J.R.R. TOLKIEN

DER FALL

VON GONDOLIN

Herausgegeben von Christopher Tolkien

Illustrationen von Alan Lee

Aus dem Englischen

von Helmut W. Pesch





KLETT-COTTA





Impressum


Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung

und Verarbeitung in elektronischen Systemen.



»Der Fall von Gondolin« aus Das Buch der Verschollenen Geschichten, Teil 2

und »Von Tuor und seiner Ankunft in Gondolin« aus Nachrichten aus Mittelerde werden wiedergegeben nach der Übersetzung von Hans J. Schütz.



Hobbit Presse

www.hobbitpresse.de

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

»The Fall of Gondolin« im Verlag HarperCollins Publishers, London 2018



Für alle Texte und Materialien von J.R.R. Tolkien © The Tolkien Estate Limited 2018

www.tolkienestate.com

Vorwort, Anmerkungen und alle weitere Materialien © C.R. Tolkien 2018

Illustrationen © Alan Lee 2018



®, Tolkien® und The Fall of Gondolin® sind eingetragene Markenzeichen

von The J.R.R. Tolkien Estate Limited



Für die deutsche Ausgabe

© 2018 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: © Birgit Gitschier, Augsburg

unter Verwendung der Daten vom Originalverlag

Cover-Illustration © Alan Lee 2018; Layout © HarperCollins Publishers Ltd 2018

Datenkonvertierung: Dörlemann Satz, Lemförde

Printausgabe: ISBN 978-3-608-96378-6

E-Book: ISBN 978-3-608-11511-6

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.





Inhalt


Liste der Abbildungen

Vorwort

Prolog


DER FALL VON GONDOLIN Die ursprüngliche Geschichte

Der früheste Text

Turlin und die Verbannten von Gondolin

Die Geschichte in der Fassung der Skizze der Mythologie

Die Geschichte in der Fassung der Quenta Noldorinwa

Die letzte Fassung

Die Entwicklung der Geschichte

Der Schluss

Der Schluss der Skizze der Mythologie

Der Schluss der Quenta Noldorinwa





Anhang Verzeichnis der Namen

Weitere Anmerkungen

Stammbäume

Karte

Tafeln





Für meine Familie





Liste der Abbildungen





Farbtafeln




Schwanenhafen

›Sie versuchen, die Schwanenschiffe in Schwanenhafen zu besetzen, und es kommt zu einem Kampf‹.

Turgon verstärkt die Wache

›Er gebot, die Wachen an allen Stellen zu verdreifachen‹.

Der Turm des Königs stürzt ein

›Der Turm fing Feuer, und in einer Stichflamme brach er zusammen‹.

Glorfindel und der Balrog

›Der Balrog sprang mit einem mächtigen Satz auf ein paar hohe Felsen‹.

Die Regenbogenspalte

›Ein unterirdischer Flusslauf, der aus Mithrim in eine tiefe Kluft führte und schließlich in das Westmeer mündete‹.

Berg Taras

›Eine Kette mächtiger Hügel, die ihm den Weg versperrten. Sie verlief in westlicher Richtung und endete in einem hohen Berg‹.

Ulmo erscheint vor Tuor

›Dann krachte der Donner, Blitze zuckten über dem Meer‹.

Orfalch Echor

›Tuor sah, dass der Weg durch eine große Mauer versperrt war, die quer durch die Schlucht verlief‹.





Illustrationen




Tuor schlägt einen Ton auf der Harfe an

Tuor steigt zum verborgenen Fluss hinab

Isfin und Eol

Mithrimsee

Die Berge und das Meer

Adler über den Umzingelnden Bergen

Das Delta des Sirion

Geschnitzte Galionsfigur von Glorfindel vor Elbenschiffen

Rían durchsucht den Hügel der Erschlagenen

Der Eingang zum Haus des Königs

Tuor folgt den Schwänen nach Vinyamar

Gondolin im Schnee

Der Palast Ecthelions

Elwing empfängt die Überlebenden von Gondolin

Earendels Wahrzeichen über dem Meer

Am Ende des Buches sind Stammbäume der Fürsten der Noldor und des Hauses Beor enthalten, außerdem ist eine Karte eingelegt.





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Vorwort




In meinem Vorwort zu Beren und Lúthien bemerkte ich, dass dies in meinem dreiundneunzigsten Lebensjahr »(vermutlich) mein letztes Buch in der langen Reihe von Editionen der Schriften meines Vaters« sei. Ich benutzte das Wort »vermutlich«, weil ich damals vage daran dachte, die dritte der »Großen Geschichten« meines Vaters, Der Fall von Gondolin, genauso zu behandeln wie Beren und Lúthien. Aber ich hielt das für sehr unwahrscheinlich und ging daher davon aus, dass Beren und Lúthien das letzte Buch sein würde. Die Vermutung erwies sich jedoch als falsch, und ich muss jetzt sagen, dass in meinem vierundneunzigsten Jahr Der Fall von Gondolin (sicherlich) das letzte sein wird.

In diesem Buch erfährt man aus der komplexen Darstellung vieler Stränge in verschiedenen Texten, wie sich Mittelerde auf das Ende des Ersten Zeitalters zubewegte und wie sich die Vorstellung meines Vaters von dieser Geschichte, die er sich erdacht hatte, über lange Jahre entfaltete, bis sie schließlich, zur ausgereiften Form gelangt, Schiffbruch erlitt.

Die Geschichte von Mittelerde in den Ältesten Tagen war ein sich stets veränderndes Gebilde. Meine History of Middle-earth, so lang und komplex sie auch ist, verdankt ihre Länge und Komplexität diesem endlosen Emporquellen neuer Darstellungen, neuer Motive, neuer Namen und vor allem neuer Assoziationen. Mein Vater, als ihr Schöpfer, denkt über die große Geschichte nach, und während er schreibt, wird er sich eines neuen Elements bewusst, das in die Geschichte eingegangen ist. Ich will dies an einem sehr kurzen, aber signifikanten Beispiel verdeutlichen, das für viele stehen mag.

Ein wesentliches Merkmal der Geschichte des Falls von Gondolin war die Reise, die der Mensch Tuor mit seinem Begleiter Voronwë unternahm, um die verborgene Elbenstadt Gondolin zu finden. Mein Vater erwähnt dies ganz kurz in der ursprünglichen Geschichte, ohne ein nennenswertes, ja überhaupt irgendein Ereignis; aber in der Endfassung, in der die Reise viel weiter ausgearbeitet ist, hören sie eines Morgens in der Wildnis einen Schrei im Wald. Man könnte fast sagen, er hörte plötzlich und unerwartet einen Schrei im Wald.1 Ein großer Mann in schwarzer Kleidung und mit einem langen schwarzen Schwert kommt auf sie zu und ruft einen Namen, als ob er nach jemandem suchen würde. Aber ohne sie anzusprechen, geht er an ihnen vorbei.

Tuor und Voronwë waren nicht in der Lage, diesen ungewöhnlichen Anblick zu erklären; aber der Schöpfer der Geschichte weiß sehr gut, wer dieser Mann war. Er war niemand anders als der berühmte Túrin Turambar, Tuors Vetter ersten Grades, der aus der untergehenden Stadt Nargothrond floh – wovon Tuor und Voronwë nichts wussten. Hier spürt man den Hauch einer der großen Geschichten aus Mittelerde. Túrins Flucht aus Nargothrond wird in Die Kinder Húrins beschrieben (siehe dort, S. 193f.), aber ohne Erwähnung dieses Treffens, das keinem dieser beiden Helden bewusst war und sich nie wiederholte.

Die Verwandlungen, die im Laufe der Zeit stattgefunden haben, lassen sich besonders gut an der Darstellung des Gottes Ulmo veranschaulichen: In der ersten Fassung der Geschichte sitzt er im Schilf und musiziert in der Dämmerung am Fluss Sirion. Viele Jahre später wird er dann beschrieben, wie er sich als Herr aller Gewässer der Welt in einem großen Sturm aus dem Meer bei Vinyamar erhebt. Ulmo steht tatsächlich im Zentrum des großen Mythos. Auch wenn die Mächte von Valinor ihn alleinlassen und sich ihm sogar weitgehend widersetzen, erreicht der große Gott auf mysteriöse Weise sein Ziel.

Wenn ich auf meine Arbeit zurückblicke, die nun nach etwa vierzig Jahren abgeschlossen ist, glaube ich, dass mein eigentliches Ziel zumindest teilweise darin bestand, dem Wesen des »Silmarillion« und seiner fundamentalen Bedeutung in Bezug auf den Herr der Ringe mehr Gewicht zu verleihen – und es eher als das Erste Zeitalter der Welt meines Vaters zu betrachten, die Mittelerde und Valinor umfasst.

Zwar gibt es Das Silmarillion, das ich 1977 veröffentlichte, aber es wurde zusammengestellt – man könnte sogar sagen, konstruiert – als erzählerischer Hintergrund für den Herr der Ringe, und das viele Jahre später. Es mag daher in gewisser Weise als Monolith erscheinen, ein großes Werk in einem erhabenen Stil, angeblich aus einer sehr fernen Vergangenheit stammend, mit wenig von der Kraft und Unmittelbarkeit des Herr der Ringe. Das war wohl unausweichlich, angesichts der Form, in die ich es gebracht habe, denn die Erzählung des Ersten Zeitalters war von einer radikal anderen literarischen und imaginativen Natur. Dennoch wusste ich, dass mein Vater lange zuvor, als Der Herr der Ringe fertig, aber noch nicht erschienen war, den tiefen Wunsch und die Überzeugung geäußert hatte, dass das Erste und das Dritte Zeitalter (in dem Der Herr der Ringe spielt) als Elemente oder Teile desselben Werkes behandelt und veröffentlicht werden sollten.

Im Kapitel »Die Entwicklung der Geschichte« gebe ich Teile eines langen und sehr aufschlussreichen Briefes wieder, den er im Februar 1950, kurz nachdem die eigentliche Niederschrift von Der Herr der Ringe ihr Ende erreicht hatte, an seinen Verleger, Sir Stanley Unwin, schrieb und in dem er seinen Gedanken zu diesem Thema Ausdruck gab. Damals porträtierte er sich selbstironisch als entsetzt, als er über dieses unhandliche »Monstrum« von etwa 600 000 Wörtern nachdachte – umso mehr, als der Verlag erwartete, was er erbeten hatte, eine Fortsetzung des Hobbit, während dieses neue Buch, wie er sagte, in Wirklichkeit eine Fortsetzung zum Silmarillion war.

Er hat seine Meinung nie geändert. Er betrachtete sogar, wie er schrieb, Das Silmarillion und Der Herr der Ringe als »eine einzige lange Saga von den Juwelen und den Ringen«. Aus diesem Grund war er gegen die getrennte Veröffentlichung beider Werke. Aber am Ende gab er sich geschlagen, wie man im Kapitel »Die Entwicklung der Geschichte« sehen wird, und erkannte, dass es hoffnungslos war, diesem Wunschtraum weiter nachzuhängen, und stimmte der Veröffentlichung von Der Herr der Ringe als Einzelwerk zu.

Nach der Veröffentlichung des Silmarillion wandte ich mich einer jahrelangen Untersuchung des gesamten Konvoluts von Manuskripten zu, das er mir hinterlassen hatte. In der History of Middle-earth beschränkte ich mich als allgemeines Prinzip darauf, »die Pferde im Gespann zu treiben«, das heißt, nicht einer Geschichte um die andere durch die Jahre auf ihren eigenen Wegen zu folgen, sondern dem Verlauf des Ganzen. Wie ich im Vorwort zum ersten Band der History bemerkte:

Der Blickwinkel, unter dem der Autor seine eigene Erfindung betrachtete, veränderte sich ständig; die Welt wurde weitläufiger, größer: nur in Der Hobbit und Der Herr der Ringe gelangten zu Lebzeiten Teile daraus, die abgeschlossen waren, in Druck. Das Studium von Mittelerde und Valinor ist mithin kompliziert, denn der Gegenstand des Studiums blieb nicht gleich; er folgte gewissermaßen der Lebenszeit des Autors, war also nicht die Fixierung eines bestimmten Abschnitts, festgelegt wie ein gedrucktes Buch, das keinem wesentlichen Wandel mehr unterworfen ist.



So liegt es bei der History in der Natur der Sache, dass einzelnen Themen oft nur schwer zu folgen ist. Als die Zeit gekommen war, wie ich mir sagte, endlich diese lange Folge von Editionen abzuschließen, kam es mir in den Sinn, eine andere Vorgehensweise zu versuchen: einer einzelnen Erzählung von ihrer frühesten existierenden Form durch ihre gesamte spätere Entwicklung zu folgen. Das Ergebnis war Beren und Lúthien. In meiner Ausgabe von Die Kinder Húrins habe ich zwar in einem Anhang die wichtigsten Veränderungen der Erzählung in den aufeinanderfolgenden Versionen benannt; aber in Beren und Lúthien habe ich tatsächlich frühere Texte vollständig wiedergegeben, beginnend mit der frühesten Form im Buch der Verschollenen Geschichten. Nun, da es sicher ist, dass das vorliegende Buch das letzte ist, habe ich für Der Fall von Gondolin die gleiche ungewöhnliche Form gewählt.

Bei dieser Darstellungsweise kommen Passagen oder gar ausgereifte Konzeptionen zum Vorschein, die später aufgegeben wurden; so in Beren und Lúthien der imposante, wenn auch kurze Auftritt von Tevildo, dem Katzenfürsten. Der Fall von Gondolin ist in dieser Hinsicht einzigartig. In der Originalversion der Geschichte wird der überwältigende Angriff auf Gondolin mit seinen ungeahnten neuen Waffen so klar und detailliert gesehen, dass sogar die Namen der Plätze in der Stadt, an denen die Gebäude niedergebrannt wurden oder wo berühmte Krieger starben, angegeben werden. In den späteren Versionen sind der Kampf und die Zerstörung auf einen Absatz reduziert.

Dass die Zeitalter von Mittelerde miteinander verbunden sind, kommt am unmittelbarsten durch das Wiederauftreten – als Person und nicht nur als Erinnerung – der Gestalten der Ältesten Tage im Herr der Ringe zum Ausdruck. Wahrlich uralt war der Ent Baumbart; die Ents waren das älteste Volk im Dritten Zeitalter, das überlebt hatte. Als er Meriadoc und Peregrin durch den Wald von Fangorn trug, sang er ihnen vor:

Ich ging durch die Fluren von Tasarinan im Frühling.

Ah! Der Duft und die Farben des Frühlings in Nan-tasarion!



Als Baumbart dieses Lied sang, war es in der Tat sehr lange her, dass Ulmo, der Herr der Wasser, nach Mittelerde kam, um in Tasarinan, dem Land der Weiden, mit Tuor zu sprechen. Desgleichen lesen wir am Ende der Geschichte von Elrond und Elros, den Söhnen von Earendel2, die in einem späteren Zeitalter Herr von Bruchtal und erster König von Númenor werden; hier sind sie sehr jung und werden von einem Sohn Feanors in Schutz genommen.

Als eine Figur, welche die Zeitalter von Mittelerde überspannt, möchte ich exemplarisch Círdan, den Schiffbauer, nennen. Er war der Träger von Narya, dem Ring des Feuers, einem der drei Ringe der Elben, bis er ihn Gandalf übergab; von ihm hieß es, er »blickte weiter und tiefer als jeder andere in Mittelerde«. Im Ersten Zeitalter war er der Herr der Häfen von Brithombar und Eglarest an den Küsten von Beleriand, und als diese von Morgoth nach der Schlacht der Ungezählten Tränen zerstört wurden, floh er mit einem Rest seines Volkes auf die Insel Balar. Dort und an den Sirionmündungen wandte er sich wieder dem Bau von Schiffen zu, und auf Wunsch von König Turgon von Gondolin baute er sieben davon. Diese Schiffe segelten in den Westen, aber von keinem von ihnen kam je wieder eine Nachricht – bis auf das letzte. In diesem Schiff war Voronwe, ausgesandt von Gondolin, der den Schiffbruch überlebte und zum Führer und Begleiter von Tuor auf ihrer Reise zur Verborgenen Stadt wurde.

Gandalf gegenüber erklärte Círdan viel später, als er ihm den Ring des Feuers gab: »Doch was mich betrifft, so hängt mein Herz am Meer, und ich will an den grauen Gestaden bleiben, bis das letzte Schiff Segel setzt.« So tritt Círdan ein letztes Mal am letzten Tag des Dritten Zeitalters in Erscheinung. Als Elrond und Galadriel mit Bilbo und Frodo zu den Toren der Grauen Anfurten ritten, wo Gandalf sie erwartete,

kam Círdan, der Schiffsbauer, heraus, um sie zu begrüßen. Sehr groß war er, und sein Bart war lang, und er war grau und alt, nur seine Augen waren scharf wie Sterne; und er schaute sie an und verneigte sich und sagte: »Alles ist nun bereit.«



Nachdem die Beteiligten Abschied genommen hatten, gingen sie an Bord,

und die Segel wurden gehisst, und der Wind wehte, und langsam glitt das Schiff den langen, grauen Golf hinunter; und das Licht des Glases von Galadriel, das Frodo trug, schimmerte und verschwand. Und das Schiff fuhr hinaus auf die Hohe See und dann in den Westen …



und folgten damit dem Weg Tuors, von dem es heißt, als das Ende des Ersten Zeitalters nahte, fuhr er zusammen mit Idril »in den Sonnenuntergang nach Westen hinaus und verschwand aus den Liedern und Erzählungen«.

In der Geschichte vom Fall von Gondolin kommen in der Folge ihrer Entwicklung viele flüchtige Verweise auf andere Geschichten, andere Orte und andere Zeiten zustande: auf Ereignisse in der Vergangenheit, die Handlungen und Motive in der Jetztzeit der Geschichte bestimmen. Der Impuls, in solchen Fällen eine Erklärung oder zumindest eine gewisse Aufhellung anzubieten, ist stark; aber in Anbetracht der Intention dieses Buches habe ich die Texte nicht mit einer Fülle von Fußnoten versehen. Was ich angestrebt habe, ist, eine gewisse Form von Hilfe zu bieten, die auf Wunsch gern ignoriert werden kann.

Zunächst stelle ich im »Prolog« einen Auszug aus der Skizze der Mythologie meines Vaters von 1926 vor, um ein Bild der Welt von ihren Anfängen bis zu den Ereignissen zu vermitteln, die schließlich zur Gründung von Gondolin führten. Außerdem habe ich das Verzeichnis der Namen in vielen Fällen für Erklärungen genutzt, die viel umfassender sind als eine bloße Namenserklärung; und ich habe nach der Namensliste noch verschiedene Anmerkungen zu sehr unterschiedlichen Themen angefügt, die von der Erschaffung der Welt bis zur Bedeutung des Namens Earendel und der Weissagung des Mandos reichen.

Sehr heikel ist natürlich der Umgang mit Namensänderungen beziehungsweise unterschiedlichen Namensformen. Dieses Problem wird dadurch noch komplexer, dass eine bestimmte Form keineswegs ein zwingender Hinweis auf das Datum der Entstehung ist. Mein Vater konnte die gleiche Änderung in einem Text zu ganz verschiedenen Zeiten vornehmen, wenn er die Notwendigkeit dafür sah. Ich habe nicht auf Einheitlichkeit im ganzen Buch geachtet; das heißt, ich habe mich weder auf eine einzige Form festgelegt, noch bin ich in jedem Fall der im Manuskript gefolgt, sondern habe solche Variationen zugelassen, wie sie mir am besten erschienen. So behalte ich Ylmir bei, wenn es für Ulmo steht, da es sich um ein regelmäßiges Vorkommen sprachlicher Natur handelt, verwende aber immer Thorondor für Thorndor, ›Adlerkönig‹, da mein Vater ganz klar die Absicht hatte, dies zu ändern.

Zu guter Letzt habe ich den Aufbau des Buches anders als bei Beren und Lúthien gestaltet. Die Texte der Geschichte erscheinen zuerst, in Folge und ohne oder mit nur kurzem Kommentar. Ein Bericht über die Entwicklung der Geschichte folgt im Anschluss, mit einer Diskussion über den äußerst betrüblichen Abbruch der letzten Version der Geschichte an dem Punkt, als Tuor durch das letzte Tor von Gondolin schreitet.

Ich will damit schließen, dass ich das wiederhole, was ich vor vierzig Jahren schrieb:

Es bleibt somit die bemerkenswerte Tatsache, dass die einzige vollständige erzählerische Ausarbeitung der Tuor-Geschichte (sein Aufenthalt in Gondolin, seine Ehe mit Idril Celebrindal, die Geburt Earendils, der Verrat Maeglins, die Plünderung der Stadt und das Entkommen der Flüchtlinge), die in seiner Vorstellung vom Ersten Zeitalter einen zentralen Platz einnimmt, bereits in jener Jugenderzählung geleistet wurde.



Gondolin und Nargothrond wurden jeweils einmal geschaffen und kein zweites Mal neu gestaltet. Sie blieben mächtige Quellen und Bilder – umso mächtiger vielleicht, weil sie nie revidiert wurden, und dies vielleicht deswegen, weil sie so mächtig waren.

Obwohl mein Vater sich aufmachte, Gondolin einen neuen Besuch abzustatten, sollte er die Stadt nie mehr erreichen: Nachdem er den endlosen Hang des Orfalch Echor bestiegen und die lange Reihe heraldischer Tore durchquert hatte, hielt er mit Tuor beim Anblick der Stadt in der Ebene an und durchquerte Tumladen nie wieder.

Die Veröffentlichung der Historie der dritten und letzten der »Großen Geschichten« ist für mich die Gelegenheit, ein paar Worte zu Ehren des Werkes von Alan Lee zu schreiben, der alle drei Bücher illustriert hat. Er ist mit einem tiefen Verständnis der inneren Natur der Szenen und Ereignisse, die er aus dem großen Panorama der Ältesten Tage ausgewählt hat, an diese Aufgabe herangegangen. So hat er in Die Kinder Húrins den gefangenen Húrin gesehen und gezeigt, der an einen steinernen Sitz auf den Thangorodrim gekettet dem schrecklichen Fluch Morgoths lauscht. Er hat in Beren und Lúthien die letzten Söhne Fëanors dargestellt, die bewegungslos auf ihren Pferden sitzen und auf den neuen Stern am westlichen Himmel starren, den Silmaril, für den so viele sterben mussten. Und in Der Fall von Gondolin hat er neben Tuor gestanden und mit ihm den Anblick der Verborgenen Stadt bestaunt, für die er so weit gereist ist.

Schließlich bin ich Chris Smith von HarperCollins sehr dankbar für seine außergewöhnliche Hilfe bei der Vorbereitung dieses Buches und seiner Gewissenhaftigkeit, die auf dem Wissen um die Anforderungen einer solchen Veröffentlichung und die besondere Art dieses Buches beruht. Desgleichen meiner Frau Baillie: Ohne ihre unerschütterliche Unterstützung während der langen Zeit, in der das Buch entstanden ist, wäre es nie zustande gekommen. Ich möchte auch all jenen danken, die mir so freundlich geschrieben haben, als es so aussah, als ob Beren und Lúthien mein letztes Werk sein sollte.





Prolog




Zu Beginn möchte ich auf einen Brief meines Vaters aus dem Jahre 1964 zurückgreifen, den ich bereits in der Einleitung zu Beren und Lúthien zitiert habe. Dort berichtet er, dass er die Geschichte vom Fall von Gondolin »›rein aus dem Kopf heraus‹ während eines Krankheitsurlaubs vom Heeresdienst 1917« und die Originalversion von Beren und Lúthien im selben Jahr verfasst habe.

Es gibt einige Zweifel an dem Entstehungsjahr, die sich aus anderen Äußerungen meines Vaters ergeben. In einem Brief vom Juni 1955 heißt es: »Der Fall von Gondolin (und die Geburt Earendils) wurde im Krankenhaus und im Urlaub geschrieben, nachdem ich 1916 die Schlacht an der Somme überlebt hatte«; und in einem Brief an W. H. Auden vom selben Jahr datierte er die Entstehung auf »während eines Krankenurlaubs Ende 1916«. Die erste Erwähnung mir gegenüber findet sich in einem Brief vom 30. April 1944, in dem er mir über seine damaligen Erfahrungen berichtete. »Die ›Geschichte der Gnomen3‹«, schrieb er, »habe ich in Heeresbaracken angefangen, im Gedränge und im Lärm der Grammophone.« Das hört sich nicht nach Krankheit an; aber es kann sein, dass er mit dem Schreiben begann, bevor er vom Dienst beurlaubt wurde.

Sehr wichtig im Zusammenhang mit diesem Buch ist jedoch, was er in seinem Brief an W. H. Auden von 1955 über Der Fall von Gondolin schrieb: Es sei »die erste richtige Geschichte aus dieser imaginären Welt« gewesen.

Seine Vorgehensweise beim Originaltext von Der Fall von Gondolin war anders als bei Die Geschichte von Tinúviel, wo er das erste, mit Bleistift geschriebene Manuskript ausradierte und an dessen Stelle eine neue Fassung schrieb. In diesem Fall hat er zwar auch den ersten Entwurf der Geschichte umfassend überarbeitet, aber anstatt ihn auszuradieren, überschrieb er das mit Bleistift geschriebene Original mit einem überarbeiteten Text in Tinte, was die Vielfalt der Veränderungen im Laufe der Zeit erhöhte. An Stellen, an denen der ursprüngliche Text lesbar ist, kann man erkennen, dass er der ersten Fassung ziemlich genau gefolgt ist.

Auf dieser Grundlage fertigte meine Mutter eine saubere Abschrift an, welche vor allem angesichts der Schwierigkeiten, die der Text in dieser Form bereitet, bemerkenswert genau ist. In der Folge hat mein Vater viele Änderungen an dieser Kopie vorgenommen, keineswegs alle zur gleichen Zeit. Da es nicht Ziel dieses Buches ist, die Komplexitäten der Textentstehung darzulegen, die das Studium seiner Werke fast immer begleiten, folgt der Text, den ich hier wiedergebe, der von meiner Mutter erstellten Fassung, einschließlich der daran vorgenommenen Änderungen.

In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass viele der Änderungen am Originaltext vorgenommen wurden, bevor mein Vater die Geschichte im Frühjahr 1920 dem Essay Club des Exeter College in Oxford vortrug. In seinen einleitenden Worten, mit denen er die Wahl dieser Erzählung anstelle eines Vortrags entschuldigte, erklärte er: »Sie hat natürlich noch nie zuvor das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Seit geraumer Zeit ist in meiner Vorstellung ein kompletter Zyklus von Ereignissen in einer erfundenen Elfenwelt entstanden (besser gesagt: entworfen worden). Einige der Episoden habe ich flüchtig skizziert. Die vorliegende Geschichte ist nicht die beste von ihnen, aber sie ist die einzige, die überhaupt so weit überarbeitet ist, dass ich, so wenig zufriedenstellend die Revision auch war, es wagen kann, sie vorzulesen.«

Der ursprüngliche Titel der Geschichte lautete Tuor und die Verbannten von Gondolin, aber mein Vater nannte sie später immer Der Fall von Gondolin, und ich bin ihm darin gefolgt. Im Manuskript folgen auf den Titel in Klammern die Worte »welches die große Geschichte von Earendel einleitet«. Der Erzähler auf der Einsamen Insel – zur Erzählsituation siehe Beren und Lúthien, S. 34f. – war Winzigherz (Ilfiniol), der Sohn jenes Bronweg (Voronwe), welcher eine wichtige Rolle in der Handlung spielt.

Bevor ich den Text zu Der Fall von Gondolin aus dem Buch der Verschollenen Geschichten wiedergebe, möchte ich hier als Prolog einen Auszug aus einem weiteren Frühwerk meines Vaters voranstellen.

Es liegt in der Natur dieser, der dritten der »Großen Geschichten« der Ältesten Tage, dass der enorme Wandel in der Welt der Götter und Elben, der stattgefunden hatte, sich auf die Erzählung vom Fall von Gondolin unmittelbar auswirken sollte – und tatsächlich ein Teil davon ist. Eine kurze Darstellung dieser Ereignisse erscheint daher notwendig; und anstatt selbst eine zu schreiben, denke ich, ist es besser, die verdichtete und charakteristische Schilderung meines Vaters zu verwenden. Diese findet sich in einem von 1926 datierenden und später überarbeiteten Text mit dem Titel Eine Skizze der Mythologie – in Folgenden auch kurz als »die Skizze« bezeichnet –, dem »ursprünglichen Silmarillion«, wie er selbst es nannte. Ich habe dieses Werk in Beren und Lúthien als eine Phase in der Entwicklung der Geschichte herangezogen und werde dies in diesem Buch ebenfalls tun. Aber hier soll es zunächst dazu dienen, einen kurzen Überblick über die Geschichte vor der Entstehung von Gondolin zu geben; es hat auch den Vorteil, dass es aus einer sehr frühen Zeit stammt.

Im Hinblick auf den Zweck der Wiedergabe an dieser Stelle habe ich Passagen, die hier nicht relevant sind, weggelassen und vereinzelt aus Gründen der Übersichtlichkeit weitere geringfügige Änderungen und Ergänzungen vorgenommen. Mein Text setzt an der Stelle ein, an der die ursprüngliche Skizze beginnt.



Nach der Entsendung der Neun Valar zur Lenkung der Welt lehnt sich Morgoth (Dämon der Finsternis) gegen die Oberherrschaft Manwes auf, stürzt die Lampen um, die aufgestellt waren, um die Welt zu erleuchten, und flutet die Insel Almaren, wo die Valar (oder Götter) wohnten. Er erbaut sich eine unterirdische Festung im Norden. Die Valar ziehen sich in den äußersten Westen zurück, ein Land, das bis an das Außenmeer und die letzte Mauer reicht und im Osten durch die gewaltigen Berge von Valinor begrenzt wird, welche die Götter aufgerichtet haben. In Valinor sammeln sie alle hellen und schönen Dinge und erbauen Paläste, Gärten und ihre Stadt; die Hallen Manwes und seiner Gemahlin Varda aber stehen auf dem höchsten Berg (Taniquetil), von wo aus sie auf die ganze Welt bis in den dunklen Osten hinausblicken können. Yavanna Palúrien pflanzt mitten in der Ebene von Valinor vor den Toren der Stadt Valmar die Zwei Bäume. Sie wachsen unter ihren Liedern, und der eine hat Blätter von dunklem Grün, die von unten wie Silber schimmern, und weiße Blüten wie die Kirsche, aus denen ein Tau aus silbernem Licht fällt; der andere hat goldumrandete Blätter von frischem Grün wie die Buche und gelbe Blüten wie die hängenden Blüten von Goldregen, die Wärme und helles Licht spenden. Jeder Baum erstrahlt sieben Stunden lang in vollem Glanz und verblasst dann sieben Stunden lang. Zweimal am Tag kommt daher eine Zeit des sanfteren Lichts, wenn der Schein beider Bäume schwach ist und ihr Licht sich vermischt.

Die Außenlande [Mittelerde] liegen im Dunkeln. Das Wachstum der Dinge geriet ins Stocken, als Morgoth die Lampen auslöschte. Es gibt dunkle Wälder von Eiben, Tannen und Efeu. Dort zieht Orome mitunter auf die Jagd, den Norden haben Morgoth und seine dämonische Brut (Balrogs) und die Orks (Goblins, auch Glamhoth oder Volk des Hasses genannt) in ihrer Gewalt. Varda sieht die Dunkelheit und ist berührt, und mit dem gesammelten Licht von Silpion, dem Weißen Baum, erschafft sie die Sterne und verstreut sie über den Himmel.

Beim Erscheinen der Sterne erwachen die Kinder der Erde – die Eldar (oder Elben). Sie werden von Orome an dem sternerhellten See Cuiviénen, dem Wasser des Erwachens, im Osten entdeckt. Er reitet heim nach Valinor, erfüllt von ihrer Schönheit, und berichtet den Valar davon, die an ihre Pflicht gegenüber der Erde erinnert werden, da sie in dem Wissen dorthin kamen, es sei ihre Aufgabe, sie für die beiden Geschlechter der Erde zu regieren, die zur jeweils vorbestimmten Zeit kommen sollten. Es folgt ein Heerzug zur Festung des Nordens (Angband, Eisenhöllen), aber diese ist bereits zu stark für sie, um zerstört werden zu können. Morgoth wird dennoch gefangen genommen und in die Hallen des Mandos gebracht, der im Norden von Valinor wohnt.

Die Eldalie (Volk der Elben) werden nach Valinor eingeladen, aus Angst vor den bösen Dienern Morgoths, die noch im Dunkel ihr Unwesen treiben. Die Eldar beginnen ihre Große Wanderung aus dem Osten, angeführt von Orome auf seinem weißen Pferd. Die Eldar teilen sich in drei Scharen auf, die Ersten, unter Ingwe, werden hernach Quendi (Lichtelben), die Zweiten Noldoli (Gnomen oder Tiefelben), und die Dritten Teleri (Meerelben) genannt. Viele von ihnen kommen auf dem Marsch vom Wege ab und wandern in den Wäldern der Welt umher. Aus ihnen werden die verschiedenen Völker der Ilkorindi (Elben, die nie in Kôr im Lande Valinor wohnten). Der Höchste von ihnen war Thingol, der Melian und ihre Nachtigallen singen hörte, verzaubert wurde und in einen langen Schlaf fiel. Melian war eine der göttlichen Maiden des Vala Lórien, die es manchmal in die Außenwelt zog. Melian und Thingol wurden Königin und König der Waldelben in Doriath und lebten in einer unterirdischen Stätte namens Tausend Grotten.

Die anderen Elben gelangten zu den letzten Ufern des Westens. Im Norden der Welt erstreckte sich das Land damals weit nach Westen, bis es nur noch eine Meerenge vom Land der Götter trennte, und diese war voller zermalmender Eisberge. Doch an dem Punkt, an den die Elbenscharen kamen, war im Westen ein breiter, dunkler Ozean.

Es gab zwei Valar des Meeres. Ulmo (Ylmir), der mächtigste aller Valar neben Manwe, war Herr über alle Gewässer, weilte aber oft in Valinor oder dem Außenmeer. Osse und seine Gemahlin Uinen, deren Haar über alle Wasser unter dem Himmel gebreitet ist, liebten eher die Meere der Welt, welche die Ufer unterhalb der Berge von Valinor umspülten. Ulmo entwurzelte die halbversunkene Insel Almaren, auf der die Valar zuerst gewohnt hatten, und die Noldoli und Quendi, die als Erste ankamen, bestiegen sie und fuhren darauf nach Valinor. Die Teleri verweilten einige Zeit an den Ufern des Meeres und warteten auf ihn, und von daher kam ihre Liebe zum Meer. Als auch sie von Ulmo übers Meer gezogen wurden, verankerte Osse aus Eifersucht und aus Liebe zu ihrem Gesang die Insel auf dem Meeresgrund weit draußen in der Feenbucht, von wo aus man die Berge von Valinor in der Ferne sehen konnte. Kein anderes Land war in der Nähe, und daher wurde sie die Einsame Insel genannt. Dort lebten die Teleri lange Zeit, wobei ihre Sprache sich veränderte, und Osse lehrte sie seltsame Musik und schuf zu ihrer Freude die Seevögel.

Den anderen Eldar gaben die Götter ein Heim in Valinor. Weil sie sich sogar in den baumerhellten Gärten von Valinor nach einem Blick auf die Sterne sehnten, wurde eine Bresche in die umliegenden Berge geschlagen und dort in einem tiefen Tal ein grüner Hügel, Kôr, aufgeworfen. Von Westen fiel das Licht der Bäume auf ihn, nach Osten blickte er auf die Feenbucht und die Einsame Insel und darüber hinaus auf die Schattigen Meere. So drang ein Teil des gesegneten Lichts von Valinor in die Außenlande und fiel auf die Einsame Insel, und ihr Westufer wurde licht und grün.

Auf dem Gipfel des Kôr wurde die Stadt der Elben erbaut und erhielt den Namen Tûn. Die Quendi wurden am meisten von Manwe und Varda geliebt, die Noldoli von Aule (dem Schmied) und Mandos dem Weisen. Die Noldoli erfanden Edelsteine und schufen sie in großer Zahl, erfüllten ganz Tûn mit ihnen und die ganzen Hallen der Götter.

Der Größte an Kunstfertigkeit und Magie unter den Noldoli war Finwes ältester Sohn Feanor4. Er fertigte drei Juwelen (Silmaril), in die ein lebendiges Feuer aus dem Licht der beiden Bäume gelegt wurde; sie leuchteten aus eigener Kraft, unreine Hände wurden von ihnen versengt.

Die Teleri, die von weitem das Licht von Valinor sahen, waren hin- und hergerissen zwischen dem Verlangen, sich ihren Sippenverwandten wieder anzuschließen, und dem Wunsch, am Meer zu wohnen. Ulmo lehrte sie die Kunst des Schiffbaus. Osse gab ihnen Schwäne, und indem sie viele Schwäne vor ihre Schiffe spannten, gelangten sie nach Valinor und ließen sich dort am Gestade nieder, wo sie das Licht der Bäume sehen konnten. So konnten sie nach Valmar gehen, wenn sie wollten, aber auch in den Gewässern segeln und tanzen, die von dem Schein, der durch den Pass von Kôr auf das Meer fiel, erleuchtet wurden. Die anderen Eldar schenkten ihnen viele Juwelen, vor allem Opale und Diamanten und andere blasse Kristalle, die am Strand der Feenbucht verstreut wurden. Sie selbst erfanden die Perlen. Ihre Hauptstadt war Schwanenhafen am Meeresufer nördlich des Passes von Kôr.

Die Götter wurden nun von Morgoth betört, der nach sieben Jahren allmählich erleichterter Haft in den Kerkern von Mandos schließlich vor den Rat der Götter geführt wurde. Morgoth blickt mit Gier und Bosheit auf die Eldar, die dort zu Füßen der Götter sitzen, und ihn gelüstet besonders nach den Juwelen Feanors. Er verbirgt seinen Hass und sein Verlangen nach Rache. Ihm wird eine bescheidene Wohnstatt in Valinor zugebilligt, und nach einer Weile wandelt er frei umher. Nur Ulmo ahnt Übles, während Tulkas der Starke, der ihn seinerzeit gefangen nahm, ihn beobachtet. Morgoth hilft den Eldar in vielen Dingen, vergiftet aber langsam ihren Frieden mit Lügen.

Er flüstert ihnen ein, dass die Götter sie aus Eifersucht nach Valinor gebracht hätten, aus Furcht, dass sie aufgrund ihrer wunderbaren Kunst und Magie und Schönheit draußen in der Welt zu stark für sie werden könnten. Die Quendi und Teleri berührt das wenig, aber die Noldoli, die weisesten der Elben, sind betroffen. Sie fangen an, gegen die Götter und ihre Verwandten zu murren, erfüllt von der Eitelkeit ihres Könnens.

Vor allem schürt Morgoth die Flammen im Herzen von Feanor, aber die ganze Zeit gelüstet ihn nach den unsterblichen Silmaril, obwohl Feanor auf ewig jeden verflucht hat, ob Gott oder Elb oder künftigen Sterblichen, der sie berührt. Morgoth erzählt Feanor Lügen, dass Fingolfin und sein Sohn Fingon planten, Feanor und seinen Söhnen die Herrschaft über die Gnomen zu entreißen und die Silmaril an sich zu nehmen. Zwischen den Söhnen Finwes bricht ein Streit aus. Feanor wird vor die Götter gerufen, und die Lügen Morgoths werden aufgedeckt. Feanor wird aus Tûn verbannt, und mit ihm gehen Finwe, der Feanor von seinen Söhnen am meisten liebt, und viele Gnomen. Sie bauen ein Schatzhaus im Norden Valinors, in den Hügeln nahe Mandos’ Hallen. Fingolfin herrscht fortan über die Gnomen, die in Tûn bleiben. So scheinen Morgoths Worte sich zu bewahrheiten, und die Verbitterung, die er gesät hat, dauert fort, nachdem seine Lügen widerlegt wurden.

Tulkas wird ausgesandt, um Morgoth wieder in Ketten zu legen, aber dieser entkommt durch den Pass von Kôr in das dunkle Land am Fuße des Taniquetil, genannt Arvalin, wo der Schatten auf der ganzen Welt am tiefsten ist. Dort findet er Ungoliant, die Weberin der Düsternis, die in einer Schlucht in den Bergen haust und Licht oder leuchtende Dinge aufsaugt, um daraus dunkle Netze von würgender Finsternis, Nebel und Schwärze zu spinnen. Mit Ungoliant plant er Rache. Nur eine gewaltige Belohnung wird sie dazu bringen, den Gefahren von Valinor oder dem Anblick der Götter zu trotzen. Sie webt zum Schutz eine dichte Finsternis um sich herum und schwingt sich auf Fäden von Zinne zu Zinne, bis sie den höchsten Gipfel der Berge im Süden von Valinor erklommen hat (die wegen ihrer Höhe und ihrer Entfernung von der alten Festung Morgoths kaum bewacht werden). Sie flicht eine Leiter, auf der Morgoth hinaufsteigen kann. Sie schleichen sich in Valinor ein. Morgoth sticht die Bäume mit seinem Schwert, und Ungoliant saugt deren Säfte auf und rülpst Wolken der Schwärze aus. Die Bäume erliegen langsam der vergifteten Klinge und den giftigen Lippen von Ungoliant.

Die Götter werden durch eine Düsternis am Mittag aufgeschreckt, und schwarze Wolken ziehen die Straßen von Valmar herauf. Sie kommen zu spät. Die Bäume sterben, während die Götter deren Verlust beweinen. Tulkas und Orome und viele andere jagen zu Pferd in der hereinbrechenden Finsternis Morgoth nach. Wo immer Morgoth wandelt, ist die Finsternis am größten, dank der Netze Ungoliants. Gnomen aus dem Schatzhaus Finwes kommen herbei und berichten, dass Morgoth von einer Spinne der Dunkelheit unterstützt wird. Sie hatten gesehen, wie sie gen Norden zogen. Morgoth hatte auf seiner Flucht beim Schatzhaus innegehalten, Finwe und viele seiner Männer getötet und die Silmaril und einen riesigen Hort der prächtigsten Edelsteine der Elben mitgenommen.

In der Zwischenzeit entkommt Morgoth mit Ungoliants Hilfe nach Norden und überquert das Malm-Eis. Als er wieder die nördlichen Regionen der Welt erreicht hat, fordert Ungoliant von ihm die andere Hälfte ihrer Belohnung. Die erste Hälfte war der Saft der Bäume des Lichts. Jetzt beansprucht sie die Hälfte der Edelsteine. Morgoth gibt sie ihr, und sie verschlingt sie. Sie ist jetzt monströs geworden, aber er will ihr keinen Anteil an den Silmaril geben. Sie verstrickt ihn in ein schwarzes Netz, aber er wird von den Balrogs mit Flammengeißeln und dem Heer der Orks gerettet; und Ungoliant zieht ab in den äußersten Süden.

Morgoth kehrt nach Angband zurück, und seine Macht und die Zahl seiner Dämonen und Orks wächst ins Unermessliche. Er schmiedet eine eiserne Krone und setzt darin die Silmaril ein, obwohl seine Hände von ihnen schwarzgesengt werden, und er wird nie wieder frei vom Schmerz des Brandes. Die Krone nimmt er niemals ab, und er verlässt auch nie die tiefen Kerker seiner Festung und herrscht über seine gewaltigen Heere von seinem Thron in der Tiefe.

Als klar wurde, dass Morgoth entkommen war, versammelten sich die Götter um die toten Bäume und saßen lange Zeit betroffen und stumm in der Dunkelheit und sprachen kein Wort. Der Tag, den Morgoth für seinen Angriff gewählt hatte, war ein Festtag in ganz Valinor. An diesem Tag war es Brauch unter den höchsten Valar und viele Elben, insbesondere den Quendi, in endlosem Zug die langen gewundenen Pfade zu Manwes Hallen auf dem Taniquetil emporzusteigen. Alle Quendi und einige der Noldoli (die noch unter Fingolfin in Tûn wohnten) waren zum Taniquetil gegangen und sangen auf dessen höchstem Gipfel, als die Beobachter aus der Ferne das Sterben der Bäume bemerkten. Die meisten Noldoli waren in der Ebene und die Teleri am Gestade. Nebel und Dunkelheit treiben nun durch den Pass von Kôr auf den Ozean hinaus, während die Bäume sterben. Feanor ruft die Gnomen nach Tûn (und lehnt sich damit gegen seine Verbannung auf).

Es gibt eine große Versammlung auf dem Platz vor dem Turm Ings auf dem Gipfel Kôrs, der von Fackeln beleuchtet wird. Feanor hält eine stürmische Rede, und obwohl sein Zorn Morgoth gilt, sind seine Worte zum Teil die Frucht von Morgoths Lügen. Er fordert die Gnomen auf, in der Dunkelheit zu fliehen, während die Götter noch von Trauer umfangen sind, die Freiheit in der Welt zu suchen und Morgoth zu finden, jetzt da Valinor nicht glückseliger ist als die Welt draußen. Fingolfin und Fingon reden gegen ihn. Die versammelten Gnomen stimmen für die Flucht, und Fingolfin und Fingon geben nach; sie wollen ihr Volk nicht im Stich lassen, aber sie behalten den Befehl über die Hälfte der Noldoli von Tûn.

Die Flucht beginnt. Die Teleri wollen sich nicht anschließen. Die Gnomen können ohne Schiffe nicht entkommen und trauen sich nicht, das Malm-Eis zu überqueren. Sie versuchen, die Schwanenschiffe in Schwanenhafen zu besetzen, und es kommt zu einem Kampf (dem ersten unter den Völkern der Erde), in dem viele Teleri getötet und ihre Schiffe geraubt werden. Ein Fluch wird über die Gnomen ausgesprochen, dass sie hernach als Strafe für das in Schwanenhafen vergossene Blut oft unter Verrat und der Furcht vor Verrat unter ihren eigenen Blutsverwandten leiden werden. Sie segeln nach Norden die Küste von Valinor entlang. Mandos schickt einen Abgesandten aus, der sie von einer hohen Klippe aus anspricht und sie auffordert zurückzukehren, und als sie sich weigern, verkündet er die »Weissagung des Mandos« über ihr künftiges Schicksal.

Die Gnomen kommen zur Meerenge und bereiten sich auf die Überfahrt vor. Während sie am Strand lagern, machen sich Feanor und seine Söhne und ihre Leute mit allen Schiffen davon und lassen Fingolfin heimtückisch am anderen Ufer zurück, sodass sich der Fluch von Schwanenhafen zu erfüllen beginnt. Sie verbrennen die Schiffe, sobald sie im Osten der Welt gelandet sind, und Fingolfins Leute sehen das Licht am Himmel. Das gleiche Licht zeigt auch den Orks die Landung an.

Fingolfins Volk wandert im Elend umher. Einige kehren unter Fingolfin nach Valinor zurück, um die Vergebung der Götter zu erbitten. Fingon führt die Hauptschar nach Norden und über das Malm-Eis. Viele gehen verloren.

Zu den Gedichten, die mein Vater während seiner Zeit an der Universität von Leeds schrieb (vor allem das Lied der Kinder Húrins im Stabreim), gehörte Die Flucht der Noldoli aus Valinor. Dieses Gedicht, ebenfalls im Stabreim geschrieben, wurde nach 150 Zeilen aufgegeben. Es ist sicher, dass es in Leeds geschrieben wurde, höchstwahrscheinlich im Jahre 1925, dem Jahr, in dem seine Ernennung zum Professor in Oxford erfolgte. Aus diesem poetischen Fragment zitiere ich hier einen Teil, beginnend bei der großen Versammlung auf dem Hügel Kôr, wo Feanor »eine stürmische Rede« hielt, wie oben in der Skizze der Mythologie beschrieben. Der Name Finn in den Zeilen 4 und 16 ist die gnomische Form von Finwe, dem Vater von Feanor, Bredhil in Zeile 49 der gnomische Name von Varda.





But the Gnomes were numbered by name and kin,

marshalled and ordered in the mighty square

upon the crown of Kôr. There cried aloud

the fierce son of Finn. Flaming torches

5he held and whirled in his hands aloft,

those hands whose craft the hidden secret

knew, that none Gnome or mortal

hath matched or mastered in magic or in skill.

»Lo! slain is my sire by the sword of fiends,

10his death he has drunk at the doors of his hall

and deep fastness, where darkly hidden

the Three were guarded, the things unmatched

that Gnome and Elf and the Nine Valar

can never remake or renew on earth,

15recarve or rekindle by craft or magic,

not Feanor Finn’s son who fashioned them of yore –

the light is lost whence he lit them first,

the fate of Faerie hath found its hour.

Thus the witless wisdom its reward hath earned

20of the Gods’ jealousy, who guard us here

to serve them, sing to them in our sweet cages,

to contrive them gems and jewelled trinkets,

their leisure to please with our loveliness,

while they waste and squander work of ages,

25nor can Morgoth master in their mansions sitting

at countless councils. Now come ye all,

who have courage and hope! My call harken

to flight, to freedom in far places!

The woods of the world whose wide mansions

30yet in darkness dream drowned in slumber,

the pathless plains and perilous shores

no moon yet shines on nor mounting dawn

in dew and daylight hath drenched for ever,

far better were these for bold footsteps

35than gardens of the Gods gloom-encircled

with idleness filled and empty days.

Yea! though the light lit them and the loveliness

beyond heart’s desire that hath held us slaves

here long and long. But that light is dead.

40Our gems are gone, our jewels ravished;

and the Three, my Three, thrice-enchanted

globes of crystal by gleam undying

illumined, lit by living splendour

and all hues’ essence, their eager flame –

45Morgoth has them in his monstrous hold,

my Silmarils. I swear here oaths

unbreakable bonds to bind me ever,

by Timbrenting and the timeless halls

of Bredhil the Blessed that abides thereon –

50may she hear and heed – to hunt endlessly

unwearying unwavering through world and sea,

through leaguered lands, lonely mountains,

over fens and forest and the fearful snows,

till I find those fair ones, where the fate is hid

55of the folk of Elfland and their fortune locked,

where alone now lies the light divine.«

Then his sons beside him, the seven kinsmen,

crafty Curufin, Celegorm the fair,

Damrod and Diriel and dark Cranthir,

60Maglor the mighty, and Maidros tall

(the eldest, whose ardour yet more eager burnt

than his father’s flame, than Feanor’s wrath;

him fate awaited with fell purpose),

these leapt with laughter their lord beside,

65with linked hands there lightly took

the oath unbreakable; blood thereafter

it spilled like a sea and spent the swords

of endless armies, nor hath ended yet.





Doch die Gnomen gingen, in Gruppen geordnet,

in Reihe und Rang zu dem raumen Platz

auf der Kuppe Kôrs. Kühn stand dort

Finns feuriger Sohn. Flammende Brände

5hielt er in Händen, hoch sie wirbelnd,

Händen, die einst das Geheimnis gemeistert,

das keiner kannte und keiner beherrscht

mit Macht oder Kunst, ob Mensch oder Gnom.

»Erschlagen ist mein Vater durch das Schwert der Feinde,

10seinen Tod trank er am Tor seiner Halle,

der Festung tief, wo, im Finstern verborgen,

die Drei sich befanden, Dinge ohnegleichen,

die Gnom und Elb und die Größten der Valar

niemals auf Erden erneut vermögen

15so schön zu schmieden mit Geschick und Magie,

nicht Feanor Finns Sohn, der vormals sie schuf –

verloren das Licht, das zum Leuchten sie brachte,

Feenlands Schicksal fand seine Stunde.

So hat letztlich die Torheit ihren Lohn erhalten

20ob der Götter Missgunst, die uns gütlich bewachen

in süßen Käfigen, zu singen, zu tanzen,

ihnen Gemmen zu geben und gleißenden Tand,

ihre Muße zu mildern mit dem Maß unsrer Schönheit,

während sie die Stunden mit Sinnen vergeuden

25und Morgoth zu meistern kein Mittel finden

im Rate sitzend. Jetzt ruf ich euch alle,

die ihr Hoffnung und Mut habt! Hört mein Gebot

zur Flucht, zur Freiheit an fernen Orten!

Die Wälder der Welt, deren weite Gefilde

30noch im Schlummer liegen und in Schlafes Dunkel,

die weglosen Weiten und wilden Gestade,

die kein Mond schon bescheint, keine Morgenröte

in Tau und Taglicht getränkt hat auf immer,

weit tauglicher wär’n sie für tapfere Schritte

35als die Gärten der Götter, umgeben von Dunkel,

von Nichtstun erfüllt und nutzlosen Tagen.

Auch wenn Licht sie erhellte und liebreich die Zeit war,

die hier wir harrten, waren hörig wir doch

lang und länger. Doch das Licht ist tot.

40Unsre Steine sind fort, gestohlen die Gemmen;

und die Drei, meine Drei, dreimal verzaubert,

strahlende Sterne, von unsterblichem Licht

erhellt und erleuchtet, von heiliger Flamme

und der Farben Freude in feuriger Pracht –

45Morgoth hält sie in machtvollem Griff,

mein Eigen, die Silmaril. Eide hier schwör ich,

unbrechbare Bande, zu binden mich ewig,

bei Timbrenting und den türmigen Hallen

der heiligen Bredhil, die hoch droben wohnt –

50möge sie mich hören – zu suchen allzeit,

ohne müde zu werden, über Meer und Land,

durch Täler tief, über tückische Berge,

durch Wiesen und Wälder und den weißen Schnee,

bis die Schönen ich schaue, deren Schicksal dem Volk

55der Elben unbekannt, doch ewig verbunden,

allein darin liegt das Licht der Schöpfung.«

Und die Söhne sein, die sieben Brüder,

Curufin der Geschickte, Celegorm der Helle,

Damrod und Diriel und der dunkle Cranthir,

60Maglor der Mächtige und Maidros der Lange

(der Älteste, dessen Glut noch eifriger brannte

als des Vaters Flamme, als Feanors Zorn;

ihn sollt’ ereilen das ärgste Schicksal),

sie liefen ihrem Herrn lachend zur Seite,

65mit verschränkten Händen schworen sie flugs

den unbrechbaren Eid; Blut hernach

vergoss er in Strömen und vergeudete Schwerter

unzähliger Heere. Zu Ende ist’s nimmer.





DER FALL VON GONDOLIN





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Die ursprüngliche Geschichte




Da sagte Winzigherz, Sohn von Bronweg: »Wisset denn, dass Tuor ein Mann war, der in sehr alten Tagen in jenem Lande des Nordens wohnte, das Dor Lómin oder Land der Schatten genannt wurde, und von den Eldar kennen es die Noldoli am besten.

Das Volk nun, dem Tuor entstammte, wanderte durch die Wälder und Hügel, wusste nicht vom Meer und sang nicht davon. Tuor aber wohnte nicht bei ihm und lebte allein an dem See, Mithrim genannt, und wenn er nicht in den Wäldern jagte, musizierte er am Seeufer auf seiner einfachen Harfe, aus Holz und den Sehnen von Bären gemacht. Nun kamen viele, die von seinen kraftvollen, rauhen Liedern gehört hatten, von nah und fern, um seinem Harfenspiel zu lauschen, jedoch Tuor sang nicht mehr und zog sich in die Einöde zurück. Dort wurden ihm viele sonderbare Dinge kund, und er hatte teil am Wissen der wandernden Noldoli, die ihn in ihrer Sprache und Überlieferung unterwiesen. Er war jedoch nicht dazu bestimmt, für immer in diesen Wäldern zu leben.

So führten ihn dann eines Tages Zauberkraft und Schicksal zum Eingang einer Höhle, auf deren Grund ein verborgener Fluss aus dem Mithrim hervorströmte. Und Tuor betrat diese Höhle, um ihr Geheimnis zu ergründen, doch die Wasser von Mithrim trieben ihn vorwärts ins Herz des Gesteins, und er konnte nicht mehr ans Licht zurückfinden. Und dies, so heißt es, war der Wille von Ulmo, dem Herrn der Wasser, auf dessen Geheiß die Noldoli diesen verborgenen Pfad geschaffen hatten. Da kamen die Noldoli zu Tuor und geleiteten ihn über dunkle Pfade im Inneren der Berge, bis er wieder ins Licht hinaustrat und sah, dass der Fluss rasch eine sehr tiefe Schlucht durchströmte, deren Wände unersteigbar waren. Nun mochte Tuor nicht mehr umkehren, sondern schritt weiter voran, und der Fluss führte ihn immerzu nach Westen.

Hinter seinem Rücken stieg die Sonne auf, und vor seinem Antlitz ging sie unter, und wo das Wasser zwischen vielen Felsbrocken aufschäumte oder über Fälle stürzte, spannten sich zuweilen Regenbogen über die Schlucht, doch am Abend erglühten ihre glatten Flanken in der untergehenden Sonne, und darum gab Tuor ihr den Namen Goldene Spalte oder Wasserrinne des Regenbogendaches, und das heißt in der Sprache der Gnomen Glorfalc oder Cris Ilbranteloth.

Hier nun wanderte Tuor drei Tage lang, trank das Wasser des verborgenen Flusses und nährte sich von dessen Fischen. Diese waren golden, blau und silbrig und hatten viele wundersame Formen. Schließlich wurde die Schlucht breiter, und je mehr sie sich öffnete, desto niedriger und zerklüfteter wurden ihre Flanken, und im Bett des Flusses hinderten immer mehr Felsen seinen Lauf, sodass seine Wasser dagegenschäumten und aufspritzten. Lange saß Tuor da, bestaunte das aufgerührte Wasser und lauschte seiner Stimme, und dann erhob er sich, sprang vorwärts von Stein zu Stein und sang dabei. Erschienen aber die Sterne in dem schmalen Streifen Himmels über der Rinne, schlug er die Harfe, und Echos antworteten ihren harschen Klängen.

Eines Tages, als Tuor ein großes Stück Wegs zurückgelegt hatte und müde vom Gehen war, vernahm er am tiefen Abend einen Schrei, und er konnte sich nicht schlüssig werden, von welchem Wesen er stammte. Zuerst meinte er, es sei ein Feen-Geschöpf, dann glaubte er, es sei nur ein kleines Tier, das zwischen den Felsen winsele, dann wieder war ihm, als pfeife ein unbekannter Vogel mit einer Stimme, die ihm neu war und wundersam traurig klang – und weil er auf seinem ganzen Wege durch die Goldene Spalte nicht eine einzige Vogelstimme gehört hatte, war er froh über dieses Getön, mochte es auch eine Klage sein. Am nächsten Tag zur Morgenstunde vernahm er über seinem Kopf denselben Schrei, und aufblickend gewahrte er drei große weiße Vögel. Von rückwärts näherten sie sich, flogen mit kräftigen Flügelschlägen die Schlucht hinauf und stießen Schreie aus, denen gleich, die er in der Mitte der Dämmerung vernommen hatte. Diese Vögel nun waren Möwen, die Vögel von Osse.

In diesem Teil des Flusslaufs gab es kleine Felsinseln im Strom und an den Wänden der Schlucht herabgefallene Felsbrocken, von weißem Sand umsäumt, sodass das Gehen beschwerlich war, und nachdem Tuor eine Weile gesucht hatte, fand er eine Stelle, wo er schließlich unter Mühen zur Spitze der Klippen hinaufklettern konnte. Da blies ein frischer Wind ihm ins Gesicht, und er sagte: »Das tut wohl, und es ist wie ein Trunk Weines«, doch er wusste nicht, dass er den Gestaden des Großen Meeres nahe war.

Während er über den Wassern dahinschritt, verengte sich die Schlucht aufs Neue, und die Wände ragten hoch hinauf, sodass er sich auf dem hohen Kamm einer Klippe bewegte, bis er an eine schmale Felsenenge kam, die lautes Getöse umhüllte. Da blickte Tuor in die Tiefe und sah das größte der Wunder: Es schien, als steige eine Flut wütenden Wassers die Enge empor und wolle in den Fluss zurück zu seiner Quelle strömen, doch das Wasser aus dem fernen Mithrim stemmte sich ihm entgegen, und eine Mauer aus Wasser reckte sich fast bis zur Klippenspitze, von Gischt gekrönt und von den Winden gezaust. Dann wurden die Wasser des Mithrim niedergeworfen, und die einströmende Flut schoss brausend in die Enge, überschwemmte die Felsinseln und wühlte den weißen Sand auf – sodass Tuor, der vom Wesen des Meeres nichts wusste, voller Furcht floh. Es waren aber die Ainur gewesen, die ihn in seinem Herzen bewogen hatten, aus der Schlucht herauszuklettern, sonst hätte die kommende Flut ihn ertränkt, die ein Wind aus Westen mächtig aufschwellen ließ.

Darauf fand sich Tuor in einem öden Land, karg an Bäumen, und ein Wind aus dem Westen fegte darüber hin, der so mächtig war, dass jedwedes Gestrüpp und Gebüsch sich zu Boden neigte. Und hier wanderte er eine Zeitlang umher, bis er zu den schwarzen Klippen am Meeresufer kam und den Ozean und seine Wogen zum ersten Male erblickte, und zu dieser Stunde sank weit draußen im Meer die Sonne unter den Saum der Erde, und mit ausgebreiteten Armen stand er oben auf der Klippe, und ein unermessliches Verlangen erfüllte sein Herz. Es sagen nun einige, dass er der Erste der Menschen war, der das Meer erreichte, es beschaute und die Sehnsucht erfuhr, die ihm eigen ist; doch weiß ich nicht, ob sie die Wahrheit sprechen.

In diesen Landstrichen schuf er sich eine Bleibe und hauste in einer Bucht, die von großen, finsteren Felsen geschützt und deren Grund mit weißem Sand bedeckt war, außer wenn die hohe Flut ihn zum Teil mit blauem Wasser überschwemmte, und weder Feuchtigkeit noch Gischt kamen dorthin, es sei denn in Zeiten schwersten Sturms. Lange hielt er sich dort auf, lebte allein, wanderte am Ufer umher oder durchstreifte bei Ebbe die Felsen, bestaunte die Teiche und die hohen Kräuter, die tropfenden Grotten und lernte die seltsamen Meeresvögel kennen. Doch das Steigen und Fallen des Wassers und die Stimme der Wellen blieben für ihn immer das größte Wunder, und jedes Mal kam es ihm neu und unvorstellbar vor.

Die ruhigen Wasser des Mithrim nun, über denen die Stimmen der Enten und Teichhühner weithin erschollen, hatte er oft mit einem kleinen Boot befahren, dessen Bug wie ein Schwanenhals geschwungen war, und dies hatte er an jenem Tage zurückgelassen, als er den verborgenen Fluss fand. Auf das Meer wagte er sich noch nicht, wenngleich sein Herz ihn immerzu mit sonderbarem Sehnen dazu drängte, und an stillen Abenden, wenn die Sonne hinter dem Rand des Meeres versank, wurde es zu einem wilden Verlangen.

Holz zum Bauen hatte er, denn es kam den Fluss herab. Es war gutes Holz, das die Noldoli in den Wäldern von Dor Lómin schlugen und mit Absicht zu ihm hinunterflößten. Doch zunächst baute er nichts anderes als ein Haus an einem geschützten Fleck seiner Bucht, die in den Geschichten der Eldar seitdem Falasquil genannt wird. In geruhsamer Arbeit schmückte er es mit schönen Schnitzereien von Tieren und Bäumen und Blumen und Vögeln, die er von den Wassern des Mithrim kannte, doch immer stand der Schwan über allen anderen, weil Tuor dieses Zeichen liebte, und es wurde sein eigenes Kennzeichen und später das seines Geschlechts und Volks. Dort verstrich eine sehr lange Zeit, bis die Verlorenheit des großen Meeres sich auf sein Herz legte und selbst Tuor, der Einzelgänger, sich nach den Stimmen von Menschen sehnte. Hierbei hatten die Ainur ein wenig mitgewirkt, denn Ulmo liebte Tuor.

Eines Morgens, als er seine Augen über den Strand schweifen ließ – und das war in den letzten Tagen des Sommers –, erblickte Tuor drei Schwäne, die hoch und kraftvoll aus dem Norden heranflogen. Nun hatte er diese Vögel in diesen Gegenden zuvor nicht gesehen, und er nahm sie als ein Zeichen und sagte: »Lange hat mich mein Herz zu einer Reise gedrängt, weit fort von hier; fürwahr, nun will ich endlich diesen Schwänen folgen.« Seht, die Schwäne ließen sich auf dem Wasser seiner Bucht nieder, umschwammen sie dreimal, stiegen wieder auf und flogen langsam die Küste entlang nach Süden, und Tuor, beladen mit Harfe und Speer, folgte ihnen.

Es war ein gewaltiger Marsch, den Tuor an diesem Tage in ihrem Gefolge hinter sich brachte. Bevor der Abend sich herabsenkte, kam er in eine Gegend, in der wieder Bäume wuchsen, und das Gesicht der Landschaft, die er nun durchquerte, war gänzlich anders als das der Gestade bei Falasquil. Dort hatte Tuor gewaltige Klippen kennengelernt, durchsetzt mit Höhlen und Auswaschungen und geschützten Buchten, doch vom Kamm der Klippen lief ein raues, flaches und ödes Land dahin bis zu einem blauen Saum weit im Osten, der von fernen Bergen kündete. Nun hingegen erblickte er eine lange, abfallende Küste und Sandflächen, während die fernen Berge immer näher an den Rand des Meeres rückten. Ihre dunklen Hänge waren mit Kiefern und Tannen bewachsen, und an ihrem Fuße erhoben sich Birken und uralte Eichen. Und aus den Bergen brachen frische Sturzbäche hervor, rauschten hinab durch schmale Klüfte und fanden das Ufer und die salzigen Wellen. Einige dieser Klüfte konnte nun Tuor nicht überspringen, und oft kam er an diesen Stellen nur mühsam vorwärts, aber dennoch arbeitete er sich voran, denn die Schwäne flogen immer vor ihm her, einmal unverhofft kreisend, dann wieder vorwärtsschießend. Niemals aber ließen sie sich auf der Erde nieder, und das Rauschen ihrer kräftig schlagenden Flügel gab ihm neuen Mut.

Es wird erzählt, dass Tuor auf diese Weise viele, viele Tage rastlos unterwegs war und dass der Winter aus dem Norden trotzdem noch ein wenig rascher herbeikam. Dennoch gelangte er, ohne dass er durch wildes Getier oder Unwetter Schaden litt, zur Zeit des ersten Frühlings zur Mündung eines Flusses. Das Land hier lag nicht so weit nördlich und war freundlicher als am Ausgang der Goldenen Spalte. Außerdem verlief die Küste anders, und für Tuor lag das Meer nun im Süden anstatt im Westen, wie Sonne und Sterne ihm verrieten. Er gab jedoch acht, dass er das Meer immer zu seiner Rechten hatte.

Dieser Fluss strömte durch ein breites Bett, und an seinen Ufern lagen fruchtbare Lande: auf der einen Seite grasige, feuchte Auen, baumbestandene Hänge auf der anderen. Seine Wasser strömten träge ins Meer und tosten nicht wie die des Mithrim im Norden. Langgestreckte Landinseln lagen im Strom, mit Schilf und buschigem Dickicht überwachsen, die weiter seewärts in sandige Spitzen ausliefen; und diese waren die Lieblingsplätze einer solchen Vielzahl von Vögeln, wie sie Tuor noch nirgendwo begegnet war. Ihr Pfeifen und Flöten und Schreien erfüllte die Luft. Hier, in einem Meer weißer Flügel, verlor Tuor die drei Schwäne aus den Augen, und er sie sah niemals wieder.

Da ward Tuor eine Zeitlang der See müde, denn die Anstrengungen seiner Reise waren groß gewesen. Dies geschah auch nicht ohne Zutun Ulmos, und in dieser Nacht kamen die Noldoli zu ihm, und Tuor erhob sich aus seinem Schlaf. Von ihren blau leuchtenden Lampen geleitet, fand er einen Weg neben dem Ufer des Flusses, und landeinwärts schritt er so mächtig aus, dass, als die Morgendämmerung zu seiner Rechten den Himmel erfüllte, das Meer und sein Rauschen weit hinter ihm lagen und der Wind von vorn blies, sodass nicht einmal der Geruch des Meeres in der Luft zu schmecken war. So gelangte er rasch in den Landstrich, der Arlisgion oder Ort des Rieds genannt worden ist, und dieser liegt in den Landen, die sich südlich von Dor Lómin erstrecken und durch die Schattenberge, deren Ausläufer bis ans Meer reichen, davon getrennt sind. Aus diesen Bergen kam der Fluss, und seine Wasser waren selbst an diesem Ort tiefklar und wundersam kühl. Nun ist dieser Fluss sehr berühmt in der Geschichte der Eldar und Noldoli, und er wird in allen Zungen Sirion genannt. Tuor rastete eine Weile, bis er sich, von Sehnsucht getrieben, wieder erhob, um viele Tagesmärsche lang weiterzuwandern, dem Ufer des Flusses folgend. Als er in eine noch lieblichere Gegend gelangte, war der Frühling vorüber, doch der Sommer zeigte sich noch nicht. Hier umschwirrte ihn der Gesang kleiner Vögel wie eine anmutige Musik, denn es gibt keine Vögel, die schöner singen als die Singvögel im Lande der Weidenbäume. Dieses wundersame Land hatte er nun betreten. Der Fluss wand sich hier in weiten Biegungen und zwischen flachen Ufern durch eine ausgedehnte Ebene, auf der hoch und grün das duftigste Gras wuchs; unsagbar alte Weidenbäume säumten die Ufer des Flusses, und sein breiter Spiegel war überzogen mit den Blättern der Wasserrosen, deren Blüten so früh im Jahr noch nicht geöffnet waren, doch unter den Weiden hatten Lilien ihre grünen Schwerter gezückt, und Seggen standen dort und Riedgräser, wie zum Kampf gerüstet. In diesem dunklen Verhau hauste ein Hauch von Geflüster, und in der Dämmerung sprach Wispern zu Tuor, und es widerstrebte ihm aufzubrechen; und am Morgen, angesichts der Pracht ungezählter Butterblumen, war seine Lust noch geringer, und er zauderte.

Hier erblickte er die ersten Schmetterlinge und erfreute sich an ihrem Anblick; und es heißt, alle Schmetterlinge und ihre Verwandten stammten aus dem Tal des Landes der Weidenbäume. Dann kam der Sommer und die Zeit der warmen Abende und Nachtfalter, und Tuor staunte über die Vielzahl von Fliegen, ihr Gesurr, das Brummen der Käfer und das Bienengesumm. Und allen diesen Dingen gab er Namen seiner eigenen Erfindung und fügte sie ein in neue Lieder für seine alte Harfe; und diese Lieder klangen weicher als die von einst.

Da begann Ulmo sich zu sorgen, Tuor könne für immer hier verweilen und der große Plan, den er, Ulmo, ersonnen, nicht zur Erfüllung gelangen. Darum mochte er Tuors Geleit nicht mehr den Noldoli allein überlassen, die ihm im Verborgenen dienten und die aus Furcht vor Melko oft schwankend waren.

Hört nun, wie Ulmo vor dem Eingang zu seinem Palast, tief in den stillen Wassern des Äußeren Meeres, in seinen Wagen sprang, der von Narwal und Seelöwe gezogen wurde und wie ein Walfisch geformt war, und er verließ Ulmonan, begleitet vom Klang großer Muschelhörner. Er eilte so geschwind dahin, dass er binnen Tagen – und nicht nach unzähligen Jahren, wie man denken könnte – die Mündung des Flusses erreichte. Dessen Fluten konnte sein Wagen nicht befahren, ohne dem Wasser oder den Ufern Schaden zuzufügen. Darum ging Ulmo, der alle Flüsse und diesen einen am meisten liebte, von dort zu Fuß weiter. Bis zur Mitte seines Leibes reichte seine Rüstung, den Schuppen blauer und silberner Fische gleich, doch sein Haar hatte die Farbe bläulichen Silbers, und sein Bart, der bis zu den Füßen reichte, war von gleichem Ton, und er trug weder Helm noch Krone. Unter seinem Panzer fielen die Schöße seines Wamses aus schimmerndem Grün herab, und niemand weiß, woraus dieses Gewand gewebt ist, doch wer immer in die Tiefen seiner zarten Farben schaute, meinte das unmerkliche Strömen tiefen Wassers wahrzunehmen, durchschossen vom unsteten Licht leuchtender Fische, die in diesen Abgründen leben. Umgürtet war er mit einer Kette riesiger Perlen, und an den Füßen trug er riesige Schuhe von Stein.

Hierher brachte er auch das große Instrument, auf dem er musizierte. Dies war von seltsamer Art, denn es war aus vielen langen, gekrümmten Muscheln gemacht, in welche Löcher gebohrt waren. Wenn er hineinblies und mit seinen langen Fingern spielte, erklangen unergründliche Melodien von einem Zauber, wie ihn kein anderer Musikant je mit Harfe oder Laute, mit Leier oder Flöte oder Violine hervorgebracht hat. Als Ulmo nun zum Fluss kam, ließ er sich im Zwielicht zwischen den Riedgräsern nieder und spielte auf seinem Gebilde aus Muscheln; und es war in der Nähe des Flecks, wo Tuor weilte. Und Tuor lauschte, und es verschlug ihm die Sprache. Er stand dort im kniehohen Gras und hörte weder das Summen der Insekten noch das Gelispel der Flussufer, und der Duft der Blumen stieg ihm nicht in die Nase. Er vernahm vielmehr das Schlagen der Wellen und das klagende Rufen der Seevögel, und in seiner Seele malte sich das Bild felsiger Plätze und Bänke, überschwemmt von Fischgeruch, und er hörte, wie der tauchende Kormoran ins Wasser klatschte, und das Aufbrüllen der See, die sich in die schwarzen Klippen bohrte.

Da erhob sich Ulmo und sprach zu ihm, und die Furcht raubte Tuor beinahe das Leben. Denn Ulmos mächtige Stimme ist abgrundtief, so tief wie seine Augen, die unter allen Dingen die unergründlichsten sind. Und Ulmo sagte: »O Tuor mit dem einsamen Herzen, ich will nicht, dass du für immer an diesem schönen Ort der Vögel und Blumen verweilst; ich hätte dich auch nicht durch dieses liebliche Land geführt, wenn es nicht hätte sein müssen. Aber nun begib dich auf deinen vorgezeichneten Weg und säume nicht, denn fern von hier wartet dein Geschick. Nun musst du die Lande durcheilen zur Stadt jenes Volkes, das Gondothlim oder Bewohner der Steine genannt wird, und die Noldoli sollen dich heimlich dorthin begleiten, denn die Späher Melkos sind zu fürchten. Dort werde ich dir Worte in den Mund legen, und dort sollst du eine Weile bleiben. Doch vielleicht wird dein Herz sich aufs Neue den gewaltigen Wassern zuwenden. Zuvor aber wirst du ein Kind zeugen, das mehr als jeder andere Mensch von den äußersten Tiefen wissen wird, seien es die des Meeres oder des Himmelsgewölbes.« Ulmo teilte Tuor auch einiges von seinen Plänen und Wünschen mit, doch damals begriff Tuor wenig davon und fürchtete sich sehr.

Dann hüllte sich Ulmo in einen Nebel, der gleichsam auf festem Land aus Meeresluft entstand, und Tuor, mit der Musik in den Ohren, wollte gern zu den Gestaden des Großen Meeres zurückkehren; doch er erinnerte sich seines Auftrages, wandte sich um und ging landeinwärts am Fluss entlang, bis zur Morgendämmerung. Aber jeder, der den Muschelhörnern Ulmos gelauscht hat, vernimmt ihr Rufen bis zum Tode, und so erging es Tuor.

Als der Tag anbrach, war er müde und schlief, bis es fast wieder dunkel war, und die Noldoli kamen zu ihm, um ihn zu führen. So wanderte er viele Tage in Dämmerung und Dunkelheit und schlief bei Tag, und daher rührt es, dass er sich später nicht sehr gut an jene Pfade zu erinnern vermochte, die er in jenen Zeiten beschritten hatte.

Nun eilten Tuor und seine Führer unermüdlich weiter, und das Land begann sich hügelig zu wellen, und der Fluss wand sich um die Füße der Berge, und es gab viele Täler von allergrößter Lieblichkeit. Doch die Noldoli wurden nun unruhig.

»Dies«, sagten sie, »sind die Grenzen der Gebiete, die Melko mit seinen Goblins überschwemmt, dem Volk des Hasses. Fern im Norden – doch ach, nicht weit genug entfernt, und wären es zehntausend Wegstunden – liegen die Eisenberge, wo die Macht und der Schrecken Melkos hausen, dessen Sklaven wir sind. Tatsächlich verheimlichen wir ihm, dass wir dich geleiten, und wüsste er um all unser Treiben, fielen wir der Folter der Balrogs anheim.«

Solcherart von Furcht gepackt, verließen ihn die Noldoli bald darauf, und er zog allein durch das Hügelland, und ihr Fortgehen erwies sich später als unheilvoll, denn »Melko hat viele Augen«, heißt es, und solange Tuor mit den Gnomen gewandert war, hatten sie ihn auf verschatteten Pfaden und durch manch einen geheimen Gang über die Berge geführt. Nun aber verirrte er sich, und oft erklomm er Anhöhen und Hügel und spähte über das umliegende Land. Doch er erblickte kein Anzeichen einer Siedlung, und wahrlich, die Stadt der Gondothlim war nicht leicht zu finden, denn noch nicht einmal Melko und seine Späher hatten sie bis jetzt entdeckt. Gleichwohl sagt man, dass zu dieser Zeit jene Späher dennoch Wind davon bekamen, dass eines Menschen Fuß diese Lande betreten hatte, und dass Melko deshalb seine Aufmerksamkeit und seine Vorsicht verdoppelte.

Als nun die Gnomen aus Angst Tuor im Stich ließen, folgte ihm einer, der Voronwe oder Bronweg hieß, trotz seiner Furcht aus der Ferne, nachdem er vergeblich versucht hatte, durch Mahnungen den anderen zuzuraten. Nun war Tuor von großer Müdigkeit befallen, und er saß am rauschenden Fluss, und die Sehnsucht nach dem Meer machte ihm das Herz schwer, und noch einmal kam ihm in den Sinn, diesem Fluss zu folgen und zu den Wassern und brausenden Wogen zurückzukehren. Doch Voronwe, jener Getreue, trat wieder an ihn heran und sprach ihm ins Ohr: »O Tuor, glaube nicht, dass du nicht eines Tages wiedersehen wirst, wonach dich verlangt; erhebe dich nun, und glaube mir, ich will dich nicht verlassen. Ich gehöre nicht zu den wegekundigen Noldoli, weil ich ein Künstler und Handwerker bin, der mit seinen Händen Gebilde aus Holz und Metall schafft, und spät erst habe ich mich der Schar deiner Begleiter angeschlossen. Doch einst, in der Mühsal der Knechtschaft, hörte ich heimliches Geflüster und Worte über eine Stadt, wo Noldoli in Freiheit leben können, wenn sie den verborgenen Weg dorthin zu finden vermögen; und wir beide können ohne Zweifel den Weg zur Stadt aus Stein finden, wo diese Freiheit der Gondothlim zu Hause ist.«

Wisset denn, dass die Gondothlim jene Sippe der Noldoli waren, die als einzige Melkos Klauen entkam, als er in der Schlacht der Ungezählten Tränen ihr Volk besiegte und versklavte, es mit einem Zauberbann belegte und zwang, in den Eisenhöllen zu leben, die niemand ohne seinen Willen und Befehl verlassen durfte.

Lange Zeit suchten Tuor und Voronwe nach der Stadt dieses Volkes, bis sie nach vielen Tagen zu einem Tal in den Bergen kamen. Hier strömte der Fluss mit viel Wucht und Getöse durch ein sehr steiniges Bett, das von einem dichten Verhau von Erlen verdeckt wurde. Doch die Wände des Tales waren steil, denn sie grenzten an Berge, die Voronwe nicht kannte. Dort fand der Gnom in der grünen Mauer eine Öffnung mit abfallenden Wänden wie eine große Tür. Diese war von dichtem Buschwerk und rankendem Unterholz verdeckt, doch Voronwes durchdringender Blick ließ sich nicht täuschen. Man sagt jedoch, die Erbauer hätten diese Tür mit solchem Zauber umgeben (mit der Hilfe Ulmos, dessen Macht in diesem Fluss lebte, ebenso wie der Schrecken Melkos an seinen Ufer entlangschlich), dass nur einer vom Volk der Noldoli so unverhofft darauf stoßen konnte. Niemals hätte Tuor diese Tür gefunden ohne die Standhaftigkeit des Gnoms Voronwe. Aus Furcht vor Melko hatten nun die Gondothlim ihre Zuflucht so sorgsam verborgen; doch des ungeachtet schlichen nicht wenige der mutigeren Noldoli von den Bergen zum Fluss hinunter, und wenn auch viele Melkos Bosheit zum Opfer fielen, fanden doch manche den Zauberweg, gelangten schließlich zur Stadt aus Stein und vermehrten die Zahl ihrer Bewohner.

Groß war der Jubel Tuors und Voronwes, als sie die Tür gefunden hatten, doch bei ihrem Eintritt fanden sie einen dunklen, unebenen und verwirrenden Pfad. Lange Zeit irrten sie unsicher in den Gängen umher. Diese waren voller Echos, und das Geräusch ungezählter Fußtritte folgte ihnen, sodass Voronwe Furcht bekam und sagte: »Das sind Melkos Goblins, die Orks der Berge.« Da rannten sie und stolperten in der Schwärze über Steine, bis sie begriffen, dass bloß der Trug des Ortes sie narrte. So kamen sie denn nach einer Zeit furchtsamen Tastens, die ihnen unendlich vorkam, zu einem Fleck, wo ein fernes Licht schimmerte, und als sie sich diesem Schein näherten, stießen sie auf ein Tor, jenem gleich, durch das sie eingetreten waren, jedoch nicht überwachsen. Dort traten sie hinaus ins Sonnenlicht, und für eine Weile waren sie geblendet, doch sogleich ertönte ein großer Gong, sie hörten das Klirren von Waffen, und im Nu waren sie von Kriegern in stählernen Rüstungen umringt.

Da blickten sie auf und konnten sehen, und siehe, sie befanden sich am Fuße steiler Berge, und diese Berge beschrieben einen großen Kreis, der eine ausgedehnte Ebene einschloss, und darauf erhob sich – nicht genau in der Mitte, sondern eher näher dem Fleck, wo sie standen – ein großer Berg mit einer flachen Kuppe, und auf dieser Höhe erhob sich eine Stadt im neuen Licht des Morgens.

Darauf redete Voronwe die Wachen der Gondothlim an, und sie verstanden, was er sagte, denn er bediente sich der lieblichen Sprache der Gnomen. Da nahm auch Tuor das Wort und fragte, wo sie sich befänden und wer die bewaffneten Männer seien, denn er war ein wenig verblüfft und wunderte sich sehr über ihre vortrefflich geschmiedeten Waffen. Da sagte einer von ihnen zu ihm: »Wir sind die Wachen vom Ausgang des Fluchtweges. Freut euch, dass ihr ihn gefunden habt, denn vor euch seht ihr die Stadt mit den sieben Namen, wo alle, die mit Melko im Krieg sind, Hoffnung finden können.«

Da sagte Tuor: »Wie lauten diese Namen?« Und der Anführer der Wache gab zur Antwort: »Solchermaßen sagt und singt man: Gondobar werd ich genannt und Gondothlimbar, Stadt aus Stein und Stadt der Bewohner der Steine; Gondolin, der Singende Stein, und Gwarestrin, Turm der Wacht, ist mein Name, Gar Thurion oder der Verborgene Ort, denn verborgen bin ich den Augen Melkos; doch jene, die mich am meisten lieben, nennen mich Loth, denn wie eine Blume bin ich, oder auch Lothengriol, die Blume, die auf der Ebene blüht. In unserer alltäglichen Sprache jedoch«, fuhr er fort, »nennen wir sie meist Gondolin.« Da sagte Voronwe: »Bringt uns dorthin, denn gern würden wir diese Stadt betreten.« Und Tuor sagte, er habe großes Verlangen, auf den Straßen dieser schönen Stadt zu wandeln.

Darauf erwiderte der Anführer der Wache, dass sie, die Wächter, hierbleiben müssten, denn noch viele Tage ihres Monats der Wache lägen vor ihnen, dass Voronwe und Tuor jedoch ihren Weg nach Gondolin fortsetzen könnten; und außerdem sei kein Geleit erforderlich. »Seht selbst«, sagte er, »die Stadt ist klar und sehr deutlich zu sehen, und die Spitzen ihrer Türme stechen in der Mitte der Ebene über dem Berg der Wacht in den Himmel.«

Darauf wanderten Tuor und sein Gefährte durch das Tal, das wunderbar glatt war, nur hier und dort unterbrochen von runden, geschliffenen Felsblöcken, umgeben von Rasen oder von Teichen in steinigen Betten. Viele saubere Pfade liefen über die Ebene, und nach einem Tagesmarsch kamen sie im letzten Tageslicht zum Fuß des Berges der Wacht (der in der Sprache der Noldoli Amon Gwareth genannt wird). Dann begannen sie die gewundene Treppe hinaufzusteigen, die sich zum Stadttor emporzog; niemand konnte diese Stadt erreichen, ohne von ihren Mauern erspäht zu werden, weil er zu Fuß kommen musste. Als das westliche Tor golden im letzten Sonnenlicht lag, erreichten sie das Ende der langen Treppe, und von den Brustwehren und Türmen starrten viele Augen sie an.

Tuor aber blickte auf die Mauern aus Stein und die aufragenden Türme, auf die glitzernden Zinnen, und er schaute auf die Treppen aus Stein und Marmor, gesäumt von zierlichen Balustraden und gekühlt vom Rinnen fadendünner Wasserfälle, die von den Quellen des Amon Gwareth den Weg auf die Ebene fanden, und er schritt dahin wie jemand, der einen Traum der Götter träumt, denn er glaubte nicht, dass solche Traumgesichte Menschen im Schlaf beschieden seien, so groß war sein Staunen über die Pracht Gondolins.

Indessen gelangten sie zu den Toren, Tuor in tiefem Staunen und Voronwe von großer Freude erfüllt, dass er das Wagnis bestanden, Tuor nach dem Willen Ulmos hierhergebracht und selbst das Joch Melkos für immer abgeworfen hatte. Obwohl er ihn nicht weniger hasste, fesselte ihn dieser Böse nicht mehr durch ein lähmendes Entsetzen (und fürwahr, jener böse Zauber, den Melko auf die Noldoli ausübte, war der einer abgrundtiefen Furcht, sodass sie ihn immer in der Nähe wähnten, selbst wenn sie den Eisenhöllen fern waren, und ihre Herzen bebten, und sie flohen nicht, selbst wenn sie es konnten; und darauf baute Melko oft).

Nun öffnen sich die Tore von Gondolin, und eine Menge kommt den beiden Wanderern neugierig entgegen, voll Freude, dass weitere Noldoli vor Melko hierher geflohen sind, und sie wundern sich über Tuors große Gestalt und seine hageren Glieder, über seinen schweren Speer mit einer Spitze aus Fischknochen und über seine große Harfe. Wild sah er aus, und seine Locken waren ungekämmt, und er war in Bärenfelle gekleidet. Es steht zu lesen, dass die Väter der Väter der Menschen in jenen Tagen kleiner waren als die heutigen Menschen und die Kinder von Elbenheim größer gewachsen waren, doch Tuor war größer als alle, die ihn umstanden. In der Tat hatten die Gondothlim keine gekrümmten Rücken wie manch andere aus ihrem unglücklichen Geschlecht, die ohne Unterlass für Melko schufteten, gruben und hämmerten, aber klein waren sie, schlank und sehr geschmeidig. Sie waren schnellfüßig und über die Maßen schön; aus ihrem Mund sprach Süße und Bitterkeit zugleich, und die Freude in ihren Augen war immer den Tränen nahe. In jenen Zeiten waren die Gnomen im Grunde des Herzens Verbannte, gequält von einem Verlangen nach ihrer alten Heimat, das niemals schwand. Doch das Schicksal und ihr unstillbarer Hunger nach Wissen hatten sie an ferne Orte verschlagen, und nun waren sie von Melko eingesperrt und mussten ihre Wohnstätte mit Liebe und Arbeit so schön gestalten, wie sie es vermochten.

Ich weiß nicht, wie es dazu gekommen ist, dass die Menschen immer die Noldoli mit den Orks gleichgesetzt haben, die Melkos Gezücht sind; vielleicht weil gewisse Noldoli dem Bösen Melkos verfielen und sich mit den Orks vermischt haben, denn diese ganze Rasse erschuf Melko unter der Erde aus Hitze und Schlamm. Ihre Herzen waren aus Granit und ihre Leiber missgestaltet, ekelhaft ihre Gesichter, und kein Lächeln war ihnen eigen, sondern nur ein Lachen wie schepperndes Metall, und nichts taten sie lieber, als bei den niederträchtigsten Taten Melkos zu helfen. Der größte Hass war zwischen ihnen und den Noldoli, von denen sie Glamhoth genannt wurden oder das Volk furchtbaren Hasses.

Hört nun, wie die bewaffneten Wächter des Tores die Menge zurückdrängten, die sich dort um die Wanderer versammelte. Und einer von ihnen sprach: »Dies ist eine Stadt der Wacht und Hut, Gondolin auf dem Amon Gwareth, wo alle frei leben können, die reinen Herzens sind, doch kein Unbekannter darf sie betreten. So nennt mir denn eure Namen.« Doch Voronwe nannte sich Bronweg von den Gnomen, der hierhergekommen sei nach dem Willen Ulmos als Führer dieses Sohnes der Menschen. Und Tuor sagte: »Tuor heiß ich, bin der Sohn von Peleg, dem Sohn von Indor aus dem Haus der Schwäne von den Söhnen der Menschen des Nordens, die weit von hier wohnen, und auf Geheiß Ulmos von den Äußeren Ozeanen komme ich her.«

Da verstummten alle, die zuhörten, und seine tiefe, dröhnende Stimme versetzte sie in Erstaunen, denn ihre eigenen Stimmen waren so lieblich wie das Gelispel der Quellen. Darauf riefen viele Stimmen: »Führt ihn zum König.«

Darauf kehrte die Menge durch die Tore in die Stadt zurück, und die Wanderer gingen mit ihr, und Tuor sah, dass die Tore aus Eisen waren und sehr hoch und dick. Die breiten Straßen von Gondolin waren mit Steinen gepflastert, mit Marmor eingefasst und gesäumt von schönen Häusern und Höfen inmitten von blumenhellen Gärten, und viele Türme erhoben sich gegen den Himmel, erbaut aus weißem Marmor und mit wundervollen Steinmetzarbeiten verziert. Plätze gab es, wo Springbrunnen waren und Vögel im Geäst uralter Bäume sangen, doch auf dem größten aller Plätze stand der Palast des Königs, und dessen Turm war der höchste der Stadt. Die Springbrunnen, die vor seinen Toren spielten, schossen mehr als einhundertundfünfzig Fuß hoch in die Luft und fielen in einem klingenden Kristallregen nieder. Darin glitzerte bei Tag prächtig die Sonne, und bei Nacht schimmerte darin das Mondlicht höchst zauberhaft. Die Vögel, die dort hausten, waren weiß wie Schnee und ihre Stimmen süßer als ein Schlaflied.

Zu beiden Seiten der Palasttore stand ein Baum, und einer davon trug goldene und der andere silberne Blätter, und niemals welkten sie, denn einst waren sie Schösslinge der glorreichen Bäume von Valinor, die jene Orte erhellten, bevor Melko und die Weberin der Düsternis sie zum Verdorren brachten. Die Gondothlim nannten diese Bäume Glingol und Bansil.

Da stand Turgon, König von Gondolin, angetan mit einem weißen Gewand und einem goldenen Gürtel und mit einem granatgeschmückten Diadem auf dem Haupt, vor seinen Türen und sprach von der obersten Stufe der Marmortreppe, die zu ihnen hinaufführte: »Willkommen, o Mann aus dem Lande der Schatten. Wisse! Deine Ankunft war aufgezeichnet in unseren Büchern der Weisheit, und es steht geschrieben, viele große Dinge würden sich in der Stadt der Gondothlim zutragen, wenn du dort einträfest.«

Da sprach Tuor, und Ulmo legte Kraft in sein Herz und Erhabenheit in seine Stimme: »Höre, o Vater der Stadt aus Stein, er, der dunkle Musik ersinnt in der Meerestiefe, der die Gedanken von Elben und Menschen lesen kann, hat mir aufgetragen, dir zu sagen, dass die Tage der Befreiung näher rücken. Geflüster ist Ulmo zu Ohren gekommen von eurer Behausung und eurem Berg der Wachsamkeit gegen die Bosheit Melkos, und er ist froh darüber. Aber sein Herz ist voller Grimm, und die Herzen der Valar, die in den Bergen von Valinor wohnen und vom Gipfel des Taniquetil die Welt betrachten, sind erzürnt beim Anblick der Leiden und der Knechtschaft der Noldoli und der Wanderungen der Menschen; denn Melko sperrt sie ein in dem Land der Schatten jenseits der Eisenberge. Darum bin ich im Geheimen hergeführt worden, dir zu gebieten, deine Heere zu sammeln und dich zum Kampf bereitzumachen, denn die Zeit ist reif.«

Da sagte Turgon: »Das werde ich nicht tun, mögen dies auch die Worte Ulmos und aller Valar sein. Ich will weder das Leben meines Volkes gegen die Schrecken der Orks aufs Spiel setzen, noch meine Stadt durch das Feuer Melkos in Gefahr bringen.«

Darauf erwiderte Tuor: »Nein! Denn wenn du jetzt nicht Großes wagst, dann werden die Orks für immer bleiben und am Ende die meisten Gebirge der Erde besitzen und nicht aufhören, Elben und Menschen zu befeinden, selbst wenn es den Valar künftig gelingt, die Noldoli auf andere Weise zu befreien. Doch wenn du nun den Valar vertraust, sei der Kampf auch furchtbar, werden die Orks fallen, und Melkos Macht wird auf ein Nichts schrumpfen!«

Turgon jedoch erwiderte, er sei der König von Gondolin, und kein Wille könne ihn gegen sein besseres Wissen zwingen, die teuren Mühen langer früherer Zeiten aufs Spiel zu setzen. Darauf entgegnete Tuor, denn dies hatte ihn Ulmo geheißen, der das Zögern Turgons befürchtet hatte: »Alsdann soll ich dir sagen, dass Männer der Gondothlim sich rasch und heimlich den Sirion hinab zum Meer begeben, sich dort Boote bauen und zurück nach Valinor fahren sollen: Höre! Die Pfade dorthin sind vergessen und die Wege von der Welt verschwunden, und die Meere und Gebirge umgeben es, doch noch immer wohnen dort die Elben auf dem Hügel Kôr, und die Götter sitzen in Valinor, wenngleich auch ihre Heiterkeit gemindert ist aus Kummer und Furcht vor Melko, und sie verbergen ihr Land und weben darum undurchdringlichen Zauber, auf dass kein Unheil zu seinen Gestaden gelange. Doch vielleicht können deine Boten dorthin gelangen und ihre Herzen rühren, dass sie sich im Zorn erheben und Melko zerschmettern und die Eisenhöllen vernichten, die er unter den Bergen der Düsternis erbaut hat.«

Da sagte Turgon: »Jedes Jahr, wenn der Winter endete, haben Boten sich rasch und heimlich auf dem Fluss, der Sirion genannt wird, zu den Küsten des Großen Meeres begeben, sich dort Schiffe gebaut, sie von Schwänen oder Möwen ziehen lassen oder von den starken Flügeln des Windes, und sie sind über Sonne und Mond hinaus gen Valinor gefahren. Doch die Pfade dorthin sind vergessen und die Wege von der Welt verschwunden, und die Meere und Gebirge umgeben es, und sie, die dort in Heiterkeit sitzen, bekümmern sich wenig um die Furcht vor Melko und um die Leiden der Welt, sondern verbergen ihr Land und umweben es mit undurchdringlichem Zauber, auf dass nie eine Botschaft des Unheils an ihre Ohren dringe. Nein, allzu viele aus meinem Volk sind ungezählte Jahre hindurch auf die riesigen Wasser hinausgefahren und niemals heimgekehrt, sondern sind in den Tiefen zugrunde gegangen oder irren nun verloren in den Schatten umher, die keine Pfade kennen. Und wenn das nächste Jahr kommt, soll keiner mehr sich zum Meer begeben, sondern lieber wollen wir auf uns selbst bauen und auf unsere Stadt, um Melko abzuwehren; und dabei sind die Valar vormalen nur eine geringe Hilfe gewesen.« Da wurde Tuors Herz schwer, und Voronwe weinte.

Und Tuor saß bei dem großen Springbrunnen des Königs, und sein Geplätscher erinnerte ihn an die Musik der Wellen, und in seiner Seele erklangen schmerzlich die Muscheln Ulmos, und er wollte über die Wasser des Sirion zum Meer zurückkehren. Turgon aber, der wusste, dass Tuor, wenn er auch sterblich war, die Gunst der Valar genoss, was sein kraftvoller Blick und die Kraft seiner Stimme verrieten, ließ ihm sagen, er möge in Gondolin bleiben, sein Wohlwollen genießen und, wenn er wolle, sogar in den königlichen Hallen wohnen.

Da sagte Tuor ja, weil er müde und dieser Ort angenehm war; und so kam es, dass Tuor in Gondolin blieb. Nicht von allem, was Tuor bei den Gondothlim tat, berichtet die Geschichte, doch es heißt, dass er oft versucht war, sich fortzustehlen, denn er war der Menge des Volks überdrüssig und dachte an einsame Wälder und Täler oder hörte von ferne die Meeresmusik Ulmos, wäre nicht sein Herz erfüllt gewesen von der Liebe zu einer Frau der Gondothlim. Sie war die Tochter des Königs.

Tuor lernte nun viele Dinge in diesem Reich, die ihn Voronwe lehrte, den er liebte und der ihm die allergrößte Liebe entgegenbrachte; auch von den geschickten Männern der Stadt und von den weisen Männern des Königs wurde er unterwiesen. So wurde er denn kraftvoller, als er es vorher gewesen war, und seine Worte zeugten von Klugheit; und vieles enthüllte sich ihm, das zuvor dunkel gewesen war, und viele Dinge erfuhr er, die sterblichen Menschen noch unbekannt waren. Dort vernahm er die Geschichte der Stadt Gondolin und dass unermüdliche Arbeit viele Jahre hindurch zu ihrem Bau und ihrer Ausschmückung nicht ausgereicht hatten, weshalb das Volk noch immer daran arbeitete. Man erzählte, wie der geheime Gang angelegt worden war, den das Volk Fluchtweg nannte; darüber hatte es geteilte Meinungen gegeben, doch am Ende hatte das Mitleid mit den versklavten Noldoli überwogen, und man hatte sich zum Bau entschlossen. Man erzählte ihm von der Wache, die bewaffnete Männer dort stets hielten und desgleichen an bestimmten niedrig gelegenen Stellen in den umzingelnden Bergen, und von den Wächtern, die unausgesetzt auf den höchsten Gipfeln dieses Gebirgszuges Ausschau hielten, wo Leuchtfeuer als Signale bereit waren. Denn dieses Volk war immer auf der Hut vor einem Angriff der Orks, falls ihre Festung entdeckt werden sollte.

Nun wurde die Wache auf den Bergen eher aus Gewohnheit denn aus Notwendigkeit unterhalten, denn vor langer Zeit hatten die Gondothlim unter unvorstellbaren Mühen die ganze Ebene rings um Amon Gwareth freigeräumt und eingeebnet, sodass kaum ein Gnom und auch kein Vogel, wildes Tier oder eine Schlange sich nähern konnte, sondern bereits viele Wegstunden entfernt erspäht wurde, denn viele gab es unter den Gondothlim, deren Augen schärfer waren als die der Falken von Manwe Súlimo, dem Herrn der Götter und Elben, der auf dem Taniquetil wohnt; und deshalb nannten sie das Tal Tumladin oder das Tal der Glätte. Nun war dieses große Werk zu ihrer Zufriedenheit beendet, und das Volk grub umso emsiger nach Metallen und schmiedete alle Arten von Schwertern und Äxten, Speeren und Hellebarden, und es fertigte Kettenhemden, Harnische und Halsbergen, Beinschienen, Armschienen, Helme und Schilde. Tuor erfuhr nun, dass man bereits so viele Pfeile besaß, dass das ganze Volk von Gondolin ohne Innehalten viele Jahre Tag und Nacht mit seinen Bogen schießen konnte, ohne den Vorrat an Pfeilen aufzubrauchen, und dass darum die Furcht vor den Orks von Jahr zu Jahr geringer wurde.

Tuor erwarb dort Kenntnis vom Bauen mit Stein, von der Kunst des Steinmetzen, der Gestein und Marmor bearbeitete. Er vertiefte sich ins kunstreiche Weben und Spinnen, Sticken und Malen und Hämmern von Metall. Liebliche Musik vernahm er dort, worin jene am erfindungsreichsten waren, die in der südlichen Stadt wohnten, denn dort gab es eine Vielzahl murmelnder Quellen und Brunnen. Vieles dieser zarten Kunst machte sich Tuor zu eigen und lernte, es in seine Lieder einzuflechten, zur Verwunderung und Freude aller, die ihnen lauschten. Ihm wurden seltsame Geschichten erzählt von Sonne und Mond und Sternen und den Himmelstiefen; und er erfuhr vom geheimen Wesen der Elben und von ihrer Art zu reden und ihren alten Sprachen. Und er hörte von Ilúvatar erzählen, dem Herrn auf immer und ewig, der außerhalb der Welt wohnte, von der großen Musik der Ainur zu Ilúvatars Füßen in den tiefsten Tiefen der Zeit, aus der die Schöpfung der Welt hervorging, und deren Gestalt und aller Dinge darinnen und wie sie geordnet waren.

Wegen seiner Kenntnis und seiner Meisterschaft in jedweder Kunde und Kunst und wegen seines großen Mutes an Leib und Seele wurde Tuor ein Trost und eine Stütze des Königs, der keinen Sohn hatte; und das Volk von Gondolin liebte ihn. Einmal nun gab der König seinen geschicktesten Waffenschmieden den Auftrag, als großes Geschenk für Tuor eine Rüstung zu fertigen, und diese war aus Gnomen-Stahl gemacht und mit Silber überzogen; sein Helm jedoch hatte als Schmuck auf jeder Seite einen Schwanenflügel aus Metall und Edelsteinen, und auch sein Schild trug einen geschmiedeten Schwanenflügel. Doch anstatt eines Schwertes trug Tuor eine Axt, und diese nannte er Dramborleg in der Sprache der Gondothlim, weil ihr Hieb jeden zu Boden streckte und ihre Schneide jeden Panzer zerhieb.

Auf den südlichen Mauern wurde ihm ein Haus erbaut; denn er liebte die freien Lüfte, und die enge Nachbarschaft anderer Häuser war ihm nicht angenehm. Dort stand er oft zu seinem Vergnügen auf der Brustwehr, wenn die Sonne aufging. Und das Volk jubelte, wenn es sah, wie sich das frühe Licht in den Flügeln seines Helms fing – und viele murrten und wären gern mit ihm in den Kampf gegen die Orks gezogen, waren doch Tuors und Turgons Worte vor dem Palast vielen bekannt; aus Ehrerbietung vor Turgon sprachen sie jedoch nicht weiter davon, und zu dieser Zeit schien der Gedanke an Ulmos Worte Tuors Herz ferngerückt und verblasst zu sein.

Es kam eine Zeit, da Tuor viele Jahre bei den Gondothlim gewohnt hatte. Lange hatte er um seine Liebe zu der Tochter des Königs gewusst und sie gehegt, und nun war sein Herz ganz davon erfüllt. Auch Idril liebte Tuor sehr, und die Fäden ihres Schicksals waren mit den seinen verflochten seit jenem Tag, da sie ihn zum ersten Mal von einem hohen Fenster erblickte, als er, ein reisemüder Bittsteller, vor dem Palast des Königs stand. Wenig Grund hatte Turgon, sich ihrer Liebe zu widersetzen, weil er in Tuor einen Verwandten sah, der Trost und große Hoffnung versprach. So kam es zur ersten Vermählung eines Kindes der Menschen mit einer Tochter des Elbengeschlechts, und es sollte nicht die letzte sein. Vielen war weniger Glück beschieden als Tuor und Idril und am Ende auch großes Leid. Doch groß war damals das Frohlocken, als Idril und Tuor vor allem Volk auf Gar Ainion, dem Platz der Götter nahe dem Palast des Königs, vermählt wurden. Ein Tag der Freude war diese Heirat für die Stadt Gondolin, und am allerglücklichsten waren Tuor und Idril. Später wohnten sie in Freuden in dem Haus auf den Mauern, das nach Süden über Tumladin blickte, und jedermann in der Stadt hatte daran ein Wohlgefallen, ausgenommen Meglin. Dieser Gnom nun entstammte einem alten Hause, obgleich seine Sippe zu der Zeit kleiner war als andere Sippen, doch er war des Königs Neffe durch seine Mutter Isfin, welche die Schwester des Königs war; doch die Geschichte von Isfin und Eol soll hier nicht erzählt werden.

Das Zeichen Meglins war nun ein schwarzer Maulwurf, und er war angesehen unter Steinbrechern und der Oberste der Erzschürfer. Er war weniger schön als die meisten seines ansehnlichen Volks, dunkelhäutig und von nicht sehr liebenswürdiger Art, sodass er wenig Liebe erweckte und man sich zuflüsterte, er habe Orkblut in seinen Adern, doch ich weiß nicht, wie das möglich sein sollte. Er hatte schon mehrmals den König um die Hand Idrils gebeten, doch Turgon hatte, da er Idril sehr unwillig fand, ebenso oft abgelehnt, zumal ihm schien, dass Meglins Antrag ebenso sehr der Begierde entsprang, als Mächtiger neben dem königlichen Thron zu stehen, wie der Liebe zu diesem wunderschönen Mädchen. Idril war in der Tat schön von Angesicht und mutig dazu; und das Volk nannte sie Idril Silberfuß5, weil sie, mochte sie auch eine Königstochter sein, stets barfüßig und barhäuptig ging, ausgenommen bei Festen zu Ehren der Ainur; und Meglin erfüllte zehrende Wut, weil Tuor ihn ausgestochen hatte.

In diesen Tagen geschah es, dass der Wunsch der Valar und die Hoffnung der Eldalie sich am Ende erfüllten, denn in großer Liebe gebar Idril Tuor einen Sohn, und er wurde Earendel genannt. Dieser Name nun ist bei Elben und Menschen auf mancherlei Weise gedeutet worden, doch vielleicht ist er aus einer geheimen Sprache der Gondothlim gebildet, die mit ihnen von den Stätten der Erde verschwunden ist.

Nun war dieser Säugling von größter Schönheit; seine Haut war leuchtend weiß und seine Augen noch blauer als der Himmel über südlichen Landen – blauer gar als die Saphire von Manwes Gewand. Tief war Meglins Neid bei seiner Geburt, doch der Jubel Turgons und des ganzen Volks war überaus groß.

Seht, viele Jahre waren inzwischen vergangen, seit Tuor sich, von den Noldoli im Stich gelassen, in den Vorbergen verirrt hatte. Doch viele Jahre waren auch vergangen, seit Melko zum ersten Mal die sonderbaren Nachrichten zu Ohren kamen – nicht eindeutig waren sie, und sie kamen in verschiedenen Gestalten – von einem Menschen, der die Täler des Sirion durchwanderte. Nun fürchtete Melko in jenen Tagen die Rasse der Menschen nicht übermäßig, weil er sehr mächtig war, und darum hatte sich Ulmo bei seinem Plan eines Menschen bedient, um Melko sicherer täuschen zu können, konnte sich doch kein Valar und kaum einer der Eldar oder Noldoli rühren, ohne dass dies der Wachsamkeit Melkos entging. Dennoch beschlich dessen böses Herz bei dieser Nachricht eine dunkle Vorahnung, und er zog ein mächtiges Heer von Spähern zusammen: Söhne der Orks waren darunter mit gelben und grünen Augen wie Katzen, welche gleichermaßen Düsternis, Nebel oder Dunst oder Nacht durchdrangen; Schlangen, die überallhin gelangen und in jede Ritze oder in die tiefsten Gruben oder auf die höchsten Gipfel schlüpfen und jedes Flüstern hören konnten, welches durchs Gras lief oder in den Bergen widerhallte; Wölfe gab es und reißende Hunde und große Wiesel blutrünstiger Art, deren Nüstern durch fließendes Wasser monatealte Gerüche wittern oder deren Augen im Kies Fußspuren finden konnten, die vor langer Zeit dort hinterlassen worden waren; Eulen kamen und Falken, deren scharfer Blick bei Tag oder Nacht das Flattern kleiner Vögel in allen Wäldern der Welt erspähen konnten, und die Bewegung jeder Maus, Wühlmaus oder Ratte, die irgendwo in der Erde grub oder hauste. Alle diese Späher beschied er zu seiner Halle aus Eisen, und sie kamen in Scharen. Von dort sandte er sie aus über die Erde, diesen Menschen aufzuspüren, der aus dem Land der Schatten entkommen war, jedoch noch sorgfältiger und planvoller nach der Behausung der Noldoli zu suchen, die seiner Knechtschaft entronnen waren. Sein Herz brannte darauf, sie zu vernichten oder zu versklaven.

Während nun Tuor in Freuden in Gondolin lebte und sein Wissen und seine Macht gewaltig wuchsen, durchschnüffelten diese Kreaturen jahrelang unermüdlich Steine und Felsen, pirschten durch Wald und Heide, durchspähten die Lüfte und hohen Orte und erkundeten die Pfaden aller Täler und Ebenen, ohne je nachzulassen oder einzuhalten. Von dieser Jagd brachten sie Melko eine Fülle von Nachrichten – tatsächlich war unter den vielen verborgenen Dingen, die sie ans Licht zerrten, auch der Fluchtweg, den Tuor und Voronwe einst betreten hatten. Dies wäre ihnen nicht gelungen, hätten sie nicht einige der weniger mannhaften Noldoli mit schrecklicher Folter bedroht und sie so gezwungen, sich an der großen Suche zu beteiligen; wegen des Zaubers nämlich, der diese Tür umgab, konnte sie niemand aus dem Volk Melkos ohne Hilfe der Gnomen ausfindig machen. Doch unlängst waren sie nun weit in die Gänge vorgedrungen und hatten drinnen viele Noldoli gefangen, die dort hineingekrochen waren, um der Knechtschaft zu entfliehen. Auch die Umzingelnden Berge6 hatten sie an gewissen Stellen erstiegen und aus der Ferne die Schönheit der Stadt Gondolin und die Stärke von Amon Gwareth erblickt. Wegen der Aufmerksamkeit der Wachen und der Unwegsamkeit der Berge konnten sie jedoch nicht auf die Ebene gelangen. Zudem waren die Gondothlim gewaltige Bogenschützen und verfertigten Bogen von unvorstellbarer Kraft. Damit konnten sie einen Pfeil siebenmal so weit in den Himmel fliegen lassen, wie es der beste Bogenschütze vermochte, der auf der Erde auf ein Ziel schoss. Und sie ließen keinen Falken lange über ihrer Ebene kreisen und keine Schlange dorthin kriechen. Sie mochten nämlich keine Kreaturen des Blutes, die Melkos Brut entstammten.

In jenen Tagen nun war Earendel ein Jahr alt, als die schlimme Nachricht von Melkos Spähern in die Stadt gelangte und wie sie das Tal von Tumladen von allen Seiten umringten. Da wurde Turgons Herz traurig, und er gedachte der Worte, die Tuor vor langen Jahren vor den Toren des Palastes gesprochen hatte; und er gebot, die Wachen an allen Stellen zu verdreifachen, und ließ von seinen Feuerwerkern Maschinen bauen und auf dem Berg aufstellen. Vergiftete Feuer und siedende Flüssigkeiten, Pfeile und große Felsbrocken wurden vorbereitet, jeden, der diese leuchtenden Mauern angriff, zu empfangen; und hernach lebte er so zufrieden weiter wie nur möglich, doch Tuors Herz war schwerer als das des Königs, denn nun kamen ihm immer Ulmos Worte in den Sinn, und jetzt begriff er ihren Sinn und Ernst eindringlicher als einst; auch bei Idril fand er kaum Trost, denn ihr Herz war noch mehr erfüllt von dunklen Ahnungen als sein eigenes.

Ihr müsst wissen, dass Idril die starke Macht besaß, die Dunkelheit in den Herzen von Elben und Menschen mit ihren Gedanken zu durchdringen und die Finsternisse der Zukunft dazu – sogar noch tiefer als es gewöhnlich in der Macht der Geschlechter der Eldalie steht. Darum sagte sie eines Tages zu Tuor: »Wisse, mein Gemahl, dass ich an Meglin zweifle und mein Herz mich Böses ahnen lässt, und ich bange, dass er ein Unheil über dieses schöne Reich bringen wird, wenn ich auch durchaus nicht erkennen kann, wie und wann. Aber ich fürchte, dass alles, was er über unsere Maßnahmen und Vorkehrungen weiß, auf irgendeine Weise dem Feinde bekannt werden könnte, sodass er auf ein neues Mittel sinnen kann, uns zu überwältigen, welches wir bei unserer Verteidigung nicht bedacht haben. Höre! Eines Nachts träumte mir, dass Meglin eine Esse baute, unvermutet zu uns kam und Earendel, unser Kind, hineinwarf und danach dich und mich; doch ich widersetzte mich nicht, aus Kummer um den Tod unseres schönen Kindes.«

Und Tuor antwortete: »Deine Furcht ist nicht grundlos, denn auch mein Herz ist Meglin nicht zugeneigt; doch ist er der Neffe des Königs und dein eigner Vetter, und es ist ihm nichts vorzuwerfen. Ich sehe nicht, was wir tun können, außer warten und wachen.«

Aber Idril sagte: »Dies nun ist mein Rat: Sammle du ganz im Geheimen jene Schürfer und Steinbrecher, von denen nach sorgsamer Prüfung feststeht, dass sie wegen Meglins stolzen und anmaßenden Umgangs mit ihnen die geringste Liebe für ihn hegen. Aus diesen musst du vertrauenswürdige Männer auswählen, die Meglin im Auge behalten, wann immer er sich zu den äußeren Bergen begibt, doch ich rate dir, den größten Teil jener, deren Verschwiegenheit du trauen kannst, insgeheim graben zu lassen und mit ihrer Hilfe – so behutsam und zeitraubend das Werk auch vorankommen mag – einen verborgenen Gang zu bauen, der von deinem Haus durch die Felsen dieses Berges nach unten bis ins Tal führt. Dieser Gang soll nun nicht in den Fluchtweg münden, denn mein Herz rät mir, ihm nicht zu trauen, sondern geradewegs zu dem weit entfernten Pass, der Adlerspalte in den südlichen Bergen; und je weiter dieser Gang sich unterhalb der Ebene in diese Richtung erstreckt, desto besser wird er uns dienen – doch außer einigen wenigen darf von diesen Arbeiten niemand etwas wissen.«

Es gibt nun niemanden, der sich so auf den Tunnelbau in Erde oder Fels versteht wie die Noldoli (und das weiß Melko), doch an diesen Orten ist die Erde sehr hart; und Tuor sagte:

»Das Gestein des Amon Gwareth ist wie Eisen, und nur unter großen Mühen kann es gespalten werden; wenn das auch noch im Geheimen geschehen soll, muss viel Zeit und Geduld hinzukommen; der Stein jedoch, der den Boden des Tales von Tumladin bildet, ist wie geschmiedeter Stahl, und ohne das Wissen der Gondothlim lässt er sich nicht aushauen, außer in Monaten und Jahren.«

Darauf erwiderte Idril: »Vielleicht ist das wahr, aber so ist mein Rat, und wir haben noch Zeit.« Tuor sagte, er begreife nicht ganz den Sinn, »doch ›besser ist jeder Plan als ein Mangel an Rat‹, und ich werde tun, was du gesagt hast.«

Nun fügte es sich, dass nicht lange danach Meglin in die Berge zog, um Erz zu holen. Und als er allein durch die Berge streifte, nahmen ihn einige der Orks gefangen, die dort umherschlichen, und sie wollten ihm Böses tun und ihn übel zurichten, denn sie wussten, dass er aus Gondolin kam. Tuors Wächtern war dies jedoch verborgen geblieben. Doch Bosheit gewann in Meglins Herz die Oberhand, und er sagte zu seinen Peinigern: »Wisset denn, dass ich Meglin bin, der Sohn von Eol, welcher Isfin zum Weibe hatte, die Schwester von Turgon, dem König der Gondothlim.« Doch die Orks erwiderten: »Was schert uns das?« Und Meglin sagte: »Es ist sehr wichtig für euch; wenn ihr mich nämlich tötet, ob rasch oder langsam, so werden euch wichtige Kenntnisse über die Stadt Gondolin verlorengehen, die euer Herr mit Freude hören würde.« Da ließen die Orks ihre Hände von ihm und sagten, sie würden ihm das Leben schenken, wenn die Dinge, die er ihnen erzähle, dessen wert erschienen. Und Meglin erzählte ihnen alles über die Beschaffenheit der Ebene und der Stadt, von ihren Mauern, ihrer Dicke und Höhe und über die Festigkeit der Tore; er sprach von dem Heer bewaffneter Männer, das Turgon befehligte, von dem unermesslichen Vorrat an Waffen, der zu ihrer Ausrüstung angesammelt worden war, von den Kriegsmaschinen und dem giftigen Feuer.

Da wurden die Orks wütend, und als sie dies gehört hatten, wollten sie ihn gleichwohl auf der Stelle töten als einen, der unverschämt die Macht dieses erbärmlichen Volkes aufbauschte, um die große Macht und Gewalt Melkos zu verhöhnen. Doch Meglin klammerte sich an einen Strohhalm und sagte: »Könnt ihr euch nicht vorstellen, dass ihr euren Meister mehr erfreuen würdet, wenn ihr ihm einen so hochgeborenen Gefangenen zu Füßen legt, damit er die Nachrichten von diesem selbst höre und ihre Wahrheit selbst beurteile?«

Dies nun erschien den Orks nicht übel, und sie kehrten von den Bergen um Gondolin zu den Eisenbergen und den düsteren Hallen Melkos zurück. Meglin schleppten sie mit sich, und nun war er in bitterer Furcht. Doch als er vor dem schwarzen Thron Melkos kniete, entsetzt über die Grausigkeit der Gestalten, die ihn umgaben, über die Wölfe, die unter dem Sessel lagen, und die Nattern, die sich um seine Beine wanden, forderte Melko ihn auf zu sprechen. Da wiederholte er, was er gesagt hatte, und Melko lauschte und richtete schöne Worte an ihn, sodass die Unverschämtheit in großem Maße in Meglins Herz zurückkehrte.

Am Ende all dessen stand nun, dass Melko mithilfe der Verschlagenheit Meglins einen Plan zur Vernichtung Gondolins ersann. Zur Belohnung dafür sollte Meglin ein mächtiger Hauptmann der Orks werden – in seinem Herzen dachte Melko freilich nicht daran, ein solches Versprechen zu erfüllen –, Tuor und Earendel aber sollte Melko verbrennen und Idril Meglin ausliefern, und solche Versprechen wollte dieser Böse gern einlösen. Sollte Meglin jedoch Verrat üben, drohte ihm Melko die Folter der Balrogs an. Dies waren Dämonen mit Flammenpeitschen und stählernen Klauen, von denen er jene Noldoli martern ließ, die es wagten, sich ihm zu widersetzen – und die Eldar haben ihnen den Namen Malkarauki gegeben. Doch Meglin hatte Melko anvertraut, dass alle Heere der Orks und Balrogs in ihrer Wildheit weder durch Angriff noch durch Belagerung jemals hoffen konnten, die Mauern und Tore Gondolins zu bezwingen, selbst wenn es ihnen gelänge, auf die umliegende Ebene vorzudringen. Deshalb riet er Melko, mittels seiner schwarzen Zauberei eine Hilfe für seine Krieger bei ihrem Unternehmen zu schaffen. Aus dem Überfluss an Metallen riet er ihm mit seiner Gewalt über das Feuer Untiere zu schmieden, Schlangen und Drachen von unwiderstehlicher Kraft, welche über die Umzingelnden Berge kriechen und der Ebene und der schönen Stadt leckende Flammen und Tod bringen sollten.

Darauf gebot Melko Meglin heimzukehren, damit seine Abwesenheit keinen Verdacht errege; doch Melko wob um ihn den Zauberbann der abgrundtiefen Furcht, und danach fand Meglin in seinem Herzen weder Freude noch Ruhe. Gleichwohl gab er sich den Anschein der Zufriedenheit und Heiterkeit, sodass man sagte: »Meglin ist sanfter geworden«, und er wurde mit weniger Missfallen betrachtet, doch Idril fürchtete ihn umso mehr. Meglin indes sagte: »Ich habe viel gearbeitet, und ich möchte mich ausruhen und teilnehmen an Tanz und Gesang und den Festen des Volkes«, und er ging nicht mehr in die Berge, um Steine zu brechen oder Erz zu schürfen. Doch in Wahrheit wollte er im Vergnügen seine Furcht und Unruhe ertränken. Eine Angst hatte von ihm Besitz ergriffen, dass Melko immer in seiner Nähe sei, und das vollbrachte der Zauberbann; und nie wieder wagte er, die Gruben aufzusuchen, um nicht den Orks zu begegnen und noch einmal in die entsetzlichen Hallen der Finsternis befohlen zu werden.

So ziehen die Jahre dahin, und angestachelt von Idril, setzt Tuor sein geheime Grabung immer weiter fort. Turgon aber, der sieht, dass die Belagerung durch die Späher sich abgeschwächt hat, lebt ruhiger und mit weniger Furcht. Doch für Melko sind diese Jahre mit angestrengter Arbeit erfüllt, und das ganze Sklavenvolk der Noldoli muss unablässig nach Metallen graben, während Melko dasitzt und Feueröfen ersinnt und Flammen und Dämpfe aus den niederen Hitzen steigen lässt; und keinem der Noldoli erlaubt er, sich auch nur einen Fußbreit vom Ort seiner Knechtschaft zu entfernen. Sodann versammelte Melko seine geschicktesten Schmiede und Zauberer, und aus Eisen und Flammen schmiedeten sie ein Heer von Ungeheuern, wie man sie nur zu dieser Zeit erblickt hat und bis zum Großen Ende nicht wieder sehen wird. Manche waren ganz aus Eisen und so kunstreich mit Gliedern versehen, dass sie wie langsame Flüsse aus Metall strömten, sich um Hindernisse herumwinden oder über sie kriechen konnten, und sie bargen in ihrem Inneren die grausamsten Orks, bewaffnet mit Krummsäbeln und Speeren; andere waren aus Bronze und Kupfer und hatten Innereien aus loderndem Feuer, und mit ihrem entsetzlichen Flammenspeien vernichteten sie alles, was vor ihnen stand, oder sie zertrampelten, was immer der verzehrenden Glut ihres Atems entging; doch wieder andere waren Kreaturen aus reinem Feuer, die sich wanden wie Schlangen geschmolzenen Metalls, und sie vernichteten jedweden Stoff, der in ihre Nähe kam, und Eisen und Stein lösten sich vor ihnen auf und wurden wie Wasser, und darauf ritten die Balrogs zu Hunderten; und diese waren die schrecklichsten Ungeheuer, die Melko gegen Gondolin auf den Plan rief.

Als nun der siebte Sommer seit Meglins Verrat vergangen war und Earendel zwar noch im zarten Kindesalter, doch ein tapferer Knabe war, rief Melko alle seine Späher zurück, denn ihm war nun jeder Pfad und Winkel der Berge bekannt. Die Gondothlim jedoch, unvorsichtig wie sie waren, glaubten, er habe es nicht mehr auf sie abgesehen, weil er ihre Macht und die unüberwindliche Stärke ihrer Stadt erkannt habe.

Aber Idrils Gemüt verdüsterte sich, und der Glanz ihres Gesichtes war getrübt, und viele wunderten sich darüber. Turgon aber verminderte die Zahl der Hüter und Wächter auf die alte Stärke, ja machte sie noch geringer, und als der Herbst kam und die Ernte vorüber war, wandte sich das Volk frohen Herzens den Festen des Winters zu. Tuor aber stand auf der Brustwehr und schaute zu den Umzingelnden Bergen hinüber.

Nun stand dort Idril neben ihm, und der Wind war in ihrem Haar, und Tuor erschien sie über die Maßen schön, und er beugte sich nieder, um sie zu küssen, doch ihr Gesicht war traurig, und sie sagte: »Nun kommt die Zeit, da du dich entscheiden musst.« Und Tuor wusste nicht, was sie meinte. Dann zog sie ihn in ihre Hallen und sagte ihm, wie schwer ihr Herz sei aus Furcht um ihren Sohn Earendel und voller Vorahnung, dass ein großes Unheil bevorstehe, dessen Urheber Melko sei. Da wollte Tuor sie trösten, vermochte es aber nicht, und sie fragte ihn nach seiner geheimen Arbeit, und er sagte ihr, der Gang reiche nun eine Wegstunde weit in die Ebene, und da wurde sie ein wenig froher gestimmt. Aber dennoch riet sie ihm, das Graben zu beschleunigen, denn hinfort sei Schnelligkeit wichtiger als Heimlichkeit, »weil nun die Zeit sehr knapp ist«. Und sie gab ihm einen weiteren Rat, und auch diesen befolgte er: Bestimmte Anführer und Krieger der Gondothlim, die zu den mutigsten und ehrlichsten gehörten, sollte er sorgsam auswählen und ihnen von dem geheimen Gang und seinem Ausgang erzählen. Diese solle er, riet sie ihm, zu einer starken Garde formen und sie sein Zeichen tragen lassen, um sie zu seinen Gefolgsleuten zu machen, unter dem Vorwand, er handle aus dem Recht und der Würde eines großen Fürsten, der zur Königsfamilie gehöre. »Darüber hinaus«, sagte sie, »will ich mich in dieser Sache des Wohlwollens meines Vaters versichern.« Sie ließ auch insgeheim im Volk verbreiten, es solle sich, falls die Stadt zum letzten Kampf antreten müsse oder Turgon falle, um Tuor und ihren Sohn scharen; und dazu sagte man lachend ja, fügte jedoch hinzu, Gondolin werde ebenso lange Bestand haben wie der Taniquetil oder die Berge von Valinor.

Doch Turgon sagte sie nicht die Wahrheit, und als Tuor das tun wollte, ließ sie es nicht zu, trotz ihrer Liebe und Achtung, die sie für ihn hegte, denn er war ein großer und edler und ruhmreicher König. Doch weil sie erkannte, dass er Meglin vertraute und in blindem Eigensinn an der Überzeugung festhielt, die Stadt sei uneinnehmbar und Melko habe es nicht mehr auf sie abgesehen, setzte sie keine Hoffnung darein. In seiner Meinung wurde der König nun immerfort durch die listigen Einflüsterungen Meglins bestärkt. Wisset, dass die Heimtücke dieses Gnomen sehr groß war, und weil er sich viel im Dunkel zu schaffen machte, hieß es: »Zu Recht trägt er das Zeichen eines schwarzen Maulwurfs«; und durch die Torheit einiger Bergleute und mehr noch durch unbedachte Worte von Leuten aus seinem Gefolge, denen Tuor unvorsichtigerweise etwas anvertraut hatte, erlangte er Kenntnis von dem geheimen Werk und schmiedete einen eigenen Plan dagegen.

So wurde es tiefer Winter, und für diese Landstriche war es sehr kalt, sodass der Frost über die Ebene von Tumladin zog und Eis auf ihren Weihern lag. Auf dem Amon Gwareth jedoch sprudelten die Quellen fort, und die zwei Bäume blühten, und das Volk vergnügte sich bis zum Tag des Entsetzens, den Melko in seinem Herzen verbarg.

So verging dieser bittere Winter, und auf den Umzingelnden Bergen lag der Schnee höher als je zuvor; doch als die Zeit gekommen war, schmolz ein Frühling von wunderbarer Pracht die Ausläufer dieser weißen Decke, und das Tal trank die Fluten und erblühte in Blumenpracht. So kam und verging unter dem Jubel der Kinder das Fest der Nost-na-Lothion oder der Geburt der Blumen, und wegen der guten Aussicht auf das Jahr schlugen die Herzen der Gondothlim höher. Und nun endlich steht das große Fest Tarnin Austa oder die Pforten des Sommers nahe bevor. Ihr müsst nämlich wissen, dass es bei ihnen Brauch war, in einer Nacht um Mitternacht eine feierliche Zeremonie zu beginnen, die so lange ging, bis die Morgendämmerung der Tarnin Austa anbrach, und von Mitternacht bis Tagesanbruch war in der Stadt kein Laut zu hören, doch den neuen Morgen hießen sie mit alten Liedern willkommen. Seit ungezählten Jahren war die Ankunft des Sommers so begrüßt worden, mit dem Gesang von Chören, die auf der im Morgenlicht schimmernden östlichen Mauer standen. Zuerst kommt die Zeit der Nachtwache, und die Stadt ist erfüllt von silbernen Lampen, während in den Hainen im Geäst der neubegrünten Bäume vielfarbige Lichter schaukeln und leise Musik durch die Straßen zieht; doch bis zur Morgendämmerung erhebt sich keine Stimme zu Gesang.

Die Sonne ist hinter den Bergen versunken, und das Volk reiht sich emsig und freudig zum Fest auf – und blickt voll Erwartung nach Osten. Seht! Als die Sonne gerade verschwunden und alles dunkel war, glomm plötzlich ein neues Licht auf, doch es kam von jenseits der nördlichen Höhen, und die Gondothlim waren verwundert und liefen auf den Mauern und Brustwehren zusammen. Da verwandelte das Wundern sich in Unglauben, als das Licht wuchs und noch röter wurde, und aus Unglauben wurde Angst, als das Volk sah, dass der Schnee auf den Bergen sich rot wie Blut färbte. Und so geschah es, dass die Feuer-Schlangen Melkos über Gondolin hereinbrachen.

Dann kamen Reiter über die Ebene und brachten atemlos Nachricht von den Wachen auf den Gipfeln; und sie berichteten von den feurigen Heeren und den Drachengestalten und sagten: »Melko greift uns an!« Groß waren nun Furcht und Schmerz in dieser an Schönheit reichen Stadt, und die Straßen und Gassen waren erfüllt vom Weinen der Frauen und dem Jammern der Kinder und die Plätze von den Stimmen der sich sammelnden Krieger und dem Klirren von Waffen. Dort waren die leuchtenden Banner aller großen Häuser und Geschlechter der Gondothlim zu sehen. Gewaltig war die Heerschau vor dem Hause des Königs, und seine Banner waren weiß, golden und rot, und die Zeichen waren der Mond, die Sonne und das Purpurherz. In der Mitte stand Tuor, alle Häupter überragend, und seine silberne Rüstung glänzte; und um ihn drängte sich eine Schar der wackersten Kämpfer des Volks. Seht! Alle trugen sie Flügel wie die von Schwänen oder Möwen auf ihren Helmen, und das Zeichen des Weißen Flügels war auf ihren Schilden. Aber das Gefolge Meglins sammelte sich auf demselben Platz, und die Krieger waren schwarz geharnischt, und sie trugen weder Zeichen noch Wappen, aber ihre runden Stahlhauben waren mit Maulwurfsfell überzogen, und sie kämpften mit Äxten, die zwei Schneiden hatten wie Hacken. Dort scharte Meglin, Prinz von Gondobar, viele Krieger um sich, mit finsteren Mienen und lauernden Blicken, und ein rötliches Glühen lag auf ihren Gesichtern und waberte über die glatten Flächen ihrer Ausrüstung. Seht, alle Berge im Norden standen in Flammen, und es war, als liefen Flüsse aus Feuer die Hänge hinunter, die auf die Ebene von Tumladin führten, und das Volk konnte schon ihre Hitze spüren.

Und viele andere Geschlechter waren dort versammelt, das Haus der Schwalbe und des Himmlischen Bogens, welches die größte Zahl der besten Bogenschützen stellte, und diese wurden an den breiten Stellen der Mauern aufgestellt. Das Volk der Schwalbe trug einen Helmbusch aus Federn, und die Krieger waren in Weiß und Dunkelblau und in Purpurrot und Schwarz gekleidet und trugen eine Pfeilspitze auf ihren Schilden. Ihr Führer war Duilin, der schnellste Läufer, beste Springer und sicherste Bogenschütze unter allen Männern. Doch die Männer des Himmlischen Bogens, ein Haus von unermesslichem Reichtum, sammelten sich in einer Pracht von Farben, und ihre Waffen waren mit Edelsteinen besetzt, die in dem Licht erstrahlten, das nun den Himmel erleuchtete. Jeder Schild dieses Bataillons war von himmelblauer Farbe, und sein Buckel war aus sieben Edelsteinen zusammengefügt: Rubin und Amethyst, Saphir und Smaragd, Chrysopras, Topas und Bernstein, doch in die Helme war ein Opal von mächtiger Größe eingesetzt. Egalmoth war ihr Anführer, und er trug einen blauen Umhang, auf den mit Kristallen die Sterne gestickt waren, und sein Schwert war gebogen – niemand sonst von den Noldoli trug ein Krummschwert –, doch er vertraute lieber dem Bogen, mit dem er weiter schoss als jeder andere dieser Schar.

Auch die Häuser der Säule und des Schneeturms waren angetreten, und beide Kriegerscharen wurden von Penlod befehligt, der an Körpergröße alle Gnomen überragte. Da waren die Männer vom Haus des Baums, die sehr zahlreich waren und grün gekleidet. Sie kämpften mit eisenbeschlagenen Keulen und mit Schlingen, und ihr Anführer, Galdor, galt als der tapferste aller Gondothlim, ausgenommen Turgon selbst. Dort stand das Haus der Goldenen Blume, deren Männer eine Strahlensonne auf den Schilden hatten, und ihr Anführer, Glorfindel, trug einen Mantel, so kunstvoll mit Goldfäden durchwirkt, dass er gelb durchschossen war wie ein Feld im Frühling; und ihre Waffen waren kunstvoll mit Gold überzogen.

Aus dem Süden der Stadt kam das Haus der Quelle, und Ecthelion war sein Herr, und ihr Schmuck waren Silber und Diamanten; und sie trugen lange, hell schimmernde Schwerter und zogen unter Flötenmusik in den Kampf. Ihnen folgte das Haus der Harfe, ein Bataillon tapferer Krieger; doch ihr Anführer, Salgant, war ein Feigling, und er redete Meglin nach dem Munde. Sie waren mit Quasten von Silber und von Gold geschmückt, und ihr Wappen zeigte eine silberne Harfe auf schwarzem Grund; Salgants Wappen jedoch zierte eine goldene Harfe, und als Einziger der Söhne der Gondothlim ritt er in den Kampf, und er war dickleibig und untersetzt.

Das letzte Bataillon bildete nun das Haus des Zornhammers, und diesem entstammten viele der besten Schmiede und Handwerker, und dieses ganze Geschlecht verehrte Aule, den Schmied, mehr als alle anderen Ainur. Sie kämpften mit gewaltigen Keulen, wie Hämmer geformt, und ihre Schilde waren schwer, denn sie hatten starke Arme. In früheren Zeiten waren viele Noldoli zu ihnen gestoßen, die aus den Gruben Melkos entkommen waren, und der Hass dieser Männer auf Melko, den Bösen, und auf die Balrogs, seine Dämonen, war über die Maßen groß. Ihr Anführer war Rog, der stärkste der Gnomen, kaum weniger tapfer als Galdor vom Baum. Das Zeichen dieses Hauses war der Geschlagene Amboss, und ein funkensprühender Hammer zierte ihre Schilde, und rotes Gold und schwarzes Eisen waren ihnen am teuersten. Diese Schar war sehr zahlreich, und keiner dieser Männer hatte ein feiges Herz, und von allen edlen Geschlechtern erwarben sie in jener Schicksalsschlacht den höchsten Ruhm; doch Unheil war ihnen bestimmt, und nicht einer kehrte vom Schlachtfeld zurück, sondern alle fielen, zusammen mit Rog, und verschwanden von der Erde; und mit ihnen sind reiche Kunstfertigkeit und Erfahrung für immer verlorengegangen.

Dies war die Heerschau der elf Häuser der Gondothlim mit ihren Zeichen und Wappen, und die Leibwache von Tuor, das Volk des Flügels, wurde als das zwölfte angesehen. Das Gesicht seines Führers aber ist grimmig, und er erwartet nicht, lange zu leben – und in seinem Haus auf den Mauern legt Idril ihre Rüstung an und geht zu Earendel. Und das Kind weinte, aus Furcht vor den seltsamen roten Lichtern, die auf den Wänden des Gemachs tanzten, wo es schlief; und Geschichten, die seine Kinderfrau Earendel über den feurigen Melko erzählt hatte, wenn er unartig gewesen war, stellten sich wieder ein und quälten ihn. Doch seine Mutter kam und bekleidete ihn mit einem winzigen Kettenhemd, das sie insgeheim hatte anfertigen lassen, und sogleich war er fröhlich und überaus stolz und schrie vor Vergnügen. Doch Idril weinte, denn in ihrem Herzen liebte sie innig die schöne Stadt und ihr prächtiges Haus, das ihre und Tuors Liebe beherbergt hatte. Doch nun sah sie seine Zerstörung näherrücken und fürchtete, dass ihre Vorkehrungen gegen die überwältigende Macht der entsetzlichen Schlangen nichts ausrichten könnten.

Vier Stunden waren es nun noch bis Mitternacht, und der Himmel war rot im Norden, im Osten und im Westen; und die Schlangen aus Eisen hatten die Ebene von Tumladin erreicht, und die feurigen Ungeheuer bewegten sich an den untersten Hängen der Berge, sodass die Wachen überwältigt und der Folter der Balrogs anheimgegeben wurden, die alles durchkämmten und nur den äußersten Süden verschonten, wo Cristhorn, die Adlerspalte, lag.

Darauf berief Turgon einen Rat ein, und Tuor und Meglin, als königliche Fürsten, gingen dorthin; und Duilin kam mit Egalmoth und Penlod dem Großen, und Rog schritt herbei mit Galdor vom Baum und der goldene Glorfindel und Ecthelion von der Quelle. Auch Salgant machte sich auf, schlotternd ob der Nachricht, und noch andere Edle von geringerem Blut, aber mit ehrlicheren Herzen.

Da sprach Tuor, und dies war sein Plan: Es solle ein gewaltiger Ausfall gemacht werden, bevor das Licht und die Hitze auf der Ebene zu stark würden. Viele stimmten ihm zu, und sie waren nur verschiedener Meinung, ob der Ausfall mit dem gesamten Volk und Heer, Frauen, Mädchen und Kinder eingeschlossen, unternommen werden sollte oder von einzelnen Gruppen, die in verschiedene Richtungen ausschwärmen sollten. Tuor neigte dem zweiten Vorschlag zu.

Meglin und Salgant jedoch rieten dagegen und sprachen dafür, die Stadt zu halten und zu versuchen, jene Schätze zu bewahren, die sie barg. Heimtücke war es, die Meglin so sprechen ließ, denn er fürchtete, dass jemand dem Verhängnis entrinnen könnte, das er über alle Noldoli gebracht hatte, um seine Haut zu retten, und er hatte Angst, sein Verrat könnte ruchbar werden und die Rache ihn in späteren Tagen ereilen. Salgant hingegen plapperte bloß Meglins Worte nach, von bitterer Angst geplagt, die Stadt zu verlassen, denn er wollte lieber von einer uneinnehmbaren Festung aus Krieg führen als auf dem Schlachtfeld das Wagnis eingehen, sich scharfen Hieben auszusetzen.

Dann machte sich der Fürst aus dem Hause des Maulwurfs die einzige Schwäche Turgons zunutze und sagte: »Höre, o Herr! Die Stadt Gondolin beherbergt einen Schatz von Edelsteinen und Metallen und vielerlei Dingen von unübertrefflicher Schönheit, geschaffen von den Händen der Gnomen, und all dies wollen deine Fürsten – die, wie mir scheint, tapferer sind als klug – dem Feind überlassen. Selbst wenn der Sieg auf der Ebene dir gehören sollte, wird die Stadt geplündert werden, und die Orks werden mit unermesslicher Beute von hier fortziehen.« Und Turgon seufzte, denn Meglin wusste um seine große Liebe zu den Reichtümern und Schönheiten jener befestigten Stadt auf dem Amon Gwareth. »Höre!«, fuhr Meglin fort und legte Leidenschaft in seine Stimme. »Hast du ungezählte Jahre hindurch umsonst gearbeitet, Mauern von unüberwindlicher Stärke gebaut und Tore, so mächtig, dass sie nicht einzurennen sind; ist die Macht des Berges Amon Gwareth so herabgesunken oder der Vorrat an Waffen und die unzähligen Pfeile, die hier lagern, von so geringem Wert, dass du in der Stunde der Gefahr all dies beiseite wirfst und nackt gegen Feinde aus Stahl und Eisen zu Felde ziehst, deren Stampfen die Erde erschüttert und deren Tritte die Umzingelnden Berge mit Lärm erfüllen?«

Und Salgant erhob seine lärmende Stimme, bei dem Gedanken an Kampf zitternd, und sagte: »Meglin hat recht, o König, höre auf ihn.« Und der König befolgte den Rat dieser beiden, obgleich alle Fürsten dagegen sprachen, und vielleicht tat er es gerade deswegen. Darum erwartete nun das ganze Volk auf seinen Befehl den Angriff auf den Mauern. Tuor aber weinte und verließ die Hallen des Königs, und die Männer des Flügels um sich scharend, ging er durch die Straßen zu seinem Haus. Zu dieser Stunde war das Licht gewaltig und geisterhaft, und in den Gassen der Stadt machten sich erstickende Hitze breit und schwarzer Rauch und Gestank.

Und nun kamen die Ungeheuer durch das Tal, und die weißen Türme Gondolins röteten sich vor ihnen; und selbst die Standhaftesten gerieten in Angst beim Anblick dieser Drachen aus Feuer und Schlangen aus Bronze und Eisen, die bereits den Berg der Stadt umschwärmten, und die Pfeile, mit denen man sie beschoss, richteten nichts aus. Da steigt ein Schrei der Hoffnung auf, denn seht, die Schlangen aus Feuer können den Berg nicht erklimmen, weil er zu steil und glatt ist und löschende Wasser über seine Flanken strömen; doch sie liegen an seinem Fuß, und wo die Flammen der Schlangen und diese Wasserfluten vom Amon Gwareth zusammentreffen, steigt ein ungeheurer Dampf auf. Eine solche Hitze entstand dort, dass Frauen ohnmächtig wurden, der Schweiß unter den Rüstungen die Männer erschöpfte und alle Quellen der Stadt, ausgenommen die des Königs, heiß wurden und dampften.

Aber Gothmog, Fürst der Balrogs, Führer der Heere Melkos, wusste sich Rat und sammelte alle seine Maschinen aus Eisen, die ihre Leiber winden und über alle Hindernisse kriechen konnten. Diesen befahl er, sich vor dem nördlichen Tor aufzutürmen; und fürwahr, ihre gekrümmten Leiber reichten gerade bis zu dessen Schwelle und drückten gegen die benachbarten Türme und Bastionen, und wegen der außerordentlichen Schwere ihrer Körpermassen brachen die Tore mit gewaltigem Krachen; doch der größte Teil der angrenzenden Mauern stand noch immer fest. Da ergossen sich aus den Maschinen und Katapulten des Königs Pfeile und Steinbrocken und geschmolzenes Metall auf die grausamen Untiere, und ihre hohlen Wänste dröhnten unter dem Aufprall, doch es nützte nichts, denn sie zerbarsten nicht, und die Flammen prallten von ihnen ab. Darauf öffneten sich die Leiber der obersten in der Mitte, und ein Heer zahlloser Orks, der Goblins des Hasses, strömte hervor und füllte die Bresche; und wer kann das Glänzen ihrer Krummschwerter ausmalen oder das Aufblitzen der breitschneidigen Speere, mit denen sie zustachen?

Da ließ Rog seine gewaltige Stimme erschallen, und das Volk vom Zornhammer und das Geschlecht vom Baum mit Galdor dem Tapferen sprang auf den Feind los. Und die Schläge ihrer großen Hämmer und die Hiebe ihrer Keulen hallten bis zu den Umzingelnden Bergen, und die Orks fielen wie Fliegen; und die Männer der Schwalbe und des Bogens überschwemmten sie mit Pfeilen, als käme der dunkle Regen des Herbstes über sie, und in Getümmel und Rauch fielen Orks wie Gondothlim. Gewaltig war dieser Kampf, doch trotz all dieses Heldenmutes wurden die Gondothlim unter der Wucht der ständig zunehmenden Zahl ihrer Gegner allmählich zurückgedrängt, bis die Goblins einen Teil der nördlichsten Stadt erobert hatten.

Zu dieser Zeit kämpft sich Tuor an der Spitze des Volks vom Flügel durch den Aufruhr in den Straßen, und nun bahnt er sich den Weg zu seinem Haus und erkennt, dass Meglin vor ihm dort ist. Darauf vertrauend, dass der Kampf am nördlichen Tor begonnen hatte, und auf den Aufruhr in der Stadt, hatte Meglin auf diesen Augenblick gewartet, seine Pläne zu vollenden. Er hatte viel über Tuors geheimes Werk erfahren (doch erst im letzten Augenblick hatte er davon Kenntnis bekommen und auch nicht alles herausfinden können), aber er sagte weder dem König noch einem anderen etwas davon, weil er es für gewiss hielt, dass der Tunnel schließlich in den Fluchtweg münden würde, der in unmittelbarer Nähe der Stadt lag, und er gedachte, dies zu seinem Vorteil zu nutzen und zum Unheil der Noldoli. In aller Heimlichkeit sandte er Boten zu Melko, damit dieser vor Beginn der Schlacht das äußere Ende des Fluchtweges bewachen lasse; er selbst jedoch dachte nun, sich Earendels zu bemächtigen und ihn in das Feuer am Fuß der Mauern zu werfen sowie Idril zu ergreifen und sie zu zwingen, ihn in den geheimen Tunnel zu führen. So wollte er dem Schrecken des Feuers und Gemetzels entrinnen und Idril mit sich in die Lande Melkos schleppen. Denn Meglin fürchtete, selbst das geheime Versprechen, das Melko ihm gegeben hatte, könne sich in dieser schrecklichen Plünderung als unwirksam erweisen, und war gesonnen, diesem Ainu, der ihm Sicherheit versprochen hatte, bei der Erfüllung seines Versprechens beizustehen. Er hatte jedoch keinen Zweifel, dass Tuor in dem großen Brand den Tod finden werde, denn Salgant hatte er die Aufgabe anvertraut, Tuor in den Hallen des Königs aufzuhalten und ihn von dort geradewegs in den tödlichsten Kampf zu treiben – aber, ach, Salgant, von Todesangst gepackt, ritt nach Hause und lag dort zitternd darnieder; Tuor aber war mit dem Volk vom Flügel auf dem Weg zu seinem Heim.

Tuor tat dies, obwohl sein tapferes Herz ihn ins Kampfgetümmel zog, um von Idril und Earendel Abschied zu nehmen und sie mit einer Leibwache eiligst in den geheimen Tunnel zu schicken, bevor er selbst wieder in die Schlacht zurückkehrte, um zu sterben, wenn es sein musste. Doch vor seiner Tür fand er ein Gedränge von Maulwurfsvolk, und diese Männer waren die grausamsten und herzlosesten, die Meglin in der Stadt hatte finden können. Sie waren jedoch freie Noldoli, die nicht, wie ihr Meister, unter Melkos Bann standen; zwar halfen sie Idril nicht, weil Meglin ihr Herr war, doch ebenso wenig wollten sie, trotz all seiner Flüche, sein Werkzeug sein.

Nun hatte Meglin Idril gerade bei den Haaren gepackt und suchte sie grausam zu den Brustwehren zu schleifen, damit sie mit ansehe, wie Earendel in die Flammen stürzte; doch das Kind behinderte ihn, und Idril, obgleich ganz allein, kämpfte ungeachtet ihrer Schönheit und Zierlichkeit wie eine Tigerin. Dort ringt er nun mit ihr, Verwünschungen ausstoßend, und verliert Zeit, während das Volk vom Flügel näher kommt – und hört, Tuor lässt einen Ruf erschallen, so gewaltig, dass die Orks in der Ferne ihn hören und bei seinem Klang erbeben. Wie ein krachender Sturmwind brach die Garde vom Flügel über die Männer vom Maulwurf herein, und sie wurden auseinandergeschleudert. Als Meglin dies sah, stach er mit einem kurzen Messer auf das Kind ein; doch Earendel biss ihn in die linke Hand, grub seine Zähne tief hinein, und Meglin strauchelte, stach zu schwach zu, und die Klinge glitt von dem kleinen Kettenhemd ab; und sogleich war Tuor über ihm, und sein Zorn war furchtbar anzusehen. Er ergriff Meglin bei der Hand, die das Messer hielt, drehte seinen Arm, bis er brach, und dann packte er ihn um die Leibesmitte, sprang mit ihm auf die Mauer und schleuderte ihn weit hinaus. Gewaltig war der Fall seines Körpers, und dreimal prallte er gegen den Amon Gwareth, bevor er mitten in die Flammen schlug; und der schändliche Name Meglins wurde bei den Eldar und den Noldoli ausgelöscht.

Da gingen die Krieger vom Maulwurf, die zahlreicher waren als die wenigen vom Flügel und ihrem Herrn ergeben, auf Tuor los, und ein heftiges Handgemenge begann, doch kein Mann konnte vor Tuors Zorn bestehen, und sie wurden geschlagen, mussten in welch dunkle Löcher auch immer fliehen oder wurden von den Mauern geworfen. Dann mussten Tuor und seine Mannen sich zum Gefecht am Tor begeben, denn der Lärm von dort war sehr laut geworden, und Tuor glaubte noch immer, die Stadt könne gehalten werden. Doch bei Idril ließ er Voronwe gegen seinen Willen und einige andere Krieger zurück, die sie beschützen sollten, bis er zurückkehrte oder ihr aus der Schlacht Nachricht sandte.

Nun war der Kampf am Tor in der Tat sehr schlimm, und Duilin von der Schwalbe wurde, als er von der Mauer schoss, von einem brennenden Pfeil der Balrogs getroffen, die am Fuß des Amon Gwareth umhersprangen; und er fiel von der Brustwehr und ging zugrunde. Die Balrogs fuhren fort, Feuerspeere und flammende Pfeile wie kleine Schlangen in den Himmel zu schießen, und diese fielen auf die Dächer und in die Gärten von Gondolin, bis alle Bäume versengt waren und Blumen und Gras verbrannten und die weißen Mauern und Säulengänge geschwärzt und rußig waren. Doch weit schlimmer war es, dass eine Gruppe dieser Dämonen die Windungen der eisernen Schlangen erklomm und von dort unaufhörlich mit Bogen und Schleudern schoss, bis im Rücken der Hauptstreitmacht der Verteidiger ein Feuer zu brennen begann.

Da rief Rog mit lauter Stimme: »Wer fürchtet die Balrogs trotz all ihres Schreckens? Seht sie vor uns, die Verfluchten, die viele Zeitalter lang die Kinder der Noldoli gequält haben und die jetzt mit ihren Geschossen in unserem Rücken ein Feuer entfacht haben. Kommt herbei, ihr Männer vom Zornhammer, wir wollen sie zerschmettern und ihnen ihre Bosheit heimzahlen!« Darauf hob er seine Keule, und ihr Griff war lang; und so gewaltig war der Ingrimm seines Angriffs, dass er eine Bresche schlug bis zum gefallenen Tor; alle Männer vom Geschlagenen Amboss folgten ihm wie ein Keil, und die Raserei ihres Zorns ließ Funken aus ihren Augen springen. Eine gewaltige Tat war dieser Ausfall, den die Noldoli immer noch besingen, und viele der Orks wurden zurückgedrängt bis in die Feuer unter ihnen; sogar auf die gewundenen Schlangenleiber sprangen Rogs Männer, griffen die Balrogs an und droschen auf sie ein, obgleich diese Kreaturen Flammenpeitschen und stählerne Krallen hatten und von sehr großer Statur waren. Sie schlugen sie in die Flucht oder fingen ihre Peitschen ab und schwangen sie gegen die Balrogs, sodass diese in Stücke gerissen wurden, wie sie einst die Gnomen zerfetzt hatten. Und die Zahl der Balrogs, die erschlagen wurden, erfüllte die Scharen Melkos mit Staunen und Furcht, denn vor diesem Tag war niemals ein Balrog durch die Hände von Elben und Menschen getötet worden.

Da sammelte Gothmog, Fürst der Balrogs, alle seine Dämonen, die in der Nähe der Stadt waren, und ordnete sie so: Eine Anzahl von ihnen griff das Volk vom Hammer an und wich vor ihm zurück, doch die größere Schar eilte seitlich vorbei, und es gelang ihr, in den Rücken der Gnomen zu gelangen, höher auf den Drachenleibern und näher an den Toren, sodass Rog sich nur unter großen Verlusten hätte zurückziehen können. Aber Rog, als er die Lage erkannte, versuchte gar nicht umzukehren, wie die Balrogs gehofft hatten, sondern fiel mit seiner ganzen Schar über jene Balrogs her, deren Aufgabe es war, vor ihm zurückzuweichen; und sie flohen vor ihm, jetzt aus nackter Not und nicht aus Berechnung. Hinunter in die Ebene wurden sie gehetzt, und ihre Schreie zerrissen die Luft über Tumladin. Dann setzten die Männer des Hauses vom Hammer ihnen nach und schlugen und hieben auf die verblüfften Scharen Melkos ein, bis sie schließlich von einer überwältigenden Streitmacht von Orks und Balrogs zum Stehen gebracht wurden und ein Feuerdrache auf sie losgelassen wurde. Dort, um Rog geschart und bis zuletzt kämpfend, gingen sie zugrunde, besiegt von Eisen und Flammen, und jetzt noch heißt es im Lied, dass jeder Mann vom Zornhammer sich sein Leben mit den Leben von sieben Feinden bezahlen ließ. Ob des Todes von Rog und des Verlustes seiner Streitmacht packte die Gondothlim noch größerer Schrecken, und sie wichen noch weiter in die Stadt zurück, und dort starb Penlod in einer Gasse, mit dem Rücken zur Wand, und viele Männer von der Säule und viele vom Schneeturm fielen neben ihm.

Darum hielten nun Melkos Kreaturen das Tor zur Gänze und einen großen Teil der Mauern zu beiden Seiten, von wo viele vom Haus der Schwalbe und vom Haus des Regenbogens ins Verderben gestürzt wurden; im Inneren der Stadt jedoch hatten sie sich fast bis zur Mitte vorgekämpft, ja bis zum Platz der Quelle, der an den Platz des Palastes grenzte. Doch entlang der Straßen und am Tor türmten sich zahllos ihre Toten auf, und darum hielten sie inne und beratschlagten, hatten sie doch durch die Tapferkeit der Gondothlim viel mehr Kämpfer verloren, als sie gedacht hatten, und weit mehr als die Verteidiger. Auch das Gemetzel, das Rog unter den Balrogs angerichtet hatte, erfüllte sie mit Furcht, denn diese Dämonen hatten ihnen viel Mut und Selbstvertrauen eingeflößt.

Der Plan, den sie fassten, war nun, zu verteidigen, was sie erobert hatten; währenddessen sollten die Schlangen aus Bronze mit ihren mächtigen Trampelfüßen über die Eisenschlangen kriechen und, wenn sie die Mauern erreicht hatten, eine Bresche hineinschlagen, durch welche die Balrogs auf den Flammendrachen reiten konnten; sie wussten aber, dass dies rasch geschehen musste, denn die Hitze dieser Drachen währte nicht unbegrenzt und konnte nur aus den Feuerbrunnen, die Melko in den Festungen seines eigenen Landes geschaffen hatte, erneuert werden. Doch gerade als ihre Boten ausgesandt wurden, hörten sie eine liebliche Musik, die inmitten des Heeres der Gondothlim gespielt wurde, und sie fragten sich erschrocken, was das bedeuten mochte; und hört, Ecthelion kam dort und mit ihm das Volk von der Quelle, das Turgon bis jetzt zurückgehalten hatte, denn er beobachtete den größten Teil des Angriffs aus der Höhe seines Turms. Diese Männer marschierten nun zur mächtigen Musik ihrer Flöten, und das Kristall und Silber ihrer Rüstungen war wunderbar anzusehen inmitten des roten Lichtes der Feuer und der Schwärze der Ruinen.

Dann verstummte plötzlich die Musik, und Ecthelion der Schönstimmige gab laut den Befehl, die Schwerter zu zücken, und ehe die Orks sich’s versahen, ging das Gewitter jener hell schimmernden Klingen auf sie nieder. Ecthelions Volk, so sagt man, erschlug mehr Orks, als jemals in allen Schlachten der Eldalie mit diesen Unholden getötet wurden, und sein Name löst bei ihnen bis auf den heutigen Tag Entsetzen aus, und für die Eldar wurde er zum Schlachtruf.

Nun geschieht es, dass Tuor und die Männer vom Flügel in den Kampf eingreifen und sich neben Ecthelion und die Männer von der Quelle einreihen, und die zwei teilen gewaltige Schläge aus und schützen sich gegenseitig vor manch einem Hieb und treiben die Orks in die Flucht, sodass diese fast bis zum Tor zurückweichen müssen. Aber von dort ertönt ein Beben und Stampfen, denn gewaltig trampeln die Drachen voran, sich einen Weg zu bahnen den Amon Gwareth hinauf, um die Mauern der Stadt niederzuwerfen; und schon klafft eine Lücke darin, und ein Gewirr von Steinbrocken liegt dort, wo die Wachtürme in Trümmer gefallen sind. Gruppen von der Schwalbe und vom Bogen des Himmels kämpfen dort erbittert inmitten der Trümmer oder sind an den Mauern von Osten nach Westen handgemein mit dem Feind: Doch gerade als Tuor näher kommt, die Orks vor sich hertreibend, wälzt sich eine der metallischen Schlangen gegen die westliche Mauer, und ein großes Mauerstück schwankt und fällt, und dahinter erscheint ein Untier aus Feuer, auf dem Balrogs reiten. Flammen schießen aus dem Rachen des Drachen und versengen die Angreifer, und die Flügel auf Tuors Helm werden schwarz, doch er hält stand und sammelt seine Garde um sich und die Männer vom Bogen und der Schwalbe, die er finden kann, während Ecthelion zu seiner Rechten die Männer von der Quelle des Südens um sich schart.

Die Ankunft der Drachen hat nun den Orks neuen Mut eingeflößt, und sie mischen sich unter die Balrogs, die durch die Bresche strömen, und fallen furchtbar über die Gondothlim her. Dort erschlug Tuor Othrod, einen Fürsten der Orks, dem er den Helm spaltete, und Balcmeg hieb er in Stücke, und Lug traf er mit seiner Axt und schlug ihm unterhalb der Knie die Beine ab, doch Ecthelion durchhieb mit einem Streich zwei Hauptleute der Goblins und spaltete den Schädel von Orcobal, ihrem besten Streiter, bis auf die Zähne; und dank der Mannhaftigkeit dieser beiden Fürsten drangen die Gondothlim sogar auf die Balrogs ein. Von diesen Dämonen der Macht erschlug Ecthelion drei, denn sein strahlendes Schwert spaltete ihre eiserne Haut, entfesselte ihr Feuer, sodass sie verbrannten; doch mehr noch entsetzte sie der Wirbel der Axt Dramborleg, von der Hand Tuors geschwungen, denn sie fuhr durch die Luft wie rauschende Adlerflügel, und wo sie fiel, brachte sie den Tod, und fünf der Balrogs gingen unter ihr zugrunde.

Es ist aber so, dass wenige nicht immerfort gegen viele kämpfen können, und Ecthelion trug von der Peitsche eines Balrogs einen tiefen Riss am linken Arm davon, und sein Schild fiel zur Erde, gerade als der Feuerdrache inmitten der Mauerreste näher kam. Da musste sich Ecthelion auf Tuor stützen, und dieser wollte ihn nicht im Stich lassen, obgleich die stampfenden Füße des Untiers auf sie zukamen, und ihr Schicksal schien besiegelt. Aber Tuor hieb in den Fuß des Drachen, sodass eine Flamme herausschoss und die Kreatur kreischte und mit dem Schwanz peitschte; und viele Orks und Noldoli fanden dadurch den Tod. Nun spannte Tuor alle Kräfte an, hob Ecthelion hoch, und inmitten der verbliebenen Kriegerschar kroch er unter dem Drachen hervor und entkam; doch schrecklich war das Blutbad, das dieses Untier unter den Männern angerichtet hatte, und die Gondothlim waren zutiefst erschüttert.

So kam es denn, dass Tuor, Pelegs Sohn, vor ihnen zurückwich, um jeden Fußbreit Boden kämpfend; und er trug Ecthelion von der Quelle aus der Schlacht, doch die Drachen und die anderen Feinde hatten die Hälfte der Stadt und den ganzen nördlichen Teil erobert. Von dort zogen plündernde Banden durch die Straßen, machten viel Beute oder töteten in der Dunkelheit Männer, Frauen und Kinder, und wenn sich Gelegenheit bot, fesselten sie viele, führten sie zurück und warfen sie in die Bäuche der eisernen Drachen, um sie später mitzuschleppen und Sklaven Melkos aus ihnen zu machen.

Von Norden kommend erreichte Tuor nun den Platz der Quelle des Volks und fand dort Galdor, der den westlichen Zugang durch den Bogen von Inwe gegen eine Horde der Goblins verteidigte, doch nur noch wenige Männer vom Baum standen ihm zur Seite.

Galdor wurde Tuors Rettung, denn im Gefolge seiner Männer stolperte er unter Ecthelions Last über einen Leichnam, der im Dunkel lag, und die Orks hätten beide ergriffen, wäre nicht dieser Held unvermutet mit geschwungener Keule auf sie losgegangen.

Dort wurden die zerstreuten Reste der Garde des Flügels, des Hauses vom Baum und der Quelle, der Schwalbe und des Bogens zu einem ansehnlichen Bataillon vereint, und auf Rat Tuors zog man sich vom Platz der Quelle zurück, weil der angrenzende Platz des Königs besser zu verteidigen war. Auf diesem Platz hatten nun früher viele schöne Blumen gestanden sowie Eichen und Pappeln, die einen großen Brunnen von gewaltiger Tiefe umstanden, der ein überaus reines Wasser enthielt; zu dieser Stunde jedoch war dieser Platz erfüllt von der Zügellosigkeit und Schändlichkeit der abscheulichen Kreaturen Melkos, und ihre Kadaver verseuchten die reinen Fluten.

So schließen sich die Verteidiger zum letzten Mal auf dem Platz vor dem Palast des Königs tapfer zusammen, und viele von ihnen sind verwundet und matt, und Tuor ist erschöpft durch die Anstrengungen der Nacht und die Last Ecthelions, den eine tödliche Ohnmacht umfängt. Gerade als Tuor dieses Bataillon von Nordwesten über die Straße der Bögen heranführte (und sie hatten große Mühe zu verhindern, dass der Feind ihnen in den Rücken fiel), ertönte Lärm an der Ostseite des Platzes, und seht, Glorfindel wird dorthin zurückgedrängt mit den letzten Männern der Goldenen Blume.

Diese hatten einem furchtbaren Angriff auf dem Großen Markt im Osten der Stadt standgehalten, wo eine Streitmacht von Orks und Balrogs sie unvermutet überfiel, als sie auf einem Umweg zum Kampf am Tor marschierten. Dort wollten sie den Feind überraschend auf seiner linken Flanke angreifen, doch sie gerieten selbst in einen Hinterhalt; hier fochten sie stundenlang erbittert, bis ein gerade durch die Bresche gekommener Feuerdrache sie überwältigte, und Glorfindel und wenige Männer hieben sich mit knapper Not den Weg frei; jener Markt jedoch mit seinen Läden und prächtigen Waren, Zeugnisse edlen Handwerks, war nun eine Flammenwüste.

Die Geschichte erzählt, dass Turgon ihnen auf dringendes Ersuchen Glorfindels die Männer der Harfe zu Hilfe schicken wollte, aber Salgant verschwieg ihnen diesen Befehl und sagte, sie sollten den Platz des Kleineren Marktes im Süden besetzen, wo er wohnte, und die Männer waren darüber ergrimmt. Doch nun hatten sie sich von Salgant losgesagt und waren vor die Hallen des Königs gezogen; und sie kamen gerade zur rechten Zeit, denn ein Gewimmel triumphierender Feinde war Glorfindel auf den Fersen. Über diese fielen die Männer der Harfe ohne Befehl und mit großer Kampfeslust her und machten die Feigheit ihres Anführers um das Vielfache wieder wett; sie drängten den Feind zum Markt zurück, und ihr Zorn trieb sie, führerlos wie sie waren, sogar noch weiter, sodass viele von ihnen ein Opfer der Flammen wurden oder, getroffen vom Atem des Drachen, der dort wütete, zu Boden sanken.

Nun trank Tuor aus der großen Quelle und war erfrischt, und er lüftete Ecthelions Helm, gab ihm zu trinken und bespritzte sein Gesicht, und die Ohnmacht wich von ihm. Dann räumten die Fürsten Tuor und Glorfindel den Platz und zogen alle entbehrlichen Männer von den Zugängen zurück, sperrten diese mit Barrikaden und ließen nur den Zugang von Süden noch offen. Von dort kommt in diesem Augenblick Egalmoth. Er hatte den Befehl über die Maschinen auf der Mauer innegehabt; doch da er es seit geraumer Zeit für notwendiger hielt, mit dem Schwert in den Straßen zu kämpfen als auf den Brustwehren zu schießen, sammelte er einige Männer vom Bogen und von der Schwalbe um sich und warf seinen Bogen fort. Dann zog er mit ihnen durch die Stadt, und sie schlugen sich wacker, wann immer sie auf feindliche Banden stießen. Dabei rettete er viele Scharen von Gefangenen, nahm nicht wenige umherirrende und gejagte Männer auf und kam so nach hartem Kampf zum Platz des Königs; und die Männer sahen ihn gern, denn sie hatten befürchtet, er sei gefallen. Nun drängten sich alle Frauen und Kinder, die sich hier zusammengefunden hatten oder die Egalmoth mitgebracht hatte, in den Hallen des Königs zusammen, und die tapfersten Kämpfer der Häuser machten sich zur letzten Schlacht bereit. In dieser Schar der Überlebenden finden sich einige, wenn auch nur wenige, aus jedem der Geschlechter Gondolins, ausgenommen das Haus des Hammers des Zorns. Und das Haus des Königs ist bis jetzt untätig gewesen, doch ist das keine Schande, denn es war immer seine Aufgabe, sich bis zuletzt zu schonen und den König zu verteidigen.

Aber jetzt haben die Mannen Melkos ihre Streitkräfte vereinigt, und sieben Feuerdrachen rücken an, umgeben von Orks und geritten von Balrogs, und sie kommen von Norden, Osten und Westen zum Platz des Königs. Da gab es an den Barrikaden ein Gemetzel, und Tuor und Egalmoth gingen von einer Sperre zur nächsten, aber Ecthelion lag bei der Quelle. Dieser Widerstand war der hartnäckigste und mannhafteste, und seiner wird gedacht in allen Liedern und in jeder Geschichte. Doch nach langem Kampf durchbrach zuletzt ein Drache die Barrikade im Norden – und dort hatte früher die Allee der Rosen geendet, ein lieblicher Ort zum Schauen und Spazieren, doch nun ist dort nur noch eine Schneise aus Schwärze, erfüllt von Getöse.

Tuor stand dort, versperrte dem Untier den Weg, doch er war getrennt von Egalmoth, und die Feinde drängten ihn zurück bis zur Mitte des Platzes in die Nähe der Quelle. Dort wurde ihm schwach von der würgenden Hitze, und er wurde von einem großen Dämon niedergeschlagen, von Gothmog selbst, dem Fürsten der Balrogs und Sohn Melkos. Doch hört, Ecthelion, das Antlitz bleich wie grauer Stahl, der Schildarm schlaff, stellte sich mit gespreizten Beinen über ihn, als Tuor fiel; und der Gnom stach auf den Dämon ein, doch er traf ihn nicht tödlich, sondern wurde selbst am Schwertarm verwundet, sodass ihm die Waffe aus der Hand glitt. Da sprang Ecthelion, Herr der Quelle, schönster der Noldoli, Gothmog mit seinem ganzen Gewicht an, gerade als dieser mit seiner Peitsche ausholte, und Ecthelions Helm trug einen Sporn, und diesen rammte er dem Untier in die Brust und umschlang mit seinen Beinen die Lenden des Feindes, und der Balrog schrie gellend und fiel nach vorn; doch alle beide stürzten sie in das Becken der königlichen Quelle. Dort fand diese Kreatur ihre verdiente Strafe, und Ecthelion sank, gezogen vom Gewicht des Stahls, in die Tiefe. Und so hauchte der Herr der Quellen nach einem feurigen Kampf im kühlen Wasser seine Seele aus.

Tuor hatte sich erhoben, als Ecthelions Angriff ihm Zeit gab, und als er diese große Tat sah, weinte er aus Liebe zu diesem schönen Gnomen von der Quelle; doch im Nu wieder ins Gefecht verwickelt, konnte er sich nur mit knapper Not den Weg zu den Kämpfern am Palast bahnen. Dort gingen nun, als sie den Feind wanken sahen, den ob des Falls von Gothmog, dem Marschall der Heere, Angst ergriff, die Streiter des königlichen Hauses zum Angriff über, und mit ihnen kam der König in seinem Glanz herab und kämpfte mit ihnen, sodass sie einen großen Teil des Platzes zurückgewannen und sogar zwei von den Balrogs erschlugen, was in der Tat von großem Heldenmut zeugt. Doch Größeres noch vollbrachten sie: Trotz seiner Flammen schlossen sie einen der Feuerdrachen ein und zwangen ihn bis in das Wasser der Quelle, sodass er darin zugrunde ging. Dies nun war das Ende dieses reinen Wassers; und seine Weiher verwandelten sich in Dampf, und sein Springquell versiegte und stieg nie mehr in den Himmel, sondern stattdessen erhob sich eine riesige Säule aus Dampf gen Himmel, und deren Wolke zog über das ganze Land.

Da befiel alle Furcht ob des bösen Schicksals der Quelle, und der Platz füllte sich mit Schwaden glühender Hitze und blendenden Nebeln, und die Streiter des königlichen Hauses kamen um, getötet von der Hitze, einem Feind, einem Drachen oder einem Waffenbruder; doch eine Abteilung rettete den König, und unter den Bäumen Glingol und Bansil scharten sich die Männer zusammen.

Da sagte der König: »Tief ist der Fall von Gondolin«, und ein Schauder überlief die Männer, denn so lauteten die Worte von Amnon, dem Propheten von einst; doch Tuor, von Liebe und Mitleid für den König erfüllt, sprach stürmische Worte und rief: »Noch steht Gondolin, und Ulmo wird es nicht untergehen lassen!« In diesem Augenblick standen nun beide, Tuor bei den Bäumen und der König auf der Treppe, ebenso da wie damals, als Tuor Ulmos Botschaft überbracht hatte. Aber Turgon sagte: »Unheil habe ich über die Blumen der Ebene gebracht, Ulmo zum Trotz, und nun lässt er sie im Feuer vergehen. Hört! Keine Hoffnung ist mehr in meinem Herzen für meine Stadt der Lieblichkeit, aber die Kinder der Noldoli sollen nicht auf ewig besiegt sein.«

Da schlugen die Gondothlim an ihre Waffen, denn viele standen in der Nähe, doch Turgon sagte: »Kämpft nicht gegen das Schicksal, o meine Kinder! Suche, wer mag, sein Heil in der Flucht, falls überhaupt noch Zeit dazu ist: Doch Tuor erhaltet eure Treue.« Tuor aber erwiderte: »Du bist der König«; und Turgon gab zur Antwort: »Doch keinen Schwertstreich mehr werde ich tun«, und er warf seine Krone auf die Wurzeln von Glingol. Darauf hob sie Galdor auf, der dort stand, aber Turgon nahm sie nicht an, und barhäuptig erstieg er die höchste Spitze des weißen Turms, der in der Nähe seines Palastes stand. Dort hob er seine Stimme, und sie klang wie ein Horn, das in den Bergen geblasen wird, und alle, die unter den Bäumen versammelt waren, und die Feinde in den Nebeln des Platzes, vernahmen sie: »Gewaltig ist der Sieg der Noldoli!« Und es heißt, dass dies um Mitternacht geschah und die Orks in ein Hohngeschrei ausbrachen.

Dann berieten die Männer über einen Ausfall, und es gab zwei Meinungen. Viele glaubten, es sei unmöglich, durchzubrechen, geschweige denn über die Ebene und durch die Berge zu gelangen, und es sei darum besser, zusammen mit dem König zu sterben. Tuor jedoch mochte nicht an den Tod so vieler schöner Frauen und Kinder denken, sei es, als der letzte Ausweg, durch die Hände ihres eigenen Volks oder durch die Waffen der Feinde, und er sprach von dem Tunnel und dem geheimen Weg. Darum schlug er vor, man solle Turgon umzustimmen suchen, ihn bitten, zu ihnen zu kommen und die Überlebenden nach Süden zu den Mauern und zum Eingang des Tunnels zu führen; er selbst aber brannte vor Verlangen, sich dorthin zu begeben und zu erfahren, wie es Idril und Earendel ginge, oder ihnen die Nachricht zukommen zu lassen, sich schleunigst auf den Weg zu machen, weil Gondolin gefallen sei. Tuors Plan erschien den Fürsten in der Tat verzweifelt – angesichts der Enge des Tunnels und der großen Zahl der Flüchtlinge, die ihn durchqueren mussten –, doch in ihrer Not wollten sie seinem Vorschlag gern folgen. Turgon aber hörte nicht auf sie und befahl ihnen, sogleich aufzubrechen, ehe es zu spät sei. »Tuor«, sagte er, »soll euch leiten und anführen. Ich, Turgon, hingegen werde meine Stadt nicht verlassen und werde mit ihr verbrennen.« Da sandten sie abermals Boten zum Turm, die sagten: »Herr, was sind die Gondothlim ohne dich? Führe uns!« Doch er erwiderte: »Hört mich! Hier bleibe ich!« Und als sie ein drittes Mal kamen, sagte er: »Als euer König sage ich euch: Gehorcht meinem Geheiß und wagt es nicht, weiterhin meine Befehle infrage zu stellen!« Danach schickten sie keine Boten mehr und machten sich zu dem verzweifelten Versuch bereit. Aber die Männer des königlichen Hauses, die noch am Leben waren, wollten keinen Fuß rühren, sondern scharten sich dicht um den Fuß des königlichen Turms. »Hier«, sagten sie, »werden wir bleiben, wenn Turgon nicht fortgeht«; und sie ließen sich nicht umstimmen.

Nun war Tuor schmerzlich zerrissen zwischen seiner Achtung für den König und seiner Liebe zu Idril und seinem Kind, nach denen sein Herz sich sehnte. Doch schon drangen Drachen auf den Platz, stampften über Tote und Sterbende, und in den Nebeln sammelte sich der Feind zum letzten Angriff; und die Entscheidung musste getroffen werden. Da scharte er, überwältigt vom Klagen der Frauen in den Hallen des Palastes und von großem Mitleid für die bejammernswerten Überreste des Volkes von Gondolin, die ganze traurige Menge um sich, Mädchen, Kinder und Mütter, und hieß sie in der Mitte gehen, und seine Männer ordnete er, so gut er konnte, um sie herum an. Die Flanken und den Rücken machte er am stärksten, denn er plante beim Rückzug gen Süden nach besten Kräften mit der Nachhut zu kämpfen; und so, wenn alles glücklich ablief, dachte er über die Straße des Prunks zum Platz der Götter zu ziehen, ehe eine große Streitmacht ausgesandt werden konnte, ihn zu umgehen. Von dort wollte er über den Weg der Eilenden Wasser, vorbei an den Quellen des Südens, zu den Mauern und zu seinem Haus gelangen; doch wenn er an den Zug durch den geheimen Tunnel dachte, überkamen ihn große Zweifel. Darauf nun rückte der Feind, der seine Bewegung erspäht hatte, zu einem mächtigen Angriff auf seine linke Flanke und seine Nachhut vor – von Osten und Norden –, just als er sich zurückzuziehen begann; doch seine rechte Flanke wurde von der Halle des Königs gedeckt, und die Spitze seiner Marschsäule bog bereits in die Straße des Prunks ein.

Alsdann kamen einige der gewaltigsten Drachen herbei und glühten in dem Nebel, und Tuor musste die Schar zwingen loszurennen, während er auf der linken Flanke aufs Geratewohl kämpfte; Glorfindel jedoch hielt ihm tapfer den Rücken frei, und hier fielen abermals viele Männer von der Goldenen Blume. So kam es, dass sie die Straße des Prunks hinter sich ließen und Gar Ainion erreichten, den Platz der Götter. Dieser Platz war wie ein offenes Gelände, und in der Mitte lag der höchste Punkt der ganzen Stadt. Hier gerät Tuor in eine schlimme Lage und hat kaum noch Hoffnung, viel weiter vorzudringen; doch seht, die Feinde scheinen bereits zu erlahmen, und kaum einer folgt ihnen noch, und das ist ein Wunder. Nun kommt Tuor an der Spitze des Zuges zum Platz der Vermählung, und siehe, dort steht Idril vor ihm mit gelöstem Haar wie am Tage ihrer Hochzeit; und groß ist seine Verblüffung. Voronwe stand neben ihr und niemand sonst, doch Idril sah Tuor überhaupt nicht an, denn ihr starrer Blick war auf den Platz des Königs gerichtet, der nun ein wenig unter ihnen lag. Da kam der ganze Zug zum Stehen, und alle Augen folgten Idrils Blick, und ihre Herzen standen still; denn nun erkannten sie, warum der Feind sie so wenig bedrängte, und den Grund für ihre Rettung. Seht! In diesem Augenblick wand sich ein Drache über die letzten Stufen des Palastes und besudelte ihre Weiße; doch Schwärme von Orks hausten in seinem Inneren, schleppten vergessene Frauen und Kinder ins Freie oder erschlugen die Männer, die allein kämpften. Glingol war bis auf einen Stumpf vertrocknet und Bansil war zur Gänze schwarz geworden, und der Turm des Königs war belagert. Hoch oben konnten sie die Gestalt des Königs erkennen, doch am Fuß des Turms schlug und peitschte ein flammenspeiender Drache mit seinem Schwanz, und Balrogs umgaben ihn; und die Männer des Königshauses waren in höchster Not, und Angstschreie drangen bis zu den Zuschauern hinauf. Die Plünderung der Hallen Turgons und der allertapferste Widerstand des königlichen Hauses waren es also, die den Feind fesselten, sodass Tuor mit seiner Schar von dort fortziehen und nun in Tränen auf dem Platz der Götter stehen konnte.

Da sagte Idril: »Weh mir, einer Tochter, deren Vater hoch auf der höchsten Spitze sein Schicksal erwartet; doch siebenmal größer ist das Leid der Frau, deren Gebieter vor Melko zugrunde gegangen ist und nicht mehr heimkommen wird!« Denn die Qualen dieser Nacht hatten ihren Geist verwirrt.

Da sagte Tuor: »Schau mich an, Idril! Ich bin’s, und ich lebe; doch nun will ich deinen Vater holen, und sei es aus den Höllen Melkos!« Mit diesen Worten wollte er allein den Hügel hinabstürzen, außer sich über das Leid seiner Gemahlin; doch sie, in einer Flut von Tränen zu sich kommend, umklammerte seine Knie und sagte: »Mein Gebieter! Mein Gebieter!«, und hielt ihn zurück. Doch gerade als sie sprachen, stiegen aus jenem Ort der Qual gewaltiger Lärm und gellendes Geschrei auf. Seht! Der Turm fing Feuer, und in einer Stichflamme brach er zusammen, denn die Drachen zermalmten seine Festen und alle, die dort standen. Ungeheuer war das Krachen dieses entsetzlichen Einsturzes, und darin verschwand Turgon, König von Gondolin, und von diesem Augenblick an gehörte Melko der Sieg.

Da sprach Idril mit schwerer Stimme: »Beklagenswert ist die Blindheit des Weisen«; doch Tuor erwiderte: »Beklagenswert ist auch der Starrsinn jener, die wir lieben – doch es war ein Irrtum voller Heldenmut.« Darauf beugte er sich nieder und küsste sie, denn sie bedeutete ihm mehr als alle Gondothlim; doch sie weinte bitterlich um ihren Vater. Darauf wandte sich Tuor an die Hauptleute und sagte: »Hört! Wir müssen von hier fort, so rasch wir können, damit wir nicht eingeschlossen werden«; und damit setzten sie sich in Bewegung, so schnell sie es vermochten, und verließen diesen Ort, bevor die Orks der Plünderung des Palastes überdrüssig und des Jubels über den Sturz des Turms von Turgon müde würden.

Nun befinden sie sich im südlichen Teil der Stadt und stoßen bloß auf verstreute Banden von Plünderern, die vor ihnen fliehen; doch überall finden sie Feuer und Brand, die der ruchlose Feind hinterlassen hat. Frauen treffen sie, einige Säuglinge tragend, andere mit Hausrat beladen, doch Tuor erlaubte nicht, dass sie etwas anderes mitnahmen als ein wenig Nahrung. Als sie nun endlich in ein ruhigeres Gebiet kamen, fragte Tuor Voronwe nach Neuigkeiten, weil Idril kein Wort sprach und wie eine Schlafwandlerin dahinschritt; und Voronwe erzählte ihm, wie er und Idril vor den Toren des Hauses gewartet hätten, während der Schlachtlärm wuchs und ihre Herzen erschütterte; und Idril habe geweint, weil von Tuor keine Nachricht gekommen sei. Schließlich hatte sie den größten Teil ihrer Wachmannschaft mit Earendel in den geheimen Tunnel hinabgeschickt und sie mit herrischen Worten zum Abmarsch gezwungen, doch groß sei ihr Kummer über diese Trennung gewesen. Sie selbst wolle bleiben, sagte sie, und ohne ihren Gebieter wolle sie nicht weiterleben. Und dann lief sie umher, sammelte Frauen und Umherirrende und sandte sie eilends in den geheimen Tunnel und kämpfte mit ihrer kleinen Schar gegen Räuber, und niemand konnte sie davon abbringen, ein Schwert zu tragen.

Schließlich waren sie mit einer Bande aneinandergeraten, die ein wenig zu zahlreich gewesen war, und nur mit dem Glück der Götter hatte Voronwe sie von dort weggezerrt, denn alle anderen waren umgekommen, und der Feind brannte Tuors Haus nieder; doch den geheimen Tunnel fand er nicht.

»Dadurch«, sagte Voronwe, »verwirrten Erschöpfung und Gram deiner Gemahlin den Geist, und zu meiner großen Besorgnis eilte sie wie toll in die Stadt – und ich konnte sie nicht dazu bewegen, fortzugehen, als der Palast in Flammen aufging.«

Während Voronwes Erzählung waren sie zu den südlichen Mauern und zu Tuors Haus gelangt, und siehe! das Haus war niedergerissen und die Trümmer rauchten, und darüber geriet Tuor in bitteren Zorn. Jedoch sie hörten Lärm, der anzeigte, dass Orks sich näherten, und Tuor schickte seine Schar so rasch wie möglich hinab in den geheimen Tunnel.

An dieser Treppe nun überkommt die Verbannten großer Jammer, als sie Gondolin Lebewohl sagen; haben sie doch nicht viel Hoffnung, jenseits der Berge weiterleben zu können, denn wie sollen sie den Händen Melkos entschlüpfen?

Tuor ist froh, als alle den Eingang durchschritten haben, und sein Herz wird leichter; in Wirklichkeit ist es allein dem Glück der Valar zu verdanken, dass sie alle in den Tunnel gelangen, ohne von den Orks erspäht zu werden. Einige werden nun zurückgelassen, die ihre Waffen ablegen und mit Pickeln arbeiten und von drinnen den Zugang zum Tunnel verschließen, um dann den Übrigen so rasch wie möglich zu folgen. Doch als die Flüchtlinge die Treppe herabgestiegen waren und sich auf gleicher Höhe mit dem Tal befanden, wurde die Hitze zur Qual, die das Feuer der Drachen in der Stadt verursachte. Und diese Untiere waren in der Tat nah, denn der Tunnel verlief nicht sehr tief unter der Erde. Durch die Erschütterungen der Erde wurden Felsbrocken gelöst, die herabstürzten und viele zermalmten, und Rauchwolken zogen durch die Luft, die ihre Fackeln und Lampen erstickten. Hier stolperten sie über die Leichname einiger, die vor ihnen aufgebrochen und zugrunde gegangen waren, und Tuor sorgte sich um Earendel; und in dichter Finsternis und voller Angst eilten sie vorwärts. Fast zwei Stunden waren sie in diesem Erdtunnel, und zum Ende hin war er noch nicht ganz fertiggestellt, sondern an den Seiten unbehauen und niedrig.

Dann kamen sie schließlich, um fast ein Zehntel ihrer Zahl vermindert, zur Öffnung des Tunnels. Diese führte klugerweise in eine große Senke, die einst mit Wasser gefüllt gewesen, nun jedoch von dichtem Buschwerk bedeckt war. Hier drängte sich eine große Menge allerlei Volks zusammen, das Idril und Voronwe zuvor durch den verborgenen Weg geschickt hatten, und diese Gnomen weinten leise vor Erschöpfung und Kummer, und Earendel war nicht unter ihnen. Darob ergriff Tuor und Idril große Herzensqual. Auch bei allen anderen war Wehklagen zu hören, denn in der Mitte der Ebene, die sie umgab, ragte in der Ferne Amon Gwareth auf, von Flammen gekrönt, wo einst die schimmernde Stadt, ihre Heimat, gestanden hatte. Feuerdrachen wüten darin, und durch ihre Tore kriechen Ungeheuer aus Eisen hinein und hinaus, und verheerend ist die Plünderung durch Orks und Balrogs. Doch für die Anführer liegt darin gleichwohl ein wenig Trost, denn sie können annehmen, dass die Ebene von Melkos Volk fast frei ist, ausgenommen die unmittelbare Nähe der Stadt, denn alle seine bösen Wesen haben sich dorthin begeben, um sich an der Zerstörung zu weiden.

»Jetzt«, sagte Galdor daher, »müssen wir so nahe wie möglich an die Umzingelnden Berge gelangen, bevor die Morgendämmerung uns überrascht, und dazu bleibt uns nicht viel Zeit, weil der Sommer bevorsteht.« Darüber entstand Uneinigkeit, denn einige sagten, es sei eine Torheit, zum Cristhorn zu gehen, wie Tuor es plante. »Die Sonne«, sagten sie, »wird längst aufgegangen sein, bevor wir die Vorberge erreichen, und die Drachen und Dämonen werden uns in der Ebene zur Strecke bringen. Lasst uns zum Bad Uthwen ziehen, zum Fluchtweg, denn diese Strecke ist nur halb so lang, und unsere Erschöpften und Verwundeten können hoffen, zumindest so weit zu kommen.«

Doch Idril sprach dagegen und überzeugte die Fürsten, dass es nicht gut sei, auf den Zauber dieses Weges zu vertrauen, der ihn einst vor Entdeckung geschützt habe: »Denn welcher Zauber besteht wohl weiter, wenn Gondolin gefallen ist?« Trotzdem trennte sich eine große Schar von Männern und Frauen von Tuor, zog nach Bad Uthwen und lief dort in den Rachen eines Ungeheuers, das Melko voll Tücke auf Meglins Rat hin vor den Ausgang gesetzt hatte, damit niemand hindurchkäme.

Doch die anderen, angeführt von einem gewissen Legolas Grünblatt aus dem Hause des Baums, der nachtsichtig war und sich bei Tag und Nacht in der Ebene zurechtfinden konnte, zogen ungeachtet ihrer Müdigkeit in großer Eile durch das Tal und machten erst nach einem langen Marsch halt. Da war die ganze Erde in das graue Licht jener trüben Morgendämmerung getaucht, die nicht mehr auf die Schönheit Gondolins blickte; die Ebene aber war voller Nebel – und das war ein Wunder und hatte vielleicht mit dem Verdampfen der Quelle des Königs zu tun, denn nie zuvor waren Dunst oder Nebel dorthin gekommen. Sie brachen wieder auf und zogen, vom Nebel verborgen, im Morgenlicht sicher dahin, bis sie schließlich zu weit entfernt waren, als dass sie jemand von dem Hügel oder den zerstörten Mauern aus in den Nebelschwaden hätte erspähen können.

Die Berge, oder besser ihre niedrigsten Ausläufer, waren nun auf dieser Seite etwas weniger als sieben Wegstunden von Gondolin entfernt, und der Aufstieg zum Cristhorn, was Adlerspalte bedeutet, vom Fuß der Berge erforderte zwei Wegstunden, denn dieser Pass lag sehr hoch. Darum mussten sie nun in den Ausläufern und Vorbergen noch mehr als zwei Wegstunden hinter sich bringen, und sie waren sehr müde. Inzwischen stand die volle Sonne über einem Grat in den südlichen Bergen, und sie war sehr groß und rot; und in ihrer Nähe lichteten sich die Nebel, doch die Ruinen von Gondolin waren wie von einer Wolke gänzlich verhüllt. Als die Sicht sich klärte, erblickten sie, nur wenig entfernt, eine Gruppe von Männern, die zu Fuß flohen, und diese wurden von einem sonderbaren Reitertrupp verfolgt. Es waren Orks, die auf großen Wölfen ritten und, wie sie zu erkennen meinten, Speere schwangen. Da rief Tuor: »Seht! Dort ist Earendel, mein Sohn! Seht doch! Sein Gesicht leuchtet wie ein Stern in der Öde, und meine Männer vom Flügel sind bei ihm, und sie sind in größter Not.« Sogleich wählte er fünfzig Männer aus, die am wenigsten erschöpft waren, und während er die Hauptstreitmacht folgen ließ, zog er mit diesem Trupp, so rasch es ihre letzten Kräfte erlaubten, über die Ebene. Als sie nun auf Rufweite herangekommen waren, rief Tuor den Männern um Earendel zu, nicht weiterzufliehen, sondern stehenzubleiben, denn die Wolfreiter zersprengten sie und töteten sie einen nach dem anderen. Und Hendor, einer von Idrils Hausknechten, trug das Kind auf seinen Schultern, und er schien mit seiner Last zurückzubleiben. Dann standen sie Rücken an Rücken und Hendor und Earendel in der Mitte; doch Tuor und seine Männer kamen rasch heran, obgleich sie alle außer Atem waren.

Es waren zwanzig Wolfreiter, und von den Männern um Earendel waren nur noch sechs am Leben; darum ließ Tuor seine Männer sichelförmig in einer Reihe ausschwärmen und hoffte, die Reiter so einzuschließen, dass keiner entkommen, das feindliche Hauptheer benachrichtigen und Verderben über die Flüchtlinge bringen könne. Damit hatte er Erfolg, denn nur zwei entkamen, und da sie überdies verwundet und ihrer Reittiere verlustig waren, brachten sie die Nachricht zu spät zur Stadt.

Earendel war glücklich, Tuor wiederzusehen, und Tuor freute sich über die Maßen über sein Kind; doch Earendel sagte: »Ich bin durstig, Vater, denn ich bin weit gelaufen – und Hendor hätte mich nicht zu tragen brauchen.« Sein Vater sagte nichts dazu, denn er hatte kein Wasser und dachte an den Durst der ganzen Schar, die er führte; doch Earendel sprach weiter: »Es war gut, Meglin sterben zu sehen, denn er wollte meiner Mutter Gewalt antun – und ich konnte ihn nicht leiden; aber in den Tunnel möchte ich nicht gehen, trotz der Wolfreiter Melkos.« Da lächelte Tuor und setzte ihn auf seine Schultern. Bald danach kam die übrige Schar heran, und Tuor übergab Earendel seiner Mutter, und Idril war sehr glücklich; doch Earendel mochte nicht in ihren Armen getragen werden und sagte: »Mutter Idril, du bist müde, und bei den Gondothlim reiten Krieger nicht, wenn sie eine Rüstung tragen, höchstens der alte Salgant!« Und trotz ihres Kummers musste seine Mutter lachen; doch Earendel fuhr fort: »Ach, wo ist Salgant?« Denn Salgant hatte ihm wunderliche Geschichten erzählt oder zuweilen spaßige Spiele mit ihm gespielt, und Earendel hatte mit dem alten Gnom in jenen Tagen viele lustige Stunden verbracht, als dieser manchen Tag in Tuors Haus kam, weil er den guten Wein und die feinen Speisen liebte, die ihm dort vorgesetzt wurden. Aber niemand konnte sagen, wo Salgant war, und jetzt erst recht nicht. Vielleicht hat das Feuer ihn auf seinem Bett ereilt. Doch einige meinten, er sei als Gefangener zu den Hallen Melkos geführt worden und spiele dort dessen Narren – und das ist ein schlimmes Schicksal für einen Edlen aus dem hohen Volk der Gnomen. Da wurde Earendel traurig und ging stumm neben seiner Mutter.

Sie kamen nun zu den Vorbergen, und es war später Morgen, doch noch immer grau, und dort, nahe dem Beginn des Aufstiegs, streckte man sich aus und rastete in einem kleinen Tal, gesäumt von Bäumen und Haselgesträuch, und viele schliefen trotz der Gefahr, denn sie waren völlig erschöpft. Doch Tuor ließ strenge Wache halten, und er selbst schlief nicht. Hier verzehrten sie ein karges Mahl; und Earendel stillte seinen Durst und spielte am Rande eines kleinen Baches. Dann sagte er zu seiner Mutter: »Mutter Idril, ich wollte, der gute Ecthelion wäre bei uns und spielte mir auf seiner Flöte vor oder schnitzte mir Pfeifen aus Weidenrohr! Ist er vielleicht schon vorausgegangen?« Doch Idril verneinte und erzählte ihm, was sie über das Ende Ecthelions von der Quelle gehört hatte. Darauf erwiderte Earendel, dann sei es ihm verleidet, die Straßen von Gondolin wiederzusehen, und er weinte bitterlich; doch Tuor sagte, dass er diese Straßen niemals wiedersehen werde, »denn Gondolin ist nicht mehr«.

Als die Sonne hinter den Bergen zu sinken begann, befahl Tuor aufzubrechen, und die Flüchtlinge eilten weiter über zerklüftete Pfade. Das Gras wurde nun rasch dünner, wich bemoosten Steinen, die Bäume verschwanden, und sogar die Kiefern und Tannen wuchsen spärlich. Gegen Sonnenuntergang wand sich der Weg um einen Bergrücken, sodass sie nicht mehr nach Gondolin zurückschauen konnten. Dort wandte sich die ganze Schar um, und seht, wie einst liegt die Ebene klar und freundlich im letzten Licht; doch weit in der Ferne schoss eine gewaltige Flamme auf gegen den verdunkelten nördlichen Himmel – und das war der Fall des letzten Turms von Gondolin, und es war ebenjener, der dicht am südlichen Tor gestanden hatte und dessen Schatten oft auf die Mauern von Tuors Haus gefallen war. Dann versank die Sonne, und Gondolin war verschwunden.

Der Pass von Cristhorn, die Adlerspalte, ist ein gefährlicher Pfad, und diese Schar hätte ihn bei Dunkelheit nicht zu betreten gewagt, ohne Lampen oder Fackeln, todmüde und behindert mit Frauen und Kindern und elenden und verwundeten Männern, wäre nicht die Furcht vor Melkos Spähern so groß gewesen, denn die Zahl der Flüchtlinge war gewaltig, und sie konnten sich nicht völlig lautlos bewegen. Die Dunkelheit verdichtete sich rasch, als sie sich der Höhe näherten, und sie mussten in einer langen Linie hintereinander gehen. Galdor und eine Gruppe mit Speeren bewaffneter Männer gingen voran, und bei ihnen war Legolas, der in der Dunkelheit schärfer und weiter sehen konnte als eine Katze. Darauf folgten die kräftigsten der Frauen, die den Kranken und Verwundeten beistanden, die zu Fuß gehen konnten. Darunter waren Idril und Earendel, der sich tapfer hielt. Hinter ihnen in der Mitte ging Tuor mit allen seinen Männern vom Flügel, und sie trugen einige, die schwer verwundet waren, und Egalmoth war bei ihm, doch er hatte beim Ausfall vom Platz eine Wunde davongetragen. Dahinter folgten wieder viele Frauen mit Säuglingen und Mädchen und lahmen Männern, denen selbst das langsame Gehen schwerfiel. Die Nachhut bildete die größte Gruppe kampftüchtiger Männer, und darunter war der goldhaarige Glorfindel.

So waren sie zum Cristhorn gekommen, einem üblen Ort, denn er liegt so hoch, dass weder Frühling noch Sommer je dorthin kommen, und es ist dort sehr kalt. Wahrlich, während im Tal die Sonne lacht, liegt in diesen öden Gefilden das ganze Jahr Schnee, und eben als sie dort anlangten, kam hinter ihrem Rücken aus dem Norden ein heulender schneidender Wind. Schnee fiel, wurde vom Wind umhergewirbelt und trieb ihnen in die Augen; und das war gefährlich, denn dort ist der Pfad schmal, und zu ihrer Rechten oder nach Westen hin steigt senkrecht zum Pfad eine Felswand beinahe sieben mal sechzig Fuß hoch empor, bevor sie oben in zerklüftete Spitzen ausläuft, wo viele Adlerhorste sind. Dort haust Thorndor, König der Adler, Fürst der Thornhoth, den die Eldar Sorontur nannten. Doch auf der anderen Seite gähnt ein Abgrund, wenn auch nicht senkrecht, so doch entsetzlich steil, und lange Felsnadeln stechen aus ihm hervor, sodass man hinunterklettern – oder vielleicht fallen –, doch unter keinen Umständen hinaufgelangen kann. Und aus dieser Tiefe gibt es nach keiner Seite ein Entkommen, und an ihrem Grund fließt der Thorn Sir. Von Süden stürzt er über einen mächtigen Felsvorsprung hinab, doch sein Wasserfall ist dünn, denn in diesen Höhen ist er noch ein kleiner Fluss. Er fließt nur ein kurzes Stück über der Erde durch ein steiniges Bett, ehe er nach Norden hin in einen schmalen Spalt hinabfließt, der in den Berg führt, und nicht einmal ein Fisch könnte sich hindurchzwängen.

Galdor und seine Männer sind nun fast bis zu der Stelle gekommen, wo der Thorn Sir in den Abgrund stürzt, und die anderen waren, trotz aller Anstrengungen Tuors, fast über die ganze Länge des gefährlichen Weges zwischen Abgrund und Klippe verteilt, sodass Glorfindels Schar kaum den Anfang des Pfades erreicht hatte, als ein Schrei durch die Nacht gellte, der in der wilden Gegend widerhallte. Seht! Galdors Männer wurden in der Dunkelheit plötzlich von Gestalten angegriffen, die hinter Felsen hervorsprangen, wo sie, selbst den Augen von Legolas verborgen, auf der Lauer gelegen hatten. Tuor war der Meinung, sie seien mit einem der streifenden Trupps Melkos zusammengestoßen, und glaubte, ihnen stehe nur ein kurzes Scharmützel bevor, doch er schickte die Frauen und Kranken nach hinten, vereinigte seine Männer mit denen von Galdor, und es kam zum Kampf auf dem gefährlichen Pfad. Doch nun stürzten von oben Felsbrocken herunter, und das war eine böse Überraschung, denn sie richteten schlimmes Unheil an; aber noch schlimmer erschien Tuor die Lage, als er von der Nachhut Waffenlärm hörte, und ein Mann aus dem Haus der Schwalbe brachte ihm die Nachricht, dass Glorfindel von Männern hart bedrängt wurde, die ihn von hinten angriffen, und bei ihnen sei ein Balrog.

Da befürchtete er ernsthaft, in eine Falle geraten zu sein, und ebendies war in Wahrheit auch geschehen; denn überall in den Umzingelnden Bergen hatte Melko Wächter postiert. Doch wegen der Tapferkeit der Gondothlim waren so viele davon für den Angriff auf die Stadt abgezogen worden, dass ihrer nur noch wenige waren, und hier im Süden war ihre Zahl am kleinsten. Gleichwohl hatte einer dieser Wächter Tuors Zug erspäht, als dieser aus dem Haselnusstal aufbrach und sich an den Aufstieg machte. Als man so viele Männer zusammengerottet hatte wie irgend möglich, beschloss man, die Verbannten auf dem gefährlichen Pfad am Cristhorn von vorn und von hinten anzugreifen. Trotz des überraschenden Überfalls hielten nun Galdor und Glorfindel stand, und viele Orks wurden in den Abgrund gestoßen; aber die herabstürzenden Felsbrocken drohten all ihre Tapferkeit zunichte zu machen und die Flucht aus Gondolin am Ende scheitern zu lassen.

Zu dieser Stunde stieg der Mond über den Pass, und die Düsternis wurde ein wenig lichter, denn sein mattes Licht drang an dunkle Orte, doch den Pfad erhellte es nicht, weil die Felswände zu hoch waren. Da erhob sich Thorndor, König der Adler. Er hegte einen Groll gegen Melko, denn dieser hatte viele Adler aus seiner Sippe gefangen, sie an spitze Felsen gekettet, um ihnen die Zauberworte abzupressen, durch die er das Fliegen zu erlernen hoffte (denn er träumte davon, es in den Lüften selbst mit Manwe aufzunehmen). Und als die Adler nichts sagten, schnitt er ihnen die Flügel ab und versuchte, sich daraus ein Flügelpaar zu seinem eigenen Gebrauch zu fertigen, doch es gelang ihm nicht.

Als nun der Kampflärm vom Pass bis zu seinem großen Horst hinaufdrang, sagte Thorndor: »Warum sind diese üblen Wesen, diese Orks aus den Bergen, so nahe an meinen Thron geklettert; und warum schreien da unten diese Söhne der Noldoli aus Furcht vor den Kindern Melkos, dem Verfluchten? Schwingt euch in die Lüfte, o Thornhoth, mit euren stählernen Schnäbeln und Krallenschwertern!«

Darauf erhob sich zwischen den Felsen ein Rauschen wie ein mächtiger Wind, und die Thornhoth, das Volk der Adler, fiel über die Orks her, die oberhalb des Pfades in den Fels gestiegen waren, zerfetzten ihnen ihre Gesichter und Hände und schleuderten sie auf die Steine des Thorn Sir in der Tiefe.

Da waren die Gondothlim froh, und zum Beweis ihrer Freude machten sie in späteren Tagen den Adler zum Zeichen ihres Stammes, und Idril trug es, doch Earendel liebte den Schwanenflügel seines Vaters noch mehr. Ungehindert konnten nun Galdors Männer ihre Widersacher zurückdrängen, denn dieser waren nicht sehr viele, und der Angriff der Thornhoth erschreckte sie sehr. Und die Schar der Verbannten setzte ihren Weg fort, auch wenn Glorfindel mit der Nachhut hart zu kämpfen hatte. Die Hälfte der Schar hatte den gefährlichen Weg und den Wasserfall von Thorn Sir bereits hinter sich, als der Balrog, der unter denen war, die von hinten angriffen, mit einem mächtigen Satz auf ein paar hohe Felsen sprang, die auf der linken Seite des Pfades am Rand des Abgrunds standen. Von dort flog er mit einem wütenden Sprung an Glorfindels Männern vorbei, landete vor den Frauen und Kranken und peitschte mit seinem Flammenschwanz. Da sprang Glorfindel mit einem Satz auf ihn los, und seine goldene Rüstung schimmerte seltsam im Mondlicht, und er hieb auf den Dämon ein, sodass er auf einen zweiten Felsen sprang, gefolgt von Glorfindel. Nun begann über ihnen auf dem hohen Felsen ein Zweikampf auf Leben und Tod, und die Noldoli in der Mitte, von hinten geschoben und von vorn gehemmt, wurden so dicht zusammengedrängt, dass fast alle zuschauen konnten. Doch der Kampf war vorüber, ehe Glorfindels Männer ihm zur Seite springen konnten. Glorfindels hitziger Angriff trieb den Balrog in die Enge, und seine Rüstung schützte ihn vor dessen Schwanz und Krallen. Erst landete er einen schweren Schlag auf der eisernen Haube des Untiers, dann trennte er den Peitschenarm am Ellenbogen ab. Da warf sich der Balrog in Schmerzensqual und Furcht mit seinem ganzen Leib auf Glorfindel, dessen Schwert hervorschnellte wie die Zunge einer Schlange. Doch Glorfindel traf nur die Schulter und wurde von seinem Gegner umklammert, und schwankend drohten sie von der Spitze der Klippe zu stürzen. Da packte Glorfindels Linke einen Dolch, und diesen stieß er nach oben, sodass er, nahe an Glorfindels Gesicht, in den Bauch des Balrogs drang (denn dieser Dämon war doppelt so groß wie Glorfindel). Der Unhold schrie und stürzte rücklings vom Felsen, und im Fallen ergriff er Glorfindels blonde Locken unter dem Helm, und alle beide stürzten sie in den Abgrund.

Dies war nun ein Augenblick größten Schmerzes, denn Glorfindel gehörte die innigste Liebe – und hört, das Geräusch ihres Aufpralls hallte von den Bergen wider, und der Abgrund von Thorn Sir erklang laut. Beim Todesschrei des Balrogs gerieten die Orks an der Spitze und am Ende des Zuges ins Wanken, und sie wurden erschlagen oder flohen fort, und Thorndor selbst, ein riesiger Vogel, schwebte in den Abgrund hinunter und brachte Glorfindels Leichnam herauf; doch der Balrog lag unten, und viele Tage lang waren weit unten in Tumladin die Wasser des Thorn Sir schwarz gefärbt.

Noch immer sagen die Eldar, wenn sie jemanden mit weit unterlegenen Kräften tapfer gegen einen Ausbruch des Bösen kämpfen sehen: »Ach! Wie Glorfindel und der Balrog«, und noch immer trauern ihre Herzen um diesen edlen Noldo. Wegen dieser Liebe und trotz ihrer Eile und der Furcht vor dem Eintreffen neuer Feinde ließ Tuor ein großes Steinmal über Glorfindel errichten, auf der anderen Seite des gefährlichen Pfades, nahe am Abgrund des Adler-Flusses, und bis jetzt hat Thorndor nicht zugelassen, dass ihm ein Schaden zugefügt wurde; vielmehr haben gelbe Blumen sich dort angesiedelt und blühen nun immer um den Grabhügel in diesen unfreundlichen Gefilden. Aber als er aufgetürmt wurde, weinte das Volk von der Goldenen Blume und konnte seine Tränen nicht trocknen.

Wohlan, wer vermag schon von den Wanderungen Tuors und der Verbannten von Gondolin zu erzählen, in den Einöden jenseits der Berge, im Süden des Tales von Tumladin? Voller Elend waren ihre Tage, voll Tod und Kälte und Hunger und unaufhörlichem Wachen. Dass sie jemals unversehrt durch diese Gegenden gelangten, die zu Melkos Reich gehörten, kam daher, dass das große Gemetzel beim Angriff seine Streitmacht gelichtet hatte und Tuor sie mit größter Eile und Vorsicht führte. Denn sicher ist, dass Melko von dieser Flucht wusste und darüber vor Wut raste. Ulmo hatte in den fernen Ozeanen von allem Kenntnis erhalten, was vorgefallen war, doch er konnte ihnen noch nicht helfen, denn sie waren fern von Wassern und Flüssen – und in der Tat litten sie bitteren Durst, und sie kannten den Weg nicht.

Aber nachdem sie länger als ein Jahr unterwegs gewesen und manches Mal von den Zaubern dieser Einöden in die Irre geführt worden waren, sodass sie sich auf ihren eigenen Spuren wiederfanden, wurde es abermals Sommer, und als er sich seiner Mitte näherte, kamen sie endlich an einen Fluss und, als sie ihm folgten, in bessere Lande und waren ein wenig getröstet. Hier übernahm Voronwe ihre Führung, denn spät in einer Sommernacht hatte er in diesem Fluss ein Wispern Ulmos erlauscht – und er wusste die Stimmen des Wassers immer klug zu deuten. Nun führte er sie weiter, bis sie zum Sirion kamen, der von diesem Fluss gespeist wurde, und da erkannten Tuor und Voronwe, dass sie in der Nähe des einstigen Ausgangs des Fluchtweges waren und sich abermals in dem tiefen Tal mit den Erlen befanden. Hier waren alle Büsche zertrampelt und die Bäume verbrannt und die Wände des Tals von Flammen versengt, und sie weinten, denn sie glaubten das Schicksal jener zu kennen, die sich einst am Eingang des Tunnels von ihnen getrennt hatten.

Nun zogen sie an diesem Fluss entlang, abermals in Furcht vor Melko, und wehrten Angriffe von Ork-Banden ab und gerieten durch die Wolfreiter in Gefahr, doch Feuerdrachen ließ Melko nicht gegen sie los, weil ihre Feuer durch den Angriff auf Gondolin erschöpft waren und weil mit dem Fluss die Macht Ulmos wuchs. So kamen sie nach vielen Tagen – denn sie wanderten langsam und klaubten mühsam zusammen, was sie zum Leben brauchten – zu den großen Heideflächen und Sümpfen hinter dem Land der Weidenbäume, und diese Gegend kannte Voronwe nicht. Hier nun fließt der Sirion eine sehr lange Strecke unter der Erde und taucht in die große Höhle der Stürmischen Winde, doch dann fließt er hinter den Dämmerseen wieder oben weiter, wo Tulkas später mit Melko selbst kämpfte. Tuor hatte diese Gegend bei Nacht und in der Dämmerung durchquert, nachdem Ulmo im Ried zu ihm gekommen war, und er konnte sich daher an die Pfade nicht erinnern. Stellenweise ist dieses Land voller Trugbilder und sehr sumpfig. Hier wurde die Schar lange aufgehalten und von Stechfliegen belästigt, denn es war noch immer Herbst, und Schüttelfröste und Fieber gingen unter ihnen um, und sie verfluchten Melko.

Doch schließlich erreichten sie die großen Teiche und die Ränder des überaus lieblichen Landes der Weidenbäume, und der erste Hauch seiner Winde brachte ihnen Ruhe und Frieden, und der Trost, den dieses Land spendete, milderte ein wenig das Leid jener, welche die Toten des Falls von Gondolin beklagten. Dort wurden Frauen und Mädchen wieder schön und ihre Kranken wieder gesund, und alte Wunden hörten zu schmerzen auf. Allein jene, die mit Grund um ihr Volk fürchteten, das noch immer in bitterer Knechtschaft in den Eisenhöllen schmachtete, sangen nicht und lächelten nicht.

Hier blieben sie sehr lange, und Earendel war ein Jüngling geworden, ehe in Tuors Herz erneut der Klang von Ulmos Muscheln widerhallte, sodass die Sehnsucht nach dem Meer mit einer Kraft zurückkehrte, die umso stärker war, als sie über Jahre unterdrückt worden war. Und auf sein Geheiß machte sich die ganze Schar auf und zog am Sirion entlang zum Meer.

Nun hatte das Volk, das in die Adlerspalte gezogen war und den Fall Gondolins gesehen hatte, fast achthundert Köpfe gezählt – ein großer Zug von Wanderern, doch es war ein trauriger Überrest einer so schönen und volkreichen Stadt. Jene jedoch, die Jahre danach aus den Gräsern des Landes der Weidenbäume aufbrachen und zum Meer zogen, als der Frühling Scharbockskraut über die Auen streute und sie zum Gedenken an Glorfindel eine Trauerfeier abgehalten hatten, zählten nur noch dreihundertundzwanzig Männer und Knaben und zweihundertundsechzig Frauen und Mädchen. Die Zahl der Frauen war darum so gering, weil sie von ihren Familien zu verborgenen Plätzen in der Stadt gebracht oder versteckt worden waren. Dort waren sie in den Flammen umgekommen oder erschlagen oder ergriffen und in die Sklaverei verschleppt worden. Daran kann man nur mit größtem Mitleid denken, denn die Frauen und Mädchen der Gondothlim waren schön wie die Sonne, lieblich wie der Mond und strahlender als die Sterne. Pracht und Ruhm wohnten in jener Stadt Gondolin mit den sieben Namen, und keine Stadt auf der Erde, die erobert wurde, hat einen so furchtbaren Untergang gefunden wie sie. Nicht Bablon, nicht Ninwi, weder die Türme von Trui noch das oft eroberte Rûm, die größte Stadt bei den Menschen, haben je solch Entsetzen erlebt wie das Geschlecht der Gnomen an jenem Tag auf dem Amon Gwareth; und dies hält man für die schlimmste Tat, die Melko in der Welt je ersonnen hat.

Doch nun wohnten die Verbannten aus Gondolin an der Mündung des Sirion an den Wellen des Großen Meeres. Dort nahmen sie den Namen Lothlim an, das heißt, das Volk der Blume, denn der Name Gondothlim schmerzt ihre Herzen zu sehr; und unter den Lothlim wächst Earendel im Hause seines Vaters stattlich heran, und die große Geschichte von Tuor ist nun zu Ende erzählt.«

Da sagte Winzigherz, Sohn von Bronweg: »O Gondolin, welches Leid, das über dich kam.«





Der früheste Text




Wichtige Elemente in der frühen Entwicklung der Geschichte der Ältesten Tage sind in vereinzelten Notizen meines Vaters zu finden. Wie ich an anderer Stelle ausgeführt habe, wurden diese größtenteils in fliegender Eile mit Bleistift geschrieben – auf Zetteln, ungeordnet und undatiert, oder in einem kleinen Notizbuch –, und die Schrift ist nun berieben und schwach und stellenweise selbst nach langem Studium kaum zu entziffern. Darin notierte er in den Jahren, als er Das Buch der Verschollenen Geschichten konzipierte, Gedanken und Ideen; viele von ihnen waren nicht mehr als einfache Sätze oder nur einzelne Namen, die als Erinnerung an zu erledigende Dinge, zu erzählende Geschichten oder vorzunehmende Änderungen dienten.

Unter diesen Notizen befindet sich die wohl früheste Spur der Geschichte vom Fall Gondolins:



Isfin, die Tochter Fingolmas, wird von ferne von Eol (Arval) aus der Maulwurf-Sippe der Gnomen geliebt. Er ist stark und beliebt bei Fingolma und bei den Söhnen Feanors (denen er ähnlich ist), weil er ein Anführer der Bergleute ist und nach verborgenen Juwelen sucht, aber er ist hässlich von Gestalt, und Isfin verabscheut ihn.

Zur Erklärung der Wahl des Wortes »Gnomen« siehe S. 23 (Fußnote). Fingolma war ein früher Name des späteren Finwe (Anführer der zweiten Schar der Elben, der Noldor, auf der Großen Wanderung von Palisor, dem Land ihres Erwachens). Isfin erscheint in Der Fall von Gondolin als Schwester von Turgon, König von Gondolin, und als Mutter von Meglin, dem Sohn Eols.

Es ist offensichtlich, dass diese Notiz dieselbe Geschichte widerspiegelt, die in den Verschollenen Geschichten erzählt wird, trotz eines wichtigen Unterschieds: In der Notiz ist es Eol, der Bergmann aus der »Maulwurf-Sippe«, der um die Tochter von Fingolma, Isfin, wirbt, die ihn wegen seiner Hässlichkeit ablehnt. In der »Ursprünglichen Geschichte« hingegen ist der abgelehnte – und gleichfalls hässliche – Freier Meglin der Sohn von Eol, und Isfin ist seine Mutter – die Schwester Turgons, des Königs von Gondolin; und es heißt ausdrücklich (S. 71), »die Geschichte von Isfin und Eol soll hier nicht erzählt werden« – vermutlich, weil mein Vater dachte, dass dies zu weit vom Thema abführen würde.

Ich glaube, es ist sehr wahrscheinlich, dass die oben genannte kurze Notiz vor der Der Fall von Gondolin und vor dem Aufkommen von Maeglin geschrieben wurde und dass die Geschichte ursprünglich keine Verbindung mit Gondolin hatte.

(Im Folgenden werde ich die ursprüngliche Fassung von Der Fall von Gondolin im Buch der Verschollenen Geschichten einfach als »die Ursprüngliche Geschichte« oder »die Geschichte« bezeichnen.)





Turlin und die Verbannten von Gondolin




Es gibt eine lose Seite mit einem kurzen, zweifellos vollständig erhaltenen Prosastück, das den Titel Turlin und die Verbannten von Gondolin trägt. Es lässt sich zeitlich nach der Verschollenen Geschichte einordnen und war eindeutig der aufgegebene Beginn einer neuen Version.

Mein Vater war sich lange unschlüssig, was den Namen des Helden von Gondolin betraf, und in diesem Text gab er ihm den Namen Turlin, änderte ihn aber durchweg zu Turgon. Da dieser (nicht seltene) Namenstausch zwischen Figuren unnötig verwirrend sein kann, werde ich ihn in meinem Text des folgenden Stückes Tuor nennen.

Der Zorn der Götter (der Valar) und die Abriegelung von Valinor gegen jedermann von außen, die zu Beginn dieses Textes erwähnt wird, gründen in der Rebellion der Gnomen und ihren Untaten in Schwanenhafen. Diese Episode, bekannt als der Sippenmord, ist in der Geschichte des Falls von Gondolin und in der ganzen späteren Historie der Ältesten Tage von Bedeutung.





Turlin [Tuor] und die Verbannten von Gondolin





»Dann«, sagte Ilfiniol, Sohn von Bronweg, »wisset, dass Ulmo, der Herr des Wassers, niemals das Leid der Elbengeschlechter unter der Macht Melkos vergaß, aber er konnte wenig tun wegen des Zorns der anderen Götter, die ihre Herzen gegen das Volk der Gnomen verschlossen und hinter den verhüllten Bergen von Valinor wohnten, der Außenwelt nicht achtend, so tief waren ihr Grimm und ihr Bedauern über den Tod der Zwei Bäume. Außer Ulmo fürchtete auch niemand von ihnen die Macht Melkos, die Verderben und Leid über die ganze Erde brachte; aber Ulmo wünschte, dass Valinor all seine Macht sammeln solle, um sein Übel zu ersticken, bevor es zu spät sei, und es schien ihm, dass sich beides erreichen ließe, wenn es Boten der Gnomen gelänge, Valinor zu erreichen und Verzeihung und Mitleid für die Erde zu erflehen; denn die Liebe von Palúrien und Orome, ihrem Sohn, für diese weiten Reiche schlummerte noch und war nicht erloschen. Doch schwierig und gefahrvoll war der Weg von der Außenerde nach Valinor, und die Götter selbst hatten die Wege mit Magie verwoben und die umschließenden Berge verhüllt. So suchte Ulmo unaufhörlich, die Gnomen zu bewegen, Boten nach Valinor zu entsenden, aber Melko war schlau und von großer Weitsicht, und seine Wachsamkeit in allen Dingen, die die Geschlechter der Elben berührten, schlief nie, und ihre Boten überwanden nicht die Gefahren und Versuchungen dieses längsten und schlimmsten aller Wege, und viele, die es wagten, sich auf die Fahrt zu machen, blieben für immer verschollen.

Nun erzählt die Geschichte, wie Ulmo daran verzweifelte, dass irgendjemand aus dem Elbenvolk die Gefahren des Weges meistern könnte, und von dem tiefsten und letzten Plan, den er daraufhin schmiedete, und den Dingen, die daraus folgten.

In jenen Tagen wohnte der Großteil der Menschen nach der Schlacht der Ungezählten Tränen in dem Land des Nordens, das viele Namen hat, aber von den Elben von Kôr Hisilóme, Zwielichtnebel, und den Gnomen, die es von allen Elbenvölkern am besten kennen, Dor-lómin, das Land der Schatten, genannt wurde. Ein mächtiges Volk an Zahl lebte dort, das an dem weiten, hellen Wasser des Mithrim wohnte, des großen Sees, der in diesen Regionen liegt, und von anderen Tunglin oder Volk der Harfe genannt wurde; denn es hatte Freude an der wilden Musik und dem Gesang der Berge und Wälder, aber es wusste nichts vom Meer und sang nicht davon. Nun kam dieses Volk nach der schrecklichen Schlacht, zu der es zu spät aus der Ferne gerufen worden war, an diese Stätte, und es trug keinen Schandfleck des Verrats an den Elbenvölkern; aber viele unter ihm hegten nach wie vor eine solche Freundschaft mit den verborgenen Gnomen der Berge und Dunkelelben, wie es sie angesichts des Leids und des Misstrauens, die aus diesem verheerenden Geschehen im Tal von Ninniach (dem Ort der Schlacht der Ungezählten Tränen) hervorgegangen waren, noch geben konnte.

Tuor war ein Mann dieses Volkes, der Sohn Pelegs, des Sohns von Indor und Enkels von Fengel, welcher als sein Anführer auf dem Ruf zur Schlacht hin mit all seinen Leuten aus den Tiefen des Ostens hergezogen war. Aber Tuor verweilte nicht oft bei seinem Volk, sondern liebte eher die Einsamkeit und die Freundschaft der Elben, deren Sprachen er kannte, und er wanderte allein um die langen Ufer des Mithrim, jagte in den umliegenden Wäldern, und stimmte mitunter in den Felsen auf seiner einfachen Harfe aus Holz, die mit den Sehnen von Bären bespannt war, Lieder an. Aber er sang nicht für die Ohren der Menschen, und viele, die von seinen rauen, kraftvollen Liedern gehört hatten, kamen von nah und fern, um seinem Harfenspiel zu lauschen; Tuor ließ jedoch ab vom Singen und zog sich in die Einöde in den Bergen zurück.

Viele sonderbare Dinge wurden ihm dort kund, Bruchstücke von Nachrichten von weit entfernten Dingen, und eine Sehnsucht nach tieferem Wissen überkam ihn, aber sein Herz wandte sich noch nicht von den langen Ufern und dem hellen Wasser Mithrims im Nebel ab. Doch ihm war nicht bestimmt, für immer an diesen Stätten zu leben; denn es heißt, dass Zauberkraft und Schicksal ihn eines Tages zu einer Öffnung wie eine Höhle führten, wo unten ein verborgener Fluss aus dem Mithrim hervorströmte. Und Tuor betrat diese Höhle, um ihr Geheimnis zu ergründen, aber nachdem er dort eingedrungen war, trieben ihn die Wasser des Mithrim vorwärts ins Herz des Gesteins, und er konnte nicht mehr ans Licht zurückfinden. Dies, so heißt es, geschah nicht ohne den Willen Ulmos, auf dessen Drängen vielleicht die Gnomen diesen tiefen und verborgenen Weg geschaffen hatten. Dann kamen die Gnomen zu Tuor und geleiteten ihn über dunkle Pfade im Inneren der Berge, bis er wieder ins Licht hinaustrat.

Es ist offensichtlich, dass mein Vater die Ursprüngliche Geschichte vor sich hatte, als er diesen Text schrieb (den ich »die Turlin-Version« nennen werde), denn Formulierungen der Urfassung tauchen hier wieder auf (wie »so führten ihn dann eines Tages Zauberkraft und Schicksal zu einer höhlenartigen Öffnung«, S. 46). Aber in einigen Punkten gibt es Fortschritte gegenüber dem früheren Text. Die ursprüngliche Genealogie von Tuor bleibt (Sohn Pelegs, des Sohns von Indor), aber man erfährt mehr von seinem Volk: Es waren Männer aus dem Osten, die den Elben in der großen, verheerenden Schlacht gegen die Truppen von Melko zu Hilfe kommen wollten, die als Schlacht der Ungezählten Tränen bekannt wurde. Aber sie kamen zu spät, und sie ließen sich in großer Zahl in Hísilome, ›Zwielichtnebel‹ (Hithlum), nieder, auch Dor-lómin, ›Land der Schatten‹, genannt. Ein wichtiges und entscheidendes Element in der frühen Konzeption der Geschichte der Ältesten Tage war die überwältigende Natur des Sieges von Melko in dieser Schlacht, so umfassend, dass ein großer Teil des Volkes der Noldoli zu seinen Sklaven wurde; so heißt es in der Geschichte (S. 58): »Wisset denn, dass die Gondothlim [das Volk von Gondolin] jene Sippe der Noldoli waren, die als einzige Melkos Klauen entkam, als er in der Schlacht der Ungezählten Tränen ihr Volk besiegte und versklavte, es mit einem Zauberbann belegte und zwang, in den Eisenhöllen zu leben, die niemand ohne seinen Willen und Befehl verlassen durfte.«

Bemerkenswert ist auch die Darstellung in diesem Text von Ulmos »Plänen und Wünschen«, wie seine Absicht in der Geschichte (S. 56) umrissen wird: aber in der Geschichte heißt es, »damals begriff Tuor wenig davon« – und wir erfahren nichts Genaueres darüber. In dem hier wiedergegebenen Text, der Turlin-Version, spricht Ulmo dagegen von seinem Unvermögen, sich gegen die anderen Valar durchzusetzen, die ihn mit seiner Angst vor der Macht Melkos alleinlassen, und von seinem Wunsch, dass Valinor sich gegen diese Macht erheben möge; seinen Versuchen, die Noldoli zu überreden, Boten nach Valinor zu schicken, um um Mitleid und Hilfe zu bitten, während die Valar »hinter den verhüllten Bergen von Valinor wohnten, der Außenwelt nicht achtend«. Dies ist die Zeit, die als die Verhüllung von Valinor bekannt ist, denn, wie in der Turlin-Version (S. 132 f.) gesagt wird, »die Götter selbst hatten die Wege [nach Valinor] mit Magie verwoben und die umschließenden Berge verhüllt« (zu diesem entscheidenden Element in der Geschichte siehe »Die Entwicklung der Geschichte«, S. 251 ff.).

Am wichtigsten ist (S. 133): »Nun erzählt die Geschichte, wie Ulmo daran verzweifelte, dass irgendjemand aus dem Elbenvolk die Gefahren des Weges meistern könnte, und von dem tiefsten und letzten Plan, den er daraufhin schmiedete, und den Dingen, die daraus folgten.«





Die Geschichte in der Fassung der Skizze der Mythologie




Ich gebe jetzt die Version der Geschichte des Falls von Gondolin wieder, die mein Vater 1926 in dem Werk mit dem Titel Eine Skizze der Mythologie niederschrieb, aus dem ich bereits einen anderen Teil als Prolog zu diesem Buch verwendet habe. Ein weiterer Auszug aus diesem »ursprünglichen Silmarillion« ist in Beren und Lúthien enthalten, wo auch die Hintergründe erklärt werden (S. 100), Mein Vater nahm später eine Reihe von Korrekturen vor (fast alle in Form von Ergänzungen), von denen ich die meisten in eckige Klammern setze.

Ylmir ist die gnomische Form für Ulmo.



Der große Fluss Sirion verlief durch das Land im Südwesten; an seiner Mündung befand sich ein großes Delta, und sein Unterlauf zog sich durch ein weites grünes und fruchtbares Land, das aufgrund der Orküberfälle von Vögeln und Tieren entvölkert war; aber es wohnten keine Orks dort, da diese den nördlichen Wald bevorzugten und die Macht Ylmirs fürchteten – denn der Sirion mündete in das Westliche Meer.

Turgon, Fingolfins Sohn, hatte eine Schwester namens Isfin. Sie hatte sich nach der Schlacht der Ungezählten Tränen in Taur-na-Fuin verirrt. Dort wurde sie vom Dunkelelben Eol gefangen. Ihr Sohn war Meglin. Das Volk Turgons, das aufgrund der Tapferkeit Húrins entkam, blieb dem Wissen Morgoths und in der Tat vor allen in der Welt außer Ylmir verborgen. An einem geheimen Ort in den Bergen hatten ihre Kundschafter von den Gipfeln aus ein ausgedehntes Tal entdeckt, das völlig von ringförmigen Bergketten umgeben war, die zum Zentrum hin immer niedriger wurden. Inmitten dieses Rings lag ein weites Land, flach bis auf einen einzigen felsigen Hügel, der aus der Ebene ragte, nicht genau in der Mitte, sondern näher an dem Teil des Außenwalls, der dem Ufer des Sirion gegenüberlag. [Der Berg, der Angband am nächsten war, wurde von Fingolfins Grabmal bewacht.]

Ylmirs Botschaften kommen den Sirion hinauf und bieten ihnen Zuflucht in diesem Tal und lehren sie, Zauber auf alle Berge im Umkreis zu legen, um Feinde und Spione fernzuhalten. Er sagt voraus, dass ihre Festung am längsten von allen Zufluchtsorten der Elben gegen Morgoth bestehen wird und wie Doriath nie fallen wird, es sei denn, durch Verrat von innen. Die Zauber sind am stärksten in der Nähe des Sirion, obwohl hier die umzingelnden Berge am niedrigsten sind. Hier graben die Gnomen einen mächtigen, gewundenen Tunnel unter den Wurzeln der Berge, der am Ende auf die Bewachte Ebene hinausführt. Sein äußerer Eingang wird von den Zaubersprüchen Ylmirs geschützt; sein innerer wird von den Gnomen unaufhörlich bewacht. Er ist für den Fall errichtet, dass die im Inneren fliehen müssen, und als schnellerer Ausgang aus dem Tal für Kundschafter, Wanderer und Botschaften sowie als Eingang für Flüchtlinge, die Morgoth entkommen.

Thorondor, der König der Adler, verlegt seine Horste in die nördlichen Höhen der umzingelnden Berge und hält Ausschau nach Ork-Spionen [von Fingolfins Grabmal aus]. Auf dem felsigen Hügel Amon Gwareth, dem Hügel der Wacht, dessen Seiten man so glatt wie Glas schleift und dessen Spitze man ebnet, wird die große Stadt Gondolin mit Toren aus Stahl erbaut. Die Ebene ringsum wird bis zum Fuß der umgebenden Hügel flach und glatt wie ein Rasen gestaltet, sodass nichts unbemerkt darüberkriechen kann. Das Volk von Gondolin wird mächtig, und seine Rüstkammern sind voller Waffen. Aber Turgon zieht nicht zur Hilfe von Nargothrond oder Doriath aus, und nach der Ermordung Diors will er nichts mehr mit den Söhnen Feanors zu tun haben. Schließlich schließt er das Tal für alle Flüchtlinge und verbietet dem Volk von Gondolin, es zu verlassen. Gondolin ist die einzige verbliebene Festung der Elben. Morgoth hat Turgon nicht vergessen, aber seine Suche ist vergeblich. Nargothrond ist zerstört; Doriath ist verödet; Húrins Kinder sind tot; und nur verstreute und flüchtige Elben, Gnomen und Ilkorin sind übrig geblieben, mit Ausnahme derer, die in großer Zahl in den Schmieden und Minen schuften. Sein Triumph ist fast vollkommen.

Meglin, Sohn von Eol und Isfin, der Schwester Turgons, wurde von seiner Mutter nach Gondolin geschickt und dort aufgenommen, obwohl zur Hälfte von Ilkorin-Blut, [als Letzter der Flüchtlinge von außen,] und als Prinz behandelt.

Húrin von Hithlum hatte einen Bruder namens Huor. Der Sohn Huors war Tuor, jünger als [Vetter von] Túrin, der Sohn Húrins. Rían, Huors Frau, suchte den Leichnam ihres Mannes unter den Erschlagenen auf dem Feld der Ungezählten Tränen und starb dort. Ihr Sohn, der in Hithlum blieb, fiel in die Hände der ungetreuen Menschen, die Morgoth nach dieser Schlacht in Hithlum ansiedelte, und wurde zu einem Sklaven gemacht. Wild und rau geworden, floh er als Gesetzloser in die Wälder, wo er allein lebte und mit niemandem außer den wandernden und versteckten Elben Umgang pflegte. Eines Tages bewirkte Ylmir, dass er einen unterirdischen Flusslauf entdeckte, der aus Mithrim in eine tiefe Kluft führte und schließlich in das Westmeer mündete. Auf diese Weise blieb Tuors Weggang unbemerkt von Menschen, Orks oder Spionen und Morgoth unbekannt. Nach langen Wanderungen am westlichen Gestade kam er zu den Mündungen des Sirion, und dort tat er sich mit dem Gnom Bronweg zusammen, der einst in Gondolin gewesen war. Heimlich ziehen sie zusammen den Sirion hinauf. Tuor verweilt lange im schönen Land Nan-tathrin, dem »Tal der Weiden«; aber dort kommt Ylmir selbst den Fluss hinauf, um ihn aufzusuchen, und erzählt ihm von seiner Aufgabe. Er soll Turgon auftragen, sich auf den Kampf mit Morgoth vorzubereiten; denn Ylmir will die Herzen der Valar erweichen, auf dass sie den Gnomen vergeben und ihnen Hilfe senden. Wenn Turgon dies gelingt, wird es eine schreckliche Schlacht geben, aber die Rasse der Orks wird untergehen, und sie wird nicht in kommenden Zeitaltern die Elben und Menschen behelligen. Wenn nicht, soll sich das Volk von Gondolin auf die Flucht zur Sirionmündung vorbereiten, wo Ylmir ihnen helfen wird, eine Flotte zu bauen, und sie zurück nach Valinor führen wird. Wenn Turgon Ylmirs Geheiß folgt, soll Tuor eine Weile in Gondolin bleiben und dann mit einer Schar von Gnomen nach Hithlum zurückkehren und das alte Bündnis der Menschen mit den Elben erneuern, denn »ohne Menschen werden die Elben nicht gegen die Orks und Balrogs obsiegen«. Dies tut Ylmir, weil er weiß, dass, bevor sieben volle Jahre vergangen sind, der Untergang von Gondolin durch Meglin kommen wird[, wenn sie still in ihren Hallen sitzen].

Tuor und Bronweg erreichen den geheimen Weg[, den sie durch die Gnade Ylmirs finden], und treten auf die bewachte Ebene hinaus. Sie werden von der Wache festgenommen und vor Turgon geführt. Turgon ist alt und sehr mächtig und stolz geworden und Gondolin so hehr und schön und sein Volk so stolz darauf und voller Vertrauen auf seine geheime und uneinnehmbare Stärke, dass der König und die meisten des Volkes sich nicht mehr ob der Gnomen und Elben bekümmern wollen, oder ob der Menschen, und sie sehnen sich auch nicht mehr nach Valinor. Meglins Rat folgend, lehnt der König Tuors Botschaft trotz der Worte der weitsichtigen Idril (auch Idril Silberfuß genannt, weil sie es liebte, bloßfüßig zu gehen), seiner Tochter, und der weiseren seiner Berater ab. Tuor lebt weiter in Gondolin und wird ein großer Fürst. Nach drei Jahren heiratet er Idril – Tuor und Beren heirateten allein von allen Sterblichen jemals Elben, und da Elwing, die Tochter von Dior, Berens Sohn, Earendel, den Sohn von Tuor und Idril, heiratet, ist der Stamm des Elbentums allein durch sie in sterbliches Blut übergegangen.

Nicht lange danach geht Meglin weit in die Berge, wo er von Orks gefangen und nach Angband gebracht wird, und erkauft sich sein Leben, indem er Gondolin und dessen Geheimnisse verrät. Morgoth verspricht ihm die Herrschaft über Gondolin und Idril zum Besitz. Die Begierde nach Idril führte ihn umso leichter zu seinem Verrat und verstärkte seinen Hass auf Tuor.

Morgoth schickt ihn zurück nach Gondolin. Earendel wird geboren, und er besitzt die Schönheit und das Licht und die Weisheit des Elbentums, die Härte und Stärke der Menschen und die Sehnsucht nach dem Meer, das Tuor in Bann schlug, als Ylmir im Land der Weiden zu ihm sprach, und ihn immer noch fesselt.

Endlich ist Morgoth bereit, und der Angriff auf Gondolin erfolgt mit Drachen, Balrogs und Orks. Nach einem schrecklichen Kampf um die Mauern wird die Stadt gestürmt, und Turgon stirbt mit vielen der Edelsten im letzten Kampf auf dem großen Platz. Tuor rettet Idril und Earendel vor Meglin und stürzt ihn von den Zinnen. Dann führt er den Rest des Volkes von Gondolin durch einen geheimen Tunnel, der zuvor auf Idrils Rat hin weit in den Norden der Ebene vorangetrieben wurde. Diejenigen, die nicht mit ihm kommen wollten, sondern zum alten Fluchtweg flohen, werden von dem Drachen abgefangen, der von Morgoth gesandt wurde, um diesen Ausgang zu bewachen.

Im Dunst des Brandes führt Tuor seine Schar in die Berge auf den kalten Pass von Cristhorn (Adlerspalte). Dort werden sie überfallen, aber durch den Mut von Glorfindel (Herr des Hauses der Goldenen Blume von Gondolin, der in einem Zweikampf mit einem Balrog auf einem Gipfel stirbt) und das Eingreifen Thorondors gerettet. Die Überlebenden erreichen den Sirion und ziehen in das Land an seiner Mündung – die Wasser des Sirion. Morgoths Triumph ist nun vollkommen.

Die Geschichte, die in dieser komprimierten Form erzählt wurde, unterscheidet sich nicht grundlegend von der Fassung der Ursprünglichen Geschichte, aber es gibt dennoch bedeutende Entwicklungen. Hier wird der Tuor der Geschichte in die Genealogie der Edain, der Elbenfreunde, aufgenommen: Er ist der Sohn von Huor, dem Bruder von Húrin – dem Vater des tragischen Helden Túrin Turambar. Somit war Tuor ein Vetter ersten Grades von Túrin. Auch hier taucht die Geschichte auf, dass Huor in der Schlacht der Ungezählten Tränen fiel (siehe S. 140) und dass seine Frau Rían auf dem Schlachtfeld nach seinem Leichnam suchte und dort starb. Ihr Sohn Tuor blieb in Hithlum und »fiel in die Hände der ungetreuen Menschen, die Morgoth nach dieser Schlacht in Hithlum ansiedelte, und wurde zu einem Sklaven gemacht« (S. 140), aber er entkam ihnen und nahm ein einsames Leben in der Wildnis auf.

Ein großer Unterschied in den frühen Versionen der Geschichte liegt in dem, was mein Vater über die Entdeckung des Tals von Tumladen in den umliegenden Bergen erzählte. In der Skizze der Mythologie (S. 138) heißt es, dass das Volk von Turgon, das aus der großen Schlacht (Nirnaeth Arnoediad, ungezählte Tränen) entkam, aus dem Blick Morgoths entschwand, weil Kundschafter »an einem geheimen Ort in den Bergen von den Gipfeln aus ein ausgedehntes Tal entdeckt hatten, das völlig von ringförmigen Bergketten umgeben war«. Aber in der Geschichte wurde der Eindruck erweckt, dass zwischen der schrecklichen Schlacht und der Zerstörung von Gondolin eine lange Zeitspanne lag. Dort hieß es, dass Tuor hörte, als er dorthin kam, »dass unermüdliche Arbeit durch Jahre und Zeitalter zu ihrem Bau und ihrer Ausschmückung nicht ausgereicht hatten, woran das Volk noch arbeitete« (S. 66). Die chronologischen Probleme führten meinen Vater später dazu, die Entdeckung des Tals von Tumladen – durch Turgon – und die Erbauung von Gondolin in eine Zeit viele Jahrhunderte vor der Schlacht der Ungezählten Tränen zu legen: Turgon führte sein Volk auf der Flucht vom Schlachtfeld nach Süden in die verborgene Stadt, die er vor langer Zeit gegründet hatte. Somit kam Tuor in eine sehr alte Stadt.

In der Skizze der Mythologie findet, wie ich glaube, auch eine markante Veränderung in der Geschichte des Angriffs auf Gondolin statt. In der Geschichte wurde erzählt, dass Morgoth Gondolin entdeckt hatte, bevor Meglin von Orks gefangen genommen wurde (S. 73ff.). Er wurde sehr misstrauisch angesichts der seltsamen Nachricht, dass ein Mann, »der die Täler des Sirion durchwanderte«, gesehen worden war; und zu diesem Zweck zog er »ein mächtiges Heer von Spähern« zusammen, von Tieren und Vögeln und Reptilien, die ihm »jahrelang unermüdlich« eine Fülle von Informationen lieferten. Von den Umzingelnden Bergen hatten seine Spione auf die Ebene von Tumladen herabgeblickt; sogar der »Fluchtweg« war entdeckt worden. Als Earendel ein Jahr alt war, brachte man Gondolin die Nachricht, dass die Späher Morgoths »das Tal von Tumladen von allen Seiten umringten«, und Turgon verstärkte die Verteidigung der Stadt. In der Geschichte liegt der nachgelagerte Verrat Meglins in seiner detaillierten Beschreibung der Beschaffenheit von Gondolin und aller Vorbereitungen zu dessen Verteidigung (S. 78 f.) worauf Morgoth mit seiner Unterstützung »einen Plan zur Vernichtung Gondolins ersann«.

Aber in der verdichteten Darstellung in der Skizze (S. 142) heißt es, Meglin, der von Orks in den Bergen gefangen genommen und nach Angband geschafft wird, »erkauft sich sein Leben, indem er Gondolin und dessen Geheimnisse verrät«. Die Worte scheinen mir deutlich zu zeigen, dass die Veränderung eingetreten ist und die spätere Geschichte hier bereits präsent war: Morgoth wusste nicht, wo das verborgene Königreich lag und konnte es bis zur Gefangennahme von Meglin durch die Orks nicht entdecken. Aber es sollte noch eine weitere Änderung geben; siehe S. 341 f.





Die Geschichte in der Fassung der Quenta Noldorinwa




Ich komme nun zu einem größeren Silmarillion-Text, dem ich auch bereits in Beren und Lúthien Passagen entnommen habe, und ich wiederhole hier einen Teil der erklärenden Anmerkung aus diesem Buch:

Nach der Skizze der Mythologie war dieser Text, im Folgenden als die Quenta bezeichnet, die einzige vollständige und vollendete Fassung des Silmarillion, die mein Vater je erstellt hat: ein Typoskript, das er (wie nun sicher sein dürfte) im Jahre 1930 abfasste. Es sind keine Entwürfe oder Skizzen davon erhalten, sofern es je welche gab; aber es ist klar, dass ihm dabei zum großen Teil die Skizze als Vorlage diente. Der Text ist länger als die Skizze, und der »Silmarillion-Stil« ist dabei deutlich zu erkennen, aber es bleibt eine Verdichtung, eine komprimierte Darstellung.

Indem ich diesen Text als komprimierte Darstellung bezeichne, will ich nicht sagen, dass es sich um eine flüchtige Niederschrift handelte, die auf eine weitere Überarbeitung zu einem späteren Zeitpunkt wartete. Der Vergleich der beiden Versionen Q I und Q II (siehe unten) zeigt, wie genau er den Rhythmus der Sprache vernahm und abwog. Aber es gab in der Tat eine Komprimierung; man vergleiche zum Beispiel die etwa zwanzig Zeilen, die der Schlacht in der Quenta gewidmet waren, mit den zwölf Seiten in der Geschichte.

Gegen Ende der Quenta hat mein Vater Teile des Textes erweitert und neu geschrieben (unter Beibehaltung der früheren Seiten); den Text, wie er vor dieser Überarbeitung bestand, nenne ich »Q I«. Gegen Ende der Geschichte bricht Q I ab, und nur die umgeschriebene Version (»Q II«) geht bis zum Ende weiter. Es scheint klar zu sein, dass das Original und die teilweise Neufassung (die Gondolin und seine Zerstörung betrifft) aus derselben Zeit stammen, und ich bin von dem Punkt an, wo die Geschichte von Gondolin beginnt, durchgehend dem Text von Q II gefolgt. Der Name des Königs der Adler, Thorndor, wurde im gesamten Text in Thorondor geändert.

Es wird sich zeigen, dass im Quenta-Manuskript die Geschichte, wie sie in der Skizze (siehe S. 138) geschrieben steht, noch vorhanden war: Das Tal von Gondolin wurde von Kundschaftern von Turgons Leuten entdeckt, die aus der Schlacht der Ungezählten Tränen flohen. Zu einem späteren, aber nicht identifizierbaren Zeitpunkt hat mein Vater alle betreffenden Passagen neu geschrieben, und ich habe diese Überarbeitungen im folgenden Text angezeigt.



Nun muss von Gondolin berichtet werden. Der große Fluss Sirion, der mächtigste im elbischen Gesang, floss durch das ganze Land von Beleriand und sein Lauf ging nach Südwesten; und an seiner Mündung lag ein großes Delta, und sein Unterlauf zog sich durch grüne und fruchtbare Gebiete, wenig bevölkert außer von Vögeln und Landtieren. Doch die Orks kamen selten dorthin, denn es war weit bis zu den nördlichen Wäldern und Bergen, und die Macht von Ulmo wurde umso größer, je näher der Lauf dem Meer kam; denn die Mündungen dieses Flusses lagen im westlichen Meer, dessen äußere Grenzen die Ufer von Valinor sind.

Turgon, Fingolfins Sohn, hatte eine Schwester, Isfin die Weißhändige. Sie hatte sich nach der Schlacht der Ungezählten Tränen in Taur-na-Fuin verirrt. Dort geriet sie in die Gewalt des Dunkelelben Eol, und es heißt, dass er von düsterer Stimmung und vor der Schlacht vom Heer desertiert sei; doch hatte er nicht auf Morgoths Seite gekämpft. Er machte Isfin zu seiner Frau, und Meglin war ihrer beider Sohn.

Das Volk Turgons entkam der Schlacht aufgrund der Tapferkeit Húrins, wie erzählt wurde, und verschwand aus dem Wissen Morgoths und aus den Augen aller Menschen; und nur Ulmo wusste, wohin sie gegangen waren. [Ihre Kundschafter, die die Höhen erklommen hatten, hatten einen geheimen Ort in den Bergen entdeckt: ein ausgedehntes Tal >] Denn sie kehrten in die verborgene Stadt Gondolin zurück, die Turgon erbaut hatte. An einem geheimen Ort in den Bergen gab es ein ausgedehntes Tal, das vollständig von Hügeln umringt war, die es wie eine geschlossene Kette umgaben, aber zur Mitte hin immer kleiner wurden. Inmitten dieses wundersamen Rings lag ein weites Land und eine grüne Ebene, in der es bis auf eine einzige Felshöhe keinen Hügel gab. Diese ragte dunkel aus der Ebene, nicht genau in der Mitte, sondern dem Teil des Außenwalls am nächsten, der dem Ufer des Sirion gegenüberlag. Im Norden waren die Umzingelnden Berge am höchsten und die Bedrohung durch Angband am größten, und an den äußeren Hängen im Osten und Norden begann der Schatten des schrecklichen Taur-na-Fuin; aber sie wurden vom Grabmal Fingolfins gekrönt, und so kam nichts Böses von dort – noch nicht.

In diesem Tal [fanden die Gnomen Zuflucht >] hatte Turgon Zuflucht gefunden, und auf alle Hügel wurden Versteck- und Verwirrungszauber gelegt, um Feinde und Spione fernzuhalten. Darin wurde Turgon Hilfe zuteil durch die Botschaften Ulmos, die nun den Fluss Sirion hinaufkamen; denn seine Stimme ist in vielen Gewässern zu hören, und einige der Gnomen hatten noch das Wissen, sie zu hören. Damals war Ulmo voller Mitleid mit den vertriebenen Elben in ihrer Not und in dem Unglück, das sie nun fast zugrundegerichtet hatte. Er sagte voraus, dass die Festung von Gondolin am längsten von allen Zufluchtsorten der Elben gegen Morgoth bestehen und wie Doriath nie fallen würde, es sei denn durch Verrat von innen. Wegen seiner schützenden Macht waren die Zauber der Tarnung am stärksten in den Bereichen, die dem Sirion am nächsten lagen, obwohl dort die Umzingelnden Berge am niedrigsten waren. In diesem Gebiet gruben die Gnomen einen großen gewundenen Tunnel unter den Wurzeln der Berge, und sein Ausgang befand sich in der steilen Wand einer Schlucht, baumbestanden und dunkel, durch die der segensreiche Strom lief. Dort war er noch ein kleiner Fluss, aber stark, der das schmale Tal hinunterrann, das zwischen den Hängen der Umzingelnden Berge und den Bergen des Schattens, Eryd-Lómin [> Eredwethion], den Wällen von Hithlum, liegt [gestrichen: in dessen nördlichen Höhen er seinen Anfang nahm].

Diesen Durchgang schufen sie zunächst als Weg der Rückkehr für Flüchtlinge und für solche, die aus der Knechtschaft Morgoths entkommen waren, und vor allem als ein Tor für ihre Späher und Boten. Denn Turgon dünkte es, als sie nach der schrecklichen Schlacht erstmals in dieses Tal kamen,7 dass Morgoth Bauglir zu mächtig für Elben und Menschen geworden und dass es besser sei, die Valar um Vergebung und Hilfe zu bitten, so diese sich erlangen ließen, ehe alles verloren sei. Deshalb zogen beizeiten einige seiner Leute den Sirion hinunter, ehe der Schatten Morgoths sich noch bis in die äußersten Teile Beleriands erstreckte, und schufen an seiner Mündung einen kleinen, geheimen Zufluchtsort; von dort aus fuhren dann und wann Schiffe mit der Botschaft des Gnomenkönigs in den Westen. Einige wurden durch widrige Winde zurückgetrieben, aber die meisten kehrten nie wieder zurück, und keines erreichte Valinor.

Der Ausgang dieses Fluchtweges wurde von den mächtigsten Zaubern, die sie weben konnten, und von der Macht, die dem von Ulmo geliebten Sirion innewohnte, beschützt und verborgen, und nichts Böses fand ihn; doch sein inneres Tor, das auf das Tal von Gondolin blickte, wurde von den Gnomen immerzu bewacht.

Damals gab Thorondor, der König der Adler, seine Horste auf den Thangorodrim auf, wegen der Macht Morgoths und des Gestanks und der Dämpfe und des Übels der dunklen Wolken, die jetzt immer auf den Bergtürmen über den höhlenartigen Hallen lagen. Thorondor selbst aber ließ sich auf den nördlichen Höhen der umliegenden Berge nieder, und er hielt Wache und sah viele Dinge vom Grabmal König Fingolfins aus. Und im Tal darunter wohnte Turgon, Fingolfins Sohn. Auf Amon Gwareth, dem Hügel der Verteidigung, der felsigen Höhe inmitten der Ebene, wurde das große Gondolin erbaut, dessen Ruhm und Glanz von allen Wohnstätten der Elben in den Außenlanden am mächtigsten ist. Aus Stahl waren seine Tore und aus Marmor seine Mauern. Die Seiten des Hügels polierten die Gnomen zur Glätte dunklen Glases, und seine Spitze ebneten sie für den Bau ihrer Stadt, außer in der Mitte, wo der Turm und der Palast des Königs standen. Viele Brunnen gab es in dieser Stadt, und das weiße Wasser fiel schimmernd die glitzernden Flanken des Amon Gwareth hinunter. Das Land um sie herum wurde eingeebnet, bis es von den Treppen vor den Toren bis zum Fuß des Bergwalls einem Rasen aus gemähtem Gras glich, und nichts konnte ungesehen hinübergehen oder -kriechen.

In dieser Stadt wurde das Volk mächtig, und seine Waffenkammern waren mit Waffen und mit Schilden gefüllt; denn sie gedachten zuerst, in den Krieg zu ziehen, wenn die Stunde reif sei. Aber als die Jahre ins Land zogen, begannen sie diesen Ort, das Werk ihrer Hände, überaus lieb zu gewinnen, wie es die Gnomen tun, und begehrten nichts anderes mehr. Daraufhin setzten selten welche noch den Fuß aus Gondolin, ob zu Kriegs- oder Friedenszwecken. Sie schickten keine Boten mehr in den Westen, und Sirions Hafen verfiel. Sie schlossen sich hinter ihren unüberwindbaren und verzauberten Bergen ein und ließen niemanden mehr hinein, auch wenn er von Morgoths Hass verfolgt floh; Kunde von den Ländern draußen wurde spärlich und selten, und sie beachteten sie wenig; und ihre Wohnstatt wurde zu einer Legende und einem Geheimnis, das keiner ergründen konnte. Sie unterstützten weder Nargothrond noch Doriath, und die wandernden Elben suchten sie vergeblich; und nur Ulmo wusste, wo Turgons Reich zu finden war. Von Thorondor hörte Turgon die Kunde über die Ermordung Diors, Thingols Erben, und danach verschloss er sein Ohr vor der Kunde von den Leiden draußen, und er schwor, nie an der Seite irgendeines Sohnes von Feanor in den Kampf zu ziehen, und seinem Volk verbot er, jemals den Sperrgürtel der Hügel zu überschreiten.

Gondolin war nun allein von allen Hochburgen der Elben übrig. Morgoth vergaß Turgon nicht und wusste, dass sein Triumph ohne Wissen um diesen König nicht vollendet werden konnte; doch seine unaufhörliche Suche war vergeblich. Nargothrond war leer, Doriath verödet, die Söhne Feanors lebten als Vertriebene in den wilden Wäldern im Süden und Osten, Hithlum war voll von bösen Männern und Taur-na-Fuin ein Ort namenlosen Schreckens; das Volk Hadors war am Ende, und das Haus Finrods ebenso; Beren hielt sich vom Kampf fern, und Huan war tot; und alle Elben und Menschen beugten sich seinem Willen oder arbeiteten als Sklaven in den Minen und Schmieden von Angband, abgesehen von wenigen, die weit im Osten des einst schönen Beleriand in der Wildnis umherzogen. Sein Triumph war fast vollständig und doch nicht ganz vollkommen.

Als Eol sich eines Tages in Taur-na-Fuin verirrt hatte, machte Isfin sich durch große Schrecken und Gefahren nach Gondolin auf, und nach ihrer Ankunft drang niemand mehr dort ein, bis der letzte Bote von Ulmo eintraf, von dem die Geschichten vor dem Ende mehr erzählen. Mit ihr kam ihr Sohn Meglin, und er wurde dort von Turgon als sein Schwestersohn empfangen, und obwohl er zur Hälfte von Dunkelelbenblut war, wurde er wie ein Prinz aus Fingolfins Geschlecht behandelt. Er war dunkelhäutig, aber schön, weise und redegewandt und listig, um Herz und Sinn anderer zu gewinnen.

Nun hatte Húrin von Hithlum einen Bruder namens Huor. Der Sohn Huors hieß Tuor. Rían, Huors Frau, suchte ihren Mann unter den Erschlagenen auf dem Feld der Ungezählten Tränen, und dort beweinte sie ihn, ehe sie starb. Ihr Sohn war nur ein Kind und, in Hithlum verbleibend, fiel er in die Hände der ungetreuen Menschen, die Morgoth nach der Schlacht in diesem Land ansiedelte, und wurde versklavt. Erwachsen geworden, schön von Gesicht und groß an Statur und trotz seines kummervollen Lebens tapfer und weise, entfloh er in den Wald und wurde ein Gesetzloser und Einzelgänger. Er lebte allein und redete mit niemandem außer den seltenen wandernden und versteckten Elben.8

Schließlich bewirkte Ulmo, wie in der Geschichte vom Fall von Gondolin erzählt wird, dass Tuor zu einem Wildbach geführt werden sollte, der unterirdisch vom Mithrimsee im Zentrum von Hithlum ausging und in eine tiefe Kluft stürzte, Cris-Ilfing [> Kirith Helvin], die Regenbogenspalte, durch die er am Ende ins westliche Meer floss. Den Namen erhielt diese Schlucht wegen des Regenbogens, der an diesem Ort aufgrund der Fülle der Gischt der Stromschnellen und der Wasserfälle immer in der Sonne schimmerte.

So blieb Tuors Flucht von Menschen und Elben umbemerkt, noch wurde sie den Orks oder irgendeinem Spion Morgoths bekannt, von denen das Land Hithlum voll war.

Tuor wanderte lange an den westlichen Gestaden entlang immer weiter nach Süden und gelangte schließlich zu den Mündungen des Sirion und den sandigen Deltas, die von vielen Meeresvögeln bevölkert wurden. Dort tat er sich mit einem Gnom namens Bronwe zusammen, der aus Angband geflohen war und, da er vormals dem Volk Turgons angehört hatte, immer noch den Weg zu der verborgenen Stätte seines Herrn suchte, von der Gerüchte unter allen Gefangenen und Flüchtlingen umliefen. Nun war Bronwe auf fernen und verschlungenen Wegen im Osten dorthin gekommen, und wenn auch jedweder Schritt näher zu der Knechtschaft, der er entronnen, nicht in seinem Sinne war, so war er doch nun bereit, den Sirion hinaufzuziehen und in Beleriand nach Turgon zu suchen. Furchtsam und sehr vorsichtig war er, und sein Marsch mit Tuor ging im Geheimen vor sich, bei Nacht und Dämmerung, sodass sie von den Orks nicht entdeckt wurden.

Sie kamen zuerst in das schöne Land der Weiden, Nan-tathrin, das vom Narog und Sirion gespeist wird; und dort war alles noch grün, und die Wiesen waren saftig und voller Blumen, und es gab Gesang von vielen Vögeln, sodass Tuor dort verweilte wie ein Verzauberter, und nach den grimmen Länder des Nordens und seiner ermüdenden Wanderung erschien es ihm süß, dort zu wohnen.

Da kam Ulmo und erschien vor ihm, als er abends im hohen Gras stand; und die Macht und Majestät dieser Vision wird in dem Lied Tuors erzählt, das er für seinen Sohn Earendel sang. Danach waren das Rauschen des Meeres und die Sehnsucht nach der See immer in Tuors Herz und Ohr; und eine Unruhe war in ihm, die ihn schließlich in die Tiefen von Ulmos Reich führen sollte. Aber jetzt hieß ihn Ulmo, sich eilends nach Gondolin aufzumachen, und gab ihm Anleitung, wie das verborgene Tor zu finden sei. Und er gab Tuor eine Botschaft mit, welche er von Ulmo, dem Freund der Elben, Turgon überbringen sollte und die ihm gebot, sich auf den Krieg und den Kampf gegen Morgoth vorzubereiten, ehe alles verloren sei, und erneut seine Boten in den Westen zu senden. Auch in den Osten sollte er einen Aufruf senden und, wenn er konnte, die Menschen (die sich nun auf der Erde vermehrten und ausbreiteten) zu seinen Fahnen rufen; für diese Aufgabe war Tuor am besten geeignet. »Vergiss«, riet Ulmo, »den Verrat Uldors, des Verfluchten, und gedenke Húrins; denn ohne sterbliche Menschen werden die Elben nicht gegen die Balrogs und die Orks obsiegen.« Auch die Fehde mit den Söhnen Feanors sollte beigelegt werden; denn dies könnte die letzte Möglichkeit der Hoffnung der Gnomen sein, und dabei würde jedes Schwert zählen. Einen schrecklichen und tödlichen Kampf sagte er voraus, aber auch Sieg, wenn Turgon das Wagnis eingehen würde, das Ende der Macht Morgoths und die Heilung von Fehden und Freundschaft zwischen Menschen und Elben, aus der das größte Gut in die Welt kommen sollte, und die Diener Morgoths würden sie nicht mehr behelligen. Aber wenn Turgon nicht in diesen Krieg ziehen wolle, dann sollte er Gondolin verlassen und sein Volk den Sirion hinabführen und dort seine Flotten bauen und den Weg zurück nach Valinor und in die Gnade der Götter suchen. Aber in diesem Fall sei die Gefahr größer als in dem anderen, auch wenn es nicht so erscheinen mochte; und danach würde das Schicksal der Hinnenlande bitter sein.

Diese Botschaft sandte Ulmo aus Liebe zu den Elben und weil er wusste, dass der Untergang Gondolins kommen würde, ehe viele Jahre vergangen wären, wenn sein Volk weiter hinter seinen Mauern säße; und dass so nichts von Freude oder Schönheit in der Welt vor der Bosheit Morgoths bewahrt werden mochte.

Ulmos Geheiß folgend zogen Tuor und Bronwe nach Norden und kamen endlich an den versteckten Zugang; und durch den Tunnel erreichten sie das innere Tor und wurden von der Wache in Empfang genommen. Dort sahen sie das schöne Tal von Tumladen, eingefasst zwischen den Hügeln wie ein grünes Juwel; und inmitten von Tumladen das große Gondolin, die Stadt der sieben Namen, weiß, von ferne leuchtend, erhellt vom Rosenglanz der Morgenröte auf der Ebene. Dorthin wurden sie geführt und durchschritten die Tore aus Stahl und traten vor die Stufen des Königspalastes. Dort verkündete Tuor die Botschaft Ulmos, und etwas von der Macht und Majestät des Herrn der Wasser lag in seiner Stimme, sodass alle Leute ihn verwundert ansahen und nicht glauben mochten, dass dies ein Mann von sterblicher Art sei, wie er erklärte. Doch Turgon war stolz geworden, und sein Gondolin war schön wie ein Abglanz von Tûn, und er vertraute auf dessen Geheimhaltung und undurchdringliche Befestigung, sodass er und der größte Teil seines Volkes die Stadt nicht gefährden oder verlassen wollten, und sie hatten kein Begehr mehr, sich jemals wieder mit den Sorgen der Elben und Menschen draußen zu befassen, noch durch Gefahren und Schrecken in den Westen zurückzukehren.

Meglin sprach im Rate des Königs stets gegen Tuor, und seine Worte schienen umso schwerer zu wiegen, als sie ganz nach Turgons Sinn waren. Darum lehnte Turgon das Ansinnen Ulmos ab, auch wenn es einige seiner weisesten Ratgeber mit Unruhe erfüllte. Weisen Herzens selbst über das Maß der Töchter des Elbentums hinaus war die Tochter des Königs, und sie sprach immer für Tuor, auch wenn es nicht half, und ihr Herz war schwer. Sehr schön und hochgewachsen war sie, fast wie ein Krieger, und ihr Haar war wie ein Springbrunnen aus Gold. Idril hieß sie und wurde Celebrindal, Silberfuß, genannt wegen der Weiße ihres Fußes; sie ging und tanzte immer barfüßig auf den weißen Wegen und grünen Rasenflächen von Gondolin.

Danach verweilte Tuor in Gondolin und ging nicht hin, die Männer des Ostens zu rufen, denn die Glückseligkeit von Gondolin und die Schönheit und Weisheit seines Volkes nahmen ihn gefangen. Und er stieg hoch in der Gunst Turgons auf; denn er wurde ein mächtiger Mann an Körper und Geist und vertiefte sich in die Wissenschaft der Gnomen. Das Herz Idrils wandte sich ihm zu und seines ihr. Dies ergrimmte Meglin, denn er begehrte Idril und gedachte sie trotz seiner nahen Verwandtschaft zu besitzen, zumal sie die einzige Erbin des Königs von Gondolin war. Tatsächlich plante er bereits in seinem Herzen, wie er Turgon verdrängen und seinen Thron in Besitz nehmen könnte; aber Turgon schätzte ihn und vertraute ihm. Nichtsdestotrotz nahm Tuor Idril zur Frau; und das Volk von Gondolin feierte ein großes und frohes Fest, denn Tuor hatte die Herzen aller gewonnen, nur nicht Maeglins und seiner geheimen Anhänger. Unter den sterblichen Menschen hatten allein Tuor und Beren Elben zur Frau, und da Elwing, die Tochter Diors, des Sohns von Beren, hernach Earendel, den Sohn von Tuor und Idril von Gondolin, ehelichte, ist von ihnen allein das Elbenblut in das sterbliche Geschlecht gekommen. Aber noch war Earendel ein kleines Kind. Unübertroffen schön war er, denn ein Licht war in seinem Antlitz wie das Licht des Himmels. In ihm waren die Schönheit und Weisheit des Elbentums mit der Kraft und Kühnheit der alten Menschen vereinigt, und immer sprach das Meer zu seinem Ohr und Herzen, wie zu Tuor, seinem Vater.

Zu einer Zeit, als Earendel noch jung war und die Tage von Gondolin voller Freude und Frieden waren (auch wenn Idrils Herz schwer war und die Vorahnung sich wie eine Wolke über ihren Sinn legte), verschwand Meglin. Nun liebte Meglin den Bergbau und das Schürfen nach Metallen mehr als jede andere Kunst, und er war der Meister und Führer der Elben, die fern der Stadt in den Bergen nach Metallen gruben, aus denen sie schmiedeten, wessen sie zu Krieg und Frieden bedurften. Doch oft ging Maeglin mit wenigen seiner Leute über den Sperrgürtel der Berge hinaus, auch wenn der König nicht wusste, dass sein Gebot derart missachtet wurde; und so wollte es das Schicksal, dass Maeglin von Orks gefangen und zu Morgoth gebracht wurde. Maeglin war nicht schwach oder feig, doch die Qualen, die man ihm androhte, beugten seinen Geist, und er erkaufte sich Leben und Freiheit, indem er Morgoth die genaue Lage von Gondolin verriet und die Wege, auf denen es zu erreichen und anzugreifen war. Groß war da Morgoths Freude, und Maeglin versprach er, dass er als sein Vasall über Gondolin herrschen und Idril Celebrindal zum Besitz erhalten solle, sobald die Stadt erst genommen wäre. Und gewiss erleichterten Maeglins Gelüste nach Idril und sein Hass auf Tuor den üblen Verrat, den schimpflichsten von allen, über die in den Geschichten aus den Ältesten Tagen berichtet wird. Morgoth schickte ihn jedoch nach Gondolin zurück, damit niemand Argwohn schöpfen sollte und Maeglin den Angriff, wenn die Stunde käme, von innen unterstützen konnte; und er ging weiter in den Hallen des Königs einher mit einem Lächeln im Antlitz und Unheil im Herzen, während sich das Dunkel immer dichter um Idril legte.

Endlich, in dem Jahr, als Earendil sieben Jahre alt wurde, war Morgoth bereit, und er ließ seine Orks und seine Balrogs und seine Schlangen auf Gondolin los; und unter diesen waren Drachen in vielen und schrecklichen Formen neu für die Eroberung der Stadt entwickelt worden. Das Heer von Morgoth kam über die nördlichen Gebirge, wo die Berge am höchsten und die Wachen am spärlichsten waren, und es kam in der Nacht vor einem Fest, als in Gondolin jedermann auf den Mauern war, um die Sonne zu erwarten und Gesänge anzustimmen, wenn sie aufginge; der nächste Tag nämlich war der große Festtag, den man als die Pforten des Sommers bezeichnete. Der rote Schein stieg aber über den Bergen im Norden auf und nicht im Osten; und dem Vordringen der Feinde wurde kein Halt geboten, bis sie schon vor den Mauern von Gondolin standen und die Stadt hoffnungslos eingeschlossen war.

Von den Taten verzweifelten Muts, welche die Häupter der edlen Häuser und ihre Krieger dort leisteten, nicht zuletzt Tuor, wird ausführlich im Fall von Gondolin erzählt: vom Tod Rogs vor den Mauern; und wie Ecthelion von der Quelle auf dem Platz vor dem Königshause mit Gothmog, dem Fürsten der Balrogs, kämpfte und beide einander erschlugen; und wie Turgons Turm von den Männern seines Hauses verteidigt wurde, bis der Turm eingestürzt wurde. Gewaltig war sein Sturz wie der Fall Turgons unter den Trümmern.

Tuor versuchte Idril aus den Trümmern der Stadt zu retten, doch Maeglin hatte Hand an sie und Earendil gelegt; und Tuor rang mit Maeglin auf der Stadtmauer und stürzte ihn zu Tode. Dann führten Tuor und Idril diejenigen, die sie im Wirrwarr der brennenden Stadt noch zu sammeln vermochten, einen geheimen Weg hinab, den Idril in den Tagen ihrer Vorahnung hatte vorbereiten lassen. Dieser war noch nicht vollendet, aber sein Ausgang lag bereits weit außerhalb der Mauern und im Norden der Ebene, wo die Berge weit vom Amon Gwareth entfernt waren. Diejenigen, die nicht mit ihnen kommen, sondern den alten Fluchtweg nehmen wollten, der in die Schlucht des Sirion führte, wurden von einem Drachen abgefangen und getötet, den Morgoth gesandt hatte, um dieses Tor zu bewachen, nachdem Maeglin ihn davon unterrichtet hatte. Aber von dem neuen Gang wusste Meglin nichts, und man nahm auch nicht an, dass Flüchtlinge einen Weg nach Norden nehmen würden, wo die Berge am höchsten waren und Angband am nächsten.

Der Qualm des Brandes und der Dampf der klaren Brunnen von Gondolin, die in den Flammen der Drachen versiegten, senkten sich in traurigen Nebeln über das Tal von Tumladen; und so wurde die Flucht Tuors und seiner Gefährten begünstigt, denn sie hatten noch einen weiten und ungeschützten Weg vom Ausgang des Tunnels bis zum Fuße der Berge zurückzulegen. Sie kamen dennoch in die Berge, in Schmerz und Elend, denn die Höhen waren kalt und schrecklich, und unter den Flüchtlingen waren viele Frauen und Kinder und viele Verwundete.

Dort war ein schrecklicher Pass, Cristhorn [> Kirith-thoronath] genannt, die Adlerspalte, ein schmaler Pfad, der sich im Schatten der höchsten Gipfel dahinwand, zur Rechten eine Felswand und zur Linken den entsetzlichen Abgrund in der Tiefe. Auf diesem schmalen Weg gingen sie, als sie von einem Außentrupp der Streitmacht Morgoths überfallen wurden, mit einem Balrog an dessen Spitze. Furchtbar war da ihre Not, und kaum hätte sie der blonde Glorfindel, der Herr des Hauses der Goldenen Blume von Gondolin, durch seinen unsterblichen Mut gerettet, wäre ihnen nicht Thorondor beizeiten zu Hilfe gekommen.

Der Lieder sind viele, in denen Glorfindels Kampf mit dem Balrog auf einer Felsspitze an jenem hohen Orte besungen wurde; beide stürzten sie im Abgrund zu Tode. Aber Thorondor holte Glorfindels Leichnam aus dem Abgrund herauf, und sie begruben ihn unter einem Steinhügel am Rand des Passes. Grünes Gras spross dort, und kleine Blumen wie gelbe Sterne blühten darauf inmitten der Steinwüste. Und die Vögel Thorondors stießen auf die Orks herab und trieben sie kreischend zurück; und alle wurden getötet oder in die Tiefe geschleudert, sodass das Gerücht von der Flucht aus Gondolin erst sehr viel später an Morgoths Ohr drang.

So kamen die Überlebenden von Gondolin auf langen und gefährlichen Märschen nach Nan-tathrin und dort rasteten sie eine Zeitlang und wurden geheilt von Wunden und Müdigkeit; ihr Leid aber war nicht zu heilen. Sie feierten dort ein Fest zum Gedenken an Gondolin und alle, die umgekommen waren, schöne Mädchen, Frauen und Krieger und ihr König; aber für den geliebten Glorfindel waren der Lieder, die sie sangen, viele und süße. Und da sprach Tuor im Lied zu Earendel, seinem Sohn, von Ulmo wie er einst zu ihm gekommen, und der Vision des Meeres inmitten des Landes, und die Meeressehnsucht erwachte in seinem und in seines Sohnes Herzen. So zogen sie mit dem größten Teil des Volkes zu den Sirionmündungen am Meer, und dort lebten sie und verbanden ihr Volk mit der kleinen Schar von Elwing, der Tochter Diors, die kurz zuvor dorthin geflohen war.

Da glaubte Morgoth in seinem Herzen seinen Triumph vollendet, denn wenig fürchtete er Feanors Söhne und ihren Eid, der ihm nie wehgetan hatte und immer zu seinem größten Vorteil ausgeschlagen war; und er lachte in schwarzer Laune, dem einen Silmaril, den er eingebüßt hatte, nicht nachtrauernd, denn damit, so glaubte er, sollten auch die letzten Spuren vom Volk der Eldar aus Mittelerde verschwinden, und alle Unruhe hätte ein Ende. Wenn er von denen bei den Sirion-Häfen wusste, so ließ er davon nichts merken, sondern wartete ab, dass Eid und Lüge ihr Werk täten.

Aber am Sirion und am Meer wuchs aus den Nachkommen von Doriath und Gondolin ein Elbenvolk heran, und von Balar kamen Círdans Seeleute zu ihnen. Sie wurden heimisch auf den Wellen und erlernten den Schiffbau, sich immer nahe an den Küsten haltend, wo Ulmos Hand sie beschirmte.

Wir sind jetzt in der Geschichte von Gondolin in der Quenta Noldorinwa an der gleichen Stelle angelangt wie in der Skizze der Mythologie auf S. 143. Hier verlasse ich die Quenta und wende mich dem letzten großen Text der Geschichte von Gondolin zu, der auch der letzte Bericht über die Gründung von Gondolin ist und darüber, wie Tuor in die Stadt kam.





Die letzte Fassung




Viele Jahre vergingen zwischen der Geschichte von Gondolin, wie sie in der Quenta Noldorinwa erzählt wird, und diesem Text mit dem Titel Von Tuor und dem Fall von Gondolin9. Es ist sicher, dass er 1951 geschrieben wurde (siehe Die Entwicklung der Geschichte, S. 233 f.).



Rían, die Gemahlin Huors, wohnte beim Volk des Hauses Hador. Als jedoch Gerüchte von der Nirnaeth Arnoediad nach Dor-lómin drangen und sie gleichwohl keine Nachricht von ihrem Gatten empfing, wurde sie unruhig und machte sich allein auf den Weg in die Wildnis. Dort wäre sie elend zugrunde gegangen, wären ihr nicht die Grauelben zur Hilfe gekommen, die in den Bergen westlich des Sees Mithrim wohnten. Dorthin brachten sie Rían, und bevor das Jahr des Jammers vorüber war, wurde sie dort von einem Sohn entbunden.

Und Rían sagte zu den Elben: »Wir wollen ihn Tuor nennen, denn diesen Namen hat sein Vater ausgewählt, bevor der Krieg uns trennte. Ich bitte euch, das Kind aufzuziehen und es sorgsam zu hüten, denn ich sehe voraus, dass es Elben und Menschen viel Gutes bringen wird. Ich aber muss mich auf die Suche nach Huor, meinem Gemahl, begeben.«

Darauf bemitleideten sie die Elben, aber Annael, der von allen, die in den Krieg gezogen waren, als Einziger aus der Schlacht zurückgekehrt war, sprach zu ihr: »Hört, Herrin, es ist jetzt bekannt, dass Huor an der Seite seines Bruders Húrin gefallen ist. Sein Leichnam ruht, wie ich glaube, in dem großen Hügel der Gefallenen, den die Orks auf dem Schlachtfeld errichtet haben.«

Da erhob sich Rían, verließ die Behausungen der Elben, durchquerte das Land Mithrim und gelangte schließlich zum Haudh-en-Ndengin in der Öde von Anfauglith. Dort legte sie sich nieder und starb. Die Elben jedoch sorgten für den kleinen Sohn Huors, und er wuchs unter ihnen auf. Wie alle aus seines Vaters Sippe war er schön von Angesicht und goldhaarig, wurde groß, stark und tapfer, und da er von den Elben aufgezogen wurde, gewann er nicht weniger Wissen und Kunstfertigkeit als die Prinzen der Edain, ehe das Verderben über den Norden hereinbrach.

Aber während die Jahre dahingingen, wurde das Leben der ehemaligen Bewohner Hithlums, der übriggebliebenen Elben und Menschen, zunehmend härter und gefährlicher. Denn wie anderswo erzählt wird, brach Morgoth sein Versprechen gegenüber den Ostlingen, die ihm gedient hatten, und verweigerte ihnen die fruchtbaren Landstriche Beleriands, nach denen es sie gelüstete. Er vertrieb dieses bösartige Volk und bestimmte ihm Hithlum zum Wohnsitz. Obwohl die Ostlinge Morgoth hassten, dienten sie ihm aus Furcht weiterhin, und Hass gegen alle Elbenvölker erfüllte sie. Sie verachteten die Letzten des Hauses Hador (zum größten Teil Alte, Frauen und Kinder), unterdrückten das Volk, zwangen die Frauen zur Heirat, eigneten sich Land und Besitz an und versklavten die Kinder. Orks tauchten auf, durchstreiften nach Belieben das Land, verfolgten die heimatlosen Elben bis in ihre Schlupfwinkel in den Bergen und schleppten viele Gefangene in die Bergwerke von Angband, wo sie als Knechte Morgoths Sklavenarbeit leisten mussten.

Deshalb führte Annael sein kleines Volk in die Höhlen von Androth, wo es, stets auf der Hut, ein mühseliges Leben führte, bis Tuor sechzehn Jahre alt und kräftig genug geworden war, um die Axt und den Bogen der Grauelben zu führen. Die Berichte von den Leiden seines Volkes entfachten die Glut seines Herzens, und er wollte hinausziehen und an den Orks und Ostlingen Rache nehmen, doch Annael verbot es ihm.

»An einem Ort, weit von hier, so wähne ich, wird sich dein Weg erfüllen, Tuor, Sohn Huors«, sagte er. »Dieses Land wird nicht eher vom Schatten Morgoths befreit sein, bis die Thangorodrim geschleift sind. Deshalb haben wir uns entschlossen, es endlich zu verlassen und in den Süden zu wandern. Und du wirst mit uns kommen.«

»Aber wie sollen wir den Netzen unserer Feinde entgehen?«, fragte Tuor. »Wenn wir uns alle zusammen auf den Weg machen, werden sie es gewiss bemerken.«

»Wir werden das Land nicht ohne Schutz durchqueren«, erwiderte Annael, »und wenn wir Glück haben, werden wir den geheimen Pfad erreichen, den wir Annon-in-Gelydh nennen, die Pforte der Noldor, denn dieses kunstreiche Volk hat sie vor langer Zeit in den Tagen Turgons errichtet.«

Als er diesen Namen hörte, befiel Tuor eine unerklärliche Erregung, und er bestürmte Annael mit Fragen nach Turgon.

»Er ist ein Sohn Fingolfins«, antwortete Annael, »und seit Fingon in der Schlacht fiel, gilt er als der Hohe König der Noldor. Er lebt noch immer, der gefürchtetste der Feinde Morgoths, denn er entkam nach dem Unheil der Nirnaeth, als Húrin aus Dor-lómin und Huor, dein Vater, hinter ihm den Sirion-Pass hielten.«

»Dann will ich mich aufmachen und ihn suchen«, sagte Tuor, »denn gewiss wird er mir um meines Vaters willen helfen.«

»Das kannst du nicht«, sagte Annael, »denn seine Festung ist vor den Augen der Elben und Menschen verborgen, und wir wissen nicht, wo sie steht. Vielleicht kennen einige der Noldor den Weg dorthin, aber sie werden ihn niemandem verraten. Doch wenn du mit ihnen sprechen willst, so komme mit mir, wie es mein Wunsch ist, denn in den fernen Häfen des Südens triffst du vielleicht Wanderer aus dem Verborgenen Königreich.«

So geschah es also, dass die Elben die Höhlen von Androth verließen und Tuor mit ihnen ging. Doch die Feinde hatten ihre Behausungen beobachtet und ihren Aufbruch alsbald bemerkt. Sie hatten sich noch nicht weit von den Bergen entfernt, als sie von einem großen Heer der Orks und Ostlinge angegriffen wurden, in die schützende Nacht fliehen mussten und so in alle Winde verstreut wurden.

Doch Tuors Herz entflammte in Kampfeslust, und obgleich er noch ein Knabe war, entfloh er nicht, sondern wehrte sich mit seiner Axt wie einst sein Vater. Lange behauptete er seinen Platz und erschlug zahlreiche Angreifer, aber schließlich wurde er überwältigt, gefangen genommen und vor Lorgan, den Ostling, geführt. Dieser wurde als Anführer der Ostlinge angesehen, und er erhob den Anspruch, als Lehnsmann Morgoths über ganz Dor-lómin zu herrschen. Er machte Tuor zu seinem Sklaven. Hart und bitter war nun sein Leben, denn Lorgan fand Gefallen daran, ihn besonders grausam zu behandeln, weil Tuor aus dem Geschlecht der früheren Herrscher stammte und Lorgan sich nach Kräften bemühte, den Stolz des Hauses Hador zu brechen. Aber Tuor bewahrte seine Weisheit und ertrug Pein und Hohn mit großer Geduld. So wurde sein Los mit der Zeit ein wenig leichter, und zumindest starb er nicht den Hungertod wie viele der unglücklichen Sklaven Lorgans. Denn er war kräftig und geschickt, und solange Lorgans Lasttiere jung und fleißig waren, erhielten sie reichlich Nahrung.

Aber nach dreijähriger Sklaverei witterte Tuor endlich eine Gelegenheit zur Flucht. Er war nun fast zur vollen Mannesgröße herangewachsen und größer und behänder als jeder Ostling; und als man ihn und andere Sklaven mit einem Auftrag in die Wälder schickte, wandte er sich plötzlich gegen die Wachen, erschlug sie mit einer Axt und entfloh in die Berge. Die Ostlinge verfolgten ihn mit Hunden, doch ohne Erfolg, denn fast alle Hunde Lorgans waren Tuors Freunde, und als sie ihn eingeholt hatten, wedelten sie mit den Schwänzen und rannten auf seinen Befehl nach Hause. Also kehrte er schließlich zu den Höhlen von Androth zurück und wohnte dort allein. Vier Jahre lang führte er ein hartes und einsames Leben als Geächteter im Land seiner Väter. Sein Name war gefürchtet, denn oft unternahm er weite Streifzüge und erschlug viele Ostlinge, die ihm begegneten. Daraufhin setzte man einen hohen Preis auf seinen Kopf aus, doch selbst mit Unterstützung der Menschen wagten es die Ostlinge nicht, sich seinem Versteck zu nähern, denn sie fürchteten das Elbenvolk und mieden die Höhlen, in denen es gewohnt hatte. Doch sagte man, dass Tuor seine Streifzüge nicht unternahm, um Rache zu üben, sondern dass er vielmehr unablässig nach der Pforte der Noldor suchte, von der Annael gesprochen hatte. Doch er fand sie nicht, zumal er nicht wusste, wo er suchen sollte, und die wenigen Elben, die sich noch in den Bergen aufhielten, hatten nie von ihr gehört. Nun wusste Tuor, obwohl ihm das Glück noch immer günstig war, dass die Tage eines Geächteten irgendwann doch gezählt sind, dass seine Zeit immer kurz bemessen und ohne Hoffnung ist. Auch war er nicht gewillt, einem Wilden gleich für alle Zeit in den unwirtlichen Bergen zu leben, zumal sein Herz ihn fortwährend zu großen Taten trieb. Darin, heißt es, offenbarte sich die Kraft Ulmos. Dieser war über alles unterrichtet, was in Beleriand geschah, und jeder Strom, der von Mittelerde in das Große Meer floss, diente ihm, stromauf und stromab, als Bote. Ulmo pflegte von alters her die Freundschaft mit Círdan und den Schiffbauern im Mündungsgebiet des Sirion. Und Ulmo war es, der zu dieser Zeit vor allem das Schicksal des Hauses Hador verfolgte, denn nach seinem geheimen Ratschluss sollte es bei seinen Plänen zur Unterstützung der Verbannten eine große Rolle spielen. Er kannte Tuors Gelöbnis sehr wohl, denn Annael und viele seiner Gefährten waren in der Tat aus Dor-lómin entkommen und schließlich in den tiefen Süden zu Círdan gelangt.10

Es geschah also, dass Tuor eines Tages, zu Beginn des Jahres dreiundzwanzig nach der Nirnaeth, an einer Quelle saß, die in der Nähe des Eingangs seiner Behausung aus dem Boden rieselte, und den Sonnenuntergang am bewölkten westlichen Himmel betrachtete. Da überkam ihn plötzlich der Entschluss, nicht mehr länger warten zu wollen, sondern aufzustehen und sich auf den Weg zu machen. »Jetzt werde ich das graue Land meiner Sippe verlassen, die es nicht mehr gibt«, rief er. »Und ich will mich auf die Suche nach meinem Schicksal begeben! Aber wohin soll ich mich wenden? Lange habe ich nach der Pforte gesucht und sie nicht gefunden.«

Mit diesen Worten ergriff er seine Harfe, die er immer bei sich hatte und die er wohl zu spielen wusste. Ungeachtet der Gefahr, die seine klare Stimme in der stillen Ödnis heraufbeschwor, stimmte er ein Elbenlied aus dem Norden an, das das Herz erheben sollte. Und als er sang, begann die Quelle zu seinen Füßen aufzuwallen, sie wurde reicher an Wasser, floss über und ein Bächlein rann geräuschvoll den felsigen Hang vor ihm hinab.

Tuor nahm dies als ein Zeichen, und ohne zu zögern erhob er sich und folgte dem Bach. So stieg er die mächtigen Hügel Mithrims hinab und wanderte in die nördliche Ebene Dor-lómins hinaus. Der Bach, dem er nach Westen folgte, wurde beständig breiter, und nach drei Tagen erblickte Tuor im Westen die langgestreckten grauen Kämme der Ered Lómin, die in dieser Gegend von Norden nach Süden verlaufen und den ausgedehnten Küstenstrichen der Westlichen Gestade vorgelagert sind. Bis zu diesen Bergen war Tuor auf allen seinen Reisen niemals gelangt.

Je näher er den Bergen kam, desto zerklüfteter und steiniger wurde das Land, und bald begann es unter seinen Füßen anzusteigen, während der Fluss in ein eingeschnittenes Flussbett hinabströmte. Doch am dritten Tag seiner Wanderung, als eine fahle Dämmerung hereinbrach, sah er sich einer Felswand gegenüber, in der sich eine große runde Öffnung wie ein Tor auftat; und der Fluss strömte dort hinein und verschwand.

»Also hat mich meine Hoffnung getrogen«, sagte er voller Verzweiflung. »Das Zeichen, das ich in den Bergen empfing, hat mich nur zu einem dunklen Loch geführt, mitten im Land meiner Feinde!«

In trüben Gedanken saß er zwischen den Felsen auf den steilen Ufern des Flusses und durchwachte eine bittere, feuerlose Nacht. Denn er war erst der Monat Súlime, und es hatte noch kein Hauch des Frühlings dieses Land im hohen Norden gestreift, und aus dem Osten blies ein schneidender Wind.

Aber just als das Licht der aufgehenden Sonne schwach durch die fernen Nebel Mithrims drang, hörte Tuor Stimmen, und als er hinabsah, gewahrte er zu seiner Verwunderung zwei Elben, die durch das seichte Wasser wateten. Und als sie die Stufen hinaufkletterten, die in die Uferböschung geschlagen waren, erhob sich Tuor und rief sie an. Sogleich zogen sie ihre glänzenden Schwerter und traten auf ihn zu. Er sah, dass sie graue Umhänge, darunter jedoch Harnische trugen, und er staunte, denn ein Glanz in ihren Augen ließ sie strahlender und kriegerischer erscheinen als alle Elben, die er bisher zu Gesicht bekommen hatte. Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf und wartete. Als sie aber sahen, dass er keine Waffe zückte, dass er allein war und sie in der Elbensprache begrüßte, steckten sie ihre Schwerter in die Scheide und redeten ihn höflich an. Einer der beiden sagte: »Wir sind Gelmir und Arminas vom Volk Finarfins. Bist du nicht einer der Edain, die vor der Nirnaeth seit alters her in diesem Land lebten? Wahrlich, ich vermute, dass du aus dem Geschlecht Hadors und Húrins stammst, denn dein goldfarbenes Haar bezeugt es.«

Tuor antwortete: »Ja, ich bin Tuor, der Sohn Huors, des Sohnes von Galdor, des Sohnes von Hador. Doch jetzt will ich dieses Land verlassen, in dem niemand meines Stammes mehr lebt und wo ich verfemt bin.«

»Wenn es so ist«, sagte Gelmir, »und du zu den Häfen des Südens fliehen willst, so haben deine Füße dir bereits den rechten Weg gewiesen.«

»Das dachte ich auch«, erwiderte Tuor, »denn in den Bergen folgte ich einer plötzlich sprudelnden Quelle, bis sie sich mit diesem heimtückischen Fluss vermählte. Aber jetzt weiß ich nicht, wohin ich mich wenden soll, denn er ist im Dunkel verschwunden.«

»Durch Dunkelheit kann man zum Licht gelangen«, sagte Gelmir.

»Doch ein Mann mag lieber im Sonnenschein wandeln, solange er kann«, sagte Tuor. »Aber da ihr hier heimisch seid, sagt mir, wenn ihr könnt, wo die Pforte der Noldor zu finden ist. Denn lange schon suche ich danach, seit mir Annael, mein Ziehvater bei den Grauelben, davon erzählt hat.«

Darauf lachten die Elben und sagten: »Deine Suche ist zu Ende: Wir selbst haben diese Pforte gerade durchquert. Dort ist sie, vor dir!« Und sie wiesen auf die runde Öffnung, in die das Wasser strömte. »Komm jetzt! Durch das Dunkel wirst du ans Licht gelangen. Wir werden dich auf den rechten Weg bringen, doch weit können wir dich nicht geleiten, denn unser Auftrag ruft uns in das Land zurück, von dem wir mit einer wichtigen Botschaft ausgesandt worden sind.«

»Und habe keine Furcht«, fügte Gelmir hinzu. »Auf deiner Stirn lese ich, dass dir ein großes Schicksal bestimmt ist, das sich weit fort von hier, ja weit von Mittelerde entfernt, erfüllen wird, wie ich glaube.«

Tuor folgte den beiden Noldor die Stufen hinab. Sie wateten durch das kalte Wasser und traten sodann in das schattige Bogengewölbe ein. Jetzt zog Gelmir eine jener Lampen hervor, für welche die Noldor bekannt sind. Seit alters her wurden sie in Valinor angefertigt, und weder Wind noch Wasser konnten sie auslöschen. Entfernte man ihre Umhüllung, spendete eine in weißen Kristall eingeschlossene Flamme ein klares blaues Licht. Im Schein der Lampe, die Gelmir über seinen Kopf hielt, sah Tuor, dass der Fluss von hier an einen sanften Abhang hinunter in einen großen Tunnel strömte, der in den Fels geschlagen war. Doch am Flusslauf entlang zogen sich lange Treppenfluchten hin, die, wo der Lichtstrahl sie nicht erfasste, in tiefem Dunkel lagen.

Als sie den tiefsten Punkt der Stromschnellen erreicht hatten, befanden sie sich unter einer mächtigen Felskuppel, und dort rauschte der Fluss mit gewaltigem Getöse, das aus der Tiefe widerhallte, über eine steile Wand hinunter. Dann verschwand er erneut durch einen Steinbogen und in einen zweiten Tunnel. Neben dem Wasserfall blieben die Noldor stehen, um Tuor Lebewohl zu sagen.

»Wir müssen jetzt umkehren«, sagte Gelmir. »Wir müssen uns eilen, denn in Beleriand wachsen große Gefahren.«

»Ist also die Stunde gekommen, da Turgon in Erscheinung treten wird?«, fragte Tuor.

Die Elben sahen ihn verwundert an. »Das ist eine Angelegenheit, die die Noldor mehr betrifft als die Söhne der Menschen«, sagte Arminas. »Was weißt du von Turgon?«

»Wenig«, erwiderte Tuor, »außer, dass mein Vater ihm half, aus der Nirnaeth zu entkommen, und dass in seiner verborgenen Festung die Hoffnung der Noldor wohnt. Aber, ohne dass ich weiß warum, bewegt sein Name fortwährend mein Herz und kommt mir auf die Lippen. Wenn ich könnte, würde ich lieber Turgon suchen, als diesem dunklen, grausigen Pfad zu folgen. Oder ist es vielleicht der geheime Weg, der zu seinem Aufenthalt führt?«

»Wer kann das wissen?«, antwortete der Elbe. »Wie Turgons Aufenthalt unbekannt ist, sind es auch die Wege, die dorthin führen. Obwohl ich lange nach ihnen gesucht habe, ist es mir nicht gelungen, sie zu finden. Aber auch wenn ich sie kennen würde, verriete ich sie weder dir noch irgendeinem anderen der Menschen.«

Gelmir aber sagte: »Doch ich habe gehört, dass dein Haus die Gunst des Herrn der Wasser genießt. Und wenn er beschlossen hat, dich zu Turgon zu führen, wirst du auch gewiss zu ihm gelangen, wohin du dich auch wendest. Folge jetzt dem Pfad, den dir das Wasser aus den Bergen gewiesen hat, und fürchte dich nicht! Du wirst lange in der Finsternis wandeln. Lebe wohl! Und glaube nicht, dass unser Zusammentreffen ein Zufall war, denn der Bewohner der Tiefe vermag noch immer viel in diesem Land. Anar caluva tielyanna! [Die Sonne wird auf deinen Weg scheinen!]«

Damit wandten sich die Noldor zum Gehen und kehrten über die lange Treppe ans Tageslicht zurück. Tuor stand still, bis das Licht ihrer Lampe verschwunden war. Dann war er allein in einer Dunkelheit, tiefer als die Nacht, inmitten des gewaltigen Tosens des herabstürzenden Wasserfalls. Endlich nahm er seinen Mut zusammen, legte eine Hand an die Felswand und ertastete den Weg voraus. Zunächst ging es langsam, doch als er sich allmählich an die Dunkelheit gewöhnt hatte und nichts sich ihm in den Weg stellte, kam er schneller voran. Nach einer langen Zeit, wie ihm schien, als Müdigkeit ihn befiel und er dennoch in diesem dunklen Tunnel nicht rasten mochte, sah er weit vor sich ein Licht. Er hastete weiter, gelangte an eine hohe, schmale Felsspalte, folgte dem lärmenden Strom zwischen den schrägen Felswänden hindurch und trat plötzlich in einen goldverklärten Abend hinaus.

Er befand sich in einer tiefen Schlucht mit hohen, senkrechten Wänden, die geradewegs nach Westen verlief. Vor ihm an einem klaren Himmel ging die Sonne unter, warf ihre Strahlen in die Schlucht und ließ die Felswände in gelbem Feuer aufflammen, und wie Gold glitzerte das Wasser des Flusses, wenn es sich an vielen glänzenden Steinen brach und aufschäumte.

In dieser Tiefe schritt Tuor jetzt freudig und hoffnungsvoll dahin, denn dicht an der südlichen Felswand, an der sich ein langer, schmaler Strand entlangzog, fand er einen Pfad. Als die Nacht hereinbrach, der Fluss unsichtbar rauschte und nur funkelnde Sterne sich in dunklen Lachen spiegelten, machte er Rast und schlief, denn in der Nähe des Wassers, in dem er die Macht Ulmos wusste, verspürte er keine Furcht.

Bei Tagesanbruch machte er sich weiter auf den Weg. Hinter ihm ging die Sonne auf und am Abend vor ihm unter, und wo das Wasser über Geröll schäumte und über jähe Wasserfälle schoss, spannten sich morgens und abends Regenbogen über den Strom. Deshalb gab er der Schlucht den Namen Cirith Ninniach [Regenbogenspalte].

So wanderte er geruhsam drei Tage lang, trank nur kaltes Wasser und verspürte keinen Hunger, obgleich sich im Fluss viele Fische tummelten, die golden und silbern glänzten oder in den Farben der Regenbogen schimmerten, die sich über dem Wasser spannten. Am vierten Tag verbreiterte sich die Schlucht, die Felswände wurden niedriger und flacher, der Fluss jedoch gewann an Tiefe und Strömung, denn zu beiden Seiten begleiteten ihn jetzt hohe Berge, von denen sich neue Wasser über glitzernde Fälle in die Cirith Ninniach ergossen. Dort ruhte Tuor lange, blickte auf den strudelnden Fluss und lauschte der nimmermüden Stimme, bis es wiederum Nacht wurde und über ihm im dunklen Band des Himmels kalt und weiß die Sterne aufleuchteten. Da erhob er seine Stimme, schlug die Saiten der Harfe, und über das Brausen des Wassers erhob sich sein Lied und das weiche Trillern der Harfe, und die Felsen warfen die Töne zurück und vervielfachten sie. Sie schwebten fort, klangen durch die nachtumschlungenen Hügel, bis das ganze verlassene Land von süßer Musik erfüllt war. Denn ohne dass er es wusste, war Tuor zu den Echobergen von Lammoth gekommen, die den Fjord von Drengist umgeben. Hier war vor langer Zeit Feanor an Land gegangen, und die Stimmen seines Volkes hatten sich an den Küsten des Nordens vor dem Aufgang des Mondes zu einem gewaltigen Getöse vereinigt.

Ein wundersames Staunen regte sich in Tuor, ließ sein Lied verstummen, und allmählich verklang die Musik zwischen den Bergen, und es wurde still. Da vernahm er inmitten des Schweigens hoch in der Luft einen seltsamen Schrei; und er wusste nicht, von welch einem Wesen er stammte. Zuerst sagte er: »Es ist eine Feenstimme«, dann meinte er: »Nein, es muss ein kleines Tier sein, das in der Einöde klagt.« Doch als er den Schrei zum dritten Mal hörte, sagte er: »Sicherlich ist es der Schrei eines Nachtvogels, den ich nicht kenne.« Doch obwohl er ihm vorkam wie ein Klageruf, verspürte er das Verlangen, ihm zuzuhören und ihm zu folgen, denn der Schrei galt ihm und rief ihn an einen unbekannten Ort.

Am nächsten Morgen hörte er über sich wieder diesen Ruf, und aufblickend gewahrte er drei große weiße Vögel, die gegen den Westwind in die Schlucht hinabstießen. Ihre mächtigen Schwingen schimmerten im Licht der aufgehenden Sonne, und als sie über ihn hinwegflogen, stießen sie laute Klagerufe aus. So erblickte er zum ersten Mal die großen Möwen, welche die Teleri so liebten. Darauf erhob sich Tuor, um ihnen zu folgen; und um besser erkennen zu können, in welche Richtung sie flogen, erkletterte er die Klippen zu seiner Linken. Auf der Spitze angekommen, spürte er, wie ein kräftiger Westwind ihm ins Gesicht blies und sein Haar um den Kopf flattern ließ. In tiefen Zügen sog er diese prickelnde Luft ein und sagte: »Das erfrischt das Herz wie ein Trunk kühlen Weins.« Doch wusste er nicht, dass dieser frische Wind geradewegs vom Großen Meer kam.

Dann ging Tuor wieder weiter, den Möwen folgend, die hoch über dem Fluss segelten. Allmählich verengte sich die Schlucht wieder und wurde zu einem schmalen Kanal, der vom Getöse rauschenden Wassers erfüllt war. Tuor blickte hinunter und sah etwas, das ihm wie ein Wunder vorkam: Eine ungestüme Flutwelle kam durch die Enge, prallte auf den vorwärtstreibenden Fluss, und eine mauergleiche Woge erhob sich fast bis zur Spitze der Klippe, gekrönt von Gischthauben, die im Wind flatterten. Dann wurde der Fluss zurückgeworfen, die Flut schoss dröhnend in den Kanal, überflutete ihn, und als sie hindurchfloss, geriet das Geröll im Flussbett donnernd ins Rollen. Also wurde Tuor durch den Ruf der Möwen vor dem Tod in der Flut bewahrt, die wegen der Jahreszeit und des steifen Windes von See sehr hoch auflief.

Erschreckt durch das seltsame Wüten des Wassers, änderte er jetzt die Richtung und schlug den Weg nach Süden ein. So gelangte er nicht an die langgestreckten Gestade des Fjords von Drengist, sondern wanderte noch einige Tage durch ein wildes, baumloses Land. Der Seewind fegte darüber hin, und alles, was dort wuchs, Kraut oder Busch, wurde durch die Übermacht des Westwindes zu Boden gedrückt. Auf diese Weise überschritt er die Grenzen von Nevrast, wo Turgon einst gewohnt hatte. Endlich und unerwartet (denn die Spitzen der Klippen am Rand des Landes waren höher als die Abhänge dahinter) stand er plötzlich an dem steil abfallenden, schwarzen Klippenrand von Mittelerde und erblickte das Große Meer, Belegaer, das Uferlose. Und in dieser Stunde versank hinter dem äußersten Rand der Welt die Sonne wie ein riesiges Feuer. Tuor stand mit ausgebreiteten Armen allein auf der Klippe, und eine tiefe Sehnsucht erfüllte sein Herz. Es heißt, er sei der erste Mensch gewesen, der bis ans Große Meer vordrang, und niemand, die Eldar ausgenommen, habe jemals tiefer jenes Verlangen verspürt, das von diesem Meer ausging.

Tuor verweilte viele Tage in Nevrast, und es gefiel ihm gut dort, denn in diesem Land, im Norden und Osten von Bergen abgeschlossen und nahe der See, war das Klima milder und freundlicher als in Hithlum. Seit Langem war er daran gewöhnt, als Jäger allein in der Wildnis zu leben, und er hatte an Nahrung keinen Mangel. In Nevrast herrschte Frühling, und die Luft war erfüllt vom Geschrei der Vögel, die in großer Zahl an den Gestaden hausten oder die Linaewen-Marschen in der Mitte der Landsenke bevölkerten. In jenen Tagen aber waren in dieser Einsamkeit weder die Stimmen von Elben noch von Menschen zu hören.

Bis an den Rand dieses großen, flachen Gewässers gelangte Tuor, konnte aber wegen der ausgedehnten Sumpfwiesen und pfadlosen Schilfwälder, die es von allen Seiten umgaben, nicht zum offenen Wasser vordringen. So verließ er diese Gegend bald und kehrte zur Küste zurück, denn das Meer zog ihn an und er hielt sich nicht gern länger an einem Ort auf, wo er das Geräusch der Wellen nicht hören konnte. Im Küstenland fand Tuor zum ersten Mal Spuren der alten Noldor. Denn zwischen den hochragenden, vom Meer abgeschliffenen Klippen an der Südseite des Drengist lagen viele kleine Buchten und geschützte Einfahrten mit weißen Sandstränden zwischen den schwarzglänzenden Felsen, und dort entdeckte Tuor gewundene, in den Stein geschlagene Treppen, die hinunterführten. Unmittelbar am Wasser fand er verfallene, aus großen, zubehauenen Felsblöcken gefügte Kais, an denen einstmals Elbenschiffe festgemacht hatten. Hier verweilte Tuor lange Zeit und beobachtete das sich unablässig verändernde Meer, während das Jahr durch Frühling und Sommer gemächlich dahinfloss, die Dunkelheit in Beleriand sich vertiefte und sich mit dem Herbst das Verhängnis Nargothrond näherte.

Vielleicht ahnten die Vögel den grausamen Winter, der bevorstand, denn jene, die für gewöhnlich in den Süden zogen, sammelten sich früh zum Abflug, und andere, die im Norden zu Hause waren, kamen aus ihrer Heimat nach Nevrast. Eines Tages, als Tuor am Gestade saß, vernahm er das Rauschen und Sausen großer Flügel, und aufblickend sah er sieben weiße Schwäne, die als schneller Keil nach Süden flogen. Aber als sie genau über ihm waren, beschrieben sie einen Kreis, stießen plötzlich herab und ließen sich gewaltig spritzend und schäumend auf dem Wasser nieder.

Tuor liebte Schwäne und kannte sie von den grauen Teichen Mithrims; überdies war der Schwan das Zeichen Annaels und des Volkes, das ihn aufgezogen hatte. Deshalb stand er auf, um die Vögel zu grüßen und mit ihnen zu reden. Staunend sah er, dass sie größer und prächtiger waren als alle Schwäne, die er jemals zuvor gesehen hatte. Aber sie schlugen mit den Flügeln und stießen raue Schreie aus, als seien sie zornig auf ihn und wollten ihn vom Strand vertreiben. Dann erhoben sie sich lärmend in die Lüfte und flogen über seinen Kopf hinweg, sodass ihn das Rauschen der Flügel wie ein pfeifender Wind traf. Sie zogen einen weiten Kreis, stiegen dann hoch in den Himmel und flogen in südlicher Richtung davon.

Da rief Tuor mit lauter Stimme: »Das ist erneut ein Zeichen, dass ich zu lange verweilt habe!« Und auf der Stelle kletterte er empor auf die Klippe und sah, dass die Schwäne noch am Himmel kreisten. Doch als er sich nach Süden wandte, um ihnen zu folgen, flogen sie schnell davon.

Volle sieben Tage wanderte Tuor an der Küste entlang nach Süden. Jeden Morgen weckte ihn in der Dämmerung das Flügelrauschen hoch über ihm, und jeden Tag flogen ihm die Schwäne voraus. Im Verlauf seiner Wanderung wurden die Klippen niedriger, und ihre Kuppen waren dicht mit blühendem Gras bewachsen. Gegen den Osten hin standen Wälder, die sich mit dem schwindenden Jahr gelb färbten. Doch vor sich, immer näher rückend, sah Tuor eine Kette mächtiger Hügel, die ihm den Weg versperrten. Sie verlief in westlicher Richtung und endete in einem hohen Berg; dunkel, wolkengekrönt erhob er sich auf mächtigen Flanken turmhoch über einer breiten grünen Landzunge, die weit ins Meer hinausragte.

Diese grauen Hügel waren die westlichen Ausläufer der Ered Wethrin, der Nordbegrenzung Beleriands, und der Berg war Taras, der westlichste der Türme dieses Landes, dessen Spitze der Seemann als Erstes von hoher See ausmachen konnte, wenn er sich den Sterblichenlanden näherte. In vergangenen Zeiten hatte Turgon am Fuß der weiten Hänge in den Hallen Vinyamars gewohnt, des ältesten aller steinernen Bauwerke, das die Noldor im Land ihrer Verbannung errichtet hatten. Noch immer stand es dort, verlassen, aber die Zeiten überdauernd, hoch gelegen auf großen, dem Meer zugekehrten Terrassen. Die Jahre hatten ihm nichts anhaben können, und Morgoths Knechte hatten es unbeachtet gelassen. Doch Wind, Regen und Frost hatten ihre Spuren eingegraben, und auf seinen Mauerkronen und den großen Dachschindeln wucherten üppig graugrüne Pflanzen, die, genährt von der salzigen Meeresluft, sogar in den Spalten geborstener Steine verschwenderisch wuchsen.

Tuor gelangte zu den Überresten einer vergessenen Straße, suchte seinen Weg durch grüne Erdwälle, umgestürzte Steine und kam, als der Tag sich neigte, zur alten Halle mit ihren hohen, zugigen Höfen. Kein Schatten der Furcht oder des Bösen lauerte hier, doch Schmerz befiel ihn, wenn er jener gedachte, die hier gewohnt hatten und die, niemand wusste wohin, verschwunden waren: jenes stolze Volk, das von weit her übers Meer gekommen war, das unsterblich war und dennoch verdammt. Er wandte sich um und blickte, wie jene es oft getan haben mochten, hinaus auf das glitzernde, bewegte Wasser bis zum Horizont. Dann drehte er sich um und sah, dass die Schwäne sich auf der höchstgelegenen Terrasse niedergelassen hatten und vor dem Westeingang warteten. Sie schlugen mit den Flügeln und schienen ihn zum Eintreten auffordern zu wollen. Tuor stieg die breite Treppe hinauf, die nun von Grasnelken und Feuernelken überwuchert war, schritt unter dem gewaltigen Türbalken hindurch und trat in den Schatten von Turgons Haus, und schließlich gelangte er in eine hohe Säulenhalle. Hatte diese schon von außen gewaltig gewirkt, so kam ihm jetzt das Innere noch weitläufiger und wunderbarer vor. Ehrfurcht hielt ihn davor zurück, in ihrer Leere ein Echo zu wecken. Nichts war zu sehen außer einem erhöhten Sitz auf einer Estrade am östlichen Ende, und so leise wie möglich schritt er darauf zu. Doch das Geräusch seiner Schritte auf dem gepflasterten Boden gemahnte ihn an die Schritte des Schicksals, und das Echo lief vor ihm her durch die von Säulen begrenzten Seitenchöre.

Im Halbdunkel stand er vor dem großen Sessel und sah, dass dieser aus einem einzigen Steinblock gehauen und mit seltsamen Zeichen bedeckt war. Die untergehende Sonne stand auf gleicher Höhe mit einem hoch gelegenen Fenster im westlichen Giebel, eine Lichtbahn traf auf die Wand vor ihm, und blank poliertes Metall glänzte auf. Verwundert sah Tuor, dass an der Wand hinter dem Thron ein Schild, eine große Halsberge, ein Helm und ein Schwert hingen, welches in einer Scheide steckte. Die Halsberge schimmerte, als sei sie aus reinem Silber geschmiedet, und der Sonnenstrahl schlug goldene Funken daraus. Die Form des Schildes war lang und spitz zulaufend, und sie war Tuor fremd. Sein Untergrund war blau, und in seiner Mitte trat das geschmiedete Emblem eines weißen Schwanenflügels hervor. Da erhob Tuor seine Stimme, und sie hallte in dem Gewölbe wie eine Herausforderung: »Kraft dieses Zeichens werde ich diese Waffen in meinen Besitz nehmen, und ich will jedes Schicksal tragen, das sie in sich bergen.« Er hob den Schild von der Wand und fand ihn überaus leicht und handlich, denn er bestand aus Holz, wie es schien, doch kunstreiche Elbenschmiede hatten ihn mit hauchdünnen, harten Metallplatten überzogen, die ihn vor Holzwurm und Witterung geschützt hatten.

Dann legte Tuor die Halsberge an, setzte den Helm auf und gürtete sich mit dem Schwert, dessen schwarze Scheide und Gürtel von silbernen Schnallen gehalten wurden. Also gewappnet, verließ er Turgons Halle und stand im roten Sonnenlicht auf den hohen Terrassen von Taras. Kein Auge erblickte ihn, als er, golden und silbern schimmernd, nach Westen Ausschau hielt. Er wusste nicht, dass er in dieser Stunde als einer der Mächtigen des Westens in Erscheinung trat, würdig, der Vater jener Könige zu sein, von denen die Könige der Menschen jenseits des Meeres abstammten, und in der Tat war dies sein Schicksal. Aber nachdem er diese Waffen ergriffen hatte, ging eine Veränderung mit ihm vor, und sein Herz füllte sich mit Kraft. Als er die Türstufen hinabschritt, neigten sich die Schwäne vor ihm. Jeder von ihnen zog eine große Feder aus dem Flügel und bot sie ihm dar, indem er den langen Hals auf die Steine zu Tuors Füßen legte. Und Tuor nahm die sieben Federn und befestigte sie an der Spitze des Helmes. Die Schwäne aber hoben sich ohne Verzug in die Luft, flogen, während die Sonne unterging, nach Norden, und er sah sie niemals wieder.

Tuor spürte, wie seine Füße zum Meeresstrand gezogen wurden, und er ging die langen Treppen hinab und betrat ein weites Ufer an der Nordflanke des Taras-Vorgebirges. Er sah, dass die sinkende Sonne in einer großen schwarzen Wolke verschwand, die am Rande des sich verdunkelnden Meeres aufstieg; es wurde kalt, und das Wasser geriet in eine murmelnde Bewegung, als kündige sich ein Sturm an. Tuor stand am Ufer, und die Sonne loderte wie ein rauchendes Feuer am drohenden Himmel. Es war ihm, als erhebe sich in weiter Ferne eine gewaltige Woge und rolle auf das Land zu, doch wie verzaubert blieb er an seinen Fleck gebannt, und unbeweglich harrte er aus. Und die Welle rollte auf ihn zu, gekrönt von dunstigen Schatten. Als sie näher herangekommen war, kräuselte sie sich, brach und griff mit weißen Schaumarmen nach vorn. Aber dort, wo sie sich gebrochen hatte, stand, dunkel gegen den aufziehenden Sturm, eine lebendige Gestalt, über die Maßen groß und majestätisch.

Tuor verbeugte sich ehrerbietig, denn ihm war, als stünde er vor einem mächtigen König. Er trug eine prächtige, silbrige Krone, unter der das lange Haar, in der Dunkelheit schimmernd, wie Schaum hervorquoll. Er schlug den grauen Umhang zurück, der ihn wie ein Schleier umwallte, und enthüllte einen funkelnden Mantel, der eng am Leib anlag wie das Schuppenkleid eines großen Fisches, und ein tiefgrünes Wams, das blitzte und flackerte, als er gemessen an Land schritt. So zeigte sich der Bewohner der Tiefe, den die Noldor Ulmo nennen, der Herr der Wasser; so erschien er bei Vinyamar vor Tuor, dem Sohn Huors aus dem Hause Hador.

Er setzte seinen Fuß nicht auf den Strand, sondern stand bis zu den Knien im grauen Wasser, während er das Wort an Tuor richtete. Der Glanz seiner Augen und der Klang seiner tiefen Stimme schienen aus dem Inneren der Welt zu kommen, und von Furcht überwältigt warf Tuor sich in den Sand nieder.

»Stehe auf, Tuor, Sohn Huors!«, sagte Ulmo. »Fürchte meinen Zorn nicht, obwohl ich dich lange und vergeblich gerufen habe und du, nachdem du endlich aufgebrochen warst, auf der Reise hierher viel Zeit vergeudet hast. Du hättest im Frühjahr hier sein sollen, doch jetzt naht ein bitterer Winter aus dem Lande des Feindes! Du musst lernen, dich zu sputen; den angenehmen Weg, den ich dir bestimmt hatte, kannst du jetzt nicht mehr gehen; denn meine Pläne sind durchkreuzt worden, und großes Unheil schleicht durch das Tal des Sirion. Zwischen dir und deinem Ziel lauert bereits ein Heer von Feinden.«

»Was ist mein Ziel, Herr?«, fragte Tuor.

»Das, welches dein Herz immer gesucht hat«, antwortete Ulmo. »Turgon zu finden und die Verborgene Stadt mit eigenen Augen zu sehen; denn du bist auserkoren, mein Bote zu sein und jene Waffen zu tragen, die ich vor langer Zeit für dich bestimmt habe. Doch jetzt musst du schattengleich die Gefahren durchqueren. Deshalb hülle dich in diesen Umhang und wirf ihn niemals ab, bevor du nicht an das Ziel deiner Reise gelangt bist.«

Tuor schien es, als teile Ulmo seinen Umhang und werfe ihm einen Zipfel zu; als er über ihn fiel, erwies er sich als so groß, dass er sich von Kopf bis Fuß darin einhüllen konnte.

»So sollst du unter meiner Obhut wandeln«, sagte Ulmo.

»Doch halte dich nicht länger auf, denn in den Ländern von Anar und in den Feuern Melkors kann ich dich nicht schützen. Willst du meinen Auftrag übernehmen?«

»Ich will, Herr«, antwortete Tuor.

»Dann will ich dir Worte in den Mund legen, die du Turgon sagen sollst«, sprach Ulmo. »Doch zunächst will ich dich unterweisen, und du wirst einige Dinge erfahren, von denen kein Mensch weiß, ja, die nicht einmal die Mächtigen der Eldar kennen.« Und Ulmo sprach zu Tuor von der Verhüllung Valinors, der Verbannung der Noldor, von Mandos’ Fluch und dem verborgenen Segensreich. »Merke dir aber«, sagte er, »im Panzer des Schicksals (wie die Kinder der Erde sagen) ist immer eine Lücke und in den Mauern des Verhängnisses eine Bresche, bis zu jenem letzten Punkt, den ihr das Ende nennt. Solange ich währe, wird es eine geheime Stimme geben, die widerspricht, und ein Licht, das dort leuchtet, wo Finsternis sich ausbreiten will. Wenn ich auch in diesen Tagen des Dunkels dem Willen meiner Brüder, der Herren des Westens, scheinbar zuwiderhandle, so ist dies doch meine Aufgabe, zu der ich berufen wurde, bevor die Welt entstand. Doch das Verhängnis lastet schwer, und der Schatten des Feindes wird größer. Ich selbst bin geschwächt und werde in Mittelerde schließlich nur noch ein heimliches Flüstern sein. Die Wasser, die nach Westen fließen, trocknen aus, ihre Quellen sind vergiftet, und meine Macht muss aus dem Lande weichen, denn Elben und Menschen werden durch die Kraft Melkors mir gegenüber blind und taub. Nun geht Mandos’ Fluch rasch seiner Erfüllung entgegen, alle Werke der Noldor werden untergehen, und die Hoffnungen, die sie hegten, werden zerbrechen; allein eine letzte ist geblieben, eine Hoffnung, die sie nicht erwarteten und auf die sie nicht vorbereitet sind: Diese Hoffnung liegt in dir, denn so habe ich es beschlossen!«

»Dann wird sich Turgon also nicht gegen Morgoth erheben, wie alle Eldar noch immer glauben?«, fragte Tuor. »Und was erwartet Ihr von mir, Herr, wenn ich jetzt zu Turgon komme? Wenn ich auch wahrlich willens bin, es meinem Vater gleichzutun und diesem König in seiner Not beizustehen, wie kann ich ihm von Nutzen sein? Ich bin ein einzelner, sterblicher Mensch unter den vielen tapferen Helden des Hohen Volkes aus dem Westen.«

»Wenn ich mich entschlossen habe, dich zu meinem Boten zu machen, Tuor, Sohn Huors, so glaube nicht, dein eines Schwert sei es nicht wert, ausgesandt zu werden. Die Elben werden sich allzeit der Tapferkeit der Edain erinnern, wenn die Zeitalter vergehen, und darüber staunen, dass diese ihr Leben, das auf Erden so kurz ist, freiwillig hingaben. Aber nicht nur wegen deiner Tapferkeit habe ich dich erwählt, sondern um eine Hoffnung in die Welt zu tragen, die größer ist als du selbst, und ein Licht, das die Finsternis durchdringen soll.«

Und als Ulmo dieses sagte, wuchs das Brausen des Sturms zu einem gewaltigen Aufschrei, der Wind erreichte seine größte Stärke, und der Himmel färbte sich schwarz. Der Umhang des Herrn der Wasser wehte wie eine fliegende Wolke im Wind. »Geh jetzt«, sagte Ulmo, »damit das Meer dich nicht verschlinge! Denn Osse gehorcht dem Willen Mandos’ und dessen Spruch, und er ist zornig.«

»Wie Ihr befehlt«, sagte Tuor. »Doch wenn ich dem Unheil entgehe, welche Worte soll ich Turgon sagen?«

»Wenn du zu ihm kommst«, erwiderte Ulmo, »werden dir die Worte von allein auf die Lippen kommen, und dein Mund wird sprechen, als sei ich an deiner Stelle. Sprich und fürchte dich nicht! Und später handle, wie dein Herz und dein Mut es dir befehlen! Vertraue fest auf meinen Mantel, denn er wird dich schützen. Und ich will jemanden zu dir schicken, der Osses Wüten entkam, fürwahr den letzten Seefahrer des letzten Schiffes, das vor dem Aufgang des Sterns nach Westen aufgebrochen ist, und er wird dein Führer sein. Nun kehre ans Land zurück!«

Dann krachte der Donner, Blitze zuckten über dem Meer, und Tuor erblickte Ulmo, der wie ein silberner Turm in den Wogen stand, umgeben von züngelnden Flammen. Und er schrie gegen den Wind:

»Ich gehe, Herr, auch wenn mein Herz nun heftiger nach dem Meer verlangt!«

Darauf hob Ulmo ein riesiges Horn und blies einen einzigen, machtvollen Ton, und gegen diesen war das Tosen des Sturms nur wie ein Windstoß über einem Teich. Als Tuor diesen Ton vernahm, von ihm umschlossen und erfüllt wurde, wollte es ihm scheinen, als verschwänden die Küsten Mittelerdes, und wie auf einem gewaltigen Traumgemälde sah er alle Wasser der Erde: von den Wasseradern im Lande bis zu den Flussmündungen, von den Stränden und Buchten bis in die Tiefen des Meeres. Er sah das Große Meer, blickte durch seine unruhigen Sphären, wimmelnd von sonderbaren Gestalten, bis in seine lichtlosen Tiefen, wo inmitten ewiger Finsternis Stimmen widerhallten, schrecklich für die Ohren Sterblicher. Mit dem schweifenden Blick der Valar überschaute er die unermesslichen Wasserflächen, die unbeweglich unter dem Auge Anars lagen, unter dem Sichelmond glitzerten oder sich zu verderbenbringenden Kämmen auftürmten, die gegen die Schatteninseln anbrandeten. Fern am Horizont, unzählbare Meilen entfernt, erspähte er einen Berg, der sich zu unfassbarer Höhe erhob, hineinragend in eine strahlende Wolke, und an dessen Fuß eine langgestreckte Brandung aufschimmerte. Gerade als er sich anstrengte, das Rauschen jener fernen Wellen zu erlauschen und das ferne Licht deutlicher zu erkennen, brach der Klang des Horns ab; er verharrte unter dem Donner des Sturms, und vielarmige Blitze rissen den Himmel über ihm auseinander. Ulmo war verschwunden, die See tobte, und die wilden Wogen Osses brandeten gegen die Mauern Nevrasts. Darauf floh Tuor vor dem entfesselten Meer, und er hatte große Mühe, auf die hoch gelegenen Terrassen zurückzugelangen, denn der Wind drückte ihn gegen die Klippe, und als er ihre freiliegende Spitze erreicht hatte, zwang ihn der Sturm in die Knie. Um Schutz zu suchen, trat er deshalb noch einmal in die dunkle, leere Halle, und auf dem steinernen Thron Turgons sitzend verbrachte er die Nacht. Die Säulen erzitterten unter der wilden Gewalt des Sturmes, in den sich, wie es Tuor schien, Gejammer und wildes Geschrei mischten. Da er erschöpft war, versank er zeitweise in einen unruhigen Schlaf, der von vielen Träumen heimgesucht wurde, doch nur an einen einzigen konnte er sich später erinnern: das Bild einer Insel, in deren Mitte sich ein steiler Berg erhob. Dahinter ging die Sonne unter, Schatten verbreiteten sich über den Himmel, doch hoch darüber stand ein einzelner Stern mit blendendem Licht.

Nach diesem Traum fiel Tuor in tiefen Schlummer, und noch bevor die Nacht vorüber war, zog der Sturm weiter und trieb die Wolken in den Osten der Welt. Schließlich erwachte er im grauen Morgenlicht, erhob sich und verließ den Thron. Als er in die schwach erhellte Halle hinabstieg, sah er, dass sie von vielen Seevögeln bevölkert war, die der Sturm hierher verschlagen hatte. Er trat ins Freie, als der Glanz der letzten Sterne im Licht des kommenden Tages verblasste. Er sah, dass die gewaltigen Wellen in der Nacht hoch auf das Land gerollt waren und ihre schaumigen Kämme bis zu den Spitzen der Klippen geworfen hatten. Wasserpflanzen und grober Kies waren sogar auf die Terrassen bis vor die Türen geschleudert worden. An die Mauer gelehnt, blickte Tuor von der untersten Terrasse hinunter und erblickte zwischen Steinen und Tang die Gestalt eines Elben, gekleidet in einen grauen, von Seewasser durchtränkten Mantel. Schweigend saß er da und starrte über den verwüsteten Strand auf die langgestreckten Wellenrücken. Ringsum war Stille, und außer dem Rauschen der Brandung war kein Laut zu hören.

Als Tuor dastand und die schweigende graue Gestalt ansah, erinnerte er sich der Worte Ulmos, und wie von selbst kam ihm ein Name auf die Lippen, und er rief mit lauter Stimme: »Willkommen, Voronwe, ich habe dich erwartet!«

Darauf wandte sich der Elbe um, sah auf, und Tuor begegnete dem durchdringenden Blick seiner meergrauen Augen und wusste, dass er einen vom hohen Volk der Noldor vor sich hatte. Furcht und Staunen lagen in diesen Augen, als der Elbe Tuor hoch über sich auf der Mauer stehen sah, in seinen großen Mantel wie in einen Schatten gekleidet, den schimmernden Elben-Harnisch auf der Brust.

Einen Augenblick verharrten sie so, jeder forschte im Gesicht des anderen, und dann verbeugte sich der Elbe tief vor Tuor. »Wer seid Ihr, Herr?«, fragte er. »Lange habe ich mit der unerbittlichen See gekämpft. Sagt mir also, ob sich, seit ich das feste Land verließ, etwas von Bedeutung ereignet hat. Ist der Schatten besiegt? Ist das Verborgene Volk hervorgetreten?«

»Nein«, erwiderte Tuor. »Der Schatten lastet noch immer auf dem Land, und das Verborgene bleibt verborgen.«

Darauf blickte ihn Voronwe lange schweigend an. »Aber wer seid Ihr?«, fragte er wieder. »Vor vielen Jahren hat mein Volk dieses Land verlassen, und niemand hat seitdem hier gewohnt. Jetzt begreife ich, dass Ihr trotz Eurer Kleidung nicht meinem Volk angehört, wie ich zuerst annahm, sondern dem menschlichen Geschlecht.«

»So ist es«, sagte Tuor. »Und bist du nicht der letzte Seefahrer des letzten Schiffes, das von den Anfurten Círdans nach Westen segelte?«

»Der bin ich«, antwortete der Elbe. »Ich bin Voronwe, Sohn Aranwes. Aber ich verstehe nicht, wie Ihr meinen Namen und mein Schicksal kennen könnt?«

»Weil der Herr der Wasser am Abend zu mir gesprochen hat«, sagte Tuor, »und er sagte, dass er dich vor dem Zorn Osses gerettet habe und dich hierher schicken würde, um mich zu führen.«

Erschrocken und verwundert rief Voronwe: »Ihr habt mit Ulmo, dem Mächtigen, gesprochen? Dann müssen Euer Ansehen und Eure Bestimmung in der Tat groß sein! Doch wohin soll ich Euch geleiten, Herr? Sicherlich seid Ihr unter den Menschen ein König, und viele werden auf Euren Befehl warten.«

»Nein, ich bin ein entflohener Sklave«, sagte Tuor, »ein Verfemter, einsam in einem ausgestorbenen Land. Doch ich habe eine Botschaft für Turgon, den Verborgenen König. Weißt du, wie ich ihn finden kann?«

»In diesen schlimmen Zeiten sind viele verfemt und versklavt, denen es bei ihrer Geburt nicht bestimmt war«, erwiderte Voronwe. »Mich dünkt, dass Ihr von Rechts wegen ein Fürst der Menschen seid. Doch wäret Ihr auch der Höchste unter ihnen, hättet Ihr doch kein Recht, nach Turgon zu forschen, und Eure Suche wäre vergeblich. Selbst wenn ich Euch bis vor seine Tore geleiten würde, könntet Ihr sie nicht passieren.«

»Nicht weiter als bis zum Tor bitte ich dich, mich zu geleiten«, sagte Tuor. »Dort werden das Schicksal und der Wille Ulmos miteinander streiten. Wenn Turgon mich nicht zu sich lässt, ist mein Auftrag beendet, und das Verhängnis wird seinen Lauf nehmen. Aber was mein Recht angeht, Turgon aufzusuchen, höre also: Ich bin Tuor, Huors Sohn und Abkömmling Húrins, deren Namen Turgon nicht vergessen haben wird. Und überdies suche ich ihn auf Befehl Ulmos. Sollte Turgon vergessen haben, was Ulmo einst zu ihm sagte: Denke daran, dass die letzte Hoffnung der Noldor vom Meer kommen wird. Oder: Wenn die Gefahr nahe ist, wird jemand aus Nevrast kommen, um dich zu warnen. Dieser Mann bin ich, ein Rad im Getriebe, das in Gang gesetzt wurde.«

Verwundert hörte Tuor sich selbst diese Worte sprechen, denn als er von Nevrast aufgebrochen war, hatte er Ulmos Botschaft an Turgon nicht gekannt. Niemand kannte sie, das Verborgene Volk ausgenommen. Deshalb war Voronwe umso überraschter, doch er wandte sich ab, schaute auf das Meer und seufzte.

»Wohlan!«, sagte er. »Ich habe gewünscht, nie wieder zurückzukehren. Sollte ich jemals wieder einen Fuß an Land setzen, so habe ich mir oft genug in den Tiefen der See gelobt, wollte ich, weit entfernt von den Schatten des Nordens, in Muße leben. Bei den Anfurten Círdans vielleicht, oder in den freundlichen Gefilden Nan-tathrins, wo der Frühling lieblicher ist, als das Herz es sich erträumen kann. Aber während ich wanderte, hat die Macht des Bösen zugenommen, die letzte Gefahr nähert sich meinem Volk, und ich muss zurückkehren.« Er wandte sich wieder gegen Tuor: »Ich will dich zu den verborgenen Toren führen«, sagte er, »denn ein kluger Mann wird sich den Ratschlüssen Ulmos nicht widersetzen.«

»Dann wollen wir zusammen gehen, wie es uns aufgetragen ist«, sagte Tuor. »Doch klage nicht, Voronwe! Denn mein Herz spricht zu dir: Möge deine lange Reise dich weit von den Schatten wegführen und deine Hoffnung, an das Meer zurückzukehren, sich erfüllen.«

»Die deine ebenso«, sagte Voronwe. »Aber jetzt müssen wir das Meer verlassen und uns sputen.«

»Ja«, sagte Tuor. »Aber wohin willst du mich führen und wie weit? Sollen wir nicht zuerst darüber nachdenken, wie wir uns in der Wildnis zurechtfinden oder, falls die Reise lange dauert, wie wir ohne Unterschlupf den Winter überstehen werden?«

Aber über ihren Reiseweg wollte Voronwe nichts Genaues sagen. »Was Menschen vermögen, ist dir wohlbekannt«, sagte er, »was mich freilich angeht, so bin ich ein Noldo, und Hunger und Winterkälte müssen schon lange andauern, ehe sie jemanden aus jenem Stamm töten, der das Malm-Eis überquert hat. Wie, glaubst du, konnten wir ungezählte Tage in den salzigen Wüsten des Meeres überstehen? Hast du nicht von der Wegzehrung der Elben gehört? Ich trage noch immer einen Vorrat bei mir, wie es alle Seefahrer bis zuletzt zu tun pflegen.« Darauf ließ er unter seinem Umhang ein versiegeltes Säckchen sehen, das an seinen Gürtel geschnallt war. »Solange es versiegelt ist, können ihm weder Wasser noch Kälte etwas anhaben. Aber nur in größter Not dürfen wir es angreifen. Außerdem wird ein Verfemter und Jäger sicherlich noch andere Nahrung finden, solange es die Jahreszeit zulässt.«

»Vielleicht«, sagte Tuor. »Doch nicht in jedem Land ist das Jagen ungefährlich, und sei noch so reichlich Beute vorhanden. Außerdem verzögert es die Reise.«

Nun machten sich Tuor und Voronwe zum Aufbruch bereit. Von den Waffen, die er aus der Halle mitgebracht hatte, nahm Tuor den kleinen Bogen und Pfeile mit; den Speer jedoch, der in den Elbenrunen des Nordens seinen Namen trug, stellte er an die Wand, zum Zeichen, dass er hier hiergewesen war. Voronwe führte außer einem kurzen Schwert keine Waffe.

Bevor der Tag anbrach, verließen sie den alten Wohnsitz Turgons, und Voronwe führte Tuor die steilen Hänge des Taras hinab und über die große Landzunge. Dort hatte einst die Straße von Nevrast nach Brithombar entlanggeführt, von der jetzt nur noch eine grüne Spur zwischen grasüberwachsenen Erdwällen übrig war. So gelangten sie nach Beleriand und in den nördlichen Teil der Falas. Dort wandten sie sich nach Osten und suchten Zuflucht im Schatten der überhängenden Felsen der Ered Wethrin; dort rasteten sie versteckt, bis die Dämmerung hereinbrach. In Brithombar und Eglarest, den alten Wohnstätten der Falathrim, hausten jetzt die Orks, und obwohl diese Orte ein gutes Stück entfernt waren, wimmelte das ganze Land von Morgoths Spähern; er fürchtete nämlich die Schiffe Círdans, die gelegentlich die Küsten überfielen und sich mit den Bewaffneten vereinigten, die von Nargothrond ausgeschickt wurden. Als sie nun, eingehüllt in ihre Mäntel, schattengleich im Schutz der Hügel hockten, sprachen Tuor und Voronwe viel miteinander. Tuor stellte viele Fragen nach Turgon, doch sprach Voronwe über ihn nur wenig, sondern erzählte lieber von den Behausungen auf der Insel Balar und von den Lisgardh, den Schilfwäldern an den Mündungen des Sirion.

»Dort nimmt jetzt die Zahl der Elben zu«, sagte er, »denn von beiden Stämmen fliehen immer mehr dorthin, sei es aus Furcht vor Morgoth oder weil sie des Krieges überdrüssig sind. Doch ich verließ mein Volk nicht aus eigenem Entschluss. Im Anschluss an die Bragollach und nachdem der Belagerungsring um Angband gesprengt worden war, überkamen Turgon zum ersten Mal Zweifel, ob Morgoth sich nicht doch als zu stark erweisen würde. In jenem Jahr sandte er eine erste Vorhut seines Volkes durch die Tore nach draußen; es waren nur wenige, und sie hatten einen geheimen Auftrag. Sie zogen den Sirion hinunter bis zu den Küsten an seiner Mündung, und dort bauten sie Schiffe. Doch es war vergebens: Es gelang ihnen lediglich, die große Insel Balar zu erreichen und dort heimliche Stützpunkte anzulegen, die außerhalb der Reichweite Morgoths lagen; denn die Noldor verstehen sich nicht auf die Kunst, Schiffe zu bauen, die den Wellen des Großen Belegaer lange standhalten.

Aber als Turgon später davon hörte, dass die Falas verwüstet, die alten Anfurten der Schiffbauer geplündert worden seien und Círdan, wie man sagte, einen Rest seines Volkes gerettet habe und in südlicher Richtung zur Bucht von Balar fortgesegelt sei, schickte er erneut Boten aus. Dies ist noch gar nicht lange her, doch kommt es mir in der Erinnerung vor, als sei es die längste Zeitspanne meines Lebens gewesen. Denn ich war einer von denen, die ausgesandt wurden, und unter den Eldar war ich jung an Jahren. Ich bin hier in Mittelerde im Lande Nevrast geboren. Meine Mutter entstammte den Grauelben der Falas und war mit Círdan verwandt – in den ersten Jahren der Herrschaft Turgons vermischten sich die Völker in Nevrast häufig –, und von ihr habe ich das Seefahrerblut geerbt. Aus diesem Grund war ich unter den Ausgewählten, denn wir wurden zu Círdan geschickt, ihn um Rat für unseren Schiffbau zu bitten, damit wir den Herren des Westens eine Botschaft und die Bitte um Beistand übermitteln könnten, ehe alles verloren sei. Doch ich säumte unterwegs, denn ich hatte bis dahin wenig von den Ländern Mittelerdes gesehen, und es war gerade Frühling, als wir nach Nan-tathrin kamen. Lieblich und herzerquickend ist dieses Land, Tuor, wie du selbst feststellen wirst, wenn du jemals auf den südlichen Straßen den Sirion entlangwandern solltest. Dieses Land ist das Heilmittel gegen die Sehnsucht nach dem Meer, wenn auch nicht für jene, die ihrer Bestimmung nicht entgehen können. Dort ist Ulmo nur der Diener Yavannas, und die Erde hat dort einen Überfluss an Schönheit hervorgebracht, der für jene, die in den rauen Hügeln des Nordens leben, schier unfassbar ist. In diesem Land vereinigen sich Narog und Sirion, ihr schneller Lauf mäßigt sich, und sie fließen breit und ruhig zwischen erquickenden Wiesen dahin. Überall am glitzernden Fluss wachsen Schwertlilien wie ein Wald aus Blüten, das Gras ist mit Blumen durchflochten wie mit Edelsteinen, mit Glocken, mit roten und goldenen Flammen, mit einer Pracht vielfarbiger Sterne an einem grünen Himmel. Doch am schönsten sind die Weidenbäume Nan-tathrins, mattgrün oder silbrig im Wind, und das Rauschen ihrer unzähligen Blätter ist wie bezaubernde Musik. Tage und Nächte trieben unbemerkt dahin, während ich im kniehohen Gras stand und lauschte. Dort erlag ich einem Zauber, und in meinem Herzen vergaß ich das Meer. Ich wanderte umher, gab unbekannten Blumen Namen oder lag träumend unter einer Glocke von Vogelgesang und Bienengesumm. Dort würde ich noch immer in Freuden leben, ohne einen Gedanken an mein Volk, die Schiffe der Teleri oder die Schwerter der Noldor zu verschwenden, doch mein Schicksal wollte es anders. Vielleicht war es auch der Herr der Wasser selbst, dessen Macht groß war in jenem Land.

Es kam mir in den Sinn, ein Floß aus Weidenästen zu bauen und mich auf die schimmernden Wasser des Sirion zu begeben; so geschah es, und der Fluss trug mich. Doch eines Tages, als ich mich in der Flussmitte befand, kam plötzlich Wind auf und packte mich und trieb mich fort aus dem Land der Weidenbäume und dem Meer zu. Also kam ich als letzter der Boten bei Círdan an. Von den sieben Schiffen, die er auf Turgons Bitte erbaut hatte, waren alle bis auf eines bereits fertig. Und eines nach dem anderen segelten sie fort gen Westen, doch kehrte keines jemals zurück, noch hat man irgendeine Nachricht von ihnen empfangen.

Aber jetzt begann mein Seefahrerblut in der salzigen Seeluft schneller zu fließen, ich hatte meine Freude an den Wellen und erlernte das Handwerk der Seeleute, als hätte ich es schon immer beherrscht. So war ich denn, als das letzte und größte Schiff fertiggestellt war, begierig aufzubrechen und sagte mir selbst: Wenn es zutrifft, was die Noldor sagen, gibt es im Westen Wiesengründe, mit denen sich das Land der Weidenbäume nicht messen kann. Dort gibt es kein Verwelken, und der Frühling endet niemals. Und vielleicht kann ich, Voronwe, gar dorthin gelangen. Im schlimmsten Fall ist auf dem Meer umherzuziehen immer noch besser als der Schatten im Norden. Ich hatte keine Angst, denn die Schiffe der Teleri gelten als unsinkbar.

Doch die Große See ist furchtbar, Tuor, Sohn Huors, und sie hasst die Noldor, weil sie die Valar verderben will. Sie hält Schlimmeres bereit als den Untergang in ihren Abgründen: Abscheu, Einsamkeit und Wahnsinn, Schrecken des Sturms und Wellengangs und Stille und Schatten, wo alle Hoffnung vergebens ist und jedes Leben erstirbt. Und sie bespült viele sonderbare und verderbliche Gestade und wimmelt von Inseln voller Furcht und Gefahr. Ich will dein Herz nicht trüben, Sohn Mittelerdes, mit der Geschichte meiner siebenjährigen Irrfahrt auf dem Großen Meer, die mich vom Norden bis in den Süden, doch niemals in den Westen verschlug, denn dieser ist uns verschlossen.

Schließlich, in finsterer Verzweiflung und der Welt müde, wendeten wir das Schiff und flohen vor dem Verhängnis, das uns so lange verschont hatte, um uns umso grausamer zu treffen. Gerade nämlich, als wir in der Ferne einen Berg erspähten und ich ausrief: ›Seht, dort liegt Taras, das Land meiner Geburt!‹ – in diesem Augenblick frischte der Wind auf, und aus dem Westen zogen große schwarzgewittrige Wolken herauf. Dann jagten uns die Wellen, als seien sie lebende, bösartige Wesen, und die Blitze zuckten auf uns herab. Und als Segel und Masten gebrochen und unser Schiff nur noch ein hilfloser Rumpf war, schlugen die tobenden Seen über uns zusammen. Aber ich blieb, wie du siehst, verschont. Es kam eine Woge herbei, größer und doch ruhiger als die anderen, wie mir schien, und sie packte mich, hob mich vom Schiff, trug mich auf ihrem Kamm hoch, rollte an Land und warf mich in das Gras. Dann flutete sie zurück und ergoss sich wie ein Wasserfall über den Klippenrand. Länger als eine Stunde saß ich dort, noch benommen vom Meer, als du auf mich zukamst. Noch immer spüre ich die Furcht in mir und den Schmerz über den bitteren Verlust aller meiner Freunde, die auf einer langen und weiten Fahrt, die uns über die Gefilde der Sterblichen hinausgeführt hatte, an meiner Seite waren.«

Voronwe seufzte und sprach dann leise wie zu sich selbst: »Doch hell standen die Sterne am Rande der Welt, wenn sich die Wolken im Westen gelegentlich verzogen hatten. Freilich weiß ich nicht, ob wir nur ferne Wolken sahen oder in der Tat, wie manche glaubten, die Berge der Pelóri erblickten, die sich über den ausgestorbenen Stränden unserer alten Heimat erheben. Fern, unendlich fern standen sie, und micht dünkt, keiner von den Sterblichenlanden wird jemals wieder dorthin gelangen.«

Danach verstummte er. Die Nacht war hereingebrochen, und die Sterne schimmerten weiß und kalt.

Bald darauf erhoben sich Tuor und Voronwe, kehrten dem Meer den Rücken und brachen zu ihrer langen Reise im Dunkeln auf. Wenig ist darüber zu berichten, denn Ulmos Schatten wachte über Tuor, und niemand erspähte sie auf ihrem Weg durch Wald und Fels, Felder und Auen, zwischen der untergehenden und der aufgehenden Sonne. Doch sie blieben immer auf der Hut, wichen den Jägern Morgoths aus, die auch nachts sehen können, und vermieden die ausgetretenen Pfade der Elben und Menschen. Voronwe bestimmte den Weg, und Tuor folgte ihm. Er stellte keine überflüssigen Fragen, doch bemerkte er wohl, dass sie immer dem aufwärts nach Osten verlaufenden Bergzug folgten und sich niemals nach Süden wandten. Er wunderte sich darüber, denn wie die meisten Elben und Menschen war er der Ansicht, Turgon wohne weit von den Schlachtfeldern des Nordens entfernt.

Im Zwielicht oder bei Nacht kamen sie in der unwegsamen Wildnis nur langsam voran, und umso rascher zog der raue Winter aus Morgoths Reich herbei. Trotz der schützenden Hügel waren die Winde stark und beißend, und bald lag tiefer Schnee auf den Höhen, wirbelte über die Pässe und fiel auf die Wälder von Núath, ehe diese noch ihre welken Blätter gänzlich abgeworfen hatten. So kam, obwohl sie in der ersten Hälfte des Narquelië aufgebrochen waren, der Hísime mit beißendem Frost, gerade als sie sich den Quellen des Narog näherten.

Dort, am Ende einer mühseligen Nacht, machten sie im Morgengrauen halt; Voronwe erschrak und blickte sich furchtsam und beklommen um: Wo einst der Weiher von Ivrin in seinem großen, durch die Wasserfälle ausgewaschenen steinernen Becken erglänzt war, inmitten von einer baumgesäumte Mulde in den Hügeln, erblickte er jetzt nichts als ein besudeltes und verwüstetes Gelände. Die Bäume waren verbrannt oder herausgerissen, die steinerne Umrandung des Beckens war zerbrochen, sodass die ungebändigten Wasser des Ivrin inmitten der Zerstörung einen großen, öden Morast bildeten. Alles war jetzt nur noch eine Wüstenei gefrorenen Schlamms, und ein Gestank von Verwesung lag wie ein widerwärtiger Dunst über dem Ort.

»Wehe! Ist das Böse sogar hierher gekommen?«, rief Voronwe. »Einst war dieser Ort weit entfernt von der Bedrohung durch Angband, doch die Klauen Morgoths strecken sich immer weiter aus!«

»Es ist so, wie Ulmo gesagt hat«, sagte Tuor. Die Quellen sind vergiftet, und meine Macht zieht sich aus den Wassern des Landes zurück.

»Und dennoch«, sagte Voronwe, »hat hier ein böser Geist gewaltet, der mächtiger ist als die Orks. Furcht lauert an diesem Ort.« Er prüfte den Rand des Morastes, bis er auf einmal innehielt und aufschrie: »Ja, ein großes Übel!« Er forderte Tuor auf, näher zu treten, und dieser sah einen Einschnitt wie eine gewaltige Furche, die nach Süden führte. Zu beiden Seiten verliefen, bald undeutlich, bald durch den Frost hart und klar im Boden ausgeprägt, die Spuren großer, klauenbewehrter Füße. »Sieh!«, sagte Voronwe, und sein Gesicht war von Furcht und Abscheu bleich. »Vor nicht langer Zeit ist der Große Wurm von Angband hier gewesen, die grausamste aller Kreaturen des Feindes! Es kann bereits zu spät sein für unsere Botschaft an Turgon. Eile tut Not.«

Gerade als er dies sagte, hörten sie einen Ruf in den Wäldern, und sie standen still wie graue Steine und lauschten. Doch es war eine angenehme Stimme, wenn auch von Schmerz erfüllt; sie schien immer wieder einen Namen zu rufen, als ob sie nach jemandem suche, der verlorengegangen war. Während sie warteten, kam jemand durch die Bäume näher, und sie sahen, dass es ein großer Mann war. Er war bewaffnet, schwarz gekleidet, und trug ein langes Schwert in der Hand, und sie wunderten sich, dass dessen Klinge schwarz war, die Kanten aber hell und kalt funkelten. Kummer stand auf seinem Gesicht, und als er den verwüsteten Weiher sah, schrie er vor Gram laut auf: »Ivrin, Faelivrin! Gwindor und Beleg! Hier wurde ich einst geheilt. Aber jetzt werde ich niemals wieder den Becher des Friedens trinken.«

Darauf schritt er schnell in nördlicher Richtung davon, wie jemand, der auf einer Verfolgungsjagd ist oder eine eilige Botschaft hat. Sie hörten ihn rufen: Faelivrin, Finduilas!, bis seine Stimme in den Wäldern verhallte. Doch sie wussten nicht, dass Nargothrond gefallen war und dass sie Túrin, den Sohn Húrins, gesehen hatten, den Träger des Schwarzen Schwerts. Auf diese Weise kreuzten sich für einen Augenblick und niemals wieder die Wege der Blutsverwandten Túrin und Tuor.

Nachdem das Schwarze Schwert verschwunden war, setzten sie ihren Weg noch eine Weile fort, obwohl es Tag geworden war, denn die Erinnerung an den Schmerz dieses Mannes lastete schwer auf ihnen, und sie konnten es nicht über sich bringen, in der Nähe des verwüsteten Ivrin zu bleiben. Doch bald suchten sie sich ein Versteck, denn jetzt war ringsum das Land von der Vorahnung des Bösen erfüllt. Ihr Schlaf war kurz und unerquicklich, und als der Tag sich neigte und es dunkel wurde, setzte heftiger Schneefall ein, und mit der Nacht kam grimmiger Frost. Von diesem Augenblick an hörten Schnee und Eis überhaupt nicht mehr auf, und fünf Monate lang hielt der Grausame Winter, an den man sich noch lange erinnerte, den Norden in seinem Bann. Nun wurden Tuor und Voronwe von der Kälte gequält, und sie fürchteten, ihre Spuren im Schnee könnten sie umherstreifenden Feinden verraten oder sie könnten in einen Hinterhalt geraten. Sie marschierten neun Tage lang, immer langsamer und unter wachsenden Qualen, als sich Voronwe ein wenig nach Norden wandte, bis sie die drei Quellflüsse des Teiglin überquerten. Darauf ging es wieder ostwärts, sie verließen die Berge und gingen vorsichtig weiter, bis sie den Glithui überquerten und an den Malduin kamen, dessen Wasser schwarz gefroren war.

Da sprach Tuor zu Voronwe: »Der Frost ist grausam, und der Tod rückt näher, wenn nicht dir, so doch mir.« In der Tat war ihre Lage sehr schlimm, denn es war lange her, seit sie in der Wildnis ein wenig Nahrung gefunden hatten, die Wegzehrung schwand dahin, und sie waren durchfroren und erschöpft.

»Es ist bitter«, sagte Voronwe, »zwischen dem Spruch der Valar und der Grausamkeit des Feindes gefangen zu sein. Bin ich dem Rachen der See entkommen, um im Schnee zu verenden?«

Aber Tuor sagte: »Wie weit müssen wir jetzt noch gehen? Du musst jetzt endlich dein Geheimnis lüften, Voronwe. Hast du mich den kürzesten Weg geführt, und wohin führt er? Denn wenn ich meine letzten Kräfte opfern muss, möchte ich wissen, wozu es gut ist.«

»Ich habe dich, soweit es unsere Sicherheit zuließ, den kürzesten Weg geführt«, sagte Voronwe. »Wisse nun, Tuor, dass Turgon noch immer im Norden des Landes der Eldar wohnt, wenn es auch nur wenige glauben. Wir sind ihm schon recht nahe, aber es sind immer noch viele Meilen zurückzulegen, selbst wenn man wie ein Vogel fliegen könnte. Immerhin müssen wir noch den Sirion überqueren, und bis dahin kann uns möglicherweise noch viel Unheil begegnen. Bald nämlich erreichen wir die Straße, die seit alters her vom Wachtturm König Finrods nach Nargothrond hinunterführt. Dort werden die Diener unseres Feindes sich aufhalten und auf der Lauer liegen.«

»Ich hielt mich für den abgehärtetsten der Menschen«, sagte Tuor, »und ich habe viele harte Winter in den Bergen überlebt, doch damals hatte ich eine Höhle als Zuflucht und ein wärmendes Feuer. Jetzt aber, hungrig wie ich bin, zweifle ich an meiner Kraft, bei dieser schlimmen Kälte weiterzugehen. Aber lass uns aufbrechen und marschieren, so weit wie wir können, bevor uns die letzte Hoffnung verlässt.«

»Wir haben keine andere Wahl«, sagte Voronwe, »es sei denn, wir legten uns hier nieder, um im Schnee auf den Todesschlaf zu warten.«

Also kämpften sie sich den ganzen bitteren Tag lang vorwärts, und der Winter machte ihnen mehr zu schaffen als die Bedrohung durch Feinde. Doch je weiter sie vordrangen, desto weniger Schnee fanden sie, denn sie stiegen jetzt wieder nach Süden in das Tal des Sirion hinab und hatten die Berge von Dor-lómin weit hinter sich gelassen. Als die Dämmerung sich vertiefte, erreichten sie die Straße, die sich am Fuß des dichtbewaldeten, steilen Flussufers entlangzog. Plötzlich hörten sie Stimmen, und als sie vorsichtig hinter den Bäumen hervorspähten, sahen sie in der Tiefe ein rotes Licht. Eine Gruppe von Orks lagerte mitten auf der Straße, zusammengedrängt um ein mächtiges Holzfeuer.

»Gurth an Glamhoth! [Tod den Orks!]«, murmelte Tuor. »Jetzt soll das Schwert unter dem Mantel hervorkommen. Ich will den Tod riskieren, um dieses Feuer in die Hand zu bekommen, und sogar das Fleisch der Orks wäre eine willkommene Beute.«

»Nein!«, sagte Voronwe. »Auf dieser Reise hilft uns nur der Mantel. Entweder du schlägst dir das Feuer aus dem Kopf, oder du musst Turgon vergessen. Dieser Trupp ist nicht allein in der Wildnis. Sieht denn dein sterbliches Auge nicht im Norden und Süden den Feuerschein weiterer Wachtposten? Der geringste Lärm würde ein ganzes Heer auf uns hetzen. Höre auf mich, Tuor! Es verstößt gegen das Gesetz des Verborgenen Königreichs, sich seinen Toren zu nähern, wenn einem Feinde auf den Fersen sind. Dieses Gesetz werde ich nicht brechen, weder um Ulmos Auftrag noch um des Todes willen. Wenn du die Orks aufstörst, werde ich dich verlassen.«

»Also lassen wir sie ungeschoren«, erwiderte Tuor. »Doch hoffe ich auf den Tag, an dem ich nicht wie ein feiger Hund an einer Handvoll Orks vorbeizuschleichen brauche.«

»Dann komm!«, sagte Voronwe. »Streiten wir uns nicht länger, sonst werden sie uns wittern. Folge mir!«

Dann kroch er mit dem Wind durch die Bäume nach Süden davon, bis sie sich in der Mitte zwischen dem ersten Orkfeuer und dem nächsten befanden. Dort stand er lange still und lauschte.

»Ich höre kein Geräusch auf der Straße«, sagte er, »aber wir wissen nicht, was im Dunkel lauert.« Er spähte in die Finsternis vor ihnen und erschauerte. »Es liegt etwas Böses in der Luft«, murmelte er. »Vorwärts! Dort vor uns liegt das Ziel unserer Reise, und dazwischen gibt es nur Leben oder Tod.«

»Der Tod umringt uns von allen Seiten«, sagte Tuor. »Doch ich habe nur noch für die kürzeste Strecke Kraft. Hier muss ich die Straße überqueren oder untergehen. Ich will auf Ulmos Mantel vertrauen, und auch dich wird er einhüllen. Jetzt werde ich die Führung übernehmen!«

Mit diesen Worten schlich er zum Straßenrand. Dann nahm er Voronwe fest in den Arm, warf den weiten grauen Mantel des Herrn der Wasser über sie beide und ging los.

Ringsum war es still. Der kalte Wind fegte heulend über die uralte Straße. Doch dann verstummte plötzlich auch er, und Tuor spürte eine Veränderung in der Luft. Es war, als habe Morgoths Land für eine Weile den Atem angehalten, und schwach, wie eine Erinnerung an das Meer, kam eine Brise aus dem Westen herbeigestrichen. Wie ein grauer, vom Wind getragener Nebelfleck überquerten sie die steinige Straße und huschten in ein Dickicht an ihrem östlichen Rand.

Plötzlich erscholl in ihrer Nähe ein wilder Schrei, dem entlang der Straße viele weitere antworteten. Ein Horn heulte misstönend, und man hörte das Geräusch hastender Füße. Unbeirrt ging Tuor weiter. Während seiner Gefangenschaft hatte er genügend von der Sprache der Orks gelernt, um die Bedeutung der Schreie begreifen zu können: Die Wächter hatten Tuor und Voronwe gewittert und gehört, konnten sie aber nicht sehen. Die Jagd war im Gange. Verzweifelt stolperten sie vorwärts und krochen einen langen Abhang hinauf, wo zwischen verkrüppelten Ebereschen und niedrigen Birken ein dichtes Gestrüpp aus Stechginster und Moosbeeren wuchs. Auf dem Hügelkamm angelangt, blieben sie stehen und lauschten auf die Rufe in ihrem Rücken und auf die unten durch das Unterholz brechenden Orks.

Neben ihnen war ein Felsblock, dessen oberes Stück aus einem Gewirr von Heidekraut und Brombeeren hervorragte; darunter war ein Lager, wie es ein gejagtes Tier aufsuchen mochte, um der Verfolgung zu entgehen, oder, wenn es nicht anders ging, mit dem Rücken zum Stein sein Leben teuer zu verkaufen. Tuor zog Voronwe in diese schattige Höhle hinein, und unter dem grauen Mantel lagen sie Seite an Seite, keuchend wie zwei junge Füchse. Sie sprachen kein Wort und lauschten mit gespannter Aufmerksamkeit.

Die Rufe der Jäger wurden schwächer, denn die Orks wagten es nie, tiefer in das unwegsame Gelände beiderseits der Straße vorzudringen, doch sie schwärmten auf der Straße auf und ab. Sie machten sich wegen versprengter Flüchtlinge wenig Sorgen, doch sie fürchteten Späher und die Kundschafter bewaffneter Feinde. Morgoth hatte auf der Straße Wachen aufgestellt, nicht um Tuor und Voronwe (von denen er noch nichts wusste) oder jemand anderen zu fangen, der aus dem Westen kam; ihm ging es vielmehr um den Träger des Schwarzen Schwerts, der nicht entkommen und den Gefangenen aus Nargothrond folgen sollte und der womöglich Hilfe aus Doriath mitbrachte.

Die Nacht ging vorüber, und über dem verlassenen Land lag wieder unheilvolle Stille. Tuor schlief kraftlos und erschöpft unter Ulmos Mantel; Voronwe jedoch kroch bald darunter hervor, stand stumm und unbeweglich wie ein Stein, und sein scharfer Elbenblick drang durch die Schatten. Bei Tagesanbruch weckte er Tuor, und nachdem dieser sich aus dem Mantel geschält hatte, sah er, dass das Wetter sich in der Tat gebessert hatte und die schwarzen Wolken fortgezogen waren. In der Morgendämmerung konnte er weit in der Ferne die Gipfel unbekannter Berge erkennen, die vor dem feurigen Osten aufglühten.

Da sagte Voronwe mit leiser Stimme: »Alae! Ered en Echoriath, ered e·mbar nín! [Siehe! Die Umzingelnden Berge, die Berge meiner Heimat!]« Denn er wusste, dass sie die Umzingelnden Berge und die Mauern von Turgons Reich vor sich liegen sahen. Östlich unter ihnen, in einem tiefen, schattigen Tal, lag Sirion, der Schöne, Vielbesungene, und darüber stieg, in Nebel gehüllt, ein graues Land zu den matt getönten Hügeln am Fuß der Berge auf. »Dort drüben liegt Dimbar«, sagte Voronwe. »Wären wir nur dort! Denn nur selten wagen es unsere Feinde, dorthin ihren Fuß zu setzen. Zumindest war es so, als Ulmos Kraft noch im Sirion gegenwärtig war. Aber nun hat sich vielleicht alles geändert – außer der Gefährlichkeit des Flusses: Um diese Zeit ist er bereits tief und reißend, und es ist sogar für die Eldar gefährlich, ihn zu überqueren. Aber ich habe dich an den rechten Ort geführt, denn dort, noch ein wenig südlich, schimmert die Furt von Brithiach, wo die Oststraße, die früher den ganzen Weg von Taras im Westen kam, den Fluss kreuzt. Außer in verzweifelter Not wagt jetzt niemand, ob Elbe, Mensch oder Ork, sie zu benutzen, seit sie nach Dungortheb, dem Land des Grauens zwischen den Gorgoroth und dem Gürtel Melians, führt; seit Langem hat die Wildnis sie verschlungen, oder sie ist zu einem schmalen Pfad zwischen Kraut und Dornenranken geworden.«

Dann deutete Voronwe nach vorn, und Tuor erspähte in weiter Ferne einen Schimmer wie von offenem Wasser im flüchtigen Licht der Dämmerung, doch darüber türmten sich dunkle Massen; dort stieg der große Wald von Brethil nach Süden auf und zog sich in ein fernes Hochland empor. Sodann stiegen sie unter großer Vorsicht talabwärts und gelangten schließlich an die alte Straße, die von der Wegscheide an den Grenzen Brethils herunterführte, wo sie die Straße von Nargothrond kreuzte. Tuor sah, dass sie dicht an den Sirion herangekommen waren. Die Ufer seines tiefen Flussbettes traten an dieser Stelle zurück, und seine Fluten, die sich in ausgedehntem Steingeröll brachen, verzweigten sich in breite, flache Arme, in denen das aufgerührte Wasser murmelte. Kurz danach vereinigten sie sich wieder, flossen in einem neuen Flussbett auf den Wald zu und verschwanden in weiter Ferne in dichtem, undurchdringlichem Nebel. Dort lag, was Tuor nicht wissen konnte, im Schatten des Gürtels von Melian, die Nordgrenze von Doriath.

Tuor wollte sofort zur Furt eilen, aber Voronwe hielt ihn zurück und sagte: »Wir dürfen die Brithiach weder am hellen Tag überqueren, noch wenn es Zweifel gibt, dass wir verfolgt werden.«

»Dann sollen wir hier sitzen bleiben und vermodern?«, fragte Tuor. »Einen solchen Zweifel wird es geben, so lange Morgoths Reich besteht. Komm! Im Schutz von Ulmos Mantel müssen wir es wagen.«

Noch zögerte Voronwe und blickte nach Westen zurück, doch der Pfad hinter ihnen war verlassen, und alles ringsum war ruhig bis auf das Rauschen des Wassers. Er blickte in die Höhe, und der Himmel war grau und leer, noch nicht einmal ein Vogel flog. Plötzlich erhellte sich sein Gesicht vor Freude, und er rief laut: »Alles ist gut! Die Brithiach wird noch immer von den Widersachern des Feindes bewacht. Hierher werden uns die Orks nicht folgen, und im Schutze des Mantels können wir die Furt ohne Zweifel passieren.«

»Was hast du gesehen?«, fragte Tuor.

»Die Augen der Sterblichen reichen nicht weit!«, erwiderte Voronwe. »Ich sehe die Adler der Crissaegrim, und sie kommen hierher. Schau nur!«

Tuor starrte nach oben, und bald sah er in der Luft die Umrisse dreier Vögel, die mit starken Flügelschlägen von den fernen Bergen heranflogen und jetzt wieder von Wolken verhüllt wurden. Langsam, große Kreise beschreibend, gingen sie nieder und sanken plötzlich zu den Wanderern herab. Aber bevor Voronwe ihnen etwas zurufen konnte, schwenkten sie flügelrauschend in weitem Bogen ab und flogen, dem Flusslauf folgend, in nördlicher Richtung davon.

»Nun lass uns gehen«, sagte Voronwe. »Sollte irgendein Ork in der Nähe sein, wird er mit dem Gesicht flach auf dem Boden liegen, bis die Adler weit genug entfernt sind.«

Schnell hasteten sie einen langgestreckten Hang hinunter und passierten die Furt trockenen Fußes über Geröllbänke oder durch das seichte Wasser watend. Das Wasser war sehr kalt und klar, und die seichten Stellen, wo die ziehende Flut sich zwischen Steinen verloren hatte, waren mit Eis bedeckt. Doch niemals, nicht einmal im Grausamen Winter, in dem Nargothrond fiel, konnte der tödliche Hauch des Nordens die Wasser des Sirion gänzlich zum Gefrieren bringen.

Auf der anderen Seite der Furt kamen sie an eine tief eingeschnittene Rinne, die früher ein Flussbett gewesen sein musste und in der jetzt kein Wasser mehr floss. Doch vor Zeiten, so schien es, hatte sich ein Sturzbach, aus dem Norden von den Echoriath kommend, ein tiefes Bett gegraben und von dort die Steine der Brithiach in den Sirion gespült.

»Endlich!«, rief Voronwe. »Wir haben nicht vergeblich gehofft! Sieh! Hier ist die Mündung des Trockenen Flusses: Dies ist die Straße, die wir einschlagen müssen.« Sie stiegen in das Flussbett hinab, und als sich dieses nach Norden wandte, stieg der Untergrund steil an, und die Felswände auf beiden Seiten wurden höher. Im dünnen Licht stolperte Tuor zwischen den Steinen hindurch, mit denen das unebene Flussbett übersät war. »Wenn dies der Weg ist«, sagte er, »so ist er ziemlich mühsam für jemanden, der am Ende seiner Kräfte ist.«

»Und doch ist es der Weg, der zu Turgon führt«, sagte Voronwe.

»Dann wundert es mich umso mehr, dass sein Eingang offen und unbewacht daliegt«, sagte Tuor. »Ich hatte erwartet, ein großes, streng bewachtes Tor vorzufinden.«

»Das wirst du noch sehen«, gab Voronwe zur Antwort. »Dies ist nur der Zugang. Ich habe ihn eine Straße genannt, doch mehr als dreihundert Jahre hat sie niemand betreten, ausgenommen wenige Boten mit geheimen Aufträgen. Die ganze Kunstfertigkeit der Noldor ist aufgewendet worden, um diesen Zugang zu tarnen, nachdem das Verborgene Volk ihn passiert hatte. Liegt diese Straße denn offen? Hättest du sie bemerkt, wenn du nicht einen Noldor zum Führer gehabt hättest? Oder wäre dir der Gedanke gekommen, es könnte etwas anderes sein als das Werk von Regen und Wind und dem Wasser der Wildnis? Und waren da nicht die Adler, die du gesehen hast? Sie gehören zur Gefolgschaft Thorondors, der einst auf dem Thangorodrim wohnte, bevor Morgoths Macht wuchs, und hausen nun seit dem Fall Fingolfins in Turgons Bergen. Sie allein und die Noldor selbst kennen das Verborgene Königreich und wachen über seinen Himmel, wenn es auch bis jetzt noch kein Knecht des Feindes gewagt hat, sich so hoch in die Lüfte zu erheben. Sie bringen dem König Nachricht von allem, was draußen im Lande vorgeht. Wären wir Orks gewesen, so zweifle nicht, dass sie uns gepackt und aus großer Höhe auf die erbarmungslosen Klippen hinabgeschleudert hätten.«

»Ich zweifle nicht daran«, sagte Tuor. »Doch ich frage mich auch, ob nicht die Nachricht von unserem Kommen schneller zu Turgon gelangen wird als wir selbst. Ob dies gut oder schlecht ist, musst du am besten wissen.«

»Weder gut noch schlecht«, erwiderte Voronwe. »Das bewachte Tor können wir nicht unbemerkt passieren, ob man uns erwartet oder nicht. Und wenn wir dort angekommen sind, brauchen die Wachen keinen Beweis, dass wir keine Orks sind. Doch um hindurchzugelangen, brauchen wir eine bessere Begründung. Du kannst dir die Gefahren nicht vorstellen, Tuor, denen wir uns dann gegenübersehen. Wirf mir nicht vor, ich hätte dich nicht vor dem gewarnt, was dann geschehen kann. Nur im Vertrauen darauf habe ich eingewilligt, dich zu führen. Wenn dieses Vertrauen sich nicht bestätigt, werden wir mit größerer Gewissheit sterben als durch die Gefahren der Wildnis und des Winters.«

Doch Tuor erwiderte: »Prophezeie nichts mehr. Der Tod in der Wildnis ist sicher, und der Tod am Tor scheint mir zweifelhaft, trotz deiner Worte. Führe mich getrost weiter!«

Viele Meilen plagten sie sich durch das Steingeröll des Trockenen Flusses, bis sie nicht mehr weiterkonnten und der Abend die tiefe Schlucht mit Dunkelheit erfüllte. Sie kletterten am östlichen Ufer hinauf und hatten nun die zerstreuten Hügel erreicht, die den Bergen vorgelagert waren. Hinaufblickend sah Tuor, dass sie von gänzlich anderer Gestalt waren als alle Berge, die er bisher zu Gesicht bekommen hatte: Ihre Wände bestanden aus senkrechten, stufenförmig aufeinandergeschichteten Mauern, sodass sie wie vielstöckige, große Klippentürme aussahen. Der Tag hatte sich geneigt, das Land war grau und verhangen, und das Tal des Sirion war in Schatten gehüllt. Darauf führte Voronwe Tuor in eine kleine Höhle, in einem Abhang gelegen, von der man die einsamen Berghänge Dimbars überblickte. Sie krochen in die Höhle, lagen versteckt, aßen die letzten Bissen Nahrung, sie froren und waren müde, doch sie fanden keinen Schlaf. So gelangten sie im Abenddämmer des achtzehnten Tages des Hísime, am siebenunddreißigsten Tag ihrer Reise zu den Türmen der Echoriath, zur Festung Turgons, und durch die Macht Ulmos entgingen sie dem Fluch und der Bosheit.

Als der erste Tagesschimmer grau durch die Nebel Dimbars sickerte, kehrten sie in den Trockenen Fluss zurück, der bald darauf nach Osten verlief und sich zu den nackten Bergwänden emporwand. Unmittelbar vor ihnen ragte eine große Klippe auf, die unvermittelt senkrecht aus einem steilen Hang herauswuchs, welcher mit einem Dickicht von Dornenbäumen bedeckt war. Das Flussbett führte in dieses Dickicht hinein, und es war dort noch dunkel wie in der Nacht. Sie blieben stehen, denn die Dornen reichten seitlich tief in die Rinne hinab. Ihre verflochtenen Zweige bildeten ein dichtes Dach darüber, das so niedrig war, dass Tuor und Voronwe oft wie Tiere, die in ihr Versteck zurückkehren, unter ihm hindurchkriechen mussten.

Aber schließlich, als sie unter großen Mühen den Fuß der Klippe erreicht hatten, fanden sie eine Öffnung, gleichsam den Eingang zu einem Tunnel, den das aus dem Inneren der Berge fließende Wasser in den harten Fels gegraben hatte. Sie traten ein, und drinnen war es völlig dunkel. Doch Voronwe schritt rüstig vorwärts, und Tuor folgte ihm, die Hand auf Voronwes Schulter und ein wenig gebückt, denn der Gang war niedrig. Eine Zeitlang gingen sie so, Schritt für Schritt und ohne etwas zu sehen, bis sie plötzlich spürten, dass der Boden unter ihren Füßen glatt wurde und frei von Geröll. Sie blieben stehen, atmeten tief und lauschten. Die Luft erschien ihnen frisch und erquickend, und sie merkten, dass sie sich in einem großen Gewölbe befanden. Doch alles war still, und nicht einmal das Geräusch eines fallenden Wassertropfens war zu hören. Tuor wollte es scheinen, als sei Voronwe besorgt und von Zweifeln geplagt, und er flüsterte ihm zu: »Wo ist das Bewachte Tor? Oder haben wir es schon passiert?«

»Nein«, antwortete Voronwe. »Aber ich wundere mich darüber, dass irgendein Ankömmling so weit vordringen kann, ohne bemerkt zu werden. Ich fürchte einen Angriff aus dem Dunkel.«

Aber ihre geflüsterten Worte weckten die schlafenden Echos, sie wurden verstärkt und vervielfacht, liefen am Gewölbedach und an den unsichtbaren Wänden entlang, zischelten und murmelten, ein Geräusch wie von vielen heimlichen Stimmen. Und just als die Echos von den Felsen verschluckt wurden, hörte Tuor aus dem Herzen der Finsternis eine Stimme, die in der Elbensprache redete: zuerst in der Hochsprache der Noldor, die er nicht kannte, und dann in der Sprache Beleriands, doch in einer für ihn merkwürdigen Weise, als sei der Sprecher seit langer Zeit fern von der Heimat.

»Stehenbleiben! Rührt euch nicht vom Fleck, oder ihr werdet sterben, ob ihr Freunde oder Feinde seid.«

»Wir sind Freunde«, sagte Voronwe.

»Dann tut, was wir gebieten«, sagte die Stimme.

Das Echo ihrer Stimmen verklang. Tuor und Voronwe verharrten stumm, und Tuor kam es vor, als schlichen viele Minuten langsam dahin; er empfand eine Furcht, wie er sie während ihres ganzen Weges bei keiner Gefahr erlebt hatte. Dann hörten sie Schritte, die zu festen, hallenden Tritten wurden, als marschierten Trolle durch die weite Höhle. Plötzlich leuchtete eine Elbenlampe auf; ihr heller Lichtstrahl richtete sich auf den vor ihm stehenden Voronwe, doch sonst konnte Tuor nicht mehr erkennen als einen blendenden Stern in der Dunkelheit. Er wusste, dass er sich nicht bewegen konnte, solange der Strahl auf ihn gerichtet war, weder vor noch zurück.

Einen Augenblick verharrten sie so im Schein des Lichts, dann war wieder die Stimme zu hören: »Zeigt eure Gesichter!« Voronwe schlug seinen Umhang zurück, und sein Gesicht tauchte ins Licht, hart und klar, wie aus Stein gemeißelt, und Tuor staunte über die Schönheit seiner Züge. Darauf sagte Voronwe mit stolzer Stimme: »Weißt du nicht, wen du vor dir siehst? Ich bin Voronwe, Sohn Aranwes aus dem Haus Fingolfins. Oder hat man mich nach wenigen Jahren in meinem eigenen Land vergessen? Mein Weg hat mich weit über die Grenzen von Mittelerde hinausgeführt, doch ich erkenne deine Stimme, Elemmakil.«

»Dann wird sich Voronwe auch der Gesetze dieses Landes erinnern«, sagte die Stimme. »Da ihm befohlen wurde fortzugehen, hat er das Recht zurückzukehren, doch nicht die Befugnis, einen Fremden herzuführen. Dadurch hat er sein Recht verwirkt und muss sich als Gefangener dem Urteilsspruch des Königs unterwerfen. Was den Fremden betrifft, wird er getötet oder, wenn der Wachhabende es so bestimmt, gefangen genommen werden. Führe ihn hierher, damit ich entscheiden kann.«

Darauf führte Voronwe Tuor ans Licht, und als sie sich vorwärtsbewegten, traten zahlreiche gerüstete und bewaffnete Noldor aus der Dunkelheit hervor und umringten sie mit gezogenen Schwertern. Elemmakil, Hauptmann der Wache, der die helle Lampe trug, sah sie lange und prüfend an.

»Du befremdest mich, Voronwe«, sagte er. »Wir waren lange befreundet. Warum also hast du mir die grausame Entscheidung zwischen dem Gesetz und unserer Freundschaft zugemutet? Es wäre schon schlimm genug, wenn du ohne Erlaubnis einen Angehörigen der anderen Häuser der Noldor hergeführt hättest. Doch du hast das Geheimnis des Weges einem sterblichen Menschen enthüllt – denn seine Augen verraten mir seine Herkunft. Dadurch kennt er das Geheimnis, und er kann nie mehr frei sein; und als einen von fremder Art, der es gewagt hat, hier einzudringen, sollte ich ihn töten, wenn er auch dein Freund und dir teuer ist.«

»Draußen, in der weiten Welt«, erwiderte Voronwe, »widerfahren einem merkwürdige Dinge, und unerwartete Aufgaben werden einem auferlegt. Der Wanderer, der zurückkehrt, ist ein anderer als der, welcher ausgezogen ist. Was ich getan habe, tat ich aufgrund eines Befehls, der schwerer wiegt als das Gesetz der Wache. Der König allein soll über mich urteilen und über diesen Mann, der mit mir gekommen ist.«

Darauf legte Tuor seine Furcht ab und sprach: »Ich bin mit Voronwe, dem Sohn Aranwes, hergekommen, weil der Herr der Wasser ihn dazu bestimmt hat, mein Führer zu sein. Nur deshalb wurde er vor dem Zorn des Meeres und dem Verhängnis der Valar bewahrt. Ich trage mit mir eine Botschaft Ulmos für den Sohn Fingolfins, und ihm will ich sie enthüllen.«

Als er dies hörte, blickte Elemmakil Tuor verwundert an.

»Wer also bist du?«, fragte er. »Und woher kommst du?«

»Ich bin Tuor, Sohn Huors, aus dem Haus Hador und dem Geschlecht Húrins. Man sagte mir, diese Namen seien im Verborgenen Königreich nicht unbekannt. Unter vielen Gefahren bin ich aus Nevrast hierher gekommen.«

»Aus Nevrast?«, fragte Elemmakil. »Man sagt, dort lebe niemand mehr, seit unser Volk es verlassen hat.«

»Das ist wahr«, entgegnete Tuor. »Leer und kalt stehen die Höfe Vinyamars. Doch von dort komme ich. Bringe mich nun zu dem, der jene Hallen einst erbaut hat.«

»In solch wichtigen Angelegenheiten steht mir kein Urteil zu«, sagte Elemmakil. »Deshalb werde ich euch ans Licht führen, wo sich mehr enthüllen mag. Ich werde euch dem Hüter des Großen Tores übergeben.«

Auf seinen Befehl wurden Tuor und Voronwe von hochgewachsenen Wachen in die Mitte genommen, zwei vor und drei hinter ihnen, und der Hauptmann führte sie aus der Höhle der Äußeren Wache. Wie es schien, betraten sie einen gerade verlaufenden Durchgang, und dort schritten sie lange über ebenen Untergrund, bis ein mattes Licht vor ihnen aufschien. Schließlich gelangten sie zu einem weitgespannten Bogen mit großen Säulen auf jeder Seite, die in den Fels gehauen waren. Dazwischen hing ein großes Fallgatter aus gekreuzten Holzstäben, die wunderbar geschnitzt und mit Eisennägeln beschlagen waren.

Elemmakil berührte es, es glitt lautlos in die Höhe, und sie gingen hindurch; Tuor sah, dass sie sich am Ende einer Schlucht befanden. Obwohl er lange in den wilden Bergen des Norden umhergewandert war, hatte er niemals zuvor etwas gesehen oder sich ausmalen können, was dieser Schlucht gleichkam: Die Cirith Ninniach war neben der Orfalch Echor nicht mehr als ein Spalt im Felsen. Hier waren die Valar selbst am Werk gewesen: Während längst vergangener Kriegszeiten am Anfang der Welt hatten sie die großen Berge auseinandergezwungen; die Seitenwände der Schlucht waren so glatt wie mit der Axt behauen und sie ragten in unvorstellbare Höhen empor. Hoch oben erkannte man einen schmalen Himmelsstreifen, und gegen seine tiefe Bläue standen schwarze Bergspitzen und zerklüftete Gipfel, entrückt, doch hart und grausam wie Speere. Die mächtigen Felswände waren zu hoch, als dass ein Strahl der winterlichen Sonne auf den Grund hätte herunterdringen können, und obwohl der Morgen fortgeschritten war, schimmerten Sterne schwach über den Bergspitzen, während tief unten alles im Dämmer lag, das vom matten Schein der Lampen, die längs des ansteigenden Pfades angebracht waren, kaum erhellt wurde. Der Boden der Schlucht stieg steil an, sie verlief nach Osten, und zu seiner Linken sah Tuor neben dem Flussbett einen breiten Weg, geglättet und mit Steinen gepflastert, der sich emporwand, bis er im Schatten verschwand.

»Ihr habt das erste Tor passiert«, sagte Elemmakil, »das Tor aus Holz. Dort führt der Weg. Wir müssen uns beeilen.«

Wie lange sie diesem Steig folgten, konnte Tuor nicht sagen, und als er nach vorn blickte, überkam ihn eine große Müdigkeit wie eine Wolke. Ein scharfer Wind pfiff die Felsen entlang, und er zog den Mantel dichter um seinen Leib. »Aus dem Verborgenen Königreich bläst ein kalter Wind!«, sagte er.

»Ja, in der Tat«, erwiderte Voronwe. »Einem Fremden mag es vorkommen, als habe der Stolz die Diener Turgons erbarmungslos gemacht. Dem Hungrigen und Erschöpften erscheint die Strecke zwischen den Sieben Toren unendlich lang.«

»Wären unsere Gesetze weniger streng, wären Arglist und Hass längst eingedrungen und hätten uns zugrunde gerichtet. Das weißt du wohl«, sagte Elemmakil, »aber wir sind nicht ohne Mitleid. Hier gibt es freilich keine Nahrung, und kein Fremder darf zu einem Tor zurückkehren, das er bereits einmal passiert hat. Haltet also noch ein wenig aus, und am Zweiten Tor sollt ihr Speise und Trank erhalten.«

»Es geht schon«, sagte Tuor und schritt vorwärts wie befohlen. Nach einer kleinen Weile wandte er sich um und sah, dass Elemmakil allein mit Voronwe folgte. »Wachen sind jetzt überflüssig«, sagte Elemmakil, die Frage erratend. »Aus der Orfalch gibt es kein Entkommen und keine Rückkehr, weder für Elben noch für Menschen.«

Also stiegen sie weiter den steilen Weg hinauf, manchmal über lange Treppen, dann wieder über gewundene Schrägen unter dem bedrohlichen Schatten der Klippe. Als sie ungefähr eine halbe Meile vom Hölzernen Tor entfernt waren, sah Tuor, dass der Weg durch eine große Mauer versperrt war, die quer durch die Schlucht verlief, flankiert von zwei gedrungenen steinernen Türmen. In der Mauer tat sich über dem Weg ein großer Torbogen auf, doch es schien, dass Steinmetze ihn mit einem einzigen gewaltigen Steinblock gesperrt hatten. Als sie näher kamen, erglänzte seine dunkle, polierte Oberfläche im Licht der weißen Lampe, die in der Mitte des Torbogens hing.

»Dies ist das Zweite Tor«, sagte Elemmakil, »das Tor aus Stein.« Er ging darauf zu und schlug leicht dagegen. Es drehte sich um eine unsichtbare Angel, bis seine Schmalseite ihnen zugekehrt und der Weg auf beiden Seiten offen war. Sie schritten hindurch und gelangten in einen Hof, in dem zahlreiche graugekleidete und bewaffnete Wachen standen. Niemand sprach ein Wort, doch Elemmakil führte seine Schützlinge in eine Kammer unter dem Nordturm, wo man ihnen Speisen und Wein brachte und ihnen erlaubte, eine Weile auszuruhen.

»Die Kost mag Euch karg erscheinen«, sagte Elemmakil zu Tuor, »aber wenn sich bewahrheitet, was Ihr behauptet, werdet Ihr reichlich entschädigt werden.«

»Es ist ausreichend«, antwortete Tuor. »Kleinmütig wäre ein Herz, das nach mehr verlangte.« In der Tat erfrischten ihn die Speisen und der Trank der Noldor so sehr, dass er sich bald kräftig genug fühlte, um weiterzugehen.

Nach einer kleinen Weile kamen sie an eine Mauer, die noch höher und stärker war als die vorherigen, und darin befand sich das Dritte Tor, das Tor aus Bronze. Es war eine große, zweiflügelige Tür, behangen mit Schilden und Bronzetafeln, die mit vielen Figuren und seltsamen Zeichen geschmückt waren. Auf der Mauer standen oberhalb der Brüstung drei rechteckige Türme. Sie waren mit Kupfer überdacht und verkleidet, das durch einen Kunstgriff der Schmiede immer glänzend blieb und im Schein der roten Lampen, die wie Fackeln längs der Mauer aufgereiht waren, wie Feuer aufleuchtete. Erneut passierten sie schweigend das Tor und erblickten im dahinter liegenden Hof eine noch größere Anzahl von Wachen, deren Harnische wie düsteres Feuer aufglühten. Die Blätter ihrer Äxte waren rot. Der größte Teil der Männer, die dieses Tor bewachten, gehörte dem Stamm der Sindar aus Nevrast an.

Jetzt kam die beschwerlichste Wegstrecke, denn in der Mitte der Orfalch war die Steigung am größten, und als sie aufstiegen, sah Tuor die gewaltigsten der Mauern sich hoch über ihm im Dunkel verlieren. So kamen sie schließlich an das Vierte Tor, das Tor aus Schmiedeeisen. Hoch und schwarz war die Mauer und von keiner Lampe erhellt. Über ihr erhoben sich vier eiserne Türme, und zwischen den beiden inneren war eine aus Eisen geschmiedete große Adlerfigur angebracht, ein Bildnis des Königs Thorondor selbst, als habe er sich aus den höchsten Lüften auf einem Berg niedergelassen. Doch als Tuor vor dem Tor stand, erstaunte er, weil er durch die Stämme und Äste unvergänglicher Bäume in den fahlen Glanz des Mondes zu blicken schien, denn Licht drang durch das Filigran des Tores, dem Schmiedekunst die Form von Bäumen mit verschlungenen Wurzeln und verflochtenen Zweigen gegeben hatte, die mit Blättern und Blüten übersät waren. Als er das Tor durchschritt, begriff er, dass es nicht nur ein Türgitter gab, sondern, da die Mauer sehr dick war, deren drei. Diese waren so hintereinander angeordnet, dass sich demjenigen, der sich ihnen in der Mitte der Straße näherte, jedes als ein Teil des kunstreichen Entwurfs darstellte.

Das Licht jedoch hinter dem Tor war das Licht des Tages, denn sie waren inzwischen so weit emporgestiegen, dass sie sich hoch über den Niederungen befanden, aus denen sie aufgebrochen waren. Hinter dem Eisernen Tor verlief die Straße beinahe waagrecht; überdies hatten sie das Herzstück und den Scheitelpunkt der Echoriath überschritten, und die Bergtürme fielen nun rasch zu den inneren Hügeln ab, die Schlucht wurde breiter und ihre Seitenwände flacher. Die breiten Felsvorsprünge waren mit Schnee bedeckt, und das Licht des Himmels, vom Schnee widergespiegelt, fiel weiß wie Mondlicht durch einen schimmernden Dunst, der die Luft erfüllte.

Sie schritten jetzt durch die Reihen der Eisernen Wachen, die hinter dem Tor standen. Ihre Mäntel, Panzer und Schilde waren schwarz und ihre Gesichter hinter Visieren verborgen, die Adlerschnäbel trugen. Dann setzte sich Elemmakil an die Spitze, sie folgten ihm in das bleiche Licht, und Tuor entdeckte neben dem Weg einen Streifen Gras, in dem sternengleich die weiße Blume Uilos aufblühte, das Immertreu, das keine Jahreszeiten kennt und nie verwelkt. Und so, erfüllt von Staunen und Erleichterung, wurde Tuor zum Silbernen Tor geführt.

Die Mauer des Fünften Tores war aus weißem Marmor erbaut; sie war breit und niedrig, und ihre Brustwehr war ein silbernes Gatter zwischen fünf großen Marmorkugeln, und viele weißgekleidete Bogenschützen hielten dort Wache. Das Tor, dem Mond nachgebildet, hatte die Form eines dreigeteilten Kreises, war aus Silber geschmiedet und mit Perlen aus Nevrast verziert. Oberhalb des Tores stand auf der mittleren Kugel ein Bildnis des Weißen Baumes Telperion aus Silber und Malachit und mit Blüten aus den weißen Perlen Balars geschmückt. Hinter dem Tor, in einem weiträumigen, mit weißem und grünem Marmor ausgelegten Hof, standen auf jeder Seite hundert Bogenschützen, die silberne Panzer und Helme mit weißen Kämmen trugen. Elemmakil führte Tuor und Voronwe durch ihre stummen Reihen, und sie betraten eine lange weiße Straße, die geradewegs auf das Sechste Tor zuführte. Während sie dahinschritten, wurde der Grasstreifen breiter, und neben den weißen Sternen des Immertreu schlugen viele kleine Blumen ihre goldenen Augen auf.

So gelangten sie an das Goldene Tor, das letzte der alten Tore Turgons, die vor der Nirnaeth erbaut worden waren. Es war dem Silbernen Tor sehr ähnlich, doch bestand seine Mauer aus gelbem Marmor, und die Kugeln und die Brustwehr waren aus rotem Gold. Die Mauer trug sechs Kugeln, und in der Mitte stand auf einer goldenen Pyramide ein Bild Laurelins, des Baumes der Sonne, mit Blüten aus Topasen, die in langen Trauben an goldenen Ketten hingen. Das Tor selbst war mit sonnenähnlichen, vielstrahligen goldenen Scheiben geschmückt, eingefügt in ein Filigran aus Granaten, Topasen und gelben Diamanten. Im Hof waren dreihundert Bogenschützen mit langen Bögen aufgestellt. Ihre Panzer waren vergoldet, von ihren Helmen wehten große goldene Federn, und ihre großen runden Schilde waren flammend rot.

Von hier an lag die Straße im Sonnenlicht, denn die Hügel zu beiden Seiten waren niedrig und begrünt und nur auf ihren Kuppen lag Schnee. Elemmakil hastete vorwärts, denn die Entfernung zum Siebten Tor war gering. Es wurde das Große Tor genannt, das Tor aus Stahl, das Maeglin nach der Rückkehr aus der Nirnaeth geschmiedet hatte und das den breiten Eingang zur Orfalch Echor versperrte.

Hier gab es keine Mauer, doch auf beiden Seiten standen zwei sehr hohe, runde, vielfenstrige Türme, deren sieben Stockwerke sich nach oben verjüngten und in einem Türmchen aus hellem Stahl ausliefen. Zwischen den Türmen spannte sich ein mächtiger stählerner Zaun, der nicht rostete, sondern in weißer Kälte glitzerte. Dort standen sieben große stählerne Säulen von der Größe und dem Umfang starker junger Bäume, jedoch auslaufend in einen dünnen Stift, der sich bis zur Schärfe einer Nadel zuspitzte. Zwischen den Säulen waren sieben stählerne Querstangen, und jeder Zwischenraum wies siebenundsiebzig aufrecht stehende Stahlstäbe auf, die am oberen Ende wie die Blätter von Speeren geformt waren. Aber in der Mitte, über der innersten und größten Säule, prangte eine gewaltige Nachbildung von Turgons Königshelm, der diamantenbesetzten Krone des Verborgenen Königreichs.

In diesem mächtigen stählernen Gehege konnte Tuor weder ein Tor noch eine Tür entdecken, als er aber näher kam, wollte es ihm scheinen, als sähe er zwischen den Stäben ein blendendes Licht. Er beschattete die Augen und blieb vor Ehrfurcht und Erstaunen stehen. Doch Elemmakil ging weiter; unter seiner Berührung öffnete sich kein Tor, als er aber gegen die Stäbe schlug, begann der Zaun wie eine vielsaitige Harfe zu erklingen, erhob sich eine reine, vieltönige Harmonie, die von Turm zu Turm lief.

Sogleich setzten sich von den Türmen aus Reiter in Bewegung, doch vor ihnen langte vom Nordturm ein einzelner Reiter auf einem weißen Pferd an. Er stieg ab und schritt auf sie zu. War schon Elemmakil erhaben und vornehm gewesen, so zeigte sich Ecthelion noch beeindruckender und herrscherlicher, der Herr der Brunnen und zu dieser Zeit der Oberste Hüter des Großen Tores. Er war ganz in Silber gekleidet, und seinen schimmernden Helm zierte eine mit einem Diamanten gekrönte Spitze. Als sein Knappe ihm den Schild abnahm, funkelte dessen Oberfläche, als sei sie mit Regentropfen betaut, doch in Wahrheit waren es Tausende von Kristallsplittern.

Elemmakil grüßte ihn und sagte: »Hier bringe ich Voronwe Aranwion, der von Balar zurückkehrt. Und hier ist ein Fremder, den er hierher geleitet hat und der den König zu sehen wünscht.«

Darauf wandte sich Ecthelion Tuor zu, dieser aber schlug den Umhang um sich, stand schweigend da und blickte Ecthelion an. Voronwe kam es vor, als sei Tuor in einen Schleier gehüllt; seine Gestalt schien zu wachsen, sodass die Spitze seiner hohen Kapuze den Helm des Elbenfürsten überragte, als sei sie der Kamm einer grauen Meereswoge, die an Land rollt. Doch Ecthelion richtete seinen durchdringenden Blick auf Tuor, und nach einem Augenblick des Schweigens sprach er ernst:11 »Du stehst vor dem Letzten Tor. Wisse denn, dass kein Fremder, der es durchschritten hat, es jemals wieder verlassen wird, es sei denn durch die Tür des Todes.«

»Sprich nicht von Unheil! Wenn der Bote des Herrn der Wasser durch die Tür des Todes geht, werden ihm alle folgen, die hier wohnen. Herr der Brunnen, halte den Boten des Herrn der Wasser nicht auf!«

Voronwe und alle, die in der Nähe standen, blickten Tuor verwundert an und erstaunten über seine Stimme und seine Worte. Voronwe meinte eine gewaltige Stimme zu hören, als riefe jemand aus weiter Ferne. Tuor schien es aber, als höre er sich selbst beim Sprechen zu und ein anderer bediene sich seines Mundes.

Eine Weile verharrte Ecthelion schweigend, den Blick auf Tuor gerichtet, und Ehrfurcht begann sein Gesicht zu erfüllen, als erblicke er im grauen Schatten von Tuors Mantel Bilder aus entlegenen Fernen. Dann verbeugte er sich, ging zum Zaun und legte seine Hände darauf, und auf beiden Seiten der gekrönten Säule öffneten sich Tore nach innen. Dann schritt Tuor hindurch und betrat eine hoch gelegene Rasenfläche, die Ausblick auf das sich hinbreitende Tal bot. Vor ihm tat sich das Zauberbild des schneeumgebenen Gondolin auf. Und so entrückt war er von diesem Anblick, dass er die Augen lange nicht abwenden konnte, denn vor ihm lag die in Wunschträumen erahnte Erfüllung seiner Sehnsucht.

So stand er da und sagte kein Wort. Zu beiden Seiten standen schweigend die Heere der Streitmacht Gondolins. Die Wachtruppen aller sieben Tore waren vertreten, die Hauptleute und Truppführer auf weißen und grauen Pferden. Eben als sich alle Blicke staunend auf Tuor richteten, fiel dessen Mantel zu Boden, und er stand mächtig vor ihnen, gewappnet, wie er Vinyamar verlassen hatte. Und viele waren unter ihnen, die gesehen hatten, wie Turgon selbst diese Stücke an der Wand hinter dem Thron befestigt hatte.

Darauf sagte Ecthelion schließlich: »Nun ist kein weiterer Beweis vonnöten. Selbst der Name, den er als Sohn Huors beansprucht, ist weniger von Bedeutung als der klare Augenschein, der bezeugt, dass er von Ulmo selbst gesandt ist.«

Hier geht dieser Text zu Ende, aber es folgen einige hastig geschriebene Notizen, die den weiteren Verlauf der Handlung skizzieren, wie mein Vater ihn zu jener Zeit voraussah: Tuor fragt nach dem Namen der Stadt, und man nennt ihm ihre sieben Namen (siehe Die Ursprüngliche Geschichte, oben S. 60 f.). Ecthelion gibt Befehl, Signal zu blasen, und von den Türmen des Großen Tores erschallen Trompetenklänge; dann hört man die Antwort der Trompeten von den Mauern der Stadt.

Rösser werden gebracht, und sie reiten zur Stadt. Eine Beschreibung der Stadt sollte folgen: das Große Tor, die Treppen, der Platz der Quelle, das Haus des Königs, und dann würde die Begrüßung von Tuor durch Turgon beschrieben werden. Neben dem Thron würden Maeglin auf der rechten Seite und Idril auf der linken Seite zu sehen sein, und Tuor würde die Botschaft von Ulmo verkünden. Es gibt auch einen Zettel, auf dem steht, dass es eine Beschreibung der Stadt geben sollte, wie sie Tuor aus der Ferne sah; und dass erzählt werden sollte, warum es keine Königin von Gondolin gab.





Die Entwicklung der Geschichte




Die Notizen am Ende des letzten »Tuor«-Manuskripts führen in der Geschichte vom Fall von Gondolin nicht sehr viel weiter, aber sie zeigen zumindest, dass mein Vater die Arbeit an diesem Werk nicht aus einem plötzlichen und unbedachten Entschluss eingestellt hat, um es nie wieder aufzunehmen. Aber dass es je eine Fortsetzung dieser ausführlichen Geschichte nach Ecthelions Worten an Tuor am Siebten Tor von Gondolin gegeben haben könnte, die verloren gegangen wäre, kann ausgeschlossen werden.

So steht die Sache. Mein Vater hat in der Tat diese wesentliche und (wie man sagen kann) endgültige Form und Darstellung der Legende an dem Punkt aufgegeben, als sich »das Zauberbild des schneeumgebenen Gondolin« vor Tuor auftat. Für mich ist es vielleicht der schmerzlichste Fall von vielen, in denen er Geschichten nicht zu Ende geführt hat. Warum hat er dort aufgehört? Es gibt dafür zumindest den Ansatz einer Erklärung.

Dies war für ihn eine äußerst kritische Zeit, eine Zeit tiefster Verunsicherung. Man kann mit Sicherheit sagen, dass er, als Der Herr der Ringe endlich fertig war, mit neuer Energie zu den Legenden der Ältesten Tage zurückkehrte. Ich zitiere hier Teile eines bemerkenswerten Briefes, den er am 24. Februar 1950 an Sir Stanley Unwin, den Verleger von Allen & Unwin, geschrieben hat, da er die Aussicht auf eine Veröffentlichung, wie er sie damals sah, deutlich macht.

In einem Ihrer letzten Briefe äußerten Sie den Wunsch, Sie wollten immer noch das Ms. meines angekündigten Werkes Der Herr der Ringe sehen, das ursprünglich als Fortsetzung des Hobbit gedacht war. Seit achtzehn Monaten hoffe ich nun auf den Tag, an dem ich sagen könnte, es sei fertig. Aber erst nach Weihnachten [1949] war dieses Ziel endlich erreicht. Es ist fertig, wenn auch teilweise noch nicht überarbeitet, und in einem Zustand, denke ich, in dem jemand es lesen könnte, wenn ihn nicht schon der Anblick entmutigte.

Da die Kostenschätzung für ein Typoskript bei £ 100 lag (die ich nicht aufbringen kann), war ich gezwungen, fast alles selbst abzutippen. Und wenn ich es jetzt ansehe, wird mir das Ausmaß der Katastrophe deutlich. Das Werk ist mir außer Kontrolle geraten, und ich habe ein Monstrum geschaffen: ein immens langes, komplexes, ziemlich bitteres und sehr beängstigendes Abenteuer, nicht für Kinder (wenn überhaupt für jemanden) geeignet, und es ist auch nicht wirklich eine Fortsetzung zum Hobbit, sondern zum Silmarillion. Meiner Schätzung nach umfasst es, selbst ohne gewisse notwendige Zusätze, um die 600 000 Wörter. Eine Schreibkraft hat sogar mehr geschätzt. Ich sehe nur allzu deutlich, wie unmöglich das ist. Aber ich bin müde. Ich habe es jetzt vom Hals und glaube nicht, dass ich noch mehr daran tun kann, bis auf ein paar Berichtigungen. Noch schlimmer: Ich spüre, dass es mit dem Silmarillion verbunden ist.

An dieses andere Werk werden Sie sich vielleicht noch erinnern: ein langes Legendarium aus imaginären Zeiten, in »hohem Stil« und voller Elben (gewisser Art). Es wurde vor vielen Jahren auf Anraten Ihres Lektors abgelehnt. Soweit ich mich erinnere, billigte er ihm eine Art keltische Schönheit zu, die für Angelsachsen in größerer Dosis unerträglich sei.12 Er hatte wahrscheinlich vollkommen recht. Und Sie bemerkten dazu, es sei ein Werk, aus dem man schöpfen, das man aber besser nicht veröffentlichen sollte.

Nun bin ich leider kein Angelsachse, und das Silmarillion, obwohl beiseitegelegt (bis vor einem Jahr), und was damit zusammenhängt, hat sich einfach nicht unterdrücken lassen. Es ist übergeschäumt und ist in alles eingesickert (das auch nur entfernt etwas mit »Feerie« zu tun hatte) und hat wohl alles verdorben, das ich seither zu schreiben versucht habe. Aus dem Farmer Giles habe ich es mit Mühe herausgehalten, aber dadurch wurde die Fortsetzung verhindert. Sein Schatten lag tief auf den letzten Kapiteln des Hobbit. Der Herr der Ringe ist darin verfangen, sodass er einfach dessen Fortsetzung und Abschluss geworden und nur mit Hilfe des Silmarillion völlig verständlich ist – ohne eine Menge Verweise und Erklärungen, mit denen er an ein oder zwei Stellen befrachtet ist.

So lächerlich und ermüdend Sie mich finden mögen, ich möchte beides veröffentlichen, Das Silmarillion und den Herrn der Ringe, zusammen oder in Verbindung miteinander. »Ich möchte« – aber klüger wäre es wohl zu sagen, »ich würde gern«, denn ein Packen von rund einer Million Wörtern, in denen eine Sache in extenso behandelt wird, die für Angelsachsen (oder das englischsprachige Publikum) nur in Maßen erträglich ist, wird höchstwahrscheinlich niemals das Licht der Welt erblicken, auch wenn Papier nicht mehr knapp sein sollte.

Trotzdem, das ist, was ich gern hätte. Oder ich lass es alles sein. An drastisches Umschreiben oder Zusammenstreichen ist nicht zu denken. Natürlich möchte ich meine Worte gern gedruckt sehen, weil ich ein Schriftsteller bin; aber da sind sie jetzt. Für mich ist die Hauptsache, dass ich das Gefühl habe, die ganze Geschichte nun »ausgetrieben« zu haben und nicht mehr davon geritten zu sein. Ich kann mich nun anderen Dingen zuwenden …



Ich will die komplizierte und schmerzliche Geschichte in den nächsten zwei Jahren hier nicht weiterverfolgen. Mein Vater hat nie seine Meinung aufgegeben, dass, in seinen Worten in einem anderen Brief, »das Silmarillion etc. und Der Herr der Ringe zusammengehören, als eine einzige lange Saga von den Juwelen und den Ringen«, und dass er »entschlossen sei, sie als eine solche zu behandeln, unabhängig von der Form der Veröffentlichung«.

Aber die Kosten für die Produktion eines so großen Werkes in den Jahren nach dem Krieg waren hoffnungslos gegen ihn. Am 22. Juni 1952 schrieb er an Rayner Unwin:

Was Der Herr der Ringe und Das Silmarillion angeht, so sind sie immer noch an dem Punkt, wo sie waren. Das eine fertig (und der Schluss überarbeitet), und das andere noch nicht fertig (oder noch nicht überarbeitet), und beide setzen Staub an. Ich war zwischenzeitlich zu unpässlich und zu überlastet, um viel für sie zu tun, und auch zu niedergeschlagen. Musste zusehen, wie sich Papierknappheit und Kosten gegen mich auftürmten. Aber ich habe meine Meinung geändert. Lieber etwas als gar nichts! Obwohl sie für mich eins sind, und Der Herr der Ringe als Teil des Ganzen viel besser (und leichter) wäre, würde ich gern auch für jeden Teil von diesem Zeugs eine Veröffentlichung in Betracht ziehen. Die Zeit wird kostbar. Und die Pensionierung (nicht mehr fern) wird, soweit ich sehen kann, keine Muße bringen, sondern eine Armut, die es nötig machen wird, den Lebensunterhalt mit »Prüferei« und dergleichen zu bestreiten.



Wie ich in Morgoth’s Ring (1993) sagte: »So beugte er sich der Notwendigkeit, aber es brach ihm das Herz.«

Ich glaube, dass die Erklärung für seinen Abbruch der letzten Fassung in den obigen Briefauszügen zu finden ist. An erster Stelle stehen seine Worte in dem Brief an Stanley Unwin vom 24. Februar 1950. Mein Vater stellte fest, dass der Herr der Ringe fertig sei: »Nach Weihnachten war dieses Ziel endlich erreicht.« Und er fügte hinzu: »Für mich ist die Hauptsache, dass ich das Gefühl habe, die ganze Geschichte nun ›ausgetrieben‹ zu haben und nicht mehr davon geritten zu sein. Ich kann mich nun anderen Dingen zuwenden …«

Es gibt noch ein zweites bedeutungsvolles Datum. Die Seite des Manuskripts der Letzten Fassung von Tuor und der Fall von Gondolin, das Notizen von Elementen der Geschichte enthält, die in diesem Text nie erreicht wurden (S. 226 f.), stammt aus einem Terminkalender für September 1951, und andere Seiten aus diesem Kalender wurden für das Umschreiben von Passagen verwendet.

Im Vorwort zu Morgoth’s Ring schrieb ich:

Aber wenig von all den damals begonnenen Arbeiten war abgeschlossen. Das neue Leithian-Lied, die neue Geschichte von Tuor und dem Fall von Gondolin, die Grauen Annalen (von Beleriand), die Revision der Quenta Silmarillion wurden alle aufgegeben. Ich habe kaum Zweifel, dass die schwindende Hoffnung auf eine Veröffentlichung, zumindest in der Form, die er für unabdingbar hielt, die Hauptursache war.



Wie er im Brief an Rayner Unwin vom 22. Juni 1952 sagte: »Was Der Herr der Ringe und Das Silmarillion angeht, so sind sie immer noch an dem Punkt, wo sie waren. Ich war zwischenzeitlich zu unpässlich und zu überlastet, um viel für sie zu tun, und auch zu niedergeschlagen.«

Es bleibt also, auf das zurückzublicken, was wir von dieser letzten Geschichte besitzen, die nie bis zum Fall von Gondolin vordrang, aber dennoch einzigartig ist unter den Schilderungen von Mittelerde in den Ältesten Tagen, am meisten vielleicht in der Aufmerksamkeit meines Vaters für das Detail, für die Atmosphäre, für das Zusammenspiel von Szenen. Wenn man seinen Bericht über das Erscheinen des Gottes Ulmo, des Herrn der Wasser, vor Tuor liest, über seine Gestalt, »bis zu den Knien im grauen Wasser« stehend, fragt man sich, welche Beschreibungen es von den kolossalen Begegnungen in der Schlacht um Gondolin hätte geben könnten.

So wie sie steht – und endet –, ist es die Geschichte einer Reise – einer Reise auf einer außergewöhnlichen Mission, die von einem der Größten der Valar geplant und vorbestimmt und Tuor, der einem großen Haus der Menschen entstammte, ausdrücklich auferlegt wird, als der Gott ihm schließlich am Rande des Ozeans inmitten eines gewaltigen Sturms erscheint. Diese außergewöhnliche Mission sollte ein noch außergewöhnlicheres Ergebnis haben, das die Geschichte der imaginären Welt verändern würde.

Die tiefe Bedeutung der Reise lastet bei jedem Schritt auf Tuor und Voronwe, dem Noldorin-Elben, der sein Begleiter wird, und mein Vater spürte ihre immer stärker werdende tödliche Müdigkeit im Grausamen Winter dieses Jahres und die Angst vor Orks in den letzten Jahren der Ältesten Tage in Mittelerde, als hätte er sich selbst in Träumen, von Hunger und Erschöpfung geplagt, von Vinyamar nach Gondolin geschleppt.

Die Geschichte vom Fall von Gondolin habe ich nun von ihrem Ursprung im Jahre 1916 bis zu dieser finalen, aber vorzeitig beendeten Fassung etwa fünfunddreißig Jahre später dargestellt. Im Folgenden bezeichne ich die ursprüngliche Fassung im Buch der Verschollenen Geschichten, wie gehabt, einfach als »Ursprüngliche Geschichte« oder »die Geschichte«, abgekürzt »UG«, und den vorzeitig beendeten späten Text als »die Letzte Fassung«, abgekürzt »LF«. Angesichts dieser beiden weit auseinanderliegenden Fassungen kann man zunächst eines feststellen: Es dürfte außer Frage stehen, dass mein Vater das Manuskript der Geschichte vor sich hatte, oder zumindest dass er es gelesen hatte, kurz bevor er die Letzte Fassung schrieb. Diese Schlussfolgerung ergibt sich aus der großen Ähnlichkeit oder gar Wortgleichheit von gelegentlichen Passagen in beiden Texten. Um ein einziges Beispiel zu nennen:

(Die Ursprüngliche Geschichte, S. 48)

Darauf fand sich Tuor in einem öden Land, karg an Bäumen, und ein Wind aus dem Westen fegte darüber hin, der so mächtig war, dass jedwedes Gestrüpp und Gebüsch sich zu Boden neigte.

(Die Letzte Fassung, S. 178)

[Tuor] wanderte noch einige Tage durch ein wildes, baumloses Land. Der Seewind fegte darüber hin, und alles, was dort wuchs, Kraut oder Busch, wurde durch die Übermacht des Westwindes zu Boden gedrückt.



Umso interessanter ist es, die beiden Texte zu vergleichen, soweit sie vergleichbar sind, und zu beobachten, wie wesentliche Merkmale der Urfassung beibehalten, aber in ihrer Bedeutung verändert werden, während völlig neue Elemente und Dimensionen hinzukommen.

In der Geschichte verkündet Tuor seinen Namen und seine Abstammung wie folgt (S. 63):

Tuor heiß ich, bin der Sohn von Peleg, dem Sohn von Indor aus dem Haus der Schwäne von den Söhnen der Menschen des Nordens, die weit von hier wohnen.



In der Geschichte (S. 50) wird auch gesagt, dass Tuor, als er sich in der Bucht von Falasquil an der Küste des Ozeans niederließ, sein Haus mit vielen Schnitzereien schmückte, »doch immer stand der Schwan über allen anderen, weil Tuor dieses Zeichen liebte, und es wurde sein eigenes Kennzeichen und später das seines Geschlechts und Volks«. Außerdem wird, wiederum in der Geschichte, von ihm gesagt (S. 70), als in Gondolin eine Rüstung für Tuor angefertigt wurde, »sein Helm jedoch hatte als Schmuck auf jeder Seite einen Schwanenflügel aus Metall und Edelsteinen, und auch sein Schild trug einen geschmiedeten Schwanenflügel«.

Und wieder, zur Zeit des Angriffs auf Gondolin, trugen alle Krieger Tuors, die bei ihm waren, »Flügel wie die von Schwänen oder Möwen auf ihren Helmen, und das Zeichen des Weißen Flügels war auf ihren Schilden« (S. 85); sie waren »die Männer des Flügels«.

Bereits in der Skizze der Mythologie war Tuor jedoch in das sich entwickelnde Silmarillion hineingezogen worden. Das Haus der Schwäne der Männer des Nordens war verschwunden. Er war Mitglied des Hauses Hador geworden, der Sohn von Huor, der in der Schlacht der Ungezählten Tränen getötet wurde, und Vetter von Túrin Turambar. Doch die Verbindung von Tuor mit dem Schwan und dem Schwanenflügel ging bei dieser Transformation keineswegs verloren. In der Letzten Fassung (S. 180) heißt es:

Tuor liebte Schwäne und kannte sie von den grauen Teichen Mithrims; überdies war der Schwan das Zeichen Annaels und des Volkes, das ihn aufgezogen hatte. [Zu Annael siehe die Letzte Fassung, S. 165.]



Später in Vinyamar, dem alten Haus Turgons vor der Entdeckung von Gondolin, trug der Schild, den Tuor fand, das Emblem eines weißen Schwanenflügels, und er sagte: »Kraft dieses Zeichens werde ich diese Waffen in meinen Besitz nehmen, und ich will jedes Schicksal tragen, das sie in sich bergen.« (LF, S. 183.)

Die Ursprüngliche Geschichte begann (S. 45) mit einer nur sehr kurzen Einführung zu Tuor, »der in sehr alten Tagen in jenem Lande des Nordens wohnte, das genannt wurde Dor Lómin oder Land der Schatten«. Er lebte allein, ein Jäger im Land am Mithrimsee, sang die Lieder, die er machte und spielte auf seiner Harfe; und er lernte die »wandernden Noldoli« kennen, von denen er viel von ihrer Überlieferung und nicht zuletzt ihre Sprache lernte.

Aber es wird gesagt, später »führten ihn Zauberkraft und Schicksal eines Tages zu einer Öffnung wie eine Höhle, wo unten ein verborgener Fluss aus dem Mithrim hervorströmte«, und Tuor betrat diese Höhle. Dies, so heißt es, »war der Wille von Ulmo, dem Herrn der Wasser, auf dessen Geheiß die Noldoli diesen verborgenen Pfad geschaffen hatten«.

Als Tuor nicht in der Lage war, gegen die Kraft des Flusses den Rückweg aus der Höhle anzutreten, kamen die Noldoli und führten ihn über dunkle Pfade im Inneren der Berge, bis er wieder ans Licht kam.

In der Skizze von 1926, wo, wie oben erwähnt, Tuors Abkunft als Nachkomme des Hauses Hador entstand, heißt es (S. 140), dass er nach dem Tod seiner Mutter Rían ein Sklave der ungetreuen Menschen wurde, die Morgoth nach der Schlacht der Ungezählten Tränen in Hithlum ansiedelte; aber er entkam ihnen, und Ulmo bewirkte, dass er einen unterirdischen Fluss endeckte, der in einer tiefen Kluft aus Mithrim hinausführte und schließlich in das Westmeer mündete. Die Quenta von 1930 (S. 153 f.) folgt dieser Darstellung, und in beiden Texten ist ihre einzige Funktion in der Geschichte die dadurch ermöglichte Geheimhaltung von Tuors Flucht, völlig unbemerkt von irgendeinem Spion Morgoths. Aber beide Texte waren von ihrer Natur her weitgehend verdichtet.

In der Geschichte wird Tuors Durchquerung der Kluft ausführlich erzählt, bis zu dem Punkt, an dem die einströmende Gezeit in einem erschreckenden Tumult für jemanden, der ihr im Weg steht, auf den Fluss traf, der vom Mithrim-See herabkam, aber »es waren die Ainur [Valar] gewesen, die ihn in seinem Herzen bewogen hatten, aus der Schlucht herauszuklettern, sonst hätte die kommende Flut ihn ertränkt« (S. 48). Es scheint, dass die Noldoli Tuor verlassen hatten, als er aus der dunklen Höhle kam, denn es heißt, sie »geleiteten ihn über dunkle Pfade im Inneren der Berge, bis er wieder ins Licht hinaustrat« (S. 46).

Als Tuor den Fluss verließ und zum ersten Mal am Rand der Schlucht stand, erblickte er das Meer. Er fand an der Küste eine geschützte Bucht (die später den Namen Falasquil erhielt) und baute dort ein Haus aus Holz, das die Noldoli zu ihm hinunterflößten (zu dem Schwan unter den Schnitzereien seines Hauses siehe oben S. 236). In Falasquil »verstrich eine sehr lange Zeit« (UG, S. 50), bis er seiner Einsamkeit müde wurde, und auch dabei waren die Ainur beteiligt (»denn Ulmo liebte Tuor«, UG, S. 50); er verließ Falasquil und folgte einem Flug von drei Schwänen, die an der Küste entlang nach Süden zogen und ihn offensichtlich führten. Den Winter hindurch wanderte er die Küste entlang, bis er im Frühling den Sirion erreichte. Von dort aus zog er ins Landesinnere, bis er in das Land der Weiden (Nan-tathrin, Tasarinan) kam, wo ihn die Schmetterlinge und die Bienen, die Blumen und die singenden Vögel entzückten, und er gab ihnen Namen und blieb dort über den Frühling und Sommer (UG, S. 53).

Die Berichte in der Skizze und der Quenta sind, wie zu erwarten, sehr kurz. In der Skizze (S. 140) wird von Tuor nur gesagt: »Nach langen Wanderungen am westlichen Gestade kam er zu den Mündungen des Sirion, und dort tat er sich mit dem Gnom Bronweg zusammen, der einst in Gondolin gewesen war. Heimlich ziehen sie zusammen den Sirion hinauf. Tuor verweilt lange im schönen Land Nan-tathrin, dem ›Tal der Weiden‹.« Die Passage in der Quenta (S. 154 f.) ist inhaltlich im Wesentlichen gleich. Von dem Gnom, hier Bronwe genannt, heißt es nun, dass er aus Angband geflohen sei und, »da er vormals dem Volk Turgons angehört hatte, immer noch den Weg zu der verborgenen Stätte seines Herrn suchte«, und so zogen Tuor und er den Sirion hinauf und kamen ins Land der Weiden.

Es ist merkwürdig, dass Voronwe in diesen Texten vor der Ankunft Tuors im Land der Weiden in die Erzählung eintritt. In der Hauptquelle, der Ursprünglichen Geschichte, war er nämlich viel später, unter ganz anderen Umständen und erst nach dem Auftritt Ulmos erschienen. In der Geschichte (S. 53 f.) führte Tuors lange Verzückung in Nan-tathrin dazu, dass Ulmo befürchtete, er würde das Land nie verlassen, und in seiner Rede sagte er Tuor, dass die Noldoli ihn heimlich in die Stadt der Leute namens Gondothlim oder »Bewohner der Steine« begleiten würden (dies ist der erste Hinweis auf Gondolin in der Geschichte; sowohl in der Skizze als auch in der Quenta wird über die Verborgene Stadt berichtet, bevor es irgendeine Erwähnung von Tuor gibt). Am Ende, so die Geschichte (S. 57), verließen ihn die Noldoli, die Tuor auf seiner Reise nach Osten geleiteten, aus Angst vor Melko, und er verirrte sich. Aber einer der Elben kam zu ihm zurück und bot an, ihn auf seiner Suche nach Gondolin zu begleiten, von dem dieser Noldo Gerüchte gehört hatte, aber nicht mehr. Dies war Voronwe.

Kommen wir nun zu der viele Jahre später geschriebenen Letzten Fassung (LF) und dem, was dort über Tuors Jugend erzählt wird. Weder in der Skizze noch in der Quenta findet sich ein Hinweis auf Tuors Jugend bei den Grauelben von Hithlum, aber in dieser endgültigen Fassung erscheint ein ausführlicher Bericht (S. 165ff.). Dieser erzählt von seiner Erziehung bei den Elben unter Annael, von ihrem Leben in Unterdrückung und ihrer geplanten Flucht nach Süden auf dem geheimen Weg, der als Annon-in-Gelydh, »Pforte der Noldor«, bekannt ist, denn er wurde durch die Kunst dieses Volkes vor langer Zeit in den Tagen Turgons errichtet. Es gibt hier auch einen Bericht über Tuors Gefangennahme, sein Leben in Sklaverei und seine Flucht, mit den folgenden Jahren als gefürchteter Gesetzloser.

Die bedeutendste Entwicklung in all dem ergibt sich aus Tuors Entschlossenheit, aus dem Land zu fliehen. Nach dem, was er von Annael erfahren hatte, suchte er überall nach der Pforte der Noldor und dem geheimnisvollen verborgenen Königreich Turgons (LF, S. 169 f.). Das war Tuors erklärtes Ziel, aber er wusste nicht, was dieses »Tor« sein könnte. Er kam zur Quelle eines Bachs, der in den Hügeln von Mithrim entsprang, und hier traf er seine endgültige Entscheidung, Hithlum, »das graue Land meiner Sippe«, zu verlassen, obwohl seine Suche nach der Pforte der Noldor gescheitert war. Er folgte dem Lauf des Bachs, bis er zu einer Felswand kam, wo sich »eine große runde Öffnung wie ein Tor« auftat. Dort durchwachte er verzweifelt die Nacht, bis er bei Sonnenaufgang zwei Elben zu sich hinaufsteigen sah.

Es handelte sich um zwei Noldor-Elben namens Gelmir und Arminas, die in einem nicht näher bezeichneten Auftrag unterwegs waren. Von ihnen erfuhr er, dass der große Bogen tatsächlich die Pforte der Noldor war, die er unwissentlich gefunden hatte. An die Stelle der Noldoli, die ihn in der alten Geschichte (S. 46) geleiteten, führten Gelmir und Arminas ihn durch den Tunnel zu einem Ort, an dem sie anhielten, und er fragte sie nach Turgon und sagte ihnen, dass dieser Name ihn seltsam bewege, wann immer er ihn höre. Darauf gaben sie ihm keine Antwort, sondern sagten ihm Lebewohl und gingen die lange Stiege in der Dunkelheit wieder hinauf (S. 175).

Die Letzte Fassung brachte im Vergleich zur Ursprünglichen Geschichte wenig Veränderung, was den Bericht über Tuors Weg die steile Kluft hinunter betraf, nachdem er aus dem Tunnel herausgetreten war. Während es jedoch in der Geschichte (S. 48) die Ainur gewesen waren, »die ihn in seinem Herzen bewogen hatten, aus der Schlucht herauszuklettern, sonst hätte die kommende Flut ihn ertränkt«, stieg er in der Letzten Fassung (S. 177f.) hinauf, weil er den drei großen Möwen folgen wollte, und er »durch den Ruf der Möwen vor dem Tod in der Flut bewahrt« wurde. Die Meeresbucht namens Falasquil (UG, S. 50), in der Tuor sich ein Haus baute und »eine sehr lange Zeit« verging, während er es »in geruhsamer Arbeit« mit Schnitzereien schmückte, ist in der Letzten Fassung verschwunden.

In diesem Text ging Tuor, »erschreckt durch das seltsame Wüten des Wassers« (LF, S. 178), von der Schlucht des Flusses nach Süden und überschritt die Grenzen von Nevrast im äußersten Westen, »wo Turgon einst gewohnt hatte«, und schließlich kam er bei Sonnenuntergang an die Küste Mittelerdes und erblickte das Große Meer. Hier weicht die Letzte Fassung radikal von der Geschichte Tuors ab, wie sie bisher erzählt wurde.

Kehren wir zurück zur Ursprünglichen Geschichte und dem Erscheinen Ulmos vor Tuor im Land der Weiden, so folgt nun die ursprüngliche Schilderung meines Vaters über das Auftreten des großen Vala (UG, S. 54f.). Der Herr aller Meere und Flüsse kam, um Tuor zu bewegen, nicht länger an diesem Ort zu verweilen. Diese Beschreibung ist ein umfassendes und scharf umrissenes Bild des Gottes selbst, der eine lange Reise über den Ozean hinter sich hat. Er wohnt in einem »Palast« unter den Gewässern des Äußeren Meeres, er fährt in seinem »Wagen«, der wie ein Walfisch geformt ist, mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Sein Haar und sein großer Bart werden erwähnt, seine Rüstung, »den Schuppen blauer und silberner Fische gleich«, sein Wams aus »schimmerndem Grün«, sein Gürtel aus riesigen Perlen, seine Schuhe aus Stein. Nachdem er seinen »Wagen« an der Mündung des Sirion verließ, ging er zu Fuß den großen Fluss entlang, und dort »ließ er sich im Zwielicht zwischen den Riedgräsern nieder«, nahe der Stelle, wo Tuor »im kniehohen Gras stand«; er spielte auf seinem seltsamen Musikinstrument, »aus vielen langen, gekrümmten Muscheln gemacht, in welche Löcher gebohrt waren« (UG, S. 54 f.).

Das vielleicht beeindruckendste aller Merkmale Ulmos war die unergründliche Tiefe seiner Augen und seiner Stimme, die Tuor mit Angst erfüllte. Tuor sollte das Land der Weiden verlassen und, von Noldoli heimlich geleitet, die Stadt der Gondothlim aufsuchen (siehe S. 55 oben). In der Geschichte (S. 55 f.) sagte Ulmo: »Dort werde ich dir Worte in den Mund legen, und dort sollst du eine Weile bleiben.« Wie seine Worte an Turgon lauten würden, darauf gibt es in dieser Version keinen Hinweis – aber es wird gesagt, dass Ulmo Tuor »einiges von seinen Plänen und Wünschen« mitteilte, wovon Tuor damals kaum etwas begriff. Ulmo äußerte auch eine außerordentliche Prophezeiung über Tuors Kind, »das mehr als jeder andere Mensch von den äußersten Tiefen wissen wird, seien es die des Meeres oder des Himmelsgewölbes«. Mit dem Kind ist Earendel gemeint.

In der Skizze von 1926 gibt es dagegen eine klare Aussage (S. 140 f.) über die Worte Ulmos, die Tuor in Gondolin vorbringen soll: Kurz gesagt, Turgon muss sich auf eine Schlacht mit Morgoth vorbereiten; diese wird schrecklich sein, aber »die Rasse der Orks wird untergehen«. Wenn Turgon dazu jedoch nicht gewillt ist, dann sollen die Menschen von Gondolin ihre Stadt verlassen und zur Sirionmündung gehen, wo Ulmo »ihnen helfen wird, eine Flotte zu bauen, und sie zurück nach Valinor führen wird«. In der Quenta Noldorinwa von 1930 (S. 155 f.) sind die von Ulmo gebotenen Aussichten im Wesentlichen die gleichen, obwohl das Ergebnis einer solchen Schlacht, die einen »schrecklichen und tödlichen Kampf« bringen wird, als das Ende der Macht Morgoths und vieles mehr hingestellt wird, woraus »das größte Gut in die Welt kommen sollte, und die Diener Morgoths würden sie nicht mehr behelligen«.

An diesem Punkt wollen wir uns dem wichtigen Manuskript aus den späten 1930er-Jahren mit dem Titel Quenta Silmarillion zuwenden. Dies sollte eine neue Prosa-Version der Geschichte der Ältesten Tage nach der Quenta Noldorinwa von 1930 werden, fand aber 1937 mit dem Aufkommen der »neuen Geschichte über Hobbits« (ich habe in Beren und Lúthien, S. 226–29, von dieser seltsamen Wendung berichtet) ein jähes Ende.

Aus diesem Werk füge ich hier Passagen hinzu, die sich auf die frühe Geschichte Turgons, seine Entdeckung von Tumladen und den Bau von Gondolin beziehen, die aber nicht in den Texten von Der Fall von Gondolin erscheinen.

In der Quenta Silmarillion wird erzählt, dass Turgon, ein Anführer der Noldor, der den Schrecken der Helkarakse (des Malm-Eises) bei der Überfahrt nach Mittelerde trotzte, in Nevrast wohnte. In diesem Text kommt folgender Abschnitt vor:

Turgon machte sich aus Nevrast auf, wo er saß, und suchte Inglor, seinen Freund, auf, und sie wanderten nach Süden den Sirion entlang; denn sie waren für eine Weile der nördlichen Gebirge überdrüssig geworden. Unterwegs überraschte sie die Nacht an den Dämmerseen um das Flussbett des Sirion, und dort legten sie sich unter den Sommergestirnen zum Schlafen nieder. Doch Ulmo, der den Strom heraufkam, gab ihnen tiefen Schlaf und schwere Träume; und die Träume blieben bedrückend, auch nachdem sie erwacht waren, doch sagte keiner dem anderen ein Wort, denn sie erinnerten sich nicht klar, und jeder meinte, ihm allein habe Ulmo Botschaft gesandt. Doch stets hernach war die Unrast in ihnen und der Zweifel, was kommen werde, und oft wanderten sie allein durch weglose Länder und suchten nach Orten von verborgener Kraft. Jeder glaubte nämlich, er sei geheißen worden, sich für den Tag des Unheils zu rüsten und eine Zuflucht zu schaffen, damit Morgoth, wenn er aus Angband hervorbräche, nicht alle Heere des Nordens überwältigte.

So kam es, dass Inglor die tiefe Schlucht des Narog und die Höhlen an seinem westlichen Ufer fand; und er baute dort eine Festung und Waffenkammern nach dem Vorbild der tiefen Wohnstatt von Menegroth. Und er nannte diesen Ort Nargothrond und und ließ dort mit vielen aus seinem Volke sich nieder; und die Gnomen des Nordens nannten ihn zuerst im Scherz darum Felagund, Herr der Höhlen, und diesen Namen behielt er bis an sein Ende. Aber Turgon ging allein an verborgene Orte und entdeckte dank Ulmos Führung das geheime Tal von Gondolin; und davon sprach er zunächst zu niemandem, sondern kehrte wieder nach Nevrast und zu seinem Volk zurück.



In einer weiteren Passage der Quenta Silmarillion wird erzählt, dass Turgon, der zweite Sohn Fingolfins, über ein großes Volk herrschte, aber »die Unruhe von Ulmo wuchs in ihm«;

er machte sich auf und nahm eine große Schar von Gnomen mit sich, bis zu einem Drittel von Fingolfins Gefolge, ihre Güter, Frauen und Kinder, und zog nach Osten. Er ging bei Nacht, und sein Marsch war schnell und still, und er verschwand aus dem Wissen seiner Sippe. Aber er kam nach Gondolin und baute dort eine Stadt wie Tûn von Valinor und befestigte die umliegenden Hügel; und Gondolin lag viele Jahre verborgen.



Ein drittes und wesentliches Zitat stammt aus einer anderen Quelle. Es gibt zwei Texte mit den Titeln Die Annalen von Beleriand und Die Annalen von Valinor. Diese wurden um 1930 begonnen, und es gibt mehrere Versionen davon. Ich habe dazu geschrieben: »Die Annalen begannen vielleicht parallel zur Quenta, um die verschiedenen Elemente des immer komplexer werdenden Erzählnetzes zu verfolgen.« Der endgültige Text der Annalen von Beleriand, auch Graue Annalen genannt, stammt aus der Zeit Anfang der 1950er-Jahre, als sich mein Vater nach der Fertigstellung von Der Herr der Ringe wieder dem Thema der Ältesten Tage zuwandte (siehe S. 229). Er war eine wichtige Quelle für das veröffentlichte Silmarillion.

Hier folgt eine Passage aus den Grauen Annalen; sie bezieht sich auf das Jahr, »in dem Gondolin nach zweiundfünfzig Jahren geheimer Arbeit vollendet wurde«.

Nun schickte Turgon sich an, aus Nevrast fortzuziehen und seine Hallen am Meer in Vinyamar unter dem Berg Taras zu verlassen; und da kam Ulmo ein zweites Mal zu ihm und sagte: »Endlich nun wirst du nach Gondolin gehen, Turgon, und ich will meine Kraft in das Tal von Sirion setzen, sodass keiner deinem Wege folgen soll, noch soll einer den versteckten Eingang zu deinem Land finden wider deinen Willen. Am längsten von allen Reichen der Eldalie soll Gondolin gegen Melkor standhalten. Aber liebe es nicht zu sehr, und sei dessen eingedenk, dass die wahre Hoffnung der Noldor im Westen liegt und vom Meere kommt.«13

Und Ulmo warnte Turgon, dass er auch Mandos’ Spruch unterliege, den Ulmo nicht aufzuheben vermochte. »So mag es geschehen«, sagte er, »dass der Fluch der Noldor vor dem Ende auch dich ereilt und Verrat in deinen Mauern erwacht. Dann werden sie in Feuersgefahr sein. Doch wenn diese Gefahr näher rückt, dann wird von hier, aus Nevrast, einer kommen, um dich zu warnen, und Hoffnung für Elben und Menschen wird er aus Brand und Trümmern retten. Lass daher Waffen und ein Schwert in diesem Hause, dass er sie in künftigen Jahren finden möge, und daran sollst du ihn erkennen und nicht betrogen sein.« Und Ulmo erklärte Turgon, von welcher Art und Größe Helm und Panzer und Schwert sein sollten, die er zurückließ.

Dann kehrte Ulmo ins Meer zurück, und Turgon schickte all sein Volk aus … und sie zogen heimlich, Schar um Schar, unter den Schatten der Eryd Wethion davon und kamen ungesehen mit ihren Frauen und Gütern nach Gondolin, und niemand wusste, wohin sie gegangen. Und zuletzt stand Turgon auf und ging mit seinen Fürsten und seinem Gefolge in aller Stille durch die Hügel, durchschritt die Tore zu den Bergen, und sie wurden verschlossen. Nevrast aber war entvölkert und blieb so bis zum Untergang von Beleriand.



In diesem letzten Abschnitt ist die Erklärung des Schildes und Schwertes, des Harnischs und des Helms zu sehen, die Tuor fand, als er die große Halle von Vinyamar betrat (LF, S. 183).

Nach dem Ende der Begegnung zwischen Ulmo und Tuor im Land der Weiden folgen alle frühen Texte (die Ursprüngliche Geschichte, die Skizze der Mythologie, die Quenta Noldorinwa) der Reise von Tuor und Voronwe auf der Suche nach Gondolin. Der Weg nach Osten selbst wird kaum beschrieben, das Rätsel der verborgenen Stadt liegt im Geheimnis des Eingangs nach Tumladen (wozu ihnen Ulmo in der Skizze und der Quenta Noldorinwa Hilfe bietet).

Aber hier kommen wir zurück zur Letzten Fassung, bei der ich in dieser Erörterung bis zur Ankunft von Tuor an der Küste des Meeres in Nevrast gekommen war (LF, S. 181). Hier sehen wir am Fuß des Berges Taras die verlassenen Hallen Vinyamars, (»des ältesten aller steinernen Bauwerke, das die Noldor im Land ihrer Verbannung errichtet hatten«,) wo Turgon einst gewohnt hatte und das Tuor nun betrat. Von allem, was über Tuor in Vinyamar folgt (LF, S. 182ff.), gibt es in den frühen Texten keine Spur – ausgenommen natürlich das Erscheinen von Ulmo, das nach einer Lücke von fünfunddreißig Jahren nun erneut erzählt wird.

Ich halte hier inne, um zu sehen, was an anderer Stelle über Ulmos Weisung, ja, sein Drängen Tuors, bei der Verwirklichung der Pläne des Meergottes mitzuwirken, gesagt wird.

Der Ursprung seiner »Pläne«, die sich auf Tuor konzentrierten, ergab sich aus dem einschneidenden und weitreichenden Ereignis, das als Die Verhüllung von Valinor bekannt werden sollte. Es gibt eine frühe Erzählung, eine der Verschollenen Geschichten, die diesen Titel trägt, welche den Ursprung und die Natur dieser Veränderung der Welt in den Ältesten Tagen beschreibt. Sie hat ihren Ursprung in der Rebellion der Noldoli (Noldor) unter der Führung von Feanor, dem Schöpfer der Silmaril, gegen die Valar und ihrer daraus folgenden Absicht, Valinor zu verlassen. Ich habe die Auswirkungen dieser Entscheidung in Beren und Lúthien, S. 26f., sehr kurz beschrieben und möchte es hier wiederholen.

Vor ihrem Abschied aus Valinor fand ein schreckliches Ereignis statt, das die Geschichte der Noldor in Mittelerde überschattete. Feanor verlangte von den Teleri, der dritten Schar der Eldar der Großen Wanderung [vom Ort ihres Erwachens], die jetzt an der Küste Amans wohnten, dass sie den Noldor ihre Flotte von Schiffen, ihren größten Stolz, zur Verfügung stellten, denn ohne Schiffe wäre die Überfahrt einer solchen Heerschar nach Mittelerde nicht möglich. Doch die Teleri weigerten sich. Da griffen Feanor und die Seinen die Teleri in ihrer Stadt Alqualonde, dem Schwanenhafen, an und nahmen sich die Flotte mit Gewalt. In jener Schlacht, die als der Sippenmord bekannt wurde, wurden viele der Teleri erschlagen.

In Die Verhüllung von Valinor gibt es eine bemerkenswerte Beschreibung eines sehr hitzigen und wahrlich außerordentlichen Rates der Valar, die sich auf das aktuelle Thema bezieht. Bei dieser Gelegenheit war ein Elb von Alqualonde namens Ainairos anwesend, dessen Verwandte in der Schlacht von Schwanenhafen umgekommen waren, »und er suchte durch seine Worte unaufhörlich die bitteren Gedanken der [Teleri] noch zu vertiefen«. Dieser Ainairos tat bei der Versammlung den Mund auf, und seine Worte werden in Die Verhüllung von Valinor wiedergegeben:

Er machte den Göttern kund, was die Elben [d.h. die Teleri] über die Noldoli dachten und über die Schutzlosigkeit des Landes von Valinor gegen die übrige Welt. Daraufhin erhob sich beträchtlicher Aufruhr, und viele von den Valar und ihrem Gefolge unterstützten ihn laut, und einige andere der Eldar riefen, dass Manwe und Varda ihre Sippe veranlasst hätten, in Valinor zu wohnen, und ihr unerschöpfliche Freude versprochen hätten – nun sollen die Götter dafür Sorge tragen, dass nicht ihr Glück zu einem Nichts zusammenschrumpfe, nur weil Melko die Welt beherrsche, sodass die nicht wagten, selbst wenn sie es wollten, zu den Orten ihres Erwachens zu ziehen.

Die meisten der Valar hingen außerdem ihrer alten Bequemlichkeit an, wollten nur Frieden und wünschten, weder Gerüchte über Melko und seine Gewalt noch das Murren der ruhelosen Gnomen möchten sich je wieder unter ihnen verbreiten, ihr Glück zu stören; und aus diesen Gründen traten auch sie lautstark dafür ein, dass das Land verhüllt werde. Unter diesen waren Vána und Nessa nicht die Geringsten, obgleich selbst die meisten der großen Götter einer Meinung waren. Vergeblich bat Ulmo, weil er die Zukunft sah, um Mitleid und Vergebung für die Noldoli, vergeblich enthüllte Manwe die Geheimnisse der Musik der Ainur und den Sinn der Welt; lange währte diese Versammlung und war voll von lärmenden Reden, und dort wurden mehr bittere und flammende Worte gewechselt als je zuvor; darum zog sich Manwe Súlimo schließlich zurück. Weder Mauern noch Bollwerke, sagte er, könnten nun Melkos Unheil von ihnen fernhalten, da es bereits unter ihnen hause und alle Köpfe verwirre.

So kam es, dass die Feinde der Gnomen im Rat der Götter die Oberhand behielten, und [des Schwanenhafens] Blut begann bereits sein grausames Werk; denn nun fing an, was die Verhüllung von Valinor genannt wird, und Manwe und Varda und Ulmo, der Herr der Meere, hatten keinen Teil daran, doch kein anderer der Valar oder der Elben hielt sich davon fern.

…

Nun führten Lórien und Vána die Götter an, und Aule lieh ihnen seine Kunst und Tulkas seine Stärke, und so kam es, dass die Götter in dieser Zeit nicht auszogen, Melko zu besiegen, und dies war später ihr größter Kummer und ist es noch immer; denn durch diesen Fehler erreichte die große Herrlichkeit der Valar in vielen Zeitaltern nicht ihre Vollkommenheit auf der Erde, und noch immer wartet die Welt darauf.



Sehr auffällig ist in diesem letzten Abschnitt die deutliche Kritik an den Göttern, die nur ihre eigene Sicherheit und ihr Wohlergehen im Auge haben, und der unverhohlene Ausdruck der Ansicht, dass sie einen kolossalen »Fehler« begangen haben; denn als sie es versäumten, gegen Melko Krieg zu führen, überließen sie Mittelerde schutzlos den zerstörerischen Ambitionen und dem Hass des Erzfeindes. Eine solche Verurteilung der Valar findet sich in späteren Texten nicht mehr. Die Verhüllung von Valinor existiert nur als eine Tatsache aus der Zeit der Legende.

In Die Verhüllung von Valinor folgt eine Passage, in der die gigantischen und vielfältigen Verteidigungswerke der Götter beschrieben werden – »neue und gewaltige Werke, wie man sie, seit Valinor erbaut wurde, von ihnen nicht gesehen hatte«, wie die Verstärkung der umschließenden Berge an der Ostseite, um diese noch unüberschreitbarer zu machen.

Von Norden nach Süden reichten der Zauberbann und die unerreichbare Kraft göttlicher Magie; doch die Götter waren noch nicht zufrieden und sagten: Fürwahr, wir wollen dafür sorgen, dass alle Pfade, bekannte wie geheime, die nach Valinor führen, gänzlich aus der Welt verschwinden oder sich als trügerisch erweisen, auf dass der Wanderer in hoffnungslose Verwirrung gestürzt wird.

Dies taten sie, und in den Meeren blieb keine Wasserstraße übrig, die nicht mit gefährlichen Strudeln oder Strömungen von überwältigender Kraft besetzt war, denen kein Schiff widerstehen konnte. Und nach Osses Willen lauerten dort die Geister plötzlicher Stürme und unerwarteter Winde und andere, die undurchdringlichen Nebel verbreiten konnten.



Um die Auswirkungen der Verhüllung von Valinor auf Gondolin zu erkennen, mag man auf Turgons Worte an Tuor in der Ursprünglichen Geschichte vorausblicken, die vom Schicksal der vielen Boten sprechen, welche aus Gondolin zur Sirionmündung geschickt worden waren, um dort Schiffe zu bauen und mit ihnen den Weg übers Meer nach Valinor zu suchen (S. 66 f.):

»… doch die Pfade dorthin sind vergessen und die Wege von der Welt verschwunden, und die Meere und Gebirge umgeben es, und sie, die dort in Heiterkeit sitzen, bekümmern sich wenig um die Furcht vor Melko und um die Leiden der Welt, sondern verbergen ihr Land und umweben es mit undurchdringlichem Zauber, auf dass nie eine Botschaft des Unheils an ihre Ohren dringe. Nein, allzu viele aus meinem Volk sind ungezählte Jahre hindurch auf die riesigen Wasser hinausgefahren, um nie heimzukehren, sondern sind in den Tiefen zugrunde gegangen oder irren nun verloren in den Schatten umher, die keine Pfade kennen. Und wenn das nächste Jahr kommt, soll keiner mehr sich zum Meer begeben.«



Es ist eine merkwürdige Tatsache, dass Turgons Worte fast eine ironische Wiederholung der kurz zuvor geäußerten Worte Tuors darstellen, die Ulmo ihm aufgetragen hatte (UG, S. 66):

»Höre! die Pfade dorthin sind vergessen und die Wege von der Welt verschwunden, und die Meere und Gebirge umgeben es, doch noch immer wohnen dort die Elben auf dem Berg von Kôr, und die Götter sitzen in Valinor, wenngleich auch ihre Heiterkeit gemindert ist aus Kummer und Furcht vor Melko, und sie verbergen ihr Land und weben darum undurchdringlichen Zauber, auf dass kein Unheil zu seinen Gestaden gelange.«



Auf S. 132–35 habe ich einen kurzen Text (Turlin und die Verbannten von Gondolin) wiedergegeben, der eindeutig als Anfang einer neuen Version der Geschichte gedacht war (aber immer noch mit der alten Version der Genealogie Tuors, die in der Skizze von 1926 durch die des Hauses Hador ersetzt wurde). Bemerkenswert daran ist, dass Ulmo hier in seiner Sorge um die Elben, die unter der Macht von Melko lebten, ausdrücklich als ganz allein unter den Valar dargestellt wird, »noch fürchtete einer von ihnen außer Ulmo allein die Macht Melkos, die Verderben und Leid über die ganze Erde brachte; aber Ulmo wünschte, dass Valinor all seine Macht sammeln solle, um sein Übel zu ersticken, bevor es zu spät sei, und es schien ihm, dass sich beides erreichen ließe, wenn es Boten von den Gnomen gelänge, nach Valinor zu kommen und Verzeihung und Mitleid für die Erde zu erflehen«.

Hier taucht zum ersten Mal die »Isolation« von Ulmo unter den Valar auf, denn es gibt keinen Hinweis darauf in der Ursprünglichen Geschichte. Ich schließe diesen Bericht mit einer Wiederholung, wie Ulmo es in seinen Worten an Tuor sah, als er am Rande des Wassers im aufsteigenden Sturm in Vinyamar stand (LF, S. 186 f.).

Und Ulmo sprach zu Tuor von der Verhüllung Valinors, der Verbannung der Noldor, von Mandos’ Fluch und dem verborgenen Segensreich. »Merke dir aber«, sagte er, »im Panzer des Schicksals (wie die Kinder der Erde sagen) ist immer eine Lücke und in den Mauern des Verhängnisses eine Bresche, bis zu jenem letzten Punkt, den ihr das Ende nennt. Solange ich lebendig bin, wird es eine geheime Stimme geben, die widerspricht, und ein Licht, das dort leuchtet, wo Finsternis sich ausbreiten will. Wenn ich auch in diesen Tagen des Dunkels dem Willen meiner Brüder, der Herren des Westens, scheinbar zuwiderhandle, so ist dies doch meine Aufgabe, zu der ich berufen wurde, bevor die Welt entstand. Doch das Verhängnis lastet schwer, und der Schatten des Feindes wird größer. Ich selbst bin geschwächt und werde in Mittelerde schließlich nur noch ein heimliches Flüstern sein. Die Wasser, die nach Westen fließen, trocknen aus, ihre Quellen sind vergiftet, und meine Macht muss aus dem Lande weichen, denn Elben und Menschen werden durch die Kraft Melkos mir gegenüber blind und taub. Nun geht Mandos’ Fluch rasch seiner Erfüllung entgegen, alle Werke der Noldor werden untergehen, und die Hoffnungen, die sie hegten, werden zerbrechen; allein eine letzte ist geblieben, eine Hoffnung, die sie nicht erwarteten und auf die sie nicht vorbereitet sind: Diese Hoffnung liegt in dir, denn so habe ich es beschlossen!«



Dies führt zu einer weiteren Frage: Warum hat er sich für Tuor entschieden? Oder sogar, warum hat er sich für einen Mann entschieden? Auf diese letzte Frage wird in der Geschichte (S. 72 f.) eine Antwort gegeben:

Seht, viele Jahre waren inzwischen vergangen, seit Tuor sich, von den Noldoli im Stich gelassen, in den Vorbergen verirrt hatte; doch viele Jahre waren auch vergangen, seit Melko zum ersten Mal die sonderbaren Nachrichten zu Ohren kamen – nicht eindeutig waren sie, und sie kamen in verschiedenen Gestalten – von einem Mann, der die Täler des Sirion durchwanderte. Nun fürchtete Melko in jenen Tagen die Rasse der Menschen nicht übermäßig, weil er sehr mächtig war, und darum hatte sich Ulmo bei seinem Plan eines Menschen bedient, um Melko sicherer täuschen zu können, konnte sich doch kein Valar und kaum einer der Eldar oder Noldoli rühren, ohne dass dies der Wachsamkeit Melkos entging.



Aber auf die viel wichtigere Frage, denke ich, liegt die Antwort in den Worten von Ulmo an Tuor in Vinyamar (LF, S. 185), als Tuor zu ihm sagte: »Ich bin ein einzelner, sterblicher Mensch unter den vielen tapferen Helden des Hohen Volkes aus dem Westen.« Darauf antwortete Ulmo:

»Wenn ich mich entschlossen habe, dich zu meinem Boten zu machen, Tuor, Sohn Huors, so glaube nicht, dein eines Schwert sei es nicht wert, ausgesandt zu werden. Die Elben werden sich allzeit der Tapferkeit der Edain erinnern, wenn die Zeitalter vergehen, und darüber staunen, dass diese ihr Leben, das auf Erden so kurz ist, freiwillig hingeben. Aber nicht nur wegen deiner Tapferkeit habe ich dich gewählt, sondern um eine Hoffnung in die Welt zu tragen, die größer ist als du selbst, und ein Licht, das die Finsternis durchdringen soll.«



Was war das für eine Hoffnung? Ich glaube, dass es das Ereignis war, das Ulmo mit solch wundersamer Voraussicht Tuor in der Geschichte verkündete (S. 56):

»[Du] wirst ein Kind zeugen, das mehr als jeder andere Mensch von den äußersten Tiefen wissen wird, seien es die des Meeres oder des Himmelsgewölbes.«



Wie ich oben angemerkt habe (S. 243), war dieses Kind Earendel.

Es steht außer Zweifel, dass Ulmos prophetische Worte »ein Licht, das die Finsternis durchdringen soll«, von Ulmo selbst gesandt und von Tuor in die Welt gebracht, Earendel ist. Aber so seltsam es auch erscheint, es gibt eine Passage an anderer Stelle, die zeigt, dass die »wundersame Voraussicht«, wie ich sie genannt habe, viele Jahre zuvor unabhängig von Ulmo in der Geschichte von Mittelerde aufscheint.

Dieser Abschnitt findet sich in der Version des Textes Die Annalen von Beleriand, der als die Grauen Annalen bekannt ist, aus der Zeit nach der Vollendung des Herr der Ringe; siehe hierzu oben S. 246. Die Szene ist die Schlacht der Ungezählten Tränen, gegen Ende mit dem Tod von Fingon dem Elbenkönig.

Der Tag war verloren, aber noch hielten Húrin und Huor mit den Männern Hadors stand, und die Orks vermochten die Pässe des Sirion noch nicht zu nehmen. … Das letzte Gefecht von Húrin und Huor ist die unter den Eldar bekannteste Waffentat, die die Väter der Menschen zu ihrem Behufe vollbrachten. Denn Húrin sprach zu Turgon und sagte: »Geh jetzt, Herr, solange noch Zeit ist! Denn du bist der Letzte aus dem Hause Fingolfin, und in dir lebt die letzte Hoffnung der Noldor. Solange Gondolin steht, stark und bewacht, wird Morgoths Herz die Furcht nicht verlernen.«

»Doch nicht mehr lange kann Gondolin verborgen bleiben, und ist es einmal entdeckt, muss es fallen«, sagte Turgon.

»Doch wenn es nur eine kurze Weile steht«, sagte Huor, »dann wird aus deinem Hause die Hoffnung der Elben und der Menschen kommen. Dies sag’ ich dir, Herr, mit dem Weitblick des Todes. Auch wenn wir hier für immer scheiden und ich deine weißen Mauern niemals sehen werde, so soll doch aus dir und mir ein neuer Stern aufgehen.«



Turgon nahm den Rat von Húrin und Huor an. Er zog sich mit allen Kriegern, die er aus dem Heer Fingons und von Gondolin sammeln konnte, zurück und verschwand in die Berge, während Húrin und Huor hinter ihnen den Pass gegen das riesige Heer Morgoths hielten. Huor wurde dort von einem vergifteten Pfeil ins Auge getroffen und fiel.

Wir können die göttlichen Kräfte von Ulmo – dem mächtigsten der Götter nach Manwe – nicht hoch genug einschätzen: in seinem großen Wissen, seiner Voraussicht und in seiner unvorstellbaren Fähigkeit, in den Geist anderer Wesen einzudringen und ihre Gedanken und sogar ihr Verständnis von weither zu beeinflussen. Am bemerkenswertesten sind wohl seine Worte, die er durch Tuor in Gondolin sprach. Das geht zurück auf die Ursprüngliche Geschichte, wo es heißt: »Dort werde ich dir Worte in den Mund legen« (S. 55); und in der Letzten Fassung (S. 188), wenn Tuor fragt: »Welche Worte soll ich Turgon sagen?«, antwortet Ulmo: »Wenn du zu ihm kommst, werden dir die Worte von allein auf die Lippen kommen, und dein Mund wird sprechen, als sei ich an deiner Stelle.« In der Geschichte (S. 65) geht diese Fähigkeit Ulmos noch weiter: »Da sprach Tuor, und Ulmo legte Kraft in sein Herz und Erhabenheit in seine Stimme.«

In diesem Abstecher über Ulmos Pläne für Tuor kommen wir jetzt zu Vinyamar und zur Erscheinung des Gottes in dieser Erzählung, die sich grundlegend von der in der Geschichte unterscheidet (S. 13 und S. 184 f.). Nun kommt er nicht mehr den großen Fluss Sirion hinauf und musiziert im Schilf, sondern als auf dem Meer ein großer Sturm aufzieht, schreitet er aus einer Welle heraus, »eine lebendige Gestalt, über die Maßen groß und majestätisch«, die Tuor als ein mächtiger König mit einer hohen Krone erscheint; und der Gott spricht zu ihm »bis zu den Knien im grauen Wasser« stehend. Zudem ist die gesamte Episode von Tuor in Vinyamar in der Geschichte noch nicht vorhanden und somit auch das wesentliche Element in der Letzten Fassung, die Waffen, die für ihn den Hallen Turgons zurückgelassen wurden (siehe LF, S. 183 f. und S. 237 oben).

Es ist jedoch denkbar, dass der Keim dieses Motivs bereits in der Geschichte (S. 64) vorhanden war, als Turgon Tuor vor den Toren seines Palastes begrüßt: »Willkommen, o Mann aus dem Lande der Schatten. Wisse! Deine Ankunft war aufgezeichnet in unseren Büchern der Weisheit, und es steht geschrieben, viele große Dinge würden sich in der Stadt der Gondothlim zutragen, wenn du dort einträfest.«

In der Letzten Fassung erscheint (S. 190) der Noldorin-Elb Voronwe in einer Rolle, die ihn von seinem ersten Auftritt in der Erzählung an die Geschichte von Tuor und Ulmo bindet, ganz anders als in früheren Texten (siehe S. 57 f.). Nach dem Fortgang Ulmos

blickte Tuor von der untersten Terrasse hinunter und erblickte zwischen Steinen und Tang die Gestalt eines Elben, gekleidet in einen grauen, von Seewasser durchtränkten Mantel. … Als Tuor dastand und die schweigende graue Gestalt ansah, erinnerte er sich der Worte Ulmos, und wie von selbst kam ihm ein Name auf die Lippen, und er rief mit lauter Stimme: »Willkommen, Voronwe, ich habe dich erwartet!«



Diese Worte von Ulmo waren seine letzten an Tuor, bevor er verschwand (LF, S. 188):

»Ich will jemanden zu dir schicken, der Osses Wüten entkam, fürwahr, den letzten Seefahrer des letzten Schiffes, das vor dem Aufgang des Sterns nach Westen aufgebrochen ist.«



Dieser Seemann war Voronwe, der seine Geschichte Tuor am Meer bei Vinyamar erzählte (LF, S. 196ff.). Sein Bericht über seine siebenjährige Fahrt über das Große Meer, den er Tuor, der so sehr vom Ozean begeistert war, gab, war eine düstere Angelegenheit, mit Ausnahme einer Stelle, bevor er zu seiner Mission aufbrach (LF, S. 196):

Ich säumte unterwegs, denn ich hatte bis dahin wenig von den Ländern Mittelerdes gesehen, und es war gerade Frühling, als wir nach Nan-tathrin kamen. Lieblich und herzerquickend ist dieses Land, Tuor, wie du selbst feststellen wirst, wenn du jemals auf den südlichen Straßen den Sirion entlangwandern solltest. Dieses Land ist das Heilmittel gegen die Sehnsucht nach dem Meer …



Die Episode in der Ursprünglichen Geschichte von Tuors überlangem Aufenthalt in Nan-tathrin, dem Land der Weiden, der ursprünglich den Grund für Ulmos Eingreifen darstellte, hatte nun natürlich ihre frühere Funktion eingebüßt, aber sie ging nicht verloren. In der Letzten Fassung war es Voronwe, der Tuor in Vinyamar erzählte, dass er eine Zeitlang in Nan-tathrin verweilt habe und verzaubert gewesen sei, als er »im kniehohen Gras stand« (LF S. 197); in der früheren Fassung war es Tuor gewesen, der im Land der Weiden »im kniehohen Gras« gestanden hatte (UG, S. 55). Sowohl Tuor als auch Voronwe gaben den ihnen unbekannten Blumen und Vögeln und Schmetterlingen eigene Namen.

Da wir in dieser Entwicklung der Geschichte Ulmo nicht persönlich treffen werden, füge ich hier ein Porträt des großen Vala bei, das mein Vater in seinem Werk Die Musik der Ainur (Ende der 1930er-Jahre) entworfen hat:

Ulmo aber wohnte seit je im Äußeren Ozean und regierte das Fließen aller Gewässer und den Lauf aller Flüsse, die Auffüllung aller Brunnen und das Abtropfen allen Taus und Regens auf der ganzen Welt. An den tiefen Orten ersinnt er große und schreckliche Musik; und ihr Echo rinnt duch alle Adern der Welt, und ihre Freude ist die Freude einer Fontäne in der Sonne, deren Quellen die Quellen des unauslotbaren Leids an den Grundfesten der Erde sind. Viel lernten die Teleri von ihm, und aus diesem Grund enthält ihre Musik sowohl Trauer als auch Verzauberung.



Wir kommen nun zur Reise von Tuor und Voronwe von Vinyamar in Nevrast, am Meer im fernen Westen, auf der Suche nach Gondolin. Diese würde sie nach Osten entlang der Südseite der großen Gebirgskette Ered Wethrin, der Schattenberge, führen, die eine riesige Barriere zwischen Hithlum und West Beleriand bildeten, und schließlich zum großen Fluss Sirion, der von Norden nach Süden floss.

Bei der ersten Erwähnung in der Ursprünglichen Geschichte (S. 58) heißt es nur: »Lange Zeit suchten Tuor und Voronwe [die in der alten Geschichte noch nie dort gewesen waren] nach der Stadt dieses Volkes [der Gondothlim], bis sie nach vielen Tagen zu einem Tal in den Bergen kamen«. Auch die Skizze sagt sehr einfach (S. 141): »Tuor und Bronweg erreichen den geheimen Weg … und treten auf die bewachte Ebene hinaus«. Und die Quenta Noldorinwa (S. 156) ist ebenso knapp: »Ulmos Geheiß folgend zogen Tuor und Bronwe nach Norden und kamen endlich an den versteckten Zugang.«

Neben diesen lapidaren Einblicken ist die Darstellung der schrecklichen Tage, die Tuor und Voronwe in den bitteren Winden und dem grimmigen Frost des unwegsamen Landes verbracht haben, ihrer Flucht vor den Banden der Orks und dem Kommen der Adler in der Letzten Fassung als ein bedeutendes Element in der Entwicklung der Geschichte von Gondolin anzusehen. (Zur Anwesenheit der Adler in dieser Region siehe Quenta Noldorinwa, S. 151, und LF, S. 209 f.) Am bemerkenswertesten ist ihre Ankunft am Weiher von Ivrin (S. 200), dem See, in dem der Fluss Narog entspringt und der nun durch den Durchgang des Drachen Glaurung (von Voronwe »der Große Wurm von Angband« genannt) besudelt und verwüstet wurde. Hier berührte sich der Weg der Sucher von Gondolin mit einer anderen Großen Geschichte der Ältesten Tage; denn sie sahen einen großen Mann vorbeiziehen, der ein langes Schwert mit schwarzer Klinge trug. Sie wussten nicht, dass er Túrin Turambar, das Schwarze Schwert, war, der nach der Plünderung Nargothronds, von der sie nichts gehört hatten, nach Norden floh. »Auf diese Weise kreuzten sich für einen Augenblick und niemals wieder die Wege der Blutsverwandten Túrin und Tuor.« (Húrin, der Vater Túrins, war der Bruder von Huor, dem Vater Tuors.)

Wir kommen nun zum letzten Schritt in der »Entwicklung der Geschichte« (denn die Letzte Fassung reicht nicht weiter): dem ersten Blick auf Gondolin, über den versteckten und bewachten Zugang zur Ebene von Tumladen – ein berühmtes »Tor« in der Geschichte von Mittelerde. In der Geschichte (S. 58) kamen Tuor und Voronwe an einen Ort, wo der Fluss (Sirion) »durch ein sehr steiniges Bett« strömte. Das war die Furt von Brithiach, noch nicht so benannt; sie war »von einem dichten Verhau von Erlen verhüllt«, aber die Ufer waren sehr steil. Dort in der »grünen Mauer« fand Voronwe »eine Öffnung mit abfallenden Wänden wie eine große Tür, und diese war von dichtem Buschwerk und rankendem Unterholz verdeckt«.

Durch diese Öffnung gelangten sie in einen dunklen, gewundenen Gang. Darin ertasteten sie ihren Weg, bis sie ein fernes Licht sahen, und so »stießen sie auf eine Tür, jener gleich, durch die sie eingetreten waren«. Hier wurden sie von bewaffneten Wachen umringt und fanden sich im Sonnenlicht zu Füßen steiler Hügel wieder, die im Kreis eine weite Ebene umgaben, und darin erhob sich auf dem Gipfel eines großen, allein stehenden Hügels eine Stadt.

In der Skizze gibt es natürlich keine Beschreibung des Eingangs; aber in der Quenta Noldorinwa (S. 149 f.) heißt es über den Fluchtweg: In dem Gebiet, wo die Umzingelnden Berge am niedrigsten waren, gruben die Elben von Gondolin »einen großen gewundenen Tunnel unter den Wurzeln der Berge, und sein Ausgang war in der steilen Wand einer Schlucht, baumbestanden und dunkel, durch die der segensreiche Strom [Sirion] lief«. Es wird in der Quenta gesagt (S. 156), dass Tuor und Bronwe (Voronwe), nachdem sie an den versteckten Zugang kamen, den Tunnel hindurchgingen und das »innere Tor« erreichten, wo sie gefangen genommen wurden. Die beiden »Tore« und der Tunnel waren also bereits vorhanden, als mein Vater 1930 die Quenta Noldorinwa schrieb, und auf diese Konzeption gründete er die endgültige Fassung von 1951. Hier endet die Ähnlichkeit.

Aber es wird sich zeigen, dass mein Vater in der Endfassung (LF, S. 210ff.) einen deutlichen Unterschied in der Topografie gemacht hat. Der Eingang befand sich nicht mehr am Ostufer des Sirion, sondern an einem Nebenfluss. Aber die Überquerung der Brithiach war dennoch gefährlich und wurde nur durch das Erscheinen der Adler ermöglicht.

Auf der anderen Seite der Furt kamen sie an eine tief eingeschnittene Rinne, die früher ein Flussbett gewesen sein musste und in der jetzt kein Wasser mehr floss. Doch vor Zeiten, so schien es, hatte sich ein Sturzbach, aus dem Norden von den Echoriath kommend, ein tiefes Bett gegraben und von dort die Steine der Brithiach in den Sirion gespült.

»Endlich!«, rief Voronwe. »Wir haben nicht vergeblich gehofft! Seht! Hier ist die Mündung des Trockenen Flusses: Dies ist die Straße, die wir einschlagen müssen.«



Aber die »Straße« war voller Steine und führte steil nach oben, und Tuor drückte Voronwe sein Befremden darüber aus, dass dieser elende Weg der Zugang zur Stadt Gondolin sein sollte.

Nach vielen Meilen und einer Nacht im Trockenen Fluss führte der Weg sie zu dem Wall der Umzingelnden Berge, und durch eine Öffnung gelangten sie in einen großen stillen Raum, in dem sie nichts sehen konnten. Der finstere Empfang von Tuor und Voronwe ist in den Schriften Mittelerdes kaum zu überbieten: das blendende Licht, das Voronwe in der großen Dunkelheit entgegenscheint, die kalte, bedrohliche, fragende Stimme. Als die Befragung vorbei war, wurden sie zu einem anderen Eingang oder Ausgang geführt.

In der Quenta Noldorinwa (S. 156) traten Tuor und Voronwe aus dem Tunnel, wo sie am inneren Tor von der Wache in Empfang genommen wurden, und sahen Gondolin »von ferne leuchtend, erhellt vom Rosenglanz der Morgenröte auf der Ebene«. So lässt sich die damalige Konzeption leicht beschreiben: die weite Ebene Tumladen, die ganz von Bergen, den Echoriath, umgeben ist, und ein Tunnel aus der Außenwelt, der durch sie hindurchführt. Aber in der Letzten Fassung, als sie den Ort ihrer Befragung verließen, fand Tuor heraus, dass sie »sich am Ende einer Schlucht befanden. Obwohl er lange in den wilden Bergen des Nordens umhergewandert war, hatte er niemals zuvor etwas gesehen oder sich ausmalen können, was dieser Schlucht gleichkam.« In dieser Schlucht, die den Namen Orfalch Echor trägt, führt ein steiler Weg durch eine Folge mächtiger Tore hinauf, die alle prachtvoll geschmückt waren, bis am siebten, dem Großen Tor, die Spitze der Kluft erreicht wurde. Erst dann sah Tuor »das Zauberbild des schneeumgebenen Gondolin«; und dort sagte Ecthelion von Tuor, dass es gewiss sei, dass »er von Ulmo selbst gesandt ist« – die Worte, mit denen der letzte Text von Der Fall von Gondolin endet.





Der Schluss




Ich erwähnte (S. 24), dass auf den ursprünglichen Titel der Erzählung, Tuor und die Verbannten von Gondolin, die Worte folgen »welches die große Geschichte von Earendel einleitet«. Die letzte der Verschollenen Geschichten, im Anschluss an Der Fall von Gondolin, war Das Nauglafring (womit das Halsband der Zwerge gemeint ist), deren Ende ich in Beren und Lúthien (S. 254) zitierte:

Und so liefen denn alle Schicksalsfäden der Elben damals zu einem einzigen Strang zusammen, und darin ist eingewoben die große Geschichte von Earendel; und zum wahren Anfang dieser Geschichte sind wir nunmehr gekommen.



Man kann annehmen, dass der »wahre Anfang« der Geschichte von Earendel den Worten folgen sollte, mit denen Der Fall von Gondolin endete (S. 127):

Doch nun wohnten die Verbannten aus Gondolin an der Mündung des Sirion an den Wellen des Großen Meeres …, und unter den Lothlim wächst Earendel im Hause seines Vaters stattlich heran, und die große Geschichte von Tuor ist nun zu Ende erzählt.



Aber die Verschollene Geschichte von Earendel wurde nie geschrieben. Es gibt viele Notizen und Entwürfe aus der Anfangszeit und einige sehr frühe Gedichte, aber es gibt nichts, was der Geschichte vom Fall von Gondolin im Entferntesten entspricht. Diese oft widersprüchlichen Entwürfe in ihren Ausschnitten darzustellen und zu diskutieren, würde dem Zweck dieser beiden Bücher – Beren und Lúthien und Der Fall von Gondolin – zuwiderlaufen: der vergleichenden Historie der Erzählstränge in ihrer Entwicklung. Andererseits ist die Geschichte der Zerstörung von Gondolin in der ursprünglichen Fassung im Buch der Verschollenen Geschichten sehr ausführlich erzählt; die Geschichte der Überlebenden ist eine wesentliche Fortsetzung in der Geschichte der Ältesten Tage. Ich will daher zum Abschluss auf die beiden frühen Erzählungen zurückkommen, in denen die Geschichte vom Ende der Ältesten Tage erzählt wird: die Skizze der Mythologie und die Quenta Noldorinwa. (Wie ich an anderer Stelle bemerkt habe, »mag es wohl seltsam erscheinen, dass die Quenta von 1930 [nach der Skizze] der einzige Text des ›Silmarillion‹ war, den mein Vater je vollendet hat.«)

Es folgt daher zunächst der Schluss der Skizze von 1926.





Der Schluss der Skizze der Mythologie




An der Mündung des Sirion wohnte Elwing, die Tochter Diors, und nahm die Überlebenden von Gondolin in Empfang. Diese werden zu einem Seefahrervolk, bauen viele Schiffe und leben weit draußen im Delta, wohin die Orks nicht zu kommen wagen.

Ylmir [Ulmo] tadelt die Valar und bittet sie, die Überlebenden der Noldoli und die Silmaril zu retten, in denen allein jetzt das Licht der alten Tage der Glückseligkeit lebt, als die Bäume leuchteten. Die Söhne der Valar, angeführt von Fionwe, Tulkas’ Sohn, führen ein Heer, in dem alle Quendi marschieren, aber in Erinnerung an Schwanenhafen gehen nur wenige der Teleri mit ihnen. Kôr ist verlassen.

Tuor, alt geworden, kann dem Ruf des Meeres nicht widerstehen, und er baut Earáme und segelt mit Idril gen Westen, und von ihm hört man nichts mehr. Earendel heiratet Elwing. Der Ruf des Meeres ist auch in ihm erwacht. Er baut Wingelot und möchte damit auf die Suche nach seinem Vater gehen. Hier folgen die wunderbaren Abenteuer von Wingelot auf dem Meer und den Inseln und wie Earendel Ungoliant im Süden erschlug. Er kehrte nach Hause zurück und fand die Wasser von Sirion verlassen. Die Söhne Feanors, die erfahren hatten, wo Elwing und das Nauglafring (in das der Silmaril Berens eingesetzt worden war) sich befanden, hatten das Volk von Gondolin überfallen. In einer Schlacht wurden alle Söhne Feanors außer Maidros und Maglor getötet, aber der Rest des Volkes von Gondolin wurde vernichtet oder gezwungen, sich Maidros’ Volk anzuschließen. Maglor saß voll Reue am Meer und sang. Elwing warf das Nauglafring ins Meer und sprang ihm nach, wurde aber von Ylmir in einen weißen Seevogel verwandelt und flog auf die Suche nach Earendel und suchte alle Ufer der Welt nach ihm ab.

Ihr Sohn Elrond, teils sterblich, teils elbisch, ein Kind, wurde jedoch von Maidros gerettet. Als die Elben später in den Westen zurückkehren, entscheidet er sich, gebunden an seine sterbliche Hälfte, auf der Erde zu bleiben.

Earendel erfährt dies von Bronweg, der in einer einsamen Hütte an der Mündung des Sirion wohnte, und wird von Trauer überwältigt. Mit Bronweg setzt er in Wingelot erneut Segel auf der Suche nach Elwing und Valinor.

Er kommt zu den magischen Inseln, zur Einsamen Insel und schließlich zur Feenbucht. Er steigt den Hügel von Kôr hinauf und betritt die verlassenen Straßen von Tûn, und seine Kleidung wird mit dem Staub von Diamanten und Juwelen verkrustet. Er wagt es nicht, weiter nach Valinor hineinzugehen. Er baut einen Turm auf einer Insel in den nördlichen Meeren, auf dem alle Seevögel der Welt rasten. Er segelt mit Hilfe ihrer Flügel sogar über die Lüfte auf der Suche nach Elwing, wird aber von der Sonne verbrannt und vom Mond vom Himmel gejagt und wandert lange Zeit als flüchtiger Stern durch den Himmel.

Vom Marsch Fionwes in den Norden wird dann erzählt, und von der Schrecklichen oder Letzten Schlacht. Die Balrogs werden alle vernichtet, und die Orks werden vernichtet oder zerstreut. Morgoth selbst macht einen letzten Ausfall mit all seinen Drachen; aber sie werden alle bis auf zwei, die entkommen, durch die Söhne der Valar vernichtet, und Morgoth wird gestürzt und mit der Kette Angainor gebunden, und aus seiner eisernen Krone wird ihm ein Halseisen geschmiedet. Die beiden Silmaril werden gerettet. Die nördlichen und westlichen Teile der Welt werden im Kampf zerrissen und zerbrochen und die Gestalt ihrer Länder verändert.

Die Götter und Elben befreien die Menschen von Hithlum und marschieren durch das Land, um die Überreste der Gnomen und Ilkorins zu sich zu holen. Alle schließen sich ihnen an außer Maidros’ Leuten. Maidros will seinen Eid erfüllen, obwohl er deswegen nun endlich von Kummer niedergedrückt wird. Er schickt zu Fionwe, um ihn an den Eid zu erinnern und um die Silmaril zu bitten. Fionwe antwortet, dass er sein Recht auf die Steine wegen der bösen Taten Feanors und der Ermordung von Dior und der Plünderung von Sirion verwirkt habe. Er müsse sich unterwerfen und nach Valinor zurückkehren; nur in Valinor und nach dem Urteil der Götter werde man sie übergeben.

…

Auf dem letzten Marsch sagt Maglor zu Maidros, dass es noch zwei Söhne Feanors und zwei Silmaril gebe; einer davon gehöre ihm. Er stiehlt ihn und flieht, aber der Stein versengt ihn, sodass er weiß, dass er kein Recht mehr auf ihn hat. Er wandert in Schmerzen über die Erde und wirft ihn in einen feurigen Schlund. Ein Silmaril ist jetzt im Meer und einer in der Erde. Maglor singt jetzt allzeit voll Kummer am Meer.

Das Gericht der Götter findet statt. Die Erde soll den Menschen gehören, und die Elben, die nicht zur Einsamen Insel oder nach Valinor segeln, werden langsam verblassen und vergehen. Eine Weile noch werden die letzten Drachen und Orks die Erde plagen, aber am Ende werden alle durch den Mut der Menschen zugrunde gehen.

Morgoth wird durch das Tor der Nacht in die äußere Dunkelheit jenseits der Mauern der Welt gestoßen, und eine Wache wird für immer vor dieses Tor gestellt. Die Lügen, die er in die Herzen von Menschen und Elben gesät hat, sterben nicht und können auch von den Göttern nicht alle erstickt werden, sondern leben weiter und bringen bis auf den heutigen Tag viel Böses hervor. Einige sagen auch, dass Morgoth oder sein schwarzer Schatten und Geist heimlich den Valar zum Trotz über die Mauern der Welt im Norden und Osten zurückkriecht und die Welt besucht, andere, dass dies sein großer Hauptmann ist, der der letzten Schlacht entkam und noch an dunklen Orten wohnt und die Menschen zu seinem schrecklichen Dienst verleitet. Wenn die Welt viel älter und die Götter müde sind, wird Morgoth durch das Tor zurückkehren, und dann wird die letzte Schlacht von allen geschlagen werden. Fionwe wird Morgoth auf der Ebene von Valinor bekämpfen, und der Geist Túrins wird neben ihm stehen; Túrin wird es sein, der mit seinem schwarzen Schwert Morgoth töten wird, und so werden die Kinder Húrins gerächt werden.

In jenen Tagen werden die Silmaril aus Meer, Erde und Luft geborgen werden, und Maidros wird sie zerbrechen und Palúrien wird mit ihrem Feuer die Bäume wieder entzünden, und das große Licht wird wieder erstrahlen, und die Berge von Valinor werden abgetragen werden, sodass es über die Welt hinausgeht, und Götter und Elben werden wieder jung und all ihre Toten erwachen. Aber was mit den Menschen an jenem Tag sein wird, davon spricht die Prophezeiung nicht.

Und so kam der letzte Silmaril in die Luft. Die Götter sprachen den letzten Silmaril Earendel zu – »bis viele Dinge sich begeben werden« –, wegen der Taten der Söhne Feanors. Maidros wird zu Earendel geschickt, und mit Hilfe des Silmaril wird Elwing gefunden und geheilt. Earendels Boot wird über Valinor zum Außenmeer gezogen, und Earendel stößt damit in die äußere Dunkelheit hoch über Sonne und Mond vor. Dort segelt er mit dem Silmaril auf seiner Stirn als der hellste aller Sterne, mit Elwing an seiner Seite, und wacht über Morgoth und das Tor der Nacht. So wird er segeln, bis er die letzte Schlacht auf den Ebenen von Valinor sieht. Dann wird er herabsteigen.

Und dies ist das letzte Ende der Geschichten der Tage vor den Tagen in den nördlichen Regionen der westlichen Welt.

Es würde an dieser Stelle zu weit führen, in eine allgemeine Diskussion über diesen komplexesten und obskursten Teil dieser Geschichte des »Ersten Zeitalters« einzutreten: ihr Ende. Ich will nur einige Aspekte der Erzählung in der hier gegebenen Skizze der Mythologie erwähnen. Was an Wenigem aus der frühesten Zeit des Schaffens meines Vaters übrig geblieben ist, wurde weitgehend aufgegeben, und die Darstellung in der Skizze ist im Grunde genommen das erste Zeugnis völlig neuer Merkmale, darunter die Herausbildung des Motivs, dass das Schicksal der Silmaril ein zentrales Element in der Geschichte des letzten Krieges darstellt. Das beweist eine Frage, die sich mein Vater in einer sehr frühen, einzelnen Notiz stellte: »Was wurde aus den Silmaril nach Melkos Gefangennahme?« (Tatsächlich könnte man sagen, dass die Existenz der Silmaril in der ursprünglichen Konzeption der Mythologie weit weniger grundlegend war, als sie es werden sollte.)

In der Darstellung in der Skizze sagt Maglor zu Maidros (S. 271), »dass es noch zwei Söhne Feanors und zwei Silmaril gebe; einer davon gehöre ihm«. Der dritte ist verloren, weil es in der Skizze (S. 269) heißt: »Elwing warf das Nauglafring ins Meer und sprang ihm nach, wurde aber von Ylmir in einen weißen Seevogel verwandelt.« Das war der Silmaril von Beren und Lúthien. Als Maglor den Silmaril aus der Eisernen Krone, den er aus der Obhut Fionwes gestohlen hatte, in einen feurigen Schlund geworfen hat, heißt es: »Ein Silmaril ist jetzt im Meer und einer in der Erde.« (S. 271 f.). Der dritte war der andere aus der Eisernen Krone; und dieser war es, den die Götter Earendel zuerkannten, der ihn auf seiner Stirn trug, »in die äußere Dunkelheit hoch über Sonne und Mond«.

Dass der Silmaril, den Earendel trug und dadurch zum Morgen- und Abendstern wurde, derjenige war, den Beren und Lúthien in Angband von Morgoth erlangt hatten, galt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, obwohl dies im Nachhinein ein wesentlicheres Element des Mythos zu sein scheint.

Es ist auch sehr auffällig, dass Earendel der Halb-Elb noch nicht die Stimme ist, die vor den Valar für Menschen und Elben eintritt.





Der Schluss der Quenta Noldorinwa




Ich nehme in diesem zweiten Auszug aus der Quenta die Erzählung an dem Punkt auf, an dem das erste Zitat endete (S. 162), wo gesagt wurde, dass die Elben, die die Zerstörung von Doriath und Gondolin überlebten, ein kleines Volk von Schiffbauern an der Mündung des Sirion wurden, »sich immer nahe an den Küsten haltend, wo Ulmos Hand sie beschirmte«. Ich gebe nun die Quenta bis zu ihrem Ende wieder und folge wie bisher (siehe S. 147) dem umgeschriebenen Text (Q II).



In Valinor sprach Ulmo zu den Valar über die Not der Elben, und er rief sie auf, ihnen zu vergeben und Hilfe zu senden und sie vor der überwältigenden Macht Morgoths zu retten und die Silmaril zurückzugewinnen, in denen nun allein das Licht der Tage der Glückseligkeit blühte, als die Zwei Bäume noch leuchteten. So heißt es jedenfalls unter den Gnomen, die hernach Kunde von vielen Dingen von ihren Verwandten, den Quendi, den von Manwe geliebten Lichtelben, erhielten, die stets etwas von den Gedanken des Herrn der Götter kannten. Aber noch rührte Manwe sich nicht, und wer wollte die Ratschlüsse seines Herzens ergründen? Die Quendi haben gesagt, dass die Stunde noch nicht gekommen sei und dass nur einer, der persönlich für die Sache der Elben und Menschen spreche und um Verzeihung für ihre Missetaten und Mitleid mit ihren Leiden bitte, die Ratschlüsse der Mächte bewegen könne. Und den Eid Feanors konnte vielleicht auch Manwe nicht aufheben, bis er sein Ende fand und die Söhne Feanors ihren unbedingten Anspruch auf die Silmaril aufgaben. Denn das Licht, das die Silmaril erleuchtete, hatten die Götter geschaffen.

In jenen Tagen fühlte Tuor, wie ihn das Alter beschlich, und immer stärker wurde in seinem Herzen die Sehnsucht nach den Tiefen des Meeres. Deshalb baute er ein großes Schiff, Earáme, Adlerschwinge, und mit Idril fuhr er in den Sonnenuntergang nach Westen hinaus und verschwand aus den Liedern und Erzählungen. [Spätere Hinzufügung: Aber Tuor allein unter den sterblichen Menschen wurde zum älteren Geschlecht gezählt und mit den Noldoli vereinigt, die er liebte, und in späteren Zeiten weilte er immer noch, oder so wird es berichtet, allzeit auf seinem Schiff, das die Meere der Elbenländer bereiste oder eine Weile in den Häfen der Gnomen von Tol Eressea lag, und sein Schicksal ist vom Schicksal der Menschen geschieden.] Earendel der Strahlende war damals Fürst des Volkes vom Sirion, und er nahm die schöne Elwing zur Frau, und sie gebar ihm Elrond, den Halbelben [> Elrond und Elros, welche die Halbelben genannt werden]. Doch fand Earendel keine Ruhe, und seine Fahrten an den Küsten der Hinnenlande [Mittelerde] linderten nicht seine Unrast. Zwei Pläne reiften in seinem Herzen, verschmolzen beide in der Sehnsucht nach dem weiten Meer: Tuor und Idril Celebrindal zu suchen, die nicht zurückkehrten, und vielleicht die fernste Küste zu finden und vor seinem Tode noch den Valar die Botschaft der Elben und Menschen zu überbringen, welche die Herzen von Valinor und der Elben von Tûn zum Mitleid mit der Welt und dem Leid der Menschheit bewegen mochte.

Wingelot baute er, das schönste aller Schiffe in den alten Liedern, die Schaumblüte; weiß war das Holz seiner Planken wie der silberne Mond, golden waren seine Ruder, silbern seine Segel, und seine Masten gekrönt mit Juwelen wie Sterne. Im Lied von Earendel wird so manches von seinen Abenteuern auf hoher See und in nie betretenen Landen und auf vielen Meeren und vielen Inseln besungen. Elwing aber saß in Sorge zu Hause.

Earendel fand weder Tuor noch Idril, noch kam er auf seiner Fahrt je zu den Küsten von Valinor, denn Schatten und Zauberwerk wiesen ihn ab, und die Winde trieben ihn zurück, bis er aus Sehnsucht nach Elwing umkehrte und heimwärts gen Osten steuerte. Und sein Herz gebot ihm Eile, denn eine plötzliche Furcht hatte ihn aus seinen Träumen heraus befallen, und die Winde, gegen die er eben noch mächtig angekämpft hatte, konnten ihn nun nicht schnell genug zurücktreiben.

Die Häfen am Sirion hatte neues Leid befallen. Die dortige Wohnstatt von Elwing, wo sie noch das Nauglamír und den glorreichen Silmaril besaß, wurde den übrigen Söhnen von Feanor, Maidros, Maglor, Damrod und Diriel, bekannt; und sie kamen von ihren Jagden und Wanderungen zusammen und sandten Botschaften der Freundschaft und zugleich der strengen Forderung zum Sirion. Elwing und das Volk vom Sirion aber wollten den Stein nicht hergeben, den Beren gewonnen und Lúthien getragen hatte und für den Dior der Schöne gefallen war; umso weniger, als Earendil, ihr Fürst, auf See war; denn es schien ihnen, als rührten von jenem Juwel die Heilung und der Segen über ihren Häusern und Schiffen her.

Und so kam es am Ende zu dem letzten und grausamsten Morden zwischen Elben und Elben; und es war dies die dritte der großen Untaten, welche der verfluchte Eid wirkte. Denn Feanors Söhne griffen die Flüchtlinge aus Gondolin und die Überlebenden von Doriath überraschend an und vernichteten sie. Auch wenn manche ihrer Leute beiseite standen und einige wenige meuterten und auf der Gegenseite fielen, als sie Elwing gegen ihre eigenen Fürsten zu Hilfe kamen (denn so groß waren in jenen Tagen das Leid und die Verwirrung in den Herzen des Elbentums), trugen doch Maedhros und Maglor den Sieg davon. Nur sie allein verblieben nun von Feanors Söhnen, denn Damrod und Díriel wurden erschlagen; aber das Volk vom Sirion wurde vernichtet oder floh oder schloss sich aus Not dem Volk von Maidros an, der nun die Herrschaft über alle Elben der Hinnenlande für sich beanspruchte. Und doch erlangte Maidros den Silmaril nicht, denn als Elwing sah, dass alles verloren und ihr Kind Elrond gefangen genommen war, stürzte sie sich mit dem Nauglamír auf der Brust ins Meer und starb, wie man glaubte.

Aber Ulmo rettete Elwing und gab ihr die Gestalt eines großen weißen Vogels; und auf ihrer Brust schien wie ein Stern der Silmaril, als sie übers Wasser flog, um Earendel, ihren Geliebten, zu suchen. Eines Nachts, als Earendel am Steuer seines Schiffes stand, sah er sie auf sich zu kommen wie eine weiße Wolke, über die Maßen schnell vor dem Mond heraufziehend, wie ein Stern in seltsamer Bahn über der See, eine helle Flamme auf Sturmesflügeln. Und es heißt im Liede, aus der Luft sei sie auf die Planken von Wingelot herabgestürzt, ohnmächtig und dem Tode nahe, in solcher Eile war sie geflogen, und Earendel barg sie an seiner Brust; am Morgen aber erkannte er staunend sein Weib neben sich, in vertrauter Gestalt, mit den Haaren über seinem Gesicht, und sie schlief.

Aber groß war Earendels und Elwings Schmerz um die Vernichtung der Häfen am Sirion und die Gefangenschaft ihres Sohnes, denn sie fürchteten, er sei getötet worden; doch so war es nicht. Denn Maglor erbarmte sich Elronds und hielt ihn in Ehren; und Zuneigung wuchs hernach zwischen ihnen, so wenig man es glauben mag; Maglors Herz aber war wund und müd von der Bürde des entsetzlichen Eides.

[Dieser Abschnitt wurde wie folgt umgeschrieben:

Aber groß war Earendels und Elwings Schmerz um die Vernichtung der Häfen am Sirion und die Gefangenschaft ihrer Söhne, denn sie fürchteten, sie seien getötet worden; doch so war es nicht. Denn Maglor erbarmte sich Elros’ und Elronds und hielt sie in Ehren; und Zuneigung wuchs hernach zwischen ihnen, so wenig man es glauben mag; Maglors Herz aber war wund und müd, etc.]



Earendel aber sah nun keine Hilfe mehr in den Landen des Sirion, und verzweifelt kehrte er von neuem um und kam nicht heim, sondern versuchte abermals, Valinor zu finden, Elwing an seiner Seite. Er stand nun oft am Bug von Vingilot, und den Silmaril band er an seine Stirn, und sein Licht wurde immer heller, je weiter sie nach Westen kamen. Und vielleicht war zum Teil der Kraft jenes heiligen Steines zu verdanken, dass sie mit der Zeit in Gewässer kamen, die noch kein Schiff außer denen der Teleri je befahren hatte; und sie kamen zu den Verwunschenen Inseln und entgingen ihrer Magie, und sie kamen ins Schattenmeer und durchquerten die Schatten, und sie sahen Tol Eressea, die Einsame Insel, und sie verweilten dort nicht; und zuletzt warfen sie Anker in der Feenbucht [> Bucht von Elbenheim] an den Grenzen der Welt. Und die Teleri sahen das Schiff aus dem Osten kommen und starrten verwundert von fern in das Licht des Silmaril, und es war sehr hell.

Aber Earendel betrat allein von allen lebenden Menschen die Küste der Unsterblichen; und weder Elwing und noch sonst einem von seiner kleinen Mannschaft gestattete er mitzugehen, damit nicht der Zorn der Götter auf sie falle, und er kam zur Zeit eines Festes an, wie vorzeiten Morgoth und Ungoliant, und nur wenige hielten auf dem Hügel von Tûn Wache, denn die meisten der Quendi hatten sich in den Hallen Manwes auf dem Gipfel des Timbrenting versammelt.

Die Wächter ritten daher eilends nach Valmar oder versteckten sich in den Hügelpässen; und alle Glocken Valmars läuteten. Earendel aber stieg den grünen Hügel von Kôr hinauf und fand ihn kahl, und er trat in die Straßen von Tûn, und sie waren leer; und sein Herz sank. Er ging in den verlassenen Straßen von Tûn umher, und der Staub auf seinen Kleidern und Schuhen war Staub von Diamanten, doch niemand hörte sein Rufen. Daher wandte er sich zuletzt zum Meere zurück und wollte erneut sein Schiff besteigen; doch einer kam zum Strande und rief ihn mit lauter Stimme an:

»Gegrüßt seist du, Earendel, strahlendster Stern, schönster Bote! Gegrüßt seist du, Träger des Lichts, das älter ist als Sonne und Mond, Erwarteter, der unversehens kommt, Ersehnter jenseits allen Hoffens! Gegrüßt seist du, Glanz der Erdenkinder, Bezwinger der Dunkelheit. Stern des Sonnenuntergangs, sei gegrüßt! Sei gegrüßt, Herold des Morgens!«

Und das war Fionwe, Manwes Sohn, und er rief Earendel auf, vor die Götter zu treten; und Earendel betrat Valinor und die Hallen von Valmar und kam nie wieder zurück in die Lande der Menschen. Earendel aber verkündete die Botschaft der Zwei Geschlechter vor dem Angesicht der Götter und bat um Vergebung für die Gnomen und um Erbarmen mit den verbannten Elben und den unglücklichen Menschen und um Hilfe in ihrer Not.

Dann rüsteten sich die Söhne der Valar zur Schlacht, und der Anführer ihres Heeres war Fionwe, Manwes Sohn. Unter seinem weißen Banner zog auch das Heer der Quendi einher, die Lichtelben, Ingwes Volk, und mit ihnen diejenigen der Gnomen von einst, die Valinor nie verlassen hatten; aber des Schwanenhafens eingedenk zogen die Teleri nicht mit in den Krieg bis auf sehr wenige, und diese bemannten die Schiffe, auf denen der Großteil des Heeres in die nördlichen Lande kam, aber sie selbst wollten keinen Fuß auf die Hinnenlande setzen.

+Earendel geleitete sie, aber die Götter wollten ihn nicht wieder zurückkehren lassen, und er baute sich einen weißen Turm an den Grenzen der äußeren Welt in den nördlichen Regionen der Scheidemeere; und dort rasteten zuweilen alle Seevögel der Erde. Und oft nahm Elwing die Form und Gestalt eines Vogels an; und sie schuf Flügel für das Schiff Earendels, und es stieg damit sogar in die Ozeane der Luft auf. Herrlich und wundersam war jenes Schiff, eine sternerhellte Blüte am Himmel, es trug ein flammendes und heiliges Licht; und das Volk der Erde sah es von fern und staunte und sah aus der Verzweiflung empor und sagte, da ist gewiss ein Silmaril am Himmel, ein neuer Stern ist im Westen aufgegangen. Maidros sprach zu Maglor:

[Dieser Abschnitt wurde ab dem Kreuz wie folgt umgeschrieben:

In jenen Tagen wurde das Schiff Earendels von den Göttern über den Rand der Welt hinausgezogen, und es wurde sogar in die Ozeane der Luft gehoben. Herrlich und wundersam war dieses Schiff … [etc., wie oben] … ein neuer Stern ist im Westen aufgegangen. Doch Elwing trauerte um Earendel und fand ihn nie wieder, und sie bleiben getrennt, bis die Welt endet. Deshalb baute sie einen weißen Turm an den Grenzen der äußeren Welt in den nördlichen Regionen der Scheidemeere; und dort rasteten zuweilen alle Seevögel der Erde. Und Elwing schuf sich Flügel und wollte zu Earendels Schiff fliegen. Aber [unleserlich: ?sie fiel zurück ………]. Aber als dessen Flamme in der Höhe erschien, sprach Maidros zu Maglor:]



»Wenn es wahrhaftig der Silmaril ist, der durch die Kraft der Valar wieder aus dem Meer aufsteigt, in das wir ihn fallen sahen, dann lass uns froh sein; denn viele sehen nun seinen Glanz.« Da stieg Hoffnung auf, dass die Dinge sich zum Besseren wenden würden; aber Morgoth war in Sorgen.

Doch heißt es, den Angriff, der aus Westen über ihn hereinbrach, habe Morgoth nicht erwartet. So groß war sein Stolz geworden, dass er glaubte, keiner werde ihn je wieder offen mit Krieg überziehen. Auch dachte er, die Gnomen habe er auf ewig mit den Göttern und ihren Verwandten entzweit, und die Valar, zufrieden in ihrem glückseligen Land, würden sich um sein Königreich in der Welt draußen nicht kümmern. Denn das Herz, das ohne Mitleid ist, weiß nicht um die Macht des Mitleids, aus der strenger Zorn geschmiedet und ein Blitz entfacht werden kann, durch den Berge stürzen.

Wenig wird in allen Erzählungen davon gesagt, wie das Heer Fionwes in den Norden von Mittelerde zog. Denn in seinen Heerscharen war keiner von den Elben dabei, die in den Hinnenlanden gelebt und gelitten hatten und von denen diese Geschichten aufgeschrieben wurden. Sie erfuhren von all dem erst viel später von ihren Brüdern, den Lichtelben von Valinor. Aber Fionwe kam, und der Kampfruf seiner Trompeten erfüllte den Himmel, und er rief alle Menschen und Elben von Hithlum nach Osten zu den Waffen, und Beleriand erglühte im Glanz seiner Rüstung, und die Berge widerhallten.

Das Treffen der Heere des Westens und des Nordens wird die Große Schlacht, die Schreckliche Schlacht oder die Schlacht des Zorns und Donners genannt. Die ganze Streitmacht des Throns des Hasses wurde ins Feld geführt, und sie war nahezu unermesslich groß an Zahl geworden, sodass in Dor-na-Fauglith nicht genug Platz für sie war; und der ganze Norden stand in Kriegesflammen. Doch es half ihm nichts. All seine Balrogs wurden vernichtet, bis auf einige wenige, die entflohen und sich in unzugänglichen Höhlen an den Wurzeln der Erde verbargen; und die ungezählten Legionen der Orks vergingen wie Stroh im großen Brande oder wurden davongewirbelt wie trocknes Laub vor einem feurigen Wind. Nicht viele blieben übrig, und die Welt hatte vor ihnen Ruhe. Und es heißt, dass viele Menschen von Hithlum, die ihre üble Knechtschaft bereuten, tapfere Taten vollbrachten, und außerdem viele der Menschen, die neu aus dem Osten gekommen waren. Und so wurden die Worte Ulmos zum Teil erfüllt; denn durch Earendel, Tuors Sohn, wurde den Elben Hilfe zuteil, und durch die Schwerter der Menschen wurden sie auf den Schlachtfeldern gestärkt. [Spätere Hinzufügung: Aber die meisten Menschen, und besonders jene, die neu aus dem Osten gekommen waren, standen auf der Seite des Feindes.] Aber Morgoth zitterte und kam nicht hervor, und er ließ den letzten Ansturm auf seine Feinde los, und das waren die geflügelten Drachen [Spätere Hinzufügung: denn noch hatte niemand diese Geschöpfe seines grausamen Sinnes sich in die Lüfte schwingen sehen]. So überraschend und so schnell und vernichtend war der Angriff dieser Flotte, wie ein Sturm von hundert mit Stahl geflügelten Donnern, dass das Heer der Valar zurückgeschlagen wurde. Doch Earendel zog herauf, und um ihn hatten sich eine Vielzahl von Vögeln geschart, und die Schlacht dauerte eine ganze Nacht der Ungewissheit hindurch. Und Earendel erschlug Ancalagon den Schwarzen, den Gewaltigsten der Drachenhorde, und stieß ihn vom Himmel herab; und in seinem Sturz wurden die Türme von Thangorodrim zerschmettert. Dann ging die Sonne des zweiten Tages auf, und die Söhne der Valar errangen den Sieg, und alle Drachen wurden vernichtet bis auf zwei, die in den Osten flohen. Und alle Höhlen Morgoths wurden zertrümmert und aufgedeckt, und die Streitmacht Fionwes stieg in die Tiefen der Erde hinab, und dort wurde Morgoth niedergeworfen.

[Die Worte »und dort wurde Morgoth niedergeworfen« wurden verworfen und durch folgenden Abschnitt ersetzt:

und dort endlich musste Morgoth sich stellen, doch ohne Mut. Er floh in den tiefsten seiner Stollen und bat um Gnade und Frieden; aber die Füße wurden ihm unterm Leib abgehauen, und mit dem Gesicht wurde er zu Boden geschleudert.]



Er wurde mit der Kette Angainor gebunden, die lange vorbereitet worden war, und aus der Eisenkrone wurde ihm ein Halseisen geschmiedet, und der Kopf wurde ihm auf die Knie gebogen. Fionwe aber nahm die beiden verbliebenen Silmaril und ließ sie bewachen.

So vergingen die Macht und das Leid Angbands im Norden, und seine vielen Sklaven kamen heraus, die ohne alle Hoffnung gewesen waren, das Tageslicht wiederzusehen. Und sie sahen eine völlig veränderte Welt; denn so heiß tobte die Schlacht dieser Feinde, dass die nördlichen Gegenden der westlichen Welt zerrissen wurden und das Meer durch viele Spalten hereinbrach. Und es herrschten Verwirrung und großer Lärm, und Flüsse versiegten oder suchten sich einen neuen Lauf, und Täler wurden gehoben und Berge niedergetreten, und der Sirion war nicht mehr. Dann flohen die Menschen, die nicht im Verderben jener Tage umkamen, und es dauerte lange, bis sie über die Berge dorthin zurückkehrten, wo Beleriand einst gewesen war, und dies erst, als die Geschichte dieser Kriege zu einem Echo verblasst war, das nur selten zu hören war.

Aber Fionwe zog durch die westlichen Lande und rief die Überlebenen der Gnomen und der Dunkelelben, die Valinor noch nicht geschaut hatten, auf, sich den befreiten Sklaven anzuschließen und fortzugehen. Maidros aber wollte nicht hören und schickte sich an, wenn auch mit müdem Widerstreben und Verzweiflung, selbst jetzt die Verpflichtung seines Eids zu erfüllen. Denn um die Silmaril, wenn man sie ihnen verweigerte, hätten Maidros und Maglor selbst gegen das siegreiche Heer von Valinor gekämpft, obgleich sie allein standen gegen alle Welt. Und so sandten sie Botschaft zu Fionwe, ihn auffordernd, nun jene Steine herauszugeben, die einst Morgoth von Feanor gestohlen hatte. Doch Fionwe sagte, das Recht auf das Werk ihrer Hände, welches die Feanor und seine Söhne vormals besessen, sei zunichte geworden durch die vielen bösen Taten, die sie, von ihrem Eid verblendet, begangen hätten, vor allem durch die Ermordung Diors und den Angriff auf Elwing. Das Licht der Silmaril solle nun zu den Göttern heimkehren, von wo es gekommen; und nach Valinor müssten Maedhros und Maglor kommen und sich dem Urteil der Götter unterwerfen, auf deren Geheiß allein Fionwe die Steine aus seiner Obhut hergeben werde.

Maglor wollte sich fügen, denn sein Herz war voller Leid, und er sprach: »Der Eid sagt nicht, dass wir nicht unsere Zeit abwarten dürften, und es mag sein, dass in Valinor alles vergeben und vergessen wird und wir in Frieden zu unserem Rechte kommen.« Maidros aber antwortete, wenn sie denn zurückgekehrt wären und ihnen die Gunst der Valar verweigert würde, so müsse ihr Eid immer noch erfüllt werden, mit noch geringerer Aussicht; und er sagte: »Wer kann wissen, welch furchtbares Schicksal wir erleiden, wenn wir uns den Mächten in ihrem eigenen Lande widersetzen oder jemals versuchen, wieder Krieg in ihr Bewachtes Reich zu tragen?« Und so kam es, dass Maidros und Maglor sich in Fionwes Lager schlichen und die Silmaril nahmen, und sie erschlugen die Wachen, und dort machten sie sich darauf gefasst, bis zum Tode zu kämpfen. Doch Fionwe hielt seine Leute zurück und ließ die Brüder gehen, und sie flohen fort.

Jeder nahm einen der Silmaril, denn sie sagten sich, dass einer für sie verloren sei und nur noch zwei übrig blieben und desgleichen zwei von den Brüdern. Doch der Stein versengte Maidros’ Hand in unerträglichem Schmerz (er hatte nur eine Hand, wie vorher gesagt wurde), und er erkannte, dass es so war, wie Fionwe gesagt hatte: dass sein Recht darauf nichtig geworden war und der Eid vergeblich. Und in Schmerz und Verzweiflung stürzte er sich in einen klaffenden Schlund voller Feuer, und so endete er; und sein Silmaril wurde in den Schoß der Erde genommen.

Und auch von Maglor wird erzählt, dass er den Schmerz, mit dem der Silmaril ihn peinigte, nicht ertragen konnte. Und zuletzt warf er den Stein ins Meer, und hernach wanderte er immer an den Küsten entlang, am Wasser singend vor Schmerz und Trauer. Denn Maglor war der größte unter den Sängern von einst, doch kam er nie wieder zum Volk des Elbentums.

Viele Schiffe wurden in jenen Tagen an den Ufern des Westmeeres gebaut, vor allem auf den großen Inseln, die bei der Zerschlagung der nördlichen Welt aus dem alten Beleriand gebildet wurden. Manch eine Flotte der Überlebenden der Gnomen und der westlichen Völker der Dunkelelben setzte von dort Segel gen Westen und kehrte nie mehr zurück in die Lande von Krieg und Kummer; aber die Lichtelben marschierten unter den Bannern ihres Königs zurück und folgten im Zug des Siegers Fionwe, und sie wurden im Triumph nach Valinor zurückgebracht. [Spätere Hinzufügung: Doch wenig Freude hatten sie bei ihrer Rückkehr, denn sie kamen ohne die Silmaril, und diese waren unwiederbringlich verloren, bis die Welt zerbricht und neu erschaffen wird.] Aber im Westen ließen die Gnomen und Dunkelelben sich großenteils auf der Einsamen Insel nieder, von wo man nach Westen wie nach Osten blickt; und sehr schön wurde dieses Land und neu gemacht. Aber einige kehrten sogar nach Valinor zurück, wie dies allen freistand, die es wollten; und den Gnomen wurde von neuem Manwes Liebe gewährt und die Vergebung der Valar; und die Teleri vergaßen ihren alten Groll, und der Fluch kam zur Ruhe.

Doch nicht alle wollten die Außenlande verlassen, wo sie lange gelebt und gelitten hatten. Einige verweilten so manches Zeitalter im Westen und Norden und vor allem auf den westlichen Inseln. Und unter diesen war Maglor, wie gesagt worden ist; und mit ihm Elrond, der Halbelb, der hernach wieder unter die sterblichen Menschen ging und von dem allein das Blut des Erstgeborenen und der göttliche Samen von Valinor unter die Menschheit gekommen sind (denn er war der Sohn von Elwing, der Tochter Diors, welcher der Sohn Lúthiens war, des Kindes von Thingol und Melian; und Earendil, ihr Vater, war der Sohn von Idril Celebrindal, der schönen Maid von Gondolin). Aber wie die Zeiten vergingen und das Elbenvolk auf der Erde verblasste, setzten sie oft im Abendlicht von unseren westlichen Ufern aus die Segel; so wie sie es immer noch tun, wo jetzt nur noch wenige von ihren einsamen Scharen hier verweilen.

Dies war das Urteil der Götter, als Fionwe und die Söhne der Valar nach Valmar zurückgekehrt waren. Danach sollten die Außenlande der Menschheit, den jüngeren Kindern der Welt, gehören. Aber für die Elben allein sollten die Tore des Westens allzeit offen stehen; und wenn sie nicht dorthin kommen wollten und in der Welt der Menschen verweilten, dann sollten sie langsam verblassen und vergehen. Dies ist die schmerzlichste Frucht der Lügen und Werke, die Morgoth vollbracht hat, dass die Eldalie von den Menschen getrennt und entfremdet werden sollten. Eine Zeitlang brüteten seine Orks und seine Drachen wieder an dunklen Orten und suchten die Welt mit Schrecken heim, und in manchen Gegenden tun sie es noch; aber bevor das Ende kommt, werden alle durch die Tapferkeit der sterblichen Menschen umkommen.

Morgoth aber stießen die Valar durch das Tor der Zeitlosen Nacht in die Leere jenseits der Mauern der Welt; und auf jenen Mauern steht eine ewige Wache, und an den Grenzen des Himmels wacht Earendil. Die Lügen aber, die Melko, Moeleg der Mächtige und Verfluchte, Morgoth Bauglir, die schreckliche Dunkle Macht, in die Herzen von Elben und Menschen gesät hat, sind nicht alle gestorben und können von den Göttern nicht vernichtet werden; und sie leben und bewirken viel Böses bis auf den heutigen Tag. Einige sagen auch, dass Morgoth heimlich als eine Wolke, die nicht gesehen oder gefühlt werden kann und doch giftig ist, über die Mauern kriecht und die Welt besucht; +aber andere sagen, dass dies der schwarze Schatten Thûs ist, den Morgoth gemacht hat, und der aus der Schrecklichen Schlacht entkam und an dunklen Orten wohnt und die Menschen zu schrecklicher Ergebenheit und üblem Dienst verleitet.

[Dieser Abschnitt wurde ab dem Kreuz wie folgt umgeschrieben:

aber andere sagen, dass dies der schwarze Schatten Saurons ist, der Morgoth diente und der größte und böseste seiner Untergebenen wurde; und Sauron entkam aus der Großen Schlacht und wohnte an dunklen Orten und verleitete Menschen zu schrecklicher Ergebenheit und üblem Dienst.]



Nach dem Triumph der Götter segelte Earendel noch in den Meeren des Himmels, aber die Sonne verbrannte ihn und der Mond jagte ihn am Himmel. Dann zogen die Valar sein weißes Schiff Wingelot über das Land von Valinor, und sie füllten es mit Licht und heiligten es und schoben es durch das Tor der Nacht. Und lange segelte Earendel hinaus in die sternenlose Weite, [getilgt: Elwing an seiner Seite, siehe die umgeschriebene Passage auf S. 282] den Silmaril auf seiner Stirn, und bereiste die Dunkelheit hinter der Welt, ein schimmernder und flüchtiger Stern. Und dann und wann kehrt er zurück und erstrahlt jenseits der Bahnen der Sonne und des Mondes über den Wällen der Götter, heller als alle anderen Sterne, der Seefahrer des Himmels, der an den Grenzen der Welt gegen Morgoth Wache hält. So wird er segeln, bis er sieht, wie auf der Ebene von Valinor die Letzte Schlacht geschlagen wird.

So sprach die Weissagung des Mandos, die er in Valmar beim Gericht der Götter verkündete, und das Gerücht darüber ging unter allen Elben des Westens um: Wenn die Welt alt ist und die Mächte müde werden, dann wird Morgoth durch das Tor aus der Zeitlosen Nacht zurückkehren; und er wird die Sonne und den Mond zerstören, aber Earendel wird wie eine weiße Flamme über ihn kommen und ihn aus der Luft vertreiben. Dann wird auf den Feldern von Valinor die letzte Schlacht stattfinden. An jenem Tag wird Tulkas mit Melko kämpfen, und zu seiner Rechten wird Fionwe und zu seiner Linken Túrin Turambar, Húrins Sohn, Bezwinger des Schicksals, stehen. Und es wird das schwarze Schwert Túrins sein, das Melko seinen Tod und sein endgültiges Ende beschert. So werden die Kinder Húrins und alle Menschen gerächt werden.

Danach werden die Silmaril aus dem Meer, der Erde und der Luft geborgen werden; denn Earendel wird herabsteigen und die Flamme, die er aufbewahrt hat, hergeben. Dann wird Feanor die Drei tragen und sie Yavanna Palúrien übergeben; und sie wird sie zerbrechen und mit ihrem Feuer die Zwei Bäume wieder entzünden, und ein großes Licht wird erstrahlen. Und die Berge von Valinor werden geebnet werden, damit das Licht sich über die ganze Welt ergießt. In diesem Licht werden die Götter wieder jung werden und die Elben erwachen und alle ihre Toten auferstehen, und Ilúvatars Plan für sie wird erfüllt.

Dies ist das Ende der Geschichten von den Tagen vor den Tagen in den nördlichen Regionen der westlichen Welt.

Meine Historie einer Historie endet also mit einer Prophezeiung, der Weissagung des Mandos. Ich möchte das Buch mit einer Wiederholung dessen beenden, was ich in meiner Ausgabe der Großen Geschichte der Kinder Húrins geschrieben habe. »Man sollte sich dabei im Klaren sein, dass zu jener Zeit die Quenta Noldorinwa (wenn auch in einer eher skeletthaften Struktur) das gesamte Ausmaß der ›imaginären Welt‹ meines Vaters wiedergab. Es war nicht die Geschichte des Ersten Zeitalters, denn es gab noch kein Zweites oder Drittes Zeitalter; es gab weder Númenor noch die Hobbits, geschweige denn den Ring.«





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ANHANG





Verzeichnis der Namen




Am Ende der hier folgenden Auflistung sind sieben zusätzliche Anmerkungen aufgeführt, in denen einige Namen und Begriffe näher erläutert werden. Namen, die auf der Karte von Beleriand erscheinen, sind mit einem Sternchen versehen.


Adler-Fluss

Siehe Thorn Sir.



Adlerspalte

Schlucht im südlichsten Teil der Umzingelnden Berge von Gondolin. Elbischer Name Cristhorn.



Ainairos

Ein Elb von Alqualonde.



Ainur

Siehe Anmerkung auf S. 336–39.



Almaren

Die Insel Almaren war die erste Wohnstatt der Valar in Arda.



Alqualonde

Siehe Schwanenhafen.



Aman

Das Land im Westen jenseits des Großen Meeres, in dem Valinor lag.



Amnon

Die Worte der Prophezeiung von Amnon, »Tief ist der Fall von Gondolin«, die Turgon mitten im Kampf um die Stadt äußerte, werden in zwei sehr ähnlichen Formen in einzelnen Notizen unter diesem Titel zitiert. Beide beginnen unter dem Titel mit den Worten: »Tief ist der Fall von Gondolin«, und in dem einen Fall folgt dann: »Seht, Turgon wird nicht fallen, ehe nicht die Lilie des Tals welkt«, und in dem anderen: »Wenn die Lilie des Tals welkt, dann wird Turgon fallen.«

Die Lilie des Tals ist Gondolin, einer der sieben Namen der Stadt, »die Blume, die auf der Ebene blüht«. Es gibt einzelne Hinweise in Notizen auf Amnon, aber anscheinend nirgendwo eine Erklärung, wer er war und wann er diese Worte sprach.



Amon Gwareth

›Hügel der Wacht‹, oder ›Hügel der Verteidigung‹, eine hohe einzelne Felsformation in der bewachten Ebene von Gondolin, auf dem die Stadt erbaut wurde.



Anar

Die Sonne.



Ancalagon der Schwarze

Der größte von Morgoths geflügelten Drachen, vernichtet von Earendel in der Großen Schlacht.



Androth

Höhlen in den Hügeln von Mithrim, wo Tuor mit Annael und den Grauen Elben und danach als einsamer Gesetzloser wohnte.



Anfauglith*

Die große Ebene nördlich von Taur-na-Fuin, vor ihrer Verwüstung durch Morgoth mit Gras bewachsen und Ardgalen genannt



Angainor

Der Name der von Aule gefertigten Kette, mit der Morgoth zweimal gebunden war; denn er wurde gezwungen, sie zu tragen, als er von den Valar in einem frühen Zeitalter gefangen gehalten wurde, und wieder nach seiner endgültigen Niederlage.



Angband

Die große unterirdische Festung Morgoths im Nordwesten Mittelerdes.



Annael

Grauelb von Mithrim, Pflegevater von Tuor.



Annon-in-Gelydh

›Pforte der Noldor‹: der Eingang zum unterirdischen Fluss, der im Mithrimsee entspringt und zur Regenbogenspalte führt.



Aranwe

Elb von Gondolin, Vater von Voronwe.



Aranwion

›Sohn von Aranwe‹. Siehe Voronwe.



Arlisgion

Ein Gebiet, übersetzt ›Ort des Rieds‹, das Tuor auf seiner großen Reise nach Süden durchquerte; aber der Name ist auf keiner Karte zu finden. Es scheint unmöglich, den Weg zu verfolgen, den Tuor nahm, bis er nach vielen Tagen das Land der Weiden erreichte. Aber es ist klar, dass Arlisgion der Schilderung zufolge irgendwo im Norden dieses Landes lag. Der einzige andere Hinweis auf diesen Ort scheint in der Letzten Fassung (S. 195) zu sein, wo Voronwe zu Tuor von Lisgardh spricht, »den Schilfwäldern an den Mündungen des Sirion«. Arlisgion ›Ort des Schilfs‹ ist eindeutig das Gleiche wie Lisgardh. Die Geografie dieser Region ist zu dieser Zeit sehr unklar.



Arvalin

Eine trostloses Gebiet mit weiten, nebligen Ebenen zwischen den Pelóri (den Bergen von Valinor) und dem Meer. Sein Name, der ›bei Valinor‹ bedeutet, wurde später durch Avathar, ›die Schatten‹, ersetzt. Hier traf sich Morgoth mit Ungoliant, und es wurde gesagt, dass in Arvalin die Weissagung des Mandos gesprochen wurde. Siehe Ungoliant.



Aule

Einer der großen Valar, genannt ›der Schmied‹, dessen Macht wenig geringer ist als die von Ulmo. Das Folgende ist dem Porträt von ihm in dem Text namens Valaquenta entnommen:



»Er herrscht über alle Stoffe, aus denen Arda geschaffen ist. Zu Anfang schuf er vieles mit Manwe und Umo gemeinsam; er ist der Erbauer aller Länder. Er ist ein Schmied und ein Meister in allen Handwerken, und ihn erfreut jedes kunstreiche Gebilde, das kleinste ebenso wie das mächtigste Bauwerk aus alter Zeit. Sein sind die Edelsteine, die tief in der Erde liegen, und das Gold, das in der Hand glänzt, ebenso wie die Wälle der Gebirge und die Becken des Meeres.«



Außenlande, Außenerde

Die Länder östlich des Großen Meeres (Mittelerde).



Außenmeer

Ich zitiere aus einer Passage in einem Text namens Ambarkanta (›Gestalt der Welt‹) der 1930er-Jahre, wahrscheinlich später als die Quenta Noldorinwa:



»Um die ganze Welt ziehen sich die Ilurambar oder Mauern der Welt [›die letzte Mauer‹ im Prolog, S. 26]. … Man kann sie weder sehen noch duchqueren, außer durch das Tor der Nacht. Innerhalb dieser Mauern ist die Erde kugelförmig: oben, unten und auf allen Seiten von Vaiya, dem Umschließenden Ozean [das ist das Außenmeer] umgeben. Doch dieser ähnelt unter der Erde mehr einem Meer und über der Erde mehr der Luft. In Vaiya unter der Erde wohnt Ulmo.«



In der Verschollenen Geschichte Die Ankunft der Valar sagt Rumil, der die Geschichte erzählt:



»Über die Welt jenseits von Valinor habe ich nie etwas gehört, nur dass es dort die dunklen Wasser der Äußeren Meere gibt, die weder Ebbe noch Flut kennen und so kalt und dünnflüssig sind, dass kein Boot ihre Buchten befahren und kein Fisch ihre Tiefen durchschwimmen kann außer den verwunschenen Fischen Ulmos und seinem Zauberwagen.«



Bablon, Ninwi,

Trui, Rûm

Babylon, Nineveh, Troja, Rom.

Eine Notiz über Bablon lautet: »Bablon war eine Stadt der Menschen, genauer Babylon, aber solcherart ist der Name bei den Gnomen, wie sie ihn jetzt bilden, und sie haben ihn von früher.«



Bad Uthwen

Siehe Fluchtweg.



Balar

Eine Insel weit draußen in der Bucht von Balar. Siehe Círdan der Schiffbauer.



Balcmeg

Ein Ork, erschlagen von Tuor.



Balrogs

»Dämonen mit Flammenpeitschen und Klauen aus Stahl«.



Bauglir

Ein häufiger Beiname für Morgoth; übersetzt ›der Bedrücker‹.



Baum

Name eines der zwölf Häuser oder Geschlechter der Gondothlim. Siehe Galdor.



Bäume von Valinor

Silpion der Weiße Baum und Laurelin der Goldene Baum; siehe Seite 26, wo sie beschrieben werden, und Glingol und Bansil.



Beleg

Ein großer Bogenschütze von Doriath und enger Freund von Túrin, der ihn in der Dunkelheit für einen Feind hielt und erschlug.



Belegaer

Siehe Großes Meer.



Beleriand*

Die große nordwestliche Region Mittelerdes, die sich von den Blauen Bergen im Osten bis zu allen inneren Gebieten südlich von Hithlum und den Küsten südlich von Drengist erstreckt.



Beren

Mensch aus dem Hause Beor, Geliebter von Lúthien, der den Silmaril aus Morgoths Krone schnitt. Er wurde von Carcharoth, dem Wolf von Angband, getötet und ist der einzige Sterbliche, der je von den Toten zurückkehrte.



Berge der Dunkelheit

Die Eisenberge.



Berge des Schattens

Siehe Ered Wethrin.



Berge von Valinor

Die große Gebirgskette, die von den Valar bei ihrer Ankunft in Aman errichtet wurde. Auch Pelóri genannt, erstreckten sie sich in einem weiten Halbmond von Norden nach Süden, nicht weit von den östlichen Ufern von Aman.



Bewachte Ebene

Tumladen, die Ebene von Gondolin.



Bewohner der Tiefe

Ulmo.



Bragollach

Kurzform von Dagor Bragollach, ›Schlacht des Jähen Feuers‹; mit ihr wurde die Belagerung von Angband beendet.



Bredhil

Gnomischer Name von Varda.



Brethil*

Der Wald zwischen den Flüssen Teiglin und Sirion.



Brithiach*

Die Furt über den Sirion, die nach Dimbar führt.



Brithombar*

Der nördlichste der Häfen der Falas.



Bronweg

Der gnomische Name Voronwes (auch Bronwe).



Brunnen

Name eines der zwölf Häuser oder Geschlechter der Gondothlim. Siehe Ecthelion



Celegorm

Sohn Feanors; genannt ›der Helle‹.



Círdan der Schiffbauer

Herr der Falas (der westlichen Küsten von Beleriand); bei der Zerstörung der Häfen in dieser Region durch Morgoth nach der Schlacht der Ungezählten Tränen entkam Círdan zur Insel Balar und dem Gebiet der Sirionmündung und setzte den Bau von Schiffen fort. Dies ist eben jener Círdan der Schiffbauer, der in Der Herr der Ringe als Herr der Grauen Anfurten am Ende des Dritten Zeitalters erscheint.



Cirith Ninniach

Die ›Regenbogenspalte‹; siehe Cris-Ilfing.



Cranthir

Sohn Feanors, genannt ›der Dunkle‹; wurde zu Caranthir.



Cris-Ilfing

›Regenbogenspalte‹: die Schlucht, in welcher der Fluss aus dem Mithrimsee floss. Vormals Cris-Ilbranteloth, übersetzt als ›Wasserrinne des Regenbogendaches‹. Ersetzt durch den Namen Kirith Helvin und schließlich Cirith Ninniach.



Crissaegrim*

Die Berggipfel südlich von Gondolin, wo sich die Horste von Thorondor, dem Herrn der Adler, befanden.



Cristhorn

Elbischer Name der Adlerspalte. Ersetzt durch den Namen Kirith-thoronath.



Cuiviénen

Die ›Wasser des Erwachens‹ der Elben im fernen Osten Mittelerdes, inmitten einer Umgebung »sehr zerklüftet und voller mächtiger Felsen, und der Fluss, der sie speist, stürzt eine tiefe Klamm hinab«.



Curufin

Sohn Feanors; genannt ›der Geschickte‹.



Dämmerseen

Aelin-uial, eine Region mit großen Teichen und Sümpfen, in Nebel gehüllt, wo der Aros, der aus Doriath herausfloss, auf den Sirion traf.



Damrod und Diriel

Zwillingsbrüder, die jüngsten der Söhne Feanors; später in Amrod und Amras geändert.



Dimbar*

Das Land zwischen den Flüssen Sirion und Mindeb.



Dior

Der Sohn Berens und Lúthiens und Besitzer ihres Silmaril; bekannt als ›Thingols Erbe‹. Er war der Vater von Elwing und wurde von den Söhnen Feanors erschlagen.



Doriath*

Die große bewaldete Region von Beleriand, regiert von Thingol und Melian. Der Gürtel Melians gab Anlass zu dem späteren Namen Doriath (Dor-iath ›Land des Zauns‹).



Dor-lómin*

›Land der Schatten‹: Region im Süden von Hithlum.



Dor-na-Fauglith

Die große nördliche Grasebene namens Ard-galen; von Morgoth völlig zerstört, wurde sie Dor-na-Fauglith genannt, übersetzt als ›Land unter der erstickenden Asche‹.



Dramborleg

Tuors Axt. In einer Anmerkung zu diesem Namen wird Dramborleg mit ›Schlagschärfe‹ übersetzt, weil man damit »einen schweren Schlag wie mit einer Keule führen und wie mit einem Schwert spalten« konnte.



Drengist

Ein langer Meeresarm, der die Echoberge durchschneidet. Der Fluss von Mithrim, dem Tuor durch die Regenbogenspalte folgte, hätte ihn auf diesem Weg ans Meer gebracht, aber »erschreckt durch das Wüten der seltsamen Wasser, änderte er jetzt die Richtung und schlug den Weg nach Süden ein. So gelangte er nicht an die langgestreckten Gestade des Fjordes von Drengist« (S. 178).



Duilin

Herr des Hauses der Schwalbe in Gondolin.



Dungortheb

Verkürzte Form von Nan Dungortheb, ›Tal des abscheulichen Todes‹, zwischen Ered Gorgoroth, den Bergen des Schreckens und dem Gürtel Melians, der Doriath im Norden begrenzt.



Earáme

›Adlerschwinge‹, Tuors Schiff.



Earendel

›Halbelbe‹, Sohn von Tuor und Idril, Turgons Tochter; Vater von Elrond und Elros. Siehe Anmerkung auf S. 341–44. (Spätere Form Earendil.)



Echoberge von Lammoth

Die Echoberge (Ered Lómin) bildeten den westlichen Wall von Hithlum; Lammoth war das Gebiet zwischen diesen Bergen und dem Meer.



Echoriath

Siehe Umzingelnde Berge.



Ecthelion

Herr des Hauses des Brunnens in Gondolin.



Edain

Die Männer der Drei Häuser der Elbenfreunde.



Egalmoth

Herr des Hauses des Himmlischen Bogens in Gondolin.



Eglarest*

Der südliche Hafen der Falas.



Einsame Insel

Tol Eressea: eine große Insel im westlichen Ozean, in der Nähe der Küste von Aman. Zu ihrer Vorgeschichte siehe S. 28.



Eisenberge

›Morgoths Berge‹ im hohen Norden. Aber das Vorkommen des Namens im Text der ursprünglichen Erzählung auf S. 13 stammt aus einer früheren Zeit, als »Eisenberge« auf den Bereich angewendet wurde, der später Schattenberge (Ered Wethrin) genannt wurde; siehe die Anmerkung auf S. 343



Eisenhöllen

Angband. Siehe die Anmerkung zu Eisenberge.



Elbentum

Ein umfassender Name für alle Länder der Elben.



Eldalie

›Elbenvolk‹, ein Name, der austauschbar mit Eldar verwendet wird.



Eldar

Eldar bezeichnete in frühen Schriften die Elben der Großen Wanderung von Cuiviénen, die in drei Scharen aufgeteilt waren: siehe Lichtelben, Tiefelben und Meerelben; siehe dazu die bemerkenswerte Passage in Der Hobbit hier auf S. 349 f. In der Folge wurde der Begriff auch im Unterschied zu Noldoli und die Sprache der Eldar als Gegensatz zum Gnomischen (der Sprache der Noldoli) verwendet.



Elemmakil

Elb von Gondolin, Hauptmann der Wache des äußeren Tores.



Elrond und Elros

Die Söhne von Earendel und Elwing. Elrond entschied sich, den Erstgeborenen anzugehören; er war der Herr von Rivendell und Hüter des Rings Vilya. Elros wurde zu den Menschen gezählt und wurde der erste König von Númenor.



Elwing

Tochter Diors, vermählt mit Earendel; Mutter von Elrond und Elros.



Eol

Der ›Dunkelelb‹ im Taur-na-Fuin, der Isfin verführte; Vater von Meglin.



Ered Lómin

Siehe Echoberge von Lammoth.



Ered Wethrin

(früher Eryd-Lómin, Eredwethion) ›Schattenberge‹ oder ›Berge des Schattens‹. Die Berge östlich und südlich von Hithlum. Siehe die Anmerkung zu Eisenberge, S. 343.



Falas*

Die westliche Küste von Beleriand, südlich von Nevrast.



Falasquil

Eine Bucht an der Meeresküste, in der Tuor eine Zeitlang wohnte. Dies war eindeutig eine kleine Bucht, die ohne Namen auf einer Karte meines Vaters in dem langen Fjord (genannt Drengist) markiert war, der ostwärts nach Hithlum und Dor-lómin führte. Das Holz für Earendels Schiff Wingilot soll aus Falasquil stammen.



Falathrim

Die Telerin-Elben der Falas.



Feanor

Ältester Sohn Finwes; Schöpfer der Silmaril.



Feenbucht

Eine große Bucht am Ostufer von Aman.



Finarfin

Der dritte Sohn Finwes; Vater von Finrod Felagund und Galadriel. Er blieb nach der Flucht der Noldor in Aman.



Finduilas

Tochter Orodreths, des Nachfolgers von Finrod Felagund als König von Nargothrond. Sie wurde Faelivrin genannt; die Bedeutung ist ›der Schimmer der Sonne auf den Teichen von Ivrin‹.



Fingolfin

Der zweite Sohn Finwes; Vater von Fingon und Turgon; Hochkönig der Noldor in Beleriand; getötet von Morgoth im Einzelkampf vor den Toren von Angband (beschrieben im Leithianlied, Beren und Lúthien S. 199–202).



Fingolma

Früher Name von Finwe.



Fingon

Der ältere Sohn Fingolfins; Bruder von Turgon; Hochkönig der Noldor nach Fingolfins Tod; erschlagen in der Schlacht der Ungezählten Tränen.



Finn

Gnomische Form von Finwe.



Finrod Felagund

Ältester Sohn Finarfins; Gründer und König von Nargothrond, daher sein Name Felagund ›Höhlenbauer‹. Siehe Inglor.



Finwe

Anführer der zweiten Schar der Elben (Noldoli) auf der Großen Wanderung von Cuiviénen; Vater von Feanor, Fingolfin und Finarfin.



Fionwe

Sohn Manwes; Anführer des Heeres der Valar in der Großen Schlacht.



Fluchtweg

Der Tunnel unter den Umzingelnden Bergen, der in die Ebene von Gondolin führt. Elbischer Name Bad Uthwen.



Flügel

Emblem Tuors und seines Gefolges.



Galdor

Vater Húrins und Huors; siehe Tuor.



Galdor

Herr des Hauses des Baums in Gondolin.



Gar Ainion

Der ›Ort der Götter‹ (Ainur) in Gondolin.



Gelmir und Arminas

Noldorin-Elben, die auf ihrem Weg nach Nargothrond auf Tuor stießen. Sie waren unterwegs, um König Orodreth vor drohender Gefahr zu warnen (was sie Tuor gegenüber nicht erwähnten).



Geschlagener Amboss

Emblem des Hauses des Zornhammers in Gondolin.



Glamhoth

Orks; übersetzt ›Volk des Hasses‹.



Glaurung

Der berühmteste aller Drachen Morgoths.



Glingol und Bansil

Die Bäume von Gold und Silber vor den Toren des Königspalastes in Gondolin. In der ursprünglichen Vorstellung waren dies Sprösslinge der Zwei Bäume von Valinor, bevor Melko und die Weberin der Düsternis sie verdorren ließen. Später wurde dies dahingehend geändert, dass es Bildnisse waren, die Turgon in Gondolin geschaffen hatte.



Glithui*

Ein Fluss, der von den Ered Wethrin herabfloss, Nebenfluss des Teiglin.



Glorfalc

›Goldene Spalte‹: Tuors Name für die Schlucht, durch die der Fluss floss, der im Mithrimsee entsprang.



Glorfindel

Herr des Hauses der Goldenen Blume in Gondolin.



Gnomen

Frühe Übersetzung des Namens Noldoli (später Noldor) für das so bezeichnete Elbenvolk. Zur Erklärung dieser Verwendung von ›Gnomen‹ siehe Beren und Lúthien S. 36f. Ihre Sprache wurde Gnomisch genannt.



Goblins

Siehe Orks.



Goldene Blüte

Name eines der zwölf Häuser oder Geschlechter der Gondothlim.



Gondobar

Siehe Gondothlim.



Gondolin*

Zum Namen siehe Gondothlim.Zu den anderen Namen der Stadt siehe S. 60 f.



Gondothlim

Das Volk von Gondolin; übersetzt »die Bewohner in Stein«. Andere Namen von verwandter Form sind Gondobar ›Stadt aus Stein‹ und Gondothlimhar ›Stadt der Bewohner der Steine‹. Beide Namen sind in den Sieben Namen der Stadt enthalten, die Tuor von der Wache am Tor von Gondolin zitiert wurden (S. 60). Das Element gond bedeutet ›Stein‹, wie in Gondor. Gondolin wurde zum Zeitpunkt des Schreibens der Verschollenen Geschichten als ›Stein des Lieds‹ interpretiert, was soviel bedeutet wie ›Stein geschnitzt und zu großer Schönheit verarbeitet‹. Eine spätere Interpretation war ›der verborgene Fels‹.



Gondothlimhar

Siehe Gondothlim.



Gorgoroth

Verkürzte Form von Ered Gorgoroth, den Bergen des Schreckens; siehe Dungortheb.



Gothmog

Herr der Balrogs, Hauptmann der Heerscharen von Melkor; Sohn von Melkor, getötet von Ecthelion.



Graue Annalen

Siehe S. 246.



Grauelben

Die Sindar. Dieser Name wurde den Eldar gegeben, die in Beleriand blieben und nicht weiter in den Westen zogen.



Große Schlacht

Die weltverändernde Schlacht, die Morgoth schließlich stürzte und das Erste Zeitalter der Welt zu Ende brachte. Man kann auch sagen, dass sie die Ältesten Tage, auch die Altvorderenzeit genannt, beendet hat, denn »dieser Name gebührt eigentlich nur den Tagen vor der Vertreibung von Morgoth« (»Die Aufzählung der Jahre«, Anhang zu Der Herr der Ringe). Deshalb sagte Elrond beim Großen Rat in Rivendell: »Meine Erinnerung reicht zurück bis zur Altvorderenzeit. Earendil war mein Vater, und er war in Gondolin geboren, bevor es fiel.«



Großer Wurm

von Angband

Siehe Glaurung.



Großes Meer*

Das Große Meer des Westens, dessen Name Belegaer war, erstreckte sich von den westlichen Küsten Mittelerdes bis zu den Küsten Amans.



Gürtel Melians

Siehe Melian.



Gwindor

Elb von Nargothrond, Liebhaber von Finduilas.



Hador

Siehe Tuor. Das Haus Hador wurde das Dritte Haus des Edain genannt. Sein Sohn Galdor war der Vater Húrins und Huors.



Harfe

Name eines der zwölf Häuser oder Geschlechter der Gondothlim.



Haudh-en-Ndengin

›Hügel der Erschlagenen‹: ein großer Hügel in der Öde von Anfauglith, in dem alle Elben und Menschen liegen, die in der Schlacht der Ungezählten Tränen fielen.



Hendor

Ein Diener von Idril, der Earendel auf der Flucht aus Gondolin trug.



Herr der Wasser

Siehe Ulmo.



Herren des Westens

Die Valar.



Himmlischer Bogen

Name eines der zwölf Häuser oder Geschlechter der Gondothlim.



Hinnenlande

Mittelerde.



Hisilóme

Die gnomische Form des Namens Hithlum.



Hisime

Der elfte Monat, der dem November entspricht.



Hithlum*

Das große Gebiet, übersetzt ›Nebelland‹, ›Zwielichtnebel‹, das sich von dem großen Wall der Ered Wethrin, der Schattenberge, nach Norden und Westen erstreckte; in seinem südlichen Teil lagen Dor-lómin und Mithrim. Siehe Hisilóme.



Hügel der Wacht

Siehe Amon Gwareth.



Huor

Bruder Húrins, Gemahl von Rían und Vater Tuors; gefallen in der Schlacht der Ungezählten Tränen. Siehe Tuor und die Anmerkung zu Húrin und Gondolin auf S. 339–42.



Húrin

Vater von Túrin Turambar und Bruder Huors, des Vaters von Tuor; siehe Tuor und die Anmerkung Húrin und Gondolin auf S. 339–42.



Idril

Genannt Celebrindal ›Silberfuß‹, Tochter Turgons. Ihre Mutter war Elenwe, die bei der Überquerung der Helcarakse, des Malm-Eises, ums Leben kam. In einer sehr späten Notiz wird erzählt, dass »Turgon selbst in den bitteren Gewässern dem Tode nahegekommen war, als er versuchte, sie und seine Tochter Idril zu retten, die das Brechen des verräterischen Eises in das grausame Meer geworfen hatte. Idril rettete er, aber der Körper von Elenwe war mit gefallenem Eis bedeckt.« Sie war die Frau von Tuor und die Mutter Earendels.



Ilfiniol

Elbischer Name von Winzigherz.



Ilkorindi, Ilkorin

Elben, die nie in Kôr in Valinor wohnten.



Ilúvatar

Der Schöpfer. Die Elemente sind Ilu ›das Ganze‹, ›das Universum‹; und atar ›Vater‹.



Immertreu

Weiße Blume, die ständig in Blüte stand. Elbischer Name Uilos.



Inglor

Früherer Name für Finrod Felagund.



Ingwe

Anführer der Lichtelben auf der Großen Wanderung von Cuiviénen. In der Quenta Noldorinwa heißt es: »Er ist in Valinor eingetreten und sitzt zu Füßen der Mächte, und alle Elben verehren seinen Namen, aber er ist nie in die Außenlande zurückgekehrt«.



Isfin

Schwester von König Turgon; Mutter Meglins, Gemahlin von Eol. (Später Aredhel.)



Ivrin

Der See und Wasserfall unter den Ered Wethrin, wo der Fluss Narog entsprang.



Kôr

Hügel in Valinor mit Blick auf die Feenbucht, auf dem die elbische Stadt Tûn, später Tirion, erbaut wurde; auch als Name der Stadt selbst. Siehe Ilkorindi.



Land der Schatten

Siehe Dor-lómin.



Land der Weiden*

Das schöne Land, wo der Fluss Narog in den Sirion floss, südlich von Nargothrond. Seine elbischen Namen waren Nan-tathrin ›Tal der Weiden‹ und Tasarinan. In Die zwei Türme (Buch 3, Kapitel 4), als Baumbart Merry und Pippin im Wald von Fangorn trug, sang er zu ihnen:

Ich ging durch die Fluren von Tasarinan im Frühling.

Ah! Der Duft und die Farben des Frühlings in Nan-tasarion!



Laurelin

Name des Goldenen Baumes von Valinor.



Legolas Grünblatt

Ein Elb aus dem Haus des Baumes in Gondolin, begabt mit außergewöhnlicher Nachtsicht.



Lichtelben

Ein Name der ersten Schar der Elben auf der Großen Wanderung von Cuiviénen. Siehe Quendi und die Anmerkung auf S. 349 f.



Linaewen

Großes, sumpfiges Gewässer in Nevrast »in der Mitte der Landsenke«.



Lisgardh

»Das Land der Schilfrohre an den Mündungen von Sirion«. Siehe Arlisgion.



Lorgan

Häuptling der Ostlinge in Hithlum, der Tuor versklavte.



Lórien

Die Valar Mandos und Lórien wurden Brüder genannt und trugen den Namen Fanturi. Mandos war Nefantur und Lórien war Olofantur. Wie bei Mandos war Lórien der Name seiner Wohnstatt, wurde aber auch als sein eigener Name verwendet. Er war »der Meister der Visionen und Träume«.



Lothlim

›Volk der Blume‹, der Name, den die Überlebenden von Gondolin in ihrer Zufluchtsstätten an den Sirionmündungen annahmen.



Lug

Ein Ork, erschlagen von Tuor.



Mächte des Westens

Die Valar.



Maglor

Sohn Feanors, genannt der Mächtige; ein großer Sänger und Minnesänger.



Maidros

Ältester Sohn Feanors, genannt ›der Lange‹. (Spätere Form Maedhros.)



Malduin*

Ein Nebenfluss des Teiglin.



Malkarauki

Elbischer Name für Balrogs.



Malm-Eis

Im hohen Norden von Arda gab es eine Meerenge zwischen der »westlichen Welt« und der Küste Mittelerdes, und in einer der Darstellungen des »Malm-Eises« wird sie so beschrieben:»Durch diese Meerenge fließen die kalten Wasser des Umzingelnden Meeres [siehe Außenmeer], und die Wellen des Großen Meeres des Westens ineinander, und es gibt riesige Nebel von tödlicher Kälte, und die Meeresströme sind erfüllt von klirrenden Eisbergen und dem Knirschendes Grundeises. Diese Meerenge wurde Helkarakse genannt.«



Mandos

Die Wohnstatt des großen Vala Namo, nach der er selbst immer so genannt wird. Ich gebe hier das Porträt von Mandos aus dem Valaquenta genannten Text wieder:



»[Mandos] ist der Hüter der Totenhäuser und ruft die Geister der Gefallenen auf. Er vergisst nichts und weiß um alles, was sein wird, bis auf dasjenige, was noch im Willen Ilúvatars liegt. Er ist der Schicksalsrichter der Valar; doch verkündet er Spruch und Urteil nur auf Manwes Geheiß. Vaire, die Weberin, ist seine Gemahlin, die alles, was je in der Zeit gewesen ist, in ihre Stoffe wirkt; und die Hallen von Mandos, die immer weiter werden, indem die Zeiten vergehen, sind mit ihren gewebten Geschichten behangen.«

Siehe auch Lórien.



Mandos’ Spruch

Auch Mandos’ Fluch genannt. Siehe Weissagung des Mandos.



Manwe

Der Oberste der Valar und der Gemahl von Varda; Herr des Reiches von Arda. Siehe auch Súlimo.



Maulwurf

Ein schwarzer Maulwurf war das Zeichen von Meglin und seinem Haus.



Meerelben

Ein Name der dritten Schar der Elben auf der Großen Wanderung von Cuiviénen. Siehe Teleri und die Anmerkung auf S. 349 f.



Meglin

Sohn von Eol und Isfin, der Schwester König Turgons. Er verriet Gondolin an Morgoth, der berüchtigtste Verrat in der Geschichte Mittelerdes, und wurde von Tuor getötet. (Spätere Form Maeglin.)



Meleth

Amme Earendels.



Melian

Eine Maia aus dem Gefolge des Vala Lórien in Valinor, die nach Mittelerde kam und Königin von Doriath wurde. »Sie bot ihre Macht auf« [wie es in den Grauen Annalen heißt, siehe S. 246] »und umgab den ganzen Bezirk ringsum mit einem unsichtbaren Zaun von Schatten und Irrwerk: dem Gürtel Melians, den niemand hinfort gegen ihren oder König Thingols Willen durchschreiten konnte.« Siehe Thingol und Doriath.



Melko

›Der in Macht ersteht‹; der Name des großen bösen Ainu, bevor er »Morgoth« wurde. In der Valaquenta wird über ihn gesagt:»Der mächtigste unter jenen Ainur, welche die Welt betraten, war im Anfang Melkor. Er wird nicht mehr zu den Valar gezählt, und sein Name wird auf Erden nicht mehr ausgesprochen.«

(Spätere Form Melkor.)



Menegroth*

Siehe Tausend Grotten.



Mithrim*

Der große See im Süden Hithlums sowie die Region, in der er lag, und die Berge im Westen.



Moeleg

Die gnomische Form von Melko, die die Gnomen nicht aussprechen, die ihn Morgoth Bauglir, die schreckliche Dunkle Macht, nennen.



Morgoth

Dieser Name (›der Schwarze Feind‹ und andere Übersetzungen) kommt in den Verschollenen Geschichten nur einmal vor. Es wurde ihm erstmals von Feanor nach dem Raub der Silmaril beigelegt. Siehe Melko und Bauglir.



Nan-tathrin*

Elbischer Name des Landes der Weiden. (Spätere Form Nan-tathren.)



Nargothrond*

Die große unterirdische Festungsstadt am Fluss Narog in West-Beleriand, von Finrod Felagund gegründet und vom Drachen Glaurung zerstört.



Narog*

Der Fluss, der im See von Ivrin am Fuß der Ered Wethrin entsprang und im Land der Weiden in den Sirion mündete.



Narquelie

Der zehnte Monat, der dem Oktober entspricht.



Nessa

Eine »Königin der Valar«, die Schwester von Vána und Gemahlin von Tulkas.



Nevrast*

Gebiet südwestlich von Dor-lómin, wo Turgon vor seiner Abreise nach Gondolin wohnte.



Ninniach

Siehe Tal von Ninniach.



Nirnaeth Arnoediad

Die Schlacht der Ungezählten Tränen. Oft als ›die Nirnaeth‹ bezeichnet. Siehe die Anmerkung auf S. 344 f.



Noldoli, Noldor

Die früheren und späteren Formen des Namens der zweiten Schar der Elben auf der Wanderung von Cuiviénen. Siehe Gnomen, Tiefelben.



Nost-na-Lothion

›Die Geburt der Blumen‹, ein Frühlingsfest in Gondolin.



Orcobal

Ein großer Anführer der Orks, erschlagen von Ecthelion.



Orfalch Echor

Die große Schlucht in den Umzingelnden Bergen, durch die man nach Gondolin gelangte.



Orks

In einer Notiz dazu schrieb mein Vater: »Ein Volk, das von Morgothersonnen und ins Leben gerufen wurde, um Krieg gegen Elben und Menschen zu führen; manchmal übersetzt mit ›Goblins‹, aber sie waren von fast menschlicher Statur«. Siehe Glamhoth.



Orome

Vala, Sohn von Yavanna, bekannt als der größte aller Jäger; er und Yavanna kamen allein von den Valar in den Ältesten Tagen zeitweise nach Mittelerde. Auf seinem weißen Pferd Nahar führte er die Elben auf die Große Wanderung von Cuiviénen.



Osse

Ein Maia, Vasall von Ulmo, der in der Valaquenta wie folgt beschrieben wird:

»Er ist Herr jener Meere, welche die Gestade von Mittelerde umspülen. Er geht nicht in die Tiefen, sondern liebt die Küsten und die Inseln und freut sich an den Winden Manwes, denn seine Lust ist der Sturm, und er lacht inmitten der brüllenden Wogen.«



Ostlinge

Name, der den Menschen gegeben wurde, die den Edain nach Beleriand folgten; sie kämpften auf beiden Seiten in der Schlacht der Ungezählten Tränen. Die ungetreuen Menschen erhielten Hithlum von Morgoth, wo sie den Rest von Hadors Volk unterdrückten.



Othrod

Ein Anführer der Orcs, erschlagen von Tuor.



Palisor

Das ferne Land im Osten Mittelerdes, wo die Elben erwachten.



Palúrien

Ein Name von Yavanna; beide Namen werden oft miteinander verbunden. Palúrien wurde später durch Kementári ersetzt; beide Namen tragen Bedeutungen wie ›Königin der Erde‹, ›Herrin der weiten Erde‹.



Peleg

Sohn Indors, des Sohns von Fengel. Peleg war der Vater von Tuor in der ersten Genealogie (siehe Tunglin).



Pelóri

Siehe Berge von Valinor.



Penlod

Herr der Häuser der Säule und des Schneeturms in Gondolin.



Pforte der Noldor

Siehe Annon-in-Gelydh.



Quendi

Ein früher Name für alle Elben, mit der Bedeutung ›die, die Stimmen haben‹ später der Name des ersten der drei Scharen auf der Großen Wanderung von Cuiviénen. Siehe Lichtelben.



Rían

Frau von Huor, Mutter Tuors; starb nach dem Tod von Huor in Anfauglith.



Rog

Herr des Hauses des Zornhammers in Gondolin.



Salgant

Herr des Hauses der Harfe in Gondolin. Beschrieben als »ein Feigling«.



Säule

Name eines der zwölf Häuser oder Geschlechter der Gondothlim. Siehe Penlod.



Schlacht der Ungezählten Tränen

Siehe Anmerkung auf S. 344 f.



Schneeturm

Name eines der zwölf Häuser oder Geschlechter der Gondothlim. Siehe Penlod.



Schwalbe

Name eines der zwölf Häuser oder Geschlechter der Gondothlim.



Schwanenhafen

Die Hauptstadt der Teleri (Meerelben), an der Küste nördlich von Kôr. Elbisch Alqualonde.



Schwarzes Schwert

(Mormegil)

Ein Name, der Túrin wegen seines Schwertes Gurthang (›Todeseisen‹) gegeben wurde.



Segensreich

Siehe Aman.



Silpion

Der weiße Baum; siehe Bäume von Valinor und Telperion.



Sindar

Siehe Grauelben.



Sirion*

Der Große Strom, der bei Eithel Sirion (›Sirions Brunnen‹) entsprang und West- von Ost-Beleriand trennte. Er mündete in der Bucht von Balar ins Große Meer.



Sorontur

›König der Adler‹. Siehe Thorondor.



Stadt aus Stein

Gondolin; siehe Gondothlim.



Súlime

Der dritte Monat, der dem März entspricht.



Súlimo

Dieser Name, der sich auf Manwe als Windgott bezieht, ist sehr häufig mit seinem Namen verbunden. Er wird »Herr der Lüfte« genannt; aber nur einmal scheint es eine spezifische Übersetzung von Súlimo zu geben: ›Herr des Atems von Arda‹. Verwandte Wörter sind súya ›Atem‹ und súle ›atmen‹.



Tal von Ninniach

Der Ort der Schlacht der Ungezählten Tränen, aber nur hier unter diesem Namen zu finden.



Taniquetil

Der höchste der Pelóri (Berge von Valinor) und der höchste Berg von Arda, auf dem Manwe und Varda ihre Wohnstatt (Ilmarin) hatten.



Taras

Ein großer Berg auf der westlichen Landzunge von Nevrast, hinter dem Vinyamar lag.



Tarnin Austa

›Die Tore des Sommers‹, ein Festival in Gondolin.



Taur-na-Fuin*

›Wald der Nacht‹, früher Dorthonion ›Land der Kiefern‹ genannt, das große bewaldete Hochland nördlich von Beleriand.



Tausend Grotten

Menegroth, die unterirdischen Hallen von Thingol und Melian.



Teiglin*

Nebenfluss des Sirion, der in den Ered Wethrin entsprang.



Teleri

Die dritte Schar der Elben auf der Großen Wanderung von Cuiviénen.



Telperion

Name des Weißen Baumes von Valinor.



Thingol

Ein Anführer der dritten Schar (Teleri) auf der Großen Wanderung von Cuiviénen; sein früherer Name war Tinwelint. Er kam nie nach Kôr, sondern wurde der König von Doriath in Beleriand.



Thorn Sir

Sturzbach unter Cristhorn.



Thornhoth

›Volk der Adler‹.



Thorondor

›König der Adler‹, gnomischer Name von Eldarin Sorontur; frühere Form Thorndor.



Tiefelben

Ein Name der zweiten Schar der Elben auf der Großen Wanderung. Siehe Noldoli und die Anmerkung auf S. 349 f.



Timbrenting

Der altenglische Name von Taniquetil.



Tor der Nacht

Auch Tor der Zeitlosen Nacht. Siehe den Eintrag Außenmeer. In dem Text namens Ambarkanta, den ich dort zitiert habe, über Ilurambar, die Mauern der Welt und Vaiya, den Umschließenden Ozean oder das Außenmeer, heißt es weiter:

»Inmitten von Valinor befindet sich Ando Lómen, das Tor der Zeitlosen Nacht, das die Mauern durchdringt und sich in die Leere öffnet. Denn die Welt steht inmitten von Kúma, der Leere, der Nacht ohne Form und Zeit. Aber niemand kann den Abgrund und den Gürtel von Vaiya passieren und zu diesem Tor gelangen außer den großen Valar. Und sie schufen dieses Tor, als Melko bezwungen und in die Äußere Dunkelheit hinausgestoßen wurde, und es wird von Earendel bewacht.«



Tore des Sommers

Siehe Tarnin Austa.



Trockener Fluss

Das Bett des Flusses, der einst aus den Umzingelnden Bergen herausfloss, um in den Sirion zu münden; es bildet den Zugang zu Gondolin.



Tulkas

Ein Vala, »der größte an Kraft und Mannestaten«. Über ihn heißt es in der Valaquenta:»Er kam als Letzter nach Arda, um den Valar in ersten Schlachten gegen Melkor zu helfen. Ringkampf und Kräftemessen sindseine Lust. Nie steigt er zu Ross, denn er kann schneller laufen als alles, was Beine hat, und er ist unermüdlich. Wenig kümmern ihn Vergangenheit oder Zukunft, und nichts taugt er im Rate, doch er ist ein beherzter Freund.«



Tumladen

›Tal der Glätte‹, die »bewachte Ebene« von Gondolin.



Tûn

Stadt der Elben in Valinor; siehe Kôr.



Tunglin

›Volk der Harfe‹: in einem frühen Text von Der Fall von Gondolin ein Name, der den Menschen in Hithlum nach der Schlacht der Ungezählten Tränen gegeben wurde. Tuor enstammte diesem Volk (siehe Peleg).



Tuor

Tuor war ein Nachkomme (Urenkel) des berühmten Hador Lorindol (›Goldscheitel‹). Im Leithianlied heißt es von Beren:

Als furchtlos Beren war bekannt.

Gefragt, wer wohl am kühnsten stand

seinen Mann, war für alle klar,

sein Nachruhm überträfe gar

einst Barahirs und Bregolas’

oder selbst Hadors; …

Hador wurde von Fingolfin die Herrschaft von Dor-lómin übertragen, und seine Nachfolgerwaren das Haus Hador. Tuors Vater Huor fiel in der Schlacht der Ungezählten Tränen, und seine Mutter, Rían, starb an Trauer.

Huor und Húrin waren Brüder, die Söhne Galdors von Dor-lómin, Sohn von Hador; und Húrin war der Vater Túrin Turambars; so waren Tuor und Túrin Vettern ersten Grades. Aber nur einmal begegneten sie sich, und sie kannten einander nicht, als sie sich sahen; das wird in Der Fall von Gondolin erzählt.



Turgon

Der zweite Sohn Fingolfins, Gründer und König von Gondolin, Vater Idrils.



Turlin

Ein kurzzeitiger Name von Tuor.



Uinen

»Herrin der Meere«; eine Maia, die Gemahlin von Osse. Über sie heißt es in der Valaquenta:

»Ihr Haar liegt über alles Wasser unter dem Himmel gebreitet. Alle Geschöpfe liebt sie, die in den salzigen Fluten leben, und alle Kräuter, die dort wachsen. Sie rufen die Seefahrer an, denn sie vermag die Wellen zu besänftigen und den wilden Osse zu zähmen.«



Uldor der VerfluchteUlmo

Ein Anführer der ungetreuen Menschen, die in den Westen Mittelerdes zogen und sich in der Schlacht der Ungezählten Tränen mit Morgoth verbündeten.Der folgende Text stammt aus dem Porträt des großen Vala, der »an Macht Manwe am nächsten« kommt, aus der Valaquenta.

»[Er behält] ganz Arda im Sinn, und er braucht keinen Platz zum Ausruhen. Auch geht er nicht gern an Land, und nur selten kleidet er sich in eine Gestalt wie seinesgleichen. Große Angst erfüllte die [Menschen oder Elben], wenn sie ihn erblickten, denn furchtbar war der König der See, wenn er aufstieg wie eine Woge, die sich an Land türmt, im dunklen, gischtgeschweiften Helm mit Schaumkronen und einem Panzer, der schimmerte vom hellsten Silber bis in die tiefsten Schatten des Grüns. Laut sind die Trompeten Manwes, aber Ulmos Stimme ist tief wie die Tiefen des Ozeans, die nur er allein erblickt hat.

Dennoch liebt Ulmo sowohl Elben als auch Menschen, und nie ließ er sie im Stich, auch nicht als der Zorn der Valar auf ihnen lag. Zuweilen kommt er an die Küstenvon Mittelerde, ungesehen, oder er wandert die Fjorde hinauf weit ins Landesinnere und spielt dort auf seinen großen Hörnern, den Ulumúri, die aus weißen Muscheln geschliffen sind. Und jene, zu denen diese Musik dringt, die hören sie immerdar in ihrem Herzen, und niemehr verlässt sie die Sehnsucht nach der See. Zu jenen aber, die in Mittelerde wohnen, spricht Ulmo zumeist mit Stimmen, die nur als Musik der Wasser vernommen werden. Denn alle Meere, Seen, Flüsse, Quellen und Brunnen sind sein Reich, sodass die Elben sagen, der Geist Ulmos fließe in allen Adern der Welt. So erhält Ulmo selbst in den Tiefen Nachricht von allen Nöten und Leiden Ardas.«



Ulmonan

Ulmos Hallen im Außenmeer.



Umzingelnde Berge

Die Berge, die die Ebene von Gondolin umgaben. Elbischer Name Echoriath.



Ungoliant

Die große Spinne, genannt Weberin der Düsternis, die sich in Arvalin niedergelassen hatte. In der Quenta Noldorinwa heißt es über sie:»Dort [in Arvalin] lebte, geheimund keinem bekannt, Ungoliant, die Weberin der Düsternis, in Spinnenform. Es wird nicht gesagt, woher sie kam, vielleicht aus der äußeren Finsternis, die jenseits der Mauern der Welt liegt [siehe Außenmeer].«



Valar

Die herrschenden Mächte von Arda; manchmal auch als »die Mächte« bezeichnet. Am Anfang waren es neun Valar, wie in der Skizze angegeben, aber Melkor (Morgoth) wird nicht mehr zu ihnen gezählt.



Valinor

Das Land der Valar in Aman. Siehe Berge von Valinor.



Valmar

Die Stadt der Valar in Valinor. Später Valimar.



Vána

Eine »Königin der Valar«, Gemahlin von Orome; genannt »die Immerjunge«.



Varda

Gemahlin von Manwe, mit dem sie auf dem Taniquetil wohnte; größte der Königinnen der Valar; Schöpferin der Sterne. Auf Gnomisch hieß sie Bredhil (S. 38 f.).



Verbannte

Die rebellischen Noldor, die von Aman nach Mittelerde zurückgingen.



Verborgene

Siehe Gondothlim.



Verborgener König

Turgon.



Verborgenes Reich

Gondolin.



Vinyamar*

Das Haus Turgons in Nevrast am Fuß des Berges Taras, bevor er nach Gondolin ging.



Voronwe

Elb von Gondolin, der einzige überlebende Seemann von den sieben Schiffen, die Turgon nach der Nirnaeth Arnoediad in den Westen schickte. Der Name bedeutet ›standhaft‹.



Wachtturm König

Der Turm (Minas Tirith), gebaut



Finrods

von Finrod Felagund. Dies war ein großer Wachtturm, den er auf Tol Sirion, der Insel im Pass von Sirion, erbaute, die nach ihrer Einnahme durch Sauron Tol-in-Gaurhoth, die Insel der Werwölfe, wurde.



Weberin der Düsternis

Siehe Ungoliant.



Weissagung des Mandos

Siehe Anmerkung auf S. 348 f.



Westliches Meer

Siehe Großes Meer.



Wingelot

›Schaumblüte‹, das Schiff Earendels.



Winzigherz

Elb von Tol Eressea, der die ursprüngliche Geschichte von Der Fall von Gondolin erzählte. In den Verschollenen Geschichten wird er folgendermaßen beschrieben: Er »hatte ein wettergegerbtes Gesicht und große von Fröhlichkeit strahlende blaue Augen und war sehr schlank und zierlich, ob er fünfzig oder zehntausend Jahre alt war«; und es wird auch gesagt, dass er seinen Namen wegen »seines jugendlich staunenden Herzens« trage. In den Verschollenen Geschichten hat er viele elbische Namen, aber Ilfiniol ist der einzige, der in diesem Buch erscheint.



Yavanna

Nach Varda war Yavanna die größte der Königinnen der Valar. Sie war die »Spenderin der Früchte« (die Bedeutung ihres Namens) und »liebt die Dinge, die in der Erde wachsen«. Yavanna rief die Bäume ins Leben, die Valinor erleuchteten und in der Nähe der Tore von Valmar wuchsen. Siehe Palúrien.



Ylmir

Gnomischer Name für Ulmo.



Zornhammer

Name eines der zwölf Häuser oder Geschlechter der Gondothlim.





Weitere Anmerkungen





Ainur





Der Name Ainur, übersetzt ›die Heiligen‹, leitet sich aus dem Mythos meines Vaters von der Schöpfung der Welt ab. Einem Brief von 1964 zufolge (aus dem ich eine Passage auf S. 22 zitiert habe), legte er die ursprüngliche Konzeption fest, als er in Oxford »als Mitarbeiter des damals noch unvollständigen großen Wörterbuchs« beschäftigt war. Dies war in der Zeit von 1918 bis 1920. »In Oxford«, so der Brief weiter, »schrieb ich einen kosmogonischen Mythos, ›Die Musik der Ainur‹, in dem das Verhältnis des Einen, des transzendentalen Schöpfers, zu den Valar, den ›Mächten‹, bestimmt wird, den engelhaften Erstgeschaffenen, und ihrem Anteil an der Ordnung und Ausführung des Urplanes.«

Es mag als eine exzessive Abschweifung von der Geschichte vom Fall von Gondolin zu seinem Mythos von der Schöpfung der Welt erscheinen, aber ich hoffe, es wird bald klar sein, was ich damit bezwecke.

Das zentrale Konzept des »kosmogonischen Mythos« wird im Titel erklärt: Die Musik der Ainur. Erst in den 1930er–Jahren entwarf mein Vater eine weitere Fassung, die Ainulindale (Die Musik der Ainur), die dem Originaltext inhaltlich sehr nahe kam. Aus dieser Version habe ich die Zitate in der folgenden, sehr kurzen Darstellung übernommen.

Der Schöpfer ist Eru, der Eine, auch und häufiger Ilúvatar genannt, was ›Vater des Alls‹, des Universums, bedeutet. In diesem Werk wird gesagt, dass Eru vor allem anderen die Ainur geschaffen hat, »Sprösslinge seiner Gedanken, und sie waren bei ihm vor der Zeit. Und er sprach zu ihnen, sie Melodien lehrend. Und sie sangen vor ihm, jeder allein, während der Rest zuhörte«. Dies war der Beginn der Musik der Ainur: denn Ilúvatar rief sie alle zusammen, und er lehrte sie eine gewaltige Melodie, aus der sie in Harmonie gemeinsam »eine große Musik« machen sollten.

Als Ilúvatar diese große Musik zu Ende brachte, tat er den Ainur kund, dass er als Herr aller Dinge all das, was sie gesungen und gespielt hatten, Gestalt und Wirklichkeit hatte annehmen lassen, wie die Ainur selbst sie besaßen. Dann führte er sie hinaus in die Dunkelheit.

Aber als sie in die innerste Leere kamen, sahen sie einen Anblick von überwältigender Schönheit, wo vorher nichts gewesen war. Und Ilúvatar sprach: »Sehet nun eure Musik! Denn aus meinem Willen hat sie Gestalt angenommen, und in diesem Augenblick beginnt die Geschichte der Welt.«

Ich schließe diesen Bericht mit einer Stelle von großer Bedeutung für dieses Buch. Es gibt ein Gespräch zwischen Ilúvatar und Ulmo über das Reich des Herrn des Wassers. Darauf heißt es:

Und in dem Augenblick als Ilúvatar zu Ulmo sprach, sahen die Ainur die Entfaltung der Welt und den Beginn jener Geschichte, die Ilúvatar ihnen als Melodie des Liedes vorgegeben hatte. Wegen ihrer Erinnerung an die Rede von Ilúvatar und dem Wissen, das jeder von der Musik, die er spielte, hat, wissen die Ainur viel von dem, was kommen wird, und nur wenige Dinge sind für sie unvorhersehbar.



Wenn wir diese Passage neben die Voraussicht von Ulmo bezüglich Earendel stellen, die ich als »wundersam« bezeichnet habe (S. 256), scheint es, dass Ulmo sehr weit in die Vergangenheit zurückblickte, um mit Sicherheit zu wissen, was die nahe Zukunft bringen würde.

Noch ein weiterer Aspekt der Ainur verdient Beachtung. Um noch einmal die Ainulindale zu zitieren, so heißt es dort:

Während sie darauf blickten, gewannen viele von ihnen die Schönheit der Welt lieb und ihre Geschichte, die sie sich auftun sahen, und es gab Unruhe unter ihnen. So kam es, dass einige noch bei Ilúvatar jenseits der Welt wohnten … Aber andere, und unter ihnen waren viele der weisesten und schönsten der Ainur, baten Ilúvatar um Erlaubnis, um in die die Welt einzutreten und dort zu wohnen und die Form und das Gewand der Zeit anzulegen. …

Dann stiegen die, die es wünschten, herab und traten in die Welt ein. Aber diese Bedingung stellte Ilúvatar, dass ihre Kräfte von nun an in der Welt eingeschlossen und gebunden sein und mit ihr vergehen müssten; und was mit ihnen danach gesehehen soll, hat Ilúvatar nicht offenbart.

So kamen die Ainur in die Welt, die wir die Valar oder die Mächte nennen, und sie wohnten an vielen Orten: am Firmament oder in den Tiefen des Meeres oder auf der Erde oder in Valinor an den Grenzen der Erde. Und die vier größten waren Melko, Manwe, Ulmo und Aule.



Es folgt das Porträt von Ulmo, das ich oben (S. 261) wiedergegeben habe.

Daraus folgt, dass der Begriff Ainur, Singular Ainu, an Stelle von Valar, Vala hin und wieder verwendet werden darf: so zum Beispiel in »es waren aber die Ainur gewesen, die ihn in seinem Herzen bewogen hatten« (S. 48).

Ich muss noch hinzufügen, dass ich in diesem Abriss der Musik der Ainur absichtlich einen großen Strang in der Schöpfungsgeschichte ausgelassen habe: die große und zerstörerische Rolle von Melko / Morgoth.





Húrin und Gondolin





Diese Geschichte findet sich in dem relativ späten Text, den mein Vater die Grauen Annalen nannte (siehe S. 257). Dort wird erzählt von Húrin und seinem Bruder Huor (dem Vater Tuors):

Sie zogen beide mit in die Schlacht gegen die Orks, selbst Huor, denn er ließ sich nicht abhalten, obwohl er erst dreizehn Jahre alt war. Doch gingen sie mit einem Trupp, der von den Übrigen abgeschnitten wurde, und kamen auf der Flucht zur Furt von Brithiach; und dort verhinderte nur Ulmos Kraft, die im Sirion noch stark war, dass sie gefangen oder erschlagen wurden. Ein Nebel stieg aus dem Flusse auf und verbarg sie vor den Feinden, und sie flohen nach Dimbar und wanderten in den Hügeln unter den steilen Wänden der Crissaegrim. Dort erspähte sie Thorondor, und er sandte ihnen zwei seiner Adler zu Hilfe, die sie hinauftrugen und über die Berge in das geheime Tal von Tumladen und die verborgene Stadt Gondolin brachten, die noch kein Mensch je gesehen hatte.



König Turgon hieß sie willkommen, denn Ulmo hatte ihm geraten, freundlich zum Haus Hador zu sein, aus dem ihm Hilfe zuteil werden würde. Sie wohnten ein Jahr in Gondor, und man sagt, dass Húrin zu dieser Zeit etwas über die Gedanken und Pläne Turgons erfahren habe; denn der König hatte Zuneigung zu ihnen gefasst und wollte sie in Gondolin halten. Aber sie wollten zu ihrem eigenen Volk zurückkehren und an den Kriegen und Nöten teilhaben, unter denen es litt. Turgon gab ihrem Wunsch nach und sagte: »Auf dem Weg, den ihr gekommen seid, sei euch erlaubt, wieder zu scheiden, wenn Thorondor einwilligt. Euer Abschied bekümmert mich, doch binnen kurzem, nach der Rechnung der Eldar, mögen wir uns wiedersehen.«

Die Geschichte endet mit den feindlichen Worten von Maeglin, der ihnen die Gunst des Königs missgönnte. »Nicht mehr so streng wie einst ist das Gesetz«, sagte er, »keine Wahl wäre auch sonst geblieben, als hier zu wohnen bis an euer Ende.« Darauf antwortete Húrin, wenn Maeglin ihnen nicht traue, würden sie Eide ablegen; und sie schworen, niemals Turgons Pläne zu verraten und über alles, was sie in seinem Reich gesehen hatten, zu schweigen.

Jahre später sagte Tuor zu Voronwe, als sie bei Vinyamar am Meer standen (S. 192): »Aber was mein Recht angeht, Turgon aufzusuchen, höre also: Ich bin Tuor, Huors Sohn und Abkömmling Húrins, deren Namen Turgon nicht vergessen haben wird.«

Húrin wurde in der Schlacht der Ungezählten Tränen lebendig gefangen genommen. Morgoth bot ihm die Freiheit oder die Befehlsgewalt als der mächtigste seiner Hauptleute an, »er brauche nur zu enthüllen, wo sich Turgons Festung befinde«. Dieses Angebot lehnte Húrin mit äußerster Kühnheit und Verachtung ab. Dann führte Morgoth ihn an einen hohen Ort auf den Thangorodrim und bannte ihn dort auf einen steinernen Sitz; und er sagte zu Húrin, dass er mit Augen von Morgoth auf die unglücklichen Schicksale derer schauen sollte, die er liebte, und nichts würde ihm entgehen. Húrin musste dies achtundzwanzig Jahre lang ertragen. Am Ende dieser Zeit ließ Morgoth ihn frei. Er tat so, als sei er von Mitleid für einen völlig besiegten Feind bewegt worden, aber er log. Er hatte eine weitere böse Absicht; und Húrin wusste, dass Morgoth kein Mitleid kannte. Aber er nahm sich seine Freiheit. In der Verlängerung der Grauen Annalen, in denen diese Geschichte erzählt wird, Die Wanderungen Húrins betitelt, kam er dann zu den Echoriath, den Umzingelnden Bergen von Gondolin. Aber er konnte keinen Weg hindurch finden, und er stand verzweifelt »vor der strengen Stille der Berge«.

Und am Ende stand er auf einem großen Stein und breitete seine Arme aus, schaute auf Gondolin und rief mit lauter Stimme: »Turgon! Húrin ruft dich an. O Turgon, willst du nicht hören in deinen verborgenen Hallen?« Aber es gab keine Antwort, und alles, was er hörte, war Wind in den trockenen Gräsern. … Doch es gab Ohren, die die Worte Húrins gehört, und Augen, die seine Gesten verfolgt hatten; und so gelangte bald ein Bericht über alles zu dem Dunklen Thron im Norden. Da lächelte Morgoth und wusste nun deutlich, in welchem Gebiet Turgon wohnte, obwohl wegen der Adler noch kein Spion von ihm in Sichtweite des Landes hinter den umzingelnden Bergen kommen konnte.«



So treffen wir hier wieder auf die sich verändernde Vorstellung meines Vaters, wie Morgoth entdeckte, wo das Verborgene Königreich lag (siehe S. 143 ff.). Die Geschichte im vorliegenden Text steht eindeutig im Widerspruch zur Passage in der Quenta Noldorinwa (S. 158 f.), wo der Verrat Maeglins nach dessen Gefangennahme durch die Orks in dieser klaren Form erzählt wird: »Er erkaufte Leben und Freiheit, indem er Morgoth die genaue Lage von Gondolin verriet und die Wege, auf denen es zu erreichen und anzugreifen war. Groß war da Morgoths Freude.«

Die Geschichte hatte sich im Lichte des Endes des obigen Abschnitts, wo Húrins Schreie den Ort von Gondolin offenbarten, in der Tat, wie ich meine, einen Schritt weiterentwickelt. Das geht aus dem hervor, was mein Vater an dieser Stelle im Manuskript hinzugefügt hat:

Später, als Maeglin gefangen genommen wurde und er seine Freilassung mit Verrat erkaufen wollte, muss Morgoth lachend antworten und sagen: »Mit alten Geschichten kann man nichts kaufen. Ich weiß das längst, ich bin nicht leicht zu blenden!« So war Maeglin gezwungen, mehr zu bieten – nämlich den Widerstand in Gondolin zu untergraben.





Eisenberge





Auf den ersten Blick schien es, dass das Hisilóme (Hithlum) aus frühen Texten ein anderes Gebiet war als das spätere Hithlum, da es jenseits der Eisenberge lag. Ich kam jedoch zu dem Schluss, dass es sich lediglich um eine Namensänderung handelte, und das ist sicherlich die Erklärung. Im Buch der Verschollenen Geschichten wird an anderer Stelle erzählt, dass sich Melko nach der Flucht aus seiner Gefangenschaft in Valinor (siehe S. 32 f.) daranmachte, »neue Behausungen zu erbauen in den Landstrichen des Nordens, wo die Eisenberge stehen, sehr hoch und schrecklich anzuschauen«, und auch dass Angband unter den Wurzeln der nördlichsten Festungen der Eisenberge lag; diese Berge wurden nach den unter ihnen liegenden »Eisenhöllen« so benannt.

Die Erklärung dafür ist, dass der Name »Eisenberge« ursprünglich auf den späteren Bereich der »Schattenberge« oder »Berge des Schattens«, Ered Wethrin, angewandt wurde. (Es mag sein, dass diese Berge als zusammenhängendes Gebirge betrachtet wurden, aber die südliche Ausdehnung, das heißt, die südlichen und östlichen Wälle von Hithlum, namentlich von den schrecklichen nördlichen Gipfeln über Angband unterschieden wurden, deren mächtigste die Thangorodrim waren.)

Leider habe ich es versäumt, im Verzeichnis der Namen in Beren und Lúthien den Eintrag Hisilóme zu ändern, der besagt, dass diese Region den Namen »wegen des spärlichen Sonnenlichts trägt, das über die Eisenberge im Süden und Osten dringt«. Auf S. 52 im vorliegenden Text habe ich »Eisenberge« durch »Schattenberge« ersetzt.





Nirnaeth Arnoediad: Die Schlacht der Ungezählten Tränen





In der Quenta Noldorinwa heißt es:

Nun muss gesagt werden, dass Maidros, Sohn Feanors, erkannte, dass Morgoth nach den Taten von Huan und Lúthien und dem Zerbrechen der Türme von Thu [Tol Sirion, Insel der Werwölfe; später > Saurons Turm] nicht unangreifbar war, aber dass er sie alle vernichten würde, einen nach dem anderen, wenn sie ein neues Bündnis schlossen und Rat hielten. Das war Maidros’ Bund und klug geplant.



Die gigantische Schlacht, die folgte, war die katastrophalste in der Geschichte der Kriege von Beleriand. Verweise auf die Nirnaeth Arnoediad, in der die Elben und Menschen völlig besiegt und nahezu vernichtet wurden, sind in den Texten reichlich vorhanden. Fingon, der König der Noldor, ein Sohn Fingolfins und Bruder von Turgon, wurde erschlagen, und sein Reich war nicht mehr. Aber ein sehr bemerkenswertes Ereignis am Anfang der Schlacht war das Eingreifen von Turgon, der damit die Deckung von Gondolin aufgab. Dieses Ereignis wird so in den Grauen Annalen erzählt (siehe Die Entwicklung der Geschichte, S. 257):

Zur Freude und zum Staunen aller erklangen große Hörner, und dort marschierte ein unerwartetes Heer in den Krieg. Dies war die Armee von Turgon, die aus Gondolin hervorkam, zehntausend Mann stark, mit schimmernden Panzern und langen Schwertern, und sie besetzten die Stellung im Süden, um die Pässe des Sirion zu bewachen.



Es gibt auch in den Grauen Annalen eine höchst bemerkenswerte Passage zum Thema Turgon und Morgoth.

Aber ein Gedanke beunruhigte Morgoth tief und verdarb ihm die Siegesfreude; Turgon, den er am meisten zu ergreifen wünschte, war dem Netz entkommen. Denn Turgon kam aus dem mächtigen Hause Fingolfin und war nun rechtens der König aller Noldor, und Morgoth fürchtete und hasste Fingolfins Sippe am meisten, weil sie ihn in Valinor verachtet hatten und die Freundschaft Ulmos besaßen, und wegen der Wunden, die Fingolfin ihm im Kampf geschlagen hatte. Darüber hinaus war Turgon ihm schon früher ins Auge gestochen, und ein dunkler Schatten war auf seine Seele gefallen, eine Vorahnung, dass zu einer noch im Dunkel verborgenen Zeit von Turgon sein Verderben kommen werde.





Die Ursprünge von Earendel





Der folgende Text stammt aus einem langen Brief meines Vaters von 1967 über seine Konstruktion von Namen innerhalb und seine Adaption von Namen außerhalb seiner Geschichte.

Er bemerkte zu Beginn, dass der Name Earendil (die spätere Form) sehr deutlich von dem altenglischen Wort éarendel abgeleitet war – ein Wort, das er in dieser Sprache als besonders schön empfand. »Außerdem«, fuhr er fort, »deutet die Form stark darauf hin, dass es ursprünglich ein Eigenname und kein allgemeines Substantiv ist.« Aus verwandten Formen in anderen Sprachen schien es ihm sicher hervorzugehen, dass das Wort zu einem astronomischen Mythos gehörte und der Name eines Sterns oder einer Sternengruppe war.

»Nach meiner Auffassung«, schrieb er, »scheinen die altenglischen Belege klar zu besagen, dass es ein Stern war, der die Morgendämmerung ankündigte (jedenfalls in der englischen Überlieferung), das heißt, der, den wir heute Venus nennen: der Morgenstern, wie man ihn hell leuchtend in der Frühe, kurz vor Sonnenaufgang, sehen kann. So jedenfalls habe ich es verstanden. Vor 1914 schrieb ich ein Gedicht über Earendel, der mit seinem Schiff wie ein blitzender Funke aus dem Hafen der Sonne auslief. Ich adoptierte ihn für meine Mythologie – in der er zum Urbild eines Seefahrers und schließlich zum Botenstern, zum Hoffnungszeichen für die Menschen wurde. Aiya Earendil Elenion Ancalima ›Heil Earendil, hellster der Sterne‹ erinnert von fern an Éala Éarendel engla beorhtast.«

Es war in der Tat ein langer Weg. Diese altenglischen Worte stammen aus dem Gedicht Crist, das an dieser Stelle éala! Éarendel engla beorhtast ofer middangeard monnum sended (»Heil, Earendel, der Engel hellster, über die Mittelerde [= die von Menschen bewohnte Welt] den Menschen gesandt«) lautet. Aber, so außergewöhnlich es auf den ersten Blick erscheint, mit den elbischen Worten Aiya Earendil Elenion Ancalima, die mein Vater in diesem Brief zitierte, bezog er sich auf einen Abschnitt im Kapitel »Kankras Lauer« in Der Herr der Ringe. Als Shelob sich Sam und Frodo in der Dunkelheit näherte, rief Sam: »Das Geschenk der Herrin! Das Sternenglas. Ein Licht für dich an dunklen Orten sollte es sein, sagte sie. Das Sternenglas!« Erstaunt über seine Vergesslichkeit »griff seine Hand in die Brusttasche, und langsam hielt er Galadriels Phiole hoch. … Die Dunkelheit wich vor dem Licht zurück, bis es im Mittelpunkt einer Kugel aus durchsichtigem Kristall zu brennen schien, und die Hand, die es hielt, mit weißem Feuer funkelte.

Frodo betrachtete voll Staunen dieses wunderbare Geschenk, das er so lange bei sich getragen hatte, ohne seinen vollen Wert und seine Macht zu vermuten. Selten hatte er sich unterwegs daran erinnert, bis sie zum Morgul-Tal kamen, und niemals hatte er es benutzt, weil er fürchtete, das Licht könne sie verraten. Aiya Earendil Elenion Ancalima!, rief er und wusste nicht, was er gesprochen hatte; denn es schien, als spräche durch seine Stimme eine andere, eine klare und von der verpesteten Luft der Höhle nicht beeinträchtigte Stimme«.

In dem Brief von 1967 sagte mein Vater weiter, »der Name konnte nicht einfach so übernommen werden: Er musste in die Sprachsituation des Elbischen eingefügt werden, während zugleich in der Sage für diese Person ein Platz gefunden werden musste. Von da aus, weit zurückliegend in der Geschichte des ›Elbischen‹, die nach vielen provisorischen Ansätzen im Knabenalter nun, zu der Zeit, als der Name übernommen wurde, allmählich eine endgültige Form annahm, entstanden schließlich a) der urelbische Stamm AYAR ›Meer‹, hauptsächlich in Bezug auf das Große Westmeer …, und b) das Wortelement (N)DIL, ›lieben, sich widmen‹ … Earendil wurde zu einer Figur in der am frühesten (1916–17) niedergeschriebenen unter den größeren Sagen: Der Fall von Gondolin. … Tuor war von Ulmo aufgesucht worden, einem der größten unter den Valar, dem Herrn der Meere und Gewässer, und von ihm nach Gondolin gesandt worden. Ulmos Erscheinung hatte in Tuors Herzen eine unstillbarte Meeressehnsucht geweckt, daher die Wahl des Namens für seinen Sohn, an den er diese Sehnsucht weitergab.«





Die Weissagung des Mandos





Im Auszug aus der Skizze der Mythologie im Prolog heißt es (S. 34), dass Mandos, als die Noldoli in ihrer Rebellion gegen die Valar aus Valinor fortsegelten, einen Abgesandten schickte, der von einer hohen Klippe aus sprach, als sie vorübersegelten, und sie aufforderte umzukehren; und als sie sich weigerten, verkündete er die Weissagung des Mandos über ihr künftiges Schicksal. Ich gebe hier eine Passage wieder, die dies schildert. Der Text ist die erste Version von Die Annalen von Valinor – die letzte Fassung sind die Grauen Annalen (siehe Die Entwicklung der Geschichte, S. 246). Diese früheste Version stammt aus der gleichen Zeit wie die Quenta Noldorinwa.

Sie [die scheidenden Noldoli] kamen an einen Ort, an dem ein hoher Felsen das Ufer überragt, und dort stand entweder Mandos oder sein Bote und verkündete den Spruch des Mandos. Er verfluchte das Haus Feanors und in geringerem Maße alle, die ihm folgten oder an seiner Unternehmung teilhatten, es sei denn, sie kehrten zurück, um sich dem Urteil und der Vergebung der Valar zu unterwerfen. Wenn sie es aber nicht täten, dann sollten ihnen Unglück und Verderben widerfahren, und allzeit Verrat von Bruder an Bruder; und ihr Eid sollte sich gegen sie wenden; und ein Maß an Sterblichkeit sollte ihnen zuteilwerden, dass sie leicht getötet werden könnten durch Waffen, Qualen oder Trauer und am Ende vor der jüngeren Rasse verblassen und schwinden sollten. Und vieles andere sagte er dunkel voraus, das hernach eintrat, und warnte sie, dass die Valar Valinor gegen ihre Rückkehr verschließen würden.

Aber Feanor verhärtete sein Herz und ließ sich nicht bewegen, und so tat es auch, wenngleich widerwillig, Fingolfins Volk, das den Zwang ihrer Verwandtschaft spürte und sich vor dem Urteil der Götter fürchtete (denn nicht das ganze Haus von Fingolfin war am Sippenmord unschuldig gewesen).



Siehe auch die Worte Ulmos zu Tuor in Vinyamar (LF, S. 187).





Die drei Geschlechter der Elben in Der Hobbit





Im Hobbit, nicht weit vom Ende von Kapitel 8, »Fliegen und Spinnen«, findet sich diese Passage:

Die Leute bei den nächtlichen Festgelagen waren Waldelben gewesen, wer sonst? … Sie waren anders als die Hochelben aus dem Westen, gefährlicher und nicht so klug. Denn die meisten von ihnen (ebenso wie ihre verstreut lebenden Verwandten in den Berg- und Hügelländern) stammten von jenen uralten Stämmen ab, die nie in den Westen, ins Elbenland, gezogen waren. Dorthin waren die Lichtelben, die Tiefelben und die Meerelben gezogen und hatten lange Zeiten hindurch dort gelebt, waren schöner, weiser und gelehrter geworden, hatten magische Kräfte und Kunstfertigkeiten gewonnen, mit denen sie schöne und wunderbare Dinge schufen, bevor einige von ihnen in die weite Welt zurückkehrten.



Diese letzten Worte beziehen sich auf die rebellischen Noldor, die Valinor verließen und in Mittelerde als die Verbannten bekannt wurden.





Stammbäume





Die Fürsten der Noldor





Das Haus Beor





Karte





Tafeln





Erläuterungen




1

Um zu zeigen, dass dies keineswegs ein Hirngespinst ist: In seinem Brief an mich vom 6. Mai 1944 schrieb mein Vater: »Eine neue Figur ist auf der Szene erschienen (ich bin sicher, ich habe ihn nicht erfunden, ich wollte ihn gar nicht haben, obwohl er mir gefällt, aber da kam er in die Wälder von Ithilien spaziert): Faramir, Boromirs Bruder.«





2

Earendel ist der ursprüngliche Name der Figur, die später zu Earendil wurde. Zu den Hintergründen siehe S. 345–48 f.





3

Zur Verwendung von Gnomen für das Volk der Elben, die als Noldor (früher Noldoli) bekannt sind, siehe Beren und Lúthien, S. 36f.





4

Finwe war der Anführer der Noldoli auf der Großen Wanderung von Cuiviénen. Sein ältester Sohn war Feanor; sein zweiter Fingolfin, der Vater von Fingon und Turgon; sein dritter Finarfin, der Vater von Finrod Felagund. Siehe hierzu den Stammbaum auf S. 351.





5

In Tuor B ist mit Bleistift dünn darübergeschrieben: Idril Talceleb.





6

In Tuor B mit Bleistift darübergeschrieben: Heborodin.





7

Dieser Satz wurde mit einem X für eine Streichung markiert, aber ohne ersetzt zu werden.





8

Der Text ist hier ein wenig unklar aufgrund von hastig vorgenommenen Änderungen. In dieser Überarbeitung heißt es, dass Rían »in die Wildnis ging«, wo Tuor geboren wurde; und dass er »von Dunkelelben aufgezogen wurde; aber Rían legte sich nieder auf dem Hügel der Erschlagenen und starb. Aber Tuor wuchs in den Wäldern von Hithlum auf, und er war schön von Gesicht und groß an Statur …« Eine Versklavung Tuors wird somit in der Neufassung nicht erwähnt.





9

Um Verwirrung zu vermeiden, wurde der Titel der Geschichte in Nachrichten aus Mittelerde in Tuor und seine Ankunft in Gondolin geändert, da über den eigentlichen Fall der Stadt darin nichts berichtet wird.





10

Dies ist jener Círdan, der Schiffbauer, der in Der Herr der Ringe am Ende des Dritten Zeitalters als Herr der Grauen Anfurten auftritt.





11

An diesem Punkt endet das sorgfältig geschriebene Manuskript, und es folgt nur ein auf ein Stück Papier gekritzelter Entwurf.





12

Tatsächlich hatte der Lektor nur ein paar Seiten des Silmarillion gesehen, was er freilich nicht wusste. Wie ich in Beren und Lúthien (S. 227) kurz beschrieben habe, bewertete er diesen Text weit positiver als das Leithian-Lied, wobei er die Verbindung zwischen den beiden Texten nicht erkannte; und in seinem Enthusiasmus für das Fragment des Silmarillion sagte er absurderweise, die Geschichte sei »mit einer bildhaften Knappheit und Würde erzählt, die das Interesse des Lesers trotz ihrer die Augen schmerzenden keltischen Namen gefangen nimmt. Sie hat etwas von jener verrückten, glanzäugigen Schönheit, die jeden Angelsachsen angesichts keltischer Kunst so betroffen macht«.





13

Diese Worte, leicht verändert, wurden von Tuor zu Voronwe bei Vinyamar gesprochen, LV, S. 192.





Autoreninfo




John Ronald Reuel Tolkien wurde am 3. Januar 1892 in Bloemfontein (Südafrika) geboren und wuchs in England auf. Von 1925 an war er Professor für englische Philologie in Oxford und erwarb sich schon bald großes Ansehen als einer der angesehensten Philologen weit über die Grenzen Englands hinaus. Seine besondere Vorliebe galt den alten nordischen Sprachen.

Seine weltbekannten Bücher »Der Hobbit«, »Der Herr der Ringe«, »Das Silmarillion« haben die Fantasyliteratur entscheidend geprägt und wurden in über 40 Sprachen übersetzt. Millionen von Lesern werden seither von den Ereignissen in Mittelerde in Atem gehalten. J. R. R. Tolkien starb 1973 in Bournemouth.

Tolkien zeigt sich schon als Kind fasziniert von alten, längst vergessenen Sprachen und Mythen.

In Oxford spezialisierte sich der Stipendiat, der seit Kindertagen in seiner Freizeit zum bloßen Zeitvertreib Alphabete kreierte und neue Sprachen komponierte wie andere Menschen Musikstücke, bald aufs Altenglische und beschäftigte sich vor allem mit mittelalterlichen Dialekten der westlichen Midlands. W.A. Craigie, ein Kenner besonders der schottischen Volksüberlieferungen, führte ihn in die isländischen und finnischen Sprachen und Mythologien ein. Das Finnische wie das Walisische wurden später Grundlage für die Elfensprache im Herrn der Ringe.

1924, gerade 32 Jahre alt, wurde Tolkien als Professor für englische Sprachen nach Oxford berufen und blieb mehr als vierzig Jahre. Mit Frau und Kindern lebte er in einem schmucklosen Reihenhaus am Rande der Stadt.

Tolkien ist 1973 gestorben, sein Fantasy-Land »Mittelerde« ist, obwohl literarisch inzwischen vielfach abgekupfert, der beliebteste literarische Abenteuerspielplatz für Kinder und Erwachsene geblieben.





