen und verschwinden konnte, versetzte Pia ihm einen harten Stoß gegen seine Nase. In dem Moment, als er breitbeinig dastand und verdutzt nach seiner Kartoffelnase griff, riss Pia das Knie hoch und landete einen Treffer zwischen seinen Beinen. Er stieß einen fast tierisch wirkenden Schrei aus. Dann sank er langsam zu Boden.

Im ersten Moment war es ein gutes Gefühl, den Mann am Boden zu sehen. Pia wähnte sich siegreich. Sie hatte die Flucht eines Straftäters verhindert, während Broders nur wie gelähmt hinter seinem Schreibtisch gehockt hatte. Heinz Broders, der jetzt so komisch zuckte … der sich die Hand vors Gesicht hielt und sich krümmte … Broders, der lachte und lachte, als wäre gerade der Witz des Jahrhunderts zum Besten gegeben worden. Sie mussten ein merkwürdiges Bild abgegeben haben, als sie kurze Zeit später zusammen die Kantine betreten hatten. Broders ging links und Pia rechts von einem breitbeinig humpelnden Mann mit angeschwollener Nase, aus der ein dünner Blutfaden lief. Pias Gesicht glühte. Broders wirkte eher blass. Er hatte sich von seinem Lachkrampf erholt und inzwischen eingesehen, dass sein Scherz außer Kontrolle geraten war.

Pia kümmerte sich nicht weiter um die verwunderten Blicke ihrer Kollegen am hintersten Tisch. Sie waren, welch ein Zufall, fast alle versammelt. Michael Gerlach, Marten Unruh und auch Conrad Wohlert schienen ihre Ankunft bereits zu erwarten.

Pia steuerte zuerst die Essensausgabe an und bestellte einen Eisbeutel.

»So etwas haben wir hier nicht. Heute gibt’s Schnitzel, Möhrengemüse und Rote Grütze zum Nachtisch …«, meinte der Koch verständnislos.

»Komm schon, es geht um eine schlimme Verletzung. Ihr habt doch bestimmt irgendwo Eis, das man in eine Plastiktüte abfüllen kann?«

»Um was für eine Verletzung handelt es sich denn?«

Pia beugte sich zu ihm vor und flüsterte dem jüngsten Koch der Kantine etwas ins Ohr.

Er grinste. »Ah ja? So ein Notfall also. Ist das nicht eher was für die Sanis?«

»Will er nicht. Hast du nun Eis oder nicht?«

Kurz darauf erreichte Pia mit einer großen Tüte voll Eis den Tisch. Sie überreichte sie dem angeschlagenen Manfred Rist, der sich inzwischen zu ihren Kollegen gesetzt hatte. Er schob sich die freundliche Gabe zwischen seine Beine.

Wie sich herausgestellt hatte, war Manfred Rist ein Kollege der Kripo Flensburg. Er hatte auf Broders Betreiben hin an diesem groben Scherz mitgewirkt, dessen Ziel es war, die neue Kollegin etwas ins Schwitzen zu bringen. Scherze dieser Art hatte man auch mit anderen Kollegen schon getrieben, aber Pia zeichnete sich dadurch aus, dass sie ungewöhnlich schlagkräftig gewesen war.

Während alle, die nicht mit dabei gewesen waren, noch Broders Schilderungen lauschten, kämpfte Pia mit zwiespältigen Gefühlen. Einerseits tat es ihr Leid, dass sie so hart zugeschlagen hatte, andererseits schien ihr ihr vehementes Eingreifen einigen Respekt verschafft zu haben. Ihr Herz schlug immer noch wie nach einem Tausendmeterlauf. Hungrig war sie jetzt jedenfalls nicht. Der Geruch nach zerkochtem Gemüse und Frittierfett hing wie ein aufdringliches Parfüm in der warmen Kantinenluft.

»Seid ihr mit dem Mordfall Biederstätt schon weiter gekommen?«, hörte sie Rist durch das Klappern von Tellern und Bestecken hindurch fragen.

Marten Unruh seufzte. »Nein, es ist zum Verrücktwerden. Die ganze Stadt scheint in eine Art Sommerlethargie verfallen zu sein …«

»Mir gefällt es, dass es zurzeit so ruhig ist«, warf Heinz Broders ein, »ich will übernächste Woche in Urlaub fahren. Das erste Mal seit drei Jahren.«

»Kein Wunder, dass der Fall Biederstätt sich so dahinschleppt. Wenn Heinz seit Wochen nur daran denken kann, was er in seinen Koffer packen soll und was nicht.«

»Halt’s Maul, Gerlach!«, antwortete Broders mit seinem unnachahmlichen Charme.

Gerlach berichtete Rist ungerührt: »Dieser Mord an dem Restaurantbesitzer Biederstätt ist einer der merkwürdigsten Fälle, der mir in meiner Laufbahn bisher untergekommen ist. Wir haben alle möglichen Spuren verfolgt, aber sie endeten ausnahmslos im Nirwana. So etwas habe ich noch nie erlebt …«

Der Mord an Wolfgang Biederstätt war mit etlichen Artikeln durch die Presse gegangen und tagelang Hauptgesprächsstoff der Stadt gewesen. Biederstätt war in seinem eigenen Restaurant, dem Lübecker Kupferhaus, erschossen worden. Die Tat sah auf den ersten Blick nach einer Hinrichtung aus, doch alle Nachforschungen in Richtung organisierte Kriminalität waren im Sande verlaufen. Auch die Ermittlungen im privaten Umfeld des Ermordeten waren bisher wenig Erfolg versprechend gewesen. Mit jedem neuen, drückend warmen Tag, der verging, sank die Hoffnung, den Mordfall Biederstätt in kürzerer Zeit aufzuklären.

Rist schüttelte verwundert seinen langen Zopf: »Wolfgang Biederstätt war als Restaurantbesitzer bekannt und doch quasi eine öffentliche Person in Lübeck. Seid ihr nicht mit Hinweisen aus der Bevölkerung geradezu bombardiert worden?«

Marten Unruh, der ihm gegenüber am Fenster saß, wischte ungeduldig ein paar Krümel vom Tisch. »Da war nicht viel Brauchbares dabei! Alles an dem Fall ist irgendwie verquer. Weißt du, was die Spezialisten vom Dezernat für Schusswaffenerkennung herausgefunden haben? Bei der Tatwaffe soll es sich um einen alten Armeerevolver handeln. Kaliber 10,6 Millimeter.«

»Habt ihr den genauen Waffentyp?«

»Die Ballistiker schätzen, dass wir es mit dem alten Reichsrevolver M/79 zu tun haben. Der M/79 war die erste bei der Armee offiziell eingeführte Kurzwaffe in Deutschland. Hersteller war die Firma Sauer & Sohn, Schilling und Haenel aus Suhl. Seit Anno 1881, wohlgemerkt. Das Problem ist nur, dass das Ding nicht nur bei der Armee, sondern auch über viele Jahre beim Zoll im Einsatz war. Wer weiß, wo solche Waffen noch überall unregistriert herumschwirren. Wir haben uns schon mit ein paar Waffensammlern unterhalten, aber noch keine konkrete Spur bis jetzt.«

»Wo ist dieser Biederstätt denn erschossen worden?«, fragte Rist.

»Im Weinkeller seines Restaurants«, antwortete Unruh. »Der Keller hat einen Außenzugang, das Schloss war aufgebrochen. Und Wolfgang Biederstätt hatte die Marotte, niemanden in seinen Weinkeller hereinzulassen. Jede einzelne Flasche für seine Gäste hat er selbst heraufgeholt. Er soll Angst gehabt haben, dass seine Angestellten ihm seinen kostbaren Wein stehlen.«

»An Wolfgang Biederstätt war so einiges sonderbar.« Gerlach legte sein Besteck zur Seite und sah in die Runde. »In der Klatschpresse erschien er dauernd zusammen mit irgendwelchen Damen der besseren Gesellschaft. Nach seinem Tod tauchte dann plötzlich sein schwuler Lebenspartner bei uns auf. Und der macht uns jetzt die Hölle heiß … Als ob wir nicht alles daran setzen würden, diesen Mordfall aufzuklären!«

»Vielleicht liegt es ja an euch, wenn ihr nicht mit ihm klarkommt?«, schaltete sich Pia in das Gespräch ein.

Gerlach sprang sofort auf die Bemerkung an. »Wenn du damit andeuten willst, dass es Schwierigkeiten gab, weil wir Vorurteile haben, dann liegst du damit falsch. Diese Typen sind es doch, die meinen, Polizisten seien grundsätzlich alle grob und dämlich!«

»So ist das mit den Vorurteilen …«, entgegnete Pia vielsagend.

Gerlach kochte, und Unruh runzelte verärgert die Stirn.

Pia Korittki fühlte sich schon seit längerem von der demonstrativen Einigkeit der Kollegen Unruh und Gerlach genervt. Vielleicht, so gestand sie sich zögernd ein, weil sie selbst in dieser Abteilung immer noch recht allein dastand.

»Früher oder später wird sich noch ein Hinweis ergeben«, meinte Rist und schob sich mit gequältem Grinsen den Eisbeutel zurecht.

»Und Heidmüller, unser Computerexperte, hat der auch noch nichts zu Tage gefördert?«, fragte Heinz Broders.

Seit nunmehr sechs Wochen teilte sich Pia Korittki ihr Büro mit Oswald Heidmüller. Bis auf die Tatsache, dass es nun in dem Raum den Luxus eines Minikühlschrankes gab, machte es für Pia jedoch kaum einen Unterschied, ob der Kollege da war oder nicht. Er kommunizierte fast ausschließlich mit seinem PC. Trotzdem hatte sie das Gefühl, ihn Broders gegenüber verteidigen zu müssen.

»Mit dem Fall Biederstätt hat Heidmüller nichts zu tun. Gabler hat ihn mit alten Akten zugeschüttet, die er bearbeiten soll.«

Broders grinste. »Vielleicht sollte er mal auf den Mord im Restaurant angesetzt werden … Er kennt sich bestimmt gut aus in den heimischen Küchen!«

Die Anspielung galt Heidmüllers Körperfülle, die er Pias Beobachtungen nach eher seinem unmäßigen Konsum von Chips, Schokoriegeln und Cola verdankte.

»Das kann Korittki ihm ja mal nahe legen«, meinte Michael Gerlach und sah sie herausfordernd an.

»Ich glaube nicht, dass ihr Verhältnis zum Kollegen Heidmüller solche Vertraulichkeiten erlaubt …«, erwiderte Broders scharfsinnig.

Pia bemerkte nicht zum ersten Mal, dass Heinz Broders über die Beziehungen der Kollegen untereinander gut informiert war.

»Da gibt es andere …«, setzte er nach einer kleinen Pause hinzu. Sein Blick ging von Pia zu Marten Unruh und wieder zurück. Sie hatte das Gefühl, erneut die Aufmerksamkeit der Kollegen auf sich zu ziehen. In diesem Moment hasste sie Broders für seine Gabe, die Gefühle seiner Mitmenschen zu durchschauen. Mehr noch hasste sie in diesem Moment jedoch ihre eigene Dummheit …

Ihren ersten Fall bei der Lübecker Mordkommission hatte Pia Korittki mit ihrem Kollegen Marten Unruh bearbeitet. Sie hatten in einem kleinen Kaff auf dem Lande einen dreifachen Mord aufzuklären gehabt. Vorurteile und gegenseitige Provokationen erschwerten die Zusammenarbeit. Die Ermittlungsarbeit war durch ihr und Unruhs unprofessionelles Verhalten nicht unerheblich belastet worden. Hinzu kamen privater Stress und Druck von oben … Aber all das, ebenso wie die Schuldgefühle wegen eines vielleicht vermeidbaren vierten Mordes, der Schlafmangel und der Alkohol, konnten in Pias Augen nicht entschuldigen, wozu sie sich hatte hinreißen lassen: Mit einem Kollegen ins Bett zu gehen! Einfach so. Und noch dazu in einem miesen kleinen Hotelzimmer am Ende der Welt.

Sie und Marten Unruh waren danach übereingekommen, dass es ein einmaliger Ausrutscher gewesen war, der niemanden etwas anging. Und seitdem hatten sie kein Wort mehr über diese Nacht verloren. Doch nun machte Broders diese Andeutung, die befürchten ließ, er wisse Bescheid. Die Minuten dehnten sich, ohne dass jemand etwas sagte.

Manfred Rist räusperte sich: »Ich werde den Eisbeutel mal zurückgeben. Das nächste Mal darf jemand anders den geständigen Täter spielen. Zumindest dann, wenn die neuen Kollegen jetzt alle so hart draufhauen …«

»Tja, man soll die holde Weiblichkeit niemals unterschätzen«, kam es trocken von Broders.

»Wer hat Sie eigentlich ausgebildet, Frau Korittki?«, fragte Rist.

Gerlach griente: »Conan, der Barbar.«

Pia bedachte ihn mit einem mahnenden Blick und nannte Rist ein paar Namen. Die Tatsache, dass Broders das Thema nicht weiter verfolgte, ließ hoffen, dass er nur einen Schuss ins Blaue abgefeuert hatte. Sie riskierte noch einen Seitenblick auf Marten Unruh. Dieser hatte sich inzwischen aus der Unterhaltung ausgeklinkt. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und sah nachdenklich aus dem Fenster.

 

 

 

»Na endlich …«, murmelte Pia, als sie am Abend das Polizeihochhaus verließ. Ein kalter Luftzug ließ sie in ihrem T-Shirt frösteln. Das erste Mal seit Wochen, wie sie meinte. Trotz des lang anhaltend warmen Wetters spürte man abends schon, dass der Herbst nahte. Sie schwang sich auf ihr Fahrrad und machte sich auf den Heimweg. Es war bereits halb acht.

Ihr Weg führte sie über die Possehlbrücke, am Stadion Buniamshof vorbei und dann am Traveufer entlang. Sie überquerte die Trave zur Altstadt hin über die kleine Dankwartsbrücke. Als sie in die Straße einbog, die zum Dom hochführte, hörte sie plötzlich dumpfes Trommelschlagen. Stimmengewirr, Musikfetzen und die heiseren Rufe eines Marktschreiers hallten zwischen den eng zusammenstehenden Häuserfassaden wider.

Wie hatte sie das vergessen können? Heute war der erste Abend des Lübecker Altstadtfestes. Die Zeitungen hatten verkündet, dass die Stadt am Wochenende an die 400 000 Besucher erwartete. Und oben am Dom, nicht weit von Pias Wohnung entfernt, fand eine Art mittelalterlicher Markt statt.

Pia wohnte in einem der historischen Wohngänge Lübecks. Im Mittelalter hatte man durch Häuser an der Straßenfront hindurch schmale Gänge geschlagen, um armen Familien in den Hinterhöfen eine Unterkunft innerhalb der Stadtmauern bauen zu können.

Jedes Mal, wenn Pia ihr Fahrrad durch den Gang schob, musste sie den Kopf einziehen und auf ihre Ellenbogen Acht geben, um nicht an den geschwärzten Mauern anzustoßen. Sie hatte mal gehört, dass die Bauvorschriften damals besagt hätten, jeder Gang müsse mindestens so breit sein wie ein Sarg.

Ihre Wohnung befand sich im Dachgeschoss eines schmalbrüstigen, grau verputzten Hauses am Ende des Ganges. Das erste Stockwerk war an einen jungen Russen vermietet, der fast nie da war. Die Besitzerin des Hauses, Susanne Herbold, beanspruchte das Erdgeschoss und einen winzigen Garten im Hinterhof für sich.

Nach ein paar gemeinsamen Abenden und mehreren geleerten Flaschen Wein hatte Pia Susanne etwas besser kennen gelernt. Sie war Ärztin von Beruf und arbeitete im nahe gelegenen Marienkrankenhaus. Ihren vierjährigen Sohn Lennart zog sie allein groß. Pia mochte die humorvolle und offenherzige Frau. Ihre eigene Wohnung fühlte sich mehr wie ihr Zuhause an, seit sie wusste, wer mit ihr in diesem Gebäude wohnte.

Nachdem sie ihr Fahrrad im Hinterhof abgestellt hatte, trat Pia ins Haus und stieg mit eiligen Schritten die knarrende Holztreppe nach oben. Als sie die Tür zu ihrer Wohnung öffnete, wogte ihr ein Schwall aufgeheizter, abgestandener Luft entgegen. Hier oben war es so unerträglich warm wie in einem Backofen. Ihre erste Tat nach dem Betreten der Wohnung war, die Tür zum Küchenbalkon weit aufzustoßen. Dann stellte sie im Schlafzimmer das Dachflächenfenster waagerecht und riss zuletzt noch die zwei beweglichen Flügel des Atelierfensters im Wohnraum auf.

Der leichte Luftzug ließ die vertrockneten Blätter des Zyperngrases rascheln und wirbelte ein paar Staubflusen über die blanken Dielen.

Ein unbestreitbarer Vorteil dieser Wohnung war, trotz hohen Sanierungsbedarfs, das gute Licht, das durch das gen Norden gelegene Atelierfenster hereinfiel. Wenn Pia genug davon hatte »Verbrecher zu jagen«, wie ihre Mutter es nannte, oder mit dem Fahrrad durch die Gegend zu rasen, dann malte sie.

Ihre Machwerke waren großflächig, dunkel und stets innerhalb weniger Stunden fertig gestellt. Künstlerische Ambitionen hatte Pia keine. Ihr gefiel die Konzentration, die das Malen erforderte. Die Motive wirkten auf ahnungslose Betrachter eher verschreckend. Daher standen die meisten Bilder mit der Vorderseite gegen die Wand gelehnt oder verstaubten in einer Ecke. Doch auf wen nahm sie hier eigentlich noch Rücksicht? Ihr Freund Robert, der sich nie mit ihren Bildern hatte anfreunden können, war … Geschichte.

Pia mixte sich aus dem Rest Tomatensaft, den sie im Kühlschrank fand, und ihrem neuen Wodka eine Bloody Mary. Die Flasche hatte ihr Untermieter ihr aus seiner Heimat mitgebracht, weil sie sich während seiner Abwesenheit um seine neurotische Katze gekümmert hatte. Was waren schon dreißigmal Treppe rauf- und runterlaufen und ein blutig gekratztes Handgelenk gegen einen echten russischen Gschelka?

Pia ließ ein paar Eiswürfel in die rote Flüssigkeit plumpsen und ging hinüber ins Wohnzimmer. Dort stellte sie sich, das kühle Glas an ihre Stirn pressend, ans offene Fenster.

Die Dächer der Altstadt erstreckten sich vor ihr wie ein Flickenteppich. Die warm gewordene Dachpappe neben dem Atelierfenster dünstete eine Geruchsmischung aus, die irgendwo zwischen Klebstoff und Straßenbau lag. Auch der Geruch von Grillfleisch schien in der Luft zu hängen. Pia schluckte und registrierte, dass sie hungrig war. Sie war aber auch zu faul, um sich noch einmal ins Getümmel zu stürzen, um etwas zu essen. Irgendwo hinten im Küchenregal musste noch eine Tüte Paprika-Chips liegen. Morgen war Samstag, da konnte sie Lebensmittel einkaufen fahren und mal wieder aufräumen …

Pias Blick fiel auf den Bürostuhl neben dem Fenster und die zwei überquellenden Pappkartons daneben. Dieser Müllhaufen allerdings war ein Affront. Das ganze Zeug gehörte nicht ihr, sondern Robert.

Nach der Nacht mit Marten Unruh hatte es noch ein monatelanges Hin und Her zwischen ihnen gegeben, doch seit ein paar Wochen war endgültig Schluss. Den emotionalen Todesschuss für die langjährige Beziehung hatte Pias Kollege Heinz Broders abgefeuert. Er war von einem Seminar aus Hamburg zurückgekehrt und hatte die Bemerkung fallen lassen, KHK Robert Voss’ neue Freundin sei ein ziemlich scharfes Gerät … Es wurde Zeit, dass Roberts Sachen aus ihrem Blickfeld verschwanden. Pia wollte nicht mehr an ihn denken müssen.

Sie stellte ihr fast leeres Glas auf dem Schreibtisch ab und schaltete den Computer ein. Einem plötzlichen Impuls nachgebend begann sie, eine E-Mail an Robert zu formulieren. Sie forderte ihn auf, unverzüglich seine Sachen aus ihrer Wohnung zu entfernen. Die zwei Sätze hatten es in sich. Nachdem sie auf das erlösende »senden« geklickt hatte, bot der Rechner weitere, Zeit raubende Beschäftigungsmöglichkeiten.

Das Telefon klingelte. Gedankenverloren ging Pia davon aus, dass der Adressat ihrer elektronischen Post am anderen Ende der Leitung sei. Sie meldete sich mit einem knappen »Ja«.

»Korittki?«, kam es fragend aus dem Hörer.

»Pia Korittki. Mit wem spreche ich?«

»Kürschner hier. Frau Korittki, es gibt ein Problem.«

Hauptkommissar Wilfried Kürschner war einer der wenigen Kollegen im Kommissariat, mit denen sie sich siezte. Seine Stimme klang gepresst.

»Was ist los?« Sie hoffte, dass sie sich wach und vor allem nüchtern anhörte. Wodka auf leeren Magen …

»Ich habe soeben einen Anruf aus der Einsatzleitstelle bekommen. Auf dem Altstadtfest hat es eine Tote gegeben. Nach Einschätzung der Kollegen ein Mord. Ich bin noch hier draußen in Mölln bei meinem Schwager. Es dauert, bis ich vor Ort sein werde. Wie schnell können Sie in der Innenstadt sein? Breite Straße, Ecke Mengstraße …«

»Das ist nicht weit von hier. In zehn Minuten bin ich da«, antwortete Pia und sah an sich hinunter.

»Das ist gut. Wir treffen uns nachher dort. Mal sehen, wen ich noch erreiche. Setzen Sie sich vor Ort mit Polizeihauptmeister Werner Möck in Verbindung.« Er klang erleichtert.

»Geht in Ordnung, bis nachher«, sagte Pia, aber Kürschner hatte bereits aufgelegt.

Sie griff nach ihrer Hose, die sie vor einer halben Stunde auf ihr Bett geworfen hatte, um in T-Shirt und Unterhose den Abend zu verbringen. Ein Todesfall in der Altstadt, wahrscheinlich ein Mord! Während sie am Rechner gesessen hatte, war ganz in ihrer Nähe ein Mensch ermordet worden. Pia zog sich eilig an …

Sie steckte ihre Schlüssel und Papiere ein und verließ das Haus. Als sie ihr Fahrrad auf die Straße hinausschob, lauschte sie verwundert. Die Geräusche des Altstadtfestes hörten sich jetzt anders an als vorhin. Es war ruhiger geworden. Gleichzeitig meinte Pia, ein aufgeregtes Summen aus der Ferne zu hören.

3. KAPITEL

Pia traf als eine der Ersten aus ihrer Abteilung am Tatort ein. Sie half den anwesenden Schutzpolizisten, das rot-weiße Absperrband um Laternenpfähle zu wickeln und an dem Bierstand zu befestigen, um die Schaulustigen von der Toten am Boden fern zu halten.

Die Festmusik war inzwischen überall abgeschaltet worden. Hin und wieder hörte man eine Sirene heulen, wenn sich ein weiteres Einsatzfahrzeug seinen Weg durch die Menschenmenge bahnte. Außerdem hallten die aufgeregten, wenn auch gedämpften Stimmen der Altstadtfestbesucher zwischen den Häusern wider. Pia hörte jemanden weinen, konnte dem Geräusch aber keine Person zuordnen. Und auch dieses rätselhafte Summen war wieder da. Sie wusste aber nicht, ob es vielleicht nur in ihrem Kopf stattfand.

Die Ermordete lag auf dem schmutzigen Straßenpflaster, etwa zwei Meter vom Tresen eines Bierstandes entfernt. Pia konnte sehen, dass aus dem Rücken der Frau das Heft einer Stichwaffe ragte. Sie trug ein schwarzes Oberteil, deshalb war das Blut an ihrem Rücken nur als feuchter Fleck zu erkennen. Unter ihr bahnten sich dünne rote Rinnsale einen Weg zwischen den Pflastersteinen ins Erdreich.

Es war erschreckend: Mitten im Menschengetümmel des Altstadtfestes war soeben eine Frau ermordet worden. Pia vermutete, dass sich die Haut der Frau noch warm anfühlen würde, wenn man sie jetzt berührte. Fast hatte sie den Wunsch, das zu tun. Den Rest von Leben wahrzunehmen, als ob damit an der Tatsache des Todes noch irgendetwas zu ändern wäre. Doch die Uhr ließ sich nicht zurückdrehen.

Pia schätzte, dass die Ermordete etwa vierzig Jahre alt war. Sie trug eine helle Leinenhose und einen schwarzen Pulli. Ein Schuh war ihr vom nackten Fuß gerutscht, Pia konnte das Emblem eines teuren Schuhfabrikats erkennen. Eine kleine schwarze Ledertasche befand sich nicht weit von dem leblosen Körper entfernt auf dem Pflaster.

Die Tote lag auf der Seite, das dunkle Haar fächerförmig ausgebreitet. Ein Bein war ausgestreckt, das andere angezogen, ihr Arm ruhte leicht angewinkelt vor ihrem Gesicht. Es sah so aus, als wäre die Frau von irgendwem so auf die Seite gedreht worden. Die hilflose Annahme eines Umstehenden vielleicht, eine stabile Seitenlage könne bei einer tödlichen Stichwunde noch irgendwie hilfreich sein.

Das Team aus dem Notarztwagen stand untätig an der Seite. Sie hatten zweifelsfrei festgestellt, dass sie der Frau am Boden nicht mehr helfen konnten. Nun wartete alles auf den Gerichtsmediziner. Auch Hauptkommissar Kürschner, der Pia angerufen hatte, war noch nicht aus Mölln in Lübeck eingetroffen. Eigentlich hätte der Leiter der Mordkommission, Kriminalrat Horst-Egon Gabler, da sein sollen. Aber der gönnte sich zurzeit ein paar erholsame Tage in Tirol.

Heinz Broders, Conrad Wohlert und Michael Gerlach trafen jetzt ebenfalls ein. Es war inzwischen fast unmöglich geworden, durch die Menge der Schaulustigen zum Tatort zu gelangen. Obwohl das Altstadtfest offiziell beendet worden war, schienen immer mehr Menschen in die Fußgängerzone vor das alte Kanzleigebäude zu strömen. Nach einer knappen Begrüßung einigten sich die anwesenden Kollegen der Mordkommission darauf, dass Pia Korittki und Michael Gerlach mögliche Augenzeugen der Tat ausfindig machen sollten. Die Schutzpolizei und auch die später eintreffenden Kollegen würden sie dabei unterstützen.

Broders und Wohlert machten Tatort. Sie skizzierten das Umfeld, in dem die Tote aufgefunden worden war, und notierten sich alles, was für den abgesperrten Bereich und seine Umgebung charakteristisch war. Außer ihnen und dem Gerichtsmediziner hatten nur noch die Kriminaltechniker Zugang zu diesem Bereich.

Pia und ihre Kollegen standen bei ihrer Aufgabe unter Zeitdruck. Jeder, der etwas beobachtet haben konnte, musste ausfindig gemacht und festgehalten werden. Standbesitzer und das Personal der umliegenden Buden, Gäste des Bierstandes, vor dem die Frau erstochen worden war, und andere Umstehende. Um den Tatort herum herrschte aber immer noch ein unübersichtliches Gedränge.

»Die Zeugen mit einem Lasso einfangen …«, nannte Gerlach ihre Tätigkeit scherzhaft.

»Ist die Altstadt abgeriegelt worden?«, fragte Pia ihn, während sie gerade ein paar junge Männer beaufsichtigte, die eigentlich lieber ihre Sauftour fortsetzen wollten, als eine Aussage zu machen.

Gerlach sah Pia im ersten Moment irritiert an. »Wieso weißt du das nicht? Ach ja, du wohnst ja hier in der Altstadt. Wir haben nur Kontrollposten an jeder Brücke, die nach auffälligen Personen oder Fahrzeugen Ausschau halten.«

»Warum machen wir uns nicht zu Nutze, dass die Altstadt eine Insel ist? Wenn wir dicht machen, können wir jeden erfassen, der die Altstadt verlassen will …«

»Ja, aber dann schreit wieder irgendwer ›Freiheitsbeschränkung‹, und wir haben den Ärger … Was meinst du, was sich nach so einer Veranstaltung für Schlangen vor den Brücken bilden würden, wenn wir jeden erfassen wollten?«

»So muss sich der Täter nur unauffällig verhalten, und die Kontrollposten werden nichts ausrichten.«

»Es gibt nichts Auffälligeres als einen Täter, der flieht …«

»Wer die Nerven hatte, das hier zu tun, der wird sicher nicht gewartet haben, bis wir kommen, um unter unseren Augen Hals über Kopf zu fliehen«, entgegnete Pia verärgert. »Vielleicht steht er ja noch irgendwo in der Menge und sieht uns zu.«

»Die Fotografen sind schon angewiesen, möglichst viele Schaulustige unauffällig zu fotografieren.«

»Dann müssen sie das irgendwie missverstanden haben«, meinte Pia und wies auf einen der Fotografen, der sich auf die Achse eines Anhängers gestellt hatte und in die Menge blitzte.

»Scheiße, so ein Idiot. Trotzdem werden wir den Täter früher oder später zu fassen bekommen«, behauptete Gerlach selbstsicher, »niemand kommt ungestraft mit so einem dreist verübten Mord davon …«

Pia hoffte, dass er sich nicht irrte. Wenn ein Mensch mitten auf dem Altstadtfest im Menschengewühl erstochen werden konnte und sie den Täter nicht zu fassen bekämen, grenzte das an Anarchie.

Ihr Blick wanderte zwischen den unzähligen Gesichtern um sie herum umher. Der Gedanke daran, dass die gesuchte Person vielleicht hier irgendwo stand, verursachte ihr ein Kribbeln zwischen den Schulterblättern.

Hauptkommissar Wilfried Kürschner löste sich von ein paar Mitarbeitern des K6 und kam eilig auf sie zu. Seiner saloppen Kleidung nach zu urteilen, war er direkt von seinem Schwager aus hierher gefahren.

»Wo werden wir die Befragungen der Zeugen durchführen?«, fragte Pia. »Wenn wir alle zu uns ins Kommissariat bringen, entwischt uns dabei die Hälfte wieder.«

»Ich habe inzwischen organisiert, dass wir die oberen Räume des Kanzleigebäudes für erste Befragungen nutzen können. In Kürze kommen auch Leute vom Presseamt, die uns aufschließen und uns helfen, ein paar Tische und Stühle aufzustellen. Die Zeugen können alle im Treppenhaus auf ihre Befragung warten. Das scheint mir recht geräumig zu sein.«

»Befragung im Adlersaal, wie nobel …«, griente Gerlach.

 

 

 

Eine Viertelstunde später ließ sich Pia Korittki an einem der Schreibtische nieder, die man zu diesem Zweck eilig in den historischen Adlersaal des Kanzleigebäudes geschafft hatte. An den Nebentischen saßen ein paar andere Kollegen, nur abgeschirmt von halb hohen Trennwänden. Durch die vielen Menschen, die sich plötzlich in dem Gebäude befanden, ging es laut und hektisch zu.

Unter den finster aussehenden gemalten Wappenadlern, die von der Saaldecke auf sie herabblickten, befragte Pia unzählige Zeugen. Sie hörte in den folgenden Stunden immer wieder die Worte: »Ich habe gar nichts gemerkt, bis …«, und die unterschiedlichsten Ausführungen: »… die Frau am Boden lag – … jemand neben mir aufschrie – … mein Nachbar mich darauf aufmerksam machte«, und so fort.

Je mehr Menschen ihr versicherten, keinerlei hilfreiche Beobachtungen gemacht zu haben, desto unbehaglicher wurde Pia zumute. Sicher, die Musik war sehr laut gewesen, und es hatte ein großes Gedränge geherrscht. Trotzdem fand sie es erschreckend, dass diese Frau, fast unbemerkt von allen Umstehenden, dort so hatte sterben müssen.

 

 

 

Um halb zwei Uhr nachts hatte sich die Schlange der Wartenden im Treppenhaus des Kanzleigebäudes aufgelöst. Pia schob einen Stapel Papiere zusammen und unterdrückte ein Gähnen. Broders stemmte sich von seinem Stuhl hoch und rieb sich das Kreuz.

»Na, das war doch ein Freitagabend, wie wir ihn alle lieben …«, bemerkte er. Er ging ans Fenster und versuchte, durch die bleiverglasten bunten Fensterscheiben hinauszusehen. Es war stockdunkel draußen. Sogar die großen Scheinwerfer, die bis vor kurzem den Tatort ausgeleuchtet hatten, waren ausgeschaltet worden. Die Menschenansammlung in der Fußgängerzone hatte sich längst zerstreut.

Die anderen Kollegen im Adlersaal entließen ebenfalls ihre letzten Zeugen, und mit einem Schlag war es so ruhig im Raum, dass man hören konnte, wie das Holzparkett unter Broders schweren Schritten knarrte.

»Ich geh gleich noch ein Bier trinken, kommt einer mit?«, fragte Michael Gerlach, doch keiner der Kollegen reagierte.

»Ist der Zauber hier denn schon vorbei?«, fragte Pia, »keine Einsatzbesprechung mehr heute?«

»Heute ist schon lange vorbei. Wilfried hat die nächste Besprechung für acht Uhr früh angesetzt. Der wird sich in der Zwischenzeit ein paar Gedanken über unser weiteres Vorgehen machen müssen.«

»Ein Mist, dass Gabler nicht da ist …«, bemerkte Marten Unruh. Alle schwiegen einvernehmlich.

»Also, ich hau jetzt ab!«, sagte Broders und griff nach seiner Jacke.

In diesem Moment betrat Wilfried Kürschner den Raum. Sein kariertes Freizeithemd war ein Stück weit aus der hellen Jeans gerutscht. Mit den braunen Ledersandalen an den grau bestrumpften Füßen wirkte er hilflos. Sein Blick wanderte unstet zwischen den noch anwesenden Kollegen hin und her.

»Wenn ihr mit den Leuten hier durch seid, könnt ihr gehen. Ich werde das Gebäude abschließen und den Schlüssel zurückbringen. Draußen ist alles so weit erledigt. Wir sehen uns morgen früh um acht Uhr im Kommissariat.«

Gerlach schien es plötzlich sehr eilig zu haben und hastete mit einem kurzen Gruß aus dem Raum.

»Wer vertritt eigentlich die unhaltbare These, dass vernünftige Arbeit unbedingt morgens um acht beginnen muss. Neun oder halb zehn wäre doch auch okay«, beschwerte sich Heinz Broders. Er stand immer noch mit seiner Jacke in der Hand da.

»Bis morgen, Heinz! Angenehme Nachtruhe!«, rief Kürschner ihm zu.

Broders’ Antwort klang nach einem genervten »Du mich auch …«

Kürschner schien jedoch nicht mehr die Kraft zu haben, sich darüber zu ärgern. Er nickte Pia und Marten Unruh zu, als sie ebenfalls Anstalten machten, den Raum zu verlassen, und ließ sich auf einen der gepolsterten Stühle fallen.

 

 

 

»Dieser Fall scheint ihm zuzusetzen«, bemerkte Pia, als sie draußen unter den Arkaden standen. Sie verschränkte frierend die Arme vor der Brust. Bei ihrem eiligen Aufbruch vorhin hatte sie vergessen, eine Jacke oder einen Pullover mitzunehmen.

»Ich glaube, er hat auch private Sorgen«, meinte Marten leise, »seine Frau ist krank, seit längerem schon. Da hat ihm so eine Aufsehen erregende Sache hier wahrscheinlich gerade noch gefehlt.«

»Ich hätte nie gedacht, dass ich es einmal bedauern würde, dass Gabler nicht auf dem Posten ist.«

»So etwas passiert doch immer, wenn der Leiter im Urlaub ist.«

»Wahrscheinlich …«, sagte Pia vage. »Wissen wir schon irgendetwas über die Identität der Frau?«

»Ihren Papieren nach zu urteilen hieß sie Birgit Manstein. Aus Lübeck, einundvierzig Jahre alt …«

»Heutzutage ist man wohl nirgends mehr seines Lebens sicher.« Pia zog unbehaglich die Schultern hoch.

»Sowieso nicht. Wo steht dein Auto?«

»Ich bin mit dem Fahrrad hier. Ich wohne ganz in der Nähe.«

»Ach so … Kommst du noch mit, etwas trinken?«, hörte Pia ihn nach einer kleinen Pause fragen.

Sie schüttelte den Kopf. Sie wusste nicht genau, warum es ihr widerstrebte. Normalerweise war nach einem solchen Einsatz ihr Adrenalinspiegel noch mindestens zwei Stunden so hoch, dass sie unmöglich einschlafen konnte. Aber nach den vielen Menschen auf dem Altstadtfest und im Adlersaal war ihr jetzt nur noch danach, allein zu sein.

»Dann bis morgen …«, meinte Marten und schlenderte kurz darauf die Breite Straße hinunter in Richtung Kohlmarkt.

Pia trat ebenfalls unter den Arkaden hervor und sah zu den Häusern auf der anderen Seite der Fußgängerzone hinüber. In den hohen Schaufenstern eines Kaufhauses brannte nur noch die Nachtbeleuchtung. Ebenso in den anderen Geschäften in der Fußgängerzone. Die darüber liegenden Fenster waren dunkel. Wohnte dort jemand? Oder waren dort oben Büros oder Praxen untergebracht? Hatte sich schon jemand erkundigt, ob von dort, aus einem der vielen Fenster, jemand etwas Wichtiges beobachtet hatte?

Marten Unruhs Schritte waren inzwischen verklungen. Einen kurzen Moment lang bedauerte Pia, dass sie die Gelegenheit, allein mit ihm zu reden, ungenutzt hatte verstreichen lassen. Seit der gemeinsamen Nacht in Grevendorf war die Stimmung zwischen ihnen angespannt.

Damals hatte Pia lediglich klargestellt, dass die gemeinsame Nacht nichts als ein bedeutungsloser Zwischenfall gewesen war. Doch was sie beide als bedeutungslos erachteten, konnte, wenn es den falschen Leuten zu Ohren kam, recht unangenehme Folgen für sie haben. Ihr war deshalb seit längerem daran gelegen, sich Martens Stillschweigen zu versichern.

Die Chance dazu hatte sie soeben vertan.

4. KAPITEL

Kläre Tensfeld hasste es, Aufmerksamkeit zu erregen. Mit vierundzwanzig Jahren bekam sie immer noch Herzklopfen, wenn sie allein ein Lokal oder eine Kneipe betreten musste. Sie verabscheute den Moment, wenn die Blicke der anderen Gäste fragend auf ihr ruhten. Diese Unsicherheit war schon immer da gewesen, schien in ihrem Erbgut verankert zu sein wie ihr naturkrauses Haar oder ihre großen, schweren Brüste.

Gegen Äußerlichkeiten konnte man zumindest etwas tun. Das krause Haar zu einem straffen Zopf zurücknehmen und weite Pullover oder Hemden tragen, um die auffällige Oberweite zu kaschieren. Dann sah sie zwar insgesamt unförmig aus, aber es machte wenigstens keiner anzügliche Bemerkungen. Gegen ihre inneren Defizite hingegen fühlte sich Kläre Tensfeld machtlos.

Sie wusste nicht, weshalb sie überhaupt auf Isabels Vorschlag eingegangen war, sich in einer Kneipe mit ihr zu treffen. Weil es praktischer war für Isabel? Weil Isabel dabei unter Leute kam, was sie liebte? Oder weil sie sowieso immer ihren Willen bei ihr durchsetzte? Es lag daran, dass Isabel ihr letzter Halt zum normalen Leben war, dachte Kläre. Isabel war der einzige Mensch, vor dem sie keinerlei Geheimnisse hatte.

Sie gab sich einen Ruck und zog die schwere Kneipentür auf. Kläre kämpfte sich durch den dunkelblauen Samtvorhang und stand schließlich wie auf einer Bühne mitten in dem Kneipenraum. Es waren jedoch nur wenige Gäste da, die sie anstarren konnten. Der Mann hinter dem Tresen sah kurz auf, als sie eintrat, dann widmete er sich wieder seinem Telefongespräch. Nicht einmal zu einem begrüßenden Kopfnicken ließ er sich herab …

Isabel saß an einem kleinen runden Tisch mitten im Raum und lächelte ihr zu. Schön und selbstsicher sah sie aus. Kläre bemerkte nicht zum ersten Mal, dass ihr Herz bei Isabels Anblick einen kleinen Satz machte. Sie war stolz darauf, ihre Freundin zu sein. Vielleicht ihre beste, ihre einzige, sicher aber ihre älteste Freundin …

»He, Klärchen! Du bist spät dran heute. Ich dachte schon, ich bleibe hier sitzen, wie bestellt und nicht abgeholt.«

»Da mach ich mir keine Sorgen um dich … Ich war noch bei Wibke und hab ihr beim Renovieren geholfen. Tut mir Leid, dass du warten musstest.« Kläre ließ sich auf den ihr zugedachten Stuhl fallen.

»Wie geht es deiner Schwester, brütet sie schön?«

Kläre nickte. Bei dem Gedanken an Schwangerschaft und Kinder verdüsterte sich ihre Miene.

»Kläre, zieh nicht wieder so ein Gesicht. Deiner Schwester ist jetzt sowieso immer nur schlecht. Später wird sie fett, kriegt Krampfadern und zum Schluss so ein schreiendes Bündel, das ihr keine Zeit mehr für sich selbst lässt. Das will man doch nicht wirklich …«

»Hast ja Recht, Isa. Nur der Gedanke, dass ich wohl nie …«

»Ich weiß, ich weiß. Wir sind völlig verschieden. Du hast früher am liebsten in der Puppenecke gespielt und von deiner zukünftigen Familie geträumt, während ich in der Bauecke die Jungs verkloppt oder Waschpulver in den Brunnen vor dem Kindergarten gekippt habe.«

Bei der Erinnerung an den schäumenden Brunnen und das damit verbundene Aufsehen lächelte Kläre. Genauso war es immer gewesen mit Isabel. Sie erinnerte sich plötzlich wieder an den Tag, an dem sie ihre Freundin zum ersten Mal gesehen hatte.

Ihre ersten Stunden im Kindergarten hatte Isabel damit verbracht, in der Ecke zu sitzen und herzerweichend und vor allem untröstlich zu heulen. Als ihr klar geworden war, dass sie damit nichts ausrichten konnte, war sie allein in den Waschraum gegangen, hatte ihr Gesicht gewaschen, eine hochmütige Miene aufgesetzt und das Beste aus ihrer neuen Situation gemacht. Sie hatte eine halbe Stunde lang alle Kinder in der Gruppe beobachtet und sich dann ihr, der ruhigen, etwas älteren Kläre angeschlossen. Dabei war es geblieben.

Kläre erinnerte sich, dass Isabel damals zu den wenigen Kindern gehört hatte, die bis zum späten Nachmittag im Kindergarten bleiben sollten. Das passte ihr aber ganz und gar nicht. Sie hatte daraufhin an den nächsten Tagen ausgiebig protestiert, wenn Frau Tensfeld ihre Kläre mittags abholte. Kläres Mutter bot darum an, Isabel ebenfalls mitzunehmen. Es war schnell zu einer festen Einrichtung geworden, dass Isabel die Nachmittage bei den Tensfelds verbrachte statt im Kindergarten. Anfangs hatte es für alle so ausgesehen, als suche die zarte, jüngere Isabel Trost und Schutz bei ihrer neuen Freundin. In Wahrheit aber war es umgekehrt gewesen. Isabel beschützte Kläre. Sie kümmerte sich um die ältere Freundin, trat für sie ein und bestimmte für sie. Es war eine hervorragend funktionierende Beziehung, weil jede der anderen etwas gab, was sie selbst nicht hatte. Und diese Freundschaft hatte ihre gemeinsame Schulzeit überdauert.

All das schoss Kläre durch den Kopf, während sie Isabel betrachtete. Sie hatte sich seit damals, von ein paar unbedeutenden Zentimetern Körperlänge und dezenten weiblichen Geschlechtsmerkmalen abgesehen, kaum verändert.

Doch die letzten Jahre kreuzten sich ihre beiden Lebenswege seltener. Isabel verbrachte viel Zeit mit zwei Freunden aus der Schulzeit, die Kläre nie hatte ausstehen können. Kläre dagegen hatte vor ein paar Monaten eine langjährige Beziehung zu einem verheirateten Mann beendet und die Trennung immer noch nicht ganz verwunden. Eine kurze, folgenreiche Affäre danach hatte dazu beigetragen, dass Kläres Leben aus den Fugen geraten war. Sie hatte sogar ihre Ausbildung als Krankenschwester abgebrochen.

Ein Schicksal, das sie entfernt mit Isabel teilte, die zwei Jahre lang als Stewardess gearbeitet hatte, bis man einen Herzfehler bei ihr diagnostizierte. Fliegen durfte sie nicht mehr, und zum Bodenpersonal gehen wollte sie nicht. Während Isabel davon träumte, Schauspielerin zu werden, hatte Kläre sich in das Unabänderliche gefügt und eine neue Ausbildung als Industriekauffrau begonnen. Den Alltag in einem Büro, zwischen Aktenbergen und Computerbildschirmen, ertrug sie wie eine verdiente Strafe für ihre eigene Dummheit.

»Wie geht es dir?«, fragte Isabel unvermittelt und sah Kläre forschend an. Isabel war einer der wenigen Menschen, denen Kläre sich anvertraut hatte, die »es« wussten.

Kläre schien die Frage nicht zu behagen, und sie sah zur Seite. »Momentan relativ gut. Manchmal ist mir übel oder mir wird schwindelig von dem Zeug, das ich nehmen muss.«

»Du musst gar nichts, du bist nicht krank, Kläre. Diese Scheißärzte bei dir in der Klinik …«

Bevor sich Isabel weiter ereiferte, sagte Kläre ablenkend: »Weißt du, wen ich neulich getroffen habe, Isa? – Thomas, mit seinem Sohn …«

»Ja und?«

»Ach, er hat mich gegrüßt und dabei ganz komisch geguckt. Hinterher hab ich geheult. Ich weiß nicht, was ich mit mir anfangen soll. Meine Zukunft liegt vor mir wie ein großes … Nichts!«

»Früher warst du immer diejenige, die alles wusste.«

»Das dachte ich auch. Ich wusste genau, was ich wollte. Ich würde die Zeit gern zurückdrehen und alles anders machen …«

»Nie im Leben würde ich die Zeit zurückdrehen wollen. Hast du vergessen, wie hilflos wir als Kinder waren? Ich zum Beispiel musste mit der Tatsache klar kommen, dass meine Mutter nichts von mir wissen wollte. Sie interessiert sich noch heute einen Dreck dafür, wo ich bin oder wie es mir geht. Mittlerweile kann ich Gott sei Dank damit umgehen.«

»Aber es war auch eine gute Zeit, Isa«, sagte Kläre leise, »ich hab mich immer für dein Wohlergehen interessiert. Und meine ganze Familie.«

»Ich weiß«, Isabel berührte kurz ihren Arm, »aber ihr seid auch nicht vom Himmel gefallen. Ich musste mir alles selbst organisieren … mit vier Jahren schon. Apropos organisieren: Ich hab dir einen Milchkaffee bestellt. Willst du auch etwas essen?«

»Nein, will ich nicht. Ich habe keinen Appetit. Wibke sagt übrigens, ich sehe schrecklich aus …«

»Unsinn, du siehst gut aus. Wibke sieht aus wie ein Nilpferd. Sei froh, dass du essen kannst, so viel du willst, ohne zuzunehmen. Wir waren gestern Nacht übrigens in diesem neuen Restaurant, im La Cruz. Joe, Albrecht und ich. Kennst du das? Es lohnt sich.«

»Wie könnt ihr euch das eigentlich leisten, ständig essen zu gehen? Verdient Albrecht jetzt endlich mal was mit seinem Maklerbüro?«

»Es sieht ganz gut aus. Und wenn das nichts wird, gehört ihm ja immer noch dieses Haus.«

»Isabel, sei nicht so blöd. Der alte Schuppen verfällt. Albrecht kann es sich nicht leisten, dieses riesige Haus in Schuss zu halten. Du solltest dich nicht zu sehr mit ihm einlassen. Du könntest wirklich andere haben …«

»Kläre, Kläre … Sei doch keine Spielverderberin. Albrecht ist okay. Wir passen zueinander. Jedenfalls ist er kein Langweiler.«

»Ach, du meinst wohl im Gegensatz zu mir?«

»Ja.«

Isabel starrte sie herausfordernd an, doch Kläre blieb ihr eine passende Erwiderung schuldig. Sie fühlte sich verletzt. Isabel wollte ihr nicht absichtlich wehtun, versicherte sie sich schnell. Es war halt ihre Art, mit der neuen Situation umzugehen. Das Thema Albrecht und Joe war ja im Grunde uralt. Kläre hatte die beiden nie ausstehen können, und die Freundschaft zwischen Isabel, Albrecht und Joe war ihr stets verhasst gewesen. Doch darum ging es im Augenblick nicht. Es ging darum, was Kläre aus ihrem Leben machte, oder besser, nicht machte, seit es, unter anderem durch Isabels Einmischung, aus der Bahn geworfen worden war. Die Bedienung stellte die bestellten Getränke auf den Tisch und unterbrach damit Kläres bedrückende Gedanken.

»Der Milchschaum war auch schon mal besser«, sagte sie, um irgendetwas zu sagen.

»Dann beschwer dich!«

»Das ist doch deine Lieblingsbeschäftigung.«

Isabel musterte den Mann, der sie bedient hatte. Ihre Mundwinkel zuckten. Sie strich sich eine Haarsträhne zurück und erhob sich geschmeidig. Kläre sah ihr zu, wie sie zum Tresen hinüberging. Sie erinnerte Kläre an eine Katze, die sich dem Mauseloch nähert, nicht hungrig, nicht ungeduldig, nur ihrem Instinkt folgend.

Isabel tippte dem jungen Mann, der mit dem Rücken zu ihr stand und Gläser polierte, leicht auf die Schulter. Kläre konnte nicht hören, was sie zu ihm sagte, aber an der Reaktion der Bedienung sah sie, dass Isabel erfolgreich war. Nach einem kurzen Wortwechsel machte sich der Angesprochene mit rotem Kopf an der Kaffeemaschine zu schaffen.

»Musst du immer die Leute schikanieren?«, fragte Kläre, als Isabel an ihren Platz zurückgekehrt war. Normalerweise zollte sie den Spielchen ihrer Freundin Beifall, aber diesmal waren sie ihr auf einmal zuwider.

»Wieso? Ich war ziemlich freundlich zu ihm.«

»Er sieht aber nicht sehr freudig aus …«

»Sei bloß nicht wieder so übersensibel. Komm schon, Kläre, entspann dich. Lächle mich einmal an!«

Als Kläre die neue Schale mit Milchkaffee mit einem Berg Schaum darauf in beiden Händen hielt, merkte sie, wie sich ein Teil ihres Kummers verflüchtigte. Wenn Isabel es darauf anlegte, konnte allein ihre Gegenwart einen Raum heller und wärmer erscheinen lassen. Ängste und Zweifel rückten in den Hintergrund.

Kläre versuchte, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Für einen kurzen Moment konnte dann alles wieder so sein wie früher. Langsam trank sie den heißen Kaffee. Sie ließ ihren Blick durch den halbdunklen Raum schweifen, darauf bedacht, die hinteren Teile ihres Bewusstseins, den schwarzen Abgrund, nicht anzutasten. Ablenkung und Zerstreuung.

Einen Augenblick lang traf sich Kläres Blick mit dem eines Mannes im hinteren Teil des Raumes. Er saß allein an einem Ecktisch, hatte ein aufgeschlagenes Buch und ein Glas Wein vor sich. Er sah etwas älter aus als der Durchschnittsgast dieses Ladens, vielleicht Anfang vierzig. Sein Haar schien hellgrau oder blond zu sein, und es war kurz geschnitten. Seine Haut war leicht gebräunt, und er trug eine modische, eckige Brille.

Natürlich, er starrte Isabel an. Das passierte ihrer Freundin ja ständig. Als er bemerkte, dass sie ihn dabei ertappt hatte, tat er wieder so, als würde er lesen. Kläre sah kurze Zeit weg, dann warf sie erneut einen Blick zu ihm hinüber. Wieder schien er Isabel zu mustern.

»Hast du jemanden gesehen, den du kennst?«, fragte Isabel neugierig.

»Nein, aber ich glaube, da beobachtet dich jemand.«

Isabel wandte sich unauffällig um. »Ach, der Pseudo-Intellektuelle dahinten in der Ecke? Den hab ich vorhin schon bemerkt. Einfach ignorieren …«

Kläre war enttäuscht. Sie fand, dass der Typ interessant aussah. Da sich Isabel aber nicht weiter um ihn scherte, beschloss sie, endlich die spannendste Nachricht des Tages zum Besten zu geben. »Du ahnst nicht, wo ich gestern Abend war!«

»Bei deinen Eltern. Du hattest mir erzählt, dass ihr alle zusammen im Garten grillen wolltet.«

»Ja, das wollten wir auch. Aber Papa ging es nicht so gut gestern. Als das Grillen zu Ende war, bin ich noch mit Wibke und ihrem Mann auf das Altstadtfest gegangen.«

»Um wie viel Uhr?«

»So gegen neun Uhr. Ich weiß schon, was du fragen willst. Ich war aber nicht in der Nähe, als die Frau ermordet wurde. Schreckliche Geschichte, nicht?«

»Du warst doch die ganze Zeit über mit Wibke zusammen, oder?«

»Isabel, hast du plötzlich Angst um mich? Mich will bestimmt keiner umbringen. Außerdem schaffe ich das schon alleine …«

»Hör bloß mit diesem Gejammer auf!«, zischte Isabel wütend. »Ich kann es nicht mehr hören. So, wie die Medizin sich entwickelt, überlebst du uns noch alle. Vor allem mich, wenn mein Herz irgendwann einfach das Flattern bekommt!« Auf ihren Wangen brannten mit einem Mal zwei hektische rote Flecken, und ihre Gesichtszüge sahen verzerrt aus.

Kläre sagte nicht, was sie dachte. Es wäre auch völlig egal, was sie darauf entgegnen würde. Hauptsache, Isabel beruhigte sich wieder, bevor hier Löffel, Schalen oder Stühle durch den Raum flogen.

»’tschuldige, Isa. Ich hab’s gar nicht so gemeint. Ich wollte dir nur erzählen, was gestern auf dem Altstadtfest los war. Ich habe so etwas nämlich noch nie erlebt. Das ganze Polizeiaufgebot, die Straßensperre und das alles. Es war aufregend, auch wenn mir die tote Frau natürlich sehr Leid tut. Ob sie den Typen kriegen, der es getan hat?«

Durch Käthes Geplapper entspannte Isabel sich sichtlich. »Keine Ahnung. Kommt wohl darauf an, wie clever er war. Hast du etwas gehört? Weiß man, wie er aussah?«

»Niemand will ihn richtig gesehen haben. Es war aber auch einfach zu voll. Die Leute haben erst registriert, was geschehen ist, als die Frau tot am Boden lag.«

»Üble Geschichte«, meinte Isabel nachdenklich, »wirft irgendwie ein schlechtes Licht auf unser Altstadtfest …«

Als sie eine Weile später aufbrachen, beobachtete Kläre, dass der Mann am Ecktisch ebenfalls aufstand. Er verließ nach ihnen das Lokal. Kläre sagte nichts. Isabel zog die Typen wie magnetisch an, ob sie wollte oder nicht.

Käthe guckte sich unauffällig um. Der Mann folgte ihnen mit ein paar Metern Abstand die Straße hinunter. Er sah nett aus. Wie ernüchternd, dass er Isabel so unverfroren nachlief.

»Soll ich fahren?«, fragte Isabel, als sie an Kläres Auto angekommen waren.

»Es geht mir gut, Isabel!«

»Lass mich trotzdem …«, erwiderte sie und schnappte sich den Autoschlüssel.

Kläre beobachtete, wie der Mann in einiger Entfernung stehen blieb. Sie stutzte. Es sah so aus, als würde er sich etwas notieren.

5. KAPITEL

M AGENTA PR-Agentur. 4. OG« stand auf dem Plexiglasschild, das an der Außenmauer des alten Lagerhauses angebracht worden war. Darunter befanden sich Hinweise auf eine Tanzschule, einen Musikverlag und eine Buchbinderei im Erdgeschoss. Es war das Haus, in dem Birgit Manstein als Geschäftsführerin von Magenta ihren Lebensunterhalt verdient hatte.

Pia Korittki stieß die Tür zu dem Gebäude auf, dicht gefolgt von Oswald Heidmüller, der eher unwillig den Platz hinter seinem Schreibtisch verlassen hatte. Da der Mord auf dem Altstadtfest der zweite in Lübeck innerhalb von sechs Wochen war, hatten die Mitarbeiter vom Kommissariat 1 nun mehr als genug zu tun. Nachdem das Wochenende mit der Bearbeitung aller Augenzeugenberichte ausgefüllt gewesen war, standen am Montagmorgen die Befragungen an Birgit Mansteins Arbeitsplatz auf dem Programm. Heidmüller, der normalerweise Innendienst schob, war Pia deshalb als Teamkollege zugeteilt worden, um an den Befragungen draußen teilzunehmen. Ihr erster Blick im düsteren Treppenhaus fiel auf ein handgeschriebenes »Außer Betrieb«-Schild, das am Gitter des alten Fahrstuhls befestigt war. Die Treppe führte um den Fahrstuhlschacht herum und hatte hohe, ausgetretene Stufen. Oben im vierten Stock angekommen, würde sie wenigstens wach sein, dachte sich Pia, und machte sich an den Aufstieg. Nach kurzer Zeit hörte sie Heidmüller schnaufend atmen. Er legte bereits auf dem zweiten Treppenabsatz eine Pause ein. Sie fragte sich, wie er eigentlich durch den sportlichen Eignungstest gekommen war. Oswald Heidmüller war noch jung, hatte er so schnell seine Form verloren?

Oben, im Empfangsbereich der Agentur, blendete sie gleißendes Licht. Oberlichter und verschwenderisch positionierte Downlights ließen bei Besuchern und Mitarbeitern keinen Zweifel daran aufkommen, dass modernste Technik Einzug in das alte Gemäuer gehalten hatte.

Am Tresen begrüßte sie ein junger Mann, der für einen Montagvormittag viel zu fröhlich lächelte. Auch die Tatsache, dass die Kripo da war, um den Mord an Birgit Manstein zu untersuchen, vermochte seine Miene nur kurzfristig zu verdüstern.

»Schreckliche Sache«, meinte er lapidar und griff zum Telefon auf dem Empfangstresen, um den stellvertretenden Geschäftsführer zu informieren. Während sie warteten, nahm Pia den Empfangsbereich in Augenschein. Sichtmauerwerk, viel Metall und spiegelblanke Oberflächen vermittelten den Eindruck, dass sich in dieser Branche noch Geld verdienen ließ. Eine Art offene Teeküche mit Espressomaschine und Mikrowelle sollte die Mitarbeiter wohl animieren, sich auch in den Pausen hier aufzuhalten. Bis auf den Jüngling am Empfang war jedoch niemand zu sehen. Irgendwo klingelte ein Telefon …

Erst Minuten später öffnete sich eine der Türen, und ein Mann eilte hektisch auf Pia und Heidmüller zu.

»Frau Korittki von der Kripo Lübeck? Mein Name ist Jürgen Neumann. Ich grüße Sie.«

»Guten Morgen, Herr Neumann. Wir sind hier, um mit Ihnen über Ihre Mitarbeiterin Frau Manstein zu sprechen. Das ist mein Kollege, Kommissar Heidmüller.«

»Ja, angenehm. Kommen Sie mit in mein Office, ein paar Minuten kann ich entbehren …«

Er warf einen demonstrativen Blick auf seine Armbanduhr. Pia hatte nicht vor, sich hetzen zu lassen.

»Etwas Zeit sollten Sie für das anstehende Gespräch schon einplanen«, sagte sie und folgte Neumann in sein Büro.

Heidmüller trottete hinterher.

»Es hat uns alle völlig überraschend getroffen«, meinte Jürgen Neumann und bedeutete ihnen, vor seinem Schreibtisch auf schwarzledernen Besucherstühlen Platz zu nehmen.

»Sie sind stellvertretender Geschäftsführer dieser Agentur?«

»Ja, genau. Birgit, ich meine Frau Manstein, war unsere Geschäftsführerin. Magenta gehört zu einer Gruppe, die auch in Bremen, Hannover und Bielefeld Agenturen unterhält. Ich bin Birgit Mansteins Stellvertreter und habe heute Morgen, wie Sie sich sicher denken können, alle Hände voll zu tun. Unsere Kunden wissen bisher zum Glück noch nichts, aber wenn das bekannt wird …« – er machte eine ausholende Geste – »dann geht’s hier richtig rund.«

»Wer hat Sie über Frau Mansteins Tod informiert?«, fragte Pia.

Als Pia vor einer halben Stunde diesen Termin vereinbart hatte, war Jürgen Neumann bereits über die Ermordung unterrichtet gewesen – obwohl noch nichts Genaueres an die Presse weitergegeben worden war. Die Identität der Ermordeten hatte allerdings noch am Samstag zweifelsfrei geklärt werden können, und nach Sichtung ihrer Papiere hatte man ihre Angehörigen ausfindig gemacht, die die Tote als Birgit Manstein identifiziert hatten.

Jürgen Neumann beantwortete die Frage mit einem überlegenen Lächeln. »Herr Manstein, Birgits Vater, rief mich gestern an. Er hat früher in der Zentrale von Magenta in Bremen gearbeitet und hielt es wohl für richtig, dass wir hier so früh wie möglich Bescheid wissen. So ein plötzlicher Todesfall hat schließlich gravierende Konsequenzen.«

»Hatten Sie auch außerhalb der Agentur mit Frau Manstein zu tun?«, fragte Pia, der Neumanns Reaktion auf den Tod seiner Chefin allzu kühl und geschäftsmäßig erschien. »Der Laden hier ist doch nicht besonders groß. Und Sie haben sich mit Frau Manstein geduzt. Vielleicht können Sie uns auch etwas über ihre privaten Kontakte erzählen«.

Jürgen Neumann reagierte prompt. »Privat hatten wir kaum miteinander zu tun … und außerdem duzen wir uns hier alle«, wehrte er ab, doch das Zucken seiner Miene verriet Verunsicherung. Als weder Pia noch Heidmüller die Befragung fortsetzten, sah er sich genötigt, dem etwas hinzuzufügen. »Und selbst wenn. Ich muss hier vor zwei Polizisten wohl keine privaten Angelegenheiten ausbreiten. Aber Birgit und ich haben uns nur hier in der Firma gesehen. Was mehr als genug war …«

Das letzte Eingeständnis kam überraschend. Wohl sogar für Jürgen Neumann selbst, der daraufhin schwach errötete.

»Weshalb?«

»Ich sehe keine Veranlassung, meine persönlichen Ansichten und Gefühle mit zwei Polizisten zu diskutieren.«

»Herr Neumann, bei einem Tötungsdelikt müssen nun einmal Nachforschungen angestellt werden. Beantworten Sie einfach unsere Fragen, dann können Sie weiterarbeiten. Sind Sie gut mit Birgit Manstein ausgekommen?«

»Also schön. Nicht besonders, wenn Sie es genau wissen wollen. Sie war eine schwierige Chefin. Ihre Kompetenz und ihren Einsatz für die Agentur habe ich aber stets bewundert.«

»Gab es besondere Vorkommnisse in letzter Zeit? Irgendwelche Differenzen?«

»Nein.«

»Wieso war Frau Manstein eine schwierige Chefin?« Pias Stimme klang zunehmend schärfer. Sie wurde ungeduldig.

»Wir werden auch die anderen Mitarbeiter befragen müssen«, mischte sich nun auch Heidmüller ein.

»Sie werden aber nichts damit erreichen. Sie halten alle nur von ihrer Arbeit ab!«

Die mangelnde Bereitschaft Neumanns, zur Aufklärung des Mordes beizutragen, ging Pia langsam auf die Nerven. »Den heutigen Tag können Sie locker für unsere Befragungen einplanen. Wenn es gut läuft –«

»Sie sollten Ihren Ton einem anständigen Steuerzahler gegenüber noch einmal überdenken!«

»Steuern fallen nicht in meine Zuständigkeit, aber wenn Sie diesbezüglich ein Anliegen haben, nenne ich Ihnen gern einen Ansprechpartner.«

Bevor sich die Situation weiter zuspitzen konnte, betrat der junge Mann vom Empfangstresen den Raum und stellte Neumann wortlos einen Becher mit dampfendem Kaffee auf seinen Schreibtisch. Anschließend wandte er sich an Pia und Oswald Heidmüller.

»Was darf ich Ihnen bringen? Kaffee? Tee? Grünen Tee? Heiße Schokolade oder Mineralwasser?«

»Wie wär’s mit Ginger Ale?«, kam es trocken von Neumann.

»Kaffee, bitte«, antwortete Pia, die ihrer Drohung, die Befragung könne dauern, Nachdruck verleihen wollte.

»Heiße Schokolade wäre toll«, vernahm sie zu ihrem Entsetzen von Heidmüller.

»Gut, Valentin. Kaffee für die Dame und Kakao für den Herrn«, sagte Neumann mit einem spöttischen Grinsen. Sein Blick sagte: Eins zu null für mich. Dann folgte sein kläglicher Versuch, seinen Zuhörern in knappen Sätzen zu versichern, dass Birgit Manstein und er sich so gut wie gar nicht gekannt hätten. Sie sei seit fünf Jahren Geschäftsführerin in Lübeck gewesen, vorher habe sie in der Zentrale in Bremen gearbeitet. Er bezeichnete sich selbst als Quereinsteiger in der Branche. Seit knapp zwei Jahren arbeite er bei Magenta. Von persönlichen Dingen, die Birgit Manstein beträfen, habe er keine Kenntnis. Frau Manstein sei privaten Themen bei Gesprächen aus dem Weg gegangen.

Pia, die sich langsam aber sicher veralbert vorkam, hakte noch einmal nach. »Wissen Sie, Herr Neumann, dafür dass Sie zwei Jahre mit Frau Manstein zusammengearbeitet haben, und wir sprechen hier von einer Agentur mit lediglich, korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege, sieben Mitarbeitern, wissen Sie erstaunlich wenig.«

»Wir sind acht, zeitweise auch neun oder zehn, Praktikanten eingerechnet. Erstaunlich oder nicht: Meine Unwissenheit ist einfach eine Tatsache.«

»Gibt es denn jemanden in dieser Agentur, der einen persönlicheren Kontakt zu Frau Manstein hatte?«

Neumann zuckte mit den Schultern.

»So kommen wir nicht weiter, Herr Neumann.« Selbst Heidmüllers Geduld schien Grenzen zu haben.

»Vielleicht kann Ihnen Frau Mansteins Assistentin, Frau Dom, weiterhelfen. Oder Herr Meyer, den Sie ja eben schon kennen gelernt haben. Der kann eigentlich mit jedem gut. Aber selbst er hat sich an Frau Manstein manchmal die Zähne ausgebissen.«

»Was heißt das?«

»Na, dass er ihr zum Beispiel freundlich einen guten Morgen gewünscht hat und sie ihn anfuhr, er solle ja rechtzeitig die Post holen gehen. So in der Art lief es bei ihr.«

»Mochten die Mitarbeiter Frau Manstein?«

»Das fragen Sie sie lieber selber.«

»Mochten Sie Frau Manstein?«

»Tja, das ist heute wohl die Frage der Fragen … Meine Antwort ist: Nein.«

 

 

 

Valentin Meyers Umgangsformen kontrastierten auf angenehme Weise mit der schroffen Reserviertheit von Jürgen Neumann. Pia und Heidmüller ließen sich von dem jungen Mann, der den Empfang managte, alle Mitarbeiter benennen und legten danach die Reihenfolge der noch anstehenden Gespräche fest.

Pia legte Wert darauf, die Befragungen mit Oswald Heidmüller gemeinsam durchzuführen, und dieser widersprach dem Vorschlag nicht. Das würde zwar länger dauern, als wenn sie sich die Mitarbeiter aufteilten, aber Pias Vertrauen in Heidmüllers Fähigkeiten war nach der ersten Befragung nicht übermäßig groß. Sie musterte ihn aus den Augenwinkeln. Der Kakao hatte Spuren an seiner Oberlippe hinterlassen. Außerdem sah man ihm deutlich an, dass er sich zwischen diesen polierten Menschen und Oberflächen unwohl fühlte. Die Beziehungen der Manstein in ihrer Firma waren zu wichtig, als dass Pia ein Risiko eingehen wollte. Vielleicht sollte sie nach einem Grund suchen, damit Heidmüller ein wenig in den Computerdateien von Magenta herumschnüffeln konnte. Das wäre sicher eine adäquate Aufgabe für ihn. Aber so weit waren sie noch nicht.

 

 

 

Der Vormittag zog sich hin. Pia erhielt viele bruchstückhafte Informationen über die Geschäftsführerin Birgit Manstein und ihre Angestellten. Die Privatperson Manstein blieb dabei jedoch mehr oder weniger im Dunkeln. Außer Überraschung und Unbehagen schien Birgit Mansteins gewaltsamer Tod keinerlei Gefühle bei den Menschen, die tagtäglich mit ihr zu tun gehabt hatten, hervorzurufen.

Einzig Birgit Mansteins persönliche Assistentin erlaubte sich, ein paar Tränen zu vergießen, während die Polizei sie befragte.

Franziska Dom war eine kräftige Frau Mitte zwanzig. Sie trug ihr langes braunes Haar hochgesteckt und hatte sich in ein zu enges graues Kostüm gezwängt. Sie kam Pia ein bisschen vor wie ein Kind, das Chefsekretärin spielte. Ihre Fingernägel waren abgekaut, und von ihrem schwarz bestrumpften Knöchel krabbelte gut sichtbar eine Laufmasche ihren Weg nach oben.

»Birgit Manstein war kein schlechter Mensch. Sie war zwar hart und sehr anspruchsvoll, was die Arbeit anbelangte, aber sie war nie ungerecht. Das hatte sie wirklich nicht verdient, so zu sterben …«, klagte Franziska Dom mit zittriger Stimme.

»Hatte sie Probleme mit irgendwelchen Kunden?« Pia registrierte ärgerlich, dass sie keine Ahnung von der Terminologie in dieser Szene hatte. Sagte man Klienten, Auftraggeber, oder etwas ganz anderes?

Franziska wischte sich mit einem Papiertaschentuch über das feuchte Gesicht. »Ehrlich gesagt, hier ist immer irgendetwas am Kochen. Aber das waren eigentlich keine richtigen Probleme. Das gehört einfach dazu …«

Pia bohrte weiter. »Aber als Geschäftsführerin hat sie sich doch sicherlich mit den Leuten auseinander gesetzt, wenn etwas nicht so lief, wie es sollte?«

»Sicher. Ich kann Ihnen die Namen von ein paar Leuten notieren, mit denen es Ärger gab. Aber nur, wenn das unter uns bleibt.«

Pia wunderte sich über die Naivität der jungen Frau und überging ihre Einschränkung, indem sie sich einen Kaffee nachschenkte.

»Frau Dom, wir ermitteln in einem Mordfall«, hörte sie Heidmüller sagen, »über Ihre Verpflichtungen Magenta gegenüber müssen Sie sich in so einem Fall weniger Gedanken machen«.

Ja, und wenn man sie feuert, sorgt Heidmüller sicherlich hervorragend für ihr weiteres berufliches Dasein, dachte Pia sarkastisch und fragte: »Wissen Sie, ob Frau Manstein personelle Änderungen plante?«

Franziska Dom schüttelte den Kopf.

»Solche Dinge hat sie nicht mit mir besprochen. Ich meine, ich merke natürlich, wenn da was im Busch ist … ich meine war. Aber als sie der Barnheim gekündigt hat, hat sie die Kündigung von Herrn Meyer schreiben lassen. Ich habe das erst erfahren, als die ihren Schreibtisch ausräumte …«

»Wann war das?«

»Im April. Anne Barnheim war eine unserer Beraterinnen, aber sie hat sich nicht so lange gehalten.«

Pia machte sich eine Notiz, die sie daran erinnern sollte, Anne Barnheim überprüfen zu lassen.

»Wie lange waren Sie Frau Mansteins Assistentin?«

Pia fragte sich, warum Franziska Dom bei dieser Frage errötete. »Oh. Noch nicht so lange. Vorher habe ich hier ein Volontariat gemacht. Dann war ich ein Dreivierteljahr ihre persönliche Assistentin.«

»Wie wird man die Assistentin der Geschäftsführung? Ich meine, was für eine Ausbildung haben Sie?«

»Keine. Keine richtige, meine ich. Ich habe mein Germanistik-Studium abgebrochen, weil es mir so aussichtslos erschien. Dann habe ich eine Zeit lang gejobbt. Magenta war ein Glücksfall für mich«.

So glücklich sah sie allerdings in diesem Umfeld gar nicht aus, dachte Pia bei sich. Aber die Umstände an diesem Tag waren ja auch alles andere als erfreulich.

»Eine letzte Frage haben wir noch, Frau Dom. Und zwar, was Sie am Freitag zwischen acht Uhr und zehn Uhr abends gemacht haben.«

»Von wegen Alibi und so? Ich war verabredet, das kann ich beweisen.«

»Mit wem und wo?«

»Er heißt Oliver Giese. Wir waren in der Cubango-Bar. Seine Adresse und Telefonnummer habe ich nicht im Kopf. Aber zu Hause …« Sie lächelte unsicher.

»Das reicht uns schon, Frau Dom. Wenn wir nähere Angaben zu Herrn Giese brauchen, melden wir uns bei Ihnen.«

Franziska Dom nickte zufrieden und sah erwartungsvoll in die Runde.

»Danke, Frau Dom. Sie können jetzt wieder an Ihre Arbeit gehen.«

»Ja gut. Auf Wiedersehen dann …«

Pia sah der jungen Frau nach, die erleichtert den Raum verließ.

»Lass uns erst eine kleine Pause machen«, schlug Heidmüller vor. »Es ist schon fast zwei Uhr, und wenn ich noch einen Kakao trinke, überzuckere ich. Hier in der Nähe kann man bestimmt irgendwo etwas zu essen bekommen«.

»Okay.« Pia stand steifbeinig auf. »Eine Pause kann nicht schaden. Herr Meyer wird uns das, was er zu sagen hat, auch noch in einer halben Stunde mitteilen.«

Valentin Meyer stand als Letzter auf der Liste.

 

 

 

Mit Oswald Heidmüller an ihrer Seite würde sie im Außendienst wenigstens nicht verhungern, dachte Pia, als sie nach einer guten halben Stunde wieder bei Magenta aufkreuzten. Ihr Kollege hatte mit sicherem Instinkt in unmittelbarer Nähe einen Laden aufgetan, in dem es wabbelige dänische Hotdogs und fettige Hamburger zu kaufen gab. Die Kalorienzufuhr zu ungewohnter Stunde bewirkten, dass Pia der folgenden Befragung geradezu optimistisch entgegensah.

Obgleich Valentin Meyer jünger war als Franziska Dom, war sein Auftreten um einiges souveräner. Wenn er sich im Umgang mit seinen Kollegen und den Kunden ebenso selbstsicher und zuvorkommend zeigte, war er als Mitarbeiter ein Glücksfall für die Agentur.

Er schilderte sein Arbeitsumfeld und die Interaktion der Magenta-Mitarbeiter mit einer gewissen Ironie, ohne jedoch Zweifel an seiner Loyalität aufkommen zu lassen. Valentin Meyer erklärte freimütig, er sei das »Mädchen für alles« in der Agentur. Er arbeite als Schreibkraft und am Empfang, »mache Telefon« und kümmere sich um alles, was sonst noch in den Sekretärinnenbereich fiele. Seine braun gebrannte Haut und die blonden Locken, die ihm fast bis auf die Schultern reichten, kontrastierten mit der unterkühlten Atmosphäre, die die Räume der Agentur ausstrahlten. Sein Aussehen weckte bei Pia die Erinnerungen ans Meer und an bunt lackierte VW-Busse mit Surfbrettern auf dem Dach.

Valentin Meyer beschrieb unterdessen recht anschaulich, wie Birgit Manstein mit ihren Mitarbeitern umgegangen war. Seinen Schilderungen nach musste sie so etwas wie ein Bluthund in Klamotten von Joop und Co. gewesen sein. Aber sie hatte es »echt drauf« gehabt, wie er ihr neidlos zugestand. Besonders hart sei sie mit Franziska Dom umgesprungen, dem »Opfertyp«, wie Meyer sie mitleidlos titulierte. »Ich hätte Birgit alles, fast alles zugetraut«, bemerkte Meyer nachdenklich, »nur nicht, dass sie sich einfach so das Licht ausknipsen lässt. Was hatte sie überhaupt auf dieser Veranstaltung verloren?«

»Das Altstadtfest zieht doch viele aus der Gegend an.«

»Das war aber so gar nicht ihr Stil. Es sei denn, sie hätte einen Grund gehabt, dorthin zu gehen. Vielleicht hat sie sich mit einem Kunden dort getroffen.«

»Können Sie das in Erfahrung bringen? Die Termine hier sind doch sicherlich Ihr Ressort?«

»Ja, aber Birgit hat auch immer wieder ihr eigenes Süppchen gekocht. In ihrem geschäftlichen Terminkalender steht für Freitagabend nichts drin. Wegen des Wetters am Freitag war ich allerdings auch schon um 16 Uhr weg.«

»Wann machen Sie für gewöhnlich Schluss hier?«

»Zwischen sechs und acht Uhr, je nachdem. Aber Freitag war nicht viel los, und außerdem sah es nachmittags nach einem Gewitter aus. Ich hab auf ein paar anständige Gewitterböen gehofft …«

Pia lächelte in sich hinein. »Stellen Sie mir bitte eine Liste mit den Kunden zusammen, mit denen Frau Manstein in der letzten Zeit zu tun hatte. Frau Dom wird Ihnen dabei bestimmt behilflich sein. Wir werden das mit dem Termin nachprüfen müssen.«

»Oh je«, meinte Meyer nur.

»Fällt Ihnen jemand ein, den sie privat am Freitagabend auf dem Altstadtfest hätte treffen wollen?«

Valentin Meyer zuckte mit den Schultern. »Da habe ich, um ehrlich zu sein, überhaupt keine Ahnung. Birgit war nicht der Typ, der einem Privatsachen anvertraute. Meiner Einschätzung nach gab es für sie nur den Job oder Sex. Für mehr hatte sie gar keine Zeit.«

»Kannten Sie sie auch neben dem Job?«, schoss es aus Pia heraus.

»Ohne Fleiß kein Preis …«

»Tatsächlich?«

»Na ja, im Grunde war es nur eine einmalige Sache, eine Art Ausrutscher.« Valentin Meyer bedachte sie mit einem freimütigen Lächeln.

Ein beneidenswert sonniges Gemüt, unter diesen Umständen, dachte Pia, als sie die Agentur verließen.

 

 

 

Dieses Mal schaffte sie es nur in letzter Sekunde bis zur Toilette. Der Würgereiz war plötzlich gekommen. Sie übergab sich so leise wie möglich in die Toilettenschüssel. Die Magensäure brannte in ihrem Rachen und ließ ihr die Tränen in die Augen steigen.

Franziska Dom wurde sich der Tatsache, dass Birgit Manstein ermordet worden war, erst richtig bewusst, als die Polizei die Agentur schon wieder verlassen hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt war sie nur aufgewühlt und nervös gewesen. Jetzt versetzte ihr die Vorstellung, dass die Chefin tatsächlich und unwiderruflich tot war, einen Schock.

Während der Würgereiz allmählich nachließ, wurde ihr klar, dass sie in den letzten Tagen und Wochen vieles nur wie durch einen Filter wahrgenommen hatte. Die Geräusche, allem voran Birgit Mansteins schrille Stimme, hatten gedämpft geklungen. Die Konturen waren aufgeweicht gewesen, die Farben blass, alles war vor ihren Augen verschwommen, so als hätte sie das Treiben der anderen hinter Glas wahrgenommen. Doch die Nachricht von Birgit Mansteins Tod hatte den schützenden Filter weggerissen. Die Beleuchtung der Damentoilette blendete sie. Mit einem Male roch sie auch wieder den aufdringlichen Gestank des Kloreinigers, der die menschlichen Gerüche überdecken sollte. Die Spülung rauschte in ihren Ohren wie ein Wasserfall.

Franziska Dom hatte ihre Wahrnehmungsschwierigkeiten auf die Medikamente zurückgeführt, die sie seit einiger Zeit regelmäßig nahm. Blau-gelbe Kapseln, verordnet, damit sie dem Alltag im Büro gewachsen war. Aber damit sollte nun Schluss sein. Birgit Manstein war tot. Sie würde nie wieder zurückkehren, um ihr das Leben unerträglich zu machen.

Schade eigentlich, dass sie ihrer Psychotante nicht mehr von ihrem Triumph erzählen konnte. Sie würde zu keiner Sitzung mehr hingehen. Ihre Probleme hatten sich nämlich gerade in Luft aufgelöst. Nicht sie, Franziska Dom, war psychisch krank. Die Manstein war es gewesen. Und nun hatte das Schicksal in Gestalt eines Messermörders für Gerechtigkeit gesorgt.

Franziska lächelte ihr Spiegelbild an. Sie wischte sich mit einem rauen, grünen Papiertuch aus dem Handtuchspender über den Mund und überprüfte, ob ihre Kostümjacke in Ordnung war. Dann strich sie eine lose Haarsträhne zurück und verließ die Damentoilette.

 

 

 

Valentin hatte wie immer alles mitbekommen. Nicht einmal unbemerkt kotzen kann man in dieser Firma, dachte Franziska, als sie an Valentin vorbeiging.

»Müsste dir doch jetzt eigentlich besser gehen, Fränzie. Ich meine, ohne sie …« Valentin deutete in die Richtung von Birgit Mansteins Büro.

»Spinnst du? Sie ist ermordet worden, Valentin. Erstochen! Allein die Vorstellung ist grauenvoll!«

»Spar dir das Geheule für die Polizei auf, Fränzie. Wir sollten zusehen, das wir den Laden hier am Laufen halten. Sonst sitzen wir alle bald ohne Job da.«

»Du machst dir doch nicht etwa Sorgen? Jetzt, wo unsere Chefin weg ist, denkt Neumann vielleicht über ein paar personelle Änderungen nach. Ich meine, so ein nettes Mädel am Empfang, mit kurzem Rock und so, dass würde ihm bestimmt gut gefallen …«

»Ich bin safe. Denk lieber an dich selbst. Niemand hier hat verstanden, warum die Manstein dich zu ihrer Assistentin gemacht hat. Jetzt, wo sie nicht mehr ist, könnte es für dich verdammt eng hier werden.«

Valentin Meyer sprach mehr oder weniger aus, was alle bei Magenta dachten. Franziska wusste das. Warum hatte Birgit Manstein die unbeholfene Franziska zu ihrer persönlichen Assistentin gemacht? Vielleicht ahnten sie, dass bei dieser Entscheidung andere Dinge den Ausschlag gegeben hatten als Kompetenz und Sympathie. Niemand hatte so unter Birgit Mansteins Launen leiden müssen wie sie. Nun, da die Manstein tot war, schien auch Franziskas Anwesenheit überflüssig zu sein. Franziska gedachte jedoch, die anderen Mitarbeiter vom direkten Gegenteil zu überzeugen. Sie hatte viel gelernt, seit sie Birgit Mansteins Assistentin geworden war. Es war an der Zeit, andere Töne anzuschlagen bei Magenta.

»Ihr werdet schon noch sehen, dass ihr mich braucht.«

»Lass solche Sprüche bloß nicht die Bullen hören. In null Komma nichts haben die dich auf dem Kieker.«

»Keine Sorge. Ich musste der Polizei allerdings erzählen, dass du es am Freitag furchtbar eilig hattest wegzukommen. Dafür hast du sogar unseren Feierabend-Sekt sausen lassen.«

»Und stell dir vor, ich war dann gar nicht an der Ostsee. Aus den angesagten Gewitterböen wurde nämlich nichts. Ich war stattdessen mit meinen Kumpels auf dem Altstadtfest. Als es passiert ist, haben wir gerade ein paar Bierchen verhaftet. Irgendwann wimmelte alles von den Grünen.«

»Vielleicht hast du den Mörder sogar gesehen?«

»Klar, ich hab ein Bier mit ihm gekippt!«

Franziska ging nicht weiter auf seinen spöttischen Tonfall ein. Sie blätterte den Stapel Briefe durch, den Valentin aus dem Postfach geholt hatte.

Er beobachtete sie interessiert. »Du bist ja wie ausgewechselt, Fränzie. Sonst bist du immer schnellstmöglich in dein Kabuff geflüchtet, um niemandem Anlass zu irgendwelchen Kommentaren zu geben. Heute forderst du mich ja geradezu heraus.«

»Ich habe keine Angst, Valentin. Und vor dir schon gar nicht.«

»Und wo warst du, als das mit Birgit passiert ist? Fränzie allein zu Haus, wie immer?«

»Ich hatte ein Date. Ich war in der Cubango-Bar, als sie ermordet wurde.«

»Oh, wie szenemäßig. Das ist doch der Schuppen am Hafen, wo es die überteuerten Cocktails gibt. Dann warst du ja auch nicht so weit ab vom Geschehen. Wie heißt er denn? Oder ist es eine sie?«

»Er heißt Oliver und ist, wie ich feststellen durfte, männlichen Geschlechts.«

Franziska Dom lächelte triumphierend und ging in ihr Büro. Sie gab Valentin keine Gelegenheit mehr, ihre Verabredung in den Dreck zu ziehen. Somit hatte sie erstmalig einen kleinen, aber nicht unbedeutenden Sieg errungen.

Es war ein Anfang. Ihr Anfang. Sie schritt zum Fester und riss es auf, um die warme Nachmittagssonne hereinzulassen. Die Manstein hatte Wärme und frische Luft in ihren Büroräumen gehasst. Die Klimaanlage war immer auf Hochtouren gelaufen. Allein das geöffnete Fenster war schon ein Grund, endlich wieder durchzuatmen.

6. KAPITEL

Man lernt immer wieder neue Seiten an seinen Mitmenschen kennen, dachte Pia am Montagabend. Während sie in der engen Straße nach einem Parkplatz Ausschau hielt, kreisten ihre Gedanken um die Besprechung am Nachmittag.

Noch niemals zuvor hatte sie Kriminalhauptkommissar Wilfried Kürschner so wütend gesehen. Er hatte mit rot angelaufenem Gesicht vor seinen Leuten gestanden, und seine Augen waren ihm fast aus den Höhlen getreten.

»Warum zum Teufel erfahre ich das erst jetzt?«, hatte er gebrüllt und dabei Speicheltropfen wie Gischt über die erste Sitzreihe versprüht. »Das ist eine verdammte Schlamperei, ein unverzeihliches Versäumnis bei einer Mordermittlung!«

Der Gefühlsausbruch dieses ansonsten beherrschten Mannes wirkte beunruhigender als alles, was der cholerisch veranlagte Kriminalrat Gabler je von sich gegeben hatte. Pia war sich vorgekommen wie ein Voyeur, der Kürschner auf seinem sicheren Weg zum ersten Herzinfarkt beobachtete, ohne etwas dagegen zu unternehmen.

Mehrmals am Samstagabend hatte Wilfried Kürschner seine Mitarbeiter und auch die Schutzpolizisten am Tatort angewiesen, ihn unverzüglich über jeden außergewöhnlichen Vorfall in der Stadt zu informieren, egal wie zusammenhanglos zu dem Mord er auch erscheinen mochte. Im Zweifelsfall hatte er die Entscheidung darüber, welcher Vorfall wichtig war und welcher nicht, sich selbst vorbehalten.

Heute erst hatte er mehr oder weniger durch Zufall von dem Feuer erfahren, das Anwohner in der Altstadt um 21.52 Uhr am Freitag bei der Leitstelle der Feuerwehr gemeldet hatten!

Der Brand war in einem Müllcontainer im Hinterhof einer Polsterei ausgebrochen. Weil sich abends niemand mehr in den Werkstätten aufgehalten hatte, war er erst gemeldet worden, als der Rauch die Nachbarhäuser erreicht hatte. Die daraufhin alarmierte Feuerwehr hatte gelöscht, was noch zu löschen war.

Der Brandexperte, der mittlerweile hinzugezogen worden war, hatte Kürschners düstere Vermutung bestätigt, dass das Feuer wahrscheinlich absichtlich gelegt worden war. Möglicherweise mit Hilfe eines ganz einfachen Verzögerungsmechanismus wie einer Kerze.

Wohin Kürschners Vermutungen gingen, war klar. Der Brandstifter und der Täter, der Birgit Manstein ermordet hatte, waren identisch oder hatten zumindest zusammengearbeitet. In diesem Fall war der Brand gelegt worden, um schnell und gründlich belastende Gegenstände verschwinden zu lassen.

Am Griff des Stiletts, mit dem die Manstein erstochen worden war, hatte man keinerlei Fingerabdrücke gefunden. Der Täter hatte wahrscheinlich Handschuhe getragen. Die Obduktion hatte außerdem ergeben, dass der Täter wohl eine gewisse Menge Blut auf seine Kleidung abbekommen haben musste. Pia erinnerte sich außerdem an eine Zeugenaussage, die eine Gestalt mit einer Baseballkappe auf dem Kopf in der Nähe des Tatortes gesehen haben wollte. Jemand, der einen Mord in einer Menschenmenge begehen wollte, würde wahrscheinlich versuchen, sich unkenntlich zu machen. Und nach der Tat stand ein erneuter Wechsel des Erscheinungsbildes an. Der Täter hatte nach dem Mord wahrscheinlich schnellstmöglich seine Handschuhe, blutbefleckte Kleidungsstücke und vielleicht auch ein Käppi loswerden müssen. Erst dann konnte er das Risiko eingehen, die Kontrollposten der Polizei zu passieren. Es sei denn, er hatte die Altstadtinsel gar nicht verlassen … Das war natürlich alles rein spekulativ, aber die Annahme einer Verbindung zwischen dem Feuer in dem Müllcontainer und dem Mord erschien nahe liegend.

Während Pia die Stufen zu ihrer Wohnung hochstieg, versuchte sie, sich in die Gedanken des Täters hineinzuversetzen. Er hatte seine Flucht genau geplant. Wahrscheinlich hatte er lange vorher nach einer Möglichkeit Ausschau gehalten, die belastenden Dinge schnell loszuwerden. Ein zeitlich verzögertes Feuer war bestimmt nicht die dümmste Idee. Nach einem Feuer blieb nicht viel von dem Beweismaterial übrig. Das war sicherer, als die Sachen einfach so in den Müll oder in die Trave zu werfen. Trotzdem war die ganze Unternehmung im höchsten Maße riskant. Wie verzweifelt, besessen oder bescheuert musste man eigentlich sein, um so etwas durchzuziehen?

Noch in Gedanken versunken, schloss Pia ihre Wohnungstür auf und trat ein. Die Erkenntnis, dass etwas nicht stimmte, kam ihr erst, als die Wohnungstür hinter ihr ins Schloss gefallen war. Pia war sich sicher, dass sie am Morgen zweimal den Schlüssel umgedreht hatte. Beim Aufschließen hatte eben jedoch eine halbe Schlüsseldrehung ausgereicht. Ein knarrendes Geräusch, dass aus ihrer Küche drang, ließ sie erstarren. Sie war nicht allein in ihrer Wohnung.

Pia tat einen Schritt rückwärts, hin- und hergerissen zwischen Fluchtinstinkt und antrainierter Verteidigungsbereitschaft.

»Nicht erschrecken, Pia!«

Sie schrie auf. Die Erkenntnis, dass es Roberts Umriss war, der sich vor dem hellen Rechteck der geöffneten Küchentür abzeichnete, kam einen Sekundenbruchteil zu spät. Ihre Erleichterung wurde von dem Ärger über den Schreck überlagert.

»Scheiße! Spinnst du, hier einfach so aufzutauchen?«

»Wieso? Du wusstest doch, dass ich diese Woche meine restlichen Sachen bei dir abholen wollte. Den Schlüssel muss ich dir ja auch noch wiedergeben.«

Er hielt den Schlüssel am Ring zwischen Daumen und Zeigefinger und ließ ihn vor ihren Augen hin und her pendeln.

Pia riss ihn ihm aus der Hand. Ihr Mund war trocken, und ihr Herz schlug immer noch wie eine hämmernde Faust.

»Diese Woche ist ein reichlich dehnbarer Begriff. Kannst du nicht vorher anrufen? Ich hatte einen ziemlich anstrengenden Tag!«

»Ich auch. Und ich muss morgen für ein paar Tage nach Wiesbaden fahren. Es kam also nur heute in Frage.«

»Dann nimm deinen Kram und verschwinde.«

»Hey Pia. Ich dachte, wir reden wieder wie normale Menschen miteinander. Was soll diese Feindseligkeit? Du bist übrigens so weiß im Gesicht wie die Wand.«

»Tatsächlich? Na, kein Wunder, nach dem Schrecken.«

»Es tut mir Leid. Ich dachte, du würdest mein Auto draußen bemerken und wärst vorgewarnt …«

»Hab ich aber nicht. Ich habe über den bescheuerten Fall nachgedacht, an dem wir gerade dran sind. Habt ihr in Hamburg denn nicht von unserem »Altstadtfestmörder« gehört? Ich bin in den letzten Tagen kaum zum Luftholen gekommen.«

»Zum Essen auch nicht«, konstatierte Robert. »Wie du aussiehst, tut dir eine warme Mahlzeit sicher gut.«

Er hatte Recht. Pia fühlte sich innerlich wie ausgehöhlt. Ihr Ärger ließ sich jedoch nicht so einfach zurückdrängen.

»Ich wollte gerade etwas essen. Wenn du jetzt den Weg in meine Küche freigeben würdest, hätte ich auch die Möglichkeit dazu. Doch so lange geh mir besser aus dem Weg.«

»Da ist nichts, Pia. Wie immer …«, meinte er, gab jedoch den Weg zum Kühlschrank frei.

Sie musterte ihn kurz und entschied sich, ihm eine Art Friedensangebot zu machen: »Wenn du auch Hunger hast, bestell uns doch eine Pizza. Die Nummer vom Pizzaservice steht an der Pinnwand.«

»Für dich wie immer?«

Pia nickte. Die Aussicht, beim Essen mit jemandem reden zu können, war gar nicht so schlecht. Noch dazu mit jemandem, der selbst bei der Kripo war und wusste, wovon sie sprach. Nach allem, was man so hörte, stieg Robert in Hamburg die Karriereleiter steil nach oben. Pia hatte den Eindruck, er sei dem Stadium, in dem man mehr verwaltete als ermittelte, schon sehr nahe. Ihr selbst sagte diese Vorstellung nicht zu, aber zu Robert passte es. Er war ein Machtmensch. Wenn er keinen Fehler machte, konnte er es weit bringen.

Pia ging ins Bad, um sich die Hände zu waschen. Sie hörte, wie Robert im Wohnzimmer die Bestellung durchgab. Warum sollten sie nicht zusammen essen, wo er doch schon mal da war und sie beide Hunger hatten? Es war nichts dabei. Sie hatte damals schließlich den Anstoß zu der Trennung gegeben. Und die zermürbende Trennungsphase lag deutlich hinter ihnen. Nun konnten sie doch wie zivilisierte Menschen miteinander umgehen, oder etwa nicht?

Bereits eine halbe Stunde später saßen sie in der Küche, jeder eine Pizza so groß wie eine Autofelge vor sich, und Pia erzählte von ihrem neuen Fall. Robert hörte ihren Ausführungen konzentriert zu. Er erschien Pia entspannter zu sein als früher, ließ sie ihre Gedanken schildern, ohne ständig alles besser zu wissen.

Nachdem Pia ihre Pizza verspeist hatte, war ihre schlechte Laune verflogen. So ein plötzlicher Nahrungsüberschuss setzte doch immer eine Menge Glückshormone frei. Allerdings musste ihr Verdauungsapparat dafür jetzt Schwerstarbeit leisten. Vielleicht sollte sie ein bisschen nachhelfen?

Robert erriet ihre Gedanken, als ihr Blick in Richtung Gefrierfach ging, mit geringer zeitlicher Verzögerung. Er stand auf.

»Wenn mich nicht alles täuscht, befindet sich bei dir immer noch eine Flasche Wodka im Eis?«

»Ja, Gschelka. Solange Andrej hier im Haus wohnt, werde ich bestens versorgt. Dafür füttere ich schließlich unter Lebensgefahr seine Katze«.

»So, so, Andrej …«, sagte Robert und nahm die Flasche vorsichtig aus dem Gefrierfach.

»Der Mann, der in der Wohnung unter mir wohnt. Du erinnerst dich bestimmt an ihn.«

»Der Russe? Kann schon sein …«

Robert trat auf sie zu, um in dem Regal über dem Küchentisch nach geeigneten Gläsern zu suchen. Sie griff sein Handgelenk. »Warum bist du wirklich gekommen, heute Abend? In den Kartons ist nur Müll, und den Stuhl brauchst du auch nicht.«

Er sah sie nachdenklich an. »Du kennst mich schon zu gut, nicht wahr? Ich dachte, wir hätten uns vielleicht noch etwas zu sagen.«

Sie lächelte über seine Antwort, ließ sich aber bereitwillig von ihm hochziehen. Sie standen sich gegenüber, so nah, dass Pia seinen warmen Körper spürte.

»Es gibt nichts mehr zu sagen. Lass es einfach so, wie es ist …«

»Ich vermisse dich, Pia. Wir haben beide Fehler gemacht, aber meine Gefühle für dich haben sich nicht geändert.«

»Erzähl keine Märchen! Du hast dich doch recht schnell getröstet mit irgend so einem ›scharfen Gerät‹, wie ich hörte …«

»Von wem hast du das denn? Das ist doch alles nur Gerede. Zurzeit läuft bei mir nichts Ernsthaftes.«

Sie glaubte ihm nicht, aber es war ihr auch gleichgültig. Nachdem sie drei Tage lang quasi durchgearbeitet hatte, sehnte sie sich nach etwas Abwechslung. Roberts Nähe weckte ein paar sehr angenehme Erinnerungen bei ihr. So, wie die Dinge momentan lagen, konnte sie ihrem Bedürfnis nach Sex nachgeben oder es sein lassen. Pia legte die Arme um seinen Hals und bemerkte, dass er an das Gleiche dachte wie sie.

Sie war viel allein gewesen in der letzen Zeit. Die Geschichte in Grevendorf schien schon Ewigkeiten her zu sein.

»Aber es ändert nichts, Robert. Auf Dauer geht das niemals gut mit uns«, beharrte sie sicherheitshalber.

»Wer spricht denn von Dauer? So lange wird es nicht dauern …«

Sie küssten sich. Pia durchschaute, dass das Unbedachte und Irrationale der Situation zu ihrem Gelingen beitrug. Gefühle waren nur eine Manifestation des Chaos …

»Du hast dich zu viel geärgert in letzter Zeit, du bist ganz verspannt«, sagte Robert, als er ihr unter das T-Shirt fuhr und ihren Rücken streichelte.

»Komm mit ins Schlafzimmer, den Küchenfußboden finde ich auch nicht gerade entspannend.« Pia zog ihn mit sich fort.

 

 

 

Später sah sie ihm zu, wie er sich seine Kartons unter den einen und den Bürostuhl unter den anderen Arm klemmte. Es war schön gewesen. Doch nun war sie auch froh, dass er ging. Irgendwie tröstete es Pia, dass sie nach fast drei gemeinsamen Jahren doch noch eine friedliche Trennung zustande gebracht hatten. Robert wandte sich in Richtung Tür. Der Abschiedskuss fühlte sich für sie nun doch mehr wie eine Formsache an.

Robert blieb im Türrahmen stehen. »Übrigens Pia: Wir haben doch vorhin darüber gesprochen, was bei der Polizei so alles geredet wird. Du solltest in Zukunft besser darauf achten, mit wem du dich einlässt.«

»Wie kommst du jetzt darauf?«

»Ich sage das nur, weil ich dich mag. Es gibt jemanden bei euch im Kommissariat, der dir ernsthaft schaden könnte. Gerade als Frau musst du vorsichtig sein.«

»Was soll denn der Mist jetzt? Gerade als Frau … Ich dachte, wir wären alle so fortschrittlich?«

»Tu nicht so unwissend. Du weißt genau, wen und was ich meine. Ich habe schließlich Augen im Kopf!«

Er spielte auf die unschöne Szene im Hotel in Grevendorf an. Er war in ihr Zimmer geplatzt, nachdem Pia kurz zuvor erschöpft und unterkühlt dem Grevendorfer See entstiegen war. Dabei hatte er ihren Kollegen Marten Unruh in ihrem Hotelzimmer angetroffen. Die Situation an sich war harmlos gewesen. Robert hatte andererseits aber auch nur eins und eins zusammenzählen müssen, um auf die richtige Deutung zu kommen. Dies war also seine späte Rache, und ziemlich lächerlich dazu.

»Das ist jetzt unter deinem Niveau, Robert!«

»Ich mach mir nur Sorgen um dich, Pia … Du bist manchmal etwas zu sorglos, was deinen Umgang angeht …«

Er wandte sich ab und stieg die Treppe hinab.

»Das geht dich zum Glück überhaupt nichts mehr an!« So viel also zur friedlichen Trennung.

Es war fast nichts zerbrochen. Keine Vase, die es sowieso nicht gab, kein Porzellan, nicht einmal das Glas des Wechselrahmens, in dem immer noch ein Bild von ihr und Robert klemmte. Nur eine CD lag in zwei Teilen auf dem Fußboden im Wohnzimmer. Dieses eine Lied darauf würde sie sich nun nie wieder anhören müssen …

7. KAPITEL

Der Gedanke an diese Frau ließ ihm keine Ruhe. Wenn sie es nun tatsächlich getan hatte oder dem Mörder auch nur geholfen hatte, dann war all das hier, sein Blick glitt über Blumenrabatten und kleine Rasenvierecke, Grabsteine und Koniferen, ihre Schuld.

Markus Kessel legte die dunkelrote Rose, die er zuvor in einer Aufwallung ihm sonst unbekannter Sentimentalität gekauft hatte, auf das noch frische Grab. Unvorstellbar, dass Wolfgang, der warmherzige, enthusiastische Wolfgang, da unter ihm in der Erde liegen sollte.

Stocksteif stand er da und überlegte, was die anderen Friedhofsbesucher wohl hier taten. Gedachten sie wirklich der Verstorbenen, wenn sie hier harkten, irgendwelche Bodendecker und Blumen pflanzten und anschließend Wasser darauf gossen – und auf die Überreste ihrer Lieben?

Markus Kessel fand, dass es keinen ungeeigneteren Ort zum Trauern gab als einen Friedhof. Seine Gedanken kreisten hier nur um die Begleiterscheinungen des Todes: den Sargschmuck, das Totenhemd und die Rechnung für die Grabpflege. Auch dass er Wolfgang seinen letzten Wunsch, seinen Tod betreffend, nicht erfüllt hatte, war hier auf dem Friedhof allgegenwärtig. Er und Wolfgang hatten so gut wie nie über den Tod gesprochen, wenigstens nicht ihren eigenen. Einmal, als ein gemeinsamer Freund bei einem Unfall ums Leben gekommen war, da hatte Wolfgang gesagt, es grause ihm bei der Vorstellung, einmal von Würmern und Maden zerfressen zu werden. Wenn schon, so würde er eine Feuerbestattung vorziehen. Man sei dann wenigstens sicher, nicht lebendig begraben zu werden …

Aber Wolfgang würde, soviel wenigstens war gewiss, niemals in seinem Sarg erwachen. Er war obduziert worden, und nach allem, was Markus Kessel wusste, waren seine Überreste unter keinen Umständen mehr lebensfähig. Er hatte sich bei einem Freund, der im Krankenhaus arbeitete, erkundigt. Nach einer Obduktion war ein toter Körper nicht mehr als eine leere Hülle, in die man die entnommenen Organe wieder hineinstopfte wie Äpfel in eine Weihnachtsgans, wenn überhaupt …

Allein den Gedanken, was sie mit einem Körper anstellten, um ihm sein letztes Geheimnis, das eines unnatürlichen Todes, zu entreißen, hätte Wolfgang zutiefst verabscheut.

Und verbrannt worden war seine Leiche auch nicht. Man hatte seiner nächsten Verwandten, Wolfgangs Schwester aus Stuttgart, von einer Urnenbeisetzung abgeraten. Wer weiß, vielleicht wollten sie an das, was übrig war, in ein paar Jahren noch mal ran …

Ihn hatte keiner gefragt. Als schwuler Lebenspartner hatte er in diesem Fall wenig Rechte am Tod seines Freundes. Sie hatten auf Wolfgangs Wunsch hin ihre Beziehung nie an die große Glocke gehängt. Als Besitzer vom Restaurant Kupferhaus war Wolfgang im lokalen Umfeld recht bekannt gewesen. Es war zwar immer wieder das Gerücht aufgekommen, dass er schwul sei, aber ein unbestätigtes Gerücht war ja auch unterhaltsamer als eine platte Tatsache. Hin und wieder hatte Wolfgang sich einen Spaß daraus gemacht und war in weiblicher Begleitung auf einem Empfang oder einer offiziellen Veranstaltung erschienen. Er hatte viele Freundinnen gehabt, die seinen Lebensstil und seinen Humor sehr schätzten; und sein hervorragendes Essen natürlich.

In Wolfgang Biederstätts Leben hatte es dadurch recht viele Frauen gegeben. Aber wer zum Teufel war diese eine Frau gewesen, die ihm in der Küche von Wolfgangs Restaurant über den Weg gelaufen war? Eine ihm unbekannte Frau, die dort, wo sie sich umsah, eindeutig nichts verloren hatte. Sie war hübsch gewesen, aber mit einem Ausdruck im Gesicht, als sei mindestens eine Schraube bei ihr locker. Der Blick ihrer leeren, kalten Augen hatte sich in Kessels Gedächtnis eingebrannt wie ein glühendes Stück Metall.

Nachdem Wolfgang eine Woche später im Keller vom Kupferhaus ermordet worden war, hatte er sich sofort wieder an die Begegnung mit dieser Frau erinnert. Er hatte sie bei seiner ersten Vernehmung der Polizei gegenüber erwähnt. Aber seine Beschreibung ihres Zusammentreffens hatte selbst in seinen Ohren ungenau und ein bisschen überspannt geklungen. Der ihn vernehmende Kommissar hatte alles pflichtschuldig notiert. Aber über seinen Vorschlag, ein Phantombild von ihr anfertigen zu lassen, hatte er nur den Kopf geschüttelt.

Ich muss noch einmal zur Polizei, schoss es ihm durch den Kopf.

Bei der Erinnerung an die beiden Kripobeamten, von deren Fähigkeiten es nun wohl abhing, ob Wolfgangs Mörder gefasst würde oder nicht, überkam Markus Kessel ein dumpfes Gefühl der Verzweiflung. Er wollte Gerechtigkeit für seinen Freund. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Es war kein Zufall, dachte er, sondern ein Wink des Schicksals, dass er diese Frau am Samstag in der Remise wiedergesehen hatte. Zwar hatte er sie hauptsächlich von hinten gesehen und aus größerer Entfernung, aber er war sich trotzdem recht sicher.

Es war eine Chance. Vielleicht die einzige, um zu erfahren, wer Wolfgang ermordet hatte und vor allem warum. Diesen Dienst war er seinem Freund einfach schuldig.

Wolfgang Biederstätt hatte Markus Kessel seine Eigentumswohnung und einen wertvollen Warhol hinterlassen. Kessels finanzielle Sorgen hatten sich dadurch mit einem Schlag in Luft aufgelöst. Wenn er es geschickt anstellte, musste er sich nie wieder für den Entwurf kurzlebiger Messebauten oder die Einrichtung spießiger Friseurläden prostituieren. Er könnte in Zukunft nur noch an den Sachen arbeiten, die ihn herausforderten. Endlich das schwebende Bett entwerfen, das schon lange in seinem Kopf herumspukte, sich mehr auf den Entwurf von Lampen spezialisieren.

Aber all das würde erst in Fluss kommen, wenn Wolfgang in Frieden ruhte. »In Frieden ruhen«, murmelte er vor sich hin. Dieser Wunsch wäre Markus Kessel vor dem Mord niemals in den Sinn gekommen. Nun konnte er kaum noch an etwas anderes denken. Wenn er jemals mit Wolfgangs Tod abschließen wollte, dann musste er handeln.

 

 

 

»Ich hätte mich ja selbst um diese Frau gekümmert, aber ich habe nichts als dieses Autokennzeichen. Beim Kraftfahrzeugamt wollten sie nicht mit dem Namen und der Adresse des Fahrzeughalters herausrücken. Selbst als ich sagte, sie hätte mir eine Beule ins Auto gefahren.«

Marten Unruh, der gerade von einer langwierigen Besprechung kam, sah den Mann vor seinem Schreibtisch ungeduldig an. Als er nicht sofort reagierte, fummelte Markus Kessel einen kleinen Zettel aus der Innentasche seiner Jeansjacke und strich ihn glatt.

»Hier, sehen Sie. Das ist das Kennzeichen ihres Wagens. Euch hier kostet das Ganze doch nur einen Telefonanruf, dann habt ihr sie.« Er deutete vorwurfsvoll auf den Telefonapparat auf Unruhs Schreibtisch und nickte auffordernd mit dem Kopf.

»Und, hat sie es getan?« Unruhs Kopf dröhnte. Noch während er die Frage stellte, begriff er, was für einen Mist er redete.

»Was?«

»Ihnen eine Beule ins Auto gefahren?«

Markus Kessel starrte ihn ungläubig an.

»Warum sollen wir dann den Fahrzeughalter ermitteln?«

»Hören Sie mir überhaupt zu? Die Frau, der der Wagen wahrscheinlich gehört, ist irgendwie in den Mord an Wolfgang Biederstätt verwickelt. Ich habe sie in Räumen seines Restaurants herumschnüffeln sehen, wo sie eindeutig nicht hingehörte. Und das ziemlich genau eine Woche vor dem Mord!«

Langsam begriff Unruh, wen er vor sich hatte. Er riss sich zusammen und richtete seine Aufmerksamkeit auf die Worte seines Gegenübers.

»Nun habe ich diese Frau wiedergesehen. Am Samstag in der Stadt, als sie mit einer Freundin Kaffee trinken war. Es war reiner Zufall, aber ich konnte mir ihr Autokennzeichen notieren!«

»Und da wollten Sie ihr, wenn ich es jetzt richtig verstanden habe, zunächst selbst einen Besuch abstatten und sie ein bisschen aushorchen?«

Markus Kessel wirkte verunsichert.

»Vielleicht. Ja, warum nicht? Was soll ich denn machen, wenn die Polizei mir nicht glaubt?«

»Das ist Ihre Interpretation, Herr Kessel. Wenn es sich bei der besagten Frau tatsächlich um eine Tatverdächtige handelt, sollten Sie uns die Befragung überlassen. Mal davon abgesehen, dass Sie sich selbst in Gefahr bringen, könnten Sie letzten Endes noch wegen Strafvereitelung belangt werden, wenn Sie sich in die Ermittlungen einmischen.«

Kessel sank in sich zusammen.

Unruh nahm den Zettel und las das Kennzeichen. »Wir werden den Fahrzeughalter ermitteln«, sagte er und forderte Kessel auf: »Beschreiben Sie mir noch einmal das Fahrzeug, nur um sicherzugehen.«

»Ein dunkelblauer Renault. Ein älteres Baujahr, nicht der ganz neue Typ. Ansonsten völlig unauffällig. Er hatte keine Aufkleber dran und auch sonst nichts Besonderes. Er parkte am Samstagnachmittag in der Wahmstraße, nicht weit von der Remise. Kennen Sie den Laden?«

Unruh nickte.

»Ich könnte schwören, dass es die Frau war, die ich am Freitagabend, eine Woche vor dem Mord an Wolfgang Biederstätt, in der Küche vom Kupferhaus angetroffen habe.«

»Und was macht Sie so sicher, dass die Frau irgendetwas mit dem Fall zu tun hat?«

»Das habe ich doch schon alles haarklein erzählt. Der Zugang zum Keller führt durch die Küche. Es ist gut möglich, dass sie aus dem Keller kam, als ich sie traf. Vielleicht hat sie den Tatort vorab in Augenschein genommen. Was weiß denn ich?«

»Sie haben aber nicht gesehen, dass sie tatsächlich im Keller gewesen ist?«

»Nein, das nicht«, gab Markus Kessel widerstrebend zu.

»Okay. Die Beschreibung dieser Frau haben wir. Meinen Sie, sie hat Sie am Samstag ebenfalls wiedererkannt?«

Markus Kessel sah ratlos zu Unruh hinüber. »Keine Ahnung. Sie hat nicht den Eindruck gemacht, als würde ihr mein Anblick etwas sagen. Aber das kann ja auch gespielt gewesen sein. Sie ist der Typ Frau, der … wissen Sie, der Männern gewohnheitsmäßig die kalte Schulter zeigt.«

Als Unruh daraufhin verständnislos guckte, verzog sich Kessels Gesicht ärgerlich.

»Wenn Sie der Frau nochmals begegnen, halten Sie sich bitte von ihr fern. Wenn sie tatsächlich etwas mit dem Mord zu tun hat …«

Er ließ den Satz unvollendet in der Luft hängen.

»Erfahre ich auch, was aus meinem Hinweis geworden ist«, fragte Kessel, bevor er aufstand.

Unruh nickte.

»Ich will wissen, wer Wolfgang das angetan hat. Ich muss es wissen. Sie können mich jederzeit anrufen … Bitte!«, brach es aus Kessel hervor.

Unruh verbarg sein unerwartet aufflackerndes Mitgefühl hinter einem reglosen Gesichtsausdruck.

»Danke für Ihren Hinweis, Herr Kessel. Ich werde mich persönlich darum kümmern, dass dem nachgegangen wird.«

Kessel schien noch etwas sagen zu wollen, überlegte es sich aber dann anders.

Unruh sah ihm nach, wie er das Büro verließ. Mit Mitleid kommen wir nicht weiter, dachte er noch, als er wieder allein war. Das Einzige, was den Hinterbliebenen helfen konnte, war, dass er erfolgreich seine Arbeit tat. Er war nur froh, dass Markus Kessel für die Tatzeit, in der sein Lebensgefährte erschossen worden war, ein Alibi vorweisen konnte. So stand er zu all seinem Kummer nicht auch noch unter Mordverdacht. Aber die Art und Weise, wie er sich in die Ermittlungen einmischte, behagte Unruh nicht besonders. Er griff zum Telefon.

8. KAPITEL

Hier irgendwo muss es sein!«, beharrte Oswald Heidmüller und spähte durch ein halb verrottetes Tor in einen der Hinterhöfe.

»Nein, weiter vorne am Wasser. Dort stehen ein paar Autos …«

Pia Korittki und ihr Kollege waren auf dem Weg in die Cubango-Bar, den neuesten und heißesten Szenetipp, wenn man Pias Schwester Nele Glauben schenken durfte. Es war außerdem die Bar, in der Birgit Mansteins Assistentin Franziska Dom nach eigener Aussage den Abend verbracht hatte, an dem ihre Chefin auf dem Altstadtfest ermordet worden war.

Pia bog um eine Hausecke und stand plötzlich direkt vor dem Lokal. Ein spärlich beleuchtetes Schild wies das Etablissement hinter den zugeklebten Fensterscheiben und der ein paar Stufen niedriger gelegenen Tür als Cubango-Bar aus. Der Laden war eine Eintagsfliege, wie Pia es einschätzte, heute angesagt, in ein paar Monaten vergessen.

»Wir sind viel zu früh«, meinte Heidmüller, denn hinter der aufgestoßenen Tür empfing sie ein fast leerer Raum mit hochgestellten Stühlen und leiser Musik im Hintergrund.

»Wir haben einen Termin«, sagte Pia und schritt auf den ausladenden Tresen zu. Eine Frau trat durch eine Tür hinter dem Tresen und sah sie irritiert an. Sie trug ein hautenges Oberteil, ihr Bauch mit einem Ring im Nabel war entblößt, und man sah eine kleine, gebräunte Speckrolle über der verwaschenen Hüftjeans. Die Frau zog fragend die schwarz nachgezogenen Augenbrauen hoch, ihr Gesichtsausdruck war jedoch abweisend. Nachdem Pia sich und ihren Kollegen vorgestellt hatte, erhellte unerwarteterweise ein professionelles Lächeln ihre Züge.

»Ach, ja. Polizei … Erik hat so was erwähnt. Sie haben doch mit Herrn Erik Braun gesprochen, nicht wahr? Wegen einer Frau, die am letzten Freitag hier gewesen sein soll?«

»Sind Sie Birthe Warnholz? Haben Sie am letzten Freitag hier gearbeitet?«, fragte Heidmüller und ließ sich ihr gegenüber auf einen der Barhocker fallen.

»Bin ich und hab ich. Ich kann mich sogar ganz gut an die Gäste erinnern. Freitags ist es hier eher ruhig. Unser Stammpublikum kommt mittwochs und donnerstags. Manchmal auch samstags zum Vorglühen … Aber freitags sind hier meistens nur ein paar Landeier im Laden. Typen, die irgendwo gehört haben, dass die Cubango zurzeit angesagt ist. Manchmal auch ein paar verirrte Touristen …«

»Können Sie sich an eine Frau erinnern, die am letzten Freitag hier verabredet war? Ihrer Aussage nach war sie von kurz vor neun bis Viertel nach elf hier. Eine etwa –«

»Ich glaube, ich weiß schon, wen Sie meinen …«, unterbrach die Barfrau Pia mit erhobener Hand. »Da kommt eigentlich nur eine in Frage. Die saß nachher die ganze Zeit am Tresen und hat mir ein Ohr abgequatscht. So zwischen dreiundzwanzig und sechsundzwanzig Jahre alt, zirka 1 Meter 70 groß, 70 Kilogramm schwer. Sie hatte braune Augen, helle Haut und einen mürrischen Gesichtsausdruck und trug ihr Haar hochgesteckt, Farbe: braun. Schwarzes Top, Jeansjacke, beige Hose …«

»Sie haben ein gutes Beobachtungsvermögen«, stellte Pia fest. Ihren Erfahrungen nach registrierten die meisten Menschen wenig bis gar nichts, wenn es für sie nicht gerade von substanziellem Interesse war.

»Ja, ich könnte bei euch anfangen …«, Birthe Warnholz lachte zufrieden und entblößte einen schwarz verfärbten Eckzahn.

»Beschreiben Sie uns bitte den letzten Freitagabend, soweit Sie sich daran erinnern können.«

»Zuerst ist mir der Typ aufgefallen, der reinkam und sich an den Tisch dort hinten in der Ecke setzte. Er passte nicht so recht hierher. Typen, die allein kommen, setzen sich normalerweise an den Tresen. Er schien aber auf jemanden zu warten. Jedenfalls sah er immer wieder zur Tür. Als ich das nächste Mal zu ihm rüberschaute, setzte sich diese Frau gerade zu ihm an den Tisch. Sie wirkten beide verlegen. Das war wohl so etwas wie ein Blinddate – und kein besonders glückliches, wenn Sie mich fragen.«

Das deckte sich mit Frau Doms Angabe, sie habe sich mit einem Mann getroffen, den sie über eine Anzeige kennen gelernt hatte. Pia nickte, und Birthe Warnholz fuhr fort: »Sie bestellten sich beide ein Bier und redeten eine Weile miteinander. Nach etwa zehn Minuten kam der Typ zu mir an den Tresen, bezahlte zwei Bier und ging. Die sitzen gelassene Frau hat mir zuerst ein bisschen Leid getan. Sie saß noch einen Augenblick am Tisch und trank ihr Glas aus. Ich hatte erwartet, dass sie nach dem Fiasko auch gleich wieder abhauen würde. Aber dann kam sie mit einem Mal zu mir an den Tresen, genau hier, wo Sie jetzt sitzen …«

Pia machte sich eine kurze Notiz. Birte Warnholz’ Aussage entsprach den Angaben, die Frau Dom ihnen über den Abend gemacht hatte. Allerdings hatte Frau Dom behauptet, sie hätte ihren Begleiter einfach so sitzen lassen.

»Um wie viel Uhr ist der Mann gegangen?«

»Ich hab nicht auf die Uhr gesehen, aber da sie so um neun Uhr herum ins Lokal gekommen war und das Gespräch höchstens zehn Minuten dauerte …«

»Er ging also gegen 21.10 Uhr?«

»Wenn mich nicht alles täuscht …«

»Wie lange hat die Frau dann noch hier am Tresen gesessen?«

Birte Warnholz blickte die Polizisten unschlüssig an. Dann antwortete sie: »Ach, sie saß Ewigkeiten da. Zweimal ist sie zwischendurch kurz aufs Klo gegangen. Sie hat aber auch mindestens vier Bier getrunken. Ein ganzes Schälchen Erdnüsse hat sie auch weggeputzt. Sie war aber schon weg, als Erik kam, also Herr Braun, das weiß ich noch. Er schneite erst um halb zwölf hier herein. Ich habe vorwurfsvoll auf die Uhr gesehen, als er mich begrüßte. Ich mag es nicht, wenn er mich und Beatrice stundenlang allein lässt. Was sollen wir denn machen, wenn mal einer randaliert?«

»Die besagte Frau ist also weggegangen, kurz bevor Ihr Chef, Herr Braun, hier angekommen ist?«

»Genau. Es muss zwischen elf und kurz vor halb zwölf gewesen sein. Sie hat übrigens zu mir gesagt, ich solle sie Fränzie nennen. Diese Fränzie war jedenfalls ziemlich betrunken, als sie bezahlte. Ich hab sie gefragt, ob ich ihr ein Taxi rufen soll, aber das wollte sie nicht.«

»Was hat die Frau Ihnen denn so erzählt, während sie am Tresen saß?«

»Oh, da muss ich überlegen … Von ihrem tollen Job in der Werbung, glaube ich. Erst wollte sie mir weismachen, was für ein Superweib sie ist. Als ich darauf nicht eingegangen bin, hat sie sich bei mir ausgeheult. Das Übliche: … dass sie so allein sei, niemand sich für sie interessiere, über ihre Probleme eben. Ach ja, und dann sagte sie, was denn das für eine Gesellschaft sei, in der man sich einen Psychotherapeuten nehmen muss, wenn man mal jemanden braucht, der einem zuhört …«

»Hat sie erwähnt, bei wem sie in Therapie ist?«

»Himmel nein. Und wenn man bei so einer nachfragt, hört die nie wieder auf zu reden. Ich hatte schließlich auch noch andere Gäste.«

»Hat sie auch von ihrer Arbeit gesprochen? Vielleicht Jobprobleme erwähnt oder Namen genannt?«

Birte Warnholz überlegte einen Moment lang.

»Nein. Ihre Arbeit war kein Thema. Sie fühlte sich allein. Das ist alles.«

So einfach war das. Allerdings wohl immer nur in den Augen der anderen. Pia überlegte, ob diese Birthe Warnholz nicht noch mehr Informationen unter ihrer schwarz gefärbten Mähne verbarg.

»Kennen Sie zufällig auch ihren Blinddate-Partner? Ist der schon mal hier gewesen?«

»Da bin ich mir nicht sicher. Ich meine, ich hätte ihn schon mal hier gesehen, aber er ist kein Stammgast bei uns. So ein steifer, wichtigtuerischer Kerl fällt einem auf. Wahrscheinlich Banker von Beruf. Er hatte so einen abschätzenden Blick, als sei er auf der Suche nach einer Frau, aber keine wäre ihm gut genug.«

Pia und ihr Kollege Heidmüller sahen sich an. Im Grunde war alles geklärt. Wenn Birthe Warnholz nicht aus einem ihnen unbekannten Grund falsche Angaben machte, hatte sich Franziska Dom zum Zeitpunkt des Mordes hier in der Cubango-Bar aufgehalten. Ob nun abgeblitzt oder nicht, sie hatte ein Alibi für den fraglichen Zeitpunkt aufzuweisen.

Birthe Warnholz griff nach einem Putzlappen und wischte die Theke ab. Nebenbei fragte sie: »Dieser Typ, mit dem die Frau ein Date hatte … Ist das der, hinter dem Sie eigentlich her sind? Nur damit ich Bescheid weiß, wenn ich hier nachts den Laden dicht mache und allein nach Hause gehe.«

»Seien Sie einfach generell wachsam«, meinte Heidmüller und bedachte sie mit einem langen Blick.

Sie riss die Augen auf und beugte sich ein Stück über den Tresen zu ihm vor.

»Das bin ich sowieso. Und ich kann mich wehren. Ich hab immer mein Tränengasspray bei mir. Aber gegen den Altstadtfestmörder wäre ich wohl auch machtlos gewesen …«

Heidmüller schien unfähig, sich vom Anblick ihres Ausschnitts loszureißen, der bemerkenswert tiefgründig war.

Pia sah demonstrativ auf ihre Armbanduhr. »Heute Abend haben wir genug erfahren. Sie werden eventuell noch einmal zu einer offiziellen Vernehmung geladen, Frau Warnholz.«

»Kein Problem.« Sie lächelte Heidmüller noch einmal zu, und der schwarze Zahn blitzte auf.

Er raffte sich nun ebenfalls auf und rutschte vom Barhocker.

»Einen schönen Abend noch!«, rief ihnen Birthe Warnholz hinterher.

»Netter Laden«, sagte Heidmüller, als sie wieder draußen standen. Er schien sich für den Einblick in das Dekolletee der Barfrau erwärmt zu haben.

»Ich verstehe nicht, warum da freitags nichts los ist, sondern mittwochs und donnerstags? Arbeiten die Leute nicht?«, grummelte Pia, als sie wieder an der frischen Luft waren.

»Es sind ja nicht alle so bescheuert wie wir. Außerdem haben viele wahrscheinlich freitags etwas Besseres vor …«

Pia sah ihn zweifelnd an. »Und was, Ossie? Mit einem Messer auf dem Altstadtfest herumzulaufen!«

»Könnte es sein, dass du einen Berufsschaden hast, Pia?«

»Bestimmt.«

Sie machten sich auf den Rückweg zum Auto. Als sie um die Ecke bogen, lag vor ihnen das Hafenbecken und auf der anderen Seite des dunklen Wassers die Altstadt. Es war eine von Lübecks Postkartenansichten, erleuchtet vom Schein unzähliger Scheinwerfer. Die alten Giebelhäuser reihten sich aneinander wie Zähne in einem alten, aber gut erhaltenen Gebiss. Dahinter schachtelten sich Dächer über Dächer bis zu den Türmen von St. Jacobi, St. Petri und den Zwillingstürmen der Marienkirche.

»Ziemlich übel, was hier in letzter Zeit alles passiert ist«, sagte Pia plötzlich.

»Wieso, das ist nun einmal unser Alltag«, meinte Heidmüller verständnislos.

»Diese beiden brutalen Morde in der Altstadt von Lübeck, in einem Zeitraum von ein paar Wochen. Erst wird Wolfgang Biederstätt in seinem Restaurant aus nächster Nähe in den Kopf geschossen. Dann sticht einer Birgit Manstein auf dem Altstadtfest einfach ab … Dabei wirkt die Altstadt so beschaulich. Wie in einem netten, volkstümlichen Theaterstück …«

»Wenn man hier steht und dort hinübersieht, vielleicht«, meinte Heidmüller spöttisch.

»Wenn man die kriminelle Energie irgendwie sichtbar machen könnte, läge über diesem Häusermeer dort drüben jetzt ein giftgrüner Nebel …«

Heidmüller lächelte. »Ich hätte nie gedacht, dass du solche ausgefallenen Vorstellungen entwickeln kannst, Pia.«

»Ich meine ja nur, dass die zwei Morde innerhalb von nur sechs Wochen in diesem begrenzten Gebiet reichlich seltsam sind.«

»Es sprengt ein bisschen die Statistik, aber Zufälle soll es ja geben …«

»Und sie waren beide so … dramatisch.«

»Du meinst, die zwei Mordfälle ähneln einander? Ich finde, sie sind so unterschiedlich wie nur was. Eine völlig andere Vorgehensweise, ob ich einen Mann allein im Weinkeller überrasche und ihm eine Schusswaffe an den Kopf setzte, oder ob ich eine Frau im Menschengewühl an einem Bierstand ersteche …«

»Aber es waren in beiden Fällen ungewöhnliche Waffen. Ein alter Armeerevolver aus dem ersten Weltkrieg und eine Art Stilett, über dessen Herkunft wir bisher noch nichts wissen. So als ob sich der Täter in einem Antiquitätenladen bedient hat.«

»Ich glaube, du willst Zusammenhänge sehen, wo gar keine sind, Pia. Lass uns fahren, morgen ist auch noch ein Tag.«

Pia riss sich vom Anblick der Altstadtkulisse los.

»Es gibt aber noch eine Parallele …«, bemerkte sie, während sie weitergingen. »Hast du eigentlich einen guten Draht zum Standesamt in Lübeck?«

»Äh, wieso das denn?«

»Ich möchte etwas überprüfen, diese beiden Mordfälle betreffend. Die dritte Parallele. Das Problem ist, dass ich für die Daten Infos benötige, die man nur im Standesamt bekommt.«

»Wo ist das Problem?«

»Bevor ich es an die große Glocke hänge, möchte ich erst mal sehen, ob meine Vermutung zutrifft …«

»Es könnte schon sein, dass ich dir helfen kann …«, meinte Heidmüller, machte aber ein unbehagliches Gesicht, »was genau brauchst du denn?«

»Eine Liste aus der Sterbebuchabteilung.«

9. KAPITEL

Ich hab gehört, im Fall Biederstätt gibt es etwas Neues?«

Die Fahrstuhltür schloss sich hinter Pia und ihrem Kollegen Michael Gerlach.

»Die Hauspost funktioniert ja gut«, meinte Gerlach abwehrend, nachdem sich die Kabine des Fahrstuhls mit einem Ruck in Bewegung gesetzt hatte.

»Wie immer. Es gibt einen neuen Zeugen, nicht wahr?« Pia war entschlossen, sich nicht abwimmeln zu lassen.

»Der ist nicht neu«, sprang Gerlach prompt auf den Köder an, »der Lebensgefährte von Wolfgang Biederstätt hat sich noch mal gemeldet. Er hatte eine Woche vor dem Mord eine Person in der Küche vom Restaurant angetroffen, von der er meinte, dass sie dort nicht hingehörte. Er konnte aber anfangs nur eine ungenaue Beschreibung abgeben. Nun hat er sie angeblich wiedergesehen und sich ihre Autonummer aufgeschrieben.«

»Das klingt doch ganz vielversprechend. Habt ihr den Fahrzeughalter schon?«

Die Fahrstuhltür glitt auf, doch Pia hatte keine Eile. Wenn Gerlach raus wollte, musste er sich an ihr vorbeidrängeln.

»Ja, aber der ist es nicht. Er sagt, seine Tochter fährt das Auto normalerweise …«

»Komm schon, Gerlach. Lass dir nicht alles einzeln aus der Nase ziehen. Vielleicht gibt es eine Parallele zum Manstein-Fall.«

»Diese Spekulationen kannst du dir sparen. Kürschner hat auf beide Fälle ein Auge. Wenn es Parallelen gäbe, wären sie ihm wohl als Erstem aufgefallen.«

Pia trat aus dem Fahrstuhl. Michael Gerlach mochte ein guter Analytiker sein, und er war gründlich. Aber Pia hatte den Eindruck, dass ihm manchmal das entscheidende Fünkchen Fantasie fehlte.

»Wir sollten uns trotzdem mal zusammensetzen. Mir ist etwas aufgefallen, das beide Mordermittlungen betreffen könnte.«

»Dann geh damit zu Kürschner!«, entgegnete er ihr in barschem Tonfall.

War dieser Mann überhaupt nicht neugierig?

»Ich möchte mehr in der Hand haben, bevor ich ihn aufscheuche. Solange Gabler nicht wieder da ist, hat Kürschner genug um die Ohren.«

Gerlach guckte unentschlossen. War er ohne Unruh überhaupt in der Lage, eine Entscheidung zu treffen, fragte sich Pia mit wachsendem Missbehagen. Der Signalton ihres Mobiltelefons unterbrach ihre Überlegungen. Sie meldete sich und sah gerade noch, wie Gerlach mit eiligen Schritten den Gang hinunter verschwand.

Am Apparat war Heidmüller. Er informierte sie, dass der Mann, den Franziska Dom in der Tatnacht in der Cubango-Bar getroffen hatte, gerade bei ihm saß. Ihn ausfindig zu machen war schneller gegangen als erwartet. Heidmüller bat Pia, an der Befragung teilzunehmen.

In ihrem Büro am Ende des Ganges saß der gesuchte Mann kerzengerade auf dem Besucherstuhl und starrte sie beim Eintreten feindselig an.

Sein Name war Oliver Giese, Beruf Bankkaufmann. Es ging doch nichts über die Menschenkenntnis von Tresenpersonal, dachte Pia amüsiert, während sie an ihrem Schreibtisch Platz nahm.

Heidmüller fasste das bisherige Gespräch kurz zusammen. Im Wesentlichen deckte sich Oliver Gieses Aussage mit der von Birthe Warnholz aus der Cubango-Bar und auch mit der von Franziska Dom.

Er hatte Letztere über eine Kontaktanzeige in einem Szeneblättchen kennen gelernt. Er und Franziska Dom hatten nur einmal miteinander telefoniert und sich für den fraglichen Abend in der Cubango-Bar verabredet. Sowohl der Zeitpunkt als auch der Ort des Treffens waren Franziska Doms Vorschlag gewesen. Oliver Giese hatte sich angeblich über den vorgeschlagenen Treffpunkt gewundert. Normalerweise würden Frauen für ein erstes Treffen andere Etablissements wählen, die weniger zwielichtig waren und nicht derart abgelegen lagen.

»Haben Sie das schon des Öfteren so gemacht?«, hakte Pia nach, »anonyme Verabredungen mit Frauen?«

Oliver Giese zuckte mit den Schultern. »Warum nicht«, meinte er gleichgültig, »es ist eine einfache Methode, Frauen kennen zu lernen. Die Frauen, die Anzeigen aufgeben, sind zumindest nicht in festen Händen, meistens jedenfalls …« Ein überlegenes Lächeln glitt über sein glatt rasiertes Gesicht. »Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass Frauen, die Anzeigen aufgeben oder darauf antworten, oftmals recht leicht zu haben sind. Die eine oder andere hat man dann schon beim ersten Treffen im Bett …«

Pia merkte, wie sie wütend mit den Fingerspitzen auf ihren Schreibtisch trommelte. Sie riss sich zusammen und fragte in kaltem Tonfall: »Aber mit Franziska Dom lag es anders?«

Nun verzog er das Gesicht, als wäre ihm unbehaglich.

Pia hätte ihm die Befragung gern noch etwas ungemütlicher gemacht, aber er war nur Zeuge. Wie er mit ihren Geschlechtsgenossinnen umsprang, war seine Sache, und die der betroffenen Frauen natürlich …

»Herr Giese hat eine recht interessante Beobachtung gemacht«, bemerkte Heidmüller.

Oliver Giese räusperte sich und strich über seine Krawatte. Er sah so aus, als wolle er jetzt einen Vortrag über die Finanzierung von Krediten halten. Stattdessen sagte er zu Pias Überraschung: »Die hat mir Angst gemacht. Ich hab so etwas noch nicht erlebt. Wenn Sie mich fragen, gehört diese Franziska Dom in eine geschlossene …«

»Was an Frau Dom hat Ihnen denn Angst gemacht?«

»Wie sie mich angesehen hat. Es klingt verrückt, aber sie hatte einen Blick, der war irgendwie irre. Ich habe noch nie eine Frau erlebt, die so ichbezogen war. Sie hat ausschließlich über sich selbst geredet, fast als wäre ich Luft für sie. Hauptsächlich ging es um ihren tollen Job in einer PR-Agentur. Als ob ich über Berufliches quatschen wollte, wenn ich mich an einem Freitagabend mit einer Frau treffe.«

»Glauben Sie, das Blinddate war nur inszeniert, und sie war gar nicht auf der Suche nach einem Mann?«

»Doch. Ich glaube, sie hat es nur völlig falsch angepackt. Sie wollte gefallen, das war eindeutig. Aber sie hat mich trotzdem irgendwie abgestoßen. Normalerweise findet man an den meisten Frauen irgendetwas, was einen anmacht. Sie hatte sogar eine ganz gute Figur … ich mag die ganz Mageren nämlich nicht, das hatten wir schon vorher abgecheckt. Aber wenn sie mich angefasst hätte, hätte ich bestimmt eine Gänsehaut bekommen.«

»Sie hatten also den Eindruck, dass sie tatsächlich auf der Suche nach einem Mann war. Das war Sinn und Zweck ihres Treffens mit Ihnen?«

»Doch, ich denke schon. Aber da ging gar nichts. Sie machte auf mich nun mal den Eindruck, als wäre sie nicht ganz normal. Mehr kann ich dazu wirklich nicht sagen. Ich habe mich schnellstmöglich vom Acker gemacht.«

»Um wie viel Uhr haben Sie die Cubango-Bar verlassen?«

»Um zwölf Minuten nach neun. Ich habe draußen auf die Uhr gesehen, um zu entscheiden, wie ich weiter vorgehe. Der Abend war schließlich noch jung. Ich wollte nicht einfach so nach Hause gehen.«

Nicht ohne Begleitung nach Hause gehen, ergänzte Pia in Gedanken. Nachdem sich Franziska Dom als Fehlschlag erwiesen hatte, war Herr Giese gezwungen gewesen, ein anderes Jagdrevier aufzusuchen.

»Frau Dom blieb in der Bar?«, fragte Heidmüller.

»Als ich sie verließ, saß sie immer noch an dem Tisch in der Ecke. Sie hatte sich das Treffen mit mir sicherlich auch etwas anders vorgestellt, aber was soll man machen?«

»Ja, was soll man machen?«, sagte Pia und nickte ihrem Kollegen Oswald Heidmüller zu.

»Vielen Dank, Herr Giese. Es kann sein, dass wir Ihre Aussage später noch einmal offiziell zu Protokoll nehmen müssen«. Mit diesen Worten beendete er die Befragung.

»Habt ihr eine Zeit hier …«, murmelte Oliver Giese und verschwand ohne Gruß.

 

 

 

Pia wartete, bis sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte. »Wir müssen herausfinden, ob an seiner Vermutung etwas dran ist. Wenn Frau Dom tatsächlich psychisch krank ist, müssen wir das wissen.«

»Willst du sie danach fragen?«

»Vielleicht ist sie tatsächlich irgendwo in psychologischer Behandlung? Hat nicht auch die Frau in der Bar so etwas angedeutet?«

»Da gibt es aber noch die ärztliche Schweigepflicht«, meinte Heidmüller, »außerdem hat die Dom ein Alibi! Ein ziemlich gutes sogar. Wenn wir uns richtig Mühe geben, finden wir bestimmt noch mehr Besucher aus der Bar, die sich an sie erinnern.«

»Ja, schade eigentlich.«

»Und was für ein Motiv hätte Frau Dom auch haben sollen, Birgit Manstein zu ermorden?«

»Vielleicht drohte der Dom die Kündigung? Der Job scheint ihr so ungeheuer wichtig zu sein, dass ihr das sicher nicht gefallen hätte. Oder eine persönliche Abneigung? Nach allem, was wir wissen, soll Frau Manstein eine schwierige Chefin gewesen sein.«

»›Schwierige Chefin‹ ist gut.« Heidmüller lachte rau. »Wir haben in dem ganzen Verein nicht einen Mitarbeiter gefunden, der ein gutes Wort für sie eingelegt hat …«

»Außer Valentin Meyer. Der scheint mit Birgit Manstein einigermaßen klargekommen zu sein. Jedenfalls will er uns das weismachen. Glaubst du ihm eigentlich seine Geschichte, von dem sexuellen Ausrutscher mit Birgit Manstein?«

»Es kam zumindest glaubwürdig rüber. Die Frage ist, wie wir das nachprüfen wollen. Vielleicht hegte Meyer nach dieser einmaligen Sache ja doch einen verborgenen Groll gegen seine Chefin. Der abgewiesene jüngere Liebhaber, oder so …«

»Wir sollten ihn keinesfalls außer Acht lassen, nur weil er dieses nette, unkomplizierte Sonnyboy-Image pflegt«, meinte Pia bestimmt. »Wenn wir nichts finden, auch gut, aber wir müssen in dieser Agentur weitergraben. Ich möchte die beiden PR-Beraterinnen noch einmal ausgiebiger befragen. Außerdem interessiert mich die Frau, der vor kurzem gekündigt wurde, diese Anne Barnheim. Und auch mit dem stellvertretenden Geschäftsführer, Jürgen Neumann, sollten wir uns ein zweites Gespräch gönnen.«

»Wollen wir noch mal hinfahren?«

»Nein, wir bestellen sie hierher.« Pia zwinkerte ihrem Kollegen zu. »Dann haben wir dieses Mal den Heimvorteil.«

10. KAPITEL

Sie hatten eine lange Liste aus der Sterbebuchabteilung vor sich liegen. Heidmüller leerte seinen Kakaobecher und zog noch einen Schokoriegel aus seiner Schublade hervor. Pia staunte immer wieder, wie viel Essbares sich in ihrem gemeinsamen Büro unterbringen ließ. In den vergangenen Stunden hatte Ossie konzentriert an seinem Rechner gearbeitet. Während er aß, betrachtete er die Seiten, die nach und nach aus dem Drucker glitten. Ein paar Schokoladenstücke fielen auf sein Hemd, aber er bemerkte es nicht.

»Ich weiß nicht, was du damit anfangen willst, Pia. Jeder Todesfall, bei dem nur der Schatten eines Verdachts besteht, dass es sich nicht um eine natürliche Todesursache handelt, erscheint doch sowieso in unseren Daten«, meinte er unzufrieden.

»Ich möchte aber einen Blick auf die unverdächtig scheinenden Todesfälle werfen. Die, von denen wir normalerweise nichts erfahren. Es gibt hin und wieder Ärzte, die einen Toten nicht so genau ansehen und als Todesart irrtümlicherweise »natürlicher Tod« ankreuzen. Ich habe auch schon gehört, dass es Kollegen bei der Kripo geben soll, die Ärzte dazu gedrängt haben, im Zweifelsfall »natürlicher Tod« anzugeben, weil es ihnen Arbeit erspart.«

»Das sind doch nur haltlose Gerüchte. Kannst du dir einen einzigen Kollegen bei uns vorstellen, der so etwas tun würde?«

»Keinen bestimmten. Aber grundsätzlich kann ich mir alles vorstellen.«

»Weißt du, dass die Sterbeurkunden in Lübeck immer noch an das Gesundheitsamt geschickt werden? Dort nimmt der Amtsarzt auch noch mal eine Plausibilitätsprüfung vor. Es müsste sich nicht nur einer, es müssten sich mehrere Leute irren, bevor ein Mord als natürlicher Todesfall zu den Akten gelegt wird.«

»Aber es passiert trotzdem. Hör mir doch bitte einmal in Ruhe zu: Zwei Morde in der Altstadt innerhalb recht kurzer Zeit, da wird man doch schon mal stutzig. Sie wirken auf den ersten Blick recht unterschiedlich, aber sie weisen gewisse Parallelen auf. Eine davon ist, dass beide Morde in einer Nacht von Freitag auf Samstag passiert sind.

Wolfgang Biederstätt ist an einem Freitag zwischen 23.10 und zirka zwei Uhr morgens ermordet worden. Kurz nach 23 Uhr haben seine Angestellten und die letzten Gäste das Restaurant verlassen. Die Obduktion hat ergeben, dass der Tod nicht nach zwei Uhr morgens eingetreten sein kann, eher früher.

Birgit Manstein wurde an einem Freitagabend um 20.57 Uhr erstochen. Wir wissen das deshalb so genau, weil ein paar Leute direkt neben ihr standen, als es passiert ist.«

»Pia, das ist alles bekannt. Wo liegt der Clou?«

»Es sind im letzen halben Jahr freitags keinerlei Morde mehr passiert, aber es gab einen Todesfall, der als Selbstmord zu den Akten gelegt wurde: Erinnerst du dich an den Mann, der von einem Parkhaus gesprungen ist?«

»Der hat wohl an einem Freitag seinem Leben ein Ende gemacht?«

Pia ging nicht auf Heidmüllers spöttischen Tonfall ein.

»In einer Nacht von Freitag auf Samstag. Es war halb zwei am Samstagmorgen.«

Heidmüller rollte mit den Augen.

»Ossie, der Mann, der sich da heruntergestürzt haben soll, hieß Rickleff Degner. Die Kollegen, die in dem Fall ermittelt haben, hatten einige Zweifel am Tatbestand der Selbsttötung. Sie haben ziemlich viele Befragungen durchgeführt, aber nichts Konkretes herausgefunden.«

»Dann solltest du das Ergebnis, zu dem sie gekommen sind, akzeptieren, Pia.«

»Warte, bis du weißt, wo Rickleff Degner gearbeitet hat: Er war Barkeeper in der Cubango-Bar!«

Heidmüller schob nachdenklich seine Maus auf der Unterlage hin und her. »Das muss nichts bedeuten …«, sagte er, aber es hörte sich nicht mehr ganz so abwehrend an.

»Natürlich nicht. Aber es kann–«

»Wann genau war das mit diesem Rickleff Degner?«, unterbrach Heidmüller sie.

»Am vierten Mai.«

»Ganz schön lange her.«

»Deswegen suche ich ja noch nach weiteren Todesfällen. Speziell der Zeitraum von Mai bis Juli ist interessant. Am sechsundzwanzigsten Juli wurde Wolfgang Biederstätt getötet. Birgit Manstein dann am sechsten September.«

»Na dann viel Spaß beim Suchen!« Heidmüller schob ihr den Papierstapel rüber.

»Okay, das sind viele …«, sagte Pia beeindruckt, »ich wusste gar nicht, dass in Lübeck so viele Menschen sterben …«

»Ich habe erst mal alles ausgedruckt. Du musst sehen, was davon für dich in Frage kommt.« Er ging zu dem kleinen Kühlschrank, den er in einem der Aktenschränke untergebracht hatte, und kam mit einer Familienflasche Cola und zwei Gläsern zurück.

»Bringt dich das weiter?«, fragte er nach einer Weile.

»Mal sehen«, murmelte Pia und griff nach dem Textmarker. Sie strich die Namen aller Verstorbenen an, die in einer Nacht von Freitag auf Samstag gestorben waren. Die untersuchenden Ärzte hatten als Ursache ausnahmslos »natürlicher Tod« angegeben. Enttäuscht legte Pia den Marker zurück auf den Schreibtisch.

»Und? Was willst du jetzt tun?«

»Es kommen doch mehr in Frage, als ich erwartet hatte. Selbst wenn ich mich erst einmal auf das Stadtgebiet konzentriere … Ich werde auch noch die Fälle aussortieren müssen, bei denen die Verstorbenen sehr alt geworden sind. Die Mordopfer waren jünger: Biederstätt war zweiundfünfzig, Birgit Manstein einundvierzig und Rickleff Degner war erst siebenundzwanzig Jahre alt, als er starb.«

»Das ist aber auch nicht gerade eine homogene Gruppe, was das Lebensalter angeht.«

»Kommt darauf an, wie man es betrachtet. Sie waren alle unterschiedlich alt, aber sie standen alle mitten im Leben, und sie waren sozusagen auf dem Höhepunkt ihres Berufslebens.«

»Wenn du die ganz Jungen und die ganz Alten auf der Liste der Sterbebuchabteilung streichst, wie viele bleiben dann noch?«

Pia blätterte noch einmal nervös den Stapel durch. »Noch immer zu viele, selbst im Stadtgebiet«

»Dann vergiss das Ganze, Pia. Ich finde sowieso, dass bei Manstein und Biederstätt nichts auf eine Serie hindeutet.«

»Ne, Ossie, so schnell gebe ich nicht auf. Es gibt Gemeinsamkeiten, wenn auch nicht offensichtlich«, sagte Pia, die inzwischen unempfindlich gegen Einwände geworden war.

»Wenn du diese Spur weiterverfolgen willst, musst du dich mit Kürschner absprechen. Ansonsten läuft gar nichts …«

»Dafür habe ich aber noch nicht genug.«

»Damit könntest du richtig liegen.«

»Ich brauche einfach noch mehr Hinweise, dass mich mein Gefühl nicht trügt. Ein Toter im Juni könnte passen. Erst der Mord im Mai, der Barkeeper aus der Cubango-Bar. Sechs, sieben Wochen verstreichen, dann käme jemand im Juni, von dem wir noch nicht wissen, wer es ist. Dann, fünf, sechs Wochen später der Mord an Biederstätt. Und genau sechs Wochen darauf erwischt es Birgit Manstein auf dem Altstadtfest.«

»Pia. Ich sehe keinerlei Zusammenhang. Wir hatten für unsere Verhältnisse hier einen sehr lebhaften Sommer. Okay. Der Rest ist doch: Reim dich, oder ich fress dich«.

»Es spricht einiges dafür, dass hier in Lübeck ein Mensch herumläuft, der ungefähr alle sechs Wochen einen Mord begeht, und zwar immer in einer Nacht von Freitag auf Samstag.«

»Wenn in sechs Wochen in einer Freitagnacht wieder was passiert, bin ich dabei«, sagte Heidmüller. Er schaltete seinen Bildschirm aus und stand auf.

Pia erhob sich ebenfalls und verstaute die Liste in einer Schreibtischschublade.

»Hast du schon was gegessen?«, fragte Heidmüller.

»Vorhin in der Kantine …«

»Das ist doch schon nicht mehr wahr.« Heidmüller wühlte in den Taschen seiner Jacke nach seiner Geldbörse.

»Was hast du vor?«

»McDonald’s, Pizzeria …«, schlug Heidmüller vor, »oder hast du keinen Hunger?«

»Doch, ich könnte auch was vertragen, kennst du den Chinesen bei der Petrikirche?«

Heidmüller schüttelte den Kopf. »Ist nicht so meine Gegend.«

Wenn er chinesisches Essen nicht mochte, dann hätte er Pias Ansicht nach lauter protestieren müssen. Der Imbiss war ihr bevorzugter Anlaufpunkt, wenn sie auf die Schnelle etwas Warmes essen wollte. Außerdem war es von hier nur noch ein kurzer Fußmarsch zu ihr nach Hause.

Heidmüller stand ein paar Schrecksekunden draußen vor dem Imbiss und starrte auf die unappetitlich verfärbten Fotos der angebotenen Gerichte. Dann schien sein Hunger seine Zweifel niederzukämpfen, und er folgte ihr in das kleine Lokal.

Drinnen war es schwülwarm und roch nach heißem Fett. Aus der offenen Küche drangen die Geräusche rauschender Gasbrenner und der Zutaten, die in den Woks zischten. Heidmüller bestellte sich Schweinefleisch süßsauer. Dann beobachtete er verwundert, wie die Bedienung Pia angrinste, mehrmals nickte und dem Koch im Hintergrund etwas Unverständliches zurief. Das Gericht sei angeblich zu scharf für gewöhnliche Mitteleuropäer, raunte Pia ihm zu, deshalb stünde es erst gar nicht auf der Karte.

»Und warum isst du so etwas?«, fragte Heidmüller verunsichert.

»Meine Geschmacksnerven sind irgendwie gestört«, antwortete sie, »wahrscheinlich eine verpfuschte Vollnarkose, als sie mir als Kind die Mandeln rausgenommen haben.«

»Die würde ich heute noch verklagen …«

»Ach was. Ich hab einen Deal mit dem Typen hier. Wenn ich es schaffe, alles aufzuessen, geht das Getränk auf Kosten des Hauses.«

Heidmüller schüttelte sich.

Nachdem sie gegessen hatten, fühlte Pia ihre Energie und Unternehmungslust zurückkehren. Den Blick über Plastikblumen auf die triste, graue Straße gerichtet, sagte sie: »Ist dir nicht auch danach, noch etwas trinken zu gehen? Zum Beispiel in der Cubango-Bar.«

»Schon wieder diese Bar? Wenn du dort noch mal hin willst, bitte sehr. Ich bin satt und müde und gehe in mein Heiabett …«

»Aber jetzt ist die richtige Uhrzeit, um sich unters Volk zu mischen und zu sehen, wer sich an den verstorbenen Barkeeper erinnert, diesen Rickleff Degner …«

»Endlich weiß ich, weshalb sie mich zu dir ins Büro gesetzt haben. Es ist eine Strafe. Ich muss früher mal etwas ganz Böses getan haben, von dem ich nur nichts mehr weiß. Du gibst einfach nie Ruhe, nicht wahr?«

»Du solltest nicht alles glauben, was du hörst.«

»Ich habe gar nichts gehört. Ich erfahre dich hier sozusagen in Farbe und mit Dolby Surround. Wenn ich diese Kost hier überleben sollte, dann können wir uns morgen über weitere Barbesuche unterhalten.«

Es hörte sich an wie sein letztes Wort. Ein außergewöhnlich energisches für den sonst so zurückhaltenden Heidmüller. Pia beschloss, seine 120 Kilo nicht noch weiter in Rage zu reden und ging zahlen.

Als ihr Kollege mit seinem Wagen davongefahren war, stand sie einen Moment lang unschlüssig da. Ihr Blick richtete sich mehr zufällig auf die graue, hohe Fassade hinter ihr: Sie stand im Schatten eines Parkhauses. Des Parkhauses, von dem ihr erst in diesem Moment klar wurde, dass es das sein musste, von dem Rickleff Degner zu Tode gestürzt war. Ihres Wissens nach war es das einzige in Lübeck, das hoch genug war.

Sie sah bis ganz nach oben und schauderte trotz der warmen Abendluft. Sie musste vorhin ziemlich hungrig gewesen sein, sodass es ihr nicht sogleich aufgefallen war.

Ein Auto mit heruntergelassenen Fensterscheiben raste an Pia vorbei, die Musik voll aufgedreht. Die dumpfen Bässe, die aus den Lautsprechern drangen, hallten noch eine Weile zwischen den Häuserwänden nach. Dieses schwüle Wetter macht die Menschen verrückt, dachte Pia.

Sie beschloss, sich trotz allem noch einen Absacker in der Cubango-Bar zu gönnen. Bei dieser Wärme konnte sie in ihrer schlecht isolierten Dachwohnung sowieso kaum schlafen.

 

 

 

»Erik sieht es nicht gern, wenn die Polizei hier zur besten Zeit seine Gäste belästigt.«

»Ich belästige niemanden, ich möchte etwas trinken …«

»Meinetwegen können Sie hier jeden einer Leibesvisitation unterziehen. Aber ich soll Ihnen sagen, dass er Sie im Auge behält. Was wollen Sie trinken?«

»Eine Bloody Mary!«

»So etwas hat hier seit ewigen Zeiten keiner mehr bestellt …«

»Wenn ihr keinen Tomatensaft habt, gebt mir den Wodka halt pur«.

Birthe Warnholz guckte, als hätte Pia einen unanständigen Vorschlag gemacht. Dann zeigte sie grinsend ihren schwarzen Eckzahn: »Wir sind hier eine Cocktailbar. Warten Sie es nur ab …«

Einen Augenblick später kam der Herr und Meister der Bar persönlich an ihren Tisch und stellte ein großes Glas mit rotem Inhalt vor ihr ab. Er stellte ein Bier dazu und setze sich ungefragt auf den gegenüberliegenden Stuhl.

»Welchem Umstand verdanke ich die Ehre?«, fragte Pia den stämmigen Mann mit dem kahl rasierten Schädel.

»Sie wollen doch sicher reden?«

»Irrtum. Ich wollte etwas trinken. Wenn ich im Dienst bin, trinke ich nicht.«

»Ich möchte aber mit Ihnen reden. Birthe hat gesagt, Sie interessieren sich für ein paar meiner Gäste.«

»Das haben wir gestern bereits mit Frau Warnholz geklärt. Sie waren zu dem Zeitpunkt, als diese Leute hier waren, gar nicht in Ihrer Bar. Worüber wollen Sie denn mit mir reden?«

»Ich will, dass Sie meine Gäste in Ruhe lassen. Wenn hier dauernd die Bullen rumlungern, spricht sich das schnell rum. Der Laden ist tot, bevor ich auch nur die erste Kreditrate getilgt habe.«

»Ich sitze hier einfach nur friedlich bei einem Feierabend-Cocktail. Aber wenn Sie weiterhin in dieser Lautstärke von den »Bullen« reden, weiß gleich auch der letzte Typ hinten vorm Klo, was ich beruflich mache. Gehen Sie doch einfach wieder hinter Ihre Bar, dann passiert Ihrem Geschäft auch nichts.«

»Verdammt!«, fuhr er sie an. Ein paar Gäste hoben die Köpfe.

»Da sehen Sie es. Wenn Sie mehr zu sagen haben, kommen Sie besser in den nächsten Tagen in mein Büro. Behördenhochhaus, Kommissariat 1. Mein Name ist Korittki. Dort können wir dann reden, ohne dass Sie sich irgendeinen Zwang antun müssen. Zum Beispiel über Rickleff Degner.«

Er sah sie an und suchte nach einer passenden Erwiderung. Dann erhob er sich und nahm sein Glas. »War das eine offizielle Einladung?«

»Das war ein Vorschlag. Wenn ich es offiziell mache, dann merken Sie es schon.«

»Ich behalte Sie im Auge«, zischte er leise. Es klang jedoch bedrohlicher als sein Ausbruch vor ein paar Minuten.

»Tun Sie das.«

Pia hatte entschieden, dass es nicht der richtige Zeitpunkt war, ihn über den verstorbenen Barkeeper, Rickleff Degner, zu befragen. Sie bereute, seinen Namen überhaupt erwähnt zu haben. Das würde Erik Braun nur Zeit geben, sich etwas über ihn zurechtzulegen.

Als sie wieder allein am Tisch saß, probierte sie den vor ihr abgestellten Longdrink. Die Mischung jedenfalls war gut, scharf genug. Pia ließ ihren Blick langsam über die anwesenden Gäste gleiten. Das Publikum in der Bar war etwas jünger als sie, im Schnitt Mitte zwanzig. Es gab auch ein paar deutlich ältere Herren, die sich zwischen den gebräunten, halb nackten Frauenkörpern recht wohl zu fühlen schienen. Für die konnte der Sommer wahrscheinlich noch ewig so weitergehen.

Als Pia eine halbe Stunde später an den Tresen zu Birthe Warnholz ging, um zu bezahlen, meinte diese: »Sie sollten morgen um diese Zeit kommen. Da ist Erik nämlich nicht da. Und der Laden hat dann ein paar recht interessante Gäste zu bieten.«

»Inwiefern interessant?«

»Jetzt nicht …«

Pia bemerkte den bohrenden Blick des Barbesitzers, der jede Bewegung seiner Angestellten genau im Auge behielt. Sie warf einen Geldschein auf den Tresen und verließ die Bar.

11. KAPITEL

Die haben bestimmt Hunde«, zischte Kläre nervös.

»Vielleicht haben sie welche, vielleicht auch nicht …« Isabel lächelte.

»Und was ist, wenn sie die rauslassen?« Kläre kauerte im Schatten des Rhododendron und starrte über die weitläufige Rasenfläche zu dem Bungalow hinüber. Es war eine mondhelle Nacht, und man konnte das weiße Haus und das Schwimmbecken daneben gut erkennen.

»Der Pool sieht einladend aus«, wisperte Isabel. Sie leckte sich über die Oberlippe und boxte Kläre aufgeregt gegen den Oberarm. »Komm, dann sind wir zuerst im Wasser!«

»Nein, lass uns auf Joe und Albrecht warten. Vielleicht ist doch jemand zu Hause.«

In diesem Moment tauchte Albrechts schlanke Gestalt zwischen den Bäumen auf. Joe folgte ihm. Sie kamen von ihrem Erkundungsgang zurück.

»Alles ruhig. Die Besitzer scheinen weggefahren zu sein, die Garage ist leer. Keine Hunde …«, berichtete Albrecht.

»Vielleicht haben die einen Wachdienst engagiert?«, meinte Joe unsicher. Beim letzten Mal, als sie nachts heimlich in einem fremden Pool gebadet hatten, hatte er auf der Flucht vor Wachpersonal seine teuren Nikes verloren.

»Ich muss jetzt ins Wasser!« Isabel sprang auf und lief im Schatten der dunklen Büsche in Richtung Swimmingpool. Die anderen folgten ihr, bis sie alle am Rand des nierenförmigen Beckens standen. Das Wasser lag spiegelglatt in der Dunkelheit.

Isabel zog sich das T-Shirt über den Kopf und schlüpfte aus ihrer Jeans. Kläre beobachtet Albrecht und Joe, die sich ebenfalls ihrer Kleidung entledigten. Sie registrierte besorgt die sehnsüchtigen Blicke, mit denen Joe ihre Freundin verfolgte. Wie lange wollte er Isabel noch aus der Ferne anhimmeln? Gegen Albrecht käme er niemals an, dachte Kläre und streifte ihre Sandalen ab. Die Fliesen waren noch aufgeheizt vom Tag, wärmer als die Luft.

Isabel nahm Anlauf und sprang. Albrechts Ausruf »Nicht so laut, Isabel!« vernahm sie nicht mehr. Sie landete mit einem Platschen im Wasser, das in Kläres Ohren verheerend laut klang. Auf dem Weg hierher hatte sie gesehen, dass in den Nachbarhäusern noch Licht brannte.

Joe hechtete mit einem mehr oder minder eleganten Kopfsprung hinter Isabel her.

»Kommst du auch, Kläre?« Albrecht stand nackt und völlig unbefangen vor ihr im Mondlicht.

»Ja, ja, ich komme gleich«, sagte sie und hoffte, er würde endlich den anderen folgen. Seine Aufmerksamkeit war ihr unangenehm. Sie hatte sich von Isabel überreden lassen, an dieser nächtlichen Aktion teilzunehmen. Einem Ritual, das schon so alt war wie die Freundschaft der drei selbst. Sie zog sich langsam aus.

»Du machst dir Sorgen wegen Joe?«, fragte er ruhig.

»Wie kommst du darauf?«

»Glaubst du, wir wissen nicht, was mit ihm los ist? Er ist völlig verrückt nach Isabel, aber er würde es nie zugeben. Sobald er das täte, müsste er nämlich mit mir konkurrieren, und das traut er sich nicht. Deshalb himmelt er sie lieber heimlich an. Isabel und mich stört es nicht.«

»Ihr wart schon immer rücksichtslos.«

»Ab und zu fallen ein paar Krümel ab für ihn vom reich gedeckten Tisch. Das genügt ihm.«

»Meinst du!«

Kläre dachte an sich selbst. An das, was für Menschen wie sie und Joe »abfiel«, wenn sie sich in den Falschen verliebten.

»Vertrau uns einfach. Wir sind deine Freunde.«

»Isabel ist meine Freundin«, antwortete Kläre.

»Mach es dir doch selbst nicht so schwer …«, hörte sie ihn noch sagen. Dann war auch er im Wasser. Kläre setzte sich an den Beckenrand und ließ die Füße ins Wasser baumeln. Merkten die anderen gar nicht, dass das Wasser eiskalt war. Der Sommer war vorbei.

Sie beobachtete die drei, wie sie begierig den Augenblick genossen. Sie nahmen sich einfach, was immer sie wollten. Beneidete sie sie eigentlich um ihre Unbekümmertheit? Vielleicht hatten Isabel, Joe und Albrecht Recht und sie machte sich selbst nur das Leben schwer?

Kläre ließ sich in das kalte Wasser gleiten. Im ersten Moment verschlug es ihr den Atem. Die Kälte schien bis tief in ihre Eingeweide zu dringen und alles zu betäuben. Es war schrecklich und schön zugleich. Das Wasser ließ sie wie schwerelos schweben und streichelte sie.

Kläre legte sich auf den Rücken und ließ sich treiben. Ihr Kopf lag so tief im Wasser, dass es ihre Ohren verschloss. Sie sah hinauf in die Sterne und genoss den Augenblick der Stille und der Schwerelosigkeit.

So kam es, dass sie erst ziemlich spät bemerkte, was vor sich ging. Isabel spielte mit Joe, neckte ihn. Sie hielt ihn fest, versuchte, ihn unter Wasser zu ziehen und entwand sich dann wieder lachend seinem Zugriff. Joe sah so aus, als wüsste er nicht so recht, wie ihm geschah. Albrecht zog unterdessen ein paar Bahnen in dem kleinen Pool und lächelte Isabel dabei ab und zu verschwörerisch zu.

Nervös beobachtete Kläre, wie Isabel und Joe kurz darauf aus dem Pool stiegen und in dem kleinen Gartenhaus verschwanden, das unweit des Beckens stand.

Damit war der Spaß für sie vorbei. Kläre kletterte ebenfalls aus dem Wasser und trocknete sich mit ihrem Sweatshirt ab so gut es ging. Sie zitterte vor Kälte und hätte viel für ein großes, wärmendes Badetuch gegeben. Eine fest gefügte Regel bei diesen »Splish-Splash-Poolüberfällen« lautete jedoch, dass es spießig sei, Handtücher mitzunehmen. Als sie sich und auch ihr Haar notdürftig trockengerubbelt hatte und es mit Schwung zurückwarf, stand Albrecht unversehens vor ihr.

Diesmal war er so nah an sie herangetreten, dass sie die Wassertropfen sehen konnte, die in seinen langen Wimpern hingen. Ihr wurde heiß und kalt zugleich. Albrecht sah sie durchdringend an, eine Aufforderung in seinem Blick, die unmissverständlich war. Das Begreifen kam langsam und war demütigend.

»Vergiss es, Albrecht. Vergiss es einfach, egal was Isabel dir gesagt hat …«

»Ich habe keine Angst … ich hab ein Gummi dabei.«

Sie glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. Im ersten Moment war ihr Gehirn wie leer. Waren sie heute alle völlig übergeschnappt? Nach einem tiefen Atemzug sagte sie ruhig: »Schön für dich. Ich mag dich aber einfach nicht, Albrecht. Überhaupt nicht«.

»Wie du meinst, Claire …«

Er sprach ihren Namen aus, wie Thomas es immer getan hatte. Kläre hätte vor Wut und Schmerz aufschreien mögen, aber sie biss sich nur auf die Lippe und wendete sich von ihm ab.

Später, als sie sich wieder gefasst hatte, stellte sie Isabel zur Rede: »Du hast mit Joe geschlafen. In diesem Gartenhaus. Weißt du eigentlich, wie blöd ich mich gefühlt habe?«

»Wieso hast du dich blöd gefühlt?«

»Weil Albrecht … ich hatte den Eindruck, er wollte was von mir. Aber nicht wirklich. Gib es zu: Du hast ihn überredet, mich anzumachen!«

»Klärchen. Ich wollte, dass du dich besser fühlst. Du hast weiß Gott genug durchgemacht in letzter Zeit. Und Albrecht hätte es gern getan …«

»Für dich!«

»Und wenn schon. Du hast dich schließlich auch beschwert, ich ließe Joe am langen Arm verhungern. Also habe ich mich ein bisschen um ihn gekümmert.«

Kläre starrte ihrer Freundin ins Gesicht. Das Weiß ihrer Augen strahlte unnatürlich hell, und die Innenränder ihrer Nasenlöcher waren gerötet. Das erklärte einiges. Wütend packte Kläre ihre Freundin am Arm.

»Du hast was genommen, bevor wir herkamen, Isabel. Du hast gesagt, du lässt in Zukunft die Finger davon!«

»Habe ich das? Ich verstehe nur nicht, weshalb es dich aufregt, wenn ich ausnahmsweise einmal mit Joe bumse. Er ist doch ganz in Ordnung. Und zwischen mir und Albrecht ändert es nichts …«

»Ich rege mich auf, weil du mit einem Typen schläfst, den du gerade einmal ganz in Ordnung findest.«

Isabel lachte. Sie lachte Kläre ins Gesicht und strich ihr sacht mit dem Zeigefinger über die Wange.

»Besser, als mit einem zu schlafen, der nicht ganz in Ordnung ist.« Am nächsten Morgen befragten Pia Korittki und Oswald Heidmüller nochmals einige Angestellte der Agentur Magenta, allerdings ohne neue Erkenntnisse zu erhalten. Am Nachmittag erschien dann Anne Barnheim, die Frau, die Franziska Doms Angaben zufolge von Birgit Manstein entlassen worden war, bei Pia im Büro. Sie war ohne Probleme ausfindig gemacht worden und der Einladung ins Kommissariat 1 gern gefolgt. Aufgeregt sprudelte aus Anne Barnheim alles heraus, was ihrer Meinung nach zwischen ihr und Birgit Manstein abgelaufen war. Pia hatte den Eindruck, dass sie diese Geschichte schon so oft erzählt hatte, dass inzwischen fast ein Einpersonenstück daraus geworden war.

Frau Barnheim berichtete, dass sie von Frau Manstein bei Magenta fortwährend schikaniert worden sei. Die Kündigung war mehr oder weniger eine Erlösung für sie gewesen. Angeblich war es der Manstein innerhalb kurzer Zeit gelungen, Anne Barnheims Selbstbewusstsein dermaßen zu demontieren, dass sie im Anschluss an ihren Rausschmiss zwei Wochen lang weder ihr Bett, geschweige denn ihre Wohnung, hatte verlassen können.

»Ich hatte einen totalen Zusammenbruch«, sagte sie mit einem Kopfschütteln, »ich habe nur noch geschlafen. Mein Hausarzt meinte, das war eine Art Kreislaufzusammenbruch. Ach, ich bin nur froh, dass das vorbei ist. Nun arbeite ich in einer anderen Firma, wo das Betriebsklima stimmt. Es geht mir wieder gut. Aber wenn ich an die Manstein denke oder an Magenta, dann kommt mir immer noch die Galle hoch.«

»Hat sie andere Mitarbeiter ähnlich schlecht behandelt?«

Anne Barnheim nickte nachdenklich: »Ja, im Grunde hat sie es bei jedem versucht. Es hätte mir ein Trost sein können, dass ich nicht die Einzige war, aber es hat nichts geholfen. Es war wirklich eine schreckliche Zeit …« Als Anne Barnheim das Kommissariat verließ, war es kurz nach fünf Uhr. Pia notierte sich die Gesprächsergebnisse. Ossie, der heute den ganzen Tag vor seinem Rechner gehockt hatte, streckte sich und schien sich langsam auf seinen Feierabend vorzubereiten. Plötzlich ging die Tür auf und Marten Unruh stand in ihrem Büro.

»Pia, kannst du mal eben mit rüberkommen, um bei einer Vernehmung dabei zu sein?«

»Wen hast du denn da?«

»Eine Kläre Tensfeld.«

Pia sagte der Name nichts.

»Sie ist vermutlich die Frau, die Biederstätts Lebensgefährte im Kupferhaus gesehen hat. Jedenfalls dem Autokennzeichen nach, das dieser Markus Kessel später notiert hat. Sie ist die Tochter des Fahrzeughalters. Sie war an dem Tag, als Kessel das Kennzeichen notiert hat, mit dem Wagen unterwegs.«

»Alles klar, ich komme gleich rüber.«

Unruh nickte und verschwand sofort wieder.

Pia zwinkerte Ossie über die Schreibtische hinweg zu. Hier kam ihr der Umstand zu Hilfe, dass die männlichen Kollegen es möglichst vermieden, allein eine Frau zu vernehmen.

»Pass schön auf und erzähl mir, was los war«, meinte Ossie zu ihr. Seit er in Pias Theorie eingeweiht war, dass die Morde in Zusammenhang stehen könnten, verfolgte auch er den Fall Biederstätt mit Interesse.

Pia klappte die vor ihr liegende Akte zu und griff nach ihrem Kaffeebecher.

»Sieht so aus, als hätte Unruh Angst, die Frau könne es sich im letzten Moment noch anders überlegen und sich in Luft auflösen«, meinte sie, bevor sie ihr Büro verließ.

Pia begrüßte Kläre Tensfeld. Die Hand der jungen Frau war eiskalt. Und auch sonst zeigte sie deutliche Anzeichen inneren Aufruhrs. Ihr Gesicht war kalkweiß und starr. Es wurde von langen Haaren eingerahmt, die sie in der Mitte gescheitelt trug. Sie erinnerte Pia an Darstellungen der Jungfrau Maria auf alten Kirchenbildern. Nur der blaue Umhang und der Heiligenschein fehlten. Und natürlich das Kind …

Nachdem die Formalitäten erledigt waren, begann Unruh mit der Befragung. Pia hatte ihn selten so behutsam vorgehen sehen. Er versuchte wohl, Kläre Tensfeld ihre Nervosität zu nehmen, indem er für seine Verhältnisse fast freundlich mit ihr redete. Mit bescheidenem Erfolg.

Kläre Tensfeld bestätigte, dass sie an dem Tag, als Markus Kessel sich ihr Autokennzeichen notiert hatte, in der Stadt gewesen sei. Sie erinnerte sich sogar daran, dass jemand sie in der Kneipe beobachtet hatte und ihr anschließend auf die Straße gefolgt war.

Kläre Tensfeld bestritt jedoch, dem Mann, der sie verfolgt hatte, jemals vorher begegnet zu sein. Weder der Name Markus Kessel noch Wolfgang Biederstätt riefen irgendeine Erinnerung in ihr hervor. Erst als Unruh den Zusammenhang zwischen dem Mord an dem Lübecker Restaurantbesitzer und dem Namen Biederstätt herstellte, schien sie zu begreifen, worum es ging. Kläre Tensfeld sah aus, als bräche sie im nächsten Moment in Tränen aus. Sie gab an, noch nie in ihrem Leben im Kupferhaus gewesen zu sein. Sie wusste jedoch, wo es sich befand.

Zu Pias Überraschung nahm sich Marten Unruh die Zeit, detaillierte Angaben zu Kläre Tensfelds Person zu erfragen. In dünnen Worten erfuhr sie von einer Ausbildung zur Industriekauffrau und ihrer Wohnung im Haus der Eltern, die sie erst kürzlich wieder bezogen hatte.

Erst als Marten Unruh sie nach der anderen Frau fragte, die nach Kessels Angabe mit ihr zusammen in der Kneipe gesessen hatte, hob Kläre Tensfeld ihr Kinn und sah ihm trotzig in die Augen: »Ihr Name ist Beate Fischer«, sagte sie klar und deutlich. »Wir haben uns zufällig am Vormittag in der Stadt getroffen und uns dann für nachmittags in der Wahmstraße verabredet.«

»Woher kennen Sie Frau Fischer?«

»Sie ist eine alte Schulfreundin … Wir haben uns aus den Augen verloren, als Beate Stewardess wurde und aus Lübeck weggezogen ist. Wir sehen uns nur noch selten …«

»Können Sie uns die Adresse von Frau Fischer geben, oder eine Telefonnummer?«

»Nein.« Sie klang fast ungeduldig.

»Und welche Schule haben Sie besucht?«

»Wir waren beide auf dem Kloster-Gymnasium«, sagte sie, und Pia zuckte leicht, weil auch sie dort zur Schule gegangen war.

»Beates alte Adresse war der Fahlenkampsweg … Aber in dem Haus wohnt jetzt jemand anders. Ich bin mal irgendwann dort vorbeigefahren und habe nachgeschaut«, fügte Kläre Tensfeld hinzu.

»Welcher Jahrgang?«, fragte Unruh mit einem Anflug von Anspannung in der Stimme.

Kläre Tensfeld nannte ihn ungerührt. Sie war fünf Jahre nach Pia von der Schule abgegangen.

»Beate Fischer auch?«

»Ja, wir haben zusammen Abi gemacht.«

Sie verschweigt uns etwas, dachte Pia. Aus irgendwelchen Gründen hat Kläre Tensfeld Angst davor, die Wahrheit zu sagen. Aber es gab tausende von Gründen, die Menschen dazu bewegen konnten, falsche Angaben zu machen oder Tatsachen zu verschweigen. Das machte sie noch lange nicht zu Verbrechern …

»Na schön. Ich habe keine weiteren Fragen mehr«, sagte Unruh.

Pia beobachtete, wie die Frau im Zeitlupentempo aufstand. Sie hatte erwartet, dass sie erleichtert sein würde, wenn die Befragung vorbei war. Stattdessen wirkte sie weiterhin verkrampft und angespannt.

»Kannten Sie eine Birgit Manstein?«, fragte Pia einer Eingebung folgend.

Unruh sah sie irritiert an.

»Der Name sagt mir was. Ist es die Frau, die auf dem Altstadtfest ermordet wurde?«

»Ja. Der Name ging durch die Presse«, sagte Unruh mehr zu Pia als zu Frau Tensfeld.

»Kannten Sie sie persönlich?«

»Nein … Ich dachte, wir wären fertig?«

Der erste Anflug von Widerspruchsgeist, vermerkte Pia im Stillen. Sie ignorierte den warnenden Blick, den Unruh ihr zuwarf. »Sagen Sie mir noch, ob Ihnen der Name Rickleff Degner etwas sagt.«

Gespannt wartete Pia auf ihre Reaktion, doch mit dem, was dann geschah, hatte sie nicht gerechnet. Sie sah Panik in Kläre Tensfelds Augen aufleuchten, während ihre Gesichtszüge wie versteinert blieben. Dann fuhr sich die junge Frau mit der Hand vor den Mund, als wolle sie einen Schrei ersticken. Kläre Tensfelds Gesicht verzog sich gequält, sie verdrehte die Augen, und die Beine klappten unter ihr weg.

Pia umfasste die junge Frau. Doch Kläre Tensfeld war unerwartet schwer, sodass Pia sie nur kurz halten konnte und den schlaffen Körper dann behutsam zu Boden gleiten ließ.

»Verdammt, Pia!«, entfuhr es Marten Unruh, der gar nicht so schnell hinter seinem Schreibtisch hervorkommen konnte, wie er wollte. Pia kniete vor der reglos daliegenden Kläre Tensfeld und hielt ihren Kopf.

Unruh warf Pia noch einen misstrauischen Blick zu und griff nach dem Telefon, um die Sanitäter im Haus zu informieren. Pia strich der bewusstlosen Frau das Haar aus dem Gesicht. Ihre Haut fühlte sich kalt und feucht an. Sie versuchte, sich an brauchbare Verhaltensregeln aus den unzähligen Erste-Hilfe-Kursen zu erinnern, an denen sie teilgenommen hatte. Kläre Tensfelds Augenlider begannen zu zucken, und sie stöhnte leise. Sie kam wieder zu sich.

Pia redete beruhigend auf sie ein: »Sie sind in Ohnmacht gefallen. Nichts Schlimmes. Wir haben schon Hilfe gerufen.«

»Es – es geht schon wieder.« Kläre Tensfeld setzte sich langsam auf und rieb sich die Stelle, wo Pia fest zugefasst hatte.

»Das ist mir schon lange nicht mehr passiert«, meinte sie verwundert, »nur früher einmal, beim Blutabnehmen. Das ist mir jetzt aber unangenehm …«

Sie raffte sich langsam hoch und ließ sich von Pia auf den Stuhl vor Unruhs Schreibtisch bugsieren.

Es dauerte nicht lange, da stürmten zwei Sanitäter in den Raum. Sie untersuchten Kläre Tensfeld kurz und bestanden darauf, sie mit in den Sanitätsraum zu nehmen. Der Blick, den sie Unruh zuwarfen, als sie die zittrige Frau aus dem Büro brachten, hätte auch einen Handtaschenräuber beschämt, der alte Omis um ihre monatliche Rentenzahlung erleichterte.

»Na großartig«, meinte er zu Pia, als sie allein in seinem Büro standen. »Die Fronten sind ja nun eindeutig geklärt. Jetzt heißt es, ich quäle hier junge Frauen bis zur Bewusstlosigkeit. Hättest du dir deine letzten Fragen nicht schenken können? Dann wäre sie vielleicht erst im Fahrstuhl zusammengeklappt, oder draußen …«

»Du solltest in Zukunft immer eine Flasche Kreislauftropfen in deiner Schublade bereithalten. Für alle Fälle …«

»Hey, der Knock-out kam von dir. Was sollte das überhaupt? Sie ist Zeugin im Fall Biederstätt. Warum hast du sie nach der Manstein gefragt? Und dieser andere Name, Pia, was hat der mit den Ermittlungen zu tun?«

Die Lockerheit, die kurze Entspannung nach dem Schrecken, war sofort wieder verflogen. Pia konnte ihm nicht einmal verdenken, dass er sauer war. Kläre Tensfeld war seine Zeugin in seinem Fall. Sie hatte hier eigentlich nur daneben sitzen sollen.

Nach kurzem Zögern entschloss sie sich, Marten gegenüber offen zu sein.

»Ich habe Anhaltspunkte dafür entdeckt, dass die Morde Biederstätt und Manstein irgendwie zusammenhängen. Ebenso der Tod eines gewissen Rickleff Degner, der angeblich Selbstmord begangen hat. Ich habe aber noch nicht genügend in der Hand, um Kürschner zu überzeugen.«

»Dann solltest du dir schleunigst etwas Handfestes beschaffen, Korittki. So jedenfalls geht das nicht. Meine Zeugin mit zusammenhanglosen Fragen zu verschrecken, sodass sie in meinem Büro in Ohnmacht fällt. Ich finde, das geht entschieden zu weit.«

»Dann denkst du, was ich denke? Kläre Tensfeld hat die Frage nach Rickleff Degner zwar nicht direkt beantwortet, aber ich glaube, sie kannte ihn. Ihre Ohnmacht könnte eine Reaktion auf seinen Namen gewesen sein.«

»Wahrscheinlicher ist, dass es ihr ohnehin nicht gut ging, so blass, wie die war. Sie wurde ohnmächtig, weil sie schon die ganze Zeit so verkrampft dagesessen ist. Als sie dann aufstand, ist ihr Kreislauf zusammengebrochen. Vielleicht ist sie ja auch schwanger, oder so etwas.«

»Marten, jetzt lenk nicht ab. Wenn sie diesen Rickleff Degner kannte, steht sie in Verbindung mit mindestens zwei von drei unnatürlichen Todesfällen in den letzten vier Monaten.«

»Aber sie hat nicht gesagt, dass sie ihn kannte. Ich glaube, sie kannte auch Birgit Manstein und Wolfgang Biederstätt nicht. Alles, was sie hierher geführt hat, ist ihr verdammtes Autokennzeichen. Notiert von Markus Kessel, der krampfhaft auf eigene Faust nach einer Erklärung für den Mord an seinem Freund sucht.«

»Bist du denn sicher, dass Kessel die Tensfeld wiedererkannt hat, oder meinte er vielleicht diese Beate Fischer?«

Marten Unruh vertiefte sich kurz in seine Notizen. »Mist!«, fluchte er schließlich. »Die Beschreibung hat keine große Ähnlichkeit mit Kläre Tensfeld. Wenn dieser Kessel nicht völlig spinnt, dann meinte er wohl die andere, diese Beate Fischer.«

»Wie wäre es mit einer Gegenüberstellung? Dann weißt du, ob er Frau Tensfeld gesehen hat oder nicht.«

»Mal sehen …«

»Es gibt noch ein paar weitere Zusammenhänge zwischen den Todesfällen, Marten.«

Pia bemerkte, dass ihre Stimme vor Ungeduld einen scharfen Ton angenommen hatte.

»Sprich mit Kürschner darüber. Oder besser noch mit Kriminalrat Gabler. Der kommt morgen endlich aus dem Urlaub zurück. Mir reicht der ganze Mist, den ich momentan auf dem Schreibtisch habe, völlig aus.«

Pia starrte ihn wütend an. Er glaubte ihr nicht. Er machte sich nicht einmal die Mühe, über das Gesagte nachzudenken. Sie wusste, wäre er irgendein anderer Kollege, es wäre locker wegzustecken gewesen. Sie hatte einfach noch nicht genug in der Hand, um jemanden zu überzeugen. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis sie genug zusammenhatte. Schade nur, denn gerade von Marten hatte sie etwas mehr erwartet.

»Was manchmal fehlt, ist der Überblick!«, sagte sie eisig und verließ sein Büro.

12. KAPITEL

Hey, Schwesterchen«, begrüßte Nele sie und spazierte in Pias Wohnung, als wäre es ihre eigene. »Ich wollte mal sehen, ob man dich heute noch aus deinem Versteck locken kann …«

Sie war gekleidet, als ob sie Größeres vorhatte an diesem Abend. Nele trug Netzstrümpfe zu einem kurzen Volantrock und eine Jeansjacke aus silbrigem Stoff. Pia, die gerade nach Hause gekommen war und es sich in T-Shirt und Jogginghose bequem gemacht hatte, sah ihr mit mühsam unterdrücktem Unwillen hinterher.

Nele strich mit den Fingerspitzen über das Lammfell auf dem alten Sofa und hob ein aufgeschlagenes Buch vom Boden auf, um den Titel zu lesen. Dann stellte sie sich vor die Staffelei unter dem Atelierfenster und begutachtete mit schräg gelegtem Kopf Pias neuestes Bild.

»Etwas zu viel Schwarz …«, stellte sie sachlich fest und drehte sich zu ihr um.

»Möchtest du eins kaufen?«

»Ich hab kein Geld, Pia. Chronisch pleite … Aber ich mag deinen Stil.«

»Warum bist du hier, Nele?«

»Sei nicht so streng, Frau Kommissarin. Ich kam gerade vorbei und dachte, ich schau mal bei dir rein. Mama sagte, mit Robert sei endgültig Schluss?«

»Ja. Hast du Ambitionen?«

Nele lachte und ließ sich auf das Sofa sinken.

»Bewahre, Pia! Sei froh, dass du den los bist. Ich bin hier, um dich an nächste Woche zu erinnern, Toms Hochzeit, du weißt schon …«

»Ich denke stündlich daran. Mein kleiner Bruder Tom heiratet, und ich werde Tante. Will er Marlenes Tochter tatsächlich adoptieren?«

»Vanessa, Melissa … wie heißt sie noch? Da musst du Mama fragen, die verlangt doch schon lautstark nach einem Enkelkind.«

»Was schenkst du den beiden?«

»Ich hab was von der Liste genommen. Einen Messerblock mit ein paar richtig scharfen Messern! Sag nicht, du hast noch nichts für die beiden?«

»Ich dachte, ich kaufe mich frei. Ein Schein in einem Umschlag mit Karte, und ich brauche nicht zu erscheinen …«

»Das ist nicht dein Ernst, Pia! Tom ist dein Bruder, dein Halbbruder zwar, aber trotzdem.«

»Nein, es ist nicht mein Ernst. Aber ich habe trotzdem noch nichts gekauft. Ich hatte eine hektische Woche.«

»Schenk ihnen doch was Persönliches. Eines deiner Bilder zum Beispiel. Marlene liebt doch Kunst.«

Sie schlenderte zu der Wand, vor der ein paar von Pias Werken mit der Vorderseite zur Wand angelehnt standen. Sie kippte ein paar und begutachtete sie von oben.

»Meine Bilder sind keine Kunst. Lass das, Nele. Ich werde auch was von der Liste nehmen.«

»Da ist schon alles weg. Aber du hast Recht, die Bilder, die hier stehen, sind alle nichts für schwache Nerven …« Sie lächelte Pia fast schüchtern an. »Wie hältst du das aus, Pia? Ich meine das, was du alles so erlebst in deinem Beruf. Ich könnte das nicht.«

»Manchmal weiß ich das auch nicht. Willst du was trinken, Nele?«

Plötzlich war Pia froh, dass ihre Schwester da war. Das würde sie einen Augenblick ablenken von dem Fall Manstein, der sie in den letzten Tagen geradezu verfolgt hatte. Sie holte zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank und drückte Nele eine in die Hand.

»Verrat mir noch, was ich nächsten Samstag anziehen soll«, sagte sie, um etwas zur Unterhaltung beizutragen.

»Zum Empfang nicht so doll. Einen kurzen Rock oder ein Kleid, falls du hast. Abends ruhig ein bisschen netter …«

»Was heißt das?«

»Ich hab mir ein Kleid von Dolce & Gabbana gekauft, first class Second-Hand. Dazu trage ich eine selbst genähte Fransenstola aus Chiffon.«

»Aha …«

»Zieh einfach was Schlichtes, Schwarzes an, Pia. Du siehst in jedem Fall gut aus. Aber mach was mit deinen Haaren.«

»Danke für den Tipp!«

Pia lächelte in sich hinein. Nele klang mit ihren vierundzwanzig Jahren schon haargenau wie ihre Mutter, Anna Liebig. Pia, die einen anderen Vater hatte als die Zwillinge Nele und Tom und als Einzige Korittki hieß, hatte sich seit der Heirat ihrer Mutter vor fünfundzwanzig Jahren mit Günther Liebig stets als Außenseiter der Familie gefühlt. Besonders zwischen Nele und ihrer Mutter hatte von Anfang an ein besonders inniges Band aus Zuneigung und Verständnis bestanden. Sie sahen sich auch ausgesprochen ähnlich: braune Haare und die wohl proportionierten Figur, die in späteren Jahren allerdings zur Fülligkeit tendierte. Pia musste ihr Aussehen von dem ihr unbekannten Vater geerbt haben. Sie war hoch gewachsen für eine Frau, hellhäutig und blond. Wäre sie weniger ernsthaft und direkt, hätte man sie vielleicht als attraktiv bezeichnet.

Nele nahm einen langen Zug aus der Bierflasche, rülpste anschließend vernehmlich und lachte wieder.

»Ich hab das Zeug lange nicht mehr getrunken. Olaf und ich trinken viel Wein.«

»Ist das dein Neuer? Lern ich ihn kennen?«

»Vielleicht. Ich weiß noch nicht, ob ich ihn mit zur Feier nehme. Das wirkt immer so offiziell. Bringst du jemanden mit?«

»Nein.«

»Schade.«

»Wieso?«

»Das ist eine Unterhaltung, Pia. Kein Verhör.«

Nele ließ sich auf das Sofa fallen und sah ihre Schwester mit schräg geneigtem Kopf an. »Kommst du noch mit raus. Ich wollte nachher ins Sub gehen.«

»Kennst du die Cubango-Bar?«

»Klar, wieso fragst du?«

»Die hatten mal einen Barkeeper, Rickleff Degner …«

»Ach, die Geschichte. Er ist irgendwo vom Dach gesprungen. Hat sich umgebracht, hieß es. Ich hab ihn ein paar Mal hinterm Tresen gesehen.«

»Hast du gehört, warum er es getan hat?«

»Ne. Keine Ahnung. Weltschmerz? Drogen? Liebeskummer? Er soll reihenweise die Mädels abgeschleppt haben. Aber freitags geht man nicht in die Cubango … mittwochs und donnerstags ist Cubango angesagt. Samstags geht man ins Sub oder ins Loop. Und sonntags nur ins Café Sophie«, dozierte Nele.

»Wer sagt das?«

»Das weiß man.« Sie zögerte und sah ihre Schwester an, »wenn du Infos über diesen Degner brauchst, wüsste ich jemanden.«

»Wen denn?«

»Sprich mal mit Erik, dem gehört die Cubango-Bar. Und ansonsten hat er auch überall seine Finger mit im Spiel …«

»Schon geschehen. Der war aber nicht gerade mitteilsam.«

»Man muss ihn zu nehmen wissen. Er will ein bisschen hofiert werden.«

»Da kann er bei mir lange warten.«

»Tu, was du für richtig hältst. Ich möchte mit solchen Typen wie diesem Erik sowieso nichts zu tun haben. In seiner Bar hängen immer eine Menge merkwürdiger Leute herum …«

Pia betrachtet ihre Schwester nachdenklich. War sie so weit mit dieser Szene vertraut, dass sie Pia vor jemandem warnen musste? Oder spielte sie sich nur auf, um sich wichtig zu machen?

Nele zeigte unter Pias Blick zum ersten Mal so etwas wie Verlegenheit. Sie stellte die leer getrunkene Bierflasche auf die Fensterbank: »Vergiss es einfach. Es wird viel geredet, aber kaum etwas davon ist wahr. Sei bloß ein bisschen vorsichtig, wenn du dich in diesen Läden rumtreibst. Es scheint dort Leute zu geben, die stehen nicht so auf die Polizei.«

»Ich bin immer vorsichtig. Also keine Sorge.«

»Und? Kommst du mit?«

»Bin zu kaputt. Ich hab bis eben gearbeitet. Außerdem muss ich dieses Wochenende unbedingt noch ein paar Sachen recherchieren. Ein anderes Mal, okay?«

Nele zuckte mit den Schultern und bewegte sich in Richtung Wohnungstür. Arme, arbeitende Bevölkerung, mochte sie denken. Sie selbst jobbte nur hin und wieder und schien sich bei ihrem Studium nicht übermäßig zu engagieren. Trotzdem würde sie, davon war Pia überzeugt, immer auf die Füße fallen und ein gutes Leben führen. Sie verstand es, die Menschen für sich einzunehmen.

»Danke, dass du mich an Toms Hochzeit erinnert hast«, sagte Pia noch und wusste, jegliche Ironie würde an Nele abperlen wie Regentropfen an dem glänzenden Stoff ihrer Jacke.

»Gern geschehen. Die Idee, ein Bild von dir zu verschenken, ist gar nicht mal so schlecht. Mal ihnen einfach eins: etwas Dekoratives mit Blumen in weiß und rosa …!«

 

 

 

»Stopp, hier muss es sein. Nimm die Parklücke da vorne …«

Oswald Heidmüller und Pia Korittki standen vor einem kleinen Siedlungshaus mit gepflegtem Grundstück und Jägerzaun. Links und rechts daneben befanden sich mehrere Häuser gleicher Bauart. Sie standen alle mit der Giebelfront zur Straße, hatten ein kleines, halbrundes Fensterchen unterhalb des Daches und waren weiß, hellgelb oder olivgrün gestrichen. Die meisten Häuser sahen so aus, als wären sie schon mehrfach an- oder umgebaut worden. Nur das Haus, in dem Karlheinz Wörnsen bis zu seinem Tode gewohnt hatte und in dem er gestorben war, schien nahezu in seinem Originalzustand erhalten worden zu sein. Sie stiegen die drei Stufen zu dem seitlich gelegenen Eingang hoch.

»Mach du«, sagte Heidmüller, der schon den gesamten Vormittag mit missmutiger Miene hinter Pia hergetrottet war.

Wörnsen war der letzte Name auf Pias Liste. Der Liste natürlicher Todesfälle, die sich in einer Nacht von Freitag auf Samstag im Juni im Lübecker Stadtgebiet zugetragen hatten. Bisher hatte Pia keinerlei Anhaltspunkte dafür gefunden, dass einer der Verstobenen nicht natürlich zu Tode gekommen war. Keine Befragung eines Angehörigen gab ihnen Anlass, weitere Schritte zu unternehmen. Die Todesfälle passten alle nicht in das Schema, von dem Pia noch nicht so genau wusste, worin es eigentlich bestand. Da sie jedoch davon ausging, dass auch Heidmüllers Geduld und Langmut Grenzen hatten, blickte sie ihn mit einem aufmunternden Lächeln an, als sie klingelte.

Eine ältere Frau in geblümter Kittelschürze und mit grauen Löckchen auf dem Kopf öffnete die Tür. Als sie hörte, wen sie vor sich hatte, fuhr sie sich schnell mit einer roten, etwas aufgeweicht aussehenden Hand durchs Haar. Sie warf nur einen kurzen Blick auf Pias Polizeiausweis und zwinkerte dabei heftig. Zwei Druckstellen auf ihrem Nasenrücken verrieten, dass sie sonst wohl eine Brille trug.

»Kommen Sie doch rein. Ich gehe am Besten mal voraus …«, sagte die Frau. Sie hatte sich mit dem Namen Wiedehopf vorgestellt. Nachdem sie den engen Flur passiert hatten, standen sie in einem kleinen Wohnraum, der eine Terrassentür und ein Fenster zum Garten hinaus hatte.

»Wir wohnen noch nicht lange hier«, erklärte Frau Wiedehopf, »aber ich gewöhne mich langsam daran. Nach dem Krieg haben sie Häuser wie dieses hier gebaut, sparsam und klein. Allerdings mit einem wunderschönen, großen Garten …«

Dafür, dass die Wiedehopfs noch nicht lange hier wohnten, sah alles schon perfekt eingerichtet aus. Sogar die Topfpflanzen auf der Fensterbank wirkten schon ein wenig bejahrt. Eine Uhr auf der wuchtigen Wohnzimmerschrankwand schlug wohltönend die Stunde.

»Nehmen Sie doch Platz«, bat Frau Wiedehopf und schwankte offensichtlich zwischen Nervosität und Freude über eine Abwechslung in ihrem Hausfrauenalltag.

Pia war diese Reaktion vertraut. Die meisten Menschen reagierten hilfsbereit und neugierig, wenn sie von der Kriminalpolizei um ihre Mithilfe gebeten wurden. Auch Frau Wiedehopf erzählte bereitwillig, seit wann sie hier wohnten, dass sie das Haus über die Sparkasse vermittelt bekommen hatten und was sie von dem Vorbesitzer wusste.

»Herr Wörnsen muss ein bescheidener Mann gewesen sein. Hat wenig am Haus getan, nur die notwendigsten Reparaturen. Aber sauber und ordentlich war es, da konnte man nichts gegen sagen.«

»Haben Sie das Haus besichtigt, als es noch nicht leer geräumt war?«

»Ja, es sollte alles ganz schnell gehen. Der Neffe, ein Sebastian Noske, hatte das Haus geerbt, wollte aber nicht hier wohnen.«

»Haben Sie die Adresse von Herrn Noske?«

»Sicher, die kann ich Ihnen raussuchen. Er war der einzige Verwandte von Herrn Wörnsen, soweit ich weiß. Herr Wörnsen war Junggeselle. Er hatte eine Schwester, die auch schon verstorben ist. Herr Noske ist der einzige Sohn dieser Schwester. Wissen Sie, wir haben uns vor dem Kauf des Hauses genau über die Verhältnisse des Vorbesitzers informiert. Wenn man so viel Geld ausgibt, will man hinterher keine Überraschung erleben, nicht wahr?«

»Wissen Sie, woran Herr Wörnsen gestorben ist?«

»Ein Herzanfall, hat man mir gesagt. Irgendwann erwischt es doch alle am Herzen, oder es ist Krebs. Na ja, er ist jedenfalls hier im Haus gestorben, in seinem Bett. Sein Neffe hat ihn zum Glück gleich am nächsten Tag gefunden. Wenn er länger hier gelegen hätte, so ganz allein …« Sie schüttelte sich ein wenig.

Pias Hoffnung schwand. Ein Herzanfall. Das klang nicht gerade danach, dass der Tod von Karlheinz Wörnsen etwas mit den Mordfällen Manstein und Biederstätt zu tun hatte.

»Was für einen Eindruck hat der Neffe auf Sie gemacht?«, hörte sie Heidmüller zu ihrer Überraschung fragen.

Frau Wiedehopf strich sich über die rote Stelle auf ihrem Nasenrücken.

»Ein junger Mann halt. So alt wie unser Thorsten würde ich sagen … Ende zwanzig. Er war sehr nett, ist uns sogar mit dem Preis noch etwas entgegengekommen. Dafür haben wir ihm erlaubt, sein Auto noch zwei Wochen länger in der Garage stehen zu lassen. Es lief alles sehr nett und anständig ab.«

»Was war mit dem Auto?«, fragte Pia mit erneut aufglimmendem Interesse.

»Ich kenn mich da nicht so aus. Es fuhr jedenfalls nicht, weil Herr Noske daran gearbeitet hat. Es war rot und flach, ein bisschen gammelig, der Lack sah ganz stumpf aus. Schließlich hat er es mit einem Anhänger abgeholt.«

»War es sein Wagen oder der seines Onkels?«

»Seiner. Sein Onkel hatte einen neuen Audi. Den hat der Neffe gleich als Erstes verkauft. So einen hätt ich selbst gern gehabt, schön türkisblau …« Sie lächelte entschuldigend, als hätte sie gerade eine unverzeihliche Geschmacklosigkeit von sich gegeben.

»Hatten Sie den Eindruck, Herr Noske brauchte das Geld besonders dringend?«, fragte Pia direkt.

»Wer braucht das nicht? Aber wenn Sie schon so fragen. Er hatte es wirklich recht eilig, alles zu Geld zu machen. Er wirkte so gefühllos, wie er alles abschätzte und den Rest wegschmiss.«

Pia sah Heidmüller mit einem Zucken in den Mundwinkeln an. Dann hob sie den Kopf und schnupperte. »Frau Wiedehopf, kann es sein, dass in der Küche gerade irgendetwas anbrennt? Es riecht irgendwie so …«

Frau Wiedehopf hastete in die Küche.

Heidmüller sah ihr nach. »Wirklich? Ich rieche nichts.«

Aus der Küche waren unterdrückte Aufschreie und ein Scheppern zu hören.

»Also gut, du hast Recht«, räumte Heidmüller ein.

 

 

 

»Was meinst du?«, fragte Pia, als sie wieder im Auto saßen.

»Karlheinz Wörnsen ist in seinem Bett an einem Herzanfall gestorben. Sein Neffe freut sich, dass er zu etwas Geld gekommen ist. Na und?«

»Er ist in einer Nacht von Freitag auf Samstag gestorben. Er hinterließ seinem einzigen Verwandten ein Haus, ein teures Auto und vielleicht noch mehr …«

»Der Hausarzt hat festgestellt, dass es ein Herzanfall war.«

»Ein Hausarzt ist leicht voreingenommen! Was ist, wenn er sich irrt?«

»Das ist an den Haaren herbeigezogen. Wenn du dich irrst, verschwenden wir hier unsere Zeit.«

»Ja. Darum fahre ich dich jetzt zurück ins Büro. Ich werde mir nachher mal diesen Neffen ansehen. Wenn sich dabei nichts ergibt, dann streiche ich Karlheinz Wörnsen endgültig von meiner Liste.«

»Ich glaube, in dieser Richtung weiter zu ermitteln ist Zeitverschwendung, Pia. Das führt doch alles zu nichts. Wir sollten uns wieder ausschließlich auf den Fall Manstein konzentrieren.«

»Diesen Herrn Noske werde ich mir noch ansehen. Der Zeitpunkt seines Todes passt genau in das Schema«, sagte Pia in einem Tonfall, der weitaus sicherer klang, als sie sich in Wirklichkeit fühlte.

Vielleicht war das alles nur ein Hirngespinst und diese vermeintliche Freitagserie ein reiner Zufall. Was hatte sie eigentlich in der Hand? Eine Vermutung? Einen Verdacht?

Pia musste an ihre Ausbildungszeit denken. »Wann kann man von einem Verdacht sprechen?«, hatte einer ihrer Ausbilder wiederholte Male gefragt.

 

 

 

Ein Verdacht liegt vor, wenn auf Grund von Wahrnehmungen konkrete Anzeichen festgestellt werden, die nach kriminalistischer und kriminologischer Erfahrung strafbares Handeln als möglich erscheinen lassen. Die Intensität des Verdachts ist je nach Art der Wahrnehmung verschieden. Im Allgemeinen spricht man von einem leisen, vagen oder schweren Verdacht.

 

 

 

Pia stellte verblüfft fest, dass sie die Antwort immer noch runterbeten konnte.

Ein leiser Verdacht also? Die nüchternen Worte ließen sie sich ein bisschen besser fühlen. Selbst die bloße Vermutung, dass Rickleff Degners und Karlheinz Wörnsens Tod mit den anderen beiden Morden in Zusammenhang standen, war eine Überprüfung wert.

Nachdem sie Heidmüller auf dem Parkdeck des Polizeihochhauses abgesetzt hatte, machte sie sich auf den Weg zu der Adresse, die Frau Wiedehopf ihr beim Abschied auf einem Zettel notiert in die Hand gedrückt hatte. Sebastian Noske wohnte in dem Lübecker Stadtteil Marli, mit Blick auf die Justizvollzugsanstalt.

13. KAPITEL

Die Haustür stand weit offen und bot einen Blick auf zwei Kinderwagen im Hausflur und einen Pappkarton, in den die Mieter unerwünschte Werbezettel zu entsorgen schienen.

Sebastian Noske wohnte ganz oben. Im Vorübergehen las Pia die Namen der anderen Hausbewohner und betrachtete die unterschiedlichen Fußmatten vor den immer gleichen, hellgrünen Wohnungstüren. Nach dem Aufdruck »Moin, moin«, einer schlafenden Katze, turtelnden Tauben und schwarzen Fußabdrücken lag vor Herrn Noskes Tür ein schlicht gestreiftes Modell.

Pia Korittki klingelte und lauschte auf die Geräusche um sich herum. In der Wohnung gegenüber schrie ein Kind, weiter unten dröhnte Schlagermusik. In Sebastian Noskes Wohnung war es ruhig.

Als sie schon auf dem Absatz kehrtgemacht hatte, öffnete sich die Tür. Pias erster Blick erfasste einen Mann in Jeans und Hemd, dessen Ärmel bis über die Ellenbogen hochgekrempelt waren. In seinen Hosenbund hatte er ein Küchenhandtuch wie eine Schürze gesteckt. Auf den zweiten Blick sah sie, dass er barfuß war.

»Oh!«, meinte er nur, als er Pia erblickte.

»Ich dachte schon, es wäre niemand zu Hause«, sagte Pia, die mit ihren Gedanken schon bei ihrem weiteren Vorgehen gewesen war.

»Ich koche. Der Dunstabzug ist immer so laut.«

Sebastian Noske war mittelgroß und schlank, sein blondes Haar lichtete sich über der Stirn bereits. Das Gesicht und die Unterarme waren gebräunt, er schien viel Zeit an der frischen Luft zu verbringen. Seine Gesichtszüge wirkten offen, fast ein bisschen naiv. Er lächelte Pia unsicher an und schüttelte verwirrt den Kopf, als er hörte, dass sie Kriminalkommissarin war.

»Es gibt Tage, da scheint alles möglich zu sein«, meinte er und ließ sie bereitwillig eintreten. In der Wohnung roch es nach gebratenem Fleisch und Zwiebeln. Sebastian Noske führte Pia in die Küche und wies mit der Hand auf einen Tisch und zwei Stühle, die vor dem Fenster standen. Die Mittagssonne schien warm und einladend auf die Töpfe mit Küchenkräutern auf dem Fensterbrett.

»Kümmern Sie sich ruhig erst um das Essen«, sagte Pia, »ich war eben schon einmal Schuld, dass etwas angebrannt ist.«

»Wenn Sie zur Mittagszeit kommen …«, sagte Sebastian Noske vorwurfsvoll und nahm die Pfanne vom Kochfeld. Er füllte die gebratenen Fleischstreifen in eine bereitstehende Auflaufform, gab noch Käse darüber und schob sie in den Backofen.

»So«, stellte er befriedigt fest, »nun bin ich ganz Ohr …«

»Ich muss Ihnen routinemäßig ein paar Fragen zum Tod Ihres verstorbenen Onkels, Herrn Karlheinz Wörnsen, stellen«, sagte Pia, die sich vorher eine halbwegs plausible Begründung für ihr Erscheinen zurechtgelegt hatte.

»Ah ja?«

»Wir sind zurzeit angewiesen, stichprobenartig Todesfälle zu überprüfen, die sich in einem bestimmten Zeitraum ereignet haben.« Was sie da von sich gab, klang in ihren eigenen Ohren unglaubwürdig, aber Sebastian Noske nickte ernsthaft. Er schien es nicht im Mindesten merkwürdig zu finden.

»Was wollen Sie denn wissen?«

Das war eigentlich die entscheidende Frage, vermerkte Pia im Kopf.

»Der Hausarzt Ihres Onkels hat den Totenschein ausgestellt. Kam Ihnen am Tod Ihres Onkels irgendetwas nicht stimmig vor? Waren Sie von seinem Ableben überrascht?«

»Nein, leider nicht. Er hatte es schon lange mit dem Herzen. Die Batterie Medikamente, die er schlucken musste, hätte einen Preisboxer umgehauen. Ich habe ihm immer gesagt, er soll mal zu einem anderen Arzt gehen. Seiner würde ihn mit dem ganzen Zeug noch umbringen. Ich dachte, ein Arzt, der seit dreißig Jahren vor sich hin praktiziert, der kann doch nicht auf dem neuesten Wissensstand sein …«

»Sie haben Ihren Onkel gefunden?«

»Ja. Es war schrecklich. Ich wollte eigentlich an meinem Auto basteln an dem Samstag. Ich hatte meinen Bertone nämlich bei ihm in der Garage stehen. Jedenfalls so lange er fahruntüchtig war. Ich kam aber erst gegen elf Uhr bei meinem Onkel an, weil ich am Abend vorher auf einer Fete versackt war. Es kam mir schon komisch vor, als ich das Grundstück betrat. Oben im ersten Stock waren noch die Vorhänge zugezogen. Das Schlafzimmer meines Onkels lag dort, aber gewöhnlich war er um diese Uhrzeit immer schon lange auf. Um ein Uhr hat er sich fast schon wieder für seinen Mittagsschlaf aufs Ohr gehauen …« Sebastian Noske lächelte und fuhr nach kurzem Blick in das erleuchtete Fenster seines Backofens mit seinem Bericht fort. »Da bin ich natürlich gleich ins Haus rein und hab nach ihm gesehen. Ich hab die Tür zu seinem Schlafzimmer aufgemacht und es sofort gewusst. Er lag tot in seinem Bett. Trotzdem bin ich noch hin, um seinen Puls zu fühlen. Ich dachte, ich müsste vielleicht einen Rettungswagen rufen. Aber er fühlte sich schon so kalt an, wie ein gerupftes Suppenhuhn. Ich war echt geschockt. Dann bin ich in Panik wieder raus aus dem Haus. Keine Sekunde wollte ich länger da bei ihm drinnen bleiben. Darum habe ich draußen von meinem Handy aus den Arzt angerufen. Das war ein echt fieser Morgen, kann ich Ihnen sagen …«

Pia nickte und fragte dann: »Wie sind Sie in das Haus gekommen?«

»Gute Frage. Ich hatte nämlich nie einen Schlüssel zu Onkelchens Haus. Nur zu der Garage hatte ich einen, und auch nur so lange, wie ich da drinnen schrauben durfte. Da war der Alte, ich meine, mein Onkel, etwas sonderbar. Aber ich wusste, dass er einen Schlüssel unter dem Blumentopf neben dem Eingang deponiert hatte.«

»Und damit sind Sie ins Haus gekommen?«

»Wie sonst? Ich bin doch kein Einbrecher.«

»Was sind Sie von Beruf, Herr Noske?«

»Was hat das mit meinem Onkel zu tun?«

Er war anscheinend doch nicht so unbedarft, wie er vorgab. »Sie sprachen davon, was Sie nicht sind … Und ich wundere mich, dass Sie an einem Montag mittags zu Hause sind«.

»Ach so – ich bin Kraftfahrer von Beruf. Da gibt’s leider keine geregelten Arbeitszeiten wie bei Ihnen. Wenn ich dann mal Zeit zu Hause habe, mach ich es mir schön. Tut ja sonst keiner …«

»Sie sind nicht verheiratet?«

»Nein.«

Pia wollte ihn gern noch etwas am Reden halten. Ihr Eindruck, die naive Freundlichkeit sei nur gut geschauspielert gewesen, verfestigte sich, je mehr er sprach. Andererseits rechtfertigte die »Routineuntersuchung« eines Todesfalls nicht unbedingt weitere, persönliche Fragen. Sie versuchte es mit einem interessierten Gesichtsausdruck: »Was ist aus Ihrem Bertone geworden, der in der Garage stand? Fährt er wieder? Ich hatte auch mal einen alten Alfa …«

»Ach ja? Was denn für einen?«

»Eine Giulia Super«, log Pia und hoffte, er würde nicht weiter ins Detail gehen. Ihre Kenntnisse, italienische Autos betreffend, waren äußerst begrenzt.

»So eine hatte ich auch mal, mit Knochenheck! Aber die ist mir weggerostet. Ich hab vielleicht geheult, als ich die zum Schrott gebracht habe. Mein erstes Auto. Welches Baujahr war ihre Giulia?«

Pia hatte es befürchtet. Lügen brachten nichts als Unannehmlichkeiten. »Ich glaube, Baujahr ’72 oder so …«

Er nickte beeindruckt, sie hatte wohl ganz gut getippt.

»Der Bertone ist jetzt wieder zugelassen. Ich musste mir eine Garage hier in der Nähe mieten. Ein Scheißgeld wollen die für so eine jämmerliche Baracke haben …«

Pia nickte verständnisvoll, wie sie hoffte. Ihr brannte noch eine Frage auf den Nägeln, für die sie eine brauchbare Überleitung suchte. Sie wollte ihn nicht schon wieder in Abwehrhaltung treiben.

Sebastian Noske taxierte sie weiterhin mit seinem freundlichen, leeren Lächeln. »Sind Ihre Fragen, den Tod meines Onkels betreffend, damit erledigt?«, fragte er, ohne sich zu rühren.

»Noch nicht ganz.«

»Möchten Sie wissen, wo ich war, als mein Onkel gestorben ist?«

Komm schon, spuck es aus, dachte Pia. Sein Bedürfnis, es ihr zu erzählen, war fast greifbar. »Erinnern Sie sich noch daran? Ist ja schon ein paar Wochen her …«, fragte sie scheinbar gleichgültig.

»Hören Sie mal. Mein Onkel ist in der Nacht gestorben! Er ist ganz allein in seinem Haus gestorben, während ich auf einer Fete bei Freunden war. Wissen Sie, wie beschissen ich mich deshalb gefühlt habe?«

»Also, wo genau waren Sie in der Nacht vom 14. auf den Juni?«

»Der Typ, der die Fete gegeben hat, heißt Mirko Scholz und wohnt in Schlutup. Er ist ein Freund eines Kumpels von mir. Ich war von sieben Uhr abends bis morgens um vier Uhr da. War ’ne echt geile Fete. Deshalb bin ich am Samstag auch erst so spät bei meinem Onkel aufgeschlagen.«

»Das können sicherlich haufenweise Leute bezeugen?«

»Haufenweise …« Er lächelte wieder und spielte mit einem kleinen Kartoffelmesser, das auf dem Tisch gelegen hatte.

»Das war’s dann schon, Herr Noske. Wieder einer weniger auf meiner Liste …« Sie klopfte auf ihre Aktenmappe und erhob sich.

»Kommen Sie gern mal wieder. Ich kenne Leute, die haben ab und zu eine nette kleine Giulia im Angebot.«

»Ich kann mir so einen Wagen nicht mehr leisten«, sagte Pia und legte leises Bedauern in ihre Stimme.

»Wie schade …«

Er blieb weiterhin sitzen und betrachtete sie von unten herauf.

»Sie finden allein hinaus?«, fragte er, als sie sich in Richtung Tür bewegte.

»Auf Wiedersehen und guten Appetit!«

»Gleichfalls!« Jetzt sah sein Lächeln hässlich aus. Pia schloss die Küchentür hinter sich. Sie konnte der Versuchung nicht widerstehen, die angelehnte Tür, die in den Wohnraum führen musste, leise aufzustoßen. Der Raum lag im Schatten und sah aufgeräumt und gepflegt aus. Grauer Teppichboden mit roten Sternchen, ein schwarzes Ledersofa mit roten Kissen darauf, darüber das gerahmte Poster einer zerquetschten Coladose. Dann fiel ihr Blick auf die Wand hinter der Tür. Neben der schwarzen Vitrine mit den Modellautos stand er: der große Flachbildfernseher nebst Bang & Olufsen-Anlage und sonstigem Equipment.

Während Pia noch im Geiste die Anschaffungspreise überschlug, hörte sie ein Geräusch aus der Küche, das sie veranlasste, schleunigst das Weite zu suchen.

Das Erbe deines Onkels scheinst du ja schnell umgesetzt zu haben, Sebastian Noske. Und die Fete bei diesem Freund Mirko kommt dir äußerst gelegen. Du hast doch förmlich darauf gewartet, dass dich jemand danach fragt …, dachte Pia aufgeregt, als sie auf dem Treppenabsatz stand. Sie lief fast hüpfend die Treppe hinunter, vernahm den Geruch dreier verschiedener Mittagessen und stand auf der Straße.

Der Aufenthalt in Sebastian Noskes Wohnung hatte sie sowohl durstig als auch hungrig gemacht. Während sie überlegte, wo sie etwas zu essen herbekäme, fiel ihr Blick auf ein Auto, das auf der anderen Straßenseite parkte. Es stach zwischen den Opel Astras, Golfs und japanischen Fabrikaten heraus wie das berühmte hässliche Entlein. Nur dass dieses Entlein hier recht ansehnlich war. Ein Alfa Romeo Bertone, wie Pia nach Umrunden des Fahrzeugs feststellte. Mit Holzlenkrad, schwarzen Ledersitzen, dunkelrotem Lack wie frischem Blut, glänzendem Chrom …

Hier hatte jemand viel Liebe und noch viel mehr Geld in ein altes Auto gesteckt. Das Nummernschild gab einen dezenten Hinweis auf den Besitzer des Wagens: HL-SN …

Plötzlich fühlte sich Pia beobachtet. Sie drehte sich um und sah Sebastian Noske oben am geöffneten Fenster stehen. Er starrte reglos zu ihr herunter. Pia hob die Hand wie zum Gruß und ging zu ihrem Wagens hinüber.

Was hatte dieser junge Mann für ein wunderbares Alibi, und wie gut hatte er sein Erbe gebrauchen können! Doch wie passte er in dieses unheimliche Bild, das vor Pias innerem Auge langsam Gestalt annahm? Sie entschloss sich, Wörnsens Hausarzt noch einen kleinen Besuch abzustatten.

14. KAPITEL

Es sieht ernst aus«, meinte Marten Unruh zu Oswald Heidmüller, als er das Büro am Ende des Ganges betrat. Er ließ sich unaufgefordert ihm gegenüber auf Pias Bürostuhl fallen und drehte sich ein wenig hin und her.

»Ist sie schon wieder raus bei Gabler?«

»Nein. Der Staatsanwalt ist gerade gekommen. Soeben in Gablers Büro verschwunden …«

»Wer ist denn gekommen?«

»Gerd Woitka.«

»Woitka? Kennst du den?«

»Ja, ich hab früher schon ein paar Mal mit ihm zusammengearbeitet.«

»Und Pia ist auch noch bei ihnen im Büro?«

»Sieht so aus, Ossie. Wenn Pia Recht hat und unsere Mordfälle hier irgendwie in Zusammenhang stehen, dann können wir quasi noch mal von vorne anfangen.«

»Aber du glaubst nicht, dass sie Recht hat?«

»Ich kann es nicht ganz glauben. Die Verbrechen sind mir nach wie vor zu unterschiedlich, als dass sie von ein und demselben Täter verübt worden sind. Mir fehlt die einheitliche Handschrift. Und dass ausgerechnet die Lübecker Altstadt Schauplatz so einer wahnwitzigen Freitags-Mordserie sein soll, das wirft irgendwie mein ganzes Heimatbild über den Haufen.« Er lächelte schwach und sah aus dem Fenster, durch das man in der Ferne die Kirchtürme der Lübecker Altstadt erahnen konnte.

Heidmüller folgte seinem Blick. »Ich habe kein Heimatgefühl«, meinte er plötzlich, »ich bin dort heimisch, wo mein Rechner steht.«

»Du bist nicht aus Lübeck?«

Verwundert bemerkte Heidmüller, dass Marten Unruh erstmalig eine persönliche Frage an ihn richtete.

»Meine Eltern kommen aus Nürnberg. Sie sind mit mir hierher gezogen, als ich vierzehn war. Ihr Hobby war das Segeln und ihr Boot. Sie wollten unbedingt in Ostseenähe wohnen.«

»Leben sie noch hier?«

»Mein Vater ist tot. Meine Mutter ist vor ein paar Jahren zurück nach Nürnberg gezogen. Sie hat sich hier nie richtig zu Hause gefühlt. Sie fand die Norddeutschen kalt …«

Unruh nickte. Er nahm einen von Pias Stiften vom Schreibtisch und betrachtete ihn. »Kommst du gut mit der Korittki klar?«

Heidmüller sah Unruh überrascht an. Was sollte das denn nun werden? »Ja, eigentlich schon. Anfangs fand ich sie viel zu anstrengend. Aber inzwischen habe ich mich an ihre Art gewöhnt. Sie hat Biss. Ab und zu brauche ich wohl auch jemanden, der mich antreibt …«

»Welch edle Selbsterkenntnis …«

»Du bist nicht mit ihr klargekommen?«

»Wer behauptet denn das?«

»Ich dachte nur, wegen der Grevendorf-Geschichte. Und weil ihr euch ständig aus dem Weg geht …«

»Das ist doch Blödsinn!« Unruh sprang auf. »Ich geh wieder rüber. Langsam müssten die in Gablers Büro eine Entscheidung getroffen haben. Wenn mich nicht alles täuscht, gibt’s nachher noch eine große Besprechung«.

Er verschwand so grußlos, wie er gekommen war.

 

 

 

Später saßen alle Mitarbeiter des Kommissariats 1 etwas gedrängt in Kürschners Büro. Kriminalrat Gabler sah so aus, als hätte er in einer Auseinandersetzung mit Staatsanwalt Woitka den Kürzeren gezogen. Seine Urlaubsbräune wirkte viel blasser als noch vor ein paar Stunden. Horst-Egon Gabler hatte seine Krawatte gelockert, und eine Strähne seiner sonst glatt nach hinten gekämmten Haare fiel ihm immer wieder wie ein feuchter Lappen in die Stirn. Kriminalhauptkommissar Wilfried Kürschner saß neben ihm. Pia vermutete, dass er versuchte, Ruhe auszustrahlen, so starr und steif, wie er auf seinem Stuhl hockte.

»Hey Leute … meine Herren und meine Dame! Dieses außerplanmäßige Zusammentreffen ist einberufen worden, weil sich zu den Fällen Biederstätt und Manstein ein völlig neuer Gesichtspunkt ergeben hat. Wir werden diese beiden Fälle von nun an unter dem Aspekt betrachten müssen, dass wir es mit ein und demselben Täter zu tun haben könnten.«

Alle, die noch nicht informiert gewesen waren, gaben je nach Gemütsverfassung ein Raunen bis Stöhnen von sich. Heidmüller, der ja schon in gewisser Weise involviert war, sah Pia mit hochgezogener Augenbraue an.

»Höchstwahrscheinlich haben wir es zudem noch mit zwei weiteren Todesfällen zu tun, die alle auf das Konto desselben Täters gehen. Das ist aber noch nicht bewiesen.«

Die Befriedigung darüber, dass ihre Theorie Gehör gefunden hatte, stellte sich nicht ein. Im Gegenteil. Pia fand den Gedanken, dass sie Recht haben könnte, mit einem Mal höchst beunruhigend.

Gabler fuhr unterdessen in seiner trockenen Art fort, die neuesten Erkenntnisse vor den anderen auszubreiten.

»Wir richten ab sofort unser Augenmerk auf die Möglichkeit, dass die Mordfälle Biederstätt und Manstein auf das Konto ein und desselben Täters gehen. Die anderen beiden Todesfälle, die damit ebenfalls in Zusammenhang stehen könnten, wird Ihnen anschließend Wilfried Kürschner zusammen mit Kollegin Korittki näher erläutern.«

Ein paar der Kollegen sahen erstaunt zu Pia herüber. Marten Unruh war der Einzige, der in diesem Moment seinen Blick in Richtung Fenster wandte. Pia hatte kurz den Eindruck, dass er ein Lächeln unterdrückte.

Kürschner räusperte sich und stand auf: »Kriminalrat Gabler und Staatsanwalt Gerd Woitka sind zu dem Entschluss gekommen, dass es sinnvoll ist, ab sofort eine Sonderkommission zu bilden. Die Soko Altstadt. Die bisherigen Ermittlungsteams zu Biederstätt und Manstein werden aufgelöst. Wir werden die Ermittlungsgruppe neu formieren. Die hohe kriminelle Energie, die diese Fälle auszeichnet, macht eine Konzentration unserer Kräfte auf diesen Täter unbedingt erforderlich. Es ist wahrscheinlich, dass wir es mit vier Morden innerhalb eines Zeitraumes von gut vier Monaten zu tun haben. Die Brutalität und Heimtücke dieser Verbrechen spricht eine deutliche Sprache. Bitte, Frau Korittki, erläutern Sie, was Sie herausgefunden haben.«

Pia stand jetzt ebenfalls auf. Sie schilderte, wie es zu ihrer Vermutung, zwischen den Fällen könne ein Zusammenhang bestehen, gekommen war. Sie begann mit den Zeitpunkten der vier Todesfälle, da hier die deutlichste Übereinstimmung gegeben war. Alle vier hatten sich in einer Nacht von Freitag auf Samstag ereignet und in einem Abstand von ungefähr sechs Wochen. Alle waren im Lübecker Stadtgebiet passiert, aber nur die Fälle Biederstätt und Manstein hatte man sofort als Tötungsdelikte erkannt. Sie zeichneten sich durch ihre Brutalität und eine gewisse Öffentlichkeit aus. Dann kam Pia auf den Tod von Rickleff Degner zu sprechen. Bei der Erwähnung dieses Namens merkten Conrad Wohlert und Heinz Broders sichtlich auf. Pia wusste inzwischen, dass die beiden damals den Tod von Degner untersucht und ihn letztlich als Suizid zu den Akten gelegt hatten.

Auf den ersten Blick hatte Rickleff Degners Tod keinerlei Ähnlichkeit mit den Mordfällen Manstein und Biederstätt. Ein Selbstmord, wie es aussah, wenn auch ein ungewöhnlicher. Pia erwähnte nochmals den Zeitpunkt und Ort seines Todes: eine Nacht von Freitag auf Samstag, ein Parkhaus in der Altstadt.

Bei der Obduktion war sich der Pathologe sicher gewesen, dass die schweren Verletzungen mit Todesfolge von dem Sturz vom Parkhaus verursacht worden waren. Die Schädeldachverletzungen, die zum Tode geführt hatten, rührten mit hoher Wahrscheinlichkeit vom Aufprall auf das Straßenpflaster aus 14 Metern Höhe her.

Dass Rickleff Degners Tod ein Unfall und er unabsichtlich zu Tode gestürzt war, konnte nahezu ausgeschlossen werden. Er konnte freiwillig gesprungen sein, oder jemand hatte ihn gestoßen.

Während ihrer Ausführungen begann Conrad Wohlert unruhig mit den Füßen zu scharren. Broders fixierte Pia mit wütendem Blick.

Den Hinweis auf Degners Tätigkeit als Barkeeper in der Cubango-Bar sparte Pia sich bis zum Schluss auf. Und das, nicht ohne vorher ihre Nachforschungen dort, den Fall Manstein betreffend, ausdrücklich erwähnt zu haben. Da niemand im Raum eine allzu hohe Meinung von gehäuft auftretenden Zufällen hatte, ging nun ein leichtes Raunen durch den Raum.

Broders richtete sich kampflustig auf: »Es gab zu dem Zeitpunkt keinerlei Hinweise, die auf eine Beteiligung Dritter hingedeutet haben. Im Gegenteil. Degner soll unter Depressionen gelitten haben.«

»Wer hat das gesagt?«

»Das steht alles in unserem Bericht …«, schnauzte Broders.

Er nimmt es persönlich. Vor allem, weil ich diejenige bin, die das alles in Gang gesetzt hat, dachte Pia. Sie kam übergangslos auf die Umstände von Karlheinz Wörnsens Tod zu sprechen. Sein Fall war das brüchigste Glied in der Kette. Broders entspannte sich etwas, aber Pia konnte sehen, dass er auf eine Gelegenheit wartete, ihre Theorie, Degner betreffend, zu zerpflücken.

Pia hatte den Arzt, der Wörnsens Totenschein ausgestellt hatte, vor ein paar Stunden in seiner Praxis aufgesucht. Sie schilderte kurz ihr Gespräch mit ihm. Der Mann hatte Probleme gehabt, sich an Karlheinz Wörnsen, der lange Jahre hindurch sein Patient gewesen war und dessen Tod er festgestellt hatte, überhaupt zu erinnern. Es bestand die nicht unwahrscheinliche Möglichkeit, dass die Todesursache auf Wörnsens Totenschein auf einer Fehlinterpretation seitens des Arztes beruhte.

»Meinen Namen musste ich dem Mann im Laufe des kurzen Gesprächs übrigens auch drei Mal nennen …«, setzte Pia hinzu.

Dann kam sie auf Sebastian Noske zu sprechen, Karlheinz Wörnsens Neffen. Sie gab kurz den Inhalt ihres Gesprächs mit ihm wieder. Anschließend setzte sie hinzu: »Sebastian Noske hat finanziell vom Tode seines Onkel profitiert. Er hatte es laut Aussage der Frau, die das Haus seines Onkels gekauft hat, sehr eilig, alles zu Geld zu machen. Und Sebastian Noske hat mir sein Alibi für die Todesnacht seines Onkels geradezu unter die Nase gerieben.«

»Er hat also ein Alibi!«, konstatierte Broders, dem die ganze Besprechung sichtlich gegen den Strich ging.

»Ja, bei den vier Fällen wimmelt es geradezu von Personen, die Motive und Alibis haben«, räumte Pia ein. »Ich habe deshalb mit dem Gastgeber der Party gesprochen, auf der Sebastian Noske in der Nacht, in der sein Onkel gestorben ist, war. Dieser erinnert sich, dass sich Herr Noske an diesem Abend recht ungewöhnlich verhalten hat. Zuerst stand er freiwillig hinter dem Grill und drängte jedem Gast ein Gespräch auf, der gerade vorbeikam. Später machte er die Musik, und als schon alle anderen gegangen waren, hing er, so sagte mir Herr Scholz wortwörtlich, ›hartnäckig wie Hundedreck‹ auf seinem Stuhl und wollte nicht nach Hause gehen….« Pia blickte vielsagend in die Runde.

»Nach dem Tod von Karlheinz Wörnsen ist damals keine Obduktion durchgeführt worden. Für die Feststellung der Todesursache haben wir nur das Urteil des Hausarztes«.

»Und dieses Urteil zweifelst du also an?«

»Ich habe mit dem Mann gesprochen, und ich halte ein Fehlurteil seinerseits für möglich bis wahrscheinlich …«

»So, tust du das …«

Statt einer verbalen Erwiderung legte Pia einen Übersichtskalender des laufenden Jahres auf den bereitgestellten Overhead-Projektor und stellte scharf. Die Todeszeitpunkte der vier Opfer umkreiste sie nacheinander rot mit einem Faserstift. Die sich viermal wiederholende Markierung an den entsprechenden Wochentagen und in ähnlichem Abstand zeigte sich als deutliches Muster. Sie nahm einen andersfarbigen Stift und kreiste noch einen weiteren Zeitraum ein.

»Und in vier bis fünf Wochen könnte der Täter erneut zuschlagen …«, kommentierte Horst-Egon Gabler ihr Vorgehen. »Danke für diese Ausführungen, Frau Korittki. Das hat die Ermittlungen gegebenenfalls ein Stück vorangebracht. Gleichwohl sollten Sie in Zukunft auf Alleingänge verzichten und Ihre Verdachtsmomente unverzüglich Ihrem Vorgesetzten melden. Es gibt bestimmte Richtlinien bei der Ermittlungsarbeit, an die wir uns alle halten müssen …«

Pia, die mit einer Bemerkung dieser Art gerechnet hatte, setzte sich ungerührt an ihren Platz.

Kürschner machte sich nun daran, die Teams neu zu formieren und die Aufgaben zu verteilen. Pia blieb mit Heidmüller zusammen in einem Team. Der Überblick über das Ganze, für den sie so hart gekämpft hatte, fiel nun wieder dem Leiter, seinem Stellvertreter und dem Staatsanwalt zu. Sie würde wieder an einem einzelnen Aspekt dieser Ermittlung knabbern und die Arbeitsergebnisse ihrer Kollegen erst bei den Einsatzbesprechungen erfahren.

Neben einem Anflug von Neid auf Gabler, Kürschner und Staatsanwalt Woitka mischte sich auch ein leiser Zweifel, was den Fortgang der Ermittlungen betraf. Sie hatten es mit zwei sicheren und zwei mutmaßlichen Tötungsdelikten zu tun, von denen drei schon so lange her waren, dass man gewissermaßen unter einer zentimeterdicken Staubschicht nach Spuren suchen musste. Es gab jede Menge Zeugen, doch deren Erinnerungen an das Verbrechen waren größtenteils durch nachträgliche Eindrücke verwischt oder von ihnen überdeckt.

Der größte Feind jeglicher kriminalistischer Ermittlung ist die Zeit, hatte man ihnen während der Ausbildung immer wieder eingebläut. Je mehr Zeit ungenutzt verstrich, desto besser standen die Chancen des Täters, unerkannt oder unbelangt zu bleiben. Und auch der jüngste Fall, der Mord an Birgit Manstein, lag mittlerweile zehn Tage zurück.

Wenn der Täter seinen Rhythmus beibehielt, konnte man in drei bis fünf Wochen mit seinem erneuten Zuschlagen rechnen, dachte Pia. Dann wissen wir endlich, ob die Theorie stimmt oder nicht. Nur dass irgendjemand dann einen viel zu hohen Preis für diese Gewissheit bezahlt hatte …

»Ich verbringe die Freitagabende in Zukunft zu Hause vor dem Fernseher …«, meinte Gerlach grinsend. Es sollte wohl ein Witz sein, aber er kam nicht besonders gut an.

In einem Punkt schienen jedoch alle einer Meinung zu sein: Nichts deutete darauf hin, dass die Opfer dem Täter zufällig über den Weg gelaufen waren. Es sah nach einem wohl überlegten Plan aus, dessen Hintergrund und Motivation noch völlig im Dunkeln lagen.

Es gab Verbindungen zwischen den Opfern, die wie unsichtbare Fäden etwas bewegten, wenn man hier oder dort daran zupfte. Menschen, die Menschen kannten, die die Opfer kannten. Es gab einleuchtende Motive und es gab ebensolche Alibis …

Wohlert räusperte sich: »So wie die Dinge momentan stehen, wird unser Dienstplan wohl völlig auf den Kopf gestellt …?«

»Machen Sie sich auf Überstunden gefasst. Ich kann für nichts garantieren und das bis weit über das Wochenende hinaus.«

Conrad Wohlert verzog das Gesicht, sagte aber nichts weiter. Pia dachte an die bevorstehende Hochzeitsfeier am Samstag. Sie musste dringend ein Geschenk für Tom und Marlene organisieren.

15. KAPITEL

Die Journalisten hatten die Witterung aufgenommen. Kurz nachdem die Polizei die Ermittlungen im Fall Rickleff Degner wieder in Angriff genommen hatte, tauchten auch schon Leute von der Presse in der Nähe des Parkhauses auf. Pia staunte über die Geschwindigkeit, mit der sich derartige Neuigkeiten in der Medienwelt verbreiteten. Ein tragischer Selbstmord war schon eine Zeile wert gewesen, aber kein Vergleich zu dem, was man nun aus Rickleff Degners Schicksal machen konnte …

Ein paar Uniformierte hielten die Journalisten in Schach und hinderten sie daran, den Kriminaltechnikern das Leben schwer zu machen. Trotz der geringen Aussicht, nach so vielen Wochen an einem so frequentierten Ort noch etwas zu finden, hatte man abgesperrt. Die Männer vom K6 versahen ihren Dienst heute mit eher schleppenden Bewegungen.

Pia und Heidmüller sahen zu ihnen hinüber. Sie standen auf der obersten Parkebene unter freiem Himmel und starrten von oben auf die Stelle, wo Rickleff Degner auf das Pflaster aufgeschlagen war.

Über Nacht war das Wetter umgeschlagen. Eine geschlossene Wolkendecke hing über Lübecks Dächern. Der böige Wind trieb den Sprühregen quer vor sich her gegen die Fassade der nahe gelegenen Petrikirche. Die Kirchturmspitze verlor sich im feuchten Dunst.

»Es kann nicht all zu schwierig gewesen sein, einen Menschen über diese Brüstung zu stoßen …«, sagte Pia nachdenklich. »Zumal wenn er so betrunken ist, wie Rickleff Degner es dem Obduktionsbericht zufolge war. Sieh mal, die oberste Stange des Geländers geht mir gerade mal bis zum Hüftknochen.«

»Ich glaube trotzdem nicht, dass es einer allein getan hat«, meinte Heidmüller, »es sei denn, er hat Degner total überrascht. Ansonsten ist es schwierig. Man geht das Risiko ein, selbst mit heruntergerissen zu werden.«

»Vielleicht hat sich Degner über die Brüstung gelehnt, um nach unten zu sehen. Es könnte ihn unten jemand gerufen haben. Der Täter hat daraufhin von hinten mit einem kleinen Schubs nachgeholfen«, warf Pia ein. Sie versuchte, sich die Szene vorzustellen, die dem tödlichen Sturz vorangegangen war.

»Oder er hat vor seinem Sturz eins über den Schädel bekommen«, mutmaßte Heidmüller.

»So vorzugehen wäre ein Risiko gewesen. Es sollte doch nach einem Selbstmord aussehen. Wenn Degner anders aufgekommen wäre, hätte der Gerichtsmediziner eine vorherige Kopfverletzung unabhängig von seinem Aufprall vielleicht feststellen können.«

»Es wurde aber nichts Verdächtiges bei der Obduktion bemerkt …«, sagte Heidmüller, »vielleicht war es dem oder den Tätern auch egal, wonach es aussieht. Tot ist tot. Bei den anderen war er ja auch nicht zimperlich.«

Er stellte den Kragen seiner Jacke auf. Von unten hallte das Röhren eines kaputten Auspuffs in der Häuserschlucht wider.

Pia schüttelte unzufrieden den Kopf. »Das passt nicht. Das Auffällige an diesen Morden ist doch, dass sich das Risiko und auch die Konfrontation mit dem Opfer von Mal zu Mal steigert.

Rickleff Degner ist unseres Wissens der Erste. Ein Sturz vom Parkhaus Anfang Mai. Eine Tat, die als Selbstmord durchgeht. Eine Tat mit geringem Risiko, geringem Aufsehen und einer relativ leichten Durchführung.

Dann der vermeintliche Herzanfall von Wörnsen Mitte Juni, der ebenfalls kein Aufsehen erregt. Hier ist der Täter schon ein höheres Risiko eingegangen. Er ist in das Haus seines Opfers eingedrungen. Die Tat erforderte meines Erachtens mehr Nerven als dieser Stoß von hier oben.«

»Es sind in Wörnsens Haus keinerlei Spuren gefunden worden, die auf ein gewaltsames Eindringen schließen lassen, Pia.«

»Nein. Und Sebastian Noske hat mir persönlich verraten, warum niemand bei seinem Onkel einbrechen musste. Der Schlüssel lag stets unter einem Blumentopf neben der Eingangstür. So ist er am Morgen nach Wörnsens Tod auch in das Haus gekommen.«

»Das konnte der Täter aber nicht wissen.«

»Doch, wenn Sebastian Noske es ihm erzählt hat.«

Ossie war noch nicht überzeugt. »Wie kann man einen Menschen umbringen, sodass es später wie ein Herzanfall aussieht?«

»Ich habe mich mal mit einem Gerichtsmediziner über dieses Thema unterhalten. Man kann zum Beispiel Luft in die Vene injizieren. Das löst einen Herzstillstand aus. Manchmal wird auch der Tod durch Ersticken mit einem Herzanfall verwechselt. Auf jeden Fall sollten wir im Auge behalten, dass für den Mord an Wörnsen gewisse medizinische Kenntnisse notwendig gewesen sein könnten.«

»Also gut. Weiter im Text. Der dritte Todesfall.«

»Als Drittes passierte der Mord an Biederstätt im Juli. Er wurde im Weinkeller seines Restaurants getötet. Der Täter hat ihn von vorn erschossen, quasi Auge in Auge mit seinem Opfer. Ein öffentlicher Mord an einem fast öffentlichen Ort.

Und zuletzt Birgit Manstein. Eine Tat, die an Kaltblütigkeit fast nicht mehr zu überbieten ist. Was ist das für ein Risiko, einen Menschen mitten im Gewühl des Altstadtfestes zu erstechen? So etwas plant doch nur jemand, der Aufsehen erregen will!«

»Nur warum? Der Täter kann nicht damit rechnen, mit so einem Vorgehen durchzukommen.« Heidmüller fröstelte.

»Vielleicht will er gefasst werden. Es könnte die Jagd sein, auf die er aus ist. Er scheint auf den Geschmack gekommen zu sein und will uns zeigen, wie toll er ist. Erst vertuscht er die Morde noch, jetzt inszeniert er sie für uns«, mutmaßte Pia.

»Das ist mir irgendwie zu abgefahren …«, meinte Heidmüller mit leidender Miene. Der Sprühregen ließ seine kurzen dunklen Haare glänzen wie Robbenfell.

»Wir wissen immer noch nicht, was Degner hier oben wollte. Er besaß schließlich überhaupt kein Auto.«

»Wenn er nicht raufkam, um sich runterzustürzen, wie man ursprünglich annahm, dann wollte er sich wohl hier oben mit jemandem treffen.«

»Eine Frau?« Pias Stimme klang zweifelnd, »Frauen würden sich kaum ein Parkhaus bei Nacht als Platz für ein heimliches Rendezvous aussuchen. So ein Vorschlag wäre wahrscheinlich auch Degner reichlich komisch vorgekommen. Es ging wohl eher um etwas Handfestes: Drogen oder Hehlerware in einem Auto.«

Pia sah erneut auf die Straße hinunter. Sie fand es schwierig, der Versuchung, den Sturz in Gedanken nachzuvollziehen, zu widerstehen.

»Das geht recht schnell«, meinte Heidmüller, ihre Gedanken erratend. Er trat von einem Fuß auf den anderen.

»Vierzehn Meter und etwas … Kriegt man da was mit von dem Sturz?«

Missmutiges Schweigen war die Antwort.

»Komm, lass uns das Gebäude noch mal in Ruhe anschauen«, sagte Pia fordernd, »vielleicht entdecken wir doch noch irgendetwas, das Broders und Wohlert damals übersehen haben!«

»Deinen Optimismus möchte ich haben …«, brummte Heidmüller, doch er folgte ihr die schräge Ebene hinunter auf das nächste Parkdeck.

 

 

 

Es war gewissermaßen ein Glücksfall für die Ermittlungen, dass der Parkhausbetreiber bestimmte Bereiche im Gebäude per Videokamera überwachte. Es gab Aufnahmen vom Eingangsbereich, dem Nebeneingang und von den Mutter-Kind–Parkplätzen. Die entsprechenden Bänder waren seit der Untersuchung des vermeintlichen Selbstmordes in den Händen der Kriminalpolizei. Die Aufnahmen des Eingangsbereiches zeigten die Durchfahrt ins Parkhaus und den Treppenaufgang mit einer Toilettentür im Hintergrund. Laut Parkhausbetreiber wurde speziell dieser Bereich überwacht, weil es in der Toilette immer wieder zu Problemen mit Drogenabhängigen gekommen war, die ihre benutzten Spritzen einfach in den Wasserkasten geworfen hatten.

Die Bänder vom vierten Mai zeigten demnach, wer das Parkhaus über das Treppenhaus, den Haupteingang oder den Nebeneingang betreten und verlassen hatte.

Degner hatte um 1.56 Uhr nachts zu Fuß das Parkhaus betreten. Den Videoaufnahmen zufolge hatte sich zu diesem Zeitpunkt niemand mehr in dem Gebäude aufgehalten. Es sei denn, jemand war unerkannt in einem Auto hineingefahren und hatte dann einfach abgewartet.

Die Fahrzeughalter der wenigen um 1.56 Uhr nachts noch im Parkhaus befindlichen Autos waren bei der ersten Untersuchung schon überprüft worden.

Wie Degner das Parkhaus verlassen hatte, war auf den Bändern natürlich nicht festgehalten worden. Wohl aber, dass auch nach seinem Sturz in der Nacht keine verdächtigen Personen mehr das Parkhaus zu Fuß oder per Wagen verlassen hatten. Direkt nach dem Sturz war das Parkhaus durchsucht worden, aber es hatte sich kein Hinweis gefunden, dass noch jemand im Gebäude gewesen war, als Degner verunglückte. Daraufhin war die Polizei davon ausgegangen, dass sich zur fraglichen Zeit niemand im Parkhaus aufgehalten haben konnte, der Rickleff Degner vom Dach gestoßen hatte.

Pia und Heidmüller hatten sich die Videobänder mehrmals angesehen, ohne der Lösung ihres Problems näher zu kommen.

»Es muss einfach noch eine Möglichkeit geben, ungesehen hier hinein- und hinauszukommen«, meinte Heidmüller auf dem Weg nach unten plötzlich.

»Wenn du die Tür zum Notausgang meinst, die war sinnigerweise abgeschlossen«, sagte Pia und rüttelte ärgerlich an der besagten Metalltür.

»Du musst Leute fragen, die sich hier sonst noch rumtreiben könnten. Penner, Junkies, Jugendliche … Sieh dir dahinten die Mauer an. Hier wurden schon hundertmal irgendwelche Graffitis übergemalt. Die müssen hier ja auch irgendwie reingekommen sein mit ihren Sprühdosen!«

»Oder sie fahren hinein?«

»Unsinn, das ist unsportlich …« Langsam kam Leben in den behäbig wirkenden Mann. Oswald Heidmüller umrundete das Treppenhaus und sah sich um. Der Boden des ansonsten sauber wirkenden Parkhauses wies hinter dem Treppenhausschacht dunkle Flecke auf. Es stank nach Urin.

»Nette, nicht einsehbare Ecke«, meinte Pia. »Die muss es doch in jedem Stockwerk geben.«

Sie untersuchten den besagten Winkel in jedem Stockwerk des Parkhauses. Ganz unten wurden sie schließlich fündig.

Die Außenmauer des Parkhauses bestand aus einer niedrigen Betonbrüstung und bis zur Decke reichenden Elementen aus Riffelglas darüber. Ein Glaselement war durch eine Sperrholzplatte ersetzt worden. Pia pfiff leise durch die Zähne.

»Wo genau sind wir hier?«, fragte Heidmüller.

»Ganz unten im U 2. Das ist auf dieser Seite Straßenniveau. Ich wette, dass man von außen gut hineinklettern kann, wenn man die Scheibe kaputt geschlagen und entfernt hat.«

»Nichts anfassen«, meinte Heidmüller überflüssigerweise, denn Pia hatte schon demonstrativ die Hände auf dem Rücken verschränkt und begutachtete die Stelle. Auf dem Asphaltboden glitzerten kleine Glassplitter.

»Ich werde mal den Kriminaltechnikern Bescheid sagen. Dann kommt heute noch etwas Leben in die Jungs«, sagte Heidmüller zufrieden.

»Mach das. Ich glaube, wir haben das Schlupfloch gefunden, durch das man ungesehen ins Parkhaus hinein- und wieder hinauskommt.« Pia richtete sich wieder auf. »Wir müssen hier unten auch absperren lassen. Vor allem den Außenbereich, zu dem dieser kleine Extraausgang führt …«

»Damit wäre unsere Exkursion dann ja beendet«, sagte Heidmüller zufrieden. »Ich hab nämlich langsam Heimweh nach meinem Schreibtisch.«

»Wenn du dich mehr als drei Meter von deiner Tastatur und deiner Maus entfernst, bist du nicht mehr du selbst, oder?«, fragte Pia amüsiert.

»Hey, wer hat denn dieses Rattenloch hier entdeckt?«

»Als Erstes ja wohl die Ratte, die sich hier mit Degner getroffen hat, um mit ihm Bungeejumping ohne Bungee zu spielen.«

 

 

 

»Ich habe sie. Die Mutter dieser Beate Fischer. Sie wohnt noch in Lübeck!«

Gerlach biss herzhaft in die Mohnschnecke, die er halb aufgegessen auf einer Papiertüte neben seinem Telefon liegen hatte.

»Du hast Mohn zwischen den Zähnen«, bemerkte Marten Unruh, der ihm gegenübersaß, ohne aufzusehen.

»Du ärgerst dich nur, weil ich bereits die Mutter dieser Beate Fischer gefunden habe, bevor du es auch nur geschafft hast, dich vom Sekretariat des Kloster-Gymnasiums ins Lehrerzimmer durchstellen zu lassen. Oder hast du vielleicht schon einen Termin mit einem ihrer ehemaligen Lehrer?«

»Lass den Kinderkram, Michael. Wenn du meinst, wir sollten uns sofort mit dieser Frau Fischer unterhalten, dann los. Aber nerv mich nicht.«

»Schon gut!« Gerlach schob sich den letzten süßen Bissen in den Mund und erhob sich. »Lass deine schlechte Laune an jemand anderem aus. Wenn du mitwillst, dann komm. Ansonsten …«

Marten Unruh stand ebenfalls auf und erwog ganz kurz, sich zu entschuldigen. Er arbeitete schon so lange mit Michael Gerlach zusammen, dass einer die Macken des anderen bestens kannte. Ein Grund, warum die Zusammenarbeit so gut klappte war, dass Michael wusste, wann er ihn in Ruhe lassen musste. Also keine Entschuldigung.

»Wo wohnt denn die Frau Mutter? In der Nähe?«

»In St. Jürgen. Sie ist heute zu Hause, weil sie gerade von einer Reise zurückgekommen ist oder so ähnlich …«

»Welch glückliche Fügung.«

 

 

 

Das dachte Annemarie Fischer offensichtlich auch. Sie betonte mehrfach, dass Michael Gerlach sie nur auf dem Sprung erwischt hätte. Sie käme gerade von einer Geschäftsreise und sei nun in Begriff, in den Urlaub zu fliegen. Im Flur ihrer Wohnung standen ein großer Hartschalenkoffer, ein Matchsack und eine Reisetasche wie stumme Zeugen für ihre Aktivitäten.

Obwohl Michael Gerlach sein Kommen angekündigt hatte, begrüßte Frau Fischer die Kriminalbeamten mit Lockenwicklern auf dem Kopf. Sie trug einen Jogginganzug und Tennissocken. Für zwei hergelaufene Polizisten treibe ich bestimmt keinen unnötigen Aufwand mit meinem Aussehen, übersetzte Marten Unruh ihren Aufzug im Stillen.

Sie führte Gerlach und Unruh ins Wohnzimmer und bot ihnen an, in einer schneeweißen italienischen Polsterlandschaft Platz zu nehmen.

»Sie kommen also wegen meiner Tochter Beate«, sagte Frau Fischer und setzte eine besorgte Miene auf, »ich hoffe, es ist ihr nichts zugestoßen …«

»Das wüssten wir gern von Ihnen«, hätte Unruh beinahe geantwortet. In seiner derzeitigen Stimmung hielt er es für angeraten, Gerlach die Befragung zu überlassen.

Nachdem sein Kollege geklärt hatte, dass es sich bei Frau Fischers Tochter, Beate Fischer, tatsächlich um die junge Frau handelte, die auf dem Kloster-Gymnasium im selben Jahr wie Kläre Tensfeld ihr Abitur gemacht hatte, erkundigte sich Gerlach nach ihrem Aufenthaltsort.

Frau Fischer winkte sogleich ab: »Tut mir Leid, da sind Sie umsonst gekommen. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wo meine Tochter sich gerade befindet. Sie ist ein sehr selbstständiger Mensch, dazu habe ich sie erzogen. Beate steht auf ihren eigenen Füßen, und es vergehen oft Wochen, manchmal auch Monate, in denen wir nichts voneinander hören.«

Sie sagte das, als hätte sie eine Mutter-Tochter-Beziehung damit zu ihrer Vollendung gebracht, dachte Unruh im Stillen.

»Aber Sie kennen doch ihren momentanen Wohnsitz? Wo ist sie denn gemeldet?«, insistierte Gerlach.

»Zuletzt war sie in Frankfurt. Sie war Stewardess bei der Lufthansa. Interkontinental. Aber da hat sie aufgehört, weil sie studieren wollte. Eltern-Unabhängigen-Bafög und so … Das letzte Mal, als wir uns sprachen, rief sie von Mallorca aus an. Sie wollte mir nur kurz erzählen, dass es die kleine Bar am Hafen noch gibt, die wir beide von früher kennen. Beate war schon immer ein ganz spontaner Mensch. Quirlig …«

»Wann war das?«

»Im April, oder nein, es muss März gewesen sein, bevor ich zur Messe gefahren bin. Ist das wirklich wichtig? Mir würde es ehrlich gesagt genügen, wenn Sie mir versichern, dass es meinem Kind gut geht. Sie gucken so ernst.«

»Wir suchen Ihre Tochter als Zeugin in einem Mordfall und sind hier, um ihren derzeitigen Aufenthaltsort herauszufinden. Wir gucken deshalb ernst, weil wir eine Mordermittlung schon berufsbedingt nicht auf die leichte Schulter nehmen.«

Marten Unruh bedachte Gerlach mit einem amüsierten Blick. Frau Fischers Lächeln gefror. Sie betastete die Lockenwickler auf ihrem Kopf.

»Man hat Ihre Tochter am Samstag den siebten September in Lübeck gesehen. Sie war mit einer alten Schulfreundin zusammen. Sagt Ihnen der Name Kläre Tensfeld etwas?«

Frau Fischer lachte leise auf: »Das ist ein Name, den man wohl nicht so schnell vergisst. Ja, da war mal etwas. Es ist aber schon sehr lange her. Eine ziemlich seltsame Freundschaft war das zwischen den beiden. Beate konnte eigentlich mit Jungs immer mehr anfangen als mit Mädchen.«

»Hatte Ihre Tochter in letzter Zeit Kontakt zu Kläre Tensfeld?«

»Nein, sie hat sie jedenfalls nicht mehr erwähnt. Ich selbst habe Kläre seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Ehrlich gesagt, ich habe nie verstanden, was die beiden Mädchen damals aneinander gefunden haben. Sie waren absolut unterschiedlich, was ihr Temperament und ihre Interessen anging. Eine Zeit lang war Beate fast jeden Nachmittag bei den Tensfelds. Anfangs musste ich sie nach Büroschluss immer dort abholen, statt in dem Hort, den ich teuer bezahlt hatte. Auch als sie älter war, ist sie oft dorthin. Wissen Sie, die Tensfelds machten immer so auf Bilderbuchfamilie, aber hinter der Fassade sah es nicht besser aus, als bei uns gewöhnlichen Sterblichen. Ihr Einfluss auf mein Kind war bestimmt nicht der beste. Aber was hätte ich denn machen sollen? Diese Tensfelds haben Beate langsam aber stetig gegen mich aufgebracht. Irgendwann hatte Beate an allem, was mich angeht, etwas auszusetzen. Sogar der Name, den ich ihr gegeben hatte, gefiel ihr nicht mehr!«

Dieses Phänomen nennt man unter Fachleuten Pubertät, dachte Unruh und fragte: »Sie halten es also für möglich, dass sich Ihre Tochter in Lübeck aufhält, ohne sich bei Ihnen zu melden?«

»Ja, ohne weiteres. Aber irgendwann meldet sie sich sicher wieder. Soll ich Ihnen Bescheid geben, wenn ich von ihr höre?«

»Ja, tun Sie das.«

Beate Fischer konnte inzwischen schon wieder überall und nirgends sein. Vielleicht rief sie in einer Stunde von den Malediven aus an, um ihrer Mutter zu sagen, dass der Tauchlehrer dort immer noch derselbe war wie vor ein paar Jahren … Unruh jedenfalls bezweifelte, dass die junge Frau es ihnen so einfach machen würde.

»Darf ich fragen, was Sie beruflich machen, Frau Fischer?«, kam es von Gerlach, der den großzügigen Wohnraum derweil mit den Augen erkundet hatte, und es kam Leben in Anneliese Fischers Gesicht.

»Oh! Sportmoden. Ich beliefere alles, was in Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg einen Namen hat. Es hat mich viel Zeit und Mühe gekostet, das alles aufzubauen. Eines Tages kann Beate wahrscheinlich ein gut laufendes Geschäft übernehmen. Dann wird sie besser verstehen, warum ich das alles getan habe.«

»Bestimmt …«, sagte Unruh, »man muss sie nur erst finden.«

»Wir brauchen die Adresse in Frankfurt, unter der ihre Tochter zuletzt gemeldet war«, meinte Gerlach. »Vielleicht kennen Sie auch ihren Aufenthaltsort auf Mallorca. Wir sind da nicht wählerisch.«

Frau Fischer stand mit einem Ruck auf. Ein hellblauer Lockenwickler löste sich und fiel auf die weiche Auslegeware. Sie zog ein paar Mahagonischubladen auf, blätterte in einem Adressbuch und lief dann in ein anderes Zimmer. »Hier, die Adresse in Frankfurt habe ich!«, rief sie endlich. Sie reichte Gerlach einen kleinen Zettel.

»Wissen Sie, ob sie dort noch gemeldet ist oder bis wann sie dort gewohnt hat?«

Anneliese Fischer schüttelte den Kopf. Die dürftige Informationsquelle war versiegt.

Im Aufstehen begriffen, fragte Unruh nach einem Foto von Beate Fischer. Markus Kessels Beschreibung der gesuchten Frau war mehr eine Ansammlung von Eindrücken als von konkreten Merkmalen gewesen. Es wäre daher hilfreich, wenn sie wenigstens ein Bild dieser Beate Fischer in den Händen hielten.

Frau Fischer schauderte ganz offensichtlich bei dieser Bitte. Zögernd nahm sie ein Foto im Silberrahmen von einer antik aussehenden Kommode. Es zeigte ein etwa siebzehnjähriges Mädchen vor dem verwaschenen Hintergrund eines professionellen Fotostudios. Frau Fischer betrachtete es prüfend, bevor sie es aus der Hand gab.

»So ein hübsches Bild …«, sagte sie bedauernd.

»Sie bekommen das Foto wieder«, versicherte Unruh ihr. Ob sie ihr Mädchen jemals wiedersehen würde, schien in diesem Moment zumindest fragwürdiger zu sein.

16. KAPITEL

Am nächsten Morgen lag dichter Nebel über den Straßen der Altstadt. Die kühle Feuchtigkeit dämpfte die Geräusche und ließ die Welt optisch auf die Größe einer Theaterbühne zusammenschrumpfen.

Pia Korittki und Marten Unruh hatten einen Parkplatz in einer Seitenstraße gefunden und standen nun vor dem wuchtigen Portal des Kloster-Gymnasiums. Pia blickte an der Fassade des alten Gebäudes hinauf, gegen zahllose schale Erinnerungen ankämpfend, die dieser Anblick bei ihr auslöste.

»Warum hast du mich mitgenommen, Marten?«, fragte Pia missgestimmt.

Unruh antwortete, ohne die drei Schülerinnen aus den Augen zu lassen, die rauchend an die Außenmauer gelehnt standen. Über ihren Köpfen prangte ein Graffiti: »Too cool for school«

»Gerlach hat sich heute Morgen krank gemeldet. Der hat sich einen Magen-Darm-Virus eingefangen, sagt er. Du bist doch hier mal zur Schule gegangen. Da dachte ich, es passt ganz gut …«

»Ich bebe vor Glück!« Pia stieß die schwere Holztür auf und stieg die Stufen in die Vorhalle empor.

»Warum warst du überhaupt hier. Ich dachte, Mädchen wären aufs Katharineum gegangen und das Kloster-Gymnasium war eine reine Jungenschule?«

»Das ist aber schon etwas länger her. Irgendwann Ende der Siebziger haben sie die Koedukation eingeführt und nach und nach auch Mädchen eingeschult.«

»Ich glaub, ich hatte noch Glück im Unglück …«, sagte Unruh, während er sich umsah, »sieht irgendwie so aus, als hätten sie hier den Rohrstock noch nicht allzu lange eingemottet.«

»Wo bist du zur Schule gegangen?«

»In der Bildzeitung wurde meine Schule mal großspurig als ›Rote Kaderschmiede‹ tituliert. In dem Artikel ging es glaube ich um die überlebensgroßen Darstellungen von Che Guevara und Marx an der Wand zum Oberstufentrakt.«

»Das hätte es hier nicht gegeben …«, meinte Pia und klingelte, um in den Flur zum Sekretariat und zum Lehrerzimmer zu gelangen. Als der Summer ertönte, drückte sie die Tür auf.

»Meine Eltern waren Hippies!«, kam es von Unruh, der orientierungslos hinter ihr hertrottete, »wenn ich rebellieren wollte, dann konnte ich nur Polizist oder Soldat werden.«

Pia sah ihn überrascht an. Es war so ziemlich das erste Mal, dass er so etwas wie eine Familie erwähnte. Bisher war er in ihrer Vorstellung stets einsam wie ein Satellit durch den Weltraum alltäglicher Beziehungen geschwebt.

»Und hat es dir die erhoffte Reaktion gebracht?«

Der Schulmief schien Unruh in eine mitteilsame Stimmung zu versetzen. Er sah sie von der Seite an: »Mein Vater hat sich mittlerweile mit meinem Beruf arrangiert. Jedenfalls behauptet er das, wenn ich in Begleitung seiner Freundin bei ihm aufkreuze: Mariacron. Meine Mutter hat vor ein paar Jahren noch einmal geheiratet und ist danach richtig bürgerlich geworden. Wir sehen uns regelmäßig am zweiten Weihnachtstag oder wenn mein Vater mal wieder von unseren Kollegen aufgegriffen wurde. Dann kehrt sie ihre fürsorgliche Seite heraus und meint, ich müsse mich darum kümmern …«

Sie kamen vor der Tür zum Sekretariat zum Stehen. Es war wohl etwas Wahres daran, dass unglückliche Familien jede auf ihre eigene Art unglücklich waren, schoss es Pia durch den Kopf. Sie zog die Tür zum Sekretariat etwas heftiger auf, als es Material und Schicklichkeit geboten.

Drinnen fuhr die Sekretärin erschreckt auf ihrem Drehstuhl herum. Es war noch dieselbe Frau, die auch zu Pias Schulzeit dort gesessen hatte. Pia glaubte, auch die Gummibäume auf der Fensterbank zum Innenhof wiederzuerkennen, verwarf dies aber nach kurzer Berechnung der vergangenen Jahre wieder.

Unruh hatte telefonisch einen Termin mit einem von Beate Fischers ehemaligen Lehrern ausgemacht. Oberstudienrat Thomas Pracht hatte sich bereit erklärt, in der Unterrichtspause ein Gespräch mit der Polizei zu führen.

Pia erinnerte sich sofort an ihn, als sie die große, kräftige Gestalt aus dem Lehrerzimmer treten sah. Pracht stutzte ebenfalls, als er Pia begrüßte. Er sah sie stirnrunzelnd an, konnte sie aber offensichtlich nirgends einordnen.

Zu ihrer Zeit auf dem Kloster-Gymnasium war dieser Pracht einer der jungen, unverbrauchten Lehrkräfte in einem älteren Kollegium gewesen. Mittlerweile hatte auch er Bauchspeck angesetzt, und sein Haar zeigte einen ersten Anflug von Grau. Seine Fächer waren Sport, Biologie und Geografie. Beate Fischer hatte vor ein paar Jahren in seinem Biologie-Leistungskurs gesessen.

Sie ließen sich von Thomas Pracht in ein Nebenzimmer des Lehrerzimmers führen und nahmen Platz. Der Lehrer sah von Pia Korittki zu Marten Unruh und wieder zurück. Er lehnte sich weit auf seinem Stuhl zurück, wohl um gegenüber der Polizei locker und entspannt zu wirken. Pia fiel auf, dass sein rechtes Augenlid zuckte.

Auf die Frage nach Beate Fischer kramte er ein paar Unterlagen aus seiner Aktentasche neben seinem Stuhl hervor.

»Interessant, dass Sie nach ihr fragen«, sagte er nachdenklich, »im Nachhinein kommt es mir fast so vor, als hätte ich das immer schon erwartet.«

»Was haben Sie erwartet?«

»Noch einmal von Beate Fischer zu hören. Sie war eine außergewöhnliche Schülerin. Nicht besonders engagiert im Unterricht, das nicht. Aber sie schien mir immer schon sehr reif zu sein.«

Reif wofür?, lag Pia auf der Zunge. Da sie sich aber vorgenommen hatte, Unruh dieses Gespräch führen zu lassen, wartete sie ab. Marten Unruh seinerseits machte jedoch keinerlei Anstalten, das Gespräch in Gang zu bringen. Pracht wurde dadurch dazu animiert, eine Erklärung nachzuschieben: »Beate Fischer hatte viel Talent dafür, ihre Mitschüler zu manipulieren. Sie wusste scheinbar immer genau, was sie wollte, und setzte es irgendwie auch durch. Ich hatte sie nur im Biologie-Leistungskurs, aber ich fand, sie war ein Störenfried, selbst wenn sie einfach nur dasaß …«

»War Beate Fischer mit einem ihrer Mitschüler enger befreundet?«

»So genau erinnere ich mich nun auch nicht mehr. Warten Sie mal …« Er blätterte in seinen Unterlagen, fuhr mit einem Kuli eine Reihe von Namen ab.

»Sie hatte damals einen Freund an der Schule, aber ich weiß seinen Namen nicht mehr. Er war jedenfalls nicht in dem Kurs hier …«

»Und wie stand es mit den anderen Mädchen? Hatte sie eine Freundin?«

»Das weiß ich nicht. Vom Typ her würde ich Beate Fischer eher so einschätzen, dass sie keine engen Freundinnen hatte.«

»Kennen Sie eine Schülerin aus dem Jahrgang namens Kläre Tensfeld?«

Er sah wieder auf die Liste.

»Ja, sie war auch in diesem Kurs«, antwortete Pracht mit einer kleinen Verzögerung, »Kläre Tensfeld war eine eher zurückhaltende Schülerin. Sie war gut in Biologie, hat einen guten Notendurchschnitt erreicht. Ansonsten kann ich Ihnen da nicht weiterhelfen …«

»Halten Sie es für möglich, dass Beate Fischer und Kläre Tensfeld miteinander befreundet waren?«

»Wir sprechen hier über einen Kurs, der Jahre zurückliegt«, meinte der Lehrer mit vorwurfsvollem Unterton, »und überhaupt, wozu wollen Sie das alles wissen?«

»Wir suchen Beate Fischer. Sie ist eine wichtige Zeugin in einer Mordermittlung. Frau Fischer ist jedoch nicht auffindbar. Wir wissen nur, dass man sie vor kurzem mit Kläre Tensfeld zusammen gesehen hat …«

»Warum fragen Sie nicht Frau Tensfeld selbst?«

»Das haben wir bereits getan. Sie sagte, sie wüsste nicht, wo Beate Fischer sich befinden könnte.«

»Sie ist in Ohnmacht gefallen, als wir sie zu den Mordfällen befragt haben …«, ergänzte Pia, was ihr einen vorwurfsvollen Blick einbrachte. Sie beachtete Unruh nicht sonderlich, denn die Reaktion von Thomas Pracht war bemerkenswert.

Er lehnte sich auf seinem Stuhl nach vorn, fuhr sich durchs Haar und sagte dann eindringlich: »Frau Tensfeld hat mit dieser Beate Fischer nichts mehr zu tun. Der Einfluss dieses Mädchens war nicht gut. Und Kläre Tensfeld hatte schon immer eine schwache Konstitution. Das müssen Sie mir einfach glauben.«

»Warum hat sie sich dann mit Frau Fischer in einem Lokal getroffen?«

»Keine Ahnung. Das kann doch Zufall gewesen sein. Kläre Tensfeld konnte bei einem zufälligen Zusammentreffen mit einer ehemaligen Mitschülerin wohl schlecht so tun, als kenne sie Beate Fischer überhaupt nicht …«

»Sie sollten das auch nicht tun …«, mischte sich Unruh wieder in das Gespräch ein.

»Was?«

»Sie sollten auch nicht so tun, als hätten Sie Kläre Tensfeld und Beate Fischer kaum gekannt.«

Pracht sah auf seine Armbanduhr. Gepresst sagte er: »In fünf Minuten habe ich wieder Unterricht. Ich muss gleich weg.«

»Die Klasse läuft Ihnen schon nicht davon. Noch einmal zu Kläre Tensfeld. Woher wissen Sie so viel über ihre Konstitution und ihre Neigung, sich durch Beate Fischer beeinflussen zu lassen?«

»Ich bin Pädagoge. Das ist mein Job. So wie es der Ihre ist, mir all diese Fragen zu stellen, die zu nichts führen. Ich weiß nichts, was mit Ihren Ermittlungen in Zusammenhang stehen könnte.«

»Wann haben Sie Kläre Tensfeld zuletzt gesehen?«, fragte Pia, die den Grund seines offensichtlichen Unbehagens endlich auf den Punkt bringen wollte.

»Muss ich das beantworten?«

»Wir erfahren es so oder so. Wenn Sie heute noch unterrichten wollen, dann reden Sie lieber gleich hier mit uns.«

Thomas Pracht starrte zur Tür, als erhoffe er sich von dort irgendwelche Hilfe. Dann sah er zum Fenster hinaus und wieder zu den beiden Kriminalbeamten ihm gegenüber.

»Bleibt alles, was ich hier sage, unter uns?«

»Es kommt darauf an, ob es mit den Ermittlungen zu tun hat oder nicht.«

Pracht seufzte.

»Nein, nein. Mit Ihren Ermittlungen hat es nicht das Geringste zu tun. Aber Sie würden es irgendwann sowieso erfahren, wenn Sie weiter nachbohren. Ich hatte ein Verhältnis mit einer ehemaligen Schülerin. Mit Kläre Tensfeld, um genau zu sein.«

Pia hatte bei diesem Pracht mit vielem gerechnet, aber damit nicht. Da Unruh wohl nicht weniger perplex aussah als sie, sprach Thomas Pracht eilig weiter: »Selbstverständlich erst, nachdem sie fertig war mit der Schule. Ich würde mich nie, nie mit einer meiner Schülerinnen einlassen, das müssen Sie mir einfach glauben …«

»Weiß die Schulleitung davon?«

»Oh Gott, nein! Das mit Kläre Tensfeld war ein Ausrutscher. Ein großer Fehler, den ich sehr bedaure. Aber wissen Sie, es gibt immer wieder Mädchen unter den älteren Schülerinnen, die legen es skrupellos darauf an …«

Pia hatte plötzlich Lust, das Fenster dieses Kabuffs weit aufzureißen, um ein wenig Frischluft in den Raum zu lassen. Die Fenstergriffe hinter den ergrauten Gardinen sahen jedoch so aus, als wären sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr bewegt worden. Sag du was, dachte sie und blickte Unruh an, du hast die junge Frau bei uns doch auch erlebt …

Kläre Tensfeld die skrupellose Verführerin? Pracht, der arme, unschuldige Lehrer?

Jetzt frag schon das Richtige, Marten. Ich sage das Falsche, weil ich wütend bin …

»Wie lange dauerte dieses Verhältnis, Herr Pracht?« Marten Unruh schien Pias auffordernde Blicke endlich begriffen zu haben.

»So, na ja, ein paar Monate. Aber erst nachdem sie Abi gemacht hatte, nicht vorher.«

»Wir werden Frau Tensfeld dazu auch befragen müssen …«

»Nein!«

Pia vermeinte zu ihrem Erstaunen echte Besorgnis aus Prachts Reaktion herauszuhören. Er hob zu einer Erklärung an: »Ich meine, lassen Sie sie damit in Ruhe. Wir waren fast drei Jahre miteinander befreundet. Ich hab’s einfach nicht geschafft, die Sache zu beenden. Vor gut einem Jahr hat sie dann Schluss gemacht. Das war nicht ganz leicht – auch für mich nicht. Beate Fischer hatte immer einen großen Einfluss auf Claire. Ich nehme an, sie hat sie zu diesem Schritt überredet. Sie konnte mich nie leiden.«

»Sie glauben also, dass Beate Fischer weiterhin Kontakt zu Frau Tensfeld hat. Wir haben gehört, sie sei gar nicht mehr in Lübeck.«

»Ich habe keine Ahnung, wo sie sich aufhält. Ich möchte es auch gar nicht wissen. Je weniger Beate Fischer Claire ins Ohr säuselt, desto besser ist es für alle Beteiligten.«

»Claire« nannte er Kläre Tensfeld. Es klang eigenartig aus seinem Mund.

Pia und Marten Unruh wechselten Blicke. Diese Wendung der Dinge kam unerwartet, und die Tragweite dessen, was sie gerade erfahren hatten, war noch nicht abzusehen.

Pias Neugier auf Beate Fischer wuchs. Langsam keimte in ihr ein Anflug von Sympathie für die widerspenstige junge Frau auf.

»Sagen Sie uns noch, ob Ihnen die Namen Sebastian Noske oder Rickleff Degner etwas sagen«, forderte Unruh den Lehrer auf.

»Ich glaube nicht. Sind das auch mal Schüler von mir gewesen?«

»Das ließe sich nachprüfen. Uns interessiert nur, ob Sie einen oder gar beide irgendwoher kennen.«

»Nein, da klingelt bei mir nichts. Wenn sie hier auf der Schule waren, dann hatte ich sie wahrscheinlich nie im Unterricht. Aber wissen Sie, wir haben so viele Schüler hier, meine Hand ins Feuer legen möchte ich dafür nicht.«

Nach Beendigung des Gesprächs sah Thomas Pracht ein bisschen so aus, als hätte er gerade unter hohem körperlichen Einsatz eine Schulhofprügelei geschlichtet. Er war erhitzt, und sein Haar stand wirr von seinem Kopf ab. Er wirkte aber auch erleichtert. Und wenn seine Affäre mit Kläre Tensfeld nicht mit den Lübecker Morden in Zusammenhang stand, dann krähte wohl inzwischen auch kein Hahn mehr danach, was einmal geschehen war. Höchstens noch seine Ehefrau, dachte Pia für sich.

Das anschließende Gespräch mit dem Schuldirektor war weit weniger ergiebig. Beate Fischer und Kläre Tensfeld waren für den Direktor nichts als Namen auf einer Liste in seinem Aktenschrank. Ihre Existenz an seiner Schule war abgehakt, das Thema erledigt und vergessen.

Pia gelang es, in den Besitz der damaligen Abiturzeitung zu gelangen. Der Schuldirektor hatte noch zwei Exemplare davon in seinem Aktenorder. Bereitwillig überließ er der Polizei eines davon. Nehmt das und lasst mir meinen Frieden … schien er zu sagen, ohne dafür den Mund aufmachen zu müssen.

 

 

 

»Wir sind keinen Schritt weiter«, bemerkte Unruh, als er und Pia wieder auf dem Weg zum Auto waren.

Pia blätterte im Gehen wahllos in dem DIN-A4-Heft und lächelte: »Sieh mal hier, die Fotos: Beate Fischer! Und hier: Kläre Tensfeld, da sah sie noch richtig kindlich aus …«

»Willst du mit dieser Zeitung jetzt alle ehemaligen Mitschüler aufspüren, um zu erfahren, wo sich diese Beate Fischer aufhält?«

»Die meisten wohnen bestimmt nicht mehr in Lübeck. Aus meinem Jahrgang damals sind jedenfalls fast alle weggezogen. Ich hatte letztes Jahr übrigens zehnjähriges Abi.«

»Herzlichen Glückwunsch!«

»Ich bin nicht hingegangen. Ich glaube auch nicht, dass wir Beate Fischer auf diesem Weg finden werden. Wir sollten eine Personenfahndung nach ihr beantragen.«

»Mit dem, was wir haben? Vergiss es! Gabler reitet dann wieder stundenlang auf dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit herum. Was haben wir denn schon gegen sie in der Hand? Einen Zeugen, der aussagt, sie sei eine Woche vor dem Mord an Biederstätt unerlaubt in der Küche seines Restaurants aufgetaucht?«

»Sie ist Biederstätts Lebensgefährten, diesem Kessel, irgendwie aufgefallen. Da muss mehr gewesen sein, sonst hätte er sich doch gar nicht an sie erinnert.«

»Das reicht nicht. Bevor wir Beate Fischer als Zeugin zur Fahndung ausschreiben, brauchen wir mehr als Markus Kessels Fantasievorstellungen.«

»Was soll das denn heißen? Fantasievorstellungen! Wenn du ein Problem mit Schwulen hast, solltest du Herrn Kessel in Zukunft von jemand anderem befragen lassen.«

»Wenn du mir jetzt noch mit der Intuition unserer homosexuellen Mitbürger kommst, Korittki, dann gehe ich zu Fuß zurück ins Büro.«

»Das mit der Intuition hast du gesagt.«

Die zehnminütige Autofahrt zum Polizeibehördenhaus legten sie schweigend zurück.

17. KAPITEL

Hoffentlich zeigt Kläre Tensfeld dieses Mal bessere Nerven als bei unserem letzten Zusammentreffen.« Pia manövrierte den Dienstwagen schwungvoll in eine Parklücke vor dem Haus der Tensfelds.

»Ihre Nerven werden noch die gleichen sein. Aber dieses Mal weiß sie, was auf sie zukommt, wenn sie dich im Türrahmen erblickt.«

»Willst du sie provozieren, hast du mich deshalb gefragt, ob ich wieder mitkommen will?«

»Sagen wir mal, die Umstände haben es erforderlich gemacht. Aber es passt auch ganz gut. Frau Tensfeld ist Zeugin für die Ermittlungen im Mordfall Biederstätt, also meine Zuständigkeit. Da du jetzt an diesem Rickleff Degner dran bist, können wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und gleich nach möglichen Querverbindungen zwischen den beiden Fällen suchen.«

»Deine Schwangerschaftstheorie hast du verworfen?«, stichelte Pia.

»Was? Das war doch nicht ernst gemeint. Ich will wissen, wo ihre alte Freundin Beate Fischer steckt. Und ich bin mir jetzt sicher, dass Frau Tensfeld weiß, wo sie sich zur Zeit aufhält.«

»Ist jetzt sicher, dass Markus Kessel Beate Fischer im Kupferhaus gesehen hat, und nicht Kläre Tensfeld?«

»Ja, das ist abgeklärt.«

»Na dann sieh zu. Freiwillig wird Frau Tensfeld den Aufenthaltsort dieser Beate Fischer bestimmt nicht verraten. Ich konzentriere mich lieber auf den toten Barmixer. Ich verwette einen Monatslohn darauf, dass sie ihn kannte.«

 

 

 

Kläre Tensfeld wohnte in einer Mansardenwohnung im Haus ihrer Eltern. Das alte Bauernhaus musste früher einmal ländlich gelegen haben, doch die Zersiedelung des städtischen Umlandes hatte es an einer Ausfallstraße inmitten eines Lübecker Vorortes zurückgelassen.

Zwei getigerte Katzen dösten auf einer Steinstufe in der Nachmittagssonne. Sie schienen die grundlegenden Veränderungen ihres Umfeldes nicht zu stören. Nur die Menschen hetzen hin und her und zermartern sich das Hirn, wer wann wem was angetan hat und warum, dachte Pia bei ihrem Anblick.

Sie folgte Marten Unruh eine überdachte Holztreppe hinauf, die zu einer Eingangstür im ersten Stock führte. Er klingelte.

Die Frau, die in der letzten Woche ohnmächtig vor Pia auf dem Boden gelegen hatte, sah heute noch verstörter aus als bei ihrem letzten Treffen. Ihr Gesicht war blass, und unter ihren Augen schimmerte die Haut bläulich. Ihr Haar hatte sie im Nacken zu einem Zopf zusammengebunden.

Mit duldsamer Miene ließ Kläre Tensfeld die Polizeibeamten eintreten und geleitete sie in ihre Küche. Dort ließ sie sich ihnen gegenüber am Küchentisch nieder, verschränkte die Arme vor der Brust und schwieg. Marten Unruh versuchte, mit ein paar einfachen Fragen die Verteidigungslinie der jungen Frau zu durchbrechen, aber es nutzte nichts. Sie leierte die notwendigen Antworten herunter und spielte dabei mit ihrer Armbanduhr am Handgelenk. Ihre Augen waren auf einen Punkt zwischen Pia und Marten gerichtet, vielleicht auf eines der gerahmten Familienfotos hinter ihnen an der Wand.

Pia musste in Kläre Tensfelds Wohnung eine Art Fluchtinstinkt unterdrücken. Sie hatte das Gefühl, sich in einer überdimensionalen Puppenstube zu befinden. Ihr Versuch, durch eines der niedrigen Fenster einen Blick ins Freie zu werfen, wurde durch die nah am Haus stehenden Bäume vereitelt. Eine Fliege kämpfte surrend gegen eine blank geputzte Fensterscheibe an.

»… das war, als ich noch im Wohnheim wohnte«, hörte Pia die junge Frau gerade sagen. Erstmalig während Unruhs Fragenkatalog merkte sie auf.

»Wann und wo haben Sie in einem Wohnheim gewohnt? Ich dachte, dieses wäre Ihr Elternhaus.«

»Ja, ist es auch. Aber als ich die Ausbildung begonnen hatte, wollte ich gern mit meinen Kolleginnen zusammenwohnen. Ich dachte, das gehört dazu, als angehende Krankenschwester.«

»Moment, Sie haben angegeben, dass Sie eine Ausbildung zur Industriekauffrau machen?«

»Das stimmt auch. Aber nach der Schule wollte ich zunächst Krankenschwester lernen. Mein Berufsziel war es, später einmal Kinderärztin zu werden.« Sie lächelte traurig, ehe sie fortfuhr. »Wissen Sie, alle, denen ich damals erzählte, dass ich Ärztin werden wollte, meinten zu mir, ich würde das bestimmt nicht durchstehen. Zu viel Stress und die hohe emotionale Belastung in einem Krankenhaus. Meine Eltern waren auch nicht begeistert, aber ich habe direkt nach der Schule sowieso keinen Studienplatz bekommen. Ich habe die Ausbildung zur Krankenschwester als eine Art Test für mich angesehen. Ob ich es schaffen kann, in einer Klinik und so …«

»Und wie verlief dieser Test?«

»Negativ. Ich musste aus gesundheitlichen Gründen abbrechen.« Sie zögerte einen Moment und kniff die Augen zusammen. »Daraufhin bin ich dann natürlich auch wieder aus dem Schwesternwohnheim ausgezogen. Ich habe mich dort sowieso nie wohl gefühlt. Zu dem Zeitpunkt war zufällig diese Wohnung hier oben frei geworden. Ich zahle hier bei meinen Eltern zum Glück nur eine lächerlich geringe Miete. Ansonsten könnte ich es mir momentan gar nicht leisten, allein zu wohnen.«

»Und jetzt machen Sie eine Ausbildung als Industriekauffrau?«

»Ja, die Firma liegt keine zehn Minuten von hier entfernt. Es läuft ganz gut. Obwohl es mich noch nervt, dass ich es nicht gepackt habe im Krankenhaus. Etwas Kaufmännisches wollte ich eigentlich nie machen …«

Marten nickte. Er sah Pia an, und es kam ihr so vor, als übergebe er ihr damit den Ball.

»Was waren das für gesundheitliche Probleme, die Sie am Abschluss ihrer Ausbildung gehindert haben? Sein Berufsziel gibt man doch nicht so ohne weiteres auf?«

»Ich konnte nach der Arbeit nicht mehr abschalten. Das Körperliche war gar nicht unbedingt das Problem. Ich bin emotional einfach nicht so belastbar, sagt mein Hausarzt.«

Das passte, passte fast zu gut zu ihrem Ohnmachtsanfall neulich im Kommissariat. Trotzdem hatte Pia den Eindruck, als wäre das entscheidende Stichwort noch gar nicht gefallen. Ihr Blick fiel auf die Medikamentenschachteln, die säuberlich aufgereiht an der Fliesenrückwand der Arbeitsplatte standen. Pia versuchte von ihrem Platz aus die Aufschriften zu entziffern. Kläre Tensfeld folgte ihrem Blick und erhob sich. Sie sammelte die Schachteln zusammen und stellte sie in den Oberschrank darüber.

»Ich war erkältet«, bemerkte sie beiläufig und ließ dann Wasser aus dem Hahn in einen Wasserkocher laufen.

»Möchten Sie vielleicht auch einen Tee? Um fünf bringe ich meiner Großmutter unten immer ihren Tee runter, wenn ich zu Hause bin. Meine Mutter kümmert sich schon den ganzen Tag um sie. Meine Großmutter hat Alzheimer, wissen Sie. Nachmittags verlässt meine Mutter dann gern mal für eine Stunde das Haus.«

»Nein, keinen Tee, danke. Wir waren heute Morgen in Ihrer alten Schule und haben uns dort mit einem Lehrer von Ihnen und von Beate Fischer unterhalten.«

»Was wollten Sie denn im Kloster-Gymnasium?«, entfuhr es Kläre Tensfeld fast ärgerlich. Sie lenkte ihre Überraschung auf die Schule, nicht auf den erwähnten Lehrer, bemerkte Pia.

»Eigentlich wollten wir dort etwas über Beate Fischers Aufenthaltsort erfahren.«

»Da war unsere alte Schule der ungeeignetste Ort, den Sie sich aussuchen konnten. Beate hat die Schule gehasst. Dort werden Sie niemanden mehr finden, der Ihnen weiterhelfen kann.«

»Stattdessen offenbarte uns Herr Pracht, dass er eine längerfristige Beziehung zu einer seiner Schülerinnen hatte. Nach ihrer Schulzeit, selbstredend …«, setzte Pia hinzu und hasste sich bei dem, was sie tat. In alten Wunden bohren und Menschen mit Dingen konfrontieren, denen sie lieber auswichen. Der effektive Nutzen für die Ermittlungen war dabei in höchstem Maße zweifelhaft. Vielleicht erzeugte sie Schmerz für nichts.

»Hat er Namen genannt?«

»Ihr Name fiel.«

»Ja und? Was ist schon dabei? Das ist alles längst Schnee von gestern. Warum wühlen Sie das wieder auf? Möchten Sie vielleicht auch in mein Schlafzimmer sehen, oder unter die Klobrille schauen?«, fragte Kläre Tensfeld mit rotem Gesicht.

»Wir sind hauptsächlich an Beate Fischer interessiert. Sie war Ihre Freundin auf dem Kloster-Gymnasium. Herr Pracht meinte, Frau Fischer hätte so einen großen Einfluss auf Sie gehabt, dass sie Sie möglicherweise sogar zu Ihrer Trennung von ihm überredet hat.«

»Sagt er das?«

»Ja. Und das bedeutet, dass Sie mehr Kontakt zu Frau Fischer haben oder hatten, als Sie gegenüber der Polizei zugegeben haben.«

»Wenn Sie Herrn Pracht eher glauben als mir, warum fragen Sie mich dann überhaupt noch?«

Pia wurde des ganzen Manövers hier allmählich überdrüssig.

Marten starrte Frau Tensfeld nachdenklich an. Durch die plötzliche Ruhe wurden sie alle wieder des hartnäckigen Summens der Fliege gewahr, die immer noch keinen Weg ins Freie gefunden hatte. Kläre Tensfeld erhob sich und griff nach einer Fliegenklatsche. Sie erledigte das lästige Insekt mit einem Handstreich. Anschließend säuberte sie die Fensterscheibe mit einem Küchenpapier und setzte sich wieder auf ihren Stuhl.

Pia beobachtete, wie sie andächtig die Hände auf dem Tisch ineinander faltete und ihren Kopf ein wenig schief hielt, als erwarte sie die nächste billige Frage. In diesem Moment kam Pia ihr Mitleid mit der Frau abhanden.

»Warum sind Sie ohnmächtig geworden, als ich Sie nach Rickleff Degner gefragt habe?«

»Ich weiß nicht, warum ich umgekippt bin. Die Luft in Ihrem Büro war so schlecht. Abends beim Arzt hatte ich einen Blutdruck von 90 zu 60. Das ist ja auch nicht gerade toll. Der Name Rickleff Degner sagt mir jedenfalls nichts.«

Pia bedauerte, dass so viel Zeit ins Land gegangen war, in der sich Frau Tensfeld ihre Antworten hatte zurechtlegen können.

»Warum haben Sie uns gegenüber so getan, als würden Sie Beate Fischer kaum kennen?«, schaltete sich Unruh wieder ins Gespräch mit ein. Kläre Tensfeld sah sie abwechselnd an, als verfolge sie ein Tennismatch. Zum ersten Mal heute machte sie den Eindruck, als würde es hinter ihrer glatten Stirn arbeiten. Offensichtlich hatte sie sich zu dieser Frage vorher noch keine Antwort überlegt.

»Weil wir uns überworfen haben. In der Mittelstufe sind wir noch gut miteinander ausgekommen. Beate war nachmittags immer oft und gern mit bei mir zu Hause. Aber in der 11. Klasse kam ein Mark Lohse zu uns in die Stufe. Beate ging dann sehr schnell mit ihm und hat mich darüber aus den Augen verloren.«

Pia kramte die alte Abi-Zeitung hervor und reichte sie der jungen Frau über den Tisch.

»Können Sie uns die Fotos von Ihrer früheren Freundin und diesem Mark Lohse zeigen?«

Ein wachsamer Zug huschte über Kläre Tensfelds Gesicht, als sie die alte Zeitung in den Händen hielt. Sie blätterte und deutete auf die Fotos von Beate Fischer und einem jungen Mann, unter dem »Mark A. Lohse« stand.

»Ich mochte ihn nicht«, war die erste bedeutsame Auskunft, die sie ungefragt von sich gab. »Er kam direkt aus einem dieser teuren Internate zu uns. Mark behauptete, sie hätten ihn rausgeschmissen. Aber in Wahrheit ist seinem Vater wohl die Kohle für das Schulgeld ausgegangen. Ich stand damals mit meiner Abneigung gegen ihn auf verlorenem Posten. Er scharte gleich eine große Anzahl Jünger um sich, die ihm auf Schritt und Tritt folgten. Wenn er behauptete, sich die Haare zu waschen wäre uncool, liefen daraufhin etwa zwanzig Typen mit fettigen Strähnen auf dem Kopf durch die Schule. Er machte Meinung zu allem und jedem. Ich fand es besser, ihm aus dem Weg zu gehen.«

»Und Ihre Freundin, Frau Fischer, wie stand sie zu diesem Benehmen?«

Kläre Tensfeld lächelte jetzt und sah dieses Mal fast hübsch dabei aus: »Beate hat ihn durchschaut. Sie sagte mir, er sei trotzdem der einzig annehmbare Typ auf der Schule, trotz seiner Macken. Außerdem hatte er schon ein eigenes Auto. Was hatte ich denn?«

»Wissen Sie, wo Mark Lohse jetzt wohnt?«

Sie schüttelte den Kopf. Das Gespräch schien sie bereits erschöpft zu haben. Zumindest über ihre Konstitution hatte sie wohl die Wahrheit gesagt.

»Wenn Ihnen Frau Fischer noch mal zufällig über den Weg laufen sollte, richten Sie ihr bitte aus, dass wir sie dringend sprechen möchten«, sagte Marten zu Kläre Tensfeld und stand auf.

»Waren Sie eigentlich schon einmal in der Cubango-Bar, Frau Tensfeld?«, fragte Pia, die sich noch nicht mit den bisherigen Informationen zufrieden geben mochte.

Die Antwort kam mit einer winzigen Verzögerung. So winzig, dass sie durchaus von dem Fussel herrühren konnte, den Kläre Tensfeld sich vom Ärmel ihrer Strickjacke zupfte.

»Cubango? Tut mir Leid. Den Namen habe ich noch nie gehört. Hat der auch mit Ihren Ermittlungen zu tun?«

»Das ist durchaus möglich …«

Pia stand nun ebenfalls auf. Kläre ging vorweg durch die kleine, dunkle Diele zur Wohnungstür. Sie verabschiedete die Polizeibeamten fast herzlich. Freute sie sich, nun endlich der Großmutter ihren Tee servieren zu können, oder würde ihr nächster Griff zum Telefon gehen, um Beate Fischer über den Verlauf dieses Gesprächs in Kenntnis zu setzen?

Ich werde schon paranoid, dachte Pia verärgert. Diese Frau reizte sie, jede Behauptung, die sie von sich gab, bis ins letzte Detail anzuzweifeln.

 

 

 

»Du glaubst ihr nicht«, meinte Unruh dann auch hellsichtig, als er sich neben Pia auf den Beifahrersitz fallen ließ. »Wir können im Moment aber nichts weiter unternehmen. Frau Tensfeld liefert nicht genug Anhaltspunkte.«

»Ich werde mich mit diesem Mark Lohse unterhalten, mit dem Beate Fischer angeblich so viel zu tun hatte. Vielleicht kann er uns sagen, wo die Frau steckt.«

»Und alles auf Grund von Markus Kessels Behauptung, diese Frau habe sich mysteriöserweise in der Küche von Biederstätts Restaurant herumgetrieben?«

»Nein. Alles nur, weil Kläre Tensfeld auf den Namen Rickleff Degner so heftig reagiert hat. Um Biederstätt musst du dich selbst kümmern. Was sagen dir die Namen Epivir und Retrovir? Klingt jedenfalls nicht nach Erkältung.«

»Wie bitte?«

»So oder so ähnlich hießen die Medikamente auf Frau Tensfelds Arbeitsplatte. Ich konnte die Namen lesen.«

»Und was bringt dir das?«

»Ich werde mich mal bei einem Mediziner erkundigen …«

»Ah ja.«

Er fragte nicht weiter nach, sondern fühlte mehrmals in der Brusttasche seiner Jacke nach seinen Zigaretten. Pia ließ es dabei bewenden. Die Zeit mit ihm im Wagen dehnte sich während ihres Schweigens.

Pia steuerte den Wagen mit wachsendem Missmut durch den Feierabendverkehr. Vor ihr eine dahinkriechende Kette von Fahrzeugen, deren rote Bremslichter vom nassen Asphalt reflektiert wurden. Das Laub der Alleebäume verfärbte sich schon bräunlich. Es würde früh Herbst werden dieses Jahr. Der Sommer war unwiderruflich vorbei …

»Was machst du nachher?«, fragte Unruh unvermittelt.

»Ich werde mit Heidmüller noch mal in die Cubango-Bar gehen und den Wirt und eine Tresenkraft nach Rickleff Degner befragen«, antwortete Pia. Sie bezog die Frage auf ihr Arbeitspensum und nicht auf ihren Feierabend. Ihre Gedanken waren plötzlich bei ihrer letzten Begegnung mit Robert und bei seiner Warnung …

»Du solltest vorsichtig sein, mit wem du dich da einlässt …«, kam es nun auch von Unruh, sodass Pia glaubte, sie hätte ein Déjà-vu. »Kannst du diese Leute nicht auch bei uns im Kommissariat befragen?«, setzte er nach kurzem Nachdenken hinzu.

»Zu langwierig, bis die alle bei uns angetanzt sind, haben wir vielleicht noch einen Mordfall am Hals …«

»Ich weiß, ich weiß, alle fünf bis sechs Wochen …«

Er klang nicht überzeugt.

Wie ich dieses Taktieren hasse, dachte Pia mit einem Mal. Will ich mit dieser Distanz zwischen uns die einmal zugelassene Nähe wieder auslöschen? Kann das überhaupt funktionieren? Seit Wochen nur Schweigen, Ausklammern, Fortfahren im altbekannten Text. Nur ja kein Risiko eingehen. Erinnerungsfetzen bahnten sich ihren Weg an die Oberfläche ihres Bewusstseins. Ihre Gedanken tanzten durcheinander wie die Reflexionen auf der nassen Windschutzscheibe. Ein Fehler, ein grober Fehler! Und jetzt noch diese erzwungene Harmonie im Familienkreis. Die Hochzeit ihres Bruders! Eine Veranstaltung, die Pia schon Kopfschmerzen bereitete, wenn sie nur daran dachte. Als die Fahrzeugschlange vor ihr erneut zum Stehen kam, trat sie erst im letzten Moment ruckartig auf die Bremse

»Ist irgendetwas?«

»Nein. Ich habe nur gerade daran denken müssen, dass ich Samstag noch auf eine Hochzeit muss …«

»Aber du willst nicht dorthin? Seit wann so gefühlsbetont, Korittki. Das macht dich ja direkt menschlich.«

»Ich habe nur keine Lust auf dieses Familienfest, das ist alles.«

»Es zwingt dich aber doch sicher keiner, dort hinzugehen, wenn du nicht willst …«

»Mein Bruder heiratet.«

Unruh zuckte mit den Schultern. Zusammenhanglos sagte er nach ein paar Minuten: »Wenn es dir recht ist, komme ich nachher mit in diese Bar. Lass Heidmüller ruhig mal wieder einen arbeitsfreien Abend. Ich könnte bei der Gelegenheit gleich überprüfen, ob Biederstätt und Kessel sich auch in dieser Bar herumgetrieben haben. Außerdem habe ich einen Mann namens Gerrit Rathje im Visier. Der einzige Mensch weit und breit, der außer Markus Kessel vom Tode Wolfgang Biederstätts profitiert hat.«

»Den Namen höre ich zum ersten Mal.«

»Rathje betreibt auch so ein Nobelrestaurant … Biederstätts war angeblich sein härtester Konkurrent. Es gibt sogar Leute, die behaupten, Biederstätt hätte Rathje das Geschäft kaputtgemacht. Zwei Läden dieses Niveaus wären zu viel auf so engem Raum.«

»Und nun, wo Biederstätt aus dem Rennen ist, schreibt dieser Rathje wieder schwarze Zahlen?«

»So ähnlich hat es sich angehört.«

»Hat Gabler eigentlich schon veranlasst, dass die finanziellen Transaktionen unserer Hauptverdächtigen überprüft werden? Ich meine, da sie doch alle so fantastische Alibis haben.«

»Das läuft. Bisher hat sich da aber noch nichts ergeben. Ich komme also heute Abend mit in diese Bar.«

»Dann überrede du Heidmüller, dass er den Job an dich abtritt. Letztes Mal ist er der Bedienung vor Verzückung fast ins Dekolletee gefallen.«

18. KAPITEL

Das Hinterzimmer, in das Pia Korittki von Erik Braun, dem Besitzer der Cubango-Bar, geführt wurde, war nicht größer als ein gut dimensioniertes Doppelbett. Braun hatte sie für das anstehende Gespräch großspurig in sein »Büro« gebeten. Am Ende eines schmalen Ganges erwarteten sie jedoch nur ausrangiertes Kneipenmobiliar und leere Getränkekisten.

Pia hatte weder Marten Unruh noch Michael Gerlach, der unerwarteterweise mit in die Bar gekommen war, zu der Befragung hinzugebeten. Für eine weitere Person wäre in Brauns Kabuff ohnehin kein Platz mehr gewesen.

Pia hatte sich über Gerlachs Anwesenheit an diesem Abend vom ersten Moment an geärgert. Gleich zu Beginn hatte er sich in das Begrüßungsgespräch mit dem Barbesitzer eingemischt und war für Pia ungefähr so hilfreich, wie es ein verstauchter Fuß gewesen wäre, meinte sie. Außerdem fand sie es mehr als verwunderlich, dass Gerlach so schnell von seinem Magen-Darm-Infekt genesen war. Sie fühlte sich in dieser Frage von Marten Unruh hintergangen. Aber das würde sie zu einem späteren Zeitpunkt klären müssen.

 

 

 

Erik Braun stellte dieses Mal eine umgängliche Miene zur Schau, aber Pia ahnte, dass man sich an einem Typen wie ihm sämtliche Zähne ausbeißen konnte. Seine Gestik, seine Mimik schienen einstudiert, sehr gut einstudiert. Vielleicht übte er das ja zu Hause vor dem Spiegel oder mit einer Videokamera. Seine Rolle war die des viel beschäftigten Unternehmers, der keine Mühe scheut, den lästigen Polizeibeamten etwas auf die Sprünge zu helfen.

»Rickleff Degner …«, sinnierte er auf Pias Frage hin stirnrunzelnd. »Er ist mir von einem alten Freund aus Kiel empfohlen worden. Nach gewissen Anfangsschwierigkeiten hat er seinen Job sehr gut gemacht. Die Frauen haben ihn geliebt. So mancher Cocktail ist nur deshalb über den Tresen gegangen, weil meine Gäste dem Ricky so gern beim Mixen zuschauten …«

»Was für Anfangsschwierigkeiten hat es denn gegeben?« – Entscheidend war doch immer das, was nicht gut lief.

»Er wollte sich anfangs als Chef aufspielen. Besonders wenn ich nicht da war. Ich mag diese Anmaßung nicht. Wenn ich eine Vertretung brauche, dann organisiere ich mir selbst jemanden. Alles eine Frage der Autorität, nicht wahr?«

»Wie kam Rickleff Degner mit seinen Kollegen klar?«

»Bestens. Damals waren noch Meike und Corinna hier. Nette Mädels, aber auf Dauer zu langweilig für einen Laden wie diesen. Birthe ist ein Goldstück. Ein bisschen ordinär, immer gut drauf, und sie hat es faustdick hinter den Ohren.« Er lächelte vielsagend.

»Ich werde mit den beiden Frauen sprechen müssen, die mit Herrn Degner zusammen hier gearbeitet haben.«

»Warum das denn?« Erik Braun wirkte verärgert, ohne dass Pia nachvollziehen konnte, was den Stimmungsumschwung verursacht hatte.

»Haben Sie ihre Nachnamen und Adressen?«

»Steht in den Büchern. Aber mein Gott! Hier hängen eine Menge Mädels rum, die ihnen viel mehr erzählen könnten. Ricky nahm sich fast jeden Abend, den er in der Cubango-Bar verbrachte, eine mit nach Hause.«

Pia fand, dass das Klischee eines abenteuerlustigen Barkeepers hier über Gebühr beansprucht wurde. Sie holte die Abi-Zeitung aus dem Kloster-Gymnasium aus ihrer Tasche und reichte Erik Braun eine aufgeschlagene Seite.

»Jemand dabei, den Sie kennen?«

Er warf einen Blick auf die Fotos, hielt das Heft sogar ein wenig in das Licht der nackten Glühbirne an der Decke, um besser sehen zu können.

»Ein paar Nasen kommen mir vage bekannt vor. Was wollen Sie denn wissen?«

»Der eine oder andere dieses Jahrgangs war vielleicht mal hier, eventuell sogar regelmäßig.«

Erik Braun klopfte mit den Fingern auf das Heft. »Also, wenn Ihnen das weiterhilft: Ein paar habe ich schon mal gesehen. Die hier …« Er trat dicht an Pia heran und hielt ihr die Abi-Zeitung direkt vors Gesicht. Sein Arm berührte den ihren. Erik Braun deutete flüchtig auf ein paar Fotos. »Die kommen mir alle bekannt vor. Ob ich sie aus der Cubango kenne, kann ich nicht beschwören. Wer sich in der Szene bewegt, dessen Visage kennt man einfach.«

Dafür, dass er niemanden konkret benennen konnte, pustete er ihr seinen Atem recht gezielt in die Halsbeuge. Pia schob ihn mit dem Ellenbogen ein Stück zur Seite.

»Schreiben Sie mir alle Personen, die Ihnen hier in der Zeitung bekannt vorkommen, auf. Die Namen stehen ja jeweils unter den Fotos«, forderte sie bestimmt, »jeder, der Ihrer Meinung nach mit Rickleff Degner zu tun hatte, bekommt noch ein Sternchen extra.«

Erik Braun schnaubte verärgert und schleuderte das Heft auf eine der Kisten.

»Für wen das denn? Das dauert ja ewig, bei all den Fotos …«

»Machen Sie sich einfach die Mühe. Für mich!« Sie ließ ihn in seinem Abstellraum stehen, ohne weiter auf seinen Einwand einzugehen.

»Bestellen Sie sich vorne, was Sie wollen«, rief er ihr nach, »geht aber nicht auf Kosten des Hauses!«

Wenn er immer so einfach zu ärgern war, hatte er kein leichtes Leben, dachte Pia. Sie rieb sich am Hals, dort, wo sie seinen warmen Atem gefühlt hatte.

 

 

 

Die Bar hatte sich in der Zwischenzeit gefüllt. Es war Mittwochabend. War nun heute Cubango angesagt, oder nicht? Was hatte Nele ihr erzählt? Pia schüttelte ratlos den Kopf.

Die wogenden Massen vor der geschwungenen Bar sprachen für den Mittwoch. Während Unruh im hinteren Teil des Ladens in ein Gespräch mit einem hoch aufgeschossenen Jüngling vertieft war, schien Gerlach seinen Aufenthalt hier einfach zu genießen. Er ließ sich in der Menge treiben, lächelte mal hierhin und nickte mal dorthin. Nie im Leben wäre Pia darauf gekommen, dass sie es hier mit einem Bullen während seiner Arbeitszeit zu tun hatte. Sie warf sich zwischen die schwankenden Menschenleiber und hoffte, dass Erik Braun mit seinen Notizen im Hinterzimmer nicht zu lange brauchen würde. Es hätte keinen Sinn gemacht, neben ihm stehen zu bleiben, während er die Fotos durchging. Der Mann hatte ein übertriebenes Geltungsbedürfnis, er hätte nur eine miserable Show vor ihr abgezogen.

»Was soll ich dir bestellen?«, rief Gerlach ihr über ein paar Köpfe hinweg zu, als er sie erblickte.

»Jemanden, der mich hier in ein paar Geheimnisse einweiht.«

Der Lärm um sie herum machte eine Verständigung auf Distanz unmöglich. Gerlach runzelte die Stirn und kämpfte sich zu ihr durch. Er hatte sich, einem Chamäleon gleich, dem Stil der Bar angepasst. Dieses Gel im Haar trug er im Büro sonst nicht. Und auch seine Kleidung entsprach genau dem Stil der übrigen Gäste hier. Welcher war jetzt eigentlich der authentische Gerlach?

»Wo hast du die ganze Zeit gesteckt?«, fragte er Pia, als er sie erreicht hatte.

»Im Hinterzimmer. Ich habe ein paar Worte mit Erik Braun gewechselt, dem Chef von diesem Zirkus hier.«

Gerlach grinste und nahm einen Schluck aus dem Glas, das er in der Hand trug.

»Was trinkst du da überhaupt?«

»Sex on the beach. Ich bin nämlich im Grunde privat hier. Nur um ein Auge auf euch zu haben, könnte man sagen. Außerdem lasse ich mir die Zeitströmungen wie ein Fisch durch die Kiemen gehen, irgendwas bleibt immer hängen …«

Pia blieb eine sinnvolle Erwiderung darauf erspart, weil sich zwei langmähnige Blondinen zwischen ihnen hindurchschoben. Sie musterten Gerlach interessiert und blieben am nächsten Bistrotisch hängen, von wo sie ihre Blicke durch den Raum schweifen ließen.

»Du entschuldigst mich?«, fragte Gerlach noch, bevor er sich in Richtung seiner Beute bewegte.

»Aber immer doch!«

Gerlach blickte sie durchdringend an: »Übrigens, Korittki: Ich kann Arbeit und Vergnügen trennen …«

Was sollte das jetzt heißen? »Das beruhigt mich sehr. Ich habe hier nämlich noch etwas anderes zu tun, als für dich das Kindermädchen zu spielen.«

Es sollte locker klingen, aber Pia merkte, dass sie zu angespannt war. Ein aggressiver Unterton war nicht zu überhören gewesen.

»Immer sachte, Frau Kollegin. Es gibt so einen netten Spruch: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen … Oder sollte ich besser Hotelzimmer sagen? Ach nein, das klingt längst nicht so gut!«

Er wartete ihre Reaktion nicht ab, sondern wandte sich in Richtung Bar. Es dauerte Bruchteile einer Sekunde, bis Pia begriff. Also doch. Marten hatte geplaudert. Sie hatte plötzlich unbändige Lust, ihm richtig die Meinung zu sagen. Ihr Blick glitt suchend über die Menschenmenge. Die Ausdünstungen der angetrunkenen, schwitzenden Leiber, die ihr in die Nase stiegen, steigerten ihre Wut über den Verrat noch mehr. Letzten Endes zahlte man doch immer für die Fehler, für den Spaß und für das Vergnügen, das man hatte. Blödsinniges Stammtischgeschwätz …

»Wie sieht es aus? Fast zu voll hier heute, finde ich …«, vernahm Pia Marten Unruhs Stimme neben sich.

»Bei mir läuft’s bestens. Erik Braun schaut sich gerade Beate Fischers Abi-Zeitung für mich an.« Sie machte sich nicht die Mühe, ihren Ärger vor ihm zu verbergen.

»Du solltest so Typen wie diesen Erik Braun nicht allein befragen«, meinte Unruh, ihre steinerne Miene ignorierend.

»Diese ganzen Warnungen hängen mir so was von zum Halse raus. Ich will hier nichts, als meine Arbeit tun. Was macht dein siamesischer Zwilling überhaupt hier? Das war nicht abgesprochen!«, schnauzte sie Marten an.

»Wieso bist du sauer? Er ist in solchen Läden ganz nützlich. Andere wollen nämlich auch ihre Arbeit tun. Der Typ, mit dem ich eben gesprochen habe, kannte Degner ganz gut. Ich weiß jetzt, dass der Typ hier nichts anbrennen ließ. Außerdem hatte er Schulden, er hat ständig die Leute angepumpt.«

Erik Braun tauchte wieder hinter seinem Tresen auf und winkte Pia ungeduldig zu.

»Lass uns später weiterreden«, sagte sie mit Blick zur Bar. Das Gespräch war beendet, bevor es eskalieren konnte. Pia drehte Unruh den Rücken zu, bahnte sich den Weg durch die dicht gedrängten Barbesucher und folgte Erik Braun den Gang entlang in sein Büro. Braun gab ihr die Abi-Zeitung zurück.

»Niemand drin, den ich kenne«, sagte er, »ich hab mich getäuscht. Die Fotos sind zu alt und zu schlecht. Ich kann Ihnen nicht weiterhelfen.«

»Fallen Sie mir jetzt nicht auf die Nerven! Wenn Sie sich unkooperativ benehmen, können wir auch anders! Es spricht sich schnell rum in einer kleinen Stadt, wenn die Polizei die Cubango-Bar auf dem Kieker hat … Das wissen Sie selbst am besten.«

Es tat ihr gut, ihre Wut herauslassen zu können. In diesem Fall traf es Erik Braun wohl etwas heftiger, als es der Situation angemessen war. Er war schließlich nur ein störrischer Zeuge, der Angst hatte, zu viel zu sagen.

»Das würden Sie nicht tun? Wenn ich auf ein paar Fotos deute, in der vagen Annahme, die Personen wiederzuerkennen, dann lassen Sie mich in Zukunft in Ruhe?«

»Ganz so einfach ist das nicht. Wenn Ihre Gäste nichts mit den laufenden Ermittlungen zu tun haben, dann sehen Sie mich hier wahrscheinlich nie wieder. Das ist doch auch schon etwas.«

»Ein schwacher Trost. Aber was soll’s, der Abend ist eh versaut. Hier, sehen Sie …« Er schlug eine Seite des Heftes auf, deutete auf verschiedene Fotos, »die waren bestimmt alle schon mal hier …«

Er hatte unter anderem auf ein Bild von Mark Lohse gedeutet, den Kläre Tensfeld als Beate Fischers Freund bezeichnet hatte. Pia markierte sich die entsprechenden Namen mit einem Bleistiftkreuz.

»Die auch?« Pia zeigte auf das Foto von Beate Fischer.

»Vielleicht. Wenn, dann sieht sie jetzt irgendwie anders aus …«

»Sehen Sie genau hin.«

Nach näherer Betrachtung meinte er: »Wahrscheinlich ist sie ab und zu mal hier, aber der Name Beate Fischer sagt mir gar nichts. Aber diese hier …«, er deutete auf ein anderes Foto, »… an die erinnere ich mich gut. Die passte überhaupt nicht hierher. Vielleicht war die sogar mit dieser anderen zusammen da.«

Pia glaubte ihren Augen nicht zu trauen. »Fällt Ihnen zu der Frau noch irgendetwas ein?«

»Ja, Ricky hat sie mal abgeschleppt. Deshalb hab ich sie wohl auch so gut in Erinnerung. Ist aber länger her. Tolle Titten hatte die Frau. Aber eigentlich war sie nicht Degners Typ. Hab mich noch gewundert.«

Das Foto, auf das er gezeigt hatte, war das von Kläre Tensfeld.

19. KAPITEL

Kessel wachte auf. Er war allein. Allein in seinem Bett, allein in seiner Wohnung, ganz allein. Der Traum verfolgte ihn bis in den Wachzustand, und nicht einmal die grell leuchtende Nachttischleuchte konnte das schreckliche Traumszenario aus seinem Kopf vertreiben.

Er war auf einem Friedhof gewesen, auf dem Lübecker Burgtor-Friedhof, genau genommen. Der Ort hatte zwar im Traum ganz anders ausgesehen, aber er hatte gewusst, dass er sich in der Nähe von Wolfgangs Grab befunden hatte.

Wolfgang war zwischen den Grabsteinen und Koniferen herumgelaufen und hatte ihm zugewinkt. Er hatte so ausgesehen wie früher, vollkommen lebendig, und im Traum hatte Markus Kessel echte Freude empfunden. Ein Glück, alles war nur ein schlechter Witz gewesen, ein fieser Trick! Wolfgang lebte und winkte ihm zu!

Aber etwas in diesem Traum hatte Markus Kessel daran gehindert, sich seinem Freund zu nähern. Er konnte sich schlecht bewegen, war wie gelähmt gewesen. Gleichzeitig ahnte er selbst im Traum, dass etwas Dunkles und Schreckliches auf Wolfgang lauerte.

»Nicht über das Grab laufen«, hatte er ihm zurufen wollen, »nicht über DEIN Grab laufen …«

Doch Wolfgang hörte ihn nicht, lief einfach los. Sein erster Fuß versackte in der weichen braunen Erde bis zum Knöchel, der zweite fast bis zum Knie. Wolfgang blieb stehen, sackte langsam immer tiefer. Er winkte ihm weiter zu, sackte, bis er bis zu den Schultern versunken war im kalten Erdreich.

Markus Kessel hatte im Traum versucht zu schreien, aber er war stumm geblieben. Er musste mit ansehen, wie Wolfgang tiefer und tiefer hinabrutschte, bis nur noch die Hand herausguckte, die ihm noch immer winkte …

Das Schlimmste an dieser Szene war das Unverständnis in Wolfgangs Blick gewesen. Zuerst das Nicht-Begreifen, dann seine Panik, dann war er weg.

Wieder hatte Markus zu ihm laufen wollen, ihn herausziehen, mit bloßen Händen die Erde beiseite schaufeln, aber er konnte sich immer noch nicht bewegen. Er hatte zu seinen Füßen hinuntergesehen, die schon bis zu den Knöcheln in einem Grabhügel versunken waren …

Da war er endlich aufgewacht.

»Ein Scheißalptraum«, hatte er zu sich gesagt. Es tat ihm gut, seine eigene, feste Stimme zu hören, »nur ein beschissener Traum …«

Ich hab seinen Tod noch nicht verarbeitet, dachte Markus Kessel missmutig. Wie auch, wenn der Mörder meines Freundes immer noch frei herumläuft. Das Warten macht mich verrückt. Ich kann nicht mehr arbeiten, ich kann mich nicht mehr amüsieren, ich kann nicht mal essen.

Ja, rauchen und trinken, das ging. Neulich, als er mal wieder in einem der einschlägigen Lokale abgestürzt war, da hatte er sich von einem jungenhaften Typen abschleppen lassen. Fast willenlos war er mitgegangen, um überhaupt mal wieder etwas anderes zu fühlen als diese nagende Trauer.

Es war gründlich schief gegangen. Im ersten Moment hatte dieser sportliche, braun gebrannte Körper ihn wirklich angemacht. Der Typ war witzig drauf gewesen. Aber es lief nichts, er bekam keinen hoch. Das war ihm noch nie passiert, jedenfalls nicht so. Letzten Endes hatte er sich in den Armen des anderen ausgeheult, ein Mann, dessen Namen er nicht einmal wusste.

Das Ganze war ihm so peinlich gewesen, dass Markus nur hoffte, ihm nie wieder begegnen zu müssen. Aber wenn er hier in Lübeck blieb, war die Wahrscheinlichkeit eines Wiedersehens groß. Man traf sich immer und überall wieder. Markus musste endlich weg hier, vielleicht nach Berlin oder Köln. Nur Wolfgangs blödes Restaurant hatte sie immer am Umziehen gehindert.

Es war Zeit für eine größere Veränderung. Er wollte irgendwo ein neues Leben beginnen.

Er stand auf, obwohl es erst kurz nach fünf Uhr am Morgen war. Plötzlich hatte er das dringende Bedürfnis zu handeln. Zuerst wollte er tun, was er tun musste, um von seinem langjährigen Lebenspartner ruhigen Gewissens Abschied nehmen zu können. Der Mörder von Wolfgang Biederstätt musste gefasst werden. Dann erst konnte er aufbrechen und irgendwo neu beginnen.

Nur, wie sollte er das anfangen? Der Gedanke an die Polizei ließ Zorn in ihm aufwallen. Die behaupteten, das Autokennzeichen führe in eine Sackgasse. Die Frau, die sie suchten, wäre nicht auffindbar. Kompletter Blödsinn! Er musste die Angelegenheit selbst in die Hand nehmen.

 

 

 

Sein Plan war so einfach, wie er blöd und mühsam war. Markus Kessel hatte zwei Vorteile, die er für sein Vorhaben in die Waagschale werfen konnte. Er hatte Zeit und er hatte Geduld. Er würde sich so lange in der Innenstadt herumtreiben, bis er die Frau wiedersah!

Noch am gleichen Morgen begann er damit, seinen Plan in die Tat umzusetzen. Er wanderte durch die Straßen der Altstadt, musterte die Passanten und die geparkten Autos am Straßenrand und auf den Parkplätzen. Mehrmals pro Tag zog es Kessel in die Wahmstraße, zu dem Café, wo er diese verdächtige Frau zum letzten Mal gesehen hatte.

Wenn er an Wolfgangs ehemaligem Restaurant vorbeikam, wo ein paar Handwerker die Schilder demontierten und das Mobiliar abtransportierten, steigerte sich seine verbissene Wut nur noch. Er würde diese Frau finden. Sie oder ihr beschissenes Auto, an dem er kleben würde, bis er sie in den Fingern hatte. Und dann würde er – ja was eigentlich?

Weiter ging sein Plan nicht. Er wusste nicht, was er tun sollte, wenn er sie gefunden hatte. In seinen Tagträumen stellte er sie zur Rede, zwang sie, ihre Schuld einzugestehen, den Namen des Mörders preiszugeben. In seinen Fantasien war es nie die Frau selbst gewesen, die Wolfgang ermordet hatte. Wolfgang war von einem Mann ermordet worden, dessen Namen diese Frau wusste …

Während seiner langen Touren durch die Stadt bekam er ein völlig neues Gefühl für Lübeck, für die alten und neuen Gebäude, den Wandel, den die Zeit ihnen aufgezwungen hatte. Er betrachtete andächtig die alten Häuser, die in neue Strukturen gepresst wurden. Einige wurden regelrecht verschandelt, damit ihre Besitzer größtmöglichen Profit aus den alten Gemäuern herausschlagen konnten. Er sah Werbung, Plakate, Leuchtreklame.

Plötzlich begann er, die Autos zu hassen, die alles verstellten und verstopften. Viele Autos, deren Kennzeichen in seinem Gehirn auf ihre Brauchbarkeit hin abgesucht wurden. Und nie war ihres darunter.

Er trank Unmengen von Kaffee, um wach und nüchtern zu bleiben. Das Koffein kreiste in seinen Adern, trieb ihn an und ließ sein Herz schneller schlagen. Jeder seiner Knochen schmerzte vom ungewohnten Pflastertreten.

Als es Abend wurde, stand er kurz vor der Kapitulation. Seine Füße waren voller Blasen, er hatte eine schlimme Erkältung und sein Magen zog sich bei dem Gedanken an Kaffee protestierend zusammen. Er war fast am Ende.

Die Polizei hatte sich in den letzten Tagen nicht mehr bei ihm gemeldet. Das hatte er auch nicht anders erwartet. Er hatte extra seinen alten Anrufbeantworter wieder an sein Telefon angeschlossen, damit ihm kein Anruf entging. Das Band war abends immer leer gewesen. Auch seine Bekannten hatten es inzwischen aufgegeben, sich nach seinem Befinden zu erkundigen.

Er war allein mit seiner Aufgabe. So allein, wie es der mythische Held im Kampf gegen das Böse seit Urzeiten war. Der edle Ritter, der einsame Cowboy, der moderne Held! Das musste das Fieber sein. Ihm war heiß und zugleich schüttelte es ihn.

Dann sah er sie. Ihr Anblick war so unerwartet, dass er im ersten Moment glaubte, er habe tatsächlich Fieberfantasien.

Aber er täuschte sich nicht, sie war es wirklich. Die Frau überquerte die Straße und betrat ein kleines Geschäft auf der anderen Seite. Das gab ihm einen kurzen Moment Zeit, zu überlegen. Er durfte sie nicht aus den Augen verlieren. Er musste herausfinden, wie sie hieß, wo sie wohnte.

Sie trug eine recht große, schwarze Umhängetasche. Sollte er sie ihr entreißen? Darin befand sich bestimmt irgendetwas, was sie identifizierte, auch wenn sie ihr Portemonnaie vielleicht am Körper trug. Aber taugte er zum Handtaschenräuber? Wie als Antwort auf seine Fragen meldete sich bellend sein Husten. Es tat so verflucht weh auf den Bronchien. Das mit der Handtasche konnte er sich abschminken. Sollte er sie auf einen Kaffee einladen, sie in ein Gespräch verwickeln?

Er kam sich nach diesen Tagen auf der Straße schon wie ein Penner vor … sie würde ihn sicher abblitzen lassen wie einen Idioten …

Nun verließ sie das Geschäft wieder. Sie trug ihre kleine, spitze Nase sehr hoch, würdigte ihre unmittelbare Umgebung keines Blickes. An den Füßen trug sie hochhackige Stiefeletten. Vielleicht war das seine Chance. Er konnte sie verfolgen, bis sie irgendwann nach Hause gehen musste.

Markus Kessel war sich sicher, dass sie sich nicht an die Polizei wenden würde, wenn sie sich verfolgt fühlte. Aber was konnte er tun, wenn sie mit ihrem Auto fortfuhr, das bestimmt irgendwo stand? In Gedanken ging er die Parkplätze und Seitenstraßen durch, die er heute schon kontrolliert hatte. Es gab immer noch genug Möglichkeiten, dass ihr Wagen irgendwo parkte. Und dann? In einem Film käme dann ein Taxi, mit dem er sie weiter verfolgen konnte.

Aber dies war kein Film, machte er sich trotz seines Koffeinrausches und der fiebrigen Gesamtverfassung klar. Jetzt oder nie, diese Chance bekam er vielleicht nie wieder. Nun überquerte sie die Straße und kam direkt auf ihn zu. Ihr Blick streifte ihn, aber sie gab kein Zeichen des Erkennens von sich. Die Frau wandte sich in Richtung Fußgängerzone. Mit einem gewissen Sicherheitsabstand nahm er die Verfolgung auf.

Sie schien es nicht besonders eilig zu haben, sondern verweilte vor dem einen oder anderen Schaufenster, kaufte sich schließlich in einem kleinen Tabakladen eine Zeitschrift und eine Schachtel Zigaretten.

Markus Kessel ließ sie nicht aus den Augen. Er musste des öfteren so tun, als betrachte er ebenfalls die Auslagen in den Schaufenstern. Er zog seine Jacke aus und legte sie sich über den Arm, um anders auszusehen. Plötzlich kehrte sie in ein Café ein, und er beobachtete durch ein großes Fenster, wie sie an einem der Tische Platz nahm.

Das Café war kaum besucht und so klein, dass er es nicht riskieren wollte, ebenfalls hineinzugehen. Stattdessen setzte er sich auf die Bank an einer Bushaltestelle, von wo er die Frau gut im Blick hatte.

Erneut fragte er sich, wie er sie verfolgen sollte, wenn sie tatsächlich mit ihrem Auto in der Stadt war. Vorsichtshalber ging er in Gedanken die Taxi-Rufnummern durch, die er kannte. Schließlich hatte er sein Mobiltelefon dabei. Aber bis ein Taxi käme, wäre sie vermutlich schon über alle Berge.

Die Polizei zu rufen, schloss er kategorisch aus: Diese arroganten Bullen – Kriminalkommissare … einer sogar ein Kriminalhauptkommissar. Aber wenn man ein klitzekleines Stückchen Hilfe brauchte, war man bei ihnen verraten und verkauft!

Er konnte sich nur selbst helfen. Das war übrigens einer von Wolfgangs Wahlsprüchen gewesen: »Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott« – oder so ähnlich. Verdammter Mist! Wo war denn sein Gott gewesen, als es darauf ankam? Wolfgang war allein gewesen mit seinem Mörder …

Ein junges Mädchen in dem Café stellte etwas vor der Frau ab, sprach kurz mit ihr. Die Frau bezahlte noch nicht. Mit einem hastigen Aufbruch ihrerseits war Gott sei Dank nicht zu rechnen. Das gab ihm Zeit zu überlegen.

Ich brauche einen Plan, dachte Markus Kessel. Gut möglich, dass er inzwischen sogar laut mit sich selbst sprach. Während dieser Tage auf der Straße war ihm die Kontrolle über seine Äußerungen immer mehr abhanden gekommen. Ich muss wissen, ob sie irgendwo ihr Auto stehen hat. Am Besten auch, wo es sich befindet, dachte er.

Als sein Blick auf das schwarzhaarige Mädchen fiel, das hinter dem Bushaltestellenhäuschen rumlungerte, kam ihm endlich die entscheidende Idee. Er nahm einen Geldschein aus seiner Brieftasche und sprach sie an. Erst blickte sie ihn ungläubig an, dann glitzerte die Gier in ihren Augen und sie nickte. Was sie zu tun hatte, war leicht. Ins Café hinübergehen und der Frau glaubhaft versichern, ihr Wagen wäre aufgebrochen worden, kurz nachdem sie ihn vorhin abgestellt hatte. So nach dem Motto: »der blaue Polo … ich hab vorhin zufällig gesehen, wie Sie ausgestiegen sind …« Vielleicht konnte das Mädchen herauskriegen, wo das Auto parkte? Vielleicht brach die Frau dann auch auf, um zu ihrem Wagen zu gehen und nachzusehen … Wenn sie tatsächlich aufstand, tat er gut daran, sich vorsichtshalber ein Taxi zu rufen.

Von der Bushaltestelle aus beobachtete Markus Kessel das Mädchen. Er konnte sehen, wie die Frau aufsah, als sie angesprochen wurde. Es gab einen regen Wortwechsel, dann zuckte sein Lockvogel die Schultern und trottete wieder davon.

Er traf sich mit ihr außer Sichtweite des Cafés, konnte aber den Ausgang des Ladens gut überblicken. Das Mädchen berichtete mürrisch, die Frau hätte sie ausgelacht, da sie gar kein Auto besäße …

Kessel atmete erleichtert auf. Die Situation war günstiger, als er erwartet hatte: Wenn sie zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs war, dann konnte er sie verfolgen bis ans Ende der Welt … Als Joe Albrechts Gesicht sah, wusste er sofort, dass es Ärger geben würde. Noch nach den vielen Jahren, die sie sich kannten und miteinander befreundet waren, spürte Joe einen Anflug von Angst, wenn Albrecht wütend war. Albrecht brüllte nicht los, wurde nie gewalttätig, aber seine kalte, sehr zielgerichtete Wut ging Joe durch Mark und Bein. Er hatte es verbockt, und er wusste es auch.

»Seit wann gehst du eigentlich ohne mein Wissen an das Geheimfach im Damensalon, Joe?«, fragte Albrecht und fixierte ihn mit unbewegtem Gesicht.

»Wieso?«

Eine völlig sinnfreie Gegenfrage, die Joe höchstens einen Aufschub von ein paar Sekunden verschaffen konnte.

»Weil drei Briefchen fehlen. Glaubst, ich weiß nicht, wie viel Koks ich habe? Pass mal auf: Wir ziehen hier ein gemeinsames Ding durch. Wenn du was brauchst, denn mach den Mund auf und frag mich. Hast du verstanden? Diese Extratouren hinter meinem Rücken laufen nicht.«

»Ich muss dich ja wohl kaum um Erlaubnis fragen, wenn ich was will. Aber ich war nicht am Geheimfach. Frag doch zur Abwechslung mal unsere gute Isabel!«

»Das hab ich schon. Sie war es nicht, und ich weiß, dass sie mich nicht anlügt.«

»Ach ja, wirklich?«

Es sollte höhnisch klingen, aber Joe hörte selbst, dass seine Stimme zittrig klang. Es ging ihm beschissen heute. Er wollte nicht mit Albrecht streiten, er wollte aber auch nicht klein beigeben.

»Isabel hat es gar nicht nötig zu lügen. Sie sagt, was sie denkt und was sie will. Sie gehört Gott sei Dank zu den wenigen Menschen, die keine Angst vor der Wahrheit haben.«

»Willst du damit andeuten, ich hätte Angst?«

Joe schniefte. Nicht weil er heulen musste, aber es raubte seiner Antwort natürlich die Wirkung.

Eine Erinnerung an eine ganz ähnliche Situation tauchte vor seinem inneren Auge auf: demütigend und hässlich.

»Ja.«

Joe trat mit dem Fuß gegen einen der Müllsäcke, die in der Küche herumstanden.

»Wenn du die nicht rausbringst, Albrecht, hast du bald fette Ratten in deiner Hütte …«

»Vielleicht hab ich die jetzt schon.«

Joe hatte das Gefühl, am Boden auf dem Rücken zu liegen. Er hatte sich schon seit Ewigkeiten nicht mehr geschlagen, aber das Gefühl, das man nach einer Niederlage auf dem Pflaster des Pausenhofs verspürte, hatte sich ähnlich angefühlt. Er wusste keine Antwort mehr. Um von seiner Verlegenheit abzulenken, bearbeitete er den blauen Müllbeutel weiter mit seiner Schuhspitze. Durch einen kleinen Riss quollen Zigarettenkippen und verschimmelte Nudeln.

Albrecht trat noch einen Schritt auf ihn zu: »Lass in Zukunft die Finger vom Geheimfach. Einen weiteren Verstoß dulde ich nicht.«

Die unflätige Bemerkung, die Joe auf der Zunge lag, schluckte er hinunter. Er zwang sich zu nicken, ohne Albrecht dabei in die Augen zu sehen.

Ich stecke in einer Zeitschleife fest, dachte Joe plötzlich verzweifelt. Alles wiederholte sich bis zum Erbrechen!

Auch sein Vater hatte ihm immer und immer wieder seine Nutzlosigkeit vor Augen geführt: Er hatte ein Einser-Abi gemacht, aber sein Vater hatte sich geweigert, es überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Stattdessen hatte er auf Joes schwachen Leistungen im Sport herumgeritten. Als ob er etwas dafür konnte, dass sein linkes Bein zwei Zentimeter kürzer war und er trotz aller Bemühungen immer nur zweite Liga blieb. Sein Vater hatte ihn als schwach bezeichnet, faul, kriecherisch und die größte Enttäuschung seines Lebens. Zum Abi-Ball war er nicht gekommen, weil es ihm peinlich war, mit seinem Sohn gesehen zu werden. Das hatte er zwar nicht gesagt, sondern Termine vorgeschoben, aber Joe hatte es in seinen Augen gelesen, diese grenzenlose Verachtung, seine Arroganz! Und er meinte auch noch, er täte das Beste, würde ihn erziehen und abhärten, damit endlich ein Mann aus ihm würde …

Seine Freunde, allen voran Albrecht, waren seine Flucht und seine Rache an ihm gewesen. Und nun kam Albrecht an wie ein dämlicher Spießer und meinte, ihn zur Rede stellen zu müssen. Dabei hatte er sich nur zwei dieser dämlichen Briefchen genommen, gerade mal ein Gramm! Weil es ihm mies ging. Weil er nicht mehr schlafen konnte und weil er zunehmend gierig war … den Kick einfach brauchte.

Seit er den Koks nicht nur schnupfte, sondern auch manchmal drückte, fiel es ihm zunehmend schwer, sich zu zügeln. Aus einem Wochenendzeitvertreib war ein echtes Verlangen geworden. Aber das war kein Problem für ihn. Ein Koks-Junkie war immer noch tausendmal besser als ein Heroin-Junkie, versicherte sich Joe.

»Wir sollten in Zukunft einfach alles durch drei teilen«, sagte er, um seine Niederlage abzuschwächen.

Schon in der Tür, wandte Albrecht sich um. »Denk nicht mal dran, Joe. Du würdest so dermaßen abstürzen ohne uns. Entweder wir gemeinsam, oder wir ohne dich. Da kannst du ja mal drüber nachdenken …« Er drehte sich um und ließ ihn stehen.

Was für ein abgrundtief beschissener Tag!

Er überlegte, ob er jetzt Türen knallend aus dem Haus rennen sollte. Aber wohin sollte er gehen. Seine eigene kleine Wohnung in der Hundestraße erschien ihm so eng und bedrückend wie eine Gefängniszelle. Er hatte kein Geld mehr. Es reichte nicht einmal für ein anständiges Essen im Steakhaus.

Das Geräusch des Schlüssels im Haustürschloss und das Klopfen von Isabels Absätzen auf dem Terrazzoboden enthob ihn einer Entscheidung.

Sie war seine Sonne, mit ihr konnte Joe auch Albrechts Gegenwart ertragen. Er ging ihr entgegen, hörte schon ihre aufgeregte, aber gedämpfte Stimme. Er lauschte alarmiert. Normalerweise machte sich Isabel nicht die Mühe, leise zu sprechen.

»Bist du dir sicher?«, hörte er nun Albrecht fragen. Die Kälte aus seiner Stimme war verflogen. Er hörte sich aufgeregt an. Es musste etwas passiert sein.

»Was machen wir nun? Er kann jeden Moment hier sein!«

»Du weißt nicht, wer er ist?«

»Nein. Ich hab ihn erst bemerkt, als ich zur Bushaltestelle ging. Aber da dachte ich noch, ich täusche mich. Bis er in denselben Bus stieg und an derselben Haltestelle hinaus ist.«

»Hat er gesehen, dass du ins Haus gegangen bist?«

»Ja.«

»Verdammt!«

Trotz der wohl anstehenden Probleme genoss es Joe, Albrecht außer Fassung zu wissen. Mehr Genugtuung für die Demütigung würde ihm heute ohnehin nicht vergönnt sein. Er trat zu seinen Freunden und begrüßte Isabel, die ihn kaum zur Kenntnis nahm.

Das Läuten der Türklingel zeriss die Stille des Hauses und ließ ihn zusammenzucken.

»Lasst mich das machen«, sagte Isabel bestimmt und schob Joe und Albrecht aus dem Eingangsflur.

Dann öffnete sie lächelnd die Tür.

20. KAPITEL

Pia, da ist ein Herr Lohse für dich. Er sagt, ihr seid verabredet.«

»Ist es schon so spät?« Sie sah auf die Uhr und bemerkte, dass es sogar noch später war.

»Er kann reinkommen«, sagte sie zu Conrad Wohlert.

»Möchtest du, dass jemand dabei ist …?«, fragte dieser. Pia war allein in ihrem Büro. Oswald Heidmüller hatte noch eine Besprechung mit Broders und Kürschner. Danach machte er wahrscheinlich Feierabend.

»Nein, ist nicht notwendig. Ich lass die Tür offen, es sind ja noch genug Leute hier«.

Sie vermutete, dass Mark Lohse bei einem Gespräch mit ihr allein wesentlich mitteilsamer sein würde. Jedenfalls dann, wenn er halbwegs dem Typ entsprach, den sie sich vorstellte. Laut Kläre Tensfeld war er eng mit Beate Fischer befreundet gewesen. Die Chance, sie mit seiner Hilfe zu finden, war groß. Außerdem war er einer von denen, die Erik Braun auf den Fotos in der Abi-Zeitung wiedererkannt hatte. Jemand, der sich des öfteren in der Cubango-Bar oder ähnlichen Szeneläden der Stadt herumtrieb …

Der Mann, der kurz darauf eintrat, schien Licht in Pias nüchternes Büro zu bringen. Er hatte etwas an sich, das einige Menschen wohl als Aura bezeichnen würden, dachte sie. Mark Lohse lächelte sie zur Begrüßung freimütig an.

Trau ihm nicht!, meldete sich Pias Verstand. Sie lächelte automatisch zurück.

»Endlich sehe ich diesen Kasten mal von innen«, bemerkte Lohse und warf einen Blick aus dem Fenster. »Schöne Aussicht von hier oben. Da arbeitet es sich bestimmt fast von allein …«

»Nehmen Sie Platz, Herr Lohse. Sie wissen, warum ich mit Ihnen sprechen möchte?«

»Spielverderberin!«, sagten seine Augen. Seine Stimme klang nach wie vor freundlich, als er ihr antwortete: »Wegen Beate Fischer, haben Sie mir am Telefon erzählt. Und ich habe Ihnen bereits mitgeteilt, dass ich Beate seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen habe.«

»Wir ermitteln im Mordfall Biederstätt und suchen Beate Fischer als mögliche Zeugin. Von Ihren ehemaligen Lehrern wissen wir, dass Sie mit ihr gut befreundet waren. Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?«

»Nach der Schule haben wir uns aus den Augen verloren. Sie ist nach Frankfurt gezogen. Sie wissen doch, wie es mit solchen Schulfreundschaften ist. Die halten nie sehr lange.«

»Wirklich? Bei wem könnte sie sich denn gemeldet haben, wenn sie mal wieder in Lübeck war?«

»Bei ihrer Mutter, vermute ich. Anneliese Fischer, die Adresse weiß ich nicht mehr.«

»Kannten Sie Frau Fischer persönlich?«

»Ich war ein paar Mal mit Beate bei ihr.«

»Wie war Beates Verhältnis zu ihrer Mutter?«

»Mir schien es normal zu sein. Aber was weiß ich schon …«

»Beate hat doch vielleicht mal etwas erwähnt?«

»Ja. Sie liebten sich und sie stritten sich. Ermahnungen von Seiten der Mutter, Protest von Seiten der Tochter. Wie Sie vielleicht schon gehört haben, war Beate sehr selbstbewusst.«

Die erste Runde hatte er mit Bravour bestritten. Pia rüstete zur zweiten.

»Kennen Sie Kläre Tensfeld?«

Eine leichte Verunsicherung huschte über seine glatten Züge. Seine Stimme blieb jedoch fest.

»Die gute Kläre, ja, ich erinnere mich. Sie war mit Beate befreundet. Eine dieser Sandkasten-Freundschaften, die sich irgendwann auseinander leben. Weiß Kläre nicht, wo sich Beate aufhält?«

»Nein.«

Seine Schultern sackten ein paar Millimeter tiefer, sein Gesicht blieb reglos. Pia hatte das Gefühl, gegen eine Wand anzurennen. Vergleichsweise gegen die sanft abfedernde Wand einer Gummizelle.

»Kannten Sie einen Mann namens Rickleff Degner?«

»Ja, ich kannte ihn. Aber nur vom Sehen. Warum interessieren Sie sich für den?«, fragte Mark Lohse überrascht.

»Weil er tot ist. Ein Sturz von einem Parkhausdach.«

»Stimmt, ich habe davon gehört. Eine traurige Geschichte. Ricky war ein witziger Kerl. Etwas oberflächlich vielleicht, aber wer würde das nicht werden, bei so einem Job. Ich hab nicht verstanden, wieso er plötzlich vom Parkhaus gesprungen sein soll. Er war überhaupt nicht der Typ dafür.«

»Sie haben also nicht von irgendwelchen Problemen gehört, die Herrn Degner zu einem Suizid veranlasst haben könnten?«

Mark Lohse wirkte mit einem Mal alarmiert. Er hatte das Gespräch über entspannt gewirkt, aber nun beugte er sich zu Pia vor: »Sagen Sie bloß nicht, er wurde ermordet?«

»Hatte Beate Fischer Kontakt zu Rickleff Degner?«

»Wie soll ich das wissen? Ich habe seit Ewigkeiten keinen Kontakt mehr zu ihr …«

Eins zu null für Mark Lohse.

»Wann haben Sie Beate Fischer zuletzt gesehen?«

»Ich verstehe nicht, wieso Sie so versessen auf Beate Fischer sind. Die Frau lebt seit Ewigkeiten nicht mehr in Lübeck …«

»Beantworten Sie meine Fragen, Herr Lohse.«

»Wann gehen Ihnen die Fragen denn mal aus …« Er sah auf Pias Namensschild auf dem Schreibtisch, »Frau Korittki?«

»In diesem Fall erst, wenn ich Beate Fischer gefunden habe. Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?«

»Auf der Abi-Feier?«

»Möchten Sie das auch unter Eid aussagen?«

»Wenn es sein muss. Ich glaube, jemand hat mein Verhältnis zu Beate Fischer mächtig aufgebauscht. Sonst säßen wir hier jetzt nicht so gemütlich beisammen, Frau Korittki. Wer war das? Ich könnte mir vorstellen, dass der gute Herr Pracht mich hier reingeritten hat.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Sie haben vorhin einen Lehrer erwähnt. Und dieser Pracht konnte mich nie leiden. Er hat damals versucht, Beate Fischer anzugraben. Sie hat ihn abblitzen lassen. Über seine Schleimereien, mit denen er gewisse Schülerinnen beeindrucken wollte, konnte sie nur lachen. Als er herausfand, dass Beate mit mir ging, war er sauer. Er hat deswegen sogar mal eine Lehrerkonferenz einberufen. Weil wir uns angeblich unsittlich benommen haben, in den heiligen Hallen des Kloster-Gymnasiums. Wir gäben ein schlechtes Beispiel ab für die jüngeren Schüler …«

»Und war es so?«, stachelte Pia ihn weiter an.

Langsam kam Mark Lohse in Fahrt. Er begann nun schneller zu erzählen, als sein Verstand zensieren konnte.

»Pracht hat sich bloß aufgespielt. Er hat Beate und mich mal zusammen im Geräteraum erwischt …« Bei der Erinnerung an den Vorfall schnaubte Mark Lohse verächtlich durch die Nase. »Daraufhin hat er mir mit einem Schulverweis gedroht. Wissen Sie, was ich ihm geantwortet habe? Wenn ich meine Freundin nicht gerade vor Ihren Augen im Klassenraum ficke, geht Sie das Ganze überhaupt nichts an …«

»Hübsch …«, sagte Pia.

Mark Lohse zeigte wieder sein irritierendes Lächeln.

»Später fing Pracht was mit Beates Freundin an. Mit Kläre Tensfeld. Vielleicht war das seine Rache? Beate hat jedenfalls vor Wut gekocht, als sie davon erfuhr. Die kleine Kläre hatte keine Chance.«

»Kennen Sie Birgit Manstein?«

»Nein.«

»Sebastian Noske?«

»Nein. Ist das ein Ratespiel?«

»Wann haben Sie Kläre Tensfeld zuletzt gesehen?«

»Vor einem Jahr etwa …«, antwortete er zu Pias Überraschung.

»Bei welcher Gelegenheit?«

»Ich sah sie mit einem Typen zusammen. Ich war, gelinde gesagt, überrascht. Sie soll ja lange mit Thomas Pracht ein Verhältnis gehabt haben. Aber gesehen habe ich sie mit einem anderen …«

»Und zwar?«

»Sie hatten ihn auch schon am Wickel. Wenn ich mich nicht täusche, war es Ricky Degner, den Kläre da so innig umarmt hat.«

»Wann und wo war das?«

Er seufzte vernehmlich.

»Vor seinem Tod, würde ich sagen.« Er grinste. »Ich habe ein schlechtes Zeitgefühl. Aber ich weiß noch, dass es im Sub war. Wenn die Cubango dicht macht, sah man Ricky später ab und zu noch im Sub.«

Er zog ein Taschentuch hervor und schnaufte ausgiebig hinein. Anschließend holte er ein Fläschchen Nasenspray aus seiner Tasche und benutzte es. Pia wartete die Prozedur ungeduldig ab.

»Könnte diese Aussage jemand bestätigen? Mit wem waren Sie zu dem Zeitpunkt im Sub?«

»Ich war allein. Es war affenvoll, das weiß ich noch. Der Laden hat sich mittlerweile herumgesprochen.«

Pia hatte das Gefühl, dass er noch etwas hinzufügen wollte, wenn man ihm genügend Aufmerksamkeit dafür schenkte.

»Sie kennen bestimmt viele Leute dort. Wer war noch da in dieser Nacht?«

»Ich kann mich täuschen. Es ist verdammt lange her, und ich war ziemlich streifig den Abend … Ich hatte mehrere Cocktails intus.«

»Wen haben Sie noch gesehen?«

»Ich glaube, dass auch Pracht an dem Abend im Sub war. Merkwürdig, nicht? Das ist eigentlich kein Laden für so einen …«

Pia verbarg ihren Triumph hinter einer gleichgültigen Miene. »Ist das eine späte Rache an einem verhassten Lehrer, oder ist das eine Tatsache?«

»Weder noch. Wenn Sie so hartnäckig fragen, müssen Sie damit rechnen, dass ich Ihnen auch meine abwegigsten Eindrücke noch mitteile, nur um vielleicht ein Lächeln in Ihr Gesicht zu zaubern.«

»Wo ist Beate Fischer heute?«

»Ich habe keine Ahnung.«

 

 

 

Die Exhumierung von Karlheinz Wörnsens Leiche lastete wie ein schwerer Stein auf Pias Brust. Der Tote lag seit Mitte Juni unter der Erde. Durch ihre Einmischung waren jetzt seine sterblichen Überreste wieder ans Tageslicht befördert worden. Das war nicht komisch.

Pia versuchte, den Druck auf ihrem Brustkorb durch tiefe, regelmäßige Atemzüge zu mildern. Wenn sie etwas essen wollte, musste sie an diesen Wörnsen denken. Wenn sie allein in ihrem Bett aufwachte, ebenfalls …

Neulich war sie mitten in der Nacht aufgestanden und hatte ein neues Bild begonnen: eine Sinfonie brauner Erdtöne, die sich gegen das gräuliche Braun eines Eichensarges behaupteten. Die Schaufel des Totengräbers glänzte in einem kalten Stahlgrau …

Und auch dieses Bild war kein geeignetes Hochzeitsgeschenk für Tom und Marlene. Zu allem Überfluss konkurrierten in Pias Terminkalender der Zeitpunkt der standesamtlichen Trauung ihres Bruders mit der Beerdigung Birgit Mansteins, die man ebenfalls für den heutigen Vormittag angesetzt hatte. Trotz allem zog Pia den Termin auf dem Friedhof vor … Zunächst jedoch stand die Frühbesprechung an. Karlheinz Wörnsen war dem Bericht des zuständigen Gerichtsmediziners zufolge aufgrund gewaltsamer Verhinderung der äußeren Luftzufuhr zu Tode gekommen. Vermutlich war er mit einem weichen Gegenstand erstickt worden, zum Beispiel einem Kissen oder einer Decke.

Die forensische Untersuchung hatte dementsprechend zum Ergebnis, dass Wörnsens Tod höchstwahrscheinlich durch Fremdverschulden verursacht worden war. Der späte Zeitpunkt der Obduktion war der sicheren Bestimmung der Todesart natürlich abträglich.

Nach Ansicht des Gerichtsmediziners hätte auf dem Totenschein, den der Hausarzt ausgestellt hatte, stehen müssen: »ungeklärt, ob natürlicher/nicht natürlicher Tod«. Dann hätte eine sofortige Obduktion der Leiche vollständige Klarheit gebracht.

Als Wilfried Kürschner Auszüge des vorläufigen Berichts vorgelesen hatte, herrschte einen Moment lang Schweigen untern den Mitarbeitern des Kommissariats. Nach so langer Zeit war kriminalpolizeiliche Todesermittlung schwierig. Die Vermutung, der Tod Karlheinz Wörnsens könne in Zusammenhang mit den anderen Opfern der »Freitags-Serie« stehen, würde bis auf Weiteres wohl eine Vermutung bleiben müssen.

Die Obduktion hatte zum Beispiel keine sicheren Anhaltspunkte für den genauen Todeszeitpunkt ergeben. Hierfür musste man sich auf die Angaben von Zeugen und die des Hausarztes stützen. Nachbarn hatten Karlheinz Wörnsen am Abend seines Todes gegen acht Uhr noch in seinem Garten gesehen. Da der Hausarzt ihn am nächsten Morgen tot in seinem Bett aufgefunden hatte, kam nur die Nacht von Freitag auf Samstag in Frage.

Der Hausarzt hatte angegeben, dass die Totenstarre bei der Untersuchung der Leiche schon voll entwickelt gewesen sei, was normalerweise acht bis zwölf Stunden nach Herzstillstand der Fall ist. Die Totenflecken waren stark ausgeprägt und nur noch auf festen Druck wegdrückbar. Ein weiterer Hinweis dafür, dass der Todeszeitpunkt zwischen sechs und zwölf Stunden vor Untersuchung der Leiche gewesen sein musste.

Da der Hausarzt laut seinen Unterlagen die Untersuchung um 11.10 Uhr durchgeführt hatte, lag der wahrscheinliche Zeitpunkt des Todes zwischen 23 Uhr am Freitag und zwischen drei und fünf Uhr am Samstagmorgen. Laut den Angaben des Hausarztes tendierte der Gerichtsmediziner mehr zur früheren Uhrzeit.

Sebastian Noske, der auf Grund seines Verwandtschaftsverhältnisses zu Wörnsen und dem damit verbundenen Erbe der Hauptverdächtige war, hatte demnach ein Alibi für die fraglichen Stunden. Er war auf einer Feier bei einem Freund gewesen. Normalerweise war so eine Feier kein besonders zuverlässiges Alibi. Wer wollte sich auf einer feuchtfröhlichen Party schon lückenlos an die Anwesenheit eines einzelnen Gastes erinnern? Doch Sebastian Noske hatte, welch wunderbarer Zufall, die gesamte Zeit hinter dem Grill und an der Musikanlage verbracht. Dafür gab es Zeugen. Ebenso wie für seine Angabe, dass er als einer der letzten Gäste in den frühen Morgenstunden nach Hause gefahren war. Noskes Gesicht mit dem halbgaren Lächeln tauchte wieder vor Pias inneren Auge auf, und sie bekam eine leichte Gänsehaut.

Blieb noch Rickleff Degners Obduktionsbericht, den Kürschner ebenfalls noch einmal angefordert hatte. Die Todesursache waren hier Schädeldachfrakturen auf Grund eines Sturzes aus großer Höhe. Der Sturz vom Parkhaus war gesichert, da die Leiche nur wenige Minuten nach ihrem Aufprall von Passanten entdeckt worden war. Die Laboruntersuchungen hatten außerdem einen Alkoholgehalt im Blut von 0,95 Promille ergeben. Der Nachweis, dass es sich bei Degners Tod nicht um Suizid, sondern um Mord handelte, war demnach äußerst schwierig.

Die Entdeckung, dass man von der Videoüberwachung unbehelligt das Parkhaus hatte betreten und verlassen können, war zwar schön und gut, dachte Pia. Es reichte aber als Beweis bei weitem noch nicht aus. Sie spürte, wie sich Unmut unter ihren Kollegen ausbreitete. Die These einer Freitags-Serie war durch die forensischen Gutachten weder sonderlich untermauert noch widerlegt worden.

»Gab es sonst noch Besonderheiten bei Rickleff Degner?«, fragte Pia, die aufkommenden Zweifel ignorierend.

»Worauf wollen Sie hinaus, Frau Korittki?«

Auch Kürschner, der die Berichte vorgetragen hatte, schien mit seiner Energie am Ende zu sein.

»War Rickleff Degner laut Obduktionsbefund in guter körperlicher Verfassung und gesund, oder wurden schwer wiegende Krankheiten oder Infektionen festgestellt?«

»Ich dachte, wir ermitteln jetzt wegen Mordes, nicht mehr wegen Selbstmord«, schaltete Broders sich ein.

»Deshalb frage ich ja. Als Rickleff Degner obduziert wurde, vermutete man noch, er habe Selbstmord begangen. Der Gerichtsmediziner hat in diesem Fall bestimmt nach einem Grund für den Suizid gesucht. Eine unheilbare Krankheit vielleicht?«

Kürschner blätterte in dem mehrseitigen Obduktionsbericht, während sich leises Gemurmel zwischen den Umsitzenden verbreitete. Er überflog die Seiten, stutzte, las noch einmal und meinte dann: »Ich weiß zwar nicht, was Sie mit Ihrer Frage bezwecken, Frau Korittki, aber ich halte es für ratsam, mit dem Gerichtsmediziner persönlich zu sprechen, um einen Irrtum auszuschließen.«

Broders fluchte leise und warf ihr einen warnenden Blick zu. Kürschner beendete die Besprechung mehr oder weniger abrupt.

Pia hatte das Gefühl, wieder einmal zwischen allen Stühlen zu sitzen. Sie war bei ihren Befragungen auf etwas gestoßen, was sie nachgeprüft wissen wollte. Dass sie dabei ein paar Kollegen gegen sich aufbrachte, schien schon mehr die Regel als die Ausnahme zu sein.

Pia wartete in ihrem Büro auf das Ergebnis von Kürschners Telefonat. Als er eine halbe Stunde später bei ihr auftauchte, klang er verärgert: »Sie müssen mir noch verraten, woher Sie es wussten, Frau Korittki. Es gab da tatsächlich etwas …«

»Rickleff Degner war mit dem HIV-Virus infiziert«, sagte Pia ruhig.

»Ja. Das war einer der Gründe, die für einen Suizid sprachen …«

»Zwei Medikamentennamen haben mich darauf gebracht. Epivir und Retrovir. Die Medikamente standen bei Frau Tensfeld in der Küche«, erklärte Pia.

»Wieso Kläre Tensfeld? Sie sind mir eine Erklärung schuldig, wie das alles zusammenhängt, Frau Korittki.«

»Es ist bisher nur eine Annahme von mir«, meinte sie. Ihr war noch nie zuvor aufgefallen, wie fahl Kürschners Gesichtshaut war, beinahe grau. »Kläre Tensfeld hat zwei Medikamente in ihrer Küche stehen gehabt, die zur Frühtherapie bei Infektionen mit dem HIV-Virus eingesetzt werden. HAART, Hoch Aktive Antiretrovirale Therapie, hat man mir gesagt. Daraufhin ist mir eingefallen, dass mehrere Personen mir gegenüber angedeutet haben, dass Frau Tensfeld mindestens einmal mit Ricklef Degner intim war. Sie hätte sich bei ihm infiziert haben können. Aber bisher sind das alles nur Vermutungen …«

»Nur zu, erzählen Sie. Ich liebe Vermutungen …«, sagte Kürschner ergeben. Pia warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Die Beerdigung begann erst in einer guten Stunde.

21. KAPITEL

Franziska Dom hatte ihr bestes Kostüm angezogen. Es war zwar nicht schwarz, sondern anthrazitgrau, aber es hatte Klasse. Dazu trug sie neue, hohe Pumps aus schwarzem Wildleder und eine Handtasche, die optimal zu ihren Schuhen passte.

Ihre Erscheinung würde in der Friedhofskapelle sicher Aufsehen erregen, dachte sie mit ängstlicher Vorfreude. Ein fast filmreifer Auftritt spulte sich vor ihrem inneren Auge ab. Es fehlte ihr eigentlich nur noch ein Hut mit schwarzem Schleier, den Franziska Dom jedoch nicht besaß.

Sie drehte sich auf ihren hohen Schuhen ein paar Mal vor dem Schlafzimmerspiegel, streckte ihre etwas zu kurz geratenen Beine und lächelte ihrem Spiegelbild zu. Und wenn die Beine der Manstein hundertmal schöner gewesen waren. Sie würde heute auf ihren eigenen Beinen den Weg zum Grab gehen, die Manstein nicht.

Leider regnete es. Der Weg zum Friedhof mit dem Linienbus und das letzte Stück zu Fuß dämpften ihre Vorfreude ein wenig. Ihre Strumpfhose klebte nass auf ihrer kalten Haut, und die Ledersohlen der italienischen Pumps weichten langsam durch. Ob es ein großes Ereignis werden würde? Neben der Euphorie beschlich Franziska Dom auch Lampenfieber. Die gesamte Firma würde da sein, viele Kunden, die sie ebenfalls kannte, Kollegen aus den anderen Filialen vielleicht und Freunde von Birgit? Hatte ein Mensch wie Birgit Manstein wohl Freunde gehabt? Hatte sie Familie?

Als Franziska Dom auf die Kapelle zustakste, wurde ihr durch die Menschenansammlung erst bewusst, wie viele Menschen ihre Chefin gekannt haben musste.

Es machte sie wütend. Wenn sie durchzählte, wie viele Menschen an ihrem Grab trauern würden, dann kam sie allerhöchstens auf drei.

Glücklicherweise war die Trauerrede schlecht. Die Musik hörte sich an wie aus einem Leierkasten und der Redner, offensichtlich kein Mann der Kirche, versuchte den Anschein zu erwecken, er habe Birgit Manstein zu Lebzeiten gekannt, was aber ganz offensichtlich nicht der Fall war. Wie kam er nur darauf, die Worte warmherzig und liebevoll in Verbindung mit Birgit Manstein in den Mund zu nehmen?

Wie von oberster Stelle beordert, brach in dem Moment, als sie dem Sarg aus der Kapelle hinaus folgten, die Sonne durch die Wolkendecke. Das Sonnenlicht spiegelte sich in den vielen Pfützen und ließ die feuchten Blätter und Gräser am Wegesrand glitzern.

Franziska Dom folgte dem Sarg fast als eine der Ersten. Sie sah sich aufmerksam um und erkannte zwischen den Anwesenden die Polizistin wieder, die sie in der Agentur befragt hatte. Die Frau nickte ihr mit unbewegtem Gesicht zu, als sich ihre Augen trafen. Sie passte gut hierher, da sie allem Anschein nach sowieso fast nur schwarze Sachen trug. Ihr helles Haar bildete einen lebhaften Kontrast zu all den gedeckten Farben, den schwarz gekleideten Trauergästen und dem dunklen Grün der Nadelgewächse.

Die Sargträger erreichten das frisch ausgehobene Grab. Franziska Dom sah hinunter in den mit giftgrünem Kunstrasen ausgeschlagenen Schacht. Wieder unsinniges Gelaber … Anschließend ließen die Träger den Sarg mit dem Blumenbukett hinab.

Jetzt endlich stellte es sich ein, dieses ersehnte warme Gefühl. Es ähnelte der Wärme, die ein hastig getrunkener Schnaps in Kehle und Magen verbreitete, nur dass dieses Gefühl tiefer ging. Franziska Dom atmete tief durch, versuchte, ihre Mimik zu kontrollieren.

»Nun wirst du mich nie wieder quälen, Birgit Manstein. Man sieht sich immer zweimal im Leben, nur dass dieses Mal ich von oben auf dich herabschaue«, flüsterte sie unhörbar. Sie stellte sich brav in die Schlange der Leute, die am offenen Grab vorbeiflanieren wollten. Dann war sie an der Reihe, blickte staunend in das tiefe Loch, warf die weiße Rose hinab, die sie in der Hand gehalten hatte, und sah zu, wie diese wie in Zeitlupentempo nach unten segelte. Erst als die folgenden Trauergäste sie weiterschoben, konnte sie sich von dem Anblick lösen.

Als sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Umgebung richtete, sah Franziska Dom, dass die Polizistin sie beobachtete. Der Name der Frau war ihr entfallen. Solch polnisch klingende Nachnamen konnte sie sich sowieso nie merken.

Franziska Dom verzichtete darauf, der älteren Dame, die wahrscheinlich Birgit Mansteins Mutter war, zu kondolieren. Stattdessen tupfte sie sich mit einem Taschentuch die Augenwinkel und stellte sich ein paar Schritte abseits.

»Hey Fränzie.« Valentin Meyer trat auf sie zu. Unter seiner Bräune wirkte er etwas blasser als sonst. Er hatte sich aber nicht die Mühe gemacht, zur Feier des Tages etwas anderes anzuziehen. »Scheint dir ja doch irgendwie nahe zu gehen, das mit der Manstein. Aber du musst nicht gleich losheulen. Wir finden schon wieder jemanden für dich, der dir ein bisschen Feuer unter dem Hintern macht.«

»Du bist so … geschmacklos, Valentin. Nicht einmal am Grab einer Kollegin kannst du dich zusammenreißen.«

»Ich glaube, ein Scherz ist das Einzige, was mich hier noch retten kann. Ehrlich, Fränzie. Kannst du dir vorstellen, dass da unten tatsächlich unsere Birgit drin liegt? Ich meine in Wirklichkeit? Grotesk geschminkt von einem Bestattungsinstitut und angezogen mit einem Leichenhemd?«

»Vielleicht will ich mir das gar nicht vorstellen«, sagte sie abweisend. In Wirklichkeit gefiel ihr die Vorstellung jedoch ganz gut.

Valentin trat von einem Bein auf das andere: »Ich dreh hier gleich durch. Dauert das noch lange?«

»Keine Ahnung. Hinterher soll es noch Kaffee und Schnittchen in einem Restaurant geben, aber das muss ich mir nicht antun.«

Franziska Dom registrierte erstaunt, dass Valentin aschfahl wurde. Seine Bräune sah nun aus wie billiges Make-up. Hatte dieser Knabe denn überhaupt keinen Mumm in den Knochen? Wenn er nun umfiele, sollte sie dann etwa noch Mund-zu-Mund-Beatmung machen? Er schwankte etwas, und sie stützte ihn vorsorglich am Ellenbogen ab. Diese Beerdigung nahm langsam groteske Züge an, dachte sie zufrieden.

 

 

 

Die Trauergesellschaft löste sich auf. Franziska sah noch, wie die Polizistin mit einer ihr unbekannten Frau sprach und dann mit ihr fortging. Wer mochte das gewesen sein? Valentin an ihrer Seite schnaufte etwas, aber allmählich kehrte Farbe in sein Gesicht zurück.

»Oh Mann«, murmelte er, »ich bin dir wohl was schuldig, Fränzie. Frieden?«

»Frieden.«

Das Leben hielt doch immer mal wieder eine Überraschung für einen bereit, dachte sie. Statt zum Leichenschmaus in das Restaurant zu gehen, das Birgit Mansteins Mutter ausgewählt hatte, überredete Valentin sie, noch auf etwas »Stärkeres« in einem nahe gelegenen Bistro einzukehren.

Eigentlich hatte Franziska allein feiern wollen, aber es gefiel ihr, zur Abwechslung einmal von einem Mann eingeladen zu werden. Und Valentin erwartete schließlich nichts von ihr, außer ein wenig Gesellschaft. Er trank drei Tequila, die Franziska um diese Uhrzeit den Kopf gekostet hätten, und wurde von Minute zu Minute mitteilsamer.

Franziska wusste, dass er ein paar Mal mit der Manstein ausgegangen war. Sie war von ihrer ehemaligen Chefin über alles genauestens informiert worden. Von den Unterhosen, die Valentin trug, Boxershorts mit Surfern oder Haien darauf, bis hin zu der Tatsache, dass er im zarten Alter von vier Jahren wegen einer Verengung der Vorhaut beschnitten worden war. Vertraulicher konnte Valentin selbst eigentlich kaum noch werden.

Die Manstein hatte ihr Wissen stets als Waffe eingesetzt, dachte Franziska Dom, während sie in ihrem Kaffee rührte. Das war ihr miesester Charakterzug gewesen. War dieser winselnde Mann vor ihr eigentlich zu blöd zum Leben, dass er dieser Frau nachtrauerte?

Wenn die Manstein gerade niemanden bloßstellen konnte, dann hatte sie sich mit Sticheleien und Drohungen die Zeit vertrieben. Vor den Kunden, die an solcherart Unterhaltung Vergnügen fanden, hatte die Manstein ihre Mitarbeiter lächerlich gemacht.

Aber damit war es vorbei. Prost dem unbekannten Messerstecher, Prost dem Schicksal! Bei der letzten Runde Tequila trank Franziska mit. Sie hatte ja nichts Wichtiges mehr vor. Die Agentur Magenta hatte heute geschlossen.

 

 

 

Zur gleichen Zeit saß Pia Korittki im Wohnzimmer eines Reihenhauses und trank bitteren Tee. Ihr gegenüber saß Carola Lönsmann-Pracht, Birgit Mansteins Cousine.

Inzwischen wusste Pia, warum ihr dieses Gesicht so bekannt vorgekommen war. Sie hatte Carola Lönsmann-Pracht früher auf ein paar Schulveranstaltungen im Kloster-Gymnasium gesehen. Sie war Studienrat Thomas Prachts Ehefrau.

Pia schätzte, dass Frau Lönsmann-Pracht in etwa so alt war wie ihre verstorbene Cousine, Birgit Manstein. Sie war jedoch ein völlig anderer Typ. Alles an ihr sah weich aus und ein bisschen schlaff. Ihre Haut war von geplatzten Äderchen durchzogen, und sie trug einen Haarschnitt, den man in Pias Jugend als »Topfschnitt« bezeichnet hätte. Die harten Falten in ihren Mundwinkeln zeugten von Entschlossenheit.

Frau Lönsmann-Pracht berichtete, dass sie ebenfalls Lehrerin sei. Sie arbeite an einer Sonderschule in Lübeck. Aus ihrer Erzählung war großes berufliches Engagement herauszuhören, und Pia bedauerte fast, dass sie das Gespräch auf Kläre Tensfeld lenken musste.

»Ja, ich weiß davon …«, sagte Frau Lönsmann-Pracht zu Pias Erleichterung. »Thomas wohnt nicht mehr hier. Wir werden uns scheiden lassen. Jedenfalls dann, wenn wir es uns leisten können. Das mit Frau Tensfeld war eine traurige, aber völlig gewöhnliche Geschichte. Gewöhnlich bis zu ihrem bitteren Ende. Die junge Frau musste nämlich feststellen, dass Thomas niemals die Absicht hatte, mit ihr zusammenzuleben …«

»Wissen Sie, ob die beiden noch Kontakt zueinander haben?«

»Nein.« Sie lächelte. »Er wird sich nie zu ihr bekennen. Er hat zu viel Angst vor dem, was geredet wird. Thomas ist nicht mutig.«

»Und Sie? Wie gehen Sie damit um?«

»Ich falle weich, wissen Sie«, sagte die resolute Frau und strich sich eine glatte Haarsträhne aus dem Gesicht, »ich wusste schon lange, wie Thomas wirklich ist. Ich habe einen Freund. Er unterstützt mich in dieser schwierigen Trennungsphase.«

»Erzählen Sie mir von Birgit Manstein«, forderte Pia sie auf. Frau Lönsmann-Pracht nahm ihre Brille ab und drehte sie in ihren Händen hin und her.

»Dass mich ihr Tod nicht gerade in tiefe Verzweiflung stürzt, haben Sie ja sicher mitbekommen, Frau Korittki. Birgit Manstein war meine Cousine ersten Grades. Unsere Mütter waren Schwestern und wir jeweils ihre einzigen Kinder, geboren in einem Abstand von einem halben Jahr.

So eine Konstellation sollte verboten werden, wenn Sie mich fragen. Unsere Mütter haben ihre Konkurrenzgefühle auf uns Töchter übertragen. Wir wurden gedrillt, gepiesackt, aufgestachelt und wie Anziehpuppen ausstaffiert. Wir wohnten in derselben Straße, gingen auf dieselbe Schule und sogar in denselben Turnverein.

Birgit war ein cleveres und verdammt hübsches Mädchen. Sie schien mir immer eine Nasenlänge voraus zu sein. Ich kam mir neben ihr vor wie Rumpelstilzchen in Mädchenkleidern.

Birgit hat mit der Zeit den Kampf unserer Mütter verinnerlicht. Ich habe versucht, mich vom Schlachtfeld zurückzuziehen. Ich glaube heute, dass ich mich damals absichtlich dumm und unattraktiv gemacht habe, um ihren Angriffen aus dem Wege zu gehen.«

Pia betrachtete sie neugierig. Hatte sie heute tatsächlich einen so großen emotionalen Abstand zu Birgit Manstein, wie sie vorgab? Oder schwelte da noch etwas?

Carola Lönsmann-Pracht trank einen Schluck Tee und fuhr dann ungerührt mit ihrer Schilderung fort: »Meine Mutter starb, als ich siebzehn war, und mein Vater zog mit mir nach Rendsburg. Das löste meine Probleme fürs Erste. Ich habe später hier in Lübeck mein Referendariat absolviert. Ich lernte Thomas kennen, und just in dem Moment tauchte auch Birgit Manstein wieder in meinem Leben auf. Wie das ausging, können Sie sich sicherlich denken …«

»Sie meinen, Ihr Mann, äh Exmann, und Birgit Manstein kannten sich?« Pia setzte ihre Teetasse so heftig auf, dass der Tee überschwappte.

»Sicher. ›Kennen‹ im biblischen Sinne gesprochen … Die Geschichte zwischen den beiden hielt genau sechs Wochen. Danach wollte ich natürlich erst einmal nichts mehr von ihm wissen. Wäre ich nur dabei geblieben …«

Ärgerlich erinnerte sich Pia an das Gespräch mit Thomas Pracht. Sie hatten ihn nicht nach Birgit Manstein gefragt. Ein Versäumnis, das sie wertvolle Zeit gekostet haben konnte …

Pia verabschiedete sich nachdenklich. Als sie aus der Haustür trat, kam ihr ein bärtiger Mann in Norwegerpulli und Cordhosen entgegen. Er trug eine Gitterbox mit Lebensmitteln ins Haus. Carola Lönsmann-Pracht begrüßte ihren Freund freudestrahlend.

Im Geiste verglich Pia Thomas Prachts nervöse Unruhe mit dem ruhigen Selbstverständnis seiner Frau. Liebesglück schien nicht immer denjenigen heimzusuchen, der ihm verbissen hinterherjagte.

22. KAPITEL

Er lauschte auf das Verklingen der Türglocke im Inneren der Wohnung. Marten Unruh war besorgt. Er hatte bereits mehrfach vergeblich versucht, Markus Kessel zu erreichen.

Anderthalb Wochen waren vergangen, seit Wolfgang Biederstätts Lebensgefährte im Kommissariat auf das Foto von Beate Fischer gedeutet hatte. Wenn Marten Unruh das letzte Zusammentreffen mit Kessel Revue passieren ließ, fühlte er sich unbehaglich. Hatte er diesen Markus Kessel nicht ernst genug genommen mit seinem Wunsch, den Mord an seinem Freund aufzuklären? Hätte er sich früher bei ihm melden müssen, um ihm über ihre vergebliche Suche nach Beate Fischer zu berichten?

Es war einfach zu hektisch zugegangen bei diesen Ermittlungen, versuchte er sich selbst zu beruhigen. Er war schließlich nicht Kessels psychologischer Berater. Er war nur ein Kriminalkommissar, der den ganzen Mist nun an der Hacke hatte.

Er betätigte nochmals die Türglocke, nachdrücklicher als beim ersten Mal. Es war später Nachmittag, noch dazu ein Freitag. Markus Kessel konnte sich überall herumtreiben. In seiner Wohnung schien er jedenfalls nicht zu sein. Seit gestern erreichte Unruh dort nur seinen Anrufbeantworter. Nicht einmal auf seine Nachricht hin hatte Kessel sich gemeldet.

Da Kessel angegeben hatte, freiberuflich als Designer und Grafiker zu arbeiten, hatte Unruh gehofft, ihn vielleicht trotzdem zu Hause anzutreffen.

Die Stille, die sich nach dem Klingelton in der Wohnung ausbreitete, war zermürbend. Verdammt! Vielleicht war Kessel für ein paar Tage weggefahren, um etwas Abstand zu dem Mord an seinem Freund zu gewinnen?

Unruh wollte gerade wieder gehen, als sich unten die Haustür öffnete und jemand das stille Treppenhaus betrat. Er hörte ein Kind krähen, und die Hoffnung, es könne Kessel sein, zerrann. Eine Frauenstimme redete leise auf das Kind ein, und es beruhigte sich. Dann hörte er Tritte auf den Treppenstufen, und eine schlanke Frauenhand sowie eine kleine Kinderhand schoben sich das Geländer hinauf. Unruh wartete ab.

»Oh, hallo. Warten Sie auf Herrn Kessel?«

Dieses war wohl ein Mietshaus von der Sorte, in dem die Nachbarn einander kannten, dachte Unruh erfreut. Er musterte die Frau, die einen Rucksack und zwei Einkaufstaschen trug. Das etwa zweijährige Kind an ihrer Seite starrte ihn mit großen brauen Augen an.

»Unruh von der Kripo Lübeck. Ich muss unbedingt heute noch mit Herrn Kessel sprechen, aber er ist telefonisch nicht zu erreichen. Wissen Sie vielleicht, wo ich ihn finden kann?«

»Er teilt sich mit zwei anderen Künstlern Atelierräume in der Nähe der Mediadocks, hat er mir mal erzählt. Vielleicht arbeitet er heute dort. Mir würde zu Hause auch die Decke auf dem Kopf fallen, nach allem, was passiert ist. Der Wolfgang Biederstätt war ein so lustiger Mensch. Herzlich und immer freundlich mit den Kindern. Sogar ich vermisse ihn, obwohl ich ihn nicht besonders gut kannte. Wie muss es da erst dem Markus Kessel gehen?«

Darüber wollte Unruh jetzt nicht nachdenken. Er zweifelte mehr und mehr an seinem Tun in den letzten Tagen. Wieso hatten Gerlach und er sich nicht einmal die Adresse von Kessels Arbeitsstätte notiert?

»Wissen Sie, wie ich dieses Atelier finden kann?«

»Nein, leider nicht«, sagte die Frau bedauernd. Das Kind hatte sich derweil auf dem Treppenabsatz niedergelassen, packte ein paar Joghurts aus der Tasche und stelle sie der Reihe nach auf wie Bauklötze.

»Wissen Sie jemanden, der mir da weiterhelfen könnte?«

»Eine der Künstlerinnen dort ist bekannt. Amelie Brocke heißt sie. Sie macht Skulpturen, hatte auch mal eine Ausstellung dort, eine ›Vernissage‹. Vielleicht finden Sie so das Atelier im Telefonbuch oder im Branchenbuch?«

»Ich werde es versuchen. Vielen Dank, Frau …?«

»Brenner, Jana Brenner«.

Unruh stieg vorsichtig über die aufgereihten Joghurtbecher und Butterpäckchen hinweg, um zur Treppe zu gelangen, doch Frau Brenner schien noch etwas auf dem Herzen zu haben.

»Äh, Herr Kommissar? Könnten Sie Herrn Kessel bitte ausrichten, er möge sich mal bei mir melden, wenn Sie ihn sprechen? Ich habe ihn seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen, und seine Wäsche hängt im Wäschekeller und blockiert fast die gesamten Leinen. Ist ja nur eine Kleinigkeit, aber trotzdem …«

Unruh stutzte. »Wann haben Sie Herrn Kessel denn zuletzt gesehen?«

Sie verzog nachdenklich das Gesicht und ging in die Hocke, um ihre Einkaufstasche wieder einzupacken.

»Ich weiß nicht genau. Am Sonntag auf jeden Fall. Da sind wir aus Bielefeld von meiner Mutter zurückgekommen und haben ihn im Treppenhaus getroffen. Aber danach? Vielleicht am Montag- oder Dienstagmorgen, als er die Post reinholte? Tut mir Leid. Ich weiß es nicht mehr. Ich wusste auch seit Wolfgangs Tod gar nicht, was ich zu ihm sagen sollte, wenn ich ihn mal traf. Seit dem Mord war er so komisch … ich hatte direkt ein schlechtes Gewissen …«

Unruh nickte. Dieses Gefühl kannte er ebenfalls sehr gut. Es war mittlerweile fast ein Dauerzustand bei ihm.

»Können Sie mir sagen, was für ein Auto Herr Kessel fährt? Steht es hier irgendwo?«

»Ich glaube, er hat gar keins. Biederstätt hatte einen silbernen BMW. Der steht hinten auf dem Hof, aber Kessel habe ich noch nie damit fahren sehen. Vielleicht hat er keinen Führerschein?«

Marten Unruh fühlte eine wachsende Nervosität, je mehr die Nachbarin von sich gab. Er blickte zurück auf die geschlossene Wohnungstür.

»Wer außer den Mietern hat noch einen Schlüssel zu den Wohnungen?«

»Die Hausverwaltung, nehme ich an. Und Frau Hameister unten gießt manchmal die Blumen, wenn Kessel verreist …«

Sie stutzte ein wenig, beugte sich zu ihrem Kind hinunter, um es daran zu hindern, erneut alles aus der Tasche zu holen. Als sie wieder hochkam, sah sie Unruh zweifelnd an: »Glauben Sie, es ist ihm was passiert? Dass er sich was angetan hat?«, fragte sie ihn.

»Ich habe keine Ahnung. Aber ich werde das nachprüfen …«, antwortete Unruh und begab sich auf den Weg nach unten.

»Der Kessel ist manchmal auch einfach nur etwas sonderb …«, sagte Jana Brenner noch, aber ihre Worte wurden von dem Geräusch der zuschlagenden Haustür verschluckt.

 

 

 

Eine gute Stunde später ließ die Polizei die Tür zu Markus Kessels Wohnung aufbrechen. Der Schlüssel der Hausverwaltung hatte nicht ins Schloss gepasst, und Frau Hameister hatte angegeben, seit geraumer Zeit keinen Ersatzschlüssel mehr zu besitzen. Als Unruh zusammen mit Gerlach durch die Wohnung ging, hatte er das Gefühl, eine Dummheit zu begehen.

Die Wohnung lag friedlich im Schein der Nachmittagssonne, die durch die hohen Fenster fiel. Alles schien auf den ersten Blick aufgeräumt, aber bewohnt zu sein.

Was hatte er denn erwartet?, fragte Unruh sich. Markus Kessel mit aufgeschnittenen Pulsadern tot in der Badewanne vorzufinden? Unter den aufmerksamen Blicken der zwei Uniformierten, die die Tür geöffnet hatten, fühlte er sich vorgeführt.

Auf dem Glastisch im Wohnzimmer und der schwarzen Stereoanlage lag eine dünne Staubschicht. Im Geschirrspüler befand sich frisch gespültes Geschirr. Die Bananen in der Obstschale waren schwarz …

Aber was sagte das schon? In vielen Wohnungen fanden sich runzelige Äpfel oder Zwiebeln, die schon so weit ausgetrieben hatten, dass man sie mit einer Zimmerpflanze verwechseln konnte. Unruh war in fremden Wohnungen schon auf Unangenehmeres gestoßen. Auf einer Konsole im Flur lagen ein kleiner Stapel ungeöffneter Kondolenzbriefe und die Telefonrechnung des letzten Monats. Dem Poststempel nach zu urteilen hatten die Briefe spätestens am Dienstagmorgen im Briefkasten gelegen.

»Wir brauchen den Briefkastenschlüssel«, sagte Unruh zu Gerlach. Er hatte seinen Kollegen hinzugerufen, weil er der Meinung gewesen war, die anstehenden Schwierigkeiten waren ebenso Gerlachs wie seine Schuld. Michael Gerlach inspizierte das Schlafzimmer der Wohnung.

»Ein Ehebett …«, bemerkte er, »ein stinknormales Ehebett …«

»Was hast du denn erwartet? Einen schwarz gekachelten Raum mit einem herzförmigen Wasserbett?«, versetzte Unruh, während er den Schlüsselkasten durchstöberte und kurz darauf drei kleine Schlüssel hervorzog.

»Keine Ahnung. Jedenfalls kein Schlafzimmer mit blumenberanktem Bettüberwurf …«

»Das ist ein Grandfoulard«, sagte Unruh, nachdem er einen kurzen Blick in das Schlafzimmer geworfen hatte. »Hinten auf dem großen Esstisch liegt auch so einer. Ich hatte mal eine Freundin, die auf dieses Zeug stand …«

»Was du alles weißt …«, murmelte Gerlach.

Im Briefkasten lag eine Hand voll Briefe, die zwischen Mittwoch- und Freitagmorgen eingetroffen sein mussten. Demnach war Markus Kessel am Dienstag das letzte Mal am Briefkasten gewesen. Hätte er eine Tageszeitung abonniert, wäre seine Abwesenheit den anderen Mietern vielleicht schon früher aufgefallen.

Unruh spürte, wie sich ein tonnenschweres Gewicht direkt auf seinen Solarplexus legte. Er musste sich zur Ruhe zwingen. Für all das konnte es eine harmlose Erklärung geben. Wahrscheinlich hatte Kessel nur keine Lust mehr, Kondolenzbriefe zu empfangen. Und seine Wäsche von der Leine zu nehmen, auch nicht …

Durch das Aufgebot an Polizei wurden mehrere Mieter aus ihren Wohnungen gelockt, unter anderem auch wieder Frau Brenner mit ihrem Kind.

Marten Unruh fühlte die Blicke der Menschen im Treppenhaus auf sich ruhen, hörte die gemurmelten Spekulationen. Auch die hinzugezogenen Schutzpolizisten sahen so aus, als erwarteten sie von ihm eine Lösung des Problems. Er fühlte sich in die Ecke gedrängt, und es fiel ihm auf einmal schwer, eine Entscheidung zu treffen.

»Lass die Uniformierten hier im Haus alle Mietparteien befragen«, murmelte Gerlach, »wir kümmern uns um dieses Atelier von dem Kessel. Wenn das nichts ergibt, schicken wir zwei von der Kriminaltechnik her, die die Wohnung auseinander nehmen.«

»Es hat ihn noch niemand offiziell vermisst gemeldet«, entgegnete Unruh, »wenn wir seine Wohnung auf den Kopf stellen, während er einen Kurzurlaub einlegt, dann sind wir die Gelackmeierten.«

»Vielleicht ist da niemand mehr, der ihn vermisst melden könnte. Wir können es uns nicht leisten, noch mehr Zeit verstreichen zu lassen.«

»Du hast wahrscheinlich Recht«, stimmte Marten Unruh widerwillig zu.

 

 

 

Das alte Lagerhaus, im dem die Künstlerin Amelie Brocke ihr Atelier hatte, war schnell gefunden. Scheinbar hatten nur Gerlach und Unruh bisher noch nichts von der Lübeckerin gehört, die mit ihren überlebensgroßen Skulpturen aus Metallschrott die deutsche Kunstszene erschütterte. Ihre Werkstatt nahm den gesamten vorderen Teil eines alten Lagerhauses ein, während sich Kessel mit einem weiteren Künstler die hinteren Räume teilte. Frau Brocke hatte Kessel angeblich schon seit Biederstätts Beerdigung nicht mehr gesehen. Das war Ende Juli gewesen.

Sie ließ die Kriminalbeamten bereitwillig durch die Räume gehen, die nur durch einen Vorhang voneinander abgetrennt waren. Unruh drehte eine Runde durch Kessels Arbeitsraum und nahm das Bild, das sich ihm dort bot, mit wachsender Beunruhigung in sich auf.

Amelie Brocke mochte Recht haben, wenn sie behauptete, Kessel wäre seit Wochen, wenn nicht Monaten, nicht mehr an seinem Arbeitsplatz gewesen. Seit Wolfgang Biederstätts Tod?

Das Arbeitsmaterial lag säuberlich gestapelt und in Rollen, Schachteln oder Mappen verpackt. Kessels Arbeitstisch und die Tastatur und der Monitor seines Computers waren eingestaubt.

Wo zum Teufel steckte Markus Kessel?

»Es ist nicht meine Schuld«, versuchte Unruh sich zu versichern. »Ich habe getan, was ich konnte …«

Nur, was konnte er denn schon? Leute fertig machen? Bei Vernehmungen so lange auf den Aussagen der Menschen herumreiten, bis sie alles sagten, nur um ihre Ruhe zu haben? Er bekam ein so seltsames Gefühl im Magen, dass er nicht wusste, ob er etwas essen, trinken oder eine Zigarette rauchen sollte. Am besten alles gleichzeitig.

»Lass uns abhauen«, meinte Gerlach, »hier richten wir eh nichts mehr aus. Wenn wir gleich losfahren, erwischen wir Kürschner vielleicht noch im Büro.«

 

 

 

Als Unruh und Gerlach wieder im Polizeihochhaus eintrafen, war Kürschner schon auf dem Weg nach Hause. Dafür trafen sie Pia im Gang vor ihrem Büro.

»Gibt’s was Neues?«, fragte sie, als sie die verdrießlichen Gesichter ihrer Kollegen sah. Unruh setzte sie kurz über die neuesten Wendungen ins Bild.

Pias Blick verdüsterte sich, als er zu seiner Folgerung kam, Kessel sei verschwunden. »Er kann aber eigentlich nicht dieser Freitags-Serie zum Opfer gefallen sein«, meinte sie bestimmt. »Heute ist erst Freitag. Er ist voraussichtlich im Laufe des Dienstages verschwunden, sagst du?«

»Er wurde am Dienstagmorgen zuletzt gesehen. Was immer das heißen mag.«

»Meinst du, unser Täter ist ein Pedant? Dienstag ist Squash, Mittwoch Skatabend, Donnerstag ist Kinotag und am Freitag wird gemordet?«, spottete Gerlach.

Pia schluckte die scharfe Entgegnung, die ihr auf der Zunge lag, hinunter. Irgendwer hatte etwas in dieser Richtung schon einmal zu ihr gesagt. Aber bedeutete es etwas? »Weiß Kürschner schon Bescheid?«, fragte sie stattdessen.

»Er ist gerade auf dem Weg nach Hause. Der hatte sich bestimmt mal wieder auf ein Wochenende zu Hause gefreut.«

»Nützt ja nichts, spätestens morgen müssen wir alle wieder ran«, antwortete Marten Unruh.

»Ich muss morgen auf diese Hochzeit!« Pia sprach die Worte mehr zu sich selbst. Die standesamtliche Trauung ihres Bruders hatte sie durch die Beerdigung von Birgit Manstein am Vormittag bereits verpasst.

»Deine eigene?«, fragte Gerlach. Inzwischen waren sie in Pias Büro geschlendert und hatten sich auf die wenigen Sitzmöbel verteilt. Unruh zog seine Zigarettenpackung hervor, nur um festzustellen, dass sie leer war.

»Hier drinnen sowieso nicht«, sagte Pia, die seinen reflexartigen Griff richtig gedeutet hatte. »Bei Ossie und mir gibt’s nur Kaffee, Kakao und Schokoriegel …«

Es gab nicht einmal einen Aschenbecher.

»Ich wusste, dass es ein Fehler war, dieses Büro zu betreten«, stöhnte Unruh. »Ist noch Kaffee da?«

Pia schüttelte die Thermoskanne auf ihrem Schreibtisch und goss einen lauwarmen Rest in einen der herumstehenden Becher.

»Das war bestimmt Heidmüllers alter Kakaobecher«, sagte Unruh, bevor er die Brühe hinunterkippte und sich anschließend schüttelte.

Gerlach informierte Kriminalrat Gabler telefonisch über Kessels mutmaßliches Verschwinden. Dann erzählte Pia kurz von der Beerdigung der Manstein und ihrem Gespräch mit Carola Lönsmann-Pracht.

»Verdammt!«, war Unruhs einziger Kommentar, als Pia auf ihr Versäumnis zu sprechen kam, Thomas Pracht nach Birgit Manstein zu fragen. Sie waren jedoch alle zu müde, um irgendwelche Schlussfolgerungen aus ihren neuen Erkenntnissen zu ziehen.

»Wann geht es morgen weiter?«, fragte Pia, nachdem keiner der Anwesenden mehr etwas Brauchbares beizusteuern hatte.

»Morgen früh um acht, hat Gabler gesagt«, berichtete Gerlach. »Wir treffen uns in seinem Büro. Scheinbar will er ein paar neue Aufgaben verteilen.«

»Um wie viel Uhr geht die Hochzeit deines Bruders denn los, Pia?«, fragte Marten. »Kommst du vorher noch her?«

Er wusste tatsächlich noch, um wen es bei dieser Veranstaltung ging. Ein winziger, blödsinniger Freudenschimmer an einem düsteren Tag.

»Ich komme vorher auf jeden Fall noch ins Kommissariat. Die Kirche beginnt erst um elf Uhr.«

»Ein straffer Terminplan, könnte eng werden. Aber wenn unser Täter für Markus Kessel nicht gerade von seinem Zeitschema abgewichen ist und wir noch einen Mord am Hals haben, dann lässt Kürschner dich bestimmt rechtzeitig gehen«, meinte Gerlach.

»Wenn ich nicht pünktlich in der Kirche erscheine, bringt meine Mutter mich um. Dann gibt’s noch mehr für euch zu tun …«, erklärte Pia ernsthaft.

Das Hochzeitsgeschenk fiel ihr wieder ein. Sie hatte es telefonisch vorbestellt, musste es aber noch abholen. Wie lange Haushaltswarengeschäfte heutzutage wohl geöffnet hatten? Pia stand auf. »Ich muss los. Ich habe noch etwas zu erledigen. Wir sehen uns morgen früh …«

23. KAPITEL

Pias Wecker klingelte um sechs. Heute würde die große Familienfeier steigen, mit oder ohne sie. Letzteres in Erwägung zu ziehen grenzte jedoch an Ketzerei.

Sie war schlecht vorbereitet. Sie wusste immer noch nicht, was sie anziehen sollte. Ihre Mutter und ihre Schwester waren schon vor Wochen durch die Geschäfte gezogen, um sich für die Hochzeit einzukleiden.

Pia redete sich ein, ihr diesbezügliches Versäumnis sei aus reinem Zeitmangel zu Stande gekommen, aber im Grunde hatte sie wohl die Aktion immer wieder aufgeschoben, bis sie tatsächlich keine Zeit mehr gehabt hatte.

Sie zog einen schwarzen Hosenanzug aus dem Schrank, befühlte das ungewohnt leichte Material und untersuchte es auf eventuelle Flecken. Der würde es wohl tun. So konnte ihr jedenfalls niemand vorwerfen, sie wolle der Braut die Show stehlen. Sie fand ein buntes Top mit Spaghettiträgern, das sie darunter ziehen konnte. Bei näherer Betrachtung bestand der Aufdruck aus wilden Comicszenen, aber allzu nahe wollte sie heute sowieso niemanden an sich heran lassen. Mit den passenden Schuhen in der Tasche und dem in Goldpapier eingewickeltem Hochzeitsgeschenk unter dem Arm, machte sie sich um kurz vor acht Uhr auf den Weg ins Polizeihochhaus. Bis zur kirchlichen Trauung hatte sie noch knapp drei Stunden Zeit.

Bei der Besprechung im Kommissariat sah man an diesem Morgen nur verdrießliche Gesichter. Wilfried Kürschner und auch Kriminalrat Gabler setzten alle Mitarbeiter der Soko über die neuesten Entwicklungen ins Bild. Kürschner hatte ein Diagramm erstellt, das die involvierten Personen zueinander in Beziehung setzte. Das Gewirr aus Namen und beschrifteten Pfeilen entlockte den Anwesenden jedoch keine durchschlagenden Ideen.

Gabler sparte nicht an Kritik an der bisherigen Arbeit. Außerdem schimpfte er auf die Presse, die von irgendwoher Wind von der Verknüpfungstheorie der Morde bekommen hatte. Wenn die jetzt auch noch in Erfahrung brächten, dass Markus Kessel, Biederstätts Lebensgefährte, vermisst wurde, dann hätten sie morgen einen hübsche Story in den Lübecker Nachrichten …

»Werden wir jetzt gezielt nach dem Verbleib von Beate Fischer fahnden?«, fragte Pia, die Gunst der Stunde nutzend.

»Frau Korittki, finden Sie nicht, dass wir damit dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit zuwiderhandeln würden?«, fragte Gabler eisig. Er verschanzte sich mit untergeschlagenen Armen hinter seinem Schreibtisch.

»Ein mögliches Ziel einer Personenfahndung ist die Ermittlung von Zeugen und Auskunftspersonen. Das trifft auf Beate Fischer zu.«

»Weil sie angeblich im Kupferhaus in der Restaurantküche gesehen wurde, eine Woche, bevor Wolfgang Biederstätt dort getötet wurde?« Gablers Stimme hatte einen ätzenden Ton angenommen.

»Markus Kessel kam mit dieser Aussage zu uns. Und dieser Mann ist aller Wahrscheinlichkeit nach seit Dienstag verschwunden.« Pia blieb, unbeeindruckt von Gablers aggressivem Tonfall, sachlich.

»Das ist nicht erwiesen. Niemand hat bisher eine Vermisstenanzeige aufgegeben.«

»Vielleicht weil es niemanden mehr gibt, dem Markus Kessels Verschwinden unmittelbar auffällt. Sein Lebensgefährte ist tot. Außerdem arbeitet er freiberuflich. Kein Arbeitgeber, der bemerken könnte, wenn er nicht zur Arbeit erscheint …« Die unerwartete Hilfe kam von Unruh, der in der hintersten Ecke hockte und aussah, als hätte er die Nacht auf dem Hauptbahnhof verbracht.

Gablers Widerstand wurde sichtbar geringer.

»Wenn wir Beate Fischer haben, dann haben wir vielleicht das Verbindungsglied zwischen Biederstätt, Manstein, Degner und Markus Kessel.«

Worin die Verbindung der Gesuchten zu Birgit Manstein bestand, konnte Pia selbst nicht genau in Worte fassen. Thomas Pracht war ihr Lehrer gewesen. Und Thomas Pracht hatte eine lang zurückliegende Beziehung zu Birgit Manstein gehabt. Ebenso zu Kläre Tensfeld, die wiederum mit Rickleff Degner in Verbindung stand. Außerdem war Kläre Tensfeld eine alte Freundin von Beate Fischer.

Gabler schien ihr nicht ganz folgen zu können, aber er gab seine Abwehrhaltung endgültig auf. »Also gut. Ich beantrage eine gezielte Personenfahndung nach Beate Fischer. Der Staatsanwalt wird sowieso gleich hier sein.«

Als der Entschluss gefasst war, musste Pia aufbrechen.

 

 

 

Nach einigem Suchen fand Pia in der Nähe der Aegidien-Kirche einen Parkplatz. Sie trat als eine der letzten durch das blumenumrankte Portal. Zu ihrem Erstaunen war die Kirche fast voll.

Ihre Schwester Nele winkte ihr von einer Bank weiter vorn zu. Pia schaffte es gerade noch, sich zu ihrer Familie in die dritte Reihe zu setzen, bevor die Orgelmusik einsetzte und das Brautpaar seinen Gang zum Altar antrat. Marlenes Tochter Clarissa streute Blumen.

Sowohl die Zeremonie in der Kirche als auch der anschließende Sektempfang bei Marlenes Eltern in Eichholz verliefen reibungslos. Marlene sah unter einer dicken Schicht Schminke aufgeregt und fast glücklich aus. Tom hatte diese unbewegt-selbstzufriedene Miene aufgesetzt, die Pia noch von früher kannte. Sie konnte bis heute nicht einschätzen, was ihr Bruder in solchen Momenten dachte oder fühlte.

Sie waren zusammen aufgewachsen und hatten viele gemeinsame Kindheitserinnerungen, trotzdem war er wie ein Fremder für sie. Zu Nele schien Tom ein herzliches und vertrautes Verhältnis zu haben. Lag es tatsächlich nur daran, dass die beiden Zwillinge waren, während sie, Pia, nur seine Halbschwester war?

 

 

 

Am frühen Abend fanden sich die Hochzeitsgäste in einem Lübecker Hotel ein, wo es ein feierliches Abendessen nebst Musik und Tanz gab.

Die Plätze an der Festtafel waren durch Tischkärtchen festgelegt worden. Tom, Marlene und vielleicht auch Pias Mutter mussten viel Zeit und Geduld aufgewendet haben, die Gäste an der u-förmigen Tafel zu platzieren, ohne Streit, Rivalität oder ein zu hohes Maß an Langeweile zu provozieren. Langeweile schien jedoch das noch am ehesten tolerierte Übel zu sein, denn Pia saß neben einer schwerhörigen Großtante mütterlicherseits und einem wortkargen vierzehnjährigen Jungen, den sie noch nie in ihrem Leben gesehen hatte.

Als das Essen beendet war, setzte sich Pia zu ihrer Schwester Nele und ihrem Begleiter. Die ernsthaften Trinker und Raucher verzogen sich bereits an die kleine Bar, und ein Discjockey bezog hinter der Musikanlage Position.

Pia versuchte, ein Gespräch in Gang zu bringen.

»Kennst du viele von Toms Freunden?«

»Die meisten. Es sind noch dieselben wie früher. Interessierst du dich für jemanden bestimmtes?«

Nele ließ ihren Blick durch den Raum schweifen.

»Eigentlich nicht. Das heißt doch. Kennt ihr eine Beate Fischer?«

Als die Frage heraus war, ging Pia auf, wie unpassend sie war. Nicht mal an so einem Tag konnte sie die Arbeit für ein paar Stunden vergessen. Doch Nele kannte nun einmal viele Leute. Und manchmal war eine wichtige Information einfacher zu erhalten, als zunächst gedacht.

»Nein. Eine Freundin von dir?«

»Nicht direkt. Hast du den Namen mal gehört?«

»Keine Ahnung. Aber der ist so gewöhnlich, dass er auffällt. Da müsste es eigentlich bei mir klingeln. Hat es mit einem Fall zu tun, an dem du gerade arbeitest?«

»Nein«, log Pia, »war nur so eine Frage …«

»Pia, den Tonfall kenne ich. Nur so eine Frage …« Sie wandte sich ihrem Freund zu. »In einem früheren Leben war meine Schwester bei der heiligen Inquisition.«

»Du weißt doch gar nicht, was du da sagst …«, wehrte sich Pia. Sie ärgerte sich, weil sie sich von Nele durchschaut fühlte.

»Das weiß ich sehr wohl. Du musstest den Dingen schon immer bis zum Erbrechen auf den Grund gehen, Pia.«

»Ach ja? Das ist aber immer noch besser, als alles Unangenehme unter den Teppich zu kehren …«

Wo sollte das jetzt hinführen?, dachte Pia ernüchtert, der Abend war schließlich noch lang. Nele schien das Gleiche zu empfinden. Sie lenkte das Gespräch wieder harmloseren Themen zu.

»Müssen sich Braut und Bräutigam nicht ständig küssen?«, fragte sie in die Runde, »da war doch was?«

Pia zuckte ratlos mit den Schultern, immer noch betroffen von dem Vorwurf, sie sei eine Nervensäge. Glücklicherweise schlug nun Neles Begleiter mit seinem Dessertlöffel gegen ein Glas und rettete die Situation. Braut und Bräutigam küssten sich.

»Wie furchtbar, auf Kommando!«, meinte Nele.

»Warum heiraten Menschen?«, fragte Pia.

 

 

 

Letzten Endes landete Pia doch an der Bar und bestellte sich ihr Lieblingsgetränk: leuchtend rot schimmerte der Longdrink mit einer Selleriestange als Dekoration im Licht der Barbeleuchtung. Pia fragte sich, wer dieses wunderbare Getränk geschmackloserweise nach Maria Tudor, besser bekannt als Maria die Blutige, benannt hatte.

Ihrem bruchstückhaften Geschichtswissen nach hatte auch diese Frau eine jüngere Halbschwester gehabt, genau wie sie. Das war Elisabeth I. gewesen, berühmt und berüchtigt bis in die heutige Zeit. Aber wer zum Teufel erinnerte sich noch an die unglückliche Maria?

Pia sah zu ihrer Schwester hinüber. Nele zog gerade in ihrem Dolce & Gabbana-Kleid auf der Tanzfläche eine kleine Show ab. Ihr neuer Freund Olaf wich nicht von ihrer Seite. Pia trank einen kleinen Schluck. Der Barkeeper grinste zu ihr herüber. Der Abend schien endlos zu werden …

Pia legte ihren Arm auf den Tresen, um unauffällig auf ihre Armbanduhr sehen zu können. Erst zehn Minuten nach neun Uhr. Als sie wieder aufblickte, stand ihr Stiefvater neben ihr und bestellte sich einen Kognak.

»Schöner Abend, nicht?«, bemerkte er freundlich. Seine undeutliche Aussprache verriet Pia, dass er schon einiges an Alkohol getrunken haben musste.

»Die Braut sieht hübsch aus …«, antwortete Pia.

Inzwischen hatte sie mitbekommen, dass das ein Satz war, den man von den Gästen irgendwie erwartete.

»Deine Mutter war auch so schön. Nein, noch schöner. Sie sah bei unserer Hochzeit aus wie Liz Taylor in Die Katze auf dem heißen Blechdach. Kennst du den Film?«

»Der mit Paul Newman?«, fragte Pia.

»Ja. Nur dass ich niemals aussah wie Paul Newman.«

»Na und? Sie hat dich geliebt …«, sagte Pia und wusste selbst nicht, warum. Idiotisch, einem vom Alkohol sentimental gestimmten Mann mit so etwas zu kommen. Das alles war über fünfundzwanzig Jahre her, ein Vierteljahrhundert!

»Ja. Und ich sie auch. Aber es war von Anfang an der Wurm drin. Und weißt du warum? Wegen eines fünfjährigen Kindes. Du hast mir nie eine Chance gegeben, Pia. Dabei wollte ich immer nur das Beste für unsere kleine Familie. Immer nur das Beste …«

Pia sah sich Hilfe suchend um, doch kein edler Ritter auf einem weißen Pferd sprang zu ihrer Rettung herbei.

»Ich war noch ein Kind. Wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, dich kennen zu lernen …«

Ihr Stiefvater schwenkte seinen Kognak in dem bauchigen Glas. »Ja … mehr Zeit. Als Tom und Nele zur Welt kamen, war es zu spät für uns.«

»Dass du mich genauso liebst wie sie, das war eine ständig zitierte Lüge. Eine leere Phrase, nichts weiter.« Die Wut, der alte Schmerz brachen plötzlich aus ihr hervor. Sie war es leid, unter Verschluss zu halten, was doch längst auf der Hand lag. Dieses Mal sollte er es ruhig hören. Er hatte schließlich damit angefangen, in der Vergangenheit herumzuwühlen.

»Was sollte ich dir denn sagen, Pia? Die Wahrheit?«

»Was ist die Wahrheit?«

»Dass ich mich fünfundzwanzig Jahre lang gefragt habe, wer dein Vater ist. Warum Anna mir nie von ihm erzählen konnte. Wenn sie dich ansah, dachte ich immer, sie sieht ihn in dir.«

»Ich muss ihm wohl ähnlich sehen. Ich meine, wenn ich sonst niemandem ähnlich bin, dann bleibt ja nur mein Erzeuger übrig.«

»Dein Hang zum Sarkasmus passt nicht zu einer jungen Frau, Pia. Hat dir das schon mal jemand gesagt?«

Sie sah, dass ihre Mutter sie entdeckt hatte und besorgte Blicke hinüberwarf. Pia versuchte, sich zusammenzureißen. Erfolglos.

»Du hast mir eigentlich ständig gesagt, was dir an mir alles nicht passt …«

Das war ein prima Hochzeitsthema, dachte sie zornig. Pia versuchte, den Rest der Bloody Mary hinunterzukippen. Das Getränk schmeckte diesmal zu sehr nach Gemüsegarten.

»Ich habe es immer gut gemeint«, sagte Günther Liebig störrisch.

»Das Gegenteil von gut ist gut gemeint«, antwortete Pia, einen ihrer Ausbilder zitierend. Sie konnte den letzten Schluck nur hinunterwürgen. »Entschuldige mich bitte.«

Pia flüchtete sich in die Damentoiletten im Keller. Sie musste nicht. Stattdessen ließ sie sich kaltes Wasser über die Handgelenke laufen und lauschte dem beruhigenden Gesäusel der Kaufhausmusik, die aus unsichtbaren Lautsprechern in die Toilettenräume drang. Hinter ihr ging die Tür auf und ihre Schwester Nele betrat den Raum.

»Was ist passiert, Pia? Papa sieht aus, als stünde er kurz vor dem Herzinfarkt.«

»Nichts ist passiert. Wir haben uns gerade mal wieder versichert, wir sehr wir uns lieben.«

»Du bist zu hart zu ihm, Pia. Gegen dein Mundwerk kommt er einfach nicht an.«

»Ich? Hart zu ihm? Weißt du, wie es für mich war, seine Stieftochter zu sein?« Sie sah weiter auf das Wasser, das über ihre schneeweißen Handgelenke lief.

»Ach, die alte Geschichte wieder …«, meinte Nele gleichgültig.

»Er hat mir nie verziehen, dass ich vor ihm da war. Mir nicht und Anna auch nicht.« Pia schluckte und starrte weiter in das Waschbecken hinunter.

»Pia, du weinst ja?«, sagte Nele.

Ein paar Sekunden vergingen, in denen nichts zu hören war als das Rauschen des Wassers. Dann wischte Pia sich mit dem Handrücken über die Wange. »Nein. Und deshalb schon lange nicht mehr.«

Sie sammelte sich ein wenig und drehte das Wasser ab.

»Was macht dein Olaf? Ist er an der Reihe, mit der Braut zu tanzen?«

Nele lächelte und schüttelte den Kopf. Sie zog ein Schminktäschchen aus ihrer Handtasche und verteilte den Inhalt auf der Marmorfläche neben dem eingelassenen Waschbecken. Nachdem sie ihr Gesicht im Spiegel gemustert hatte, griff sie nach einer flachen schwarzen Dose und fing an, ihre Stirn abzupudern.

»Ist Anna sehr sauer auf mich?«

»Keine Ahnung. Wäre ja bei Mutter nichts Neues.«

»Ich gehe jetzt besser wieder nach oben. Es sei denn …«

»Ja?«

»… du willst dich noch weiter mit mir unterhalten.«

»Wie kommst du darauf?«

»Weil du nicht auf die Toilette gehst. Und du bist doch wohl nicht heruntergekommen, um mich zu trösten?«

»Danke für die freundliche Einschätzung meines Charakters, Pia. Aber vielleicht hast du Recht. Erinnerst du dich daran, als ich neulich bei dir war?«

»Natürlich …«

»Ich wollte dir eigentlich etwas erzählen, aber dann war nicht die Gelegenheit dazu.«

Pia merkte auf. Es war sonst nicht Neles Art, sich derart vorsichtig an eine Sache heranzutasten.

»Dann ist jetzt die Gelegenheit.«

Nele legte den Puderquast zurück in die Dose und schritt die Reihe mit den fünf Toiletten ab. Sie stieß jede Tür auf und überzeugte sich, dass niemand darin war. Es war eine theatralische kleine Szene von der Sorte, die Nele Spaß machen musste.

»Nele, wir sind allein hier unten.«

»Du arbeitest doch bei der Kripo im Morddezernat?«

»Mordkommission«, verbesserte Pia automatisch.

»Es kursieren seit einiger Zeit so Gerüchte. In der Cubango und auch im Sub, eigentlich überall, wo sich bestimmte Leute treffen.«

»Was für Leute? Was für ein Gerücht?«

»Keine Ahnung …«

Pia fragte sich, ob es helfen würde, ihre Schwester an den Füßen festhaltend auf den Kopf zu stellen und kräftig zu schütteln.

»Erzähle der Reihe nach: Was hast du gehört?«

»Dass man in Lübeck einen umbringen lassen kann, für Geld!«

»Was genau hast du gehört?«

»Es gibt so eine Telefonnummer, die ständig wechselt. Die muss man anrufen, wenn man jemanden ermorden lassen will.«

Nele flüsterte jetzt. Was sie gehört hatte, musste sie beeindruckt haben. Aber in dieser Hinsicht wurde viel geredet. Pia brauchte etwas Konkretes, bevor sich ihr Puls nennenswert erhöhte.

»Hast du so eine Nummer? Weißt du, wer das gesagt hat?«

Nele schüttelte den Kopf. Sie griff nach einem ihrer Lippenstifte und zog sich mit festem Druck die Lippen nach. Pia packte sie am Arm.

»Komm schon, da ist doch noch mehr. Wenn du A sagst, musst du auch B sagen …«

Nele sah zur Eingangstür der Toilette, dann zu ihrer Schwester.

»Das Letzte, was ich hörte, war ›Engelsgrube‹«, sagte Nele leise.

»Engelsgrube? Die Straße?«

»Dort soll die Nummer stehen, als Graffiti an der Wand oder so. Wenn du die Nummer anrufst: Bingo! Dann kannst du mit dem nötigen Kleingeld einen Mord in Auftrag geben! Es soll schon ein paar Mal so gelaufen sein.«

Nele sah nicht so aus, als würde sie Storys erfinden. Im Gegenteil: Der rot nachgezogene Mund stach hart aus ihrem blassen Gesicht heraus.

»Weiß Olaf davon? Hast du die Information von ihm?«

»Nein, nein! Olaf war genauso perplex wie ich, als ich ihm davon erzählt habe.«

»Von wem hast du es?«

»Ach Pia, frag doch nicht. Ich hab es durch Zufall erfahren. Ich habe gelauscht! Ich kannte die Typen nicht. Ehrlich gesagt wollte ich gar nicht so genau hinsehen. Aber weil du bei der Polizei bist, da dachte ich …«

Sie kam ins Stocken.

»Es war richtig, es mir zu sagen.«

»Bitte sag niemandem, von wem du die Information hast!«

Auch das noch, dachte Pia. Laut sagte sie: »Ich bringe dich nicht in Gefahr, Nele.«

»Toller Trost.«

Sie wurden unterbrochen, weil eine ältere Dame, eine von Marlenes Verwandten, das Damenklo betrat. Nele sammelte ihre Sachen ein, und sie gingen gemeinsam nach oben in den Festsaal. Als sie wieder im Getümmel standen, sah Nele schon wieder so aus, als könne kein Kümmernis ihre Partylaune trüben. Pias Gedanken hingegen kreisten nur noch um einen Ort in Lübeck: die Engelsgrube!

24. KAPITEL

Die Engelsgrube war eine abschüssige Straße, die sich vom Koberg hinunter bis zur Drehbrücke zog. Pia stand neben dem Gebäude der Schiffergesellschaft und blickte skeptisch hinunter in Richtung Hafen.

Zwischen den gemauerten Schwibbogen, die die schmale Straße überspannten, sah Pia den wolkenverhangenen Abendhimmel. Sie war froh, ihre Taschenlampe aus dem Auto mitgenommen zu haben.

Jetzt, wo sie sich an Ort und Stelle befand, erschien ihr Neles Aussage absurd. Sie wusste gar nicht, wo sie anfangen sollte zu suchen. Und bevor sie nicht irgendetwas gefunden hatte, was die Vermutung ihrer Schwester bestätigte, wollte sie auch niemanden mit in diese Unternehmung hineinziehen. Dazu war immer noch Zeit, falls sie hier etwas finden sollte, das der Telefonnummer eines Auftragskillers auch nur ein bisschen ähnelte.

Langsam schritt Pia den Fußweg ab. Sie achtete auf jeden Farbklecks. Der Lichtkegel ihrer Taschenlampe glitt über Fassaden, Schilder und das Straßenpflaster. Pia entdeckte dabei eine Vielzahl gleichförmiger Graffitis, deren Bedeutung sie jedoch nicht verstand. Von einer Telefonnummer fand sie keine Spur.

Am unteren Ende der Engelsgrube angekommen, überquerte sie die Straße und machte sich auf der anderen Seite wieder auf den Weg nach oben. Inzwischen war es stockdunkel, und ein leichter Nieselregen hatte eingesetzt. Pia sah in die Schaufenster der Heilsarmee und der Antiquitätenläden, untersuchte auch die Hauswände der Seitenstraßen und Gänge und kam genauso schlau wie vorher wieder oben am Koberg an.

So viel zur Engelsgrube, so viel zu Kneipengewäsch, dachte Pia enttäuscht. Vielleicht war Neles Information aber auch schon zu alt, die Nummer längst wieder beseitigt worden, vermutete sie. Vielleicht gab es jetzt irgendwo anders in Lübecks Altstadt eine unscheinbare Zahlenkombination, mit deren Hilfe man einen lästigen Mitmenschen ins Jenseits befördern konnte.

Doch wo sollte sie danach suchen? Es erschien ihr so aussichtslos, dass Pia sich plötzlich zu der Feier mit Musik, Wärme und kostenlosen Getränken zurücksehnte.

Wo würde ich so eine Telefonnummer verstecken?, fragte sie sich, da sie einfach nicht aufgeben wollte. Sie soll gefunden werden, aber nur von denen, die auf Grund dieser spartanischen Information »Engelsgrube« danach suchen. Es soll ein anonymer Ort sein, denn derjenige, der einen Mord gegen Bezahlung anbietet, will seine Identität keinesfalls preisgeben. In der Straße abgestellte Fahrzeuge, private Fenster oder Ladengeschäfte kommen nicht in Frage. Die Person, die auf so einen Job aus ist, darf beim Anbringen dieser Nummer nicht gesehen werden, zumindest darf sie nicht auffallen, dachte Pia des Weiteren.

Sie ging noch einmal bergab in Richtung Hafen, untersuchte die Metallpfähle, die den Radweg von der Fahrbahn trennten, einen Stromzählerkasten, Verkehrsschilder. Nichts!

Erst auf dem Weg zurück zum Koberg nahm Pia sie richtig wahr: die hässliche, gelbe Telefonzelle, die sie bis dahin nur von außen untersucht hatte. Entschlossen drückte sie die Tür auf und betrat den muffigen Innenraum.

Die Rückwand der Zelle und auch die verglasten Seitenwände waren beschmiert und verkratzt mit Nummern, Namen und obszönen Bildchen. Wahrscheinlich würde es niemandem sonderlich auffallen, wenn jemand hier drinnen herumkritzelte.

Als Pia das Gesamtbild der Verschmutzung in sich aufgenommen hatte, konnte sie sie mit einem Male sehen. Die eine Zahlenkombination, die sich aus unerfindlichen Gründen von allen anderen abhob.

Es war eine Mobilnummer aus dem D2-Netz, und sie stand fein säuberlich mit einem roten Edding notiert über dem Telefonapparat. Die Schrift war krakelig und unregelmäßig – dass es sich bei dieser Nummer um die gesuchte handelte, war nicht zu übersehen: Hinter der Nummer stand ein kleines, rotes Kreuz, wie man es hinter Personennamen setzt, wenn man anzeigen will, dass die betreffende Person bereits verstorben ist. So simpel, so einfach war das also.

Die Versuchung, sofort diese Nummer zu wählen, um festzustellen, wer abhob, war groß. Pia nahm ihr Telefon aus der Tasche, doch nach einem winzigen Zögern wählte sie eine andere Nummer.

 

 

 

Pia Korittki erreichte Horst-Egon Gabler zu Hause vor dem Fernsehapparat. In knappen Worten schilderte sie ihm die neue Wendung, die der Fall genommen hatte. Nach einer kurzen Pause, in der Gabler wohl über den Ernst der Lage oder ihre Zurechnungsfähigkeit spekulierte, forderte er sie auf, umgehend ins Kommissariat zu kommen.

Pia notierte sich die Nummer an der Wand, schrieb sich auch die genaue Kennzeichnung der Telefonzelle auf und machte sich auf den Weg. Da sie ihr Auto auf dem Hotelparkplatz hatte stehen lassen, musste sie sich ein Taxi organisieren, das sie zum Polizeihochhaus brachte. Sie traf fast zur gleichen Zeit wie Kriminalrat Gabler im Gebäude ein.

Außer ihnen waren dort noch Marten Unruh und zwei Kriminaltechniker anwesend. Gabler hatte schnell und effizient die notwendigen Schritte veranlasst. Kurz nach ihnen erschien der Bereitschaftsstaatsanwalt, der einen richterlichen Beschluss für die Aufzeichnung eines Telefonats und eine Anschlussinhaberfeststellung mitbrachte. Mit den Daten desjenigen, an den die Mobilnummer vergeben worden war, war in den nächsten Stunden aber noch nicht zu rechnen.

Gabler entschied sich dafür, die Nummer sofort auszuprobieren. Kollegin Korittki sollte anrufen, denn er meinte, eine Frauenstimme würde im Zweifelsfall weniger Mistrauen erwecken.

Nachdem alle notwendigen Vorkehrungen zur Aufzeichnung des Gesprächs getroffen worden waren, wählte Pia die Nummer. Als das kurze Rauschen und dann das Freizeichen ertönte, fing ihr Herz an zu klopfen und ihr Mund wurde trocken.

»Hallo?«, meldete sich eine weibliche Stimme bereits nach zweimaligem Klingeln. Sie klang selbstbewusst, aber auch ein wenig misstrauisch.

»Ich habe diese Nummer aus der Engelsgrube. Ich könnte Ihre Hilfe gebrauchen …«, sagte Pia, der abgesprochenen Taktik gemäß.

»Das kostet 5000 Euro«, kam prompt die Antwort. »Sie nennen uns Namen und Adresse der Zielperson und hinterlassen uns eine Nummer, unter der wir Sie morgen erreichen können. Das Geld müssen Sie dann in einem Schließfach am Bahnhof deponieren. Wir arbeiten nur gegen Vorkasse. Die Schließfachnummer sage ich Ihnen noch, den Schlüssel können Sie anschließend wegschmeißen.«

»Wann – ich meine, wie lange dauern die Vorbereitungen?«

»Ist es eilig?«

Pia meinte, einen amüsierten Unterton herauszuhören.

»Nein. Ich will nur Bescheid wissen …«

»Ich sage Ihnen später noch, an welchem Tag Sie sich ein bisschen Gesellschaft organisieren sollten. Also: der Name!«

Das ging alles sehr schnell. Die Frau am anderen Ende der Leitung benahm sich so, als säße sie in der Bestellannahme eines überlasteten Pizzaservices.

»Wie kann ich sicher sein, dass Sie auch tun, was ich verlange, nachdem Sie mein Geld haben?«

»Lesen Sie keine Zeitung?«

»Ich möchte mich nur vergewissern, dass …«

Ein Knacken zeigte an, dass das Gespräch beendet war.

»Verdammter Mist!«, schimpfte Gabler, als Pia auflegte.

»Und nun?«, fragte sie angespannt.

»Der Täter ist eine Täterin?« Marten Unruh klang ungläubig.

»Sieht so aus. Es sei denn, Auftragskiller leisten sich jetzt schon eine Vorzimmerdame.«

»Versuchen wir es noch einmal«, sagte Gabler gepresst.

»Jetzt gleich?«

Kriminalrat Gabler nickte.

»Und was für einen Namen soll ich ihr nennen?«

»Sagen Sie zunächst, es ginge um Ihren Ehemann. Nennen Sie noch keine Namen. Fragen Sie sie nach der Vorgehensweise. Halten Sie sie nur so lange wie möglich in der Leitung.«

Pia wählte erneut. Der zweite Versuch schlug jedoch fehl. Niemand meldete sich. Ebenso der dritte bis zehnte Versuch.

»Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar, versuchen Sie es zu einem späteren …«

Nur dass in diesem Fall nicht damit zu rechnen war, dass der Teilnehmer unter dieser Nummer jemals wieder zu erreichen sein würde. Wahrscheinlich lag das Telefon schon bald auf dem Grund der Trave. Und dann würde eine neue Nummer eines neuen Mobiltelefons irgendwo hinterlassen werden … Ein neues Gerücht, ein neues Spiel und bald ein neuer Mord?

»Diese Telefonnummer können wir vergessen, das war’s …«, sprach Gabler aus, was alle in diesem Moment dachten.

»Und nun?«, fragte der Staatsanwalt säuerlich.

»Wir haben ja noch die Anschlussinhaberfeststellung«, meinte Gabler beschwichtigend. »Sobald wir wissen, wem dieses Scheißhandy gehört, greifen wir zu …«

Niemand wagte den Einwand, dass das Telefon längst nicht mehr in Besitz desjenigen sein musste, auf den die Nummer einst registriert worden war.

 

 

 

Als Pia mit den anderen das Kommissariat verließ, war es bereits kurz vor Mitternacht.

»Willst du nicht noch einmal mit deiner Schwester reden?«, fragte Unruh, als sie in den Fahrstuhl stiegen.

»Sie wird nichts mehr sagen, ich kenne sie …«, wehrte Pia ab.

»Ist sie noch auf der Hochzeitsfeier?«

»Vermutlich schon.«

»Wir könnten doch dort hingehen und sie fragen, ob –«

»Vergiss es!«

Das war wohl deutlich genug. Er gab achselzuckend auf, mit dieser gleichmütig wirkenden Miene, mit der er alles Unangenehme an sich abprallen ließ. Wenn er es überhaupt so empfand …

Wieder zu der Hochzeitsfeier zurückzukehren, erschien Pia unmöglich. Nach Hause zu fahren und sich ins Bett zu legen allerdings auch. Nachdem Unruh verschwunden war, zog sie ihr Mobiltelefon hervor und wählte Heidmüllers Nummer.

Pia schilderte ihm kurz, was passiert war. Danach war es ein Leichtes, ihn zu einer kleinen Stippvisite ins Sub zu überreden, Neles bevorzugtem Tummelplatz am Wochenende. Sich dort ein wenig umzusehen, konnte in keinem Fall schaden …

 

 

 

Weder Pia noch Heidmüller waren jemals zuvor im Sub gewesen. Es lag, wie der Name andeutete, unterirdisch. Über eine lange Betontreppe gelangten sie nach unten in den Kellerbereich eines Bürohauses.

Der Zugang zum Sub bestand aus einer grau gestrichenen Feuerschutztür in einer ebenso grauen Betonwand. Nichts deutete darauf hin, dass sich hinter dieser Tür ein Nachtclub befand. Pia vermutete, dass nur ernsthafte Szenegänger erwünscht waren, die sich auch ohne verräterische Hinweise in der Unterwelt zurechtfanden. Nach kurzem Klopfen standen sie einem Türsteher gegenüber, der sie nach eingehender Musterung mit einem gnädigem Nicken hereinließ.

Auf der steilen Treppe, die noch eine Etage tiefer hinabführte, erwachte bei Pia der Wunsch, einen Gehörschutz mitgenommen zu haben.

Der Laden war größer, als sie es sich vorgestellt hatte. Es war ein verwinkeltes Kellerareal mit offen über die Decke verlaufenden Belüftungsschächten und Gittern. Es gab drei verschiedene Bars, zwei Tanzflächen und unzählige Nischen und Gänge für knutschende Paare und kleine Messerstechereien.

Heidmüller platzierte sich an der Bar und bestellte sich eine Cola. Da sie verabredet hatten, getrennt voneinander aufzutreten, stellte sich Pia an einen Stützpfeiler in der Nähe der Tanzfläche und ließ ihren Blick neugierig über die Anwesenden schweifen. Was sie hier tat, war wie Angeln ohne Köder. Zumindest aber hatte sie hier das Gefühl, sich im richtigen Gewässer zu befinden.

Es war noch nicht sehr voll. Wahrscheinlich war es noch zu früh, denn der Wochentag war ja laut Nele der richtige.

»Samstags geht man ins Sub …« hatte sie gesagt. »Mittwochs und donnerstags in die Cubango-Bar, sonntags ins Café …« Was zum Teufel tat man freitagabends?, fragte sich Pia nicht zum ersten Mal.

Sie bestellte sich bei einem vorbeischwirrenden Kellner ein Mineralwasser. Heidmüller blieb zunächst an der Bar stehen. Nach einer Weile verzog er sich aber an einen der Tische im Hintergrund. Als es voller wurde, setzte sich eine Frau mit Punkfrisur neben ihn und verwickelte ihn in ein Gespräch. Pia taten allmählich die Füße weh.

Dann erblickte sie ein vertrautes Gesicht in der Menge: Mark Lohse saß an der hinteren Bar. Er hatte ein Bier vor sich stehen und rauchte eine Zigarette. Pia hatte ihn nicht kommen sehen, obwohl sie glaubte, den Durchgangsbereich zum hinteren Teil des Sub die ganze Zeit im Auge behalten zu haben.

Der Barhocker neben Mark Lohse war unbesetzt und blieb es auch, obwohl die Diskothek immer voller wurde. Es war eine günstige Gelegenheit, diesen Lohse noch etwas auszuquetschen. Pia überlegte, wie sie Heidmüller vorher noch von ihrem Vorhaben in Kenntnis setzen könnte, da entdeckte Lohse sie bereits und lächelte ihr zu. Nun war es ihr nicht mehr ohne weiteres möglich, ihren Kollegen auf Mark Lohses Anwesenheit aufmerksam zu machen, ohne gleichzeitig zu erkennen zu geben, dass sie nicht allein hier war.

Sie hoffte, dass Heidmüller sie im Auge behielt, während sie sich langsam der Bar näherte und zwei Plätze neben Mark Lohse an den Tresen trat. Sie bestellte sich einen Tomatensaft. Es war nur ein schwacher Ersatz, aber sie war schließlich nicht zu ihrem Vergnügen hier. Das bestellte Getränk wurde vor ihr auf den Tresen geknallt. Während sie bezahlte, zog Lohse ihr Glas neben sich vor den unbesetzten Barhocker. Er bedeutete ihr, sich zu ihm zu setzen.

»Nehmen Sie Platz, Frau Korittki«, sagte er mit leicht ironischem Unterton, »ich garantiere, dass es in zehn Minuten hier so voll sein wird, dass Sie nur noch mit Mühe einen Fuß auf den Boden bekommen.«

»Sind Sie allein hier?«

»Sind Sie denn allein hier? Ihr tretet doch immer zu zweit in Erscheinung.« Er ließ seinen Blick einmal durch den Raum wandern, und Pia befürchtete fast, er würde Heidmüller aus irgendeinem Grund als Polizisten erkennen. Die Menschen vor der Bar bildeten jedoch bereits einen dichten Wall aus Fleisch, Leder und schwarzem Stoff, der jegliche Sicht nach hinten versperrte.

»Heute Abend bin ich ausnahmsweise mal nicht im Dienst«, sagte Pia. Er deutete auf ihr Glas.

»Ich weiß, warum Sie dieses Zeug da trinken …«

»Ach ja?«

»Weil es gut aussieht. Blond wie Schnee, schwarz wie Ihre Klamotten, rot wie Blut. Hübscher Kontrast.«

»Diesen Aspekt hatte ich bisher noch gar nicht bedacht.«

»Das geschieht unbewusst. Frauen müssen über Wirkung und so etwas nicht nachdenken.«

»Ich dachte immer, es schmeckt mir einfach.« Pia rührte in der dicklichen Flüssigkeit und tat so, als ließe sie sich diesen Blödsinn durch den Kopf gehen. Tatsächlich versuchte sie abzuschätzen, ob das Zusammentreffen mit dem Zeugen eine glückliche Fügung oder nur Zeitverschwendung war. Sie fand, sie hatte heute keine Zeit mehr zu verschenken. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie sich ein weiteres bekanntes Gesicht näherte. Knochig, etwas zu lang, die Nase sehr groß.

Pia hatte die Fotos der Abiturienten aus Beate Fischers Jahrgang so oft und ausgiebig betrachtet, dass ihr sogar der Name zu dem Foto wieder einfiel: Jens-Olaf Engels.

»Hey, Joe. Ich sitze hier mit einer leibhaftigen Kommissarin zusammen!«, sagte Mark zu dem ungelenken Mann, der sich zu ihnen stellte. Jens-Olaf Engels nickte ihr zu, kniff kurz die Augenbrauen zusammen und wandte sich dann wieder Mark Lohse zu: »Die, bei der du neulich warst, um eine Aussage zu machen?«

»Ja, sie hat mich gefragt, ob ich weiß, wo Beate Fischer steckt. Wann hast du Beate zuletzt gesehen? Du könntest dich doch gleich nützlich machen …«

»Beate habe ich seit dem Abi nicht mehr gesehen. Die wollte doch in die Luft gehen. Stewardess und so …«

»Ich fürchte, damit wirst du der Kommissarin kein bisschen weiterhelfen, Joe.«

Jens-Olaf Engels wandte sich gleichgültig ab. Hinter seinem Rücken nutzte Lohse die Gelegenheit, ein wenig über seinen ehemaligen Mitschüler herzuziehen.

»Joe weiß gar nichts. Der hatte früher schon keinen Plan. Er hat sich leider überhaupt nicht geändert in den letzten Jahren. Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass manche Menschen sich dramatisch entwickeln und verändern, während andere nur auf der Stelle treten? Also meiner Theorie nach …«

Während Lohse ihr seine Theorien darlegte, wanderten Pias Gedanken zu Kläre Tensfeld. Hier im Sub wollte Mark Lohse sie also gesehen haben, mit Rickleff Degner zusammen. Und auch ihr Lehrer Thomas Pracht sollte sich hier herumgetrieben haben. Schwer zu glauben, das Ganze.

»Albrecht, du musst jetzt mitkommen!«, hörte Pia eine vertraute Frauenstimme hinter sich sagen. Sie spürte, wie sich die kleinen Härchen an ihrem Nacken aufstellten. Im ersten Moment dachte sie, es wäre Kläre Tensfeld. Doch dann durchfuhr sie die Erkenntnis wie ein Stromstoß. Es war die Stimme!

Erst Sekunden später konnte sie zuordnen, dass mit Albrecht ihr Gesprächspartner gemeint war. Pia traute sich kaum, sich umzudrehen, weil sie befürchtete, der Körper zu der Stimme würde sich dann in Luft auflösen.

»Albrecht?«, fragte sie ihren Gesprächspartner und warf einen Seitenblick auf die Frau, die ihn angesprochen hatte. Sie stutzte.

Er verzog seine Lippen zu einem angedeuteten Lächeln: »Mark A. Lohse. Das A. steht für Albrecht. Alle männlichen Nachkommen bei den Lohses müssen Albrecht heißen. Isabel will mich damit aufziehen.«

Nun drehte sich Pia vollständig zu der Frau um, die Mark Lohse – oder Albrecht – Isabel genannt hatte. Pia war im ersten Augenblick verunsichert. Irgendwo hatte sie diese Isabel schon einmal gesehen. Und war die Frau ihr gegenüber tatsächlich dieselbe, mit der sie vorhin am Telefon gesprochen hatte? Fing sie jetzt allmählich an zu fantasieren? Sie musste unbedingt Heidmüller auf sich aufmerksam machen. Der saß jedoch nicht mehr an seinem Platz und war auch sonst nirgends zu sehen. Es herrschte mittlerweile ein übles Gedränge im Sub.

»Aber Sie heißen tatsächlich Isabel?«, fragte Pia im Plauderton. Die Gefahr, dass ihre Stimme sie ebenfalls verriet, war groß, aber sie wollte noch mehr Informationen über diese Frau.

»Kommissarin Korittki sucht mit geradezu bewundernswerter Ausdauer nach einer ehemaligen Mitschülerin von mir und Joe. Beate Fischer. Nun hofft Sie, dass du vielleicht mit bürgerlichem Namen Beate Fischer heißt.«

Das war es. Diese Frau, die sich Isabel nannte, musste Beate Fischer sein. Die Qualität des Fotos in der Abi-Zeitung war so schlecht, dass Pia sie nicht sofort erkannt hatte. Gespannt erwartete sie Isabels Reaktion.

 

 

 

»Beate Fischer? Das wäre ja zum Schreien. Was hat diese Beate Fischer denn angestellt, dass sie so viel Aufmerksamkeit verdient?«, fragte Isabel in schneidendem Tonfall.

»Eigentlich ist sie nur verschwunden.«

»Ist das ein Verbrechen?«

Statt ihr zu antworten, zog Pia nichtssagend die Augenbrauen hoch. Inzwischen war sie sich ziemlich sicher, dass die Stimme am Telefon mit der von Isabel identisch war. Die Blicke, die Lohse und diese Frau tauschten, gefielen ihr nicht. Jens-Olaf Engels, der mittlerweile links neben ihr an der Bar stand, bediente sich aus einer Schale mit Pistazien, die auf dem Tresen stand. Die drei hatten sie eingekreist. Wenn sich nur Heidmüller endlich blicken lassen würde. Allein wollte sie an der überfüllten Bar keine Eskalation riskieren. Um etwas Zeit zu gewinnen, rührte Pia noch ein paar Mal in ihrem Glas und trank dann langsam ein paar Schlucke. Als sie ihr halb leeres Glas auf den Tresen stellte, war ihr schwummerig zumute.

Der brennende Schmerz traf sie völlig unerwartet. Es fühlte sich so an, als ob sich ein glühender Dorn durch ihre Magenwand bohren würde. Sie schnappte entsetzt nach Luft. Zunächst dachte sie, es wäre nur dieser eine, schmerzhafte Stich gewesen, doch nach einer kleinen Pause kam der Schmerz mit voller Wucht zurück, sodass sie sich am Tresen festhalten musste.

»Ich glaube, sie hatte einen zu viel«, hörte sie Mark Lohse sagen, denn ihr Verhalten erregte wohl die Aufmerksamkeit ein paar Umstehender. Pia wollte protestieren, doch sie brachte kein klares Wort mehr heraus. Ihr wurde zudem speiübel. Durch einen Schleier aus Schmerz und Schwindelgefühl registrierte sie, dass Mark Lohse und Jens-Olaf Engels sie vom Tresen wegführten. Sie wollte um Hilfe schreien, doch stattdessen musste sie würgen. Das Letzte, was sie registrierte, war, dass sie durch eine Tür neben der Bar hinausgebracht wurde.

25. KAPITEL

Als Heidmüller von der Toilette zurückkam, saß Pia nicht mehr an ihrem Platz. Es dauerte einen kleinen Moment, bis er sich sicher war. Die Nachtschwärmer belagerten den Tresen, wogten zwischen Tischen und Tanzfläche hin und her und versperrten ganz allgemein die Sicht.

Heidmüller schob sich durch das Gedränge nach vorn, konnte seine Kollegin aber immer noch nicht entdecken. Der Typ, mit dem sie gesprochen hatte, war auch nicht mehr da. Er begann, sich Sorgen zu machen.

Pia war doch nicht auf die Tanzfläche gegangen? Nein, sie war hergekommen, um etwas herauszufinden. Sie war jemandem oder etwas auf der Spur gewesen, da war er sich sicher. Seine Unruhe wuchs mit jeder Minute, die sie nicht auffindbar war.

Heidmüller kämpfte sich zum Tresen durch. Es gelang ihm, den Barkeeper auf sich aufmerksam zu machen. Auf seine Frage nach Pias Verbleib hin erntete er jedoch nur ein Achselzucken. Dafür meldete sich ein Gast zu Wort, der Heidmüllers Frage gehört hatte: »Ich nehme an, der ist schlecht geworden«, sagte er zu Heidmüller, »ihr Freund hat sie rausgebracht.«

»Wo hinaus?«

Der Mann deutete mit dem Kopf in eine Richtung rechts vom Tresen, wo ein grünes Notausgangsschild über einer Metalltür leuchtete. Heidmüller unterdrückte einen heftigen Fluch und schob sich eilig an mehreren Gästen vorbei in die angegebene Richtung.

Die Tür war unverschlossen, und er fand sich in einem leeren, dunklen Gang wieder, der an einer schmalen Treppe endete, die nach oben führte. Klar, ein Laden wie dieser musste Fluchtwege haben, sonst würde er nie eine Genehmigung bekommen. Eilig hastete er die Treppe hinauf. Als er oben angekommen war und eine weitere Feuerschutztür öffnete, stand er unter freiem Himmel.

Er befand sich in einer Art Innenhof, in dem ein paar Autos parkten und etwas in den Müllcontainern raschelte – Ratten wahrscheinlich. Heidmüller hatte das Gefühl, unfreiwilliger Akteur in einem schlechten Spielfilm zu sein. Nach Drehbuch würde er jetzt etwas finden, dass ihm zeigte, dass er auf der richtigen Spur war. Eine Halskette, einen Schuh … Blödsinn!

Trotzdem sah er sich aufmerksam um. Er glaubte, dass Pia auf diesem Weg das Sub verlassen hatte, und eine düstere Ahnung sagte ihm, dass sie das nicht freiwillig getan haben konnte.

Ein zweiflügeliges Tor trennte den Innenhof von der Straße ab. Es war ebenfalls unverschlossen. Wer die Dunkelheit und ein paar langschwänzige Nagetiere nicht fürchtete, konnte ins Sub gelangen, ohne acht Euro Eintritt abdrücken zu müssen, dachte Heidmüller. Es sei denn, die Türen waren nur von innen zu öffnen. Wahrscheinlich hatte er sich jetzt auch noch ausgesperrt … Egal. Einen Moment lang stand er unschlüssig da. Er hasste Situationen wie diese. Er griff nach seinem Telefon und wählte Pias Mobilnummer. Nichts …

Heidmüller zögerte, den nächsten Schritt zu tun und seine Kollegen zu informieren, obwohl er bereits wusste, dass das unabdingbar war.

Eine Windböe wehte eine Plastiktüte über die Straße, sonst war nichts und niemand zu sehen. Vielleicht war Pia tatsächlich nur übel geworden und sie war aufs Klo gegangen? Unsinn, verwarf er diesen Gedanken, dann hätte sie ihm begegnen müssen. Er machte sich Vorwürfe, das nicht sofort überprüft zu haben. Aber der Typ am Tresen hatte ja gesagt, sie wäre in die andere Richtung rausgebracht worden. Immer wieder ging Heidmüller die Fakten durch. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Pia das Sub freiwillig verlassen hätte, ohne ihn vorher darüber zu informieren.

 

 

 

Kriminalrat Gabler fluchte herzhaft, als er in dieser Nacht zum zweiten Mal gestört wurde. Man mochte von Horst-Egon Gabler halten, was man wollte, dachte Heidmüller bei sich, aber der Mann begriff ausgesprochen schnell.

Innerhalb einer halben Stunde hatte er eine Art Krisenstab zusammengetrommelt und besprach mit seinen Leuten, was zu tun sei.

»In spätestens zwei Stunden will ich diesbezüglich eine stabile Lage haben, ist das klar. Ich will wissen, wer Frau Korittki entführt hat, warum und vor allem, wo sie ist.«

»In zwei Stunden ist sie wahrscheinlich tot«, murmelte Heidmüller, der kräftig abgekanzelt worden war.

»Das ist dann auch eine stabile Lage …«, bemerkte ein Kollege vom Dauerdienst.

Heidmüller stand nicht der Sinn nach Sarkasmus. Sein Vorschlag, mithilfe einer Kreuzpeilung Pias Mobiltelefon orten zu lassen, wurde heftig debattiert. Niemand glaubte so recht, dass Pia im Falle einer Entführung ihr Handy noch bei sich trug. Aber es war eine Chance, eine winzig kleine.

Um kurz nach eins meldete sich die Einsatzleitstelle bei Gabler. Es gab einen Zeugen, der beobachtet haben wollte, wie drei Personen eine vierte, offensichtlich bewusstlose Person in den Kofferraum eines Wagens geladen hatten. Das Ganze sollte in genau der Straße geschehen sein, zu der auch das Tor des Innenhofs führte, durch den Oswald Heidmüller die Diskothek verlassen hatte. Der Vorfall war aus einem Auto heraus beobachtet worden, und der Zeuge hatte offensichtlich eine Menge Bedenkzeit benötigt, bevor er sich bei der Polizei gemeldet hatte. Immerhin hatten sie jetzt eine Beschreibung des Fahrzeuges und sogar ein Autokennzeichen. Ein dunkelblauer oder dunkelgrüner Passat, der, so stellte sich heraus, auf eine Frau namens Barbara Engels zugelassen war.

Heidmüller, der Frau Engels und ihren Ehemann mit zwei Uniformierten aus dem Bett klingelte, hatte schnell das Gefühl, in der gepflegten Doppelhaushälfte an der falschen Adresse zu sein. Nachdem Barbara Engels und ihr Ehemann den Schreck über die nächtliche Störung überwunden hatten, gaben sie an, dass sich ihr Sohn den gesuchten Wagen übers Wochenende ausgeliehen hätte. Zögerlich nannten sie Heidmüller Namen und Adresse des Sohnes, verbunden mit der wohlmeinenden Vermutung, das Auto sei ihm bestimmt gestohlen worden. Vielleicht hatte es der Junge auch verliehen, naiv, wie er immer noch war … Heidmüller sah das etwas anders. Vor allem aber sah er die Angst in den Augen der Eltern.

Als Heidmüller das Haus mit seiner Eskorte wieder verließ, sank ihm der Mut. Er hatte sich schon so nah dran gefühlt. Ein unglaublicher Glücksfall, dass man Pias Entführung beobachtet hatte. Geradezu unglaublich, dass sie ein Autokennzeichen hatten. Aber unter Umständen führte diese Spur nirgendwo hin. Der Zeuge hatte im Dunkeln das Kennzeichen vielleicht nicht richtig erkannt. Ein einziger Zahlendreher, und alles war umsonst. Der Wagentyp und die Farbe passten allerdings zu dem beschriebenen Auto, wie er von Barbara Engels erfahren hatte.

»Wir haben das Autokennzeichen an alle Streifenwagen durchgegeben«, sagte der Kollege am Funkgerät zu Heidmüller, als sie quer durch die Stadt zu der Adresse von Jens-Olaf Engels fuhren. »Der Wagen kann sich schließlich nicht in Luft aufgelöst haben.«

Nein, aber es gab Garagen, uneinsehbare Grundstücke und Hinterhöfe, sogar einsame Waldparkplätze und wer weiß noch was für Orte, an denen man ein Auto verstecken konnte, dachte Heidmüller unruhig. Wer immer Pia entführt hatte, konnte es sich nicht leisten, sie lebend aus dieser Sache herauskommen zu lassen.

Jens-Olaf Engels’ Studentenbude war eine Erdgeschosswohnung in einem heruntergekommenen Mietshaus in der Nähe der Wakenitzmauer. Nachdem auf das Klingeln und Klopfen niemand öffnete, warf sich Heidmüller mit ganzer Kraft gegen das Türblatt, und die Tür sprang krachend auf.

»Das wollte ich schon immer irgendwann mal machen«, sagte er zu den konsterniert blickenden Kollegen in Grün. Die Konsequenzen seiner Handlungen waren ihm mittlerweile gleichgültig. Am liebsten hätte er in diesem Dreckloch von Wohnung alles kurz und klein geschlagen.

Mit schnellen Schritten durchmaß er den Wohnraum mit Kochnische, schaute in das winzige Bad und die Besenkammer. »Verwahrlost« war noch ein beschönigendes Adjektiv, wenn man den Zustand dieser Behausung beschreiben wollte. Und es war niemand da. Heidmüller wusste nicht, was er sich eigentlich erhofft hatte, aber das, was er vorgefunden hatte, machte ihn erst recht mutlos. Er sank auf die zerschlissene Couch und stützte einen kurzen Moment den Kopf in seine Hände. Er hatte es falsch, völlig falsch angefangen und jeden erdenklichen Fehler gemacht, den man machen konnte, sagte er sich.

Er war mit Pia mitgekommen, weil er sich geschmeichelt gefühlt hatte, von ihr gefragt zu werden. Dabei war das ganze Vorhaben, ins Sub zu gehen, so schwachsinnig gewesen wie nur was. Das hatten sie nun davon: ein einziger Schlamassel.

Einer der anwesenden Beamten sah ihn ratlos an. Als sich sein Funkgerät meldete, verschwand er in den winzigen Flur. »Wir haben was!«, sagte er, als er kurz darauf wiederkam.

Heidmüller hob den Kopf aus den Händen und sah ihn ungläubig an.

»Das Auto mit dem gesuchten Kennzeichen steht auf einem Grundstück in der Nähe des Stadtparks.«

»Im Ernst! Wo genau?«

Der Uniformierte nannte Straße und Hausnummer. Erklärend setzte er hinzu: »Eine Kollegin auf Streife hat den Funkspruch gehört und sich an das Fahrzeug erinnert. Sie sagt, dass es ihr schon mehrmals aufgefallen ist. Es steht ganz oft auf dem Grundstück einer Villa am Stadtpark. Sie weiß das, weil sie schon öfters dort war, wenn sich die Nachbarn bei der Polizei beschwert hatten. Nächtliche Ruhestörung und so weiter … Offiziell gehört das Haus einer Frau Martha Schneider, die aber in einem Pflegeheim untergebracht ist. Ihr Neffe, ein Mann namens Mark Lohse, bewohnt das Haus.«

»Mark Lohse? Der Name sagt mir etwas. Den hat Frau Korittki doch vor ein paar Tagen selbst verhört …«

 

 

 

Es war kalt. Ihr war übel. Ein pochender Schmerz an ihrem Hinterkopf signalisierte ihr, dass etwas dort nicht in Ordnung war. Einen Augenblick sträubte sich Pia dagegen, das Bewusstsein wieder zu erlangen. Sie hielt die Augen geschlossen und versuchte, durch den alles dominierenden Schmerz hindurch ein paar Erinnerungsfetzen aus dem Trüben ihres Kurzzeitgedächtnisses zu fischen. Dann wünschte sie, sie hätte das nicht getan.

Sie war in dieser Diskothek gewesen. Das Sub, von dem alle, allen voran Nele, immer wieder gesprochen hatten. Samstags ging man dorthin. Ob noch Samstag war? Sie hatte Mark Lohse getroffen, den sie vor ein paar Tagen im Kommissariat nach dem Verbleib von Beate Fischer befragt hatte. Sie hatte neben ihm an der Bar gesessen und sich mit ihm unterhalten. Dann waren noch zwei Freunde von ihm dazugekommen. Den einen hatte Mark Lohse Joe genannt. Pia hatte sein Gesicht auf einem der Fotos in der Abi-Zeitung gesehen. Die andere wurde Isabel genannt. Und eben diese Isabel war die Frau gewesen, deren Nummer in der Telefonzelle gestanden hatte.

Beate Fischer, das Phantom, und Isabel waren ein und dieselbe Person.

Das Nächste, an was sie sich erinnerte, war der plötzliche Schmerz im Magen und dass ihr schwarz vor Augen geworden war. Wo aber war sie jetzt?

Sie lag auf einem kalten, harten Untergrund, und es war dunkel. Pia versuchte sich zu bewegen, aber sie konnte es nicht. Ihre Handgelenke waren zusammengebunden. Und sie bekam schlecht Luft, weil etwas über ihren Mund geklebt worden war. Die beginnende Panik ließ sie schlagartig hellwach werden. Plötzlich hatte sie das Gefühl, viel mehr Luft zu brauchen. Mit aufgerissenen Augen starrte sie in die Dunkelheit. Schräg über ihr sah sie ein vergittertes Rechteck, durch das ein schwacher Lichtschein fiel. Eine nackte, unbeleuchtete Glühbirne schimmerte matt an der Decke. Als Pias Augen sich auf die Dunkelheit eingestellt hatten, folgte sie dem über Putz verlegten Kabel von der Glühbirne bis zu einem altmodischen Drehschalter neben einer Tür …

Es gelang ihr, sich auf die Knie zu setzen, und sie zerrte wieder an den Fesseln am Handgelenk: Klebeband, wie es sich anfühlte. Klebeband über dem Mund und an den Handgelenken. Ihre Füße waren frei.

Im Sitzen wallte die Übelkeit mit erschreckender Stärke erneut in ihr auf. Sie versuchte, dem Würgereiz mit tiefen Atemzügen Herr zu werden, was wegen der begrenzten Luftzufuhr fast unmöglich war. Wenn ich erbrechen muss, werde ich ersticken, dachte Pia. Ich werde hier an meinem Erbrochenen ersticken.

Vorsichtig, um den Kopfschmerz und die damit verbundene Übelkeit nicht weiter zu provozieren, bewegte sie sich auf Knien auf die Seite des Kellerraumes zu, wo ein paar Pappkartons gestapelt standen. Sie rieb ihre Wange dort, wo sie den Beginn des Klebestreifens vermutete, an der Kante des Pappkartons entlang. Immer wieder musste sie innehalten, um zu schlucken und den wilden Schmerz, den die Bewegung ihres Kopfes verursachte, zu beruhigen. Es fühlte sich so an, als löse sich schon eine Ecke des breiten Klebestreifens. Sie presste ihre Wange gegen den stinkenden Karton in der Hoffnung, das Band möge bald mehr an der Pappe haften als an ihrer Haut. Millimeter für Millimeter löste es sich, bis es halb ab war und sie mit einem Japsen Luft durch den Mund holte. Ihr wurde wieder schwindelig, und sie lehnte einen Moment kniend mit der Stirn gegen die Seite des Kartons gelehnt. Dann gelang es ihr, das lose Ende zwischen ihre Knie zu nehmen und das Klebeband gänzlich zu entfernen.

Es war keine Sekunde zu früh, denn anschließend fiel sie nach vorn und erbrach sich auf den Kellerfußboden. Danach ging es ihr ein kleines bisschen besser. Es musste etwas in ihrem Getränk gewesen sein. Wie hatten sie es geschafft, etwas in ihr Glas zu schütten, ohne dass sie es bemerkt hatte?

Pia schob die nutzlosen Spekulationen beiseite und konzentrierte sich auf ihr Hauptproblem: Sie musste hier raus. Es gelang ihr, auf die Füße zu kommen. Sie ging zu der Tür hinüber und stemmte sich mit der Schulter dagegen. Ohne ihre Hände gebrauchen zu können, hatte sie keine Chance, hinauszugelangen.

Der Türgriff der Kellertür befand sich auf Höhe ihrer Handgelenke, und sie versuchte, das Klebeband zu dehnen, um den Griff zwischen Haut und Band zu bekommen. Das verfluchte Klebezeug zerrte an ihrer Haut, aber es gab nicht nach. So ging es nicht.

Pia schlich zu dem Kellerfenster und stellte sich auf die Zehenspitzen, um herauszusehen. Draußen war es stockdunkel und still. Pia roch vermodertes Laub aus der Kasematte davor und feuchtes, schimmeliges Mauerwerk. Das Gitter wirkte nicht sehr massiv, aber sie war zu groß, um durch dieses Loch nach draußen zu gelangen. Ob sie nach Hilfe rufen sollte?

Sie wagte es nicht, denn die Chance, dass ihre Entführer die Einzigen wären, die es hörten, war zu groß. Wieder versuchte sie, eine ihrer Hände aus der Schlinge aus Klebeband zu ziehen, doch das Zeug rollte sich nur zusammen, dehnte sich aber nicht.

Pias Blick fiel auf ein Kellerregal aus Metall, das in der hintersten Ecke des Raumes stand. Vielleicht war der Winkelstahl scharfkantig genug, das Klebeband zu durchtrennen?

Bitte, bitte, bitte …, flehte sie im Stillen, während sie mit dem Rücken zum Regal stand und versuchte, das Klebeband an den Kanten des Regals aufzureiben.

Irgendwann, nach einer kleinen Ewigkeit, wie es ihr erschien, gab es einen Ruck, und ihre Hände waren frei. Sie bewegte sie langsam nach vorn, zog das durchtrennte schwarze Band von der Haut ab und fühlte, wie das Blut prickelnd und stechend in ihre tauben Arme fuhr. Sie bewegte langsam jeden einzelnen Finger, ließ die Handgelenke kreisen.

Ihr Kopf tat immer noch weh, aber immerhin konnte sie jetzt die beeindruckende Beule auf ihrem Hinterkopf betasten und sich dann einen Augenblick den schmerzenden Magen halten. Was zum Teufel hatten sie ihr in das Getränk geschüttet? Und wie war sie aus dem Sub herausbekommen, ohne dass Heidmüller hatte eingreifen können?

Sie ging nochmals zur Kellertür und spähte durch das Schlüsselloch. Der Raum oder Gang dahinter war unbeleuchtet. Es handelte sich um ein ganz einfaches Schloss. Mit einem spitzen Gegenstand …

Sie fühlte in den Taschen ihres Hosenanzuges, wo sich nichts weiter befand als ein zerknülltes Taschentuch, mit dem sie sich den Mund abwischte. Dann fing sie an, die Kartons zu öffnen und den Fußboden abzusuchen nach etwas, mit dem sie dieses Türschloss öffnen konnte. In den Kartons befanden sich nur Bücher, aber die Kartons waren geklammert, und Pia pulte ein paar der leicht rostigen Klammern aus einem der Kartons und bog sie gerade. Sie zerbrachen sofort. Sie suchte weiter und fand eine Rolle mit festem Draht in einer Ecke liegen. Damit müsste es gehen.

Sie ging vor dem Türschloss auf die Knie und steckte das Ende des Drahtes mit leicht zitternden Fingern in die Öffnung. Ein einfaches Türschloss sollte eigentlich kein Hindernis darstellen. Während sie verbissen in dem Schloss herumstocherte, horchte sie die ganze Zeit auf sich nähernde Geräusche. Während ihr dieser Ort anfangs grabesstill erschienen war, vernahmen ihre Ohren jetzt ab und zu entfernte Stimmen, ja sogar leise Musik. Wo immer sie sich auch befand, sie war nicht allein hier. Jeden Moment konnten ihre Entführer kommen. Sie musste von hier verschwinden, so schnell es ging.

Nach ein paar Minuten des Probierens ließ sich das Türschloss entriegeln. Vorsichtig öffnete sie die Kellertür und spähte in den dahinter liegenden Gang. Links führte eine Treppe nach oben. Durch den Spalt unter der Tür fiel Licht, und Pia hörte die Stimmen jetzt deutlicher. Sie tastete sich lautlos nach oben, nur um festzustellen, dass diese Tür ebenfalls verschlossen war. Dieses Schloss sah nicht so aus, als ließe es sich einfach so öffnen.

Vor Enttäuschung hätte sie beinahe aufgeheult und sie widerstand mühsam dem Impuls, zu schreien und gegen die Tür zu hämmern. Stattdessen trat sie möglichst lautlos den Rückzug an. Sie hatte noch die Chance, dass es einen zweiten Ausgang aus diesem Kellergewölbe gab. Ein größeres Fenster, eine unbeachtete Außentreppe …

Im hintersten Kellerraum befand sich eine Art Küche. Der Raum musste an einer Straße liegen, denn durch die Kellerfenster fiel das Licht einer Straßenlaterne. Darunter befanden sich ein alter Spülstein und ein Gasherd. Die Tür zur Außentreppe besaß jedoch ein Sicherheitsschloss, und das kleine Oberlicht war wie die Kellerfenster vergittert. In erneut aufkommender Panik rüttelte Pia an Türgriff und Gittern. Sie wollte nur noch raus, es war gar nicht weit.

Ein Geräusch von oben ließ sie innehalten. Es gelang ihr, sich wieder einigermaßen zu kontrollieren. Panik brachte sie nicht weiter, sie musste nachdenken.

Pia beschloss, sich ein Versteck zu suchen. Der Gang in Richtung der Treppe nach oben bot keine Möglichkeit, sich zu verbergen, aber hier hinten gab es vielleicht ein brauchbares Versteck. Es gab die winzig kleine Chance, dass sie entkommen konnte, während ihre Entführer nach ihr suchten. Sie musterte die alten Küchenschränke, die aber allesamt zu klein waren. Dann fiel ihr Blick auf eine große, massive Kiste, in der früher wohl mal Kartoffeln aufbewahrt wurden. Sie unterdrückte ihren aufkeimenden Widerwillen gegen dieses Versteck und stemmte den Deckel hoch.

Um ein Haar hätte sie ihn beinahe krachend wieder fallen gelassen, weil der Geruch so übel war. Es war ein Geruch, den sie genau kannte …

Sie zwang sich hineinzusehen. Eine Welle des Ekels überflutete sie, wie sie es bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht erlebt hatte. Im Inneren der Kiste lag in eine durchsichtige Plastikfolie gewickelt ein zusammengestauchter Körper. Ein menschlicher Körper, von dem Pia eine zusammengekrampfte Hand, kurzes, dunkles Haar und das Gesicht erkennen konnte, das durch den beginnenden Zersetzungsprozess entstellt war.

26. KAPITEL

Verfremdet durch die milchige Folie war nicht viel zu erkennen. Trotzdem war sich Pia fast sicher, dass sie die sterblichen Überreste von Markus Kessel entdeckt hatte. Dem Mann, der seit Dienstag vermisst wurde.

Der Ernst ihrer Lage wurde für Pia nunmehr zur Gewissheit. Diejenigen, die sie hierher verschleppt hatten, konnten nur eines im Sinn haben: sie zu töten, um ihrer Aufdeckung zu entgehen. Sie befand sich im Haus der von ihnen gesuchten Personen, die bereits vier oder fünf Menschenleben auf dem Gewissen hatten.

Leise schloss sie den Deckel der Kiste und ging rückwärts, bis sie an die Kante eines alten Küchentischs stieß. Als sie das entfernte Geräusch einer sich öffnenden Tür und kurz danach Schritte auf der Treppe hörte, griff sie sich den erstbesten Gegenstand, dessen sie habhaft werden konnte. Es war ein dreibeiniger, hölzerner Küchenhocker. Sie stellte sich hinter die angelehnte Tür und wartete.

Es dauerte nur Sekunden, bis man ihre Flucht aus dem Kellerraum nebenan entdeckt hatte. Sie hörte, wie eine männliche Stimme etwas rief, dann kam die Person auf den hinteren Kellerraum zu. Als Pia den Umriss einer Gestalt wahrnahm, hieb sie dem Mann beidhändig die Kante des Hocker auf den Kopf. Er gab einen unterdrückten Schrei von sich, taumelte und fiel zu Boden.

Der auf dem Boden liegende Mann stöhnte noch vernehmlich, sodass Pia erwog, noch ein zweites Mal zuzuschlagen. Bevor sie jedoch dazu kam, hörte sie eine weitere Person die Kellertreppe hinabkommen. Sie zog sich wieder hinter die angelehnte Tür zurück, um das Überraschungsmoment auf ihrer Seite zu haben. Ein lautes Fluchen, das sie Mark Lohse zuordnete, hallte durch die Kellerräume, als er im Nebenraum entdeckte, dass sie sich befreit hatte. Dann tat sich nichts mehr.

Die Stille war schlimmer als alles andere. Im Gegensatz zu seinem Freund am Boden schien er zu überlegen, bevor er losraste. Das war schlecht.

»Joe?«, hörte sie ihn rufen, »verdammt Joe, wo bist du?«

Als er den Raum betrat, fiel sein Blick als Erstes auf den am Boden Liegenden. Pia hatte gehofft, Mark Lohse würde sich kurz zu dem Verletzten hinunterbeugen, doch er schien auf der Hut zu sein.

»Hier bin ich, Idiot!«, flüsterte sie heiser, und er tat ihr den Gefallen und stürzte sich auf sie. Ihre einzige Chance war es, seinen Schwung zu nutzen, um ihn mit einer Hebelbewegung zu Fall zu bringen. Als er am Boden lag, trat sie ihm zweimal in die Nierengegend und rannte los.

Sie lief durch den Kellergang und die Treppe hoch. Oben stieß sie die Tür auf. Nach der Dunkelheit im Keller war sie vom hellen Licht, das sie empfing, geblendet. Es dauerte einen Moment, bis sie realisierte, dass sie in die Mündung eines Revolvers blickte.

»Immer langsam, Frau Korittki«, sagte eine weibliche Stimme. »Haben Sie schon genug von unserer Gastfreundschaft?«

Es war die Frau, die Isabel genannt wurde, und ihr Gesichtsausdruck ließ keinen Zweifel daran zu, dass sie abdrücken könnte.

 

 

 

Sie befanden sich im Erdgeschoss einer alten Villa. Isabel dirigierte Pia durch eine Art Halle, die sich über zwei Stockwerke erstreckte. Eine geschwungene Holztreppe führte auf eine Galerie, die den gesamten Raum umrundete. Überall stand Gerümpel herum, und Staub und Dreck lagen zentimeterhoch auf den Fußböden und dem spärlichen Mobiliar. Das Haus sah nach einer monatelangen Belagerung durch feindliche Truppen aus, und wahrscheinlich war dieser Vergleich sogar recht zutreffend. Die einzelnen Puzzleteile ihrer Umgebung fügten sich in Pias Kopf zu einem Bild zusammen. Sie konnte sich nun sogar vorstellen, wo in Lübeck sich dieses Haus befinden konnte. Doch was nützte es ihr?

Isabel brachte Pia mit vorgehaltener Waffe in ein kleineres Zimmer neben der Halle. Auf dem Fußboden lagen ein Stapel Matratzen und ein Paar Decken. Der Couchtisch vor dem Biedermeiersofa war bedeckt mit dreckigen Gläsern und Flaschen sowie Untertassen voller Kippen und Zigarettenasche.

»Setz dich dahin«, sagte Isabel und deutete auf einen gepolsterten Stuhl.

Pia sah, dass Isabels dünnes Handgelenk zitterte. Der klobige Revolver wurde ihr langsam zu schwer. Ihre Hoffnung, die Frau allein vielleicht überwältigen zu können, zerschlug sich, als sie Geräusche und Stimmen aus dem Keller hörte. Ihre Angreifer schienen sich wieder erholt zu haben. Sie hätte Mark Lohse in die Kehle treten sollen, dachte sie und erschauerte gleichzeitig bei der Vorstellung.

Immerhin fühlte sie nicht mehr die bohrende Verzweiflung, die sie in ihrem Kellergefängnis fast gelähmt hatte. Als Mensch unter Menschen und zu ebener Erde rechnete sie sich wieder gewisse Chancen aus. Heidmüller musste ihr Verschwinden längst bemerkt haben. Er hatte bestimmt schon etwas unternommen …

Markus Kessel, da war sie sich sicher, hatte keine Chance gehabt. Er hatte die Suche nach Beate Fischer eigenmächtig aufgenommen, und er hatte sie, zu seinem Unglück, vor der Polizei gefunden.

»Warum verstecken Sie sich, Frau Fischer?«, fragte sie die Frau, die ebenfalls auf die Geräusche aus dem Keller lauschte.

»Ein für alle Mal und zum Mitschreiben, Frau Korittki: Ich heiße nicht mehr Beate Fischer. Alle, die mich kennen, nennen mich Isabel.«

»Ach ja? Kläre Tensfeld, Ihre alte Freundin, sprach aber nur als Beate Fischer von Ihnen«

»Gegenüber der Polizei mag sie das getan haben. Vielleicht will sie nicht mit uns in einen Topf geworfen werden. Kläre hat manchmal Bedenken, ein paar unserer Angewohnheiten betreffend.«

»Und warum wollen Sie nicht Beate Fischer genannt werden?«

»Wissen Sie, was meine Mutter gesagt hat, als ich sie fragte, wieso sie mich Beate genannt hat? Wenn du ein Junge geworden wärst, dann hätte ich dich Raphael oder Leander oder so ähnlich genannt. Bei einem Mädchen, da wäre ihr halt nur Beate eingefallen. Sie wollte einfach kein Mädchen. Darum habe ich mich Isabel genannt, nach einer Figur aus einem Roman. Und verstecken tue ich mich auch nicht!«

»In so einem Dreckloch wie diesem kann man sich doch nicht freiwillig aufhalten. Wie lange hausen Sie hier schon? Wochen? Monate?«

»Versuchen Sie nicht, mich zu provozieren. Das ganze Psychogequatsche können Sie sich schenken. Wie es aussieht, haben Sie sich nicht sehr gut geschlagen da unten. Joe und Albrecht sind schon auf dem Weg zu uns. Es läuft alles nach Plan.«

Sie lächelte spöttisch, als die beiden Männer ins Gartenzimmer traten, und deutete mit der Waffe auf Pia.

»Ich hab sie oben abgefangen. War ganz einfach, ihr Schwachköpfe!«

»Wo hast du die denn her?«, fragte Mark Lohse erstaunt und deutete auf den altmodischen Revolver in ihrer Hand.

»Meinst du, ich kenne mich hier nicht aus, Albrecht? Ich weiß, wo du deine Schätze versteckt hältst … Hier, den Ring habe ich auch neulich gefunden!«

Sie hielt ihm ihre kleine Hand mit einem Ring entgegen, auf dem eine klobige, goldene Kugel saß.

»Das ist Tantchens alter Giftring, Isabel. Was willst du damit?«

»Was glaubst du denn, wie ich unsere liebe Kommissarin vorhin betäubt habe? Dieses Ding hier ist ungemein praktisch. Ich wusste allerdings nicht, wie viel von dem Zeug sie verträgt. Hätte gut sein können, dass sie gleich draufgeht. Das wäre dann allerdings schade gewesen.«

»Willst du weitermachen wie geplant, Isabel?«, meldete sich der Mann zu Wort, der im Sub Joe genannt worden war. Er war schon von Natur aus keine Schönheit, aber das Veilchen, das er bei seinem Sturz auf die Tischkante davongetragen hatte, machte ihn geradezu abstoßend hässlich.

»Willst du sie laufen lassen?«, fragte Isabel amüsiert.

»Nein. Aber wo wir jetzt schon den Revolver hier haben, können wir es doch gleich hinter uns bringen.«

»Er hat nicht verstanden, worum es geht«, meinte Albrecht, »willst du, dass ein Schuss die ganze Nachbarschaft alarmiert?«

»Okay. Schon gut. Ich hole das Seil von oben.«

Joe verzog sich. Albrecht und Isabel lächelten sich an.

»Komm, ich nehm ihn dir ab«, sagte er, und Isabel übergab ihm die Waffe mit einem kleinen Seufzer. Sie rieb sich das Handgelenk und griff anschließend nach einer Rolle Klebeband, die auf dem Couchtisch lag. Sie trat damit hinter Pias Stuhl und band ihr die Hände erneut auf dem Rücken zusammen.

Pia rang mühsam um Selbstbeherrschung. Sie versuchte, wütend zu werden über die erneute Fesselung anstatt zu resignieren. War sowieso alles umsonst? Würde sie in jedem Fall sterben, hier und durch diese Menschen? Was hatte sie nur dazu getrieben, im Alleingang mit Heidmüller in diese Diskothek zu gehen? Ehrgeiz und Überheblichkeit? Oder die unbewusste Annahme, ihre kleine Schwester Nele würde niemals den entscheidenden Hinweis für eine Mordermittlung liefern?

Als Isabel fertig war, trat sie dicht vor Pia und beugte sich zu ihrem Gesicht hinunter. Isabels Augäpfel schimmerten unnatürlich weiß und ihre Pupillen waren nicht größer als Stecknadelköpfe. Sie steht unter Drogen, urteilte Pia, sich an nüchterne Betrachtungen festklammernd. Außerdem roch ihr Atem nach Alkohol. Isabels Verhalten war unberechenbar.

»Soll ich dir sagen, was wir mit dir machen werden? Bist du neugierig, oder möchtest du es lieber gar nicht wissen?«

»Habt ihr sie alle ermordet?«, fragte Pia, anstatt zu antworten, »Rickleff Degner und Karlheinz Wörnsen, Wolfgang Biederstätt, Birgit Manstein und Markus Kessel?«

»Waren das alle, oder hat sie einen vergessen?«, wollte Albrecht in amüsiertem Tonfall von Isabel wissen.

»Sie hat sich selbst vergessen. Aber Todgeweihte haben ein Recht auf ein paar Antworten, wenn wir ihr schon keine traditionelle Henkersmahlzeit anbieten können. Wissen Sie, wir können alle nicht kochen, und unser Lieblingsitaliener hat um diese Uhrzeit immer schon zu. Die Antwort auf Ihre Frage ist natürlich Ja. Wir haben sie alle getötet, einen nach dem anderen. Sogar die Reihenfolge stimmt. Und jeden auf eine andere Art und Weise.«

»Und warum?«

Isabel setzte sich neben Pia auf einen Hocker und griff sich ein halb volles Glas, das auf dem Tisch stand. Sie trank es gierig aus, leckte sich über die Lippen, und begann zu erzählen. Es war eine Geschichte, die Pia gar nicht unbedingt hören wollte, aber sie machte sich klar, dass sie Zeit gewinnen musste, wenn sie eine Chance haben wollte.

»Die gute Kläre war so etwas wie eine Schwester für mich. Eine süße, dumme, liebenswerte Schwester. Nachdem wir unser Abi gebaut hatten, hat sie sich mit einem unserer Lehrer eingelassen. Thomas Pracht. Er hat sich absolut schäbig ihr gegenüber verhalten. Erst als seine Frau ihn verlassen hat, wurde Kläre klar, dass er sich nie ganz für sie entscheiden würde. Ich konnte sie dazu überreden, mit ihm Schluss zu machen. Danach hing Kläre nur noch zu Hause rum, hat nichts mehr unternommen, nichts … Ich hab deshalb versucht, mich um sie zu kümmern, sie mit auf Piste zu nehmen und so. Dabei hat sie dann Ricky kennen gelernt, Rickleff Degner. Sie wissen Bescheid. Ich habe Kläre sogar noch zugeredet, mit ihm ins Bett zu gehen. Ich dachte, es würde sie auf andere Gedanken bringen. Stattdessen kam sie ein paar Wochen später heulend bei mir an, weil sie sich mit HIV infiziert hatte. Sie hat zu der Zeit im Krankenhaus gearbeitet und sich bei einer Routineuntersuchung testen lassen. Ausgerechnet Kläre erwischt es, bei einem einzigen Mal mit diesem Mistkerl! Da ich Kläre nicht mehr helfen konnte, wollte ich sie wenigstens rächen und Ricky daran hindern, weiter diesen Scheißvirus zu verbreiten. Ich habe Albrecht und Joe überredet, mir dabei zu helfen. Es war so verdammt einfach. Kinderleicht! Albrecht hat sich mit ihm in dem Parkhaus verabredet, angeblich um ihm etwas zu verkaufen. Wir sind alle durch ein kaputtes Fenster rein, damit wir nicht von den Kameras aufgenommen werden. Auf der Parkebene haben wir Ricky dann getroffen und gemeinsam über die Brüstung geworfen. Er war so überrascht, er hat nicht einmal geschrien.« Isabel lächelte zufrieden. »Ich habe Kläre gerächt, das wenigstens war ich ihr schuldig. Obwohl ich ihr leider nie sagen konnte, was wir für sie getan haben. Sie mag meine Freunde nicht besonders.«

Bei diesem Satz grinste Albrecht: »Sie mag mich nicht, ist noch gelinde ausgedrückt. Die kleine graue Maus kann mich nicht ausstehen!«

»Halt die Klappe, Albrecht.«

»Wo bleibt denn Joe?«

»Wahrscheinlich knotet er. Ich habe ihm gesagt, ein Henkersknoten hat dreizehn Ringe. Das habe ich mal irgendwo gelesen.«

Pia schluckte, weil sich ihr der Hals zuschnürte. Sie zerrte an ihren Handfesseln und versuchte die Angst, die sich ihrer bemächtigte, unter Kontrolle zu bekommen.

Unwillkürlich wanderte ihr Blick nach oben zu dem soliden Deckenhaken, an dem wahrscheinlich einmal ein Kronleuchter gehangen hatte …

»Und die anderen? Was ist mit den anderen Morden?«, fragte sie, um Beherrschung ringend.

»Geschäft ist Geschäft«, sagte Albrecht nun, »sobald wir wussten, dass wir dazu fähig sind, war uns klar, dass man damit Geld verdienen kann.«

»Es war meine Idee, Albrecht! Die Auftragsmorde kamen von mir. Wir fingen an, uns Gedanken zu machen, wie wir an Kunden herankämen und so weiter. Was so ein Auftragsmord kosten darf, wie man das Geld übergibt, diese Details eben …«

»Das Schwierigste ist die Anonymität. Wir haben uns natürlich nach jedem Auftrag ein neues Kartenhandy unter falschem Namen besorgt, daher auch die immer neuen Nummern, die wir in Umlauf bringen mussten. In der Cubango zunächst … Die Nummer des jeweiligen Handys haben wir jedes Mal an einem markanten Ort hinterlassen. Das Parkhaus, wo wir Ricky getötet haben, war das erste Versteck. Nachdem das Gerücht um die Auftragsmorde in entsprechenden Kreisen kursierte, dauerte es nicht lange, bis sich ein Typ bei uns meldete, der seinen Onkel beseitigen wollte. 5000 Euro waren okay für ihn. Er sagte uns, wie wir ins Haus kämen. Wir sagten ihm, wann die Party steigt.«

»Warum immer freitags? Wisst ihr, dass ich so auf die Verbindung zwischen den einzelnen Morden gekommen bin? Weil sie immer freitags geschahen.«

»Ja, das war vielleicht ein Fehler«, räumte Albrecht ein, »aber es passte uns freitags am besten. Freitags ist in Lübeck einfach nichts los.«

»Wie wurde das Geld übergeben? Das ist normalerweise der heikle Punkt bei solchen Verbrechen,«, fragte Pia, die die beiden unbedingt am Reden halten wollte.

»Genug gequatscht! Die Fragerunde ist vorbei«, zischte Isabel, ihre Absicht erratend, »ich gehe jetzt und suche Joe. Sonst macht er tatsächlich noch dreizehn Knoten …«

Albrecht sah Isabel nach, die ungehalten den Raum verließ.

»Ich finde, Sie haben ein Recht, alles zu wissen«, meinte er zu Pia gewandt.

Albrecht schien überaus eitel zu sein. Er hielt sich und sein Vorgehen für genial.

»Fürs Protokoll also: Unsere Kunden hinterlegen das Geld cash in einem braunen Umschlag in einem Schließfach am Bahnhof. Wir sagen die Nummer an, denn wir müssen uns vorher ja einen Zweitschlüssel von dem betreffenden Fach machen. Das Geld holt immer ein kleiner Junge ab. Ein Spanier, der kein Wort Deutsch spricht. Isabel hat ihn auf dem Spielplatz angequatscht und ihm eine kleine Belohnung in Aussicht gestellt. Sie spricht fließend Spanisch. Die kleine Schwester des Jungen ist übrigens unser Pfand. Es läuft hervorragend mit ihm. Der Junge fährt Wege mit seinem Fahrrad, auf denen ihr Bullen ihm niemals ungesehen folgen könntet. Man muss ja zumindest damit rechnen, dass ein Auftrag mal eine Falle von euch sein könnte. So sind wir ein sehr geringes Risiko gefahren …«

»Das war ja alles generalstabsmäßig durchorganisiert«, sagte Pia sarkastisch. Völlig überraschend sprang Albrecht auf und schlug ihr auf den Mund.

»Lass das, Albrecht«, kam es von Isabel, die gerade in diesem Moment den Raum betrat. Sie trug ein dickes Seil über dem Arm. Joe folgte ihr mit einer Haushaltsleiter.

»Sieh lieber zu, wie wir das lose Ende da oben festbekommen.«

Die groteske Situation, das ungeschickte Hantieren mit der Leiter und die Probleme, einen fest sitzenden Knoten zu Stande zu bringen, hätten fast komische Züge gehabt, wäre es den dreien mit ihrem Vorhaben, Pia aufzuhängen, nicht so ernst gewesen.

Plötzlich sah Pia noch einmal Markus Kessels Leiche in der Kiste vor sich. Als das Seil mit der Schlinge von dem Haken herunterbaumelte und Joe es leicht anstieß, um es zum Schwingen zu bringen, begann Pia, vor Angst zu zittern …

Isabels Augen leuchteten erwartungsvoll, während sie von der Schlinge zu Pias Hals und dann zu den beiden Männern sah.

»Bei dem Typen, der mich neulich verfolgt hat, ist es viel zu schnell gegangen«, sagte sie, »dieses Mal können wir uns etwas mehr Zeit lassen.«

»Manchmal bekomme ich direkt Angst vor dir, Isabel«, sagte Albrecht.

27. KAPITEL

Das war’s also, dachte Pia. Albrecht zwang sie, auf einen Hocker zu steigen und legte ihr die schwere Schlinge um den Hals. Er holte ihr Haar vorsichtig darunter hervor und zog dann die Schlinge zu. Die raue Oberfläche des Seils kratzte an ihrer Haut und machte die Situation erschreckend real.

Pia bereute jetzt, dem Druck der auf sie gerichteten Waffe nachgegeben zu haben. Es war fast automatisch geschehen. Ein Instinkt, sich an jede Sekunde des Lebens zu klammern, was immer auch darauf folgen mochte. Doch erschossen zu werden wäre dem, was ihr nun bevorstand, vorzuziehen gewesen.

Bis zu diesem Moment hatte sie sich geweigert zu glauben, dass es tatsächlich zu Ende gehen könnte. Doch nun war sie nur noch Minuten, wenn nicht Sekunden, vom Sterben entfernt … Pia schossen die Gedanken nur so durch den Kopf. Ob die anderen noch auf der Hochzeitsfeier waren? Ob sie überhaupt jemand vermisste? Dies war der furchtbarste Alptraum von allen, nur dass sie ihn dieses Mal nicht würde malen können. Es sei denn, es gäbe im Himmel Leinwand, Pinsel und Farbe. Würde es jetzt helfen, wenn sie an die Existenz eines Gottes und an den Himmel glauben könnte? Würde sie dann weniger zittern?

Hoffentlich bricht gleich beim ersten Ruck mein Genick, flehte sie lautlos. Doch sie wusste, dass das Seil zu kurz war. Sie fiel nicht tief genug: Sie würde langsam von der Schlinge erdrosselt werden. All das hatte man ihr schließlich beigebracht. Die feinen Unterschiede: erdrosselt, erwürgt, erhängt, garottiert … Vielen Dank auch dafür, nicht unwissend sterben zu müssen!

Hoffentlich würde sie nie jemand finden. Sie wusste schließlich, wie Erhängte aussahen. Vielleicht verscharrten sie sie ja irgendwo da draußen im Garten? Durch die Terrassentür konnte sie den Mond blass durch die Blätter und Zweige der hohen Bäume schimmern sehen. Pia war wie in Trance, bekam nur am Rande mit, was die drei miteinander besprachen.

Sie wirkten beunruhigt. Albrecht bedeutete den anderen, still zu sein. Sie lauschten. Pia hörte sogar das Ticken der Standuhr in der Halle. Ein leichtes Schaben, ein Knacken …

»Los, stellt euch nicht so an«, meinte Isabel nach einer Weile. »Lasst uns anfangen, ich werde langsam müde …«

»Wo wollen wir denn heute schlafen?«, fragte Joe plötzlich, »hier können wir doch nicht …«

»Wer macht es?«, fragte Albrecht und sah in die Runde.

Pia hörte ein leises Knacken und lauschte angestrengt, vor allem, um sich abzulenken.

»Joe ist wieder dran. Los, frag sie, ob sie noch irgendetwas zu sagen hat«, forderte Isabel Joe auf.

»Ich schlafe heute Nacht nicht in diesem Raum«, sagte Joe stattdessen.

Dann war es unverkennbar: Das alte Parkett in der Halle knarrte leise.

»Verflucht noch mal, raus hier!«, zischte Albrecht, der als Erster die Gefahr erkannte. Er machte einen Satz zur Terrassentür und riss sie auf. »Durch den Garten, beeilt euch, die Bullen sind hier!«

Unbeweglich stand Pia auf dem wackeligen Hocker und sah aus den Augenwinkeln, dass Isabel und Joe in der Dunkelheit des Gartens verschwanden. Albrecht, der die Tür aufgehalten hatte, sah noch einmal zu ihr herüber. Er zuckte, als wolle er auch hinauslaufen, doch dann trat er zwei Schritte auf sie zu. Er sah Pia direkt in die Augen, das Gesicht ruhig und ernst.

Der Augenblick, der nur den Bruchteil einer Sekunde dauern konnte, dehnte sich für sie ins Unendliche. Dann verlor sie den Halt unter den Füßen. Pia spürte ungläubig den schmerzhaften Ruck an ihrem Hals. Albrecht hatte den Hocker weggetreten.

»Warum?«, dachte sie. Dann war er da, der Augenblick jenseits aller Möglichkeiten!

28. KAPITEL

Ein Spezialeinsatzkommando hatte die Villa gestürmt. In dem Moment, als Albrecht den Hocker weggetreten hatte und aus dem Gartenzimmer geflohen war, waren zwei SEK-Beamte in den Raum gestürzt. Der eine hatte Pia hochgehoben, um ihren Hals zu entlasten, der andere hatte mit einem Messer das Seil durchtrennt. Pia, die beim Zuziehen der Schlinge durch die Kompression ihrer Halsschlagader bewusstlos geworden war, fiel zu Boden.

Nach Luft ringend und würgend erlangte sie das Bewusstsein wieder. Sie blickte in die Augen eines unbekannten Mannes, der für das, was er hier tat, noch viel zu jung aussah.

Beim Aufsetzen merkte sie, dass ihre Handgelenke noch immer auf dem Rücken zusammengebunden waren. Sie spürte nach ihrem Aufprall einen scharfen Schmerz in der rechten Hand und bemerkte Blut, das warm ihre Finger hinunterlief. Sie hatte sich an einer herumliegenden Glasscherben geschnitten. Der SEK-Beamte, der auf den Couchtisch gestiegen war, um an das Seil über Pias Kopf heranzukommen, hatte Scherben, Kippen, Getränkereste und Dreck über den gesamten Fußboden verteilt. Nicht dass es in diesem Haus einen großen Unterschied gemacht hätte, aber Pias Kleidung roch inzwischen, als hätte sie damit eine Kloake aufgewischt.

Mark Albrecht Lohse, Jens-Olaf Engels und Beate Fischer waren noch im Garten der alten Villa festgenommen worden. Ein bereitstehender Rettungswagen fuhr Pia Korittki ins Krankenhaus.

 

 

 

Pias Halswirbelsäule und ihr Kehlkopf wurden in der Klinik auf eventuelle Verletzungen hin untersucht. Die Ärzte und Schwestern benahmen sich so routiniert, als kämen jeden Tag fast erhängte Patienten zum Durchchecken vorbei, dachte Pia verwundert.

Mit einer stechend riechenden Salbe auf der abgeschürften Haut und einer Kunststoffschiene am Handgelenk saß Pia eine Weile später auf der Untersuchungsliege, als ihr eine der Schwestern ein Telefon in die Hand drückte. »Er ließ sich nicht abwimmeln. Ein gewisser Gabler ist am Telefon. Bitte schön«, sagte sie.

»Korittki.«

Gereizt und müde ließ Pia die Tirade von Fragen, Beschuldigungen und Vorwürfen über sich ergehen. Sie begnügte sich damit, ein paar »Hms« und »Jas« zur Unterhaltung beizusteuern. Mehr gab ihr malträtierter Hals auch nicht her. Außerdem war ihr zu diesem Zeitpunkt sowieso schon alles egal. Gablers Worte gingen ins Leere, wie Wellen, die sich an einem seichten Strand totlaufen. Zum Schluss meinte er: »Sie sind in der Notaufnahme des Krankenhauses, nicht wahr? Lassen Sie sich für die nächste Woche krankschreiben, ich will Sie hier im Büro nicht sehen. Es sei denn, äh, Sie wollen eine kurze Aussage machen. Das werden Sie doch schaffen, oder? Auf jeden Fall war das hier die letzte, die wirklich allerletzte Extratour, die Sie sich in meinem Team erlauben durften. Ist das klar, Frau Korittki?«

»Vollkommen klar. Den nächsten Ausflug nach Disneyland kann ja ein anderer Kollege übernehmen«, antwortete sie müde.

»Danke. Ich bin froh, dass wir diese Typen endlich zu fassen bekommen haben. Bis später dann …«, hörte sie Gabler zu ihrer Überraschung noch sagen. Pia legte das Telefon behutsam neben sich auf die Liege, nahm es nach einem Moment des Zögerns dann wieder auf.

»Ich kann doch gleich nach Hause fahren?«, wandte sie sich an die Ärztin, die gerade eine Spritze aufzog und mit dem Fingernagel dagegen schnippte.

Diese zuckte die Schultern. »Aber nur auf eigenes Risiko. Eigentlich habe ich schon ein Bett auf Station für Sie reservieren lassen.«

»Mir ging es nie besser. Ich muss aber noch einmal telefonieren.«

»Bitte …«

Wenn sie jetzt nach Hause kommen wollte, musste sie sich Hilfe organisieren. Pia wusste jedoch nicht, wen sie anrufen sollte. Jetzt, zu so später Stunde, auf der Hochzeitsfeier anzurufen und Nele oder gar ihre Mutter zu verlangen, war undenkbar. Auch ihre Kollegen kamen nicht in Betracht, und Robert schon gar nicht!

Nach kurzem Zögern wählte sie Susanne Herbolds Nummer. Sie besaß einen Wohnungsschlüssel zu Pias Wohnung und vor allem die notwendige Bestimmtheit zu handeln, ohne viele Fragen zu stellen. Da Susanne ihren Sohn mitten in der Nacht nicht allein lassen wollte, schickte sie kurz entschlossen ein Taxi mit ein paar neuen Klamotten für Pia und dem Auftrag, sie unverzüglich nach Hause zu bringen.

Nachdem Pia eine weitere Spritze und eine Schachtel Schmerztabletten empfangen und ihre Entlassungspapiere unterschrieben hatte, saß sie im Krankenhauskittel mit baumelnden Beinen auf der Liege und wartete. Neben ihr lag eine Plastiktüte, die ihre stinkenden Kleidungsstücke enthielt. Ihre Papiere und Schlüssel, ihr Handy, all das musste sich noch in der Villa befinden.

Pia dachte an die Rennerei, die nötig sein würde, das alles wiederzubekommen. Sie seufzte. Sie fühlte sich plötzlich so unfähig und schwach, dass sie versucht war, sich doch auf die Station verfrachten zu lassen und sich ein Schlafmittel geben zu lassen. Nur nicht mehr nachdenken müssen …

Wenn es darauf ankommt, bin ich allein, dachte sie düster. Und daran bin ich selbst Schuld. Verdammtes Selbstmitleid! Das war der typische Tunnelblick, den Menschen nach traumatischen Erlebnissen oft bekamen, analysierte sie sich selbst. Beinahe musste sie über sich und die groteske Situation, in der sie sich befand, lächeln. Sie hatte wider Erwarten überlebt. Wozu sollte das gut sein, wenn sie nicht die Verantwortung für ihr Leben übernahm?

Pia griff erneut nach dem Telefon und wählte eine Nummer. Nach längerem Freizeichen schaltete sich ein Anrufbeantworter an. Die Ansage informierte Pia darüber, dass Marten Unruh zurzeit nicht zu Hause sei, sie aber eine Nachricht auf Band für ihn hinterlassen könne …

Sie räusperte sich: »Hier ist Pia. Ich weiß nicht, ob du es schon gehört hast. Wir haben sie, es waren drei. Sie sind heute Nacht verhaftet worden. Ich bin jetzt noch im Krankenhaus, fahre aber gleich nach Hause. Es ist jetzt zehn Minuten nach drei Uhr. Sonntagmorgen, ja ich glaube, heute ist Sonntag …«

Sie legte das Telefon wieder zur Seite. Kurz darauf meldete sich ein müde aussehender Taxifahrer mit ihren Sachen und brachte sie nach Hause.

 

 

 

Nach einer kurzen Fahrt durch die Nacht stand Pia in Susanne Herbolds Küche. Sie dankte ihr für die Hilfe, bestand aber darauf, gleich nach oben in ihre Wohnung zu gehen. Sie wollte in ihren eigenen vier Wänden sein, wenn die Erinnerungen an die vergangenen Stunden mit Gewalt über sie hereinbrechen würden.

Auch Susannes Angebot, noch eine Weile bei ihr oben zu bleiben, lehnte Pia ab. Was immer sie ihr im Krankenhaus an Medikamenten gegeben hatten, es schien jetzt zu wirken. Sie fühlte keinen Schmerz, keine Angst. Nur dumpfe Verlegenheit.

Oben in ihrer Wohnung öffnete Pia ihr Atelierfenster und sah hinaus auf die Dächer der schlafenden Stadt. Die Luft war kühl und roch nach Laub, Abgasen und ein bisschen nach Meer …

Vergeblich wartete sie auf das euphorische Gefühl, überlebt zu haben. Es war verdammt knapp gewesen. Einen winzigen Augenblick später wäre sie in ein tiefes Nichts gefallen, das wusste sie. Für dieses Nichts gab es nicht einmal eine Farbe. Alles Schwarz aus ihren Farbtuben reichte nicht aus, um diesen Abgrund darzustellen. Kein Licht am Ende des Tunnels, nur Finsternis …

Pia zitterte. Als es an der Tür klopfte, schrie sie reflexartig auf. Ihr Hals kommentierte diese Unachtsamkeit mit einem scharfen, kurzen Schmerz.

Im Türrahmen stand Marten Unruh. Pia, der nicht nach Lächeln oder Konversation zumute war, ließ ihn wortlos eintreten. Er sah sich neugierig um. Pia wurde klar, dass Marten Unruh noch nie zuvor in ihrer Wohnung gewesen war. Er trat ans offene Fenster. Dann ging er zur Staffelei, wo er wortlos das unfertige Bild betrachtete: Wörnsens Grab. Anschließend warf er einen kurzen Blick in ihre Küche …

»Das Klo und das Schlafzimmer befinden sich links von mir. Mehr Räume habe ich nicht«, bemerkte Pia zynisch.

Was hatte sie eigentlich erwartet? Tränenreiche Wiedersehensfreude, gestammelte Worte der Dankbarkeit, dass sie noch am Leben war?

Marten sagte immer noch nichts.

Pia erkannte mit einem Anflug von Klarsichtigkeit, dass die Vorstellung von Marten Unruh hundertmal besser gewesen war als seine Gegenwart. Was sollte sie nun mit ihm anfangen?

»Gabler hat mich angerufen«, sagte er endlich, »er scheint direkt stolz auf dich zu sein. So mitteilsam habe ich ihn lange nicht mehr erlebt. Wahrscheinlich wirst du vor der Zeit befördert werden.«

»Das interessiert mich jetzt gerade weniger.«

»Ja? Ich dachte, das wäre es, worauf du aus bist. Weiterzukommen …«

Was war denn das für eine Unterhaltung? Sie hätte ihn am liebsten geschüttelt, so ungerührt, wie er dort stand und über ihre Karriereaussichten schwafelte.

»Merkst du noch was, Marten? Es ist besser, wenn du wieder gehst. Entschuldige, dass ich dich mitten in der Nacht angerufen habe. Ich werde allein damit fertig.«

»Hast du was zu trinken da?«

Auch eine Methode, auf einen Rausschmiss zu reagieren.

»Im Kühlschrank müsste noch Bier stehen und Wasser. Nimm dir, was du willst, und geh!«

»Warum hast du mich angerufen?«

Pia fuhr sich mit den Händen durchs Haar. »Keine Ahnung. Ich stand unter Schock.«

Er schien jetzt tatsächlich gehen zu wollen. Pia war erleichtert, aber gleichzeitig bemerkte sie, dass sie enttäuscht war. Sie bräuchten doch beide nur einen winzigen Schritt aufeinander zuzugehen, nur eine Hand auszustrecken. Oder aber er ging, und die Verbindung wäre gekappt. Aus und vorbei für alle Zeit.

»Haben sie dich wirklich aufgehängt?«, fragte er zusammenhanglos. Er starrte auf ihren Hals. Pia fasste sich impulsiv dorthin, wo das Seil ihre Haut verletzt hatte. Die Erinnerung war sofort wieder abrufbar: der harte Ruck am Hals, das Gefühl, ins Bodenlose zu fallen.

»Er hat mir direkt in die Augen gesehen«, sagte sie. An Martens Gesichtsausdruck erkannte sie, dass er ihr nicht folgen konnte. Sie versuchte, es zu erklären. »Dieser Albrecht, also Mark Lohse, hat mir in die Augen gesehen und dann den Hocker weggetreten. Es war unnötig. Das Spiel war sowieso schon aus. Das muss er doch gewusst haben.«

»Es gibt Menschen, denen es Spaß macht zu töten.«

»Es war vollkommen unnötig. Das Spiel war vorbei …«, beharrte Pia. Wie konnte es ihm Spaß gemacht haben? Mark Lohse hatte in ihrem Büro gesessen, sie hatten miteinander geredet. Ebenso an der Bar im Sub … Sie hatte ihm doch nichts getan! Marten sah sie abwartend an, konnte ihre Gedankengänge nicht nachvollziehen. Wie auch? Hatte er dort an dem Haken gehangen? Sie wurde wütend.

»Hast du Gerlach von uns erzählt?«, platzte es aus ihr heraus, noch ehe sie richtig nachgedacht hatte. War es das, was ihr die ganze Zeit in Martens Gegenwart im Kopf herumging? Sein Verrat? Das war doch jetzt so etwas von egal.

»Wie kommst du denn darauf?«

»Er hat so eine Andeutung mir gegenüber gemacht. An dem Abend, als wir zusammen in der Cubango-Bar waren. Was hast du ihm erzählt?«

»Nichts. Warum sollte ich?«

»Sag die Wahrheit!«

Das war jetzt Zweite-Klasse-Niveau. Marten sah sie erstaunt an. Anstatt ihr zu antworten, verzog er sich in die Küche. Pia schleppte sich zurück ins Wohnzimmer und ließ sich auf das Sofa fallen. Konnte diese Nacht nicht einfach zu Ende sein?

Sie hörte ihn nebenan herumhantieren. Er kam mit zwei Flaschen Bier in der Hand zu ihr zurück. Überdruss und auch Ratlosigkeit waren ihm ins Gesicht geschrieben. Er hockte sich zu ihr vor das Sofa.

»Tut mir Leid, wenn Gerlach irgendwelchen Unsinn gequatscht hat. Deswegen warst du also die letzten Tage so angenervt. Ich habe ihm nichts über uns erzählt. Glaub mir, oder glaub mir nicht. Es ist die Wahrheit.«

Schön, dass er auch mal in der zweiten Klasse gewesen war. Pia öffnete ihre Flasche mit einem leisen »Plopp« und trank einen Schluck.

»Es spielt keine Rolle. Ehrlich gesagt ist es mir jetzt vollkommen gleichgültig, was geredet wird.«

»Die können dich längst alle gut leiden, Korittki.«

»Bis auf Broders.«

»Den muss man sowieso nehmen, wie er eben ist.«

Pia begann, sich etwas zu entspannen. »Weißt du, was komisch ist? Ich habe mir die ganzen letzten Wochen Gedanken über meinen Ruf gemacht, und jetzt hätte es beinahe nur noch einen Nachruf gegeben.«

»Denk nicht daran.«

»Doch, ich will darüber nachdenken. Glaubst du, dass nach dem Tod noch etwas kommt?«

»Nein.«

»Ich war so nah dran, dass ich jetzt beinahe Gewissheit gehabt hätte«, sagte sie und merkte, dass ihr auf einmal eine Träne über die Wange lief. Die Kunststoffschiene an ihrem Handgelenk kratzte über ihre Haut, als sie sie wegwischen wollte.

»Wie ist das passiert?«, fragte er und nahm ihre Hand in seine. Marten schien froh zu sein, das Thema wechseln zu können.

»Ich muss draufgefallen sein, als sie mich losgeschnitten haben. Meine Handgelenke waren mit Tape zusammengeklebt, deshalb konnte ich mich nicht abfangen.«

»Weißt du, dass das SEK-Team innerhalb einer halben Stunde aus Eutin angerückt ist?«

»Ich konnte mich noch nicht mal bei den Leuten bedanken, die mir das Leben gerettet haben.«

Marten nahm ihr Gesicht in seine Hände. »Wir sind alle aufeinander angewiesen. Das weiß man, wenn man unserem Verein beitritt.«

»Ach ja? Jetzt brauche ich aber dich«, sagte Pia und lächelte. Sie wunderte sich, dass es so einfach war. Der erste Kuss löste einen Wärmestrahl aus, der ihr vom Mund durch den ganzen Körper fuhr. Sie zog ihn an sich und fuhr mit den Händen unter sein T-Shirt. Was für eine einfache und zugleich wunderbare Freude, die warme Haut eines Menschen zu fühlen. Martens Gegenwart war doch tausendmal besser als die blasse Vorstellung von ihm.

Sie schafften es gerade noch vom Sofa in Pias Schlafzimmer. Als sie auf ihrem Bett lag, dachte Pia einen kurzen Moment lang an Roberts Warnung. Und dann daran, wie lächerlich das alles war. Jedenfalls in Anbetracht der Ungewissheit menschlicher Existenz …

29. KAPITEL

Nachdem Pia am Sonntag im Kommissariat ausführlich über die Ereignisse im Sub und im Haus von Mark Albrecht Lohse berichtet hatte, wurde sie von Kriminalrat Gabler unverzüglich nach Hause geschickt. Vor Anfang übernächster Woche solle sie sich ja nicht wieder im Polizeibehördenhaus blicken lassen, meinte er zum Abschied.

Pia nutzte noch kurz die Gelegenheit, um sich bei Oswald Heidmüller, der ebenfalls anwesend war, für seinen unverzüglichen Einsatz bei der Suche nach ihr zu bedanken. Dann fuhr sie zurück in ihre Wohnung.

Sie hatte es, das wurde ihr auf dem Rückweg klar, sowieso nicht besonders eilig, ihren Platz im Kommissariat wieder einzunehmen. Die Zeit der Krankschreibung konnte sie gut nutzen, um sich über ein paar Dinge, ihre Zukunft betreffend, klar zu werden.

Wollte sie überhaupt wieder als Kriminalkommissarin arbeiten? War das Leben nicht zu kurz, als dass man es für das bisschen Kohle und die Jagd nach Gerechtigkeit aufs Spiel setzen sollte? War sie überhaupt geeignet für diesen Job, in dem man Impulsivität und eine gewisse Naivität gleich zu Hause lassen konnte? Wenn sie es nicht fertig gebracht hatte, einen Gegner auszuschalten, bevor dieser sie selbst ausschaltete, dann war sie wahrscheinlich eine Gefahr für sich und alle Kollegen, die mit hineinzogen wurden.

Die Gedanken kreisten so aufdringlich in ihrem Kopf herum, dass Pia sich nicht mehr daran erinnern konnte, wie sie nach Hause gefahren war, als sie in ihrer Straße den Zündschlüssel umdrehte und ausstieg.

Zu ihrer Überraschung war Marten Unruh noch bei ihr in der Wohnung. Bei Pias hastigem Aufbruch vor zwei Stunden hatten sie kaum ein Wort miteinander gewechselt. Pia war mit den Gedanken bei ihrer Aussage gewesen. Bei den möglichen Konsequenzen, die ihre Worte für Mark Albrecht Lohse, Beate Fischer und Jens-Olaf Engels haben würden …

Nun stand Unruh in ihrer Küche und war damit beschäftigt, ein zweites Frühstück vorzubereiten, nicht ahnend, dass Pia den Geruch gekochter Eier hasste … Die Tür zu dem kleinen Küchenbalkon stand weit offen und ließ die Wärme eines strahlenden Spätsommertages hinein.

Marten und Pia verbrachten fast die ganze folgende Woche zusammen. Pia wunderte sich insgeheim, wie das möglich war. Warum er nicht arbeiten musste oder ob er sich Urlaub genommen hatte? Sie fragte ihn nicht, sie nahm es einfach als gegeben hin. Es gab genug andere Fragen, die weit wichtiger waren als das.

Am dritten Tag begann Pia zu reden. Sie redete über ihre Zweifel und Ängste, ihre Zukunft bei der Polizei oder auch nicht. Dann über die Alternativen, die sie in Betracht zog oder auch nicht. Er hörte zu, er machte Einwände, er stellte Fragen. Und nachts, wenn sie aus Träumen aufschreckte, die ihr die Luft abschnürten, die den durchlebten Alptraum bis in die Groteske verzerrten und sie schwitzend und zitternd zugleich aufwachen ließen, hielt er sie fest.

Wenn Pia mal kurze Zeit allein war, fuhr sie mit ihrem Fahrrad durch die Straßen, sortierte und betrachtete ihre Bilder oder stand einfach nur am Fenster und sah über die Dächer der Stadt.

Sie hatte Angst, jemals wieder in eine Situation zu kommen wie die in dem Haus von Mark Albrecht Lohse. Jemals wieder einem Menschen zu begegnen, der ihr in die Augen sehen und sie dann töten wollte, einfach so. Aber sie wusste auch, wie wichtig ihr Beruf ihr war …

Sollte sie all ihre Pläne und Chancen aufgeben, weil sie zufällig an drei Verrückte geraten war, die sich mit Kokain und Alkohol um den Verstand gebracht hatten?

Letzten Endes gab es keine befriedigenden Antworten auf ihre Fragen. Nur neue Fragen …

Am folgenden Sonntagabend fuhr Marten in seine eigene Wohnung zurück. Pia nahm es mit leiser Wehmut, aber auch mit einer gewissen Erleichterung zur Kenntnis. Sie werde die richtige Entscheidung treffen, sagte er, als er ging. Natürlich würde sie das. Sie hatte sich im Grunde schon entschieden.

 

 

 

Als Pia Korittki in der nächsten Woche wieder an ihrem Schreibtisch saß, türmte sich unerledigte Arbeit vor ihr auf. Jemanden nach Hause zu schicken war die eine, seine Arbeit umzuorganisieren eine andere Geschichte. Pia kam gar nicht erst zum Nachdenken oder Luft holen. Sie war sofort wieder in ihrem alten Trott. Ein Ereignis löste das nächste ab, und die Erinnerung an den durchlebten Schrecken verblasste bereits. Am Morgen nach ihrer Wiederkehr war im gesamten Kommissariat Hochstimmung, weil der Taxiräuber endlich gefasst worden war. Pia freute sich für die Kollegen, aber sie war noch nicht in Stimmung mitzufeiern.

Dass Marten Unruh fehlte, bemerkte sie erst am Dienstagabend. Pia ging in sein Büro, um seinem Zimmerkollegen Gerlach eine Akte zu bringen. Unruhs Schreibtisch war leer geräumt bis hin zu der voll gekritzelten Schreibunterlage, die immer auf der grauen Fläche gelegen hatte. Pia stutzte.

»Wo ist Marten? Ist er noch im Urlaub?«, fragte sie Gerlach erstaunt.

»Hat es dir niemand gesagt?«

»Was denn?«

»Er hat geschmissen. Er hört auf.«

»Nein!«

»Letzte Woche war es endgültig entschieden. Gabler hat irgendwann nachgegeben. Er kommt nicht wieder, Pia.«

»Warum denn?«

»Burkhard Möller ist tot.«

»Das war doch der ehemalige Kollege, der vorzeitig pensioniert worden ist, nicht wahr?«

Pia erinnerte sich, dass da vor drei Wochen etwas gewesen war. Ein Kollege, den sie nie kennen gelernt hatte, war gestorben. Viele aus der Abteilung waren bei der Trauerfeier gewesen, auch Marten Unruh. Er hatte ihr die Geschichte von Möller und sich selbst damals in Grevendorf erzählt. Es schien Ewigkeiten her zu sein.

Burkhard Möller war durch eine Fehleinschätzung Martens im Einsatz schwer verletzt worden. Er hatte danach auf Grund der erlittenen Verletzungen nicht wieder arbeiten können. Martens Versuche, sich nach ihm zu erkundigen oder Kontakt aufzunehmen, hatte Möller abgewiesen.

Gerlach berichtete Pia, dass Möller an einer Überdosis seiner eigenen Medikamente gestorben war. Schmerzmittel hauptsächlich und Psychopharmaka. Niemand hatte mit Sicherheit sagen können, ob es ein tödliches Versehen oder Selbstmord gewesen war. Was Marten darüber dachte, wurde Pia nun klar.

»Kennst du die Geschichte? Marten wollte nie darüber reden. Ich glaube, er dachte schon länger daran aufzuhören. Burkhard Möllers Tod ist nur der Auslöser gewesen.«

»Was will er denn tun?«

»Marten? Frag mich etwas Leichteres …«

Das Licht im Büro verdüsterte sich schlagartig. Pia setzte sich auf Martens alten Bürostuhl und starrte nach draußen. Das erklärte einiges, wenn auch nicht alles …

»So ein bescheuerter, verdammter Mistkerl!«, entfuhr es ihr. Gerlach runzelte die Stirn.

»Tut mir Leid, dass du es so erfährst. Wir anderen wissen es bereits seit letzter Woche.«

»Es ändert sowieso nichts mehr …«, meinte Pia und stand langsam wieder auf. Sie wollte Gerlach nicht gegenübersitzen, während sie darüber nachdachte. Sie verließ unter seinem bedauernden Blick den Raum. Am liebsten wäre sie eine Zeit lang allein gewesen, aber Heidmüller saß in Arbeit vertieft an seinem Computer. Pia verkroch sich hinter ihren Bildschirm, um sich ihre Bestürzung und Verwirrung nicht anmerken zu lassen.

Ohne recht zu wissen, was sie tat, ging sie in das Programm, mit dem sie ihre E-Mails abrufen konnte.

Marten Unruh gehörte nicht mehr zum Team des Kommissariats 1. Nur langsam sickerte die Erkenntnis durch, dass er ihr seine Pläne die ganze Woche über bewusst verschwiegen haben musste. Zum zweiten Mal fühlte sie sich von ihm verraten.

Sie hatte mehrere neue Nachrichten in ihrem Posteingang. Unter anderem eine von dem Kollegen Rist aus Flensburg, der zu der abgeschlossenen Ermittlung gratulierte und versicherte, wieder vollständig hergestellt zu sein. Na prima! Schließlich öffnete Pia die zuletzt eingegangene E-Mail mit unbekanntem Absender und las. Sie las die Worte zweimal, dreimal, bevor sie sie begriff.

»Das kann nicht sein«, flüsterte sie. Durch ihr leises Keuchen wurde Heidmüller aufmerksam.

»Hast du was?«

»Ossie, komm doch bitte mal her«, sagte sie aufgewühlt, »ich verstehe nicht, wie die hierher gelangen konnte!«

»Schlechte Neuigkeiten?«

»Ich muss wissen, wer das hier geschrieben hat und von welchem Rechner aus es versendet wurde. Kannst du das zurückverfolgen?«

Heidmüller nickte. Er trat hinter sie und las. Die elektronische Nachricht bestand aus Wörtern, die nur vor dem Hintergrund des Geschehenen eine Art Sinn ergaben. Worte, die besser sinnlos geblieben wären.

 

 

 

+ Pia Korittki + Beim nächsten Mal hast du vielleicht weniger Glück!

NACHWORT:

Alle Personen dieses Romans und die Handlung sind frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind zufällig und nicht von mir beabsichtigt. Die wunderschöne Stadt Lübeck und viele von mir beschriebene Orte gibt es natürlich wirklich. Auch die Engelsgrube, deren Name nichts mit irgendwelchen himmlischen Wesen zu tun hat, sondern mit den Englandfahrern, die einst im Hafen unterhalb der Straße ihre Handelsschiffe be- und entladen haben.

Ich bedanke mich bei all jenen, die mir bei dem Projekt »Engelsgrube« geholfen haben: Bei meinem Mann Hans-Christian und meiner Familie, die mich in jeder Hinsicht unterstützt und motiviert haben. Meine Freundin Britta Langsdorff hat zum zweiten Mal eine Rohfassung gelesen und mir mit ihrer Kritik und ihrem juristischen Fachwissen weitergeholfen. Kriminalkommissarin Astrid Jönck sowie Mitarbeiter der Kriminalpolizei in Lübeck und in Kiel haben mir geduldig und fachkundig meine Fragen zur Arbeit der Kriminalpolizei beantwortet. Die Aidshilfe in Kiel hat mir Informationsmaterial über die Frühtherapie bei HIV-Infektionen zur Verfügung gestellt. Doris Schütz von der Lübecker Tourist-Service GmbH und Judith Weller vom Presseamt haben mich mit Informationen über das Lübecker Altstadtfest und den Adlersaal im alten Kanzleigebäude unterstützt. Sandra Kess hat mir Einblick in die Arbeit einer PR-Agentur gegeben. Ein besonders herzliches Dankeschön gilt auch meiner engagierten Lektorin Karin Schmidt.

Und ich bedanke mich bei Christian, der mir während seines Aufenthaltes in der Uniklinik Kiel meine Fragen zu Kokain beantwortet hat.