Inhalt


Cover

Inhalt

Über dieses Buch

Über den Autor

Titel

Impressum

Motto

I 1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36





II 37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

49

50

51

52

53

54

55

56

57

58

59





Über dieses Buch


			Deutschland hat eine Obergrenze für Asylsuchende eingeführt, ganz Europa ist bis weit nach Nordafrika hinein abgeriegelt. Jenseits der Sahara entstehen riesige Lager, in denen Millionen von Flüchtlingen warten, warten, warten. So lange, dass man in derselben Zeit eigentlich auch zu Fuß gehen könnte, wäre das nicht der sichere Tod.

			Als die deutsche Starmoderatorin Nadeche Hackenbusch das größte dieser Lager besucht, erkennt der junge Lionel die einmalige Gelegenheit: Mit 150.000 Flüchtlingen nutzt er die Aufmerksamkeit des Fernsehpublikums und bricht zum Marsch nach Europa auf. Die Schöne und die Flüchtlinge werden zum Quotenhit. Und während sich der Sender über Live-Berichterstattung mit Zuschauerrekorden und Werbemillionen freut, reagiert die deutsche Politik mit hilflosem Wegsehen, Kleinreden und Aussitzen. Doch je näher der Zug rückt, desto mehr ist Innenminister Joseph Leubl gefordert. Und desto dringlicher stellen sich ihm und den Deutschen zwei Fragen: Was kann man tun? Und in was für einem Land wollen wir eigentlich leben?





Über den Autor


			Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines Ungarn geboren. Er studierte in Erlangen Geschichte und Politik und arbeitete anschließend als Journalist und Ghostwriter. Er schrieb bis 2001 für die Abendzeitung und den Kölner Express und war später Textchef mehrerer People- und Lifestyle-Magazine. Sein 2012 bei Eichborn erschienener Roman Er ist wieder da ist eines der erfolgreichsten deutschen Debüts der letzten Jahrzehnte.





TIMUR VERMES

DIE

HUNGRIGEN

UND DIE SATTEN

ROMAN





ViSiT WWW.iBOOKS.TO





			BASTEI ENTERTAINMENT

			Vollständige eBook-Ausgabe

			des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

			Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

			Dieser Roman ist eine Fiktion. Zwar waren schon 2016 laut UNO-Flüchtlingshilfe weltweit rund 70 Millionen Menschen auf der Flucht. Aber das heißt noch lange nicht, dass irgendeiner von ihnen eine zündende Idee haben muss.

			Selbst wenn: Es ist keineswegs sicher, dass irgendein Fernsehsender über diese Idee berichten würde. Und sollte es trotzdem so weit kommen, ist es nicht sicher, dass Campino sich dazu äußert.

			Überhaupt kann niemand garantieren, dass die geschilderten Personengruppen sich so verhalten werden, wie es das Buch unterstellt. Es ist durchaus möglich, dass alles ganz anders kommt.

			Es ist nur nicht wahrscheinlich.





			Dieser Titel ist auch als Hörbuch erschienen





			Eichborn Verlag in der Bastei Lübbe AG



			Originalausgabe



			Copyright © 2018 by Timur Vermes

			Copyright für die deutsche Originalausgabe © 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

			Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München



			Textredaktion: Bärbel Brands, Berlin

			Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel | punchdesign, München

			Einband-/Umschlagmotiv: © Johannes Wiebel | punchdesign

			eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde



			ISBN 978-3-7325-6546-7

			www.bastei-entertainment.de

			www.lesejury.de





			Ich hasse die Wirklichkeit.

			Leider ist sie der einzige Ort,

			an dem man ein anständiges Steak bekommt.

			Woody Allen





I





1


			Der Flüchtling versucht betont normal zu gehen, was nicht leicht ist, weil es sich nicht normal anfühlt. Ob sein Gang so natürlicher wird, kann er noch nicht sagen. Er weiß nur, dass das Normalgehen auch deshalb nicht klappt, weil ihn die Blicke der anderen nervös machen. Er zieht daraufhin den Kopf etwas ein, aber das ist der falsche Weg, das merkt er gleich an den Reaktionen: Wahrscheinlich sieht er jetzt aus wie ein buckliger Storch. Dann lieber Brust raus, Kopf hoch und grinsen.

			Besser.

			Er muss nur aufpassen, dass er nicht anfängt, huldvoll zu grüßen wie die alte Engländerkönigin.

			Hätte er es früher tun sollen? Ging eigentlich nicht. Es ist ja nicht so, dass er ewig darüber nachgedacht hat. Er ist auch jetzt noch nicht sicher, ob es richtig war. Ändern kann er es auf jeden Fall nicht mehr.

			Er entspannt sich langsam, das Grinsen wird zu einem Lächeln. Er lässt sich allmählich in seine neue Rolle fallen. Ist ja logisch, dass sie ihn ansehen. Wie sollte es auch anders sein: Wenn jeder Tag genauso ist wie der Tag zuvor, dann werden kleinste Veränderungen aufregend. Interessant ist, dass sein sichereres Auftreten andere Reaktionen hervorruft. Es wird weniger gekichert, und er bekommt öfter ein aufmunterndes Nicken oder Anerkennung. Zwei Kinder laufen ihm hinterher, so wie sie manchmal Autos nachlaufen. Es könnten noch mehr werden, aber dann kommt tatsächlich ein Auto, und seine Staubwolke reißt die Kinder mit sich fort.

			Der Flüchtling beginnt mit der neuen Situation zu spielen. Ein Mädchen sieht ihn an, und er antwortet auf ihren Blick mit einem Tanzschritt. Sie lacht. Es fühlt sich gut an. Es war richtig. Es war’s wert. Er hätte es wohl doch früher tun sollen. Der Flüchtling biegt um die Ecke und sieht Mahmoud.

			Mahmoud hockt auf dem Boden und beobachtet eine Gruppe von Mädchen. Der Flüchtling schiebt die Hände in die Hosentaschen und stellt sich neben Mahmoud. Mahmoud bewegt sich nicht.

			»Das bringt nix«, sagt der Flüchtling zu ihm.

			»Das weiß man nicht«, meint Mahmoud, ohne aufzublicken.

			»Das weiß man. Du guckst falsch.«

			»Ich guck, wie alle gucken.«

			»Eben«, sagt er. »Alle gucken zu Nayla, alle gucken wie du. Woran soll sie merken, dass du besonders bist?«

			»Weil es gar nicht um Nayla geht.«

			»Sondern? Um Elani?«

			»Vielleicht. Vielleicht nicht.«

			»Das wäre ja noch blöder.«

			»Woher willst du das wissen?«

			»Weil es auch für Elani aussieht, als ob du Nayla anschaust. Dann denkt eben auch Elani, dass du wie alle bist.«

			Mahmoud legt den Kopf in den Nacken und dreht die Augen nach oben, bis er den Flüchtling ansehen kann: »Hast du einen besseren Plan?«

			»Warum gehst du nicht rüber, ganz cool, so dass Nayla schon überlegt, wie sie dich am besten abwimmelt. Und wenn du dann neben ihr stehst, wenn Nayla schon den Mund aufmacht – dann wendest du dich plötzlich an Elani.«

			Mahmoud klappt seinen Kopf wieder nach vorne. Er denkt über den Vorschlag nach und sagt dann: »Das ist deine Nummer. Du bist so ein Quatscher. Ich bin mehr so ein Gucker. Meine Kraft liegt in meinem Blick. Wo hast du die Schuhe her?«

			Mahmoud hat nicht ein Mal nach unten gesehen. Vielleicht liegt seine Kraft ja wirklich in seinem Blick.

			»Man spart ein bisschen, wenn man selbst nicht raucht«, sagt der Flüchtling und hält Mahmoud die Zigaretten hin.

			Mahmoud nimmt sich eine und sagt: »Aber man spart mehr, wenn man schnorrt.« Er steckt die Zigarette hinter sein Ohr und dreht sich in der Hocke zum Flüchtling, wie ein Automechaniker, der einen Schaden begutachtet. »Die sehen gut aus«, sagt er anerkennend, »die sehen sogar echt aus. Wenn ich nicht wüsste, dass du hier keine Echten kriegst, würde ich sagen …«

			»Natürlich kriegst du hier Echte.«

			Der Flüchtling klemmt die Schachtel wieder unter den linken Ärmel seines T-Shirts auf die breite Schulter. Das macht weder die Schachtel noch die Zigaretten attraktiver, aber man sieht sofort, dass er Zigaretten hat. Und Zigaretten sind in jedem Lager unentbehrlich, auch für Nichtraucher. Man kann damit Kontakte knüpfen, Leuten was Gutes tun, ohne dass man eine große Sache draus macht. Zigaretten kann jeder brauchen, wenn nicht für sich, dann für seine Eltern oder Geschwister oder für einen Freund wie Mahmoud.

			Mahmoud klopft ungeduldig an das Bein des Flüchtlings. Er rüttelt so lange, bis der Flüchtling endlich das Bein hebt, damit der Schuhmechaniker auch die Sohle begutachten kann. »Geile Farbe. Bei wem kriegst du die?«, fragt Mahmoud von unten herauf. »Bei Mbeke? Dann sind sie nicht echt.«

			»Stimmt.«

			»Na also.«

			»Was – na also?«

			»Nicht echt.«

			»Nö. Nicht von Mbeke.«

			»Von wem denn sonst? Ndugu steckt die Nase nicht mehr ins Schuhbusiness, das weiß ich sicher.«

			»Die sind auch nicht von Ndugu.«

			»Dann sind sie erst recht nicht echt.«

			»Dann sind’s wohl Fake-Shoes.« Der Flüchtling lacht.

			Mahmoud richtet sich auf: »Jetzt sag schon!«

			»Und wenn sie von Zalando sind?«

			»Zalando verkauft keine Schuhe.«

			»Für mich macht er vielleicht eine Ausnahme.«

			Mahmoud mustert ihn. Keiner weiß, wie Zalando wirklich heißt. Alle wissen nur, dass er bei der Organisation arbeitet und Deutscher ist. Und dass er immer dasselbe antwortet, wenn man ihn um einen Gefallen bittet: »Was fragst du mich? Bin ich Zalando?« Ein selten blöder Spruch, wenn doch keiner seinen echten Namen kennt. Vielleicht ist er ja tatsächlich jener berühmte Zalando.

			»Dann sagst du’s eben nicht«, sagt Mahmoud. Er holt die Zigarette hinter dem Ohr hervor und hält sie dem Flüchtling mit einem fragenden Gesichtsausdruck hin.

			Der Flüchtling holt sein Feuerzeug aus der Hose. Wer Leute mit Zigaretten beglücken will, muss die Zigarette auch anzünden können. Sonst suchen die Leute jemanden mit Feuer, und dann ist ein brauchbares Gespräch unmöglich. Sie hören nicht mehr zu, sie vergessen die Hälfte oder kriegen sie erst gar nicht mit. Mahmoud und er gehen schweigend die staubige Straße entlang. Mahmoud schaut auf sein Smartphone.

			»In Berlin essen sie jetzt Kartoffeln und Schweinefüße.«

			»Wer will schon nach Berlin?«

			»Ich nicht.«

			»Ich auch nicht.«

			»Es ist schön hier!«, ruft Mahmoud.

			»Es ist herrlich«, antwortet der Flüchtling und breitet die Arme aus. »Die schönsten Steine der Welt. Sonne kostenlos. Was gibt’s in Berlin, was es hier nicht gibt?«

			»Blonde Frauen«, sagt Mahmoud und raucht.

			»Und wenn schon? Wer will blonde Frauen?«

			»Ich. Zum Ausprobieren.«

			»Aber Mahmoud!« Der Flüchtling stellt sich Mahmoud in den Weg, er nimmt ihn sanft bei den Schultern und sieht ihm mahnend ins Gesicht: »Blonde Frauen hat der Teufel gemacht. Wer Blonde ins Haus lässt, erntet Unglück. Du wirst krank. Deine Felder verdorren. Höre auf deinen alten Vater: Eine blonde Frau wird dich verfluchen, so dass alle deine Ziegen verhungern.«

			»So ein Glück: Meine Ziegen sind schon verhungert. Jetzt hab ich eine blonde Frau gut.«

			»Du hast nie Ziegen gehabt.«

			»Umso ungerechter! Dann kriege ich sogar zwei blonde Frauen.«

			Der Flüchtling lacht. Mahmoud auch.

			»Und? Woher sind jetzt die Schuhe?«

			»Gekauft.«

			»Neu?«

			»Neu.«

			»Und wo nimmst du die Kohle her?«

			»Du hättest die Kohle auch.«

			»Schon. Aber ich geb sie nicht aus. Jedenfalls nicht für so einen Quatsch wie Schuhe.«

			»Sondern? Für einen Schlepper?«

			»Da kannste deinen Arsch drauf wetten. Aber für einen Spitzenschlepper.«

			»Hört, hört«, spottet der Flüchtling, »sogar für einen Spitzenschlepper!«

			»Schau an. Wieder einer mit Reiseplänen.«

			Das kommt von Miki. Miki steht hinter seiner Bar am Lager-Highway. Er hat sie aus Brettern und Spanplatten zusammengenagelt, einige Wellblechteile und die Motorhaube eines alten Mercedes sorgen für Schatten. Anfangs war mal geplant, sie einheitlich anzustreichen. Aber wie es eben so ist, mal kommt jemand zu Besuch, mal regnet es, mal hilft einem der beste Freund nicht, weil man gerade was mit seiner Frau hat – schon sind fünf Jahre vorbei, und man wartet nur noch, bis die Bar zusammenfällt, damit man endlich eine neue bauen kann. Aber dafür ist sie leider zu stabil.

			Die Bar ist nicht so klein, dass Miki sie unbehelligt führen kann, niemand kann das. Aber sie ist klein genug, dass ihm die Gangs nicht so genau auf die Finger schauen. Ohne Gangschutz kriegt er allerdings auch nicht immer Strom für seinen Kühlschrank.

			»Und ob ich verreise!« Mahmoud bleibt stehen. »Dieses Drecksloch ist nämlich nicht für jeden das Ziel seiner Träume.«

			»Sei mal nicht so sicher«, sagt Miki, »wie fühlt sich das an?« Er greift unter die Theke und wirft den beiden einen Eiswürfel über die Straße entgegen. »Ein kaltes Getränk, kurz vor der großen Reise?«

			Der Flüchtling will den Eiswürfel auffangen, aber Mahmoud schnappt ihn sich zuerst und steckt ihn in den Mund.

			»Danke, ich hab schon.«

			»Komm«, sagt der Flüchtling, »ich lad dich ein.« Er schiebt Mahmoud zu Mikis Theke. »Zwei. Import. Und mach dir auch eins auf.«

			»Danke, der Herr«, sagt Miki vornehm und stellt drei Flaschen auf die Theke, eine davon vor sich. Mahmoud ist einigermaßen überrascht.

			»Erst neue Schuhe, dann Importbier. Hab ich was verpasst?«

			»Weiß ich noch nicht«, sagt der Flüchtling. »Trink einfach. Vielleicht war’s auch ’n Fehler.«

			»Bestimmt nicht«, versichert Mahmoud.

			»Bier ist nie ein Fehler«, weiß Miki und nimmt einen großen Schluck. Es ist wirklich heiß.

			»Sind vielleicht die Schlepperpreise gefallen?«, bohrt Mahmoud.

			»Die für deinen Schlepper sicher nicht«, frotzelt der Flüchtling und beugt sich zu Miki. »Mahmoud spart auf einen Spitzenschlepper.«

			Miki macht große Augen.

			»Genau«, sagt Mahmoud, »hört auf meine Worte: Dieser Mann hier reist nicht in irgendeinem engen dunklen Lastwagen.«

			»Sondern?« Miki lehnt sich an den Kühlschrank. Er nimmt das Bierglas vom Regal und fängt an, es zu polieren, als käme bald jemand, der Bier aus einem Glas trinkt.

			»Dieser Mann legt sich gemütlich in den Schatten, bis der Schlepper kommt. Mit einem weißen Mercedes. Und cremefarbenen Sitzen. Dann springt der Schlepper aus der Tür. Er hat so eine Uniform an wie die Männer vor den teuren Hotels und trägt einen Sonnenschirm. Er rennt um das Auto herum, hält mir die Tür auf und sagt: ›Bitte einzusteigen, Bwana Mahmoud!‹«

			»Er rennt um das Auto herum, um dir die Tür aufzuhalten?« Miki hält das Glas prüfend in die Sonne.

			»So steht es geschrieben, ihr Ungläubigen. Und ich steige ein, und dann fahren wir über die Grenze. Und er fährt ganz gemütlich, und er fragt mich, ob mir die Gegend gefällt. ›Ich kann auch durch eine andere Gegend fahren, was immer Sie wünschen, Bwana Mahmoud‹, und ich sage: ›Nö, das passt schon. Hauptsache, wir kommen nicht zu früh.‹«

			»Das darf natürlich nicht passieren«, spottet Miki.

			»Ja, du machst dumme Witze, weil du keine Ahnung hast. Weil du nichts weißt von Deutschland. Aber ich weiß Bescheid, und ich sage dir, dass die Deutschen es nicht mögen, wenn man zu früh kommt.«

			»Wenn man zu spät kommt«, korrigiert der Flüchtling.

			»Und zu früh auch.«

			»Quatsch!«

			»Sagt der Schlepper auch, aber ich sage: ›Kein Quatsch. Weil das für den neuen Merkel unangenehm ist, wenn ich schon da bin, und er hat mein Zimmer noch nicht hergerichtet.‹ Also sage ich zu ihm: ›Wir fahren lieber noch mal über die Grenze.‹ Und er sagt zu mir: ›Wir können so oft über die Grenze fahren, wie Sie wollen, Bwana Mahmoud. Aber der neue Merkel hat vorhin angerufen, und er hat zwei Hotels für Sie leergeräumt, Sie sollen sich schon mal eines aussuchen.‹ Und dann«, sagt Mahmoud zufrieden und nimmt einen großen Schluck Bier, bevor er die Flasche sehr lässig und sehr präzise auf den feuchten Ring stellt, den sie auf dem Holztisch hinterlassen hat, »dann sage ich: ›Ich nehme das Hotel, wo das Klo und das Zimmer auf derselben Etage sind.‹«

			»Guter Plan«, sagt der Flüchtling. Er nimmt sein Bier, stößt es an die Flaschen von Mahmoud und Miki und trinkt.

			»Gut«, sagt Miki, »aber falsch. Wenn hier einer nicht in einen engen, dunklen Lastwagen kommt, dann dieser Mann.« Und dabei zeigt er mit dem Daumen auf sich. »Weil dieser Mann hierbleibt. Hier, im Drecksloch. Aber dich, mein Lieber, dich zocken sie ab, und dann schieben sie deine Leiche in die Wüste. In einer cremefarbenen Schubkarre.«

			»Spielverderber«, sagt Mahmoud.

			»Aber das Beste ist: Ich bin schon da, wo du hinwillst. Denn hier ist das Klo überall auf derselben Etage. So eine Etage findest du in ganz Europa nicht: fünfzig Quadratkilometer. Das ist die größte Suite der Welt!«

			»Haahaa!«, macht Mahmoud. Er blickt weder zu Miki noch zum Flüchtling, sondern über die Zelte hinweg in den endlos blauen Himmel. Der Flüchtling merkt, dass Mahmoud jetzt nicht in ihre Gesichter sehen will. Die Fantasie war vielleicht übertrieben, aber sie war schön, und in ihren Mienen könnte Mahmoud nur erkennen, wie recht Miki hat. Zu viel Zeit ist seit dem Moment vergangen, in dem Deutschland die Türen aufgemacht hat. Damals, als sie noch eine Frau als Merkel hatten. Wer damals in Reichweite war, hatte das große Los gezogen. Aber das wird sich nicht wiederholen. Eineinhalb Jahre sitzen sie schon hier, und auf diese Zeit wird noch mehr Zeit folgen.

			Der Flüchtling dreht sich um und lehnt sich neben Mahmoud mit dem Rücken an die Theke. Er blickt über die Straße. Es ist Nachmittag, die schnelleren, kräftigeren Kinder kommen vom Holzsammeln zurück. Als der Flüchtling das erste Mal im Lager auf sie geachtet hatte, waren sie damit schon mittags fertig. Aber die Wege werden weiter, wenn Millionen Menschen Brennstoff brauchen, Holz, Zweige, Dung, irgendwas. Millionen, und täglich werden es mehr. So ist das einfach: Neue Menschen kommen an, aber niemand kann weg. Früher hat sich der Zustrom von hier aus weiterverteilt, nach Marokko, nach Libyen, nach Ägypten oder auch wieder zurück in die Herkunftsländer. Aber das war vorher. Bevor Europa die Grenzen schrittweise geschlossen hat.

			Ein sandfarbener Hund nähert sich. Es ist nicht mehr viel Hund übrig, eigentlich steht da nur eine Art fellbespannter Korb auf Beinen, der hechelt. Er sucht den Boden ab, der Blick beobachtet aufmerksam die Straßenränder. Er geht nirgends hin, um zu schnuppern, er sieht, dass es hier nichts gibt, an dem man schnuppern müsste. Dann bleibt er stehen und dreht den Kopf zu den drei Männern an der Bar. Er hat nur ein Auge, aber im Lager reicht das völlig. Niemand lockt den Hund, aber es wirft auch niemand mit Steinen auf ihn, immerhin. Der Hund beschließt, dass es die Mühe wert ist, mit dem Schwanz zu wedeln.

			Miki macht eine müde Handbewegung. Der Hund stellt das Wedeln ein und geht weiter. So ähnlich hat sich Europa das mit den Flüchtlingen vorgestellt.

			Als die Menschen in die Boote stiegen, hat Europa versucht, das Mittelmeer zu schließen. Und nachdem Europa gemerkt hatte, dass man ein ganzes Meer nicht schließen kann, dass man eine verwinkelte, zigtausend Kilometer lange Küste nicht einmal überwachen kann, haben sie die Grenze wieder aufs Festland verlegt, aber diesmal nach Afrika. Sie haben Ägypten, Algerien, Tunesien, Marokko bezahlt und ein bisschen auch die Libyer, aber natürlich weniger. Weil sie bis heute nicht wissen, wem sie in Libyen das Geld in die Hand drücken sollen. Aber das hat den Europäern nicht gereicht. Auch weil die Nordafrikaner dazugelernt haben: Sie haben öfter mal laut überlegt, wie es wäre, wenn sie auf diese Grenzen nicht ganz so sorgfältig aufpassen würden. Das hatten sie von den Türken, bei denen haben sie gesehen, wie viel Respekt und Beachtung man kriegen kann, wenn man am Flüchtlingshebel herumspielt. Also hatten die Europäer noch mal Geld in die Hand genommen und südlich der Sahara die nächste Linie gezogen. Genau deshalb ist für ihn auch Mahmouds Traum vom Spitzenschlepper eigentlich nicht mehr lustig. Denn es gibt inzwischen nur noch Spitzenschlepper.

			»Ich verrate euch das Geheimnis«, sagt der Flüchtling, ohne zu den anderen beiden hinzusehen.

			Sein Blick geht über das Camp, das endlose Camp. Er ist schon öfter an den Rand des Camps gelaufen. Das geht, wenn man viel Zeit hat. Dann sieht man auf der einen Seite das Nichts, und im Nichts gibt es Staub und Sand und Steine und noch mehr Nichts zwischen dem Nichts. Und auf der anderen Seite sieht man Zelte und zeltartige Hütten und hüttenartige Zelte und geflickte Zelte und löchrige Zelte und verlassene Zelte und überfüllte Zelte, und wenn man dann nichts zu tun hat, dann kann man sich überlegen, wo es trostloser aussieht. Wenn man sich nicht entscheiden kann, geht man schlafen und kommt einfach in ein paar Tagen wieder hierher. Man könnte auch gleich am nächsten Tag wiederkommen, aber wer noch halbwegs alle Sinne beisammenhat, tut sich das nicht an.

			»Ich verrate euch das Geheimnis«, wiederholt der Flüchtling.

			»Hm?« Miki macht mit dem Glas quietschende Geräusche.

			»Hinter den Schuhen.«

			»Es gibt ein Schuhgeheimnis?«

			Mahmoud zeigt stumm nach unten. Miki beugt sich offenbar über die wacklige Theke, der Flüchtling merkt es, weil sich das kantige Brett knarzend unter seine Schulterblätter bohrt. Dann hört das Bohren auf, und Miki sagt: »Oho! Neue Schuhe!«

			Das mit den Schleppern war die größte Lüge von allen: Sie wollten die Schlepper bekämpfen, hieß es. Dabei können Regierungen Schlepper nicht bekämpfen. Es ist wie bei Drogen und Nutten und Alkohol: Das Einzige, was Regierungen beeinflussen können, ist der Preis. Jeder Polizist, jedes Kriegsschiff, das sie losschicken, erhöht letzten Endes nur den Preis, und genau das war dann passiert: Die Preise sind gestiegen, und sie steigen immer noch. Bezahlen können die Tarife nur noch wenige, was unterm Strich darauf hinausläuft, dass die Schlepper jetzt für mehr Geld weniger arbeiten müssen. Und nicht nur das: Sie müssen auch weniger von diesem Geld abgeben, weil sie niemanden mehr dran beteiligen müssen.

			Früher, als noch die Sache mit den Schlauchbooten funktioniert hat, da war das ein organisierter Massenmarkt mit jeder Menge Jobs quer durch Afrika. Es gab immer welche, die Informationen verteilen mussten, die Treffpunkte weitergaben, die Kundschaft für Transporte einsammelten, die Schwimmwesten besorgten. So ein Boot voller Leute, das braucht jede Menge Botengänge, einen Fahrer. Und sogar einer, der überhaupt kein Geld hatte, konnte sich die Überfahrt verdienen, indem er sich bereit erklärt hat, für das Schlauchboot den Steuermann zu machen. Das war immerhin noch eine ziemlich faire Aussicht für alle Beteiligten, weil ein Schlauchboot steuern kann noch der letzte Idiot. Aber jetzt?

			Jetzt schickt man keine achtzig Leute mit einem Schlauchboot los, sondern acht Leute mit einem Kleinflugzeug. Oder mit einem alten Hubschrauber. Der Pilot ist eine Fachkraft. Das Flugzeug oder den Hubschrauber muss man zwar warten, aber auch das können nur Experten. Die Schlepper beschäftigen jetzt bloß noch Fachleute. Und die überflüssig gewordenen Helfer füllen die Auffanglager immer weiter auf.

			»Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Sparen keinen Sinn mehr hat«, sagt der Flüchtling.

			»Du gibst auf?«, fragt Mahmoud.

			»Das sag ich nicht. Aber ich sage: Sparen ist sinnlos.«

			»Gute Einstellung«, Miki klopft ihm von hinten auf die Schulter. »Noch ein Bier?«

			»Ich sage: Sparen ist sinnlos. Das macht Saufen noch lange nicht sinnvoll.«

			»Und wie willst du die Kohle dann zusammenbringen?«

			»Keine Ahnung. Aber erklär mir mal, wie das noch funktionieren soll!«

			Mahmoud verstummt. Was soll er auch dazu sagen: So viel Bier kann Mahmoud gar nicht in sich hineingießen, dass er nicht mehr weiß, dass der Flüchtling recht hat. So wie die Preise der Schlepper steigen, sinken die Aussichten, im Lager das nötige Geld zu verdienen. Obwohl das Lager jetzt über zwei Millionen Einwohner hat. Genug für eine ganze Stadt. Aber das Lager kann nie zur Stadt werden.

			Denn das marode Land, in dem das Lager liegt, hat selbst schon genügend Städte, die nicht funktionieren. Es hat eine Regierung, die vor drei Jahren noch nicht an der Macht war und die es in fünf Jahren vermutlich nicht mehr sein wird. Dazwischen wird sie immer wieder von zwei anderen Gruppierungen angegriffen, die genauso gut regieren könnten und es demnächst vermutlich auch tun. Der einzige Grund, dass das Lager existiert und wächst, ist, dass es hier etwas gibt, was man nirgends sonst bekommt: Sicherheit, wenn auch nicht viel.

			Die Sicherheit kommt vom Geld der Vereinten Nationen und der Europäer. Dafür hilft die gerade amtierende Regierung beim Schutz des Lagers, schon im eigenen Interesse, damit es auch weiterhin Geld gibt und Entwicklungshilfe und Lieferungen von Nichtangriffswaffen. Im Grunde verpachten sie eines der nutzlosesten Gebiete der Welt für einen rentablen Tarif, weshalb sich die beiden Rebellengruppen aber noch mehr bemühen, selbst an die Regierung zu kommen, um dann wiederum ihren Anteil an der Flüchtlingsernte einzustreichen.

			Als Ergebnis wird das Lager seit nun schon fünfzehn Jahren kaum angetastet. Es gibt Sicherheit genug zum Überleben, aber nicht für eine Zukunft. Man kann sich im Lager einrichten, wie Miki. Man kann sogar eines Tages einen neuen gebrauchten Kühlschrank für Bier kaufen, wenn man an so viel Zukunft glauben möchte. Aber niemand wird hier eine Fabrik ansiedeln. Niemand wird Geld in diesen Zelthaufen stecken, der in zwei Wochen auch schon komplett verschwunden sein kann. Und darum wird niemand hier Arbeit anbieten können, weil es hier auch auf Jahrzehnte hinaus nichts geben wird außer Staub und Sand und Dürre.

			Hier kann ein Mann nichts verdienen und eine Frau nur auf die einzige Art, mit der es Frauen seit Jahrtausenden tun. Aber so wie die Lage jetzt ist, kann selbst die schönste Frau der Welt hier nie so viel zusammenvögeln, dass ihre Ersparnisse die Schlepperpreise einholen, die die Europäer mit ihrer Grenzschließung hochgeschraubt haben. Das gilt für jeden im Lager, inklusive Mahmoud. Für den sogar noch mehr, weil den keiner vögeln will.

			»Sparen ist sinnlos«, sagt der Flüchtling nüchtern. »Weil ich mich trotzdem jeden Tag weiter von der Summe entferne, die der Schlepper will.«

			»Muss doch kein Spitzenschlepper sein«, bietet Mahmoud an.

			»Macht das einen Unterschied?«

			»Und was ändern da neue Schuhe?« Miki stellt sein Bierglas wieder ins Regal. »Du kommst doch trotzdem nirgendwo- hin.«

			»Aber man läuft besser.«

			Das stimmt übrigens wirklich. Die meisten tragen hier irgendwelche Strandlatschen oder Pantoffeln, sobald sie keine Kinder mehr sind, denn Kinder tragen überhaupt keine Schuhe.

			»Als ob man hier so weit laufen müsste.«

			»Aber Laufen kostet wenigstens nichts.«

			Der Flüchtling hält inne. Er hat es eigentlich nur aus Trotz gesagt, aber dennoch kommt es ihm vor, als wäre er auf etwas gestoßen. Auf einen Zusammenhang, den er nur noch nicht recht benennen kann.

			»Und?« Mahmoud sieht den Flüchtling erwartungsvoll an

			»Nein, schau: Ich kann mir keinen Schlepper leisten, weil ich nicht genug Geld habe. Aber ich habe Zeit. Ich habe jede Menge Zeit. Ich sitze seit eineinhalb Jahren hier. Wenn ich jeden Tag nur zehn Kilometer gelaufen wäre, dann wäre ich fünftausend Kilometer weiter.«

			Dazu fällt Mahmoud erst mal nichts weiter ein. Miki sagt auch nichts.

			»Fünftausend Kilometer, das ist gar nicht schlecht.« Der Flüchtling denkt jetzt beim Reden oder umgekehrt. Er weiß auch nicht, worauf er hinauswill, aber er hat das Gefühl, als ob da irgendwo noch mehr brauchbare Gedanken herumliegen würden. »Fünftausend Kilometer. Gratis. Und das Geld, das sonst der Schlepper kriegt, das hätte ich immer noch.«

			»Klar, und vielleicht noch was extra«, nörgelt Mahmoud. »Wovon lebst du eigentlich auf deinem Marsch?«

			»Richtig, ich muss was essen, ich muss was trinken. Aber habt ihr euch schon mal ausgerechnet, wie viel ich für meine Ersparnisse essen und trinken kann?«

			»Die Preise in Berlin sollen happig sein«, unkt Miki, aber es klingt nicht miesepetrig, eher neugierig. Auch er will wissen, wo diese Gedanken hinführen. Er stellt dem Flüchtling ungefragt noch ein Bier hin.

			»Hey!«, protestiert Mahmoud, »und ich?«

			»Denk dir was Schönes aus, dann kriegste auch eins«, bügelt ihn Miki ab.

			»Ich hab also ein bisschen weniger Geld und bin fünftausend Kilometer weiter …«

			Mahmoud hilft nach: »Die Grenzen?«

			»Ich könnte mir Führer besorgen. Die kosten nicht ganz so viel.«

			»Sicher, die warten auf dich und machen dir einen Sonderpreis. Also wenn ich Sonderpreise anbieten würde, dann meinem Spitzenschlepper. Die kommen nämlich wieder. Sonderpreis für Stammkunden.«

			»Jaaa«, sagt der Flüchtling, »so ausgeklügelt ist der Plan noch nicht.«

			»Und dann steht Herr Sonderpreis vor den Grenzanlagen der Europäer. Sie sagen, dass du aus einem ganz fabelhaften Land kommst und gar nicht weißt, wie gut es dir da geht. Und das war’s dann.«

			»Ist ja gut …«

			»Wie jetzt«, sagt Miki, »und dafür hab ich dir ein Bier hingestellt?«

			»Ich hab keine Wunder versprochen!« Der Flüchtling versucht die beiden abzuwimmeln, aber es ist zu spät. Es ist, als hätte man eine Idee und wird im falschen Moment unterbrochen. Dann ist sie weg. Er versucht den Faden wieder aufzunehmen, er schließt die Augen und hofft, dass er den Gedankenstrom wieder erwischt, so wie die Träume, aus denen man erwacht und in die man zurückkehren kann, wenn man es richtig anstellt.

			»Ich hab kein Geld, aber ich hab viel Zeit«, wiederholt der Flüchtling, »und ich habe zwei Füße …«

			»Ja, das hatten wir schon.«

			Und dann ist der Gedanke endgültig weg. Wütend greift er zur Bierflasche und nimmt einen großen Schluck, bevor Miki auf die Idee kommt, sie wieder wegzupacken. Das macht er manchmal, man sollte deshalb bei Miki nicht zu später Stunde und besoffen aufkreuzen, da kann einem schon mal so eine nur fast volle Flasche begegnen.

			»Aber eines stimmt«, fasst er zusammen, »ob ich spare oder nicht, die Transportpreise kann ich nie einholen.«

			»Komm«, tröstet Mahmoud, »das sieht doch nur jetzt so aus. Vielleicht fallen die Preise wieder, dann sind wir ganz schnell dabei.«

			»Die fallen nicht«, sagt der Flüchtling bestimmt. »Europa will uns nicht. Niemand will uns. Und je weniger einer dich will, desto teurer wird die Reise.«

			Darauf fällt keinem von ihnen noch was ein. Aber um seine Entschlossenheit zu unterstreichen, um die Richtigkeit seines Anfangsgedankens noch einmal zu betonen, spendiert er noch drei Bier. Und während sie trinken und brüten, geht ihm unablässig der Gedanke durch den Kopf, dass er in diesem Moment eine ganz einzigartige Gelegenheit verpasst hat.





2


			Der Staatssekretär kann sich nicht entscheiden. Granit, haben sie gesagt, sei das härteste Material überhaupt. Oder Kunststein? Nicht dass es ihn sonderlich interessieren würde, als Staatssekretär hat man auch noch andere Dinge zu bedenken, aber Tommy hat recht deutlich gesagt, dass er keine Lust habe, alle Entscheidungen allein zu treffen. Weshalb der Staatssekretär jetzt mit der Kaffeetasse in der Hand vor verschiedenen Katalogen sitzt und Materialien vergleicht. Naturstein? Laminat?

			»Laminat für die Arbeitsplatte«, hat der Staatssekretär gefragt, »ist das nicht eher was für Fußböden?«

			»Zu Fußböden kommen wir noch.«

			»Und was ist da der Vorteil? Können wir nicht einfach Holz nehmen?«

			»Einfach Holz!« Tommy hat gelacht, als wolle der Staatssekretär mit Flipflops auf den Mount Everest. Er stand in kurzen Hosen im Flur und hatte natürlich den »Hello Kitty«-Rucksack über der Schulter, aber nicht einmal der furchtbare Kätzchenkopf hat den makellosen Arsch darunter entstellen können. Dann hat sich der makellose Arsch weggedreht, und leuchtend weiße Shorts sind auf ihn zugekommen, getragen von zwei gebräunten schlanken Beinen mit einem atemberaubenden Flaum blonder Haare. Er hat im Vorbeigehen etwas vom Couchtisch genommen, das aussah wie ein extrem dickes, extrem langweiliges Magazin, und ließ es dumpf auf den Tisch klatschen, wie ein enormes Steak aus Papier. »Da liest du dich schön ein, dann siehst du auch mal, womit sich normale Menschen befassen müssen. Ich kann dir das nicht alles vorbeten. Ich muss jetzt los, die Tapeten wählen sich nicht von allein aus.«

			»Aber …«

			»Sei froh, dass ich eine Vorauswahl für uns treffe. Samstagvormittag um halb elf beim Tapezierer, da machen wir’s dann fest, ich hab’s dir eingetragen.«

			»Outlook oder Kalender?«

			»Beides. Ich muss jetzt. Regier schön! Und grüß mir den Volker!«

			Den Volker wird der Staatssekretär bestimmt nicht grüßen. Und er verflucht wieder einmal den Moment, in dem er Tommy zugesagt hat, dass sie zusammenziehen. Das war doch wunderbar praktisch gewesen, er in Berlin, Tommy in Hamburg und alle vierzehn Tage sie beide glücklich vereint. Er konnte abends treffen, wen er wollte, er konnte Hinterzimmergespräche führen bis in die Puppen, einfach mal wen abschleppen (gar nicht mal oft, ehrlich), einfach mal Leute heimbringen und bis um halb vier ein paar Strategien abkaspern. Das geht künftig auch, behauptet Tommy, und wahrscheinlich hat er recht: Man kann ruhig mal fünf Politiker mitbringen, ohne dass der Partner aus dem Bett fällt, wenn man Platz genug hat, um das Schlafzimmer schön weit weg zu legen. Und sie haben jetzt bald traumhafte zweihunderteinundfünfzig Quadratmeter, mit Dachterrasse. Da kommt ein Whirlpool drauf, und dann kann Tommy noch öfter das machen, was er wirklich am besten macht.

			Und das ist ganz bestimmt nicht Kochen.

			Granit ist toll, liest der Staatssekretär im Papiersteak, aber Naturstein wird leicht fleckig. Und saugt Flüssigkeiten auf. Außerdem ist Granit hart, und wenn man ein Glas etwas zu schnell drauf abstellt, geht es sofort kaputt. Der Staatssekretär überlegt, ob Leute anderswo die Gläser anders absetzen als bei ihm zu Hause, nämlich – also wie soll man sagen: normal. Außer wenn sie geworfen werden.

			Der Staatssekretär blickt in seinem Katalog-Elend auf sein Telefon, in der Hoffnung, eine Mitteilung würde ihn erlösen. Es ist aber keine drauf. Er ruft die Kalenderfunktion auf: zwei Meetings, zwei Interviews. Kein Notfall. Er denkt an Tommys Hintern in den weißen Shorts, und dann denkt er plötzlich das Wort »Sommerloch«. Es ist wirklich gerade nichts los. Und er sollte froh darüber sein. Es war ja nicht immer so.

			Der Sommer, der Herbst, in dem die dumme Kuh die Flüchtlinge ins Land geholt hat. Der Silvestervorfall in Köln. Die Prügel für den Türkei-Deal. Und dann nach dem Putsch noch mehr Prügel. Man kam aus den Krisensitzungen überhaupt nicht mehr raus. Er weiß nicht mehr, ob es September oder Oktober war, als er nach Hause kam und Tommy sagte: »Ich frage mich, wer überhaupt noch mit dir verhandelt, so wie du stinkst.« Vier oder fünf Tage am Stück war er nicht mehr aus den Sachen gekommen, und jetzt, wo sich die Aufregung weitgehend gelegt hat, wo die Flüchtlingszahlen zurückgegangen sind, wo man halt diesen neuen Bestand betreut oder abbaut oder fortbildet oder auch alles zusammen, da kann er Überstunden abbauen, da hat er endlich auch mal Zeit, was Gutes zu lesen.

			Aber stattdessen liest er ja Küchenkataloge.

			»Holz ist ein lebendiger Werkstoff«, steht da. Eben. Gutes altes Holz. Nachteile: anfällig für Feuchtigkeit, Frucht- und Gemüsesäfte, Blut. Dann muss man eben aufpassen, dass man sich nicht schneidet, denkt er zuerst, dann fällt ihm ein, dass vermutlich nicht das Blut des Kochs gemeint ist.

			Zuletzt durfte er sogar irgendeine Verkehrsangelegenheit moderieren, so wenig war zu tun. Die Sommerpause steht bevor, der Wahlkampf ist schon zu spüren. Da passiert praktisch nichts mehr. Wenn Regierungen etwas tun, dann rasch nach dem Amtsantritt. Weil sie ihren Wählern zeigen müssen, dass die Wahl etwas bewirkt hat. Doch nach zwei, drei Jahren sind die angenehm dünnen Bretter gebohrt. Was danach übrig ist, ist riskant und mühsam.

			Kunststoff. Nicht gut für heiße Pfannen. Sehr clever, eine Arbeitsplatte, die keinen heißen Topf verträgt – wer denkt sich so was aus? Und was soll man stattdessen nehmen? Was ist gut gegen Hitze? Stahl? Glas?

			Ein Königreich für eine Staatskrise.

			Das Einfachste wäre, wenn Tommy die Entscheidung fällen würde. Aber sie diskutieren grade ja nicht nur einen privaten Küchenherd, sondern auch einen privaten Krisenherd, einen sehr begrenzten Krisenherd, der erfreulicherweise die anderen Sektoren nicht betrifft, aber trotzdem muss man ihn beachten, damit er sich nicht ausweitet. Der private Krisenherd heißt »Der Herr Staatssekretär kann ja so wundervoll delegieren«, und das bedeutet, dass er sich in nächster Zeit ein wenig mehr in die häuslichen Dinge einbringen muss, weil Tommy ihm kürzlich mitgeteilt hat, er sei der Ansicht, dass er, Tommy, für ihn, den Staatssekretär, der geliebte Lebensgefährte sei und nicht eine von dessen Ministerialschlampen. Und dann wollte Tommy wissen, ob sie beide sich darüber einig seien, also über seine, Tommys, Nichtministerialschlampenhaftigkeit, denn sonst, sagte Tommy, und das teile er ihm nur mal eben in aller Freundschaft mit, denn sonst könne man die Sache hier gleich beenden.

			Und das heißt, dass jetzt erst mal alles ein wenig komplizierter wird. Er hatte eigentlich gedacht, in die neue Küche käme halt auch wieder irgend so eine Pressspanplatte aus dem Baumarkt. Er geht sogar manchmal ganz gerne in Baumärkte. Der dezente Geruch nach Holz und Lösungsmitteln, die ordentlichen Regale. Die vielen Farbdosen. Schrauben, Winkel. Schraubenziehersets. Schraubenschlüsselsets. Nicht dass er handwerklich begabt wäre, aber wenn man so ein Schraubenschlüsselset hat, in jeder Größe, und ein Schraubenzieherset, in jeder Größe, gibt einem das nicht das gute Gefühl, dass man vorbereitet ist für jede Schraube, die einem das Leben vorsetzt?

			Dekton. Das Wunderzeug schlechthin. Man kann darauf ein Schwein schlachten und eine Atombombe zünden, und dann, wenn die Erde in fünfzigtausend Jahren wieder von Mutanten bewohnbar ist, dann räumen die Mutanten den Schutt beiseite und sagen: »Oho, eine Dektonarbeitsplatte. Und praktisch wie neu!« Ist natürlich übertrieben, Tschernobyl hat ja gezeigt, dass man in so Atomgegenden viel schneller wieder wohnen kann und gar nicht mal so schnell mutiert. Für ihn ist dieser Ausstieg auch noch nicht völlig durch, er hat da mal mit ein paar Leuten von Vattenfall geredet, die haben ganz vernünftige Ansichten. Die Ökobilanz will er allerdings lieber nicht wissen. Die von diesem Dektonzeug. Ökobilanz ist für Tommy ja auch immer wichtig: »Schließlich hinterlassen wir das ja unseren Kindern!«

			»Wir sind schwul.«

			»Du musst öfter mal raus aus deinem Laden. Deine Partei vernagelt dir doch den Kopf. Aber so was von dermaßen!«

			Das Handy klingelt. Endlich. Der Fahrdienst.

			»Ich komm gleich runter.«

			Jetzt aber schnell. Er hat schon öfter gemerkt, dass es ihm leichter fällt zu denken, wenn er unter Druck steht. Er hat von Küchen keine Ahnung. Tommy hat präzise Vorstellungen und will eine Küche, die auch nach was aussieht, wenn vielleicht mal der Minister kommt. Oder wenn der Staatssekretär vielleicht sogar mal selber Minister ist, und dann könne man sowieso nicht wissen, wer einen dann noch alles besucht. Der Schnuckelpremier aus Schweden?

			Mmmmh.

			Kurz denkt der Staatssekretär an Svensson in Boxershorts. Dann reißt er sich zusammen und ist rasch mal sehr professionell. Er nimmt sein Smartphone, vergleicht die Preise und wählt dann das Teuerste. Dann wird Tommy »typisch« sagen und schimpfen, dass er großkotzig sei (zehn Minuten), das könne man doch auch besser und billiger haben (zwei Minuten), dann wird er sagen, was er vorschlägt und in welcher Farbe (dreißig bis fünfundvierzig Minuten), und der Staatssekretär muss sich nur noch ein wenig zieren (fünf, besser fünfzehn Minuten) und dann nachgeben.

			Als ob man das nicht alles schneller haben könnte. Aber manchmal muss man eben solche Umwege einbauen, darin unterscheidet sich der Umgang mit Tommy um keinen Deut von dem mit den Ministerialschlampen.

			Doch das darf er Tommy natürlich nicht sagen.





3


			Nadeche Hackenbusch lehnt sich zufrieden zurück. Sie weiß, dass man die ersten Wellen schon spürt, lange bevor sie im Sender eintrifft. Wie Druckwellen, wie den Wind vor einem Gewitter, dieses Aufrauschen in den Baumwipfeln, das anders klingt als die normale Brise. Wie das Summen der Gleise, das dem Zug vorauseilt.

			Logisch wäre es ab dem Moment, in dem Sensenbrink seine Sekretärin noch einmal einschwört: Keine spontanen Telefonate durchstellen, und sie möge noch einmal alle Teilnehmer des Meetings anrufen, damit auch wirklich keiner fehlt. Aber tatsächlich flirrt ihr Name schon vorher durch die Gänge, wie ein Gerücht. Angestellte wittern so was offenbar wie Tiere ein Erdbeben.

			»Ihr habt ja heute Großkampftag.«

			»Kommt sie allein?«

			»Und? Wieder Vollversammlung?«

			Das will sie doch schwer hoffen!

			Die Zeiten sind nämlich vorbei, wo sie abteilungsweise von Meeting zu Meeting getingelt ist. Anfangs ist sie sich dabei noch wichtig vorgekommen, bis sie gemerkt hat, dass man wesentlich wichtiger ist, wenn man dieselben Leute in weniger Meetings trifft. Letztes Jahr, als abzusehen war, dass die erste Staffel Rekordquoten hatte, hat sie es erstmals geschafft: Für die zweite Staffel gab es nur ein einziges Meeting, zu dem alle anzutanzen hatten. Und der Termin wurde ihr nicht vorgeschlagen – sie suchte ihn sich aus. Sie nahm natürlich den Juli.

			»Wieso natürlich?«, fragt die Neue, die neben ihr in der Limousine sitzt.

			»Weil dann immer welche ihren Urlaub unterbrechen müssen«, sagt sie, während sie einen Taschenspiegel aufklappt und ihr Make-up kontrolliert. Eine flüssige Bewegung, gleitend, Hand in die Tasche, Hand mit Spiegel heraus, noch während des Anhebens klappt er auf, ein Blick hinein während der kurzen Pause zwischen Anheben und Senken des Spiegels, Hand mit Spiegel gleitet in die Tasche, insgesamt keine zwei Sekunden.

			»Macht die das nicht sauer?«

			»Doch. Aber nur dann wirst du respektiert. Die wichtigen Leute, die Leute mit Geld, die Leute, die die Entscheidungen treffen, die muss man schlecht behandeln. Nicht die kleinen Leute. Schreiben Sie das bitte auf.«

			Diese Neue notiert es in ihren Block. Nadeche Hackenbusch ist noch nicht sicher, ob das ein Ratgeberbuch werden soll oder ihre Memoiren, aber das ist einer ihrer Lieblingssätze, und der soll in jedem Fall drinstehen. Sie greift in die Tasche und holt einen Fünfzig-Euro-Schein heraus. Sie scheint ein eigenes Fach für Fünfzig-Euro-Scheine zu haben, so glatt geht das. Sie beugt sich vor und drückt den Schein dem Fahrer in die Hand. »Ist für Sie. Bevor ich’s später vergesse.« Dann lässt sie sich wieder in die Rückbank sinken.

			»Die kleinen Leute musst du gut behandeln«, sagt sie. »Das habe ich von meiner Mutter gelernt. Ich komme ja aus kleinen Behältnissen. Meine Mutter war selbst eine ganz einfache Frau.«

			»Ah, Moment bitte.« Die Neue blättert in ihrem Block zurück. Dann sagt sie: »Ihre Mutter hat einen Unternehmer geheiratet – wollen Sie das wirklich als kleine Verhältnisse bezeichnen …?«

			»Meine Mutter war eine ganz einfache Frau«, stellt sie klar. »Und ich werde meine Herkunft nie vergessen. Man muss wissen, wer man ist. Nur wer Wurzeln hat, ist auch ein Mensch.«

			Sie hält kurz inne. Als nichts passiert, werden ihre Augen groß, und ihr Kopf nickt in die Richtung des Notizblocks.

			»Pardon«, sagt die Neue. »Nur … wer Wurzeln … hat, ist auch … ein … Mensch.«

			Sie nimmt die Dokumentation ihrer Worte zufrieden zur Kenntnis. »Anfangs habe ich immer zehn Euro gegeben«, sagt sie. »Aber dann hab ich gedacht, vielleicht ist das popelig. Dann habe ich zwanzig Euro gegeben. Aber da hab ich dann immer noch manchmal gedacht: Vielleicht ist das popelig. Und es ist ja doof, Trinkgeld zu geben, wenn man hinterher dauernd denkt, es war zu wenig oder so. Dann kann ich’s ja gleich bleiben lassen. Also geb’ ich jetzt fünfzig.«

			»Und fünfzig sind nicht popelig?«, fragt die Neue.

			Der Unterton der Frage gefällt ihr nicht. Wie meint die das? Ironisch? Kritisch? Süffidings?

			»Einer, dem fünfzig nicht reichen, der will ja dann wohl hundert. Und hundert ist gierig.«

			»Aber fünfzig nicht?«

			Nadeche Hackenbusch macht ein missbilligendes, schmatzendes Geräusch. »Wie viel geben Sie denn so?«, fragt sie zurück.

			»Ich weiß nicht«, sagt die Neue, »vielleicht fünf? Es kommt ja auch auf den Rechnungsbetrag an.«

			»Eben nicht.« Sie schüttelt den schönen Kopf. »Ich merke schon, Ihnen kann man das nicht erklären. Schreiben Sie’s irgendwie zurecht, und dann sehen wir mal. Vielleicht streichen wir’s auch ganz raus.«

			»Das mit dem Trinkgeld oder das mit den wichtigen Leuten?«

			Die Neue wird hier nicht alt werden. Gott sei Dank hat sie eine sehr saubere Handschrift, wer immer danach kommt, wird ihre Notizen problemlos weiterverwenden können.

			»Ich weiß noch nicht«, sagt Nadeche Hackenbusch und sieht abwesend aus dem Wagenfenster. »Vielleicht beides.«

			»Schade, dass ich nicht nach Stunden bezahlt werde«, bedauert die Neue.

			»Für Ihre Verträge sind Sie selbst verantwortlich.«

			Nadeche Hackenbusch sieht auf die Uhr, dann greift sie nach ihrem Handy. »Madeleine? Du, ich bin’s, wir sind in zehn Minuten da. Könntest du bei denen anrufen und ihnen Bescheid sagen? Damit auf meinem Platz …? Genau. Oder nein, heute ist mir nach einem Cappuccino … Super … Süßstoff. Bist ein Schatz!«

			Außen zieht die Stadt vorbei. Sie mag das. Einige ihrer Freundinnen von früher haben den Kopf geschüttelt, als sie mitbekamen, wie sich ihr Leben veränderte. Die Interviews, das Leben in der Öffentlichkeit, die ständige Bereitschaft, fotografiert oder angesprochen zu werden, und die Tatsache, dass es kein kurzer Boom war. Sondern dass es seitdem so geblieben ist. Doch sie hat das sofort geliebt, und sie genießt es noch immer. Es ist die Welt, in der sie sich wohlfühlt wie andere in ihrer Stammkneipe. Nicht zuletzt weil sie auch gerade durch diese Begleiterscheinungen permanent sicher sein kann, dass sie das Richtige tut. Sie liest die Tatsache, dass sie ein interessantes, beneidenswertes Leben führt, daran ab, dass ständig jemand um sie herumzappelt. Journalisten sind für sie wie der Kanarienvogel im Bergwerk. Solange einer herumspringt, ist alles okay.

			Ihr Blick streift die Neue.

			»Biegen Sie hier noch mal ab«, sagt sie dem Fahrer, »ich will mal sehen, was sie da hingebaut haben.«

			»Dann sind wir aber nicht in zehn Minuten da.«

			»Wir haben’s nicht eilig«, sagt sie sanft.

			Weshalb sie eine halbe Stunde später zufrieden Sensenbrinks Entschuldigung annimmt, weil der Cappuccino kalt ist: »Können wir da mal einen frischen haben? Bitte!?«

			»Aber nur wenn es keine Umstände macht!«, wehrt Nadeche Hackenbusch ab.

			»Das ist doch keine Sache. Fräulein?!«

			Sie haben den großen Konferenzraum unter dem Dach gewählt, auch diesmal wieder. Mit Blick über Hamburg. Man trifft sich im Hotel, im ersten Haus am Platz, nicht in einem dieser abgeschabten Senderäume in Köln oder München-Unterföhring, wo sie diese quadratischen Tische unter veralteten Designerlampen zusammenschieben. Sie mag das. Wenn es kleine Gedecke gibt und diese dreistöckigen Tellertürmchen für Häppchen oder Gebäck. Da können die Sender noch so angeben mit ihren Catering-Abteilungen, aber letzten Endes läuft es dann doch nur auf Kantinenkaffee hinaus und auf Kekse aus der Supermarktschachtel. Nein, sie will Stoffservietten, sie will beflissene Kellner, die alle dasselbe anhaben, sie will sehen, dass andere Leute Geld für sie ausgeben. Sie denkt kurz daran, dass sie das später der Neuen diktieren sollte. Oder ihrer Nachfolgerin.

			Der Cappuccino kommt, kurz nachdem Sensenbrink die Präsentation abgefahren hat, er wird noch einmal anfangen müssen, und das ist auch gut so, findet sie, beim ersten Mal waren noch nicht alle still. Außerdem sieht sie das Logo ihrer Sendung so gern: »Auf der Flucht – Nadeche Hackenbusch ist ein: Engel im Elend«. Sie haben eine pfiffig-niedliche Häsin hineingezeichnet, mit Latzhosen und etwas zu großen Brüsten. Die Häsin ähnelt ihr, auch wenn sie nie Latzhosen tragen würde.

			»Die Quoten sind gut«, sagt Sensenbrink und blendet einige Grafiken ein, »sie steigen noch immer. Wir kriegen die Alten, und wir kriegen die Jungen. Und wir haben das Thema noch immer exklusiv besetzt. Wir profitieren natürlich auch davon, dass anfangs keiner an das Format geglaubt hat.«

			»Außer mir«, betont sie. Mag sein, dass sie damals kein anderes Angebot hatte, aber es gibt keine Sendung im Fernsehen, die nicht mit ihr und durch sie besser wird.

			»Es ist kaum zu glauben, dass Sie nichts inszenieren«, sagt eine Blonde. Sie hat die Blonde schon öfter gesehen, aber sie kann sich ihren Namen nicht merken. Die Blonde ist jung, höchstens dreißig, allerhöchstens, aber trotzdem hat sie schon beim letzten Mal mehrfach etwas gesagt, das bei den anderen auf Aufmerksamkeit stieß. Kalkberger? Kalkbrenner? Es klang irgendwie nach Baumarkt. Sie nimmt sich vor, den Namen nächstes Mal zu notieren. Und sie weiß trotzdem nicht genau, wie sie die Bemerkung einordnen soll. Sarkastisch? Skeptisch?

			»Prüfen Sie’s doch nach«, antwortet sie hart.

			»Nein, nein, ich habe da gar keine Zweifel«, sagt die Blonde. »Es zeichnet die Sendung ja auch aus, diese Authentizität. Da sind ja wirklich Szenen dabei, da stinkt es förmlich durch den Bildschirm. Dafür bewundern wir Sie ja auch, und da spreche ich wohl für alle hier im Raum.«

			Die Runde klopft mit den Knöcheln auf den Tisch. Sie lächelt und lässt es verlegen aussehen: »Ich kann Ihnen auch versichern, dass ich weiterhin dafür stehe, dass alles authentizistisch bleibt. Es geht ja zuallererst darum, dass diese Menschen unsere Hilfe brauchen.«

			»Ja, aber ich könnte das nicht.« Das kommt von einer leisen, schüchternen Mausfrau am weit entfernten Ende des Tisches. »Da ärgere ich mich auch über mich selber, aber ich brächte es nicht fertig. Manchmal denke ich auch, dass diese Flüchtlingskinder ganz niedlich aussehen – aber allein schon diese Folge vor zwei oder drei Wochen …«

			»Au, genau, die mit den Zähnen …«

			»Boah, die Zahnfolge …«

			Nadeche Hackenbusch sieht, wie Kärrner lächelt. Kärrner sagt fast nie etwas, obwohl es sein Sender ist. Er steuert Meetings mit seinem Gesicht.

			»So ist es eben …«, sagt sie.

			»Ja, aber die Zähne dieser Kinder waren doch praktisch schwarz!«

			»Das war der einzige Moment, wo ich kurz dachte, dass Sie vielleicht doch tricksen«, sagt die Blonde. »Dass Sie sich ein paar besonders Schlimme rauspicken. Ich hab echt gedacht, das kann so gar nicht sein.«

			»So ist es aber. Sie brauchen sich nur die Zähne der Eltern anzusehen. Das sind Leute, da müssen Sie ganz unten anfangen.«

			»Und wie die ihren Kindern dann handvollweise den Würfelzucker gegeben haben …« Die Mausfrau ist ganz außer sich. »Da hätte ich den Fernseher anschreien können …«

			»Ich weiß«, sagt Nadeche Hackenbusch verständnisvoll. »Zahnhygiene, Wahnsinn. Das ist auch nicht so, dass die alle ihre Zahnbürste auf der Flucht verloren haben, die hatten nie eine. Die halten Zahnpasta für eine Art Dichtungsmasse. Deswegen muss man da auch helfen.«

			»Völlig richtig«, sagt Sensenbrink, »da geht es um die Sache. Aber das Tolle ist, wir haben da einen Nerv getroffen. Das sehen wir nicht nur an den Quoten, sondern auch an den Reaktionen auf Facebook. Das ist natürlich manchmal eklig, aber es macht auch betroffen. Es macht fassungslos. Das ist ja kein Zufall, dass den Kollegen die Zahnfolge als Erstes einfällt …«

			»Der Zahnarztbesuch in dem Heim …« Das kommt von einem bis dahin unauffälligen Executive irgendwas. Er pustet kopfschüttelnd durch die dicken Backen. »Wie der in die Münder geguckt hat, einen nach dem anderen, und wie der dann das Gesicht verzieht, das kann man auch gar nicht spielen …«

			»Das braucht man nicht spielen«, sagt Nadeche Hackenbusch schlicht. »Das ist ganz schlimm, was man da vorfindet. Da passieren Dinge, die hätte ich nie für möglich gehalten. Da gibt es Kinder, die sind noch keine vier Jahre alt, und die riechen schon aus dem Mund wie eine Klärgrube.«

			In der Runde sehen sich die Senderverantwortlichen an. Sie kneifen ihre Lippen zusammen und lüpfen dabei ihre Augenbrauen in Anerkennung der Schwere der Lage. Sie überlegt, ob sie den schönen Satz schon jetzt platzieren soll, genau in diese Stille hinein, der Satz kommt immer hervorragend an, wenn sie ihn zu einer Zeitung sagt oder in eine Kamera, dann wird er fast immer gedruckt oder gesendet, und dann sind immer alle total überrascht, wie nachdenklich sie bei aller Schönheit doch ist und dass sie auch wirtschaftliche Zusammenhänge kennt. Aber dann kommt ihr diese vielleicht kritische Blonde zuvor und sagt:

			»Und das in einem der reichsten Länder dieser Erde.«

			Sogar mit »dieser Erde«, was immer noch mahnender wirkt als nur »der Erde«. So ein Miststück.

			»Frau Karstleiter trifft den Nagel auf den Kopf«, greift Sensenbrink den Faden auf. »Das ist es aber, was unsere gemeinsame Sache weiterbringt. Das sind Bilder, die sind manchmal schwer zu ertragen, aber die bringen auch eine Betroffenheit, die sonst kaum noch zu erreichen ist. Das zeigt genau, wo wir hinmüssen. Dahin, wo es wehtut.«

			»Da sind wir schon«, sagt sie energisch, »wenn Sie möchten, zeig ich Ihnen gern mal meine Füße nach einem Drehtag!«

			Die Runde lacht herzlich und verständnisvoll, inklusive Sensenbrink. »Ich denke, wir sind uns alle im Klaren darüber, mit welchem Einsatz Sie das machen. Engel im Elend, das ist vor allem auch Ihr Baby, das steht und fällt mit Nadeche Hackenbusch. Es lebt von Ihrem Engagement, Ihrer Glaubwürdigkeit, Ihrer Bereitschaft, sich die Finger schmutzig zu machen und sich die Füße wundzulaufen. Aber – und ich bitte Sie, mir dieses kleine Wortspiel nachzusehen – trotz Ihrer strapazierten Füße möchten wir heute vorschlagen, einen Schritt weiter zu gehen.«

			»Davon höre ich zum ersten Mal.« Sie versucht auf ihrer Stirn einige Zornesfalten zu kräuseln. Wenn sie etwas hasst, dann sind es Leute, die sie steuern wollen. Sie weiß, wie schwer es ist, unabhängig zu werden und zu bleiben. Sie weiß am besten, was gut für sie ist, und sie weiß, dass Werbeleute, Unternehmensberater, Medienmenschen am liebsten alles so machen, wie sie es schon mal bei jemand anders gemacht haben. Doch eine Nadeche Hackenbusch bleibt nur die einzigartige Nadeche Hackenbusch, wenn sie ihren eigenen Weg geht. Nicht dass die Gefahr groß wäre, ihre Position ist momentan zu gut, als dass ihr jemand was aufs Auge drücken könnte. Trotzdem sollten jetzt einige Zornesfalten signalisieren, dass sich Sensenbrink auf dünnes Eis begibt. Doch sie sieht rasch ein, dass sie darauf verzichten muss, wenn es nicht albern wirken soll. Man kann nicht alles haben: Falten und Botox.

			»Ja, natürlich, davon können Sie auch nichts wissen, die Idee ist ja ganz neu«, sagt Sensenbrink hastig. »Sie müssen sich aber keine Sorgen machen, Sie wissen, dass wir hier nichts ohne Sie entscheiden …«

			»Ich habe das letzte Wort«, sagt sie etwas zu trotzig.

			»… ja, klar haben Sie das letzte Wort, keine Frage, was wäre Engel im Elend ohne die Nadeche Hackenbusch, aber ich bitte Sie trotzdem, sich den Vorschlag anzuhören, wir sehen hier eine einmalige Chance …«

			Sensenbrinks Tonfall, seine Bemühungen beruhigen sie wieder. Sie lächelt das unbezahlbare Lächeln, das sogar die Frankfurter Allgemeine mal als »überwältigend« bezeichnet hat, und sagt: »Na gut.«

			Sie sieht, wie diese Karstleiter aufsteht und nach vorne geht und ihre Notizen auf dem Stehpult ablegt. Sie zeigt leichte Zeichen von Anspannung, offenbar nicht nur weil sie vor Nadeche Hackenbusch spricht, sondern weil das Projekt einen bedeutsamen Umfang hat. Gar kein schlechtes Zeichen.

			»Die zweite Staffel von Engel im Elend ist nicht nur ein gewaltiger Erfolg«, beginnt Karstleiter, »sie zeigt auch ein enormes Steigerungspotential: Zuschauerbefragungen haben ergeben, dass Nadeche Hackenbusch für ehrliches Engagement steht. Das Publikum schätzt vor allem die Abkehr von den Einzelfällen: Gerade dadurch, dass wir immer im selben Flüchtlingsheim sind, kann das Publikum ja auch die Besserung der Gesamtsituation verfolgen. Wir sollten diesen Schwung und den Enthusiasmus mitnehmen. Jetzt, wo wir noch etwa ein Drittel der Staffel nicht gesendet haben. Daher, verehrte Frau Hackenbusch, würden wir uns zum Abschluss ein Special wünschen. Vielleicht sogar ein mehrteiliges.«

			Nadeche Hackenbusch runzelt die Stirn so gut es geht. Das klingt einfach nur nach mehr. Und mehr ist nicht immer gut, das weiß sie. Sie hat schon mal fürs Fernsehen in einer Model-WG gelebt, die auch supertoll angekündigt wurde, aber sich dann als grausiges Billigprodukt herausgestellt hat. Irgendjemand wollte die topmodellose Zeit mit modelähnlichem Zeug zusenden. Sie war zwar schon nach der zweiten Folge wieder weg, aber sie erinnert sich noch an die fürchterliche Siegerinnenehrung. Da war keine Kölnarena, da war keine Allianz-Arena, da war kein New York oder Paris, das war am Swimmingpool von einer Vier-Sterne-Absteige auf Mallorca, ohne jedes Publikum, das war so armselig, man hätte dem Siegermodel den hässlichen Preis genauso gut an einer Bushaltestelle in die Hand drücken können. Deshalb sagt sie skeptisch: »Das klingt vor allem erst mal billig.«

			»Das Budget ist es nicht«, versichert Karstleiter sofort. »Wir stellen mehr zur Verfügung als für die normalen Staffelfolgen. Wir meinen es absolut ernst.«

			Budget wirkt. Mehr Budget bedeutet, dass mehr bei ihr hängenbleibt.

			»Wir wollen das eigentliche Produkt stärken, nicht schwächen. Wir wollen, dass Nadeche Hackenbusch den Dingen auf den Grund geht. Wir wollen, dass Sie da hingehen, wo fehlende Zahnbürsten noch das geringste Problem sind. In das größte Flüchtlingslager der Welt.«

			Das wirft sie etwas aus der Bahn.

			»Sind Sie verrückt?«

			»Wieso?«

			»Wissen Sie überhaupt, was da unten los ist? Da wird geschossen!«

			»Da wird nicht geschossen«, sagt Karstleiter.

			»Woher wollen Sie das wissen?«

			»Da kann gar nicht geschossen werden. Sonst könnte man da doch keine Flüchtlinge sammeln.«

			»Wenn da nicht geschossen würde, dann gäbe es keine Flüchtlinge. Schauen Sie doch mal in die Nachrichten!«

			»Frau Hackenbusch, Frau Hackenbusch, wir sehen keinen Grund zur Beunruhigung«, wirft sich Sensenbrink dazwischen, »da ist alles voller Militär und Blauhelme und Hilfsorganisationen!«

			»Das glaube ich nicht. Wo haben Sie das her?«

			»Na ja, ich kann Ihnen jetzt auch nicht aus dem hohlen Bauch die Sendungen aufzählen, aber warum sonst sollten sich da die Flüchtlinge sammeln? Ich denke, wenn Sie sich mal gezielt über das Thema informieren …«

			»So viel Zeit hab ich auch nicht, um dauernd irgendwelche Nachrichten zu sehen. Da stellen Sie mir erst mal ein Dossieux zusammen, und ich lasse das dann prüfen …«

			»Frau Hackenbusch«, sagt diese Karstleiter jetzt ganz sanft, wie ein breitschultriger Pfleger, der schon die Zwangsjacke aufhält, »glauben Sie, wir schicken Sie ins Unglück? Wir riskieren dabei doch genauso viel wie Sie.«

			»Das sehe ich ein bisschen anders.«

			Sensenbrink schaut hinüber zu Kärrner, der ein unwilliges Gesicht macht. Er räuspert sich und sagt dann in einem sehr verbindlichen Tonfall: »Vielleicht sollten wir das Ganze mal aus einer anderen Perspektive sehen. Es will hier keiner wegreden, dass die Sache größere Risiken hat als irgendein Studiodreh in Ossendorf. Und daher ist die entscheidende Frage, ob es das wert ist.«

			»Da kann ich Ihnen die Antwort gleich geben: keinesfalls!«

			»Das ist hier auch genau so angekommen, das versteht sich«, sagt Sensenbrink jetzt mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit. »Aber sehen Sie in uns mal für einen Moment auch den Partner. Ihren Partner.«

			Und sosehr sie sich sträubt, sosehr sie sich nichts aus der Hand nehmen lassen will, so wenig kann sie doch verhindern, dass Sensenbrink immerhin eine Fußspitze in die Tür bekommt und sie eine Handbreit aufdrückt.

			»Natürlich denken wir vor allem an unsere Interessen, aber es lässt sich nicht bestreiten, dass unsere Interessen und Ihre Interessen manchmal dieselben sind. Und Sie können uns eines glauben: Wenn wir mit Ihnen diese Risiken besprechen, dann nur deshalb, weil wir darin auch Chancen sehen. Für uns, das will ich auch gar nicht verheimlichen, aber eben auch für Sie. Denken Sie daran, was Sie und wir durch dieses Special erreichen könnten. Damit lassen Sie mit einem Schlag all diese Einrichtungs- und Renovierformate hinter sich. Die Partnersuchen und Vermisstenfahndungen …«

			»Ich glaube nicht, dass mich irgendwer noch mit Vera Int-Veen in einer Liga sieht«, sagt Nadeche Hackenbusch widerspenstig.

			»Mit so was brauchen Sie sich wirklich nicht vergleichen«, springt ihr Sensenbrink bei. »Aber bedenken Sie: Das dokumentiert auch Ihre Ernsthaftigkeit in einem nie dagewesenen Umfang. Nadeche Hackenbusch geht da hin, wo andere nicht hingehen. So wie Antonia Rados.«

			»Antonella wer?«

			»Antonia Rados. Die von RTL. Diese Kriegsgebietstante.«

			»Kenn ich nicht.«

			»Nicht so wichtig. Sagen wir’s so: Sie wären damit in der Kategorie Günther Jauch«, sagt Sensenbrink geduldig. »Das gab es bisher nur ein Mal in Deutschland: Kennen Sie noch die Margarethe Schreinemakers?«

			Natürlich.

			Jeder, der heute Botox benutzt, erinnert sich an Schreinemakers. Beste Sendezeit, drei Stunden, vier Stunden, Werbeblöcke so lang wie die ganze Lindenstraße, Überziehen war kein Problem. Die Blütezeit des Infotainment. Und jeder hätte gerne nach Hause getragen, was die Schreinemakers heimgetragen hat.

			Versteuern hätte sie’s halt sollen oder so, irgendwas war da. Aber das kann ihr nicht passieren: Sie zahlt ihre Steuern, gern, jederzeit. Und das letzte Mal hat sie dann eben einfach gesagt: »Also, nach der Steuer und allem, da will ich, dass mir 2,5 Millionen übrig bleiben. Da haben Sie doch sicher einen in der Buchhaltung, der das ausrechnen kann.«

			Sie hatten.

			»Sie wären die neue Margarethe Schreinemakers. Aber mit der Ausstrahlung von Angelina Jolie«, schiebt diese verflixte Karstleiter jetzt nach.

			Hat sie ihr angesehen, dass das mit der Schreinemakers ein guter Punkt war? Sie versucht sich nie etwas anmerken zu lassen, sie ist ja kein Amateur. Aber Sensenbrink hat schon einen Treffer gelandet, und jetzt diese Margarethe Jolie, das krallt sich sofort in ihrem Kopf fest. Das und die Aussicht, dass sie als Angelina Schreinemakers auch dann noch Bildschirmpräsenz und Wirkung haben wird, wenn sie das Botox eines Tages tatsächlich nötig haben sollte. Bis jetzt ist es ja nur vorbeugend. Pyrolaktisch. Aber Anne Will und die Maischberger und die Illner, die sind alle schon praktisch siebzig und müssen sich trotzdem von niemandem was sagen lassen. Obwohl die nichts können, was eine Nadeche Hackenbusch nicht genauso könnte.

			Sie macht natürlich keine Zusagen. Sie wickelt den Senderbesuch so souverän ab, wie man es von ihr kennt. Aber als sie längst wieder in der Limousine sitzt und dieser Neuen wieder einen Absatz ihrer Lebensphilosophie diktiert, ist sie immer noch ungewöhnlich unkonzentriert. Sie ärgert sich fast darüber, aber trotzdem bleibt sie in Gedanken immer wieder an dem Trailer hängen, als wäre er schon fertig gedreht. Die kernige Stimme, und sie sagt:

			»Heute Abend zu Gast bei Nadeche Hackenbusch: Seine Heiligkeit.«





4


			Der Sitzungsleiter fehlt noch, deswegen erinnert die Stimmung an die in einer Schulklasse, wenn der Lehrer zu spät kommt. Was eigentlich erstaunlich ist, denn diese Klasse heißt: Bundesregierung. Aber man muss zu ihrer Verteidigung sagen: Es ist Sommerpause. Es ist Pause im Parlament, es ist praktisch überall Pause, die Bundesregierung kommt nur alle vierzehn Tage zusammen statt wöchentlich. Der Bundeskanzler ist im Urlaub, der Vizekanzler ebenfalls und die meisten Minister sowieso, weshalb sie ihre Vertreter schicken, die aber auch nichts zu bereden haben. Es sind deshalb auch Leute dabei, die das erste Mal überhaupt beruflich am Kabinettstisch sitzen. Heimlich ausprobiert haben sie die schwarzen Sessel und den einen in der Mitte natürlich alle schon mal, mit Selfie und dem Finger auf dem Kanzler-Klingelknopf und allem Drum und Dran, aber nicht alle wurden schon mal explizit hergeschickt, damit sie in einem von den Sesseln auch wirklich sitzen und etwas Sinnvolles tun.

			In diesem Fall ist freilich die Bezeichnung »sinnvoll« weniger angebracht, im Wesentlichen wird heute nur die Geschäftsordnung abgesessen. Und solange die Umweltministerin als dienstälteste Ministerin und Sitzungsleiterin fehlt, nicht mal das.

			Der Staatssekretär sieht sich nach bekannten Gesichtern um. Lohm müsste auch noch kommen. Zusammen mit ihm gehört er zu den Jüngsten, nur die Amsel von den Grünen ist noch jünger. Trotzdem war er schon öfter hier als die meisten, öfter auch als Lohm. Innenminister Leubl schickt prinzipiell ihn, und das keineswegs nur im Sommer.

			»Weil ich bei Ihnen weiß, dass Sie links und rechts von der Tagesordnung nicht aufhören zu denken«, hatte Leubl beim ersten Mal gesagt.

			»Sehr freundlich, aber das machen die anderen auch …«

			»Tun Sie mir einen Gefallen, sparen Sie sich die Loyalität. Wenigstens wenn wir unter uns sind. Sie sind der Einzige, den ich mir wirklich ausgesucht habe. Der Rogler ist bei mir, weil der Ministerpräsident ihm noch was schuldet. Die Schwanstatt ist eine Krampfhenne auf den Tickets vom Landfrauenverband und von der Christlichen Arbeitnehmerschaft. Wenn ich die losschicke, kann ich sicher sein, dass sie sich auf dem Heimweg verläuft, und glauben Sie mir, ich wäre froh drum. Und die beiden hab ich mir nur aufs Auge drücken lassen, weil ich dafür Sie gekriegt habe.«

			»Das wusste ich nicht …«

			»Dann haben Sie also gedacht, der Alte ist verkalkt? Er hat drei Lose gezogen und zwei Nieten erwischt?«

			Leubl hatte ihn so streng angesehen, dass er lieber den Mund gehalten hatte. Leubl hatte sich daraufhin an seinen Schreibtisch gesetzt, eine Aktenmappe aufgeschlagen und zu lesen begonnen. Und, ohne den Kopf zu heben, gesagt:

			»Dann wissen Sie jetzt, dass es nicht so ist. Wenn ich im Kabinett verhindert bin, sind Sie mein Mann. Wenn ich keine Lust habe, auch. Ich erwarte, dass Sie sich drauf einstellen.«

			Und der Staatssekretär ist vorbereitet, obwohl heute nicht viel mehr auf dem Programm steht als ein Bericht zur Energieforschung. Nicht mal zur Energiewende, nein, zur Energieforschung, was in etwa so bedeutend ist wie der Film, den der Lehrer in der vorletzten Stunde vor den Ferien zeigt.

			Fröhliches Getwitter erfüllt den Raum mit seiner Stille. Theoretisch, denn die Karsdorff-Gundelingen und der Stohn vom Verkehrsministerium haben bis heute nicht begriffen, wie man am Handy den Tastenton abstellt. Es klickert in einem fort, Buchstabe für Buchstabe, die ganze Technik und Methode so sinnvoll wie ein Blindenstock für Sehende, und das Einzige, was man daraus schließen kann, ist, dass weder der Stohn noch die Karsdorff-Gundelingen zu denen gehören können, die heimlich unterm Tisch Informationen an die Presse durchstecken. Es wäre ihm aber auch schleierhaft, wer mit denen überhaupt Informationen austauschen möchte. Die KG ist tatsächlich so doof, wie sie aussieht, und der Stohn ist ein derartiger Gefolgsmann der Autoindustrie, dass es schon peinlich wird. Stohn ist ein Betonschädel mit so breiten Leitplanken vor dem Kopf, dass ihn alle Journalisten nur »Stöhn« nennen. Sogar die von der ADAC Motorwelt.

			Er grüßt hinüber zu Grevensen. Den respektiert er. Fünfundvierzig Jahre lang hat Grevensen in Nordrhein-Westfalen sozialdemokratische Gemütlichkeit verbreitet, der hat noch bei den Jusos angefangen, beim linken Flügel, aber gemäßigt. Und was diese Basisarbeit tatsächlich bedeutet, kann man erst richtig einschätzen, wenn man sich mit ihm mal privat unterhält, in seiner Abgeordnetenwohnung ein Glas Wein trinkt und seine Jazzsammlung sieht. Und wenn man bemerkt, dass er die ganzen amerikanischen und eine Menge französischer Schriftsteller im Original verschlingt, und er einem verrät, wie schwer es ihm fällt, das grauenhafte Geschwafel der Genossen an der Basis anzuhören, ihre endlos wiederholten Sprüche, ihre unerträgliche Bräsigkeit, und wie unglaublich die Anstrengung ist, die es ihn kostet, neben einer Bergmannskapelle nicht schreiend davonzulaufen.

			»Die Lieder sind scheißelangweilig. Und dann dieses verschleppte Tempo! Als wären das alle trompetende Asthmatiker! Blasmusik als gesellschaftlich integrierender Faktor ist ja schön und gut, aber muss man das auch noch aufführen? Ich hab sechs Jahre lang zugesehen, wie meine Kinder im Schultheater ihre Texte runtergeleiert haben – wenn es um kulturelle Unterstützung geht, kann ich nur sagen: Ich habe meinen Beitrag geleistet!«

			Dann haben sie ihm diesen jungen Kandidaten vor die Nase gesetzt. Damit er aber die Klappe hält und seinen Nachfolger obendrein tüchtig lobt, kriegte er zum Ausklang noch mal drei Jahre lang den Staatssekretärsposten im Justizministerium. Und genau das freut ihn so an Grevensen: Es gibt genug, die das als Einstieg in den Ruhestand sehen würden, als vorgezogenen Urlaub, die auch schon mal um elf anfangen zu saufen, damit die gut bezahlte Zeit schneller vergeht. Aber Grevensen spielt das Spiel zu Ende wie ein Profi. Der hat die Vorlage heute sicher auch gelesen. Er hat geguckt, ob da drin irgendwelche Nebensätze sind, mit denen man unabsichtlich Positionen preisgibt, Dinge zugesteht, Kleinigkeiten abnickt, er hat todsicher bei Kollegen nachgefragt, ob es irgendwelche Vereinbarungen oder Bemerkungen aus dem eigenen Haus gibt, die man da drin wiederfinden soll – und festgestellt, dass die Vorlage tatsächlich so langweilig ist, wie sie aussieht. Das ist mehr, als achtzig Prozent der Leute hier tun, inklusive der zwei Minister, die tatsächlich selbst gekommen sind.

			Das Handy des Staatssekretärs blinkt. WhatsApp.

			»Gehört? NH wirbt jetzt für Badreiniger!«

			Natürlich von Lohm. Dafür gibt’s nur eine Antwort.

			»Sack Reis?«

			Er hat kaum auf »Senden« gedrückt, da kommt schon die nächste:

			»Es strahlt die Tunte, grinst das Bübchen: frische Luft im Hinterstübchen.«

			»Klemmschwester«, schickt er zurück, »wo bist du?«

			Dann kommt Lohm durch die Saaltür, grinst frech und breit und zwinkert ihm zu. Er rollt wohlwollend-gelangweilt mit den Augen zurück. Sie kennen sich noch vom Jurastudium. Lohm sah gut aus damals, sogar noch nachdem er zu den Grünen gegangen war, und die waren klamottenmäßig schon immer so fragwürdig wie heute. Und er war auch ziemlich gewitzt. Mit Lohm gab’s immer was zu lachen. Aber leider stockhetero.

			Andererseits war Lohm auch derjenige, der ihm noch an der Uni dazu geraten hat, die schwule Karte offensiv zu spielen. Er war einer der Ersten, denen er sich anvertraut hat. Und Lohm hat recht behalten. In Guido Westerwelles FDP wäre das keine Kunst gewesen, da war Homosexualität auch immer so ein bisschen Folklore, die kleine Extravaganz einer Fünf-Prozent-Partei, die ja selbst nur eine Randgruppe darstellt. Aber in der CSU ist das schon ein ganz anderes Statement. Da braucht man Eier.

			»Ja, aber die hast du.«

			»Du hast doch keine Ahnung, wovon du redest.«

			»Hab ich nicht? Ich fahre einen Porsche 911, Baujahr 1978. Den betanke ich mit Blei, und zwar nicht weil er’s braucht, sondern weil’s ihm guttut. Ich baue gerade ein Eigenheim, schön weit draußen, mit Triplegarage und Carport, damit es mein 65er Jeep Gladiator auch dann schön trocken hat, wenn meine Freundin mit dem Alfa Spider kommt. Was glaubst du, was sich einer wie ich dafür bei den Grünen anhören darf?«

			Lohm lag richtig: Der Staatssekretär hat Eier.

			Er hätte es sich leicht machen können. Aber er wollte ernst genommen werden, und er ging den harten Weg Grevensens, mit dem Unterschied, dass er die Parteiseele gerade eben nicht streichelte. Er tingelte durch die Ortsvereine, er sprach mit jedem, und er sagte allen, dass er schwul war, bevor er sie wahlweise unter den Tisch soff oder am Kartentisch ausplünderte. Noch heute ist der Abend legendär, als er mit Mitte zwanzig einen Fraktionsgeschäftsführer, den Vize des Generalsekretärs und eine Referentin beim Landtagsschafkopf abzockte. Und dann zur Kasse bat: »Herrschaften: Ich akzeptiere Schecks, aber keine Blowjobs. Und das gilt nicht nur für die Dame.«

			Allerdings zieht ihn Lohm seither mit Nadeche-Hackenbusch-Neuigkeiten auf. Weil Nadeche Hackenbusch aus Gründen, die er nicht wirklich nachvollziehen kann, als Schwulenikone gilt. Das kommt öfter vor: Marianne Rosenberg, hat er kürzlich wieder gelesen, rätselt heute noch, wie und warum ihr diese Ehre zuteilwurde, Texte wie »Er gehört zu mir« haben ja auch andere gesungen. Aber bei der Hackenbusch gibt es nun wirklich überhaupt keinen wie immer gearteten Bezug zur Gay Community. Wenn man ihr mal zusieht, wie sie sich bewegt, wie sie redet, überhaupt wie sie sich verhält, dann sieht man, dass die so hetero ist wie sonst was, und das einzig Ungewöhnliche an ihr ist ihre geradezu überwältigende Verlogenheit. Ihre Serie läuft ja manchmal im Fernsehen, wenn er zu Tommy kommt, eine grauenhafte Frau. Angeblich soll sie ja derzeit sogar irgendwas vergleichsweise Sinnvolles machen, aber wer auch nur den Hauch einer Ahnung von Fernsehen hat, der sieht doch, dass das nur eine Werbemaßnahme für marode Handwerksbetriebe ist, die Kindern in ihrer auftragslosen Zeit eben irgendwelche Klettergerüste hinstellen, dafür ist dann das Firmenschild hundertmal im Bild. Und man soll sich da nicht täuschen lassen, das Ganze ist auch und vor allem ein Vehikel für die Hackenbusch, die sich damit zu besseren Sendezeiten und attraktiveren Werbeverträgen hochmoderieren will. Er kennt Typen wie die, und die sieht definitiv nicht aus, als würde sie sich mit irgendeiner Nischensendung begnügen wie diese singende Blendgranate in der Hafenkneipe. Oh nein, die Hackenbusch, die will in die Gottschalk-Liga.

			Jetzt trifft auch die Umweltministerin ein. Normalerweise würden in diesem Augenblick allmählich die Journalisten gebeten, den Raum zu verlassen, aber es sind heute keine da, auch daran sieht man, was für ein ereignisloser Tag bevorsteht. Eine Spielwiese fürs Umweltministerium und fürs Forschungsministerium und vielleicht auch noch fürs Wirtschaftsministerium. Obwohl, wie es aussieht, ist der Wirtschaftsminister auch weggeblieben, da ist offenbar ausgemacht, dass die anderen beiden glänzen dürfen. Zwei Staatssekretärinnen kichern, die Umweltministerin hebt drohend den Blick. Das funktioniert, solange man es nicht überreizt, auf beiden Seiten. Er weiß noch, wie der Verteidigungsminister einmal in Abwesenheit von Kanzler und Vizekanzler versucht hat, besondere Aktivität zu zeigen – als wollte der Klassensprecher plötzlich den Unterricht übernehmen, um dann dem Lehrer sagen zu können, wie viele Seiten man im Buch weitergekommen sei.

			Der Staatssekretär setzt sein nachdenkliches Zuhörgesicht auf, damit er unauffällig das beobachten kann, was ihn mehr interessiert: ungewöhnliches Verhalten. Er weiß, dass irgendwann aus dem Wirtschaftsministerium ein Einspruch kommen muss, es fehlt ja im Text der Absatz über die Fördermaßnahmen, und es würde ihn wundern, wenn Klein nicht mit einem Protest noch mal ein wenig Aufmerksamkeit für sich herausschlagen würde. Klein hört sich gern reden.

			Die Umweltministerin wird irgendwann einen Witz machen, in dem ihr Mann vorkommt. All das weiß und erwartet er, aber seine Aufmerksamkeit gilt den Dingen, die eben nicht so sind wie sonst. An denen man merkt, dass jemand einen Standpunkt räumt, und daran wiederum, dass er einen Deal mit jemandem ausgehandelt hat. Dass er womöglich sogar einen kompletten politischen Richtungswechsel signalisiert, wie der Außenminister dereinst mit der NATO-Kritik, als er sich für die Linke angeboten hatte. Leubl konnte den Zug schon vier Wochen vorher prophezeien, weil er gemerkt hatte, dass im Innenausschuss damals jemand beim Thema »Einwanderung« eine ungewöhnliche Formulierung gewählt hatte. Aber heute gibt es nichts zu entdecken. Was am System des Parlamentarischen Staatssekretärs liegt.

			Das Amt war mal als eine Art Trainingscamp für Nachwuchstalente der Politik gedacht, so etwas wie das U21-Team für Minister. Weshalb man diese Posten auch nur mit Bundestagsabgeordneten besetzen darf. Aber wer sich die Parlamentarischen Staatssekretäre ansieht, findet alles andere als einen Talentschuppen. Leute unter fünfzig sind kaum vertreten, Leute unter vierzig eine Rarität. Was, freundlich betrachtet, daran liegt, dass es unter den sechs- bis siebenhundert Abgeordneten ohnehin nicht viele junge Leute gibt. Weniger freundlich betrachtet sieht man, dass die Parteien den Parlamentarischen Staatssekretär als idealen Parkplatz entdeckt haben – für Leute, die ein Amt bräuchten, für die man aber gerade keines hat. Die KG als Parlamentarische Staatssekretärin signalisiert beispielsweise den Unternehmerinnen, dem Landesverband Rheinland-Pfalz und der Filmwirtschaft zugleich, dass sie so wichtig sind, dass ihre Frau einen regierungsnahen Posten kriegt. Aber für das Amt und die Bürger ist es natürlich trotzdem scheiße, weil die KG eine Null ist und, wenn man die Parlamentarischen mal durchgeht, längst nicht die einzige. Weshalb auch der Bund der Steuerzahler dauernd gegen die Parlamentarischen schießt. Klar: Wenn es Posten gibt, auf die jeder Idiot passt, kann man diese Posten auch gleich abschaffen.

			Er sieht auf die Uhr. Mit etwas Glück ist die Veranstaltung in einer Stunde vorbei. In anderthalb, wenn Klein einen Vortrag hält und alle clever genug sind, nicht darauf zu antworten, was leider heute bei mindestens zwei Kandidaten bezweifelt werden muss. Aber später als eins kann es unmöglich werden, also tippt er an Lohm:

			»Was essen?«

			Und Lohm schickt zurück:

			»Äthiopisch? Kongolesisch? Nigerianisch? Afrikanisch ist heute Pflicht!«

			»Hä?«

			»Hast du keinen Google-Alarm eingestellt für dein Schätzchen? NH geht nach Afrika.«





5


			Astrid von Roëll sitzt in Afrika und friert. Bei neununddreißig Grad Außentemperatur versucht die EVANGELINE-Reporterin die Dreiviertelärmel ihrer Strickjacke unauffällig zu Vierfünftelärmeln zu dehnen, weil im Geländewagen die Klimaanlage auf etwa fünfzehn Grad eingestellt ist. Sie kämpft mit der Temperatur und dem Geiz: Die Jacke war ein bisschen zu teuer, sogar ein bisschen viel zu teuer, und sie will die empfindlichen Ärmel nicht ausleiern. Wobei ihr im Moment vermutlich auch das egal wäre, wenn ihr nicht Nadeche Hackenbusch gegenübersäße, die das Gesicht nicht einmal ansatzweise verzieht. Und Astrid von Roëll will nicht wirken wie eine Frau, die nicht weiß, dass es auch in afrikanischen Geländewagen Klimaanlagen gibt. Also versucht sie, gelassen dazusitzen, wie jemand, der an Auslandsreisen nichts mehr schätzt als diese herrlichen Temperaturunterschiede.

			Sie beobachtet Nadeche Hackenbusch dabei, wie sie etwas in ihr Smartphone tippt. Sie versucht unauffällig ihr Geheimnis zu entdecken. Nadeche Hackenbusch hat schließlich auch nur einen ziemlich kurzen Jeansrock an, ein elegantes, schlichtes Top und eine Jeansjacke drüber, dazu Leinenturnschuhe. Sieht alles sehr bodenständig aus, bis auf die Glitzersteine, das wirkt schon wieder trashig, aber sie hat ein Etikett gesehen und weiß daher genau, dass ihr gegenüber Klamotten für mindestens viertausend Euro sitzen, Schuhe und Krimskrams nicht eingerechnet. Und trotzdem: eine eingebaute Heizung haben auch die nicht. Wie geht das? Wie hält sie das aus? Trägt sie unsichtbare Thermowäsche?

			Eine erstaunliche Frau.

			Astrid von Roëll hat Nadeche Hackenbuschs Karriere von Anfang an miterlebt. Den Start in der Castingshow, die peinlichen Pannen, das hat man anfangs in den Themen-Konferenzen natürlich allgemein belächelt. Diese Naivität. Sie weiß noch, dass damals in der Schulklasse ihres Patenkindes unbedarfte Mädchen mit »Du bist doch eine Nadeche!« abgestraft wurden, oder knapper mit »Du Vollnadeche!« Sie flog natürlich in der vierten Runde raus, schon die dritte überstand sie nur, weil die Einschaltquoten wegen ihr so grandios waren, die Youtube-Videos Kult und weil TV-Manager eben auch Werbung verkaufen müssen. Dafür war ihr Aussehen und ihre erfrischende Natürlichkeit wie geschaffen. Beine bis zu den Ohren, fast schon zu lang und deshalb immer etwas unbeholfen, nicht total ungelenk, aber meistens kurz vorm Wegknicken wie bei einem sehr jungen Kalb. Eine vielseitige Oberweite, die sich je nach Situation aufregend aufbauschen ließ und genauso gut dezent wegkleiden, so wie jetzt. Dieses sensationelle Gesicht, das schon damals zugleich atemberaubend hübsch war und doch immer noch so normal wie das der Aushilfe aus der Bäckerei nebenan. Ein Lächeln wie ein Sonnenaufgang, eine große Klappe, die nie stillstand und aus der unglaublich viel Schwachsinn purzelte, aber eben immer auch eine bedingungslose Ehrlichkeit. Man hätte sich nur gleich denken können, dass eine eigene Sendung für sie nicht das Richtige war.

			So wie damals mit Franzi van Almsick. Eine Schwimmerin, die Interviews führen soll. Als ob jeder von heute auf morgen Journalist sein könnte. Und mit dieser Idee hatten sie dann auch die arme Castingsiegerin Nadeche Hackenbusch ins Messer laufen lassen. Das hätte man doch sehen müssen, dass sie damals vor der Kamera keinen Text aufsagen konnte. Kann sie heute noch nicht, weil sie schlicht keine Ahnung hat, wie er klingen muss. Der kann man hundertmal irgendwelche Moderatoren vorspielen, sie hört einfach den Unterschied nicht. Deshalb klang sie dann mit jedem verzweifelten Versuch immer verbogener. Und unsicherer und immer weniger nach ihr selbst. Das kam schlecht an, das merkten auch die Zuschauer, die Quoten wurden erst mäßig und dann unterirdisch.

			Das Mediengeschäft kann so grausam sein. Besonders im Umgang mit Frauen. Kaum jemand weiß das besser als Astrid von Roëll. Seit sechzehn Jahren ist sie jetzt bei der EVANGELINE, und sie ist jedes Mal von neuem erschüttert. Was ist denn mit der Esther Schweins von RTL Samstag Nacht? Oder, noch besseres Beispiel, der Tanja Schumann? Die waren doch superkomisch, und jetzt? Die Kerle aus der Sendung sind alle wieder untergekommen, aber die Frauen? Wie bei Ingrid Steeger. Nach »Klimbim« und den »Himmlischen Töchtern« war die Luft raus. Die Steeger konnte sich immerhin noch mit ihrem Männerpech und ihrem Hartz-IV-Schicksal über Wasser halten. Die Schumann hingegen musste sogar ins Dschungelcamp, weil in ihrem normalen Leben nicht genug Elend zusammengekommen ist. Da hat sich Nadeche Hackenbusch eindeutig cleverer angestellt.

			Astrid von Roëll kann sich nicht daran erinnern, dass die Hackenbusch jemals völlig von der Bildfläche verschwunden war. Dank ihres unglaublich ereignisreichen Lebens. Die Hochzeit mit dem Hockeynationalspieler, das erste Kind (ein Sohn namens Keel), die Scheidung, die wirklich sehr unglückliche Gesangskarriere zeitgleich zu der Affäre mit dem Youtube-Blogger LeBrezel (»Betonung auf der letzten Silbe, bitte«), die Trennung nach dieser Vergewaltigung und als Ergebnis das zweite Kind, fast wie eine perfekt geplante Pointe, die Abtreibungsdiskussion parallel zum Prozess, der in einem fragwürdigen Vergleich endete. Dann die glückliche Geburt des zweiten Sohnes Mynce (wie bei Beckhams nach dem Ort der Zeugung benannt) und das Buch über Mutterschaft, bei dem Astrid von Roëll als Beraterin mitwirken durfte, wenn auch leider ohne Namensnennung. Erst als das Buch floppte, war Nadeche Hackenbusch doch noch beinahe reif fürs Dschungelcamp gewesen. In diesem Moment kam Engel im Elend.

			Der Wagen hat Ledersitze, und man möchte kaum glauben, wie lange es dauert, bis man die warmgehockt hat. Ist gut fürs Bindegewebe, tröstet sich Astrid von Roëll. Nadeche Hackenbusch lässt mit einer geschmeidigen Bewegung ihr Handy in ihrer Louis-Vuitton-Tasche verschwinden. Früher gab es Frauen, die total elegant mit einer Zigarettenspitze umgehen konnten – das Smartphone ist die Zigarettenspitze der Nadeche Hackenbusch.

			»Was habt ihr fürs Shooting mitgenommen?«, fragt sie und beugt sich zu Astrid von Roëll vor.

			»Ziemlich viel H&M, die schalten gerade eine Menge Anzeigen. Etwas Hallhuber, na ja, und dann noch mal zwei Koffer Doris zu Wagenbach.«

			»Ach du guter Gott.«

			»Du weißt doch, wie es bei uns läuft.«

			»Doris zu Wagenbach!« Ihre Verachtung betont sie ausgezeichnet. »Man wirft eine Steppdecke und einen Clown in einen Schredder und trägt das Ergebnis als Abendkleid. Ich habe echt keine Ahnung, was ihr an der gefressen habt.«

			»In der Chefredaktion gilt sie als das kommende Fashion…«

			»… das kommende Fashiontalent? Die Wagenbach? Ich mag eure Chefredaktion, aber du weißt selber, wie die rumlaufen. Schafft euer Vize es inzwischen, sein Hemd zuzumachen? Jedes Mal, wenn ich bei euch bin, steht dem ein Knopf offen. Und man kann von Glück sagen, wenn’s nur das Hemd ist. Mein Gott, der Mann arbeitet bei der EVANGELINE! Sagt dem das eigentlich keiner?«

			Astrid von Roëll versucht, nicht mit den Zähnen zu klappern. »Wir müssen davon doch nur zwei oder drei Motive nehmen, der Rest kann so wieder mit, wie er hergekommen ist. Und wir haben doch auch viel Hallhuber dabei.«

			»Hallhuber. Mein Gott. Na ja, besser als nichts.« Nadeche Hackenbusch lässt sich in ihren Sitz zurückfallen und atmet hörbar aus. Sie schaut aus dem Fenster. Außen, hinter den dunkel getönten Scheiben, verschwindet ein Einheimischer im hellblaugelbgrauen Staub. Man sieht überhaupt nicht so viel, wenn man aus dem Fenster guckt. Ihr Wagen ist der dritte in der Kolonne, da ist von den beiden davor schon alles reichlich vernebelt. »Aber ich verlass mich auf dich. Nicht dass es im Text so klingt, als würde ich den Schrott selber tragen.«

			»Das ist doch klar«, versichert Astrid von Roëll eilig. »Das ist nur für das Shooting.«

			»Ja, aber ist das nicht furchtbar? Ich meine, das sind ganz arme Menschen, wirklich arm. Die haben kein Dach, die haben nichts zu essen. Und jetzt kommen wir daher, aus einem der reichsten Länder dieser Erde, und was bringen wir mit? H&M und Doris zu Wagenbach! Diese Menschen müssen sich vorkommen wie das Allerletzte.«

			»Die tragen doch sonst auch nicht gerade Dior«, versucht Astrid von Roëll zu besänftigen.

			»Genau. Die tragen sonst doch nur Mist, dann können sie jetzt auch Scheiße tragen.«

			»Also, H&M ist doch keine …«

			»Genau das ist es, warum diese Welt keinen Frieden findet. Da fehlt einfach die Sensibelty für die Ärmsten der Armen!«

			»Wir haben Hallhuber dabei …«, wiederholt Astrid von Roëll hilflos. Sie spürt ein leichtes Würgen im Hals. Es ist schweinekalt in diesem Scheißauto, sie ist seit siebenundzwanzig Stunden auf den Beinen, und sie hat sich wirklich alle Mühe gegeben. Sie hat gewusst, dass Nadeche Hackenbusch Doris zu Wagenbach hasst, wegen dieser Sache bei shop@Home. Weil die Wagenbach Hackenbuschs Slot bekommen hat, nachdem der Verkauf der HackenPush-ups zurückging. Da war niemand schuld, das lag einfach nur daran, dass große Brüste nicht mehr so gefragt waren, aber für Nadeche Hackenbusch steckt dahinter eine Intrige der Wagenbach. Und eben weil sie, Astrid von Roëll, das wusste, hat sie doch extra noch dafür gekämpft, dass was Schönes von Hallhuber mitkommt, auf die Schnelle. Das war wirklich nicht einfach. Sie hat der strunzdummen Praktikantin aus dem Moderessort sogar noch drei- oder viermal hinterhertelefonieren müssen, bis die das endlich eingetütet hatte, und jetzt dieser Wutausbruch. Sie ist ja sonst nicht so, aber für einen Moment fürchtet sie, dass sie gleich zu weinen anfängt. Aber dann sagt Nadeche Hackenbusch: »Das ist genau wie mit diesem Scheißauto.«

			Ach so.

			An der miesen Stimmung ist also gar nicht sie schuld. Sondern das Auto.

			In solchen Momenten zahlt sich aus, dass Astrid von Roëll in der Karriere von Nadeche Hackenbusch immer dabei war, hautnah, sie würde sogar sagen, die Hackenbusch ist ihre Entdeckung. Seit Nadeche Hackenbusch ihre erste Show Nachgedecht bekam, jenes spätere Fiasko, bei kabel eins oder Vox oder RTL 2. Heute weiß Astrid von Roëll über Nadeche Hackenbusch alles, was es zu wissen gibt. Sie hat die wunderschöne Aschenputtelgeschichte, diesen unvergleichlichen Aufstieg zum Star inzwischen auch schon so oft in Porträts und Interviews und Features geschrieben, dass sie das Gefühl hat, zusammen mit ihr durch den Dreck gegangen zu sein, den ganzen steinigen Weg, die harten Jahre nach dem Abitur, die klitzekleine WG in Hamburg, die Angst, die Miete nicht mehr bezahlen zu können, denn man darf nicht vergessen: Nadeche Hackenbusch, Star und Vorbild Hunderttausender junger Frauen und Mädchen, kommt – was viele nicht wissen – aus ganz kleinen Verhältnissen. Und die ganze Zeit war sie, Astrid von Roëll, dabei. Sogar bei dieser Vergewaltigungsangelegenheit, eine ganz üble Sache, mit einer extrem schwierigen Beweislage, wie bei jeder Vergewaltigung. Wie schnell man da vom Opfer zum Täter wird, das hat man da mal wieder ganz genau sehen können. Der schlechte Stand, den eine Frau vor Gericht hat und in der Öffentlichkeit. Nur weil sich mittendrin herausstellt, dass sie zum Tatzeitpunkt einen Drehtermin hatte. Da haben viele Medien an ihr gezweifelt.

			Als ob man bei einer Vergewaltigung immer auf den Kalender gucken könnte.

			»Deutschlands Richter leben noch in den Fünfzigern«, hat Astrid von Roëll damals in einem Kommentar geschrieben, und: »In einem Jahr, das dreihundertfünfundsechzig Tage hat, kann die Gerechtigkeit unmöglich vom Zufall eines korrekten Datums abhängen.« Es gab sehr viel Leserpost und Reaktionen auf der Homepage, und viele, viele Frauen haben ihr gedankt.

			»Was stimmt denn nicht mit dem Auto?«

			Astrid von Roëll spielt mit dem Gedanken, die Fensterscheiben herunterzulassen, um ausgleichende afrikanische Hitze hereinzulassen, aber der Staub ist zu dicht. Und sie mag sich die Blöße nicht geben, obwohl sie fürchtet, dass ihre Lippen inzwischen schon blau sind. Wie macht die Hackenbusch das nur? »Ich glaube, der Wagen ist sogar neu. Bei den anderen bin ich nicht so sicher, aber der hier … der riecht sogar ganz neu.«

			»Da haben die extra Spray für. Die versuchen einen doch an allen Ecken übers Ohr zu hauen. Aber damit hab ich schon gerechnet.«

			»Und was passt dann nicht?«

			»Hallo? Die Farbe?«

			»Die Farbe?«

			»Die haben mir gesagt, dass ich die neue Schreinemakers werde. Und ich habe gesagt: Ich will einen Wagen mit Zebramuster. So wie Daktari.«

			»Ist er doch. Das ist eine tolle Idee, das fand ich schon beim Einsteigen klasse.«

			»Ja, in Schwarz-Weiß. Aber Schwarz-Pink?«

			»Ich dachte, das muss so sein, weil das doch deine Show ist, und Pink ist …«

			»Wäre die Schreinemakers in einem pinkfarbenen Zebra-Auto herumgefahren?«

			»Ich …«

			»Fährt Günther Jauch in pinkfarbenen Autos herum? Der Plasberg? Ingo Zamperello?«

			»Nein …«

			»Ich bin ja vielleicht ’ne Tussi, aber ich hab Augen im Kopf. Und ich kann sehen, wie Nichttussis herumfahren. Daktari rettet Tiere. Der denkt den ganzen Tag nur an die Tiere und die Leute, und deswegen fährt der in einem schwarz-weißen Zebra-Auto wie jeder andere Mensch in Afrika. Ich fahre in irgendeiner rosa Karre, als wäre mir die Farbe total wichtig.«

			Das sind die Momente, in denen Astrid von Roëll richtig begeistert ist. In solchen Momenten ist sie ein echter Hackenbusch-Fan. Dass Nadeche auf solche Details achtet, auf die sie selbst nie geachtet hätte. In solchen Momenten spürt sie, dass ein Star eben nicht nur zufällig ein Star ist, sondern weil er Dinge bemerkt, an denen andere achtlos vorübergehen.

			»Und was willst du da jetzt noch machen?«

			»Das sollen die ändern, aber zackig. Da soll der Produktionsleiter eine andere Karre herbringen, aber ganz fix.«

			»Ob das geht?«

			»›Geht nicht‹ gibt’s nicht. Und den Endschnitt guck’ ich mir auch noch mal an. Ich schwöre: Wenn diese Cindy-von-Marzahn-Schaukel auch nur eine Sekunde im Bild ist, misch ich den Scheißladen auf. ProSieben hat sowieso schon bei meinem Management angefragt, die nehmen mich mit Handkuss. Das schreibst du aber nicht.«

			Astrid von Roëll nickt professionell. Das ist der Stoff, den die EVANGELINE-Leserinnen lieben. Frauen, die nach was aussehen und trotzdem nicht doof sind, sondern durchsetzungsfähig. Knallhart und gefühlvoll, wie Männer öfter mal sein sollten – wie es im richtigen Leben aber nur Frauen sind. Einige wenige. Und deshalb ist sie auch genau die Richtige für Engel im Elend. Weil sie anpacken kann, weil sie selbst das Leben von ganz unten kennen gelernt hat, weil sie ein Vorbild ist für die Schwächsten, weil sie kämpft für die Kleinen, die Frauen, die Kinder und, Ende der ersten Staffel, auch für diesen kleinen Hund. Weil sie die Zustände in diesem Heim sieht und sofort sagt: »›Geht nicht‹ gibt’s nicht«.

			Das sollte man auch mal in der Redaktion sagen.

			Das wird sie selbst auch mal in der Redaktion sagen. Also demnächst, es ist ja im Gespräch, dass sie bald in die Chefredaktion aufrücken soll. »Editor at Large« steht derzeit noch auf ihrer Visitenkarte, wie in den großen US-Verlagshäusern, aber das kann bald schon »Mitglied der Chefredaktion« heißen, sehr bald sogar. Oder, noch besser: »Mitglied der Chefredaktion at Large«. Wäre auch langsam Zeit: Sie kann gut Menschen führen, sie kann prima Entscheidungen treffen. Ihr Eckbüro hat sie auch selbst gestylt, und alle finden es gut.

			Und es ist ja auch kein Zufall, dass Astrid von Roëll für Nadeche Hackenbusch zuständig ist: Weil sie und Nadeche Hackenbusch gewissermaßen verwandte Seelen sind. Auch Astrid von Roëll kann knallhart sein, überhaupt kann man als Journalist praktisch alles, weil man so viel hört und sieht, und mit diesen Erfahrungen kann man eigentlich auch Politiker at Large werden oder Manager at Large. Sie sieht vielleicht nicht so gut aus wie Nadeche Hackenbusch, aber sie kann eben super Sachen mit Worten ausdrücken, und deswegen wird sie von Nadeche Hackenbusch auch so respektiert. Das sagt sie ihr zwar nicht immer, aber das merkt sie trotzdem. Deswegen sitzt ja auch sie mit im Auto, total exklusiv, eigentlich sogar exclusiv, mit »c«. Nadeche Hackenbusch liest schließlich, was so über sie geschrieben wird, und sie merkt sich, wer fair berichtet oder gemein, wie die Leute von der Gloria zum Beispiel, oder diese gehässigen Typen von G-Style mit ihren ungeschminkten Abschüssen. Wenn man sich davon wohltuend unterscheidet, entsteht ganz von selbst ein guter Draht. Und trotzdem muss man aufpassen.

			Denn an jemanden wie Nadeche Hackenbusch wollen sich auch die Kollegen dranhängen. Alle paar Wochen kommt einer daher und schlägt in der Themenkonferenz eine Hackenbusch-Geschichte vor, meistens ist es natürlich Quatsch. Das sagt Astrid von Roëll dann auch sofort: »Das kann gar nicht sein, Nadeche hätte mir das ja erzählt.« Ganz beiläufig »Nadeche«, damit jeder weiß, wie eng sie beide sind und wie unmöglich es ist, dass eine Hackenbusch-Geschichte passiert, ohne dass sie davon erfährt. Sie kriegt dann natürlich vom Chefredakteur den Auftrag, die Geschichte zu überprüfen, meistens ist es wirklich Quatsch. Oder wenigstens ganz anders. Wie bei der zweiten Schwangerschaft, die sich der Kollege Grant gerne unter den Nagel gerissen hätte. »Nadeche Hackenbusch in der neunten Woche«. Bullshit.

			Die zehnte war’s.

			»Lou« Grant, wenn der schon mal was »recherchiert«. Und dann dauernd das Gequengel, »aber schwanger ist sie, aber schwanger ist sie«, weil er natürlich mit in die Autorenzeile wollte. »Du kannst mich nicht einfach weglassen! Das geht nicht!«

			»›Geht nicht‹ gibt’s nicht.« Das würde sie einfach so sagen. Und dann könnte er das gerne mal durchdiskutieren, mit einem Mitglied der Chefredaktion at Large. »Lou« Grant mit seinen Nullinformationen.

			Minusinformationen!

			Astrid von Roëll hat sich beinahe warm geärgert, es ist aber eher so, dass sie ihre kalten Zehen nicht mehr spürt. Sie würde gern aus den Schuhen schlüpfen und die Füße zu sich auf die Sitzbank heranziehen, aber sie ist seit inzwischen achtundzwanzig Stunden in diesen Schuhen, und wer weiß, ob …

			»Guck mal«, sagt Nadeche Hackenbusch aufgeregt, »Treibhäuser!«

			Deswegen ist es ganz gut, wenn man mit ihr keine Live-Sendung macht. Was da auf den ersten Blick wie Treibhäuser aussieht, sind weiße, halbtonnenförmige Zelte. UNHCR steht ziemlich deutlich auf ihnen, in blauen Großbuchstaben, eigentlich nicht zu übersehen.

			»Hoppla«, sagt sie. »UNICEF. Dann sind wir jetzt vermutlich bald da.«

			Doch es wird nicht bald. Es sind endlose Reihen von Zelten im Nichts. Sie hören einfach nicht auf, obwohl die Wagenkolonne wirklich nicht trödelt. So schnell dürfte man in einem deutschen Wohngebiet überhaupt nicht fahren, und dennoch finden die Zelte kein Ende. Sie werden auch nicht größer oder höher. Man erwartet ja in jedem Ort so etwas wie ein Zentrum, eine Kirche, eine Burg, eine Brücke über einen Fluss. Aber hier gibt es nichts. Hier gab es auch vorher nichts, und deshalb ist hier alles gleich, überall nur eine dicke Zeltschicht auf dem staubigen, verdorrten, versengten Boden. Der Blick geht über die Zeltdächer in die endlose Weite, ein weißgekräuseltes Planenmeer, zwischen dessen Wellen dunkle Menschen treiben, Hunderte und Hunderte, aus denen sich immer wieder Gruppen von rennenden Kindern lösen, die die Wagenkolonne ein Stück begleiten wie Delphinschulen ein Schiff.

			Astrid von Roëll sieht hinüber zu Nadeche Hackenbusch, die staunend an der getönten Scheibe klebt angesichts der schieren, immensen, überwältigenden Größe des Lagers, dessen grenzenlose Ausdehnung schlagartig klarmacht, dass das nicht nur ein Flüchtlingsheim in etwas größer ist, sondern etwas völlig anderes, eine Zeltstadt für die Einwohnerschaft von Berlin oder Paris. Das Entsetzlichste, denkt Astrid von Roëll, ist, dass es dennoch schwierig sein wird, sieben oder acht brauchbare Locations für das Modeshooting mit Flüchtlingsfrauen zu finden. Oder auch nur eine.

			Schließlich hält der Wagen. Die Schiebetür wird geöffnet. Astrid von Roëll schließt die Augen. Ihr Mund öffnet sich wie erlöst, und sie gibt sich dieser wundervollen Luft hin, die in den Wagen strömt, sie will sich in sie hineinwerfen, steifgefroren, wie sie ist, sie will sich in sie fallen lassen, in diese göttliche, sonnige Wärme, sie packt rasch ihre Tasche, fertig zum Aussteigen, sobald Nadeche Hackenbusch diesen rollenden Eispalast verlassen hat. Eine Hand schwebt in den Wagen, eine weiße Hand, an der Uhr erkennt Astrid von Roëll die Produktionsleiterin vor Ort, die Nadeche Hackenbusch beim Aussteigen behilflich sein will, und Nadeche Hackenbusch ergreift die Hand wie eine Selbstverständlichkeit, als würde sie sich auch nicht wundern, wenn jemand seinen Mantel vor ihr in den Staub geworfen hätte. Sie richtet sich auf, geschmeidig, sie muss immun sein gegen Kälte, wie ein Eisbär. Das gibt es ja manchmal, Leute mit einem besonderen Stoffwechsel oder so, selten, aber es kommt vor, wie dieser isländische Fischer in dem Film, der stundenlang im Meer überlebt hat. Und einer dieser raren, anpassungsfähigen Menschen, denkt Astrid von Roëll, ist dann wohl Nadeche Hackenbusch, die sich gerade beschwert:

			»Warum sagen Sie mir denn nicht vorher, dass das so lange dauert? Mir hat’s den halben Arsch weggeschmolzen mit eurer dämlichen Sitzheizung!«





6


			Es war pures Glück. Oder natürlich Schicksal, aber wer kann das schon unterscheiden außer Allah? Denn diesen Job hätte jeder kriegen können, der lange genug im Lager ist. Es hat ja auch so gut wie jeder versucht.

			Zwei Stunden, höchstens, hat es gedauert, bis auch der Letzte im Lager wusste, dass ein Engel aus Deutschland kommen würde: Malaika, wie es auf Suaheli heißt. Ein Engel aus dem Fernsehen. Alle tauschten Links von Malaika-Videos bei Youtube, und es hieß, Malaika hilft den Armen, auch wenn man auf den Videos nur sah, wie Malaika und ein eleganter Mann in ein Mikrofon sprachen oder wie Malaika sich als Dorfschlampe verkleidete, um sich einen Eimer Eiswasser über den Kopf zu gießen, wohl als Warnung an alle Dorfschlampen. Aber die geringe Auswahl an Videos lag auch daran, dass der Engel aus Deutschland kam. In Ländern, in denen man Englisch oder Französisch sprach, war der Engel unbekannt, man hätte die deutschen Wörter wissen müssen, um mehr Videos zu finden. Wer einen deutschen Engel suchte, der Armen hilft, fand jedenfalls immer nur den vorherigen Merkel, der noch eine Frau war.

			»Malaika ist schön«, sagt Mahmoud fachmännisch. »Sie ist die schönste Frau der Welt.«

			»Sie ist nicht so schön wie Scarlett Johansson.«

			»Das ist, weil du Scarlett Johansson nur von Fotos kennst. Wo sie schön gemacht ist. Scarlett Johansson in Afrika sieht aus wie ein Gnu.«

			Sie trinken Bier bei Miki, und der Flüchtling zahlt. Denn er hat den Job bekommen, den jeder gerne gehabt hätte. Es war allen klar, dass die Fernsehdeutschen Arbeit und Geld bringen. Es gab sogar Gerüchte, dass es auch Arbeit für Frauen geben würde. Aber das war Unsinn, weil sich keine Frauen bei den Deutschen meldeten. Auch die Deutschen können die Tatsache nicht ändern, dass Frauen genauso ungern Ohrfeigen bekommen wie jeder andere Mensch. Aber klar war auch, dass die guten Deutschen ihren Helfern sicher mehr Geld bezahlen würden als jeder Schlepper und jeder Kleingangster. Der Flüchtling hat sich vor allem gemeldet, weil er hofft, er könnte sich damit womöglich doch noch einen Schlepper nach Europa leisten.

			Es stimmt übrigens vieles, was man den Deutschen nachsagt. Sie sind zum Beispiel wirklich so organisiert. Er hatte den Engel anfangs genauso wenig zu Gesicht bekommen wie alle anderen, denn der Engel hatte Hilfsengel, die ihm bei der Suche nach kundigen Assistenten zur Seite standen und die bereits eine Woche vor Ankunft des Engels im Lager waren. Natürlich waren auch Ali und seine Jungs bei den Deutschen, und sie taten, als würden sie sich nicht kennen, um ihre Chancen zu erhöhen. Mojo der Blaue hatte Salif in irgendetwas gesteckt, das er für einen Anzug hielt, als wäre der Engel auf der Suche nach einem Staatspräsidenten. Shaquan der Lügner, der verdrehte Pakka, der alte Gbil, der für einen Weisen gehalten werden will, es war jeder da, der Beine hatte, und sogar einige ohne. Der Engel hatte drei Helferinnen, die ihre Namen aufnahmen und sie auf eine altmodische deutsche Art fotografierten: Nicht mit Smartphones, sondern mit Sofortbildkameras, aber das sieht man ja immer wieder, dass die Deutschen lieber in einem alten VW-Bus herumfahren oder auf einem alten Motorrad oder einem alten Fahrrad.

			Mojo, heißt es, war überzeugt, dass die Deutschen nicht an seinem Mann vorbeikommen würden. Salif kann Französisch, hieß es, sie werden Salif lieben. Aber die Deutschen freuten sich nicht über Salifs wunderbares Französisch. Sie freuten sich stattdessen viel mehr über den Flüchtling, als er ihnen sagte, dass er Englisch konnte. Er hatte sich so etwas schon gedacht, die Deutschen haben ihre Kriege gegen die Franzosen immer gewonnen, die gegen die USA und die Engländer aber verloren. Man schätzt die Sprache der Sieger, nicht die der Verlierer.

			Dann wurden Kameraaufnahmen gemacht. Das lief auch gut für ihn. Viele waren unsicher, aber er war viel zu neugierig, um unsicher zu sein. Er lachte viel, auch weil ihm die junge Assistentin mit den dunklen Haaren gefiel und weil sie zurücklachte. Aber er lachte bald weniger, weil ihm etwas aufgefallen war.

			Es war noch eine Frau dabei, die viele nicht bemerkten, weil sie eine unscheinbare, schon sehr faltige Frau war. Sie fiel ihm auf, weil sie nichts sagte und trotzdem alles beobachtete. Die Deutschen sind reich, aber sie denken sich bei allem etwas, und wenn sie Geld für eine Faltenfrau ausgeben, die nichts sagt und nur schaut, dann muss diese Frau wichtig sein.

			Und diese Frau sah ihn wohlwollend an, als er gerade dem dunkelhaarigen Mädchen von seiner Heimat erzählte. Er hatte gesehen, wie vor ihm ein gigantischer Schwarzer den Beschützer gespielt hatte, und das war bei beiden Frauen nicht gut angekommen. Die Dunkle wirkte eher eingeschüchtert und versuchte, möglichst schnell mit ihm fertig zu werden, und die Ältere sah schon gar nicht mehr hin, sondern auf ihr Handy. Also probierte er es mit dem Gegenteil. Wenn alle laut sind, sei leise. Und dann fragte ihn die Dunkle nach seiner Heimat. Er hatte ihr nur ganz kurz in die Augen gesehen, damit er nicht so einschüchternd wirkte wie der große Schwarze. Dann hatte er seine Stimme gesenkt und ihr gesagt:

			»Meine Heimat ist sehr weit von hier. Und immer sehr nah.«

			Er hatte zwar nicht hingesehen, aber bemerkt, wie die Ältere ihr Handy sinken ließ. Sie hatte nach einem Stift gegriffen und etwas auf das Blatt mit seinem Sofortbild notiert. Und sie nahm das Handy auch nicht wieder in die Hand, sondern beobachtete ihn weiter. Sie hatte also etwas gehört, das ihr gefiel. Er tat so, als sei es ihm nicht aufgefallen. Er sagte seinen Namen in die Kamera, wie alt er sei, was er könne. Dass er jeden im Lager kennen würde, dass er auch Französisch könne (was die Deutschen kaum prüfen konnten), dass er dreizehn afrikanische Dialekte beherrsche (das konnten sie auch nicht prüfen), und anders als die meisten behauptete er nicht, dass er Deutsch könne. Er hatte den Schwachkopf Lamine beobachtet, der als Beleg fließend »Angemerkel« sagte. Er hatte gesehen, wie Lamines Sofortbild blitzschnell in den Papierkorb flog. Es war ohnehin überraschend, dass ein Idiot wie Lamine überhaupt fotografiert wurde, aber die Deutschen konnten natürlich nicht wissen, dass Lamine das Einzige ist, was die Kinder im Lager noch lieber mit Steinen bewerfen als die Hunde. Weil er leichter zu treffen ist und nicht beißt.

			Er sprach wenig, wollte nicht wie ein Schwätzer wirken, sondern wie ein Mann, dem man einen Engel anvertrauen kann. Er entschloss sich für das Modell Boateng, nicht Kevin-Prince, sondern sein Bruder, der immer ruhiger, kontrollierter gewesen ist, einer, bei dem die Deutschen sich keine Sorgen machten, obwohl er schwarz ist, der sogar bei ihnen Weltmeister werden durfte. Sie haben offenbar auch Probleme mit jungen Männern gehabt, also machte er sich älter. Sieben Jahre, nicht mehr, fürs Fernsehen war er jetzt einunddreißig. Sie nahmen ihn erst in die engere Wahl. Dann wurden sie alle nacheinander in einen Raum mit einer Kamera geführt. Er wusste nicht, ob am anderen Ende der Kamera der Engel saß, ihm wurde nur gesagt, er solle sich vorstellen. Er sagte seinen Namen. Und dann, wie aus einer Laune heraus, er wusste selbst nicht, ob das eine gute Idee war, ging er auf die Kamera zu, gelassen, ganz ruhig und boatengbedächtig, und sagte sanft:

			»Der Name eines Mannes bedeutet dem Löwen nichts.«

			Dann drehte er sich um und verließ den Raum.





7


			Der Name eines Mannes bedeutet dem Löwen nichts‹ – was soll das denn heißen?«

			Sensenbrink sieht sich im Raum um. Einige Mitarbeiter geben den Satz hastig in ihre Handys ein. Sensenbrink seufzt.

			»Kann der nicht einfach mal das Maul halten? Da hat man schon mal einen, der halbwegs brauchbar aussieht, dann fängt er an, Scheiße zu labern.«

			»… der ideale Vorname für Löwe-Geborene …«, liest eine Assistentin halblaut vor.

			»… der Name LOEWE steht seit über neunzig Jahren für Qualität in der Unterhaltungselektronik …«, liest eine Männerstimme.

			»Das ist irgendeine afrikanische Weisheit. Das gibt’s doch sicher: www.afrikanische-weisheit.de«, vermutet Sensenbrink.

			»Hab ich schon eingegeben. Da ist aber nichts.«

			»Ist doch egal. Die Frage ist doch: Was bedeutet der Schwachsinn?«, merkt Beate Karstleiter an. Sensenbrink nimmt es wohlwollend zur Kenntnis. Karstleiter ist zwar ein Schleimbeutel, aber immerhin ein Schleimbeutel, der seine Gedanken richtig errät. Es gibt genügend in diesem Laden, die zwar vorauseilenden Gehorsam mitbringen, deren Gehorsam aber in Richtungen vorauseilt, die kein Mensch brauchen kann.

			»Er sagt uns, dass wir unwichtige Fragen stellen.«

			»Oder dass wir keine Löwen sind.«

			»Natürlich sind wir keine Löwen. Aber ist das gut oder schlecht?«

			»Schlecht. Jeder will doch ein Löwe sein. Löwen sind stolz und stark.«

			»In Afrika vielleicht nicht. Da könnte der Löwe genauso gut gefährlich und böse sein.«

			»Dann wären wir ungefährlich und gut. Weil wir eben keine Löwen sind.«

			»Vielleicht sind wir Löwinnen?«

			»Was??« Sensenbrink sieht sich um. Eigentlich sollte man jede Diskussion sofort abbrechen, es kommt doch immer nur Scheiße dabei raus.

			»Na ja, der Löwe macht eigentlich nichts. Die Löwin macht die ganze Arbeit. Sie jagt.«

			Genau. So was wie diese Genderscheiße. Aber was soll man machen? Die Leute wollen reden, reden, reden, damit sie sich einbringen können. Man kann ihnen nicht den Mund verbieten, sonst arbeiten sie nicht mehr mit.

			»Er hat Löwe gesagt.«

			»Er hat lion gesagt.«

			»Ist das im Englischen nicht dasselbe?«

			»Nein. Im Englischen heißt es lion und lioness.«

			»Ich dachte, Lionelle …«

			»Wie bei Frau Messi?«

			Jetzt wird’s ganz albern. Sensenbrink zieht die Bremse: »Zeigt mir mal den Nächsten!«

			Die Assistentin spricht in ein Handy. Der Löwenmann geht hinaus, ein anderer Mann betritt jetzt denselben Raum. Er trägt Shorts und Badeschlappen und hat eine verspiegelte Sonnenbrille. Man merkt ihm eine gewisse Unsicherheit an, er geht in den Raum, als fürchte er einen Hinterhalt. Eine Stimme aus der noch geöffneten Tür scheint ihm zu sagen, dass eine Kamera sein Bild überträgt. Er richtet sich sofort auf. Die Stimme sagt noch etwas Weiteres. Daraufhin schiebt er sich die Sonnenbrille in den Haaransatz.

			»Oh Gott, welchen Zuhälter haben sie denn da ausgegraben?«

			»Seht euch die Hose an!«

			»Ist das scheiße!«

			»Wollen die uns verarschen?«, zetert Karstleiter, »fragen Sie die mal, was das soll?«

			Die Assistentin murmelt in ihr Headset. Dann sagt sie: »Sie wissen es selbst nicht. In den Vorgesprächen soll er noch ganz anders gewesen sein.«

			»Ganz anders, ganz anders. Sind die blind? Was hat denn der da am Handgelenk?«

			»Das ist jetzt nicht wahr, oder?«

			»Ist das ’ne Rolex?«

			»Ja, aber ’ne falsche.«

			Sensenbrink beugt sich zu seinem Mikrofon vor: »Sagt mal, checkt ihr die Kollegen da unten überhaupt noch mal durch, bevor ihr die vor die Linse schiebt? Schlimm genug, dass der bei euch so aufgepimpt aufkreuzt, aber was glaubt ihr eigentlich, was wir hier denken, wenn wir den so sehen? Warum sagt dem keiner von euch, dass er den Scheißwecker abnimmt, bevor wir ihn betrachten? Wisst ihr eigentlich, was uns die Veranstaltung hier kostet? Standleitung, Equipment, die halbe Programmspitze hockt hier herum? … Ja, sorry. Ihr mich auch sorry. Sorry am Arsch! Macht euren Job! Nächster.«

			Man sieht, wie der Zuhälter sich zur Tür umdreht und dann hastig beginnt, seine Uhr abzunehmen.

			»Was soll das? Was macht er da? Ich scheiß auf seine Uhr! Das hätte er sich vorher überlegen müssen …«

			Jetzt drängt eine ältere Dame ins Bild, die sich das Mikrofon an ihrem Ohrhörer näher an den Mund hält und zu beschwichtigen versucht: »Er sagt, das sei gar nicht seine Uhr«, erklärt sie, »er sagt, die hätte er sich nur ausgeliehen, damit er bei uns …«

			»Ja, Pech! Scheiße gelaufen. Wir sind Privatfernsehen, nicht die Heilsarmee. Keine Arme, keine Kekse!«

			Der Zuhälter fällt plötzlich auf die Knie und beginnt zu weinen. Er sagt einige Worte in die Kamera, »Angel« und »I can aider«, es wird immer unverständlicher. Ein Schrank, ein Bär, ein Gebirge von einem Mann fällt in dem kleinen Raum zu einem Schutthaufen zusammen, er reißt plötzlich sein Hemd auf und zeigt eine irritierend vernarbte Brust.

			»Ach du Scheiße.«

			»Jetzt ist der auch noch ’n Opfer, oder was?«

			»Aber wir können den doch nicht nehmen, nur weil er ’n Opfer ist.«

			»So ’ne Scheiße.«

			»Boah, ist das heftig.«

			»Ich kann gar nicht hinsehen.«

			Der Zuhälter faltet die Hände zur Kamera, er sagt »famille«, er blickt flehentlich zu der älteren Frau und in das, was bei ihm wie ein kleines Kamerakästchen aussieht.

			»Oh no!«

			»Eine Heulsuse hatten wir nicht gesucht.«

			Sensenbrink sieht die Stimmung kippen. Jetzt sind Entscheider gefragt.

			»Herrschaften, das ist heftig, aber wir machen hier immer noch Unterhaltungsfernsehen. Ich habe extra gesagt: ein zäher Bursche. Keinen von den Hilfsorganisationen, sondern einen echten Flüchtling. Sensibel, hat viel Leid gesehen, es hat ihn aber nicht kleingekriegt.«

			»Und auch nicht unmenschlich gemacht«, ergänzt Karstleiter.

			»Genau. Hart, aber herzlich. Und ›hart‹ sehe ich hier leider überhaupt nicht.«

			»Und Englisch auch nicht.«

			»Hm?«

			»Wir hatten Englisch gefordert«, erinnert ihn Beate Karstleiter. »Ich glaube aber, ich habe da Französisch gehört.«

			»Ach so, genau! Wieso redet die Heulsuse Französisch?«

			Die ältere Dame versucht den weinenden Riesen aufzurichten. Sie fragt ihn etwas, woraufhin er mehrfach »english« schreit, leider noch etwas öfter auch »anglais«.

			»Scheiße, raus mit dem Kerl! Raus! Raus! Raus! Wir haben doch unsere Zeit nicht gestohlen. Himmel, das Englisch von der Hackenbusch ist schlimm genug, Französisch kann die nur, wenn sie …« Sensenbrink hält kurz inne und versucht, für den Satz ein besseres Ende zu finden, dann bricht er ihn einfach ab. »Ist der Kerl jetzt bald draußen?«

			Zwei Produktionsmitarbeiter drängen den am Boden zerstörten Hünen hinaus. Er scheint kurz gewalttätig zu werden, versucht aber gleichzeitig, auf die Kamera einen positiven Eindruck zu machen. Man hört leise einen Schrei, der in Afrika womöglich laut ist, ein trauriger Schrei, als ob jemand oder etwas Wundervolles gestorben wäre. Der Raum bleibt einen Moment lang leer. Auch im Senderbüro herrscht unangenehme Stille. Sensenbrink legt den Arm über die Rückenlehne, dreht sich in seinem Stuhl um und wendet sich an sein Team.

			»Das war jetzt ein bisschen hart, aber es hilft nichts. Flüchtlinge sind nun mal was anderes als das Witzecamp bei Joko und Klaas. So was wird also noch öfter vorkommen. Also: Wenn jemand findet, dass das hier nicht so ganz seine Baustelle ist, dann hab ich da Verständnis. Aber dann muss er jetzt aufstehen und sagen, dass er’s nicht packt. Die suchen derzeit noch wen für diese neue Show, Haustiertausch oder keine Ahnung. Ich sage aber auch gleich dazu: Das hier ist eine einmalige Sache, so was gab’s bisher noch nicht. Davon erzählt ihr noch euren Enkeln!«

			Niemand steht auf. Die Blicke wandern im Kreis. »Ich geh nicht«, sagt einer stumm dem anderen, »gehst du?« Niemand steigt aus. Sensenbrink dreht sich zufrieden um.

			»Da bin ich ja mal gespannt, wen sie als Nächstes bringen …«

			Ein Mann mit einem Käppchen tritt ein. Er scheint etwas älter zu sein. Sein Hemd hängt über der Hose, es ist kein Kaftan, aber es erinnert daran. Sensenbrink springt sofort auf.

			»Scheiße, was ist das?« Er greift sich wieder das Mikrofon und spricht direkt mit Afrika.

			»WAS? IST? DAS? Was ist das da in seinem Gesicht?«

			Die Runde im Büro sieht sich mit bedeutungsvollen Blicken an.

			»Genau«, schreit Sensenbrink außer sich. »Und warum ist da ein Bart? Ich kann doch keinen mit Bart in die Sendung nehmen. Wie sieht denn das aus? Das kann ich mir ja jetzt schon ausrechnen, da zappt Lieschen Müller mal eben rein, und nach zwei Sekunden fragt sie: ›Guck mal, die Hackenbusch. Castet die jetzt Terroristen?‹«

			Im Raum herrscht betretenes Schweigen. Einige sehen sich an und schütteln wieder den Kopf, diesmal aber enttäuscht, angewidert, verständnislos. »Die Idioten von der Produktion vor Ort«, sagen ihre Blicke jetzt oder: »Wenn man nicht alles selber macht.« Allen im Raum ist klar, dass man die größten Versager des ganzen Ladens da runtergeschickt hat.

			»Das habe ich auch gesagt: Ich sagte, kein Terrorist … Wieso muss ich das dazu sagen? Das mit dem Bart versteht sich ja wohl von selbst! Kein Terrorist heißt kein Terrorist und auch keinen, der aussieht wie ein Terrorist! Ich will keine Scheißmütze und keinen Scheißbart … Wie? Wieso noch einer?« Sensenbrink atmet tief durch. Dann sagt er mühsam beherrscht:

			»Ja, das haben Sie sehr richtig verstanden. Alle mit Bart fliegen raus. Jetzt sofort. Auch die Hipster mit dem Sprengstoffgürtel! Und jetzt schicken sie den Nächsten rein, der wenigstens halbwegs aussieht wie ein normaler Mensch.«

			Sensenbrink reißt sich entnervt die Kopfhörer aus den Ohren und feuert sie auf den Tisch.

			»Kaffee?«, fragt eine Assistentin.

			»Bitte.« Er legt die Hand an die Stirn und beginnt seine Schläfen zu kneten. »Wie lange hat die Susanne noch Erziehungsurlaub?«

			»Noch neun Monate.«

			Obwohl ihn dort nichts juckt, kratzt sich Sensenbrink müde hinter dem Ohr.

			»Ich zahl ihr den Babysitter und die Tagesmutter und alles, wenn sie nur da runterfliegt und sich um den Sauhaufen kümmert.«

			»An dem Punkt waren wir schon. Sie will ihrem Kind eine gute Mutter sein.«

			»Das Kind wird doch eh scheiße. Mit den ganzen Handys und dem Internet werden jetzt alle Kinder scheiße. Die letzten brauchbaren Kinder sind in den Achtzigern aufgewachsen. Rufen Sie sie an, und sagen sie ihr, sie kann sich ihr Gehalt aussuchen.«

			»Echt jetzt?«

			»Nein, Quatsch. Fragen Sie mal, ob die da unten die Kandidaten erst zeugen müssen oder was da los ist.«

			Ein schlanker schwarzer Typ betritt den Raum. Er dürfte etwas über zwanzig sein, und er lächelt freundlich.

			»Hello?«, fragt er in die Kamera und winkt. Dann sagt er seinen Namen und beginnt zu erzählen. Von seiner Familie, seiner Heimat, von dem Leben im Lager, von seinen Freunden, und Sensenbrink sieht sich im Raum um, um herauszufinden, ob er der Einzige ist, der nicht mehr zuhört. Er legt die Stirn in Falten und signalisiert einer Assistentin, dass sie die Vorstellung beenden soll und den nächsten Kandidaten bringen. Sie murmelt etwas in ihr Handy, woraufhin der Schwarze den Redefluss unterbricht, noch einmal freundlich in die Kamera winkt und den Raum verlässt. Ein weiterer junger Schwarzer löst ihn ab. Er trägt ein T-Shirt, das so eng ist, als hätte er es sich gerade von seinem kleinen Bruder geborgt. Er ist gut gelaunt, freundlich. Auch er winkt in die Kamera, bevor er entspannt zu erzählen beginnt. Sensenbrink stellt den Ton ab. Man sieht den Schwarzen stumm in die Kamera plaudern.

			»Da passt was nicht.«

			»Das T-Shirt ist zu klein«, sagt Beate Karstleiter, »aber das können wir ändern.«

			»Ich wollte vorhin nicht unterbrechen«, erklärt die Assistentin eilig, »die haben mir schon gesagt, dass es ihnen leidtut und er wäre ohne T-Shirt gekommen. Sie haben ihm gesagt, er solle sich schnell eins besorgen, und dann kam er damit zurück, es tut ihnen wirklich leid, sie sind untröstlich, aber …«

			»Nein, das T-Shirt ist es nicht«, stellt Sensenbrink fest. »Der ist zu fröhlich. Genauso wie der Typ davor. Die sind zu fröhlich. Was ist denn da unten los? Verteilen die Drogen? Fragen Sie mal!« Sensenbrink wendet sich wieder zum Bildschirm, wo der junge Schwarze im kneifenden T-Shirt pausenlos weiterredet.

			»Die sagen, die sind alle so«, sagt die Assistentin. »Die freuen sich halt, weil sie eine Perspektive haben. Arbeit, oder dass überhaupt was passiert.«

			»Mitdenken! Das kann ich den Zuschauern nicht verkaufen. Die Sendung heißt Engel im Elend und nicht Engel im Comedy Club. Wenn hier jemand Licht in die Finsternis bringt, dann ist das Nadeche Hackenbusch. Und das bedeutet, dass es da finster sein muss. Mann, Mann, Mann. Und neben Nadeche muss einer laufen, der auch sieht, dass es finster ist. Nicht so ein Trallalaheiner. Was ist denn mit dem Ersten?«

			»Dem Löwenmann?«

			»Holt den noch mal her!«

			»Der, von dem man nicht wusste, was er meint?«

			»Ist scheißegal, was er meint. Wenigstens hat er was gemeint. Für mich klang das irgendwie weise. Wie war das noch mal?«

			»Der Löwe weiß selbst nicht, wie er heißt.«

			»Der Mann weiß nicht, wie der Löwe heißt.«

			»Nee, das war düsterer. So ein bisschen drohend: Der Mann muss nicht wissen, wie der Löwe heißt.«

			»Spielen Sie mir das noch mal ein!«

			Auf dem Bildschirm kommt der junge Mann wieder vor die Kamera.

			»Ist das jetzt live? Ist der jetzt schon wieder da?«

			»Nein, das ist die Aufzeichnung. Jetzt kommt’s gleich.«

			»The name of the man means nothing to the lion«, sagt der junge Mann wieder.

			»Genau, das war’s.« Sensenbrink ballt die Faust. »Das ist düster.«

			»Das hat was.«

			»Das ist irgendwie so wie ein namenloses Grab. Das ist auch gruselig.«

			»Ja, aber nicht zum Fürchten. Er sagt das so sachlich.«

			Das Bild wechselt. Offenbar ist der junge Mann jetzt wieder im Kameraraum. »Der hat immerhin auch anständige Hosen an«, sagt Sensenbrink zufrieden. »Man müsste ihm noch ein paar Jeans besorgen, aber die dürfen nicht zu neu sein. Und auch nicht zu gut. Die Grande soll sich drum kümmern!« Er dreht sich zu der Assistentin mit dem Telefonkontakt um: »Die sollen ihm sagen, dass uns das ganz gut gefallen hat. Er soll das aber bitte mal erklären, das mit dem Löwen.«

			Man sieht, wie der junge Mann eine Anweisung bekommt. Er bewegt sich ruhig, lässig, für einen Moment denkt Sensenbrink, dass er das irgendwoher kennt.

			»Ich find den gut«, hört er jetzt hinter sich, weiblich, ganz leicht schwäbisch, die Engerle. »Der erinnert mich total an den Boateng, als der noch gespielt hat. Natürlich deutlich heller. Und ohne den Brillenfimmel.« Sensenbrink gefällt der Vergleich. Das sind doch mal eindeutig positive Assoziationen.

			Der helle Boateng blickt zur Kamera und fragt: »What lion?«

			»Na, with the name of the man and so!«

			Der helle Boateng wirkt ganz kurz, als hätte er keine Ahnung, was Sensenbrink meint. Dann lächelt er und sagt: »It’s good. It’s good you want to understand Africa. Let me help you understanding Africa. Is a very big job.« Er macht eine kurze Pause, und dann sagt er freundlich: »Africa is like a woman …«

			Sensenbrink zieht die Augenbraue hoch. Afrika ist wie eine Frau – das klingt ihm verdächtig platt. Kann es sein, dass dieser Boateng ihn verarscht?

			»… and like a Zebra.«

			Jetzt lachen einige im Raum, wohlwollend. Auch Frauen. Sensenbrink lacht mit: »Donnerwetter! Der kennt meine Frau! You know my wife?«

			Boateng blickt verwirrt in die Linse: »I don’t know your wife, Sir«, versichert er eilig.

			»Süß!«, seufzt die Engerle, und jemand anderes steigert auf »Megasüß!«.

			»Okay, das reicht uns, danke«, sagt Sensenbrink. »Den nehmen wir. Wenn wir bloß eine von diesen Weisheiten pro Sendung haben, reicht das.«

			»Dann wird das Kult«, erläutert Beate Karstleiter für alle, die es bis jetzt noch nicht begriffen haben. »Dann kommt der wie die Tante mit dem Erdbeerkäse – aber in Klug. Wir sollten ihn gleich unter Vertrag nehmen.«

			»Inklusive Buchrechte«, mahnt Sensenbrink, »denkt ihr mir da dran?«

			Die Assistentin gibt die Mitteilung weiter, erste Stühle werden zurückgeschoben, Mappen zusammengeräumt. Der helle Boateng geht aus der Tür, als Sensenbrink sagt: »Moment! Moment! Können wir die Kamera bitte mal ein bisschen nach unten ausrichten?«

			Die Anweisung wird weitergegeben. Der helle Boateng, der den Raum fast schon verlassen hatte, kehrt wieder zurück. Die Kamera bewegt sich ein wenig nach unten.

			»Da haben wir’s!«, sagt Sensenbrink zufrieden. »Das ist auch endlich mal einer, der vernünftige Schuhe anhat.«



Hoffnung für Afrika

			Das gab es noch nie: Nadeche Hackenbusch und EVANGELINE geben Flüchtlingsfrauen eine Zukunft. Und nie war der »Engel im Elend« schöner als heute

			Von Astrid von Roëll


Es ist wie ein Märchen aus 1001 Nacht: Das kleine, verachtete Mädchen, das den ganzen Tag Schwefelhölzchen verkaufen muss, das zu Hause ungerecht behandelt wird, das von seiner Stiefmutter versteckt wird und nie den Prinzen kennen lernen darf. Aber dieses Mädchen lebt einen Traum. Es wird die beste Schwefelhölzchenverkäuferin aller Zeiten werden, um anderen Mädchen zu helfen. Und es ist in Afrika, dem Schwarzen Kontinent, zwischen Armut und Hoffnung, zwischen Krieg und Naturpark. Nadeche Hackenbusch hat ihren ganz persönlichen Traum wahr werden lassen. Den Traum einer starken Frau, die sich aufgemacht hat, diese unsere Welt vielleicht ein Stück weit zum Guten hin zu verändern. Der Traum einer Frau, der niemand etwas zutraute.

			»Ich komme aus kleinen Verhältnissen«, sagt sie im Exclusiv-Gespräch mit EVANGELINE, »und ich weiß, was diese Menschen hier durchmachen.« Sie trägt eine schlichte weiße Bluse zu ihrer abgewetzten Hallhuber-Jeans. »Nichts Besonderes«, lächelt sie bescheiden, »es muss halt praktisch sein. Hier trage auch ich feste Schuhe, wegen der Skorpione und Schlangen. Aber in diesen Tagen geht es nicht um Mode, hier geht es um Menschen.« Seit 24 Stunden ist Nadeche Hackenbusch jetzt in Afrika, und man sieht dieser Frau an, wie sehr diese Zeit sie bewegt hat. Ihre Gefühle sind gefangen, bewegt, wie in einem großen Quirl. Gerührt. Sie blickt aus dem Fenster der kleinen Hütte, in die wir uns zurückgezogen haben, und sagt: »Ich bin ja auch eine Frau.«

			Aber was für eine bewundernswerte Frau. Die geradeaus blickt wie ein Kapitän, ganz vorne am Steuerrad der großen Lokomotive des Lebens. Aber natürlich geht es auch um Mode.

			»Hier geht es nicht um Mode, hier geht es um Menschen«

			Nadeche Hackenbusch wird gemeinsam mit EVANGELINE jungen Flüchtlingsfrauen ihr Selbstwertgefühl zurückgeben. Es sind weit über eine halbe Million Frauen, viele davon sind auch junge Mütter, einige von ihnen sind selbst noch Kinder von Müttern. Sie sind alleine in einer feindlichen Umgebung. »Das ist eine Welt, die wir alle nicht mehr kennen«, mahnt Nadeche Hackenbusch, »das ist eine Welt voller Bürgerkrieg und Boko Haram. Und doch leben in dieser Welt auch Menschen. Daran möchte ich diese Frauen erinnern: dass sie immer noch bezaubernde Wesen sind, die auch schön sein können.«

			30 dieser jungen Frauen wird sie daher auswählen, um mit ihnen für Deutschland Mode zu präsentieren. Um ein entschlossenes Zeichen zu setzen gegen Gewalt, Unglück und Armut. Junge Mode für eine neue Welt, die Mut macht für eine neue Zukunft, die eine Brücke schlägt zu uns, ins ferne Deutschland. Mutige Mode für mutige Frauen, von Hallhuber und der Stardesignerin Doris zu Wagenbach, die noch in München zu EVANGELINE sagte: »Das Leid dieser Frauen bewegt mich zutiefst.«

			Auf der Suche nach ihren »Mannequins« durchstreift Nadeche Hackenbusch das ganze gewaltige, endlose Lager. Und sie sieht dabei Szenen, für die Worte niemals ausreichen können. Als einmal auf einem hungrigen Kind Fliegen sitzen, zögert sie nicht und vertreibt die Plagegeister mit der eigenen Hand. Sie blickt mich mit Tränen in den Augen an und sagt: »Ja, diese Kinder brauchen Nahrung. Sie brauchen ein Zuhause. Aber wenn sie das haben – was dann? Ein Mensch besteht aus mehr als aus Nahrung und einem Dach. Ein Mensch braucht auch eine Würde. Diese Welt hat diesen Menschen die Würde genommen, und ich gebe sie auch irgendwie ein Stück weit zurück. Das ist das Mindeste, was wir alle tun können.«

			Doch trotz ihres großen Herzens weiß der »Engel im Elend«: Die Auswahl ihrer Models ist zugleich auch hart und anspruchsvoll: »Ich würde am liebsten alle nehmen«, sagt sie im Wald der Hände, die sich ihr entgegenrecken. »Aber das geht leider, leider nicht. Und das wäre auch nicht gut gegenüber den Frauen. Sie wollen nicht einfach genommen werden, diese Frauen sind stolz und wehren sich gegen Mitleid. Sie wollen auch zeigen, dass sie gut sind und etwas leisten können.« Das bestätigt auch ihre jüngste Entdeckung, die gut aussehende Ashanti, 17: »Ich will etwas leisten, damit ich in Europa leben kann«, sagt sie.

			»Das ist so tapfer«, sagt Nadeche Hackenbusch beeindruckt, »diese Frauen sind ganz große Vorbilder und geben nicht auf, obwohl wir derzeit in Europa ja leider niemanden aufnehmen können.« Und doch kann Nadeche Hackenbusch auch an den Kandidatinnen, die in der harten Auswahl scheitern, nicht vorbeigehen ohne zu helfen: Vielen Frauen, so hat sie festgestellt, fehlt es hier am Nötigsten.

			»Es ist nicht nur Schminke, Seife, Shampoo – Dinge, die für uns in einem der reichsten Länder dieser Erde so selbstverständlich sind. Sehr viele Frauen haben noch nicht einmal einen BH, und wenn ich auch nicht immer helfen kann – in diesem Fall schon.« Über 2000 exklusive Exemplare ihres HackenPush-up hat sie mitgebracht, sie verschenkt sie ohne viel Wirbel. »Es ist nicht viel«, bleibt Nadeche Hackenbusch auf dem Boden der Tatsachen. »Ein BH kann auch nicht alle Probleme der Welt lösen. Aber es ist ein kleiner Schritt, so wie die Glückskatze bei uns daheim, die mit Sonnenenergie winkt. Ein kleiner Schritt, aber auch den muss erst einmal jemand gehen. Ich würde nie eine Glückskatze wollen, die mit Benzin geht.«

			Und doch leben in dieser Welt auch Menschen

			Es ist eine andere Nadeche Hackenbusch, die uns in diesen Tagen hier begegnet. Schon ihre Mutterschaft hat sie zu einer nachdenklicheren Frau gemacht, die mit beiden Füßen mitten im Leben der Tatsachen steht. Sie lacht noch genauso viel, aber ihre Augen sind wach und nehmen die Welt in ihrer ganzen Schönheit wahr. Jetzt haben ihre Erlebnisse hier sie nochmals reifen lassen, ihrer Sinnlichkeit auch eine Be-Sinnlichkeit hinzugefügt, die sie vorher noch nicht hatte. Steckt eine neue Liebe dahinter?

			Es käme nicht überraschend. Denn Nadeche Hackenbusch wäre nicht die erste Frau, die dem Zauber dieses geheimnisvollen Kontinents verfällt. Afrika – allein schon der Name hat tausend Bedeutungen, die auch unsere klügsten Wissenschaftler und Gelehrten niemals ganz werden erklären können. Uralte Legenden, bewegende Schicksale, Erzählungen von Liebe und Tod und den unwiderstehlichsten Gefühlen aus dem tiefsten Dunkel der Menschheitsgeschichte. Man nennt dieses Land daher auch: der Schwarze Kontinent! In Afrika fand Meryl Streep ihren Robert Redford, die wunderschöne Juliette Binoche erlag hier dem rätselhaften Charme des ungarischen Grafen Almásy, Sigourney Weaver opferte in den nebelverhangenen Regenwäldern ihr Leben für die ärmsten und verfolgtesten Affen der Welt. Und nun – Nadeche Hackenbusch?

			»Ein Mensch besteht aus mehr als aus Nahrung und einem Dach«

			Wer weiß, was die Zukunft bringt. Manchmal ist es, als würde sie hier, trotz der bitteren Armut, trotz der entsetzlichen Geschichten, trotz der vielen Schlangen und Skorpione anders lachen als zu Hause. Nicht lauter, nicht öfter, aber glücklicher. Kann das sein? Und wer hätte es mehr verdient als diese bewundernswerte Frau?

			Die Dämmerung senkt sich allmählich über das Lager, das im Schein seiner Feuer in der schlichten Schönheit der Armut erstrahlt. Die Geräusche Afrikas übernehmen die Nacht, man hört von ferne ein Raubtier brüllen. Ist es ein Tiger? Der vielleicht einen jungen Elefanten jagt? Afrika ist erbarmungslos, doch die Hoffnung strahlt, und die Liebe wärmt auch hier die Herzen von Arm und Reich gleichermaßen.





8


			Man kann von Nadeche Hackenbusch so viel lernen. Gerade auch als Frau. Das ist es wohl, was Astrid von Roëll immer wieder erstaunt. Dieses Selbstvertrauen, dieses unbedingte Commitment. Man darf ja nicht vergessen, dass Nadeche Hackenbusch zehn Jahre jünger ist als sie selbst. Offiziell wenigstens, tatsächlich – aber das wird sie natürlich nicht schreiben – wären es zwölf Jahre, wenn sie ihr eigenes Alter nicht auch ein wenig der Realität angepasst hätte. Was aber immer noch bedeutet, dass man, also wenn man ein Pedant wäre und wenn man sich mal diese Geburtsurkunden ansähe (die freilich nichts zu sagen haben, die eben auch nur bedrucktes Papier sind), dann käme man trotzdem auf sechs Jahre Unterschied oder acht. Und trotzdem: Wenn sie sieht, wie souverän und selbstbewusst Nadeche Hackenbusch da ihr Ding durchzieht, dann hat sie fast immer das Gefühl, eigentlich wäre sie selbst die Jüngere.

			Allein diese Kaltschnäuzigkeit, mit der Nadeche erst mal zwei Tage lang in ihrem Zelt bleibt. Und gar nichts macht. Das muss man erst mal bringen: Ein Fernsehsender karrt tonnenweise Ausrüstung über Tausende von Kilometern, Kameraleute, Personal und auch sie selbst, immerhin vom Top-People-Magazin Deutschlands, all dieser Aufwand dreht sich ja genau genommen nur um Nadeche Hackenbusch. Und sicher, als EVANGELINE-Reporterin weiß sie nur zu gut, dass eine gewisse Vorzugsbehandlung für Stars, Management oder die Presse nicht nur normal ist, sondern auch sinnvoll, berechtigt, angemessen. Aber zwei Tage lang mal – flapsig gesagt – den ganzen Betrieb lahmzulegen, dass hätte sie sich nicht getraut.

			Und natürlich hat das Astrid von Roëll auch geärgert. Nicht nur weil sie gezwungen war, die erste Geschichte komplett zu erfinden, inklusive des Flüchtlingsmodels Ashanti, siebzehn. Sondern auch, weil sie am ersten Tag dann schließlich auf eigene Faust Models hat suchen müssen. Ohne Rücksprache mit Nadeche, weil die Redaktion zu Hause ja die Modelstrecke eingeplant hatte. Und wie sie dann endlich mit siebzig, achtzig Fotos in Nadeches Edelzelt sitzt, was schwer genug ist, weil Nadeche dauernd am Telefonieren ist und praktisch niemanden reinlässt, da hat Nadeche die Bilder erst gleichgültig entgegengenommen und, während sie weitertelefonierte, genervt abgelegt wie eine Postwurfsendung.

			»Schatz, nein, das geht nicht. Das sagst du bitte sofort ab. Ich kann das jetzt nicht entscheiden. Und ich werde das jetzt nicht entscheiden. Das macht aber nichts, die sollen von allem Fotos schicken … Nein! … Die sind nur für einen ersten Eindruck, aber entscheiden kann ich das dann trotzdem nicht … ich entscheide so was doch nicht nach Fotos! … Die sollen noch mal andere Entwürfe machen, und ich will von jedem Entwurf vorher ein Foto haben. Und nachher auch … Ja, sicher, man kann doch zu einem Entwurf eine Meinung haben, die können die dann einarbeiten, dann kann man sich das wieder ansehen. Die sind auch nicht anders als die anderen: Die geben einem ihre zwei Lieblingsideen, und dann soll man eine von den beiden fressen, aber nicht mit mir! Ich will alle Ideen sehen! … Ja, auch die unfertigen und die, die sie zuerst weggeschmissen haben. Lass dich da nicht verarschen, da müssen zerknüllte dabei sein! Da achtest du drauf, da müssen welche zerknüllt sein. Oder zerrissen und dann mit Tesafilm wieder zusammengeklebt! Nur dann weiß man, dass die wirklich im Papierkorb waren. Und du rufst mich sofort an, wenn du denen das gesagt hast, und dann sagst du mir, was die zu dir gesagt haben. Und dann sehen wir weiter. Habdichganzganzlieb!«

			Nadeche Hackenbusch drückt demonstrativ aufs Display. Gespräch beendet. Sie lässt das Handy auf den Tisch plumpsen. »Männer«, sagt sie lächelnd, »im Grunde die einzigen Kinder, die Deutschland noch ausreichend hat. Leider gibt’s für die keinen Krippenplatz.«

			Sie lässt sich in die Sofalandschaft plumpsen. Astrid von Roëll fängt ihren Blick auf, der deutlich mitteilt, dass der Alltag einer Nadeche Hackenbusch mörderisch anstrengend ist – und aber auch, wie froh sie ist, dass sie beide jetzt einmal unter sich sind, ganz ungestört, wie Schwestern, die sich seit Monaten nicht mehr gesehen haben. Astrid von Roëlls Ärger ist wie weggeblasen. Sie sieht ja, wie erledigt Nadeche ist. Sie holt den liegen gelassenen Fotostapel und setzt sich in die andere Ecke des Sofas. Rolf Benz, wie man im Abspann der Sendung sieht. Engel im Elend is powered by Rolf Benz«. Mit Anilinlederbezug, Astrid von Roëll fällt es auf, als Nadeche Hackenbusch sich Wasser aus einem großen Krug mit Steinen drin einschenkt.

			»Nein, ich bin nicht schwanger.«

			»Schwanger?«

			»Klar, du hast den Krug gesehen und denkst: Da ist ein Heliotrop im Wasser, ist die Nadeche denn schon wieder schwanger? Heliotrop ist aber nicht nur für Schwangere, der gibt auch ganz allgemein Power. Man sollte den ganzen Leuten hier Heliotrop ins Wasser tun. Ich sag dir: Das wird eines der ersten Dinge sein, die ich hier mache. Ich seh mir mal an, was die hier für Steine im Wasser haben.«

			Astrid von Roëll ist kurz abgelenkt. Das mit den Edelsteinen im Wasser ist ihr neu, jedenfalls bei Nadeche Hackenbusch. Aber das Prinzip kennt sie bereits, sie hat schon öfter darüber nachgedacht, es auszuprobieren. In der Redaktion machen das auch einige. Besonders seit in letzter Zeit so viele Prominente an Krebs gestorben sind. Das macht einen ja auch nachdenklich, irgendwie.

			»Ich hab nur gedacht, wegen dem Sofa. Auf Anilin siehst du doch alles.«

			»Ja, aber Anilinleder braucht das.«

			»Anilinleder braucht Flecken?«

			»Schätzchen, ein Tier hat keine Flecken. Ein Tier hat eine Haut, die gezeichnet ist vom Leben des Tiers. Alles, was auf dieser Haut passiert, ist Leben. Und an diesem Leben hat das Tier weiter Anteil. Die Kuh ist mit uns hier.«

			»Sozusagen.«

			»Nein, wirklich. Und deswegen macht das auch gar nichts, wenn man hier mal Wasser verschüttet oder Wein. Das sind keine Flecken. Das ist Leben.«

			Astrid von Roëll hätte gerne so eine Ausstattung im Zelt. Sie hat auch keine Klimaanlage, nur einen Ventilator mit Wackelkontakt.

			Nadeche atmet tief ein, als müsse sie ganz weit tauchen. Dann sagt sie: »Okay, mal sehen, was haben wir da?« Sie greift zu dem Stapel mit Fotos und geht ihn entspannt durch. »Nein, nein, nein«, sagt sie, und mit jedem »Nein« fliegt ein Polaroid auf den Rolf-Benz-Tisch. Dann sagt sie: »Ouh nee, das geht ja gar nicht.« Sie geht die Bilder bis zur Hälfte durch, dann sagt sie: »Ich seh schon, da müssen wir noch mal ganz frisch ran.«

			Der gerade erst verflogene Zorn steigt in Astrid von Roëll auf, jetzt kriecht er durch die Brust in ihren Hals, und da bleibt er. In der Redaktion würde sie jetzt eine Szene hinlegen, dass sie aus den umliegenden Büros rausschauen würden wie Murmeltiere, aber hier geht das nicht. Hier, wo Nadeche sie, ihre Freundin, behandelt wie die letzte Praktikantin, und wo ihr auf einmal nichts anderes mehr übrig bleibt, als eben diese Freundschaft zu bemühen.

			»Komm schon, Nadeche«, sagt sie und weist auf den Reststapel, »das kann man doch jetzt noch gar nicht sagen. Keiner von uns kann hellsehen«, und dabei zwingt sie sich zu einem scherzhaften Gesichtsausdruck, »auch du nicht«, fügt sie hinzu. Sie presst den letzten Teil förmlich aus sich heraus.

			»Du, dazu brauche ich nicht hellsehen. Das kannst du besser.« Sie nimmt einen Schluck Wasser und fragt lieb: »Und? Wann holen sie dich jetzt in die Chefetage? Die können doch nicht ewig warten.«

			Das ist natürlich schön, dass Nadeche Hackenbusch auf ihrer Seite steht. Aber irgendwie fühlt es sich nicht so an.

			»Na ja, du weißt ja«, sagt sie unkonzentriert, »sie müssen entweder warten, bis eine Frau ausscheidet, oder sie müssen noch einen zusätzlichen Mann aufnehmen, damit das Verhältnis passt. Und da haben sie keinen.«

			»Was ist denn mit dem Lou Grant?«, sagt Nadeche, und sie schaut dabei so ernst und lustig zugleich, dass Astrid von Roëll kichern muss, weil sie beide natürlich wissen, dass Lou Grant wirklich eine Vollwurst ist. Und dennoch wandert Astrid von Roëlls Blick immer wieder zu dem noch unbesehenen Fotostapel, für den sie ja doch immerhin einen Tag lang gearbeitet hat, ohne Assistentin. Sie hat selbst auf die Leute zugehen müssen, völlig wildfremde Leute, die ihre Sprache nicht sprechen, sie hat jeden von ihnen mit Handzeichen um Einverständnis bitten müssen, sie hat jedem von denen erklären müssen, worum es geht, sie hat sich auch noch einen total komplizierten Plan gezeichnet, weil diese Leute und Zelte, wenn man die später mal wiederfinden will, dann muss man sich ja wenigstens aufmalen, wo ungefähr das Zelt war. Das war, wenn man es sich genau betrachtet, schweineviel Arbeit, alles zu Fuß, sie hat in ihren gesamten Jahren bei der EVANGELINE noch nicht ein einziges Mal so viel selbst gemacht. Egal, ob Nadeche sich dessen bewusst ist, sie kann diesen Stapel keinesfalls einfach in den Papierkorb werfen. Und obwohl sie weiß, dass sie es nicht tun sollte, tut sie es eben doch.

			»Komm, sieh dir die anderen doch wenigstens an.«

			Es ist eine Bitte, wenn man es freundlich ausdrücken will. Genau genommen ist allein schon die Bitte so, als würde ein unterlegener Löwe dem anderen den Bauch hinhalten oder ein Antilopenbein bringen oder so. Nadeche Hackenbusch sieht Astrid von Roëll sanft an und sagt: »Du, ehrlich: Die brauche ich nicht ansehen. Da kann ich dir jetzt schon sagen, wie die sind. Das können wir nicht brauchen.«

			Es ist wie ein Tritt vors Schienbein, es tut mehr weh, als für einen leichten Tritt angemessen wäre, und es braucht ein paar Sekunden, bis Astrid von Roëll weiß, warum. Weil sie das nicht erwartet hat, nicht von einer Frau. Von einem Mann vielleicht, aber nicht von einer Frau, da hätte sie zumindest erwartet, dass sie ihr den Gefallen tut und die Bilder ansieht, und sei es auch nur aus Höflichkeit. Aus Solidarität.

			»Ja, aber – du hast ja nie gesagt, was du willst!«

			Und jetzt sitzt sie hier und rechtfertigt sich auch noch. Das ist überhaupt nicht Teamwork und partnerschaftlich und alles.

			»Komm, da machen wir jetzt keinen großen Zinnober, das ist doch alles verschüttete Milch. Aber das macht ja auch nichts, gute Sachen brauchen eben ihre Zeit.«

			»Nadeche, das geht nicht! Die warten in der Redaktion auf die Fotos! Sollen die leere Seiten drucken?«

			»›Geht nicht‹ gibt’s nicht. Ich hab noch nie eine EVANGELINE mit leeren Seiten gesehen, da fällt euch schon was ein. Weißt du was? Da machen wir einfach eine andere Geschichte: das Erfolgsrezept von Nadeche Hackenbusch. Das sag ich dir jetzt, dann schreibst du das schnell auf, und schon sind die Seiten voll.«

			Astrid von Roëll könnte kotzen. Sie weiß genau, was die in der Redaktion sagen werden. Die werden toben. Dann werden sie überlegen, ob sie was Besseres haben. Dann werden sie feststellen, dass sie so aber immer noch Nadeche Hackenbusch im Blatt haben, und ein exklusives Gespräch sogar, und sie werden es drucken. Und das wäre alles nicht so schlimm, wenn die Leserin auch was davon hätte, wenn sie zum Beispiel mal schreiben würde, was tatsächlich das Erfolgsrezept von Nadeche Hackenbusch ist, nämlich dass sie mit ihrer Trödelei alle zappeln lässt, bis sie mit den Nerven so am Ende sind, dass sie alles senden und drucken, was ihnen Frau Hackenbusch freundlicherweise bereit ist, hinzuwerfen. Dass sie jede Kröte schlucken, sogar die First-Class-Flugtickets, mit denen der Engel ins Elend fliegt, dass Nadeche Hackenbusch ein durchtriebenes, egoistisches Miststück ist, dass diese Ziege sich keinen Deut besser benimmt als ein Mann.

			Und wie Astrid von Roëll sie dafür bewundert.

			Weil Nadeche Hackenbusch genau den Schritt weiter geht, zu dem sie nicht bereit ist.

			Aber das schreibt sie natürlich nicht. Sondern dass Nadeche Hackenbusch ihr gutes Aussehen ihren guten Genen verdankt. Und der Tatsache, dass in ihrem Trinkwasser ein Heliotrop liegt. Mit einem Rosenquarz, einem Bergkristall und einem Amethyst.





9


			Marion beobachtet Nadeche Hackenbusch dabei, wie sie ihr Spiegelbild kritisch inspiziert. Marion inspiziert mit, genauso kritisch. Das Gesicht kann sich sehen lassen, denkt sie, immer noch. Man kann über Nadeche Hackenbusch sagen, was man will, aber sie geht pfleglich mit sich um. Sie schläft viel, sie raucht nicht, sie trinkt nicht, es gibt keine Sünden, die man verbergen müsste. Und sie hilft nicht viel nach, im Gegensatz zu Putin, der inzwischen aussieht wie seine eigene Latexmaske. Da wüsste sie gerne mal, wer den berät.

			Nadeche sieht sehr zufrieden aus. Früher hat Marion noch gedacht, dass es Zufriedenheit mit ihrer Arbeit ist, inzwischen ist sie da nicht mehr so sicher. Es ist wohl eher so, dass Nadeche zufrieden mit sich selbst ist. Natürlich ist es Marion, die inzwischen seit elf Jahren zuverlässig gute Arbeit abliefert. Aber Nadeche sieht es wohl eher so, dass sie seit Jahren selbst dafür verantwortlich ist, weil sie beim Make-up immer auf Marion besteht. Manche halten das für keine große Leistung, aber siehe Putin: Man kann als Star auch ein Gesicht haben wie eine folienverpackte Putenbrust.

			Sie kennen sich seit der gemeinsamen WG, und über ihren Erfolg hat Marion ja dann auch so was wie Karriere gemacht, eben hinter den Kulissen. So haben alle was davon. Und Marion weiß ja selbst: Sie hat einfach nicht den Körper für eine Karriere. Die Schultern sind zu breit, der Po zu schmal, ein Körper wie geschaffen zum Striptease in einer Schwulenbar.

			Und dann das Gesicht.

			Klar, irgendwie hübsch oder: eigen. Aber das sind ja beinahe schon zwei Nasen. Sie mag ihre Nase nicht, aber sie ist ihr auch ein bisschen dankbar. Es ist beinahe Werbung in eigener Sache, denn daran, wie sie diesen Zinken kleinschminkt, sieht man, dass sie die richtige Wahl ist. Manchmal kann Marion beobachten, wie Leute, denen sie das erste Mal begegnet, allmählich herausfinden, wie viel Nase sich da unter den Farbschattierungen verbirgt. Und wer das entdeckt, der weiß, dass sie eine faule Banane behandeln kann, bis sie aussieht wie ein frischer Rettich.

			Nicht dass Nadeche Hackenbusch derlei Magie nötig hätte. Aber Marions Kunst holt aus ihren exzellenten Gegebenheiten noch mal fünf Prozent mehr raus, oder vielleicht sogar zehn. Und mit jedem Jahr mehr: Schminken ist ja nicht nur eine Sache der Fachkenntnis, sondern auch der Erfahrung. Marion kennt Nadeches Gesicht. Diese Unebenheit, da, wo die linke Wange in den Nasenflügel übergeht. Oder die Stelle an der Stirn, an der sie unter den Scheinwerfern immer ein wenig mehr glänzt. Marion weiß genau, mit welchem Puderton Nadeches Augenhöhlen ideal wirken und ab welcher Aufhellung es zu künstlich aussieht.

			»Die zwei Tage haben sich gelohnt«, sagt Marion, während sie die Wangen ein wenig nachdunkelt, wunderschön dezent, wer nicht weiß, dass sie die Stellen betont, merkt es nicht. Noch so ein Vorteil: Unterschiedliche Maskenbildnerinnen bearbeiten Problemzonen auch immer ein bisschen unterschiedlich, Marion macht das immer gleich. Darum kann man kaum sehen, was getrickst ist, selbst wenn man die Pressefotos der letzten Jahre vergleicht. Marion hat eine Philosophie daraus gemacht, sie sagt: »Man muss in der Geschichte bleiben. Wenn du die ganze Zeit einen Western erzählt hast, kannst du nicht plötzlich im Astronautenhelm kommen.« Ist natürlich nicht ihre Erfindung, das machen sie in Hollywood seit Jahren so, aber in Deutschland, wo jeder Schauspieler aufs Geld schauen muss, da ist das nicht so üblich. Jetzt sagt Marion aber ganz bescheiden: »Du hast einen ganz tollen Teint. Du brauchst mich eigentlich gar nicht.«

			»Klar brauch ich dich«, sagt Nadeche Hackenbusch, »was würde ich denn ohne dich machen? Mit meiner Verbrechervisage?«

			»Du würdest dir eine andere Stylistin suchen.« Marion wendet sich ab und beugt sich über den kleinen Schminkkoffer. Auch das ist etwas, das Nadeche Hackenbusch an Marion schätzt: dass sie nicht containerweise Krempel mitschleppt, sondern auf engstem Raum mit einer Handvoll Sachen klarkommt. Sie hat sie schon auf einer Taxirückbank geschminkt, in einem kaum noch begehbaren Wandschrank und einmal in einem Dixiklo, beleuchtet von einer flackernden Taschenlampe.

			Nadeche schaut in den Spiegel, und ihr Blick trifft den von Marion.

			»Niemals«, sagt sie ernsthaft, während ihr Spiegelbild Marion liebevoll anlächelt. »Ich könnte mich doch vor keine Kamera trauen.«

			Marion lächelt gerührt zurück, und für einen Augenblick kommt es ihr so vor, als sei dieser Satz tatsächlich wahr. Aber zwei Tage waren wirklich genug. Man merkt es nicht nur an Nadeches schönem Teint, sondern auch an der allgemeinen Unruhe. Oder an der Stimme, mit der die Grande bei ihr an die Tür klopft, mit der sie versucht, aus Nadeche so etwas wie einen Zeitplan herauszukitzeln. Die Grande ist ja sonst eine ziemlich ruhige und gelassene Produktionsleiterin, aber mit den Stunden und Tagen ist ihre Stimme immer angespannter geworden. Und höher. Zum Beispiel, als sie am Ende des ersten Tages gefragt hat:

			»Meinen Sie nicht, dass wir langsam mal die ersten Tagesabläufe planen sollten?«

			Und Marion, die gerade erst eingetroffen war, weiß noch, wie Nadeche Hackenbusch dann geantwortet hat:

			»Ist Ihnen eigentlich schon mal aufgefallen, wie schön es hier ist? Wir haben nur diese eine Welt, und wir gehen so achtlos durch sie hindurch. Wir sollten erst mal so Features drehen, dazu brauchen Sie mich ja nicht.«

			»Wir sollten aber in jedem Fall …«

			»Und diese Marlboros!«

			»Marlboros?«

			»Haben Sie die noch nicht gesehen? Diese großen Vögel! Der Hammer. Es müssen so Bilder rein, wie die auf einem Baum landen. Das kann doch nicht sein, dass Sie da noch keine gesehen haben. Bei Google sind die überall! Sie dürfen sich nicht so stressen, Sie müssen auch mal vor die Tür gehen! Wir sind alle nur Menschen.«

			»Gut, aber …«

			»Keine Maschinen. Nur Menschen.«

			»Ja, sicher, doch …«

			»Und der Baum muss wippen.«

			»Was?«

			»Der Baum. Beim Landen! Wenn die Viecher landen, muss er wippen. Damit man sieht, wie groß so ein Marlboro ist.«

			»Ach, Sie meinen Marabus?«

			»Sag ich doch.«

			»Aber inzwischen …«

			»Sorry, ich muss jetzt echt dringend ans Telefon. Aber nicht vergessen! Auch mal vor die Tür gehen. Und Leoparden sollen die auch schon mal filmen. Und Tiger!«

			Nach der Auswahl der Farben hat Marion dann nicht viel zu tun gehabt. Sie war eine bessere Gesellschafterin für Nadeche. Daran, dass die Grande in immer kürzeren Abständen gekommen ist, hat sie auch gemerkt, dass die Unruhe im Team allmählich den richtigen Grad für Nadeche erreicht hat. Und darauf kommt es an: Man muss das Höchstmaß an Unruhe verursachen, denn nur dann kann man als Retter auftreten. Idealerweise auf dem Höhepunkt des Chaos, der Panik, der Hilflosigkeit. Und wenn man es dann richtig macht, wenn man den Menschen im Team, den Kameraleuten, den Assistenten, Beleuchtern und Setbauern dann mit Höflichkeit gegenübertritt, ihnen mit Freundlichkeit begegnet, wenn man dann eine überwältigende Liebenswürdigkeit und Hilfsbereitschaft ausstrahlt, dann bemerkt man ein besonderes Strahlen auf den Gesichtern der Menschen. Dann weiß man, dass man genau den richtigen Moment getroffen hat, weil sie einen mit derselben Dankbarkeit ansehen wie ein ganz junger Hund, wenn man aufhört, ihn zu prügeln.

			Marion öffnet den Frisierumhang und schlägt ihn vorsichtig ein, damit kein Make-up, kein Puder auf die Kleider staubt. Nadeche Hackenbusch steht auf. Sie kontrolliert den Sitz ihrer Haare noch mal. Sie konnte leider keinen zusätzlichen Hairstylisten durchsetzen, aber wenn sie mal die neue Schreinemakers ist, hat sie Marion versprochen, dann wird das Standard werden. Mit Assistent. Und einer Assistentin für Marion. Nadeche Hackenbusch dreht sich zu Marion.

			»Was meinst du«, sagt sie, während sie sich dreht und dabei die Arme ausbreitet wie ein Showmaster, »geht das so?«

			Marion nickt, dann kneift sie die Augen zusammen. »Die Glitzersteinchen sind vielleicht nicht so ganz …«

			»Wieso? Die sind doch klasse!«

			»Sandfarbene Jeans, klar. Ist teuer, sieht man aber nur am Sitz, solange du das Hemd von Hasi so lässig drüberhast. T-Shirt, blickdicht, dass keiner von den verklemmten Typen auf dumme Gedanken kommt, man sieht keine Nippel, alles schön weit. Keine Ohrringe, keine Armreife, sehr schön. Die alte Swatch, das ist auch geil und trotzdem nicht protzig. Sneakers passen auch, aber der Glitzer … ich weiß nicht. Ich kenn das Modell gar nicht …«

			»Hab ich selber draufgeklebt. Gut, oder?«

			»Schon, aber hier und jetzt? Das sind ja echt arme Leute hier.«

			»Du wieder. Das hat in den Flüchtlingsheimen zu Hause auch keinen gestört.«

			»Möglich, aber – ich mein, ich find das ja gut und sinnvoll, dass du dich auch mal erholst und alles, aber ich hab mich da mal umgesehen, und das ist – das ist kein Vergleich. Ich hab so was noch nicht gesehen. So was von arm.«

			»Fernsehen lebt von Gegensätzen!« Nadeche Hackenbusch geht noch einmal zum Spiegel und betrachtet sich zufrieden. Dieser Widerspruch hat ihr offenbar gefehlt, jetzt weiß sie genau, dass sie es absolut richtig macht. »Die Leute wollen nicht sehen, dass eine Trulla sie besuchen kommt, die genauso arm ist wie sie selber. Die Sendung heißt ja nicht ›Aschenputtel im Elend‹. Kommst du?«

			Marion bestückt ihr Klappköfferchen mit sparsamen Handgriffen. Sie wirft einen prüfenden Blick auf den Schminktisch und in den silbernen Quader, der immer ein bisschen aussieht wie der Werkzeugkasten einer Prinzessin. Dann klappt sie das Kästchen nüchtern zu und folgt Nadeche Hackenbusch zum SUV. Die Hitze ist so absurd wie die eiskalte Luft, die ihnen beim Einsteigen aus der Tür des Wagens entgegenweht. Innen sitzen die Grande und Astrid von Roëll, die sagt:

			»Ich hab euch die Sitzheizung schon mal angedreht.«

			»Bist ein Schatz«, sagt Nadeche Hackenbusch. »Was täte ich ohne dich?«

			Die Grande spannt ihre Gesichtsmuskeln an und informiert: »Ist nicht weit. Wir könnten auch laufen.«

			»Möglich«, sagt Nadeche Hackenbusch. »Aber ein Engel braucht Flügel. Wann werden die eigentlich umlackiert?«

			Der Wagen rollt sanft an. Erst jetzt bemerkt Marion, dass sich schon seit dem Einsteigen ein dunkler, gut aussehender junger Mann vom Beifahrersitz aus bemüht, Nadeche Hackenbusch zu begrüßen. Nadeche ignoriert ihn. Marion ahnt, warum. Nadeche ist vermutlich sauer, weil die Fernsehleute einen Mann ausgesucht haben. Nadeche arbeitet lieber mit Frauen. Sie wirft einen Blick zur Grande, die eigentlich zwischen beiden vermitteln sollte. Die Grande drückt sich vor der Aufgabe, indem sie ebenfalls in ihr Smartphone schaut. Vielleicht, denkt Marion, ist das der eigentliche Grund für den Siegeszug des Smartphones: Während Kinder sich die Augen zuhalten können, wenn sie etwas nicht sehen wollen, musste man sich als Erwachsener immer den Dingen stellen – bis jetzt.

			So gesehen ist es fast erstaunlich, dass Nadeche das Smartphone jetzt zur Seite legt und tatsächlich aus dem Fenster sieht, fast wie ein Kind. Die Grande bemerkt das, stirnrunzelnd. Kann sein, dass sie es nicht für möglich hält, dass ihr Star tatsächlich seit zwei Tagen noch keinen einzigen Schritt vor die Tür gemacht hat.

			Die Straßen im Lager unterscheiden sich nicht. Es ist schwer zu sagen, in welchem Block sie sich befinden, in welchem Viertel, oder ob sie nur zehn Minuten im Kreis gefahren sind. Der Wagen bremst vor einem Gebäude aus mehreren Containern, das mit Zelten erweitert worden ist. Sehr viele Menschen stehen dort an, viele Frauen mit Kindern oder größere Kinder mit Kindern. Man hat in der Vergangenheit scheinbar versucht, den Platz vor dem Gebäude für die Wartenden zu überdachen, aber es sind wohl immer mehr Wartende geworden, und dann hat man aufgehört, an die zusammengeflickten Dachkonstruktionen weitere anzuflicken. Marion sieht die Menschen in langen Reihen hocken, auf dem Boden, in dieser eigenwilligen Plumpsklohaltung. Sie kennt das aus dem Flüchtlingsheim, in dem Nadeche gedreht hat, die Menschen kauern so in den Fluren oder wo immer sie einen brauchbaren WLAN-Empfang haben, und immer noch kann sie nicht verstehen, wie man das auch nur eine Minute aushält, ohne dass einem die Beine bis zur Taubheit einschlafen.

			Der Wagen hält kurz, der junge Mann steigt aus. Dann wendet das Auto, damit Nadeche Hackenbusch direkt vor dem Eingang und der Kamera aussteigen kann. Marion sieht das wartende Kamerateam, und neben dem Kamerateam steht jetzt der ignorierte Beifahrer in den Leinenturnschuhen. Er steht entspannt da, er trägt das Hemd, das Marion ihm zusammen mit Nadeche Hackenbusch ausgesucht hat: nicht das superbunte Zeug, das die Afrikaner gerne nehmen, sie hat ihm ein dunkelblaues gegeben, nicht zu tailliert, obwohl er das auch problemlos tragen könnte, er hat eine Figur, die man gerne ausstattet. Marion würde am liebsten mit aussteigen, weil sie neugierig ist, wie sich Nadeche mit ihm verträgt. Aber sie will den Kameraleuten nicht ins Bild laufen. Astrid von Roëll ist auf der anderen Wagenseite ausgestiegen, die Grande ebenfalls. Marion bleibt im Wagen zurück.

			Sie hat das Gebäude schon vorab besichtigt, es ist kein Platz dort, um eine provisorische Schminkstation einzurichten. Sie holt ihr Schminkset vom Fahrzeugboden, öffnet den Kasten und bereitet den Arbeitsplatz vor. Watte, Tücher, der Umhang. Erfahrungsgemäß wird Nadeche Hackenbusch spätestens nach einer Stunde erste Nachbesserungen verlangen. Bei diesem heißen Wetter rechnet Marion damit, dass es schneller geht.

			Durch die offene Tür sieht sie, wie Nadeche auf den Beifahrer zugeht. Er gibt ihr die Hand, lässig und doch aufmerksam, als hätte er bei Barack Obama Unterricht genommen. Sie kann Nadeches Reaktionen nicht sehen, von hinten, aber sie sieht, wie er sich bewegt, ein Naturtalent. Man möchte ihm schon zuschauen, wenn er nur eine Flasche Wasser aufschraubt. Sie lehnt sich zurück und beginnt sich um ihre E-Mails zu kümmern. Auf ihrem kleinen Kosmetik-Blog sind heute ungewöhnlich viele Fragen eingegangen, und als sie mit ihnen fertig ist, bemerkt sie, dass Nadeche Hackenbusch noch nicht zurück ist.

			Marion sieht auf ihre Uhr. Weit über eine Stunde. Das ist ungewöhnlich. Sie sieht durch die Scheiben hinaus, dreht sich in alle Richtungen. Nichts ist zu sehen außer Flüchtlingen, Staub, Sonne. Sie überlegt, den Fahrer zu fragen, aber der ist ebenfalls mit seinem Handy beschäftigt. Vor dem Krankengebäude gibt es WLAN, deshalb sind auch all die Flüchtlinge hier, die nicht in der Schlange anstehen. Marion steigt aus. Sie streckt sich, sie schiebt die Hände vorne in die Taschen ihrer Jeans und läuft mit steifen Beinen um den Wagen.

			Es gibt an der Krankenstation auch Strom. Handys sammeln sich dort an Ladegeräten, Kabelknäuel wuchern auf dem Boden wie drahtige Pflanzen, Menschen kommen und holen ihr Handy, andere springen auf und besetzen den begehrten Steckplatz. Steckdosen sind die neuen Wasserlöcher, denkt Marion. Zwei kleine Mädchen kommen zu ihr, sie zupfen lachend an Marions Hosenbeinen, aber Marion hat in den zwei Tagen gelernt, dass man Hilfe nur zu festen Zeiten an festen Orten leisten darf, weil die Hilfsbedürftigen sie sonst jederzeit und überall einfordern. War nicht so schwer zu lernen, Marion hat einen Hund.

			Sie kehrt zum Wagen zurück, öffnet die Tür und holt Sonnencreme. Sie hätte nicht gedacht, dass sie heute noch nachcremen muss. Aber sie kann jetzt einfach nicht mehr in diesem arschkalten Wagen sitzen.

			Die Mädchen lassen nicht locker. Sie langweilen sich. Marion geht in die Hocke und zeigt ihnen ein Klatsch- und Abzählspiel. »Aramsamsam«, singt sie ihnen vor, und weil es so gut ankommt, auch noch »Bei Müllers hat’s gebranntbranntbrannt«. Und als die beiden Mädchen schon erstaunlich gut »hatzgebanbanban« singen können, ist Nadeche Hackenbusch immer noch nicht zurück. Marion richtet sich auf. Die Mädchen entwickeln bereits diverse eigene Versionen, bei denen sie »ulliulliulliulli« dazwischenkrähen, beeindruckend zweistimmig und einigermaßen furchtbar. Marion schlendert zum Eingang der Krankenstation und versucht hineinzusehen. Es gibt kein Zeichen von Unruhe, die Kranken warten mit einer Eselsgeduld.

			Sollte sie sich Sorgen machen?

			Kann man ein Kamerateam und eine deutsche Starmoderatorin geräuschlos überfallen?

			Oder entführen?

			Unwahrscheinlich. Sie könnte Nadeche auch anrufen, aber die wird ihr Handy beim Dreh sicher abgestellt haben. Sie beschließt, die Krankenstation zu umrunden, die sich als größer herausstellt als erwartet. Es gibt kaum Fenster, durch die man hineinsehen könnte. Es gibt aber auch keine Hinweise auf Gewalt. Niemand ist aufgeregt, der Lagerbetrieb verläuft routiniert. Menschen gehen, Menschen tragen, Menschen transportieren immer dieselben Dinge: Säcke mit Mehl oder Getreide, Kanister mit Wasser, lange Bündel mit dürren Stöcken. Säcke, Kanister, Stöcke. Säcke, Kanister, Stöcke. Eine Ziege. Säcke, Kanister, Stöcke. Als sie wieder beim Wagen ist, hat sie seit zweieinhalb Stunden nichts von Nadeche Hackenbusch gehört.

			Sie ruft bei der Grande an. Die Mailbox. Wen könnte sie sonst fragen? Sie kann ja auch nicht weg: Wenn Nadeche nachgeschminkt werden muss und sie ist nicht da, dann bricht die Hölle los. Sie steigt ratlos wieder in den Wagen, sie schließt die Tür, um etwas zu trinken. Das müssen die Kinder nicht sehen, wie sie hier das saubere, abgepackte Wasser trinkt. Sie sortiert einige Schminkutensilien um, dann stellt sie wieder die ursprüngliche Reihenfolge her. Die Klimaanlage funktioniert tadellos, die Sitzheizung auch. Der Wagen muss Batterien haben, groß wie Kühlschränke. Eigentlich ganz angenehm.

			Sie schreckt hoch. Wie lang hat sie geschlafen? Was ist passiert? Sie hört ein Kreischen. Sie stößt die Wagentür auf, taumelt benebelt hinaus ins helle Licht. Kinder strömen aus der Krankenstation, eine Kameraassistentin geht hastig, sie hat den rückwärtsgehenden Kameramann im Schlepptau, sagt ihm leise, wenn er auf ein Hindernis achten muss, lotst ihn an Zeltstangen vorbei. Dann kommt Nadeche Hackenbusch und mit ihr der Beifahrer. Sie hat die Ärmel hochgekrempelt, das Hemd ist offen, auf ihrem T-Shirt darunter sind Flecken. Schweiß, Schmutz, es kann auch Blut sein, aber nicht viel. Sie wirkt nicht unglücklich, aber auch nicht begeistert. Wenn Marion es beschreiben sollte, würde sie sagen: anders als sonst. Ernst. Wie jemand, der etwas zu erledigen hat. Wie ein Politiker mit einem vollen Terminkalender, aber kein Parteipolitiker, sondern ein Entwicklungshilfemensch. Von ihrer Frisur ist nicht mehr viel übrig. Im Hintergrund sieht sie die keuchende Grande, Nadeche Hackenbusch dreht sich zu ihr und sagt etwas, dazu macht sie mit den Armen sehr bestimmte Gesten. Marion fängt ihren Blick auf und versucht mit einer fragenden Bewegung herauszufinden, ob sie und ihre Schminkfähigkeiten gebraucht werden, aber Nadeche Hackenbusch winkt ab. Dann setzt sie sich auf den Boden, und der Beifahrer ebenfalls.

			Marion sieht sie zuerst gar nicht mehr, Nadeche ist fast völlig in einer Kindertraube verschwunden, aber am Kameramann kann man sehen, dass die Lage offenbar nicht bedrohlich ist. Er bemüht sich, sie weiter im Bild zu behalten, die Assistentin hält ihm einen Blickwinkel frei, Marion nähert sich, um herauszufinden, was passiert. Astrid von Roëll ist jetzt neben ihr, aber sie macht Fotos mit ihrem Smartphone, und dazwischen kritzelt sie in einen kleinen Block.

			Nadeche Hackenbusch sitzt mit ihrer Designerjeans im Staub. Sie hat ihren linken Fuß auf die Schenkel des Beifahrers gelegt, sie lacht jetzt, und die Kinder lachen auch. Der Beifahrer hat ein Messer in der Hand und löst damit die Glitzersteinchen von ihrem Schuh, eines nach dem anderen. Er reicht sie Nadeche, die sie so gerecht wie möglich verteilt.

			Jeder nur einen Stein.

			Er arbeitet vorsichtig, aber dennoch kann er nicht verhindern, dass Nadeches Sneakers schnell Löcher bekommen. Es scheint ihr egal zu sein, er sieht sie fragend an, sie bedeutet ihm weiterzumachen, während sie mit der anderen Hand ein Kind packt und ihm den Glitzerstein aus dem Mund zieht. Marion erkennt das Mädchen wieder. Es lacht und singt »Müllahatzgebanbanban«. Dann steckt es grinsend den Stein wieder in den Mund, aber nur bis Nadeche protestiert.

			Die Steinchenaktion endet erst, als Nadeche ihre ruinierten Schuhe auszieht und wegwirft. Daraufhin beginnen die Kinder quietschend den Schuhen hinterherzulaufen. Der Beifahrer steht auf. Er reicht Nadeche Hackenbusch eine Hand, und sie lässt sich hochziehen. Sie klopft den Staub von ihrem Hintern, dann zieht sie auch ihre Söckchen aus. Für einen Moment sieht es aus, als würde sie den Beifahrer umarmen, aber sie gibt ihm nur die Hand, bevor sie barfuß zum Wagen gehen will. Marion sieht, wie eine Frau sich ihr nähert. Nadeche dreht sich zu ihr um, und die Frau drückt ihr ein Paar dieser billigen Badelatschen in die Hand. Nadeche macht eine Bezahlgeste, besser, eine Nichtbezahlgeste, sie klopft sich die Kleider ab, sie hat kein Geld dabei, nur die Söckchen. Die Frau wehrt die Söckchen ab, die Latschen sind ein Geschenk. Umarmungen.

			Dann kommt Nadeche Hackenbusch zum Wagen. Astrid von Roëll stößt dazu, die Grande, sie versammeln sich wieder im Wagen. Die Grande wirkt stark beansprucht. Astrid von Roëll kritzelt wie um ihr Leben. Nadeche sinkt in ihren Sitz, als würde sie nie wieder aufstehen wollen. Sie schließt die Augen.

			Marion fragt: »Was war denn los?«

			Niemand antwortet.

			Die Grande holt Luft, aber kommt nicht zum Sprechen. Nadeche Hackenbusch sagt mit geschlossenen Augen: »Zehn Minuten Pause, sobald wir zurück sind. Und dann will ich eine Besprechung. Dann planen wir ein paar Tagesabläufe.«

			Die Grande sagt: »Ich habe schon ein paar …«

			Nadeche Hackenbusch richtet sich auf. Ihre Augen öffnen sich, und sie sagt mit einer konzentrierten Klarheit, die Marion noch nie an ihr gesehen hat: »Dann planen wir ein paar Tagesabläufe. Und holt ihn dazu. Ich will, dass er dabei ist!«

			Die Grande will noch etwas hinzufügen, sie holt tief Luft, bricht aber noch vor dem ersten Ton ab und nickt. Dann hört man nur den Motor des Wagens und das Kritzeln von Astrid von Roëll, ab und zu unterbrochen vom hastigen Rascheln, mit dem sie ihren kleinen Block umblättert, als verlöre sie jede Sekunde wertvolle Buchstaben.

			Nadeche klappt wieder in ihren Sitz und macht die Augen zu. »Marion«, sagt sie, »schminkst du mich bitte ab?«



Nadeche Hackenbusch: ihr größter Alptraum

			Elend, Not und Gewalt: Bei ihrer selbstlosen Arbeit im Herzen des Schwarzen Kontinents wird der deutsche Superstar mit der eigenen tragischen Vergangenheit konfrontiert

			Von Astrid von Roëll


Es heißt oft, Frauen wären das stärkere Geschlecht. Frauen ertrügen Schmerzen tapferer. Als beispielsweise Männer. Doch wie viel Leid kann eine Frau ertragen? Denn niemand erträgt Leid unbegrenzt, und das gilt sogar für eine Nadeche Hackenbusch. In diesen Tagen geht diese mutige, noch immer junge Frau durch – man kann es nicht anders sagen – nicht weniger als eine Hölle.

			Seit Wochen befindet sich Nadeche Hackenbusch jetzt in Afrika. Rund um die Uhr kümmert sie sich um die Vorbereitung, um jedes Detail ihrer Sendung Engel im Elend. Es ist die Nadeche Hackenbusch, die dem Publikum verborgen bleibt, die Nadeche Hackenbusch, die man nur hinter den Kulissen der Glitzerwelt der Reichen und Schönen kennen lernt: eine disziplinierte Arbeiterin, eine Frau, die 24 Stunden und mehr pro Tag ihren Mann steht und sich doch nie beklagt. »Du musst als Frau immer ein bisschen besser sein als die Männer«, hat sie es einmal gegenüber EVANGELINE formuliert, aber wie immer klang es nicht verbittert, sondern getragen von fröhlicher Lust an der Herausforderung. Es ist so typisch für Nadeche Hackenbusch: Mensch, Vorbild und immer zugleich auch Frau. Doch in diesen Tagen muss sogar sie die Grenzen dessen anerkennen, was ein Mensch auszuhalten vermag. Im Herzen Afrikas sieht sie sich unvermittelt ihrem größten, ihrem schwärzesten Alptraum gegenüber.

			Rückblende: Am Anfang des Tages weist noch nichts darauf hin. Es ist einer jener Morgen, an denen Afrikas Sonne für alle Menschen gleichermaßen scheint. Lionel, ihr junger, gut aussehender Führer, begleitet sie in das örtliche Krankenhaus. Im ganzen Lager ist die Freude groß über den Besuch des Engels, der unermüdlich hilft, wo er kann. Die Menschen hier leben nicht hinter dem »Mond«, durch ihre Smartphones und das Internet wissen sie fast alles über Nadeche Hackenbusch und die großartige Arbeit, die sie bereits in Deutschland geleistet hat. Sie staunen über das bescheidene Auftreten, die schlichte sandfarbene Hose, das einfache T-Shirt unter dem Hemd mit den hochgekrempelten Ärmeln. »Das habe ich Nicolai gemopst«, sagt sie mir noch auf ihre herrlich unverkrampfte Art, »der wird sich schön wundern, wenn es plötzlich im Fernsehen ist.«

			Ein schwarzer Arzt begrüßt den helfenden Engel aus dem fernen Deutschland, gibt ihr die Hand. Die Nähe zwischen Menschen kann so einfach sein. »Wenn nur die Politiker so wären wie die Menschen«, scherzt er dankbar, und Nadeche Hackenbusch lacht herzlich. Er zeigt ihr die Räume der Krankenstation, ärmlich, aber sauber, wie es so oft bei einfachen Menschen ist. Doch der Mangel ist überall spürbar: »Zu wenig«, sagt er häufig, »zu wenig«, und er weist aus dem Fenster, zu den langen Schlangen der Hilfesuchenden. Es ist so typisch für die zupackende Art des deutschen Engels, dass sie sofort sagt: »Wir werden versuchen, ganz rasch zu drehen, damit Sie superschnell wieder bei Ihren Patienten sind!«

			Sie ist Mensch, Vorbild und immer zugleich auch Frau

			Auch in Afrika gewinnt die bezaubernde Art, in der sie mit ganz normalen Menschen spricht, die Herzen. Diese Krankenstation ist mit einem deutschen Krankenhaus nicht zu vergleichen. Es ist voll hier, die Menschen liegen zu zweit, Kinder manchmal zu dritt in den alten Betten. Weiße Laken, schmückende Bilder an der Wand oder auch Leselampen sucht man hier vergebens, der Strom fällt hin und wieder ein wenig aus, und doch ist es für Nadeche Hackenbusch kein Krankenhaus zweiter Klasse. »Diese Menschen hier geben sich auch Mühe«, erkennt sie neidlos an, »auf ihre Weise machen die hier einen ganz tollen Job. Die arbeiten ja auf einem ganz bescheidenen Niveau, und trotzdem ist die Babysterblichkeit runter auf jedes fünfte.« Blitzschnell ergreift sie die Initiative, entwickelt Pläne, organisiert Projekte. Die Kinderstation neu streichen, mit bunten Farben gegen den grauen Alltag. Bastelkurse anbieten: »In Deutschland haben wir das mit der Bastelshopkette Fanta-Si! gemacht, die würden sicher wieder helfen.« Und immer wieder überrascht ihr herrlich praktischer, frischer Blick auf die Dinge.

			»Wir wissen oft gar nicht, wie gut es uns in Deutschland geht«

			»Wir wissen oft gar nicht, wie gut es uns in Deutschland geht«, lacht sie, »aber hier wird man dann sehr schnell in die Wirklichkeit zurückgeholt.« Und oft sogar in die Realität. Kurz nach der Kinderstation entdeckt Nadeche Hackenbusch einen Saal mit jungen Mädchen. Ist es Schicksal?

			Es ist eine Gruppe Mädchen, die vor wenigen Tagen erst den Fängen der Boko Haram entkamen. Viele schweigen, manche sagen nichts, zwei von ihnen sind hingegen geradezu aufgekratzt, ganz seltsam gut gelaunt, es klingt merkwürdig, aber ihr Strahlen und Lachen wirkt beinahe verzweifelt. Es ist einer der seltenen Momente, als sich Nadeche Hackenbusch neben eines der leisen Mädchen setzt, sie bittet darum, die Kamera auszuschalten, und als das Mädchen nicht spricht, spricht sie auch nicht, sondern sitzt einfach nur neben ihm. Lionel will ebenfalls gehen, mit dem Kamerateam, aber Nadeche bittet ihn zu bleiben, als Übersetzer. Er kauert sich auf den Boden, nicht zu nahe, gerade so, dass er hört, was gesprochen wird. Wenn gesprochen wird.

			Sie berührt das Mädchen nicht, sie sitzt neben ihm, wie eine große Schwester. Minutenlang. Und dann stupst sie sie an, am Fuß, mit ihren glitzernden Turnschuhen. Einmal, zweimal, dreimal. Beim vierten Mal stupst der Mädchenfuß zurück. Sie sagt etwas, so leise, dass Lionel näher rutscht, weil er es fast nicht versteht, er fragt kurz zurück, mit seiner sanften Stimme. Sie lächelt, sie zeigt auf ihn und auf Nadeche, dann übersetzt er: »Schöne Schuhe. Wir haben beide schöne Schuhe.«

			»Wie geht es dir?«, will Nadeche wissen.

			»Gut«, sagt sie, »jetzt.«

			Manchmal begegnet man besonderen Menschen, und Lionel ist einer dieser besonderen Menschen. Denn was das Mädchen nun erzählt, ist etwas, das ein Mädchen wirklich nur seiner großen Schwester anvertraut, und Lionel bringt es fertig, so zu übersetzen, als wäre er überhaupt nicht vorhanden. Die Entführung. Die Angst. Die Gefangenschaft. Die Männer. Manchmal nur einer. Manchmal zwei. Wie sie anfängt, manche für weniger schlecht zu halten, weil sie sie danach in Ruhe lassen. Besser als die, die hinterher wollen, dass sie bei ihnen die Nacht verbringt, weil Allah sie angeblich zusammengeführt hat. Die Männer, die sich am nächsten Morgen für ihre Schwäche schämen und sie schlagen, weil sie sie verhext hat. Und jeder Mensch, der ein Herz hat, kennt in diesem Augenblick nur eine einzige Frage:

			Wie erträgt das Nadeche Hackenbusch?

			Denn hier in Afrika, dem Land der Tiger und Marabus, gibt es wohl keine Frau, die dieses bittere Unglück so intensiv und aus tiefstem Herzen nachempfinden kann.

			Sie bleibt tapfer und legt ihren Arm um die Schultern des Mädchens und denkt gewiss an ihren eigenen furchtbaren Sommer. Das scheinbare Glück mit LeBrezel. Dann diese entsetzliche Nacht. Die endlosen Tage vor Gericht. Die Meinungsschlacht in den Medien. Die gefühlte zweite Vergewaltigung, als sich die Justiz über ihr Unglück hinwegsetzte, mit der Herzlos-Begründung, »Nein« bedeute nur dann »Nein«, wenn man es auch sagt. Und dass sie nun ihre Vorwürfe, so berechtigt sie auch sein mögen, jetzt nicht mehr laut wiederholen dürfe, bei Androhung einer Konventionalstrafe von 500.000 Euro. Es ist die harte, bittere, schier unerträgliche Konfrontation mit ihrer eigenen Vergangenheit, die Nadeche Hackenbusch, diese selbstbewusste, starke, schöne Frau, nach einer Hand greifen lässt, die ihr für einen Augenblick Halt gewährt. Die Hand von Lionel, einem ganz besonderen Mann. Und im Herzen des Schwarzen Kontinents, das spürt man ganz deutlich, verbindet für einen kurzen Moment die bedauerliche Geschichte einer jungen Frau zwei schwer geprüfte Herzen, die zu Großem bereit sind.

			»Wenn nur die Politiker so wären wie die Menschen«





10


			Es dauert etwa eine Woche, bis der Flüchtling merkt, dass das Geld nicht reichen wird.

			Er hat sich mit seinem Bier von Mikis sparsam beleuchteter Bude zurückgezogen, er lehnt müde an einem Verschlag und blickt in den gigantischen, sternklaren Nachthimmel. Er hält sich die ziemlich kalte Flasche an die Stirn. Das kann eigentlich nicht sein, denkt er. Er verdient gut, sehr gut sogar, und er arbeitet viel. Und trotzdem scheint es, als würde sich sein Ziel immer weiter entfernen. Er reibt sich die Augen. Sie fühlen sich klebrig an, als gingen sie weder richtig auf noch richtig zu. Sie fangen früh an, diese Deutschen, und dann arbeiten sie den ganzen Tag. Heute war er mit ihnen Brennholz sammeln. Denn Malaika ist eben nicht nur wunderschön.

			Das hatte er sich anfangs noch gedacht, dass sie wunderschön ist, und sich gefragt, was so ein schöner Mensch in so einem hässlichen Lager will. Darum hat er sie zuerst auch zur Krankenstation mitgenommen. Dort hätte der Engel wahrscheinlich auch ohne ihn hingefunden, aber es war nun einmal der einzige Ort, von dem er fand, dass er ausreichend sauber und zumutbar ist für so einen wunderschönen Engel. Einen Engel immerhin, dem sogar sein eigenes Auto nicht sauber genug ist: Er hat es selbst mitbekommen, der Engel wünscht weiße Autos.

			Wenn er sich heute daran erinnert, dann kommt es ihm vor, als hätte er an jenem Tag zwei Engel in einem kennen gelernt. Er erinnert sich noch daran, wie er mit dem Engel im Engelauto zur Krankenstation fuhr. Der Engel redete oder tippte ununterbrochen durch sein weißgoldenes Engeltelefon mit den Glitzersteinchen in seine Engelwelt. Erst im letzten Moment, vor der Krankenstation, sagte der Engel etwas, das nach einem Ende des Gesprächs klang. Dann stieg er aus, der Engel sagte, dass alles noch mal gemacht werden müsse, weil er finde, dass es besser aussehe, wenn er aus einer anderen Tür aussteige. Dabei hatte der Engel plötzlich einen ganz besorgten Ausdruck im Gesicht, als müsste er jemandem mitteilen, dass die ganze Krankenstation abgebrannt sei.

			Und dann war da der andere Engel. Der, der sich in der Krankenstation ganz ruhig neben das geflohene Mädchen setzte. Der sich die Erzählungen anhörte, die kein Engel jemals hören sollte. Der Engel, der aus der Krankenstation kam.

			Der gar nichts mehr sagte, außer einem Satz, den er zuerst immer auf Deutsch wiederholte. Der sich zu ihm umdrehte, die Hand auf seinen Unterarm legte und mit einer Stimme sagte, die gar keine Engelsstimme mehr zu sein schien:

			»This must others go. Total. I swear.«

			Das war vor einer Woche. Seither besucht sie keine Gebäude mehr. Sie will die Menschen begleiten. Sie holt mit ihnen Wasser. Sie versucht mit den Mitteln der Menschen hier zu kochen und ist mit Munira Brennholz holen gegangen. Diese Arbeitsweise muss absolut ungewöhnlich sein für die Deutschen. Denn man konnte sehen, wie ihre Mitarbeiter ungeduldig wurden. Wenn es nach ihnen gegangen wäre, hätten alle nach zehn Minuten Fußmarsch in das saubere Auto mit den Zebrastreifen steigen sollen. Denn in einer Gegend, in der so gut wie nichts wächst und in der zwei Millionen Menschen täglich Brennholz suchen, findet man das Holz nicht zehn Minuten vom Lagerzaun entfernt. Aber der Engel wollte nicht ins Auto. Er wollte Munira begleiten, und wenn Munira zwei oder drei Stunden gehen musste, um etwas Brennbares zu finden, wollte der Engel auch zwei oder drei Stunden gehen.

			»She go three hours?«, hatte sie ihn nochmals gefragt, »real?«

			»It’s true, Malaika.«

			Die Helfer des Engels haben widersprochen.

			Da ließ der Engel den Zorn des Himmels aus seinem Mund donnern.

			Er hatte noch nie gesehen, wie jemand fünf Männer zermalmt, mit nichts als der Stimme. Und schon gar keine Frau. Doch so geschah es. Der Engel ließ sich aus dem Wagen nur andere, wohl bequemere Schuhe geben, und ab da war klar, dass der ganze Weg gelaufen wird. Was niemand mehr bedauerte als Munira, die sehr gerne im Engelauto gefahren wäre.

			Aber genauso hat sich der Flüchtling einen deutschen Engel vorgestellt. Nicht nur gut, sondern: gründlich gut. Da wird nicht ein bisschen Holz für die Kamera getragen, der Engel hat genauso viel Holz getragen wie Munira selbst. Er hätte jede Wette abgeschlossen, dass der Engel nach hundert Schritten aufgibt, aber der Engel hat das Holz geschleppt wie der Jesus der Christen sein Kreuz. Zwei Mal hat sie vor Erschöpfung in den Staub gekotzt, aber sie hat nicht aufgegeben.

			Und mit dem Geld machen es die Deutschen genauso gründlich.

			Er trinkt einen Schluck Bier. Die kleine Saba nähert sich ihm. »Mtu?«, sagt sie fragend. Das ist der Name, den ihm die Kinder gegeben haben. Neuerdings gibt ihm jeder einen Namen. »Lionel« nennen ihn die Deutschen, nach dem Grund fragt er lieber nicht, er will nicht kompliziert sein. »Mtu« sagen die Kinder, von »Mtu kwa malaika« – der Mann mit dem Engel. Saba setzt ihr niedlichstes Gesicht auf, aber wenn er jetzt nachgibt, hat er gleich die gesamte Lagerjugend am Hals. Er scheucht sie weg, erschöpft, freundlich und doch streng. Er sagt ihr, dass er Sabas Mutter schon ein wenig geholfen habe. Er braucht jetzt Ruhe, er muss nachdenken. Allein. Es gibt Dinge, die kann man mit niemandem bereden. Nicht einmal mit Mahmoud.

			Diese gründlichen Deutschen.

			Es stimmt, sie legen einen erstaunlich hohen Betrag auf den Tisch, aber sie lassen sich nicht ausnehmen. Die mittelalte Frau, die sie Grande nennen, bezahlt ihn täglich. Er wird nie hingehalten, er wird nicht vertröstet, es gibt am Ende des Tages immer die vereinbarte Summe bar auf die Hand. Aber es gibt auch keinen Vorschuss. Und das ist der Haken an der Sache. Für einen Schlepper könnte sein Geld nur reichen, wenn er die ganze Summe auf einmal bekommen würde. Aber das Geld zu sparen ist praktisch unmöglich.

			Geld ist kein Problem, wenn man im Lager genauso wenig davon hat wie jeder andere. Es ist auch kein Problem, mehr Geld zu haben als andere, wenn man es geheim halten kann. Doch wenn man es nicht geheim halten kann, so wie er, Mtu kwa malaika, »der Mann mit dem Engel«, dann muss man die anderen beteiligen. Weil man derjenige ist, der das Lager und die Leben der anderen zu Geld macht. Und wenn du sie nicht beteiligst, werden sie das nicht mehr zulassen.

			Also zahlt er die Biere bei Miki. Also gibt er Mahmoud und einigen anderen kleine Jobs. Geschichten finden. Er gibt den Kindern was ab. Und er gibt Mojo dem Blauen seinen Anteil. Theoretisch. Er hat ihn Mojo angeboten, und Mojo war überrascht. Er hat dann aber verzichtet und gesagt, dass er das Geld behalten soll, sie fänden schon eine gute Lösung. Doch das wird nicht so bleiben.

			Er könnte natürlich auch Geld von anderen Flüchtlingen nehmen. Dafür, dass er den Engel zu ihnen führt. Doch wenn die Deutschen das merken, würden sie ihn rausschmeißen. Und wenn nicht, wenn er dadurch tatsächlich mehr verdienen könnte, dann würde Mojo sich mehr einmischen, und er müsste sich eine eigene Gang aufbauen, um sich gegen Mojo zu schützen. Das kostet Zeit, Geld, und er hat keine Lust, Gangboss zu sein. Was hätte das auch für einen Sinn: Mojo der Blaue macht das seit seiner Kindheit, das würde höchstens zwei Tage dauern, und dann findet ihn jemand eines Morgens mit dem Kopf in der Latrine.

			Ohnehin ist seine Zeit zum Geldverdienen begrenzt, denn Mojo der Blaue wird sich über kurz oder lang sowieso einmischen. Der wartet jetzt doch nur ab, wie genau die Deutschen kontrollieren, was da passiert. Aber wenn er alles ausgecheckt hat, wird Mojo ihn freundlich zur Seite nehmen und ihm sagen, dass er künftig Begegnungen mit dem Engel nur noch gegen Geld vermitteln soll. Und nach Absprache mit Mojo, versteht sich. Er wird ihm sagen, was die Begegnungen zu kosten haben. Oder besser gesagt: wie viel er bei Mojo abzuliefern hat.

			Und wenn das rauskommt, feuern ihn die Deutschen.

			Oder er weigert sich, und Mojo bringt ihn um.

			Ganz toll.

			Er schiebt die Kuppe seines Zeigefingers in den Flaschenhals und lässt sie leise herausschnippen. Es macht fümp. Nein, es ist, wie es ist: Obwohl er den bestbezahlten Job im ganzen Lager hat, steht er finanziell genauso da wie vorher.

			Fümp.

			Und eines Tages wird Malaika wieder verschwinden. Dann wird er hier alt werden und sterben. Außer: wenn sie ihn mitnimmt. Aber das hat der Gelddrachen Grande gleich am Anfang ausgeschlossen.

			»Das hier ist kein Ticket nach Deutschland – klar?«

			Also: Warum sollte sie das trotzdem tun?

			Vielleicht aus Freundschaft.

			Aber die Wahrscheinlichkeit ist gering. Es wimmelt im Netz nicht gerade von Geschichten von deutschen Fernsehteams, die ihre afrikanischen Berichtgegenstände mitnehmen. Das gibt es höchstens bei Gesundheitsproblemen. Jemand hat eine Krankheit, am besten ein armes kleines Mädchen, und dieses Mädchen kann nur in Deutschland operiert werden.

			Aber er ist leider völlig gesund.

			Es müsste ein mindestens genauso guter Grund sein. Dass … dass sein Leben bedroht ist. Durch … klar: Mojo den Blauen.

			Das könnte klappen. Die Geschichte ist sogar richtig gut, warum befindet er sich denn in dieser Lage? Weil die Deutschen und der Engel hergekommen sind. Weil sie es ihm eingebrockt haben. Weil sie ihn in diese heikle Position gebracht haben, zwischen Geld und Gewalt und Mojo. Also müssen sie ihm auch heraushelfen. Ihm und vielleicht noch Mahmoud.

			Das Riskante an der Geschichte ist nur, dass er damit womöglich schlafende Hunde weckt. Wenn Malaika erst mal mitbekommt, dass hier im Lager solche Geschäfte laufen, dann fragt sie sich bestimmt, ob er nicht schon die ganze Zeit für Mojo gearbeitet hat. Aber das Risiko ist es wert. Er sollte nur nicht zu früh mit ihr reden.

			»Mtu!«, sagt Saba und setzt sich neben ihn auf den Boden. Es ist schon beeindruckend, wie gut sie weiß, wie man noch niedlicher schauen kann. Sie guckt vom Start weg niedlich, aber sie verfeuert nicht ihr ganzes Pulver. So kann sie noch jede Menge nachlegen, so clever ist sonst kein Kind hier. Soll man so was unterstützen?

			»Du kannst mein Bier haben.«

			»Echt?«

			»Also: die Flasche. Wenn ich fertig bin.«

			Saba winkt ab: »Was soll ich mit der blöden Flasche?«

			Er nimmt einen letzten Schluck und stellt sie vor sie hin.

			»Bring sie den Deutschen.«

			»Und dann?«

			»Geben sie dir vielleicht Geld. Ich habe gehört, die Deutschen geben einem immer Geld für Flaschen.«

			»Sie geben einem Geld für eine leere Flasche?«

			»Hab ich so gehört.«

			Man sieht ihr an, dass sie an dieser absurden Geschichte ihre Zweifel hat.

			»Wie viel?«

			»Keine Ahnung.«

			»Sag!«

			»Ich weiß nicht. Ein bisschen Geld. Also weniger als ein Bier, klar. Sonst würde ja jeder ihnen die vollen Flaschen hinstellen.«

			Saba hebt die Flasche hoch. »Ich bringe ihnen die leere Flasche? Und sie geben mir Geld? Du spinnst.«

			»Probier’s aus«, sagt er freundlich. »Ist auf jeden Fall eine Chance.«

			»Was sollen die mit der Flasche?«, bohrt Saba. »Was machen die damit?«

			»Ich weiß nicht. Irgendwelche deutschen Sachen. Vielleicht tun sie einfach neues Bier rein. Kann doch sein: Die Deutschen haben so viel Bier, dass sie nicht genug Flaschen haben.«

			Saba schaut skeptisch.

			»Dann kommen die Flaschen auf ein großes Schiff, und das Schiff fährt nach Deutschland, und alle Deutschen freuen sich«, spinnt er die Geschichte weiter. »Dann tanzen sie ihren Deutschentanz.«

			»Wie geht der Deutschentanz?«

			Er steht auf und springt ein bisschen herum, während er sich auf die Schenkel klatscht. Es sieht ein wenig aus, als würde ein Elefant versuchen wie ein Reiher zu gehen. »So geht der. Wie auf dem Oktoberfest.«

			»Das ist aber ein blöder Tanz.«

			»Tja«, sagt er und lässt sich neben Saba fallen. »Man kann sich seine Tänze nicht aussuchen. Jeder muss so tanzen, wie seine Eltern getanzt haben. Überall auf der Welt. Der Tanz deiner Eltern bestimmt den Weg deiner Füße. Du tanzt auch wie deine Eltern.«

			Das leuchtet Saba ein.

			»Aber warum trägt bisher niemand seine Flaschen zu den Deutschen? Alle schmeißen sie weg. Das ist doch dann dumm!«

			»Weil niemand hier die Deutschen gut kennt. Es ist eine Chance, mehr nicht. Ich kann’s dir nicht garantieren. Du musst es selbst ausprobieren.«

			Saba steht auf, die Flasche in der Hand. »Okayyyy …«, sagt sie zögernd und steckt den Daumen in den Flaschenhals. Es macht fümp.

			»Kann ich dazu auch meinen eigenen Tanz machen?«

			Er stellt sich vor, wie Saba mit der Flasche zu den Deutschen geht und tanzt. Dann sagt er: »Mach den Deutschentanz. Und sag was Deutsches. Kannst du was Deutsches?«

			»Hatzgebanbanban?«

			»Was soll das sein?«

			»Ein Deutschenlied. Singen jetzt alle.«

			»Okay, wenn das alle singen, sagst du was anderes.«

			»Ich weiß nicht …«

			»Du willst doch auffallen, oder? Du sagst: Oktoberfest!«

			»Ottobafes?«

			»Genau. Mach mal!«

			Saba springt klobig herum, ein kleiner Elefant auf Reiherbeinen, der sich dabei ziemlich planlos auf die Beine klatscht. Dann präsentiert sie ihre Flasche und sagt »Ottobafes«, als wäre es eine Fanfare. Er nickt. Es kommt ihm gar nicht mehr so abwegig vor, dass es klappt.

			Das könnten die Deutschen niedlich finden.





11


			Ein sauberer Schreibtisch, ein sauberes Haus. Joseph Leubl mag geordnete Verhältnisse. Man kann das für langweilig halten, aber so hält er es seit siebenundfünfzig Jahren, seit er ein eigenes Zimmer hat. Er ist mit vier Brüdern aufgewachsen, er weiß, wie ein Saustall aussieht, und er weiß auch, dass er keinen haben will. Er verlässt sein Büro erst, wenn der Schreibtisch abgearbeitet ist. Und wenn er dann zu Hause ankommt, soll dieses Zuhause nicht aussehen, als ob man hier mit der Arbeit wieder anfangen müsste.

			Er steigt aus der Limousine und verabschiedet sich von seinem Fahrer, der ihn am nächsten Morgen wieder abholen wird. Dann geht er über die weinroten Steinplatten im Rasen zu seinem Haus. Er mag die Steinplatten, er mag, dass sie leicht mit Moos bewachsen sind und dass im Sommer diese ganz winzigen roten lausartigen Käfer darauf herumkrabbeln. Die Platten erinnern ihn an das Haus seiner Eltern, er hat sie extra mit nach Berlin genommen, nachdem er mit seinen Brüdern das Haus verkauft hatte. Wenn er sie sieht, denkt er an den Rasensprenger in der Sonne, an den Geruch von feuchtem Gras, an das Gefühl von heißem feuchtem Stein unter den Füßen. Er hat sie genauso im Rasen versenken lassen, wie er es von früher kennt. Die Grasbüschel müssen die Kanten polstern, man darf keine Angst haben, dass man sich die Zehen anstößt. Sonst kann man nicht über den Rasen rennen. Sonst können die Kinder nicht über den Rasen rennen. Seine beiden Töchter sind reichlich gerannt. Der Gedanke gefällt ihm. Er weiß von Kindern, die überhaupt nicht mehr nach draußen gehen, wenn man ihnen kein Pokémon als Köder in die Stadt setzt.

			Er tritt ein, er genießt den Geruch, den man anderswo vermisst, obwohl man ihn zu Hause nicht wahrnimmt.

			»Ich bin daheim!«, ruft er in den Flur.

			Das ist nötig geworden, seit die Limousinen immer leiser werden und die Fenster immer besser isoliert sind. Er hat seine Frau dutzendfach halb zu Tode erschreckt, bis er sich angewöhnt hat, beim Heimkommen zu rufen. Er hängt den Mantel in die Garderobe und, nur in Gedanken, einen Hut dazu. Seit über dreißig Jahren trägt er keinen mehr, aber noch immer gehört der Gedanke daran für ihn zum Nachhausekommen. Er zieht die tadellosen Schuhe aus und füllt sie mit Schuhspannern, an denen er sie dann in das Schuhregal hebt. Er schiebt seine Füße in Filzlatschen und geht über die Fliesen in den Wohnbereich und in die Küche. Er hört seine Frau am Kühlschrank klimpern.

			Er küsst sie auf die Wange.

			»Wie war dein Tag?«

			»Normal. Der Springbrunnen ist kaputt. Ich hab den Installateur schon angerufen, aber der kann erst nächste Woche.«

			»Geht ja.«

			Die Küche ist eine abgetrennte Küche. Er mag es nicht, dass neuerdings alle Wohnbereiche ineinander übergehen. Er will nicht, dass die Küche ins Wohnzimmer lappt und das Wohnzimmer über einen Glasvorbau in den Garten hinein. Das Kinderzimmer soll nicht im Schlafzimmer sein und der Geräteschuppen nicht in der Garage, auch wenn in der Garage gar kein Auto mehr steht, seitdem sie den Dienstwagen haben.

			Er geht zum Kühlschrank, um sich ein Bier zu nehmen. Kein Pils, kein Weißbier, kein Leichtbier. Kein Großkopfertenbier. Und auch keines von einer Landbierbrauerei, das aus irgendwelchen Dörfern hergekarrt wird. Und schon gar kein Craftbeer. Er hasst das ganze neumodische Gebräu, das erst so bitter ist, als hätten sie’s anbrennen lassen, und dann plötzlich nach Mango schmeckt. Oder Mandarine. Kompostbier. Er will ein Bier, wie es sein Vater getrunken hat, wenn er vom Feld kam.

			Er trinkt Helles.

			Er öffnet die Flasche und gießt das Bier in den Willi-Becher. Als er das Glas zu den Nachrichten ins Wohnzimmer tragen will, sagt seine Frau: »Übrigens, die Bine ist da.«

			Er sagt nichts dazu. Aber es ist ihm nicht recht.

			Er mag geregelte Abläufe. Er geht vorsichtig ins Wohnzimmer. Es ist leer. Er stellt das Bier auf den gefliesten Couchtisch und lässt sich ins Sofa fallen. Er ist erleichtert, dass ihm das Wohnzimmer noch einige kostbare Minuten lang allein gehört. Es gibt nicht so viele Abende wie diesen, in der ruhigen Sommerzeit, auch wenn er sich mehr Freiheiten herausnimmt als jeder andere Minister. Er ist Quereinsteiger, er hat keine Parteibasis, noch nie gehabt, er kommt über die Liste, weil sie ihn brauchen, und wer keine Parteibasis hat, muss sie auch nicht pflegen. Er hat die Pflegeversuche ohnehin schon lange eingestellt: Manche Dinge sind notwendig, aber nicht erklärenswert. Irgendeiner muss den Müll runterbringen. Und wenn manche Leute wissen wollen, ob das stimmt, weil ihnen irgendein Lügner erzählt hat, es gäbe eine Methode, bei der niemand den Müll runterbringen muss, dann können sie gerne ihre Abende verquasseln, aber ohne ihn. Er ist fünfundsiebzig Jahre alt, und er hat nicht mehr so viel Zeit zu verschenken.

			Er sieht zwei dünne Beinchen die Treppe herunterkommen. Dann folgen ein magerer Po in Shorts und zwei Brüste, die so vor acht Wochen noch nicht da waren.

			»Hi, Opa!«

			»Das Binchen!«

			»Hm?«

			Der Minister klopft hart mit den Knöcheln auf den Tisch und sieht sie ungehalten an.

			»Sorry.«

			Sie rupft die Stöpsel aus ihren Ohren. Dann wickelt sie die Kabel um das Smartphone, hebt es demonstrativ hoch und legt es aufs Bücherregal. Er nickt besänftigt.

			»Na?«

			»Selber na.«

			Sie lässt sich in einen Sessel fallen, genauso wie er vorhin. Seltsam: dieselbe Bewegung, aber durch das unterschiedliche Alter sieht man bei ihm, wie erschöpft er ist, und bei ihr nur, dass sie schmollt.

			»Freust du dich schon auf den Urlaub?«

			»Nä.«

			»Ärger mit der Mama?«

			»Zwei Wochen am Arsch der Welt? Ohne Netz? Was soll ich in Doofhausen?«

			»Du weißt schon, dass ich in diesem Doofhausen geboren bin? Und die Oma zwei Ecken weiter, in Öcking.«

			»Ich weiß nur, dass ihr nicht mehr da wohnt.«

			»Ich würde da noch wohnen, wenn ich nicht in Berlin sein müsste.«

			»Pff.«

			Sie zieht ihre nackten Füße aus den Schläppchen und klammert ihre Zehen an den Rand des Couchtischs. Dann sieht sie seinen Blick, und die Zehen lassen rasch los. Die Füße platschen matt auf die Bodenfliesen. »Dem Innenminister legen sie ja auch das Internet überallhin, wenn er will.«

			»Sei nicht so. Deine Mutter will nur möglichst viel Zeit mit dir verbringen.«

			»Das ist ja das Schlimme.«

			»Nicht so, wie du denkst. Sondern weil sie weiß, dass sie nicht mehr viele Urlaube mit dir verbringen wird.«

			»Ach – und warum? Krank ist sie jedenfalls nicht.«

			Er setzt denselben Blick auf.

			»Sorry.«

			»Damit macht man keine Witze.«

			»Ich weiß.«

			»Was ich meine, ist, dass deine Mutter auch mal in deinem Alter war.«

			»Und?«

			»Sie weiß, dass sie sich mit sechzehn das erste Mal erfolgreich gewehrt hat, mit uns in Urlaub zu fahren. Mit fünfzehn war sie das letzte Mal mit uns weg.«

			»Gott sei Dank!« Das ist seine Frau, die mit dem Tablett reinkommt.

			»Ja, jetzt ist die Oma lässig. Aber damals hat sie Rotz und Wasser geheult!«

			Sie stehen auf und gehen zum Esstisch. Er nimmt sein Bier mit und setzt sich ans Kopfende, Bine ihm gegenüber, Oma dazwischen. Sie verteilt die Teller, die Butter, den Brotkorb, Tomaten, Wurst, den veganen Aufstrich und die Gläser. Bine nimmt eines kritisch in die Hand.

			»Das glaubt mir auch keiner, wenn ich’s erzähle: Der Bundesinnenminister trinkt daheim aus alten Senfgläsern.«

			»Warum auch nicht?«, fragt Oma Minister beim Tomatenvierteln und -pfeffern.

			»Da sind sogar noch alte Micky-Maus-Figuren drauf. Uncooler geht’s ja nicht.«

			»Dann passt’s ja«, sagt Leubl und schmiert routiniert ein Salamibrot. »Von allen Ministern ist der Innenminister immer der uncoolste.«

			»Echt? Wieso?«

			»Weil er für die Polizei zuständig ist.« Er beißt in sein Salamibrot. »Der Innenminister ist so was wie der Hausmeister von Deutschland.«

			Er sieht seiner Enkelin zu, wie sie aus dem veganen Döschen eine Art graubraunen Mörtel herausschabt und damit die Oberfläche einer Brotscheibe verkleidet. Man kann beinahe sagen: fachgerecht. Er reicht ihr mit der Gabel ein Salatblatt.

			»Hier. Als Tapete.«

			»Joseph!«

			»Ich sag auch nix über deine Mörderwurst, Opa.«

			Er legt den Salat auf sein Salamibrot.

			»Der Wurstmörder entschuldigt sich in aller Form.«

			»Gut, aber dafür sagst du deinem blöden Verkehrsminister, dass er zack, zack ein ordentliches Internet nach Doofhausen bringt.«

			Er lacht. Er sagt ihr nicht, wie sehr es ihn freut, dass ihre Mutter den Internet-Unsinn und Handy-Quatsch nicht mitmacht. Er sagt ihr auch nicht, wie furchtbar der Internetempfang in der Gegend wirklich ist. Und dass er den Verkehrsminister für den einzigen Minister hält, der wirklich und unbestreitbar zu einhundert Prozent unfähig ist.

			»Das ist schön, dass du mitfährst. Mich freut es auch.«

			»Schön für euch alle.«

			»Wirst sehen, es ist gar nicht so schlimm. Ich war gerne dort Kind.«

			»Klar. Ihr hattet ja auch eine harte Jugend. Das vergesse ich der Mama nie!«

			»Da gibt’s viele Tiere«, tröstet Oma Leubl.

			Der Rest des Abendessens verläuft weitgehend schmollfrei. Opa und Oma haben das Urlaubsziel schließlich nicht ausgesucht. Dann steht Oma Leubl auf und beginnt den Tisch abzuräumen. Er nimmt den Rest Bier wieder mit zur Couch. Gleich acht Uhr. Die Tagesschau ist seine letzte Bastion.

			»Können wir nicht was anderes sehen?«

			»Und Nachrichten interessieren dich gar nicht?«

			»Kenn ich schon alle. Ich hab doch die App.«

			»Ich aber nicht und die Oma auch nicht.« Andeutung eines Zornblicks.

			Jens Riewa kommt ins Bild. Man hat ihn heute in ein unvorteilhaftes Blau gekleidet, so dass er vor den Bauchbinden im Hintergrund manchmal zu verschwinden scheint.

			»Jaaa«, sagt Bine vor, »jetzt kommt das Attentat.«

			Er sieht sie warnend an, aber es wundert ihn auch, was sie alles mitbekommt. Tatsächlich kann sie fast alle Nachrichten des Tages korrekt vorhersagen, sogar jene, die für sie doch vermutlich langweilig sind.

			»Die schlagen ein neues Wahlrecht vor«, weiß Bine. »Ab sechzehn. Dann könnte ich nächstes Jahr schon wählen.«

			»Und was würdest du wählen?«, fragt Oma Leubl.

			»Die AfD.«

			Einen Moment ist Stille. Er lässt sich nichts anmerken und sagt, ohne zu ihr zu sehen: »Wegen der Mama.«

			»Genau. Die rastet aus. Voll der Schreikrampf. Bieeeeeneeeee, wie kannst du nur??«

			»Und meine Partei?«

			»Vergiss es. Ihr seid nicht scheiße genug.«

			»War das ein Kompliment?«

			»Nee. Scheiße seid ihr schon auch.«

			Er denkt, dass er in ihrem Alter noch nicht so viel »Scheiße« hat sagen dürfen. Und dass es ihn aber schon gar nicht mehr aufregt. Was sagt das über die Gegenwart?

			Dass seine Gnadenfrist abgelaufen ist. Das Wetter ist kaum angedeutet, da schnappt sich Bine die Fernbedienung. Er beschwert sich schon gar nicht mehr, er weiß, dass Oma Leubl auf Bines Seite ist. Und er weiß auch, dass es überhaupt eine ungeheure Auszeichnung ist, dass Bine mit ihnen beiden fernsieht. Normalerweise guckt sie alles im Computer, on demand.

			»Und was sehen wir?«

			»Die Nadeche Hackenbusch«, sagt Bine, »das ist sogar was für euch.«

			»Die mit den …?«, und er macht eine Andeutung von Brüsten.

			»Die mit den Flüchtlingen!«

			Und was er dann sieht, ist tatsächlich erstaunlich. Er kennt natürlich dieses Billigmodel, das von einem Billigflittchen nicht zu unterscheiden ist. Aber diesmal hat man das Flittchenmodel an einen der Brennpunkte der Erde geschickt. Das größte Flüchtlingslager der Welt. Das ist nicht nur die übliche Fernsehnot mit einer dumpfen Familie, die in einer schimmeligen Hausruine wohnt, das ist richtiges Elend. Und während er staunend zusieht, wie das Modelflittchen in Begleitung eines recht gut aussehenden Flüchtlings viel Unsinn und manchmal auch etwas beinahe Normales redet, versinken Bine und seine Frau unhörbar im Hintergrund. Das Modelflittchen, lernt er, war schon gestern auf Sendung. Und wird es morgen wieder sein und in den nächsten zwei Wochen täglich, aus diesem Elendsgebiet, und was er sieht, macht ihn von Minute zu Minute unruhiger. Er steht auf, nimmt sich das Telefon und wählt aus dem Kopf die Nummer seines Staatssekretärs.





12


			Es ist Zahltag.

			»Sensenbrink?«

			»Kasewalk, Süddeutsche Zeitung. Schön, dass Sie sich die Zeit für uns nehmen.«

			»Aber nicht unbegrenzt«, schränkt Sensenbrink ein und ballt unter dem Tisch die Beckerfaust. Kasewalk ist Top Five. Wahrscheinlich sogar Top Drei. Wenn man einen Bericht über sich im Medienteil haben will, dann in der Süddeutschen, der FAZ, der FAS, der Welt und keine Ahnung, vielleicht noch im Spiegel? Aber letzten Endes zählen eigentlich nur Süddeutsche und FAZ, und wenn Kasewalk anruft, dann kann man schon mal davon ausgehen, dass sie mindestens eine halbe Seite freiräumen, ziemlich sicher aber mehr, zwei Drittel. Und das für eine tägliche Doku mit Nadeche Hackenbusch, die die Süddeutsche noch vor acht Wochen nicht mit dem Arsch angesehen hätte.

			»Ich hab gleich noch ein Meeting. Wie kann ich Ihnen helfen?«

			»Es geht natürlich um Engel im Elend. Oder E-Zwo, wie es bei Ihnen angeblich heißt. Stimmt das?«

			»Wer hat da geplaudert?«

			»Die Zehn-Millionen-Zuschauer-Marke ist geknackt, Tendenz immer noch steigend. Quoten wie der Münsteraner Tatort, und das täglich. Überrascht Sie der Erfolg?«

			»Nun, E-Zwo war vorher auch schon erfolgreich.«

			»Aber nicht in diesem Ausmaß.«

			»Das stimmt. Das ist eben der feine Unterschied: Es gibt Serien, die werden aufgrund ihres Erfolgs irgendwann mal überproportional aufgeblasen. Da gibt’s dann ein Nebenprojekt und noch eines, aber wenn man ehrlich ist, wird da einfach dieselbe Suppe mit viel Wasser verdünnt. Beim E-Zwo-Special ist das anders.«

			»Es gab anfangs Kritiker, die das nicht so sahen. Auch bei dieser Zeitung.«

			»Und wer hat jetzt recht? Ich meine, ich bin lange genug im Geschäft, und ich weiß selbst am besten, wann ich verdünne und wann nicht …«

			»Was haben Sie verdünnt?«

			Sensenbrink lacht, Kasewalk lacht mit. Der alte Trick mit der frechen Frage, und trotzdem überläuft Sensenbrink plötzlich ein warmer Schauer. Die Süddeutsche spielt mit ihm das Freche-Frage-Spiel! Kasewalk von der Süddeutschen, eine halbe Seite, Sensenbrink muss schlucken, er fühlt sich geliebt. Er schüttelt den Kopf, verwundert über sich selbst, aber er kann es nicht anders sagen, er genießt es. Wann hat zuletzt irgendeine Zeitung bei ihm angerufen? Und es geht gerade erst los, das Interview, die Aufmerksamkeit, alles. Er will es genießen und lehnt sich zurück.

			»E-Zwo in jedem Fall nicht. Um im Bild zu bleiben: Da haben wir nicht nur mehr Wasser dazugegeben, sondern auch mehr Zutaten.«

			»Und worin bestehen die?«

			Das sind die richtigen Fragen. Endlich. Da holt nicht nur irgendwer mal ein paar Umsatzzahlen ab oder ein Senderstatement ein. Da will jemand seine Meinung wissen, weil er, Sensenbrink, jetzt jemand ist: der Macher von Engel im Elend. Nicht von Engel im Elend, der Trashsendung, sondern von Engel im Elend, der überraschenden guten Sendung. Und dieses Interview sagt: Es ist kein Zufall, und es liegt auch nicht an Nadeche Hackenbusch. Es liegt an Sensenbrink. Es ist Sensenbrinks Interview.

			Es ist Sensenbrinks Zahltag.

			»Mehr Gemüse, mehr Fett, mehr Fleisch«, holt Sensenbrink aus. »Nicht nach dem Motto: ›Jetzt mit fünfzehn Prozent mehr Kartoffelstückchen‹. Zuallererst: Der Zuschauer ist spürbar näher dran. E-Zwo war ursprünglich vorproduziert und einmal die Woche auf Sendung. Da macht der Zuschauer natürlich Abstriche: Nach dreißig Jahren Privatfernsehen hat er gelernt, dass solche Formate für die Ausstrahlung optimiert werden. Müssen.«

			»Man bauscht Konflikte auf, bläst Probleme auf, mehr Drama …«

			»Ich bestätige das nicht, aber ich sage: Durch die tägliche Produktion ist das bei dem E-Zwo-Special in dem Umfang gar nicht machbar – der Zuschauer bekommt, wenn Sie so wollen, roheres Material, aber auch echteres. Und das spürt er.«

			»Ist er das nicht gewöhnt? Das Dschungelcamp wird ja ebenfalls täglich produziert …«

			»Ja, aber im Dschungel weiß der Zuschauer genau: Das ist eine total künstliche Situation. C-Promis sitzen für Geld irgendwo, und damit das Ganze an Reiz gewinnt, sind künstliche Prüfungen nötig. Und notfalls können diese Figuren jederzeit aussteigen, bei manchen weiß man vorher schon, dass die nach der Mindestzeit abhauen. Bei E-Zwo kann das niemand.«

			»Bis auf Nadeche Hackenbusch.«

			»Das können Sie aber auch bei den Nachrichten sagen. Jeder Reporter kann jederzeit heimfahren. Das macht die Kriege, von denen er berichtet, nicht harmloser. Nein, die Menschen, über die Nadeche Hackenbusch berichtet, haben keine Alternative. Die waren gestern im Lager, sie sind es heute und werden es morgen auch noch sein.«

			»Reporter fangen keine Techtelmechtel vor Ort an.«

			Genau. Das gehört dazu, das ist die ganz kritische Frage. Das muss Kasewalk fragen, damit er seinem Chef sagen kann, dass sie hier Hintergründe ausleuchten und nicht nur Sensenbrink eine grandiose Plattform bieten. Und ein Sensenbrink weiß aber auch, was sich gehört, weil er ein verdammter Vollprofi ist. Jetzt muss ein bisschen Randale rein, dann freut sich auch der Kasewalk. Er kippt den Sessel lautlos zurück und legt die Füße auf den Tisch. Er hat mal gesehen, wie das jemand bei HBO während eines Interviews gemacht hat.

			»Also, mit Verlaub: Was möchten Sie Frau Hackenbusch unterstellen?«

			»Wir unterstellen nichts.«

			»Dann sollten Sie vielleicht anders fragen.«

			»Gut: Manche Szenen beim E-Zwo-Special könnte man so deuten, dass sich das Verhältnis zwischen Frau Hackenbusch und ihrem Mitarbeiter nicht nur aufs Berufliche beschränkt.«

			»An welche Szenen denken Sie da?«

			»Die Episode Monatsende. Diese Familie, die buchstäblich nichts hat …«

			»… und auch nichts bekommt. Das ist die Normalität in diesen Lagern, das ist die Wirklichkeit, wenn man ein Leben auf Rationen führt. Der Zyklus geht so, dass in den ersten fünf Tagen alle zu essen haben. In den nächsten fünf Tagen besucht man Freunde, um eine Mahlzeit zu sparen. Und dann kommen die fünf Tage, wo jeder hungert. Frau Hackenbusch wusste davon nichts, genauso wie das Team oder auch ich. Und wenn man das dann real sieht und miterlebt, dann geht einem das nahe. Dass sich da auch eine starke Persönlichkeit wie Frau Hackenbusch an eine menschliche Seele anlehnen muss, scheint mir normal.«

			»Sie hätte sich auch am Kamerateam anlehnen können. Sie nimmt aber Lionel.«

			»Sollen wir jetzt wirklich diskutieren, wann sich Frau Hackenbusch an wen anlehnt? Wenn das überhaupt was zeigt, dann Professionalität: Der Kameramann darf nämlich seine Bilder nicht verwackeln.«

			»Oder die Folge mit dem dreckigen Wasser … Oder wie der kleine Bub an Fieber stirbt.«

			»Ich weiß schon, was Sie meinen. Diese kleinen Szenen, in denen Frau Hackenbusch nach Lionels Hand greift, seiner Schulter. Vom Sender her sage ich Ihnen ganz offen: Solche Szenen sind für uns Gold wert. Nicht nur für uns, für jeden Sender. Trotzdem fordern wir die weder ein, noch sprechen wir sie ab. Aber klar ist natürlich auch: Wenn ich sie kriege, bin ich nicht so blöd und schneide die raus.«

			»Weil es weiteres Fleisch in der Suppe ist.«

			»Ja, klar. Der Zuschauer ist noch näher dran. Und wenn Sie es schon ansprechen: Das gilt auch für die Beziehung der beiden. Was zwischen Frau Hackenbusch und Lionel vorgeht, kann ich Ihnen nicht sagen, da müssen Sie die zwei selbst fragen. Aber was immer da passiert, ist echt: Wir skripten nichts, wir wissen selbst nicht, was da emotional geschieht.«

			»Sie wissen nicht, was in Ihrer eigenen Show abläuft?«

			»Ja. Und die Verantwortung dafür, dass dieser Spannungsbogen funktioniert, übernehme ich gerne. So was können Sie nämlich nur mit Nadeche Hackenbusch machen. Das sieht man ja auch an Ihren Fragen.«

			»Wie kommen Sie darauf?«

			»Weil Sie bei jemand anders gar nicht fragen würden. Die Geissens, die Wollnys, die Katzenbergers, da würde Sie nie interessieren, ob das, was in der Sendung passiert, auch real ist. Bei Nadeche ist das anders: weil sie zwar viel im Fernsehen gemacht hat, aber nie so weit gegangen ist, ihr Privatleben zu vermarkten. Oder glauben Sie, dass Frau Hackenbusch der Nation hier was vorspielt? Eine verheiratete Frau mit zwei Kindern?«

			»Es ist schwer vorstellbar …«

			»Da sehen Sie’s.«

			»Wie wichtig ist Lionel für den Erfolg?«

			Sensenbrink spürt, wie er sich entspannt, wie sein Rücken sich gegen die Sessellehne fallen lässt. Wenn es in diesem Interview eine Kuh gab, die vom Eis musste, dann ist sie jetzt in Sicherheit. Er fühlt sich trotzdem nicht besser.

			»Auch hier zeigt schon Ihre Frage: essentiell.«

			»Stimmt es, dass Sie ihn selbst ausgesucht haben?«

			»Stimmt.«

			Es dauert einen Augenblick, bis er merkt, woran es liegt. Jetzt kommt Kleinkram.

			»Und dass Sie auch bei ihm nichts skripten?«

			»Nada.«

			»Auch nicht Sätze wie ›Nachts scheint die Sonne anderswo‹? Oder ›Niemand weiß, warum der Affe sich kratzt‹?«

			»Sagenhaft, oder? Das kommt einfach so aus dem Jungen raus. Die Clips mit seinen Sätzen sind die meistgeklickten auf unserer Website. Die Kids machen Memes draus. Gestern erst hab ich ein junges Pärchen gesehen, er hat ein T-Shirt mit ›Wenn der Löwe gähnt, geht das Gnu zu Bett‹. Und sie: ›Das Herz schlägt im Verborgenen‹.«

			»›Das Herz schlägt im Verborgenen‹, ›Nachts scheint die Sonne anderswo‹ – wissen Sie, was das bedeuten soll?«

			»Nicht immer. Aber es ist diese einzigartige Mischung aus Stärke und Nachdenklichkeit, die passt natürlich ideal zu jemandem wie Nadeche Hackenbusch, die jetzt – und da sage ich bestimmt nichts Neues – für ihre Nachdenklichkeit nicht ganz so bekannt ist. Sie können gezielt versuchen so einen Menschen zu casten, aber in neunundneunzig von hundert Fällen werden Sie damit scheitern. Lionel ist ein sagenhafter Glücksgriff für jeden Produzenten.«

			Die Nettigkeiten. Fragen, die so gestellt sind, dass Sensenbrink auch alles platzieren kann, was er platzieren will. Sie zeigen, dass der Höhepunkt des Interviews vorbei ist. Sensenbrink spürt so etwas wie Abschiedsschmerz. Die ganze große Wichtigkeit, die ganz große Aufmerksamkeit lässt jetzt nach. Sicher, morgen wird es abgedruckt, mehr Menschen werden es sehen, für praktisch alle Menschen außer Kasewalk und ihn findet das ganze Gespräch erst morgen statt. Sie werden Sensenbrink anrufen oder anmailen: »Super Interview in der SZ!« Aber trotzdem. Es ist wie bei den großen Ferien, wenn es aufs Ende zugeht und man schon wieder den ersten Schultag im Blick hat.

			»Wie wird die Sendung enden?«, fragt Kasewalk. Als könnte er Gedanken lesen. »Das Ende können Sie doch nicht improvisieren, da müssen Sie doch was geplant haben.«

			Sensenbrink fühlt einen völlig unlogischen Groll in sich aufsteigen. Auf Kasewalk, seltsamerweise. Es dauert ein bisschen, bis er die Ursache herausgefunden hat, wohl weil sie so albern ist: Er beneidet Kasewalk. Es ärgert ihn, dass Kasewalk morgen immer noch Ferien hat. Er wird irgendwen anderes interviewen und am Tag darauf wieder und wieder. Kasewalk wird irgendwie immer in der Süddeutschen stattfinden.

			»Das kann ich Ihnen nicht verraten«, sagt Sensenbrink. »Natürlich versuchen wir das Format abzurunden, aber wir sehen ja auch, dass man hier Abstriche machen muss. Ein Flüchtlingslager ist kein Ferienhaus, da kann man nicht alles sauber aufräumen, bevor man wieder heimfährt. Das ist eben so, wenn man das echte Leben filmt. Ich fürchte, da wird man den Zuschauer auch ein Stück weit unbefriedigt zurücklassen müssen. Unbefriedigt oder, wie man wohl zutreffender sagen sollte: neugierig auf die nächste Staffel Engel im Elend – die neuen Folgen starten im November.«

			»Schönes Schlusswort«, sagt Kasewalk.

			»Nicht wahr?«

			Sie verabschieden sich, und dann ist es vorbei. Vorerst, tröstet sich Sensenbrink, vorerst. Wenn es noch ein bisschen in die richtige Richtung weiterläuft, wer weiß, wo das enden kann?





13


			Der Staatssekretär parkt den Wagen in der Tiefgarage. Er weiß, dass Tommy oben auf ihn wartet. Er sollte sich freuen, es ist schön, dass sie das Wochenende um den Freitag verlängern. Es hat auch alles geklappt, obwohl sie im Ministerium heute ein Sondermeeting hatten. Und dennoch ist er nicht länger im Büro gesessen als sonst. Er sollte froh sein und glücklich und geil aus dem Auto springen, er sollte sich unterwegs schon die Krawatte vom Hals ziehen und die kantige Uhr abnehmen, um wertvolle Sekunden zu sparen. Aber stattdessen sitzt er in seinem Auto, hat den Motor abgeschaltet und blinkt gedankenverloren. Links. Rechts. Links.

			Rechts.

			Er kann sich nicht mal über das Meeting beschweren. Straff geführt, zielbewusst. Er kennt genug Meetings, er weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. Lohm erzählt ihm von endlosen Sitzungen, lausig vorbereitet, ohne Ergebnis, bei denen die einen Angst haben, Informationen herauszugeben, und die anderen Angst haben, Entscheidungen zu treffen, und dazwischen sind die, die keine Ahnung haben und deshalb keine Angst, ihren Mund aufzumachen und sich ohne Ende dabei zuzuhören, wie sie nichts weiter erzeugen als abgrundtief dummen Lärm. So was gibt es nicht im Ministerium Leubl.

			Links.

			Er hat die Abteilungen OS, B, E, M und KM einberufen, so ziemlich alles, was mit Flüchtlingen und innerer Sicherheit zusammenhängt. Er hat die Ungeduld des Ministers weitergegeben, man kann auch sagen: Er hat die Versammlung zusammengestaucht und klargestellt, dass er und niemand sonst Leubls rechte Hand ist.

			Es gibt keinen Grund, sitzen zu bleiben und mit der Faust das Lenkrad zu würgen.

			Rechts.

			»Man muss die Sache im Auge behalten«, hat er gesagt. »Das heißt, wenn hier erst einmal alle begriffen haben, dass es eine Sache gibt, die man im Auge behalten muss.«

			»Möglich, aber wir sollten nicht übertreiben. Wir haben genug andere Baustellen.«

			Das kam von Gödeke, natürlich. Die Rollen verteilen sich von selbst, und selbst wenn der Ärger zum Schneiden dick im Raum steht, kann sich die Bundespolizei im Schutz ihrer begrenzten Kräfte noch am ehesten aus der Deckung wagen.

			»Wenn wir wachsam sind, wird das vielleicht gar nicht zu einer weiteren Baustelle. Ich sage auch nicht, dass etwas passieren wird. Aber es ist einiges möglich, und dann kann das ganz schnell zur größten Baustelle werden, die wir hier haben. Ich betone nochmals: wenn wir wachsam sind. Und ich werfe jetzt ganz bewusst nicht die Frage auf, warum bislang noch keiner das Thema auf den Tisch gebracht hat.«

			»Weil das eine Scheißfernsehsendung ist. Eine Scheißfernsehsendung aus einem Scheißfernsehsender.«

			Einer schnappt immer nach dem Köder. In diesem Fall: Dr. Berthold, Abteilungsleiter Öffentliche Sicherheit. Vierundsechzig Jahre alt, normalerweise unauffällig und zuverlässig, aber erkennbar ohne rechte Lust, sich kurz vor der Pensionierung von einem Mittdreißiger belehren zu lassen.

			»Schön. Es ist eine Scheißsendung aus einem Scheißsender. Und deswegen ist sie harmlos?«

			»Mein Gott, keine Ahnung, aber ist sie deshalb gleich gefährlich? Ich kann nicht für die Kollegen sprechen, aber ich bin hier sicher nicht der Einzige, der sagt, dass uns etwas mehr Gelassenheit guttun könnte. Was soll schon passieren?«

			»Na, der banalste Fall wäre, dass die anfangen, eines ihrer wunderbaren Flüchtlings-Models nach Deutschland holen zu wollen.«

			Das hat Berthold nicht aus der Ruhe gebracht: »Können sie vergessen.« Und Dr. Kalb von der Abteilung Migration hat kompetent genickt: »Das Asylrecht gilt auch fürs Fernsehen.« Es ist manchmal so einfach, denkt der Staatssekretär, man braucht ihnen das offene Messer nur hinzuhalten.

			Links. Rechts.

			»Na schön«, hat er gesagt, »dann sind wir ja rechtlich sauber aus dem Schneider. Und was machen wir, wenn eine Million Fernsehzuschauer mit diesem Model mitleiden? Wochenlang? Soll sich der Minister dann hinstellen und sagen, dass das rechtlich keinen Unterschied macht?«

			Berthold hat etwas sehr Leises gemurmelt, das wie »So ist es aber« klang. Aber tatsächlich war schlagartig allen am Tisch die Dimension des Ganzen klar.

			»Meine Herren, das ist kein Nachrichtenteam, das da runtergefahren ist«, hat der Staatssekretär ausgeholt. »Das sind keine Journalisten, die wissen, wie man halbwegs neutral berichtet, und sich ansonsten raushalten. Das ist eine Gruppe von Idioten, die sonst so was machen wie ›Schwiegermutter gesucht‹.«

			An dieser Stelle hat er die ersten beunruhigten Gesichter gesehen und nachgelegt.

			»Die sind auch nicht in irgendeinem vorgefertigten Fernsehurwald mit Steckdosen fürs Dschungelcamp. Die sind jetzt in der richtigen Welt.«

			Es war gut zu beobachten, wie die Meute langsam Witterung aufnahm, Gödeke vorneweg: »Sie haben Angst, dass die einer als Geisel nimmt?«

			»Schau an: Klingt schon gar nicht mehr so harmlos, oder? Aber das ist nur eine Möglichkeit. Hauptproblem ist, dass keiner weiß, was da rauskommt, nicht mal die Fernsehleute. Die denken, es ist wie im TV-Dschungel, die denken, sie haben das im Griff. Doch die haben längst nichts mehr im Griff: weil ihnen im richtigen Leben auch irgendwas völlig anderes passieren kann. Und sobald das Publikum das mit einer Quote belohnt …«

			»… schleppen die dreißig Models an mit ihren Familien und deren Freunden …«, warf Kaspers vom Krisenmanagement ein und sprang auf.

			»Und zwei, drei Millionen Zuschauer machen Druck dahinter …«

			»Stimmt, ich kenn auch ein paar Fernsehfritzen. Die denken tatsächlich alle: ›Was soll schon passieren, für den Notfall haben wir Sicherheitsbrillen von Dr. Bob.‹«

			Ab hier war das Meeting ein Selbstläufer. Er musste sie nur noch einsammeln.

			»Willkommen in der Gegenwart. Wenn jetzt allen die Lage klar ist, können wir auch zu den positiven Dingen kommen. Die gute Nachricht: Es muss kein Problem sein«, hat der Staatssekretär besänftigend eingelenkt, »es kann eben nur schnell eines werden.«

			Links.

			Er kann sich wirklich nicht beklagen. Er hat sich nicht einmal auf den Minister berufen müssen, er hat nichts gesagt wie »Minister Leubl wünscht …«. Er hat einfach angeordnet.

			»Das Wichtigste jetzt ist Informationsbeschaffung. Wir müssen möglichst viel wissen über deren Team. Damit wir wenigstens etwas vorbereitet sind.«

			Rechts.

			»Dann entscheiden wir, auf wen wir zugehen. Wir werden mit deren Chefs reden. Je einer von uns und einer vom Außenministerium. Ganz sanft, ganz zurückhaltend.«

			»Wir sensibilisieren sie, damit sie keine dämlichen Situationen provozieren.«

			»Wir erinnern sie an ihr staatsbürgerliches Verantwortungsbewusstsein, damit sie nicht über Zensur heulen.«

			»Richtig, ist ja auch in deren Interesse.«

			»Die sollen vor allem auf die Hackenbusch aufpassen. Die ist ja allein schon so dumm, dass sie brummt«, hat Berthold gegiftet. »Die sagt glatt, ›Sie müssen uns unbedingt mal besuchen kommen, wir haben ein hübsches Gästehaus am Starnberger See‹.« Er hat dabei die Kopfbewegungen der Hackenbusch nachgeahmt, nicht mal schlecht. Das hat er dem Berthold gar nicht zugetraut.

			»Die generelle Linie: Die sollen ruhig ihren Kram machen, wir sind absolut nicht besorgt. Aber sie sollen in ihrem eigenen Interesse schauen, dass sie da auch schnell wieder wegkommen.«

			Dann hat er das Meeting aufgelöst und ist zu Leubl ins Büro.

			Links.

			Rechts.

			Links.

			Er hat Leubl kurz informiert, der ihm über seine Lesebrille hinweg zuhörte.

			»Gut«, hat Leubl gesagt, »gut. Vielleicht kriegen wir’s ja wieder in den Griff.« Dann hat Leubl sich im Sessel aufgesetzt.

			»Was uns zum letzten Punkt bringt: Wie hat Ihnen das durchrutschen können?«

			Rechts.

			»Ich … ich hatte es nicht auf dem Schirm.«

			Leubl hatte die Lesebrille abgesetzt. »Sie hatten es auf dem Schirm. Sie haben nicht erst von mir von der Sendung erfahren. Sie haben nur nicht gewusst, was draus werden kann. Aber wieso?«

			»Wieso? Also ich verstehe die Frage nicht … Ich hab’s halt verschlafen.«

			Links.

			»Flüchtlinge. Fernsehen. Prominenz. Alle Zutaten für eine Katastrophe sind da. Wieso haben Sie die Gefahr nicht gesehen?«

			Rechtslinksrechts.

			Leubl hat recht. Warum hat er es nicht gesehen?

			Linksrechtslinks.

			»Ich war vielleicht abgelenkt.«

			»Genau. Sie waren abgelenkt, weil Sie schwul sind.«

			»Bitte?«

			Sein Finger zieht jetzt die Lichthupe an. Die Wand der Tiefgarage leuchtet grell auf.

			»Ich sag Ihnen, wie’s gelaufen ist: Irgendjemand hat Ihnen von der Sendung erzählt. Und Sie haben gedacht, er erzählt es Ihnen nur, weil die Hackenbusch so eine Schwulenversteherin ist. Und damit war die Sache für Sie erledigt.«

			Seine Finger ziehen die Lichthupe, als könne er mit den Scheinwerfern die Wand durchbohren.

			»Aber …«

			»Sie wissen, dass ich Ihnen nicht ankreide, dass Sie schwul sind. Und damit Sie es in den richtigen Hals kriegen: Man muss nicht schwul sein, damit es einem passiert. Es kann Ihnen passieren, weil Sie Trinker sind oder Spieler oder weil Sie koksen oder fremdgehen. Es kann Ihnen immer passieren, sobald bestimmte Dinge näher an Sie herankommen als üblich. Sobald Ihnen diese Dinge den Blick verstellen auf das, was wirklich vorgeht.«

			»Ich werde daran denken.«

			»Daran denken hilft nicht. Es ist ein Zeichen, dass Sie sich entscheiden müssen.«

			Der Staatssekretär hat Leubl fragend angesehen. Bei jedem anderen hätte er annehmen müssen, dass er jetzt von ihm verlangen würde, hetero zu werden. Oder den Posten aufzugeben. Aber das ist bei Leubl nicht denkbar.

			»Sie tun immer so, als wäre es Ihnen egal, ob jemand schwul ist oder nicht, und vor allem, dass Sie selbst schwul sind. Aber es ist Ihnen nicht egal.«

			»Das kann es mir nicht sein!«

			Leubl nickt: »Das muss es auch nicht. In der Partei hilft Ihnen so was sogar. Man sieht, wie Sie damit umgehen, man kann sich über Sie ärgern oder sich mit Ihnen freuen. Das macht Sie zu einem menschlicheren Politiker. Aber es macht Sie zugleich auch zu einem schlechteren Minister. Mancher Minister hat immer auch seine Partei im Auge, seinen Wahlkreis, seine Ängste, seine Schwächen und die Art, wie er sie versteckt oder auch öffentlich einsetzt. Er hat so viel anderes im Auge, dass er ein schlechter Minister wird. Ein guter Minister ist Minister und sonst nichts.«

			Leubl greift zur nächsten Aktenmappe. Sein Vortrag geht zu Ende.

			»Es ist Ihre Entscheidung, was für ein Minister Sie werden wollen.«

			Der Staatssekretär lässt die Lichthupe los und drückt mit dem Ellenbogen die Tür auf. Er steigt aus, lässt die Wagentür zuschnappen und geht zum Lift, der ihn zu seiner Wohnung bringt. Er schließt auf. Die Wohnung ist dunkel, bis auf ein Teelicht, das am Boden flackert.

			Er hängt den Schlüssel an den Haken und macht einen Schritt in die Wohnung hinein. Er sieht ein zweites Teelicht. Und ein drittes, das zu vielen weiteren führt, in Richtung Schlafzimmer.

			Er hat keine Lust. Er fühlt sich, als hätte er ein Match verloren, ein Finale. Er hat nichts falscher gemacht als andere, aber es wäre seine Aufgabe gewesen, der Mannschaft voranzugehen. Er hat nicht wie ein Leader gehandelt, sondern wie ein Mitläufer. Und Leubl hat recht: Es ist ihm nicht egal. Manche Menschen müssen besser sein als andere. Wenn du schwarz bist oder eine Frau oder behindert oder schwul. Und wenn du nicht besser bist als andere, kannst du es dir dann noch erlauben, schwul zu sein?

			Der Staatssekretär hat sich in Leubls Büro zur Tür gewendet. Er hatte die Klinke schon in der Hand, als er sich umdrehte.

			»Herr Leubl?«

			Leubl hat ihn angesehen und fragend die Augenbrauen angehoben.

			»Ja?«

			»Ist es Ihnen schon mal passiert?«

			Leubl guckt wieder entspannt in seine Akten.

			»Nein. Ich bin ja nicht schwul.«

			Er nimmt sich einen Augenblick Zeit, bis er über seine Lesebrille hochsieht. Er setzt einen unschuldigen Blick auf.

			»Sagen wir: Ich habe mich entschieden, dass es meine erste Priorität ist, ein guter Minister zu sein.«

			»Es ist Ihnen schon mal passiert.«

			»Ja. Es passiert jedem. Aber bis ich die Antwort hatte, war meine Ehe um ein Haar hinüber. Also trödeln Sie nicht.«

			Der Staatssekretär sieht die Teelichter, die ins Schlafzimmer führen.

			Er nimmt den Schlüssel wieder vom Haken und verlässt die Wohnung.





14


			Da läuft was. Oder da läuft bald was, eins von beidem. Sie hat es gewusst, vom ersten Moment an, sie hat ein Näschen dafür, wie Nadeche guckt, wie er guckt, da macht ihr keiner was vor. Immerhin ein Trost für all die Zumutungen der letzten Zeit. Manchmal weiß Astrid von Roëll wirklich nicht, wie sie all das noch schaffen soll. Heute beispielsweise soll sie schon wieder was schreiben. Und da kann man sich schon mal fragen, was die sich zu Hause in der Redaktion eigentlich denken.

			»Sag mal, hättest du jetzt auch so gerne einen grünen Tee?«, fragt sie die Praktikantin, die mit einem Knopf im Ohr neben ihr am Bildschirm das Rohmaterial der letzten Tage nach irgendetwas durchsucht.

			»Bitte?«

			Die Praktikantin sitzt am selben Tisch, in einem Container. Drei schwache Leuchtstoffröhren und eine flackernde verleihen dem Raum die heimelige Atmosphäre einer selten genutzten Unterführung. Zwei rotierende Ventilatoren sorgen für die gleichmäßige Verteilung von Wärme und verbrauchter Luft, und sobald sich ihr Luftstrom nähert, fühlt man sich, als ob einen eine sehr alte Frau anhustet. Sie arbeiten zu dritt an einem Tisch, und wenn einer den Raum verlässt, setzt sich sofort ein anderer auf den freien Platz.

			»Was gäbe ich jetzt für einen grünen Tee!«, sagt Astrid von Roëll und steht auf. Sie geht zu dem kleinen Wasserkocher, nimmt die verkalkte Kanne und füllt sie mit Wasser aus einem Behälter, den sie noch immer nicht anders ansehen kann als skeptisch.

			Wasser, das nicht aus einer Leitung kommt.

			Das tagelang im selben Wassertank herumsteht.

			Natürlich sauber, klar, das wird sichergestellt. Mindestens so sauber wie das aus den offiziellen Wasserstellen, die allen Flüchtlingen zugänglich sind. In jedem Fall deutlich sauberer als die inoffiziellen Zapfstellen, gar kein Vergleich. Was sie da schon gesehen hat, das glaubt einem sowieso kein Mensch. Da kommt das an einem Tag trüb raus, am nächsten rostbraun, manchmal blass wie Erdschorle, das geht ja gar nicht. Was will man damit machen? Trinken kann man es nicht, alles, was man damit wäscht, wird immer noch schmutziger, die Wäsche und man selber auch. Und die Leute stehen trotzdem davor Schlange, stundenlang.

			Das Wasser ist wieder lauwarm. Sie lässt es laufen. Es sieht gar nicht so schlimm aus. Man darf sich eben einfach nicht vorstellen, wie es den Tag über in diesem gigantischen Metallbehälter steht, mit diesen ganzen Schwebeteilchen und so.

			Man soll sich nicht beklagen, aber es kotzt sie langsam an, dieses ewige lauwarme Wasser. Wenn man etwas Kaltes will, muss man eine Cola aus dem Kühlschrank nehmen, aber die ist ja nicht mal light, die ist randvoll mit Zucker, und außerdem gucken einen alle an, wenn man eine nimmt. Ob man wieder eine neue reinstellt, ob man zu schnell trinkt, warum man überhaupt kalte Getränke will. Oder warum man jetzt das gute Wasser nimmt …

			»Hee! Das wird nicht kälter!« Die Grande wieder. Miss Wasserhüterin, das nervt so was von! Astrid von Roëll dreht den Kopf weg, die Augen nach oben und gottergeben den Hahn ab.

			»Mensch, schau der doch mal ein bisschen auf die Finger!«, giftet die Grande zur Praktikantin.

			»Sorry, ich war gerade mit den Gedanken woanders.«

			»Wie oft noch? Wir müssen das Wasser auf Senderkosten liefern lassen. Ich kann nicht dauernd das Budget überziehen, bloß weil Frau von Roëll das Wasser nicht kühl genug ist.«

			Das ist auch so eine Sache. Vor zwei Wochen hätte die Grande das nie gewagt. Da waren alle froh, dass sie die EVANGELINE als Kooperationspartner gewonnen hatten. Da hätten sie ihr die Getränke noch auf Wunschtemperatur gebracht. Da hat auch keiner einen Mucks gesagt, als sie das abgefüllte Trinkwasser aus den Plastikflaschen verwendet hat, damals, als es noch grünen Tee gab. Aber seit diese Sendung wie eine Bombe eingeschlagen hat, wird überall davon berichtet, in allen Magazinen, Zeitungen, Social Media. Wer es sich leisten kann – und das sind immer noch erstaunlich viele Medien –, sitzt hier mit in dem Container. Jetzt muss Astrid von Roëll mit Zähnen und Klauen gegen den Eindruck ankämpfen, dass sie nur noch eine von vielen ist. Der STERN hat wen vorbeigeschickt, BILD sowieso, und jetzt auch noch die FAS, diese Sonntagsabgreife, wenn sich die Frankfurter Allgemeine mal zu Berichten über Dinge herablässt, die auch einen normalen Menschen interessieren. Und prompt ist irgendein Idiot zu Hause auch noch auf die Schnapsidee gekommen, dass sie angesichts einer täglichen Sendung auch mehr schreiben könnte. Für den Onlineauftritt. Wahrscheinlich Lou Grant, dieser intrigante Gärbottich. Das kann sie sich genau vorstellen, wie er sich in der Konferenz zurücklehnt und mit seiner näselnden Stimme sagt: »Darüber würde ich gerne öfter was lesen.« Dabei ist der doch garantiert genauso selten auf der Website der EVANGELINE wie jeder andere.

			Der Vize hat ihr die frohe Botschaft am Handy übermittelt.

			Und sie erst noch ganz hilfsbereit: »Ich weiß gar nicht, ob die hier noch Platz haben.«

			Und der Vizedämlack: »Was?«

			»Weil, das ist hier wirklich eng und so. Und wir reden ja hier wohl von der Sibylle oder der Sonja. Die müssten ja auch irgendwo schlafen.«

			»Wieso reden wir von Frau Bessemer oder Frau Laienfeldt?«

			»Na, wer soll denn das alles schreiben?«

			Da ist ihm erst mal wieder nichts eingefallen. Und dann sagt er, so ganz auf die dumme: »Hm. Schwer. Mal sehen: Wie wär’s denn mit – Ihnen?«

			»Bitte? Ich will ja nichts sagen, aber ich hab hier mit den Shootings und mit der Recherche echt viel zu tun, und …«

			»Also, in einem Lager mit zwei Millionen Menschen passiert doch jeden Tag ganz von selbst was Neues, da werden Sie ja wohl hundert Zeilen oder so drüber schreiben können.«

			»Ach so, okay, das geht. Ich dachte schon: täglich.«

			Da ist ihm wahrscheinlich überhaupt erst aufgegangen, was er da für einen Irrsinn von ihr verlangt. Aber typisch Mann, Fehler können die ja nicht zugeben. Die müssen dann sturheil auf ihrem Holzweg bleiben bis zum bitteren Ende. Ungelogen, das hat mindestens eine Minute gedauert, bis ihm eine Antwort eingefallen ist, und die war genauso doof wie die erste. Eigentlich noch doofer.

			»Ja, natürlich täglich!«

			»Ich bin doch keine Schreibmaschine!«

			»Sie sind Journalistin! Haben Sie eigentlich schon mal in eine Tageszeitung geschaut? Da steht auch jeden Tag was drin!«

			Das hat ihr dann doch die Sprache verschlagen. Und er natürlich sofort nachgelegt, darin sind Männer besser als in allem anderen, die wittern Schwäche auf achttausend Kilometer Entfernung und durchs Telefon: »Soll ich hier allen Ernstes durch den Laden rennen und sagen, dass eine der besten Autorinnen der EVANGELINE nicht zuwege bringt, was jeder Redakteur des Straubinger Arschblatts hinkriegt?«

			Diese Impertinenz! Dieses dummdreiste Arschloch!

			Und: »eine der besten Autorinnen«. Natürlich ist sie eine der besten, gar keine Frage. Aber das Problem der EVANGELINE ist doch, dass die außer ihr lauter Luschen beschäftigen. Sonja und Sibylle, die sind ja auch nur nett und für den Alltag ganz brauchbar. Aber unterm Strich ist der ganze Laden doch nichts als eine Versammlung überbezahlter Legastheniker!

			Und obwohl Astrid von Roëll keine von denen ist, die sich dauernd beklagen, obwohl Astrid von Roëll beim Arbeiten nicht auf die Uhr sieht und oft länger bleibt als die anderen, obwohl Astrid von Roëlls Artikel zu den meistgelesenen im ganzen Heft gehören und sie trotzdem keine große Sache draus macht, dass sie das neue Diensthandy immer später bekommt als diverse andere Kollegen, die weit weniger für das Haus tun, trotz alldem hat sie in diesem speziellen Fall noch einmal direkt beim Chefredakteur nachgefragt. Weil es ihr um die Sache geht.

			»Und um die Qualität!«

			»Sorry«, sagt die Praktikantin, »ich war gerade abgelenkt. Was ist mit Qualität?«

			»Ich sagte, es geht auch um Qualität«, wiederholt Astrid von Roëll mit Nachdruck.

			»Ist was mit dem Kaffee nicht in Ordnung?«

			»Nein! Ich rede von Journalismus! Qualitätsjournalismus!«

			Das Wasser kocht, und sie gießt den grauenhaften löslichen Kaffee auf. Zu Hause in der Redaktion gibt’s den guten Kapselespresso, da kann man sich alles draus machen, was man will, Cappuccino, Latte macchiato, alles. Ein Jammer, dass sie das hier nicht haben. Dabei wäre alles vorhanden, direkt vor der Haustür: Der Kaffee wächst in Afrika, und irgendwer hat ihr gesagt, dass hier auch das Aluminium für die Kapseln herkommt. Man könnte sich die ganze Transportiererei sparen. Aber das sind eben Krisengegenden, es ist alles im Überfluss da, und sie können doch nichts damit anfangen, das ist wie mit dem alten Griechen, der direkt unterm Obstbaum steht und doch nichts kriegt. Syphonos.

			»Es ist unmöglich, dass ein und derselbe Mensch jeden Tag hundert Zeilen schreibt. Hundert! Jeden Tag! Wie soll das gehen?«

			»Ich weiß nicht«, sagt die Praktikantin. »Ich habe zwei Blogs auf dem Handy abonniert, die schaffen das wohl auch irgendwie.«

			»Klar. Blogs. Selbstausbeutung.«

			»Und bei Spiegel Online überlegen sie auch schon, hab ich gehört. Das gibt’s sonst nur zum Dschungelcamp.«

			Astrid von Roëll pflanzt sich mit ihrer Tasse in der Hand hart auf den Stuhl. Genau. Spiegel Online. Die gucken schön bequem die Fernsehsendung, und dann lästern sie drüber ab. Wahrscheinlich, weil sie kann ja nicht alles lesen, was erscheint.

			»Du hast noch nie was selber geschrieben, oder?«, fragt sie kalt.

			»Mal ’n Paper oder so.«

			»Das ist ja ganz was anderes«, erklärt Astrid von Roëll und fügt deutlich freundlicher hinzu: »Aber du bist ja auch noch jung. Guter Journalismus braucht Zeit, das ist so. Die bei Condé Nast, die lachen nur, wenn die unsere Ausstattung sehen. Die wissen, dass guter Journalismus seinen Preis hat. Die würden da mit zwei Fotografen anrücken, mit vier oder fünf Leuten für die Recherche und noch mal zwei für den Text. Und was machen wir?«

			Der Chefredakteur ist natürlich sofort eingeknickt. Aber nicht vor ihr, sondern vor seinem Vize. Diese eierlose Figur. Mit Nadeche hätten sie das nie gewagt, denkt sie. »›Geht nicht‹ gibt’s nicht!«, würde Nadeche sagen. Sie wären überhaupt ein gutes Team: Nadeche Hackenbusch und Astrid von Roëll, die erste weibliche Doppelspitze im Premiumboulevard.

			»Die haben so dermaßen Glück, dass ich wenigstens noch beides kann: recherchieren und schreiben!«

			Die Praktikantin nickt, in ihren Augen leuchtet freundliche Dankbarkeit für dieses Hintergrundwissen aus der Medienrealität. Allerdings schaut sie ein wenig zu schnell wieder auf ihren Bildschirm, jedenfalls für den Geschmack von Astrid von Roëll. Und kann es sein, dass sie jetzt sogar zwei Stöpsel im Ohr hat?

			Tatsächlich. Bitch.

			Alles wegen dieses Kerls. Aber sie hat es gleich gemerkt, dass an dem was dran ist. Wie sie den gefunden haben, ist schon erstaunlich. Er sieht gar nicht mal so gut aus, jedenfalls auf den ersten Blick. Aber er hat so eine erstaunliche Art, die Dinge zu sagen. Und wie er mit Frauen umgeht, das ist schon … also, da wird es sogar ihr ganz seltsam. Er hat so eine respektvolle Art, aber nicht unterwürfig, nicht so wie diese Standard-Frauenversteher.

			Sie hat ihn sich mal geschnappt, was schwer genug war, eine halbe Stunde, ganz am Anfang, als die vom Fernsehen ihn noch nicht so abgeschirmt haben. Und das waren erstaunliche Eindrücke, nachdem sie sich erst einmal an sein Englisch gewöhnt hatte, was natürlich etwas gedauert hat, weil auch ihr Englisch ein bisschen eingerostet ist, mit Sprachen hat sie es nie so gehabt, aber trotzdem alles genau verstanden.

			Man hört ja nur mit dem Herzen gut.

			Er kommt aus einer Stadt, aus welcher, ist jetzt nicht so wichtig, das kann man ja auch noch mal nachfragen, und seine Eltern waren da Lehrer für Englisch, das war natürlich ein Glück für ihn. Dann war da der Bürgerkrieg, oder es kann auch so ein Stammesstreit gewesen sein, das soll die Schlussredaktion noch mal prüfen, und seine Eltern sind daraufhin gestorben, sie sind nicht umgebracht worden, wahrscheinlich jedenfalls nicht, aber dann wohl auf der Flucht oder nach der Flucht, Erschöpfung, Heimweh, so was bricht einen ja dann auch emotional. Er hat dann irgendwas mit Autos gemacht und wollte studieren oder hat sogar ein Studium angefangen (da gibt’s offenbar sogar eine Uni?), auch was mit Autos oder Maschinen, dann waren aber ständig diese Unruhen, und dann sollte er zum Militär, na ja, unterm Strich halt eines von vielen Flüchtlingsschicksalen, das muss man auch nicht so auswalzen. Das können dann diese bloggenden Amateure machen, aber als Profi ist es ihr Job, dass sie sich auf das Wesentliche konzentriert: Wie war, wie ist die Arbeit mit Nadeche Hackenbusch?

			»Oh«, hat er sofort gelächelt, »Malaika!«

			Astrid von Roëll holt tief Luft. Sie wird es jetzt hinter sich bringen. Hundert Zeilen. Aber das werden sie schon merken, dass so was auf die Qualität geht. Sie wird über irgendeinen Mist schreiben. Über das Wetter, keine Ahnung. Es darf nicht zu gut sein, sonst wollen sie das künftig immer. Und man muss gleich den Unterschied zur nächsten Printausgabe sehen: Die Geschichte in der Printausgabe wird sie ihnen so hinlegen, dass sie Angst haben müssen, dass Condé Nast sie abwirbt.





15


			Das Material ist echt gut«, sagt Sensenbrink. »Hätte ich nicht gedacht. Hätten Sie das gedacht?«

			Er sitzt im Schneideraum und betrachtet die Aufnahmen vom letzten Tag. Also: die zusammengestellten Aufnahmen des letzten Tages, weil aus Afrika irrsinnige Mengen an Sendematerial übertragen werden.

			»Nein, ich bin auch angenehm überrascht«, sagt Beate Karstleiter.

			Man sieht, wie Nadeche Hackenbusch und der Löwenmann mit einer Familie das Abendessen kochen. Es ist eigentlich banal und dennoch faszinierend, weil es praktisch nichts zu sehen gibt. Es gibt keine Küche, es gibt eine Feuerstelle vor dem Haus. Es gibt keinen Salat, kein Obst, kein nichts, es gibt auch keine richtige Zubereitung, weil nichts da ist, was man zubereiten könnte. Sie haben die Zutaten, die man als Flüchtling bekommt, Bohnen, Öl, Zucker, Salz, Wasser. Es gibt kein Gewürz in einem Lager, in dem zwei Millionen Menschen die Suche nach Abwechslung für die Küche schon seit Jahren aufgegeben haben. Die Bilder sind trostlos und vertraut zugleich, nicht einmal der Weltspiegel der ARD würde sie noch mal senden, aber Nadeche Hackenbusch und der Löwenmann machen sie so wirksam.

			Jetzt, so übersetzt der Löwenmann ins Englische, wird ihr die Flüchtlingsfrau mit dem undefinierbaren Alter ihr geheimes Zubereitungsrezept verraten. Das ist schon mal eine gute Ausgangslage, weil Nadeche Hackenbusch und mit ihr der Zuschauer beim besten Willen aus diesen Zutaten nichts anderes machen könnten als einen faden Stampf. Man sieht die Skepsis in den Augen von Nadeche Hackenbusch, dieselbe Skepsis wie in diesen Doku-Soaps, wenn die bürgerliche Frauentauschmutter den Unterschichtkindern Fisch zumuten will. Aber im Unterschied zu den skriptgesteuerten Unterschichtkindern will Nadeche Hackenbusch höflich sein, sie kann nur leider dem Versprechen nicht glauben. Und so sieht man in ihrem Gesicht die ehrliche Hoffnung, weil sie wie jeder andere an die Fernsehdramaturgie glaubt. An das Zaubermittel, die wundervolle Zutat, die einer drohenden Tragödie ein Happy-End schenkt, wie in den normalen Engel im Elend-Folgen, wo in letzter Sekunde der Schreibwarenhändler noch die Malstifte für die Kinder besorgt. Die Flüchtlingsfrau sagt etwas. Sie schließt die Augen, macht einige rhythmische Handbewegungen, sie öffnet die Augen wieder und gibt mit bedeutsamem Blick etwas Zucker in den Topf. Nadeche Hackenbusch schaut interessiert zu. Man sieht förmlich, wie sie an dem Vorgang das Besondere sucht und es nicht findet. Ihre Augen wandern zum Löwenmann.

			»Was macht sie?«

			Wenn man auf ihre Lippen achtet, sieht man, was sie sagt: »What do she?« Aber sie haben in der Vorproduktion Gott sei Dank schon die Übersetzerstimme drübergelegt. Sie hatten zuerst mit Untertiteln arbeiten wollen, aber da war ihnen noch nicht klar gewesen, wie absurd das Englisch von Nadeche Hackenbusch ist. Also tun sie so, als würden sie der schnelleren Erzählung zuliebe die Unterhaltung synchron übersetzen, und dabei regeln sie Nadeches Originalquatsch fast bis zur Unhörbarkeit in den Hintergrund.

			»Sie singt.«

			»Ein Zauberlied?«

			Das Lachen des Löwenmannes. So freundlich, so freundschaftlich, so fürsorglich und doch so besonders, dass Sensenbrink hört, wie Karstleiter neben ihm die Luft anhält. Das liegt nicht nur an seiner Synchronstimme, man hört seinen Originaltonfall. Sie wollten ihn erst genauso zurückmischen wie den von Nadeche, aber da hat Sensenbrink selbst dazwischengefunkt.

			»Nein, kein Zauberlied, ein Kinderlied. Sie sagt, man muss die erste Strophe fast fertig singen.«

			»Und dann?«

			»Dann ist es der richtige Zeitpunkt, den Zucker hineinzugeben.«

			»Und das Rezept?«

			»Das ist das Rezept.«

			Nadeche Hackenbusch schaut verständnislos.

			»Aber … das ist doch kein Rezept! Wenn das Wasser kocht, tut man die Nudeln rein, das ist doch auch kein Rezept! Frag sie bitte noch mal.« Question her please again, glaubt Sensenbrink zu hören.

			Der Löwenmann will schon antworten, dann gibt er nach. »Ich mach’s«, zeigt seine Hand, dann fragt er die Frau etwas. Sie antwortet ihm mit einem gewissen Stolz, und sein Gesicht zeigt, dass er sie von Anfang an richtig verstanden hat.

			»Malaika, schau!« Er nimmt Nadeche Hackenbusch an der Hand, und es ist für Sensenbrink kaum zu glauben, wie die Hackenbusch, dieser gecastete Kontrollfreak, das zulässt, wie sie sich ihm anvertraut, er zieht sie ein bisschen näher zu den Zutaten, er zeigt ihr nacheinander die Plastikflasche mit dem undefinierbaren Speiseöl, die sorgsam verschlossene Bohnenkiste. »Malaika! Das ist alles, was da ist.«

			»Ich weiß. Und das Rezept?«

			»Was willst du da mit einem Rezept?«

			Er geht behutsam zu der Flüchtlingsfrau, er nimmt ihr entschuldigend den Holzlöffel aus der Hand, er rührt im Topf, bis er innehält.

			»Du willst ein neues Rezept? Ich zeige dir ein neues Rezept.«

			Und dann wechselt er die Rührrichtung.

			»Der Typ ist unbezahlbar«, murmelt Sensenbrink, dann dreht er sich zu Beate Karstleiter, die gerade ihre Brille wieder aufsetzt. »Ich hab’s euch gleich gesagt! Haben Sie gesehen, wie der mit der Hackenbusch umspringt? Die ist Wachs in seiner Hand.«

			Karstleiter räuspert sich und nickt.

			»Schicken die eigentlich immer noch so viel Material?«, fragt Sensenbrink.

			»Ja, aber das macht nichts. Das Büro vom Chef hat vorhin noch mal angerufen. Die wollen der Sendung fünfzehn Minuten zusätzlich geben.«

			»Hört, hört. Haben die gerade Volksaufklärungswochen?«

			»Nein, die kriegen die Werbung sonst nicht mehr unter. Die wollen nicht, dass das am Ende aussieht wie eine Dauerwerbesendung mit ein paar Flüchtlingsspots. Ich bin selbst ganz verblüfft. So sensibel sind die nicht immer.«

			Sensenbrink faltet die Hände im Schoß und tippt nachdenklich die Daumenkuppen gegeneinander: »Schon erstaunlich. Dabei passiert in der Sendung eigentlich nichts. Außer in der Folge mit der Massenpanik.«

			»Deswegen würde ich denen auch nicht sagen, dass sie sparsamer drehen sollen. So was kriegt man nur mit, wenn die Kamera nonstop läuft.«

			»Und unser Löwenmann zieht auch noch die Kleine unter dem Zaun vor«, Sensenbrink schüttelt den Kopf. »Wenn du so was in ein Drehbuch schreibst, glaubt’s dir kein Mensch.«

			»Wir kriegen schon die ersten Liebesbriefe.«

			»Bitte?«

			»Na ja, nicht waschkorbweise, aber ein, zwei pro Tag schon.«

			»Richtige Briefe?«

			Beate Karstleiter macht große Augen und nickt. Sensenbrink wirft dem Bildschirm einen anerkennenden Blick zu: »Ich wusste nicht, dass das heute noch jemand macht.«

			»Wir staunen selber. Da sind Mädels dabei, denen hätte ich überhaupt nicht zugetraut, dass sie noch wissen, wie eine Briefmarke aussieht. Geht alles an Lionel.«

			»Lionel?«

			»Offenbar heißt er so.«

			»Nee«, korrigiert Sensenbrink. »So haben wir ihn neulich genannt. Aber der heißt doch nicht so.«

			»Sicher? Nadeche nennt ihn auch schon so, und er hat sich nie beschwert.«

			»Vielleicht Zufall«, wundert sich Sensenbrink.

			»Sind aber nicht nur Liebesbriefe. Manche Leute wollen einfach was spenden.«

			Sensenbrink erwacht aus seiner Zufriedenheit: »Moment, dass wir uns da nicht verzetteln: Wir sind nicht Ärzte ohne Grenzen oder so. Also, Spendenkonto und so, okay, da nennen wir irgendeine Organisation, die sich da dranhängen mag. Das kommt auch ganz gut an, wenn da Brot für die Welt oder so was anschließend dransteht. Aber wir fangen jetzt nicht damit an, dass Nadeche Hackenbusch da unten das Geld verteilt.«

			»Aber das ist ja das Problem.« Beate Karstleiter wendet sich in ihrem Drehsessel so deutlich zu Sensenbrink, dass er sich notgedrungen auch ihr zuwenden muss. »Wenn das so weitergeht, werden solche Schwierigkeiten zunehmen.«

			»Wo sind da Schwierigkeiten? Wir schicken die zu irgendwelchen Hilfsorganisationen, und fertig. Noch besser: Wir blenden überhaupt nur deren Adressen ein, dann schlagen die gar nicht erst bei uns auf.«

			»Nicht nur bei den Leuten«, gibt Karstleiter zu bedenken.

			»Sondern?«

			»Haben Sie mal auf unseren Engel geachtet? Ich bin nicht sicher, ob die da noch nur eine Fernsehsendung macht.«

			»Nein, klar macht die mehr. Das ist doch das Tolle! Die macht Sachen, von denen hab ich gar nicht geahnt, dass die in ihr drin sind.«

			»Ja, schon …«

			»Was soll denn das? Sie sehen mich an, als wäre das Scheiße … das ist Sendegold! Eine Moderatorin, die mal an das glaubt, was sie tut!«

			»Solange es kein Fanatismus wird, ja.«

			»Sagen Sie: Ist das irgend so eine Frauensache?«

			Zu Beate Karstleiter kann er das sagen, sie darf ihn manchmal auch »schwanzgesteuert« nennen. Was er natürlich nicht ist.

			»Blödsinn«, bürstet sie ihn ab, »ich meine nur, so eine gesunde professionelle Distanz ist nicht das Schlechteste. Wenn die irgendwie plötzlich auf ihrer ganz speziellen Mission unterwegs ist, dann kann es uns passieren, dass die schreinemakeriger wird, als wir sie brauchen können.«

			Sensenbrink kneift die Augen zusammen: »So kenn ich Sie gar nicht. Schreinemakers ist gut. Schreinemakers ist der Jackpot. Oder sehen Sie das anders?«

			»Nein, nein …«

			»Oder wissen Sie etwas, das ich nicht weiß?«

			»Ich gebe nur zu bedenken …«

			»Aber diese Bedenken sind nicht Ihre, oder?«

			Karstleiter wendet den Blick kurz ab, aber sie weiß, dass das schon eine Bestätigung ist. »Nein, es sind nicht meine. Nicht ursprünglich. Aber sie sind nicht von der Hand zu weisen.«

			»Schön. Woher kommen unsere Bedenken? Rechtsabteilung? Personalabteilung?«

			»Innenministerium.«

			»Bitte?«

			»Mich hat ein Mitarbeiter des Innenministeriums angerufen.«

			»War das ein Telefonstreich?«

			»Nein, wirklich, die Nummer stimmt.«

			»Und die haben an unserer Sendung was auszusetzen? Spinnen die?«

			»Nein, nein, der war sehr höflich, wir sollten das um Gottes willen nicht als Einmischung verstehen …«

			»Und wie ich das als Einmischung verstehe!«

			»Nein, ich denke, die machen sich richtige Sorgen.«

			»Und worüber?«

			»So wie ich es verstanden habe, dass die Hackenbusch oder das gesamte Team da unten durchdreht und uns vor laufender Kamera hundert Flüchtlinge heimschleift, für die das Innenministerium keine Extrawürste braten kann. Und dass dann der ganze Flüchtlingstrubel wieder von vorne losgeht, den sie jetzt doch gerade erst mühsam unter Kontrolle gebracht haben.«

			»Das kann aber wohl kaum unsere Sorge sein. Es ist nicht mein Bier, ob die ihre Hausaufgaben nicht machen oder nicht gemacht haben. Unser Bier ist Fernsehen.«

			»Sie appellieren ja auch nur an unsere staatsbürgerliche Verantwortung …«

			Sensenbrink stößt sich empört ab und rollt mit dem Stuhl zwei Meter nach hinten, bis er sich den Hinterkopf an einem Regal stößt. Er nimmt den Schmerz überhaupt nicht zur Kenntnis.

			»Das ist Zensur durch die Hintertür. Aber die werden mich kennen lernen. Wir sind hier ja nicht beim Bayerischen Rundfunk!«

			»Ich würde das alles trotzdem nicht völlig von der Hand weisen …«, versucht Karstleiter zu beschwichtigen.

			»Ich hör wohl nicht richtig?! Ich kenne die Typen nicht, und ich habe keine Ahnung, was die wirklich vorhaben oder was die wirklich umtreibt. Sie nennen es Verantwortung, und unter der Hand machen sie Parteipolitik, weil die Leute im Heimatdorf vom Leubl keine Ausländer wollen. Es gibt aber zufällig ein paar andere Sachen, die ich dafür ganz genau weiß: Erstens habe ich eine Verantwortung für diese Abteilung, diese Mitarbeiter, diese Jobs und diese Firma. Und zweitens weiß ich: Wir haben hier eine Lizenz zum Gelddrucken! Und zwar eine politisch korrekte, einwandfreie Lizenz, von der ausnahmsweise mal alle was haben. Gerade eben auch Flüchtlinge. Wir haben außerdem: ein völlig neues, einzigartiges Format. Infotainment, bei dem tatsächlich Info rüberkommt. Was passiert? Warum passiert es? Und ich denke durchaus, dass ich meine staatsbürgerliche Verantwortung in einem erheblich größeren Umfang wahrnehme, wenn ich zehn Millionen Leute dazu bringe, sich diese Zusammenhänge anzusehen, statt zuzugucken, wie ein wandelndes Testbild wie Jumbo Schreiner die größten Schnitzel frisst.«

			»Ich wollte es ja nur gesagt haben …«

			»Ja, und warum haben Sie’s mir dann nicht gesagt? Warum muss ich das hintenrum rausfinden, dass meine rechte Hand hier nur das rauspustet, was ihr das Innenministerium eingeblasen hat? Wenn’s überhaupt das Innenministerium war?!«

			»Weil ich finde, dass die Argumente nicht verkehrt sind. Und weil ich möchte, dass Sie sie anhören und nicht ignorieren. Weil ich mir eben denken kann, dass Ihnen so ein Anruf gegen den Strich geht.«

			Sensenbrink steht wütend auf. Er hat keine Lust, behandelt zu werden wie ein dressierbarer Brüllaffe, dem man alles nur mit dem richtigen Tonfall im richtigen Moment zu sagen braucht, damit er am Ende die gewünschte Maßnahme ergreift wie eine Banane.

			»Ja, und ich kann mir denken, dass die sich das genauso denken können«, sagt er mit der Türklinke in der Hand. »Deswegen rufen die auch nicht bei mir an, sondern gehen über meine Mitarbeiter. Wenn man seine Quellen verschleiert, dann nennt man das nicht mehr Information, das nennt man dann Manipulation. Wenn das überhaupt Leute vom Innenministerium sind. Vielleicht ist’s auch der BND, der Verfassungsschutz, die Amerikaner. Das ist mir aber egal: Wenn die wieder anrufen, sagen Sie ihnen einen schönen Gruß, wir lassen uns von denen nicht die Kontrolle aus der Hand nehmen.«

			Sensenbrink rauscht in den Gang und schmettert die Tür hinter sich zu.

			Beate Karstleiter seufzt tief und steht auf. Sie löscht das Licht und geht ebenfalls hinaus. Und kurz bevor sie die Tür sanft ins Schloss drückt, sagt sie ins Dunkel, zu niemandem, so als wäre es ihr wichtig, es gesagt zu haben: »Wenn wir sie überhaupt noch haben.«





16


			Frau Hackenbusch! Frau Hackenbusch – Sie übertreffen sich selbst. Das ist ja wunderschön, was Sie uns da liefern«, singt Sensenbrink ins Telefon. »Sie wissen ja selbst: Specials sind so ’ne Sache. Aber wir haben hier genau ins Schwarze getroffen. Wir liegen in der Quote sogar noch leicht über der Originalserie.«

			Nadeche Hackenbusch liegt in ihrem Containerabteil. Sie hat ihre Schuhe abgestreift und sich auf die Plastikfolie gelegt. Nach dem Tag in der Krankenstation hat sie als Erstes das Rolf-Benz-Teil rausgeschmissen, das man ihr in den Container gestellt hatte. Fünfeinhalb Millionen Zuschauer haben am Bildschirm gesehen, wie sie die Couch zur Krankenstation geschleift hat, weil die Leute dort sie nötiger brauchen. Entschlossen hat sie sich dann zum Schlafen auf den Boden gelegt, mit einer schlichten Decke, so wie die Flüchtlinge in ihren Zelten. Aber leider waren zu viele Tiere auf dem Boden unterwegs. Jetzt hat sie neben der Folie noch einen halben Karton mit Insektenspray. Es ist heiß, aber sie hat die Klimaanlage abgestellt. Denn die Menschen in den Zelten haben auch keine Klimaanlage.

			Ihr Rücken schmerzt. Sie hat heute Bohnensäcke von der Lkw-Rampe gereicht. Sie hat den ganzen Tag lang gesehen, wie Menschen auf etwas so Langweiliges wie Bohnen warten. Für einen Moment erinnerte sie der Anblick an Mädchen, die für die limitierte Lagerfeld-Kollektion bei H&M anstehen. Sogar die Angst in den Augen ist vergleichbar, die Angst, dass der Vorrat begrenzt sein könnte. Aber weil viel mehr Männer dabei sind, ist die Angst auch mit mehr Aggression unterfüttert. Die Organisationen versuchen daher, nur so viele Leute zur Ausgabe zu lassen, dass die Bohnen sicher reichen. Sie sagen, wenn sie bereits den Zugang kontrollieren, haben sie immerhin noch eine Chance, auf die Leute einzuwirken. Aber wenn die Menschen die Bohnen bereits vor Augen haben, dann hören sie auf nichts mehr. Sie hat zuerst auch versucht, für andere Bohnen zu ergattern, aber nicht einmal Lionel konnte eine Familie dazu bewegen, sich beim Bohnenholen auf Malaika zu verlassen. Also musste sie sich mit dem Verteilen begnügen. Fünfundzwanzig Kilo wiegt ein Sack. Sie hat zuerst kaum glauben können, wie schwer fünfundzwanzig Kilo sind. Dann hat ein deutscher Helfer gesagt, das sei so viel wie zwei volle Kästen Bier.

			Sie ist kaputt ohne Ende.

			»Ich kann nur sagen: Frau Hackenbusch, Hut ab!«, hört sie Sensenbrinks aufmunternde Stimme. »Und ich kann, nein, ich muss Ihnen sagen: Der Sender ist froh und stolz, Ihnen sagen zu dürfen – kommen Sie nach Hause! Mission accomplished!«

			»Mischen was?«

			»Mission acc…, Sie haben Ihren Job getan! Wenn es nach mir ginge, sollte man Ihnen einen Empfang auf dem Römer bereiten.«

			»Auf welchem Römer?«

			»Dem Römer? In Frankfurt? Sie wissen schon: wie für die Nationalmannschaft. Oder für das Olympiateam.«

			»Hm? Ach so«, sagt sie abwesend. »Na ja, das können wir ja mal besprechen, wenn wir zurückkommen. Ich weiß jetzt auch nicht, wann.«

			»Das wäre ein bisschen spät, aber überlegen Sie sich das einfach noch mal, das geht auch kurzfristig. Wir filmen dann in jedem Fall am Flughafen. Fans und Gedöns, das wird ein super Abschluss in einer Woche. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie begeistert hier alle …«

			»Wieso Abschluss?«

			Sie sitzt jetzt kerzengerade.

			»Haben Sie denn gedacht, wir lassen Sie heimlich, still und leise heimgehen? Natürlich kriegt dieses Special den Abschluss, den es verdient …«

			»Ja. Wenn’s fertig ist.«

			»Frau Hackenbusch – das ist ja klar, dass man da unten keinen Wandkalender hat, aber wir – pardon, Sie natürlich, Sie waren dann drei Wochen vor Ort. Das Special ist beendet.«

			Sensenbrink hört in der Leitung ein Rauschen.

			Es ist kein gutes Rauschen.

			Es ist ein unheimliches Rauschen. Wie die ganze Sendung etwas Unheimliches bekommen hat. Ja, sicher ist sie erfolgreich. Sie ist einzigartig, sie geht durch die Decke. Aber sie ist auch so eigenartig geworden. So – wie soll man es sagen?

			So ernsthaft.

			»Frau Hackenbusch?«

			Mehr Stille.

			Genau das ist das Problem mit Sendungen, die zu ernsthaft werden. Man kann mit ihnen nicht so umspringen wie mit Deutschland sucht irgendwas. Das sind paradiesische Zustände, da schmeißt man den einen Juror raus und holt den nächsten rein, man ändert den Modus, man ändert den Vorspann, was gestern grün war, ist morgen blau, und keiner regt sich auf, weil alles ist nur Unterhaltung. Und Unterhaltung kann man jederzeit einstellen, wenn sie nicht mehr unterhaltsam ist. Aber das, was Nadeche Hackenbusch da angestoßen hat, das ist keine Unterhaltung mehr. Das ist ernst. Und das kann man nicht so leicht aus dem Programm kegeln, wenn es einem nicht passt, denn es bleibt ja ernst.

			»Drei Kreuze«, denkt Sensenbrink, »drei Kreuze, wenn die Sache geregelt ist.«

			»Frau Hackenbusch? Hallo?«

			»Das hier«, kommt jetzt frostig aus Afrika, »das hier ist erst dann fertig, wenn wir fertig sind.«

			Jetzt steht sie aufrecht neben ihrer dünnen Wolldecke. Man hätte ihr auch eine dickere Decke gegeben, es gab einige davon, aber Nadeche Hackenbusch ist noch nicht ganz überzeugt, dass diese Decken auch dem Normalflüchtling zur Verfügung stehen. Sie hat schon ihre Zweifel, wenn sie das Karomuster ansieht. Richtige Wolldecken von Flüchtlingen sehen ihrer Meinung nach eigentlich anders aus. Dunkelgrau. Mehr so wie in den Gefängnisfilmen. »Und wenn Sie auch nur einen Schritt vor die Tür setzen würden, dann würden Sie sehen, dass hier gar nichts fertig ist.«

			»Ja, also – das konnte ja auch niemand erwarten«, beschwichtigt Sensenbrink. »Die großen Probleme der Welt, das ist … das ist … wir sind ja nur ein kleiner Sender, und angesichts dessen können wir alle mehr als stolz …«

			»Wir können was??«

			»Sie natürlich, wo habe ich meinen Kopf, Sie können zu Recht stolz … haben Sie kürzlich den Spiegel gelesen? Warten Sie, ich lese es Ihnen mal vor, Frau Schreinemakers, wenn ich Sie mal flapsig so bezeichnen …«

			»Der Spiegel interessiert mich einen Scheiß! Wir haben hier zu arbeiten. Hier!«

			»Also – ich meine … ich möchte Ihnen da selbstverständlich nicht dreinreden, aber Sie müssen, Sie sollten vielleicht auch bedenken, dass wir das Material gar nicht senden können!«

			»Das wäre ja das erste Mal!« Nadeche Hackenbusch zieht routiniert eine Dose Insektenspray aus dem Karton und schüttelt sie. Ihr Daumen schnippt den Deckel weg, ihr Zeigefinger wandert rasch und sicher auf den Druckknopf, und in einer Wolke aus Insektengift krümmt sich ein handbreiter Tausendfüßler.

			»Frau Hackenbusch, glauben Sie einem alten Profi: Der Sendeplan ist erstellt. Die Werbung ist verkauft, nächste Woche startet Ludmilla …«

			»Diese Schlampenshow? Auf meinem Sendeplatz?«

			»Also, das ist eine seriöse Doku-Soap, die unterhaltsam und anrührend die Zustände in osteuropäischen Bordellen anprangert …«

			»Ein Scheiß ist das. Sie zeigen schlecht operierte ukrainische Titten, das ist es, was Sie zeigen!«

			»Ich gebe zu, dass das Format nicht ganz die Klasse von Engel im Elend hat, aber es konnte ja auch keiner ahnen, dass das Special derart …«

			»Die Menschen hier brauchen uns! Die Menschen!«

			»Frau Hackenbusch …«

			»Hier geht es um Menschenleben!«

			»Frau Hackenbusch!«

			»Es geht um Schicksale. Das ist ein Unterschied. Die hat keiner geskripted, verstehen Sie? Das passiert hier live! Hier gibt es Hunger und keine Zukunft für die Tausendfüßler!«

			»Tausendfüßler?«

			»Die Tausende von Menschen! Zehntausende! Hunderttausende!«

			»Ich weiß, und ich versichere Ihnen, das tut niemandem mehr weh als mir – aber wir haben ein Unternehmen zu leiten. Ich bin für einen Konzern mitverantwortlich, für Arbeitsplätze! Für meine Mitarbeiter. Niemand ist überzeugter von Ihrer Arbeit als ich, Frau Hackenbusch, aber Sie müssen sehen: Mir sind die Hände gebunden!«

			»Wieso?«

			Sensenbrink ist nicht sicher, ob sie seine Argumente nicht versteht oder ob sie die Redewendung nicht kennt. Er hatte das schon öfter, nicht nur mit Nadeche Hackenbusch. Dann erklärt man ihnen die Redewendung, und dann werden sie noch zorniger, weil sie glauben, dass man sie für dumm hält. Sensenbrink hat daraus gelernt.

			»Ich kann nichts tun, Frau Hackenbusch. Ich kann nicht Sendungen senden, für die ich keine einzige Werbeminute verkauft habe, und dafür die gebuchte, bezahlte Werbung von Ludmilla aus dem Fenster schmeißen. Das geht nicht!«

			»›Geht nicht‹ gibt’s nicht!«

			»In diesem Fall schon«, lügt Sensenbrink tapfer. »So gern ich es tun würde!«

			»Und was soll das dann heißen??«

			Der erste Pflock ist eingeschlagen. Sensenbrink achtet darauf, nicht zu erleichtert auszuatmen. Jetzt muss er verhindern, dass sie das dem Sender oder ihm schlecht anrechnet. Sie muss den Eindruck haben, dass jeder andere Sender ähnlich arbeiten würde.

			»Das bedeutet für Sie natürlich gar nichts, ich will Sie nicht davon abhalten, Ihren Aufenthalt da unten zu verlängern …«

			»Da unten … wenn ich das schon höre!« Sie nimmt eine der Badelatschen und schnippt die Leiche vor die Tür.

			»Äh, ja, das war jetzt flapsig, Verzeihung, aber ich muss in jedem Fall in einer Woche die Mitarbeiter heimbeordern. Die Tickets sind schon gebucht, ich kann da wirklich nichts machen.«

			»Und was soll ich den Menschen hier sagen? Vielen Dank, das war’s – schöne Grüße, und MyTV wünscht euch alles Gute auf eurem weiteren Lebensweg?«

			Sensenbrink räuspert sich. »Entschuldigung, wenn ich das jetzt in dieser Deutlichkeit sage, Frau Hackenbusch, aber bei allem gebotenen Respekt vor Ihrer unglaublichen Leistung: Das Weitere ist doch Sache der Politik. Wir können nur auf Missstände aufmerksam machen, aber wir können die Probleme nicht lösen! Das war uns allen doch von Anfang an klar!«

			»Wissen Sie was? Wir machen jetzt hier Schluss, und Kärrner soll mich anrufen.«

			»Also – Sie können mir glauben, wir haben das in allen Gremien beredet, Herr Kärrner steht in dieser Sache voll hinter mir …«

			»Kärrner soll mich anrufen.«

			Sie legt auf. Und Kärrner ruft sie tatsächlich an, keine dreißig Minuten später.

			Aber Kärrner knickt nicht ein.

			Sie erzählt ihm etwas von langjähriger Partnerschaft, und Kärrner knickt nicht ein. Sie wechselt zu »langjähriger Freundschaft«, und Kärrner knickt nicht ein. Sie sagt, dass sie kürzlich den Dings von ProSieben getroffen hat, und dann passiert etwas, das ihr noch nie passiert ist: Kärrner, der doch nun wirklich nichts anderes ist als ein charmantes Weichei, knickt nicht ein. Und nachdem sie sich beide sehr herzlich voneinander verabschiedet haben, nachdem sie sich gesagt haben, wie dringend sie sich wieder einmal sehen müssen, bei Sergio, der ja nun fast so was wie »ihr Lokal« sei, nachdem sie aufgelegt haben und Nadeche Hackenbusch fassungslos auf das verlöschende Handydisplay gestarrt hat, holt sie aus und tritt mit einem Wutschrei den Karton derart durch den Raum, dass die Spraydosen durch die Luft segeln wie Konfetti.





17


			Malaika«, will Lionel, der Flüchtling, sagen, »wir müssen reden …«

			Aber er hat den Satz noch nicht einmal halb angefangen, da geht ihm schon auf, dass der Moment wohl nicht so gut ist. Malaika steht in ihrem Wohncontainer, er kommt herein, als sie mitten in der Bewegung ist, offenbar geht sie schon lange auf und ab wie eine kranke Giraffe. Sie fährt zum Eingang des Containers herum, stürzt auf ihn zu und zieht ihn förmlich hinein.

			»Good that you come! Goodgoodgood. You believe not what for a shit they make.«

			Es verunsichert ihn jedes Mal, wenn er mit ihr allein ist. Dieses Englisch ist so anders als das Englisch aller anderen Deutschen. Anders als das Englisch von Marion und Grande und von Schreib-Astrid. Überhaupt als jedes andere Englisch. Er hat die alte Frau Grande gefragt, und die hat ihm erklärt, es sei sogar ein besonders gutes Englisch, besser als das Englisch vieler Engländer. Aber Malaika hätte einen besonderen Dialekt aus einer Gegend Deutschlands, aus der normalerweise nicht so viele Leute kämen. Was natürlich Unsinn ist: Jeder weiß, dass Deutschland gar keine so leeren Gegenden hat, sondern ganz vollgewohnt ist. Es klang aber in jedem Fall nicht, als wäre die alte Frau Grande neidisch auf dieses Englisch, mehr so, als sei Malaika mit einem besonders harten Schicksal gestraft. So etwas wie ein sprachliches Waisenkind.

			»Sit you down«, wettert Malaika, »that must you hear!«

			Er setzt sich. Er versucht ihre Hände zu nehmen und sie zu beruhigen, er weiß ja, dass sie vieles im Lager furchtbar findet, das lieben die Menschen hier auch so an ihr. Weil sie selbst schon so lange unter diesen Umständen leben, dass sie anfangen zu glauben, dass es genau das Leben wäre, das ihnen zukommt. Und an Malaikas Reaktion sehen sie, dass auch sie anders und sogar besser leben sollten. Und jedes Mal, wenn ihr das, was sie sieht, nahegeht, dann greift sie nach seiner Hand. Fest, und wenn er vorsichtig zurückdrückt, dann sieht sie ihn dankbar an und wird noch zorniger und sagt den Kameraleuten, was sie genau filmen sollen, und wenn sie nicht schnell genug begreifen, was sie meint, dann packt sie den Kameramann und schiebt ihn dorthin, wo er das Furchtbare am besten sehen kann, und meistens vergisst sie dabei aber, seine Hand loszulassen, und sie zieht ihn hinter sich her, bis es ihr auffällt und sie loslässt und ihm entschuldigend über den Arm streicht. Doch diesmal will sie seine Hand nicht, sie entzieht sich ihm, sie ist so aufgewühlt.

			»Sensenbrink, this idiot!«, schreit sie. »And the Kärrner is the same asshole! As if all here shitegal is! All the humans! All the poor humans!«

			Er sieht sie fragend an, er hebt ratlos und stumm seine Handflächen, weil es erkennbar keinen Sinn hat, sie unterbrechen zu wollen. Sie bleibt plötzlich stehen und holt tief Luft. Sie wischt mit einem Ärmel über ihre Augenwinkel.

			»Yesyes«, sagt sie, »you can it ja not know.«

			Sie kauert sich neben ihn und sieht ihn eindringlich an: »They want to end the sending. Ja, schau mich nicht so an!« Und dann sofort, beschwichtigend: »Sorry, ich vergesse immer, dass dein Englisch nicht so besonders ist. Finish, understand you? The German TV want make finish. A week have we only more. A week. I say to they: in three days can we not help all people, unpossible. And they so: there can we nothing make!«

			Sie springt plötzlich auf. »I am so up one hundred eighty«, schreit sie, »we have so much to do. We cannot simple homego!«

			Es ist nicht so ganz einfach, ihr zu folgen, aber der Sinn wird ihm dennoch klar: Sie wollen offenbar die Sendung einstellen. Obwohl alle immer gesagt haben, wie toll sie ankommt. Er zeigt es nicht, aber er verflucht sich still. Er hat sich zu lange auf die tolle erfolgreiche Sendung verlassen. Sieben Tage Arbeit hat er jetzt also noch und sieben Tage Zeit, in der er Malaika überzeugen kann, dass sie ihn mitnimmt. Er wird sie beruhigen müssen, damit sie ihm zuhört. So wie sie jetzt ist, geht in ihren Kopf ja nichts rein. Sie muss ruhig werden, und wenn sie sich beruhigt hat, dann kann er ihr erklären, was sein Problem ist. Wenn es sie überhaupt interessiert. Er steht auf. Jede andere Frau würde er jetzt in den Arm nehmen, aber das ist bei einem deutschen Engel vielleicht nicht so gut. Nadeche Hackenbusch merkt es dennoch.

			»You understand me«, sagt sie traurig, »that is nice. But one thing is safe, I swear you: Not with us! Think only of all our work. It can not for nothing be! We can not come to all this humans here and make a tv-sending and then go we simple again home. And here is all how it before was! Not now! Where the first mall all Germans really look at all the shit of the world! This is stupid. This is so unhuman!«

			Er hat sie nicht in den Arm genommen. Und trotzdem ist sie plötzlich drin.

			Sie muss sich irgendwie zwischen den Worten hineingewunden haben. Er kann es kaum glauben, aber der wunderschöne Engel ist tatsächlich in seinen Armen, ihr Kopf drückt sich an seine Brust, an den einen Menschen, der mit ihr durch das Elend gegangen ist, und natürlich drückt er zurück, vorsichtig, sehr behutsam. Obwohl sie sich gut anfühlt, aber da muss man eben standhaft bleiben. Denk dran, schärft er sich ein, denk dran, denk immer dran: Ein falscher Handgriff, und sie nimmt dich niemals mit nach Deutschland. Lass die Hände an ihren Schultern, lass die Hände an ihren Schultern, und wie er das zweite oder dritte Mal »Schultern« denkt, spürt er die Hände schon erheblich tiefer zwischen den Schulterblättern.

			Aber nicht seine Hände. Sondern ihre.

			Das ist nicht gut. Das ist nicht gut.

			Das.

			Ist.

			Nicht.

			Gut, und er blickt nach unten und versucht seinen Griff um ihre Schultern zu lockern, er versucht ihr zu sagen, dass schon alles in Ordnung kommen wird mit Kärrnebrink, aber er kann nicht sprechen mit ihren Lippen auf dem Mund, den Lippen eines Engels, den Lippen der schönsten Frau der Welt, es ist, als ob dich der Himmel küsst, noch niemand hat ihn so geküsst, so … so …

			So deutsch.

			Sie küsst nicht fragend, sie küsst, wie wohl eine deutsche Frau küsst, gründlich, das fühlt sich ungewöhnlich an, anders, in jedem Fall gut, man muss zurückküssen, wenn einen der Himmel küsst, alles andere wäre eine Sünde, und er drückt sich an sie, kurz fragt er sich, ob sie es gut findet, wenn sie ihn spürt, aber – jetzt spürt sie ihn, und sie drückt sich ihm entgegen, das ist kein Traum, das ist kein komisches Missverständnis zwischen der Frau aus der fernen Fremde und ihm, nein, es ist das ganz große, das allergrößte Einverständnis, das es zwischen zwei Menschen geben kann auf der ganzen Welt.

			Diese zarten kleinen Hände, die immer so energisch allen zeigen, wo es langgeht, sie sind überall, er ist schon drauf und dran, sich das Hemd vom Leib zu reißen, aber wie Wanderameisen haben ihre Finger schon alle Knöpfe aufgeknöpft, sogar die an den Schulterklappen, so schnell kann er an ihr gar nicht zurückknöpfen, sie hat ihn schon aus der Hose geschält, die Schuhe sind so blitzartig von seinen Füßen, dass er kurz denkt, »wie bei einer Plünderung«, und gleichzeitig fallen die Kleidungsstücke von ihr ab wie Blätter von einem Baum, er sinkt zurück, ihre Ameisenfinger sind über ihm, streicheln sein Gesicht, führen ihn zielsicher zwischen ihre Beine, bis sie sich seufzend auf ihn sinken lässt, ganz hinein, ganz tief, und sie wartet nicht, sie beginnt in ihrer deutschen Art ein Auf und Ab, präzise, rhythmisch, bis sie überraschend schnell ausatmet und ächzend auf ihm zusammensinkt, erlöst, ihr Gesicht an seines gepresst, so dass er die Sache jetzt ein wenig ruhiger angehen kann, sie fühlt sich ja gut an, er hat es nur lieber so und ein wenig mehr so und ein bisschen weniger so, ihr scheint das auch entgegenzukommen, sie erwacht mit ganz kleinen Lauten wieder zum Leben, und während er sich noch denkt, dass man das jetzt sehr genüsslich und langsam zelebrieren sollte, wie einen Moment, der für die Liebe der Engel gedacht ist, da richtet sie sich auf und strahlt ihn an, übernimmt die Regie und greift ihren unerbittlichen Rhythmus wieder auf. Es ist ungewohnt, aber schon auch irgendwie gut, man muss nur aufpassen, dass man nicht an etwas denkt, es erinnert ihn an etwas, er kann es nur nicht sofort fassen, es liegt ihm auf der Zunge, aber dann lenken ihn diese wirklich sehr, sehr schönen Brüste ab, und er kommt das erste Mal mit einer Frau wie ein echter Deutscher.

			»That was so good«, sagt sie ihm ins Ohr. »So good, so good, so good. You are so wonderful. You be my angel.«

			»Malaika«, sagt er, »this is …«

			»This is love«, sagt Malaika überzeugt. »But: This is more. This must destiny be.« Sie stützt sich auf ihren Ellenbogen und blickt ihm ernsthaft in die Augen: »The same goals, the same love. I have never so what feeled. And I knowed that in the first moment where I you seen have. This is what comes only one mall in hundert years.«

			Er blickt sie an, verschwitzt, verwirrt, verwöhnt. Seine Gedanken überschlagen sich, er kann nicht glauben, was hier passiert. Denn wenn es stimmt, wenn Malaika, wenn dieser wundervolle Engel, der beste Mensch der Welt mit den besten Brüsten der Welt, wirklich ihn liebt, dann reichen sieben Tage locker, um sie davon zu überzeugen, ihn mitzunehmen. Kann das sein? Es klingt doch wie ein Scherz von Mahmoud, als hätte Mahmoud ihn reingelegt, aber für einen Scherz würde doch der Engel niemals das tun, was er gerade getan hat!

			Im Lager gibt es einige Mädchen, die das für Geld tun würden, und es gibt einige, die es tun würden, damit sie ihn anschließend mit Mahmoud veralbern könnten: »Hast du gedacht, das ist Liebe, Dummkopf?« Aber Malaika?

			Außerdem müsste man den Scherz jetzt langsam auflösen. Mahmoud müsste hereinstürzen und lachen, und der Engel würde sich aufsetzen und lachen. Aber der Engel lacht nicht. Der Engel liegt an seiner Seite, den Kopf auf seiner Brust, und er spielt mit den Ameisenfingern in seinen Brusthaaren, aber diesmal sind die Ameisenfinger ganz langsam und zärtlich, und ihr Atem geht tief und ruhig. Er küsst sie auf die Stirn, sie blickt hoch, mit müden Augen, und küsst ihn, bevor sie sich an ihn drückt.

			»I have noch never a man how you founded«, sagt sie leise in seine Brusthaare hinein. »A man and a human. I think all the time over that. This is the first mall I do what real senseful. And it is the first mall I love a real good man. I feel it. A better love for a better world.«

			Vielleicht hat sie recht, denkt er sich. Er glaubt inzwischen nicht mehr an einen Scherz. Sie ist so ernst, sie ist so überzeugt. Worum geht es denn im Leben? Immer nur besser leben und den eigenen Arsch nach Europa bringen? Um dort Geld zu verdienen? Ist das der Plan Allahs? Ist das der Plan vom Christengott? Nein, es ist die Liebe. Man soll einen guten Menschen ehrlich lieben, eine gute Frau, und wenn es ein Engel ist, dann sowieso. Er hat sich nie für etwas Besonderes gehalten, aber andererseits, jetzt, wo er darüber nachdenkt, er war auch nie ein wirklich schlechter Mensch. Er war nie so wie Mojo der Blaue, er hat auch nicht einfach in den Tag hineingelebt wie Mahmoud, und wenn Allah oder sonst wer den richtigen Mann sucht, der zu Malaika passt, einen Mann für einen Engel, und er findet auf der ganzen Welt niemand Besseren als ihn – wer ist er, um mit Gott zu streiten? Gott sucht den Mann, der Malaika glücklich macht, und dann soll niemand diese Liebe aufhalten, mit einem reinen Herzen will er sich in diese Liebe stürzen, er will sein Bestes geben. Und weil Gott die Liebenden und Gerechten belohnt, und nur deshalb, nicht aus Gier oder Eigennutz, deshalb spült ihn der göttliche Wille in das Herz einer schönen Frau.

			Und obendrein nach Deutschland.

			»You’re so right«, sagt er und streichelt ihre Haare, die über seine Schulter fließen. »I love you. I love you so much. I love you so much that I’ll come with you. You must finish your tv-show, yes, but don’t worry. I will come with you.«

			Es wird wundervoll werden. Der Engel wird ihn mitnehmen in sein Engelhaus. Er wird sich um das Haus kümmern und den Garten und um die Ziegen. Mit Autos kennt er sich zwar besser aus, aber Autos haben die Deutschen selbst, Ziegen nicht. Sie werden reich werden, also noch reicher, weil der Engel sicher schon reich ist, aber der Engel wird durch ihn und seine Kenntnisse dann eben noch reicher werden. Und weil er nie seine Herkunft vergisst und der Engel ja sowieso schon ein Engel ist, werden sie auch weiterhin gemeinsam den Armen helfen, für das Fernsehen und im Fernsehen. Damit auch die anderen Armen mit reinem Herzen und voller Liebe nach Deutschland kommen können. Mahmoud wird er als Erstes nachholen, er wird stellvertretender Ziegengeschäftsführer werden. Die Deutschen werden staunen, wie gut das läuft, denn Mahmoud ist treu und zuverlässig, und zusammen werden sie mit den berühmten deutschen Ingenieuren Deutschland zur größten Ziegennation der Welt machen. Sie werden ein großes Auto haben und viele Kinder, und die Bauern in ihren Dörfern werden sagen, dass der Engel und der Engel des Engels groß und gerecht sind und –

			»What?«

			Sie sitzt schlagartig aufrecht wie ein Erdmännchen.

			»What have you said?«

			Hat er etwas falsch gemacht? Hat er etwas falsch verstanden? Wie kann man das, was sie soeben verbunden hat, falsch verstehen? Das, was sie getan haben? Das, was sie gesagt hat?

			»I – I only said …«

			»No!«, sagt sie gepresst. »Lionel! No!«

			Sie sieht die Verwirrung in seinen Augen und legt die Hand auf seine Brust, ihre kleine warme zarte Hand. »You are so sweet. But you know self: we can not go. You can not go. The humans here need you. You have ever helped the humans here. You know all the humans here. All the humans love you. They trust you. And they need you. I can you not awaytaken. This is your life. This is your work. And it is also my work. And that means that I auch not go away. For you. Forever.«

			Sie fällt ihm um den Hals, ihre Arme wickeln sich um seinen Nacken und ziehen ihn hinunter wie ein Mühlstein. Seine Augen irren durch den Raum. Das kann nicht wahr sein. Was gerade geschieht, darf einfach nicht geschehen. Er sucht Hoffnung und findet überall Dosen mit Insektenspray. Noch vor Sekunden war sie der Engel, sein Engel, dessen Schwingen ihn in ein besseres Leben tragen würden. Jetzt kettet sie ihn an diesen verfluchten Boden. Es war die eine große Chance zu entkommen, und er hat sie verpasst. Das Fernsehen wird fortgehen, es wird kein Geld mehr geben, es wird sich nichts ändern. Nichts, nichts, nichts. Dieser Engel wird ihm nicht helfen, im Gegenteil, er wird sich auch noch um den Engel kümmern müssen. Nicht er wird in ein besseres Land ziehen, der Engel wird in ein schlechteres Land ziehen, in das idiotischste Land, in das ein Mensch ziehen kann. Sein Leben wird an ihm vorbeiziehen, aber nicht erst wenn er stirbt, sondern hier in diesem Lager oder in irgendeinem anderen.

			Denn wenn er jetzt gehen wollte, dann müsste er den Engel mitnehmen.

			Und damit er den Engel mitnehmen kann, diesen guten Menschen, diesen unerträglich guten Menschen, dann müsste er das ganze Lager mitnehmen.

			Er springt auf.





18


			Du spinnst«, sagt Mojo der Blaue und lacht.

			Er lässt sich in seinen riesigen Schreibtischsessel zurückfallen, so dass die Lehne nach hinten wegkippt. Es ist kein natürliches Lachen, aber es ist auch kein natürlicher Schreibtisch. Der Schreibtisch ist riesig. Er ist so breit wie ein Mercedes lang und so tief, dass sie sich beide mit dem Bauch auf die Tischplatte legen müssten, um sich die Hände schütteln zu können. Der Schreibtisch ist makellos lackiert in glänzendem Weiß, rundherum, bis auf die Kassettenvertäfelung. Die ist vergoldet und könnte übertrieben wirken, aber letztlich passt sie ganz gut zu den vier vergoldeten Löwenfüßen, auf denen der Schreibtisch ruht. Auf der Tischplatte liegt ein vergoldeter Brieföffner, den man auch als Buschmesser verwenden kann. Oder als Brücke über einen kleinen Bach.

			Rechts neben Mojo ruht ein originalverpacktes iPad auf einem anderen originalverpackten iPad und unter drei weiteren originalverpackten iPads. Links neben Mojo ist die vergoldete Fernbedienung, mit der er den Großbildschirm steuert, aus dem die Rückwand der Baracke besteht. Und dazwischen sitzt Mojo selbst in einem weißledernen Schreibtischsessel mit fürstlichen Ohrenbacken.

			Eigentlich hätte es das Ensemble verdient, in einem Raum zu stehen, der zumindest ansatzweise verputzt ist und sauber gestrichen. Aber wenn man eine gewisse Zeit vor diesem gigantischen Schreibtisch sitzt, fällt einem auf, dass er in keinem Fall durchs Fenster hereingekommen sein kann und genauso wenig durch die Tür, was bedeutet, dass Mojo wohl erst den Schreibtisch hatte und dann die Bürobaracke hat darum herumbauen lassen. Und dass er dann so große Lust hatte, mit seinen vielen iPads zwischen seinen Ohrenbacken hinter seinem Schreibtisch zu sitzen, dass er damit nicht länger warten wollte, jedenfalls nicht auf Kleinigkeiten wie Wandfarbe.

			»Ahahahaha!«, macht Mojo. »Ahaaaaaa-Ahahahaha!«

			Es ist kein belustigtes Lachen. Es klingt nicht, als würde er etwas komisch finden, es klingt sehr kräftig, beinahe anstrengend, so als wäre dieses lärmende Lachen eine ausgesprochen mühselige Arbeit. Das liegt daran, dass Mojo auf seiner Bürobarackenwand sehr viele TV-Serien gesehen hat. TV-Serien, in denen große Gangster so lachen, wie er jetzt zu lachen versucht. Was den gewünscht bizarren Eindruck erheblich beeinträchtigt, ist, dass Mojo keinen ausgeprägt ungewöhnlichen Filmgeschmack hat. Er hat so ziemlich dieselben TV-Serien gesehen wie jeder andere, »The Wire« zum Beispiel oder »Breaking Bad«. Deshalb spricht er manchmal in einem Akzent, der mexikanisch oder kolumbianisch klingen soll. Er probiert häufig auch neue Gesten aus, die er selbst erfindet. Eine Zeitlang hatte er immer eine Pressluftflasche herumstehen. Und letztes Jahr hatte er Hamster in seinem Besprechungszimmer. Es heißt, er hätte bei Treffen manchmal einen aus dem Käfig geholt, ihn auf und ab geworfen wie einen Tennisball und dann erwürgt. Es hat aber niemand gewusst, was das bedeuten soll, weil keiner weiß, wofür der Hamster steht. Und zum Einschüchtern ist es auch nicht so hilfreich, weil Hamster nicht schwer zu erwürgen sind. Außerdem hat es im Raum immer nach Hamster gestunken, also hat er es wieder gelassen. Das klingt auch alles ganz lustig, wenn man es sich erzählt, an der Theke mit Miki und Mahmoud.

			Wenn man ihm aber in seinem Besprechungsraum gegenübersitzt, fällt einem schnell wieder ein, dass es da noch einige andere unangenehme Sachen gibt, die noch kein Gangster in Fernsehserien gemacht hat. Mojo der Blaue aber schon.

			»Wie kommt einer wie du auf so eine Scheißidee?«

			»Ich hatte nicht viel Zeit. Ich habe immer noch nicht viel Zeit.«

			»Zu Fuß?«

			»Zu Fuß.«

			»Du bist ein echter Spinner. Ahaaa-haaa.«

			Er wartet, bis Mojo der Blaue fertiggelacht hat. Mojo der Blaue hängt trotzig noch eine Zugabe an: »Bandele, sieh ihn dir an, unseren Fußgänger. Ahaaaa-Ahaha! Ha!«

			Bandele lacht pflichtschuldig mit. Sein Lachen klingt natürlicher, wie jeder loyale Angestellte hat er mehr Übung. Er lacht so laut und herzlich, dass Mojo der Blaue eine beschwichtigende Handbewegung macht. Bandele verstummt wie ausgeknipst.

			»Weißt du, wie weit das ist?«, fragt Mojo der Blaue.

			»Weißt du, wie lange ich schon hier bin? Wenn ich jeden Tag nur zehn Kilometer gelaufen wäre …«

			»Jajaja. Wenn du eine Million Jahre lang einmal am Tag furzt, dann drückt dich der Wind nach Europa. Aber es kann mir ja gleich sein. Weil du nicht gehen wirst.«

			»Nicht?«

			»Nein.«

			»Und wieso?«

			»Weil du der Engel des Engels bist. Der mir noch einige Gefallen schuldet. Und wie willst du die jemals einlösen, wenn du nicht mehr da bist?«

			»Erstens schulde ich dir keine Gefallen. Und zweitens ist die Zeit der Gefallen ohnehin vorbei: weil die Fernsehleute abhauen.«

			»Wie – abhauen?«

			»Feierabend. Sie machen Schluss mit der Engelsendung.«

			»Was soll der Unsinn? Die Sendung läuft toll, sagen alle. Bandele, läuft die Sendung toll?«

			»Geht durch die Decke«, sagt Bandele.

			»Kann sein.« Lionel zuckt mit den Schultern. »Aber jetzt stellen sie sie ein.«

			»Wann?«

			»In fünf Tagen. Ich sage doch: Ich habe nicht viel Zeit.«

			»Und die Gefallen, die du mir schuldest?«

			»Ich schulde dir keinen Gefallen. Aber ich schlage dir ein Geschäft vor.«

			»Für deinen Furzmarsch?«

			Er nickt.

			»Ich verkaufe keine Bohnen.« Mojo lacht. Bandele assistiert hilfsbereit.

			»Keine Angst, ich werde dir etwas anderes abkaufen.«

			»Nämlich?«

			»Ich brauche jemanden, der den Weg kennt. Ich brauche jemanden, der die Grenzer besticht. Ich brauche jemanden, der das Militär besticht.«

			»Was du suchst, ist ein Scheißschlepper. Und ich bin kein Scheißschlepper.«

			»Ich brauche mehr als einen Schlepper. Ich brauche jemanden, der was zu essen bereitstellt. Der Wasser liefert.«

			»Aber laufen kannst du alleine?«

			»Laufen kann ich alleine.«

			»Für mich klingt das immer noch wie ein Scheißschlepper. Wie ein Scheißschlepper mit einem Speisewagen. Warum bezahlst du keinen von denen?«

			»Weil ich nicht genug Geld habe.«

			»Und darum kommst du zu mir?«

			Lionel nickt langsam. Das könnte jetzt etwas heikel werden.

			»Sieh mich an! Hast du ein Schild vor dem Haus gesehen, auf dem steht ›Prozente für dumme Nigger‹?«

			»Nein.«

			»Und weißt du, warum du das Schild nicht gesehen hast?«

			»Wieso nicht?« Er fragt, obwohl er weiß, was jetzt kommt. Er kennt den Film auch.

			»Weil es nicht da ist!«

			»Hier geht es aber nicht darum, ob ich genug Geld für einen Schlepper habe. Es geht darum, dass ich dir ein Geschäft verschaffen kann. Größer als jedes andere. Mit einem Profit, dass es nur so raucht!.«

			»Und wieso?«

			»Weil ich beim Fernsehen bin.«

			»Warum zahlen die nicht einfach den Schlepper für dich?«

			»Das läuft so nicht. Die nehmen mich nicht mit, und die zahlen mir auch keinen Schlepper. Hier geht’s auch nicht darum, dass du ein paar Flaschen Wasser trägst und etwas Mehl. Ich rede von Planung. Ein Schlepper stopft dich zu einem Haufen anderer Bimbos in ein Boot oder einen Laster. Das ist Pipifax. Ich will deine Organisation und deine Kontakte. Ich will deinen Schutz.«

			»Und was krieg ich?«

			»Mehr Geld, als du jemals gesehen hast.«

			»Ich hab schon viel Geld gesehen«, sagt Mojo belustigt.

			»Ich weiß«, antwortet er ernst. Er sieht Mojo in die Augen. »Ich weiß das. Und weil ich das weiß, kann ich dir sagen: Ich biete dir – mehr.«

			Mojo beugt sich vor und mustert ihn. Er schweigt. Er denkt nach. Dann dreht er sich zu Bandele um und winkt. Bandele steht ohne zu zögern auf und verlässt den Raum.

			»Okay. Der Weg nach Europa kostet derzeit fünfzehntausend Dollar. Oder zwölftausend, wenn du geschickt verhandelst. Aber die hast du nicht.«

			Lionel nickt.

			»Und zwölftausend Dollar hab ich schon mal gesehen. Die beeindrucken mich nicht.«

			Lionel nickt wieder.

			»Aber über deine Fernsehsache kannst du mehr lockermachen.«

			Lionel nickt zum dritten Mal.

			»Von wie viel reden wir hier? Fünfzigtausend? Hunderttausend?«

			»Mehr.«

			Lionel lehnt sich zurück und stützt den rechten Fuß im Leinenturnschuh lässig auf eine Verzierung des Schreibtischs. Er überlegt, ob er sich noch abstoßen soll und den Stuhl auf den Hinterbeinen balancieren, und lässt es dann. Er wirkt präziser, wenn er nicht wackelt.

			»Fünfhunderttausend?«

			»Hundert Millionen Dollar.«

			Mojo zieht sich zwischen die Ohrenbacken zurück.

			»Du spinnst.«

			Lionel nimmt den Fuß vom Schreibtisch und beugt sich Mojo entgegen: »Plus Bonus.«

			»Du spinnst!«

			»Kannst es nachrechnen.«

			Lionel gibt Mojo die Details.

			Mojo rechnet.

			Dann sagt er zu. Weil er keinen Fehler findet.

			Und weil ihm Lionel sagt, dass das nur der Anfang ist.





19


			Das ist mal ein kranker Bimbo.

			Er nimmt die AK-47 am Riemen von der einen Schulter und hängt sie über die andere. Vier Kilo sind vier Kilo. Es gibt Tage, da spürt er sie gar nicht, und es gibt Tage, da denkt man, man trägt eine Bleiflinte.

			Das Einfachste wäre natürlich, sie abzustellen.

			Es kommt sowieso niemand vorbei, jedenfalls nicht überraschend. Das Land ist flach, der Blick ist weit, und zu sehen ist nichts. Was soll da auch sein: Wenn man ehrlich ist, existiert dieser Grenzposten nur aus einem einzigen Grund – weil fünfhundert Meter weiter auf der anderen Seite ein genauso überflüssiger Grenzposten ist. Aber wenn er schon mal steht, dann kann er die Waffe auch tragen, dann sieht das wenigstens nach was aus und fühlt sich wenigstens nach was an. Und stehen muss er, weil er es im Sitzen einfach nicht fassen kann. Denn das ist mal ein richtig kranker Bimbo.

			Und das sagt er sich, obwohl er, seit er beim Militär ist, genug gesehen hat, um zu wissen, dass es so viele Vorlieben gibt, dass man besser vorher fragt, bevor man sich für nichts und wieder nichts irgendwas auf sein Smartphone laden lässt. Kostet ja auch Zeit und Geld und Strom, das alles zu überspielen und wieder zu löschen, und wozu das Ganze, wenn man weiß, dass der andere weder auf kleine Titten steht noch auf große, sondern auf welche, die hängen? Das ist dann einfach nur Zeitverschwendung. Aber: Krank ist es nicht.

			Tiere? Eine Notlösung, so wie Männer untereinander. Das halten eine Menge anderer Typen für krank, aber daran glaubt er nicht. Es ist doch so, dass kein Mann es wirklich mit einem anderen Mann machen würde, wenn er stattdessen eine Frau haben könnte. Manchmal hat man aber keine, und dann, von hinten, wenn man ein bisschen aufpasst, dann sieht man da keinen großen Unterschied, wem will man da einen Vorwurf machen? Nein, krank ist das auch nicht.

			Aber das …

			Er schüttelt den Kopf, um den seltsamen Gedanken zu vertreiben, und dabei sieht er die Wolke. Eine Staubwolke. An sich nicht ungewöhnlich, aber es gibt heute eigentlich nicht genug Wind für solche Wolken. Er kneift die Augen zusammen, er blinzelt hinüber zum anderen Grenzposten. Er ist nicht sicher, ob er Unruhe erkennen kann, aber der Kollege dort scheint auch zu stehen. Vielleicht wundert der sich auch über kranke –

			Jetzt sitzt dieser Gedanke schon wieder in seinem Kopf. Verärgert geht er zur Grenzhütte, um den Feldstecher zu holen. Dieses Video! Dabei kennt er Demba. Er hat von ihm noch nie was bekommen, das nicht gut war. Er hat ihn auch darauf gebracht, auf den richtigen Blickwinkel zu achten. Wie gute Brüste zum Beispiel aussehen, wenn man sie nicht einfach von vorn filmt, sondern von hinten, seitlich am Rücken vorbei, unter dem Arm durch. Auf so was achtet Demba, und er hat recht. Er kann es nicht begründen, aber es wirkt irgendwie anders, besser.

			Verheißungsvoll.

			Und dann kommt Demba ganz aufgeregt und sagt, er hätte was Neues. Was er noch nie gesehen hat. Demba spielt es ihm auf und grinst, als wäre es das Beste überhaupt. Und er sucht sich extra eine ungestörte Ecke und sieht sich das Wunderteil an.

			Man sieht ein Auto. Auf einer asphaltierten Straße, aber man sieht auch sofort, dass die Straße zu groß ist, das heißt natürlich, das Auto ist zu klein. Es ist ein Spielzeugauto, aus Kunststoff, nicht aufwendig, handtellergroß, billig. Und dann kommt ein Fuß.

			Ein Frauenfuß in einem Schuh mit hohen Absätzen. Und der Fuß stellt sich auf das Auto. Das Auto splittert, das Gewicht des Fußes teilt das Auto in der Mitte, das Plastik knackt zur Seite weg. Der Fuß versucht den Schaden zu vergrößern, wie man eine Zigarette austritt, aber eigentlich ist das Auto schon zermalmt, weshalb der Fuß auf den Einzelteilen herumsteigt. Die Räder sind zur Seite gerollt, je zwei an einer Achse.

			Er nimmt geistesabwesend den Feldstecher und geht wieder hinaus. Das nächste Spielzeugauto. Dieser Frauenfuß stellt sich geschickter an, er macht das offenbar nicht zum ersten Mal. Er weiß, wie er auf das Auto steigen muss, damit es nicht sofort zu Bruch geht, aber auch nicht unkontrolliert durch die Gegend schnalzt. Er klemmt es mit dem Fußballen auf der Motorhaube fest und bohrt dann den Absatz sacht in den Kofferraum, hört aber wieder auf, um noch einmal anzufangen und den Absatz diesmal durch das Wagendach zu stanzen. Man hört das Splittergeräusch, es ist offenbar wichtig, obwohl es sich nicht im Geringsten von anderem zerbrechenden Plastik unterscheidet. Die Karosserie springt von der Bodenplatte. Der Fuß löst sich und tritt dann wieder zu, diesmal mehr vorne, auf die ganz gebliebene Motorhaube, aber die Wirkung ist nicht mehr so groß, weil die Haube schon aufgesprungen ist. Und dann sieht man dasselbe noch mal in Zeitlupe.

			Also ehrlich: Ist das krank, oder ist das krank?

			Eine kleine Wolke hat sich von der großen Wolke gelöst. Er überlegt, ob es eine Rauchwolke sein könnte, aber es ist Staub, kein Zweifel. Die kleine Wolke kommt rasch näher, es scheint ein Fahrzeug zu sein, aber er kann es nicht sehen, weil die Grenzstation ihm die Sicht verdeckt. Jetzt hebt der Posten seine Hand an den Kopf, er telefoniert. Er kennt das Fahrzeug wohl auch nicht, er will Anweisungen haben, ganz klar, er will seinen Chef fragen, was zu tun ist. Eigentlich etwas spät, die kleine Wolke nähert sich ziemlich schnell, und auch wenn er seinen Chef erreicht, wird er wohl nicht mehr rechtzeitig für die kleine Wolke seine Anweisungen haben. Vielleicht ruft er doch wegen der großen Wolke an?

			Was könnte das sonst sein? Letztlich muss es sein Gegenüber an der anderen Grenze nicht kümmern. Was immer da kommt, es verlässt sein Land, und wo ist dann das Problem?

			Ist es jemand Prominentes?

			Jemand Berühmtes?

			Ausgerechnet hier?

			Ausgeschlossen. Wenn da was Besonderes käme, dann wäre da drüben auch der Chef da und würde zusehen. Denn sehenswert ist allemal, was da hinter der Baracke hervorfährt: ein Geländewagen mit Zebraanstrich.

			In Pink.

			Der Wagen rauscht unbehelligt über die Piste in seine Richtung. Etwa hundert Meter vor der Grenze hält er an. Eine kleine Gruppe von Menschen steigt aus, alle weiß. Sie zeigen auf verschiedene Stellen im Staub, die sie ausprobieren, während sie erst auf die andere Grenzbaracke zeigen und dann auf seine. Einer von ihnen hebt die Hände, als würde er die andere Baracke mit Zauberkräften bestrahlen, dann dreht er sich langsam in der Hüfte, bis sich die Zauberstrahlen auf seine Baracke richten. Hin. Her. Hin. Her.

			Dann geht der Barackenbeschwörer zum Wagen zurück, öffnet die hintere Klappe, und plötzlich ergeben die Zauberhände einen Sinn. Er holt eine Kamera heraus und ein Stativ, und jetzt ist er es selbst, der zu seinem Handy greift und den Oberst anruft.

			»Was ist?«, fragt der.

			»Hier geht irgendwas ab, und ich dachte, das sollten Sie sich mal ansehen. Es ist so, dass …«

			»Das geht dich nichts an.«

			Das ist eine ungewöhnliche Antwort.

			»Wissen Sie was davon?«

			»Ich weiß nichts.«

			»Drum sag ich’s ja: Da ist Fernsehen. Fernsehleute. Weiße Fernsehleute. Und eine Wolke.«

			»Ich hab noch mehr zu tun. Kümmer dich einfach nicht darum.«

			»Wissen Sie, was da kommt?«

			»Nichts, was uns etwas angeht.«

			»Also von Ihnen aus ist das okay?«

			»Von mir aus ist nichts okay. Ich weiß von nichts, weil da nichts ist.«

			»Ich weiß nicht, ob wir von der gleichen Sache reden. Was da auf mich zukommt, sieht nach mächtig viel Nichts aus!«

			»Hör mal zu, du Quatschkopf: Wir sind nicht im Krieg. Also: Solange du keine feindliche Armee anrollen siehst, störst du mich jetzt nicht weiter. Ich hab nämlich zu arbeiten.«

			»Ich weiß nicht, was da anrollt!«

			»Was soll das schon sein? Wenn da irgendein Feind kommt, ist nicht vorher das Fernsehen da. Und alles andere interessiert mich nicht.«

			»Ich …«

			»Ich erwarte von dir, dass du mir Ärger vom Hals hältst. Ich will kein Gequengel, keine Scherereien, keine Toten, klar? Und wenn ich dich das nächste Mal hier in der Leitung habe, dann will ich, dass mindestens ein Panzer vor dir steht!«

			Dann ist die Leitung tot. Es kommt also tatsächlich niemand, um sich anzusehen, was es da anzusehen gibt. Er nimmt ratlos das Gewehr von der Schulter. Mit der Waffe in der Hand sieht er zu den Fernsehleuten. Ihre Kamera dreht sich langsam zu ihm, er kommt sich auf einmal extrem albern vor mit dem Gewehr in der Hand, wie er da das große Nichts bewacht, also lässt er es sinken und hängt es sich wieder über die Schulter, möglichst gleichmütig, als wäre es ihm nur zu schwer geworden.

			Die Wolke wächst, und sie kommt näher. Die Fernsehleute richten nun die Kamera auf ihn, und er versucht so auszusehen, als hätte er alles im Griff. Er späht hinüber. Was macht der Kollege auf der anderen Seite? Auch sein Gegenüber hat sein Gewehr umgehängt, jetzt nimmt er es in die Hand, den Finger in der Nähe des Abzugs, aber er geht trotz seines unablässigen Blicks ins Hinterland nicht hinaus auf die Piste, er stellt sich niemandem in den Weg, er bleibt im Schatten, als wäre er genauso ratlos.

			Die Weißen haben für den Augenblick wohl genug Bilder. Sie stehen nicht mehr an der Kamera, aber sie bauen sie auch nicht ab. Sie haben sich in den Schatten ihres Autos gesetzt und reden miteinander. Er versteht nicht, worüber, aber immer wieder schütteln alle gemeinsam den Kopf. Wenn sie nicht da wären, würde er hinübergehen und den Grenzkollegen fragen, ob er weiß, worum es geht. Aber so will er sich die Blöße nicht geben. Er kann auch nicht gut seinen Standort ändern, dann würden die Fernsehleute sehen, wie neugierig er selbst ist, und sie würden wohl anfangen, seine Neugier zu filmen. Das könnte man schon als Scherereien betrachten.

			Die Wolke wächst. Aber der Blick auf seinen Kollegen beruhigt ihn. Der steht im Schatten und raucht. Es kann sogar sein, dass sich all das überhaupt nur auf seiner Seite abspielen wird, und die Fernsehleute sind einfach nur dort, wo sie sind, weil sie von dort den besten Blick haben. Und der Kollege kriegt eine kleine Nebenrolle.

			Warum haben sie dann auch ihn gefilmt?

			Weil er eben auch zusieht, genau. Das machen sie oft, sie zeigen irgendwas, und dann schneiden sie eine Eidechse oder einen Hund dazwischen, der sich das gelangweilt ansieht und –

			»Das geht dich nichts an.« Seltsame Antwort.

			Es kommt Bewegung in die Fernsehleute. Einer geht an sein Telefon. Dann steht er auf und blickt über das rosa Zebra-Auto hinweg zum Grenzkollegen. Er bückt sich, mit dem Handrücken stupst er an die Schulter eines Kollegen. Der schubst weiter, bis alle aufstehen.

			Der Kollege setzt sich in Bewegung. Er geht zum Schlagbaum und klappt ihn hoch. Die Fernsehleute sehen in die Ferne und schütteln den Kopf. Dann sehen sie zu ihm, als müsste er auch den Kopf schütteln. Worüber denn, verdammt noch mal? Er wünschte fast, einen Panzer zu sehen, dann dürfte er nach neuen Anweisungen telefonieren. Warum muss ausgerechnet er heute Dienst haben? Er wäre nicht mal dran gewesen, er ist ja nur eingesprungen. Kaum lässt man sich mal breitschlagen, gibt es Ärger.

			Der Kollege hebt die Hand an die Stirn, um seine Augen gegen die Sonne abzuschirmen. Der Wind treibt den Staub in seine Richtung, der Staub ist schneller als das, was ihn aufwirbelt. Sein Kopf mit der salutartigen Hand steht fast still, aber er bewegt sich langsam, als würde er eine riesige Entfernung abschätzen.

			Was kann da kommen?

			»Das geht dich nichts an.«

			Was ist das überhaupt für eine Antwort?

			Der Oberst ist auch nicht da, und auch wenn er nicht weiß, warum – ihm kommt plötzlich der leise Verdacht, dass der Oberst es genau weiß. Und wenn es gut für den Oberst ist, jetzt nicht hier zu sein, kann es dann für ihn gut sein, da zu stehen, wo der Oberst nicht stehen will?

			Was kann da kommen, was er aufhalten könnte?

			Und wenn er es aufhält, wird es ihm irgendjemand danken?

			Oder wird es heißen, dass er es hätte durchlassen sollen?

			Er kann es nicht beweisen, aber plötzlich hat er den festen Verdacht, dass nur deshalb niemand außer ihm hier ist, weil niemand hier sein will. Und dann sieht er es. Es kommt unten aus der Wolke.

			Es sind Menschen.

			Eine Kolonne von Menschen. Sie sind nicht bewaffnet. Es sind einfach nur viele Menschen, hinter denen offenbar auch viele Menschen laufen. Manche haben Kinder dabei, einige sind allein. Sie haben zusammengerollte Decken, als gingen sie zu einer Übernachtung. Sie rennen nicht, sie laufen ruhig, als wüssten sie, dass sie weiterlaufen dürften. Trotz der Grenze. Sie diskutieren nicht mit seinem Gegenüber, sie gehen einfach durch den offenen Schlagbaum. Das sind Leute wie die aus den Flüchtlingscamps. Das sind Flüchtlinge, und jetzt wird ihm auch klar, was das Gegenüber von seinem Vorgesetzten gehört hat:

			»Wenn sie gehen wollen, lass sie doch.«

			Darum steht das Gegenüber auch so lässig da und sieht zu, wie sie alle an ihm vorbeiziehen. Er sieht im Feldstecher, wie sich der Kollege umdreht, auch den Feldstecher an die Augen hebt und in seine Richtung schaut. Ihre Blicke treffen sich. Sein Gegenüber grinst breit und winkt ihm zu, ohne den Feldstecher abzusetzen. Der Kollege verblasst leicht in der Staubwolke der riesigen Kolonne, die sich jetzt auf die Fernsehleute und ihn zubewegt. Ein Ende der Kolonne ist nicht in Sicht.

			Er zeigt auf die Menschen, den Feldstecher immer an den Augen. Er macht überdeutliche Zählbewegungen, ein Finger, zwei Finger, drei Finger zeigt er überdeutlich mit der Hand, dann macht er eine ratlose Geste: Wie viele kommen denn da? Das Gegenüber lacht auf, er sieht sich um und macht die beiden Arme erst auf und dann weiter auf und dann noch weiter auf. Man könnte seinen Gesichtsausdruck fassungslos nennen, aber diese Fassungslosigkeit verschwindet hinter der alles überlagernden Erleichterung, dass diese Menschen nicht sein Problem sind.

			Ihm wird klar, dass man eine Menge Leute bräuchte, um diese Hunderte, wenn nicht Tausende Menschen aufzuhalten, eine Menge Leute mit Knüppeln oder Schusswaffen. Und ihm wird klar, dass es kein Zufall ist, dass er hier alleine steht. Dass er nicht genug Freunde in den richtigen Positionen hat, die ihn aus dieser Scheiße heraushalten wollen. Er ist das dumme Arschloch, dem keiner was sagt.

			Er sieht jetzt das rosa Auto und die Kamera nicht mehr. Zu viele Menschen. Keiner von ihnen würdigt ihn auch nur eines Blickes, als sie auf ihn zukommen. Sonst haben die Menschen Respekt vor einem Mann in Tarnfleck und mit einem Gewehr, aber diese Hunderte von Menschen halten es für ausgeschlossen, dass er etwas unternehmen könnte.

			Er hört Flüche, die er nicht versteht. Er sieht durch den Staub und die Menschen hindurch auf die andere Seite, und da steht der pinkfarbene Zebrawagen, und ein Mann flucht und schreit, weil er offenbar zwischen den Menschen hindurch seine Reaktion aufnehmen wollte, aber die Kamera kann wegen des Staubs nichts erkennen, er selbst sieht den pinkfarbenen Wagen ja nur noch mit Mühe.

			Was wird morgen geschehen? Wo werden all diese Menschen hingehen? Niemand wird über sie begeistert sein. Dann wird man Fragen stellen. Und ihm fällt keine, aber auch gar keine Entwicklung der Dinge ein, bei der nicht irgendwann jemand wissen will, wer damals eigentlich Dienst an der Grenze hatte.

			Es wird aber nicht »wer« heißen, sondern »welcher Idiot«.

			Er blickt ratlos dorthin, wo all diese Menschen herkommen, die ihn schon längst passiert haben. Es ist nicht abzusehen, wo der Strom endet. Es sind kaum Alte dabei, das fällt ihm jetzt schon auf, und sie scheinen leichter beladen, so als hätten sie keine Zeit gehabt, zu packen.

			Oder als bräuchte man dort, wo sie hingehen, vieles nicht.

			Er lässt das Gewehr über der Schulter, er schlendert lässig zur Straße und fragt launig in die Menge hinein: »Na, wo geht’s denn hin?«

			Es ist eine Frau mit zwei Kindern an der Hand, die ihm antwortet.

			»Nach Deutschland.«

			»Zu Fuß??«

			»Ich bin nicht die Reiseleitung. Wenn du Fragen hast, wende dich an den Langen da hinten!«

			Er bemüht sich, im Durcheinander einen Langen da hinten zu erkennen. Die Frau geht weiter. Das kleine Mädchen an ihrer Hand lacht und winkt ihm zu.

			»Ottobafes!«

			Zehn bis zwanzig Minuten, schätzt er, wird es dauern, bis sich der pinkfarbene Zebrawagen durch die Masse gezwängt hat, auf die andere Seite, zu seinem Grenzposten. Zehn bis zwanzig Minuten bleiben ihm, bis die Kameras kommen. Er holt tief Luft, und dann weiß er, was passieren wird.

			Die Weißen werden an seiner Baracke ankommen. Sie werden wetternd aus dem Wagen springen und auf den Fahrer einzetern, weil er so lange gebraucht hat. Dann werden die Fernsehleute nach etwas suchen oder nach jemandem.

			Sie werden niemanden finden. Einer wird den Kameramann zu sich winken, und der wird dann eben das filmen müssen, was noch zu sehen ist: seine Uniform auf einem Stuhl. Sein verwaistes Gewehr, das an der Baracke lehnt.

			Und seine Dienstmütze, die über dem Lauf hängt.





20


			Sensenbrink hat sich schon mal besser gefühlt. Er hat gestern entsetzlich geschlafen und vorgestern auch. Er hat seine Frau mehrfach angeschrien, weil sie ihm so auf die Nerven gegangen ist. Sie hat natürlich gemerkt, dass er nichts mehr trinkt, und sie weiß, dass das auf Schwierigkeiten hindeutet, weil er dann immer sofort mit dem Alkohol aufhört. Das gibt ihm das Gefühl, er könnte die Dinge jetzt besonders gut kontrollieren. Er weiß, dass das Unsinn ist. Er trinkt ohnehin nicht viel.

			Und sie dann mit ihrer Scheißeinfühlsamkeit: »Hast du Schwierigkeiten?« Allein der Tonfall, wenn er den schon hört. Er hat normalerweise nichts gegen seine Frau, aber dieser einfühlsame Tonfall.

			Dieses Mütterliche.

			Daran liegt es wahrscheinlich. Es ist dieser mütterliche Ton, und dann reagiert man eben so, wie man bei seiner Mutter reagiert. Man geht in sein Zimmer und schlägt die Tür zu und schiebt den Kleiderschrank davor. Aber man muss fair bleiben: Insgesamt liegt es natürlich nicht an der dummen Gans.

			Sondern an der blöden Kuh.

			Er merkt, wie ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Es ist dieses Gefühl des Risikos, und Sensenbrink hasst das Risiko. Er ist Manager, verdammt noch mal. Wenn er scharf aufs Risiko wäre, dann wäre er Unternehmer. Aber jetzt hat ihn diese Schwachsinnige praktisch zum Unternehmertum hingetrickst.

			Diese Irre!

			Eine tadellose Sendung war das, die brummte ohne Ende. Aus dem Nichts fabriziert, keiner hat einen Pfifferling drauf gesetzt, aber genau das ist ja seine Stärke, auch wenn das zuletzt ein bisschen in Vergessenheit geraten ist. Dass er einen siebten Sinn hat für das etwas Abseitige. Ein Sensenbrink läuft eben nicht dauernd dem Mainstream hinterher, weil er nämlich schon einiges gesehen hat, das funktioniert. Aber dazu muss man halt auch etwas älter sein als diese ganzen Hoppelhäschen auf der Etage. Gretchen Dummschlunz & Co., wenn man die fragt, auf welchem Kanal Loriot seine Sachen entwickelt hat, dann sagen die »Youtube!«.

			Radio Bremen war’s!

			Das war mal Fernsehen!

			So, und ist es jetzt Zufall, dass er es war, der aus E-Zwo eine Cash Cow gemacht hat? Allein die letzte Staffel, das waren hundertfünfzig Millionen, roundabout, und das sind nur die Werbeeinnahmen, da ist das Merchandising noch nicht mit eingerechnet. Oder die Steigerung des Börsenwerts, über seine Optionen hat der Kärrner da auch noch mal ein schönes Sümmchen dazuverdient. Und das hätte sauber so weitergehen können. Nächstes Jahr spätestens hätten sie ihm einen Platz in der Geschäftsführung anbieten müssen. Eine ganz einfache, bombensichere Sache. Und was macht diese Schwachsinnsgans daraus? Ein Himmelfahrtskommando!

			Das weiß doch keiner, wo das endet!

			Oder im Gegenteil sogar ganz genau: in einem Fiasko. Das kann nur in einem Fiasko enden. Wenn du beim Roulette sitzt, wenn deine Zahl gekommen ist, nicht nur ein Mal, sondern zwei Mal, dann setzt du nicht nochmal alles. Dann stehst du auf und sagst: »Danke schön, meine Herrschaften, das war’s!« Aber so schnell hat man ja gar nicht schauen können, wie diese Irre die gesamte Kohle wieder auf den Tisch schiebt.

			Piffpaff, schon rennt sie mit hundertfünfzigtausend anderen Irren über die Grenze. Was ist ihm denn da übrig geblieben, als dem Kärrner das als die Story des Jahrhunderts zu verkaufen? Was hätte er denn sonst sagen sollen? »Die Hackenbusch wächst mir über den Kopf. Ich hab die nicht mehr unter Kontrolle. Wir müssen E-Zwo sofort abbrechen!«

			Natürlich hätte man die Kameras auch einfach so abziehen können. Man sagt nicht, dass einem der Star durchdreht, man sagt einfach, dass es jetzt einfach mal genug ist mit Elend und so. Aber dann Kärrner: »Nadeche Hackenbusch läuft mit hundertfünfzigtausend Flüchtlingen nach Europa. Und wir sind nicht dabei? Noch schlimmer: Wir waren schon vor Ort, wir hatten exklusiven Zugang, und Sie blasen die Sache ab? Wie bescheuert sind Sie eigentlich? Sie gehen morgen zu Frau Schaabe, die hat schon Ihren Auflösungsvertrag.«

			Und ab da ist man Sensenbrink, der Typ, der die größte Story aller Zeiten abblasen wollte.

			Also lässt man die Kameras vor Ort. Aber dann darf nicht rauskommen, dass man im Grunde keine Ahnung hat, was da eigentlich passiert. Dass da, genau genommen, einfach eine Schwachsinnige mit hundertfünfzigtausend Flüchtlingen herumzieht und man selbst einfach nur hinterherfilmt. Klar, ein Sender darf schon mal wie eine Wundertüte sein. Aber nur für den Zuschauer. Die Leute, die die Wundertüte bestücken, die müssen natürlich wissen, was sie da reintun. Und es grenzt an ein Wunder, dass er es geschafft hat, Kärrner im Wesentlichen nur mit den Zauberworten »Hackenbusch« und »Hundertfünfzigtausend!« davon abzubringen, die Frage zu stellen, die er beim nächsten Meeting garantiert stellen wird. Bis dahin muss eine Antwort her. Weshalb Sensenbrink die Frage jetzt selbst stellt:

			»Also, Herrschaften: Was ist unsere Story?«

			Ein ganzer Raum voller Ratlosigkeit. Einige krakeln auf ihre Blocks. Verblüffend, wie viel die in welcher Zeit zeichnen können. Dabei hat man sonst gar nicht den Eindruck, dass die so schnell denken. Die meisten weichen seinem Blick aus. Die neuen Autoren erkennt man daran, dass ihnen das wenigstens noch unangenehm ist.

			»Aufwachen! Hallo! Input! Was ist unsere Story?«

			»Nadeche Hackenbusch«, sagt Olav müde.

			»Hundertfünfzigtausend Flüchtlinge«, sagt Anke. Die ist eigentlich zuverlässig.

			»Und dann was – ein Gangbang? Wird das hier eine Reizworterzählung? Die Hackenbusch und die Flüchtlinge sind die Prämisse, aber wie geht die Geschichte weiter?«

			»Wie sollen wir das wissen?«, fragt Olav und holt eine Schokoerdnuss aus der Schüssel am Tisch. »Die Geschichte passiert doch gerade erst.«

			»Aha. Und was machen wir? Wir schauen zu und schreiben’s auf?«

			»Na ja, das ist doch Journalismus. Wollten wir nicht mehr in Richtung Journalismus?«

			»Ich habe nicht gesagt, ›Journalismus‹. Ich habe gesagt, ›Schreinemakers‹.«

			»Ist da ein Unterschied?«

			Das kommt von so einem Alm-Öhi im Anzug. Sensenbrink versucht, sich sein Gesicht zu merken, aber er ähnelt zu sehr zehn anderen Alm-Öhis. Jeden Tag betet Sensenbrink, dass endlich die Vollbärte wieder aus der Mode kommen und man den Leuten ihr Alter wieder ansieht.

			»Die Schreinemakers hat genau gewusst, was sie sendet«, hilft ihm Beate Karstleiter aus.

			»Ich will euch mal klar sagen, worum es hier geht«, sagt Sensenbrink streng. »Ihr wisst wahrscheinlich nicht, wie ich die da oben bekniet habe, damit sie das hier mitmachen. Die haben das gesamte Programm umgestellt, um das hier weiterzusenden. Eigentlich würde jetzt schon irgendein Mist aus der Konserve laufen, aber sie tun es nicht, weil die Prämisse geil ist. Sie zahlen euch weiter, sie zahlen die ganze Abteilung weiter, obwohl die Konserven billiger wären. Was meint ihr wohl, wie lange das weitergeht?«

			»Solange die Quoten stimmen«, sagt ein Bruder des Alm-Öhis frech.

			»Gut, dann fragen wir doch mal, ob die Quoten stimmen. Silvie?«

			»Die Quoten stimmen auf jeden Fall. Ich denke, wir könnten derzeit sogar riskieren, die Sendung gegen die Tagesschau laufen zu lassen.«

			»Aber du hast mir gesagt, dass das nicht nur positiv ist«, hält Sensenbrink Silvie auf Kurs.

			»Na ja, klar: Die Quote sagt nur, wie viele Leute zusehen. Aber sie sagt nicht, warum oder ob und wie zufrieden sie damit sind, was sie bewegt. Da bekommen wir von der Zuschauerredaktion extrem gemischte Reaktionen. Hayat, magst du mal was sagen?«

			Sensenbrink weiß noch immer nicht, ob er die Kopftuchtante am Tisch gut finden soll oder nicht. Je öfter er sie in Konferenzen sieht, desto öfter denkt er, dass sie sich optisch hervorragend mit den ganzen Alm-Öhis ergänzt. Schon seltsam, wie die einen versuchen, superhip zu sein, und die anderen superkonservativ, und dann sehen sie alle zusammen auch nicht anders aus als die Leute aus einem Kuhdorf vor zweihundert Jahren. Andererseits hat diese Hayat bisher immer ihre Zahlen extrem nüchtern analysiert.

			»Die Reaktionen sind so, dass die Leute die Sendung geil finden«, sagt Hayat. »Nach wie vor. Es ist aber eine extrem volatile Situation.«

			Sensenbrink verzieht das Gesicht, als hätte er beim Nachtisch auf einen Kirschkern gebissen: »Wer weiß, was volatil heißt?«

			Niemand äußert sich. »Volatil heißt: scheiße«, übersetzt Sensenbrink genervt, »das kann morgen schon kippen. Das ist genau das, was wir nicht wollen. Und jetzt weiter im Text, aber bitte auf Deutsch!«

			»Die Zuschauer haben als Fans von E-Zwo angefangen, aber jetzt sind sie verunsichert. Denn E-Zwo, auch das Special, das hatte immer einen eindeutig positiven Touch. Nadeche Hackenbusch geht vor Ort. Nadeche Hackenbusch hilft, lindert, tröstet. Das fanden die Zuschauer gut, und sie haben gerne hingeguckt.«

			»Das ist doch jetzt genauso«, sagt Olav.

			»Und noch mit einer Lovestory!«, meint die eigentlich zuverlässige Anke.

			»Nein, es gibt einen Unterschied. Bei Engel im Elend konnte man erwarten, dass hinterher alles gut ist. Es gab ein paar Probleme, und die Probleme wurden gelöst. Aber hier sehen die Leute keine Lösung. Sie haben keine Gewissheit, wie die Sache ausgehen wird.«

			»Aber wird die Sache nicht gerade dadurch spannend?«

			»Einerseits ja. Aber es beeinträchtigt den Genuss.«

			»Sollen wir dann jetzt das Flüchtlingsproblem lösen, oder was?«

			»Ich weiß nur, dass die Leute total aufgewühlt diskutieren«, konstatiert Hayat. »Wir haben Traffic ohne Ende. Natürlich sind auch die Standardfragen dabei, ganz viele wollen spenden und wissen nicht, wo oder wofür. Aber es geht auch darum, dass die Leute verwirrt sind. Sie wissen nicht, was wir für eine Geschichte erzählen.«

			»Das ist doch egal, solange die Geschichte gut ist«, grinst Olav breit.

			»Für den Moment mag das stimmen. Langfristig ist das ein Risiko für den Sender. Wenn E-Zwo weiterlaufen soll, würde ich empfehlen, dass man als Sender eine eindeutige, unangreifbare Stellung einnimmt. Sonst werden uns andere vielleicht in eine Schublade stecken, aus der wir nicht mehr rauskommen.«

			Sensenbrink staunt, was da alles aus dem Kopftuch kommt. Aus einem Kopftuch, das sich ziemlich weit aus dem Fenster lehnt, aber es schildert tatsächlich präzise die Situation.

			»Das wäre auch eine Schublade, in die der Anzeigenkunde nicht reinwill«, sagt er, um der Darstellung etwas von seinem Chefgewicht zu verleihen.

			»Das hängt doch nur vom Produkt ab«, sagt Olav lässig. »Wir müssen den Leuten einfach klarmachen: Wir erzählen hier eine ganz neue Art von Geschichte. Eine Doku-Soap ohne Skript.«

			»So was wie die Kochprofis, aber mit einem Anliegen«, sagt ein Alm-Öhi.

			»So wie Katzenberger heiratet. Hackenbusch flüchtet.«

			»Und fickt einen Neger!«

			»Huuuuuu!«

			Sensenbrink schlägt mehrfach mit der flachen Hand auf den Tisch. Er sieht, wie das Kopftuch Luft holt. Sie wagt nicht, ungefragt zu sprechen, also hilft er ihr mit einer unterstützenden Geste. Das ist auch besser, als sich selbst einzumischen. Sie scheint eine Meinung zu haben, und Sensenbrink gäbe gerade viel darum, wenn er schon eine hätte.

			»Doku ist, wenn man filmt, was ohnehin passiert. Aber wenn man es böse formulieren will: Wir haben das Ganze doch ausgelöst. Man könnte sogar sagen: Diese ganze Aktion funktioniert überhaupt nur, weil wir mit den Kameras dabei sind«, sagt Hayat ungeduldig. Und als keine Reaktion kommt, hängt sie sichtlich verärgert an: »Der Zuschauer ahnt, dass es hier Tote geben könnte. Tote! Weil. Wir. Mit. Der. Kamera. Dabei. Sind.«

			»Na, na, so würde ich es nicht sehen«, bremst Sensenbrink, »aber die Kollegin Hayat hat vollkommen recht, man könnte es böswillig so hindrehen. Ich halte noch mal für alle fest: Wir sind hier durch eine Verkettung ganz außergewöhnlicher Umstände in eine schwierige Position geraten, und das Tolle ist, dass wir uns hier voll und ganz unserer Verantwortung stellen. Das macht sonst kaum ein Sender. Aber – wir haben eben auch eine Verantwortung dem Sender gegenüber.«

			Sensenbrink denkt heftig nach. Er bräuchte jetzt eine Brücke, eine zwingende Überleitung zu seinen Maßnahmen oder irgend so was. Wenn er nur schon eine Idee hätte.

			»Und das heißt?«, fragt die eigentlich zuverlässige Anke.

			»Das heißt«, schlingert Sensenbrink, »dass … ich meine, wir alle haben doch gewusst, dass das ein großes Experiment ist. Deshalb haben wir ja auch Nadeche gebeten, weiter dortzubleiben. Mein Gott, was habe ich diese Frau bearbeitet! Aber – wie Olav ganz recht gesagt hat – wir wissen nicht, wie diese Sache ausgeht. Es kann auch, sagen wir, nicht so gut ausgehen. Da sterben vielleicht tatsächlich einige Leute. Oder sogar, also wenn’s ganz blöd läuft, viele. Und dann darf es nicht sein, dass …« Sensenbrink bricht ab. Ihm wird ganz schwummerig bei dem Gedanken, wie Kärrner ihn zu sich ruft, weil plötzlich die ersten Kinderleichen auf dem Bildschirm zu sehen sind.

			»Dann darf es nicht sein, dass wir als der Sender dastehen, der für die Quote Flüchtlinge verheizt«, beendet Karstleiter den Satz. »Sie sehen – wir brauchen eine Position, durch die der Sender die Sache schildern kann, ohne sich damit gemeinzumachen.«

			»Also, das ist jetzt ein bisschen sehr sachlich ausgedrückt«, sagt Sensenbrink, »fassen wir es lieber so zusammen: Das darf auf keinen Fall aussehen wie die große MyTV-Fluchthilfe.«

			»Dann ist ja Nadeche das Problem«, sagt Olav gleichmütig.

			»Wieso denn das?«

			»Na, wenn die nicht vor Ort wäre, dann wären wir’s auch nicht. Das war doch sowieso geplant, dass wir wieder aufhören. Wenn wir einfach das Finale gesendet hätten und sie heimgekommen wäre, gäbe es jetzt kein Problem.«

			»Dann müssen wir sie eben zurückholen«, seufzt Karstleiter, »das kann ja nicht schwer sein. So begeistert war sie ja von Anfang an nicht.«

			Das läuft ja jetzt in eine ganz falsche Richtung, denkt Sensenbrink. »Das … das sollte nicht unsere erste Option sein«, bremst er. »Wir müssen auch an die Unternehmenszahlen denken, an die Anzeigenkunden. Und an die Menschen.«

			»Anzeigenkunden sind auch Menschen«, stichelt Olav.

			»Ich weiß, Sie haben dafür gekämpft«, meint die eigentlich zuverlässige Anke, »aber Sie haben ja selbst gesagt: Das Risiko ist einfach zu hoch.«

			»Wir können trotzdem nicht mehr raus«, sagt Sensenbrink. Er klingt jetzt entschlossener, weil ihm gerade ein gutes Argument eingefallen ist. »Wenn man es so sehen kann, wie Hayat es gesagt hat, wenn all das nur passiert, weil unsere Kameras da sind – dann würden es uns umgekehrt die Zuschauer auch vorwerfen, wenn wir diesen Menschen die Kameras wieder wegnehmen. Die Kameras und damit auch«, hier macht Sensenbrink extra eine kleine Pause, »die Hoffnung. Das wäre, als würden wir sie im Stich lassen. Wir und, äh, und alle Zuschauer.«

			»Na ja, die Zuschauer könnten ja weiter irgendwie spenden oder so«, sagt ein Alm-Öhi.

			»Das können wir nicht machen.« Beate Karstleiter schüttelt den Kopf.

			»Andere machen das doch auch.«

			»Ja, für Flüchtlinge, die in Lagern sitzen. Das geht jederzeit. Wir können aber nicht Spenden für Leute sammeln, die sich auf den Weg zu uns machen. Das macht uns ja praktisch zu Schleppern.«

			»Nee, Moment«, wendet die eigentlich zuverlässige Anke ein, »Schlepper nehmen Geld, wir aber nicht.«

			»Es geht trotzdem nicht«, sagt Sensenbrink barsch, »denkt doch mal mit! MyTV holt hundertfünfzigtausend Flüchtlinge nach Deutschland, das ist doch eine komplett illegale Aktion! Mensch, Mensch, Mensch. Wir brauchen realistische Vorschläge.«

			»Menschen für Menschen!«, platzt das Kopftuch heraus.

			»Bitte?«

			»Menschen für Menschen«, wiederholt das Kopftuch, »erinnern Sie sich nicht?«

			»Der Dings?«

			»Der mit den Sissi-Filmen?«

			»Der hat doch auch Menschen in Afrika geholfen. Angefangen hat er mit einer Wette bei ›Wetten dass …‹, da hat er Geld gesammelt, und damit ist er dann nach Afrika gegangen und hat Leuten geholfen.«

			»Karlheinz Böhm!«, entfährt es Olav. »So hieß der!«

			»Schön. Und was bringt uns das?«

			»Das Modell könnten wir wiederholen«, sagt das Kopftuch. »Dann müssten wir Frau Hackenbusch nicht zurückholen.«

			Sensenbrink sieht in den anderen Gesichtern, dass sie genauso wie er rätseln, wo der Unterschied ist.

			»Und«, sagt das Kopftuch jetzt wieder etwas verunsicherter, »es wäre nicht unsere Aktion. Wir könnten wieder ganz normal darüber berichten …«

			»Wenn Nadeche Hackenbusch das Geld einsammelt?«, hakt Karstleiter langsam nach.

			»Boah!«, sagt Olav. »Genau. Die Geschichte geht so, dass wir eine ganz normale Doku gemacht haben. Und währenddessen ist dann Nadeche die Idee gekommen …«

			»Sie geht mit den Flüchtlingen los, und wenn jemand spenden will, dann tut er das bei ihr«, begreift jetzt auch die eigentlich zuverlässige Anke.

			»Das müsste man natürlich so organisieren, dass nichts davon über den Sender geht«, notiert sich Karstleiter. »Wir sind dann einfach nur das Fernsehteam, das über die Angelegenheit berichtet, wie es jeder andere Sender könnte …«

			»Mit dem Unterschied, dass wir jederzeit Zugang zu den Hauptpersonen haben«, unterstreicht Sensenbrink.

			»Wir sind aber mit Herzblut dabei. Wir leiden mit, wir hoffen mit …«

			»… nicht mit der Sache …«

			»… nie mit der Sache, das hat schon der Hape Friedrichs gesagt …«

			»… Hajo heißt der Mann, nie mit einer Sache gemeinmachen …«

			»… nein, aber mit den Menschen …!«

			»Genau, den Menschen!«

			»Wir sind dabei, jeden Tag, wir begleiten die Aktion von Nadeche Hackenbusch …«

			»… die braucht noch einen geilen Namen …«

			»Hackenflucht!«

			»D’r Zoch kütt!«

			Sensenbrink lehnt sich entspannt zurück. Er betrachtet das Kopftuch wohlwollend, er lächelt ihm zu. Und er weiß schon, was er Kärrner beim nächsten Meeting anbieten wird. »Herr Kärrner: Wir haben Karlheinz Böhm mit Titten.«





21


			Carlo ist okay. Carlo ist keiner von diesen anbiedernden Italienern mit Singen und Duzen und Grappaaufshaus. An der Wand ist keine Rialtobrücke, die aussieht, als hätte sie ein Vierjähriger gemalt, mit vorgeblendeter Uferpromenade aus Styropor vom Baumarkt.

			Es gibt auch keine Bildschirme für Fußball oder Kaminfeuer.

			Und keine Holzsteinofenpizza.

			Carlo hat Klasse. Und Carlo hat einen Trüffelhobel, den nur er bedient. Wenn er einen Gast gut kennt, hobelt er besonders lange Trüffel ins Essen. Das kann man zu jedem Essen haben, das passt ja auch immer, das ist im Grunde das, was früher der Parmesankäse war, allerdings für Leute mit Geschmack. Nicht dass der Staatssekretär Trüffel besonders gern äße, das Aroma ist ja doch gewöhnungsbedürftig, es geht ein wenig in Richtung von Knoblauch und dieser milden, zwiebligen Form von Mundgeruch, die man beim Partner gerade noch akzeptiert. Aber bei manchen Dingen dauert es eben etwas länger, bis man sie zu schätzen weiß. Oliven oder Weißbier hat er auch nicht gleich gemocht. Oder Red Bull. An Carlo liegt es jedenfalls nicht, dass der Staatssekretär appetitlos in seinem Salat stochert.

			»Hast du gestern im Fernsehen deine Freundin gesehen?«, fragt Lohm.

			Lohm sitzt ihm gegenüber und ist mit seinen Nudeln schon fast fertig.

			»Sag nichts!« Vielleicht hätte er statt des Salats nur eine Suppe nehmen sollen, aber bei Carlo sind die Suppen meistens fad. »Jetzt dreht sie endgültig durch.«

			»Ich weiß nicht. Ich mach ja gern Witze drüber, aber wenn ich ehrlich bin: Das geht schon beinahe in Richtung Karlheinz Böhm.«

			»Karlheinz Böhm!« Der Staatssekretär spricht den Namen aus wie eine Zumutung. »Geht’s noch? Karlheinz Böhm in Bekloppt vielleicht.«

			»Kann sein, aber immerhin: dass ausgerechnet eine wie die Hackenbusch so was macht.«

			»Da siehste ja schon mal, wie bescheuert die Sache ist.«

			»Aber auch spannend. Das macht kein normaler Mensch, wenn du so was durchziehen willst, brauchst du Idioten.«

			»Du nicht auch noch!«

			»Wer noch?«

			»Dreimal darfste raten. Der Alte. Das ist Quatsch. Kassandrarufe.«

			»Unkenrufe«, verbessert Lohm.

			»Unkenrufe, Kassandrarufe, wo ist da der Unterschied?«

			»Dass Kassandra recht behalten hat. Allerdings ist Leubl ja bislang auch nicht ganz falschgelegen, oder?«

			Der Staatssekretär schiebt den Salat jetzt komplett weg. Lohm schaut ihn fragend an, und als keine Reaktion kommt, zieht er die Schüssel gleichmütig zu sich. »Dein Chef hat ziemlich genau gesehen, dass die Lage schwer zu kontrollieren sein wird.«

			Der Staatssekretär sieht Lohm zu, wie er mit der Gabel anfängt, Karottenscheiben herauszuangeln.

			»Jajaja. Irrsinn ist immer schwer zu kontrollieren. Aber es bleibt Irrsinn!«

			»Meine Rede«, knurpst Lohm an den Karotten vorbei.

			»Das endet in einer humanitären Katastrophe!«

			»Ist das eine Verschlechterung?« Lohm pickt jetzt sortenrein Kirschtomaten auf.

			»Wie meinst du das?«

			»Na ja«, sagt Lohm, und dabei kullert ihm eine Kirschtomate von der Gabel. Er nimmt sie in die Finger und schubst sie zufrieden in seinen Mund. »Es hat ja schon als humanitäre Katastrophe angefangen.«

			Der Staatssekretär denkt kurz nach.

			»Es kann immer noch schlimmer kommen, und das kann denen selber doch auch nicht recht sein. Stell dir das doch mal vor: Hunderttausend Leute rennen in die Wüste. Ohne jeden Plan!«

			»Vielleicht haben sie einen.«

			»Willst du mir auf die Eier gehen, oder was?«

			»Nein, aber warum rennen hunderttausend Menschen auf einmal in die Wüste?«

			»Bin ich Jesus? Bei Walen weiß auch keiner, warum die plötzlich an Land schwimmen.«

			»Das sind aber keine Wale.«

			»Dann ist es eine Massenhysterie oder was weiß ich.«

			»Ist es das? Die Leute riskieren ihr Leben. Klar, es gibt immer wieder welche, die ein höheres Risiko eingehen. Aber nicht hunderttausend.«

			Der Staatssekretär atmet verärgert ein und verärgert aus. »Also gut. Nehmen wir mal an, du hast recht und es ist keine Massenhysterie. Wie soll denn dann dieser Plan aussehen?«

			»Keine Ahnung. Was fragst du mich? Ich weiß nur, dass Menschen keine Wale sind.«

			Der Staatssekretär verstummt schmollend. Er erhascht den Blick einer Kellnerin und ordert zwei Espressi, während Lohm mit erstaunlicher Geschicklichkeit die ausufernden Salatblätter in seinen Mund faltet. Der Espresso kommt. Der Staatssekretär nimmt keinen Zucker, rührt aber trotzdem darin herum.

			»Also schön. Tun wir mal so, als gäbe es einen Plan. Wie soll das funktionieren?«

			Lohm kaut nachdenklich. »Hundertfünfzigtausend Menschen. Vielleicht klingt das nur nach viel und ist es gar nicht.«

			»Wahrscheinlich übertreiben sie sowieso«, überlegt der Staatssekretär. »Aber lassen wir’s mal hundertfünfzigtausend sein. Jetzt gehste mal zum Technischen Hilfswerk und fragst die, was man braucht, um hundertfünfzigtausend Leute auch nur ansatzweise zu versorgen. Guck dir mal den Aufwand an, den schon irgendein Stadtteilfest braucht.«

			»Diese Menschen kommen vielleicht mit weniger klar. Wie man so hört, haben die da unten nicht so viele Stadtteilfeste, da geht’s dann auch mal ohne mobile Polizeiwache.«

			»Trotzdem«, fällt ihm der Staatssekretär gereizt ins Wort. »Was ist das Minimum? Was braucht jeder?«

			»Wasser?«

			»Genau. Und zwar nicht mal zum Duschen, sondern nur zum Trinken. Sagen wir, jeder braucht zehn Liter am Tag, das sind 1,5 Millionen Liter.«

			»Ist das viel? Was geht eigentlich in so einen Tankwagen?«

			»Eine halbe Million?«

			»Eine Badewanne sind hundertzwanzig Liter, glaub ich.«

			»Wie viele Badewannen sind ein Tankwagen?«

			Lohm legt die Gabel weg und zieht sein iPhone hervor. Er tippt ein bisschen, dann liest er vor: »Ein Tankwagen hat zwischen zwanzig- und vierzigtausend Liter.«

			»Okay. Sagen wir, dreißigtausend. 1,5 Millionen Liter durch dreißigtausend, das sind fünfzig Laster.«

			»Geht eigentlich.«

			»Ja, aber nicht ein Mal. Sondern jeden Tag. Dazu brauchst du nicht nur die Laster, du brauchst auch die Fahrer, und das auch nicht nur eben mal für vierzehn Tage. Wenn die die gesamte Strecke laufen wollen, dann muss man die jahrelang versorgen.«

			»Sieh an: Jetzt gibt’s bei dem Irrsinnsunternehmen sogar sichere Jobs.«

			Der Staatssekretär sieht Lohm grimmig an.

			»Schau nicht so. Ich sage ja nicht, dass das alles klappt. Wir haben nur gesagt, dass es keinen Plan gibt, und keine fünf Minuten später haben wir schon ein gutes Motiv, warum jemand ein Interesse haben könnte, dass die nicht alle verdursten. Und da reden wir nicht nur von den Wasserfahrern. Essen müssen die nämlich auch was.«

			»Ja, aber kochen können sie nicht. Irgendwo hört’s auf. Die haben doch da keine Gulaschkanonen vorrätig. Und Holz oder Campinggas für hundertfünfzigtausend Leute, das klappt nicht.«

			»Beim Wasser klappt’s, aber das Essen nicht?«

			»Das ist nicht die Bundeswehr! Das sind irgendwelche Dödel in Strandlatschen. Entschuldigung, aber ist doch so!«

			»Dann ist ja alles im Lack.«

			»Genau.«

			»Die krepieren wie Wale am Strand.«

			»Genau. Was aber schlimm ist.«

			»Natürlich. Ganz schlimm.«

			»Dann sind wir uns ja einig.«

			Der Staatssekretär kippt bekräftigend den Espresso herunter. Lohm schlürft vorsichtig. Der Staatssekretär hat mal gelesen, dass man Espresso nicht stürzt wie einen Schnaps. Andererseits hat er auch schon Italiener Espressi runterstürzen sehen. Wem soll man jetzt glauben?

			»Das mit dem Essen ist ja nur ein Problem. Der Unterschied zu bisher ist: Mit einem Schleuser wurde die Reise schneller, und man kam auf dem Laster durch die ganzen Gegenden durch, wo es nichts gibt außer Straße und Sand. Und ohne zu sagen, dass die Neger es nicht draufhaben: Zu Fuß müssen die da überall durch«, redet er auf Lohm ein. »Das sind Gegenden ohne jede Infrastruktur. Da ist kein Dorf, da ist nichts. Und da müssen die den ganzen Kram hintransportieren. Wenn man das anzweifelt, ist man kein Rassist. Das wäre auch für die Amerikaner kaum zu schaffen.«

			»Ist ja gut.«

			»Überleg doch mal! Einhundertfünfzigtausend – nie und nimmer! Das ist die gesamte Invasionsarmee der USA im Irak.«

			»Jaja, ich geb auf. Du hast gewonnen.«

			Der Staatssekretär lässt sich in seinen Stuhl sacken.

			»Gott sei Dank. Du hast mich beinahe schon nervös gemacht.«

			»Gut«, sagt Lohm. »Dann bleiben bloß noch die Bilder.«

			»Hm?«

			»Die Bilder! Erinnere dich: Es ist nicht nur eine Logistikfrage!«

			Der Staatssekretär zuckt zusammen. Das stimmt.

			»Das ist kein Haufen Flüchtlinge, der irgendwo krepiert«, sagt Lohm. »Das ist ein Haufen Flüchtlinge, der eine eigene Fernsehsendung hat. Moderiert von Nadeche Hackenbusch. Das fegt jede Daily Soap vom Markt.«

			»Das schläft ein …«

			»Genau. Da sterben Menschen, da verdursten Menschen, die It-Tante schlechthin turtelt mit einem schönen, einfühlsamen Flüchtling und weint bittere Tränen – und all das in echt, real. Du kannst gern darauf wetten, dass es einschläft, da halte ich jederzeit dagegen. Fünf zu eins.«

			Der Staatssekretär rührt sich nicht.

			»Ich sage dir, wenn sie es richtig machen, dann kriegen sie nicht nur genug Zuschauer. Die kriegen alle: die Sensationsgeilen. Die Menschenfreunde. Die Nazis, weil es sie rasend macht. Weil es so anders ist: nicht irgendein Starreporter, der nach dem Dreh sein Wasser gereicht bekommt …«

			»Wenn sie es richtig machen …«

			»Wenn ich’s mir recht überlege, ist das wie ein Dschungelcamp mit echten Toten und Nadeche Hackenbusch in Lebensgefahr. Wie können sie da überhaupt was falsch machen?«

			»Das macht dir richtig Spaß, hm?«

			»Was willst du? Ich bin noch immer bei den Grünen. Und bei all dem Mist, den wir machen: Dass Abschottung eine Lösung ist, haben wir noch nie geglaubt.«

			»Einhundertfünfzigtausend Menschen marschieren in den Tod, und alles, was du denkst, ist: Wir haben’s schon immer gesagt. Sogar die Gutmenschen waren früher besser.«

			Lohm sagt nichts. Der Staatssekretär auch nicht. Er sieht durch Lohm hindurch. Er weiß natürlich, dass sich kein Hype über Jahre hinweg halten lässt, aber solides Interesse schon. Er sieht, was Nadeche Hackenbusch schon in den ersten Sendungen im Flüchtlingsheim erreicht hat.

			»Sie gibt den Flüchtlingen ein Gesicht.«

			»Hm?«

			»Sie wird ihnen ein Gesicht geben«, sagt der Staatssekretär düster. »Und dann ist es aus. Dann kann man das Flüchtlingsproblem nicht mehr sachlich betrachten.«

			»Konnte man das jemals?«

			»Dann werden wir zermahlen. Zwischen Flüchtlingsfans und richtigen Nazis.« Der Staatssekretär schüttelt den Kopf. »Nein, es läuft alles auf diese dumme Nuss hinaus. Wir müssen sie da abziehen.«

			»Guter Plan. Wenn irgendwer wirkt wie jemand, der sich einfach irgendwo abziehen lässt, dann ist es vermutlich die Hackenbusch.«

			»Hast du bessere Vorschläge?«

			»Klar. Lass es wie einen Unfall aussehen.«

			»Das ist kein Witz mehr!« Er sieht Lohm verzweifelt an.

			Lohm stellt das Triezen ein: »Soll ich dir was Schönes sagen?«

			»Und das wäre?«

			»Es ist nicht deine Entscheidung. Letztlich ist das jetzt erst mal eine Sache des Außenministeriums. Oder die von deinem Chef, aber auf jeden Fall nicht deine.«

			Manchmal beneidet er Lohm. Diese Fähigkeit, Dinge einfach zu verdrängen oder aufzuschieben. Dass er sich einfach auf seinen Job zurückzieht und so tut, als gäbe es nichts anderes. Sogar damals, als die Amerikaner Trump gewählt haben. Die NATO war in Frage gestellt, die gesamte Weltordnung, und Lohm machte seinen Umweltkram, als sei der noch genauso bedeutend wie vorher. Als ob es in einer Welt, in der sich die USA nicht am Umweltschutz beteiligen, noch irgendeinen Unterschied macht, ob man eine Kröte rettet oder überfährt. Aber Lohm kann bei Bedarf seinen Horizont einfach auf den des Umweltministeriums reduzieren oder auf die Grillfeier am Wochenende. Er macht auch kein Geheimnis daraus. Lohms Philosophie geht so: »Diese Welt produziert jeden Tag immer mehr Scheiße. Und die muss irgendwann wieder hochkommen. Mein Job ist nicht, dass die Scheiße verschwindet. Mein Job ist, dass sie nicht hier hochkommt, sondern irgendwo anders. Dass sie nicht heute hochkommt, sondern irgendwann anders. Und das ist es, was ich tue. Ich pflanze keine Apfelbäumchen. Ich verschiebe Scheiße von hier nach dort und von heute auf morgen.«

			»Und wenn du nicht mehr verhindern kannst, dass die Scheiße morgen hier hochkommt?«, hat der Staatssekretär ihn mal gefragt.

			»Dann bin ich morgen woanders.«

			Das kann der Staatssekretär nicht. Er teilt durchaus den Grundpessimismus Lohms, aber er hasst Flickschusterei und hält es für eine Niederlage, wenn er zu solchen Mitteln greifen muss. Das ist es auch, was er an Leubl bewundert, diese Vorliebe für große, gründliche, entschlossene Lösungen, für die es sich auch lohnt, Mehrheiten zu organisieren. Aber hier sieht und sieht er keine Lösung.

			Er glaubt nicht an die Kollegen aus dem Auswärtigen Amt. Warum sollen sie das Problem lösen? Damit sich am nächsten Tag noch mehr Fernsehtrottel in irgendwelche Krisengebiete stürzen mit dem guten Gefühl, dass das Außenministerium sie im Zweifelsfall schützt? Die einzige Hoffnung ist die Entfernung. Die Schwierigkeit, hundertfünfzigtausend Menschen zu versorgen und zu koordinieren, und das monatelang. Jahrelang. Wenn die Sache einschläft, dann ist alles in Ordnung. Das ist es, was er hasst. Nicht planen können. Nicht entscheiden. Nur abwarten. Das ist es, was ihm am schwersten fällt. Das und zu wissen, dass derjenige, der jetzt eine richtige Lösung findet, einen Ministerposten sicher hat.



10.000 Kilometer für die Liebe

			Nadeche Hackenbusch und Lionel: Der Megastar hat eine Entscheidung des Herzens getroffen – jetzt hängt das Schicksal von 150.000 Menschen am Gedeihen eines jungen Glücks

			Von Astrid von Roëll


Wir alle kennen das Märchen von dem hässlichen Entlein, das später zu einem sterbenden Schwan wird. Doch diesmal ist alles anders: Der Schwan stirbt nicht, und das Entlein ist nicht hässlich. Sondern es ist die Geschichte einer jungen, starken Frau, die für ihre Liebe alles in die Waagschale wirft und damit die Herzen der ganzen Welt erobert. Es ist die Geschichte einer Frau, die sich selbst radikal neu erfindet, die endlich, endlich den Traum lebt, den nie eine Frau zuvor geträumt hat. Nadeche Hackenbusch hat jetzt diesen Traum wahr gemacht: Sie hat ihren Mann verlassen, um die große Liebe, die man nur einmal im Leben trifft, auf ihrem Weg nach Europa zu begleiten. Zu Fuß und allein. Mit 150.000 Flüchtlingen.

			Zehntausend Kilometer. Es soll ein Marsch für das Recht auf Leben sein, ein Marsch für das Recht auf einen Funken Hoffnung und – ein Marsch für das Recht auf ein kleines Glück. Ein Marsch voller Gefahren, dessen Ende niemand vorhersehen kann. Diese Sorge, diese Ungewissheit, sie sind schwer zu ertragen.

			Es ist nicht mehr die Nadeche Hackenbusch, die man noch vor wenigen Wochen kannte. Ihr weiches, lang fallendes Haar ist zu einem praktischen Knoten verwoben, als ich sie aufsuche. Ihre langen Beine stecken in einer beigefarbenen, einfachen Trekkinghose (Black Diamond), die Mammut-Softshelljacke steht offen, ein schlichtes blaues Merino-T-Shirt unterstreicht ihren bescheidenen Auftritt. Sie spürt meinen verwunderten Blick auf ihren schlanken Händen und lacht: »Ja, ich weiß, kein Nagellack – das wäre für mich vor acht Wochen noch unvorstellbar gewesen. Aber im Leben kann sich alles so schnell ändern. Ich meine: Kannst du das glauben? Ich kann es doch selbst kaum glauben!«

			Vor ihrem geistigen Auge ziehen die nur zu frischen Erinnerungen der letzten Tage vorbei wie ein Revue passierter Film: Keine 48 Stunden ist es her, dass Nadeche Hackenbusch in ihrer Sendung die Trennung von ihrem langjährigen Ehemann Nicolai von Kraken bekannt gibt. Gerüchte werden gemunkelt, Gedanken laut gedacht, es heißt, die Sendung würde eventuell ein paar Tage verlängert für die Hackenbusch-Krise. Doch am Tag, für den der Sender das große Finale angekündigt hatte, überrascht Nadeche Hackenbusch mit einer weiteren Meldung: Jetzt, so verrät sie der atemlosen Weltöffentlichkeit, wird sie doch nach Deutschland zurückkehren – jedoch nicht allein!

			»Es war ein spontaner Entschluss«, sagt die Star-Moderatorin, »es war eine Stimme in mir, die sagte, dass es einfach nicht so weitergehen kann.« Diese Stimme – kann es eine andere Stimme gewesen sein als die Stimme des Herzens? Denn der Grund für die Trennung ist – EVANGELINE-Leserinnen durften es früher ahnen als andere – ihr erstaunlicher neuer Begleiter Lionel. Der Mann, den sie »die Seele des Flüchtlingslagers« nennen, der entschlossene Menschenfreund, der junge Gandhi Afrikas, der mit seiner liebevollen Ehrlichkeit und seinen erfrischenden Wahrheiten ganz Deutschland im Sturm eroberte. Und was für Beobachter, die Nadeche Hackenbusch nicht kennen, wie ein plötzlicher Sommerflirt aussehen könnte, ist in Wahrheit auch die Begegnung mit einem besonderen Menschen, die magische Zauberlichter versprüht. Mit einem besonderen Menschen, der ein besonderes Schicksal hat, das bitterer nicht sein könnte: Er, selbst der unermüdliche Helfer der Hilflosen, ist ein Fremder aus einer fremden Welt, dem der Weg in unsere Heimat verschlossen bleibt.

			»Es war ein spontaner Entschluss«

			Man sieht es Nadeche Hackenbusch an, dass diese Erbarmungslosigkeit in ihr arbeitet, an ihr arbeitet, mit ihr etwas macht. Es ist eine kleine Falte zwischen ihren Augen hinzugekommen, eine Falte, die ihrem jungen Gesicht eine unerwartete Reife verleiht, eine Reife aus Nachdenklichkeit und Zorn. Sie zeigt die Wut einer Frau, die keine Behörde ist. Eine Frau, die stets sieht, was Menschen brauchen, und nicht immer nur das, was Menschen sollen. »Ich kann die Gesetze der Menschen nicht ändern«, sagt sie tapfer und wischt sich eine lose Haarsträhne hinter das Ohr, »aber ich kann gegen ihre unmenschlichen Folgen kämpfen. Und das tue ich an der Seite von Lionel. Er ist der Mann, den diese Menschen jetzt nötiger brauchen als alles andere.«

			Lionel hat dem Hunger ins Auge gesehen

			Sie spricht es nicht aus, aber sie sagt es deutlich: Hier verklumpen die Mühlen des Rechts das Mehl einer großen, großen Liebe. Denn nicht nur diese Menschen im Lager brauchen diesen gutaussehenden, schlanken Hoffnungsträger mit den geheimnisvoll-zärtlichen Augen. Es ist auch die Frau in Nadeche Hackenbusch, die seinen Optimismus jetzt so nötig hat wie eine zarte Blume. Und es berührt, wie Nadeche Hackenbusch, die doch überall in Europa ein Superstar ist, hier die eigenen Bedürfnisse aufopfernd zurücksetzt, wie sie die Frau hinter dem Engel verleugnet: Während sich die Augen der Welt auf die eindrucksvolle Menschenmenge konzentrieren, die das junge, frisch verliebte Paar auf diesem so gefahrvollen Weg umgibt, stellt sie ihre Ansprüche zurück. »Wir haben so viel zu tun, wir sehen uns so wenig«, sagt sie, und nur wer sie länger kennt, kann in ihrer festen Stimme das leise Zittern hören, das zeigt, wie viel Kraft es kostet, in diesen Tagen und Stunden Nadeche Hackenbusch zu sein. Denn auch wenn es Lionel ist, dem die Menschen vertrauen, so geht doch nichts ohne ihre Tatkraft.

			Aber bei allem Vorrang, den jetzt die Hilfe genießt, zwingt die Sorge angesichts der dauernden Belastung dazu, auch einen Blick in die Seele Nadeche Hackenbuschs zu wagen. Es ist gefährlich, starke Emotionen und tiefe Gefühle bei großem Stress zu ignorieren, daher ist es gerade jetzt, in der staubigen Hitze Afrikas, an der Zeit, die Frage zu stellen, die jetzt Millionen Deutsche bewegt:

			Was ist mit Nicolai von Kraken?

			»Es tut mir leid um Nicolai«, sagt Nadeche leise, während sie mit dem Unterarm den Schweiß von ihrer Stirn wischt. »Aber er wusste, dass wir nicht auf ewig füreinander bestimmt waren. Nicolai braucht jemanden anderes, er ist selbst noch ein Kind. Sicher, die Adoption, das Bekennen zu meinen Kindern, hat ihn erwachsener gemacht. Aber was ich in den letzten Monaten erlebt habe, hat mich wiederum in meiner persönlichen Entwicklung noch weiter nach vorne katapultiert und so auch weiter von ihm entfernt. Man muss einfach den Vergleich sehen: Lionel ist ein Mann, der dem Hunger ins Auge gesehen hat, der diesen Kontinent erlebt hat. Afrika ist wunderschön und wundergrausam, mit Tigern und Giftschlangen.«

			Und was wird aus ihren Söhnen? Aus Keel, bei dem die Ladendiebstähle doch jetzt endlich Vergangenheit waren? Aus Mynce, der vor dem wichtigen Schritt auf das Privatgymnasium St. Zwerenz steht? Wird sie nicht auch von ihren beiden Kindern gebraucht? Nadeche Hackenbusch schluckt so, wie nur eine Mutter schlucken kann. Es fällt ihr schwer zu antworten. Es ist einer der seltenen Momente im Leben, in denen auch die Pflichten und Zuneigung einer Mutter zurückstehen müssen. Denn Nadeche Hackenbusch weiß: Kein Engel kann helfen ohne die Macht der Liebe. Und es können 150.000 nicht den rechten Weg wählen, wenn es ihr und Lionel nicht gelingt, dauerhaft zueinanderzufinden.

			Eine Begegnung, die Zauberlichter versprüht

			Diesmal ist es nicht nur Liebe. Es ist die wohl wichtigste Liebe der Welt.





22


			Man muss sich um alles kümmern. Mahmoud hat überhaupt nichts im Griff. Er hat eigentlich gedacht, er könnte sich auf ihn verlassen, und hat ihn mit der Kontrolle von Wasser und Essen beauftragt. Mahmoud soll nur kontrollieren, ob alle bezahlen und Wasser und Essen in einem ordentlichen Zustand sind. Und er soll die Leute koordinieren, die ihm dabei helfen. Es ging ja alles so schnell. Natürlich hätte er sich seinen Teil denken können, als Mahmoud ihn fragte: »Du machst mich zum Admiral für Wasser und Essen?« Aber er war froh, dass er das Ganze von der Backe hatte. Und ehrlich gesagt, wen hätte er sonst nehmen sollen? Er hat alle seine Kontakte eingebaut, restlos, nur die kompletten Vollidioten hat er rausgelassen. Und über Mahmoud kann man viel sagen, aber blöd ist er nicht. Man weiß eben bei einem Mann nie, was es ist, das ihn plötzlich um den Verstand bringt: Es kann eine Frau sein oder Geld oder, wie in Mahmouds Fall, ein Amt. Deswegen hat er auch letztlich nichts von der Backe, weil Mahmoud seither mehr und mehr damit beschäftigt ist, sich zu überlegen, welche Abzeichen er für sich anfertigen sollte. Er hat sich eine alte Kapitänsmütze besorgt, der Himmel weiß, woher, aber das könnte man sich auch bei den Schulterstücken fragen, die er sich auf sein T-Shirt genäht hat.

			Was soll das eigentlich für ein schwachsinniger Titel sein: »Admiral für Wasser und Essen«? Wieso überhaupt »Admiral«? Mahmoud war doch nie bei der Marine. Der schwimmt doch höchstens, wenn man ihn in ein Krokodil stopft.

			Also bleibt es wieder an ihm hängen. Er kann froh sein, dass wenigstens die Hierarchie halbwegs funktioniert. Wer einmal als Schlepper gearbeitet hat, der weiß schon mal, wie man schnell kontrolliert oder wie man mit Leuten umgeht, die nicht gezahlt haben. Aber darüber hinaus darf man nicht viel verlangen. Er hat es inzwischen mit Mühe und Not hinbekommen, dass bei jedem Truck ein oder zwei Leute sind, die er kennt und die halbwegs zuverlässig arbeiten. Wenn etwas nicht funktioniert, benachrichtigen sie ihn. Malaika leiht ihm dann eines ihrer pinkfarbenen Engelautos, damit er rasch an den erforderlichen Abschnitt des Zugs kommt. Die dreißig Minuten, die er dann manchmal für den Transport dorthin braucht, dreißig Minuten, in denen sein Handy oft keinen Empfang hat, das sind die Momente, in denen er noch am ehesten schlafen kann.

			»Wir sind da!«

			»Hm?«

			»Truck 29!«

			Lionel fährt sich mit der feuchten Hand über die Augen. Danach fühlt er sich etwas frischer, als hätte ihm ein Hund übers Gesicht geleckt. Er zwingt die geschwollenen Lider ganz auf und steigt aus. Er sieht sich um. Sie haben den Wagen umringt, sie strahlen ihn an, Kinder lachen und jubeln, als würde er sie ab sofort tragen. Manchmal versteht er, woher Malaika ihre Energie nimmt, diese unerschöpfliche, diese entsetzliche Energie. Es ist unglaublich, wie unermüdlich sie arbeitet. Aber es ist eben ein Unterschied, ob man die ganze Zeit als gute Fee durch die Gegend rauscht, ob man Wasser verschenkt oder Medikamente oder diese eigenwilligen Teile, mit denen offenbar Frauen in Europa ihre Brüste einschirren wie Ochsen vor einen Pflug – oder ob man für den ganzen anderen Scheißdreck verantwortlich ist.

			Er schiebt einen Fuß unter den Kotflügel auf den Vorderreifen. Ächzend wie ein alter Mann stemmt er sich hoch, um sich einen Überblick zu verschaffen. Hinter all den Kindern sieht er Orma winken, der sich durch die Menge einen Weg zu ihm bahnt.

			»Sie wollen mit dir reden.«

			»O Mann! Ich hab doch gesagt, du sollst sie abwimmeln! Es ist doch eh immer dasselbe.«

			»Nein, sie sagen, diesmal sei es was anderes!«

			»Und das hast du geglaubt? Orma, echt! Das ist der älteste Spruch von allen!«

			Drei Gestalten kommen zu ihm. Ein Berg von einem Mann, könnte Ende dreißig sein, einer mit Brille und eine Frau, der man ihre unerträgliche Stimme schon ansieht. Der Berg versucht etwas zu sagen, aber die Frau schiebt ihn zur Seite.

			»Wofür zahlen wir fünf Dollar?«

			Natürlich. Immer dasselbe. Nur der Tonfall ist anders. Die Frau redet schneller als andere Frauen. Und höher. Viel höher. Manchmal versuchen Kinder beim Spielen besonders hoch zu kreischen, aber diese Frau übertrifft sie alle. Es war ihm überhaupt nicht bewusst, dass man in dieser Tonhöhe noch sprechen kann.

			»Das Wasser reicht nicht!«

			»Das Wasser muss reichen«, seufzt Lionel. »Und es reicht auch!«

			»Durst ist nicht alles! Wir müssen uns auch waschen!«

			Diese Stimme! Als würde man sich eine lange rostige Nadel ins Ohr rammen. Und sie dann drehen. Deshalb ist er auch so glücklich, dass sein Handy läutet.

			»Heyhey, was macht mein Lieblingswanderer? Wie läuft’s denn so?«

			Es ist eigentlich erstaunlich, dass Mojo erst jetzt anruft.

			»Nicht gut.«

			»So muss es sein! Vor dem Gipfel sind die Beine am schwersten.«

			»Wir müssen reden.«

			»Eigentlich nicht. Wandergeschichten sind die langweiligsten Geschichten der Welt. Entweder es geht zu sehr bergauf oder zu sehr bergab, oder irgendwer verläuft sich. Spannend sind die Geschichten nur, wenn der Wanderer stirbt, aber du kannst ja noch telefonieren. Und ich habe hier alle zehn Staffeln Baywatch zu sehen. Kennst du Baywatch? Klassiker! Also ohne viel Gequatsche: Wo ist meine Kohle?«

			»Ich habe sie nicht.«

			Die kreischende Frau sieht ihn erwartungsvoll an. Er sieht an ihr vorbei, in den Staub und den Sand und das weite, weite Nichts.

			»Sorry, da ist was in der Leitung. Bei mir klang das eben so, als würdest du sagen, du hättest sie nicht.«

			»Ich habe sie auch nicht.«

			Mojo lacht.

			»Du bist witzig. Aber du warst bei mir im Büro. Du hast gesehen, was ich für einen Fernseher habe. Du hast vielleicht gedacht: Dieser Mojo ist einer von denen, die sich große Fernseher kaufen, um damit irgendwelche dummen Bimbos zu beeindrucken. Das ist aber falsch gedacht. So einer bin ich nicht.«

			»Ich …«

			»Entschuldige, ich bin noch nicht fertig. Ich kaufe große Fernseher, weil ich gerne fernsehe. Ich will auch nicht irgendein groß aufgeblasenes Bild, sondern ich will HD. Ich will nicht sehen, wie sich die Nüsse von Pamela Anderson in kleine Vierecke auflösen. Ich will die Nüsse so scharf, wenn ich an den Bildschirm fasse, dann will ich, dass Pamela Anderson quietscht. Also sind die Staffeln hier auf Blu-Ray.«

			»Aber …«

			»Aber die gibt es noch gar nicht auf Blu-Ray, meinst du? Wart mal, können wir da sicher sein?«

			»Ich weiß nicht …«

			»Ich auch nicht. Soll ich Bandele fragen?«

			»Das …«

			»Bandele! Ist Baywatch schon auf Blu-Ray erschienen?« Mojo gluckst. »Jetzt bin ich aber gespannt.«

			Dann lacht er wieder.

			»Das solltest du sehen, wie sich dieser Bimbo den Kopf zerbricht. Bandele, du bist in Ordnung. Du bist ein Idiot, aber du bist in Ordnung. Doch der Typ hier, unser Fernsehfotzenficker, das ist kein Idiot. Das ist ein cleverer Bursche. Hörst du?«

			»Was?« Lionel versucht nicht genervt zu klingen, aber er ist wirklich unglaublich müde.

			»Ob du hörst, was ich sage!«

			»Ja. Sicher.«

			»Ich sage, du bist ein cleverer Bursche. Du denkst dir: Mojo verarscht mich, ich weiß ganz genau, dass die gesamte Baywatch-Edition nur auf DVD erschienen ist. Und deshalb sage ich dir: Du hast recht. Und du irrst dich trotzdem. Vor mir liegt die gesamte Baywatch-Ausgabe auf Blu-Ray. Eine Sonderanfertigung. Ich kenne da einen Typen, der mir das macht. Und das ist nicht irgend so eine kostenlose Computersache, das macht er für mich in einem richtigen amerikanischen Studio. Ich bin nämlich Liebhaber. Weißt du, was das heißt?«

			»Ich kann’s mir denken.«

			Mojo hält inne. »Wirklich?«

			»Na ja, du lässt wohl nicht nur die Tittenszenen hochrechnen, sondern alles, inklusive Abspann. Das ist noch viel teurer, und du willst, dass ich Angst habe, weil du ein Vermögen für Baywatch ausgeben kannst. Aber du wirst nichts davon haben, dass ich Angst habe. Ich habe dauernd Angst. Das Problem ist auch nicht, dass ich zu wenig Angst habe. Das Problem ist, dass wir ein Problem haben.«

			»Oho! Der Kunde ist unzufrieden. Darf ich eine Reklamation entgegennehmen? Haben Sie von unserem Produkt eine andere Vorstellung gehabt?«

			Er muss zugeben: Er hatte anfangs gar keine so rechte Vorstellung. Und er ist selbst verblüfft, dass es bisher funktioniert. Er kann natürlich nicht sagen, dass er nicht dran geglaubt hat, aber ehrlich gesagt hat sich die Frage so doch gar nicht gestellt. Er hat ja nur gesehen, wie seine große Chance auf Europa, auf Deutschland, vor seinen Augen geplatzt war, und dann eben den einzigen Notfallplan genommen, der auf die Schnelle verfügbar gewesen ist. Und selbst wenn die Erfolgsaussichten doppelt so schlecht gewesen wären, er hätte es trotzdem gemacht, weil alles besser war als die hundertprozentige Gewissheit, sein Leben auf diesem völlig verkorksten Kontinent zu beenden. Trotzdem hatte er natürlich von Anfang an Angst. Vor allem vor der Enttäuschung.

			Er hat sich am ersten Tag vor nichts so sehr gefürchtet wie vor der Ankunft. Vor dem Moment, in dem er ankommt und nichts vorfindet von Mojos Zusagen. Er hat sich schon ausgemalt, wie er dann weitergeht, wie er sich sagt, dass er nicht ungeduldig werden solle, dass alles sehr schwer zu bewerkstelligen sei, dass alles schon rechtzeitig eintreffen werde, und wie dann doch die Dunkelheit hereinbricht und ihm klar wird, dass Mojos Wasser nicht mehr kommt, dass es nie kommen wird, dass Mojo ihn im Stich gelassen hat oder betrogen oder beides.

			Und dann war da tatsächlich dieser Truck.

			Ein verbeulter Zil, aus Russland, aus den Fünfzigern oder Sechzigern, aber fahrtüchtig. Und nicht nur der. Mojo hat sie alle besorgt. Wie er es angekündigt hatte. Einen Kilometer weiter stand der nächste da. Und noch einen Kilometer weiter wieder der nächste.

			»Sind die Laster nicht da?«

			»Doch.«

			»Gefallen dir die Laster nicht?«, fragt Mojo jetzt sarkastisch. »Willst du lieber Scania haben? Oder MAN?«

			Es stimmt, Mojo arbeitet mit russischen, indischen, chinesischen Wracks. Aber niemand hat etwas anderes erwartet. Mojo muss noch immer alles nehmen, was Räder hat, auch Sattelschlepper oder Pritschenwagen, wenn sie nur groß genug sind. Was kein Tankwagen ist, wird mit Plastikfässern beladen, und wie schwer die Menge an Fässern zu beschaffen ist, merkt man immer wieder daran, dass das Wasser manchmal nach Farbe schmeckt oder nach Treibstoff. Wesentlich komplizierter als die Wasserversorgung ist die Organisation von Lebensmitteln.

			Was besorgt man für hundertfünfzigtausend Menschen? Die allenfalls Gefäße dabeihaben? Die übliche Versorgung aus dem Lager mit Mehl, Zucker, Öl ist zwecklos, weil diese Menschen weder Zeit noch Ausrüstung haben, zu backen oder sich ihren Getreidebrei anzurühren. Manche von den weißen Sportspinnern haben praktische Nahrungskonzentrate, aber deren Lieferung hätte Mojo erst anleiern müssen, und wenn er sie nicht stehlen würde, wären sie unbezahlbar gewesen. Was blieb, wenigstens für den Anfang, waren leicht portionierbare Kohlehydrate und Fette in Form von Brot, Fladen und Nüssen und Trockenfrüchten. In den ersten Tagen musste Mojo verschiedene Großbäckereien plündern. Also: beinahe plündern, denn er war ja auf sie angewiesen, also gab er ihnen das Geld, sorgte aber mit Nachdruck dafür, dass praktisch jeder andere Kunde zurückstehen musste. Und dennoch war es schwer, eine kontinuierliche Versorgung aufzubauen. Aber das ist nicht das Hauptproblem.

			»Ist mir egal, welche Laster du verwendest, das Problem bist du.«

			Am anderen Ende ist es still.

			»Mojo?«

			Nichts ist zu hören.

			»Mojo? Hallo?«

			Dann sagt Mojo sehr langsam: »Wie war das?«

			»Ich habe das Geld nicht. Und der Grund dafür bist du.«

			»Was soll das hier werden? Sehe ich aus wie eine Service-Hotline?«

			»Du verhinderst, dass wir dich bezahlen können. Wir können dir nichts aus der Geldkiste geben, wenn du sie vorher zunagelst! Wir brauchen Strom.«

			»Ihr habt Strom!«

			»Aber nicht genug. Es nützt nichts, wenn nur mein Smartphone funktioniert. Jeder muss seinen Beitrag bezahlen, und dafür braucht jeder ein Telefon!«

			»Ihr seid hundertfünfzigtausend Leute. Glaubst du, mitten in der Wüste kriegt da jeder seine eigene Steckdose, oder was?«

			»Ich kann es nicht anders sagen, aber wenn du dein Geld willst, musst du das regeln. Es muss nicht jedes Telefon jeden Tag ans Netz, aber jeden zweiten schon. Vielleicht kommen Familien mit nur einem Telefon aus, vielleicht können sich einer oder zwei mal so was teilen, aber unterm Strich brauchen wir Lademöglichkeiten für dreißigtausend Telefone, mindestens. Und Generatoren, die nicht schlappmachen. Und Telefonnetz.«

			Die Leitung bleibt still.

			»Hallo? Verstehst du, was ich sage? Wenn du die Stromversorgung nicht sicherstellst, dann kriegst du von keinem Menschen der Welt Geld für Baywatch. Weil es einfach nicht geht. Völlig egal, wie viel Angst ich habe.«

			Die Leitung bleibt weiter stumm.

			»Ich will dich nicht ärgern, Mann. Ich weiß, dass ich nichts in der Hand habe. Ich weiß, dass du jederzeit sagen kannst: Ich kriege kein Geld, ich stelle die Lieferungen ein. Dann krepieren wir, und das war’s. Aber du weißt selbst am besten, wie dein Schnitt jeden Tag aussehen kann, zehntausend Dollar, fünfzigtausend Dollar. Ich habe nichts von der Kohle, aber du: Genau das ist die Summe, die dir jeden Tag durch die Lappen gehen wird, wenn du das mit dem Strom nicht hinkriegst. Jeden einzelnen Tag.«

			Es bleibt still, aber man hört am Rascheln, dass Mojo noch in der Leitung ist.

			»Und dasselbe gilt für Wasser und Nahrung. Wer heute nichts trinkt, kann morgen nichts zahlen. Je mehr durchkommen, desto mehr Geld landet bei dir.«

			»Wenn ihr durchkommt«, sagt Mojo trotzig.

			»Wenn wir es nicht schaffen, werden sich andere gar nicht erst auf den Weg machen. Und von jedem Zug, der nicht startet, wirst du wieder dieselbe Summe verlieren. Jeden Tag. Du kannst im Geld baden, Mann, aber wir brauchen Strom.«

			»Hey, Lieblingswanderer, pass auf deinen Ton auf!«

			»Ich glaube, ich bin nicht dein Lieblingswanderer«, sagt Lionel. Er spricht so ruhig und fest er kann. »Ich bin dein Partner. Ich bin der Typ, der dich reich macht. Wenn du uns Strom besorgst!«

			Das andere Ende der Leitung bleibt still. Dann ist die Verbindung weg.

			Lionel steckt das Handy in die Tasche. Er merkt noch im selben Moment, dass er einen unverzeihlichen Fehler begangen hat. Die Frau baut sich vor ihm auf. Und während sie mit aller Luft, die sie zwanzig Minuten lang eingesaugt hat, auf ihn einschrillt, hofft Lionel wie ein Frischverliebter, dass Mojo zurückrufen möge.





ViSiT WWW.iBOOKS.TO





23


			Es ist eine Zumutung.

			Obwohl Astrid von Roëll zugeben muss: Es sieht sensationell aus. Aber eine Zumutung ist es trotzdem.

			Video auch noch!

			Als wäre sie ein Nachrichtenautomat. Astrid von Roëll schreibt sich ohnehin schon die Finger blutig für diesen blöden Blog. Auf jeden Fall gefühlt blutig, und das ist ja irgendwo dasselbe. Einhundert Zeilen am Tag hat es geheißen, und das war schon Irrsinn. Noch vor zehn Wochen hat sie für hundert Zeilen eine Woche lang Zeit gehabt, und das waren dann aber auch hundert Zeilen, mein lieber Schwan, das war verdammt nahe an der Literatur. Das hat ihr auch der alte Textchef immer gesagt: »Astrid, Schätzchen, bei deinen Texten, da muss ich immer gar nichts mehr ändern. Wenn alle so wären wie du, dann könnte ich heute schon in Rente gehen.«

			Heute stanzt sie Texte wie früher die Frauen in den Fabriken im Zweiten Weltkrieg oder so. Das ist kein Wunder, dass die dann das Wahlrecht erkämpft haben und den Muttertag. Und von wegen hundert Zeilen: Es ist natürlich null bei hundert Zeilen geblieben, dann kamen auch Bildunterschriften für Fotostrecken dazu, das ist ja auch jedes Mal eine Zeile oder zwei. Sind’s schon hundertzwanzig. Manchmal fühlt sich Astrid von Roëll ganz nahe am Burnout. Da muss man dann mit den Kräften haushalten, also den Schrott fürs Internet, den liest sie jedenfalls nicht noch mal durch. Der wird reingehackt, und dann weg mit dem Scheiß. Diese Leute an ihren Handys in der U-Bahn oder der Eisenbahn oder auf der Autobahn, die lesen es ja eh nicht richtig, also warum sollte man dann richtig schreiben? Nur bei den Texten fürs gedruckte Heft gibt sie sich mehr Mühe, da heißt es nach wie vor: Romanqualität, Literaturstandard, und wenn es ihr noch so schwerfällt bei dem ganzen Stress, da hat sie ihren Stolz. Aber langsam weiß sie wirklich nicht mehr, wie sie all das bewältigen soll. Und seit zwei Wochen wollen sie jetzt auch noch Videos.

			»Was denn noch alles?«

			Und der Vizedämlack: »Das ist doch erst mal nur ein Versuch.«

			»Wie, Versuch?«

			»Wir haben hier einen Vorsprung, einen unbezahlbaren Vorsprung, nicht zuletzt dank Ihnen. Die Gala, die Bunte, die versuchen das mit allen Mitteln auszugleichen …«

			»Sollen sie ruhig probieren! Mit wem wollen die das denn machen? Mit der Seelow?«

			»Ja klar, die Qualität haben die natürlich nicht, aber die probieren’s halt über die Masse. Mehr Fotos, mehr Text …«

			»Und ich soll da allein dagegenhalten??«

			»Na, ein kleines Video, das ist ja nicht viel …«

			»Ich kann das doch überhaupt nicht.«

			Das war ihr so rausgerutscht, das soll man eigentlich nicht machen als Frau, dass man sich so als Technikdummchen hinstellt, es gibt ja nichts, was Frauen nicht genauso gut können. Aber letztlich hat es doch gestimmt. Und dann haben sie ihr prompt Kay runtergeschickt.

			Und Kay ist irgendwie auch gut. Also, in dem was sie macht, so auf ihre eigene Art. Journalismus ist das natürlich nicht, aber trotzdem. Kay hat sich auf dem Wagendach des Vans festschnallen lassen, das ist schon mutig. In Cargohosen sitzt sie auf dem Dach, in einer sandfarbenen Militärbluse unter einer ärmellosen Weste, wie sie sonst nur Kerle tragen, mit vielen kleinen Taschen für Werkzeug und Zubehör. Sie hält die Kamera und zoomt in voller Fahrt auf den zebrapinkfarbenen Pick-up, der neben dem Van durch die staubige Wüste braust. Astrid von Roëll kann das Ergebnis auf einem Kontrollbildschirm verfolgen, immerhin den hat sie sich erkämpft, beim Vizedämlack.

			Kay hat Nadeche Hackenbusch voll im Fokus. Nadeche steht hinten auf der Ladefläche des Pick-ups und hält sich am Fahrerhaus fest. Ihre langen Haare flattern im Wind, sie trägt ein kariertes Hemd, das sie über der Hüfte verknotet hat. Hinter Nadeche zieht sich der endlose Strom der Flüchtlinge entlang, manche winken ihr zu, und sie winkt strahlend zurück.

			»Go«, ruft sie und ballt eine erstaunlich kräftige Faust, »go!«

			Ihre Augen sind verborgen hinter einer unglaublich coolen Wüstenbrille, das Gesicht, der Hals, die nackten Unterarme sind tiefbraun, und Nadeche wirkt so zuversichtlich, so ansteckend begeistert, als könnte sie schon die deutsche Grenze sehen. Wer sie so beobachtet, für den ist der Gedanke vollkommen abwegig, dass dieser Marsch böse enden könnte. Astrid von Roëll hört, wie Kay einmal leicht aufs Dach klopft, der Van zieht an und überholt, jetzt bekommt sie Nadeche von vorne ins Bild. Man sieht jetzt Nadeche im Wind, und hinter ihr steigt die Staubwolke hoch, ein Bild der Freiheit, des Mutes, Jeanne d’Arc kann nicht mitreißender ausgesehen haben. Unbezahlbar, denkt Astrid von Roëll, einfach unbezahlbar. Ein Jammer, dass Millionen Leute das nur auf ihren winzigen Smartphones sehen werden. Auf die Leinwand gehört so was.

			Jetzt hat Nadeche etwas gesehen. Sie hämmert mit einer kleinen festen Faust aufs Führerhaus. Wahnsinn. Da ist nichts mädchenhaft. Nadeche beugt sich unter der Fahrt vor, sie hält sich am Außenspiegel fest, Kay hat das alles im Bild, Nadeche brüllt dem Fahrer etwas zu, das sieht so gut aus, wie ein Kapitän im Sturm, ihm klatscht das Wasser ins Gesicht, der Wind braust, aber das ist ihm völlig egal, und er schreit zu seinem Steuermann – na, was die im Sturm eben immer so schreien, weil sie echte Kerle sind. Und genauso wirkt in diesem Moment Nadeche Hackenbusch. Ge-nau-so. Dann richtet sie sich wieder auf. Der Pick-up verlangsamt, schert aus zu dem Flüchtlingszug, und Kay fängt die ganze Bewegung ein: Nadeche Hackenbusch im Rettungseinsatz, der Pick-up stürzt sich in voller Fahrt auf den Flüchtlingsschwarm wie ein hilfreicher Hai.

			Sie bleiben neben einer Familie stehen, ein Mann, eine Frau, drei Kinder. Ihre große Plastikflasche hat einen Sprung. Nadeche springt von der Ladefläche, eine Mischung aus Bauarbeiter, Feuerwehrmann und Topmodel. Lässig schiebt sie die Schutzbrille hoch, die warmherzigen Augen strahlen aus dem staubigen Gesicht. Sie greift aus der Ladefläche zwei Plastikflaschen mit Wasser und – drückt sie der Familie in die Hand. Da merkt man den Unterschied, ein Kerl hätte ihnen das Wasser wahrscheinlich zugeworfen, im Vorbeifahren.

			»That reaches for today«, sagt sie. »Go, go!« Sie will gerade wieder auf die Ladefläche klettern, da klingelt ihr Telefon. Sie blickt auf ihr Display und macht dann mit den Handflächen ein Pausenzeichen zu Kay. Sie dreht sich ein wenig zur Seite und sagt:

			»Ja? … Ich höre dich gut … Ich bin aber auch ziemlich nahe am Senderfahrzeug, das kann sich ändern, wenn ich wegfahre. Wie weit seid ihr?«

			Astrid von Roëll steigt aus. Die Hitze trifft sie wie ein Hammer, aber alles ist besser, als noch länger zu sitzen. Sie umkreist den Wagen, um sich in den Schatten zu stellen.

			»Ja«, macht Nadeche Hackenbusch, »ja. Aha. Jaja. Jajaja, das macht ihr schon. Aber die eigentliche Frage ist doch, wie das Ding heißt!«

			Kay krabbelt vom Wagendach und setzt sich neben Astrid im Fahrzeugschatten auf den Boden. Dann springt sie hastig auf, weil der Sand so heiß ist, Sie holt eine kleine Matte aus dem Wagen und legt sie unter ihren Hintern. Sie klopft Astrid von Roëll ans Bein, aber die hat jetzt keine Lust, sich hinzusetzen.

			»Also, seid mir nicht böse, aber was ist denn das für ein Scheißname?«

			Astrid von Roëll sieht über das Wagendach zu Nadeche, Nadeche wirft ihr einen Blick zu und rollt mit den Augen. Astrid von Roëll macht eine »Was soll man machen«-Geste. Sie weiß zwar nicht, worum es geht, aber es ist klar, dass Nadeche jetzt ihre Unterstützung braucht.

			»Das könnt ihr für irgendeine Krebsgeschichte nehmen, aber hört euch das doch mal an: Hackenbusch-Stiftung. Das klingt doch total leidend.«

			Nadeche guckt zu Astrid und greift sich an den Kopf.

			»Ja, sicher geht’s um Leid und so, aber es soll nicht krank und elend klingen. Die Leute hier sind arm, aber nicht krank. Jedenfalls nicht so krank, dass es ansteckend ist. Die kann man total gut anfassen. Das ist überhaupt nicht wie Krebs.«

			Jetzt macht Nadeche ein ernstes »Ist doch so, oder?«-Gesicht, und Astrid schaut zurück, dass es genau so ist, beschließt aber, es später mal zu googeln.

			»Neeeiiin, man kann auch seriös klingen, ohne dass es sich scheiße anhört. Diskussion beendet. Was habt ihr noch? Children for the Future. Hm. Wart mal. Children for the Future?«

			Astrid von Roëll ist verunsichert. Soll sie jetzt was dazu sagen oder nicht? Children for the Future klingt eigentlich gar nicht verkehrt, aber wer weiß, ob sie das richtig …

			»Ach so, die. Interessant. Aber da sieht man ja auch gleich den Fehler: Das muss man ja dann immer dazusagen, wer da dahinter ist. Ich wüsste das von der Steffi Graf doch auch nicht, wenn du’s nicht dazugesagt hättest … Siehste mal.«

			Wahnsinn, was man da alles berücksichtigen muss, denkt Astrid von Roëll. Sie hat sich wahrscheinlich viel zu schnell abspeisen lassen, als es um die Videosache ging. Schön, sie wird bei der Regie genannt. Aber da hätte man mehr rausholen können.

			»Jaja, Menschen für Menschen, aber das ist doch logisch. Dieser Böhm, an dem seiner Stelle wär’s mir auch egal, den kennt doch auch keine Sau mehr. Wann hat denn der zuletzt was gedreht?«

			Eilig fährt sich Astrid von Roëll mit der Handkante über die Kehle, bei Sissi kennt sie sich aus, aber Nadeche hält die Hand auf das Telefon und zischt: »Spinnst du jetzt, Assi? Das ist hier wichtig. Das wird ja wohl Zeit haben!«

			Astrid von Roëll beschwichtigt mit weiteren Handzeichen, aber Nadeche sieht sie schon nicht mehr, weil sie sich empört weggedreht hat. Schwer zu sagen, auf wen sie jetzt gerade mehr sauer ist.

			Kay nimmt zwei Wasserflaschen und reicht eine davon an Astrid von Roëll weiter. Sie öffnet ihre, lässt sie zur Hälfte in sich hineinlaufen und kippt sich den Rest über den Kopf. Astrid will gerade einen Schluck nehmen, als sie ein Fingerschnippen hört, das sehr schnell lauter wird.

			»Ah, das klingt doch schon ganz anders. Weißt du, wie das klingt? Das klingt wie die Sache von Bill Gates.«

			Nadeche hält ihr die freie Hand hin und greift hektisch ins Nichts. Astrid reicht ihr eilig die Wasserflasche.

			»Danke. Neeeiiin. Wieso Hackenbusch Foundation? Das könnte doch dann wieder jeder sein … Jeder, der Hackenbusch heißt … Nadeche Hackenbusch Foundation. Schreib’s auf! Hast du? Gut. Und was kommt dann noch …? Ja, hast du gedacht, das war’s, oder was? Da muss doch noch was dazu!«

			Sie hält die Hand wieder vors Telefon. »Jetzt kommt wieder diese Weniger-ist-mehr-Kiste«, sagt sie und lächelt. Astrid freut sich und lächelt zurück.

			»Ja, klar fehlt da was! Wenn ich mal wieder in New York bin, will ich doch nicht dastehen, und dann sagen alle: Aha, interesting, »Nadeche Hackenbusch Foundation« – und jeder aber eigentlich voll so: A Foundation, aber for what is ’n die? Echt, wenn man nicht an alles selber denkt.«

			Nadeche Hackenbusch nippt am Wasser und lässt ein wenig davon über ihre Handgelenke laufen und in die Armbeuge.

			»Und komm mir nicht wieder mit Menschen oder so, das klingt doch echt nach Aktion Sorgenkind, das ist doch voll der Sauerkrautsound der Sechziger, igitt. Da muss was rein wie Dings, wie sagt man denn da … Astrid, wie heißt denn das, wo alle spenden?«

			»Crowdfunding?«, rät Astrid von Roëll.

			»Genau, Krautfunding. Aber das muss klar sein, dass das nicht irgendein Kraut fundet, sondern ich … People? Weiß nicht. Nadeche Hackenbusch Foundation for People … klingt okay, aber irgendwie auch nicht. Muss das nicht heißen ›for the people‹? … Wieso Nordkorea?«

			Diesmal hält Astrid von Roëll den Mund. Nadeche Hackenbusch nimmt einen großen Schluck Wasser, dann reicht sie die Flasche lässig an Astrid von Roëll weiter, damit sie sie verschließen kann.

			»Humanity? Nee, das gar nicht, echt, ihr müsst immer gleich einen zu viel draufsetzen, immer noch eins und noch eins, bis es richtig scheiße klingt. Menschheit ist auch zu viel. Wer bin ich denn? Ja, ich bin Nadeche Hackenbusch, aber die ganze Menschheit … Ich kann immer nur für den einzelnen Menschen … Humans eben. Na ja, oder mal ein paar mehr, aber die Menschheit, das sind ja fünf Milliarden! Nein, es bleibt bei Nadeche Hackenbusch Foundation for the Humans. Das geht jetzt so raus, Ende der Debatte. Da geht die Madeleine noch heute Nachmittag los, da sollen die bei Strahlemann & Bullwinkel wieder ein schönes Logo entwerfen, bis morgen, und dann rollt das. Wir haben ja nicht ewig Zeit. Und ich will eine Präsenz in Berlin, eine in Hamburg, eine in Düsseldorf. Seid nicht sparsam, nur wo Geld rausgeht, kommt auch Geld rein. Over and out!«

			Sie lässt das Handy in ihre Gesäßtasche gleiten und grinst breit. Astrid von Roëll schaut sie fragend an.

			»Ich hab doch beschlossen, diese Stiftung zu gründen. Für Spenden. Und damit die Leute sehen, dass das was Ernstes ist und so. Und die stellen sich an wie die letzten Heuler! Du hast’s ja gehört. Jetzt haben wir immerhin den Namen, gut, oder? Und ihr? Habt ihr eure Bilder? Ich muss nämlich jetzt noch ein paar Menschen retten!«

			Erstaunlich geschmeidig klettert sie wieder auf den Pick-up. Sie schiebt sich die Staubbrille wieder vor die Augen, beugt sich lässig zum Fahrer vor, klopft zweimal aufs Blech und sagt: »Let’s roll!«





24


			Mojo der Blaue streift mit der Spitze seines rechten Zeigefingers an seiner Nase entlang, am unteren Flügelrand, von hinten zur Spitze. Dann noch einmal, aber diesmal mit weniger Druck. Die Nase darf sich nicht eindrücken. Und es muss langsamer gehen. Nicht so schnell, als würde man ein Streichholz anzünden. Oder?

			Mojo greift zur Fernbedienung. Er spult das Video zurück, lässt es wieder laufen. Er hat sich getäuscht, es wird doch schneller gemacht, eigentlich sogar genauso schnell wie beim Streichholzanzünden, aber dafür komplett ohne Druck. Man streift nicht ganz entlang, es ist eine Mischung aus Streifen und Tippen: für ein Tippen zu lang, für ein Streifen zu kurz. Der Zeigefinger ist nicht durchgestreckt, er ist entspannt gekrümmt, und, natürlich, man darf dabei nicht auf den eigenen Finger schauen: immer dem Gegenüber in die Augen. Mojo drückt auf die Pausentaste. Er nimmt sein Handy, schaltet auf die Kamerafunktion und in den Selfiemodus. Er probiert verschiedene Varianten mit dem Zeigefinger, dann kontrolliert er sie.

			»Bandele!«

			Bandele dreht sich auf dem Beifahrersitz nach hinten.

			»Ich brauch hier einen größeren Bildschirm. Kümmere dich darum!« Er berührt leicht mit dem Zeigefinger den Nasenflügel, seine Fingerspitze schnellt am Ende nach vorne wie von einer Sprungschanze und deutet abschließend für den Bruchteil einer Sekunde auf Bandele. Bandele nickt und dreht sich wieder nach vorne. Mojo lässt sich zufrieden in den Sitz sinken. Gute Geste. Besser als der Rest von dem Film. Der Boss, von dem die Geste stammt, hat komische Haare, und er tanzt zu viel, aber die Geste ist gut. Er muss vermutlich auch so viel tanzen, weil er Weißer ist und eine Menge Schwarze und Latinos befehligt. Er muss ihnen zeigen, dass er schwarz genug ist, um ihr Boss zu sein, dass er sich bewegen kann, und für einen Weißen bewegt er sich gut. Aber Mojo muss nicht tanzen. Ein Chef muss sich von seinen Angestellten abheben. Sie müssen ihn bewundern. Sie müssen so sein wollen wie er. Und wie soll das gehen, wenn sie finden, dass er nicht anders ist als sie? Wer Menschen führen will, muss ihnen Ziele geben und nicht die Mitteilung, dass sie schon angekommen sind.

			Außerdem soll man sich nicht erschießen lassen.

			Mojo öffnet knackend eine Wasserflasche und nimmt einen Schluck. Er wird nicht zwischen Tomaten krepieren wie der Pate. Er nicht. Er wird auch nicht erschossen werden. Er wird einfach mal sehen, was kommt. Bloß weil alle irgendwann Fehler machen, heißt das nicht, dass er auch welche machen muss. Und dass jeder alt wird, ist noch nicht raus.

			Er spürt, wie sich der Wagen verlangsamt. Sie fahren an einer langen Reihe Trucks vorbei, dann steht das Auto. Bandele steigt aus und öffnet ihm die Tür. Mojo setzt die Sonnenbrille auf und verlässt den Wagen. Die Jungs sind schon aus ihrem Van gesprungen. Zwei sichern die Umgebung, aber weil es nichts Besonderes gibt, hängen sie sich die AK-47 lässig über die Schulter. Hinter Mojos Wagen hat ein Kleinlaster angehalten, dessen Tür sich jetzt öffnet. Fünf junge Männer steigen aus.

			»Gehen wir«, sagt Mojo.

			Bandele gibt den fünf Männern ein Signal. Zwei haben Baseballmützen in der Hand, die sie aufsetzen. Mojo setzt sich in Bewegung, Bandele schließt sich an, und die fünf folgen ihnen. Mojo geht an den Tanklastern vorbei, ein gutes Gefühl. Er war sich anfangs nicht ganz sicher, aber allein diese Armada von Trucks ist den ganzen Aufwand schon wert. Seine Armada. Zu wissen, dass es möglich wäre, ist eines, aber zu sehen, dass es tatsächlich passiert, das ist schon noch mal eine ganz andere Nummer. Er geht vorbei, als nähme er eine Parade ab. Aber er zeigt keinen Stolz, das wäre albern. Er zeigt Selbstverständlichkeit.

			Seine Trucks. Seine Armada.

			Sie steuern auf Truck Nummer 34 zu, vor dem sich eine große Gruppe von Männern versammelt hat. Sie weichen etwas zurück, erst vor den Jungs und dann noch einmal vor Mojo. Mojo blickt schweigend in die Runde. Irgendwann sagt Bandele: »Okay, mal herhören: Hier sind fünf neue Fahrer. Irgendeiner muss ihnen erklären, wie der Laden hier läuft. Irgendwelche Freiwilligen? Egal, wem gehört der Truck hier? Wem gehört 34?«

			Eine Hand geht hoch. Ein Schlaks mit einem brasilianischen Fußballtrikot.

			»Okay, Pelé«, sagt Bandele, »sag’s ihnen.«

			»Ich weiß nicht …« Pelé ist verlegen. »Wo … wo soll ich anfangen?«

			»Scheißegal. Fang einfach an!«

			»Na ja, okay. Es ist eigentlich keine große Sache …«

			»Hört ihr?«, brüllt Bandele die fünf an, »keine große Sache. Also sperrt die Ohren auf!«

			»Ihr … füllt im Wesentlichen nur Wasser in den Truck. Ihr kriegt gesagt, wo die Wasserstelle ist, weil die ist nicht immer dieselbe. Dann fahrt ihr da hin. Ihr müsst aber nicht selber hinfinden, die älteren Fahrer wissen, wo’s langgeht, und ihr fahrt einfach hinterher. Und auf dem Rückweg geht es genauso. Ihr kriegt dann gesagt, wo euer Standort ist und welche Nummer ihr draufpinseln sollt. Wenn ihr Probleme mit Nummern habt, das macht nichts. Solche hatten wir schon mal, aber seitdem kriegt jeder ein Foto von der Zahl aufs Handy, das kann er dann abmalen.«

			»Und? Was noch?«, erinnert Bandele.

			»Ach so, genau. Ihr seid auch zuständig für die Generatoren und die Ladeplätze. Der Generator muss vollgetankt sein. Wenn ihr euren Standplatz erreicht habt, dann legt ihr die Ladeplätze aus. Das ist ein bisschen Schlepperei, bis man die ganzen Kabel und Steckdosen raushat.«

			»Ist das eine Beschwerde?«, fragt Bandele.

			»Nein, nein«, sagt Pelé eilig, »keine Beschwerde, das geht schon, und man kann ja immer eines der Kinder oder so organisieren, mit drei, vier Helfern geht das einfach. Den Generator wirft man immer erst dann an, wenn alle Kabel ausgelegt sind.«

			»Handynetz?«

			»Das weiß ich nicht, mein Truck hat nur Wasser und Strom, nur jeder fünfte oder sechste muss auch was zum Handynetz wissen und wie man das macht.«

			»Und die Regeln!«

			»Klar, die Regeln: Nicht nur den Truck füllen, auch den Tank reinigen. Strom ist so wichtig wie Wasser.«

			»Und die Verteilung?«

			»Niemand kriegt von uns was, die Fußgänger verteilen alles selber.«

			»Ausnahmen?«

			»Keine Ausnahmen.«

			Bandele tritt zur Seite. Er hat offenbar keine weiteren Fragen.

			»Na, siehst du«, sagt Mojo, »gut gemacht. Keine große Sache. Jeder Idiot kann das.« Er nickt Pelé zu, und Pelé tritt erleichtert zurück zu den anderen.

			»Jeder Idiot«, wiederholt Mojo. »Aber bezahlt wird hier niemand wie ein Idiot, oder?« Er macht einen Schritt auf sie zu, während sie anfangen breit zu grinsen. »Du da, Ghostbuster, was verdienst du?«

			»Zweihundertfünfzig Dollar die Woche«, sagt ein kräftiger Mann mit einem Ghostbusters-Shirt.

			»Und du?«

			»Zweihundertfünfzig Dollar die Woche.« Ein Junge, keine zwanzig, mit nacktem Oberkörper.

			»Zweihundertfünfzig Dollar die Woche. Kennt ihr sonst jemanden, der das verdient?«

			Kopfschütteln.

			»Zweihundertfünfzig Dollar die Woche. Für einen Idiotenjob. Wenn ihr schon zweihundertfünfzig Dollar kriegt, was, glaubt ihr, verdient dann der Mann, der euch so viel Geld zahlt?«

			Sie schweigen, aber Mojo lässt sie nicht schweigen. »Los, eine Zahl!«

			»Fünfhundert?«

			»Tausend?«

			Mojo lacht. »Ich zahle zweihundertfünfzig Dollar die Woche. Für Leute, die glauben, ich mache den Scheiß hier für tausend.«

			»Am Tag«, sagt schüchtern derjenige, der tausend Dollar geraten hat. Mojo lacht noch lauter. Dann wendet er sich an den Jungen ohne Hemd.

			»Xbox oder Playstation?«

			»Ich weiß nicht …«

			»Ich weiß, dass du keine hast, aber du träumst doch von einer, oder? Also: Xbox oder Playstation?«

			»Xbox …«

			»Xbox? Okay. Xbox. 2010. Die Xbox 360 kriegt Kinect. Das Ding, das deine Bewegungen aufzeichnet. Das Ding, das dich genauso gut überwachen kann. Warum? Weil hinter der Xbox Microsoft steht. Die sammeln deine Daten, die Amerikaner sammeln deine Daten, es geht alles direkt über das Netz. Du arbeitest in unserem Geschäft und willst eine Xbox? Gut, dass du keine hast. Also, Ghostbuster: Xbox oder Playstation?«

			»Playstation, Mojo!«

			»Glaubst du, die Japaner überwachen dich nicht?«

			»Ich weiß nicht …«

			»Denk nach, Dummkopf! Die Japaner überwachen dich genauso. Hey, Hemdloser, hier ist deine zweite Chance: Xbox oder Playstation?«

			»Weder noch!«

			»Und warum?«

			»Damit mich niemand überwacht.«

			»Denk doch mal mit. Wer will denn ein dummes Arschloch wie dich überwachen? Wer interessiert sich denn dafür, was du machst? Du bist für die ein Nigger auf einem unwichtigen Kontinent, und du willst auf geile Spiele verzichten, weil irgendwer dir weismacht, dass du überwacht wirst? Komm schon, Playstation oder Xbox?«

			»Ich … ich weiß nicht, Mojo.«

			»Ja«, lächelt Mojo freundlich und klopft ihm beruhigend auf die Schulter. »Schon gut. Ihr seid Idioten. Ihr wisst von nichts, und trotzdem zahle ich euch zweihundertfünfzig Dollar die Woche. Und warum? Weil ich an der ganzen Sache hier so viel verdiene, dass es mir scheißegal ist, wie blöd ihr seid. Weil es jeden Tag Geld bei mir regnet wie im Monsun. Ich habe noch nie so viel Geld mit so wenig Aufwand in so kurzer Zeit gemacht. Ich lasse mir Nutten kommen, die das, was ihr in der Woche verdient, in einer Stunde kriegen. Ich bestell sie im Dutzend, und die Hälfte schicke ich ungefickt wieder heim. Und das geht weiter. Tag für Tag für Tag. Bis die Fußgänger da sind, wo sie hinwollen. Und dann, Pelé?«

			»Ich weiß nicht …?«

			»Und dann kommen die nächsten Fußgänger. Aus diesem Lager, aus irgendeinem anderen, scheißegal. Die haben dann mitbekommen, wie das funktioniert, die kommen dann zu mir und sagen: Organisier noch mal so was. Und das mach ich dann. Dann ist wieder Monsun. Ich krieg die Tür gar nicht zu, so strömen die Dollars da rein. Und dann?«

			»Ich …«

			»Dann zahle ich euch dreihundert Dollar die Woche, nur damit das Geld wegkommt!«

			Jetzt muss sie niemand animieren, sie johlen von allein.

			»Und die Nutten? Denen muss ich fünfhundert Dollar zahlen. Weil ich nur so genug Scheine loswerde, damit ich wenigstens noch ein bisschen aus dem Fenster sehen kann!«

			Jetzt hat er sie.

			»So sieht sie aus, die Zukunft. Und es gibt nur eine Sache, die mir dabei in die Quere kommen könnte. Was war das gleich noch mal, Bandele?«

			»Ein Arschloch«, sagt Bandele ungerührt.

			»Richtig, ein Arschloch. Ein Arschloch, das verhindert, dass die Fußgänger glücklich ans Ziel kommen. Wie würde ein Arschloch das verhindern, Bandele?«

			»Kein Strom.«

			»Wieder richtig. Kein Strom. Die ganze Kohle, die ganze Organisation läuft über die Handys von den Fußgängern. Kein Strom, keine Kohle. Keine Kohle, keine Nutten. Noch was, Bandele?«

			»Kein Wasser.«

			»Richtig. Kein Wasser. Warum ist das so wichtig, Ghostbuster?«

			»Wegen … wegen den Nutten?«

			»Ganz genau! Wenn die Fußgänger abends ankommen und das Wasser ist nicht da, dann werden die Fußgänger panisch. Dann bauen sie Scheiße, und wenn Fußgänger Scheiße bauen, dann heißt das immer: tote Fußgänger. Jeder Fußgänger, der krepiert, kostet mich heute Geld. Und morgen kostet er mich noch mehr Geld. Denn jeder Fußgänger, der ankommt, hätte dafür gesorgt, dass sich morgen bei mir zehn neue melden. Jetzt frage ich mich, wie kann das passieren, dass kein Wasser ankommt? Wir haben hundert Trucks. Und jeden Tag stehen zwei in Reserve. Wie soll da was schiefgehen?«

			Die Männer schweigen.

			»Irgendwelche Ideen? Vorschläge?«

			Mojo sieht sich um.

			»Was würde so ein Arschloch tun? Er könnte sich denken: Ich verkauf mal ein paar Teile von meinem Truck. Die Ersatzreifen. Zündkerzen. Gibt ja die Reservetrucks. Könnte das sein?«

			Jetzt weichen ihm die Blicke aus.

			»Oder er fängt an, kleine Geschäfte zu machen. Die Fußgänger brauchen immer was, nicht nur Wasser, das kann man denen dann besorgen. Dann fährt der Wassertruck nicht los, weil irgendjemand auf irgendeine Ware wartet. Kennst du so jemanden, Pelé?«

			Es ist, als wäre Pelé plötzlich ansteckend. Er war in der Menge, und mit einem Mal sieht es aus, als stieße er die Menge ab.

			»Mojo, das war nur … ich habe nicht gewartet! Keine Sekunde!«

			»Fünfhundert-Dollar-Nutten. Ich weiß, ihr habt noch keine gehabt, aber ich schwöre euch, die sind ihr Geld wert. Das könnt ihr euch vermutlich nicht vorstellen, aber diese Fünfhundert-Dollar-Nutten, die wollen nicht, dass es schnell vorbei ist. Wer die einmal gehabt hat, nimmt keine mehr, die weniger kostet. Und jetzt die Preisfrage für dich, Pelé: Was glaubst du, wie es sich anfühlt, wenn man gestern sein Ding in einer Fünfhundert-Dollar-Nutte hatte und es heute in eine Fünf-Dollar-Nutte steckt?«

			»Mojo, das ist – ich weiß es nicht …«

			Unglaublich schnell. Unglaublich laut. Man sieht nur noch, wie Mojo etwas hinten in seine Hose zurücksteckt, aber Pelé sitzt jetzt auf dem Boden. Er hält sich den Bauch, und stoßweise kommt sehr viel Blut heraus.

			»Beschreib es uns, Pelé.«

			Pelé öffnet stöhnend den Mund. In seinen Augen ist Angst. »Mojo«, sagt er.

			Mojo geht vor ihm in die Hocke.

			»Beschreib es uns. Es interessiert mich. Es interessiert mich weit mehr, als wer dir geholfen hat. Das interessiert mich zum Beispiel gar nicht.«

			Mojo nimmt Pelés Hand und schiebt sie vorsichtig zur Seite. Er hebt sein Trikot sacht an, um das Einschussloch zu begutachten. Das Loch ist so rund wie das Blut schwarz.

			»Es interessiert mich nicht, weil ich es weiß.«

			Es ist eine gleitende geölte Bewegung. Zweimal dröhnt es, und zwei Männer sitzen am Boden und versuchen verzweifelt, mit den Händen das Blut aufzuhalten. Es sieht zugleich so aus, als würden sie es mit ihren Händen aus ihrem Bauch herauspressen. Ein Dritter hat sich von der Menge gelöst und läuft los. Mojo macht eine entspannte Geste, während er das blutige Brasilien-Trikot wieder über Pelés Wunde drapiert. Bandele lässt sich wortlos von einem der Jungs ein Gewehr zuwerfen. Er legt sicher und schnell an, das Gewehr hustet einmal auf, dann gibt Bandele es seinem Besitzer zurück, ohne einen weiteren Blick auf das Ziel zu werfen. Die beiden Männer stöhnen, Pelé beginnt zu brüllen.

			»Reißt euch zusammen«, sagt Mojo, »es ist wichtig, dass ihr jetzt zuhört. Ich brauche euch lebend! Und du dahinten kommst sofort wieder hierher. Ich habe keine Lust, dauernd zu brüllen.«

			Pelés Gesicht ist grünbeige, in kaltem Schweiß gebadet. Die Gruppe dreht sich zu dem Geflüchteten um. Man hört ein Wimmern, das fünfzig Meter weiter sicher lauter ist, und man sieht, wie er sich krümmt und dabei ungeschickt umdreht. Er versucht erst vorwärtszurobben, aber er bricht den Versuch so schnell ab, dass man die Schmerzen ahnen kann. Er stemmt sich weinend auf die Seite und beginnt, seitlich zurück zu den anderen zu kriechen.

			»Ihr seid hier in einem Western«, sagt Mojo sachlich. »Ihr kennt doch Western? John Wayne! Na also! Im Western zählt immer nur eines: dass die Herde ankommt. Die ganze Herde. Ich kann keines der Rinder ersetzen. Aber jeden der Cowboys. Darum nehme ich nur Cowboys, denen ich vertrauen kann. Wo sind eure Wagenschlüssel?«

			Pelé schiebt einen zittrigen Finger in seine Hosentasche. Die Schweißtropfen glänzen auf seinem grünen Gesicht wie Morgentau auf einem Blatt. Er braucht mehrere Versuche, bis er den sperrigen Schlüssel aus der Hose bekommt. Er hält ihn Mojo hin. Das Blut tropft wenige Millimeter vor Mojos Schuhen in den Sand. Mojo winkt die Neuen heran, zeigt auf die Schlüssel, die die Angeschossenen so mühsam aus ihren Hosen wühlen, dass man kaum hinsehen mag. Dann richtet er sich auf.

			»Pelé hier sagt, dass nichts passiert ist. Aber ich warte nicht, bis etwas passiert. Ich sehe Fehlerquellen und schalte sie aus. Ich muss niemanden ausbilden, ich muss niemanden erziehen. Diesen Job kann jeder Idiot machen.«

			Die Gruppe öffnet sich am Rande, ein Bündel Fleisch schleppt sich in den Kreis, bricht zusammen und wälzt sich erschöpft auf den Rücken. Mojo beugt sich zu ihm und sagt nachsichtig: »Den Schlüssel, bitte.« Er weist mit einer Handbewegung auf einen der Neuen.

			»Jeder Idiot«, wiederholt Mojo. »Darum ist es mir egal, ob mich einer bescheißt oder einer nur davon weiß oder einer vergessen hat, danach zu fragen. Ich gebe seinen Job einfach einem anderen Trottel. Der wird es besser machen. Dafür werden ab jetzt Pelé und seine Freunde sorgen. Stimmt’s, Pelé?«

			Pelé nickt hastig.

			»Kann ich mich auf dich verlassen? Wirst du deine Aufgabe erfüllen? Wirst du die Herde mit deinem Leben beschützen?«

			Pelé nickt. Er versucht sich aufzurichten. Mit einer Hand klammert er sich an das Vorderrad des Trucks, dessen Schlüssel er gerade einem der Neuen in die Hand gedrückt hat.

			»Bleib so«, beruhigt Mojo. »Bleib genau so. Ihr bleibt alle genau so. Ihr werdet hierbleiben, bis die Trucks weg sind. Wenn Bandele morgen herkommt, will ich, dass er euch sieht. Und wenn ihr dann noch lebt, dann stirbt jeder, der euch dabei geholfen hat.«

			Pelé beginnt zur Seite wegzukippen. Mojo greift in seine Hosentasche.

			»Das ist modernes Management, wisst ihr? Man gibt jedem die Aufgabe, von der man weiß, dass er sie erfüllen kann.«

			Mojo zählt Geldscheine ab. Er geht zu Pelé, er stößt ihn in die Schulter, bis er die Augen langsam öffnet.

			»Das ist ein wichtiger Job, und deshalb wird er auch gut bezahlt. Dreitausend Dollar, für jeden von euch.« Mojo schiebt Pelé die Scheine zwischen seine blutigen Finger. »Damit könnt ihr euch Hilfe kaufen.«

			Mojo bückt sich und überreicht das nächste Geldbündel. Es gleitet dem Fleischbündel aus den kraftlosen Händen.

			»Ich erwarte, dass Bandele euch morgen finden wird. Er wird mir sagen, dass er euch gesehen hat, wie ihr daliegt, mitsamt eurem Geld. Und dann weiß ich, dass all diese Cowboys hier gelernt haben, dass ich hier der Einzige bin, der sie bezahlt.«

			Die Runde schweigt. Mojo nimmt die nächsten zwei Geldbündel und wirft sie zu den keuchenden, schwitzenden, leise gurgelnden Männern.

			»Gibt es noch Fragen?«

			Er mustert sie der Reihe nach. Bandele hebt die Hand.

			»Was ist mit ihm?« Er zeigt auf den fünften Neuen.

			Vielleicht hätte man jetzt die Bewegung mitbekommen können, aber diesmal nimmt Mojo die andere Hand. Ein Unterschied ist nicht festzustellen, beinahe wirkt es, als wäre er mit dieser Hand noch eine Spur schneller. Ein dicker, pechschwarzer Schwarzer bricht zusammen, seine Augen sind fassungslos, ungläubig, so komplett überrascht, man könnte ihn beinahe für unschuldig halten. Wenn es im Leben so etwas wie Unschuld gäbe.

			»Hast du deine Kollegen überprüft?«, fragt Mojo.

			Die Mundwinkel des Schwarzen ziehen sich in die Breite, er schüttelt den Kopf kaum merklich. Es sieht aus, als finge er gleich an zu weinen. Mojo legt ihm die Hand auf den Mund. Er zieht ein weiteres Geldbündel aus der Tasche und legt es dem Dicken in den Schoß. Dann zeigt er im Kreis auf die anderen Fahrer.

			»Bis morgen früh hast du’s ihnen beigebracht.«





25


			Okay«, sagt der Staatssekretär, »Klartext, bitte. Kann ich endlich erfahren, warum dieser Spuk noch kein Ende hat?«

			Es ist sechs Uhr morgens, und um ihn herum am Tisch sitzen Männer, die gerne schlafen würden. Schneider ist da, Dr. Berthold, die Abteilungen B, E und M und zwei Herren, die neu in der Runde sind. Einer von ihnen ist im Außenministerium und schaut, als ob es eine besondere Zumutung wäre, dass er dabeisitzen muss, wohl weil das Außenministerium – wie man so hört – der Ansicht ist, dass die Angelegenheit Hackenbusch eine innerdeutsche wäre.

			»Spinnen die? Geht’s denn noch ausländischer?«

			»Das soll uns nicht stören«, hat Leubl ihm gesagt, »sagen Sie mir nur Bescheid, wenn Sie den Eindruck haben, dass die aktiv bremsen. Wir nehmen die Sache lieber komplett selber in die Hand, bevor die nur widerwillig mitarbeiten.«

			»Auch wieder wahr.«

			»Es darf natürlich nicht aussehen, als ob wir das Auswärtige Amt raushalten wollen: Bieten Sie ihnen einfach immer schön an, dass sie jederzeit Arbeit von uns übernehmen können, dann überlassen die uns von selbst das Spielfeld.«

			Der Gesichtsausdruck des Mannes vom Außenministerium ist also wunschgemäß. Der Mann neben ihm wirkt hingegen überarbeitet und angespannt. Sein Anzug ist zerknittert, er war wohl schon länger nicht mehr zu Hause. Seine Hände zittern, als er zur Thermoskanne greift, und die erste Tasse Kaffee stürzt er herunter wie andere Leute ein frisch gezapftes Pils an einem Sommerabend, er setzt sogar die Tasse auf der Untertasse ab, als wäre sie ein Bierdeckel. Die Untertasse zerspringt, er räumt die Scherben kopfschüttelnd zur Seite und sieht sich nach Ersatz um. Als er keinen findet, stellt er die Tasse auf eine Serviette und schenkt nach. So müde er auch ist, so fahrig er sich auch bewegt, lustlos wirkt er nicht – er möchte erzählen, warum er so wenig geschlafen hat. Er stammt vom Bundesnachrichtendienst.

			»Wo soll ich anfangen?«, will er wissen und reibt sich die Augen.

			»Mit Ihrem Namen, wenn der nicht geheim ist«, sagt Dr. Berthold unleidlich.

			Der Staatssekretär wirft Berthold einen harten Blick zu, dann versucht er Druck aus dem Kessel zu lassen: »Wir sind alle müde, ich stelle uns einfach mal kurz vor. Der noch nicht so ganz freundliche Herr ist Dr. Berthold, Öffentliche Sicherheit. Herr Gödeke, Bundespolizei, Herr Kaspers, Krisenmanagement, Dr. Kalb, Migration, Herr Gondorff, internationale Angelegenheiten. Aus dem Außenministerium haben wir Herrn …«

			Der Staatssekretär blättert in einem dünnen Stapel ausgedruckter E-Mails, findet aber nichts. Er raschelt misslaunig weiter und überlegt, wie er sich da herauswinden sollte, hat aber keine Nerven dafür. »Sorry, ich find’s nicht, macht es Ihnen was aus, wenn Sie …?«

			»Zeitz.«

			»… also Herrn Seitz, und …«

			»Z! Zeitz.«

			»… Pardon, Zeitz vom Auswärtigen Amt. Und Sie sind Herr …?«

			»Echler, BND. Regionale Auswertung und Beschaffung.«

			»Gut. Schön, dass Sie da sind. Wir haben weiß Gott Bedarf an regionaler Auswertung. Verraten Sie uns: Was geht da ab? Ich meine: Wieso laufen die noch?«

			»Verstehe ich auch nicht«, ergänzt Gondorff überflüssig. »Wenn das so einfach ist, warum sind die dann nicht schon immer alle zu Fuß gegangen?«

			»Zu Deutsch: Warum verrecken die nicht?« Das ist Berthold. Wenn der Staatssekretär einschätzen sollte, ob Berthold das so meint, wie er es sagt, würde er vermuten: zu fünfundsiebzig Prozent ja. Der Staatssekretär verschafft sich durch mehrfaches Klopfen auf den Tisch Gehör und gibt dann mit einer Geste das Wort an Echler. Echler richtet sich in seinem Stuhl auf, er streicht seine Krawatte glatt, dann fällt ihm auf, dass er gar keine Krawatte trägt.

			»Die Antwort ist … also, es hat mehrere Ursachen. Aber unterm Strich ist die Erklärung einfacher, als man glaubt. Entschuldigen Sie, ich bin gerade erst noch mal gebrieft worden, das war eine echt lange Nacht, ich habe leider keine schöne Präsentation für Sie, ich fange jetzt einfach mal irgendwo an …«

			Der Staatssekretär nickt ihm ermutigend zu.

			»Also, wir wissen nicht, wer sich das ausgedacht hat. Aber wenn man sich’s ansieht, dann ist die Frage von Herrn … Gandorf? … die Frage ist gar nicht abwegig. Wir wundern uns selber, dass das nicht schon eher einer gemacht hat. Da muss man schließlich kein Einstein sein, um draufzukommen.«

			Echler schaltet den Tageslichtprojektor neben sich ein: »Wie gesagt, ich habe keine schöne Präsentation. Und bevor ich jetzt lauter Bilddateien in der falschen Reihenfolge habe, leg ich lieber die Ausdrucke altmodisch von Hand auf. Also, das hier sind zwei Luftaufnahmen dieser Wanderung. Sie sehen: Das ist im Grunde eine endlos lange Kolonne. Das ist aber schon der erste Schritt.«

			»Dass sie in der Kolonne laufen?«

			»Ja. Das ist ja nicht zwingend. Aber der eigentliche Trick wird klar, wenn man die beiden Aufnahmen vergleicht. Der dunkle Wurm, das ist Ihnen wohl allen klar, das ist die Kolonne selbst. Links sehen Sie eine Aufnahme mitten aus der Kolonne, rechts ist eine Aufnahme der Spitze. Fällt Ihnen was auf?«

			»Da sind große dunkle Maden in der Kolonne.«

			»Genau, das sind die Tanklaster mit dem Wasser. Sie sehen …«

			»… dass die Abstände gleichmäßig sind«, drängt der Staatssekretär.

			»Genau. Das ist kein Zufall.«

			»Weil die Laster neben der Kolonne herfahren«, tippt Zeitz.

			»Ach so, nein, das können Sie natürlich nicht sehen«, sagt Echler, »aber diese Laster fahren nicht. Die stehen. Die Menschen laufen an ihnen vorbei. Und jetzt sehen Sie bitte zu der Aufnahme von der Spitze.«

			Der Staatssekretär kneift die Augen zusammen. Er würde gerne das Rätsel als Erster lösen, aber er ist zu kaputt. Man sieht ebenjenen dunklen Wurm, der in regelmäßigen Abständen die Tanklastwagen enthält. Er denkt an Bohnen in der Schote. Nur dass in diesem Fall auch einige Bohnen vor der Schote liegen.

			Dr. Kalb folgert: »Die haben offenbar zu viele Laster.«

			»Sie meinen das Richtige: Diese Laster versorgen nicht nur den Zug, sie geben ihm überhaupt erst die Struktur. Die Laster parken bereits voraus, in regelmäßigen Abständen. Das heißt, dass diese Menschen sich nicht verlaufen können, weil sie an den Trucks vorbeiwandern wie an Wegmarkierungen. Sie verstehen? Die Laster liefern das Wasser und zugleich die Orientierung.« Echler wirkt jetzt fast begeistert. Er redet schneller, was er da entdeckt hat, imponiert ihm offenbar.

			»Das ist eine erstaunliche logistische Leistung. Hundertfünfzigtausend Leute in einem Lager zu versorgen, das ist ja recht übersichtlich: Da sind die Leute in ihren Abschnitten, dann kriegen sie da ein Klo hin, eine Wasserstelle, das organisiert man wie am Campingplatz, und dann ist man fertig. Aber hundertfünfzigtausend Leute unterwegs, da droht Ihnen das Chaos. Und die haben das in den Griff gekriegt.«

			»Haben sie Hilfe? Militär? Kriegen die staatliche Unterstützung?«

			»Unseren Erkenntnissen nach nicht. Da hat einfach irgendeiner gründlich nachgedacht: Er hat sich ausgerechnet, wie viele Leute er mit einem Wassertanker versorgen kann, wie viel Platz die brauchen, dann rechnet er die Abstände der Laster aus. Sein Ergebnis heißt: Ein Truck versorgt dreitausend Leute, alle tausend Meter muss einer stehen.«

			»Und das soll einer von denen ausgerechnet haben?«, spottet Dr. Berthold. Der Staatssekretär korrigiert seine Schätzung auf fünfundachtzig Prozent.

			»Warum nicht?«, gibt Echler zurück, »dazu genügt Ihnen ein Rechenschieber. Sie sollten natürlich auch einen gewissen Sinn für Effizienz mitbringen. Sie brauchen ja alle Laster doppelt.«

			»Als Reserve«, sagt Gödeke.

			»Nein, weil: Wegfahren, Wasser holen, wieder zurückfahren, das schaffen Sie nicht an einem Tag. Also wechseln sich jeweils zwei Laster ab. Einer steht da, der andere holt Wasser für den nächsten Tag. Richtig geil ist aber, dass sie das nicht eins zu eins durchwechseln. Die Ersatzlaster für die letzten fünfzehn Kilometer warten jeden Tag schon auf der Strecke, die erst noch gelaufen werden muss. Das sind die Laster auf dem Foto, die der Kolonne voraus parken. Und jetzt passen Sie auf!«

			Er wechselt die Bilder und liefert zwei Großaufnahmen, vermutlich von einer Drohne. Man sieht die Trucks, und auf ihnen stehen große Nummern: »3« auf dem einen, »16« auf dem anderen.

			»Die haben die Trucks nummeriert? Haben die Angst, dass ihnen einer verloren geht?«

			»Besser«, strahlt Echler, als wäre es seine Idee gewesen. »Das ist so was wie eine Hausnummer. Sie müssen bedenken: Die kommen aus einem Lager. Die sind dran gewöhnt, dass die Bezirke durchnummeriert sind. Und genauso funktionieren jetzt die Trucks: Wer gestern bei Truck 16 übernachtet hat, der übernachtet morgen auch bei Truck 16. Der wohnt sozusagen immer bei Truck 16.«

			»Und wo ist das Geniale?«

			»Sie verhindern Chaos. Stellen Sie sich das doch mal vor: Sie sind ganz vorne, es ist frühmorgens, Sie wollen losgehen. Das könnte doch so aussehen, dass Sie weder wissen, wo Sie hinsollen, noch, wie weit. Und was immer Sie entscheiden, müssten Sie auch noch hundertfünfzigtausend Leuten mitteilen. Aber nein: Die Typen an der Spitze wachen neben Laster Nummer 1 auf, und vor ihnen stehen bereits Laster in jeweils einem Kilometer Abstand aufgereiht. Diese Laster haben neue Nummern, 15, 14 bis runter zur 1. Und an denen wandern sie vorbei, bis sie wieder bei Laster 1 sind, dann sind sie für den Tag fertig. Jeder weiß, wenn er bei derselben Nummer ankommt, bei der er am Tag zuvor war, dann ist die Etappe für heute beendet.«

			Der Staatssekretär ist nicht sicher, wie er diese Bewunderung deuten soll, aber ein gutes Zeichen scheint es nicht zu sein, und der Rest der Runde scheint es ähnlich zu sehen. Echler lässt sich davon nicht bremsen. »Das ist narrensicher«, freut er sich, »und Sie haben damit zugleich eine genormte Marschlänge. Die laufen nicht heute sieben Kilometer und morgen zwanzig. Die laufen jeden Tag fünfzehn Kilometer, nicht mehr, nicht weniger.«

			»Ich bin begeistert«, sagt der Staatssekretär. »Aber es gibt doch Grenzen.«

			»Eigentlich nicht«, sagt Echler zuversichtlich.

			»Landesgrenzen«, präzisiert der Staatssekretär genervt.

			»Verzeihung, das hatte ich missverstanden. Das mit den Landesgrenzen ist simpel: Bestechung. Es gibt da offenbar jemanden, der weiß, wen man bestechen muss.«

			»Aber trotzdem«, protestiert Gödeke, »es lässt doch keiner einfach hundertfünfzigtausend Leute ins Land!«

			»Also, erstens hängt das natürlich von der Summe ab«, erklärt Echler entspannt, »aber auch von den Leuten. Ich gebe Ihnen recht: Niemand würde hundertfünfzigtausend Soldaten ins Land lassen oder überhaupt hundertfünfzigtausend Bewaffnete. Aber den Fehler machen sie nicht, das Gefährlichste, was die dabeihaben, sind Taschenmesser. Nächster Punkt: Derjenige, der sich bestechen lässt, will keinen Ärger haben. Also müssen Sie ihm ein paar Dinge glaubhaft versichern können.«

			»Dass Sie nur auf der Durchreise sind …«, schlägt der Staatssekretär seufzend vor.

			»Zum Beispiel.« Echler lächelt ihn an wie ein Lehrer, der sich freut, dass die Klasse mitarbeitet. »Und dass Sie nicht in seinem Land verhungern, dass er Sie nicht versorgen muss. Und wenn all das klar ist, wenn diese Leute kommen und wieder gehen, wenn diese Leute Essen, Wasser und Unterkunft mitbringen, was spricht dann dagegen, dass Sie für diese Durchreise einen Haufen Geld einstecken?«

			»Vielleicht, dass es verboten ist?«, sagt Zeitz. »Haben Sie darüber schon mal nachgedacht?« Das hellste Licht haben sie nicht geschickt, denkt der Staatssekretär.

			»Also schön: Hundertfünfzigtausend Leute laufen schutzlos durch die Gegend. Durch Regionen voller Terroristen, Islamisten, Verbrecher. Durch genau die Regionen, aus denen sie alle abhauen. Seh ich da was falsch, oder kann das nicht gut gehen?« Dr. Berthold sagt das, als solle man sich keine Sorgen machen.

			»Wer sagt, dass sie schutzlos sind?« Echler strahlt, als hätte er den Zug selbst organisiert.

			»Sie haben doch gesagt, dass sie unbewaffnet sind. Unbewaffnet sein müssen, weil sie sonst keiner ins Land lässt.«

			»Aber nicht schutzlos. Sie werden geschützt. Sie bezahlen eine der örtlichen Verbrecherbanden. Wo der Staat nicht zuverlässig ist, ist die organisierte Kriminalität umso zuverlässiger. Der Vorteil liegt auf der Hand: Das Militär muss nicht eingreifen, weil es genau die landeseigenen Verbrecher sind, gegen die man sonst auch schon keine Mittel hat. Also: keine größere Bedrohung als üblich.«

			»Das klappt vielleicht jetzt«, sagt Dr. Kalb, »aber das ist nur eine Momentaufnahme, nicht wahr? Wie lange geht das noch gut? Vier Wochen? Ich meine, die kommen ja wieder an eine Grenze, oder?«

			»Wenn Sie meine ehrliche Meinung wollen: Solange die die richtigen Leute zum Bestechen finden, sehe ich nicht, wie das Modell angesichts dieser maroden Staaten schnell scheitern soll«, freut sich Echler. »Wahrscheinlich wartet im nächsten Land schon der richtige Beamte gierig auf ihre Ankunft, damit er endlich die Hand aufhalten darf.«

			»Und wenn die sich zwischen zwei Ländern entscheiden können, können sie sich wohl auch noch das günstigere aussuchen?« Kaspers ist entrüstet.

			»Sonst noch was?«, grollt Gödeke. »Ein marktwirtschaftlicher Wettbewerb um die billigste Reiseroute!«

			»Davon ist auszugehen«, kommentiert Echler sachlich. »Nicht dass sie’s nötig hätten.«

			»Okay, damit kommen wir ja dann hoffentlich mal zur Hauptsache«, sagt Dr. Berthold, »wer zahlt den ganzen Quatsch?«

			»Ahh, genau«, meint Echler überdreht, »das wird Ihnen gefallen. Wenigstens den Sozis unter Ihnen – gibt’s da eigentlich noch welche?«

			»Wir sind eine Volkspartei, nach wie vor«, sagt Dr. Kalb leicht beleidigt. »Ich wüsste trotzdem nicht, was mir daran gefallen sollte.«

			»Das ist so was wie ein Genossenschaftsmodell«, strahlt Echler.

			»Das ist WAS??«

			»Da haben uns die Kollegen von der NSA etwas ausgeholfen. Jeder, der mitläuft, zahlt pro Tag fünf Dollar. Das läuft über die Smartphones, kein besonderes Programm. Und mit der Bestätigung auf dem Smartphone weist er sich an den Trucks aus, ob er für den Tag bezahlt hat – dann kriegt er Wasser und was zu essen. Jetzt können Sie sich’s ausrechnen: Die haben pro Tag 750.000 Dollar zur Verfügung. Mindestens.«

			»Mindestens?«

			»Es sollte mich nicht wundern, wenn die für Sonderausgaben noch mehr locker machen können. Sie müssen bedenken: Das alles ist für die doch saugünstig.«

			»Fünf Dollar am Tag summieren sich auch.«

			»Lassen Sie die zwei Jahre laufen, dann haben sie ungefähr dreitausendfünfhundert Dollar ausgegeben. 2016 gab’s mal eine Untersuchung. Schon damals kostete eine Durchschnittsflucht siebentausend Euro. Und die mussten dafür jahrelang sparen. Jetzt können sie sogar auf Raten zahlen. Wenn die es bis hier schaffen sollten, ich sage Ihnen, die bringen noch Geld mit!«

			»Dann ist es nur eine Frage der Zeit«, sagt Dr. Berthold und lehnt sich entspannt zurück. »Wenn da so viel Geld rumfliegt, bringen die sich doch binnen Kürze gegenseitig um.«

			»Stimmt das?«, hakt Zeitz erfreut nach.

			Echler schüttelt den Kopf. »Da fliegt kein Geld rum. Das Geld wird per Smartphone überwiesen. Da ist kein einziger Geldschein unterwegs. Die größte Menge hat dieser Herr Lionel auf dem Apparat, so um die Mittagszeit. Von da fließen dann die Tranchen an verschiedene Konten, vermutlich die Lieferanten, das Schutzgeld, die Bestechungen.«

			»Siebenhundertfünfzigtausend Dollar«, sinniert Kasper. »Das ist ein Haufen Geld da unten.«

			»Pro Tag«, wirft Echler aufmunternd hinterher.

			»Und dieser Lionel«, bohrt der Staatssekretär, »was ist das für einer?«

			»Kein dicht beschriebenes Blatt«, Echler zieht ein Papier hervor. »Seinen richtigen Namen wissen wir noch nicht. Vermutlich hat er bei seinem Geburtsdatum gelogen, kann auch sein, dass die Akten des Lagers unvollständig waren, oder es gab einen fehlerhaften Eintrag. Aber zwei Quellen sagen, dass er mal eine Zeitlang für Schlepper kleinere Arbeiten übernommen hat.«

			»Also doch!«, stellt Gödeke fest, »ein Schlepper.«

			»Nicht ernsthaft. Er war ein Handlanger. Und als die Schlepper so teuer wurden, dass sie sich keiner mehr leisten konnte, gab es für ihn keinen Bedarf mehr. Aber die Kontakte hat er noch, und deswegen funktioniert auch die Organisation unterwegs. Die Kontrolle, ob jeder gezahlt hat, die Verteilung von Wasser und Nahrung, das können Sie natürlich nicht mit diesem ganzen Lagergemüse organisieren. Das machen Kumpels, die er in seinen Schlepperzeiten kennen gelernt hat.«

			»Und wer zahlt das?«, staunt Zeitz.

			»Sieben-hundert-fünnfzich-tausend Dollar«, giftet der Staatssekretär gereizt.

			»Könnte man meinen«, gibt Echler zu, »aber die reisen offenbar gegen freie Kost und Logis. Sie dürfen nicht vergessen: Das sind auch nur Flüchtlinge. Dieser Lionel, der zahlt übrigens selber täglich seine fünf Dollar.«

			»Ich bin gerührt«, knirscht der Staatssekretär, »und die Hackenbusch vermutlich auch.«

			»Nein«, erwidert Echler trocken, »die zahlt zehn.«

			»Das heißt, nach Einschätzung des BND haben wir ein bewundernswertes Modell.«

			»Es steht dem BND nicht an, eine Wertung abzugeben«, konstatiert Echler. Er sieht mit einem Mal grau aus und erschöpft, wie ausgesaugt. »Es mag sein, dass man da eine gewisse Hochachtung heraushören konnte, aber die ist relativ. Tatsächlich haben diese Leute das bisschen genutzt, was sie haben, auf unerwartet effiziente Art und Weise. Und was Ihnen wohl am wenigsten gefällt, ist, dass das Modell tragfähig ist. Da werden sicher immer wieder in besonderen Situationen Schwächen zutage treten, aber das Modell ist ausbaufähig, hat Reserven und lässt sich anpassen.«

			Der Staatssekretär hat genug gehört. Er schiebt seinen Sessel vom Tisch zurück: »Danke. Ich werde den Minister unterrichten. Ihr Fazit lautet also: Ein schnelles Scheitern halten Sie für unwahrscheinlich?«

			Die Müdigkeit hat Echler inzwischen zusammengefaltet wie eine ausgedrückte Zigarettenkippe. Nur die Frage lässt ihn noch einmal aufflackern:

			»Wer redet von Scheitern? Das läuft!«



Eine Frau zeigt Größe

			Herzlos-Skandal um Nadeche Hackenbusch: Während der Noch-Mann des Show-Stars sein wahres Gesicht zeigt, hilft sie jungen Unternehmerinnen, den Mut nicht zu verlieren

			Von Astrid von Roëll


Es ist erstaunlich, auf welchen verschlungenen Pfaden uns das Leben manchmal zu unserer Bestimmung führt. Das Leben, so scheint es, nimmt nie den direkten Weg, und oft fragt man sich, warum. Doch das Leben weiß tief in seiner Brust, dass Schnelligkeit nicht hilft, wenn sie einen doch nur zu früh ans Ziel bringt. Und selten lässt sich das so deutlich erkennen wie in diesen Tagen in der glühenden Sonne Afrikas an der Seite von Nadeche Hackenbusch. »Vor zwanzig Jahren hätte ich all das nicht bewältigt«, sagt sie nachdenklich, während der Wind der Wüste in ihren dunklen Haaren spielt wie auf einer Harfe. »Ich habe es damals nicht zu schätzen gewusst, aber heute bin ich dankbar für alles, was ich lernen durfte. Denn jetzt kommt es mir zugute. Mir und ihnen.«

			»Ihnen«, das sind die Hunderttausende, die Nadeche Hackenbusch derzeit unter den atemlosen Augen der gesamten Weltöffentlichkeit mit Lionel, dem neuen Mann an ihrer Seite, durch die Gefahren des Schwarzen Kontinents lotst. Es ist kein Zufall, dass Nadeche Hackenbusch gerade jetzt exclusiv für EVANGELINE ihre Seele so weit öffnet wie noch nie zuvor. Denn während die noch immer erstaunlich junge Frau in diesen Tagen das vielleicht womöglich gefährlichste Abenteuer ihres Lebens bestehen muss, macht sie die größte private Krise durch, die das Schicksal für einen Menschen bereithalten kann. Es scheint kaum vorstellbar: Eine Frau, die gerade für Hunderttausende in der Verantwortung steht, die derzeit eine junge, beeindruckende Liebe erlebt, die sich so offenkundig und wohltuend von dem abhebt, was einem heutzutage so oft als »Beziehung« vorgeführt wird, ausgerechnet diese Frau blickt jetzt in einen Abgrund an gewissenloser Rücksichtslosigkeit.

			Ausgerechnet Nicolai von Kraken. Der Mann, mit dem sie erst im letzten Sommer das Ehegelübde erneuert hat, am schneeweißen Strand von St. Barth, wo ihnen das champagnerfarbene Meer schäumend zuprostete. Und wie bitter muss es sein, dass sich nun gerade der Mann, der geschworen hat, sie auch in schlechten Tagen zu lieben, ihrer wahren Liebe in den Weg stellt. Dass dieser Mann, dem sie ihre Söhne Keel und Mynce anvertraute, ihr jetzt über einen herzlosen Anwalt die bizarre Nachricht zukommen ließ, er würde im Trennungsfall die Hälfte ihres Vermögens beanspruchen. Tapfer wendet Nadeche den Blick nun ab, nach draußen, wo die grenzenlose Weite der Unendlichkeit ihr guttut.

			»Es erdet mich«, lächelt sie tapfer, »all das hier erdet mich. Dieses Land, diese Menschen, Lionel. Es gibt so vieles, was wichtiger ist.« Über Nicolai mag und kann sie derzeit nicht reden, ihr Anwalt erlaubt es nicht. »Aber auch wenn derzeit vieles geschieht, was zunächst ungerecht wirkt, wenn bestimmte Menschen sich auf einmal verhalten, wie es eine Frau niemals tun würde – hier, in diesem Land erfahre ich Tag für Tag, dass nichts vergeblich geschieht.«

			Wir sind unterwegs zu einem Einsatz, der Nadeche Hackenbusch besonders am Herzen liegt. Weil es wieder einmal vor allem Frauen sind, die sich mehr bemühen als andere – und dabei immer wieder größere Hürden zu überwinden haben als andere Menschen: junge Unternehmerinnen. Sie haben die extrem schwierigen Umstände dieser monatelangen Wanderung als Chance begriffen, sie haben gemerkt, dass es inmitten des Nirgendwo oft am Nötigsten fehlt, sie bieten ihre Hilfe an. Und nun ist es wie ein Hilfsangebot des Himmels, dass ausgerechnet in dieser Situation Nadeche Hackenbusch vor Ort ist, die sich wie kaum jemand sonst mit den Nöten junger Unternehmerinnen auskennt.

			Wieder bemühen sich Frauen mehr als andere

			Kaum jemand musste so hart um die Anerkennung ringen, die Männer einsammeln wie eine Selbstverständlichkeit, die auf dem Boden herumliegt. Schon Anfang 1999 machte sie ihre ersten Gehversuche, weil sie schon damals wusste: »Eine Frau kann sich nicht nur auf ihr Aussehen verlassen. Das gilt für jede Frau, auch für mich. Aber man kann sich heute nicht vorstellen, mit welchen Widerständen ich zu kämpfen hatte. Das war ja praktisch noch in den Neunzigern!« Sie startete Aufsehen erregend mit der Kosmetikserie Smell d’Elle by Nadeche. Doch trotz eines wegweisenden Konzepts, trotz cleverer Ideen musste die erfolgversprechende Produktserie nach nur vier Wochen vom Markt genommen werden.

			»Eine Frau kann sich nicht nur auf ihr Aussehen verlassen«

			Wie schnell sie lernt, hat der Erfolg des HackenPush-ups dann deutlich bewiesen, der sich in einem ungünstigen Umfeld bewundernswert behauptete: »Doch da hat uns dann leider der Markt im Stich gelassen, das kann dir natürlich immer passieren«, lacht sie, obwohl sie genau weiß, dass ihr auch hier die Industrie Knüppel zwischen die Beine geworfen hat: Genau im Jahr der Einführung des HackenPush-ups hielt plötzlich ein Trend zu kleineren Körbchen Einzug – renommierte Marktbeobachter halten das hinter vorgehaltener Hand kaum für Zufall. Nadeche Hackenbusch lässt sich davon freilich nicht entmutigen, wer sie kennt, weiß, dass sie bereits das nächste Projekt in ihrer gewitzten Pipeline hat – auch wenn es in diesen Tagen zurückstehen muss. »Meine Erfahrungen kann ich hier genauso sinnvoll einbringen wie zu Hause«, sagt sie entschlossen, »vielleicht sogar noch sinnvoller. Ich kenne die Schwierigkeiten ja.«

			Was sie hier in Afrika beobachten muss, ist empörend: »Die jungen Unternehmerinnen werden geradezu ausgenutzt.« Ihr Gewerbe sind diverse kleinere Handarbeiten, wie sie unterwegs häufig nötig werden, gerade angesichts der großen Zahl alleinstehender junger Männer, die sich mit vielem nicht auskennen. »Diese Frauen erarbeiten sich so Tag für Tag die Weiterreise«, schildert Nadeche Hackenbusch, »das tägliche Bezahlen ist ja auch eine Chance für Menschen, die noch nicht genug angespart haben.« Doch genau das wird häufig ausgenutzt.

			Jeder Mitziehende muss bis zwölf Uhr bezahlt haben. »Und je näher die Zwölf-Uhr-Marke rückt, desto mehr sind manche Frauen unter Druck.« Was Nadeche Hackenbusch dann beobachtet, empört: »Die Kunden versuchen den Preis zu drücken, sie wollen Mehrarbeiten heraushandeln.« Besonders ärgerlich: Diese Kunden sind immer – Männer. »Es ist ganz klar eine Bildungsfrage«, sagt Nadeche Hackenbusch kritisch, »Frauen sind in Handarbeiten geschickter, sie sind darin ausgebildet, Männer sind es nicht. Aber dass gerade dann die Männer die Hilfe nicht auch entsprechend bezahlen wollen, ist – sorry: typisch.«

			Mit Schuldbewusstsein ist dennoch nicht zu rechnen. Wir begleiten Nadeche Hackenbusch exclusiv, wie sie einen der säumigen Kunden aufsucht und zur Rede stellt. Die Situation ist dem jungen Schwarzen zwar unangenehm, aber zu seiner Verantwortung will er dennoch nicht stehen. »Ich kann nichts dafür, dass ich nicht verheiratet bin«, sagt er, und als Nadeche energisch nachhakt, was die Ehe damit zu tun hätte, erwidert er: »Wenn ich verheiratet wäre, würde meine Frau das kostenlos machen.« Es ist erstaunlich, wie resolut die Moderatorin und Show-Ikone hier einschreitet. Und anschließend lässt sie sich zeigen, wie der kleinlaute Kunde der kaum sechzehn Jahre alten, glücklich strahlenden Klein-Unternehmerin ihren verdienten Lohn aufs Smartphone überweist. Zurück bleiben die beiden versöhnt, er entschuldigt sich, zeigt deutlich Einsicht, und Nadeche Hackenbusch hofft: »Mit etwas Glück wird er bei ihr Stammkunde. Dauerhafte Geschäftsbeziehungen können die Geschlechtergrenzen überwinden und zur Verständigung beitragen.«

			Eine Frau, die das Miteinander fördert

			Eine Frau, die nicht auf dem Gegeneinander beharrt, sondern die das Miteinander fördert. Die trotz privater Probleme an die Zukunft von Mann und Frau glaubt. Ob das zwanzig Jahre zuvor möglich gewesen wäre, will ich wissen: »Vor zwanzig Jahren hätte ich diesen jungen Frauen nicht helfen können«, betont Nadeche Hackenbusch. »Ich bin sicher, dass das Leben es so eingerichtet hat, dass ich erst jetzt hier bin. Es geht nicht darum, möglichst schnell am Ziel zu sein. Du musst da sein, wenn du gebraucht wirst.«





26


			Sensenbrink schließt die Tür hinter sich. Er geht um den Schreibtisch herum und setzt sich langsam in seinen Sessel. Er schaut desinteressiert an die Wand gegenüber. Das Poster von »Du bist nicht meine Mutter«, der ersten Show, die er alleine verantwortet hat. Und das von »extrem deutsch«, die es leider nie über die Pilotfolge hinausgebracht hat. War eigentlich lustig: Drei Asylbewerber müssen sich in vier Wochen so gut wie möglich anpassen, und der Sieger gewinnt eine Scheinehe. Letzteres war der Standardwitz auf dem Flur, tatsächlich gab es natürlich nur Geld zu gewinnen. Aber immerhin einer von den dreien konnte wirklich seine Abschiebung mit Verweis auf seine Bemühungen in der Sendung ein halbes Jahr hinauszögern. Es ist nicht das Leben, das die besten Geschichten schreibt, es ist das Fernsehen.

			Sensenbrink steht auf und geht zum kleinen Kühlschrank. Er holt sich einen Saft heraus und entfernt den Kronkorken mit dem Flaschenöffner. Er kehrt zum Schreibtisch zurück, setzt sich und stellt die Flasche neben das Telefon. Vor einem oder anderthalb Jahren hat der Sender der Belegschaft den Saft gestrichen. Und das Mineralwasser. Sie haben dafür einen Sprudler an die Wasserleitung geklemmt und daneben ein großes Plakat gehängt, das erklärt, warum Leitungswasser hervorragend ist und der Sprudler genauso gut wie Mineralwasser, wenn nicht womöglich sogar noch besser. Seit Engel im Elend durch die Decke geht, bekommt Sensenbrink einen eigenen Kühlschrank, und in diesem Kühlschrank gibt es auch wieder Saft und Mineralwasser in Flaschen. Interessanterweise ist es nicht nötig gewesen, ihm mit einem Plakat zu erklären, warum das Flaschenwasser doch nicht so schlecht ist. Die Leute sind blöd, aber nicht so blöd. Sensenbrink betrachtet seinen Saft und stellt fest, dass er keine Lust auf Saft hat. Wenn er Raucher wäre, würde er jetzt wahrscheinlich eine rauchen. So lehnt er sich unzufrieden zurück und fühlt sich unbehaglich.

			Leer.

			Vielleicht ist es zu schnell gegangen?

			Sensenbrink ist kein Freund von Schnellschüssen. Es gibt so Leute, die spontan immer am besten reagieren und denen unter Druck und live die witzigsten Ideen kommen. Gottschalk, klar, obwohl Sensenbrink gerade nur die Sache mit den Eierstöcken einfällt, auch keine Sternstunde des Fernsehens. Kärrner soll früher auch so gewesen sein, als er noch selbst Producer war. Aber für Sensenbrink ist das nichts. Spontan kann man sein, wenn es um nichts geht, im Urlaub, wenn sie wieder ins Ferienhaus auf Mallorca fahren, okay, da kann man den ganzen Tag spontan sein, aber: Da ist er’s ja auch nicht. Und zwar weil Spontansein anstrengend ist, und die Ergebnisse sind dann auch meist scheiße, man endet irgendwo, und es regnet, oder man hat keine Badehose dabei oder keine Kondome, weil man ja nicht gewusst hat, wie spontan man sein würde. Spontan, das ist wie Sex am Strand, es klingt irgendwie toll, aber letztlich ist dann doch immer nur Sand an irgendwelchen Körperteilen, ruck, zuck ist man so verbrannt, dass sich die Haut in riesigen Fetzen von den Schultern schält.

			Jedenfalls schätzt Sensenbrink Pläne. Er will wissen, was er im Fall der Fälle zu tun hat, und wenn er es nicht weiß, dann gelingt es ihm in neun von zehn Fällen, die Entscheidung zu vertagen. Er würde sogar sagen, dass Vertagen überhaupt das Erfolgsrezept im modernen Management ist. Die Entscheidungen, die wirklich unbedingt sofort getroffen werden müssen, die kann man an einer Hand abzählen. Aber auch auf die kann man sich vorbereiten. Und heute hätte eigentlich so einer von diesen Tagen sein müssen.

			Er hat gewartet, so lange es eben ging. Er hat sich zwei Pläne zurechtgelegt. Und er hat beim Meeting sogar eine wunderschöne Vorlage bekommen: Olav, der mit dieser lässigen Künstlerhaltung als Letzter in den Konferenzraum geschlendert ist, mit einem Vorabexemplar der Evangeline unterm Arm. Der sich dann in einen freien Sessel gefläzt und das Heft aus dem Handgelenk elegant auf den Tisch gezwirbelt hat, so dass es sich auch noch auf der Tischplatte weiterdrehte und genau richtig liegen geblieben ist. Obwohl, an einem runden Tisch liegt das dann natürlich immer für irgendwen richtig. Und dann, mit diesem Entree, hat er gesagt:

			»Sagt mal, hab ich was an den Augen oder lese ich gerade in der Evangeline, wie unser Star für Nutten das Geld eintreibt?«

			Natürlich großes Geraschel, alle stürzen sich auf das Heft, Sensenbrink hat sich nicht mitgestürzt, das war sofort klar, dass Beate das macht. Und tatsächlich, eine sechsseitige Reportage über diese Scheidungskiste Hackenbusch-von-Kraken, und so gegen Ende, wenn man nicht holzdumm und stockblind ist, dann hat man Olav recht geben müssen.

			»Ich weiß überhaupt nicht, warum wir uns hier über jede Story so viele Gedanken machen«, hat Olav gesagt. »Ich meine, all diese Diskussionen, zweimal die Woche: Wie kommt diese Geschichte an, wie deutlich sollen wir das zeigen? In der Entwurfsphase, dann die finale Abnahme, der Justitiar schaut den ganzen Sums an und nervt alle – wozu quatschen wir hier über all das, wenn unser Sonnenscheinchen da unten macht, was es will? Mal ist sie der Engel im Elend, mal ist sie die Geliebte des Superflüchtlings, und was machen wir heute? Überraschung: die Mutter der Wanderhure.«

			Da war eine schöne Aufregung am Tisch, und das schätzt Sensenbrink meistens. Aufregung ist gut, da muss man nur schnell sein und rechtzeitig die Rolle als Ruhebewahrer einnehmen, bevor es jemand anderes tut. Und das Schöne an Beate Karstleiter ist, dass sie sich mit ihrer ganzen Unsicherheit viel zu sehr anstecken lässt, als dass sie ihm zuvorkommen könnte. Er hat also gelassen abgewartet, bis sie gesagt hat, dass das ein dickes Ei wäre und dass man das selbstverständlich sofort überprüfen müsste. Und dann konnte er ganz entspannt ausbreiten:

			»Kommt alle mal wieder runter. Ihr tut ja, als hätte es 68 nie gegeben.«

			Jetzt, im Nachhinein, muss sich Sensenbrink eingestehen, dass er gar nicht so genau sagen könnte, was denn 68 alles erlaubt worden ist. Auf jeden Fall ziemlich viel, und danach durfte man Miniröcke tragen, obwohl – ein Gesetz gegen Miniröcke gab es eigentlich nie. Günstigerweise hat niemand nachgefragt.

			»Zuhälterei ist meines Wissens immer noch verboten«, war von der eigentlich zuverlässigen Anke gekommen.

			»Zuhälterei ist, wenn man Geld dafür nimmt. Höchstens«, und dabei hat sich Sensenbrink kühl zurückgelehnt, »allerhöchstens kann man sagen: Nadeche Hackenbusch betreibt ehrenamtliche Zuhälterei.«

			»Und ehrenamtliche Zuhälterei ist keine Förderung der Prostitution?« Das war diese Hayat. Er hatte sie regelmäßig dabeihaben wollen, weil sie ziemlich aufgeweckt wirkte, aber allmählich ist er nicht mehr sicher, ob das wirklich eine gute Idee war.

			»Ich kenne mich in der Rechtsprechung anderer Länder nicht aus.«

			»Die Evangeline wird hier veröffentlicht«, sagte Olav schmucklos.

			»Und es ist deren Problem«, hat Sensenbrink abgebogen. »Viel wichtiger ist: Haben wir gewusst, dass da so was läuft?«

			»Ich nicht.«

			»Ich auch nicht.«

			»Und wieso nicht? Das ist doch mal eine Geschichte! Nutten vögeln sich durch die Wüste nach Europa. Und wenn wir das rechtzeitig wissen, dann können wir’s auch richtig drehen. Dann lassen wir Nadeche das beobachten, und dann heult sie oder tröstet oder macht eben ihr Human-Touch-Dings, aber sie läuft nicht ins offene Messer.« Kurze Pause, leicht Schwung holen, dann: »Wenn hier unser Topstar in ein schlechtes Umfeld rasselt, dann deshalb, weil wir unseren Job nicht gemacht haben. Weil wir nicht wachsam gewesen sind.«

			Noch mehr Pause. Betretenes Schweigen ist ganz gut, aber man muss ihm auch Zeit geben. Ein richtig gutes, wirkungsvolles betretenes Schweigen ist wie Pfannkuchenteig: Es landet mit einem lauten Zischen in der Mitte, und dann sieht man geduldig zu, wie es sich langsam ausbreitet.

			Diese Stille war dann eigentlich die ideale Plattform für den nächsten Punkt: »Gut, bei der Gelegenheit können wir auch gleich das nächste Thema ansprechen.«

			Es hatte ihn schon gewundert, warum es keiner aufgebracht hatte, aber das gibt es ja manchmal: dass sich alle um etwas drücken, und dann braucht es eben richtige Entscheider, die auch die unangenehmen Themen entschlossen auf die Tagesordnung setzen: Ein General kann eben nicht nur Beförderungen aussprechen, manchmal muss man auch Soldaten ins Feuer schicken.

			»Wir haben bislang ja noch Glück gehabt, dass niemand das aufgegriffen hat, aber in unserer Position darf man sich nicht einlullen lassen. Ich würde ja auch lieber immer nur die schönen Seiten beleuchten, aber das geht nicht. Unsere neue, zusätzlich gewonnene journalistische Kompetenz müssen wir verteidigen. E-Zwo darf nicht zu einer Schönwetterveranstaltung verkommen …«

			Diese ratlosen Gesichter. Als würde er völligen Quatsch erzählen. Und er hat noch angenommen, das sei ein Anzeichen, wie weit er seiner Truppe voraus ist. Und immer weiter in diesem staatstragenden Ton. Er will gar nicht wissen, was die gedacht haben.

			»… die nächsten Tage und Wochen dürften unangenehm werden, aber es darf nicht passieren, dass uns ein anderes Medium mit der Geschichte unter Zugzwang setzt. Wir bestimmen die Themen, wir bestimmen den Tonfall, wir bestimmen das Rennen von der Pole Position aus …«

			Ungefähr da haben die Ersten das zustimmende Nicken eingestellt.

			»… wichtig ist aber vor allem die Datenbasis. Wir müssen wissen, was Sache ist und was nicht. Ungeschönt. Klar ist, von diesen Zahlen verlässt nichts den Raum hier. Aber wir dürfen uns dennoch nicht in die Tasche lügen. Ich will konservative Schätzungen, die können ruhig ins Pessimistische gehen, da drehe ich niemandem einen Strick draus. Wir brauchen das, damit wir auch ein belastbares Worst-Case-Szenario erstellen können.«

			Wo war der Fehler? Sicher, er hat nie gefragt, aber gesagt hat’s ihm doch auch keiner. Er hat nur gewusst: Wenn er die Frage jetzt aufwirft, dann kann sie keiner mehr zurücknehmen. Ab diesem Zeitpunkt würden die nächsten Wochen über seine Karriere entscheiden, das war sonnenklar, und er hatte lange genug weggesehen. Er konnte nur zwischen Pest und Cholera wählen, und dann wollte er schon lieber selbstbestimmt dem Aus ins Auge sehen. Er weiß noch, es war wie ein Sprung vom Zehnmeterbrett oder mit dem Fallschirm aus dem Flugzeug, jedenfalls wie man sich das so vorstellt, gemacht hat er beides nicht, und er wird den Teufel tun und es ausprobieren. Er hat sofort gemerkt, er war voller Adrenalin, jetzt ging es um alles:

			»Also, jetzt bitte die Zahlen auf den Tisch: Wie viele Tote haben wir?«

			Und alle mucksmäuschenstill.

			»Es ist schon okay, das kriegen wir hin: wie viele?«

			Und dann sagte irgendwer: »Keine.«

			»Das ist heftig. Aber wir haben ja damit rechnen müssen. Was wir jetzt brauchen, ist eine Krisenstrategie und …«

			»Pardon, ich weiß nicht, ob Sie mich verstanden haben: Wir haben keine Toten.«

			Dieser Moment läuft derzeit in Sensenbrinks Kopf als Endlosschleife. Sein Gesicht, wie er den Satz abbricht, wie er eine gefühlt zehn Sekunden lange Sekunde benötigt, um zu sagen: »Wie – keine Toten?«

			»Na: keine.«

			»Da laufen hundertfünfzigtausend Leute durch die Wüste, durch die Wüste!, uns war doch allen klar, dass es Tote geben kann.«

			»Kann, ja. Aber geben tut’s keine.«

			Die Erinnerung ist ihm sehr unangenehm. Er, wie er dasitzt und irgendeinen Quatsch stammelt: »Es muss aber doch welche geben? Verscharren die ihre Leichen nachts, oder was?«

			»Möglich«, hat Karstleiter gesagt, »aber es ist unwahrscheinlich.«

			»Das widerspricht doch völlig dem gesunden Menschenverstand! Das ist doch ein Unternehmen mit tausend Gefahren! Was ist denn zum Beispiel, wenn einer nicht zahlen kann?«

			»Ich hab die Grande das schon länger gefragt«, hat die eigentlich zuverlässige Anke gesagt, die davon eigentlich auch mal etwas eher Bescheid hätte geben können. »Es kommt praktisch nicht vor, dass einer nicht zahlen kann.«

			»Und wo nehmen die das Geld her?«

			»Na ja, man muss sich darüber klar sein, dass diese Leute Geld haben.«

			»Und woher?«

			»Die einen haben Geld gespart, die wollen es nur nicht in irgendeinem Krisenland investieren. Die anderen werden von ihren Familien finanziert. Und jetzt, mit dieser täglichen Ratenzahlung, haben sie auch noch mehr Zeit, das Geld zusammenzukriegen.«

			»Bei den Frauen ist das vielleicht noch etwas anders«, hat Olav gesagt, »in die investiert keiner. Aber da wissen wir ja jetzt dank der Evangeline, wie sich Finanzierungslücken unbürokratisch überbrücken lassen.«

			»Und die Alten? Die Kranken?« Auch so eine blöde Frage. Im Nachhinein kommt sich Sensenbrink richtig vorgeführt vor. Irgendwie wusste praktisch jeder im Raum besser Bescheid als er.

			»Wie kommen Sie darauf, dass es da Alte und Kranke gibt?«, hat sich Olav gewundert. »Solche nehmen die doch gar nicht erst mit.«

			»Ich wüsste auch nicht, wann ich in einem unserer Beiträge je einen Alten oder Kranken gesehen hätte«, hat die eigentlich zuverlässige Anke ergänzt.

			Sensenbrink hat immer noch keine Lust auf Saft. Er schiebt die Flasche kopfschüttelnd auf seinem Schreibtisch herum wie eine einsame Schachfigur. Er hat dann wahllos Lob verteilt und die Sache mit den Wanderhuren aufgegriffen und ein special Special bestellt, ohne Nadeche Hackenbusch; wenn es einige Titten zu sehen gibt, kann man auch mal auf den Star verzichten. Er hat die Kurve wohl noch ganz gut gekriegt, aber jetzt – diese Leere.

			Er hat sich nicht gefreut, aber er war doch vor dem ganz großen Wagnis seines Lebens gestanden. Alles auf eine Karte, hopp oder topp, Sensenbrink, der Mann, der die heikle Geschichte mit den Hunderten Toten gedeichselt hat. Eiskalt, professionell, souverän. Das ist das Holz, aus dem man Vorstandsmitglieder schnitzt.

			Und jetzt das.

			Erleichtert sollte er sein. Er hat doch Bammel gehabt. Aber alles, was Sensenbrink spürt, ist grenzenlose Enttäuschung. Er fühlt sich betrogen, um eine einmalige Gelegenheit. Um ein großes Finale: Man weiß nicht, ob man es gewinnt – aber man ist auf den Punkt vorbereitet, und dann wird es plötzlich abgesagt.

			Weil auf dem Scheißzug von Nadeche Hackenbusch niemand stirbt.





27


			Leubl kommt sich alt vor. Er weiß natürlich, dass er schon irgendwie alt ist. Er weiß, dass es vor allem sein Amt ist, das ihm ermöglicht, sich noch immer mitten im Leben zu fühlen, aber wenn man ehrlich ist: Schon ab Mitte sechzig ist man kein bisschen jung mehr, auch wenn Dieter Bohlen das offenbar versucht anders zu sehen. Auch so eine Sache, die einen nicht jünger macht: wenn Dieter Bohlen einer der wenigen ist, die man noch ohne Erläuterung erkennt. Jedenfalls solange Binchen die Fernbedienung kontrolliert.

			Leubl sieht sehnsüchtig zum Kühlschrank. Ein zweites Bier wäre jetzt schön. Aber seine Frau mag das nicht. Nicht wenn Binchen da ist. »Es reicht, wenn du dir mein Gerede leisetrinkst«, hat sie gesagt, »mit deiner Enkelin machst du das nicht. Mit der unterhältst du dich!« Also kein zweites Bier. Leubl schaut angestrengt in den Fernseher, in dem Nadeche Hackenbusch schon wieder ihr Unwesen treibt. Sie ist nicht im Studio, sie ist aber zugeschaltet und umarmt gerade diesen Gigolo, der Deutschland und seinem Fernsehen in einer seltenen Mischung aus Dreistigkeit und Raffinesse dieses ganze Fiasko eingebrockt hat. Und Binchen fällt nichts anderes ein, als zu jubeln: »Guck, Oma, wie er jetzt wieder schaut. Der ist so süüüß! Voll lieb!«

			»Binchen«, mahnt Leubl, »nur weil er voll süß ist, ist er noch lange nicht voll lieb.«

			»Nein, ich weiß schon, der will sie auch f–.« Binchen hält sich die Hand vor den Mund und schaut niedlich. Leubl tut, als hätte er nichts gehört. »Aber das ist doch okay. Das ist Liebe, und wenn’s nicht Liebe wäre, dann gäb’s die Mama nicht und mich auch nicht.«

			»Na ja, das ist schon nicht nur Liebe«, sagt Leubl streng, »das ist schon noch was anderes. Der merkt schon auch, dass er mit der Hackenbusch bessere Karten hat als ohne sie.«

			»Und deswegen kann’s keine Liebe sein?«

			»Schon. Doch«, hilft Leubls Frau aus. »Aber was der Opa meint, ist, dass man bei Männern auch aufpassen muss.«

			»Hast du beim Opa aufgepasst?«

			Leubls Frau lacht. »Wohl nicht genug.«

			Binchen stellt den Ton ab. Werbeunterbrechung.

			»Worauf hätte die Oma denn bei mir aufpassen sollen?«

			»Na, ob’s nicht nur Liebe ist.«

			»Ach, das war damals einfacher festzustellen«, erzählt Leubls Frau. »Damals haben alle Jungs den Mädels gesagt, dass sie mit ihnen ins Bett sollen, weil sie sonst spießig sind.«

			»Und deshalb war’s einfacher? Hast du das gemacht?«

			Leubl sieht seine Frau an. Müssen Kinder eigentlich immer alles wissen? Seine Frau schaut zurück, als müsse man auch mal Farbe bekennen. Sie richtet sich im Sitzen auf und sagt: »Ich hab einiges gemacht. Aber ich hab vieles nicht gut gefunden.«

			»Und was?«

			»Hm.« Leubl sieht, wie seine Frau darüber nachdenkt, was aus dem Nähkästchen rausdarf. Er wirft ihr einen Blick zu, aber sie weiß nicht, was sie draus schließen soll. Kein Wunder, er weiß es selber nicht so genau.

			»Ich fand blöd, wie sie es dir reingedrückt haben. Also, dass du mitmachen sollst, weil du sonst doof bist. Wer will schon immer als altmodische dumme Nuss dastehen?«

			»Und …«, Binchen versichert sich erneut mit einem Blick zu Leubl, »und der Opa?«

			»Der Opa?«

			»Ja.«

			»Der Opa war anders. Ich bin im Park gesessen, mit meinen Freundinnen und ein paar Jungs, wir haben was geraucht, und da kommt der Opa zu uns her. Ganz zügig, so wie manchmal Kinder im Schwimmbad zum Sprungturm gehen. Weil sie Angst haben, dass sie sich nicht mehr zu springen trauen, wenn jetzt was dazwischenkommt.«

			»Kenn ich. Und?«

			»Na ja, er hat sehr liebe Sachen gesagt. Man hat gesehen, dass ihm das nicht leichtfällt …«

			Leubl räuspert sich warnend.

			»… weil der Kopf vom Opa röter war …«

			»… als die SPD, jajajajaja, das ist aber auch keine Kunst.«

			Bine kichert. »Und die lieben Sachen, die hast du geglaubt?«

			»Mir hat gefallen, dass er sie vor der ganzen Gruppe gesagt hat. Das war mutig. Die coolen Jungs in ihren Schlaghosen, alle superlässig, mit Koteletten wie Raimund Harmstorf, und dann kommt der Opa in seinem Anzug mit der CSU-Nadel. Und sagt einfach …«

			»Das reicht jetzt!«

			»… dass ich für ihn das schönste Mädchen der Welt bin, und wenn ich jetzt mitgehe …«

			Leubl dreht sich unbehaglich weg.

			»… dass er mich für den Rest meines Lebens glücklich machen will. Zu einer Zeit, in der du sonst von Jungs nur hörst, dass es prima wäre, wenn du dich jetzt von ihnen bumsen lässt.«

			»Bumsen!«, prustet Binchen.

			»Genau«, schmunzelt die Oma, »da war ›glücklich machen‹ mal ein ganz neuer Ansatz.«

			»Und? Hat er dich glücklich gemacht?«

			»Na ja«, sagt Leubls Frau wohlwollend, »er hat sich bemüht und …«

			Die Faszination der Vergangenheit geht nicht so weit, dass Binchen die Lautstärke nicht wieder hochfahren würde, weil die Werbung vorbei ist. Der junge Klon von Oliver Geissen hat offenbar jemanden anmoderiert, der jetzt ins Studio kommt: »Campino!«

			»Igitt«, sagt Binchen, »wer ist das denn?«

			»Also bitte«, sagt Oma. »Campino! Den kennen ja sogar wir!«

			»Dann ist ja alles klar.«

			»Oldschool eben«, sagt Leubl und steht auf. Das ist nicht gut, dass sich jetzt eine Gutmenschennase wie Campino dahinterklemmt. Das ist ganz und gar nicht gut. Da müsste doch noch was von diesem Birnenbrand im Schrank sein. Leubl spürt den Blick seiner Frau, aber der ist ihm jetzt egal.

			»Nee, Opa, das ist nicht mehr oldschool.«

			»Sondern?«

			»Jurassic.«

			Leubl gießt kopfschüttelnd etwas honiggelben Schnaps ins Glas. Versöhnlicher Birnenduft steigt auf, während Campino sagt, dass er irgendwas »so klasse« finde, »obwohl das hier auf einem Scheißprivatsender« laufe.

			»Heyhey«, sagt der Geissenklon lachend, »die bezahlen immerhin meine Rechnungen!«

			»Glück gehabt, Alter!« Campino schmettert ihm eine Hand auf die Schulter, »normal landet einer wie du bei denen doch in ›Die 25 schönsten Sozialfälle‹.«

			Dann wird Nadeche Hackenbusch zugeschaltet, und sie kräht begeistert auf, dass sie sich freue, dass Campino da sei, und Campino kräht zurück, dass er das »so klasse« finde, was sie da mache, »nur noch geil«, und dass die »Toten Hosen« ein Benefizkonzert geben würden, in Berlin, und sie solle sich festhalten, wer alles dabei sein würde, nämlich der Lindenberg und der Niedecken und der Grönemeyer, und alles zugunsten der Nadeche Hackenbusch Foundation for the Humans. Woraufhin Nadeche Hackenbusch in Tränen ausbricht und weint und sagt, er sei so superlieb und das sei ganz wundervoll von ihm.

			Wackersdorf, denkt Leubl. Er kann den Namen Niedecken nicht hören, ohne an Wackersdorf zu denken. Man wird doppelt gegensteuern müssen, wenn sich die Popmusik dahinterklemmt, auch wenn denkbar ist, dass Binchen eher fragen würde, was das sein soll, ein BAP.

			Aber Binchen sagt nur: »Boah. Altliedersammlung.«

			Nun gut. Vielleicht wird es nur ein Klein-Wackersdorf.

			»Warum sehen wir das dann eigentlich an?«, wundert sich Leubl, als er mit seinem Schnapsglas zum Sessel zurückkehrt.

			»Weil gleich die Schminki kommt!«

			»Wer?«

			»Schminki Krawall!«

			Von Campinos weiteren Plänen erfährt Leubl daraufhin nichts, weil Binchen ihm stattdessen erklärt, wer Schminki Krawall ist, nämlich die Youtube-Sensation überhaupt. Auf Binchens Handy werden ihm einige Videos vorgeführt, aber der Zauber von Schminki Krawall erschließt sich Leubl nicht recht. Natürlich weiß er, dass es eine Menge Leute gibt, die auf Youtube so was wie einen eigenen Kanal füllen, aber er hatte immer angenommen, dass sie dort ungewöhnliche Dinge machen, die fürs Fernsehen zu frech sind. Doch diese Schminki Krawall zeigt im Wesentlichen irgendwelche Produkte, oder sie legt Leute rein, die irgendwo reinbeißen, irgendwo reintreten oder angerufen werden. Worin die Kompetenz von Schminki Krawall als Produkttesterin besteht, wird nicht klar, aber Kompetenz ist auch nicht der Reiz der Videos. Es ist die schiere Professionalität, mit der diese Schminki die beste Freundin spielt, die ihr Leben mit ihren fünf Millionen besten Freunden teilt. Und dieser Widerspruch ist derart eklatant, dass Leubl kaum glauben mag, dass seine aufgeweckte kleine Bine auf so was reinfällt.

			»Aber Opa, das weiß ich doch!«

			»Dann versteh ich’s erst recht nicht.«

			»Frag die Oma. Die versteht das – die Schminki, da issie!«

			Leubl schaut zu seiner Frau. Frau Leubl reißt achselzuckend die Augen auf und sagt im Brustton der Überzeugung: »Oma versteht alles.« Leubl nimmt einen schönen Schluck Schnaps und sieht eine hübsche Brünette, die dem Geissenklon um den Hals fällt wie einem Kriegsheimkehrer und Campino die Hand gibt wie einem netten Herrn, dem man in der U-Bahn seinen Sitz anbietet. Sie setzt sich neben Campino und den Klon auf diese besonders absonderliche Show-Couch, die aussieht wie eine Mischung aus Prellbock und Stufenbarren. Dort sagt sie, dass sie das »so klasse« finde, was die Nadeche da mache, und »nur noch geil«, und plötzlich ist Leubl Campino unendlich dankbar, weil er wenigstens noch das mit dem Scheißprivatsender gesagt hat.

			»Und du bist runtergefahren und hast uns einen Film mitgebracht?«, freut sich der Klon.

			»Genau«, jubelt Schminki zurück, »ich hab gedacht, ich besuch einfach mal die Nadeche!«

			»Und das sehen wir gleich nach der Werbung!«

			Leubl leert seinen Schnaps und schaltet den Ton weg.

			»Du siehst ihre Videos trotzdem an? Obwohl du weißt, dass die nicht deine Freundin ist?«

			»Klar!«

			»Aber …«

			»Natürlich ist das nicht alles echt. Aber man kriegt da voll die guten Ideen. Weil die das total spannende Leben hat! Die muss auch nicht nach Arschhausen in den Urlaub. Die geht auf Mallorca ins Hotel. Mit ihrem Freund.«

			»Oder jemandem, der diesen Freund darstellt.«

			»Hä?«

			»Na, du weißt doch gar nicht, was da passiert, wenn die Kamera aus ist. Die zeigen dir doch nur das, was sie dir zeigen wollen.«

			»Das glaub ich nicht. Die Schminki hat auch mal ein Video gemacht, wo sie sich getrennt hat, und das war voll traurig. Da war sie dann ganz ernst. Das war schon echt.«

			Der mitgebrachte Film läuft. Schminki fällt Nadeche Hackenbusch um den Hals wie vorher dem Geissenklon, die große Schwester der Binchens trifft ihre eigene große Schwester. Es ist aber offenbar mehr eine Art Anstandsbesuch. Es gibt ein paar Bilder, auf denen Kinder jubelnd dem Auto von Schminki hinterherlaufen und Bonbons so ungehemmt zerbeißen, dass man vom Zuhören Karies kriegt. Danach sagt Schminki, dass sie jetzt aber die Gelegenheit nutzen und auch einmal dieses schöne Land kennen lernen und vorstellen möchte.

			»Das ist jetzt nicht wahr, oder?«, sagt Leubls Frau.

			Tatsächlich kommt ein optisch und inhaltlich reichlich harter Schnitt, und Schminki fährt durch einen anderen Teil des Landes, wo sie jemanden trifft, der Safaris in die Wüste organisiert. Zelt, Matratzen, ein hübsches Abendessen, ein bisschen wie Campen am Strand, aber ohne Meer. Die obligatorischen Kamele, Einkaufen auf irgendeinem Markt. Schminki filmt abwechselnd sich selbst oder exotische Früchte oder niedliche Tiere, denn »man darf bei alledem nicht vergessen, dass das hier eigentlich ein sehr schönes Land ist – und gar nicht teuer«. Dann kauft sie ein T-Shirt für drei Dollar und telefoniert mit Nadeche Hackenbusch, damit der Film halbwegs angebunden ist. Die Schlusskurve ist in ihrer Skrupellosigkeit nicht einmal ungeschickt, findet Leubl, deutlich raffinierter als das Zeug von ihren eigenen Videos. Vermutlich haben ihr die Redakteure des Senders diesen Anruf ins Skript geschrieben, bei dem sie sich für den tollen Besuch bedankt und sich wünscht, dass hoffentlich all diese Flüchtlinge eines Tages sicher in Deutschland sind und dann auch mal Urlaub in ihrer alten Heimat machen können.

			»Genau«, sagt Leubls Frau, »am besten mit TUI. Ich glaub, ich kotze.« Sie steht auf, geht mit schnellen Schritten zum Fernseher und schaltet ihn aus.

			»Oma!!!«

			»Binchen, wir müssen jetzt mal reden!«

			»Was? Jetzt?? Mach wieder an, Oma!«

			»Ich hab noch nie so einen Zynismus gesehen!«

			Leubl ist nach einem weiteren Schnaps. Er sieht, wie seine Frau in den Kampf zieht, und hat doch das Gefühl, als wäre die Schlacht schon verloren. Er kennt das Gefühl von früher, als Bines Mutter unbedingt mit diesem fürchterlichen Kerl gehen wollte. George oder Paul, der Name war irgendwie beatleartig. Da konnte man auch nichts dagegen tun, das war eine Erfahrung, die sie selbst machen musste, obwohl ihm und seiner Frau von vorneherein klar gewesen ist, dass das eine Drecksau war. Aber dieser Drecks-Beatle war letzten Endes immer noch Amateur. Jetzt gerät Bine in eine Welt voller Drecksäue auf professionellem Niveau.

			Er sieht, wie sich seine Frau zu Binchen setzt und ihr erklärt, was für sie und jeden halbwegs erwachsenen Menschen so furchtbar klar zu sehen ist, und Binchen schimpft und sagt, dass sie das ganz falsch verstehe und dass sie sehr wohl in der Lage sei, all das zu unterscheiden, und dass es wirklich mal ganz schön wäre, in der Wüste zu übernachten und Obst zu essen. Dass sie in einer Welt leben wolle, in der alle Urlaub machen können. Der Kampf ist verloren, denkt Leubl müde, wir haben nicht den Hauch einer Chance gegen diese Schminki, die das Leben lebt, von dem eine Vierzehnjährige träumen muss. Keine störenden Eltern, schicke Hotels, umgeben von Klamotten und Kosmetik und einem Freund, all diesen Belegen für Erfolg und das richtige Leben. Und sie hat Talent: Diese Schminki bewegt sich, als wäre sie für das Fernsehen geboren. Sie ist freudig erregt, aber nicht nervös, sie wirkt selbstbewusst, aber nicht arrogant, sie hat all das, für das Günther Jauch jahrelang im Radio üben musste. Sie hat nur eines nicht: eine Haltung.

			Und während George oder Paul, die Drecksau, damals noch mit ein bisschen Sex vollkommen zufrieden war, wird diese Schminki seine Enkelin restlos ausbeuten wie eine Aufmerksamkeitsader.

			Man müsste etwas dagegen tun, denkt Leubl, als er wegdöst. Eigentlich ein Job für den Innenminister.





28


			Er hat allen gesagt, dass hier jeder auf eigene Verantwortung mitlaufe. Einen garantierten Erfolg gebe es nicht, nur eine bessere Aussicht auf Erfolg. Ja, hat es geheißen, klar. Toll, dass du das überhaupt machst.

			»Ich kann euch nichts versprechen«, hat er allen gesagt, »außer dass ihr nicht ertrinkt.« Großartiger Witz, kam immer super an, er hat ihn mindestens hundertmal gemacht, alle haben immer gelacht. Er hat dann noch ein paarmal drangehängt, »und eine Schwimmweste braucht ihr auch nicht«, aber der war dann schon nicht mehr so gut, deshalb hat er ihn schnell wieder weggelassen.

			Er hat seinen Jungs auch gesagt: »Macht keine Versprechungen!« Und die haben auch bestimmt keine gemacht, die kriegen ja keine Provision, schon gar keine erwähnenswerte, verglichen mit früher. Er hat nur gesagt, dass er derjenige sei, der es organisiere, weil einer müsse es ja organisieren. Aber deswegen sei man ja nicht der Reiseleiter oder Bürgermeister oder sonst was.

			Und warum ist er es jetzt trotzdem?

			Er wollte noch nie Bürgermeister sein. Er ist der mit der Idee und vielleicht mit noch ein, zwei weiteren Lösungen, die helfen, aber das war’s auch schon. Die ganze Struktur mit den Lastwagen zum Beispiel, das war ja nicht mal er, das ist Mojo eingefallen. Oder die Kontakte zu den regionalen Warlords: Man bezahlt einen, und der hält dafür die anderen fern. Man muss nur wissen, wer von denen zu seinem Wort steht, aber durch das Modell mit der regelmäßigen Bezahlung hält man die erstaunlich gut bei der Stange. Kommt alles von Mojo, der dafür ja auch seine Prozente kriegt, aber so war das gedacht, genau so: Mal fällt dem einen was ein, mal dem anderen, und manchmal kann vielleicht Malaika helfen oder das UNHCR oder das Fernsehen. Dafür ist er nicht verantwortlich, dafür braucht ihm auch keiner zu danken, er will keine Loblieder, wenn mal was gut läuft, aber beschweren sollen sie sich bei ihm auch nicht. Er ist doch nur der Typ, der vorne an der Spitze läuft.

			Er sieht am Horizont eine Staubwolke. Ein Pick-up mit aufmontiertem Maschinengewehr, der Patrouille fährt. Ein oder zwei Mal haben es welche mit Überfällen versucht, vielleicht Mädchenhändler, vielleicht auch nur einfach Konkurrenten, die zeigen wollten, dass die amtierenden Wächter keinen Schutz gewährleisten können. Konnten sie aber, sie kamen gerade mal kurz in Schussweite, dann stürzten sich die Pick-ups auf sie. Das war’s auch schon, bis jetzt wenigstens. Es hilft wohl auch, dass es nicht viel zu klauen gibt. Die Trucks, das Essen, das Wasser, all das ist die Mühe nicht wirklich wert. Wasser, Essen, Strom, all das ist inzwischen so gut organisiert, dass man es nur noch hier und da verbessern muss. Er könnte also einfach nur laufen. Fünfzehn Kilometer am Tag, das ist auch nicht so viel. Abends vögelt man hin und wieder den Engel und träumt von der Zukunft.

			Aber sie lassen ihn nicht.

			Sie lässt ihn nicht.

			Weil sie ein Engel ist, und Engel verstehen nichts vom Leben.

			Erst hat sie ihm in den Ohren gelegen, dass er die kleinen Nutten beschützen soll. Es ging selbstverständlich nicht um Schutz, er hätte dafür sorgen sollen, dass sie sich nicht mehr verkaufen müssen. Als ob er oder irgendwer auf der Welt das verhindern könnte. Außerdem müssen sie mit dem Geld ja Essen und Wasser und Schutz bezahlen.

			»No! I pay for they.«

			Ein echter Engel. Wenn auch etwas weltfremd. Er hat ihr vorgerechnet, was dann passieren würde. Wenn sich herumspricht, dass der Engel für die kleinen Nutten zahlt. Dass dann binnen Kürze alle das Bezahlen einstellen würden, weil sie hoffen, dass ihnen der Engel hilft. Er hat ihr vorgerechnet, was er an Einnahmen hat. Im Rechnen ist der Engel gar nicht mal schlecht. Sie hat gemerkt, dass sie das nie und nimmer stemmen kann. Und dann hat er ihr gesagt, dass ihr erst das Geld ausgehen würde, und dann müssten sie die Leute mühsam wieder ans Bezahlen gewöhnen. Was nicht funktionieren würde. Sie würde nicht den Nutten helfen, sondern den ganzen Zug in den Tod führen.

			»But we must what make!«

			»No. We must bring them to Germany.«

			Dann kamen die ersten Kranken. Eigentlich war das nicht neu, sie hatte es wohl in den ersten Tagen nicht mitbekommen, wie die Alten zurückgeblieben waren. Er hatte von vornherein keine mitnehmen wollen. Er hat vor allem junge Menschen mitgenommen. Er hatte ja keine Schwierigkeiten, Kandidaten zu finden, er konnte sie sich aussuchen. Er hatte auch klar vorgegeben, dass seine Leute nur Junge nehmen sollten. Die ihre Wehwehchen eigentlich selbst auskurieren sollten. Kinder waren kein Problem, auch junge Familien. Er hat es über die Weitergabe der App steuern wollen. Weil man die natürlich kopieren kann, sind durchaus erst einige Alte mitgegangen. Aber die haben schnell gemerkt, dass sie es nicht packen. Also sind sie umgekehrt und wieder ins Lager. Wahrscheinlich, ob sie da angekommen sind, hat ihn nie interessiert. Er ist nicht der Reiseleiter, verdammt noch mal.

			Er ist nur der Typ mit der Idee, sonst nichts. Nur der Typ mit der Idee.

			Dann kam sie mit all den Kranken.

			Natürlich gibt es bei hundertfünfzigtausend Leuten auch mal Kranke. Und? Er hat niemandem garantiert, dass er gesund bleibt. Manchmal erwischt es wen, und er kann nicht mehr weiter. Dann muss er jemanden finden, der ihn trägt oder schleppt oder sonst was. Und wenn er niemanden findet, muss er aussteigen. Und das heißt nicht, dass er dann in einem pinkfarbenen Zebrawagen gefahren wird. Weil dann nämlich sehr schnell sehr viele sehr krank wären. Es heißt, dass er raus ist. Manche haben Glück, sie sind vorne im Zug und können einen Tag rasten und dann an einer anderen Stelle wieder einsteigen. Aber wenn der Zug vorbei ist, war’s das. Dann kann er hoffen, dass jemand vorbeikommt und ihm hilft oder sonst was, aber das kann dauern. Sie nehmen ja nicht die Hauptrouten. Er bleibt sich selbst überlassen, und niemand weiß, was aus ihm wird. Er hat das, was er an Wasser bei sich hat, vielleicht hat er eine Handvoll Lebensmittel aufgehoben, vermutlich aber nicht. Vielleicht stirbt er, vielleicht auch nicht, das kann auch vorkommen, aber er weiß es nicht, denn er wird nicht zurückfahren, um nachzusehen. In Afrika sterben viele Menschen, da geht man nicht immer hin und sieht nach.

			Bis auf die Alten haben es noch alle geschafft, aber es wird der erste Fall kommen, bei dem es nicht mehr klappt. Ein Knochenbruch. Ein Blinddarm. Was eben so passiert. Dann wird es eben Tote im Fernsehen geben. Es gibt sie ja bislang nur deshalb nicht, weil man auf dem Meer so schlecht filmen kann.

			»No! We need a doctor.«

			Also haben sie sich auf den Arzt geeinigt.

			Oder etwas Arztähnliches: Pakka hat mal als Pfleger ausgeholfen. Malaika hat für ihn einen ihrer Zebrawagen bereitgestellt. Jetzt fährt Pakka den Zug entlang und hilft. Malaikas Verbindungen besorgen ihm Medikamente. Schmerzmittel, Pflaster, Verbände. Er transportiert niemanden, er versucht, die Leute gehfähig zu halten. Wenn er nicht mehr helfen kann, sagt er »sorry«. Das ist alles.

			»That is all? But that goes not!«

			Er hat es mit einem Scherz versucht: »Goes not gives not«, so wie sie es immer sagt, was immer das heißen mag. Sie sagt es, wenn sie etwas unbedingt haben will. Aber es geht um den Mechanismus des Zuges, den man nicht kaputtmachen darf. Allen muss das Risiko klar sein, alle müssen weiterbezahlen, alle müssen weiterlaufen. Der Zug darf nicht halten, denn sobald er steht, werden die Einheimischen Angst haben, dass er bleibt. Der unschlagbare Vorteil des Zuges ist, dass er bald wieder weg ist. Ein Zug, der steht, ist ein Lager, und niemand will ein Lager. Noch schlimmer: Wenn die Menschen erst einmal stehen, weiß man nicht mehr, ob man sie je wieder in Bewegung bekommt.

			Malaika will einen Arzt. Für einen richtigen Arzt, sagt sie, reicht das Geld ihrer Stiftung. Also, ein Arzt, ein weiteres Auto und Ausrüstung, das kann ihre Stiftung wohl bezahlen. Okay, hat er gesagt, einen Arzt, aber keinen Transport.

			Und dann kam die erste Schwangere.

			Es hört nicht auf. Natürlich hat er anfangs extra gesagt: keine Schwangeren. Aber bei manchen hat man es nicht sehen können. Und manche werden es inzwischen. So viele junge Menschen, einige Nutten. Bei manchen sieht man es schon ziemlich deutlich. Das Laufen geht erstaunlich lange gut, hat er sich sagen lassen, aber rund um die Geburt, das wird schwierig. Und die Neugeborenen.

			»You know that not! You have no childs! I have!«

			Sie richtet sich auf, auf der Ladefläche ihres Pick-ups. Es ist der einzige Luxus, den sie haben, eine Ladefläche für zwei, ein halber Meter Blech als Sichtschutz. Er setzt sich auf und nimmt sie in den Arm.

			Er hat es mal gegoogelt, hundertfünfzigtausend junge Menschen, im Jahr wird das hundertfünfzig bis zweihundert Kinder geben. Sie werden sie unmöglich alle durchbringen. Die Zäheren unter den Müttern werden es vielleicht hinbekommen, aber was soll er sonst noch tun? Zaubern?

			»Another truck. I pay. Another truck. And a sister for babys!«

			Sie küsst ihn.

			Er versteht allmählich, er gewöhnt sich an ihr eigenwilliges Englisch. Sie will einen weiteren Truck, der die Neugeborenen betreut. Und wenn er voll ist, wird jeweils das Älteste seiner Mutter zurückgegeben. Nur für Neugeborene. Kein Krankentransport.

			Es klingt gar nicht so schlecht. Besser als tote Kinder. Ein kleiner Bus voller Babys. Gute Bilder. Babys sind nicht böse, Babys sind nicht bedrohlich. Aber es wird Härten nicht verhindern. Menschen werden vielleicht sterben. Kinder werden vielleicht sterben.

			Sie nickt.

			Er stimmt zu, und ihm ist, als würde ein schwerer Sack von seinen Schultern genommen. Es sind noch genug Säcke auf seiner Schulter, aber es ist einer weniger, und Malaika hat diese unermüdliche Zuversicht, sie umarmt ihn und gibt ihm das Gefühl, dass er nicht alles, alles, alles alleine machen muss.

			Es liegt daran, dass sie ein Engel ist, sagt er sich immer wieder.





29


			Sagen Sie mal: Kann das sein, dass da schon wieder Scheiße rumliegt?«

			»Was?«

			Sensenbrink ist aufgesprungen. Er ist im Schneideraum 3, derzeit dem Schneideraum des ganzen Hauses. Er ist die ganze Zeit eher ruhig dagesessen und hat irgendwelche Nachrichten in sein Smartphone getippt, während Beate Karstleiter und ein Techniker das neue Material prüfen, bis er plötzlich aufgestanden ist und jetzt auf einen dunklen, kringelförmigen Fleck auf dem Bildschirm deutet.

			»Sehen Sie das denn nicht? Haltet mal das Bild an, ich zeig’s Ihnen. Zehn Sekunden zurück … genau! Da und da! Und da!«

			»Hm«, sagt der Techniker, »ich weiß nicht. Das können auch Steine sein …«

			»Steine? Was haben denn Sie daheim für Steine?«

			»Lava ist öfter mal dunkel …«

			»Wir sind aber nicht auf Lanzarote! Da! Schon wieder. Fahrt noch mal zurück. Stopp! Genau. Diese Dinger!«

			»Vielleicht sind es schlafende Tiere«, sagt Beate Karstleiter.

			»Welches Tier schläft bitte schön in Wurstform? Habt ihr sie noch alle? Das ist Scheiße! Zoomen Sie das mal ran.«

			Die schlafende Wurst wird größer, schärfer wird sie nicht. Dennoch ist es jetzt weitgehend unmöglich, die Bilder anders zu deuten. Auch weil nicht weit daneben ein weiteres schlafendes Tier zu liegen scheint, das in der Mitte flachgetreten ist.

			»Also bitte!«, sagt Sensenbrink, »so weiche Tiere gibt’s überhaupt nicht. Wer hat das denn beauftragt?«

			Beate Karstleiter blickt auf den Laufzettel. »Korbinian«, liest sie ab, »das kommt von Ankes Team.«

			»Die soll mal herkommen. Aber sofort!«

			Karstleiter telefoniert. Sensenbrink lässt die Aufnahmen weiterspulen. Seit zehn Wochen sind die Flüchtlinge unterwegs, die Geschichten werden allmählich dünn. Man kann nicht mehr alles um das ungewöhnliche Liebespaar mit der eigenwilligen Mission stricken. Wie bei jedem erfolgreichen Format kommen jetzt die Schwierigkeiten des Auffächerns. Er hat weitere Autoren an die Geschichte gesetzt, erst zehn, dann noch mal zehn, und wer am Anfang Autor war, ist jetzt Chefautor.

			»Jedes Mal dasselbe«, seufzt Sensenbrink zu Beate Karstleiter. »Diese Kreativen sind alles keine Führungspersönlichkeiten. Die Anke ist ja eine gute, aber eben nur am Stift. Solche Leute sollte man eigentlich gar nicht erst befördern. Wenn man denen die Tastatur wegnimmt und ihnen dafür andere Menschen in die Hand drückt, dann wollen die nur noch lieb sein, und prompt kommt dabei – ja?«

			»Was gibt’s?«, fragt Anke, die sonst eigentlich zuverlässig ist.

			»Kommen Sie rein, kommen Sie rein. Wir sehen gerade das Material an. Hat das Ihre Abteilung geskriptet? Wie heißt das noch mal?«

			»Arbeitstitel ›Die Nachhut‹«, hilft Beate Karstleiter aus.

			»›Die Nachzügler‹«, korrigiert Anke, »ja, das ist von uns.«

			»Wir sind hier nämlich schon die ganze Zeit am Diskutieren, was wir da sehen. Er sagt, er sieht Tiere. Ich sage, das ist Scheiße.«

			»Das stimmt.«

			Karstleiter und Sensenbrink sehen erst sich an. Dann drehen sich ihre Köpfe wie auf Kommando zu der jungen Frau.

			»Wie meinen Sie das: ›Das stimmt?‹«

			»Dass Sie recht haben. Diese Haufen da sind Scheiße.«

			»Von Menschen, oder was?«

			»Also wir haben das jetzt nicht einzeln recherchiert, aber …«

			»Heyhey, kommen Sie mir jetzt nicht sarkastisch!«

			»… aber wenn ich das richtig sehe: ja.«

			»Und was haben Sie sich dabei gedacht?«

			»Gefällt Ihnen das Thema jetzt nicht mehr?«

			»Ich habe das Thema Scheißhaufen bestellt? Wie komme ich dann dazu?«

			»Herr Sensenbrink, wir sind doch alle in der Konferenz gesessen. Wir haben diskutiert, was jetzt als Thema in Frage kommt: Und da waren die ganzen Standardsachen dabei, der älteste Flüchtling, der jüngste, der schönste, die, die am weitesten vorne marschieren, die, die am weitesten hinten marschieren, irgendjemand hat sogar noch gesagt: ›Geil, ganz hinten, das muss total bitter sein‹ …«

			»Das ist ja auch okay«, hilft Beate Karstleiter, »aber diese Bilder, das versteh ich nicht! Wie kann das bei Ihnen durchrutschen? Da gehe ich eben fünfzehn Meter weiter und drehe dort, verdammt noch mal. Habt ihr keine Augen im Kopf?«

			»Doch, und ich habe dasselbe gesagt wie Sie! Aber soweit ich informiert bin, sieht es dort überall gleich aus. Ich hab da mal beim THW angerufen, die haben nur gelacht und gesagt: ›Was haben Sie geglaubt, wie so was abläuft?‹«

			»Aber bisher haben wir doch auch nicht …«

			»Weil wir fast alles weiter vorne gedreht haben. Das ist eigentlich nichts als eine Rechenaufgabe. Ich erklär’s Ihnen gern, aber es wird ein bisschen … unappetitlich.«

			Sensenbrink stöhnt und lässt sich in seinen Sessel sinken. Seine rechte Hand erteilt Anke gottergeben mit einer Geste das Wort.

			»Es ist so«, sagt die eigentlich zuverlässige Anke, »wer ganz vorne ist, sucht sich für sein Geschäft ein Plätzchen abseits. Das kennt jeder, der schon mal beim Wandern war. Aber Sie sind als Wanderer natürlich auch nicht einfallsreicher als andere Menschen. Sie haben sich also ein Plätzchen gesucht, und wenn Sie hinkommen …«

			»… sind da dann schon lauter Taschentücher«, sagt Beate Karstleiter.

			»Genau. Das Plätzchen, das Sie für geeignet halten, hat vor Ihnen auch schon jemand für geeignet gehalten. Und je mehr Menschen vorbeikommen, desto überfüllter sind die geeigneten Plätzchen. Dann werden etwas weniger geeignete Stellen gesucht, die sind etwas weiter weg. Oder Sie nehmen offensichtlichere Plätzchen. Kinder zum Beispiel, die nutzen irgendwann einfach den Straßenrand, wenn auch eine unbenutzte Stelle. Doch ein Streckenabschnitt, an dem fünfzigtausend Menschen vorbeigekommen sind, hat abends kaum noch unbenutzte Stellen am Straßenrand.«

			»Igitt«, sagt Beate Karstleiter.

			»Und dann?«, fragt Sensenbrink.

			»Dann wird dort kampiert. Der beliebteste Ort zum Übernachten war anfangs die Piste selbst. Da gab’s keine Haufen. Aber dann wurden da immer wieder Leute im Dunkeln angefahren. Darum haben die Leute gelernt, dass man die Mitte der Piste freilässt. Dieser freie Platz wird dann aber die erste Wahl für den Gang zum Klo …«

			»Wieso das denn?«

			»Würde ich auch so machen«, sagt Karstleiter. »Man geht nachts zuerst da hin, wo man garantiert nirgendwo reintritt. Außerdem ist es nachts finster, da sieht einen kaum jemand, nicht mal mitten auf der Straße.«

			»Und es ist nahe«, ergänzt die eigentlich zuverlässige Anke. »Die Alternative dazu ist, dass Sie sich weit von der Piste entfernen. Aber das machen Sie nicht gern: Es ist dunkel, es ist unsicher, Sie wollen bei der Herde bleiben, Sie haben Angst, nicht zurückzufinden …«

			»Na schön«, sagt Sensenbrink, »aber muss es deswegen gleich so aussehen?«

			»Ja«, sagt Anke sachlich, »muss es. Was wir bisher besprochen haben, war ja nur der erste Tag. Die Kolonne ist doch fünfzig Kilometer lang oder so. Das heißt, der zweite Abschnitt, die Leute, die fünfzehn Kilometer hinter der Spitze sind, die laufen schon mal von vorneherein durch eine Strecke, die vorher fünfzigtausend Menschen benutzt haben. Diese zweiten fünfzigtausend Leute müssen dann schon den gesamten Tag über den Haufen der ersten fünfzigtausend ausweichen. Und am nächsten Tag müssen die dritten fünfzigtausend …«

			»Ich will’s gar nicht wissen!« Sensenbrink schließt die Augen und wendet das Gesicht ab.

			»Jeder Mensch scheißt pro Tag dreihundert Gramm«, liest Beate Karstleiter aus ihrem Smartphone vor.

			»Dann können Sie sich’s ja ausrechnen«, sagt Anke. »Das bedeutet, dass die Letzten in der Kolonne jeden Tag durch eine Gegend müssen, in der in den drei Tagen zuvor rund fünfundvierzig Tonnen Scheiße verteilt wurden. Je nach Größe sind das eine Viertelmillion Haufen …«

			»Jetzt hören Sie aber auf!«

			»… bei Drohnenaufnahmen sehen Sie sogar Muster.«

			»Was???«

			»Na ja, eine Kolonne, bei der sich eine gleichbleibende Menschenmenge immer wieder gleich gruppiert, nämlich zentral um die Wasserlaster …« Die eigentlich zuverlässige Anke nimmt ein Blatt Papier vom Tisch und beginnt Kreise und Linien zu skizzieren. »Das sieht am nächsten Morgen immer gleich aus. Hier ist der Wasserlaster, da die Piste, und die Scheiße verteilt sich dann etwa so …« Sie dotzt viele, viele Punkte aufs Papier.

			»Reicht, reicht!«, wehrt Sensenbrink ab.

			»Je weiter hinten Sie sind, desto öfter sehen Sie Leute mit Plastikplanen. Die nehmen die mit, damit sie nachts halbwegs sauber schlafen können. Da gibt’s inzwischen schon Spezialisten, die sich was dazuverdienen, indem sie die Plane so zusammenlegen, dass Außenseite und Innenseite nicht in Berührung kommen.«

			»Du lieber Himmel – das darf auf keinen Fall gesendet werden.«

			»Obwohl – das ist beinahe schon wieder eine gute Geschichte.«

			»Nein, ist es nicht! So was können wir nicht brauchen. Wir senden hier das größte Live-Drama in der Geschichte des deutschen Fernsehens. Des Fernsehens überhaupt. Das hier ist größer als der 11. September. Wir haben exklusiven Zugang zur Hauptperson. Zu den beiden Hauptpersonen des Dramas. Es gibt derzeit keine wichtigere Sendung im ganzen Haus. Wir stehen hier in unserer Verantwortung vor der Geschichte, da sind sich alle in der Geschäftsführung mit mir einig, wir tragen eine Verantwortung für die Menschlichkeit. Den Journalismus. Die Demokratie! Aber nicht mit Bildern von Scheißhaufen!«

			»Es klingt zynisch«, sagt Anke, »aber als die Versorgung noch nicht so gut war, war das Problem auch noch nicht so eklatant.«

			»Die Zementmischer?«

			Anke nickt.

			Es war irgendein Zuschauer gewesen. Einer von diesen Globetrottern. Zugleich Lkw-Bauer oder Ingenieur. Der hatte einen Beitrag über die verheerende Qualität der Nahrungsversorgung gesehen, ein toller Beitrag, da wurde geheult ohne Ende. Es gab Spenden in zweistelliger Millionenhöhe für die NHFH. Und dieser Globetrotteringenieur hatte dann angerufen und gesagt, das könne man doch alles viel effizienter machen, gerade in Afrika, weil die Menschen da sowieso hauptsächlich Getreidebrei essen. Natürlich könnten die nicht alle unterwegs ihren Brei rühren, aber das könne man zentral erledigen. Und dann den Brei in Zementmischern ausliefern. Da würde er unterwegs noch weitergerührt, mit ein paar Modifikationen käme der dann sogar in einem besseren Zustand an als in dem, in dem man ihn anfangs reingeschüttet hätte. Eine riesige Aktion, zwei Trucks wurden gespendet, weitere gekauft, wegen der humanitären Notsituation ließen sich normale Baufirmen auf der Auslieferungsliste nach hinten setzen, unsinnigerweise, weil diese fragwürdigen Versorgungsgangster vor Ort die Idee begeistert aufgriffen und irgendwelche alten Nasszement-Transporter aus China organisierten, mit denen es genauso funktionierte. Seither ist es kein Problem mehr, jedem Flüchtling eine Portion Brei auf einem Pappdeckel zu servieren.

			Beate Karstleiter schubst die Maus herum. Der Bildschirm wird wieder hell, man sieht das Problem. »Alles hängt mit allem zusammen …«, sagt sie.

			»Es muss aber aufhören«, sagt Sensenbrink. »Um es mal klar zu sagen: Das ist kein anzeigenaffines Umfeld mehr.«

			»Aber es ist doch die Glaubwürdigkeit, die uns auszeichnet«, sagt die zuverlässige Anke verwirrt. »Das Journalistische. Dass wir eben nichts aufhübschen.«

			»Sagen Sie das mal den Leuten von Salomon oder Adidas«, bremst Sensenbrink.

			»Tchhh«, macht Beate Karstleiter, »oder Meindl. Man verkauft keine Dreihundert-Euro-Outdoorboots zu Bildern, bei denen die Leute bis zu den Knöcheln in Scheiße stehen.«

			»Ich verstehe, dass Sie das nicht mögen, aber ich kann nicht hexen. Alles, was ich Ihnen anbieten kann, ist, dass wir ab sofort nur noch von ganz vorne berichten.«

			»Das hilft uns nichts. Dann berichtet’s jemand anderes. Ein Wunder, dass das bisher noch keiner aufgegriffen hat. Die Scheiße muss weg.«

			»Aber wie stellen Sie sich das vor? Wollen Sie den Leuten das Kacken verbieten?«

			»Vielleicht müssen wir das nicht«, schlägt Karstleiter vor. »Vielleicht merkt’s ja keiner.«

			»Je länger das dauert, desto eher kriegt’s irgendein anderes Medium mit. Das können wir nicht mehr riskieren.«

			»Wieso nicht?«

			»Wieso jetzt nicht mehr?«

			»Weil«, seufzt Sensenbrink, »weil wir seit Neuestem Verkaufsgespräche führen.«

			»Für den Sender?«

			»Nein – für die Sendung.«

			»Wir können eine Lizenz verkaufen?«

			»Lizenzen.«

			Die beiden Frauen und der Techniker sehen sich an. Drei Gesichter machen drei anerkennende Grimassen: die hochgezogenen Augenbrauen, das verstehende Nicken, den gespitzten Mund. Der gespitzte Mund gehört zur eigentlich zuverlässigen Anke und fragt: »Muss man das überhaupt lizenzieren? Das ist doch eine Nachricht. Ein Ereignis. Das ist doch keine Veranstaltung von uns?«

			»Darüber haben wir hier ja auch schon gestritten«, erinnert Karstleiter. »Man kann durchaus sagen, dass ohne uns das Ganze nicht stattfände.«

			»Eben. Es geht um Rechtssicherheit. Wer sendet, will keine einstweilige Verfügung riskieren. Also kaufen sie sich vorher die Rechte, weil das billiger ist als ein Prozess.«

			»Und wer ist es?«

			»Okay, das ist aber wirklich topsecret. Die Holländer stehen kurz vor dem Zuschlag.«

			»Und dann starten sie ihren eigenen Zug?«

			»Schicken die Linda de Mol mit?«

			»Nein, nein, die senden schon unseren. Und es sind ja nicht nur die Holländer.«

			»Wer noch? Die Franzosen?«

			»Die sowieso. Die Italiener haben auch schon angefragt.«

			»Haben die nicht selber genug Flüchtlinge?«

			»Na, die reizt natürlich, dass diese Flüchtlinge mal nicht zu ihnen wollen. Genauso wie die Briten. Für die ist das eine Ätschbätsch-Sendung.«

			»Aber Engel im Elend ist doch eindeutig ein Hilfsformat. Also: pro Flüchtling.«

			»Kommt drauf an, welchen Kommentar man drüberlegt.«

			»Die können doch keinen ganz anderen Kommentar drüberlegen!«

			»Wenn sie genug zahlen, dürfen sie alles«, murmelt der Techniker.

			»Dann wird sie aber die Scheiße nicht stören.«

			»Die Engländer nicht, die Italiener nicht. Aber die Amerikaner schon.«

			»Der US-Markt?«

			»Sicher. Die haben erst überlegt, ob sie dasselbe mit Salma Hayek aufziehen, dann mit Angelina Jolie, und dann haben sie’s aufgegeben.«

			»Weil Nadeche Hackenbusch besser ist als Angelina Jolie?« Der Techniker schreit ein Lachen. »Das glauben die doch selber nicht!«

			»Nein. Weil die Situation anders ist.«

			»Wieso? Eine Grenze hätten die schon auch. Wer, wenn nicht die?«

			»Klar, aber da muss keiner ewig hinlaufen. In Mexiko reicht der Bus.«

			Allgemeines Nicken. Das leuchtet ein.

			»Also brauchen sie unsere Nadeche. Wer hätte das gedacht?«

			»Aber garantiert nicht, wenn sie in der Scheiße steht. Das ist das letzte Tabu. Nicht mal im Dschungelcamp arbeiten sie mit Scheiße. Sperma: ja. Geschlechtsteile: ja. Scheiße: nein. Sie werden dir gekochte Affenhoden vorsetzen, aber kein gekochtes Affenarschloch.«

			»Schön, dann muss die Scheiße eben weg.«

			»Aber wie?«

			»Hundetütchen?«

			»Sehr witzig.«

			»Wieso nicht?«, grübelt Beate Karstleiter. »Das wäre doch das Billigste. Man müsste nur irgendwie zentral diese Tüten verteilen …«

			»Da gibt’s auch welche mit Pappschuber. Ich hab mal eine Woche lang auf einen Hund aufgepasst, das war gar nicht so unangenehm.«

			»Und die Schlagzeile: MyTV behandelt Flüchtlinge wie Hunde?«

			»Wir behandeln sie auch mit Betonmischern.«

			»Als Häuschen behandelt werden ist nicht so schlimm wie als Hund. In der Überschrift wenigstens.«

			»Nein, das ist insgesamt Quatsch. Sehen Sie sich die Menschen doch an: Machen die einen Eindruck wie Leute, die immer ihre Häufchen wegräumen? Das wirkt ja schon in Deutschland grenzwertig. Und dann schmeißen sie diese roten Tütchen in die Gegend. Dann haben wir nicht nur überall Scheiße, sondern Scheiße, die knallrot verpackt ist.«

			»Die Kinder bewerfen sich damit …«

			»Oder irgendwer verkauft die Tüten weiter. Nein, es muss anders gehen.«

			»Wir lassen Bagger mitfahren, die das alles unterpflügen.«

			»Zu aufwendig. Sie brauchen zu viele Bagger, und wenn sich das wirklich so verteilt, dann dürfen Sie einen ungefähr hundert Meter breiten Streifen durch die Landschaft pflügen.«

			»Hundert reicht nicht«, erinnert die eigentlich zuverlässige Anke. »Ich kann’s Ihnen noch mal ungefähr aufzeichnen.«

			»Bitte nicht. Dann eben fünfhundert Meter. Aber das klappt auch nicht. Uns geht es doch nicht um den Umweltschutz!«

			»Das soll was heißen?«

			»Das heißt, dass wir mit einem Bagger erst aufräumen können, sobald alle vorbei sind. Aber wozu sollten wir hinter dem Zug herräumen? Hinter dem Zug filmen wir doch nicht. Wir wollen, dass es am Anfang, in der Mitte, am Ende vom Zug sauber ist. Wir können nicht täglich durch die ganzen Leute durchbaggern.«

			»Okay, dann bleiben nur Dixi-Klos«, stellt die eigentlich zuverlässige Anke fest. »Wie bei einem Rockkonzert.«

			»Bei einem Zug?«, hakt Beate Karstleiter nach. Sensenbrink wirft ihr einen zornigen Blick zu. Jetzt ist Skepsis nicht hilfreich.

			»Die Klos wiegen nicht viel«, ermuntert er, »die sind leicht aufzubauen.«

			»Die meisten Scheißpunkte sind rund um die Wassertanker«, hilft die eigentlich zuverlässige Anke mit. »Also stellen wir sie da auf.«

			»Haben Sie eine Vorstellung, wie viele man da braucht?«, sagt der Techniker. »Tausende!«

			»Tja.« Sensenbrink reibt sein Kinn. »Klar.«

			»Aber die würden sie wenigstens benutzen«, fährt die eigentlich zuverlässige Anke fort. »Man kann eine Tür hinter sich zumachen.«

			»Und die fahren dann jeden Tag durch die Gegend?«

			»Das ist auch noch mal ein ganzer Haufen Lastwagen«, zählt Beate Karstleiter auf. »Ich sag’s nur mal.«

			Sensenbrink versucht, Tausende Klohäuschen in Lastwagen umzurechnen. Er hat auf einmal das Gefühl, als wäre er wieder in der Schule an einer komplizierten Textaufgabe mit Häufchen, Häuschen, Lastwagen und Flüchtlingen. Als Erstes musste man da immer die Frage formulieren. Also: Wie viele Lastwagen …

			»Eigentlich sind’s gar nicht so viele«, sagt der Techniker. »Sie müssen die Klos doch nur jeden dritten Tag herumfahren. Die Standorte der Wassertrucks bleiben doch drei Tage lang dieselben. Also kann man auch die Klos stehen lassen und weiternutzen.«

			»Stimmt!«, fällt die eigentlich zuverlässige Anke ein. »Es müssen nur immer die hinteren Häuschen nach vorn transportiert werden. Die leert man dann aus, verbuddelt alles einmal pro Tag mit einem Bagger hinter dem Zug.«

			»Also viel weniger Trucks.« Schön, dass Karstleiter auch mal mithilft. »Aber immer noch zehn oder fünfzehn Sattelschlepper mit Dixi-Klos. Fahrer. Betreuer.«

			»Das haben sie bisher schon. Sie brauchen nur noch etwas mehr davon.«

			»Okay. Es ist also lösbar. Aber wer zahlt? Die Flüchtlinge?«

			»Schön wär’s.« Sensenbrink reibt sich die Augen. »Die kommen offenbar ganz gut mit den Häufchen klar.«

			»Aber sie haben doch was davon. Der Zug gewinnt an Akzeptanz. Und wenn die Amis die Rechte kaufen, kriegen sie auch mehr Aufmerksamkeit.«

			»Schauen wir lieber mal, wo wir sparen können: Die Klos könnte die Firma billiger abgeben. Oder stiften. Ist für einen guten Zweck, wir erwähnen sie im Fernsehen.«

			»Den Transport nach Afrika könnte irgendeine Fluglinie sponsern …«, hilft die meistens zuverlässige Anke. »Dann bleibt nur der Unterhalt, der laufende Betrieb. Ich weiß ja nicht, was für die Lizenzen reinkommt, aber …«

			»Keinesfalls«. Sensenbrink schüttelt nachdrücklich den Kopf. »Der Sender darf was dran verdienen, aber er darf es nicht veranstalten.«

			»Okay, wer dann? Die Foundation?«

			»Schon eher. Organisieren müssen das die Flüchtlinge«, sagt Karstleiter, »die Kosten trägt die Foundation. Das könnte Nadeche sogar gefallen. Wegen Bill Gates. Der kümmert sich um sauberes Wasser, sanitäre Anlagen sind da schon ziemlich ähnlich.«

			Sensenbrinks Blick wandert auf den Bildschirm, der stumm weiterläuft. Er sieht Lionel, der Nadeche Hackenbusch herzt, der mit Lastwagenfahrern die Wasserqualität prüft, der Pakete mit diesen goldfarbenen Isolationsdecken zählt.

			»Und wenn wir schon dabei sind«, sagt Sensenbrink, jetzt wieder ganz Leader und Entscheider, »Lionel braucht neue Schuhe. Die dürfen ihm nicht vom Fuß fallen. Das wirkt dann nicht mehr unternehmungslustig, sondern armselig. Sucht ihm einen Sponsor: Er kriegt ab sofort alle vier Wochen neue Schuhe.«





30


			Zwanzig Minuten. Das sollte reichen. Ein bisschen Rumknutschen und dann ruck, zuck. Auf jeden Fall hat der Staatssekretär heute keinen Nerv für die ganz große Nummer. Heute Abend wird niemand richtig durchgefickt, das ist schon mal klar, da kann Tommy seinen Hechelblick aufsetzen, so lange er will. Der Staatssekretär küsst Tommy und spürt, wie er in Richtung Schlafzimmer geschoben wird. Das gilt es jetzt schon mal zügig zu unterbinden. Wenn sie erst im Schlafzimmer sind, wird zunächst die Beleuchtung geregelt werden müssen, und dann kommt die Spielzeugschachtel. Nicht dass der Staatssekretär was gegen Spielzeug hätte, aber in letzter Zeit dauert ihm das alles zu lang. Ja, früher, da hat er das auch gemocht, aber früher war früher, und jetzt ist jetzt. Später wird dann auch mal wieder später sein, aber im Moment ist eben eine schlechte Phase, und die wird nicht besser, wenn man Stunden im Schlafzimmer vertrödelt. Der Staatssekretär küsst tapfer weiter und versucht mit den Hüften Tommy abzudrängen. Der Zielhafen ist das Sofa, keine Spielsachen, und dann wird die Sache schnell und unbürokratisch durchgezogen.

			»Mmmhhh, isch hab wasch Neuesch, dasch du dir gansch dschingench angucken musch«, knutscht ihm Tommy in den Mund. Seine Finger knöpfen sich durch das Staatssekretärshemd. Auch das noch: Neuerwerbungen in der Spielzeugkiste. Das reicht nie und nimmer. Neunzehn Minuten, vermutlich eher achtzehn. Es hilft, dass er etwas größer und deutlich schwerer ist, da kann Tommy nicht so leicht den Kurs bestimmen. Er versucht es scherzhaft wirken zu lassen, aber das geht natürlich nach hinten los.

			»Ohhhhh«, stöhnt Tommy, »da ziert sich jemand!«

			Hosen runter, beide, sonst wird das nichts, dann muss er Tommy in die richtige Position bugsieren, das darf aber nicht zu schnell gehen, weil Tommy es mag, wenn man ihn ein bisschen zwingt, mindestens zehn Minuten, das wird alles so verdammt knapp. Und diese Kalkulation berücksichtigt noch nicht mal die Notwendigkeit, einen Ständer zu kriegen und –

			»Sag mal, schaust du da auf die Uhr, oder was?«

			»Nein, ich schau da nur …«

			»Haben wir’s wieder eilig?«

			»Quatsch, komm, ich liebe dich, lass es uns hier …«

			»Auf dem schnellen Sofa?«

			»Hm?«

			»Du hast mich schon richtig verstanden. Ich bin ja nicht blöd. Schlafzimmer: Emmanuelle im Garten der Lüste. Sofa: wham, bam, thank you Ma’am. Du willst aufs Sofa. Ist ja auch verständlich: Ich weiß überhaupt nicht mehr, wann du den Garten der Lüste zum letzten Mal gegossen hast. Kein Wunder, dass da nichts mehr wächst.«

			»Wenn wir jetzt auch noch streiten, bleibt überhaupt keine Zeit mehr!«

			Das sagt der Staatssekretär natürlich nicht, obwohl es der einzig logische Satz wäre, bei nur noch sechzehn Minuten. Aber die Rechnung ist genaugenommen auch schon hinfällig. Selbst beim schnellsten Quickie muss Tommy hinterher noch ein wenig im Arm liegen, und wann ist da der richtige Moment, um den Fernseher einzuschalten? Nach fünf Minuten? Nach zehn? Es war dumm, sich überhaupt drauf einzulassen.

			»Tommy, sorry«, sagt der Staatssekretär, »ich muss die Sendung sehen. Ich muss.«

			»Also doch! Du schaust auf die Uhr.«

			»Jaaa. Sorry, echt. Es geht nicht anders.«

			»Und warum?«

			»Weil Leubl drin ist.«

			»Wegen der Flüchtlingsscheiße?«

			Der Staatssekretär nickt. Tommy atmet tief ein. Man kann förmlich sehen, wie er sich einen Ruck gibt, als er den Staatssekretär küsst. »Gut«, sagt Tommy, »gut. Ich zicke jetzt nicht rum. Du bist mein Staatssekretär, du bist der Schwanz meines Lebens.« Er dreht sich um und beugt sich zum Regal unter der Arbeitsplatte. Corian ist es geworden, das aber gar nicht so pflegeleicht ist, wie sie alle sagen.

			»Ich werde nicht rumheulen, und ich werde dir nicht dein schweres, schweres Leben noch schwerer machen.«

			Er holt eine Flasche hervor. Rotwein, der Staatssekretär kann nicht genau erkennen, welcher, aber vermutlich der kräftige Barolo. Tommy nimmt die Flasche mit dem Hals in die rechte Hand. Er holt kräftig Schwung, er zielt auf die Wand, für die sie eigentlich schon vor zwei Wochen irgendeine Kunst kaufen wollten. Dann schleudert er die Flasche erstaunlich sachte auf ein Sofakissen.

			»Fang!«

			Der Korkenzieher segelt hinterher, der Staatssekretär kann ihn gerade noch aus der Luft angeln.

			»Ich mache dir keine Szene, weil ich nämlich erwachsen und reif bin. Ich setze mich jetzt brav auf das schnelle Sofa und mache meinem Mann den Rücken ganz, ganz stark. Ich sage ihm nicht, dass ich keine Lust habe, seine blöde Stinksendung anzuglotzen, da stehe ich nämlich drüber. Aber er sollte wissen, dass auch ich nicht unbegrenzt belastbar bin. Und dass ich auch eine kleine Stärkung brauche. Mach den Wein auf, ungeile Sau.«

			Der Staatssekretär wirft Tommy einen dankbaren Blick zu. Tommy erwidert ihn überraschend verliebt und knöpft sich die Hose auf. »Das hättest eigentlich du machen sollen«, sagt er bedauernd, »guck mal. Hab ich extra für dich gekauft. Eigentlich Wahnsinn. War aber herabgesetzt.«

			Der Staatssekretär nickt anerkennend und schenkt Wein in die Gläser, während Tommy den Fernseher einschaltet. Sie sind noch bei der Wettervorhersage. Tommy krabbelt aufs Sofa und kuschelt sich an ihn. »Flüchtlingsscheiße«, brummelt er. »Wieso muss man da schon wieder eine Sendung machen?«

			»Hörst du mir eigentlich manchmal zu, wenn ich was erzähle?«

			»Immer. Wart mal, wie geht das noch? Ach ja: Flüchtlingflüchtlingflüchtling. Der Herr Leubl. Flüchtlingflüchtlingflüchtling. Hackenbitch. Hab ich was vergessen?«

			»Nein.« Der Staatssekretär formt mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis. »Perfekt!«

			»Sag schon.«

			»Wenn du ab und zu mal in die Zeitung schauen würdest …«

			Tommy stößt den Staatssekretär scharf in die Seite.

			»Ich zicke nicht. Es wäre also sehr, sehr, sehr schön, wenn du auch …«

			»Okay. Die Medien haben spitzgekriegt, dass es keine Katastrophe gibt. Jedenfalls nicht schnell.«

			»Und?«

			»Na ja: Das heißt also, dass da hundertfünfzigtausend Menschen in unsere Richtung marschieren. Und die ersten fangen an, sich zu fragen, ob sie das womöglich schaffen könnten.«

			»Können sie?«

			»Pschhhhh«, macht der Staatssekretär, »mal sehen, wen sie in der Sendung haben.«

			»Wieso pschhhh?? Das siehst du doch!«

			»Jetzt sei doch mal still!«

			Das sagt der Staatssekretär natürlich auch nicht. Er lässt Tommy reden und hofft, dass er irgendwann mal von selbst aufhört reinzuquatschen. Leubl rutscht ins Bild. Er hat sein Lino-Ventura-Gesicht auf: der besorgte, strenge, aber im Grunde doch gütige Vater. Das Gesicht hat ihm die letzten acht Wahlen gewonnen, oder die letzten sechs, er hat es in den letzten Jahrzehnten perfektioniert, als allmählich die Stirnfalten tiefer geworden sind. Niemand im ganzen Politikbetrieb setzt seine Stirnfalten so gut ein. Er hat aber auch die hohe Stirn dazu. Leider hat in der ganzen Familie des Staatssekretärs niemand auch nur einen Hauch von Haarausfall. Vielleicht sollte er anfangen, eine Brille zu tragen, das kann auch funktionieren.

			»Okay, die Rodung-Busch, damit war zu rechnen«, kommentiert der Staatssekretär.

			»So, so, war es das?« Tommy krabbelt ihm mit der Hand an den Rippen, und der Staatssekretär versucht die Finger mit einer Bewegung wegzuschieben, die man noch als »liebevoll« bezeichnen könnte.

			»Irgendeine Menschenrechtstante müssen sie ja rankarren. Oha, der Schwägerle. Hoffentlich untertiteln sie den.« Der Schwägerle ist ungefährlich. Er schreibt einmal die Woche einen ganz ordentlichen Kommentar, aber im Fernsehen ist er nicht halb so zupackend: Das liegt an seinem gruseligen Schwäbisch. Als der Staatssekretär noch Generalsekretär der Partei war, hat er als Erstes allen Schwaben Interviewverbot erteilt, also: für Radio und TV. Mit Ausnahme ihrer Regionalsender, das stört ja niemanden, wenn die den Bauernfunk mit ihrem Gespätzle verkleben. Aber nicht bundesweit. Mit Dialekt ist es in der Politik wie beim Vierradantrieb: Er muss zu- und abschaltbar sein, sonst hat man mehr Nachteile als Vorteile. Dass die Union jahrzehntelang Schäuble überstanden hat, hält er heute noch für ein Wunder. »Jetzt brauchen sie aber noch einen Rechten«, sagt der Staatssekretär.

			»Ich hatte mal was mit einem HSV-Fan«, sagt Tommy, »wenn die vor dem Spiel die Aufstellung eingeblendet haben, dann hat der genauso geredet wie du jetzt.«

			»Ich hab’s doch gesagt: der Blechdecker.«

			»Und natürlich wieder den van der Vaart ins Mittelfeld«, äfft Tommy sanft nach. »Kann den nicht jemand bei seinen verstrahlten Blondinen entsorgen?«

			»Wenn sie den Blechdecker nicht hätten, müssten sie ihn erfinden: Du brauchst einen Nazi für die Sendung, darfst aber keinen einladen – gut, dass die Sozis einen haben.«

			»Apropos rot: Schenk mal nach.«

			Der Staatssekretär gießt ordentlich Rotwein in Tommys Glas und dann überrascht einen guten Schluck daneben: Neben Blechdecker steht ein Bildschirm, und auf dem Bildschirm zugeschaltet ist Nadeche Hackenbusch. Und dann kommt ein Einspielfilm, der geschickt zuspitzt: der Aufbruch, dann die ersten Interviews, in denen die Flüchtlinge freudig von ihrem Reiseziel Deutschland erzählen. Natürlich auch wieder dieses niedliche Mädchen, das inzwischen ein ganz eigener Youtube-Renner geworden ist, mit zwei Videos. In einem tanzt sie, und in einem zweiten hält sie Leuten leere Flaschen hin und sagt dazu: »Fant bitte!«. Dann schlägt die Stimmung um, und man sieht das, was der eigentliche Grund der Aufregung ist: dass Pegida plötzlich wieder mehr Zulauf bekommt. Und genau als der Moderator Nadeche Hackenbusch fragt, wie’s denn so laufe, sagt Tommy:

			»Ui, die Nadeche ist aber braun geworden. Steht ihr gut. Ich finde aber, wenn, dann sollte sie …«

			Mit Tommy fernsehen ist furchtbar. Der Staatssekretär beugt sich runter und küsst Tommy auf den Mund. Dann ist wenigstens Ruhe.

			»… kommen wir zu euch«, kräht Frau Hackenbusch. »Das dauert natürlich noch ein bisschen. Aber wenn wir alle mithelfen, dann kriegen wir das hin! Ich bin so stolz auf Deutschland!« Tommys Zunge schiebt sich jetzt in den Mund vom Staatssekretär, sehr gut, dann versteht man auch, wie der Moderator nach dem Ablauf des Unternehmens fragt und wie sie das managt und wie sie antwortet, dass sie überhaupt nichts managt, sondern dass sie nur humanitäre Hilfe leistet. Entweder ist sie clever, oder man hat ihr einen Anwalt besorgt.

			»Kommt jetzt endlich dein Chef, damit Ruhe ist?«

			»Den bringen sie jetzt noch nicht. Erst muss ein Journalist sagen, dass die es bis zu uns schaffen können.« Richtig. Der Schwägerle gibt jetzt seinen Senf dazu, als würde er praktisch in Afrika nebenherlaufen. Dabei hat der Schwägerle seit mindestens fünfzehn Jahren keine richtige Reportage mehr gemacht. Angestrengt greift sich der Staatssekretär in den Hosenstall und holt Tommys Hand heraus. Er versucht sie irgendwie wegzubugsieren, aber leider hat Tommy zwei Hände. Mit Captain Hook wäre manches einfacher.

			Jetzt referiert Schwägerle die Infografik, die kürzlich im »Focus« erschienen ist, den Aufbau und die Struktur des Zuges und dass da eine ganz ausgeklügelte Organisation in seiner Hose stecken muss.

			»Bitte, Tommy, nur ganz kurz.«

			»Da drin ist aber was, das ist gar nicht kurz …«

			»Bitte! Ich muss mich konzentrieren!«

			Hinter dem Zug steckt die ausgeklügelte Organisation, hinter dem Zug. Das wird dann aber ganz gefährlich, sagt Blechdecker und warnt vor irgendwas mit dem Islamischen Staat. Der Mann hat eine der erstaunlichsten Karrieren der jüngsten Zeit hingelegt. Angefangen hat er als ganz normaler Kabarettist, den konnte man in der Anstalt sehen, auch beim Nuhr, im WDR, er hat auf die Union und die SPD eingeprügelt wie die ganzen anderen Kläffer. Aber irgendwann fiel auf, dass er sich bei keiner Nummer jemals von der AfD distanzierte. Dann schrieb er ein eher übles Buch, das sich verkaufte wie geschnitten Brot, und seitdem versucht die SPD ihn vergeblich loszuwerden. Blechdecker sagt jetzt irgendwas von Minderheit im eigenen Lande und Terrorismus und dass die Deutschen auf dem Migrantenauge blind seien.

			»Was, bitte, ist ein Migrantenauge?«, fragt Tommy erstaunlich aufmerksam.

			Leubl schüttelt den Kopf. Jetzt darf er, und der Staatssekretär würde am liebsten schon nach den ersten Worten einen Fanclub für ihn gründen. Leubl bedankt sich bei Nadeche Hackenbusch für ihren Einsatz. Er sagt, dass er ihre Arbeit bewundert – und rät ihr aber, gut aufzupassen, damit sie sich nicht wegen Schlepperei strafbar mache. Eine höflichere, freundlichere, charmantere Warnung hat man im Fernsehen noch nicht gehört. Und dann sagt er im Prinzip, dass sich die Bevölkerung keine Sorgen machen müsse. Das ist ziemlich universell und daher auch ziemlich gewagt, weil man ja nicht weiß, welche Sorgen sich der Zuschauer macht: ob die Flüchtlinge kommen oder ob sie nicht kommen oder ob Nadeche Hackenbusch mit Lionel eine schöne Wohnung finden wird. Das war jedenfalls die letzte Evangeline-Geschichte: »Nadeche & Lionel: Traum-Appartement in München?« Aber Leubl kriegt sie alle, indem er auf eine Reihe gut funktionierender Abkommen verweist, auf die Rechtssituation, die eindeutig ist, auf die bindenden Übereinkünfte der EU. Er verweist auf Frontex und den immens ausgebauten Schutz der Außengrenzen. Und dass man rein technisch einige Hindernisse zu überwinden habe, die ein bisschen komplizierter zu bewältigen seien als irgendeine Grenze in Afrika.

			»Ich bewundere Ihren Optimismus, Frau Hackenbusch«, sagt Leubl, »so zupackend und zuversichtlich wie Sie erlebe ich Deutschland viel zu selten. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe großes Verständnis für die Menschen, mit denen Sie unterwegs sind, für ihre Ungeduld und ihre Hoffnungen. Es ist für mich nachvollziehbar, dass man da nicht nur im Rahmen bestehender Gesetze denkt. In so einer Lage muss man schauen, wo man bleibt. Aber Sie steuern auf eine Katastrophe zu, wenn Sie so weitermachen. Ich bezweifle ja, dass Sie so weit kommen werden, aber spätestens am Suezkanal oder am Bosporus kann man nicht einfach weiterlaufen. Das sind Nadelöhre, und keine souveräne Regierung der Welt wird Sie da einfach durchlassen können.«

			Es ist nicht das Recht, es ist nicht die Regierung, es sind nicht die Deutschen – es sind der Suezkanal und der Bosporus. Einem Kanal und einer Meerenge kann niemand einen Vorwurf machen. Der Staatssekretär lässt sich bewundernd ins Sofa zurückfallen. Er stellt fest, dass in seinem Schritt keine Hand mehr von Tommy ist, dafür aber der Mund. Er versucht ihn wegzudrücken, aber dann macht Tommy irgendwas Schnalzendes, und das ist – gutttt.

			Die Rodung-Busch ist genauso überrascht. Also: von Leubl. Sie war darauf vorbereitet, Attacken gegen die Bundesregierung zu reiten, gegen die CSU, gegen die EU, aber nicht gegen den Bosporus. Das überrascht sie so sehr, dass sie Leubl nur vorhalten kann, dass er ihr jetzt auch die Eier kraule. Nein, das ist Tommy, dass er … also dass Leubl die Flüchtlinge nicht noch mehr unterstütze, jetzt, wo er schon keine Hosen mehr anhabe. Und das ist für Leubl natürlich leichtes Spiel, weil er nur sagen muss, dass es nicht die Aufgabe der Bundesregierung sein könne, Flüchtlingen einen runterzuholen, ins Land zu holen, oh mein Gott, wer hätte gedacht, dass man Flüchtlinge so tief ins Land holen kann, und dieses Land ist so warm und feucht und nass!

			Gott sei Dank spricht jetzt der Schwägerle, und wenn es etwas gibt, das für einen normalen Mann eine Erektion vollkommen unmöglich macht, dann ist es Schwäbisch, dieses Dialekt gewordene Verhütungsmittel. Mit großem Aufwand erzählt Schwägerle, dass man zu einer korrekten Beurteilung der Lage die afrikanische Geschichte kennen müsse, und da kann man getrost weghören, weil die afrikanische Geschichte einem weder über den Suezkanal noch über den Bosporus hilft. Leubl hat die beiden Punkte gesetzt, und vor dem Auge der Zuschauer stehen jetzt Hunderttausende Flüchtlinge am Ufer vom Suezkanal und können nicht rüberschwimmen. Blechdecker kann auch noch mal ausholen, aber das beruhigende Bild der Hunderttausend, die der Suezkanal vom gelobten Land trennt wie das viel zu tiefe Wasser die zwei Königskinder, ist in den Köpfen festzementiert. Da kann Leubl auch ganz entspannt noch mal auf Nadeche Hackenbusch zugehen, sie derart loben, dass man förmlich die Grün-Wähler zur CSU abwandern spürt, als Lino Ventura ein Gefühl der Wärme und Sachlichkeit verbreitet, dass einem ganz warm und wohlig und nass wird und man sich ausdehnt und wächst und man tunlichst die Hände von Tommys Kopf lässt, weil man ihn nie so perfekt bewegen könnte, wie er es von selber tut, man kann sich ja stattdessen mit diesem Nichts von Slip befassen, wenn einem nicht schon halb schwindlig wäre.

			Und als Schwägerle wieder bedrohlich ins Bild kommt, greift sich der Staatssekretär blitzschnell die Fernbedienung und schaltet den Fernseher ab. Er steht langsam auf, um Tommy nicht zu unterbrechen, ihm ist auf einmal doch sehr nach Schlafzimmer und Spielzeugkiste, und dann brummt das Handy dreimal.

			Tommy sieht kurz zu ihm hoch.

			Aber dreimal brummen ist Leubl.

			Tommy verschluckt den Staatssekretär wie ein Staubsauger.

			Es wird dem Staatssekretär ganz weich und warm und wacklig, er stöhnt irgendetwas völlig Unverständliches, und mit einer seltsamen Mischung aus Siegesschrei und undichtem Fahrradreifen bricht er über dem Sofa zusammen. Es kommt ihm vor, als müsste er alle Kraft seines ganzen Lebens aufbringen, um nach diesem Handy zu greifen. Und im selben Moment, in dem er die SMS von Leubl liest, hört er, wie die nagelneue Wohnzimmertür derart zugeschmettert wird, dass die nagelneue Klinke rausfällt.

			»Neun Uhr«, steht in der SMS. »Erzberger.«





31


			Es ist keine Freude, dem alten Erzberger zuzusehen.

			Leubl sitzt auf seinem Platz im »Café Theresia« und wartet auf einen Kaffee und ein Blätterteighörnchen. Der Platz ist hinter der Garderobe, von den Mänteln verborgen, dort, wo früher die Bedienungen schnell eine geraucht haben, als man in Lokalen noch rauchen durfte. Auch heute ist der Tisch für Gäste eigentlich nicht zugänglich, die Bedienungen trinken hier noch immer ihren eigenen Kaffee und ab und zu einen kleinen Cognac oder einen Magenbitter. Aber für den Innenminister macht man immer eine Ausnahme, aus alter Verbundenheit: Als Leubl das erste Mal im »Theresia« einen Tee bestellt hat, haben die Beatles noch Konzerte gegeben. Der Nachteil ist, dass man an diesem Tisch manchmal einen gründlicheren Blick hinter die Kulissen des Lokals wirft, als man möchte.

			Leubl klappt die Tageszeitung auf. Im Mantelteil kennt er das meiste schon, aber manchmal liest er gerne den Lokalteil. Die Kolumnen vom alten Rebach, obwohl sie immer furchtbarer werden. Aber wenn man erst einmal so alt ist wie Leubl, dann ist man für jeden Menschen dankbar, der unter »Vergangenheit« nicht nur die letzten fünfundzwanzig Jahre versteht. Ein Kaffee wäre jetzt langsam recht. Ein Kaffee und ein Blätterteighörnchen. Aber es sieht nicht gut aus, weil er hört, wie der alte Erzberger mit der größtmöglichen Dämpfung, die er aufbringen kann, sagt:

			»Das ist eine ungeheuerliche Schlamperei!«

			Leubl lässt die Zeitung sinken. Es gibt in letzter Zeit manchmal Tage, an denen der alte Erzberger nur kurz im Café vorbeischaut. Aber heute nicht. Heute steht der alte Erzberger hinter der Theke und hebt einen Bestellzettel an sein Gesicht. Er hat seine Brille in das erstaunlich dichte graue Fürstenhaar hochgeschoben und versucht den Zettel zu entziffern, was schwerfällt, weil das Licht so eingestellt ist, dass die Torten gut aussehen, nicht für die Lektürezwecke älterer Mitbürger.

			»Wieso ist auf dem Teller Kartoffelsalat? Da soll eine Ursulatorte drauf sein.«

			»Bitte, Herr Erzberger«, sagt die junge Bedienung und wirft hastig einen Blick an seiner Schulter vorbei auf den Zettel. »Lassen Sie mich meine Arbeit machen! Das heißt nicht Ursulatorte. Das heißt Umsatzsteuer.«

			»Wir haben überhaupt keine Ursulatorte!«

			»Na, sehen Sie?!«

			»Was heißt hier ›Sehen Sie?‹. Wer nimmt denn dann so eine Bestellung auf?«

			»Niemand. Es ist doch alles in Ordnung! Ich muss jetzt wirklich meine Arbeit …«

			»Damit Sie noch mehr Schaden anrichten?« Der alte Erzberger richtet sich auf, knapp 1,90 Meter Enttäuschung, immer noch. »Jetzt muss ich mir alle Bestellungen selber ansehen. Bringen Sie mir sofort alle Bestellungen.«

			Die Bedienung ist jung, hübsch und sehr verzweifelt. Leubl möchte nicht in ihrer Haut stecken. Zackigkeit, reibungsloser Ablauf, das ist für das »Café Theresia« immer besonders wichtig. Für viele ist das »Theresia« das erste Haus der Stadt.

			Leubl beobachtet, wie vor der Theke ein größerer Bedienungsstau entsteht, weil hinter der Theke der alte Erzberger die Zettel kontrolliert. Und einiges, was er für Zettel hält, wie zum Beispiel Zuckertütchen und Erfrischungstücher.

			»Wer hat das geschrieben? Das kann man ja überhaupt nicht lesen! Und da muss noch ein Pils hin«, schimpft der alte Erzberger. »Und ein Kartoffelsalat! Wie in aller Welt kommen Sie auf Käsekuchen?«

			Es kann an der Zuordnung liegen. Der alte Erzberger hält mittlerweile ein gutes Dutzend Zettel in der Hand wie ein labbriges Kartenblatt. Dass er auch nur einen Zettel mit der korrekten, dazugehörenden Bestellung vergleicht, darf bezweifelt werden. Doch die junge Bedienung kann dem alten Erzberger nicht widersprechen, sie tut ihr Bestes, ihn auf erträglicher Lautstärke zu halten, in der er sich nun fragt, seit wann die Pilsgläser nicht mehr im oberen Fach seien. Er hätte das nicht angeordnet, zürnt der alte Erzberger, er verlange, dass die unsachgemäße Unterbringung der Pilsgläser revidiert würde, und zwar sofort. Früher seien sie immer im oberen Fach gewesen, und da hätte man sie wenigstens gleich gefunden. Jetzt seien die Pilsgläser sonst wo, und es sei kein Wunder, dass die Leute so wenig Pils bestellten, wenn sie nicht wüssten, wo die Gläser sind.

			Leubl fürchtet jetzt ernstlich um das Eintreffen seines Kaffees. Das ist schade. In einer Viertelstunde wird der Staatssekretär kommen, und bis dahin hätte er gerne sein Blätterteighörnchen gegessen und sich von den Krümeln befreit. Leubl mag es nicht so gern, wenn man ihm beim Essen zusieht. Und dann womöglich sagt: »Sieht aber lecker aus.« Leubl hat gelernt, sich mit vielem im Leben zu arrangieren, aber nicht mit Leuten, die einem ins Essen quatschen.

			Und die dann am Ende auch noch probieren wollen.

			Leubl schaut auf die Uhr und beginnt sich zu ärgern. Dabei versteht er den alten Erzberger ausgesprochen gut. Wie alt wird er jetzt sein, neunzig? Eher Mitte neunzig. Und von wie vielen Welten hat sich der alte Erzberger dann schon verabschieden müssen? Leubl weiß es noch genau, er war selbst zweiundvierzig oder dreiundvierzig, als er das erste Mal das Gefühl hatte, dass diese Welt nichts mehr mit der Welt zu tun hatte, in der er aufgewachsen ist. In den Achtzigern ist das gewesen, und wenn Binchen bei ihnen übernachtet, fällt ihm vor allem auf, dass auch die Welt, mit der er sich damals nur mühsam abgefunden hat, im Grunde heute nicht mehr da ist. Dass er nur noch reinschnuppern darf, weil Binchen seine Enkelin ist. Der alte Erzberger hat inzwischen sicher noch eine, wenn nicht zwei weitere Welten kommen und gehen sehen, ist es da ein Wunder, dass sich so jemand verzweifelt an allem festhält, was noch einigermaßen vertraut wirkt? Er hat ja auch nach dem Tod seiner Frau nicht wieder geheiratet, vermutlich, weil er sich nicht auch noch an eine andere Frau gewöhnen wollte, in dieser verwirrenden Welt der Ursulatorten und verschwundenen Pilsgläser.

			In einer der Spiegelflächen sieht Leubl jetzt, wie sich der Staatssekretär seinem Tisch nähert. Er setzt sich zu ihm, während Anna den Kaffee und das Hörnchen auf den Tisch stellt.

			»Pünktlich auf die Minute«, sagt Leubl mit einem gewissen Bedauern.

			»Aber ich dachte …«

			»Schon in Ordnung.« Leubl schiebt das Hörnchen zur Seite.

			»Mögen Sie es nicht? Sieht aber lecker aus.«

			Leubl atmet tief durch. »Ich lass mir’s einpacken.« Der Staatssekretär winkt dezent und signalisiert Anna, dass er dieselbe Bestellung noch mal möchte. Leubl sieht, wie sie es mit einem Nicken bestätigt.

			»Gut sind Sie gewesen, gestern.«

			»Fanden Sie?«

			»Sehr überzeugend.«

			»Haben Sie die Quoten gesehen?«

			»Nein, wieso?«

			»Ich hab sie mir mal kommen lassen. Fünfundsechzig Prozent mehr als normalerweise.«

			Der Staatssekretär pfeift durch die Zähne.

			»So, und jetzt addieren wir die Pegida-Zahlen dazu, und nicht nur die von den Irren aus Dresden. Das geht in ganz Deutschland so. Das kommt wieder. Im großen Stil.«

			»Na ja, aber wie Sie schon gesagt haben, das kann doch nicht gut gehen.«

			»Darauf kommt es leider nicht an.«

			»Worauf denn sonst?«

			»Haben Sie mal ›Der weiße Hai‹ gesehen?«

			»Spielberg? Ja, ist aber schon länger her.«

			»M-m-m-m-m-m-m-m-m-m«, macht Leubl, »erinnern Sie sich an die Musik?«

			»Ja, ich glaube schon. Dunkel.«

			»Noch bevor der Zuschauer den Hai sieht, bevor er die Flosse sieht, hört er die Streicher: M-m-m-m-m-m-mh. Erst leise, dann immer lauter, so wie sich der Hai nähert. Warum macht der Regisseur das?«

			»Na, weil’s gruselig ist.«

			»Genau. Weil es gruselig ist, wenn etwas langsam und unaufhaltsam näher kommt.«

			Der Staatssekretär denkt kurz nach. »Einhundertfünfzigtausend Flüchtlinge, zur besten Sendezeit, jeden Tag.«

			»M-m-m-m-m-mh«, macht Leubl und ahmt mit einer schlängelnden Handkante eine Haiflosse nach. Die Handkante schlängelt sich wieder zu Leubl zurück, vor ihm klappt sie bestätigend auf den Handrücken seiner anderen Hand, die vor ihm auf dem Tisch liegt. »Bombensicher. Das funktioniert immer.«

			»Aber wie viele halten das denn für bedrohlich? Die Flüchtlinge haben ja schließlich auch eine Menge Fans.«

			»Die sind genauso problematisch. Popstars klemmen sich dahinter, diese Internetverkäuferin. Und je mehr Schwung das aufnimmt, desto mehr steigt die Zahl der Leute, die Angst haben. Die steigt sogar noch schneller.«

			»Moment, das, was ich in der Sendung so grandios fand, war doch die Sache mit dem Bosporus. Der Suezkanal.«

			»Es hilft uns aber nicht.«

			»Bitte? Wie die alle am Suezkanal stehen bleiben? Wie deutlich muss es denn noch sein? Das leuchtet doch sofort ein. Die Sache ist aussichtslos.«

			»Ja, aber bis an den Suezkanal brauchen die noch mindestens ein Jahr. Und was meinen Sie, wie dieses Land aussieht, wenn Sie den Deutschen ein Jahr lang die Musik vom weißen Hai vordudeln?«

			Der Staatssekretär stellt es sich kurz vor. Er nickt und knetet seine untere Gesichtshälfte. »Und bei der Musik wird es nicht bleiben, schon klar. Die sind ja auch nicht doof.«

			»Ganz und gar nicht.« Leubl füllt seine Tasse wieder auf.

			Anna kommt und stellt die Bestellung vom Staatssekretär auf den Tisch. »Also schön. Wir brauchen eine schnelle Lösung«, sagt er. »Aber wir können nicht hundertfünfzigtausend Leute an den Suezkanal fahren, damit jeder schon morgen sieht, wie’s ausgeht.«

			»Gott sei Dank, das würden wir auch nicht wollen«, mahnt Leubl. »Das ist kein gutes Bild: Hunderttausende am Suezkanal. Hunderttausende an irgendeinem Pass. Das sind Fotos, die spitzen die Lage zu. Wir können Zuspitzungen nicht brauchen. Zuspitzungen verlangen nach Entscheidungen. Und bei Entscheidungen haben wir nichts zu gewinnen. Was wir brauchen, ist gepflegte Langeweile.«

			Der Staatssekretär hat beim Zuhören sein Hörnchen verputzt. Er hat es in den Kaffee getunkt und völlig fleckfrei vertilgt. Es schwimmen nicht mal Krümel im Kaffee. Leubl fragt sich, ob diese Schwulen nicht womöglich doch über besondere Fähigkeiten verfügen.

			»Ist das nicht ab hier langsam Sache des Außenministeriums?«, schlägt der Staatssekretär vor. »Das kann doch nicht angehen, dass die einfach durch all diese Länder spazieren.«

			Leubl zuckt mit den Schultern. »Welchen Hebel wollen Sie da ansetzen? Diese Länder wollen auf Zeit spielen. Die halten uns so lange hin, bis der Zug bei ihnen durch ist. Die haben kein Interesse an schnellen Lösungen.«

			»Dann haben wir aber langsam alle Möglichkeiten durch, die uns bleiben.«

			Leubl schweigt.

			»Oder habe ich was übersehen?«

			Leubl sagt nichts und nimmt einen Schluck Kaffee.

			»Okay, mal andersrum: Was brauchen wir? Wir brauchen eine schnelle langweilige Lösung. Zum Beispiel: Diese Flüchtlinge kehren nach und nach alle um … Nein, so bescheuert können die nicht sein. Aber … sie verlaufen sich im Sande …«

			Leubl nimmt seine Unterlippe zwischen Daumen und Zeigefinger und hört zu.

			»… sie zerstreuen sich«, denkt der Staatssekretär laut weiter. »Okay, für mich klingt das wirklich langweilig. Sie zerstreuen sich, weil … weil nichts mehr funktioniert.«

			»Und warum nicht?«

			»Pech. Schicksal.«

			Leubl verzieht missmutig das Gesicht. »Das wäre dann ja tragisch.«

			»Okay, klar«, grübelt der Staatssekretär, »tragisch wollen wir nicht. Weder Pech noch Schicksal, sondern …«

			»… eigene Blödheit«, fordert Leubl.

			»Eigene Blödheit«, wiederholt der Staatssekretär nachdenklich. »Genau. Sie sind selber schuld. Sie vermasseln’s. Klingt gut.« Mit der Spitze seines Zeigefingers nimmt er ein Teigblättchen von seinem Teller auf und schiebt es zwischen seine Lippen. »Mal sehen … verlaufen können sie sich nicht. Überhaupt können die meisten nicht viel falsch machen. Wenn irgendwas anfällig ist, dann vielleicht die Organisation.«

			Leubl sieht dem alten Erzberger zu, der seine Karten jetzt völlig neu sortiert. Mehr nebenbei sagt er: »Man muss sich nur mal ansehen, mit welchen Leuten die sich da eingelassen haben.«

			»Na ja, das sind Kriminelle … Geschäftsleute … Mafiosi …«

			»Von denen kriegen sie Nahrungsmittel, Orientierung …«, sagt Leubl aus dem Mundwinkel. Er beugt sich vor, greift zur Tasse und trinkt sie aus. »Und Wasser.«

			»Und Wasser.« Der Staatssekretär lässt den Gedanken kurz wirken. »Aber das würde sich auch schnell zuspitzen. Die haben die Kameras ja immer dabei … Leute, die in der Wüste verdursten, das ist doch ein mindestens genauso wirkungsvolles Bild wie ein weißer Hai …«

			»Kommt drauf an. Mein Lieblingsfilm geht so: Irgendwo, halbwegs in der Nähe einer größeren Ansiedlung, geht das Wasser aus.«

			»Sie bleiben in der Ansiedlung, sie müssen dableiben, klar, ohne Wasser …«, spinnt der Staatssekretär weiter, »eine Woche lang, zwei Wochen, drei …«

			»Aber sie kommen und kommen nicht weiter«, schiebt Leubl nach. »Was sagen die Leute, die da wohnen?«

			»Die Bevölkerung wird unruhig, die Regierung muss sich drum kümmern …«

			Leubl sieht ihn über seine Brille hinweg an.

			»Die Regierung muss sich … drum kümmern …«, wiederholt der Staatssekretär, und dann läuft es. »Sie muss sich auf einmal doch drum kümmern.«

			Leubl macht Anna ein Zeichen wegen der Rechnung.

			»… und aus einem reibungslosen Durchzug, bei dem man Geld verdient, wird ein Problemfall, auf dem man sitzenbleibt …«

			Anna kommt. Leubl wirft einen Blick auf die Rechnung. Es ist kaum zu glauben, was man für zwei Blätterteighörnchen und zwei Kaffee verlangen kann. Er wird es selbst zahlen, ohne Quittung: Er bringt es einfach nicht fertig, dem Steuerzahler die Preise vom alten Erzberger zuzumuten.

			»Und wenn das so ist – würden Sie noch mal solche Leute ins Land lassen?«, fragt er den Staatssekretär, als er das Rückgeld in sein Portemonnaie sortiert.

			»Ich würde dafür sorgen, dass derjenige, der mir diese Leute ins Land gelassen hat, nicht mehr glücklich wird«, sagt der Staatssekretär beim Aufstehen. »Vor allem würde ich mir das Geld holen, das er dafür gekriegt hat. Und was er sonst noch so hat. Das macht der nicht noch mal.«

			»Das wollen wir hoffen«, meint Leubl und schlüpft in seinen Mantel. Sie warten noch, bis Anna das Blätterteighörnchen in einer Papiertüte zum Mitnehmen an den Tisch bringt. Leubl nimmt es, jetzt doch mit einer gewissen Vorfreude. Er wird es im Büro essen, am Couchtisch. Allein. Er blickt noch einmal hinter die Theke. Der alte Erzberger ist verschwunden. Die junge Bedienung steht ratlos neben dem Zettelberg und sortiert die Zuckertütchen aus. Leubl blickt nachdenklich auf den Staatssekretär, der seinen Mantel von der Stuhllehne klaubt. Mit etwas Glück wird er das Ministerium in einem besseren Zustand übergeben als der alte Erzberger das »Café Theresia«.





32


			Nadeche Hackenbusch könnte nicht sagen, wann genau ihr der Gedanke gekommen ist. Sicher nicht in der ersten Woche. In der zweiten wahrscheinlich auch noch nicht. Aber auch nicht erst jetzt, vor einer Viertelstunde. Der Gedanke lautet: Das ist ganz schön weit.

			Sie muss zugeben, so klar ist ihr das nicht gewesen. Also dass es weit ist, natürlich schon. Das hat man ja schon auf dem Hinflug gemerkt. Da gibt es ja Flüge, da kann man zwei Filme hintereinander wegsehen oder drei Filme und noch eine Folge von »The Big Bang Theory«. Es gibt sogar welche, da mag man irgendwann keinen Film mehr sehen, da denkt man sich dann: »Ach, so ein Buch wäre auch mal wieder was.« Aber das ist leider im Koffer. Und dann gibt es Flüge, da bekommt man einen Schlafanzug mit Schlafbrille, wenn sie das Abendessen abgetragen haben, und wenn das passiert, dann ist auch Nadeche Hackenbusch klar, dass man da so weit weg ist von zu Hause, wenn man dafür den Zug nehmen würde, da müsste man sicher auch mal umsteigen. Oder sogar ein paarmal übernachten. Das ist dann auch weit.

			Aber nicht so weit wie jetzt.

			Sie wacht auf, sie kriecht aus dem Wagen, Lionel ist schon unterwegs, und das Erste, was sie sieht, ist: Es sieht heute früh verdammt noch mal genauso aus wie gestern früh. Es ist, als wäre man überhaupt nicht weitergekommen. Die Tage unterscheiden sich im Wesentlichen dadurch, dass der Ü-Wagen drei Meter weiter links steht oder vier Meter weiter vorne. Der Himmel ist jedes Mal gleich blau, Wolken gibt’s hier ja sowieso nicht. Und das Beste, was man sagen kann, ist, dass es noch nicht so heiß ist, wie es bald sein wird. So was kann man ja fast keinem sagen, wenn man das in einer Mail andeutet, dann heißt es sofort: Da ist es doch immer heiß. Dazu ist dieses Land aber zu einfallsreich: Dieses Land kann nachts ganz schön kalt werden. »Dieses Land«, das ist genau der richtige Name, weil man ja eh nicht weiß, ob man noch in dem einen ist oder schon in dem anderen, es ist nämlich nicht so wie in Europa, wo man in dem einen Land ein Baguette bekommt und in dem anderen nicht. Kann natürlich sein, dass sie hier auch so Unterschiede haben, auf Afrikanisch eben, aber dazu müsste man halt mal hin und wieder in eine Stadt kommen. Eine richtige Stadt, nicht nur irgendwas rund um ein Wasserloch.

			Eine Stadt. Was würde sie für eine Stadt geben. Mit einem einzigen Geschäft. Für Schuhe.

			Nein, für Handtaschen. Eine Stadt mit einem Laden, in dem es nur Handtaschen gibt.

			Nadeche kramt ihre Stiefel hervor und klopft sie aus. Nicht dass sie jemals einen Skorpion drin gefunden hätte. Wahrscheinlich ist es sowieso nur eine Legende, dass Skorpione in Schuhen lauern. Eine Legende von diesen Tropenforschern, weil die Leute hier ja nie Stiefel tragen. Lionels Turnschuhe sind ja schon exotisch. Diese Latschenmentalität ist auch so etwas, das sie nach wie vor nicht begreifen kann. Aber das hat vielleicht mit Heimat zu tun: Dieser afrikanische Boden wird ihr wohl nie so vertraut vorkommen wie eine deutsche Wiese.

			Nadeche Hackenbusch gibt sich einen Ruck und hüpft vom Wagen. Die ersten zwei Schritte sind meistens noch etwas steif, aber alles in allem ist sie schon verblüfft, wie leicht ihr dieses schlichte Leben fällt, also rein körperlich wenigstens. Der Ü-Wagen ist gegenüber, zebrapinkgestreift. Eine hübsche kleine Flotte ist da inzwischen entstanden, wenn man den Arztwagen noch mit dazurechnet und den Hebammenwagen, der demnächst für die Neugeborenen dazukommt. Das macht einen schon stolz. Eine eigene Firma haben viele, aber das hier, das ist – mehr. Das ist wie das Rote Kreuz, ein bisschen wie der Papst, aber dieser neue, dieser gute, vernünftige Papst, der auch Schwule mag. Der HackenPush-Up war schon auch was Eigenes, etwas, auf das man stolz sein konnte, aber es war nicht dasselbe, da fehlte dieses – Höhere. Das hier, das ist etwas, das nur sie kann, nur Nadeche Hackenbusch, niemand sonst. Auf der ganzen Welt.

			Ein Handtaschenladen und ein Iced Kakao Cappuccino.

			Sie stopft eine Handvoll Nüsse in den Mund, als kleines Frühstück. Man kommt ganz schön weit mit Nüssen, das hätte sie nicht gedacht. Bimsheimer Müsli ist einer der Hauptsponsoren geworden, die Werbeblocks weisen immer auf »das nusshaltigste Müsli Deutschlands« hin. Und Nutella ist groß eingestiegen, obwohl man da den Nussbegriff schon sehr weit dehnen muss. Sie haben angefragt, ob sie Nadeche versorgen dürften, aber auch wenn Nadeche nichts gegen Nutella hat – die Botschaft wäre idiotisch. Der Normalflüchtling knuspert sich mit Nüssen durch den Tag, und Frau Hackenbusch streicht sich die Nutellaschnitte, die sie jeden Morgen aus ihrem Kühlschrank holt. Weil bei den Temperaturen hier wird das ohne Kühlschrank ja wahrscheinlich Trinkschokolade. Da ist es schon besser, sie bleibt bei den Standardnüssen. Man gewöhnt sich auch dran. Es hilft aber, dass sie nie so viel Wert auf Essen gelegt hat. Nicolai war bei ihnen immer der Gourmet, da kam das Basilikum von hier und das Steak von dort, und dann hat er auch so getan, als schmecke er den Unterschied. Da sind sie immer ganz groß, diese Feinschmecker, im Unterschiedfinden und -bejubeln. Dabei läuft das ja doch eher so, dass man ihnen sagt, wo’s herkommt, und sie sagen dann: »Ah, das schmeckt man aber auch!« Einmal hat sie Nicolai gesagt: »Das ist doch Quatsch. Wenn das Brot von woanders käme, dann würde das auch so schmecken.« Und er hat ihr sofort recht geben müssen.

			Es ist wirklich verdammt weit. Nicht nur wegen des Flugs und allem. Sie weiß das von dem Telefonat mit Nicolai, da hat sie ihn gefragt, wieso die Kinder noch nicht im Bett sind. Und er: »Wieso denn jetzt schon?«

			»Jetzt schon? Das muss doch bei euch schon viel später sein!«

			»Hä? Wie spät ist es denn bei dir?«

			»Halb fünf.«

			»Bei uns auch.«

			Und da ist ihr erst aufgefallen, wie weit von zu Hause das wirklich ist: so weit, dass sie genau vierundzwanzig Stunden weiter ist. Und das alles zu Fuß zurück, Wahnsinn. Und Urlaub geht nicht.

			»Geht nicht« gibt’s doch, das hat sie jetzt sehen müssen. Sie hat mit Lionel drüber geredet, vor dieser Fernsehdiskussion. Wenn sie jetzt den Zug verlässt, wenn sie nach Hause geht, dann ist nicht sicher, ob sie sie wieder ausreisen lassen. Verbieten können sie es wahrscheinlich nicht. Aber sie tun kompliziert rum, dann trödeln sie, in der Zwischenzeit hat das Fernsehen keine Hackenbusch-Bilder zu senden, die Zuschauer springen ab. Und plötzlich sind hundertfünfzigtausend Flüchtlinge einfach nur hundertfünfzigtausend Niemande im Nichts. Das muss nicht so kommen, aber sie kann das nicht riskieren. Sie kann hier nicht weg.

			Obwohl der Flug sie schon gereizt hätte. Ein Bett. Kaffee. Champagner.

			So kühl, dass das Glas von außen beschlägt.

			Nein. Geht nicht. Das Risiko ist zu hoch. Deswegen auch nur: Live-Schalte. Technisch ist das ja alles unproblematisch. Und wenn sie Nadeche Hackenbusch in natura haben wollen, dann sollen sie nach Afrika kommen. Für diese Sommerinterviews von Politikern machen sie ja auch jeden Zinnober mit.

			Aber trotzdem, sie ist nicht sicher, ob sie nicht trotzdem ab und zu versuchen würde, sich abzuseilen. Sie liebt Lionel, gar keine Frage. Und diese Menschen sind auch wichtig, schon klar. Immer wichtiger, kann man sogar sagen, denn es werden mehr. Vier oder fünf weitere Lastwagenstationen sind mittlerweile dazugekommen, auch deswegen ist Lionel morgens oft unterwegs. Die meisten Fälle können seine Leute entscheiden, aber manche sind auf der Kippe. Lionel wollte sich anfangs davor drücken, aber er hat gemerkt, dass er so Problemfälle vermeiden kann. Er sagt zwar noch immer, dass Opfer in Afrika dazugehören, aber er hat eingesehen, dass er unangenehme Bilder im Vorfeld verhindern kann, wenn er selbst sicherstellt, dass nur die Geeignetsten mitkommen. Denn auch wenn die Versorgung mit Medikamenten inzwischen gut läuft, es gibt nur einen pinkfarbenen Arztwagen, und das muss so bleiben. Sie ist für eine Sendung mal einen Tag lang dort mitgefahren. Es gibt gar nicht so viel zu tun – nur viel zu entscheiden: Ist der Kranke in zwei Tagen wieder fit, dann kann man ihn betreuen. Geht’s schneller, braucht er ein paar Tabletten, und fertig. Und schwerer erkranken darf man einfach nicht. So sieht’s aus. Sie war so froh, dass an diesem Tag kein Schwerkranker dabei war. Es gibt sie Gott sei Dank wirklich kaum. Weil Lionel die richtigen Leute mitnimmt.

			Von daher könnte sie ruhig mal ein, zwei Tage shoppen gehen.

			Aber es gibt einen Grund, weshalb sie nie, nie, niemals riskieren würde, dass dieses Unternehmen scheitert. Und dieser Grund klopft gerade an das Wagenblech.

			»Guten Morgen, Nadeche!«

			Praktisch akzentfrei, es ist erstaunlich. Sie kann schon so viel. Sie hilft ihr, und sie stellt sich unglaublich geschickt an. Sie kann über Stunden ganz ernst arbeiten und ist trotzdem immer so fröhlich. Sie begreift so schnell, dass man kaum hinterherkommt. Man kann es kaum fassen: Vor vier Wochen konnte sie nur zwei Worte.

			Das eine war »Fant«. Das andere war »Ottobafes«.





33


			Was ist denn jetzt mit der Klimaanlage? Sollen wir uns hier alle den Arsch abfrieren, oder was?«

			Astrid von Roëll sitzt im Wohnmobil, das die EVANGELINE endlich angemietet hat, und schließt schaudernd den Reißverschluss ihrer Outdoorjacke. Sie arbeitet konzentriert an einem umfassenden Vergleich von Airbnb-Appartments in Paris. Sie ist ein wenig erschüttert davon, wie die Leute in einer Landeshauptstadt ihre Wohnungen einrichten. In einer Welt- und Kulturstadt!

			»Schau dir das an. Schau! Dir! Das! An!«

			»Ich kann gerade nicht«, sagt Kay von irgendwoher.

			»Wenn es nur eine Wohnlandschaft wäre!« Astrid von Roëll ist fassungslos. »Ich meine, die können ja gerne hausen, wie sie wollen. Aber so was vermiete ich doch nicht!« Sie schiebt die Maus ein bisschen weiter. »Und auch noch in Grün! Dafür zahl ich doch keine hundertsiebzehn Euro die Nacht!«

			»Kannst du mal die Anlage aus- und wieder einschalten?«, schreit Kay von irgendwoher.

			»Hm?«

			»Die Anlage! Aus und wieder an!«

			»Wie geht ’n das?«

			Man hört ein dumpfes Klump!, wie wenn jemand ein schweres Werkzeug genervt irgendwohin schmeißt. Dann wird die Tür aufgerissen. Kay kommt herein und stapft demonstrativ zu den Schaltern der Klimaanlage, die sich neben der Tür befinden: »Hier: aus. Hier: an. Oh Wunder: Es ist derselbe Knopf!«

			»Sorry!« Astrid von Roëll lächelt ihr drittliebstes Lächeln. »Nächstes Mal weiß ich es.«

			»Was willst du überhaupt in Paris? Ich dachte, du musst schreiben.«

			»Die haben wegen eines Interviews angefragt.«

			»Wer? France Télévisions?«

			»Hab ich vergessen. Irgendwas mit Tee Vee. Oder Tö Vö.«

			»Kannst du Französisch?«

			»Mäh hui!«

			»Hui lala!«

			»Hauptsache, die können Englisch.«

			»Was wollen die eigentlich von dir?«

			»Blöde Frage. Die brauchen eine Expertin.«

			»Die Krönung des seriösen Journalismus: Journalisten befragen andere Journalisten.«

			Kay geht hinaus und knallt die Tür hinter sich zu. Astrid von Roëll streckt ihr einen Mittelfinger hinterher. Die soll sich nur mal nichts einbilden, bloß weil sie weiß, wie man einen Schraubenzieher hält oder einen Dings. Die Klimaanlage wird auch nicht ewig kaputt sein, und dann ist sie wieder das Kameramäuschen und sonst nichts.

			So toll sind ihre Bilder übrigens auch nicht. Da hat sie schon bessere gesehen, bei Arte, wenn sie so Tierfilme machen. Obwohl, die Idee mit der Drohne war schon gut gewesen, da war Kay die Erste. Den Zug praktisch entlangfliegen, da denkt man noch, das wäre eine ganz normale Handkamera, und dann langsam entfernen und dann hoch in die Totaldings. Oder diese Aufnahme des ganzen Zugs. In einem Rutsch, rund fünfzig Kilometer, ohne Zwischenschnitt, da rätseln heute noch alle im Internet, wie sie das hingekriegt hat, weil auch die teuren Kameradrohnen nie und nimmer so weit fliegen können. Und weil man selber doch immer in Reichweite der Drohne bleiben muss, damit das Signal aufgezeichnet wird. Das Video ist trotz seiner Länge der Dauerbrenner auf der Homepage. Der Vizedämlack hat Kay daraufhin sofort eine Festanstellung gegeben, da hat er ausnahmsweise mal schnell reagiert. Aber Kunst ist das noch lange nicht. Das ist halt was Ingenieurartiges, das kann sich jeder beibringen, wenn er Zeit dazu hat oder Lust. Dafür kann Kay eben andere Sachen nicht. Astrid von Roëll hat mal gesehen, wie sie versucht hat, sich die Zehennägel zu lackieren, das war ja nur noch peinlich.

			»Das soll eine Küche sein? Wo ist denn bei denen die Mikrowelle?«

			Kay würde ja alles filmen, ganz egal, ob Mensch oder Meerschweinchen. Das ist nämlich der eigentliche Unterschied zu Astrid von Roëll: dass Kay überhaupt nicht begriffen hat, dass sie hier Teil von etwas ganz Wichtigem ist, etwas Einmaligem. Das ist Weltgeschichte. Das ist Politik, wahrscheinlich sogar Außenpolitik. Und Innenpolitik. Und der Vizedämlack kann von Glück sagen, dass Astrid von Roëll davon auch was versteht. In ihrem Vertrag steht davon nämlich nichts. Wirklich interessant ist nur, weshalb sie dann ausgerechnet Lou Grant zum Fake News Director gemacht haben.

			»Creative News Director«, hat der Vizedämlack verbessert.

			»Oder so. Wenn hier irgendjemand News macht, dann ja wohl ich!«

			»Ja, aber …«

			»Sogar creative News! Ich sag’s Ihnen gleich: Ich berichte an den kein Stück.«

			»Nein, nein …«

			»An den soll berichten, wer will!«

			»Nein, Sie berichten natürlich weiterhin an die Chefredaktion …«

			»Direkt. Ich berichte direkt an die Chefredaktion!«

			»Ja, sicher. Aber sehen Sie, irgendeiner muss hier auch die Arbeit machen. Sie sind da ein bisschen voreingenommen. Man muss nicht alle Kollegen lieben, aber selbst wenn Sie den Herrn Grant nicht richtig schätzen, das ist schon auch ein Guter.«

			»Wenn Sie sich mit ›gut‹ zufriedengeben wollen …«

			»Frau von Roëll, meinen Sie nicht, dass Sie die Qualitätssicherung mir überlassen können?«

			Creative News Director. Ein Posten, der vorher überhaupt nicht existiert hat. Wenn er überhaupt jemandem zusteht, dann eigentlich ihr. Weil: Politikjournalisten kriegt man im Dutzend billiger. Das kann jeder. Die bilden sich da viel drauf ein, diese Süddeutsche und die FAZ, aber im Grunde drucken die doch nur irgendwelche Nachrichten. Und wenn man die richtigen Telefonnummern hat von diesen Präsidenten und Pressesprechern, dann ist das keine große Sache, das ist dasselbe, was Astrid von Roëll macht, nur halt mit anderen Leuten. Aber, und jetzt kommt’s: Politikjournalisten sind limitiert. Die verstehen nichts vom Menschlichen. Vor allem die Männer. Die denken immer nur: Politik.

			»Ich will sagen«, hat Astrid von Roëll ausgeholt, »dass wir den Menschen bei alldem nicht vergessen dürfen.«

			»Und?«

			»Und dass wir das auch sicherstellen sollten.«

			»Personell, oder wie?«

			»Genau. Personell oder wie. Im Impressum.«

			Sie hat ganz genau gehört, wie der Vizedämlack in dem Moment geguckt hat.

			»Und was schwebt Ihnen da so vor?«

			»Creative News Director.«

			»Ja, das hatte ich irgendwie vermutet.«

			»At Large.«

			»Ich muss das mit dem Chef besprechen, aber ich kann Ihnen höchstens eine Doppelbesetzung anbieten. Also wenn überhaupt, dann machen Sie das künftig gemeinsam mit dem Kollegen Grant.«

			War das jetzt unverschämt? Ein Mann würde sich das gar nicht erst fragen. Sie hat auch mal mit Nadeche Hackenbusch drüber gesprochen, und Nadeche hat ihr Mut gemacht und gesagt, wie superwichtig das ist, dass sie, Astrid von Roëll, bei so was keinen Millimeter zurückweicht. Dass sie nicht hinter Lou Grant zurückfallen darf. Es wirkt nämlich nur von außen betrachtet immer so, als ginge es da um Macht und Posten und wer wie groß im Impressum steht. »Aber dahinter«, hat Nadeche ihr nochmal ins Gewissen geredet, »dahinter geht es ja immer um die Männer.«

			Das ist halt die Nadeche: schon irgendwie clever, aber ohne Studium. Sie hat natürlich nicht Männer gemeint, sondern Frauen. Und Astrid von Roëll muss deshalb mindestens gleichberechtigt neben Lou Grant ins Impressum, damit Fraueninhalte auch das entsprechende Gewicht bekommen.

			»Und das entsprechende Gehalt«, hat Nadeche betont.

			»Na ja, das Gehalt haben sie mir schon aufgestockt.«

			»Trotzdem, da müssen sie noch mal nachlegen.« Für Nadeche Hackenbusch ist das ganz klar gewesen. »Jeden Euro, den du nicht nimmst, kriegt ein Kerl. Je teurer du bist, desto normaler ist es, dass auch andere Frauen teurer sind. Nur so geht’s.«

			So hat Astrid von Roëll das bis dahin noch gar nicht gesehen, aber: stimmt natürlich.

			»Und was kann schon ein Lou Grant, was du nicht auch kannst?«

			»Nichts. Nada. Im Gegenteil, ich lerne hier ja täglich dazu!«

			»Eben, und er wird jeden Tag noch dümmer.«

			Sie haben beide so furchtbar gelacht, dass Astrid von Roëll mit einem Mal aufgefallen ist, wie selten sie zuletzt Zeit miteinander verbracht haben. Aber das liegt auch daran, dass die Monate hier in Afrika sie beide schon sehr verändert haben. Nadeche sowieso, die ja noch nie so die Nachdenkliche war, aber sogar sie selbst, Astrid von Roëll. Auch menschlich, obwohl sie schon immer gerade im Menschlich-Sensiblen ja ihre besondere Stärke gehabt hat, aber die hat jetzt noch mal einen richtigen Sprung nach vorne gemacht. Die Dinge, die sie hier gesehen hat – es ist einfach unmöglich, das mitzuerleben und dabei nicht zu reifen. Hier begreift man, wie zerbrechlich das Leben ist, wie stark Menschen doch sein können. Dass große Gefühle auch in tiefster Armut herrschen. Gesundheit, Essen, Wasser – das sind die wahren wichtigen Dinge des Lebens. Das merkt man auch ihren Texten an.

			Astrid von Roëll hat erst kürzlich noch mal die Texte der letzten Wochen durchgelesen, und das ist schon ganz was anderes. Da ist Tiefe drin, Nachdenklichkeit, Philosophie will sie es nicht nennen, obwohl: Warum eigentlich nicht? Das fällt ja auch anderen auf. Der Christine und der Uschi und der Frau vom stellvertretenden Bürgermeister und der Regine, die haben alle gemailt, auch weil sie wissen wollten, ob sie es zur Wiesn schafft, aber das geht dieses Jahr halt leider nicht. Und die haben alle gesagt oder gemeint, dass ihnen sofort aufgefallen wäre, dass ihre Texte jetzt eine neue, tiefere Note hätten und dass ihre Geschichten die ganze EVANGELINE auf ein neues Level heben. Die Gala zum Beispiel schauen sie gar nicht mehr an. Die schmeißen die gleich weg.

			Ein neues Level. Die ganze EVANGELINE!

			Da muss sie gehaltsmäßig unbedingt noch mal nachlegen.

			»Isses jetzt besser?« Die Kühlklempnerin mit den Kamerakenntnissen.

			Kühlklempnerin, Kamerakenntnisse, das sind vier »k«. Solche Häufungen von Wörtern, die mit dem gleichen Buchstaben anfangen, das fällt ihr in letzter Zeit einfach so ein, das fällt ihr einfach aus dem Ärmel. Wann ist Lou Grant das letzte Mal was eingefallen? Höchstens eine Wand in seinem hässlichen Reihenhaus.

			»Nee!«

			»Tatsache? Mach noch mal an und aus!«

			»Du, echt, Kay – ich bin gerade mitten im Satz! Sorry, wirklich. Total wichtig!«

			Man hört wieder dieses Klump!

			Die Tür wird aufgerissen. Kay stampft zum Schalter, während vier von zehn Fingern sorgfältig tippen:

			»Von Astrid von Roëll (Creative News Director At Large).«



Ein Traumpaar sucht die Geborgenheit

			Nadeche Hackenbusch und ihr Lionel: Für ihre Liebe schafft der deutsche Superstar unter widrigen Umständen ein bescheidenes Heim. Der Mann ihres Herzens dankt es ihr – in der Sprache ihrer Heimat

			Von Astrid von Roëll


Man erinnert unwillkürlich »Krieg und Frieden«, jenen wundervoll tiefgründigen Roman von Leonardo Tolstoi: Eine junge Adlige, gespielt von der unvergesslichen Audrey Hepburn, findet die ganz große Liebe, und das inmitten von Not und Elend und Russland. Doch wenn man Nadeche Hackenbusch dieser Tage auf diesen unübersehbaren Vergleich anspricht, wenn man mit ihr darüber redet, dass sie in den letzten Wochen und Monaten zu einer wahren Audrey Hepburn der Herzen geworden ist, da lacht sie bescheiden und greift nach der Hand von Lionel, ihrem so gutaussehenden wie geheimnisvollen neuen Bolkonski. Sie sehen sich in die Augen, dann sagt Nadeche: »Man darf bei alledem nicht vergessen, dass wir noch privilegiert sind. Wir können uns in der wenigen Freizeit, die uns bleibt, etwas zurückziehen.« Denn es gibt einen Ort, an dem die beiden, die so viel für Hunderttausende tun, ein wenig für sich sein können. Exclusiv für EVANGELINE haben sie die Tür zu diesem Paradies einen Spalt breit geöffnet.

			Als wir die beiden am frühen Abend besuchen, wirken sie verlegen, wie ein junges Paar in seinem ersten Eigenheim. Sie kommen hinter dem pinkfarbenen Wagen hervor, Hand in Hand, verträumt, und – man kann es nicht anders sagen: verliebt. »Wir haben den Wagen extra für euch gewaschen«, lacht Nadeche Hackenbusch, »na, letztlich war ich es.«

			Hören wir da womöglich eine erste Ahnung von Streit im jungen Liebesglück? Aber Nadeche küsst ihren Lionel herzlich, und unsere Bedenken zerstieben wie ein bunter Schwarm glücklicher Schmetterlinge: »Ja, er war dagegen«, gibt sie lachend zu, »wegen dem Wasser – und er hat ja vollkommen recht. Männer sind da oft vernünftiger. Aber eine Frau ist eben immer noch eine Frau!«

			Es ist schwer, Nadeche Hackenbusch nicht zuzustimmen. Diese Herzlichkeit, diese unnachahmliche Natürlichkeit, diese tief empfundene Menschlichkeit. Wer hätte kein Verständnis für diese besondere Frau, gerade jetzt, in diesen Tagen, Wochen, Monaten? Noch immer hagelt es aus Deutschland unverständliche Vorwürfe von ihrem verbitterten Bald-Exmann Nicolai von Kraken. Ob sie inzwischen nachvollziehen kann, warum dem zuletzt wenig erfolgreichen Produzenten das Wohl seiner Kinder so gleichgültig ist, will ich von ihr wissen. Aber sie blickt nur kurz beiseite und wischt sich eine Träne aus dem Auge. Es geht ihr noch immer nahe, wie von Kraken ihre Söhne Keel und Mynce vor die Kameras gezwungen hat. Dieser unsägliche Auftritt in einer vielgesehenen TV-Sendung, in dem sie ihre Mutter zum Heimkommen anflehen. Zahlreiche Experten haben inzwischen mit Ablehnung reagiert, jüngst sogar Deutschlands berühmtester Familienanwalt Karl-Theoderich zu Boten-Fürstett, der eindeutig klarstellte: »Das ist wahrer Missbrauch von zwei unschuldigen Kinderseelen.« Allein, eine Mutter bleibt machtlos, wenn der Rechtsstaat keine Gefühle hat.

			Nadeche Hackenbusch wechselt das Thema, wer will es ihr verdenken? Sie führt uns um den Wagen herum, einen ISUZU D-MAX Single Cab (ab 22.500 Euro). Ein Gestell ist auf der Ladefläche aufgesetzt, an dem eine Plane das Wagenheck abdeckt wie bei einem richtigen Lastwagen. »Das ist eine wetterfeste Plane«, sagt Nadeche liebevoll. Eine schlichte Stoffverkleidung – ist das noch die Nadeche Hackenbusch von früher? »Aber ja«, lacht sie augenzwinkernd, »schau, die haben sie extra für uns eingefärbt, damit sie zum Rest vom Auto passt. Es soll ja auch nach was aussehen. Ich kann halt nicht aus meiner Haut.«

			»Jetzt kann ich jede Nacht vor dem Einschlafen an meine beiden Jungs denken«

			Den Sinn fürs Praktische hat die Erfolgsmoderatorin dabei nicht vergessen. Die Plane lässt sich an allen drei Seiten hochrollen. »Wir hätten auch ein passendes Hardtop bekommen können«, sagt Nadeche (erhältlich in allen Wagenfarben, Preis auf Anfrage). »Aber die Menschen, die mit uns ziehen, haben ja auch kein Hardtop.«

			Es ist erstaunlich, was die geschickte Hand einer Frau aus einer einfachen Ladefläche von 2305 × 1570 mm zaubern kann: Zwei pinkfarbene Kissen hat sie den beiden besorgt (Morphea, Bezug: Katinka Svensson), die Bodenfläche hat sie mit zwei exklusiven Isomatten (EnForcer DreamHill, über www.Summitz.com) zu einem kuschligen Traum gestylt. Ein Rückzugsort, der zum Verweilen einlädt. Die Fotos ihrer Söhne sind an ihre Seite der Ladewand geschraubt: »Das hat Lionel für mich gemacht, ich bin nicht so gut im Schrauben«, sagt sie. »Jetzt kann ich jede Nacht vor dem Einschlafen an meine beiden Jungs denken.«

			Zwei LED-Laternen ragen im Laderaum, auf jeder Seite eine, humorvoll befestigt in Getränkehaltern. Sie (LightUp, z.B. bei www.HandWerk.de) passen zur Wagenfarbe, nein, das hier sieht nicht mehr aus wie Camping in den Zeiten der Siebziger. Kein Zufall, denn Nadeche Hackenbusch hat auch die dunklen Seiten der Vergangenheit erlebt: »Klamme Zeiten im Schwitze-Shirt, das muss ich echt nicht mehr haben«, schmunzelt sie, »das ist mit moderner Funktionskleidung auch nicht mehr nötig. Und das hat heutzutage auch nicht mehr den Touch von diesen Adidas-Trainingshosen früher.« Man muss ihr zustimmen: Auch wenn Nadeche Hackenbusch nicht gerade fein gemacht für die Salzburger Festspiele wirkt, fürs Büro geht ihr schlichtes Merino-Shirt von Mufflon jederzeit durch.

			Die Frage muss dennoch erlaubt sein: Kann man sich inmitten von unsagbarem Leid und ständigem Kampf eine solche Insel des Friedens gönnen? »Schlafen können wir, wenn wir in Deutschland sind, sagt Lionel immer«, erzählt Nadeche, »aber ich erwidere ihm: Wenn du nicht genug ausruhst, wirst du tot dort ankommen.« Zudem spricht noch ein weiterer Grund für gelegentliche Rückzüge des Traumpaares: Wie Nadeche Hackenbusch EVANGELINE exclusiv verriet, lernt er mit ihr bereits Deutsch. Für die deutschen Medien, aber auch für die Zukunft in der Bundesrepublik, von der er träumt. »Ich will nicht faul sein«, sagt er erstaunlich fließend, »ich denke an eine Arbeit als Geschäftsführer.«

			Das klingt selbstverständlich überraschend ehrgeizig, doch bereits heute weist er Tag für Tag erstaunliche Managementqualitäten nach. »Lionel denkt an Dinge, an die ich nie denken würde«, staunt Nadeche Hackenbusch. »Während ich die Situation lieber von Tag zu Tag betrachte, habe ich bei ihm oft den Eindruck, er ist bereits in Uruguay oder wo.« Nadeche Hackenbusch serviert den landesüblichen Brei, dazu einige Nüsse. »In Deutschland werde ich als Erstes einen Prosecco trinken«, sagt sie. »So kalt, dass mir die Zähne rausfallen. Lionel kennt Prosecco noch nicht, aber das bringe ich ihm bei.« Dann lacht sie hell auf und sagt: »Das kriege ich hin, noch bevor du Geschäftsführer bist.« Zweifel hat sie nicht: »Ich habe genug Zeit mit einem Mann verbracht, der sich Produzent genannt hat, ohne je etwas Vernünftiges zu produzieren. Lionel produziert hier jeden Tag mehr, und er riskiert sein Leben für das von Hunderttausenden, die Hilfe brauchen.«

			Der erste Streit im jungen Liebesglück?

			Die Sonne versinkt über dem endlosen Horizont Afrikas. Wir verabschieden uns von den beiden, die sich in ihr kleines Nest zurückziehen (1225 Kilo Höchstzuladung). Während wir uns entfernen, sehen wir die kleinen Lampen hinten in dem ISUZU D-MAX aufglimmen. Es ist ein Licht der Hoffnung in einem Land, das dunkler werden kann als jeder Ort der Welt.





34


			Mitarbeitergespräche«, sagt Mojo und seufzt, »kennen Sie das?«

			Die Sonne geht unter, die Temperaturen werden langsam erträglich, sogar hier, wo es nichts gibt. Genau genommen weniger als nichts: Der Zug ist schon vorbei, und hinter dem Zug sieht die gesamte Strecke nicht nur wüst und leer aus, sondern wüst, leer und planiert.

			Echler nickt. Er sieht sich um und überlegt, ob er den Feldstecher aus dem Humvee holen soll.

			»Hier ist niemand«, beruhigt ihn Mojo. »Wer hier mit einem Richtmikrofon arbeiten will, der braucht eine Reichweite von fünfzig Kilometern, Mr Jones.«

			Echler sieht ihn fragend an, vermutlich. Hinter seiner Sonnenbrille kann man die Augen nicht erkennen, aber die Mundwinkel ziehen sich leicht nach außen. Mojo zeigt auf Echlers breitkrempigen Hut. Echlers Kopf nickt verstehend, die Mundwinkel bewegen sich schwach nach oben. Er sieht zum Himmel.

			»Drohnen? Sie fahren ohne Nummernschild, selbst wenn sie uns beobachten, kann also kaum jemand beweisen, dass Sie es sind. Die wissen dann bestenfalls, dass sich irgendwer mit mir trifft.« Mojo breitet die Arme aus und strahlt breit nach oben. »Und ich treffe eine Menge Menschen.«

			»Na, dann …« Echler gibt seinem Fahrer ein Signal. Der Humvee wird angelassen und fährt davon. Echler blickt über seine Schulter zu Mojo. Mojo lächelt, dann nickt er zu seinem Wagen und verscheucht ihn mit einer Kopfbewegung. Der Wagen brummt auf und entfernt sich ebenfalls.

			»Und was ist mit ihm?«

			»Bandele? Bandele ist gar nicht da. Beachten Sie ihn nicht. Bandele ist Luft. Oder, Bandele?«

			Bandele zeigt keine Reaktion.

			»Wie albern von mir.« Mojo schüttelt den Kopf. »Ich habe mit der Luft geredet. Kommen Sie, wir gehen ein paar Schritte.«

			Die Autos haben Reifenspuren im braunroten Staub hinterlassen. Echler sieht darunter ältere Spuren, vermutlich die der Trucks. Auch größere Reifen sind dabei, sie könnten von einem Traktor sein. Echler geht neben Mojo, er kann die Hitze des Bodens durch seine Stiefel spüren. Mojo neben ihm riecht leicht nach einem Eau de Cologne. Echler schnuppert und fragt: »Calvin Klein?«

			»Nicht schlecht«, lacht Mojo anerkennend, »Calvin Klein! Hast du das gehört, Luft-Bandele? Er ist ein richtiger Spürhund. Calvin Klein. Ein Geschenk meiner Kinder. Haben Sie Kinder?«

			Echler verneint.

			»Kinder«, sagt Mojo. »Ein Segen und eine Qual. So jung, so ahnungslos. Wissen Sie, was meine Kinder am liebsten mögen? Barney, the dinosaur.«

			Echler wendet ihm fragend den Kopf zu.

			»Sie haben wirklich keine Kinder«, sagt Mojo. »Eine furchtbare Sendung. Ein lila Stoffsaurier, der ständig grauenvolle Lieder singt.« Mojo beginnt mit einer quäkenden Stimme etwas zu singen, das sich stark nach dem Yankee Doodle anhört. »Und so geht das in einem fort. Sie hatten die Serie schon eingestellt, aber dann haben sie wieder damit angefangen. Es ist entsetzlich. Jeder gesunde Mann, der das sieht, hat sofort das unbezähmbare Verlangen, diesen Saurier zu töten.«

			»In einer Kindersendung?«

			Mojo schüttelt den Kopf. »Nicht in der Sendung – in seinem Kopf. Ich will Barney töten. Sie würden Barney auch töten wollen. Wir tun es natürlich nicht. Ich tue es natürlich nicht. Meine Kinder lieben Barney. Aber …«, Mojo hebt mahnend die Hand, »sie müssen ihn auf ihrem kleinen Fernseher ansehen. Barney kommt mir nicht auf den Bildschirm. Wenn Barney nur einmal auf meinem Fernseher ist, ist der Fernseher verseucht. Dann muss ich ihn zerstören!«

			Echler sieht Mojo zweifelnd an. Mojo schlägt ihm augenzwinkernd auf die Schulter.

			»Ich mache nur Spaß«, lacht er. »Der Fernseher von meinen Kindern ist nicht klein.«

			»Na, dann …«

			»Aber diese Sendung ist furchtbar. Und nicht nur furchtbar. Sie ist gefährlich!«

			»Ist sie das?«

			»Aber ja. Das sagen auch Wissenschaftler.«

			»Weil die Männer alle anfangen, Saurier zu töten?«

			»Machen Sie keine Witze. Das ist ernst. Richtig gefährlich. Für die Kinder!«

			»Aha.«

			Echler würde allmählich gern zur Sache kommen. Es ist vielleicht kühler geworden, aber kühler heißt hier immer noch vor allem: weniger heiß. Außerdem hat er einen Stein im Schuh. Aber Freundlichkeit und Small Talk gehören hier dazu. Es wäre unhöflich, gleich zum Geschäft zu kommen.

			»Barney erzählt den Kindern eine Lügenwelt«, betont Mojo ernst.

			»Gut, im Alltag wird normalerweise nicht viel gesungen …«

			»Nicht nur mit dem Singen. Sondern dass in dieser Welt alles schön ist und gut. Und alles ist angenehm.«

			»Ist doch nicht schlimm«, plaudert Echler. »Den Rest lernen sie noch früh genug.«

			»Eben nicht«, stöhnt Mojo. »Sie wachsen auf und haben den Kopf voller Barney. Und ich muss dann Mitarbeitergespräche führen.«

			Echler zuckt mit den Schultern. »Was will man machen?«

			»Ich bräuchte Leute wie Sie«, bedauert Mojo, »Sie haben Barney nicht gesehen. Sie wissen, wie das Leben ist. Aber unter meinen Leuten sind viele dumme Neger.«

			Echler zeigt keine Reaktion.

			»Sie kommen zu mir und jammern. Immer jammern sie. Jetzt gerade wegen den Häuschen.«

			»Den Häuschen?«

			»Sie wissen schon: die Plastikhäuschen. Die kommen doch aus Deutschland. Häuschen für Scheiße.«

			»Das machen auch Sie?«

			»Ich bin Geschäftsmann. Wenn jemand gebraucht wird, der kleine Scheißehäuschen herumfährt, gut, dann besorge ich jemanden, der kleine Scheißehäuschen herumfährt. Ich kann natürlich auch sagen: Ich fahre keine Scheißehäuschen. Aber was dann? Dann kommt jemand anderes. Und wenn jemand anderes eine Zeitlang Scheißehäuschen fährt, wer weiß, dann kommt er auf dumme Gedanken.«

			»Dass er auch Wasser fahren könnte.«

			Mojo dotzt seine Faust sanft an Echlers Oberarm.

			»Sie sind ein kluger Mann. Hast du das gehört, Bandele? Er hat nicht nur einen guten Instinkt, er hat auch einen guten Kopf.« Er tippt sich mit der Spitze seines Zeigefingers an die Nase, was Echler irgendwoher vertraut vorkommt.

			»Aber die dummen Neger kommen zu mir und sagen: Ich fahre keine Scheißehäuschen. Ich sage: Du bekommst einen Haufen Geld. Einen Haufen. Ist das nicht in Ordnung? Sie sagen: Doch. Aber du hast nicht gesagt, dass ich Scheißehäuschen fahren muss. Ich sage: Es ist doch egal, was du fährst. Brei. Wasser. Egal. Sie: Aber keine Scheißehäuschen. Ich sage: Manchmal im Leben muss man Scheißehäuschen fahren. Und sie: Aber nicht ich.«

			»Wegen Barney«, sagt Echler, damit er nicht dauernd schweigt.

			»Wegen Barney«, bestätigt Mojo. »Weil es in der Barneywelt keine Scheißehäuschen gibt. Deshalb glauben sie, dass es auch für sie keine Scheißehäuschen gibt.« Er bleibt stehen, er ist mit dem Schuh hängen geblieben. Etwas ragt aus dem Boden. Mojo bückt sich und zieht daran. Es ist eine Schnur oder ein Schlauch. Mojo zieht kräftig. Der Schlauch ist offenbar lang. Zwei, drei Meter kommen aus dem Boden. Mojo rollt ihn auf, wie Echlers Großmutter früher einen Rest Paketschnur. Dann wirft er das Bündel zu Bandele, der es in seiner Cargohose versenkt.

			»Ich sage: Was ist schlecht an Scheißehäuschen? Sie: Scheißehäuschen stinken. Wie Kinder sagen sie das. Und ich: Das sind deutsche Scheißehäuschen. Die sind dicht. Da stinkt nichts. Sie: Doch. Ich: Nein.« Mojo verdreht die Augen. Dann sieht er auf dem Boden wieder so einen Schlauch. Er nimmt ihn und beginnt daran zu ziehen. Echler denkt schon wieder an seine Großmutter, diesmal beim Unkrautzupfen. Zwei, drei Meter. Mojo rollt sie auf.

			Echler sieht auf seine Uhr. Er hat Zeit, aber nicht beliebig viel.

			»Und dann?«

			»Was will ich machen? Ich lasse neue Leute fahren und versuche, die alten Leute zu überzeugen. Es ist ein«, er lässt die Hände umeinanderkreisen, »ein Prozess. Ich denke, wir sind auf einem guten Weg.«

			»Schön«, sagt Echler. »Das bringt uns zu einem anderen Prozess. Wir hatten einen Deal.«

			»Ich dachte mir, dass Sie deswegen nachfragen würden.«

			»Haben Sie gedacht, wir bezahlen Sie, und das war’s?«

			»Ich sehe das Ganze eher als vertrauensbildende Maßnahme.«

			»Als was?«

			»Ich weiß jetzt, dass Sie ein Ehrenmann sind. Wenn Sie sagen, dass Sie etwas bezahlen, dann bezahlen Sie auch.«

			Echler starrt ihn an, aber wegen der Sonnenbrille wirkt das nicht so zornig, wie es sollte.

			»Das ist gut«, ermutigt Mojo, »ich traue nicht vielen Menschen. Aber Ihnen traue ich jetzt. Ich weiß nicht, für wen Sie arbeiten, aber Sie können zu ihm gehen und sagen: Mojo vertraut mir.« Er bückt sich wieder und zieht einen weiteren Schlauch aus dem Boden. »Helfen Sie mir mal«, sagt er und zeigt auf einen weiteren Schlauch.

			»Was ist das?«, fragt Echler.

			»Schlecht für die Umwelt. Plastik. Weichmacher.«

			Echler bückt sich und zieht vorsichtig an einem Schlauch.

			»Sicher«, sagt Mojo, »es gibt hier keine Felder, keine Landwirtschaft – aber trotzdem. Irgendwie landet alles bei den Delphinen. Das muss nicht sein.«

			Echler zieht. »Wir haben Ihnen eine siebenstellige Summe zukommen lassen. Warum haben Sie nicht geliefert?«

			»Ich habe geliefert«, sagt Mojo. Er rollt wieder einen Schlauch zusammen und wirft ihn Bandele zu.

			»Sie wissen, was ich meine. Warum haben Sie weitergeliefert? Es war ausgemacht, dass ab diesem Dreckskaff kein Wasser mehr kommt.«

			»Geht schwerer, als man glaubt, nicht wahr?« Mojo deutet mit dem Kopf auf den Schlauch, an dem Echler zerrt. »Dieses Plastikzeug ist die Hölle.« Echler nickt. Man könnte meinen, das Ding hätte Wurzeln.

			»Ihr Geld – ich will offen sein: Ich habe gedacht, das wäre nur eine Anzahlung.« Mojo sucht den Boden ab, ob er irgendeinen Schlauch übersehen hat. »Man kauft sich in ein Geschäft ein, indem man Anteile übernimmt.«

			»Anteile??«

			»Im übertragenen Sinn, natürlich«, ergänzt Mojo jovial. »Sie haben selbstverständlich nicht wirklich Anteile.«

			»Wir haben Ihnen eine siebenstellige Summe zukommen lassen …«

			»Ja, das habe ich verstanden. Aber Sie haben doch nicht geglaubt, dass Sie mich damit rauskaufen könnten. Da ist noch einer.« Mojo bückt sich und zerrt einen weiteren Schlauch nach oben. »Bei Ihnen auch. Neben Ihrem Fuß.«

			»Siebenstellig!«

			Mojo rupft energisch den Schlauch aus dem Boden. Dann richtet er sich auf. »Ich weiß, Sie sind enttäuscht. Das kommt vor im Geschäftsleben. Aber mal ehrlich: Haben Sie gedacht, das bisschen Geld reicht? Sie sind nett und klug, und ich mag Sie. Aber wissen Sie, was ich verdiene? Ich bin hier für eine Menge Jobs zuständig. Und dieses Modell kann verdammt lange laufen. Um es mal klar zu sagen: Wenn wir ins Geschäft kommen sollen, dann müssen Sie diese Kosten ersetzen. Kräftig ziehen, dann geht’s schon.«

			Echler rupft kräftiger, dann richtet auch er sich auf.

			»Okay. Wie viel?«

			»Ich kann Ihnen jetzt nicht meine Kalkulation offenlegen, das verstehen Sie sicher. Aber für mich arbeiten tausend Fahrer. Und so wie’s aussieht, kann ich die über zehn Jahre Minimum beschäftigen. Ihre siebenstellige Summe, die muss wöchentlich eintreffen.«

			»Sind Sie bekloppt?«

			»Hey, immer schön freundlich. Sie wollten wissen, was es kostet, ich hab’s Ihnen gesagt.«

			»Sie wollen auf unsere Lohnliste?«

			»Gewissermaßen, ja.«

			»Dafür, dass Sie nichts machen?«

			»Paradox, nicht wahr? Aber wie soll es sonst gehen? Meine bisherigen Geschäftspartner sind ausgesprochen finanzkräftig.«

			»Aber das können wir nicht machen! Ich kann unmöglich Woche für Woche Millionen besorgen!«

			»Sie können auch auf einmal zahlen, aber das wird teurer. Inflationsausgleich. Und das sind dann Summen, die Ihre Regierung wahrscheinlich nicht mehr unbemerkt versenden kann.«

			Echler stützt die Hände in die Hüften. Er überlegt, ob er das gezahlte Geld von Mojo zurückfordern soll. Die Idee scheint ihm nicht wirklich gut. »Ich kann noch mal nachfragen«, meint er und rupft seinen Schlauch aus dem Boden. Für einen Moment hat er den Eindruck, als röche etwas streng. Er überprüft seine Schuhsohlen.

			»Riechen Sie was?«

			»Eigentlich nicht«, antwortet Echler, »mir kam’s nur für einen Moment so vor.«

			»Wenn, dann ist es der Schlauch.«

			Echler überprüft das Schlauchende. Tatsächlich. Es riecht ziemlich streng.

			»Aber sonst riecht man nichts, nicht wahr?« Mojo schnuppert. »Das ist die Standardvorgehensweise. Hinter dem Zug heben wir jeden Tag eine Grube aus. Die Häuschen werden in die Grube entleert und kommen dann wieder nach vorne. Der Bagger macht die Grube dicht. Sechs Fuß Sand, da riecht man nichts mehr. Der Bagger ist toll. Deutsche Firma: Lieber? Liebehr?«

			»Liebherr.«

			»Genau. Dieser ganze Zug ist sauberer als jedes Flüchtlingslager.«

			»Und die Schläuche? Für die Gärung?«

			»Gärung?«

			»Keine Ahnung, ich bin kein Fachmann für Abwässer. Wir sammeln Klärschlämme in so Faulbehältern. Das ist wahrscheinlich dasselbe Prinzip.«

			»Davon verstehe ich nichts. Aber die Leute müssen natürlich atmen.«

			»Welche Leute?«

			»Leute, die zu viel Barney gesehen haben. Dumme Neger. Ich frag Sie jetzt noch mal, bitte antworten Sie ganz ehrlich. Sie können ruhig unhöflich sein: Riechen Sie etwas? Riechen Sie Scheiße?«

			Echler holt tief durch die Nase Luft. Dann schüttelt er den Kopf.

			Mojo bückt sich. Er hat noch einen Schlauch entdeckt. Er geht in die Hocke und zieht den Schlauch an seinen Mund: »Wie ich es gesagt habe«, brüllt er in die schmale Öffnung, »man riecht absolut nichts. Ich hoffe, ihr habt das jetzt kapiert.«

			Er steht auf. »Ich denke, wir haben hier alles besprochen. Melden Sie sich, wenn Sie richtig einsteigen wollen. Bandele, ruf den Wagen. Und danke für Ihre Hilfe.« Mojo zieht kräftig am letzten Schlauch, der sich erst spannt, dann stark dehnt, ganz so, als ob ihn jemand festhielte.

			Dann löst er sich mit einem Ruck.



»Wir bleiben auf Sendung!«

			SPIEGEL-Gespräch MyTV-Unterhaltungschef Joachim Sensenbrink über den Erfolg von Engel im Elend, gesellschaftliche Verantwortung und das Geldverdienen mit Flüchtlingen

			SPIEGEL: Glückwunsch, Herr Sensenbrink!

			Sensenbrink: Wofür genau?

			SPIEGEL: Wofür hätten Sie ihn denn gern? Derzeit können Sie es sich ja aussuchen: Die Umsatzzahlen von MyTV gehen senkrecht nach oben, das Werbeaufkommen von Engel im Elend genauso. Und wie man hört, sind Sie demnächst im Vorstand.

			Sensenbrink: Die ersten beiden Punkte kann ich bestätigen, den letzten nicht. Darüber entscheidet der Aufsichtsrat und sonst niemand.

			SPIEGEL: Kann der Aufsichtsrat den Mann hinter dem Aufschwung übergehen?

			Sensenbrink: Sagen Sie’s mir. Soweit ich weiß, kann der Aufsichtsrat alles.

			SPIEGEL: Höchstens wenn dieser Mann gar nicht der Mann hinter dem Aufschwung wäre. Dazu haben wir eine lustige Geschichte gehört: Es heißt, die jetzige Form von Engel im Elend sei gar nicht von Ihnen entwickelt worden, es sei eine spontane Entscheidung Ihres Stars gewesen.

			Sensenbrink: Ja, das hab ich auch gehört. Aber ich kann Ihnen versichern: Bei MyTV entscheidet noch immer der Sender, was gesendet wird. Natürlich diskutieren wir auch mit unseren Stars, aber die finale Entscheidung treffen wir.

			SPIEGEL: Dann sprechen wir ja in jedem Fall mit dem Richtigen: Wie ist das, wenn man mit Flüchtlingen ein Vermögen macht?

			Sensenbrink: Geld verdienen ist immer angenehm – aber Sie unterstellen natürlich, dass wir es auf eine ungerechtfertigte Weise tun. Ich sehe das anders. Ich bin aber gern bereit, mit dem SPIEGEL darüber zu streiten, wenn Sie uns sagen, wo wir etwas falsch machen.

			SPIEGEL: Sagen wir es so: Jede Sendung Engel im Elend hat weit über 60 Minuten Werbung.

			Sensenbrink: Wie viel dürfen wir denn werben?

			SPIEGEL: Das ist nicht die Frage.

			Sensenbrink: Wenn ich Ihnen folge, wäre jeder Cent, den wir mit Werbung einnehmen, unmoralisch.

			SPIEGEL: Ist das nicht so?

			Sensenbrink: Das kann’s nicht sein. Wir sind im Privatfernsehen. Dann dürften wir über Flüchtlinge nur ehrenamtlich berichten. Was bedeutet: gar nicht.

			SPIEGEL: Oder Sie bringen es wie andere Sender in Ihren Nachrichten. Die sind ja durchaus ausbaufähig.

			Sensenbrink: Wir lassen uns natürlich nicht vorschreiben, wie wir unsere Themen gewichten. Das haben schon andere versucht, und wir haben gesagt: Wir bleiben auf Sendung.

			SPIEGEL: Kritiker sagen, dass es längst um mehr geht als die Gewichtung von Themen. Sie sagen, ohne Ihren Sender wäre das Thema gar keines.


»Die Flüchtlinge sind nicht so naiv, wie Sie sie gerne hätten«

			Sensenbrink: Das Thema der Flüchtlinge steht seit 2015 auf der Tagesordnung. Nicht einmal Donald Trump konnte es verdrängen.

			SPIEGEL: Es war aktuell, aber nicht in dieser Form. Ohne Nadeche Hackenbusch, ohne Ihren Star und Ihre Kameras wäre der Zug nie losgelaufen. Ihre ganze Sendung fände nicht statt.

			Sensenbrink: Das bestreite ich.

			SPIEGEL: Sie haben das Thema nicht erfunden, aber verstärkt.

			Sensenbrink: Ansichtssache. Nehmen wir ein Erdbeben in Südamerika. Sie schreiben eine Meldung darüber. Sie bringen eine Radiomeldung. Sie machen einen Fernsehbeitrag. Sie machen einen Brennpunkt in der ARD. Letzten Endes ist es aber immer dasselbe Erdbeben. Kameras, Bilder im Allgemeinen machen ein Thema nicht größer – nur sichtbar.

			SPIEGEL: Sie verleihen ihm dennoch ein gesellschaftliches Gewicht.

			Sensenbrink: Über das Gewicht entscheidet noch immer die Gesellschaft per Fernbedienung. Wir machen nur das Angebot. Und wir sind auch schon danebengelegen. Dann hat man eine Sendung wie Die Burg und muss dem SPIEGEL kein Interview geben. Davon kann ein Sender wie MyTV aber nicht leben.

			SPIEGEL: Jetzt blüht der Sender. Parallel dazu blüht die AfD, die sich wieder der 20-Prozent-Marke nähert, mancherorts ist sie schon weit darüber. Und Pegida: Die bekommen derzeit problemlos wieder fünfstellige Menschenmengen auf die Beine. Nur das schlechte Wetter hat am letzten Wochenende in Berlin sechsstellige Zahlen verhindert.

			Sensenbrink: Dieser Zusammenhang existiert nicht. Wenn wir vom Wintereinbruch berichten, kaufen die Leute Pullover. Wir haben aber den Winter nicht erfunden.

			SPIEGEL: Sie berichten manchmal zweimal am Tag. Sie machen mehr draus, als drin ist.

			Sensenbrink: 150.000 Leute marschieren nach Europa, und die deutsche Moderatorin schlechthin ist mittenmang dabei – ich wüsste nicht, wie man das übertrieben darstellen kann.

			SPIEGEL: Und die gesellschaftlichen Auswirkungen sind Ihnen egal?

			Sensenbrink: Bei Ihnen klingt das, als würden wir die Rechten befeuern.

			SPIEGEL: Tun Sie das denn nicht?

			Sensenbrink: Wir wollen mal festhalten: Nadeche Hackenbusch ist nicht rechts.

			SPIEGEL: Das haben wir auch nicht gesagt.

			Sensenbrink: Nadeche Hackenbusch hilft Flüchtlingen ohne Ende. Die Sendung ist – ich würde nicht so weit gehen, dass ich pro Flüchtlinge sage, aber sie ist pro Menschen. Dass den Rechten das nicht passt, kann ich mir vorstellen. Aber deswegen stelle ich doch nicht die Berichterstattung ein.

			SPIEGEL: Was Sie machen, ist nicht mehr Berichterstattung.

			Sensenbrink: Vielleicht nicht die traditionelle Form, mit der uns SPIEGEL TV zustaubt, aber es ist Berichterstattung.

			SPIEGEL: Stimmt es, dass die Marschzeiten den Sendezeiten angepasst wurden? In jedem Wüstenfilm lernt man, dass man sinnvollerweise abends und nachts gehen sollte.

			Sensenbrink: Es gibt auch bessere Anstoßzeiten für Fußballer. Die Frage ist: Will der Verein, dass das Spiel übertragen wird?

			SPIEGEL: Sie vergleichen einen Überlebensmarsch mit einem Fußballspiel?


»Über die Bedeutung entscheidet die Gesellschaft – mit der Fernbedienung«

			Sensenbrink: Ich sage nur, dass auch die meisten Flüchtlinge schon mal eine Fußballübertragung gesehen haben. Die sind nicht so naiv, wie Sie sie gerne hätten. Die wissen auch, dass es auf der Welt so was wie Werbeeinblendungen gibt.

			SPIEGEL: Für Dixi-Klos.

			Sensenbrink: Ich habe bislang keine Beschwerden bekommen. Das Produkt wird zur besten Sendezeit einem permanenten Härtetest unterzogen und bewährt sich. Der Kunde ist zufrieden, die Flüchtlinge sind es auch.

			SPIEGEL: Und Sie planen schon Teil zwei.

			Sensenbrink: Und wenn? Sie tun so, als wäre die Flüchtlingsthematik zuvor gut aufgeräumt gewesen. Das war sie aber nicht.

			SPIEGEL: Das Mittelmeer war jedenfalls so dicht, dass sogar die CSU vorübergehend das Nölen eingestellt hat. Und neben der AfD fand auf einmal auch wieder die FDP Platz.

			Sensenbrink: Vorübergehend. Wir verschaffen dem Flüchtlingsthema den angemessenen Raum, den es tatsächlich verdient.

			SPIEGEL: Oder die Sendezeit, die Sie brauchen.

			Sensenbrink: Wenn 150.000 Menschen losziehen, weil wir mit der Kamera vor Ort sind, dann können Sie getrost davon ausgehen, dass diese Leute auch irgendwann ohne jede Kamera losgezogen wären. Vielleicht hätten sie gewartet, bis sie 300.000 sind, aber losgezogen wären sie in jedem Fall.

			SPIEGEL: Jetzt spekulieren Sie.

			Sensenbrink: Aber bei MyTV. Dem Kanal für leichte Filmchen und Volksverblödung. Jetzt diskutieren wir hier die Flüchtlingsthematik, übrigens international. Fast alle EU-Staaten sind lizenziert, dazu die USA. Das kann nicht mal der SPIEGEL schlecht finden.

			SPIEGEL: In Ungarn und Polen wird da auch mit einer gewissen Schadenfreude zugesehen.


»Die Sendung fördert den Diskurs. Das ist Demokratie«

			Sensenbrink: Die Marktforschung sieht das anders. Die Einstellung zu Flüchtlingen hat sich unter regelmäßigen Zuschauern positiv verändert.

			SPIEGEL: Unter Flüchtlingsbefürwortern. Bei Flüchtlingsgegnern verstärkt sie die Ablehnung.

			Sensenbrink: In jedem Fall befördert es den Diskurs. Das nennt man Demokratie.

			SPIEGEL: Wie wird diese Sendung weitergehen?

			Sensenbrink: Ich weiß es nicht. Ich will auch nicht verheimlichen: Das kann tragisch enden.

			SPIEGEL: Und Sie senden dann die große Katastrophe als Samstagabend-Finale?

			Sensenbrink: Wir werden in jedem Fall angemessen berichten. Aber in Anbetracht der Bedeutung des Ereignisses wird jeder andere Sender das genauso tun. Oder glauben Sie im Ernst, ARD und ZDF haben dann niemanden vor Ort? Sollten es die Flüchtlinge nach Europa schaffen und scheitern, dann berichten die Öffentlichen genauso wie wir.

			SPIEGEL: Die Form dürfte doch ein wenig anders sein.

			Sensenbrink: Stimmt, bei uns kriegen Sie garantiert keinen bräsigen Kommentar von Sigmund Gottlieb. Das bleibt das Privileg der Gebührenzahler.





35


			Was man von Malaika wirklich gut lernen kann, ist, wie man mit Journalisten arbeitet. Dass man überhaupt mit ihnen arbeiten kann. Früher hat er immer gedacht, das Beste, was es gibt, ist ein Artikel in der Zeitung. Oder ein Fernsehbeitrag. Aber Malaika holt viel mehr raus. Malaika hat immer auch ein Geschäft im Hinterkopf, wie eine richtige Händlerin. Da ist sie wie Mojo oder eigentlich noch besser. Wenn ein Journalist sagt, er will über dieses und jenes schreiben, dann sagt Malaika, er soll über was anderes schreiben, zum Beispiel die Notlage bei den Medikamenten. Und dafür zieht sie dann mal die kürzeren Hosen an. Oder er kriegt auch ihn, Lionel, mit aufs Bild. Es gibt jetzt einen zweiten Betreuungswagen für die Neugeborenen. Eine Firma spendiert gesunde Zusätze zum Trinkwasser, die man in die Tankwagen kippt.

			Trotzdem ist es anstrengend. Vor allem, seit die Sendung auch in anderen Ländern gezeigt wird. Seither könnten sie den ganzen Tag Interviews geben. Das Erstaunlichste aber ist, dass alle diese Dutzende von Journalisten die gleichen drei Fragen haben.

			Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

			Wo wollen Sie hin?

			Werden Sie es schaffen?

			Sie könnten in alte Interviews gucken, was Malaika und er dort geantwortet haben, aber das tun sie nicht. Es wäre ihnen auch egal. Manchmal sind zwei gleichzeitig da, die kriegen dann mit, dass sie dieselbe Frage haben wie der andere. Sie denken sich aber trotzdem keine neuen aus. Sie sind auch nicht sauer, dass die Antwort jedes Mal die gleiche ist, sie wollen aber, dass man sie für jeden extra wiederholt.

			Er kann inzwischen im Schlaf die Geschichte erzählen, wie er an der Bar von Miki die Idee hatte. Er hat die Erinnerung immer gemocht, aber in letzter Zeit wirkt sie wie eine abgegriffene Frucht, die jeder wieder zurückgelegt hat. Malaika scheint das nichts auszumachen. Wenn Reporter kommen, blüht sie auf, sie wiederholt munter all ihre Sätze, manchmal hat er fast den Eindruck, sie hielte die Antwort selbst jedes Mal für neu – aber ist das möglich? Ihm kommt all das immer künstlicher vor: Lionel, sagen Sie das bitte noch mal. Bitte kürzer, Lionel. Bitte etwas langsamer, Lionel, und könnten Sie dabei in die Ebene sehen und den Blick zehn Sekunden halten?

			Inzwischen ist er schon fast überzeugt, dass er tatsächlich Lionel heißt.

			Sein Handy läutet. Er hat eigentlich keine Lust. Vielleicht sollte er Mahmoud zum Zeitungsadmiral machen. Aber dann zieht dieser Idiot wieder seine dämliche Kapitänshaube hervor und setzt sie auf. Da ist es besser, er macht es selbst. Er holt tief Luft und geht ans Handy.

			»Hallooooo! Wie geht’s meinem Lieblingswanderer?«

			»Wie weit bist du mit Baywatch?«

			Lionel klingt so erleichtert, wie er tatsächlich ist.

			»Alter, wen interessiert Baywatch? Kennst du Friends?«

			»Nicht so richtig.«

			»Schau es dir an! Du kriegst einen Ständer nur vom Intro. Das ist die beste Ficksendung der Welt. Es geht darum, dass jede Menge Typen zu blöd sind, Jennifer Aniston zu ficken. Sieh dir den Arsch an. Die Titten. Dann springen sie in diesem Brunnen herum. Sie in diesem engen Pullover, den sie für uns alle nassmachen wird, aaah. Dieses Gesicht. Und keiner fickt sie! Keiner! Wenigstens keiner, der zählt.«

			»Vielleicht geht es in der Sendung gar nicht darum?«

			»Und ob! Da sind noch zwei Schlampen drin, die werden auch nicht richtig gefickt. Ein blondes Gestell und so eine öde Brünette. Alter, ich sag dir: Das ist so gewollt. Das nennt man Dramaturgie! Jennifer Aniston wird nicht gefickt, weil sie immer mit diesen zwei langweiligen Eulen abhängt. Die ganze Sendung schreit förmlich: Mojo, komm nach Amerika und rette Jennifer Aniston aus ihrem beschissenen Leben.«

			»Und? Machst du’s?«

			»Absolut! Ich kann nicht noch mehr ins Detail gehen, sonst platzt mir die Hose. Es gibt Wichtigeres. Ich hab da ein paar seltsame Geschichten gehört. Geschichten von dir.«

			»Hier gibt es keine seltsamen Geschichten.«

			»Du gehst also nach Marokko?«

			»Nein.«

			»Libyen?«

			»Nein.«

			»Tunesien? Algerien?«

			»Nope.«

			Mojo würzt mit einem Schweigen das Gespräch unangenehm. Lionel weiß nicht recht, was von ihm erwartet wird, also schweigt er mit. Er gewinnt.

			»Dann stimmt es also doch!«

			»Was stimmt? Ich habe nie gesagt, dass ich nach Libyen will oder Marokko.«

			»Du hast auch nie gesagt, dass du’s nicht willst.«

			»Aber das ist doch egal. Das ist doch gut für dich! Du wirst nach Tagen bezahlt.«

			»Hier geht es nicht um die Tage! Du bist eine Investition in die Zukunft. Du musst nach Schlampenland. Nur dann rollt der Rubel. Ich hab nichts davon, wenn du jahrelang durch den Sand latschst.«

			»Dann sind wir uns ja einig.«

			»Nein, sind wir nicht. Du gehst jetzt schön nach Marokko oder nach Libyen und suchst dir ein Boot wie jeder normale Mensch.«

			»Kann ich nicht machen.«

			»Versuchst du mir schon wieder irgendwas vorzuschreiben?«

			»Ich kann den Leuten nicht erzählen, dass sie monatelang durchs Nichts wandern, um dann genauso abzusaufen wie Tausende vorher.«

			»Die kriegen ihre Chance, mehr wollen sie nicht.«

			»Aber die wollen nicht irgendeine Chance.«

			»Marokko ist eine Superchance!«

			»Nein! Boote sind Scheiße!«

			»Was ist an Booten auszusetzen? Boote gibt’s seit Jahrtausenden. Keiner hat sich beschwert.«

			»Du kannst das Meer nicht kontrollieren. Du kannst die Qualität der Boote nicht kontrollieren.«

			»Die Wüste auch nicht.«

			»Trockener als die Wüste kann es nicht werden. Und unsere Stärke ist die Zahl. Die Schlepper wollen viel Geld, teilen uns in Hunderterportionen und lassen uns einzeln absaufen.«

			»Ein paar, vielleicht.«

			»Und die, die durchkommen, sind drüben nichts weiter als ein Haufen von hundert oder zweihundert Bimbos. Einen Haufen Bimbos bringen sie aber einfach zurück oder machen sonst was. Das Fernsehen ist nicht dabei, wir sind mitten auf dem Meer in ihrer Hand.«

			»Aber der Superbimbo hat einen besseren Plan.«

			»Immerhin einen Plan, der sich nicht auf andere verlässt. Er verlässt sich nur auf uns. Auf unsere Füße. Auf unser Geld.«

			Mojo hört stumm zu.

			»Das ist auch in deinem Sinne. Mehr Erfolg, mehr Geld, mehr Fahrzeuge, mehr Jennifer Aniston.«

			»Und wie weit willst du dann? Ägypten?«

			»Weiter.«

			»Weiter?«

			»Wenn wir jetzt bloß ans Meer spazieren, war alles umsonst. Wir gehen nicht ans Meer. Wir gehen die ganze Strecke.«

			»Durch Ägypten?«

			»Durch Ägypten.«

			Mojo schweigt.

			»Das ist unsere …«

			»Halt die Klappe. Ich denke nach.«

			Lionel hält die Klappe.

			»Jetzt hör mir mal gut zu, Dummkopf. Gut, okay?«

			»Ich höre.«

			»Ich bin jetzt mal sehr geduldig, Dummkopf. Ich bin sonst nicht so geduldig, aber jetzt bin ich es. Du hast mir bisher viel Quatsch erzählt, aber es war wahrer Quatsch. Du hast mir viel Geld versprochen, und ich habe viel Geld bekommen. Ich respektiere dich. Du bist ein Bruder. Ein wirrer Bruder, aber ein Bruder. Und ich mag dich und deinen Quatsch. Hörst du?«

			»Ich höre.«

			»Ich bin sogar bereit, dir hier und da recht zu geben. Boote sind wacklig, das Meer ist scheiße. Schlepper nehmen dein Geld und lassen dich untergehen. Das ist ein vernünftiger Gedanke, dass du Tag für Tag bezahlst. Ich will dein Geld auch lieber im Voraus, aber ich sehe, dass es für dich besser ist. Du bist manchmal gar nicht so wirr, wirrer Bruder. Aber das Modell hat Grenzen. Ich kann nicht weiter mit dir als bis Ägypten.«

			»Du kriegst auch weiter deine Prozente.«

			»Das will ich hoffen, aber es geht hier nicht um Prozente.«

			»Sondern?«

			»Hast du Idiot schon mal auf eine Landkarte geguckt?«

			»Hab ich.«

			»Ich will hier gar nicht von Syrien reden oder Jordanien. Dass es vielleicht Leute gibt, die dich durchlassen würden, aber für jeden von denen mindestens drei andere, die dich bestimmt nicht durchlassen. Geschenkt. Die Türken, von denen keiner weiß, was sie wollen außer Respekt. Soll alles sein. Du kommst meinetwegen auch an so kleinen Hindernissen vorbei wie dem Suezkanal. Alles irgendwie denkbar. Aber eines ist absolut undenkbar.«

			»Israel.«

			»Israel.«

			»Es sind zehn Kilometer Luftlinie. Vierzehn Kilometer auf der Straße. Ein Witz.«

			»Nein, ein Witz ist es gerade eben nicht. Zehn Kilometer auf dem Gebiet eines Landes, das militärisch stark ist, paranoid und seine Waffen gegen alles einsetzt, was ihm nicht passt oder was ihm suspekt vorkommt. Die Juden schießen erst und fragen dann. Die lassen vielleicht einen oder zwei von euch durch, wenn sie gut gelaunt sind oder besoffen. Drei garantiert nicht. Und meine Trucks schon gar nicht. Da endet dann die Wasserversorgung und die Lebensmittelversorgung. Da endet auch das Scheißhäuschenparadies.«

			»Was ist mit Jordanien?«

			Mojo holt tief Luft. Dann brüllt er: »Jordanien, was soll sein mit Jordanien? Was willst du mit Jordanien? Okay, da kann man mit Geld vielleicht was regeln. Aber du kommst doch überhaupt nicht in dein Jordanien.«

			»Zehn Kilometer Luftlinie«, sagt Lionel stur.

			»Freie Schusslinie, heißt das! Die Juden ballern dir deine hübsche schwarze Rübe weg. Und das ist das hundertprozentige Ende. Nach allem, was man so hört, braucht man zum Leben einen Kopf. Sogar in Schlampenland!«

			»Wir finden einen Weg«, sagt Lionel. »Und deine Trucks gehen mit. Wenn wir scheitern, hast du wenigstens ein halbes Jahr länger was an uns verdient. Ich muss Schluss machen. Ich hab jetzt ein Interview.«

			Er drückt die rote Taste und lässt das Telefon sinken. Natürlich wusste er das mit Israel. Er hatte eigentlich gehofft, Mojo würde was einfallen. Mojo, die Wundertüte. Eine plötzliche Mutlosigkeit überfällt ihn. Er würde sich jetzt gerne zurückziehen, in den Kreis seiner treuen Freunde und Berater. Aber ihm fällt auf, dass dieser Kreis viel Treue und auch so was wie Freundschaft enthält, aber wenig Verstand. Malaika kann ihm bei Israel genauso wenig helfen wie der Admiral für Essen und Trinken. Er hat noch Zeit, sicher, er muss überhaupt erst mal so weit kommen, aber bei den Israelis fällt ihm noch weniger ein als für alle anderen Grenzen.

			Sein Handy klingelt. Eine amerikanische Vorwahl. Er ist schon bereit, das Gespräch anzunehmen, als eine SMS eintrifft. Er ruft sie auf. Mojo schreibt.

			»Pass gut auf dich auf, wirrer Bruder.«





36


			Es ist dunkel. Die meisten Büros sind bereits leer, leerer noch als am Wochenende. Viele Bürotüren entlang des Flurs sind abgesperrt. Manchmal sieht man im Schein einer einzelnen Lampe die übrigen aufgeräumten Schreibtische. Der Schreibtischstuhl ist an die Platte geschoben, sauber abgestellt, als wäre der Schreibtisch eine kleine Garage. Seltsam, aber man sieht es Schreibtischen sofort an, ob sie fürs Wochenende aufgeräumt wurden oder für die Weihnachtsferien. Wochenendschreibtische sind ordentlich. Ferienschreibtische sehen aus, als würden ihre Besitzer nie wiederkommen. Leubl mag das. Sein eigener Schreibtisch sieht gerade so aus.

			Er legt den Mantel über das Geländer und beugt sich darüber. Unten im Eingangsbereich haben sie einen Weihnachtsbaum aufgestellt. Ohne Geschenke. Daran kann man die Weihnachtsbäume von Kaufhäusern und Behörden unterscheiden: Kaufhausbäume haben Geschenke drunter. Frau Krassnitzer vom Empfang sieht ihn von unten und winkt hoch. Sie ist gerade beim Zusammenpacken. Leubl winkt zurück und formuliert stumm, aber deutlich sichtbar: »Frohe Weihnachten.« Sie wirft ihm eine Kusshand zu. Leubl spürt, wie sich eine angenehm friedliche Stimmung in ihm ausbreitet.

			Leubl nimmt seinen Mantel wieder auf und geht weiter. Er folgt dem Gang bis zum Ende und geht dann ins Eckbüro. Die Tür steht offen, er klopft.

			»Darf man eintreten?«

			»Wer, wenn nicht Sie?«

			Der Staatssekretär sitzt noch hinter seinem Schreibtisch.

			»Machen Sie Schluss! Selbst für einen Staatssekretär ist es unmöglich, am 23. Dezember abends noch die Welt besser zu machen.« Leubl hängt seinen Mantel auf den Kleiderständer.

			»Ist nicht amtlich«, sagt der Staatssekretär.

			»Und? Was haben wir?«

			»Sie haben wie immer die Wahl.« Der Staatssekretär bückt sich und stellt eine Flasche auf den Tisch. »Zum einen: Glühwein. Aus Bayern. Ich hab extra drauf geachtet.«

			Leubl sieht die Flasche skeptisch an: »Franken ist nicht Bayern, glauben Sie mir. Wir haben’s lange versucht.«

			»Also nicht?«

			»Eher nicht, nein.«

			»Ich hab sogar extra einen kleinen Gaskocher mitgebracht. Damit wir ihn nicht auf der unromantischen Herdplatte heiß machen müssen.«

			»Trotzdem. Was haben Sie noch?«

			»Eine Cuvée. Aus Apulien.«

			»Gekauft.«

			Der Staatssekretär lächelt. »Wie durch ein Wunder ist er schon dekantiert.«

			Leubl schaut, als hätte er vom Staatssekretär nichts anderes erwartet, und geht zur Sitzgruppe, zu der kleinen, dicken, schlichten Kerze, die hier schon brennt. Ihre Flamme spiegelt sich in den dunklen Scheiben. Leubl mag den Blick von hier über die Stadt. Sie haben den Vorweihnachtsumtrunk deswegen hierher verlegt. Früher waren sie immer bei ihm im Büro, bis der Staatssekretär ihm irgendwann mal andeutete, die Aussicht sei bei ihm besser. Was stimmt.

			Aus den Augenwinkeln sieht Leubl, wie der Staatssekretär seinen Bildschirm verhängt, um das blau-elektronische Licht zu vermeiden. Er bringt zwei Gläser und den Dekanter. Dann setzt er sich vis-à-vis von Leubl und beginnt die Gläser zu vinieren.

			»Sind Sie sicher, dass das was bringt?«

			»Bei einem Weißbier nicht.«

			Dann schenkt er ein und schiebt Leubl das Glas respektvoll hin. Leubl nimmt es und riecht hinein. Er schließt die Augen, der Staatssekretär hat gut gewählt, wie immer. Er hält ihm das Glas hin, mit einem leisen Klingen stoßen sie an. Der Wein rollt in seinen Mund, er schmiegt sich an Leubls Gaumen wie eine Katze in eine Decke. »Jetzt«, sagt Leubl und lehnt sich zurück, »jetzt beginnt Weihnachten.«

			Der Staatssekretär setzt sein Glas ab und lehnt sich ebenfalls zurück. Sie sehen beide über die erleuchtete Stadt.

			»Und? Was kriegt Ihr Tommy?«

			»Den Prince of Namibia, 22 × 5 Zentimeter, geädert, mit Saugfuß und Hodensack.«

			»Das können Sie besser«, sagt Leubl ungerührt, »damit kriegen Sie nicht mal den Seehofer dran.«

			»Er kriegt Kunst; ich probier mal was Neues. Und Ihre Frau?«

			»Dasselbe wie 1969.«

			»Klingt nachhaltig.«

			»Wir schenken uns nichts.«

			»Seit 1969?«

			»Seit 1969.«

			»Da waren Sie aber früh dran. Konsumverzicht und so. So weit war die SPD damals noch nicht.«

			»Tja. Zweitausend Jahre bevor die Linken über die Planwirtschaft nachdachten, hat ein gewisser Jesus bereits die Händler aus dem Tempel geschmissen.«

			Der Staatssekretär nimmt einen Schluck Wein. »Machen Sie alles, was dieser Jesus sagt?«

			»Wer weiß schon, was Jesus sagt?«

			»Einige sagen, dass sie’s wissen.«

			»Die haben aber alle dieses Wissen exklusiv.«

			»Und das spricht gegen sie?«

			Leubl betrachtet wohlwollend das Glas in seiner Hand. »Glauben Sie mir, wenn Gott was sagen will, sagt er’s so, dass es alle mitkriegen. Und wenn einer behauptet, er wüsste es als Einziger besser, dann können Sie schon mal davon ausgehen: Der weiß es mit Sicherheit nicht.«

			Der Staatssekretär nippt. »Gefällt mir.«

			»Meine Tochter hat uns dafür gehasst.«

			»Für die Gott-Sache?«

			»Nein, für die abgeschafften Geschenke. Bei ihren Kindern hat sie es sofort anders gemacht. Und siehe da: Zehn Jahre später war sie genauso weit.«

			Sie schweigen. Leubl fände es schön, wenn es anfangen würde zu schneien, aber das tut es nicht.

			»Was machen wir jetzt?«, fragt der Staatssekretär.

			»Wir warten ab.«

			»Einfach so?«

			»Es war einen Versuch wert. Aber es war klar, dass es nur klappt, wenn wir wen vor uns haben, der nicht gut rechnen kann. Dem die Million heute lieber ist als die zehn Millionen morgen.«

			»Und jetzt?«

			»Nichts jetzt. Was haben Sie gedacht?«

			»Dass wir tiefer in die Trickkiste greifen.«

			Leubl sieht ihn über sein Glas hinweg an. »Für unsere Verhältnisse waren wir schon bis zum Hals in der Trickkiste.«

			»Aber …«

			»Wenn Sie noch Vorschläge haben?«

			»Ich weiß nicht …«

			»Nur zu!«

			Der Staatssekretär zögert einen Moment lang. Dann sagt er: »Die Amerikaner würden mehr machen. Oder die Engländer.«

			»Nämlich?«

			»Ohne ins Detail zu gehen: Es ginge schon noch dreckiger.«

			»Gehen Sie ruhig ins Detail. Aber unser Fernsehen können wir nicht verbieten. Wir sind nicht die Russen.«

			»Nein, aber …«

			»Was haben wir noch an Dreck? Sollen wir denen die Lastwagen bombardieren?«

			»Bombardieren nicht gerade …«

			»Gut: Die GSG 9 marschiert den Zug ab und zersticht denen die Reifen.«

			»So wie Sie das sagen, klingt das natürlich albern …«

			»Dann sagen Sie’s mir anders. Wenn es wirksam ist, versucht die Bundesrepublik Deutschland damit aktiv hundertfünfzigtausend hilflose Menschen verdursten zu lassen. Und wenn es nicht wirksam ist, haben die drei Tage später alle wieder neue Reifen.«

			»Man müsste vielleicht … den Kopf der Angelegenheit …«

			»… mit Plutonium vergiften?«

			Der Staatssekretär verdreht die Augen.

			»Das Ganze ist nicht von diesem Lionel abhängig. Es ist nicht so kompliziert organisiert, dass es nicht irgendein anderer übernehmen könnte. Und außerdem haben sie dann einen Heiligen. Sie balsamieren ihn ein und tragen ihn als wandelnde Anklage vor ihrem Zug her. Macht das die Sache besser?«

			»Also können wir nichts tun?«

			»Nichts«, sagt Leubl, »außer diesen sehr guten Wein trinken.«

			Leubl nimmt einen angemessenen Schluck. Er spürt den Blick des Staatssekretärs und erwidert ihn.

			»Was ist? Was haben Sie erwartet?«

			»Ich weiß nicht. Es kommt mir komisch vor. Unbehaglich.«

			»Weil man das heute nicht mehr kennt.«

			»Was?«

			»Dieses Gefühl, dass eine Sache in die Hose geht.«

			»Soll das heißen, dass Sie glauben, dass die wirklich …?«

			»Es soll heißen, dass wir ein schlechtes Blatt haben. Und dass wir nicht Poker spielen. Wir können nicht drei neue Karten nehmen. Es ist auch nichts im Skat. Wir haben ein schlechtes Blatt und müssen damit leben.«

			»Das bedeutet?«

			»Sie spielen nicht oft Karten, hm? Man verliert, und dann bezahlt man.«

			»Na ja, wer hat denn gesagt, dass wir überhaupt mitspielen?«

			»Wir. Weil wir nicht aufgehört haben, als die Karten noch besser aussahen.«

			Der Staatssekretär beugt sich vor, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, hält er das Glas nachdenklich in der Hand und lässt es kreisen.

			»Das wird vielen Leuten nicht gefallen«, sagt er.

			»Politiker können nicht immer nur gute Nachrichten bringen.«

			»Dann werden sie aber nicht mehr gewählt.«

			»Mag sein, aber der Wähler muss damit klarkommen, dass er mal im Wirtschaftswunder lebt und mal in der Ölkrise. Es gibt in der Geschichte keinen Staat, dem es bis heute immer besser und besser ging. Es gibt aber auch kaum Staaten, bei denen schlagartig die Lichter ausgingen. Meistens wird es nur allmählich ein bisschen dunkler.«

			Der Staatssekretär schenkt nach.

			»Es gibt natürlich noch Alternativen. Die anderen Staaten machen’s uns vor.«

			»Und Sie wissen, was ich davon halte«, mahnt Leubl.

			»Aber irgendwas müssen wir doch tun!«

			»Nur weil wir Deutsche sind?«

			»Was hat das denn jetzt damit zu tun?«

			»Weil wir für alles immer einen Plan brauchen. Es gibt eine Menge Länder, die das anders sehen. Die sagen sich: Mal sehen, ob es wirklich so eintrifft.«

			»Haben wir nicht gerade erst …«

			»Wir haben festgestellt, dass wir ein Scheißblatt haben. Aber das heißt nicht, dass die anderen keine Fehler machen. Sie denken zu viel oder zu wenig, oder sie spielen versehentlich die falsche Karte aus. Oder es kommen neue Mitspieler, mit denen wir gar nicht gerechnet haben. Es ist nicht gleich alles verloren, nur weil man gerade niemanden erschießen kann.«

			Leubl hebt aufmunternd das Glas. Der Staatssekretär folgt zögernd seinem Beispiel.

			»Jetzt ist Weihnachten. Da kann man nichts machen. Ich gehe zu meiner Frau und schenke ihr nichts. Und Sie gehen mit dem Prinzen von Namibia zu Ihrem Tommy.«

			Die Gläser klingen leise. Leubl sieht aus dem Fenster. Es beginnt zu schneien. Er setzt das Glas an und lässt sich noch einmal von diesem fabelhaften Wein den Gaumen verwöhnen. Er hört den Staatssekretär seufzen. Also klopft er ihm aufmunternd auf die Schulter. »Vielleicht haben wir ja Glück, und uns überfallen die Russen. Dann sind wir wieder die DDR. Und dann wollen wir mal sehen, wie viele Flüchtlinge noch zu uns wollen.«





II





37


			Wann immer es geht, nimmt sich Lionel einen Wagen von Malaika. Er fährt damit nicht weit, nur zum nächsten Hügel oder Berg, so viele gibt es im Nordirak ja gar nicht, die richtigen Berge beginnen mehr oder weniger erst an der Grenze. Lionel fährt dann so hoch es geht und steigt aus.

			Er nimmt einen Feldstecher und betrachtet den Zug. Er versucht sich daran zu gewöhnen. Er tut es nicht gern, auch nicht widerwillig, sondern pflichtbewusst. So bewertet er auch seine Fortschritte: nicht begeistert, sondern so wie jemand, der sich Mut machen muss. Und genau das ist es, was er sich jetzt wieder vorsagt, dass ihm der Anblick wenigstens keine Angst mehr macht. Obwohl der Zug inzwischen fast doppelt so lang ist.

			Man möchte kaum glauben, dass man den Unterschied erkennt zwischen fünfzig und hundert Kilometern. Es hilft, wenn man sich über ein Jahr lang an fünfzig Kilometer gewöhnt hat. Letztlich läuft es auf die schlichte Frage hinaus, ob man das Ende manchmal noch sieht oder nicht. Oder andersherum: wie hoch der Hügel sein müsste, damit man das Ende entdecken kann. In diesem Teil des Landes sind sie jedenfalls nicht hoch genug.

			Er hätte nicht gedacht, dass er es so sehen würde, aber: vor Jordanien war es irgendwie entspannter. Einfacher. Niemand hat geglaubt, dass sie es so weit schaffen. Deshalb war der Andrang gleichbleibend, obwohl Nordafrika voller Menschen ist, die nach Europa möchten. Es ist eben ein Wettbewerb des Wahnsinns: Manche versuchen, alleine durch die Wüste zu kommen, verglichen damit wirkt die Zugidee weniger bescheuert. Aber sie war auch nicht so altbewährt wie die gute alte Von-Nordafrika-irgendwie-mit-dem-Boot-rüber-Nummer. Der Zug war also mittelattraktiv, für Leute, die ein bisschen mehr riskieren wollen – auf den Andrang konnte man sich einstellen.

			So etwa alle vier bis sechs Wochen hat er Mojo gesagt, dass er einen Truck anhängen soll. Irgendwann hat sich dann auch der Aufwand für Lionel eingependelt: Die Menschen haben keine Wunder mehr erwartet und waren zufrieden mit dem, was sie am Vortag auch bekommen hatten. Und selbst die hartnäckigsten Nörgler konnten nicht bestreiten, dass sie am Ende jedes Tages fünfzehn Kilometer weitergekommen waren. Ab Jordanien wurde alles anders. Das Einzige, was gleich blieb, war die wunderbare Funktion des Geldes.

			Mojo hatte den Kontakt hergestellt, er bekommt selbstverständlich auch immer noch Prozente, weil das Geld weiterhin über ihn läuft. So hat Lionel von Mojo erfahren, dass Jordanien nicht nur voller Jordanier ist, sondern auch voller Palästinenser. Und dass diese Palästinenser ziemlich gut organisiert sind und nicht weniger gerne Geld verdienen als andere Leute. Schon weil sie in diesem unangenehmen Israel noch größere Projekte vorhaben.

			Die Palästinenser hatten dann tatsächlich dieselbe Infrastruktur auf die Beine gestellt wie vorher Mojos Kontaktleute. Sogar die Scheißhäuschen waren wieder da, Malaika mit ihrer Stiftung organisierte sie noch einmal neu, nach wie vor über Mojo. Das war eigentlich das Lustigste an der ganzen Sache, weil Malaika und die Fernsehleute immer so taten, als wäre das Geld der Stiftung ein besonders schönes, sauberes Geld, das man besonders sorgfältig und irgendwie sparsamer ausgeben musste als anderes Geld. Er mischte sich da nicht ein, aber im Gegensatz zu ihm hätte Malaika eigentlich auch mit den Palästinensern direkt verhandeln können. Trotzdem gingen sie weiter zu Mojo, als wäre er der einzige Mensch der Welt, der wüsste, wie man Klohäuschenfahrer findet. Mojo nahm zuverlässig das Geld und schickte immerhin gut drei Viertel davon nach Palästina oder wohin auch immer. Sein Aufwand für diese Fünfundzwanzig-Prozent-Provision: fünfzehn Sekunden. Oder eher fünf, er hatte die Palästinenser sicher auf der Kurzwahltaste.

			Die Sicht ist ausgezeichnet. In regelmäßigen Abständen treiben die Wassertrucks und Betonmischer auf dem Meer aus Sonne, Steinen und Staub. Hin und wieder drängt sich ein fremder Wagen langsam durch die apathische Menge, die den Weg nur zäh freigibt und hinter dem Auto die Lücke wieder schließt. Den Leuten im Auto muss es vorkommen, als würden sie durch Schweröl fahren.

			Ist das Auto durch, wirken die Menschen wieder, als würden sie stehen, so gleichmäßig bewegen sie sich. Es hat ein bisschen gedauert, bis sie das hinbekommen haben. Es war das Schwierigste, was von ihnen verlangt wurde: So in Gang zu kommen, dass sich nichts staut. Der Trick ist, dass alle, die um einen Truck lagern, spätestens in dem Moment verschwunden sein müssen, wenn die Leute vom Truck hinter ihnen eintreffen. Das ist gar nicht so leicht, und wenn man neue Trucks angliedert, darf man nicht darauf warten, dass die Neulinge das alleine herausfinden, sondern man muss mindestens zehn Prozent erfahrene Leute dazumischen, besser noch ein Drittel.

			Der Zug folgt der Piste und verläuft sich, allmählich verblassend, in der Weite der Ebene. Malaikas Autos sind nicht zu sehen, sie dreht heute weiter hinten. Aber bei einem Zug von dieser Länge wundert es niemanden, dass er die Pinkzebrawagen oft tagelang nicht zu Gesicht bekommt. Ihrem Ansehen schadet es nicht, vor allem bei den Kindern wird sie dadurch sogar noch beliebter. Das Handy klingelt, aber Lionel geht nicht ran. Man muss gar nicht immer ans Telefon gehen. Man muss gelegentlich sogar nicht ans Telefon gehen, damit man nicht wahnsinnig wird.

			Es sind so irrsinnig viele Menschen.

			Sie waren keine fünf Tage in Jordanien unterwegs, da meldete ihm Admiral Mahmoud den Zustrom an Neulingen. Es waren Menschen, die im Fernsehen und auf den Handys die Bilder gesehen hatten, die um die Welt gingen. Die vielen Schlauchboote, der permanente Fährverkehr. Läppische fünfzehn Kilometer über das winzige, spiegelglatte Rote Meer, eine Überfahrt, so harmlos, dass sich auch die kleinsten Kinder darauf freuten. Israel ließen sie links liegen. Am Strand warteten schon die Pinkzebrawagen, sie und die medizinischen Fahrzeuge, die Babystation, das waren am Ende des Tages die einzigen Autos, die durch Israel hatten fahren müssen – und dürfen. Malaika hatte das mit einer judenfreundlichen Magazinverlegerin hingekriegt, der allerhöchsten Chefin von Schreib-Astrid. Als die Fußgänger aus den Schlauchbooten stiegen und weiterwanderten, waren die Trucks schon in Position. Es lief reibungslos, aber der Zustrom war so enorm, dass man schon nach fünf Tagen die ersten Zusatztrucks einschieben musste. Er wunderte sich beim Bestellen noch am Telefon, und Mojo kriegte sich vor Lachen kaum ein.

			»Was hast du denn gedacht, warum das so glattgeht?«

			»Na, weil wir dafür bezahlen.«

			»So gut bezahlt ihr auch wieder nicht. Denk doch mal: das Militär. Die Küstenwache. Du weißt selber, was du abdrückst. Ist dir das nicht billig vorgekommen?«

			»Nein. Es ist teurer als Ägypten.«

			»Ja, aber nicht viel. Und das, obwohl es in Jordanien keinen Bürgerkrieg gibt, sondern einen halbwegs intakten Staat.«

			»Aha. Und das heißt?«

			»Weißt du überhaupt, was da los ist?«

			»Sie haben keinen Krieg, alles andere geht uns nichts an.«

			»Krieg haben sie keinen. Aber sie haben Flüchtlinge. Hunderttausende.«

			»Und?«

			Mojo schnaufte, als spräche er mit einem verkalkten Großvater.

			»Also gut: Wir haben ein Land, das voller Flüchtlinge ist. Millionen Flüchtlinge. Sie sind da, weil sie nirgendwo sonst hinkönnen, aber letztlich mag sie keiner. Kommt dir das bekannt vor?«

			»Ich bin ja nicht blöd.«

			»Und in dieses Land kommt jetzt der Superflüchtling, der es geschafft hat, hundertfünfzigtausend der größten Pfeifen zehntausend Kilometer weit wegzubringen. So weit weg, dass sie nie mehr zurückkommen. Hast du’s jetzt?«

			Er hatte nichts gesagt. Er hatte nichts sagen können, weil sich ihm gerade Kopf und Magen und alles umdrehten.

			»Die werden dich weiterleiten. Immer schön weit von ihren Städten weg. Und möglichst dicht an ihren Flüchtlingslagern vorbei. Und je mehr du von denen mitnimmst, desto weniger werden sie dich aufhalten.«

			»Mojo! Wie soll ich das denn organisieren?«

			»Hab dich nicht so, das kriegst du schon hin. Denk immer dran, dass das dein Ticket ist. Nicht nur durch Jordanien, das macht uns auch die Sache mit dem Irak einfacher. Also heul nicht rum, bau die Handtuchschädel ein.«

			Seither bauen Lionel und seine Leute Handtuchschädel ein. Achtzigtausend kamen allein in Jordanien dazu. Es ist ihm noch rechtzeitig eingefallen, ein paar kleinere Vergünstigungen rauszuhandeln. Zusätzliche Trucks waren in Jordanien nie ein Problem, und immerhin das Wasser wurde kostenlos gestellt. Als sie dann über die Grenze kamen und die Peschmerga den Transport und die Trucks und das Versorgungsgeschäft von den Palästinensern übernahmen, waren sie zweihundertdreißigtausend Menschen. Fast achtzig Truckstationen. Achtzig Kilometer.

			Sie mischten die Neulinge in den Zug und behielten die Zügel in der Hand. Sosehr ihn das riesige Unternehmen immer wieder erschreckt, so gut ist das Gefühl, dass es durchweg Afrikaner sind, die den Ton angeben. Es gibt erstaunlich wenig Streit, weil klar ist, dass es die Schwarzen sind, die das hier auf die Beine gestellt haben. Die Syrer, die Tunesier, Ägypter, die Libanesen, Afghanen, Palästinenser und Iraker, sie können froh sein, dass sie jemand mitnimmt. Es ist das erste Mal, dass Lionel oder sonst jemand in dieser Deutlichkeit erlebt, dass bei einem großen Unternehmen schwarze Menschen am Ruder sind. Ohne jede Diskussion, denn es ist für jeden offensichtlich, dass die anderen so etwas eben nie fertiggebracht haben.

			Inzwischen sind es drei Babystationen, die mitfahren. Bei den Trucks gibt es nicht nur Wasser und Essen, es gibt auch einen gewissen Vorrat an gespendeten Decken von Malaikas Stiftung. Aber die Temperaturen sind jetzt auch nachts sehr erträglich. Es ist Sommer, nicht ganz zufällig, MyTV hat ihnen ausgetüftelt, wann man am besten eintreffen sollte: vor den Sommerferien, nach Ende der Fußballsaison. Dass sie in einem Jahr ohne Europa- oder Weltmeisterschaft unterwegs sind, hat die Fernsehleute Champagnerflaschen köpfen lassen.

			Im Irak sind jetzt weitere siebzigtausend Menschen zu ihnen gestoßen. Lionel lässt den Feldstecher sinken. Er blickt noch einmal über den endlosen Menschenwurm. Die Spitze ist jetzt an seinem Beobachtungspunkt vorbeigezogen, sie steuert auf Truck 7 zu, noch sechs Kilometer, Truck 5 wären vier Kilometer, inzwischen muss er nicht mehr mit den Fingern nachrechnen, ob das wirklich stimmt. Es könnten irgendwann dreihundertfünfzigtausend Menschen werden. Lionel atmet tief ein, es ist noch immer ein verstörendes Gefühl, aber er war schon mal panischer. Dreihundertfünfzigtausend – manchmal klingt es sogar gut.

			Noch zwei Wochen.

			Dann sind sie an der Türkei.





38


			Der Staatssekretär drängt sich über den Marienplatz. Er könnte auch einen Fahrdienst nehmen, die Partei, das Ministerium, die Regierung, irgendwer würde es schon organisieren und bezahlen – aber der Staatssekretär hält es mit Leubl: Ein Politiker muss jede Gelegenheit nutzen, um zu sehen, was auf der Straße los ist. Und es ist so viel los, dass der Staatssekretär bezweifelt, ob er mit dem Fahrdienst schneller vorangekommen wäre. Der Marienplatz ist voll wie ein Weihnachtsmarkt, wie jeden Montag. Das war nicht immer so.

			Er erinnert sich noch an das Häuflein Spinner von früher, Pegida in München. Jeden Montag mit ihrer Aktion gegen Moslems oder Muezzingesänge, das waren eine Handvoll Idioten, also: eine richtige Handvoll, wenn da sechs Leute waren, waren’s viel. Heute sieht die Sache anders aus. Schon hinter dem Viktualienmarkt stapeln sich die Mannschaftswagen der Polizei.

			Der Staatssekretär drängt sich zwischen den Menschenmassen hindurch, über die Schultern und Köpfe sieht er die riesigen Digitalleinwände. Drei Stück haben die Veranstalter inzwischen angemietet. Die erste zeigt in Endlosschleife ein Drohnenvideo des Zuges, das legendäre Drohnenvideo ohne Zwischenschnitt, fünfundvierzig Minuten Menschenmassen am Stück. Die zweite Leinwand zeigt, ebenfalls in Endlosschleife, akribisch den Verlauf des Zuges, Tag für Tag, so wie man früher im Krieg den Frontverlauf nachgezeichnet hat. Dazwischen die bedrohlichsten Bilder: die endlose Schlange auf dem Fußweg im Sueztunnel. Die Schlauchboote am Roten Meer mit ihrem provokativen Invasions-Aroma. Die Kilometerzahlen laufen daneben runter: die fehlende Strecke bis zur deutschen Grenze als Countdown. Ein cleverer Effekt, weil die über zwölftausend Kilometer am Anfang sehr beruhigend aussehen und weil jedes Mal am Ende des Videos nur noch knapp dreitausend Kilometer übrig sind. Natürlich kann der Staatssekretär auch selber rechnen, trotzdem ist es ihm erst an einem Montag in München erschreckend klar geworden, dass der Zug drei Viertel seines Weges schon geschafft hat.

			Die dritte Leinwand zeigt das Anwachsen des Zuges, eine simple Grafik, die sehr lange Zeit bei einer gleichbleibenden Zahl von etwa Hundertfünfzigtausend verharrt, um dann in einem atemberaubenden Finale steil anzusteigen und sich mehr als zu verdoppeln. Der Staatssekretär läuft sich in einer Gruppe besorgter Bürger fest, die lebhaft mit einem übergewichtigen Glatzkopf über einige Desintegrationsvorschläge aus der Mitte des letzten Jahrhunderts diskutiert, die er sich auf die Arme tätowiert hat. Sie sagen, das wären zwar entschlossene und zweifellos sehr wirksame Maßnahmen, man könne das heute in der Form aber nicht mehr 1:1 umsetzen, man lebe schließlich im 21. Jahrhundert. Der übergewichtige Glatzkopf hört sich ihre Argumente wohlwollend an, äußert Verständnis und sagt dann: Man könne das sehr wohl. Es sei ja auch nur vorübergehend, und wenn das Problem dann endgültig gelöst sei, könne man mit der Maßnahme ja auch wieder aufhören. Einer der Bürger sagt, wenn es nur vorübergehend sei, dann könne man natürlich über alles nachdenken.

			Der Staatssekretär bleibt stecken. Er kämpft sich wieder zurück Richtung Viktualienmarkt und geht in die U-Bahn, um den Marienplatz zu unterqueren. Die Parteikollegen aus dem Rathaus haben ihm schon mehrfach lebhaft geschildert, wie verzweifelt die Stadtregierung ist. Das liberale München, die gefühlt linke Stadt, in der eine rot-grüne Wählerschaft die Vorteile und das Geld eines CSU-Landes verbraten darf, ist inzwischen genauso radikalisiert wie Dresden. Jede Woche versammeln sich hier mittlere fünfstellige Menschenmengen, und auch das reicht nur deshalb aus, weil es einen zweiten Demonstrationstermin gibt, alle vierzehn Tage, am Odeonsplatz. Aus historischen Gründen hat die Stadt das zwar zu unterbinden versucht, sie ist aber vor Gericht gescheitert. Jetzt sind dort die Teilnehmerzahlen regelmäßig sechsstellig. Friedlich ist das alles nur noch, weil das enorme Polizeiaufgebot die Gegendemonstranten in andere Stadtteile umleitet.

			Als der Staatssekretär am anderen Ende des Marienplatzes auftaucht, hört er es wieder. »Wir woll’n unser Land zurück.« Man hat sich schon fast daran gewöhnt. Zurückhaltung gibt es längst nicht mehr. Darum hat sich auch dieser andere, völlig unmögliche Slogan durchgesetzt, den jetzt alle übernommen haben. Er kam aus dem Osten, natürlich, niemand sonst hätte diese Worte legitimieren können. Und sie skandieren ihn so unermüdlich, wie man es aus München sonst nur vom »Prosit der Gemütlichkeit« kennt:

			»Statt Spendengeld und Sojamehl: Mauerbau und Schießbefehl!«

			Der Staatssekretär erhält einen Ellenbogen in die Rippen, unabsichtlich, er wehrt sich nicht. Hier liegt Gewalt in der Luft, man kann gerade noch davon ausgehen, dass dank der Polizeikontrollen keine Waffen unterwegs sind. Das Gedränge wird jetzt etwas entspannter, er rutscht in einen kleinen Passantenstrom, der sich gegen die Hauptlaufrichtung gebildet hat, und lässt sich am Marienhof vorbeitreiben. Trotzdem ist er eine Viertelstunde zu spät im Hotel. Er geht die Treppe hoch, in die Bar. Lohm hat es sich schon in einer Ecke gemütlich gemacht und winkt.

			»Die Hauptstadt der Bewegung«, sagt er, als sich der Staatssekretär zu ihm setzt. »Habt ihr eigentlich gar nichts mehr im Griff?« Es klingt spöttisch, immer noch, aber inzwischen kann nicht einmal Lohm mehr verbergen, dass auch er sich die alte CSU zurückwünscht, die mit den Mehrheiten von früher.

			»Frag nicht«, stöhnt der Staatssekretär, »wir haben gestern eine neue Studie gekriegt.«

			»Und? So schlimm wie die Umfragen?«

			»Schlimmer. Sie haben unser Wählermilieu untersucht. Es stellt sich heraus: Wir haben keins. Angeblich haben wir sogar nie eins gehabt.«

			Lohm sieht ihn an: »In Zahlen?«

			»Noch knapp über dreiundzwanzig Prozent.« Der Staatssekretär bemüht sich, den Kopf nicht hängen zu lassen. Ihm schießt plötzlich der Bayerntrainer Nagelsmann durch den Kopf, wie er »Körperspannung!« brüllt.

			»Ach du Scheiße«, sagt Lohm und wendet sich an den Kellner. »Ich nehm noch so ’n hoalbes Moaß von eurem Woaßbier.«

			Der Staatssekretär ordert einen Gin Tonic, mit dem zweitteuersten Gin.

			Der Kellner bringt die Getränke. Der Staatssekretär nimmt den ersten Schluck. Ihm wäre eigentlich nach viel mehr Gin.

			»Man kriegt dich kaum noch zu Gesicht«, sagt Lohm besorgt, »und wenn, dann lohnt es sich nicht. Du siehst echt scheiße aus.«

			»Herzlichen Dank.«

			»Du solltest dich eine Woche krankmelden und von Tommy verwöhnen lassen.« Lohm beult mit seiner Zunge die Backe rhythmisch aus. »Wenn er dir schon so ein Schlafzimmer hinzaubert.«

			»Tommy ist ausgezogen«, sagt der Staatssekretär abwesend.

			»Echt?« Lohm setzt abrupt das Weißbierglas ab. »Das ist … schade.«

			»Ist besser so.« Der Staatssekretär kippt den Drink zügig und winkt nach dem Kellner. Mit den Fingern zeigt er, dass er einen weiteren Gin braucht, nur Gin – Tonic ist noch reichlich in der kleinen Flasche. Es wird laut vor dem Hotel. Eine neue Demonstrationsgruppe kommt an, man hört es durch die Schallschutzfenster. Ein quäkender Polizeilautsprecher, der Spruch vom Schießbefehl, aber auch einer, den der Staatssekretär zum ersten Mal hört:

			»Helm auf, Feuer frei – mehr Rechte für die Polizei!«

			Er sieht Lohm an. Lohm macht große Augen und öffnet kopfschüttelnd die Arme.

			»Kanntest du den?«, fragt ihn der Staatssekretär.

			»Ich hab ihn schon mal in Berlin gehört und in – ah ja, Erfurt. Ich weiß noch immer nicht, was die meinen.«

			»Einschleimen halt. Das, was die Autonomen noch nie begriffen haben.«

			»Nee – ich meine: Ist das ein Wortspiel? Für mich sind bei den Bullen jedenfalls so schon genug Rechte.«

			»Wer weiß«, sagt der Staatssekretär. »Wortspiele sind bei denen sonst nicht so verbreitet. Die meinen wohl tatsächlich beides.«

			»Und was macht das Innenministerium?«

			»Wenn du mich fragst: zu wenig.« Der Staatssekretär klimpert lustlos mit den Eiswürfeln im Glas herum.

			»Höre ich da am Ende so was wie Kritik an St. Leubl?«

			»Schau dir doch die Arschgeigen da draußen an. Das kannste doch nicht laufen lassen. Du musst die Lage entspannen.«

			»Und du wüsstest auch, wie.«

			»Oh ja. Ohhhh ja.«

			»Ich höre?«

			»Ist ja keine Hexerei. Als Erstes gehören Grenzzäune hochgezogen. Jeder Kilometer Zaun sind hundert Demonstranten weniger.«

			»Interessante Rechnung.«

			»Einhundertfünfzig, wenn’s ein guter Zaun ist. NATO-Draht. Wachttürme. Scheinwerfer.«

			»Selbstschussanlagen?«, schlägt Lohm vor.

			»Wenn die sich nach außen richten, sage ich dir: zweihundert Demonstranten weniger. Pro Geschütz.«

			»Und das will Leubl nicht? Komisch.«

			Der Staatssekretär überhört den Sarkasmus, auch weil er ihn nicht hören mag. »Ich hab’ ihm eine Menge Vorschläge gemacht, aber er greift sie nicht auf. Er lehnt sie nicht ab, aber er greift sie auch nicht auf.«

			»Vielleicht, weil’s nicht gesetzlich ist?«

			»Wir haben eine Obergrenze, das ist Gesetz genug.«

			»Die war doch von vornherein wachsweich.«

			»Oh nein. Die ist nur dann wachsweich, wenn du keinen Mumm hast. Klar ist das ein Gummiparagraph, aber wenn du den Gummi da drin strikt aushärtest, ist das Ding das reinste Ermächtigungsgesetz. Du musst dich trauen. Okay: Kanzleramt, Verteidigungsministerium, die wollen alle nicht aus der Deckung, bei denen wundert’s mich aber auch nicht.«

			»Bei Leubl wundert’s dich.«

			»Weil er keine Angst hat, sondern Überzeugungen. Weil er weiß, was die CSU ausmacht, nicht nur, wie man sie am besten verkauft. Und gerade deshalb werde ich nicht schlau aus ihm. Wenn er jetzt noch nichts tun will, wann dann? Noch dreihundert Kilometer, dann sind sie in der Türkei.«

			»Die Türken sind eine andere Gewichtsklasse, meinst du nicht?«

			»Eben. Das würde uns gerade noch genug Zeit geben, um was zu tun. Wenn wir jetzt anfangen.«

			Der Staatssekretär lässt sich einen weiteren Gin kommen.

			»Vielleicht wägt er noch ab«, vermutet Lohm und drückt dem Kellner das halbvolle Weißbierglas in die Hand. »Ich brauch ’n Grappa.«

			»Eins weiß ich sicher«, sagt der Staatssekretär finster. »Leubl weiß längst, was er tun will.«

			»Einfach mal nachfragen?«

			»Das ist bei uns nicht so wie bei euch. Wir haben keine lustige Diskussionsrunde, und anschließend reden alle noch mal über ihre Gefühle. Das Innenministerium ist ein Ministerium für echte Kerle.«

			»Und alle laufen rum wie die Village People.«

			»Haha.«

			»Wo ist das Problem? Dein Chef weiß die Lösung, lehn dich zurück, und genieß die Fahrt. Gut, alle anderen sehen das vermutlich nicht so. Wenn ich das weitertratsche, sagen die, der alte Leubl ist verkalkt, und geraten in Panik. Aber du vertraust ihm ja offenbar noch.«

			»Der ist nicht verkalkt. Es ergibt nur keinen Sinn. Abwarten bringt überhaupt nichts. Abwarten macht alles nur noch schlimmer. Es gibt keine Gegenmaßnahme, die besser wirkt, je später man sie nutzt.«

			»Lass uns was essen gehen, bevor ich völlig blau bin«, schlägt Lohm vor. »Obwohl, wir können’s auch bleiben lassen und uns gleich wegknallen. Ich wusste nicht, dass die Lage so verzweifelt ist. Ich dachte, ihr habt noch irgendeinen Trumpf im Ärmel.«

			Der Staatssekretär steht auf. »Einen haben wir auch noch.« Zuversichtlich wirkt er dennoch nicht.

			»Klingt eher nach Karo-Sieben als nach Kreuz-Bube.«

			»Hm? Ist das Schafkopf?«

			»Das ist Skat, du Paradebayer. Habt ihr da ’n guten Trumpf oder mehr so Kleinscheiß?«

			Der Staatssekretär macht mit der Rechten eine eiernde Bewegung, die sich am Ende doch recht energisch nach oben entwickelt. Der Kellner kommt und bringt den Kartenzahlomat. Der Staatssekretär steht auf, unterschreibt und sammelt seinen Mantel auf.

			»Morgen wissen wir, ob er sticht. Spätestens übermorgen.«

			»Und wenn nicht?«

			»Dann sagt mir der Chef, dass ich recht hatte und loslegen soll.«

			»Und du sagst ihm: Warum nicht gleich so?«

			»Genau«, stimmt der Staatssekretär zu und geht in Gedanken neben Lohm die Treppe hinunter.

			Warum nicht gleich so?

			Warum?





39


			Flüchtlingeflüchtlingeflüchtlinge«, tippt Astrid von Roëll in ihren Laptop. Dann tippt sie mit Großbuchstaben sorgfältig: »KOTZ!!!« Mit drei Ausrufezeichen. Sie markiert alles und vergrößert die Schrift auf hundertzweiunddreißig Punkt. Sie versucht erst, eine besonders harte Schrifttype zu finden, und geht dann zu einer besonders niedlichen über, erst »Gigi«, dann »Palace Script«.

			Was für ein beschissener Drecksberuf!

			Zugegeben, es ging ihr schon vor einem halben Jahr so, und vor drei Wochen war sie auch mal in einer ähnlichen Verfassung, aber jetzt ist der Moment wirklich gekommen. Der Moment, in dem sie alles, aber auch wirklich restlos alles über Flüchtlinge geschrieben hat. Okay, also alles, was daran interessant ist im Zusammenhang mit Nadeche Hackenbusch, aber mit der hängt hier ja wirklich praktisch alles zusammen. Inklusive dessen, was diese Leute früher gemacht haben. Das war sogar ganz lesbar, irgendwie, weil viele von diesen Flüchtlingen waren vorher überhaupt keine Flüchtlinge, das ist einem ja so auch nicht von vornherein klar. Manche haben sogar echte Arbeit gehabt, nicht nur das, was sie Bauer nennen und letztlich immer darauf hinausläuft, dass sie eine Ziege haben. Nein, echte Jobs: Einer hat Autos repariert, einer war Lehrer, und eine Frau hatte sogar einen richtig spannenden Beruf, eine Boutique für Schuhe und T-Shirts oder so was.

			Astrid von Roëll schaut vorwurfsvoll auf ihre Tastatur. Sie hebt ihre Hände wie ein Konzertpianist und lässt sie dann herabsausen, wo sie hasserfüllt über die Tasten klimpern. »Lälälälälä«, sagt sie laut, »scheißscheißscheiß.«

			Berufsbeschreibungen erschöpfen sich eben auch. Das Leben von einem Menschen kann man schon mal beschreiben, aber das Leben von hundert Menschen – hör mir doch auf. Vor allem, wenn man bedenkt, dass für die Leserin ja das wirkliche Leben weitergeht. Vor allem für die Leserin weitergeht und für alle normalen Menschen, die nicht in dieser komischen Flüchtlingswelt festkleben. Denn das kommt einem hier vielleicht mit der Zeit alles normal vor, aber das ist es eben nicht! Man muss auch mal die Kirche im Dorf lassen: Der überwiegende Teil der Menschheit hat nun mal mehr als ein Paar Schuhe. Und auch ein zweites und Gott behüte ein drittes T-Shirt. Bloß weil hier die Leute dieses Glück nicht haben, bloß weil hier sehr viele Menschen nachts in Goldfolie schlafen, heißt das noch lange nicht, dass es überall sonst genauso aussieht. Gott sei Dank!

			Diese Scheißgoldfolie nervt nämlich auch.

			Wenn man nachts nur einen Schritt vor den Camper macht, knistert es überall. Irgendwer hat ihr mal erzählt, dass es auf der ganzen Welt keinen schöneren Anblick gäbe als den Himmel über der Wüste, aber dieser Jemand hat garantiert nicht den Himmel angesehen, während um ihn herum alles voller raschelnder Lack-Larven lag. Die husten. Und schnarchen.

			Sternenhimmel.

			Auch so eine Sache: Sternenhimmel.

			Den guckt hier kein Mensch an. Mit Recht. Kennt man einen, kennt man alle. Und das muss ja wohl auch der letzte Umwelthans zugeben: Bei einer Leuchtreklame hat man dieses Problem nicht.

			Ob es in diesem Silopi eine gibt?

			Sie hat schon mal gegoogelt, wenn sie in der Türkei sind, dann ist der nächste größere Ort etwas namens Silopi. Eine Stadt, kann man sagen, hunderttausend Einwohner. Da wird sie hinfahren. Kairo hat sie sich verkniffen, sie wollte nicht riskieren, vom Zug getrennt zu werden. In Jordanien und im Irak hat man sie durch die letzten Einöden gelotst und immer nur an Flüchtlingslagern vorbei. Aber in der Türkei, da ist man ja praktisch schon in einem richtigen Land. Sie war zweimal im Urlaub da, einmal in Antalya und einmal ein verlängertes Wochenende in Istanbul, hallo? Da gibt es Straßenbahnen! Seltsam, wie man als Westeuropäer immer noch beinahe automatisch »sogar« dazudenkt, »sogar eine Straßenbahn«, aber die Türkei, also bitte, mit der ist Deutschland ja auch in irgendwas zusammen, nicht in der EU, in dem anderen, in der UNO. Sie wird Kay mal einen Tag alleine lassen und sich das Auto schnappen und in dieses Silopi hineinfahren. Einhunderttausend Einwohner, die müssen schließlich auch irgendwann mal einkaufen. Da gibt es Bars und Läden und Boutiquen und Restaurants, und dann wird sie shoppen, als gäb’s kein Morgen. Whammy blammy wowie zowie!

			Mein Gott, wie sie das vermisst. Und das Blödeste ist, dass man hier nicht mal die Tage abstreichen kann, weil ja keiner weiß, wie lange man noch brauchen wird. Wahrscheinlich kein halbes Jahr mehr, vermutlich sogar deutlich weniger, aber das ist immer noch zu vage zum Zählen. Manchmal träumt sie, dass die Bundesregierung einfach sagt: »Schluss jetzt, kommt einfach rein, und dann passt das.« Wieso auch nicht, dann wäre das alles wenigstens erledigt. Und sie würde dann ganz lässig in die Redaktion gehen, so als ob überhaupt nichts wäre, und dann käme sie rein, und dann würde ihr als Erstes die Sybille um den Hals fallen und dann die Sonja. Ein bisschen so, wie wenn diese jungen Mütter ins Büro kommen und ihre stets absolut identischen Babys vorzeigen, aber natürlich herzlicher. Und viel interessanter, weil sie nämlich wirklich was zu erzählen hat. Dann wird der Vizedämlack hereinkommen, »Oho, was ist denn hier für ein Auflauf, hat jemand Geburtstag?«, und wahrscheinlich sagt dann die Sibylle: »Sehen Sie mal, wer da ist!«, und der Vizedämlack sagt dann ganz gerührt: »Frau von Roëll, glauben Sie mir, ich sage so was nicht oft, aber ich freue mich so sehr, Sie gesund wiederzusehen – Sie haben für das Haus Unbezahlbares geleistet.« Und das sagt er wirklich nicht oft, so hat sie ihn nur einmal erlebt, beim Abschied von der großen Birgit Schetzing-Franckh, die übrigens zuletzt auch alles andere als groß war. Aber sie wird dann nur antworten:

			»Herr Vizedämlack, ich habe nur getan, was jede Frau an meiner Stelle getan hätte.«

			Oder doch eher ein schlichtes »Danke, danke, nehmen Sie doch ein Glas Sekt!«.

			Dann sagt der Vizedämlack: »Sekt? Nein, nein, in einem Fall wie diesem spendiert der Verlag – Champagner!« Und alles jubelt, und die Sonja sagt: »Erzähl doch mal«, aber nicht nur so aus Höflichkeit, wie wenn eine aus dem langweiligen Malediven-Urlaub zurückkommt, sondern alle sind total begierig und sammeln sich um sie wie die verlorenen Jungen um Wendy, und sie nimmt einen Schluck Champagner und erzählt erst mal nur eine kleinere Geschichte, die ihr ganz normal vorkommt, aber die anderen sind alle so was von baff, und erst dann fällt ihr auf, dass die ganze Zeit schon Lou Grant in der Tür steht und sich ärgert, genau. Und weil er ja höflich wirken will, kann er leider, leider nicht gehen und muss die ganze Zeit zusehen, wie alle sie bewundern und mögen, und er knirscht mit den Zähnen vor Wut, weil ihn die ganze Zeit über niemand beachtet. Sie kann sich dieses Knirschen richtig vorstellen, aus seinen Mundwinkeln rieseln so Zahnspäne, aber sie kann sich um so was natürlich nicht kümmern, weil gerade der Verleger reinkommt: »Hallo« und »Frau von Roëll« und »Sagen Sie doch Hartmut zu mir« und »Wir müssen uns zusammensetzen, ich habe große Pläne mit Ihnen«. Und bei »große Pläne« schrumpelt Lou Grant ganz zusammen, weil Hartmut mit ihm nämlich überhaupt keine Pläne hat, höchstens Sozialpläne, ha! Und deshalb hört er leider auch nicht, wie sie zu Hartmut sagt: »Das ist wirklich unheimlich nett von Ihnen …«, und er: »Von dir, ich bestehe darauf!«, und sie wieder: »Von dir, aber … ich wechsle Ende des Jahres nach New York zur Vogue, als Creative Premium Executive Director at Large«, und alles jubelt, und Sonja und Sibylle schreien, wie sehr sie sich für sie freuen. Weil sie denken, dass sie dann irgendwann ja wohl in absehbarer Zeit ebenfalls in New York arbeiten werden, aber dann garantiert nicht bei der Vogue.

			You bet!

			Es kann auch sein, dass sie dann aber Großmut walten lässt und sich kurz zu Lou Grant stellt, um auch mal zu zeigen, dass man sich nicht immer wie ein Arsch benehmen muss, und vielleicht wird sie ihm sagen, dass sie ihn irgendwo auch vermissen wird. Und sie wird ihn ganz lieb anlächeln und ihm sagen, dass sie sich ja mal auf einen Kaffee treffen können, wenn es sich ergeben sollte, dass er eines Tages auch mal in New York arbeitet.

			Hach.

			Aber bis dahin muss sie noch mehr von diesem, diesem Zeug hier fabrizieren. Als ob das leicht wäre. Für andere vielleicht, die drücken eben einfach ihren Dreck ab, aber sie hat ja einen Namen zu verlieren. Eine Astrid von Roëll liefert nicht einfach Dreck, und das ist das Problem. Denn so viel Qualitätsjournalismus, wie die hier wollen, gibt’s ja auf der ganzen Welt nicht. Und sie hat alles versucht, und das heißt: wirklich alles, denn sie hat den Job ja noch gelernt. Das hat sie doch ziemlich bald gemerkt, dass das Personal hier fehlt, nicht nur Assistenten für sie selber, sondern handelndes Personal. Promis.

			»Wenn Sie keine Promis haben, dann bauen Sie eben welche auf!«

			Hat ihr alter Chefredakteur gesagt, und ruck, zuck gab’s dann einen Promimetzger und einen Promibäcker und einen Promifriseur. Wie im Fernsehen: Da ist dann eben jemand prominent, bloß weil er oft genug im Bild war. Aber versuch das mal hier: Diese Leute haben doch keine Jobs oder sonst was. Die sind doch einfach nur arm. Sie kommt ja mit Nadeche bei einer Menge von diesen Gestalten vorbei, notgedrungen, und die geben sich ja Mühe, aber mal ehrlich: Sie hat bis heute unter all diesen Leuten niemanden getroffen, den man noch ein zweites Mal besuchen müsste. Oder gar fotografieren. Nicht mal die Models von dem ersten Shooting haben es zu was gebracht. Im Gegenteil: Mindestens zwei von denen – beschwören möchte sie es nicht, aber da müsste sie sich schon sehr täuschen – mindestens zwei von denen sind doch inzwischen so was wie Flittchen. Nicht dass sie so was verurteilen würde, aber man passt eben nicht in die EVANGELINE, wenn man mit Truckfahrern rummacht.

			Nationalspieler wären gut.

			Der Einzige, der ihnen geblieben ist, ist dieser Kumpel von Lionel, der Admiral, aber den kann man doch höchstens für ein Foto in die Kamera schauen lassen, eine eigene Geschichte ist der doch nicht wert. Obwohl Astrid von Roëll in der Adventszeit vor lauter Not auch mal einen Artikel mit ihm gemacht hat, die traurige Seele hinter dem lustigen Gesicht, was für ein Schwachsinn. Das Traurigste, was dem passiert ist, war die Sache mit dem kleinen Hund, und die hat sie ihm praktisch Wort für Wort in den Mund legen müssen, damit die Angelegenheit wenigstens einen Hauch von Pfeffer kriegt.

			»Sie hatten doch als Kind sicher mal einen Hund, oder?«

			»Was?«

			»Einen Hund. Es muss ja nicht direkt Ihrer gewesen sein. Ein lieber Nachbarshund.«

			»Ein Nachbarshund?«

			»Wauwau. Hund. Gab es doch, oder? Nicht jetzt, früher? Sie sind klein, und da waren Hunde, nicht wahr?«

			»Hunde? Sicher, die gibt’s ja überall.«

			»Na also. Viele Hunde. Und da war doch der eine Hund, und der ist dann gestorben, nicht wahr? Der arme Hund. Und Sie waren sehr traurig.«

			»Ich weiß nicht, ich kümmere mich nicht so um Hunde. Hunde laufen herum, Hunde sterben …«

			Dieser Holzkopf. Wie soll man mit so einem Trottel Qualitätsjournalismus abliefern? Und das ist noch der Interessanteste von allen. Das glaubt einem natürlich keiner. Der Vizedämlack auch nicht:

			»Frau von Roëll, Sie übertreiben. Da sind Hunderttausende von Menschen, da muss es doch was geben, was auch die EVANGELINE-Leserin reizt!«

			»Wie stellen Sie sich das eigentlich vor? Diese Menschen, Herrgott, die stehen morgens auf, dann flüchten sie, dann legen sie sich wieder hin. Und am nächsten Tag wieder. Und wieder. Und wieder. Das ist wie eine Fabrik, in der alle nur herumlaufen. Das Einzige, was sich da ändert, ist das Wetter. Die essen sogar jeden Tag dasselbe!«

			Solche Diskussionen sind natürlich auch Teil des Berufs. Damit die daheim in ihren gemütlichen Büros mal merken, wie schwer das ist, was sie hier macht, und was für ein Glück sie haben, dass sie das hier erledigt und nicht eine von diesen Leuchten, die sich in dem Laden sonst herumtreiben.

			Straßenlaternen!

			Nicht irgendwelche Truckscheinwerfer! Licht, das von oben kommt, wie bei normalen Leuten. Und Ampeln!

			Astrid von Roëll sieht auf die Uhr. In den nächsten zwanzig, höchstens dreißig Minuten braucht sie eine Idee. Eine Idee, die man am besten auch am nächsten Tag für ein Video weiterdrehen könnte. Früher war das noch einfach, irgendwas ist ihr mit Nadeche schon eingefallen, aber da saßen sie auch noch öfter beisammen. Irgendwie hat man den Eindruck, dass es Nadeche gar nicht so ankotzt. Klar, die kann sich ja jetzt schon ausrechnen, was sie für einen fetten Buchvertrag bekommt. Das letzte Mal, dass sich Nadeche für sie wirklich Zeit genommen hat, so wie Freundinnen eben, das ist über eine Woche her. Sie weiß gar nicht mehr, über was sie da geredet haben. Wahrscheinlich über Nicolai von Kraken und was er sich alles einbildet, das geht natürlich immer, aber sie hat alles aus diesem Gespräch schon die Woche über verbraten. Dieses Scheißblog saugt einen förmlich aus. Dass Keel jetzt mit Klebstoff angefangen hat, darf sie nicht schreiben, sie hat es versprochen, und dieses Projekt der Flüchtlingsmode will auch niemand haben. Die sagen natürlich alle nicht nein und tun sehr interessiert, aber die wissen doch auch, wer ihre Kunden sind. Niemand will aussehen wie ein Flüchtling, am allerwenigsten die Flüchtlinge selbst; wenn die erst mal in Deutschland sind, dann kaufen die sich doch auch sofort was Anständiges.

			Astrid von Roëll schließt die Augen und versucht, sich an alles zu erinnern, was ihr Nadeche Hackenbusch jemals gesagt hat. Sie konzentriert sich, sie stellt sich Nadeche vor, wie sie auf dem Sitz der pinkfarbenen Karre hockt, diese Wüstenbrille hochgeschoben, und wie sie mit der einen Hand aufs Lenkrad trommelt, und die andere fummelt irgendwas in den Haaren …

			Und dann hat sie’s.





40


			Sie hat Lionel noch nie so wütend erlebt. Wirklich noch nie, daran würde sie sich erinnern. Denn Lionel wird nicht oft wütend. Es ist sicher anstrengend für ihn und alles, aber trotzdem. Er ist ja mit so wenig zufrieden. Über die ganzen ersten Monate hinweg hätte man fast glauben können, er wäre schon glücklich mit ihr und dem pinkzebrafarbenen Schlaf-Pick-up. Womöglich stimmt das sogar, besser als das Lager ist das ja allemal. Außerdem hat Lionel auch immer noch einen Job beim Fernsehen: Nach wie vor bekommt er vom Sender ein Gehalt für die Mitarbeit bei Engel im Elend. Sie hat da auch ein bisschen nachgeholfen, immerhin steuert er den ganzen Zug, da war ja dann irgendwann klar, dass sie ihn nicht dauerhaft mit den paar Kröten abspeisen können, die sie ihm am Anfang gezahlt haben. Viel zahlen sie ihm jetzt natürlich immer noch nicht, obwohl sie ihnen gesagt hat, dass sie sich nicht lumpen lassen sollen. Fünftausend Euro im Monat, ein Witz. Andererseits: steuerfrei, vorerst wenigstens.

			Es ist auch nicht so, dass Nadeche Hackenbusch Lionels Wut nicht verstehen könnte. Er hatte eben etwas Größeres erwartet, als dieser Echler vorbeikam. Seit Wochen hatte der einen Termin gewollt, ohne zu sagen, wofür. Er solle einfach vorbeikommen, haben sie ihm geantwortet, aber er: Es müsse unter sechs Augen sein. Vollkommen vertraulich. Ohne Kameras. Also mussten sie einen Treffpunkt ausmachen. Echler hat was vorgeschlagen, aber Lionel war sofort superpanisch: »Die kidnappen dich, die holen dich weg, und dann lassen sie dich nicht mehr zurück.« Sie fand diese dauernde Angst anfangs auch noch total durchgeknallt, wir reden hier immerhin von Deutschland, nicht Nazideutschland: Bundesrepublikdeutschland. Aber egal, mit wem sie redet, die finden den Gedanken alle gar nicht so absurd, und inzwischen hält sie ihn auch nicht mehr für so abwegig. Sie haben also selbst den Treffpunkt ausgekundschaftet, sie haben ihn Echler ganz kurzfristig mitgeteilt. Dann sind sie hingefahren.

			Eine halb zerfallene Hütte mitten im staubigen Nirgendwo. Wozu jemand hier eine Hütte baut, war genauso schwer zu beantworten wie die Frage, warum er die Hütte dann nicht wenigstens ordentlich hinstellt. Irgendwie bauen die alle keine deutschen Häuser: Wenn einer drin wohnt, geht’s noch, aber sobald die Dinger leer stehen, zerbröseln sie wie vertrockneter Kuchen. Eine Wand stand noch, in deren Schatten haben sie sich gesetzt. Sie hat darauf bestanden, dass sie eine Decke ausbreiten, damit es ein bisschen heimeliger und offizieller wirkt. Sie haben sich hingesetzt und gewartet.

			»Du wirst sehen: Sie kommen und holen euch alle nach Deutschland.«

			»Deutschland is good, aber so good isses not.« Sein Deutsch wird immer besser, bleibt aber niedlich. Er versteht praktisch alles, doch wenn es ein ähnliches englisches Wort gibt, scheint es ihm unmöglich, das deutsche Wort zu verwenden. Als wäre der Platz in seinem Kopf schon besetzt.

			»Was sollten sie denn sonst wollen?«

			»We werden gleich sehen.«

			Am Horizont war eine Staubwolke aufgetaucht. Lionel ist aufgestanden und zum Auto gegangen. Er hat den Zündschlüssel ins Lenkradschloss gesteckt und den Wagen angelassen. Damit man notfalls gleich hätte wegfahren können. Aber es war tatsächlich nur ein Fahrzeug, ein verbeulter weißer Toyota Pick-up. Durch den Feldstecher hat man niemanden auf der Ladefläche erkannt, zwei Leute sind im Wagen gesessen, der auch noch relativ weit entfernt hielt. Ein Mann ist ausgestiegen. Er hat was zu dem Fahrer gesagt und dann die Tür zugeworfen. Der Pick-up ist langsam wieder weggefahren. Der Mann hat ein Poloshirt angehabt, eine beigefarbene Cargohose, Wanderstiefel. Wenn er seine Waffe nicht sehr gut versteckt hatte, hatte er keine. Er hat seine Sonnenbrille aufgesetzt und ist auf sie zugelaufen. Er hat gewinkt.

			Lionel hat dann den Motor wieder abgestellt, ohne aber den Schlüssel abzuziehen. Er ist ums Auto herumgegangen und hat zurückgewinkt. Dann hat er sich neben Nadeche gestellt und gewartet, bis der Gast bei ihnen ankam, der die Sonnenbrille abgenommen hat und zuerst Nadeche seine kräftige Hand hinhielt.

			»Hallo. Schön, dass Sie gekommen sind. Mein Name ist Echler.«

			Sie haben sich in den Schatten gesetzt und Echler Wasser angeboten, aber er zog eine eigene Flasche aus der Tasche an seinem Hosenbein.

			»Kommen Sie von der Regierung?« Nadeche ist viel zu neugierig gewesen, um die Frage dezenter zu formulieren.

			»Ich darf Ihnen natürlich nicht sagen, wer mich schickt«, hat Echler höflich gesagt. »Aber ich habe weitreichende Befugnisse. Und anhand dieser Befugnisse –«

			»What heißt – Befugisse?«

			»Ah, in Ordnung. Das heißt: Ich darf über ziemlich viel mit Ihnen verhandeln … verstehen Sie? Gut, und wenn Sie sehen, über was ich mit Ihnen reden darf, dann bleiben nicht mehr viele Leute übrig, die mich geschickt haben können.«

			»Die Bundesregierung schickt Sie?«

			Echler hat hier die Hände entschuldigend ausgebreitet. Sein Gesicht ist so unbewegt geblieben, dass jede Veränderung eingebildet sein musste.

			»Okay. What wollen Sie reden?«

			»Sie kommen ja direkt zur Sache – Sie werden es in Deutschland leicht haben.«

			Da ist das Gespräch noch gut verlaufen, Nadeche hat gestrahlt: »Das habe ich ihm beigebracht.«

			»Aber over what wollen Sie reden?«

			»Also, lassen Sie mich Ihnen zunächst gratulieren. Das, was Sie da machen, das ist eine erstaunliche Leistung, ganz erstaunlich. Ich sage es rundheraus: imponierend!«

			»Das haben Sie nicht gedacht, was?«, hat ihn Nadeche aufgezogen.

			»Sie sind beim Fernsehen, Sie wissen selbst, was Sie da Einzigartiges abliefern. Also, jetzt nicht nur im Show-Sinn, sondern als Leistung. Aber wir sehen das eben auch mit einer gewissen Sorge.«

			Da hat Lionel auch noch gelacht, nicht künstlich oder so, richtig gelacht, da muss also die Stimmung noch in Ordnung gewesen sein.

			»Sie maken Sorgen? Sie müssen keine Sorgen maken. We come good voran.«

			»Ja, aber jetzt beginnt ein ganz anderes Spiel.«

			»Dat is right. It wird simplyer.«

			An diesem Punkt hat Echler ein ausgesprochen bekümmertes Gesicht aufgesetzt und sich vorgebeugt. »Ich gebe zu, dass wir alle mit einem Unternehmen wie Ihrem wenig Erfahrung haben. Ich will auch nicht bestreiten, dass Sie Ihre Möglichkeiten kreativ nutzen. Niemand von uns hätte gedacht, dass Sie es überhaupt nach Jordanien schaffen. Dass man im Irak weiter kommt als in Syrien. Aber trotzdem war das alles ziemlich einfach: Ägypten, Jordanien, der Irak, das sind chaotische Länder, da geht immer was mit Geld.«

			»Geld goes immer.«

			»Aber jetzt kommen Sie in die Zivilisation. Sie kommen in die Türkei, und da beginnen die Länder, die eine richtige Struktur haben. Am türkischen Präsidenten können Sie sich nicht vorbeischmieren. Das sind Krisengebiete, streng bewacht. Da steht viel Militär, da ist nicht einfach nur ein Posten, dem Sie einen Hunderter in die Hand drücken. Die haben Panzer.«

			»Then bekommen sie eben zwei Hunderter«, hat Lionel entspannt gesagt. »We wissen, wo we hingehen: We wissen, what we do. We leben immer mit Angst, die Turkey make us not more Angst. Nur andere Angst.«

			»Eigentlich sogar weniger Angst«, hat sie gesagt, um seine Position noch mal zu unterstreichen und zu verbessern. »Wenn Sie wüssten, wie viel Angst die Leute vor diesen Schlauchbooten haben, da ist das hier nichts.«

			»Davon hat man am Roten Meer nichts gemerkt«, bemerkt Echler.

			»Fünfzehn Kilometer über ein Meer, das ruhig ist wie ein Swimmingpool«, sagt Nadeche. »Wir konnten den Ablauf kontrollieren, vom Anfang bis zum Ende. Und den Leuten, die wir bezahlt haben, war klar: Wenn nur ein Flüchtling ertrinkt, steigen die anderen nicht mehr ein, dann war’s das mit dem Geschäft. Die haben derart aufgepasst, das war wie ein Fährdienst vom TÜV. Da war es schon schwieriger, alle unter dem Suezkanal durchzukriegen.«

			»Trotzdem: Die Türkei ist ein anderes Kaliber. Und das wissen Sie.«

			»Come Sie deshalb? Um us to sagen, dat we gleich in die Turkey sind?«

			Echler hat sich wieder zurückgelehnt: »Vielleicht drücke ich mich ungeschickt aus: Letztlich können Sie Ihre Situation am besten einschätzen. Sie wissen auch selbst am besten, wo Ihre Fähigkeiten liegen. Ich kann das nicht. Ich kann mir darum nur vorstellen, dass die Lage schwierig ist oder schwierig werden könnte. Und ich möchte Ihnen – beiden! – versichern, dass Sie in diesem Augenblick nicht allein sind. Dass es Stellen gibt, die Ihnen eine hilfreiche Hand entgegenstrecken, wenn Sie es möchten. Dass es … Alternativen gibt.«

			Echler hat sie beide angesehen, und als beide nichts gesagt haben, hat er offenbar den Eindruck gehabt, er sei nicht deutlich genug gewesen: »Ich möchte«, hat er gesagt, »dass Sie beide wissen, dass Sie Alternativen haben.«

			Das war allerdings auch nicht sehr deutlich. Das war im Grunde derselbe Satz wie vorher. Und während sie noch überlegt hat, ob sie nur zu unerfahren ist, da einen Unterschied herauszuhören, oder ob irgendein Trick dahintersteckt, hat Lionel schon gefragt:

			»What heißt dat?«

			»Sie holen die Leute nach Deutschland?«

			»Frau Hackenbusch«, hat Echler ein bisschen genervt gesagt, ganz so als wäre das eine sehr dumme Frage, »bitte, wie soll das gehen? Wir können unmöglich zweihunderttausend Leute nach …«

			»Dreihunderttausend.«

			»… oder meinetwegen dreihunderttausend Leute nach Deutschland holen, das geht ja schon rein rechtlich nicht. Wie stellen Sie sich das vor?«

			»Was haben Sie dann gemeint?« Es kann sein, dass ihre Stimme da ein wenig schrill geklungen haben mag, weil Echler daraufhin beschwichtigende Handbewegungen machte: »Lassen Sie uns das ganz ruhig diskutieren. Wenn es Ihnen nicht gefällt, brauchen Sie ja nicht drauf einzugehen. Und ich sage Ihnen hier auch ganz offen, dass es nicht um Almosen geht, was ich hier anzubieten habe, das erfordert natürlich auch eine gewisse Kooperation, das will ich überhaupt nicht verheimlichen. Lassen Sie mich einfach mal sagen, was sich die Leute so ausgedacht haben, die mich herschicken.«

			»And what is dat?«

			»Wie gesagt: Aus deren Perspektive sieht es so aus, dass Sie hier in eine Sackgasse laufen. Leider. Sie sehen das und können es nicht verhindern. Aber diese Leute sehen auch, mit welchem Enthusiasmus, mit welcher Begeisterung Sie sich auf den Weg nach Europa, nach Deutschland gemacht haben. Man verfolgt sehr aufmerksam, wie Sie sich auf dieses Land vorbereiten – wie Sie beispielsweise die Sprache lernen. Sie zeigen Initiative, Entschlusskraft, Einfallsreichtum, Ausdauer, und das sind, das kann Ihnen Frau Hackenbusch sicher bestätigen, das sind Eigenschaften, die wir in Deutschland brauchen können. Ich will hier keine Klischees bemühen, aber wenn man sagen kann, dass es so etwas wie deutsche Eigenschaften gibt, dann wären es exakt diese Eigenschaften, die Sie hier gerade Tag für Tag nachweisen. Was Sie hier tun, das ist doch nichts anderes als ein unglaublich leidenschaftliches Plädoyer für Deutschland. Und in Anerkennung dieses Potenzials – und selbstverständlich auch angesichts der menschlichen Tragweite – ist es möglich, dass man Ihnen da weiter entgegenkommt, als Sie es vielleicht erwarten.«

			Echler machte eine Pause und schob dann hinterher: »Innerhalb eines angemessenen Zeitfensters, das versteht sich.«

			»Sie holen diese Leute jetzt nicht nach Deutschland, oder doch?«

			»Ich verstehe Sie not. What sagen Sie?«

			»Es ist schwierig, weil all das, was ich Ihnen hier anbiete, nicht offiziell ist. Wenn mich jemand fragt, dann weiß ich von nichts. Wenn irgendwas davon an die Presse kommt, ist die Sache vom Tisch.«

			»What Sache?«

			»Ja, what Sache??«

			»Ich kann es – unter bestimmten Voraussetzungen – ermöglichen, dass Sie, Herr Lionel, dass Sie in die Bundesrepublik kommen können.«

			»Kommen?«

			»Dauerhaft. Man würde Sie einbürgern. Unter bestimmten Voraussetzungen.«

			»Wie? Wann? Sofort?«

			»Nageln Sie mich da bitte nicht fest, aber wir reden hier bestimmt nicht von Wochen oder Monaten. Bis Ende nächster Woche. Unbürokratisch. Frau Hackenbusch kann Ihnen sicher sagen, was das für eine besondere Gelegenheit darstellt, in einem Rechtsstaat wie Deutschland.«

			»Und die anderen?«

			Echler hat sehr bedauernd geseufzt. »Wie gesagt, niemand kann dreihunderttausend Leute nach Deutschland bringen, das ist ausgeschlossen. Aber in diesem Fall, wegen der besonderen Härte und weil Sie Ihre Arbeit und Leistung ja nicht alleine vollbringen, in diesem Fall sichert man Ihnen zu, dass dieses Angebot auch für … dreißig Ihrer Mitarbeiter gilt.«

			»Für welche dreißig Mitarbeiter?«

			»Die können Sie frei auswählen. Sie müssen selbstverständlich einen Check der Sicherheitsorgane bestehen, aber das war’s dann auch schon. Sie dürfen dreißig Mitarbeiter Ihrer Wahl zu Deutschen machen.«

			Da ist Lionel auch nicht aus der Haut gefahren. Im Gegenteil, was Nadeche in diesem Augenblick wirklich bewundert hat, war Lionels Ruhe.

			»Can Sie me dat schreiben? Auf Papier?«

			»Nur wenn Sie zustimmen. Wie gesagt, nur ein, zwei Leute wissen, dass ich hier bin. Wenn Sie ablehnen, ist es, als hätte unser Treffen niemals stattgefunden. Aber wenn Sie zustimmen, bringe ich Ihnen innerhalb von vierundzwanzig Stunden eine Bestätigung.«

			»Von wem?«

			»Von oberster Stelle. Ich kann sie Ihnen nicht nennen, aber es wird eine Garantie sein, die auch Sie beruhigt. Sie werden von Bundeswehrhubschraubern abgeholt und eingeflogen. Ich versichere Ihnen: Wir verstehen Ihre Situation, wir verstehen, dass Sie Garantien brauchen. Und Sie werden diese Garantien bekommen.«

			»When we cooperate?«

			»Ja. Aber das bleibt im Rahmen, eine größere Leistung wird von Ihnen da nicht verlangt.«

			»Sondern what?«

			»Nichts Besonderes. Man geht davon aus, dass natürlich Frau Hackenbusch mit Ihnen zusammen den Weg nach Deutschland antritt und dass insofern auch keine Notwendigkeit mehr besteht, dass die Fernsehteams hier vor Ort bleiben. Das wäre ebenfalls eine unverzichtbare Bedingung, aber die ist ja keine große Sache. Ich weiß nicht, wie Sie das in den Medien bezeichnen, aber wir halten die Geschichte für abgeschlossen. Fertig erzählt.«

			»And warum do Sie dat?«

			»Weil sie das Projekt abbrechen wollen«, hat Nadeche Hackenbusch vermutet.

			»Oh nein, nein, das sehen Sie falsch. Aus Ihrer Sicht mag das stimmen, aber die Menschen, die mich beauftragen, gehen nach wie vor von einem Scheitern aus, völlig unabhängig von dem, was Sie hier entscheiden. Nein, so wie ich das verstanden habe, ist das durchaus aus einem gewissen Eigennutz. Man hat Ihr Potenzial erkannt, und man will nicht, dass dieses Potenzial in – ich sage es mal ungeschminkt – in selbstmörderischen Aktionen verloren gehen könnte.«

			»Und welches Interesse besteht an seinem – Potenzial?«

			»Es geht hier ja nicht nur um eine Einbürgerung. Es geht darum, dass man Sie aufgrund Ihrer besonderen und erwiesenen Fähigkeiten beschäftigen will. Das hier ist im Grunde ein Jobangebot. Sie beherrschen mehrere Sprachen, sind ein toller Organisator, Sie, Herr Lionel, sind definitiv eine hundertprozentige Führungskraft. Das hier ist, so wie ich das sehe, kein Gnadenakt. Man hat Sie sozusagen gescoutet. Man will Sie für die deutsche Flüchtlingshilfe. Für die Geschäftsführung.«

			»As Geschäftsführer?«, hat Lionel nachgefragt.

			»Ja, so habe ich das verstanden.«

			Und das, was dann passierte, hätte Nadeche niemals fertiggebracht. Lionel hat gelächelt, er hat sich ohne jeden erkennbaren Sarkasmus zu diesem Echler gewendet und hat strahlend gesagt: »Hundert Mitarbeiter.«

			»Was?«

			»Ich brauche hundert Mitarbeiter.«

			Und dann hat er zugesehen, wie sich dieser Echler gewunden hat, wie er erst gesagt hat, wie schwierig das alles wäre, und wie er dann auf fünfzig gegangen ist, auf siebzig, als könnte man mit Menschen pokern wie auf einer Auktion, es war unglaublich, es war nicht zu ertragen, und Lionel hat die ganze Zeit weiterverhandelt, um diesem gewissenlosen Staat, diesem gewissenlosen Menschenhändler die Maske vom Gesicht zu reißen, um sie alle in ihrer Erbärmlichkeit bloßzustellen, wie sie sich in ihrer Verlogenheit selbst entlarven, es war so ein Jammer, dass keine Kamera dabei war. Sie hat Lionel bewundert, wie elegant er das gemacht hat, mit welcher Seelenruhe, sie hätte das unmöglich fertiggebracht, es war aufreibend genug, ihm dabei zuzusehen, bebend vor Zorn. Dann hat sie die Farce beendet.

			Sie ist aufgesprungen und hat diesem Echler gesagt, dass das nicht in Frage käme. Dass Lionel nicht der Mensch sei, als den er ihn hier hinstelle, dass Lionel im Gegensatz zu Echler noch anständig geblieben sei, mit einem Herzen, mit einem Gewissen, und dass Lionel niemals, unter keinen Umständen die Menschen zurücklassen werde, die sich ihm anvertraut haben. Und sie genauso wenig, sie und ihre Kameras blieben hier, bei diesen Menschen, so lange, bis sie den Weg nach Deutschland gefunden hätten. Und er solle sich seine billigen kleinen Bestechungsmethoden sonst wohin stecken, denn genau das sei es, eine billige kleine Bestechung, er wolle dreißig oder hundert Leute korrumpieren mit einem deutschen Pass und seinem stinkenden Kleingeld und irgendeinem beschissenen Geschäftsführerposten.

			Natürlich hat sie den Blick in Lionels Augen gesehen. Sie hat ihm den ganzen Moment kaputtgemacht, er hatte es cool spielen wollen, er wollte diesen schmierigen Typen elegant auf seinen ganzen blöden Angeboten sitzen lassen, wie es die großen Politiker machen, er wollte ihn wahrscheinlich eiskalt auf tausend Mitarbeiter hochhandeln und dann lächelnd abblitzen lassen, damit er seine Armseligkeit spürt bis in die Knochen, damit er die Lektion auch begreift mit seinem kleingeistigen Spießerhirn. Aber manchmal ist eben keine Zeit, kein Platz mehr für Pädagogik. Und sie haben ihren Punkt doch in jedem Fall deutlich gemacht. Und trotzdem ist Lionel stocksauer gewesen, als Echler sich mit eingezogenem Schwanz verzogen hatte. Einen kurzen Moment lang hat es sogar ausgesehen, als ob er weinte vor Wut, er hat sie sogar weggeschickt, weil er sich schämt, dabei liebt sie ihn doch gerade wegen dieser Tränen.

			Aber das Allerseltsamste ist: Wenn sie es nicht besser wüsste, könnte sie beinahe auf die Idee kommen, Lionel sei wütend auf sie.





41


			Der Mann bekommt kein Gesicht, obwohl sich Leubl Mühe gibt. Leubl hat die Weste seines Anzugs schon aufgeknöpft, der Mann wird ihm gleich das Mikrofon anstecken, Leubl wird seine Weste wieder zuknöpfen und darunter das Kabel verbergen, das zum Akku führt. Den Akku wird Leubl dann dort unterbringen können, wo er ihn am wenigsten stört. Die Innentasche seines Sakkos zum Beispiel.

			»Den Akku können Sie dort unterbringen, wo er Sie am wenigsten stört«, sagt der Mann. »Die Innentasche von Ihrem Sakko zum Beispiel.«

			Leubl versucht, sich den Mann genau anzusehen, während der ihm das kleine Mikrofon an den Westenaufschlag clippt. Eine Sache der Höflichkeit, findet Leubl. Es stimmt, dass man sich nicht jeden Menschen merken kann, wenn man viel reist und viel in den Medien ist, aber Leubl bemüht sich trotzdem. Er will nicht, dass der Mikrofonmann nur irgendein Mikrofonmann ist, und das gilt nicht nur für Mikrofonmänner. In Hotels weiß er noch zwei Tage später halbwegs, wie das Zimmermädchen ausgesehen hat, die Mitarbeiterin, die ihn beim Frühstück nach der Zimmernummer und nach Kaffee oder Tee gefragt hat. Er kennt nicht nur die Journalisten, er erkennt auch zuverlässig die verschiedenen Fotografen, sogar von kleineren Regionalzeitungen. Aber bei Fernsehmitarbeitern klappt es einfach nicht.

			Der Mikrofonmann sagt etwas, das Leubl schon hundertmal gehört hat und sofort wieder vergisst. Die Fernsehstudios wird Leubl nicht vermissen. Heute, das ist sicher, heute beginnt der Anfang vom Abschied.

			Wie lange macht er jetzt schon Politik? Einundfünfzig Jahre? Dreiundfünfzig? Je nachdem, wann man anfängt zu zählen. Fest steht nur, dass es ihm anfangs überhaupt nicht um Politik ging. Zuerst war da nichts als Ekel. Der Widerwille gegen das, was sich Studentenbewegung nannte und immer mehr Leute aufsog, die überhaupt keine Studenten waren. Seine Freunde, Lehrlinge, Handwerker, im Schachklub sowieso, sogar im Fußballverein! Leubl wird noch heute wütend, wenn er daran denkt. Ihm ist, als hätten ihm diese 68er seine Jugend gestohlen.

			Er erinnert sich noch, wie fassungslos er war über den Erfolg dieser Mode. Denn das muss man ja auch mal klar sagen: Es war nichts als eine verdammte Mode. Aber eben das war ihr Geheimnis, dass sie so taten, als wären sie mehr als das, als hätten sie eine Berechtigung, die viel bedeutender war als nur der Wunsch, die Dinge anders zu machen als die eigenen Eltern. Leubl atmet tief ein.

			»Stimmt irgendwas nicht?«, fragt der Mann ohne Eigenschaften.

			Leubl macht ein paar Probebewegungen, das Mikrofonkabel spannt nicht, stört nicht. Er blickt zu dem Mann, sie sind sich einig, dass die Arbeit getan ist, und trennen sich, ohne dass Leubl im Nachhinein eine brauchbare Personenbeschreibung abgeben könnte. Er geht zurück in seine Garderobe und wartet auf seinen Auftritt.

			Einige Magazine liegen auf dem Tisch. Die Evangeline auch. Uschi Glas bekommt eine kleinere Geschichte. Uschi Glas. Eine der wenigen, die sich damals nicht völlig verrückt machen ließen. Dabei war der Druck groß. Das kann man sich gar nicht vorstellen. Heute tun immer alle so, als wären das nur harmlose Leute gewesen, die Soldaten eine Tulpe in den Gewehrlauf stecken. Und was konnte daran falsch sein? Sind Blumen nicht das Beste, was aus Gewehrläufen kommen kann?

			Aber das waren keine Traumtänzer, und es waren auch keine Weltverbesserer, jedenfalls die meisten von ihnen. Das waren einfach nur die nervtötendsten Schwätzer von allen, die damals ihre Chance gesehen haben. Diese Selbstgerechtigkeit, mit der sie normale Menschen zu Spießern abwerteten und sich zu strahlenden Revolutionären erhoben. Und dann erst diese Verhaltensdiktatur. Sie ersetzten den Muff unter den Talaren durch ihren eigenen Muff: endlose Diskussionen, entsetzliche Haare, diese furchtbare Phrasendrescherei, bei der man darauf achten musste, bestimmte Dinge nicht zu erwähnen und dafür möglichst oft »Produktionsverhältnisse« zu sagen oder »kritisch« oder »konterrevolutionär«. Und der einzige Grund, aus dem diese vertrocknete Bücherreligion funktionierte, war, dass man inzwischen die Pille entdeckt hatte – und die Billigrevolutionäre sich die beliebtesten Mädchen gesichert hatten. Weshalb auch jeder aufgeweckte Junge über kurz oder lang bei ihnen mitmachte. Und dann auch die nicht so beliebten Mädchen. Und die nicht so aufgeweckten Jungs. Das alles war so durchschaubar, und trotzdem war es allen egal. Nur ihm nicht. Er hatte keine Lust, Sätze über das Proletariat aufzusagen und über das gleichberechtigte Zusammenwirken aller Produktivkräfte, bloß um mit Elisabeth Förtsch Rudi Dutschke anhimmeln zu dürfen.

			Also ging er in die CSU.

			Das war’s dann mit Elisabeth. Und wofür? Drei Jahre später war sie genauso schwanger wie jedes andere Mädchen vom Land, nur mit dem Unterschied, dass der revolutionäre Vater für sein Kind keinen Pfennig zahlte. Und sie das akzeptierte und auch noch für Emanzipation hielt. Leubl nimmt sich das Heft und blättert abwesend durch die Seiten. Die reinste Zeitreise. Nicht alle altern so elegant wie Senta Berger. Oder schon wieder Uschi Glas, die sich inzwischen zu einer Mutter der Nation transformiert hat, eine Art Inge Meysel in immer noch ganz schön hübsch.

			Es klopft an der Tür. Sie öffnet sich, ein junger Frauenkopf schaut herein und sagt: »Noch zehn Minuten, Herr Minister.«

			»In Ordnung«, antwortet Leubl.

			Oberflächlich eine Sache tun und zugleich eine ganz andere Sache transportieren. Wie Strauß. Es hat etwas gedauert, bis er, Leubl, das begriffen hatte. Aber seitdem hat er Strauß nicht nur gewählt, sondern auch bewundert. Der hätte einen guten Bundeskanzler abgegeben. Schmidt war okay, zugegeben, aber Strauß hätte es auch gekonnt. Was waren das noch für Wahlen, mit zwei solchen Kandidaten! Politik hat früher mehr Spaß gemacht. Auch darum wird er heute den Abschied einleiten.

			»Kommen Sie, Herr Leubl?«

			Die Assistentin von vorhin steht in der Tür. Die Frauen haben wenigstens keine schwarzen Westen an. Aber trotzdem kann er sich selten mehr merken als ihre Haarfarbe. Schon beim Vornamen wird es eng. Seine Enkelin würde sie mit dem Smartphone fotografieren, aber das können sich nur junge Menschen erlauben. Bei alten Menschen wirkt das senil. Leubl steht auf und folgt der Assistentin.

			»Sie wissen Bescheid?«

			Er nickt: »Ich war schon zweimal bei Klobinger.« Aber er weiß, dass die Erklärung trotzdem kommen wird.

			»Ja, trotzdem, zur Sicherheit und weil wir einen neuen Produktionsleiter haben. Ich möchte Sie bitten, sich kurz zu setzen, damit wir Sie ausleuchten können. Man könnte auch wen anderes zum Ausleuchten nehmen, aber, wie gesagt, wir haben einen neuen Produktionsleiter, der glaubt nicht so sehr an Lichtdoubles.«

			»Die ganze Welt ist voll Glaubensfragen«, sagt Leubl nachsichtig. Er schaut noch mal hin: Die Assistentin hat braune Haare. Er hätte schon wieder wetten können, dass sie schwarz waren oder dunkelrot.

			Sie führt Leubl ins Studio und zu seinem Platz. Auf dem Weg schüttelt er die Hände sämtlicher Kameramänner, Beleuchter, Mitarbeiter, teils aus Freundlichkeit, teils aus alter Gewohnheit: Kameraleute sind auch Wähler. Robert Klobinger ist noch nicht da. Leubl setzt sich, dreht sich in seinem Stuhl, er lässt sich fallen, gibt sich dem Sog der Sendung hin. Früher war er noch nervös, aber man muss bedenken: Er hat seine ersten Sendungen, seine ersten Interviews zu einer Zeit bestritten, als es nur drei Kanäle gab und jeder Auftritt im Fernsehen so viele Zuschauer hatte wie ein Länderspiel. Heute weiß er, dass die meisten Fehler schnell vergessen sind, trotz Youtube. Klobinger trifft ein, sie schütteln sich die Hand, eine kurze Durchsage kommt über die Studiolautsprecher. Leubl steht auf, geht in die Kulisse, wo er zwischen zwei Pressspanwänden steht wie der Kunde einer Möbelschreinerei. Ein Assistent tritt vor Klobinger an den Tisch, er presst die Hand an seinen Ohrhörer, dann hebt er eine Hand, zählt mit den Fingern rückwärts: fünf, vier, drei, zwei, eins. Der letzte Finger zeigt auf Klobinger, und der Assistent taucht mit einer eleganten Bewegung nach unten ab, wie ein Zauberer, der nach seinen Fingern auch sich selbst verschwinden lässt.

			Klobinger begrüßt sein Publikum. Es gibt einen kurzen Einführungsfilm, der Nadeche Hackenbusch und diesen idiotisch-genialen Lionel zeigt, ihren Marsch mit den Hunderttausenden, schlicht und schillernd zugleich wie Xenophons Zug der Zehntausend, Maos Langer Marsch, Gandhis Salzmarsch, Mussolinis Marsch auf Rom und hundert andere Märsche der Geschichte. Man muss nichts neu erfinden, denkt Leubl, im Grunde bleibt es immer derselbe alte Krempel.

			Der Film zeigt die Härten der ersten Tage, den Weg durch die Wüsten, unter dem Suezkanal hindurch, erfreulich sachlich, bei RTL hätten sie vermutlich auf die ohnehin schon starken Bilder auch noch bittersüße Musik geschmiert. Und er zeigt die anwachsenden Massendemonstrationen, die Wahlergebnisse, die Umfrageergebnisse. Er zeigt die Unsicherheit und ihre Profiteure.

			Der Einspieler endet. Klobinger begrüßt seinen heutigen Studiogast, und Leubl schreitet zu seinem Sitzplatz. Er ist ein guter Schreiter, er hat schon für Hunderte von Nachrichtenbeiträgen ganze Jakobswege abgeschritten. Leubl im Flur des Abgeordnetenhauses. Leubl, wie er eine Treppe hinuntergeht. Nicht in die Kamera sehen, unverkrampft gehen, an der Kamera vorbei. Es ist immer dasselbe.

			»… den Bundesinnenminister Joseph Leubl, CSU. Schön, dass Sie hier sind. Sie haben den Film auch gesehen. Sie selbst haben mehrfach betont, welche Hindernisse diesen Zug erwarten. Wie sehr hat es Sie jetzt überrascht, wie weit die Flüchtlinge gekommen sind?«

			Leubl schüttelt den Kopf: »Nicht sehr. Überraschend ist, dass keiner eher auf diese Idee gekommen ist. Es war doch nur eine Frage der Zeit. Man kann ja sein Leben nur einmal verlieren. Wenn diese Menschen es für eine lebensgefährliche Überfahrt aufs Spiel setzen, geht es auch mit einem lebensgefährlichen Marsch.«

			Klobinger sieht ihn verwundert an. Leubl genießt den Moment. Er hat lange genug die üblichen Formeln in Mikrofone gesagt. Er weiß auch, was passieren wird. Die Schwäche, die er zeigt, ist zu verlockend, Klobinger muss seinen Fragenkatalog jetzt ignorieren. Leubl sieht, wie Klobinger seine Kärtchen achtlos in den Händen dreht. Dann stellt er folgsam die Frage, als hätte Leubl sie ihm notiert:

			»Warum ist Deutschland dann nicht besser vorbereitet? Haben Sie versagt?«

			»Ich denke, Sie wissen so gut wie ich, wo die Verantwortung dafür liegt. Der Wähler wollte keine Flüchtlinge mehr sehen, also hat ihm die Politik einen Sichtschutz gebaut. Wir haben die Grenzen in Afrika geschlossen und die Flüchtlinge aufgestaut. Jeder weiß, was passiert, wenn sich Dinge aufstauen, ohne dass man sie abfließen lässt. Der Damm läuft über, oder er bricht.«

			»Ich weiß nicht, ob der Flutbegriff hier der richtige Vergleich ist …«

			»Sie können es nennen, wie Sie wollen.«

			»… aber um in Ihrem Bild zu bleiben: Vielleicht taugen Ihre Dämme nichts.«

			»Sie können sich gerne beschweren, aber es war jedem klar, was wir da machen. Wir schließen Abkommen mit Marokko, Ägypten, der Türkei, Tunesien, und das sind noch die stabilsten. In diesen Ländern würden Sie keinen Gebrauchtwagen kaufen, ich nicht und der Wähler auch nicht. Und wenn Sie Millionen Menschen zusammenballen, die zwar nicht das Geld für Schlepper nach heutigen Preisen haben, aber doch immerhin für die Tarife von 2015, dann kommt genug Geld zusammen, dass die zu Fuß überallhin kommen, wenn sie’s clever anstellen.«

			»Aber die Abkommen …«

			»Sie können zehn Flüchtlinge aufhalten, fünfzig, hundert, aber keine Viertelmillion, schon gar nicht, wenn das Fernsehen nebenhermarschiert. Und wenn diese Leute Ihnen glaubhaft klarmachen, dass die nicht bei Ihnen bleiben wollen, dann passiert genau das, was passiert ist: Das Militär hält sie nicht auf, sondern geleitet sie durch. Es passt höchstens noch auf, dass keiner was anstellt.«

			Klobinger ist sichtlich aus der Bahn geworfen. Er legt den Kartenstapel weg, weil die nächste Frage sich von selbst stellt.

			»Das heißt, diese Menschen werden weiterziehen?«

			»Ja, sicher.«

			»Und wer wird sie aufhalten?«

			»Ich weiß nicht«, sagt Leubl. »Vielleicht hätte es der Islamische Staat noch gekonnt.«

			»Ist das Ihr Ernst?«

			»Sie können so gut auf die Landkarten schauen wie jeder andere: Jetzt sind sie bei den Türken. Werden die sie aufhalten? Nicht mit Gewalt.«

			»Woher wollen Sie das wissen?«

			»Weil ich mit meinen türkischen Kollegen telefoniert habe.«

			»Aber müssen die Türken nicht …«

			»Ich sage Ihnen, was passieren wird: Die Flüchtlinge werden an die türkische Grenze kommen. Und dann werden sie loslaufen. Ganz langsam. Die pressen sich gegen Ihren Zaun oder was immer sie aufhält. Und dann haben Sie vorne als türkischer Grenzer die Wahl, ob Sie vor den Kameras der Welt zur besten Sendezeit ein Blutbad an wehrlosen Menschen anrichten oder zusehen, wie sich diese Menschen erst zu Tode quetschen und dann Ihren wunderbaren Zaun unter den Toten zermalmen.«

			»Denken Sie sich das aus?«

			»Nein, ich sage Ihnen das, was dieser Lionel den türkischen Kontaktleuten gesagt hat.«

			»Die marschieren in den Tod?«

			»Nein, sie riskieren ihr Leben wie früher auch. Aber eben viel effizienter als in der Lotterie mit den Schlauchbooten.«

			»Und die Türken?«

			»Na, was werden die Türken machen? Wenn die Flüchtlinge das tatsächlich durchziehen, dann werden die ihre Tore öffnen. Warum sollten die Türken für uns die Leute abschlachten?«

			»Weil … weil sie womöglich auf den Flüchtlingen sitzenbleiben?«

			»Sie wissen genauso gut wie ich, dass diese Leute die Türkei nicht für ihr Traumziel halten. Die wollen zu uns. Und jetzt raten Sie mal, was dieser Lionel gesagt hat, was er an der nächsten Grenze macht? Der braucht nicht jedes Mal eine neue Idee. Eine reicht.«

			»Das bedeutet: Ihrer Einschätzung nach kommen sie bis zur Grenze der Europäischen Union?«

			»Nein.«

			»Aber wer wird sie aufhalten?«

			»Sie haben mich falsch verstanden, Herr Klobinger«, sagt Leubl ruhig. »Sie kommen nicht bis zur Grenze der Europäischen Union. Sie kommen bis zu uns.«

			»Aber die Ungarn, die Österreicher …«

			»Wir haben die Solidarität unserer östlichen Partner gut genug kennen gelernt. Ich rechne nicht mit deren Hilfe. Die werden uns die Arbeit nicht abnehmen. Die werden die Flüchtlinge genauso durchlassen wie das letzte Mal.«

			»Ja, aber – das hieße, dass Sie sich darauf vorbereiten … müssen, die deutschen Grenzen mit Waffengewalt zu verteidigen?«

			Leubl atmet tief ein. Selten war er so entspannt wie jetzt. Er beugt sich nur leicht vor, er will seine Antwort nicht überbetonen.

			»Gegen die Flüchtlinge? Nein.«

			Klobinger hatte mit einer längeren Antwort gerechnet. Mit einer ausweichenden Antwort. Mit einer anderen Antwort. Man sieht es, weil er erst irritiert nach seinem Zettelstapel greift und ihn erst danach entschlossen weglegt.

			»Habe ich Sie richtig verstanden?«

			»Ich denke schon.«

			»Und Sie würden nicht die entsprechenden Befehle geben?«

			»Ich werde es nicht tun.«

			»Ist das … ist das mit … mit der Bundesregierung abgesprochen?«

			»Das ist mit mir abgesprochen.«

			»Äh … ich bin jetzt … das wäre aber doch Ihr Aufgabenbereich. Als, als Innenminister.«

			»Das ist korrekt.«

			»Dann – verzeihen Sie, wenn ich das so sage – aber dann sind Sie vermutlich die längste Zeit Innenminister gewesen.«

			»Denkbar. Die Bundesregierung kann gerne jemanden suchen, der das anders sieht. Ich bezweifle nur, dass sie jemanden findet, der seinen Amtseid verletzt.«

			»Wieso verletzen? Der Amtseid erfordert ja wohl gerade eben den Grenzschutz.«

			»Der Amtseid erfordert den Nutzen des Volkes zu mehren und Schaden von ihm abzuwenden.«

			»Ist das nicht dasselbe?«

			»Nur wenn man Flüchtlinge für einen Schaden hält.«

			Klobinger wirkt für einen Augenblick wie jemand, der lieber bei einem Privatsender arbeiten würde, weil er dann jetzt eine Werbepause einfordern könnte.

			»Sehen Sie das denn anders?«

			»Sachlich gesehen sind Flüchtlinge ein sicheres Indiz dafür, dass die Lebensqualität bei uns besser ist als, sagen wir, in Russland.«

			»Darf ich zusammenfassen: Der Bundesinnenminister sagt im deutschen Fernsehen, dass er sich weigert, hunderttausendfache illegale Grenzübertritte zu verhindern? Weil er der Ansicht ist, so viele Flüchtlinge seien eine Art Gütesiegel für Deutschland?«

			»Sie dürfen zusammenfassen, aber dann richtig: Ich weigere mich, weil Tausende tote Flüchtlinge der größere Schaden wären«, sagt Leubl, und dann schiebt er nach: »Derzeit.« Damit Klobinger auch sicher zurückfragt.

			»Derzeit?«

			Leubl lehnt sich zurück, seine Stimme klingt gefasst und gelassen: »Sie kennen das beliebte Bild vom Rettungsboot. Wenn das Boot voll ist, gefährden weitere Rettungen die Leute im Boot. Dann müssen Sie schießen, um Menschen zu retten. Aber alle wissen auch, wie die Rettungsboote der Titanic ausgesehen haben: halbleer. Wer da schießt, wird zum Mörder.«

			»Und Sie sagen jetzt: Das Boot ist halbleer?«

			»Es wird sogar immer leerer, während wir hier reden: weil es ein besonderes Boot ist. Dieses Boot ist nicht aus Holz: Es besteht aus einer Wirtschaft, die exzellent funktioniert. Und je mehr Menschen in diesem Wirtschaftssystem mitarbeiten, desto mehr Platz ist in diesem Boot. Wenn Sie es richtig machen, wächst dieses Boot also, während Sie drinsitzen.«

			»Das heißt: Wir sollen Flüchtlinge aufnehmen, damit wir noch mehr Flüchtlinge aufnehmen können?«

			Leubl nickt.

			»Und wann werden das wieder weniger?«, fragt Klobinger süffisant und nimmt einen Schluck Wasser.

			»Gar nicht.«

			Klobinger verschluckt sich. Leubl reicht ihm ein Taschentuch: »Aber wir retten so immerhin einiges von unserem Wohlstand.«

			»Rein technisch«, sagt Klobinger hustend und klopft sich mit der Faust vor die Brust, »rein technisch lässt sich dieser Wohlstand aber auch retten, indem man gemütlich in einem halbleeren Boot herumfährt, oder?«

			Leubl schüttelt den Kopf.

			»Im halbleeren Boot sitzen dann Leute, die andere Leute umgebracht haben, nur damit sie’s gemütlich haben. Das sind Mörder, und ihr Mord wird sie einholen. Erst werden sie versuchen, den Mord kleinzureden. Dann werden sie versuchen, ihn zu entschuldigen. Aber das wird nicht gehen, weil jeder sieht: Das Boot ist halbleer. Also werden sie versuchen, ihre Kritiker zum Schweigen zu bringen. Verstehen Sie?«

			»Ist das denn zwangsläufig?«

			»Aber sicher. Als 2013 die Leichen durchs Mittelmeer trieben, da haben wir uns bereits der unterlassenen Hilfeleistung schuldig gemacht. Aber wer gibt das zu? Also haben Leute, die noch nie einen Flüchtling gesehen haben, angefangen, sich zu Opfern umzulügen. Dieser erste Rechtsruck war unsere Reaktion auf Tote, die noch zweitausend Kilometer weit weg waren. Was glauben Sie, was Sie für einen Rechtsruck kriegen, wenn es um Massenmord vor unserer Haustür geht?«

			Klobinger denkt nach. »Sie warnen vor einem Ende der Demokratie?«

			»Nein: vor einem Ende des Wohlstands. Viele glauben, dass Demokratie für Wohlstand entbehrlich ist. Es sieht aber so aus: Smartphones, Coca-Cola, Internet, Porsche, diese Sachen zu entwickeln entscheidet darüber, ob Sie ein Champions-League-Land sind oder eine Zweitliga-Nation. Doch solche Ideen und Produkte entstehen nicht in Russland, der Türkei oder China. Deswegen kommen die Flüchtlinge auch zu uns und nicht zu denen.«

			»Die Nazis haben einige sehr fortschrittliche Dinge erfunden«, stichelt Klobinger, »zum Beispiel die V2.«

			»Nicht die Nazis sind der Vater aller Dinge, der Krieg ist es«, gibt Leubl zurück. »Aber Sie haben recht: Eine Gesellschaft von Mördern braucht Feinde, um mithalten zu können. Und das ist der Grund, weshalb ich nicht schießen lassen werde.«

			Klobinger schweigt.

			»Was werden Sie dann tun?«

			»Wir werden das tun, was wir schon lange hätten tun sollen: Wir werden uns und die Bevölkerung auf ihre Ankunft vorbereiten.«

			»Auf ihre Ankunft? Oder auch auf ihr Bleiben?«

			»Ganz besonders auf ihr Bleiben.«

			»Und wie wollen Sie die Bevölkerung darauf vorbereiten?«

			»Wir sagen ihr, was auf sie zukommt. Es kommen mehrere hunderttausend Menschen. Der Großteil dieser Menschen wird bleiben. Es werden weitere kommen, und …«

			»Aber …«

			»… es werden weitere kommen, und weil wir das wissen und akzeptieren, werden wir das in berechenbare Bahnen bringen müssen. Wir werden diese Menschen künftig schon in ihren Herkunftsländern ausbilden müssen. Wer sich am meisten Mühe gibt, wird am schnellsten zu uns gebracht. Wir werden Ausbildungsstätten bauen, in Afrika und im Osten Deutschlands, damit die Landschaften da wirklich zu blühen anfangen. Wir werden Milliarden ausgeben, und zwar eher fünfzig als fünf. Jahr für Jahr. Damit sorgen wir dafür, dass die Leute, die zu uns kommen, auch fit sind für uns. Und wer von den Nörglern hier das Maul am weitesten aufreißt, den packen wir als Ersten bei seiner Ehre und seinem Willen zur Mitarbeit für sein Land …«

			»Verzeihung …«

			»… und dann will ich diese Quengler sehen, wie sie einen solide bezahlten Arbeitsplatz ablehnen, nur um weiter Nazi sein zu dürfen.«

			Leubl schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch und sinkt in den Sitz zurück. Nicht erschöpft, sondern mehr wie ein Boxer, der den Gegner nach einem scharfen Angriff jetzt kommen lässt.

			»Verzeihung«, nimmt Klobinger das Wort, »Herr Leubl, ist auch nur irgendetwas von dem hier mit der Regierung abgesprochen?«

			Leubl sagt sachlich: »Nein.«

			»Aber dann – dann sehe ich hier nur einen Minister, der sich gerade auskotzt. Verständlich, menschlich, aber ohne jede praktische Konsequenz.«

			»Da irren Sie sich«, sagt Leubl langsam. »Manchmal geht es im Leben nicht um Recht, Gesetz oder Weisungsbefugnis, sondern einfach nur um Realität. Sehen Sie, es gibt niemanden, der sich um die Aufgabe reißt. Niemand will wehrlose Menschen niederschießen. Der Schwarze Peter ist bei mir. Sie werden keine Stellungnahme aus dem Kanzleramt hören, die sagt: ›Leubl hat unrecht, wir werden an seiner Stelle das Feuer eröffnen.‹ Wenn jemand das Problem anders lösen will, bin ich eine Stunde nach dieser Sendung meinen Job los. Sie werden hundertprozentig morgen früh feststellen: Ich habe meinen Job immer noch. Aber es gibt auch eine gute Nachricht.«

			»Und die wäre …?« Jetzt klingt Klobinger selbst überrollt.

			»Erstens: Wir haben eine gute Chance, dass wir unseren Wohlstand in Zukunft behalten dürfen. Zweitens: Wir werden besser ausgebildete Einwanderer bekommen als jedes Land der Erde. Denn wir können sie nach unseren Bedürfnissen ausbilden. Das ist ein Deal: Wir bieten Schutz und Einkommen gegen Mitarbeit. Drittens: Mit etwas Glück werden die anderen wohlhabenden Nationen das Modell von uns kopieren.«

			Klobinger sagt nichts. Leubl lächelt ihn an: »Trinken Sie einen Schluck.« Klobinger folgt, verwirrt. Dann sagt er: »Und das von einem CSU-Mann …« Leubl zuckt mit den Schultern. Er greift zur Wasserkaraffe und schenkt nach.

			»Wissen Sie, in der CSU muss man manchmal sehr brachiale Standpunkte einnehmen, damit die Menschen nicht zu Naziparteien rennen. Weil es die Aufgabe der CSU ist, Nazi-Inhalte mit konservativen Positionen auf ein demokratisch verträgliches Maß zu verdünnen. Aber irgendwann war mir klar, dass wir stattdessen drauf und dran waren, unseren christlichen Kern umgekehrt in Nazi-Soße zu ertränken. Da hätte auch Strauß sich geweigert. Strauß hätte nicht AfD gewählt, er hätte vor ihr ausgespuckt.«

			»Das … das ist doch ein schönes Schlusswort«, sagt Klobinger konsterniert in die Kamera. »Wir freuen uns, dass Sie dabei waren, nächstes Mal geht es bei uns um … um …«

			Leubl nimmt den abgelegten Kartenstapel und reicht ihn hilfsbereit an Klobinger weiter. Der blättert hastig durch die letzten Textkarten, bis er findet, was er sucht:

			»… genau, um –«

			Klobinger stockt. Dann sagt er mit einem heiseren Auflachen:

			»Nein, das kann ich mir beim besten Willen nicht mehr vorstellen.«





42


			Diese Arschgeige!

			Sensenbrink sitzt in seinem Sessel und ballt eine Faust. Er weiß nicht recht, wohin mit der Faust. Er könnte sie auf die Armlehne krachen lassen, aber das wäre nicht genug. Die Tischplatte reicht auch nicht aus. Also verharrt die Faust in der Luft und ballt sich immer krampfhafter, wie ein Igel, wenn man ihn anstupst.

			»Jetzt fällt ihm das ein. Jetzt!«

			Beate Karstleiter macht ein zerknirschtes Gesicht. In der Runde herrscht Totenstille. Sensenbrink sitzt kopfschüttelnd da, bleich vor Wut. Seine andere Hand stößt angewidert einen dicken Stapel Papier von sich, dann schnellt die Hand vor, greift nach dem Stapel und lässt ihn mit einem Wutschrei durchs Zimmer segeln.

			»Alles für ’n Arsch!«

			»Na ja, mal langsam«, sagt Karstleiter vorsichtig, »vielleicht muss man noch nicht alles wegschmeißen …«

			»Ach, nicht?«, höhnt Sensenbrink. »Wenn der Innenminister der Bundesrepublik Deutschland zur besten Sendezeit im Fernsehen sagt, wie deine Sendung ausgeht?«

			»Wahrscheinlich ausgeht.« Karstleiter hebt die Handflächen zu einer federnden Bewegung zwischen Beschwichtigung und Kotau. »Wahrscheinlich. Vielleicht.«

			»Vielleicht? Mal eine einfache Frage: Glaubst du, die ARD wird am Sonntagabend jetzt noch einen Brennpunkt vor den Tatort knallen? Machen wir doch eine kleine Umfrage, dann kann sich der Rest der Runde hier auch mal einbringen: Wer glaubt, dass wir in vierzehn Tagen am Sonntag den Tatort pünktlich zu sehen kriegen – Hände hoch!«

			Sensenbrink wartet das Ergebnis nicht ab. Er sagt es nicht, aber jeder weiß, was gemeint ist: Er hat im Sender den gesamten Tag freigeschlagen, mehr oder weniger. Die Formel 1 hat er rausgekickt, sogar den Sonntagabend halten sie ihm frei, Viertel nach acht, den Programmzeitpunkt, an dem normalerweise die Blockbuster aus Hollywood gegen den Tatort antreten. Für die Übertragung des Showdowns. Live marschieren Hunderttausende von Flüchtlingen auf die türkische Grenze zu, und niemand weiß, wie die Grenzer reagieren. Die hübschesten Flüchtlinge vorneweg, Frauen, Kinder, und es steht zu keiner Zeit fest, ob sie den Abend überleben werden. Die spannendste Nachrichtensendung seit dem Mauerfall und mittendrin eine der schönsten Frauen Deutschlands. Ein Dutzend Drohnenteams, Bilder aus jedem Blickwinkel, hundert Flüchtlinge mit Kameras und Sendern verkabelt, Bilder von ganz vorne am Zaun, auch wenn die Schüsse fallen.

			»Stellen Sie sich das vor«, hat Sensenbrink ganz oben im kleinsten Kreis gesagt, »die Türken schießen, wir checken die Bilder im Regieraum, und Sie kriegen alles mit, das Zucken, die Angst, die Panik, und diese mutigen Leute können nicht weg und wollen nicht weg, wir sehen das, wir hören den Originalsound, und dann plötzlich Kamera 52, die wankt, und die Regie kriegt das mit und schaltet sich drauf, aber Kamera 52 geht runter, zwei weitere Einschläge, und sie bewegt sich erst noch ganz wenig. Und dann …«, Sensenbrink hat eine kleine Pause gemacht, »… dann nicht mehr. Und wir sehen von unten, vom Boden das unbewegte Bild. Ein bisschen schief, eine letzte Bewegung … dann … bleibt es so.«

			Keiner hatte gemuckst. Fünfzehn, zwanzig Sekunden Stille, bis Kärrner halb scherzend gesagt hat:

			»Vielleicht ist sie einfach runtergefallen.«

			Darauf er, Sensenbrink, ganz ruhig: »Ja. Vielleicht.«

			In dem Augenblick hatte er den Sonntag sicher. Fünf Stunden. Live. Und open end.

			Und jetzt werden sie ihn frittieren. Was senden wir denn nun da am Sonntag, Herr Sensenbrink? Dieselben Leute wie immer, aber diesmal haben sie Kameras im Knopfloch? Dürfen wir Sie daran erinnern, dass die Refugeecam schon nach einem Vierteljahr eingeführt wurde? Es wurden sogar noch Witze drüber gemacht: »Kamerakind Flüchtling«, erinnern Sie sich? Das war’s, Herr Sensenbrink. Vielen Dank für nichts.

			»Vielleicht tun sie’s ja nicht …«, versucht es die eigentlich zuverlässige Anke.

			»Was??«

			»Na ja, vielleicht überlegen sie es sich noch mal anders …«

			»Und das verrät uns nur niemand?« Sensenbrink winkt resigniert ab. »Nein, eins ist klar: Wenn es Informationen gibt, dass die Türken für uns freundlicherweise doch den Prellbock spielen, dann hätte das einer gesagt.«

			»Die anderen wollen ihre Geschichte eben auch nicht kaputtmachen«, meint Karstleiter. »Wenn uns die Türken helfen, würden die AfD und die ganzen Panikprofiteure versuchen, es kleinzuhalten, die sozialen Netzwerke finden die Panik gerade prima …«

			»Aber die Regierung würde es sagen. Und die Türken würden eine Pressekonferenz geben, zur Unverletzlichkeit ihrer Grenzen, Staatshoheit, Gewaltmonopol, bla, bla, bla …«

			»Trotzdem: Bei den Türken weiß man doch nie, was ihnen einfällt. Kann doch sein, dass es noch Verhandlungen gibt«, behauptet Olav gelassen.

			»Es ist Politik, und in der Politik ist noch immer alles eine Frage des Preises«, stimmt Karstleiter zu.

			»Also schön, ihr Schlaumeier. Es hat drei Milliarden gekostet, dass sie auf ihre Küsten ein bisschen aufgepasst haben. Was wird es jetzt kosten, damit sie zur besten Sendezeit vor den Kameras der Welt das Feuer auf wehrlose Menschen eröffnen? Taschenrechner raus, wenn’s unter fünfzig Millionen sind, dann zahl ich’s aus den Werbeeinnahmen!«

			»Fünfzig Milliarden?«, rät einer.

			»Ihr braucht’s nicht ausrechnen«, brüllt Sensenbrink, »das machen die für kein Geld der Welt!«

			»Jetzt mal alle wieder ganz sachlich.« Beate Karstleiter probiert es jetzt mit der Rolle als Herbergsmutter. »Was hat sich denn geändert? Die Türken werden nicht schießen, schön. Aber wenn man sich das so anhört, dann hätten sie doch vorher auch nicht geschossen, oder? Also bleibt letzten Endes alles beim Alten.«

			»Unser Problem ist nicht, dass sich der Film geändert hätte«, seufzt Sensenbrink, »das Problem ist, das Onkel Dödl allen verraten hat, wie er ausgeht.«

			»Und dass jetzt die anderen die bessere Geschichte haben, das stimmt schon«, sagt die eigentlich zuverlässige Anke. »Die Basis der CSU schreit auf, alle diskutieren, ob Leubl recht hat, die Rechten kriegen Zulauf in Millionenstärke …«

			»Die spontane Demo in Berlin direkt nach der Sendung, die Polizei hat Hunderttausend gezählt, mitten in der Nacht!«

			»Wenn die Bullen Hunderttausend sagen, waren’s Zweihunderttausend.«

			»Und heute Abend wieder!«

			»… und das alles sind Nachrichtengeschichten. Das kriegen ARD, ZDF. Und was machen wir? Dicke Backen. Die komplette Die-Flüchtlinge-bereiten-sich-auf-die-Grenze-vor-Nummer können wir knicken. Zwei Wochen Vorberichterstattung für die Tonne.«

			»Und wenn wir die Hochzeit vorziehen?«, fragt Karstleiter.

			Das ist der einzige Nachteil von Karstleiter, denkt Sensenbrink: Sie ist keine Autorin. Wenigstens kann er sich drauf verlassen, dass hier Olav die Nachhilfe übernehmen wird. Beziehungsweise die eigentlich zuverlässige Anke, weil Olav zu seinem aufleuchtenden Handy guckt und sich anschickt, mit einer »Da muss ich ran«-Geste den Raum zu verlassen.

			»Hatten wir nicht gesagt ›Handys aus‹?«, fragt Sensenbrink giftig.

			»Ja«, sagt Olav halb aus der Tür, »aber doch nur, wenn’s nicht wichtig ist.« Sensenbrink schmeißt resignierend einen Stift durchs Zimmer.

			»Was ist denn nun mit der Hochzeit?«, beharrt Karstleiter, »das wäre doch was Starkes.«

			»Das mit der Hochzeit könnten wir machen, aber nur wenn Herr Sensenbrink es ausdrücklich wünscht«, stellt die eigentlich zuverlässige Anke fest. »Empfehlen würden wir’s nicht. Im Gegenteil.«

			»Wer wir?«

			»Na ja, die Autorenseite.«

			»Und wieso? Hochzeit ist doch prima!«

			»Aber nur wenn auch der Rest der Geschichte stimmt«, sagt die eigentlich zuverlässige Anke. Sie seufzt, weil sie hier etwas erklären muss, das eigentlich jeder im Raum weiß, mit Ausnahme von Karstleiter und vielleicht noch dieser Hayat: »Nadeche und Lionel heiraten nach einer glücklichen Ankunft – sehr schöne Geschichte. Nadeche und Lionel heiraten, weil sie nicht wissen, ob sie den nächsten Tag überleben werden – noch schönere Geschichte.«

			»Wie Hitler und Eva Braun«, erläutert Sensenbrink großzügig.

			»Aber Nadeche und Lionel heiraten, weil sonst gerade nichts los ist«, die eigentlich zuverlässige Anke sammelt ihre Finger hinter den Daumen und lässt sie zu gestreckten Händen explodieren, »das verpufft. Das ist dann wie die Geissens, wenn sie aus lauter Not ihr Ehegelübde erneuern.«

			»Okay, okay, war ja nur ein Vorschlag.«

			»Ganz abgesehen davon, dass die Alte ja noch nicht mal geschieden ist«, sagt Sensenbrink. »Um mal was Einfacheres zu fragen: Läuft das eigentlich schon? Hat der von Kraken schon eingewilligt, oder wie oder was? Wer kümmert sich da drum?«

			Eine Hand in der zweiten Reihe geht hoch, eine ältere Frau sagt: »Da sind wir dran. Zusammen mit der Evangeline. Das ist wohl nur eine Geldfrage.«

			»Das heißt?«

			»Dass Nicolai von Kraken Geld von Nadeche will. Das muss ein ganz unangenehmer Typ sein, richtig schmierig …«

			»Was heißt hier schmierig?« Sensenbrink ist genervt. »Steht ihm das Geld zu oder nicht?«

			»Das kann man so und so sehen …«

			Sensenbrink spannt seinen Unterkiefer an.

			»… aber rein rechtlich wohl schon.«

			»Und moralisch nicht, oder wie?«

			»Na ja, es gibt da Schwierigkeiten.«

			»Und welche?«

			»An Geld kann’s Nadeche ja wohl kaum fehlen«, stichelt Karstleiter.

			»Fehlen nicht, aber wie man so hört, ist das Problem, dass im Freundeskreis von Frau Hackenbusch schon zahlreiche Scheidungen vorgefallen sind. Und Frau Hackenbusch hat es offenbar noch nie erlebt, dass bei einer Scheidung die Frau Geld an den Mann zahlt.«

			»Weil bei den anderen Tanten ja auch üblicherweise der Kerl derjenige ist, der das Geld mitbringt«, sagt ein Alm-Öhi. Sensenbrink nickt zustimmend in seine Richtung: »Eben. Wo soll denn bei dem das Geld herkommen? Die braucht sich doch bloß mal anschauen, was der sogenannte Produzent in den letzten Jahren produziert hat. Da gab es doch nur zwei Kategorien: Flop und heiße Luft.«

			»Ja, aber trotzdem: Frau Hackenbusch findet wohl, dass es einen Fall, bei dem die Frau zahlt, nur durch Betrug geben kann. Das heißt: Sie wird vor Gericht ziehen, und damit können wir eine schnelle Scheidung sowieso vergessen.«

			»Nee«, sagt Sensenbrink, »wenn’s nötig wird, zahlen wir den Trottel einfach aus. Das Recht ist der wurscht, solange sie nicht blechen muss. Das kriegen wir hin. Dann können die übermorgen heiraten. Aber es stimmt: Einfach so, ohne jeden Anlass, ist die Hochzeit scheiße. Hat jemand eine bessere Idee?«

			»Wir könnten klagen, dass die Bundesregierung was machen muss …«, schlägt Hayat vor.

			»Genau. Liebes Bundesverfassungsgericht, bitte rette meine Sendung«, spottet Sensenbrink. »Der Einzige, der was davon hat, ist der Dieter Möller im Ersten.«

			»Uh. Der.« Das kommt von einem anderen Alm-Öhi. »Den gibt’s doch auch schon ewig. Wie alt ist der – hundert?«

			»Wir könnten die Gegenseite aufnehmen«, regt Karstleiter an.

			»Wie – aufnehmen?«

			»Na ja, nach jeder Sendung E-Zwo gibt’s fünfzehn Minuten über Pegida.«

			»Wie dieser komische Nachklapp nach Germany’s Next Topmodel? Diese Sendung nach der Sendung?«

			»So ähnlich, ja.«

			»Klar, und danach die Sendung nach der Sendung nach der Sendung, da darf dann der Polizeipräsident seine Bedenken vortragen und der Schwager vom Hausmeister – nee, das ist zu billig. Außerdem machen wir eine Show über Engel und Helden und nicht eine über Nazis.«

			»Das sind doch nicht alles Nazis …«

			Das allgemeine Gelächter hilft zwar nicht weiter, es hat aber etwas Entspannendes. Karstleiter versucht gerade um Ruhe zu bitten, als die Tür aufgeht und Olav zurückkommt.

			»Er ist wieder da«, sagt Sensenbrink anklagend, aber an Olav tropft der Vorwurf ab – diesmal allerdings nicht an seiner üblichen Selbstzufriedenheit. Olav ist angespannt bis in die Haarspitzen, ohne das Handy wegzustecken, beugt er sich zu Sensenbrink und Karstleiter, woraufhin Karstleiter ziemlich rasch verkündet: »Okay, wir machen hier einen Break und setzen uns um fünf noch mal zusammen. Bis dahin lässt sich jeder einen Notfallplan einfallen.«

			Augenbrauen werden gerunzelt und Stühle gerückt. Die Mannschaft verzieht sich in die Büros, und nur die eigentlich zuverlässige Anke hört beim Rausgehen, wie Olav zu Sensenbrink sagt:

			»Wenn das stimmt, dann verschieben die am Sonntag den Tatort nicht. Sie lassen ihn ausfallen!«





43


			Also, den Braten sollte man wahrscheinlich einfrieren. Oder sogar unbedingt: Für sie allein ist der Braten jedenfalls zu viel, selbst wenn das Binchen ein Stück mitisst. Das macht sie in letzter Zeit manchmal, wenn es ein Biobraten ist.

			Wenn Joseph heute nicht heimkommt, ist der Braten zu viel. Dann muss man ihn einfrieren.

			Geht doch.

			Ist letztlich ganz einfach.

			Sie steht auf.

			Sie setzt sich hin.

			Sie kennt niemanden, der so gerne Braten isst. Alle möglichen Sorten. Sogar einen Sauerbraten – aber nur wenn sie ihn macht. »Ich habe in Wirtshäusern zu viele Enttäuschungen erlebt«, sagt er immer. »Ein Pfannenschnitzel, das kriegen die meisten Wirte noch hin, aber einen Braten, also einen vernünftigen Braten, womöglich sogar einen gescheiten Braten … oh mei. Und dann erst die Klöße.«

			Ihre Klöße mag er. Aber klar, wenn er nicht nach Hause kommt, dann muss man sich auch nicht die Mühe mit dem Teig machen. Den kann man schließlich nicht ewig aufheben. Dann muss man jetzt also keine Kartoffeln kochen.

			Sie steht auf.

			Ach so, ja: keine Kartoffeln kochen.

			Sie setzt sich wieder hin.

			Aber das ist ja nicht neu. Er hat ja kurz vor der Veranstaltung angerufen und gesagt, dass er das Wochenende in Berlin bleiben muss.

			»Hast du eine andere?«, hat sie gefragt, und er hat gesagt: »Schön wär’s.« Dann haben sie gelacht. Letztlich kriegt sie ja genauso wie jeder andere Mensch mit, was los ist, seit er bei Klobinger gewesen ist. Das war tatsächlich was ganz Neues gewesen, eine komplett andere Dimension als Medienskandale und schimpfende Zeitungen. Dreihunderttausend Menschen in Dresden, hundertfünfzigtausend in Dortmund.

			»Leubl löscht die Deutschen aus.«

			»Der deutsche Osten ist nicht dein Flüchtlingsmüllplatz!«

			»Unser Hass! Unsere Märsche! Wisch selber deine Asylantenärsche!«

			Die Hamsterkäufe, sogar hier im Ort.

			Apropos: Sie sollte wohl einkaufen, bevor die Läden schließen. Sie steht auf.

			Sie setzt sich hin.

			Die Lage hätte vielleicht etwas beruhigt werden können, wenn die Bundesregierung Leubls Aussagen dementiert hätte. Dann hätte er seinen Rücktritt angeboten, und jemand anderes hätte sich darum kümmern müssen. Dann bekäme er morgen seinen Braten. Seinen Kalbsbraten. Aber sie haben nichts dementiert. Sie haben ihm auch nicht den Rücken gestärkt und gesagt: Der Mann hat recht. Wir werden fünfzig Milliarden dafür organisieren. Da hätten sich die Demonstranten schon etwas schwerer getan. Aber nicht einmal seine eigene Partei hat sich aus der Deckung gewagt.

			Der Fraktionsvorsitzende: »Das sind Punkte, die sind in der Diskussion.«

			Der Generalsekretär: »Herr Leubl ist ein erfahrener Mann, aber fünfzig Milliarden Euro sind natürlich völlig aus der Luft gegriffen.«

			Das Kanzleramt: »Diese Erkenntnisse aus der Türkei liegen uns so noch nicht vor. Es ist vorstellbar, dass es sich dabei um Einzelmeinungen handelt.«

			Darum ist er seit der Sendung rund um die Uhr im Einsatz gewesen. Er hat Standorte für seine Pläne besichtigt. Notunterkünfte vorbereitet, als wären die Flüchtlinge schon da. Und wer immer an seinem Wort gezweifelt hat, dem hat er gesagt: »Ein Innenminister, der eigenmächtig Scheißdreck erzählt, ist am nächsten Tag nicht mehr im Amt. Sie brauchen mir also nicht zu glauben – Sie müssen nur schauen, ob ich noch Innenminister bin.« Und tatsächlich: An jedem neuen Tag war er immer noch Innenminister.

			»Kann das sein, dass Sie da gerade die komplette Bundesregierung hinter sich herschleifen?«, hat Klobinger in einer Telefonschalte gefragt. Joseph ist loyal geblieben, aber Klobinger ist richtiggelegen: Das, was Joseph da gemacht hat, denkt sie, das wäre eigentlich die Aufgabe eines Bundeskanzlers gewesen.

			Mal sehen: Wenn Joseph morgen nicht da ist, was soll sie dann kochen? Vielleicht kann sie es mit Binchen besprechen, wenn sie gleich kommt. Binchen soll sich was wünschen, und sie kocht es dann. Und übermorgen auch und vielleicht überübermorgen. Denn eines ist ja klar: Joseph wird übermorgen und überübermorgen auch nicht zurück sein.

			Das wird sie schon schaffen, er ist ja schon öfter mal länger weg gewesen.

			Er sagt ja immer, man soll die Dinge sachlich sehen, und sachlich gesehen ist doch der einzige Unterschied, dass er es sonst vorher immer genau sagen konnte, wie lange er weg sein würde. Er hat immer gesagt, was auf sie beide zukommt und wann er wo ist, und er hat immer abends noch mal angerufen. Auch ganz früher, als Telefonieren noch schwierig war, oder im Ostblock, wo immer alle Spione zugehört haben. Der einzige Unterschied ist also, dass er es diesmal eben nicht vorher gesagt hat.

			Sie steht auf und geht zur Spüle. Sie dreht das Wasser auf und sieht ratlos zu, wie es in den Ausguss rauscht. Sie hält ihre Hand in den Strahl, das Wasser ist kalt. Sie versucht sich zu erinnern, ob sie jetzt kaltes Wasser wollte oder heißes, bis ihr einfällt, dass sie gar kein Wasser braucht. Keine Klöße, keine Kartoffeln, kein Wasser. Wie dumm von ihr. Sie schüttelt den Kopf und dreht das Wasser ab. Dann geht sie wieder zum Sofa und setzt sich hin.

			Was kocht man jetzt?

			Vielleicht kommt ihr im Supermarkt eine Idee. Der ist ja erstaunlich gut sortiert, da fällt ihr manchmal was ein. Die letzten Tage war es freilich nicht so schön. Die Blicke beim Obst, wo man sich immer so über die Stände hinweg ansehen kann. Ein paar Mal ist sie sogar angeschrien worden. Natürlich gab es auch welche, die freundlich waren, einige Nachbarn haben ihr sogar sofort geholfen, als dieser Verrückte ihren Einkaufswagen umgeworfen hat. Auf dem Parkplatz, am helllichten Tag!

			»Dein Mann braucht sich hier nie wieder blicken zu lassen, die Ausländerschwuchtel!«

			So ein Quatsch. Was soll das überhaupt sein, eine Ausländerschwuchtel?

			Vielleicht sollte sie doch nicht in den Supermarkt. Sie steht auf und geht zur Fernbedienung. Die Fernbedienung liegt auf dem Fliesenboden, sie ist aufgesprungen, die Batterien sind herausgefallen, sie findet nur eine und setzt sie wieder ein. Die andere ist wohl unter das Sofa gerollt. Sie legt die Fernbedienung auf den Couchtisch. Hoffentlich funktioniert sie noch. Sie überlegt, ob sie es ausprobieren soll, sie sieht auf den Fernseher und lässt die Fernbedienung liegen.

			Sie setzt sich wieder hin.

			Das mit dem Braten ist eine gute Lösung, die Tiefkühltruhe ist eine gute Lösung. Man weiß nicht genau, was man machen soll, und dann friert man das Problem erst einmal ein. Man sollte viel mehr einfrieren. Warum gibt es keinen Apparat, mit dem man alles einfrieren kann? Einfrieren ist natürlich nicht immer eine Lösung, beim Fernseher hilft Einfrieren zum Beispiel nichts, das kann sogar sie beurteilen.

			Sie versteht nicht allzu viel von Fernsehern, aber natürlich braucht ein Fernseher einen Bildschirm, und einen Kasten, der nicht kaputt ist, so viel ist klar. Das sind so Dinge, die Joseph gern besorgt, er liebt Elektromärkte, aber Joseph ist ja jetzt nicht da. Er ist gerade nicht da und morgen auch nicht und übermorgen, dann kann er auch nicht in den Elektromarkt gehen. Aber man hält das ja auch so ganz gut aus, ohne Fernseher. Im Fernsehen kommen sowieso ganz selten gute Sachen und oft sogar scheußliche.

			Muss man denn das alles zeigen?

			Wie sie Joseph niedergeschrien haben. Ohne jeden Anstand. Dieser Hass, diese Gesichter. Die Polizisten, die ihm kaum das Podium freihalten konnten. Und man hat kein Wort verstanden, nur diese Menge, die immer geschrien hat, so laut, dass man es sogar im Fernseher noch gehört hat. Dass sie alles nicht wollen und dass alles so bleiben soll, wie es ist. Es ist ihnen nicht eine Sekunde lang aufgefallen, dass sie gerade da, in dieser völlig heruntergekommenen Gegend, eine Arbeitslosenquote haben, die jeder Beschreibung spottet. Dann sind die Eier geflogen. Als sie Helmut Kohl mit Eiern beworfen haben, immer wenn irgendwo wieder die Eier geflogen sind, hat Joseph achselzuckend gesagt: »Das Ei ist das klassische Argument proletarischer Meinungsäußerung.« Diesmal sicher auch.

			Er hat sich trotzdem bemüht, mit ihnen zu sprechen. Die Bodyguards haben dann wieder angefangen, die blöden Schirme aufzuspannen. Trotzdem, immer wieder Eier.

			Und dann die Tomate.

			Sie hat sich noch gedacht: Ein paar Eier und ein Tomatensalat, was sommerlich Leichtes, das ginge eigentlich.

			Knallrot auf dem weißen Hemd, ultrareif, intensivrot, und er macht noch einen Witz und schwankt, wie er es immer tut, wenn sie ihn versehentlich anrempelt, so als ob die Tomate einen Zentner schwer wäre. Das mag sie an ihm, dass er es auch immer mit Humor versucht. Ein bisschen wie der Blüm früher. Aber in dem Moment ist ihr aufgefallen, dass er sein lustiges Gesicht gar nicht macht. Dass er den Mund auf- und zumacht. Wie jemand, der ein Wort mit »a« sagt, »Braten«. Oder eher etwas mit zwei »a«, »Kalbsbraten«.

			Und dann ist die rechte Hälfte seines Gesichts explodiert.

			Sie wollte es nicht sehen, aber da war die Fernbedienung schon runtergefallen und kaputt, und was soll man da machen, wenn der Mann, mit dem man neunundvierzig Jahre lang glücklich war, im Fernsehen explodiert und wenn man an diesem Scheißfernseher den Knopf nicht findet und die Bilder immer wiederkommen, die Tomate, er sagt »Kalbsbraten«, der Kopf.

			Die Tomate, »Kalbsbraten«, der Kopf.

			Ganz sachlich.

			Ganz sachlich.

			Er hat gesagt, dass er am Wochenende nicht da ist. Das kommt öfter vor, das ist ganz normal. Er wird am Wochenende nicht da sein. Sie steht auf.

			Sie setzt sich hin.

			Die Tomate.

			Kalbsbraten.

			Er wird nicht da sein.





Joseph





44


			Eigentlich ist nichts anders. Es ist dieselbe Stadt, dasselbe Haus, derselbe Raum, es sind sogar dieselben Leute. Gödeke, Kaspers, Kalb, alle sind sie da, und diesmal sehen sogar alle gleich müde aus, nicht nur Echler. Es ist sieben Uhr früh, Einsteiger, der neue Staatssekretär, hat sie gestern Abend kurzfristig zusammengetrommelt, keiner von ihnen hat früher von dem Termin erfahren als um dreiundzwanzig Uhr. Der Mann, der früher Staatssekretär war und seit nicht einmal zehn Stunden Innenminister ist, hat ihn selbst erst kurz vor elf angesetzt. Auch er hat in dieser Nacht nicht geschlafen. Er hat seit seiner Vereidigung unablässig Luftbilder ausgewertet, Landkarten verglichen. Er hat mit ein paar früheren Kameraden aus der Bundeswehr telefoniert. Dann hat er geduscht, sich ein frisches Hemd angezogen, irgendwas aus dem Kühlschrank genommen und dabei das erste Mal seit langem nicht darüber nachgedacht, wie schön voll der Kühlschrank noch war, als Tommy in der Wohnung lebte.

			Tommy.

			Es kommt ihm vor, als läge diese Zeit Jahre zurück.

			Der neue Innenminister hängt seinen Mantel zu den anderen Mänteln und geht zum Getränketisch. Er ist der Letzte, sicher, aber nur fünf Minuten zu spät, doch das hat genügt, um erst in der dritten Thermoskanne noch ein wenig Kaffee zu finden. Er nimmt das Haustelefon und ordert in seinem Büro neuen. Dann geht er mit der halbvollen Tasse zu seinem Platz.

			»Entschuldigung, das ist sicher nicht der beste Start«, sagt er, »aber ich hatte noch ein Telefonat. Wie wir hier alle ja wohl gerade eine Menge Telefonate haben. Apropos.«

			Er greift zu seinem Smartphone und schaltet es ab. Gondorff folgt seinem Beispiel.

			Der Innenminister blickt kurz wie abwesend in die Mitte des Konferenztischs. Dann richtet er sich auf und holt Luft, als nähme er geistig Anlauf.

			»Es gibt für so eine Situation keine passenden Worte. Aber so bitter die Lage ist, wir müssen die Trauerarbeit vorerst anderen überlassen. Der Tod von Herrn Leubl ändert nichts daran, dass uns die Zeit davonläuft. Im Gegenteil, es erhöht sogar den Problemdruck.«

			Der Innenminister blickt in die Runde. Die Gesichter sind beinahe ausdruckslos, er kann weder Kritik noch Zustimmung von ihnen ablesen. Sie ahnen, was kommt, aber sie können ihm nicht abnehmen, es auch auszusprechen. Was sie davon halten werden, weiß er nicht. Er vermutet aber mehrheitliche Zustimmung, Behörden sind üblicherweise eher konservativ.

			»Es ist kein Geheimnis, dass ich mit der Strategie von Dr. Leubl nicht unbedingt einverstanden war. Ich will sie auch nicht hier und jetzt kritisieren. Erstens weil er sie nicht mehr verteidigen kann. Und zweitens weil für mich zugleich auch immer klar gewesen ist: Wenn irgendjemand das in Deutschland hätte durchsetzen können, wenn irgendjemand den Deutschen – und auch mir – die Zuversicht hätte verleihen können, dass die Idee einer ›Integrationsindustrie‹ funktionieren kann, dann wäre es Joseph Leubl gewesen.«

			Der Innenminister erntet zustimmendes Nicken.

			»Das heißt aber auch: Ich muss hier und heute feststellen, dass ich diese Zuversicht nicht mehr habe. Ich bin sogar der Überzeugung, dass dieser Weg hochriskant ist und dieses Land – ohne eine einende Respektsperson wie Herrn Dr. Leubl – in eine Katastrophe führen muss.«

			»Na endlich sagt’s mal einer«, brummt Dr. Berthold zufrieden.

			Der Innenminister überlegt kurz, ob er das durchgehen lassen soll. Dann nimmt ihm Kalb die Arbeit ab: »Also bitte.«

			»Ich sag nur, wie’s ist.«

			»Wie dem auch sei«, greift der Innenminister den Faden auf. »Ich bin nicht Joseph Leubl. Aber ich bin jetzt Innenminister. Und meine Überzeugung ist, dass jede Zuwanderung, auch durch Asylsuchende, die die Obergrenze überschreitet, von der Bundesrepublik nicht verkraftet werden kann. Ebenso ist eine erzwungene Zuwanderung, ein erzwungenes Asylbegehren für die deutschen Bürger weder hinnehmbar noch akzeptabel. Es ist daher unsere Aufgabe, diesem Zustrom mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln Einhalt zu gebieten. Die Rechtslage ist eindeutig und gibt uns jede Möglichkeit.«

			»Bis auf die Bundeswehr«, sagt Dr. Berthold trocken.

			»Das ist noch nicht raus«, meint Kaspers.

			»Und ob das raus ist. Schlagen Sie’s nach. Der Verteidigungsfall setzt einen bewaffneten Angriff voraus. Und soweit ich das im Fernsehen verfolge, habe ich bei denen noch nicht mal eine Flinte gesehen.«

			»Was ist mit Stöcken? Taschenmessern?«, schlägt Gödeke vor.

			»Aus Wanderstöcken und Taschenmessern machen Sie einen bewaffneten Angriff auf die Bundesrepublik? Da wünsche ich viel Spaß vor Gericht«, spottet Berthold.

			»Sie brauchen nur einen Richter mit etwas Fantasie«, sagt Gödeke achselzuckend. »Da haben wir in Hamburg ganz andere Sachen hingebogen.«

			»Danke, meine Herren«, sagt der Innenminister, »ich will solche Gedanken ausdrücklich unterstützen. Die Flüchtlinge sind kreativ, also müssen wir es auch sein, obwohl ich mal vermute, dass die uns nicht den Gefallen tun werden und Stöcke schwingend die Grenze stürmen. Wenn sie überhaupt so weit kommen.«

			»Die Möglichkeit besteht«, unterstreicht Gondorff. »Das Szenario von Dr. Leubl ist durchaus schlüssig.«

			»Es wird aber auch immer schlüssiger, wenn man schon im Vorfeld signalisiert, dass man sich der Entwicklung nicht entgegenstellen wird«, sagt der Innenminister. »Was die Solidarität der europäischen Partner angeht …« – durch mehrere Nasen kommt ein verächtlicher Schnaubton – »müssen wir uns in der Tat keine Illusionen machen. Deswegen ist aber noch lange nicht alles verloren. Wir haben vor allem zwei Verbündete: Das ist erstens die eindeutige Rechtslage, Dublin ist nach wie vor in Kraft. Und das ist zweitens die Angst der anderen, auf den Flüchtlingen sitzenzubleiben, wenn sie erst mal im Land sind. Bulgarien, Serbien, Ungarn, ganz egal, diese Angst haben sie alle, und diese Angst müssen wir nutzen. Das gilt übrigens auch und gerade für die Türken. Ich betrachte diese Grenze keineswegs als bereits überwunden.«

			»In welche Richtung denken Sie?«, fragt Kalb.

			»Ich denke: Je dichter wir unsere Grenzen machen, desto dichter machen die anderen ihre. Wenn wir unsere Grenze glaubhaft schließen, machen die Österreicher dasselbe mit ihrer Grenze, dann wiederum machen die davor dicht. Es ist wie Domino rückwärts: Die Steine werfen sich nicht gegenseitig um, sondern sie richten sich gegenseitig auf.«

			»Letztlich bleibt das aber ein Bluff«, meint Kalb. Es ist nicht sicher, ob er das als Frage oder Feststellung meinte, doch nun wird es still am Tisch.

			»Ich bluffe nicht«, sagt der Innenminister kalt, »und wer das hier halbherzig betreibt, der kann seine Versetzung beantragen. Ich sage es jetzt in aller Deutlichkeit: Ich bin entschlossen, die deutschen Grenzen mit Waffengewalt zu verteidigen. Den Einwand von Herrn Kalb greife ich daher gerne auf: Die Gefahr besteht darin, dass andere Staaten an unserer Entschlossenheit zweifeln. Unsere Maßnahmen müssen also so aussehen, dass jeder Zweifel ausgeschlossen ist. Und zwar nicht nur bei den Flüchtlingen, sondern noch mehr bei den Österreichern oder sonst wem. Haben wir uns verstanden?«

			Niemand sagt ein Wort. Der Innenminister wendet sich zu Echler: »Dann bitte ich um eine kurze Zusammenfassung der Lage.« Er lehnt sich zurück und greift zur Tasse. Der Kaffee ist nicht sehr stark, aber sehr kalt.

			»Okay«, sagt Echler. »Wir haben noch sechs, höchstens sieben Tage, dann sind die Flüchtlinge an der türkischen Grenze.«

			»Wie wird das dann ablaufen?«

			»Ich kann Ihnen das nicht präzise vorhersagen, aber der Aufbau des Zuges lässt mit einer gewissen Sicherheit einige Annahmen zu.« Er schaltet einen Beamer ein und wirft eine Grafik an die Wand. »Das Marschtempo kann nicht beliebig beeinflusst werden, aber wenn der Zug am Tag fünfzehn Kilometer zurücklegt, dann heißt das, dass sie fünfzehn von diesen Trucks pro Tag an die Grenze kriegen. Jeder Truck versorgt dreitausend Leute, macht fünfundvierzigtausend Menschen. Das Problem ist: Wenn die erst mal stehen, lagern, dann zerstört das den Aufbau des Zugs. Dann haben Sie ein wildes Lager von fünfundvierzigtausend Leuten an Tag 1, neunzigtausend an Tag 2. Das ist kaum noch beherrschbar.«

			»Beim Militär schon«, sagt Gödeke.

			»Ja, aber das sind ja keine Soldaten, und sie haben auch keine Generäle. Das wirkt durch die Sache mit den Trucks nur organisierter, als es tatsächlich ist.«

			»Okay«, meint der Innenminister, »es kann also nicht ihr Ziel sein, dreihunderttausend Leute zusammenzuziehen.«

			»Wenn sie halbwegs denken können, nicht. Die kann man nicht mehr verpflegen, nicht mehr steuern, das riskieren sie nicht. Die werden also warten, bis sie eine kritische Masse beisammenhaben von, keine Ahnung, zwanzigtausend, dreißigtausend Leuten. Und dann werden sie auf die Grenze zumarschieren.«

			»Und die Türken? Wie sicher ist Leubls Annahme?«

			»Schwer zu sagen«, meint Echler. »Herr Leubl wusste natürlich gut, wovon er redet.«

			»Seine Informationen haben aber auch sehr gut zu seiner politischen Überzeugung gepasst«, relativiert der Innenminister. »Noch mal: Wie zuverlässig sind seine Annahmen?«

			»Was gegen seine Annahmen spricht: Unsere Beziehungen zur Türkei waren schon mal besser, und damit auch die Berechenbarkeit. Es besteht also die Möglichkeit, dass da Überlegungen zu unseren Gunsten bestehen, die wir nicht kennen. Allerdings könnten sie sich auch ein Beispiel an Jordanien nehmen.«

			»Wieso gerade Jordan…, ach du Scheiße«, entfährt es Kalb.

			»Genau. Jordanien hat im Sog des Zugs rund achtzigtausend Flüchtlinge abgestoßen. Der Irak fast dieselbe Menge. Und Flüchtlinge abzugeben haben die Türken natürlich auch. Mehr als genug. Es genauso zu machen wäre also durchaus eine Option.«

			»Umso deutlicher muss unsere Ansage ausfallen. Es muss den Türken klar sein, dass sie nicht hunderttausend Flüchtlinge loswerden, sondern auf weiteren dreihunderttausend sitzenbleiben. Im Klartext: Wir brauchen eine Mauer. Sie soll nicht schön sein, auch nicht umweltverträglich, sie muss hoch sein und stabil. Es ist mir egal, ob das dann aussieht wie in Berlin oder wie in Israel. Ebenfalls klar ist: Ich will hier keine Neuentwicklung. Wir nehmen Dinge, die bereits anderswo funktionieren. Wir reden von einer Mauer, über die keiner klettert, die auch keiner niederwalzt, die einem Massenansturm standhält. Hundert Kilometer mindestens nach jeder Seite.«

			»Und wo? Wir haben rund viertausend Kilometer Grenze.«

			»Muss ich Ihnen hier alles vorrechnen?«, fragt der Innenminister scharf. »Die Franzosen, die Dänen, das können wir wohl weglassen. Eben an allen Grenzen, die für eine Route in Frage kommen …«

			»Zählen da die Polen dazu oder nicht?«

			Der Innenminister stutzt kurz. Die Frage klingt zuerst idiotisch, aber denkbar ist es natürlich. Polen und Tschechien sind allein schon ein gutes Drittel der deutschen Landesgrenzen. Und wer zehntausend Kilometer läuft, bei dem kommt es auf kleinere Umwege auch nicht mehr an.

			»Das muss vielleicht gar nicht sein.« Kaspers hebt kurz die Hand. »Fünfzehn Kilometer am Tag, das ist ja auch wieder nicht soo schnell. Außerdem wissen wir ja, was sie vorhaben, sie suchen nicht nach dem einfachsten Zugang. Sie wollen an unsere Grenze und da ihr Opferding durchziehen. Also können wir abwarten, für welche Route sie sich entscheiden und dann erst die jeweilige Grenze nach unseren Vorstellungen aufrüsten.«

			Der Innenminister nickt: »Trotzdem muss das Signal an die Türken so schnell wie möglich gesendet werden. Wir nehmen also eine der möglichen Grenzen und zeigen da, was wir vorhaben, wenn der tatsächliche Kurs feststeht.«

			»Die Bundespolizei wird ab sofort Szenarien an der Grenze ausarbeiten und trainieren«, sichert Gödeke zu. »Inklusive Schusswaffengebrauch. Und mit Pressebegleitung. Die Medien kriegen eine Vorzugsbehandlung, die sich gewaschen hat. Und vielleicht kann uns die Bundeswehr nicht personell helfen, aber dafür mit schwerem Gerät? Auch schweren Waffen? Wer überprüft das?«

			»Ich kümmere mich drum«, sagt Dr. Berthold freiwillig.

			»Danke«, sagt der Innenminister, »ich sorge einstweilen dafür, dass wir die Finanzmittel kriegen.«

			»Bliebe nur noch der Plan B.« Kaspers beugt sich vor.

			»Welcher Plan B?«, fragt der Innenminister.

			»Eigentlich Plan A. Die Dinge, die noch Herr Leubl angeleiert hat. Die wären nach dem jetzigen Stand dann wohl unser Plan B, falls wir –«

			»Kein Plan B«, sagt der Innenminister. »Das wird sofort gestoppt. Es muss klar sein, dass wir keinen Plan B haben. Es muss den Österreichern klar sein, dass uns die Flüchtlinge in eine absolute Katastrophensituation bringen. Dass wir uns keine Grenzöffnung leisten können.«

			»Also auch hier Pressebegleitung?«, fragt Kaspers.

			»Vollrohr«, sagt der Innenminister. »Je mehr, desto besser.«



Große Sorge um Nadeche Hackenbusch

			Ausgerechnet in den schwersten Wochen ihres Lebens droht die Starmoderatorin laut Experten zusammenzubrechen. Bitter: Während sie Tausenden hilft, lässt ihr Ex-Mann sie im Stich

			Von Astrid von Roëll


Es gleicht der unmöglichsten Aufgabe, die jemals einer Frau in einem Märchen gestellt wurde: aus Stroh Gold spinnen. Doch diesmal scheint das Unglaubliche zu gelingen, es sieht so aus, als ob die deutsche Topmoderatorin, Superstar Nadeche Hackenbusch, das Wunder fertigbringt. Ein Wunder allerdings mit dem traurigen Beigeschmack eines weinenden Auges: Dieses Stroh ist kein Stroh, und das Gold ist Silber, das sich lockig vom Himmel ergießt wie ein kleines Rinnsal gewundener Zeit.

			Nadeche Hackenbusch, im Mai noch von der renommierten Mediengruppe PRINTERNET (u.a. Grandezza, EVANGELINE, Hengst) zur Frau des Jahres gekürt, betrachtet nachdenklich dieses Rinnsal, das von ihrem Scheitel perlt wie Schaum über das (dunkle) Bier ihrer schier endlos langen, tiefbraunen Mähne. »Meine ersten grauen Haare«, sagt sie und windet die Strähne achtsam um ihren schmalen Zeigefinger. Sie sagt es leichthin, aber kann das so einfach zu akzeptieren sein, wie es ihre unverwechselbar zuversichtlichen Augen uns glauben machen wollen? Gerade auch für – diese Frau?

			Es ist nun weit über ein Jahr her, dass Nadeche Hackenbusch beschlossen hat, die wohl größten Strapazen aller Zeiten auf sich zu nehmen. Und auch wenn es oft heißt, dass Liebe alle Wunden heilt, so erzählen doch die wenigen, unbestreitbar weißlich silbernen Haare eine andere Geschichte. Sie erzählen von einem Schmerz, den sich Nadeche Hackenbusch niemals anmerken lassen würde.

			Hinter diesem Moses liegt eine unglückliche Ehe

			In all der Zeit ist es nur zwei Mal gelungen, ihre Söhne Keel und Mynce einzufliegen, damit sie ihre Mutter besuchen konnten (EVANGELINE berichtete exclusiv). Dass es wohl besser so ist, daraus macht auch Nadeche Hackenbusch kein Geheimnis: »Das ist keine Gegend für Kinder«, sagt die Frau, deren »Nadeche Hackenbusch Foundation for the Humans« Tag für Tag mit drei weltweit berühmt gewordenen Säuglingsbussen das Kinderglück junger Frauen möglich macht. Aber jeder Tag in diesem Zug, der die Menschheit bewegt, beraubt auch die beiden Söhne Keel und Mynce der einzigen Person, die einem jungen Menschen den richtigen Halt im Leben vermitteln kann. Deren Nähe, deren warmherzige Berührungen nicht durch Telefonate oder E-Mails zu ersetzen sind. Besonders bitter: Die Frau, die so vielen hilft, wird dort am meisten im Stich gelassen, wo sie sich am wenigsten wehren kann.

			Natürlich sagt Nadeche Hackenbusch kein schlechtes Wort über Nicolai von Kraken. Keels Alcopop-Affäre, die angeblichen Transgenderpläne von Mynce – nie käme es dieser souveränen Frau in den Sinn, jene Krisen der Kinder der mangelnden Aufsicht Nicolai von Krakens anzulasten. Aber sie ist es auch müde, den wenig dankbaren Ex-Partner immer wieder zu verteidigen. Selbst die bizarre Affäre mit dem 23 Jahre jüngeren Internetsternchen Schminki Krawall, die in Society-Kreisen allgemein auf Unverständnis und angewiderte Ablehnung stößt, nimmt sie großmütig hin. Aber besorgte Freunde stellen zunehmend fest, dass sie jetzt oft verstummt, wenn das Gespräch auf die Familie kommt, die Nadeches dringend benötigte Hilfe schon so lange entbehren muss. Wenn der Adoptivvater der eigenen Kinder durch eine Armada von gewissenlosen Staranwälten Tag für Tag höhere und absurdere Geldforderungen stellt. Ganz zu schweigen vom Sorgerecht: »Sicher«, zeigt sich Nadeche Hackenbusch nachsichtig, »Keel und Mynce sind bei ihrem Vater gut aufgehoben, vorübergehend. Doch es steht außer Frage: Langfristig sind Frauen die besseren Mütter.«

			All diese Belastungen nehmen fortwährend zu, während Tag für Tag die größte Rettungsaktion, die je eine Frau anführte, kein Nachlassen verzeiht. Das Nahen der Türkei kann dabei nur ein schwacher Trost sein: »Gewiss, ich würde mich sehr freuen, wenn wir es dorthin schaffen«, gibt sich die erfolgreiche Moderatorin zuversichtlich. »Die Straßen haben dort Laternen, das ganze Land ist ja in einem anderen Zustand. Man sieht das an Orten wie beispielsweise Antalya. Es fahren dort Straßenbahnen.«

			Aber gerade die Nähe des Ziels verleiht diesem hoffnungsvollen Marsch seine erbarmungslose Dramatik: Während Hunderttausende durch die aufopferungsvolle Hingabe von Nadeche Hackenbusch kurz vor dem Start in ein glücklicheres Leben stehen, stellen sich die wenigen guten Freunde, die hinter die Kulissen zu blicken vermögen, die Frage: Wie lange hält diese Frau die gnadenlose Belastung noch aus? Wie lange vermag die schicksalhafte Liebe des jungen Lionel die unmenschlichen Schmerzen zu lindern, die ihr ein ungewöhnliches Leben aufbürdet?

			»Moderne Frauen wie Nadeche Hackenbusch sind in besonderem Maße gefährdet«, warnt auch Professor Gabriel Schauffhausen. Der Privatdozent für kosmetische Psychologie beobachtet den beunruhigenden Verlauf der Ereignisse seit Anbeginn vom namhaften Münchner Heribert-Sinsheimer-Institut aus. »Diese Frauen leisten und erwarten permanent mehr von sich als die meisten Männer und sogar Spitzenmanager«, weiß der Experte. »Die Symptome können vielschichtig und verwirrend sein, aber die vereinzelte Bildung grauer Haare ist nicht untypisch und möglicherweise ein Besorgnis erregendes Alarmsignal. Bei weiter anhaltender Belastung kann ein Burnout drohen.« Oder sogar noch weitaus Schlimmeres? »Es ist«, sagt der 77-Jährige tief besorgt, »nicht völlig auszuschließen.«

			Doch Nadeche Hackenbusch bleibt keine Zeit, auf die Gefahr zu reagieren. Sie ist die Hoffnung Tausender Menschen, vor allem auch Tausender Frauen, Hoffnung, Vorbild, Lotsin in einer orientierungslosen Zeit der Gefühle. Und diese Menschen wissen sich glücklich, dass sie sich in diesen Tagen auf eine Frau wie Nadeche Hackenbusch verlassen können. Diese Geschichte ist die Geschichte eines modernen, weiblichen Moses: Doch dieser Moses blickt auf mehr zurück als auf einen langen Marsch durch die Wüste. Hinter diesem Moses liegt auch eine unglückliche Ehe, die ausgerechnet an der Liebe scheiterte.





45


			Der Innenminister fühlt sich unbehaglich. Es ist nicht das erste Mal, dass er eine schusssichere Weste trägt, aber es ist auch nicht das zehnte Mal. Schon in seiner Bundeswehrzeit hatte er immer das Gefühl, sie mache ihn schwerfällig.

			»Wo ist Ihre beschissene Weste?«, hat ihn der Uffz angeschrien, »was glauben Sie, was Ihnen blüht, wenn Sie keine Weste tragen?«

			»Nichts«, ist seine Standardantwort gewesen, »solange ich zuerst schieße.«

			Und der Uffz: »Alles in Ordnung bei Ihnen?«

			Er spürt einen leichten Stoß in der Seite. »Ich fragte, ob alles in Ordnung ist?« Neben ihm steht Cilic, der Betreuer und Verbindungsoffizier, den ihm die Türken zur Verfügung gestellt haben. Der Innenminister schreckt hoch. Er nickt und rückt die Weste so zurecht, dass sie anders falsch sitzt. Sie stehen im Überwachungszentrum des Grenzübergangs Habur. Ein mittelgroßer Raum, wie ihn nur diese Orientalen hinbekommen: eine eiszeitlich heruntergekühlte Betonschachtel, mit vier in undefinierbarer Farbe gestrichenen Wänden, leichte Risse im Putz, der Boden gefliest und trotz aller technischen Ausrüstung, aller Monitore immer noch irgendwie nackt, so als würde das Gebäude demnächst wieder abgerissen. An der Wand hängt ein einsames Porträt von Atatürk, noch, vermutlich. Männer sitzen an Tischen und Bildschirmen, manchmal kommt jemand kurz herein, aber nur selten, als könnte die Wirklichkeit außen die Bilder auf den Monitoren stören. Drei von ihnen zeigen die Überwachungskameras des Grenzübergangs, zwei andere zeigen die Bilder von CNN und – wohl auch als Zugeständnis an den deutschen Gast – die von MyTV. Ein weiterer Bildschirm ist in Reserve, auf den übrigen beiden sieht man die aktuellen, leicht schwankenden Aufnahmen aus den Hubschraubern: Einige von ihnen befinden sich offenbar, völkerrechtlich illegal, im Luftraum jenseits der Grenze, sie filmen weit in den Irak hinein. Die Bilder machen den Innenminister nicht zuversichtlich.

			Sechstausend Transporter werden hier normalerweise täglich abgefertigt. Doch heute stauen sich Hunderte, Tausende Lastwagen an der Straße zur Grenze. Die Irakis haben sie für Trucks gesperrt, auch für Personenautos. Sie halten den Weg frei für die Kolonne, die neben den gestauten Lastwagen herläuft. Ein endloser Zug von Menschen, mit kleineren Lücken, aber dennoch endlos. Die Truckfahrer winken, einige hupen wütend, weil sie wegen des Zuges nicht abgefertigt werden. Die Kameras erfassen weit hinten die Wassertrucks der Flüchtlinge, sie sind zurückgeblieben, vermutlich damit die Flüchtlinge ihre Masse später besser ausspielen können. Der Innenminister seufzt und blickt auf die hässliche digitale Wanduhr.

			Nachmittags um zwei. Zu Hause ist es eine Stunde später. Das Mittagessen ist vorbei. Familien langweilen sich, junge Leute langweilen sich. Jeder langweilt sich, so sehr, dass sogar die Formel 1 sehenswert wird. Aber nicht heute. Heute sehen sie alle diesen Strom, der jetzt dabei ist, die wichtigste Etappe seiner ewig langen Reise zu bewältigen. Und jeder will sehen, ob Leubl tatsächlich recht behalten hätte. Auf der irakischen Seite scheint es so. Der Innenminister zuckt mit den Achseln.

			»Das war aber zu erwarten.« Cilic hat offenbar seine Gedanken erraten.

			»Natürlich«, sagt der Innenminister verärgert. Er wäre gerne undurchschaubarer. Weshalb er sich gleich nochmals ärgert, weil man ihm den Ärger wahrscheinlich angehört hat. Der Ärger ist auch albern: Wer hätte denn gedacht, dass im Irak irgendjemand die Flüchtlinge bremsen würde? Es war kindisch, denkt sich der Innenminister, wie früher, als er auf dem Schulweg noch bis zur letzten Hausecke gehofft hat, dass die Schule heute vielleicht doch brennt. Aber andererseits: Möglich war es. Bis jetzt.

			Die Trucker sind längst ausgestiegen, sie setzen Tee auf, essen, unterhalten sich. Ein schlechteres Zeichen sind die Pkw-Fahrer: Viele wenden und fahren wieder zurück, als wäre die Grenze in absehbarer Zeit nicht passierbar. Mehrere Tage, vermutlich ziemlich genau die Zeit, die man braucht, um mehrere hunderttausend Flüchtlinge durchlaufen zu lassen.

			»Was hätten sie auch davon?«, greift Cilic die Gedanken des Innenministers auf. Der Innenminister schließt die Augen, damit man nicht sieht, wie er sie verdreht. Er würde jetzt am liebsten rausgehen und eine rauchen. Leider raucht er nicht.

			»Kann ich Ihnen einen Tee bringen lassen?«

			»Das wäre sehr freundlich.«

			Cilic macht ein Zeichen, und jemand verlässt den Raum. Auf den Bildschirmen sieht man die ersten Flüchtlinge beim Verlassen des Irak, sie gehen in dieses seltsame Niemandsland zwischen zwei Grenzübergängen, das natürlich nie niemandem gehört. Sie gehen ohne Eile, förmlich. Sie könnten querfeldein gehen, abkürzen, es bietet sich eigentlich an, stattdessen folgen sie der Straße mit der Spitzkehre. Es scheint ihnen fast daran zu liegen, sich besonders vorschriftsmäßig nach dem Straßenverlauf zu richten. Sie nehmen die westliche der beiden Straßen, sie gehen ganz offiziell in die Richtung des türkischen Übergangs. Nach wie vor sind ihre Trucks nicht in Sicht, man könnte meinen, die Lastwagen hätten zu viel Wucht, zu viel Stahl, sie wären nicht verletzlich genug und würden zu aggressiv wirken. Als ob das kein aggressives Vorgehen wäre. Nötigung, denkt der Innenminister, letzten Endes ist das nichts anderes als Nötigung. Er überlegt, ob das türkische Recht derzeit so etwas wie Nötigung kennt.

			Oder so etwas wie Recht.

			Er sieht auf die Landkarte, die an der Wand hängt, er vergleicht sie nochmals mit Google Maps, das man größer aufblasen kann. Sie werden wohl in den nächsten Minuten den Habur überschreiten, der hier die Grenze zum Irak bildet. Sie gehen jetzt langsamer, sie nutzen die Brücke, um die Kolonne zu verdichten. Frauen, Kinder. Auf den Bildschirmen sieht man deutlich Nadeche Hackenbusch, eine fröhlich strahlende Jeanne d’Arc des Privatfernsehens. Sie hat dieses kleine Mädchen an der Hand, das sogar der Innenminister in manchen Momenten niedlich findet.

			Der Innenminister blickt nachdenklich nach draußen, durch die Jalousien, die den Raum verdunkeln. »Ich sage es Ihnen, wie es ist«, meint Cilic, »an Ihrer Stelle hätte ich die Brücke bombardiert. Oder gesprengt.« Er nimmt eines der Gläser mit heißem Tee von dem Kupfertablett, das ein kleiner Junge gerade hereingebracht hat, und reicht es dem Innenminister.

			»Danke. Die Bundesrepublik Deutschland sprengt nicht einfach die Brücken anderer Länder.«

			»Früher waren Sie nicht so – etepet? Etepete?«

			»Etepetete. Früher waren wir auch nicht die Bundesrepublik.«

			Der Junge mit dem Tee ist definitiv kein Militärjunge, wieso darf der einfach so herein? Er könnte doch auch ein Pfund TNT liefern. Wozu dann noch die schusssichere Weste?

			»Bitte, ich wollte nicht unhöflich sein«, sagt Cilic, »aber ohne Brücke hätten sie es nicht so leicht. In solchen Dingen bin und bleibe ich einfach Militär. Das soll aber selbstverständlich keine Aufforderung sein. Es ist ja schließlich unsere Brücke.«

			»Wenn es den Militär in Ihnen beruhigt: Wir hätten darüber nachgedacht, wenn das hier ein Fluss wäre wie der Rhein oder die Donau. Wir hätten sogar den Abriss und Wiederaufbau bezahlt. Aber der Habur … ich meine, an guten Tagen kommt man da doch mit hochgekrempelten Hosen rüber.«

			»Im Frühling sieht der Habur anders aus.«

			»Sagen Sie das denen. Vielleicht verschieben sie’s.«

			Dann stellt der Innenminister sein Teeglas abrupt ab. Durch ein Fenster blickend kann er sie jetzt kommen sehen, die ersten Flüchtlinge, die nicht im Fernsehen sind. Sie kommen über die Brücke, es ist eine dichte Kolonne, eine dichte endlose Kolonne. Und sie wirkt noch viel größer als im Fernsehen. Er sieht abwechselnd aus dem Fenster und auf die Bildschirme, er sieht, wie bei MyTV dieser Lionel in Großaufnahme gezeigt wird, wie er sein Handy zerlegt – er montiert den Akku aus dem Gehäuse, demonstrativ, er bricht die Verbindung ab – es ist jetzt kein Gespräch mehr möglich.

			Der Innenminister geht hinaus. Er steht auf dem Stahlgitter des obersten Treppenabsatzes und beugt sich ein wenig vor. Die Kolonne ist nicht sonderlich schnell, ein bisschen wie menschliche Lava, und ein Ende ist nicht absehbar. Und es müsste absehbar sein, man kann doch so weit sehen. Die Realität dieser Menschenmenge in Bewegung trifft ihn unvorbereitet. Natürlich hat er die Fernsehaufnahmen betrachtet wie jeder andere, doch jetzt hat er plötzlich das Gefühl, als hätte er das Ganze unterschätzt. Er rekapituliert rasch die letzten Tage, er kann sich wirklich keinen Vorwurf machen, er hat angeleiert, was anzuleiern ist, er hat alle Hebel in Bewegung gesetzt. Vor vier Tagen hat der Zaunbau begonnen. Sie haben sich Passau ausgesucht, weil man dort dank Donau und Inn kostengünstig und schnell sichtbare Effekte erzielen kann. Allein schon die Grenzbrücken machen richtig Eindruck. Acht Meter hohe Betonwälle, mit NATO-Draht gekrönt, was eigentlich Blödsinn ist – aber unterm Strich auch nicht mehr kostet als ohne NATO-Draht, dafür aber abschreckender aussieht. Freilich geht das nicht beliebig weit, richtig gute Schwimmer dürfen bei diesen Flüchtlingen nicht dabei sein, aber man sieht auf jeden Fall, wie ernst die Bundesrepublik die Sache nimmt. Die Österreicher, die EU haben sofort Protest eingelegt, von wegen Schengen, aber das kann ein Innenminister auch an die Kollegen delegieren. Und der Erfolg gibt ihm recht: Die Demonstrationen haben nicht sofort nachgelassen, aber sie sind schon mal nicht größer geworden. Sein Vorgehen wurde eindeutig begrüßt, die Bürger sind beruhigt. Und trotzdem kommt es ihm in diesem Moment plötzlich vor, als hätte er seine Hausaufgaben nicht gemacht, seinen Stoff nicht gelernt, nicht genug jedenfalls, jetzt, Minuten vor dem großen Test.

			Die Türken hingegen haben ihre Aufgaben erledigt.

			Sie haben es ihm zugesichert, und sie haben Wort gehalten: Sie werden den Flüchtlingen kein Signal der Ermutigung geben. Schon die Hubschrauber, die die Kamerabilder liefern, sind bewaffnet. Die Grenze ist mit schweren Stahlsperren blockiert, und hinter den Stahlsperren, die Grenze entlang, stehen Infanteristen, mit MPT-76 Sturmgewehren. Bis vor einigen Jahren wäre es noch das deutsche G3 gewesen, Heckler & Koch, einige sind noch im Einsatz, aber die Türken haben auf die deutschen Empfindlichkeiten reagiert. An den Hängen wachen auch keine Leopard-Panzer über das Tal, die Türken haben ihre US-Tanks abkommandiert. Sie sind einsatzbereit, scharf geladen, und wenn sie eingesetzt würden, könnte niemand behaupten, dass es deutsche Waffen waren. Die Türken haben auch Wasserwerfer aufgefahren. Man muss sich Möglichkeiten offenhalten, damit man nicht sofort gezwungen ist, scharf zu schießen.

			Erst jetzt fällt ihm auf, dass die veralteten, schwächlichen Lautsprecher schon seit längerem pausenlos quaken: auf Türkisch und auf etwas, das man mit viel Fantasie für Englisch halten kann. »Hier spricht die türkische Armee. Sie nähern sich illegal der türkischen Grenze«, übersetzt ihm Cilic. »Bleiben Sie stehen, und machen Sie kehrt. Wir werden das Feuer eröffnen.« Und wieder und wieder. Die Wirkung bleibt aus. Dann hört er das Brausen, und Cilic klopft ihm auf die Schulter. Er reicht ihm Ohrenschützer.

			Der Blick des Innenministers geht nach oben. Mehrere Kampfflugzeuge sind aufgestiegen, vermutlich F-16, sie kreisen über dem Gebiet. Zwei von ihnen nähern sich nun im Tiefflug. Er streift die Ohrenschützer über, der Lärm wird dennoch immer unerträglicher. Man sieht, wie die Kinder anfangen zu weinen oder zu schreien, als die Jets so tief über die Kolonne hinwegdonnern, dass man glaubt, die Nieten an der Unterseite zählen zu können. Er sieht, wie die Frauen mit ihren Händen versuchen, die Köpfe der Kinder abzuschirmen. Viele suchen, manche finden etwas, was sie sich in die Ohren stecken können. Was er nicht sieht, sind Menschen, die stehen bleiben. Er blickt durch die offene Tür zurück ins Lagezentrum. MyTV schneidet zwischen der Menge hin und her, und dazwischen immer wieder die Hackenbusch, die vorwärtsschreitet in dieser eigenwilligen, halbreligiösen Mischung aus Klassenausflug und Staatstrauer. Und jetzt haben sie ihn vor der Linse. Die weinenden Frauen und Kinder und dazwischen der Innenminister mit seinen gut geschützten Ohren. Ein idiotisches Bild.

			Er hebt den Kopf, er sieht die Drohne, sie schwebt keine zehn Meter entfernt. Er schaut präzise und todernst in die Kamera, hebt beide Hände und nimmt die Ohrenschützer ab, um sie in die vorbeiziehende Menge zu werfen. Live. Das sollen sie jetzt mal versuchen, noch rauszuschneiden. Die Hackenbusch ist nicht die Einzige, die weiß, wie man Bilder erzeugt.

			Die Jets kehren zurück. Diesmal fliegen sie noch tiefer, langsam, kaum schneller als ein Pkw im Stadtverkehr. Er hat gewusst, dass das geht, er hat es nur noch nie wirklich gesehen. Der Lärm ist schmerzhaft, er öffnet den Mund und schreit, um Gegendruck auf seine Trommelfelle zu bekommen. Er könnte schwören, dass man jetzt die Hitze der Triebwerke spürt, dort unten in der Menge auf jeden Fall. Einige Menschen ballen die Fäuste, vor allem die Frauen heben flehend die Hände, MyTV zeigt die Hackenbusch jetzt mit wirbelnden Haaren, wie ein auftoupierter flammender Dornbusch, anklagende Blicke werfend, als ob die Piloten sie sehen könnten, eigentlich müssten sie das sogar können. Es kann Zufall sein, aber als die Maschinen jetzt abdrehen, sieht es aus, als hätte Nadeche Hackenbusch sie persönlich mit ihren zornigen Blicken verscheucht.

			Die Wasserwerfer nehmen den Betrieb auf. Einige Strahlen zischen über die Menge hinweg, es ist seltsam unproduktiv, in der Hitze wahrscheinlich sogar angenehm. Es ist rasch klar, dass sie nichts bewirken, vor allem, wenn man sie nicht direkt auf die Menschen richtet. Der Innenminister blickt fragend zu Cilic. Cilic zeigt mit einer hilflosen Geste auf die Menschen: Es leuchtet ein, dass die Türken keine 20 bar Druck auf Säuglinge und Kleinkinder abfeuern werden. Als Kompromiss wird die Menschenmenge großzügig befeuchtet. Was will man auch erreichen? Das Problem liegt auf der Hand: Die Flüchtlinge könnten jetzt unmöglich umkehren. Schon anzuhalten wäre schwierig. Man hätte vielleicht die ganze Grenze anders konstruieren müssen, schießt es dem Innenminister durch den Kopf. Die Menschen werden hier praktisch wie durch einen großen Trichter auf die Durchgänge konzentriert. Der Durchgang müsste umgekehrt wie ein Keil in die Menge ragen, dann würde der Druck nach links und rechts abgelenkt. Er notiert es hastig.

			Die vordersten Flüchtlinge erreichen jetzt die Stahlsperren und bleiben stehen. Es sind Frauen, und sie haben ihre Kinder auf den Armen. Die Menschen sammeln sich, es wird eng, und dann öffnen sich die Stahlsperren. Jubel bricht aus.

			Der Innenminister sieht Cilic fassungslos an. »Jetzt schon? Sie haben keinen Schuss abgegeben! Nicht einmal einen Warnschuss.«

			»Wen soll man warnen? Und wo sollen die Leute hin?«

			»Sie laden die Menschen geradezu ein!« Aber der Innenminister sagt das auch nur, weil er nicht sicher ist, ob ihm gerade eine Drohne zuhört.

			»Sie wissen genauso gut wie ich: Wenn wir die Tore erst öffnen, sobald dort alles verkeilt ist, dann sterben Dutzende Menschen. Dann können wir genauso gut in die Menge schießen. Und wir werden nicht in die Menge schießen. Schon gar nicht für eine Bundesrepublik, die mit Völkermord-Vorwürfen schnell zur Hand ist. Sollen wir hier für Sie die Kartoffeln aus dem Feuer holen, nur damit es dann hinterher heißt: Schon wieder! Sie machen’s wie mit den Armeniern?«

			»Ihre Entscheidung«, sagt der Innenminister. Leubl hat’s gewusst, es war ja auch vorherzusehen, aber es ist trotzdem ein übles Gefühl. »Ich meine, sehen Sie sich das an: Die werden monatelang Ihre Straßen blockieren. Viel Spaß damit.«

			»Ich denke nicht, dass es so lang dauern wird«, sagt Cilic.

			Der Innenminister lehnt sich ernüchtert über das Geländer und betrachtet von oben, wie die Soldaten zurückweichen. Sie bilden eine Art Spalier, wenn sie können, denn viele werden von den Frauen geküsst, von Männern dankbar umarmt. Die Kampfjets sind nicht mehr zu hören. Er sieht Soldaten, die in eine Richtung zeigen. Als ob die Flüchtlinge von alleine die Straße nicht finden würden. Dabei müssen sie ja nur dem Strom folgen. Es erinnert ihn an die Aufnahmen von der Bornholmer Straße, in Berlin 1989. Ob eine keilförmige Grenze der DDR geholfen hätte?

			Cilic hat sich zurückgezogen. Vielleicht ist er beleidigt, aber was interessiert das den Innenminister? Er war vor Ort, er hat sich seiner Verantwortung gestellt und die letzte Chance genutzt, vielleicht doch noch im Vorfeld den Konflikt abzubiegen. Es hat nicht geklappt, aber das konnte auch keiner erwarten. Jetzt bleiben drei, vielleicht vier Monate, um sich vorzubereiten. Nicht viel Zeit, eigentlich zu wenig Zeit, aber das lässt sich jetzt nicht mehr ändern.

			Die Soldaten winken und zeigen weiter. Die müssen sich fühlen wie irgendwelche Mitarbeiter bei der Auskunft. Da kriegt man auch die blödesten Fragen immer und immer wieder gestellt. Der Innenminister kennt das, er hat sich eine Zeit lang als Jugendlicher bei der Messe was dazuverdient. Wo ist die Garderobe? Wo ist das Klo? Und es ist ja nicht so, dass Garderobe oder Klo nicht ausgeschildert wären. Riesige Schilder, überall, Klos und Garderoben ausschildern, darin sind deutsche Architekten mal wirklich gut. Und trotzdem immer dieselben Fragen. Da stehen jetzt diese armen türkischen Soldaten und sagen wahrscheinlich in einem fort: Nach Deutschland da lang. Nach Deutschland da lang.

			»Ich denke nicht, dass es so lange dauern wird.«

			Das klang irgendwie ungewöhnlich. Vielleicht wegen des Akzents.

			Der Innenminister richtet sich auf. Er wird sich mit dem Hubschrauber wieder zurückfliegen lassen. Er wirft einen letzten Blick ins Lagezentrum, auf die Bildschirme, auf die Bilder aus den Hubschraubern. Auf Schleifen von CNN, endlos wiederholen sie dieselben Bilder, als ob neue Aufnahmen zu teuer wären. Und auf den Bildschirm von MyTV. Er hält inne. Dann stürzt er vor die Tür.

			Er sieht es nicht, aber er kann sich denken, wo es ist. Da, wo die Soldaten hinzeigen.

			»Wo gehen Sie hin?«, ruft Cilic. »Sie können nicht allein …«

			Der Innenminister stürzt die Treppe hinunter. Er drängt sich zwischen mehreren Soldaten hindurch, er folgt hinter der Absperrung der Soldaten dem Kurs der Flüchtlinge. Cilic eilt ihm mühsam hinterher. Der Innenminister läuft an den Wasserwerfern vorbei, den Mannschaftswagen. Eine Maschinengewehrstellung haben sie aufgebaut, was für ein Witz. Drei Schützenpanzer sind zu sehen und auf der Anhöhe zwei schwere M 60. Nichts davon war für die Flüchtlinge, alles für ihn, den dämlichen Deutschen.

			»Herr Minister!«, schreit Cilic, »Sie können nicht alleine …«

			»Im Gegenteil«, schreit der Innenminister zurück, »ich kann offenbar nur alleine!«

			Er rennt jetzt, er merkt, dass ihn die schusssichere Weste stört, er reißt die Verschlüsse auf und feuert sie zur Seite. Er folgt der Straße, ein knapper Kilometer könnte es sein, er drängt sich durch die lockere Kette der Soldaten, die die Flüchtlinge weiterwinken, auf dem Asphalt geht es schneller, und dann sieht er es. Weit größer, als es auf dem Bildschirm ausgesehen hat, ein riesiger Parkplatz, offenbar erst kürzlich mit schwerem Gerät eilig erweitert. Er sieht die Flüchtlinge, die um ihn her darauf zusteuern. Er sieht, wie sie dort in einen Bus steigen. Und wie hinter dem Bus der nächste Bus steht.

			»Ich denke nicht, dass es so lange dauern wird.« Dieses verlogene Arschloch.

			Es müssen Dutzende Busse sein. Hunderte. Jedes Baujahr, jede Größe, jedes Fabrikat, es sind sogar Busse von städtischen Unternehmen dabei. Der Innenminister fühlt sein Herz im Hals schlagen, praktisch schon im Mund, und es liegt nicht an der kurzen Sprintstrecke.

			Der Innenminister dreht sich um. Cilic holt erschöpft auf.

			»Herr Minister …«

			»Was ist das?«, brüllt der Innenminister. »Was tun Sie da?«

			»Sie müssen verstehen«, keucht Cilic.

			»Was muss ich verstehen? Was tun Sie da? WAS TUN SIE DA???«

			»Sie würden es genauso machen!«

			»Was würde ich genauso machen?«

			»Haben Sie denn im Ernst geglaubt, wir könnten eine halbe Million Menschen langsam zu Fuß durch ein dicht besiedeltes Land laufen lassen? Das hier ist nicht irgendein Negerstaat! Das hier ist die Republik Türkei! Wir müssen diese Menschen irgendwie unter Kontrolle halten. Und wenn sie schon hier durchmüssen, dann wenigstens schnell!«

			Der Innenminister sieht hilflos zum Parkplatz. Cilic hat natürlich recht. Es liegt auf der Hand: Wer in einem Bus ist, bleibt schon mal auf der Straße. Er hat eine Notunterkunft, in der er es eine Zeitlang aushält. Vielleicht kein halbes Jahr, vielleicht keine zwei Monate, aber die Zeit, die man eben für die restliche Strecke braucht. Es muss schnell gehen, für die Türken. Vielleicht, denkt der Innenminister, hat sogar sein Zaunbau die Sache erst so richtig beschleunigt.

			Die Zeit für die restliche Strecke.

			Der Innenminister rechnet hektisch nach. Die Straßen der Türkei sind nicht besonders gut ausgebaut, sie werden für die Busse kaum tagelang ihre größeren zweispurigen Strecken freihalten können. Also werden sie die Busse über Nebenstraßen leiten. Aber sobald sie in die Nähe einer vierspurigen Autobahn kommen, wird es schnell gehen. Und dann ist klar, dass ihm keine vier Monate mehr bleiben. Knapp zweitausend Kilometer Türkei, das sind per Bus höchstens zehn Tage.

			Mit etwas Glück hat er noch zwei Wochen.





46


			Sie fliegen.

			Lionel steht vorne im Bus, neben Mahmoud, der ihn steuert. Er hält sich an Mahmouds Fahrersitz und einer Stange fest. Er sieht vor sich hinaus durch die Scheibe, er sieht, wie der Bus unter ihm die staubige Piste einsaugt. Er blickt hinüber zur Tachonadel. Die Nadel funktioniert nicht. Aber es könnten vierzig Kilometer sein. Pro Stunde.

			Sie fliegen.

			Der Bus ist fraglos der hässlichste Bus, den Lionel je gesehen hat. Es könnte auch der älteste sein, aber das ist nicht leicht festzustellen, weil dieser Bus so hässlich ist, dass er sich jeder Einordnung entzieht. Vorne ist der Bus rund und eingekerbt, wie eine Karotte. Er hat eine in der Mitte geteilte Frontscheibe aus zwei Glasflächen, also muss er älter sein, aus den Sechzigern, vielleicht sogar den Fünfzigern. Darunter ist knapp über der Stoßstange ein breiter Kühlergrill, aber nicht über die gesamte Breite, sondern eigenwillig klein und so schmal, dass die runden Frontscheinwerfer passgenau die Mundwinkel bilden können. Der klein geratene Grill verleiht dem Bus die Gesichtszüge einer missmutigen Raupe.

			Ein Schlag geht durch den Bus. Was immer er einmal an Federung besaß, hat vor langer Zeit seine Tätigkeit eingestellt. Direkt auf den Schlag folgt ein kurzes böses Knirschen, bei dem Teile des Busbodens die Fahrbahn abhobeln, dann hört man, wie der Motor aufgrollt, als Mahmoud hochschaltet, um wieder Fahrt aufzunehmen. Mahmoud rückt sich den Kapitänshut zurecht, und auch der Bus reißt sich zusammen und beschleunigt wieder.

			»Tut mir leid um deinen Job«, sagt er zu Mahmoud.

			»Was?«

			Der Bus ist alt, aber nicht so alt, wie er laut ist.

			»Ich sagte, es tut mir leid um deinen Job«, schreit Lionel.

			»Wieso?«, schreit Mahmoud zurück.

			»Na ja, vorher warst du Admiral.«

			»Ich bin immer noch Admiral«, schreit Mahmoud und zeigt begeistert auf seinen Hut. Der Bus hüpft, und der Hut rutscht ihm ins Gesicht.

			Lionel sieht durch die Seitenscheiben. Sie sind klein gehalten, als wäre Glas viel teurer als Blech. Es fehlt nicht viel, und man könnte den Bus für Gefangenentransporte einsetzen. Außen zieht die türkische Landschaft vorbei. Sie sieht eigentlich nicht sehr anders aus als die anderen Landschaften, sie ist heiß und weit, felsig und staubig. Man findet häufiger Gebäude. Und die Straßen sind besser, sie wirken nur so schlecht, wenn man in einem alten Bus sitzt.

			Aber sie sitzen in einem Bus. Sie fliegen dahin. Wer hätte das gedacht?

			Es war die Idee der Türken. Sie haben bei ihm angerufen und gefragt, ob er der Kerl aus dem Fernsehen sei. Und er antwortete, ja, er sei der Kerl aus dem Fernsehen.

			»Stimmt das, was man sagt?« Es war eine Stimme, weder jung noch alt, ruhig, gefasst, energisch. Ein Mann. Er sprach ein Englisch, das Lionel von Briten kannte.

			»Was sagt man denn?«

			»Man sagt, dass Sie mit einer Menge Menschen in die Türkei einreisen wollen.«

			»Durchreisen.«

			»Bitte?«

			»Wir wollen durchreisen. Das ist richtig.«

			»Dann muss ich Sie darauf aufmerksam machen, dass wir Ihnen das leider nicht gestatten können.«

			»Ich weiß.«

			»Sie wissen es?«

			»Ich weiß es.«

			»Das heißt …?«

			»Dass ich weiß, dass Sie es uns nicht gestatten können.«

			»Und das heißt?«

			»Ich habe da keine Erfahrung. Aber wir sind schon lang unterwegs. Wir haben viele Länder durchquert. Und uns hat nie jemand das Durchreisen gestattet. Es hat aber auch nie jemanden richtig gestört. Das kann doch auch diesmal so gehen.«

			»Das denke ich nicht.«

			»Sorry, vielleicht habe ich mich nicht richtig ausgedrückt. Es ist natürlich so, dass wir wissen, dass wir uns hier einen großen Wunsch erfüllen und dass es deshalb nur recht und billig ist, wenn wir auch anderen Menschen den einen oder anderen Wunsch erfüllen. Sagen Sie uns deshalb bitte, was wir für Sie tun können – und für wen wir noch etwas tun können …«

			»Sie verstehen es falsch. Wir sind die Republik Türkei. Was Sie da ansprechen, das geht vielleicht bei einer Baugenehmigung. Aber nicht für Hunderttausende Menschen. Um es klar zu sagen: Wenn Sie versuchen, die Grenze zu überschreiten, wo immer Sie das auch versuchen wollen – dann werden wir Sie daran hindern. Wir werden Sie aufhalten. Mit allen Mitteln, die einem souveränen Staat zur Verfügung stehen.«

			»Ja«, hatte er gesagt, »dann müssen Sie das wohl tun.« Er erinnert sich noch, wie ihm der Puls in seinen Schläfen pochte. Weil er wusste, dass dies der Moment war, der irgendwann hatte kommen müssen. Der Moment, in dem Geld nicht mehr weiterhalf. Der Moment für die Rede.

			»Dann werden wir unser Leben einsetzen.«

			»Wie soll ich das verstehen?«

			»Wir werden weitermarschieren. Sehen Sie, das macht für uns keinen Unterschied. Das ist praktisch derselbe Moment, wie wenn man in ein winziges Schlauchboot steigt. Man riskiert sein Leben. Ihr Land ist für uns wie das Meer. Wir erwarten auch vom Meer nicht, dass es uns die Durchreise erlaubt. Wir gehen einfach weiter und sehen, ob wir sterben.« Er holte hier extra Luft, obwohl er keine brauchte, aber er wollte es betonen: »Sie werden uns töten müssen.«

			»Dann werden wir Sie töten. Verstehen Sie das?«

			»Dann werden Sie uns töten. Ich verstehe das.«

			Es war einen Moment lang ruhig.

			»Dann werden Sie uns töten, wie das Meer uns tötet. Ich sage doch: Es macht keinen Unterschied für uns, es geht vielleicht sogar schneller. Es ist auf jeden Fall billiger, weil wir keine Schwimmweste brauchen. Der Einzige, für den es ein Unterschied ist, sind Sie.«

			»Wie meinen Sie das?«

			»Das Meer macht keiner für seine Taten verantwortlich. Das Meer ist das Meer. Bei Ihnen ist das anders. Sie sind die Republik Türkei. Sie haben eine Wahl.«

			»Sie auch. Sie könnten stehen bleiben.«

			»Und vor Ihrer Grenze alt werden und sterben? Das werden wir nicht tun. Wir werden marschieren und Sie zu einer Entscheidung zwingen. Sie werden über unsere Leben entscheiden müssen.«

			Am anderen Ende der Leitung war nichts zu hören. Lionel beschloss, aufs Ganze zu gehen: »Und dass wir uns richtig verstehen: Wir werden Ihnen die Entscheidung so schwer wie möglich machen. Wir werden die Fernsehkameras der Welt dabeihaben. Und das Erste, was Sie töten müssen, werden unsere Frauen und Kinder sein.«

			Dann sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung: »Ich gebe das so weiter. Ich melde mich wieder.«

			»Hey!!« Ein Kreischen geht durch den Bus, auch ein Lachen. Lionel fängt sich an der mittleren Strebe der Windschutzscheibe ab. Einige Kinder haben sich den Kopf angeschlagen und weinen. Mahmoud dreht sich strahlend nach hinten um und schreit:

			»Bremst gut, was?«

			Er drückt den ersten Gang rein wie mit dem Brecheisen und nimmt wieder Fahrt auf.

			Sie haben nicht ganz eine Woche gebraucht, um zurückzurufen.

			»Angenommen, Sie werden nicht beim Grenzübertritt erschossen«, fragte der alterslose Mann, »was machen Sie dann?«

			»Werde nur ich nicht erschossen – oder wir alle?«

			»Nur Sie.«

			Da hatte Lionel sich an den Gedanken schon gewöhnt. Malaika, dieses herzensgute Schaf von einem Kamel, würde ihn niemals allein nach Deutschland lassen. »Na ja, ich würde dann so lange bei den anderen bleiben, bis auch ich erschossen bin oder so.« Er verdrehte am Telefon die Augen, dann sagte er: »Ich kann hier leider nicht weg.«

			Es war nicht ganz klar, was schwerer hinzunehmen war, seine Einsicht, dass er auf Gedeih und Verderb mit diesem Zug verbunden blieb, oder die gleichmütige Feststellung von der anderen Seite: »Das haben wir uns schon gedacht. Nein, was hätten Sie vor, wenn Sie nicht erschossen würden? Sie alle.«

			»Sie haben doch sicher im Fernsehen gesehen, was wir so machen. Dann laufen wir weiter.«

			»Und woher nehmen wir, woher nehmen Sie die Sicherheit, dass Sie am anderen Ende der Türkei in das nächste Land kommen? Sagen wir, nach … Bulgarien?«

			»Na ja, ich denke mal, wir laufen dann schon durch die Türkei. Und dann denken wir uns, das machen wir an der nächsten Grenze wieder so. Dann finden wir eben heraus, ob uns Bulgarien erschießt.«

			»Und Sie glauben, dass das wieder funktioniert?«

			»Sogar noch besser.«

			»Und wie kommen Sie darauf?«

			»Na, weil wir den Bulgaren sagen können, dass uns nicht einmal die Türken erschossen haben.«

			Am anderen Ende hörte er ein kurzes Lachen.

			»Ich weiß, es ist nicht so beliebt, Fremde ins Land zu lassen. Aber Sie riskieren nicht viel. Sie sind nicht für die Bulgaren verantwortlich. Schlimmstenfalls liegt dann ein Haufen toter Flüchtlinge an Ihrer Grenze herum. Aber wir werden Ihnen die Beerdigung leicht machen. Wir bringen unsere eigenen Bagger mit.«

			»Das ist noch so eine Sache, Ihre Bagger. Überhaupt Ihre ganze Organisation. Sie schaffen derzeit pro Tag fünfzehn Kilometer. So dauert das ewig. Die Türkei kann nicht unbeaufsichtigt Hunderttausende monatelang durchs Land vagabundieren lassen.«

			»Es tut mir leid, aber das ist die Struktur unseres Zugs. Das ist unser Wasser, das ist unsere Nahrung. Und fünfzehn Kilometer am Tag sind eine ganze Menge.«

			Daraufhin sagte die Stimme: »Wären Sie bereit, in Busse zu steigen?« Und Lionel antwortete, diesmal würde er in zwei Tagen zurückrufen.

			Ein Mann steht am Rand der Fahrbahn und hütet eine Kuh. Lionel wundert sich, wieso der Mann nicht noch eine zweite Kuh hütet oder wenigstens eine Ziege. Er hat schon mehrere dieser Männer gesehen, jeder von ihnen hütet eine Kuh. Er fragt sich, wieso es diesem Land so viel besser geht als seiner Heimat, aber vermutlich könnte man auch zu zweit eine Kuh hüten und davon leben, solange man nicht dauernd einen Bürgerkrieg hat oder einen Putsch oder eine Hungersnot. Mahmoud hupt zur Begrüßung. Der Mann winkt freundlich zurück, auch ein bisschen desinteressiert. Für einen Moment sieht es aus, als passe die Kuh auf den Mann auf.

			Sie haben sich zusammengesetzt, Mahmoud und er und noch ein paar andere, sie haben noch überlegt, wie sie die Tanklaster verteilen, bis der Türke sagte, dass es in der Türkei Wasser genug gäbe, also, vorausgesetzt, man wäre dort unterwegs. Die gesamten Verhandlungen wurden so geführt, immer in dieser Wenn-und-vielleicht-Sprache. Sie würden Busse mit Soldaten schicken, und Lionel sagte, sie würden nicht einsteigen, wenn sie nicht selber fahren würden, und der Türke sagte, dass sie dann die Route mit Militär würden absperren müssen, woraufhin Lionel sagte, das würde prinzipiell in Ordnung sein, aber sie würden auf den Handys kontrollieren, ob der Weg denn auch wirklich nach Bulgarien ginge, worauf der Türke sagte, oder Griechenland, und Lionel sagte, oder Griechenland.

			Der Türke sagte, im Fall der Fälle wäre das vielleicht möglich, dass also die Flüchtlinge die Fahrer stellen würden, dass man dann aber vielleicht an einigen Gegenden vorbeifahren müsste, wo schon andere Flüchtlinge wären, und Lionel meinte, dass sei nicht neu, aber es sei jetzt schon schwierig, das Zahlungssystem am Laufen zu halten, und der Türke meinte, dass das vielleicht gar nicht mehr so nötig wäre, weil das Wasser und die Nahrung und der Treibstoff und der Strom vielleicht gestellt werden würden, das sei denkbar, wenn man im Gegenzug eben an einigen Flüchtlingslagern vorbeiführe. Lionel rechnete dann nach und stellte fest, dass dann aber noch mehr Busse nötig wären und Mechaniker für die Reparaturen, wenn man sicher sein wolle, dass es schnell gehe, und der Türke rechnete mit und sagte, das würde dann eventuell richtig sein und das sei ohnehin sinnvoll, denn die Busse wolle man dann hinterher natürlich zurück. Warum, weiß Lionel nicht, aber er sagte dann plötzlich, ohne darüber nachgedacht zu haben: »Es sei denn, die Bulgaren brauchen sie auch.«

			Er hatte es so dahingesagt, aber in dem Moment, in dem er es aussprach, dachte er exakt dasselbe, was dem Türken durch den Kopf ging. Dass auch die Bulgaren und überhaupt jeder lieber jemanden in und durch das eigene Land lassen würden, der nicht fünfzehn Kilometer pro Tag schafft, sondern vierzig oder fünfzig Kilometer pro Stunde. Dass auch die Bulgaren ein besseres Gefühl hätten, wenn sie kompakte Flüchtlingspakete in Bussen geliefert bekämen als einen endlosen, unübersichtlichen Zug. Und wenn sie das Ganze nicht neu organisieren müssten, sondern einfach nur noch so weiterleiten, wie sie es geliefert bekämen.

			»Oder die Griechen«, sagte der Türke.

			»Oder die Griechen«, sagte Lionel.

			Das war es eigentlich schon. Bis zur Grenze wusste Lionel nicht, was ihn erwartet, er plante den Marsch auf die Grenze, als hätten sie nie telefoniert, aber auf der anderen Seite standen tatsächlich die Busse. Als die ersten unterwegs waren, rief er die Nummer des Türken zurück, um sich zu bedanken. Die Nummer gab es nicht mehr.

			Mahmoud verlangsamt das Tempo. Der Bus vor ihnen bremst, er muss einen Mann und eine Kuh über die Straße lassen. Der Bus sieht genauso hässlich aus, es ist dasselbe Modell. Aus dem Buskörper ragt hinten ein Motorblock heraus, er steht hinten hervor wie ein überlanger Arsch, der aber zugleich auch ein selten hässlicher Arsch ist, den jemand senkrecht abgeschnitten hat. Wer immer den Bus entworfen hat, hat an dieser Stelle offenbar völlig die Lust verloren und beschlossen: »Hier hört der Bus eben auf.« Dann hat er den Namen des Busses draufgeklebt und ist heimgegangen.

			Mahmoud bringt den Bus hinter dem anderen zum Stehen. »Lass mich hier raus«, sagt Lionel. Er wird in den Bus hinter ihnen steigen. Es ist vermutlich besser, wenn nicht immer jeder weiß, in welchem Bus er sitzt. Mahmoud öffnet die Tür und winkt ihm nach.

			Lionel steigt aus. Er geht nach hinten, und als Mahmoud anfährt, blickt er auf den Schriftzug, der an dem abgeschnittenen Arsch des Busses klebt: »Ikarus«.

			»Natürlich«, denkt er.

			Der Name eines Jungen, der fliegt.





47


			Der Innenminister kann nicht schlafen. Er ist müde, er ist unglaublich müde, aber sobald er die Augen schließt, fällt ihm ein Problem ein, das er noch nicht gelöst hat. Seit drei Tagen hat er kein Auge zugetan. Er ist aus der Türkei abgereist, als wäre der Teufel hinter ihm her, er hat noch auf dem Weg zum Helikopter das Kanzleramt benachrichtigt, dass sie die EU hinter sich versammeln müssen, dass sie vor allem Bulgarien und Griechenland einschwören müssen. Rumänien wird es wohl nicht werden, die Flüchtlinge wollen nicht auf Schiffe, sie wollen den Landweg. Dann bleiben nur Bulgarien und Griechenland als Anschlussländer. Wenn die dichthalten, kann das Problem beherrscht werden, man muss dann nur die Türken für die Flüchtlinge bezahlen. Und die Summe muss höher sein als die, die sie sparen, indem sie dem Zug Zigtausende ihrer eigenen Flüchtlinge draufsatteln.

			Geld kann man immer beschaffen. Eine Bevölkerung, die Flüchtlinge akzeptiert, nicht.

			Der Innenminister dreht sich herum. Er hat das Sofa aus seinem Büro herüberbringen lassen, die Sitzgruppe, auf der er noch vor Weihnachten mit Leubl gesessen hat.

			Leubl.

			Wie kriegt man die Grenzen der Bulgaren und Griechen unter Kontrolle? Denn eines steht fest: Derselbe Aufmarsch wie der an der türkischen Grenze zum Irak lässt dort alles ganz genauso zusammenbrechen. Die Türken haben uns nicht die Arbeit abgenommen, denkt er, die Griechen und Bulgaren werden es auch nicht tun. Es müsste jemand anderes machen. Jemand, der unsere Interessen vertritt. Die Bundeswehr? Die GSG 9? Das lassen weder Bulgaren noch Griechen zu, Grenzen sind innerstaatliche Angelegenheiten, da sind sie alle pingelig. Das Kanzleramt muss Druck ausüben. Und dann kann man Frontex schicken. Schutz der EU-Außengrenzen ist Frontex-Sache. Man könnte deutsche Soldaten schicken, die Frontex-Uniformen tragen. Eine Art Uniformschwindel, so wie Putin auf der Krim. Wen müsste man dazu anrufen? Der Innenminister setzt sich auf und knipst das Licht an.

			Die Uhr zeigt halb drei. Er reibt sich die trockenen Augen. Er hätte die Lampe aus lassen sollen. Manchmal hat man im Halbschlaf Geistesblitze, die sich aber bei Licht betrachtet als Unfug herausstellen. Er kann sich schon denken, wie Außenministerium und Kanzleramt auf den Vorschlag reagieren werden. Deutsche Soldaten unter Frontex-Flagge. Bis die sich mit der Idee anfreunden, sind die Flüchtlinge schon hinter Nürnberg. Sein Handy blinkt. Drei Nachrichten. Die ersten beiden sind vom Verfassungsschutz. Sie haben eine weitere Bürgerwehr ausgehoben, diesmal in Bayern. Dreißig Mitglieder, erstaunlich hoher Frauenanteil. Schwere Waffen, Handgranaten, Flammenwerfer. Kein halbes Jahr alt, aber bereits komplett radikalisiert. Kein Zweifel, dass sie bereit sind, die Waffen einzusetzen: Sie haben bei der Festnahme acht Verfassungsschützer verletzt. Und fünf erschossen. Die dritte Nachricht sagt, dass sie eine Datenbank gefunden haben. Es gibt Informationen zu einem bundesweiten Netzwerk, aber verschlüsselt. Es gibt Hinweise auf Dutzende weitere Gruppen, womöglich ist sogar eine Aufmarschbewegung in Richtung Süden unterwegs.

			Der Innenminister fühlt sich, als schlüge eine gigantische Welle über ihm zusammen. Er atmet tief durch, er stellt sich vor, wie er sich ganz flach macht, wie im Treibsand, wie mit einem Lawinenrucksack, man darf sich nicht begraben lassen, man muss sich hinlegen, man muss das Gewicht verteilen, immer an der Oberfläche bleiben.

			Man muss die Welle surfen.

			Nein, das ist Quatsch. Dann müsste man ja diese Freischärler an der Grenze einsetzen. Der Staat muss die Kontrolle behalten, nicht abgeben. Er notiert sich: »Härtestes Vorgehen. Raabe!« Großzügig festnehmen und festsetzen. Sollen sie ruhig vor Gericht klagen, es geht jetzt um eine harte Reaktion. Den Justizminister kriegt er auf seine Seite, der soll mal ein paar Wochen das Arbeitstempo seiner Richter drosseln – bis die Flüchtlingssache abgewendet ist, braucht er Ruhe. Danach können sie gerne jede seiner Entscheidungen wieder kassieren.

			Er schreibt »Razzia!« daneben. Bundesweit. Er kann die Rechten nicht im Rücken haben, selbst wenn er sie dafür allesamt einsperren muss. Wenn er das Flüchtlingsproblem gelöst hat, werden die sich schon wieder einkriegen. Vielleicht werden sie ihn sogar zu ihrem Helden machen, die Rechten sind ja tatsächlich so bescheuert. Wenn man denen imposant aufs Maul haut, dann halten die das allen Ernstes für so was wie ein Argument.

			Also, um sieben als Erstes Raabe anrufen. Er schickt ihm gleich mal eine SMS: »Dringend telefonieren! Bitte um sieben!«

			Er macht das Licht aus und legt sich wieder hin. Er hat einen Anflug von Magenschmerzen, ein Krampf, wie er überhaupt völlig verkrampft daliegt, völlig verkrampft atmet, völlig verkrampft einzuschlafen versucht. Die Evangeline hat behauptet, er sei in den letzten Tagen zum Staats-Mann geworden. Gekoppelt geschrieben und trotzdem ein seltener Blödsinn. Sie haben Vorher-nachher-Bilder von ihm abgedruckt, er als Staatssekretär beim Amtsantritt, dann: er, zwei Tage nach der Rückkehr aus der Türkei. Sie mögen seinen Dreitagebart und sagen, er wirke so entschlossen wie Gerard Butler in 300. Was für ein Vergleich. Dreihundert Männer gegen hunderttausend schwer bewaffnete Eindringlinge – er weiß nicht, ob sie dieses schiefe Bild meinen oder ob das Stimmungsmache ist oder ob die Evangeline-Redakteurinnen einfach gerne halbnackte Männer mit Bart sehen.

			Der Innenminister dreht sich herum. Halb vier. So, die Nazis wären abgehakt, jetzt wieder die Flüchtlinge.

			Was hätte Leubl gemacht?

			Ach so, das ist ja klar. Nein, was hätte Helmut Schmidt gemacht? Das hier ist ja auch irgendwie eine Flutkatastrophe, oder? Die Bulgaren. Die Griechen. Wie kriegt man die Flanke dicht? Es muss ihnen klar werden, dass jeder von ihnen auf den Flüchtlingen sitzenbleiben wird. Es muss ihnen klar werden. Es muss einfach.

			Aber es sieht nicht so aus.

			Echler hat gemeldet, dass nicht wenige in griechischen und bulgarischen Regierungskreisen die Idee befürworten, die Busse einfach durchzuwinken. Es laufen inoffizielle Gespräche mit den nächsten Stationen auf dem Weg nach Deutschland. Er hat Echler um seine Einschätzung gebeten, für wie wahrscheinlich er es hält, dass die Bulgaren sich an die EU-Spielregeln halten. Dublin zufolge werden das doch alles ihre Flüchtlinge sein, das muss ihnen doch Angst machen.

			Echler hat nichts gesagt.

			»Fifty-fifty? Vierzig-sechzig? Nun schätzen Sie schon!«

			»Nach derzeitiger Sachlage: Wenn unsere Aussichten bei zehn Prozent liegen, ist’s viel.«

			Der Nacken des Innenministers tut weh. Er liegt mit dem Kopf auf der Armlehne. Einsteiger hat freundlicherweise aus einem Hotel in der Nähe ein Kissen besorgt, aber das ist wie so viele Hotelkissen ein labbrig aufgeplusterter Sack, in den der Kopf einsinkt wie ein Stein. Immerhin kann man mit ihm die Armlehne abpolstern, aber der Winkel ist für den Nacken trotzdem deutlich zu steil. Der Innenminister dreht sich versuchsweise wieder auf den Rücken.

			Das A und O ist die deutsche Grenze. Wenn die glaubhaft dicht ist, sind es die anderen auch. Er hat tatsächlich auch über Selbstschussanlagen nachgedacht. Wenn man nicht sein eigenes Volk damit einsperrt, sondern die Grenze schützt, das ist doch eine Überlegung wert. Und niemand ist gezwungen, über die Grenze zu kommen; wenn man ihm sagt, dass er nicht näher kommen soll, und er tut es aber doch, dann ist er doch irgendwie selber schuld, oder? Er hat das Ganze sogar gegoogelt, dann aber verworfen. Es gibt keine Selbstschussanlagen, die stundenlang Hunderttausende auf Abstand halten, das waren mehr oder weniger Sprengfallen in der DDR, die halt losgingen, wenn jemand einen Draht oder sonst was berührte. Paff – danach waren sie leer. Nein, man müsste Bewegungsmelder mit Maschinengewehren koppeln, aber nachdem das noch nie gemacht worden ist, wäre das wohl bestenfalls so zuverlässig, als hätte man es aus Teilen vom Elektro Conrad zusammengenagelt. Der Vorteil: Diese Flickschusterei ist so indiskutabel, dass man über die Rechtsfrage gar nicht erst nachgrübeln muss.

			Es gibt keine Geräusche im Gebäude. Kein Knacken in der Heizung, keine Spülung von irgendwo. Man hört nicht, ob jemand das Wasser aus einem Hahn lässt. Kein Vogeltippeln auf der Dachrinne. Aber auch keine Autos. Als er klein war, hat er nachts immer die Scheinwerfer gesehen, der Strahl wischte über die Zimmerdecke. Niemals war man ganz allein, selbst in der hoffnungslosen Schwärze der Nacht lebte die Stadt. In seinem Zimmer im Neubau des Innenministeriums sieht er keine Scheinwerfer. Niemand hupt, keine Straßenbahn fährt vorbei.

			Eine Mauer. Ein Graben als Schutz vor Fahrzeugen, das hatten sie im Todesstreifen, damit man nicht mit einem Truck einfach durchdonnert. Freies Schussfeld. Scheinwerfer. Zäune, die man nicht überklettern kann, weil sie nach vorne überhängen, so wie man Beete gegen Schnecken schützt. Stahlhindernisse vor der Mauer. Oder dahinter. Eine Art Zwinger, wie in einer Burg. Zwanghaft arrangiert sein Kopf die Bauteile immer wieder um, es kommen immer neue dazu, Türme, es wird immer unübersichtlicher, aber die Lösung steckt in der richtigen Anordnung, denn nur wenn er alle Teile perfekt miteinander verbindet, wird alles gut, der Stacheldraht schiebt sich wieder dazwischen, er macht es falsch, der Draht kommt erst zum Schluss. Zuerst der Graben, die Mauer, die Tore, er hält sie in der Hand wie riesige Puzzleteile, aber immer wenn er ein Teil einsetzt, ist es zu groß, oder es bleibt an anderen Teilen hängen, und er wirft die Mauer um, er muss wieder von vorne anfangen. Der Draht verheddert sich, er beginnt noch einmal, er nimmt sich vor, sich besonders zu konzentrieren, ganz langsam, er setzt erst die Mauer an, aber der Draht hängt jetzt in seinem Pullover, sein Ärmel hakt in den Stacheln, er hat keine Zeit mehr, er muss die Teile alle noch einmal neu sortieren, damit sie nicht immer durcheinandergeraten, die Drahtrollen, die Mauerteile, die Türme, die Scheinwerfer, aber immer ist alles voller Draht, die Mauer rutscht ihm aus den Händen, die Drahtrollen sind störrisch und springen immer wieder auseinander …

			Der Innenminister schreckt hoch.

			Irgendwo im Gebäude hört man einen Staubsauger.

			Er setzt sich auf. Die Augen fühlen sich geschwollen an, trocken und verklebt. Er steht auf und geht zum Wasserkocher. Er wird Tee trinken.

			Rechtlich ist der Spielraum größer geworden. Theoretisch nicht, aber praktisch schon. Wer sich nach dem Recht richten will, hat in diesem Spiel schon verloren. Alle handeln nach dem Prinzip, wer die Flüchtlinge erst mal bei sich hat, der kann zusehen, wie er sie wieder loswird. Natürlich war Dublin Schwachsinn: Wer die Flüchtlinge findet, muss sie behalten. Wer Außengrenzen hat, ist der Depp. Das war nie eine Lösung, das funktionierte von Anfang an nur, solange keine oder wenige Flüchtlinge kommen. Wenn es zu viele werden, liegt die Ungerechtigkeit der Regel so offensichtlich auf der Hand, dass die Staaten mit Außengrenzen sich erlauben, die Flüchtlinge einfach weiterzuschicken.

			Dann kann sich Deutschland aber auch erlauben, sie einfach nicht reinzulassen. Der Innenminister reibt sich den Nacken und wickelt einen Teebeutel aus.

			Theoretisch hat man bindendes Recht, sicher, aber praktisch wird hier gerade alles komplett neu verhandelt. So muss man es betrachten: Das hier ist eine unangekündigte Neuverhandlung unter besonders bizarren Bedingungen. Wie beim Hasenfußrennen aus diesem James-Dean-Film. Bei dem sie auf diesen Abgrund zufahren und derjenige gewinnt, der als Letzter vor dem Sturz aus dem Auto springt. Hier geht es darum: Wer kann dem Leid der Flüchtlinge länger zusehen? Da hat man mit der deutschen Bevölkerung natürlich schlechte Karten.

			Das Wasser kocht. Der Innenminister gießt den Tee auf. Soll man nicht machen. Man soll den Tee nicht verbrühen.

			Am einfachsten wäre es, die Bilder zu unterbinden. Wenn keiner das Leid sieht, gewinnt man deutlich an Handlungsfreiheit. Aber die Bilder werden sich nicht verhindern lassen. Dann braucht man eine Methode, bei der man möglichst wenig Leid selbst verursacht. Eine Mauer. Aber jede Mauer braucht ein Tor, also braucht man Tore wie die der Atombunker für die US-Regierung, Stahltore. Na ja, oder das Stabilste, was man in wenigen Wochen kriegt. Und wenn das so läuft wie in der Türkei, dann wird Deutschland einfach das Land sein, das nicht aufmacht. Das sich nicht erpressen lässt. Es darf nicht notwendig sein, dass man schießt, es muss genügen, einfach nicht aufzumachen.

			Und solch einen Zaun entlang der Grenze zu Österreich, mindestens, wenn nicht zugleich noch zu Tschechien.

			Unbezahlbar. Und völlig unmöglich, in der verbleibenden Zeit.

			Also wird man einfachere Zäune brauchen, und die muss man dann verteidigen. Es dreht sich alles ewig im Kreis. Im Wortsinn, dem Innenminister wird schwindelig, er muss sich festhalten. Es soll Kollegen geben, die in so einer Situation zu Kokain greifen. Aber er raucht ja noch nicht mal. Sein Puls rast. Er versucht sich leicht zu machen, ganz flach, wie im Treibsand. Er schwitzt. Außen beginnen die Vögel zu zwitschern. Der Innenminister ist so müde, so entsetzlich müde. Sein Handy blinkt. Eine SMS. Er ruft sie auf.

			»Warst in der Evangeline. Siehst nicht gut aus. Pass auf dich auf!«

			Tommy.

			Er fühlt sich ein bisschen besser beim Gedanken, dass Tommy noch an ihn denkt. Er nimmt seine Tasse und geht wieder zum Sofa. Er nimmt die Wolldecke und legt sie wie einen Poncho um seine Schultern, bevor er sich hinsetzt und zurückfallen lässt. Er schließt die Augen. Er versucht sich angenehme Dinge vorzustellen. Beruhigende Dinge. Sein Kinderzimmer. Die Geräusche. Das Zwitschern der Vögel. Das Rumpeln der Straßenbahn in den Kurven. Er hat Straßenbahnen immer gemocht, viel mehr als Busse. Wie der Zugführer die Stromabnehmer hochgefahren hat, die dann an den Oberleitungen entlangglitten, praktisch lautlos, das Lauteste an der Straßenbahn waren immer die Räder in den Schienen.

			Die Oberleitungen.

			Die Funken in den Oberleitungen.

			Er reißt die Augen auf.





48


			Nicht mal richtig freuen darf man sich.

			Dabei gäbe es endlich Grund dazu. Sensenbrink schließt die Bürotür hinter sich und sagt ganz leise: »Yes!«. Es klingt ein bisschen so, wie wenn er morgens im Bad aufs Quietscheentchen seiner Tochter steigt: »ssh.«

			Das nervt, echt. Es läuft nicht »sssh«.

			Sondern »YES!«.

			Und das unbestreitbar wegen ihm. Okay, man kann sagen, dass Olav derjenige war, der die Information angeschleppt hat. Aber richtig eingesetzt hat er sie.

			Sensenbrink lässt sich in seine Sitzgruppe fallen, er greift in die Ablage über sich im Regal, unteres Fach, es ist ihm ein bisschen unangenehm, dass er es aufgehoben hat. Aber es sieht einfach zu geil aus: die Einschaltquoten vom Tag an der türkischen Grenze. Er zerrt das Blatt hervor, kräftig, das schadet dem Blatt nicht, er hat es sorgfältig laminiert. Abends, als die Sekretärin schon heimgegangen war. Allein das ist schon recht peinlich, aber scheiß drauf. Wann hat man schon mal solche Zahlen?

			Der Anfang war fast ein bisschen enttäuschend, knapp unterm Schnitt, Nachmittagszahlen eben. Immer noch atemberaubend verglichen mit der x-ten »Big Bang Theory«-Wiederholung, aber für E-Zwo wenig. Als FC Bayern gibt man sich ja auch nicht mit der Meisterschaft zufrieden, da will man schon noch den Pokalsieg dazu. Dann, das sieht man links schön an der Zeitleiste, ganz klar der Anstieg zum Zeitpunkt des Grenzübertritts. Auch bei den anderen. Die waren ja alle da, n-tv, N24, ARD und ZDF wieder mal schön doppelt, irgendwie muss man diese Gebühren schließlich auch wieder rausblasen, wenn die anderen einem die ganzen Fußball-Events wegkaufen.

			Aber dann, jenseits der Grenze, sah’s auf einmal ganz anders aus.

			Sensenbrink tastet wieder hinter seinen Kopf, mit zwei Handgriffen hat er die andere Grafik, die nicht den ganzen Tag abdeckt, die nur die Stunde rund um den Grenzübergang sekundengenau analysiert. Ahhh. Erst schalten einige wieder zurück zum Ursprungskanal. Aber dann spricht sich’s herum, und es stellt sich heraus: Es geht weiter. Es ist nicht Über-die-Grenze-und-dann-Schluss, sondern es geht erst richtig los. Es ist Über-die-Grenze-und-dann-Bus. Und die anderen Sender haben keine Bilder. Die haben nichts. Die haben die Arbeit eingestellt, die dachten, das sei’s gewesen. Die haben noch nicht mal gemerkt, was sich mit den Bussen anbahnte, die Herren Nachrichtenexperten. Zwei Tage vorher hatte er in der Innenstadt den Idioten Klüpfel getroffen, der hat noch groß mit seinem Insiderwissen über die MyTV-Planungen geprahlt.

			»Vierzehn Drohnen? Acht Kamerateams? Klar, die Sendung ist euer Ding, Hut ab und so, aber was wollt ihr denn da alles filmen?«

			Gerade der Klüpfel. Der war schon immer einer von denen, die man ab fünf im Büro nicht mehr anzurufen braucht. Und jetzt ist er stellvertretende trübe Tasse oder was beim WDR. Aber es hilft einem halt auch das großartige Korrespondenten- und Nahostexpertennetz einen Scheißdreck, wenn der Fachmann an der Grenze O-Töne abgreift, während die eigentliche Musik zwei Kilometer weiter spielt. Sensenbrink grinst. Das Umsteigen in die Busse hatten sie zwei Stunden lang exklusiv. Und zwei Kamerateams sind sogar mitgefahren. Die fahren noch immer mit, jeden Tag in einem anderen Bus.

			Exklusiv bei MyTV.

			Da hilft kein Jammern und kein Brennpunkt.

			Tja, und das war’s dann natürlich. Wenn du die Zuschauer einmal an der Angel hast, hast du einen Vorsprung. Klar schauen die dazwischen dauernd mal zur ARD, ob das denn wirklich passiert, was du da sendest. Aber wenn die ARD keine Bilder hat, was macht der Zuschauer dann?

			Genau.

			Nach einer halben Stunde haben sie sich immerhin zu einem Schriftband unten im Bild herabgelassen, und das hat noch mal einen richtigen Nachbrenner gezündet. Die ARD sagt, es stimmt, aber wenn du’s sehen willst, schalte zu MyTV.

			Ein breites Lächeln zieht sich über Sensenbrinks Gesicht. Das waren Quoten wie bei Durbridge in den Sechzigern. Keiner hätte gedacht, dass das heute noch möglich ist. Kärrner ist am späten Abend nur noch kreidebleich durch den Laden gewankt und hat gesagt: »Dafür reichen Optionen nicht mehr aus. Dafür müssen sie uns an der Holding beteiligen.«

			Oh ja.

			Okay, den Innenminister haben sie nicht vor die Kamera gekriegt. Aber die ARD hatte ihn auch nicht.

			17:0 für Sensenbrink. »YEsssss!«

			Ab da hat er die Zuschauer nicht mehr von der Leine gelassen. Sie klinken jetzt dauernd ein Livebild ein, oben links, sogar beim Spielfilm. Die Kilometer zur deutschen Grenze zählen sie runter. Und ab dem Tempo eines Reisebusses lohnt sich das Mitzählen erst wirklich. In Echtzeit. MyTV läuft jetzt sogar permanent in den meisten Büros. Es ist wie 9/11, aber mindestens zehn Tage lang.

			Deswegen darf man sich aber nicht freuen. Außer über die Einnahmen.

			Sie hatten ja für die Türkei schon Werbezeiten verkauft. Und jetzt stellt sich heraus, dass dank der Busse überhaupt nicht mehr so viel Sendezeit zur Verfügung steht, wie sie Werbung verkauft haben. Das waren ja mal drei Monate Wanderungsdauer, und jetzt sind nur noch zehn Tage übrig. Zehn Tage, bei denen die Menschen am MyTV-Senderlogo hängen wie Süchtige an der Nadel. Ein Traummarkt: Jeder will rein, aber alles ist voll.

			Olav hat gesagt: Wir verkaufen den Platz an der Sonne zu Mondpreisen.

			Und der Sender kann sich auch noch aussuchen, wen er nimmt, weil jeder zahlen würde. Sogar morgens um drei ist der Minutenpreis noch zu hoch für die üblichen Internetschlampen. MyTV hat die ganze Nacht Premiumwerbekunden.

			Kärrner hat ihm heute eine Kiste Zigarren zukommen lassen, kubanische, vierzig Euro das Stück. Dezent nach Hause geliefert. Gestern eine Kiste Champagner. Von Kärrner persönlich, offiziell, es darf nicht über die Firma gehen. Sensenbrink ist schon gespannt, was morgen kommt. Das alles könnte so geil sein, wenn nicht die Bedingung wäre: Schnauze halten.

			Sonst wird’s womöglich richtig teuer.

			Klar kann es vorkommen, dass Live-Übertragungen anders verlaufen, als man es geplant hat. Dass plötzlich Sendezeit wegfällt. Oder dass sich die Sendezeit nach hinten schiebt. Und all das bedeutet selbstverständlich, dass es auch mal überraschend anders laufen kann.

			Aber das Wichtige ist nun einmal: überraschend.

			Und die Überraschung könnte man schon mal dezent anzweifeln, wenn man sieht, dass MyTV zufällig gerade in diesem Moment mit vierzehn Drohnen und acht Kamerateams am Start war. Sicher, das ist normal bei der wichtigsten Show des Senders. Aber wie seriös steht man da, wenn sich herausstellt, dass man noch wochenlang Sendezeiten für drei Monate Türkei verkauft hat, obwohl man bereits wusste, dass die Busse diese Zeit dramatisch verkürzen werden? Wenn sich zeigen sollte, dass man dem Werbekunden ein Produkt verkauft hat, von dem man bereits wusste, dass es nie stattfinden würde?

			Das klingt nicht gut. Sicher, man kann streiten, ob so was beweisbar ist oder einklagbar, aber die Leute haben es nicht so gern, wenn man sie verarscht. Diese Leute mit ihren zwei- und dreistelligen Millionenbudgets. Also muss Sensenbrink seit Tagen herumlaufen wie völlig überrascht. Also darf die offizielle Geschichte nicht lauten: »Wohin mit dem vielen Geld?« Sondern: »Oje, wie kriege ich die Werbezeiten unter? Weh mir, was sage ich den Kunden?«

			Und wenn einer fragt, immer schön nach dem Motto: »Wir haben nur Glück gehabt. Glück und gute Mitarbeiter.« Glaubt freilich keine Sau. Aber trotzdem.

			Irgendwann, in zwanzig Jahren, wenn sich kein Schwanz mehr nach Nadeche Hackenbusch umdreht, dann wird er allen und seinen Enkeln erzählen können, wie grandios er das ganze Unternehmen gedeichselt hat. Alle werden gähnen: »Opa Sensenbrink erzählt wieder vom Krieg.«

			Was bleibt unterm Strich?

			Champagner, den man nur unauffällig trinken sollte.

			Zigarren, die man nur zu Hause rauchen darf.

			Zwei Grafiken, heimlich laminiert und verschämt zur Seite gelegt wie Nacktfotos.

			Sensenbrink nimmt die Grafiken in die Hand und hält sie vor sich. Allein schon wie die ARD in den Keller rauscht! Er lächelt.

			Geil.





49


			Ist das Ihr Ernst?« Kaspers blickt ungläubig zum Innenminister. »Haben Sie überhaupt geschlafen?«

			»Nein«, sagt der Innenminister, »aber das hat damit nichts zu tun. Es ist die einzige praktikable Lösung.«

			Die Runde ist kleiner als beim letzten Mal. Berthold ist da, Kaspers und Gödeke. Migration, Internationale Angelegenheiten und BND sind nicht dabei. Es wird genug genörgelt werden, da muss man nicht noch mehr Bedenkenträger einsammeln.

			»Sie wissen, dass das in der deutschen Geschichte bereits zwei Mal praktiziert worden ist?«, eröffnet Kaspers das Feuer. »Bei der DDR und bei den Nazis! Die wohl beide für niemanden am Tisch als vorbildlich gelten.«

			»Bei der DDR, den Nazis und in der Viehhaltung.« Gödekes Eltern sind niedersächsische Landwirte.

			Der Innenminister hebt beide Zeigefinger: »Bevor wir uns verrennen – die Aufgabe bestimmt die Lösungsmöglichkeiten. Wenn ich mit einem halben Jahr Vorlauf einen Lichterzug plane, kann ich gerne alle Nazibezüge dreimal hin und her wälzen. Unsere Aufgabe sieht aber anders aus: Wir haben vielleicht ein bisschen mehr als achtundvierzig Stunden, um eine eindeutige Botschaft an Bulgarien und die Staaten rund um die Balkanroute zu senden, bevor sie die Entscheidung fällen, was sie mit diesen Flüchtlingen machen werden. Sind wir so weit alle beisammen?«

			Das Behördentrio nickt. Kaspers macht mit den Handflächen erst eine beschwichtigende Bewegung und dreht sie dann auffordend nach oben: Na, dann zeigen Sie mal, was Sie mitgebracht haben, sagen seine Hände.

			»Gut. Eindeutige Botschaft, schnell«, fasst der Innenminister zusammen. »Ich sehe da drei Varianten. Nummer eins ist, wir bauen eine Riesenbetonmauer. Ist nicht glaubwürdig, jeder weiß, dass wir davon in zehn Tagen gerade zweihundert Meter hinbekommen würden. Nummer zwei: Wir bauen einen Zaun aus Stahl oder Draht, und dahinter stehen Grenzschützer mit Maschinengewehren und Schießbefehl. Aber im Ernst: Wer wird uns abnehmen, dass wir Hunderttausende niedermähen wie anno dunnemals in Verdun?«

			»Na ja«, sagt Gödeke, »es müssen ja nicht gleich Maschinengewehre sein …«

			»Oh doch, müssen es. Wenn Sie dieselbe Botschaft mit Tränengas und Wasserwerfern schicken, können Sie es gleich bleiben lassen. Ich habe die Gesichter der Flüchtlinge gesehen, an der Grenze in der Türkei. Die bleiben wegen ein bisschen Tränengas nicht stehen. Und die kehren auch nicht um, weil die clever genug sind, dass sie hinten so viel Druck machen, dass denen vorne nur eine Richtung bleibt.«

			»Das wäre abzuwarten …«, meint Berthold.

			»Eben nicht. Wenn wir wollen, dass die anderen ihre Grenze so dicht machen wie wir unsere, dann dürfen sie nicht denken, warten wir’s ab. Sie müssen denken, auweh, das wird ernst.«

			»Aber Starkstrom …« Kaspers schüttelt den Kopf.

			»Keine Denkverbote«, unterstreicht der Innenminister. »Wer eine bessere Idee hat, soll es sagen.« Dann stemmt er sich mit beiden Händen auf der Tischplatte hoch und schreit: »Er hätte es übrigens längst schon sagen können!«

			Er setzt sich wieder und nimmt in die Stille hinein einen Schluck Wasser. »Ich bitte den Ton zu entschuldigen.« Dann richtet er sich in seinem Sessel auf. Er stöhnt, weil Schultern und Nacken allmählich erstarren.

			»Zurück zur Sache: Es sprechen mehrere Gründe dafür, Starkstrom einzusetzen. Erstens ist es einfach umsetzbar. Irgendein Drahtzaun ist schnell errichtet, aber es ist eben nur ein Drahtzaun, selbst mit Stacheldraht. Ein Drahtzaun mit Starkstrom ist genauso schnell errichtet, aber jeder weiß, es ist tödlich. Er ist also tatsächlich umsetzbar und daher glaubwürdig. Zweitens: Er funktioniert automatisch und unbegrenzt. Wenn jemand in den Zaun greift, leitet der Körper den Strom weiter. Das bedeutet: Es gibt kein Nachladen und vor allem keine menschliche Komponente. Wir müssen es unseren Grenzschützern nicht zumuten, massenweise Menschen zu töten. Drittens: Das Ganze ist ethisch vertretbar. Es ist schließlich unsere Grenze: Niemand hat die Flüchtlinge gezwungen, sie anzufassen. Wenn sie in den Tod gehen wollen, bitte. Aber dann ist es ihre Entscheidung.«

			»Genau«, sagt Kaspers. »Wie bei diesen Leuten in den Konzentrationslagern.«

			Der Innenminister sieht ihn finster an. »Ich …«, hebt er an, und dann bricht er ab. Es kostet ihn den letzten Rest seiner kaum noch vorhandenen Beherrschung, einen sachlichen Ton anzuschlagen: »Ich will hier konstruktive Beiträge hören, keine Bedenkenträgerei.« Er sieht allen dreien nacheinander in die Augen: »Ich will dazu aber trotzdem etwas sagen, ein für alle Mal, bevor wir weiterdiskutieren. Weil wir unsere Entscheidung verteidigen werden müssen, und ich will Ihnen dabei auch Argumente an die Hand geben. Wir dürfen also nicht vergessen: Wenn diese Menschen demnächst wirklich vor unserem Zaun stehen sollten, dann nicht mehr, weil sie vor Tod oder Folter fliehen. Wenn sie vor unserem Zaun stehen, dann fliehen die aus Österreich!«

			Das beruhigt die Lage am Tisch. Sie nicken zögernd, und ihre Augen sagen, dass man es durchaus so sehen könne. Dann meldet sich Gödeke.

			»Aber Sie wissen, dass es gar nicht so umsetzbar ist?«

			»Wieso?«

			Gödeke versucht, dem nächsten Rüffel auszuweichen: »Wir spielen das hier durch, wenn ich das richtig sehe, also ohne Denkverbote? Ich hab keine Lust, dass mir das nachher jemand um die Ohren haut.«

			»Schon okay«, seufzt der Innenminister, »legen Sie los. Was hier gesagt wird, bleibt in diesem Zimmer.«

			»Gut. Ich schicke voraus: Ich bin jetzt nicht unbedingt Physiker oder Elektroingenieur. Aber ich bilde mir ein, dass ich ein paar Grundkenntnisse habe – und das läuft meines Wissens bei Strom nicht so wie bei einem Magneten, wo man beliebig viele Metallstücke dranhängt, die dann alle weiter magnetisiert werden.«

			»Soll heißen?«

			»Das soll heißen, dass der menschliche Körper einen gewissen Widerstand hat. Dass er Energie absorbiert, wenn sie durch ihn durchfließt. Und wenn da erst mal fünfzig, hundert, keine Ahnung, wie viele Leute, im Zaun hängen …«

			»… was wir alle, wohlgemerkt, nicht hoffen wollen …«, sagt der Innenminister rasch, auch Kaspers zuliebe.

			»… was wir alle nicht hoffen wollen, ja«, fährt Gödeke fort, »dann ist das irgendwann für die Nächsten, die drüberkrabbeln, nur noch so tödlich wie die Batterie in Ihrer Taschenlampe.«

			»Vor allem, weil fünfzig, hundert, keine Ahnung, wie viele Leute, auch ein gewisses Gewicht haben«, hängt sich Berthold an. »Und sobald die Leitung unterbrochen ist, kommt da nichts mehr. Dann ist unser Zaun nur noch ein Zaun wie jeder andere.«

			Der Innenminister zuckt mit den verkrampften Schultern und verzieht schmerzlich das Gesicht. »Ein deutscher Ingenieur kann alles«, sagt er.

			»Bitte?«

			»Die Frage ist nicht unbedingt, was wie möglich ist«, erinnert er seine Mitarbeiter. »Die weitaus wichtigere Frage ist, was man uns eher glaubt? Dass wir Menschen zu Tausenden erschießen – oder dass wir eine vernünftige Elektroinstallation hinbekommen?«

			»Soll das heißen …?«

			Der Innenminister reibt sich zermürbt den Nacken: »Es soll heißen, dass nicht nur Sie kein Elektriker sind, sondern ich bin es auch nicht. Die Bulgaren sind’s aber auch nicht. Um es klar zu sagen: Es muss technisch funktionieren, es ist keine schöne Lösung, und wir sind in einer absoluten Ausnahmesituation. Aber das Wichtigste ist, dass wir eine Geschichte haben, die zwei Tage bis zwei Wochen lang dem Druck standhält. Mindestens so wichtig wie das Funktionieren eines Starkstromzauns, nein, noch wichtiger als das Funktionieren ist, dass die anderen EU-Mitglieder glauben, dass er funktioniert. Sie dürfen nicht vergessen: Wenn die Bulgaren die Flüchtlinge an der Außengrenze festhalten, wenn die Sache ins Stocken kommt und vor deren Grenze erstarrt, dann müssen wir unseren Zaun überhaupt nicht testen. Dann haben die Türken verloren und müssen plötzlich ein weiteres Flüchtlingslager bauen, Pech gehabt.«

			»Eine Nebelkerze«, sagt Kaspers.

			»Ungewöhnlich«, sagt Berthold anerkennend. »Ein Potemkinscher Zaun.«

			»Oh nein«, grätscht der Innenminister dazwischen, »dass es da keine Missverständnisse gibt: Der Zaun muss funktionieren.«

			»Die öffentliche Reaktion wird verheerend sein«, sagt Kaspers überflüssigerweise. Aber trotz seiner Müdigkeit hört der Innenminister den zustimmenden Tonfall. Dass Kaspers sich über die Reaktion zwar nicht freuen wird, dass er es aber für einen angemessenen Preis hält, den man in diesem Fall eben in Kauf nehmen muss.

			»Vielleicht nicht nur«, meint Gödeke. »Es ist so ungewöhnlich und so drastisch, dass wir damit immerhin Zustimmung von den ganzen Rechtskonservativen kriegen könnten.«

			»Zehn Prozent weniger Pegida, das wäre schon was«, rechnet Berthold.

			»Das bringt mehr«, muntert Gödeke auf, »zwanzig Prozent, vielleicht fünfundzwanzig. Eine Regierung, die das Vertrauen der Bevölkerung spürt …«

			»Des reaktionären Teils der Bevölkerung«, mahnt Kaspers.

			»Möglich«, sagt der Innenminister. »Aber das macht uns noch nicht zu einer reaktionären Regierung.« Er holt sein Handy hervor und schaltet es wieder ein, als Zeichen, dass das Meeting beendet ist. Dann sagt er eindringlich zu Kaspers: »Würden Sie bitte mal den Fernseher anschalten? MyTV?«

			Kaspers schaltet den Fernseher ein. Der Innenminister wirft kurz einen Blick auf den Bildschirm, dann stürzt er aus dem Zimmer in sein Büro.

			»Was ist denn jetzt wieder?«, fragt Berthold.

			Kaspers beugt sich zum Fernseher und klopft mit dem Fingerknöchel auf die Kilometerzahl, als wäre die Anzeige kaputt.

			Berthold pfeift ungläubig durch die Zähne: »Die Arschlöcher haben überhaupt keine Pause eingelegt. Die fahren nonstop. So dauert das nicht mehr lang bis zur bulgarischen Grenze.«

			Und Gödeke sagt: »Scheiße, guckt euch die Schrift auf den Schildern an. Das ist schon kyrillisch!«





50


			Saba sagt nichts.

			Nadeche auch nicht. Sie hätte gerne etwas zu tun. Das TV-Team ist vor einer Stunde ausgestiegen, sie haben sechsunddreißig Stunden am Stück gesendet und versuchen jetzt, ein Feature zu schneiden, das sie vom Übertragungswagen aus zum Sender bringen wollen. Wahrscheinlich, vielleicht sind sie auch sofort eingeschlafen. Sie sitzt neben einer Frau, die wie zwei Männer schnarcht und einen kleinen Jungen auf dem Schoß hat. Nadeche bereut, dass sie ihr den Sitz angeboten hat. Zwei Sitze, was wäre das jetzt für ein Luxus. Sie hatten den Doppelsitz frei gehalten, für Malaika, aber Nadeche wollte keine Extrawurst, sie hat drauf bestanden, dass sich die Frau setzt. Wie hätte man auch sonst reagieren sollen, es ist unglaublich, wie vollgestopft die Busse sind. Das waren übrigens nicht die Türken, das waren die Flüchtlinge selbst, in der Euphorie über die plötzlichen Busse.

			»Wenn wir nicht laufen müssen, kann’s dafür ruhig etwas enger werden.«

			Auf jedem Sitz ein Erwachsener, auf den meisten Erwachsenen ein Kind. Und in den Reihen dazwischen stehen alle. Es riecht wahrscheinlich entsetzlich. Nadeche nimmt es nicht mehr wahr, aber wie ihre Haut sich anfühlt, wie alles in diesem Bus an allem klebt und jeder an jedem, es ist eigentlich ziemlich eklig. Sogar Saba stinkt ein bisschen, wie sie da auf ihrem Schoß sitzt, und Saba stinkt sonst nie. Aber ihr Geruch ist lange nicht so schlimm wie ihr Schweigen.

			Nadeche fährt Saba mit einer klebrigen Hand über die klebrigen Haare. Sie weiß nicht, was sie tun soll. Wenn sie in ihrem Wagen unterwegs wären, könnte sie ein bisschen fahren, zur Abwechslung, aber das mit dem Wagen ist jetzt erst mal gestrichen. Von Lionel.

			Na ja, auch von der Vernunft. Und weil sie Saba sonst hätte aufgeben müssen. Sie hatte sich bisher mit Lionel geeinigt, dass Saba ihr helfen kann und muss und dann im Auto mitfahren darf. Aber jetzt, wo alle in Bussen sitzen, kann sie auch nicht mehr viel helfen. Wasser verteilen, Aspirin verteilen – das wird jetzt alles an den Tankstellen gemacht. Vom Militär. Und kein Bus kann es sich leisten, anzuhalten, damit sie mit ihrem pinkfarbenen Zebrawagen eine Ibuprofen überreicht. Ab hier ist Saba keine Helferin mehr, sie ist ein Flüchtlingsmädchen wie viele andere. Also muss Saba in den Bus, damit es nicht aussieht, als ob sie sich hier eine kleine niedliche Flüchtlingsprinzessin heranziehen. Hat natürlich auch die Anke gesagt, und die ist von den ganzen Sendungsautoren tatsächlich die verlässlichste.

			Vor allem, wenn’s ums Gefühlige geht.

			Nadeche zieht ein schmutziges Fetzchen aus der schmutzigen Hose. Sie nimmt ihre Trinkflasche, befeuchtet das Fetzchen vorsichtig, weil nicht mehr viel Wasser da ist, und wischt Saba über die Stirn. Dann macht sie ihr aus dem Fetzchen ein Hippiestirnband. Man ahnt, warum die Leute früher fanden, dass die Hippies wie Gammler aussahen, aber es hält die Stirn immerhin lauwarm.

			Saba lässt es reglos geschehen. Sie starrt aus dem Fenster, ohne etwas zu sehen. Dann sagt sie: »Du hast es auch nicht gewusst, oder?«

			»Nein«, antwortet Nadeche.

			Saba dreht ihr den Kopf zu und sieht sie an: »Und er?«

			»Auch nicht.«

			»Er muss es aber gewusst haben! Und dann auch du!«

			»Er sagt mir nicht alles. Er wusste sicher mehr als ich, aber das hat er nicht gewusst.«

			Saba schaut wieder aus dem Fenster.

			»Das hat er gar nicht wissen können, Schätzchen! Niemand hat es gewusst. Die Türken auch nicht. Das war ganz anders geplant.«

			Der kleine Hippie reagiert nicht. Es ist schwer zu sagen, ob Saba es nicht glaubt oder Nadeche nur nicht zu ihr durchdringt. Sie drückt Saba verzweifelt an sich.

			»Das hat er mir selbst gesagt. Es war eigentlich ganz anders gedacht!«

			Gedacht war, dass der Zug so in die Busse steigt, wie sie bisher gelaufen sind. Jeden Tag verlädt man einen Abschnitt von fünfzehn Kilometern. Schubweise. Und die Busse würden warten, bis man einen großen Konvoi hat. Das haben die Türken dann durchkreuzt. Sie haben Lionel vorgerechnet, dass das nur einen gigantischen Stau gibt. Ein Konvoi, wenn er erst mal steht, braucht ewig, bis er wieder fährt. Weil ja nicht alle gleichzeitig losfahren können wie die Waggons von einem Zug. Zuerst muss der Vorderste losfahren, erst dann kann der Zweite los, dann der Dritte – das addiert sich. Bei zehn Bussen dauert das, wenn’s glattgeht, vier Minuten. Bei hundert sind es vierzig. Bei tausend schon über sechs Stunden. Wenn es also schnell gehen soll, dann muss jeder Bus sofort losfahren und weiterfahren, weiter, weiter. Jeder Bus zwei Fahrer, feste Tankstopps, feste Toilettenstopps, feste Wasserstopps und dazwischen nichts. Aber auch die Türken haben gedacht, dass man schubweise umsteigen würde. Sie haben gedacht, in den verbleibenden Stunden könnten sie dann über die Straße die nächsten Busse herbeifahren.

			Aber so haben das die Flüchtlinge nicht gesehen.

			Der kleine Hippie zuckt. Nadeche spürt, wie ihre Schulter nass wird.

			Man kann die Flüchtlinge verstehen. Wer nach eineinhalb Jahren sieht, wie die Leute vorne in den Bus einsteigen, der legt sich nicht nach Kilometer fünfzehn hin und freut sich auf morgen, wenn er auch einsteigen darf. Der geht halt noch einen Kilometer mehr, so sind’s an diesem Tag eben sechzehn, ist ja nicht die Welt. Und die dahinter merken, dass die vor ihnen nicht stehen bleiben, so wie sonst. Die gehen dann also auch weiter, weil’s nur noch zwei Kilometer mehr sind, das ist ja ein Klacks, nach so vielen Kilometern. So pflanzt sich das fort, weil es heißt, dass die Busse da sind. Was alle automatisch so übersetzen: Wenn man sich jetzt hinlegt und erst mal schläft, dann sind morgen vielleicht keine Busse mehr da. Dann fängt man an, schneller zu gehen. Und nicht nur das: Je weiter hinten man ist, desto mehr Kilometer muss man auf den normalen Tag draufsatteln.

			Nadeche hat die Aufnahmen auf dem Smartphone gesehen. Jeder hat die Aufnahmen auf dem Smartphone gesehen. Die Aufnahmen stammten nicht von MyTV, die waren von n-tv und ARD: Leute, die im Stechschritt über Pisten hasten. Menschen, die anfangen sich zu überholen, etwas, das man bisher im Zug überhaupt noch nicht gesehen hat. Wie die einen an den anderen vorbeiziehen. Und wie das Überholtwerden bei den Überholten Panik auslöst. Wie Eltern anfangen, ihre Kinder zu tragen. Wie sie an den Trucks vorbeihasten, sich Nahrung aufschaufeln, Wasser, um weiterzurennen wie Marathonläufer. Elendsgestalten, die seit acht Stunden, seit zwölf Stunden, seit zwanzig Stunden ununterbrochen laufen, seit vierundzwanzig Stunden, getrieben von einer Angst, die niemand vorhergesehen hat. Eltern, die auf ihre erschöpften Kinder einschreien, sie voranprügeln. Und das Entsetzen in ihren Augen, je weiter hinten sie unterwegs waren.

			Menschen, die plötzlich um ihr Leben laufen.

			»Wenn er es gewusst hätte, dann hätte er … dann hätte er alles ganz anders gemacht«, flüstert Nadeche Saba ins Ohr, auch wenn sie nicht weiß, ob das stimmt. Lionel hat ihr erzählt, wie die Türken bei ihm angerufen haben. Die Telefonnummer, die es plötzlich nicht mehr gegeben hatte, ist auf einmal wieder aufgetaucht, und jemand hat ihn angeschrien:

			»Bleiben Ihre Leute jetzt vielleicht mal irgendwann stehen, oder was? Wir sind durch für heute!«

			Lionel hat sofort seine Verbindungsleute angerufen und schnell erkannt, dass er die Situation nicht mehr im Griff hatte. Selbst wenn man den Leuten noch öfter zugerufen hätte, dass genug Busse da sein würden, dass sie wenigstens zwei Stunden sorglos rasten könnten – ihnen hätte keiner geglaubt. Niemand glaubt beruhigende Nachrichten, wenn ununterbrochen Tausende von diesen furchtbaren, schlaflosen, entsetzten Gespenstern an dir vorbeiziehen und einfach nur weiterwollen. Man sieht es in ihren Gesichtern, diese Furcht, dass man jetzt dabei sein muss, weil sonst alles umsonst war.

			Daraufhin haben die Türken offenbar schnell genug begriffen, dass es zu einer Katastrophe gekommen wäre, wenn sie versucht hätten, jetzt die Verladung abzubrechen. Sie hatten ab sofort alle Hände voll zu tun, um genug Busse über die vollen Straßen herzuschaffen. Sie haben wohl eigens eine neue Piste angelegt. Es gibt einige Drohnenaufnahmen von dem kleinen Parkplatz, es sah aus wie ein gigantischer Fleischwolf, in dem Menschen und Busse zusammengerührt werden. Denn wenn die Menschen anfangen, schneller zu laufen, dann kommen sie auch nicht mehr gleichmäßig an. Aber die Katastrophe an der Grenze blieb aus. Sie blieb vor allem auch deshalb aus, weil sie vorher auf der Piste eintrat.

			Sie erinnert sich an die Aufnahmen, die es von Pakka gibt, wie er neben seinem medizinischen Versorgungswagen steht, ausgelaugt, resigniert, heulend, irgendwo am Rande der Piste. Immer wieder liegen dort Menschen, den ganzen Weg entlang zum Grenzübergang, der Zug hat Tausende zurückgelassen. Menschen, die zusammengebrochen sind und nicht weiterkönnen. Manche haben nur Krämpfe, manche sind komplett bewusstlos. Kollaps. Manche sind verletzt. Knöchelbrüche, durch das unvorsichtige Gehen, die Hektik, auch durch Tritte von anderen.

			Manche sind tot.

			Sabas Mama hat ein Foto aufs Handy geschickt.

			Sie hat versucht, Sabas Papa würdevoll zurückzulassen. Sie konnte ihn natürlich nicht begraben, in der Eile – sie wusste ja nicht, dass sie theoretisch genug Zeit hätte. Wenn sie es gewusst hätten, hätte er sich schließlich gar nicht erst zu Tode gehetzt. Würdevoll ist freilich relativ. Es bedeutet in diesem Fall, dass sie ihn von der Mitte der Piste weggeschleift hat. Sie hat ihn im Sitzen an eine Böschung gelehnt. Es wirkt tatsächlich ein bisschen würdevoller, vielleicht sieht es auch nur weniger passiv aus, als wenn er einfach so daliegen würde. Es ist nicht ganz klar, ob Sabas Mama ihn in die Landschaft gedreht hat mit dem Blick in die irakische Weite oder mit dem Blick auf den panischen Schluss-Sprint zur Grenze – man kann es auf dem Foto nicht erkennen. Sabas Mama hat ihm dann von jedem der drei Kinder ein Spielzeug in den Arm gedrückt.

			Dann ist sie weitergerannt. Zum Bus.

			Nadeche spürt, wie ihr die Nässe in den BH läuft. Aber das Zucken hat aufgehört. Sie schaut aus ihren Augenwinkeln angestrengt auf den kleinen schmuddeligen Kopf. Saba ist eingeschlafen.

			Immerhin etwas.





51


			Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht«, sagt die Präsidentin der EU-Kommission ins Telefon.

			»Immerhin«, sagt der Innenminister. Er hat die Freisprechanlage eingeschaltet, weil er inzwischen kaum noch sitzen kann. Seine Schulter besteht aus Draht, sein Nacken ist eine Schraubzwinge, sein Rücken ist verrenkt und hält nur noch dann still, wenn der Innenminister steht. »Die schlechte zuerst«, sagt er.

			»Also: Wir haben keine neue Einigung.«

			Der Innenminister sagt nichts. So überraschend ist das auch nicht. Er klingt wie jemand, der etwas erwartet Unangenehmes zur Kenntnis nimmt: »Was haben sie gesagt?«

			»Nicht viel. Aber die Franzosen würden jetzt fünftausend nehmen.«

			»Statt dreitausend.«

			»Ich dachte mir schon, dass uns das nicht wirklich weiterbringt. Obwohl, zweitausend mehr sind zweitausend mehr.«

			»Und weiter?«

			»Nichts weiter. Ich denke, die Franzosen würden sich noch etwas bewegen, wenn die anderen andeuten würden, dass sie irgendwie mitmachen. Aber die anderen tun’s nicht. Die Italiener, Spanier, Portugiesen und Griechen sagen, dass sie schon genug gemacht haben. Und unsere Freunde im Ostteil sagen …«

			»Ich weiß. Ich kann nur noch mal betonen: Es sind wir, die denen entgegenkommen würden!«

			»Das sehen die anders.«

			»Die Bulgaren? Ich bitte Sie!«

			»Gerade die Bulgaren.«

			Es ist nicht mehr als ein Spiel. Es ist Schwarzer Peter. Es ist Kindergeburtstag. Ein reiches Kind ist eingeladen, das keiner mag. Und alle Kinder lachen und reden darüber, wie lustig es wäre, wenn gerade das blöde reiche Kind den Schwarzen Peter kriegen würde. Erst geben sie sich Zeichen, wer den Schwarzen Peter jetzt hat und wer welche Karte weitergeben muss, damit er beim blöden Kind landet. Die Zeichen werden immer deutlicher. Irgendwann ist es ihnen zu mühsam, sie nehmen den Schwarzen Peter und reichen ihn weiter an das blöde reiche Kind, sie stopfen ihm den Schwarzen Peter in seinen Kartenfächer, umgedreht, ohne jede Heimlichkeit, ohne überhaupt noch zu spielen. Sie sagen: »Heul doch!« Und wenn es dann heult, freuen sie sich noch mehr.

			»Ich sage es nicht gern«, betont er, »aber die Bulgaren werden mit den Flüchtlingen allein klarkommen müssen.« Deutschland ist vielleicht blöd und reich, aber nicht wehrlos.

			»Das habe ich ihnen auch mitgeteilt«, stimmt die Präsidentin zu. »Aber mal ehrlich: Glauben Sie das selbst?«

			»Ich sage es nur rechtzeitig: Wer die Grenzen aufmacht, hat die Folgen zu tragen. Wenn die Bulgaren meinen, die Serben nehmen ihnen das Problem ab, wenn die Serben meinen, die Ungarn würden es tun, wenn die Ungarn auf die Österreicher hoffen – das ist alles deren Angelegenheit. Aber wir werden es nicht tun. Wir sind letztes Mal bis zum Äußersten gegangen. Deutschland ist am Limit.«

			»Und dennoch bieten Sie eine Aufteilung an.«

			»Da haben Sie etwas falsch verstanden. Wir bieten gar nichts an. Wir können gar nichts anbieten. Aber wenn man uns in einer verzweifelten Situation um Unterstützung bittet, sind wir immer bereit zu helfen. Wir werden sicher nicht hinter Frankreich zurückstehen.«

			»Fünftausend Flüchtlinge?«

			»Wir haben eine gesetzliche Obergrenze. Und den Auftrag, unser Land zu verteidigen. Es gilt allerdings noch immer der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit. Wenn es um eine vergleichsweise geringe Anzahl geht, können wir auf ein hartes Vorgehen verzichten. Bei vierhunderttausend Menschen ist das allerdings vollkommen ausgeschlossen. Das wissen Sie genauso gut wie ich.«

			»Ja. Sie wissen es, ich weiß es, jeder weiß es. Doch die Staaten der Balkanroute sind vermutlich bereit, es drauf ankommen zu lassen.«

			»Haben Sie nicht auch noch was von einer guten Nachricht gesagt?«

			»Ich denke, wir brauchen mehr Zeit. Es ist nicht gut, wenn alles in dieser Hitzigkeit entschieden wird.«

			»Es sind nicht wir, die aufs Tempo drücken. Das sind die Flüchtlinge und – ich kann es nicht beweisen, aber es sieht ganz so aus – die Transitstaaten.«

			»Okay, passen Sie auf: Die Rechnung ist ja einfach. Wenn die Grenzen nicht mehr funktionieren, droht Deutschland als funktionierendes EU-Mitglied auszufallen. Wenn Deutschland kippt, kippt die EU. Sind wir so weit einig?«

			»An dem Punkt sind wir doch schon vorbei. Die Grenzen der anderen funktionieren ja schon nicht mehr.«

			»Aber den Eindruck können wir reparieren.«

			»Und wie?«

			»Wir lassen die Grenzen so wirken, als ob sie funktionieren würden. Wenn Deutschland die Flüchtlinge freiwillig übernimmt, können wir noch eine gewisse Zeit lang weiter behaupten, dass die Grenze funktioniert. Die EU konstatiert einstimmig und dankbar, dass Deutschland nur in diesem Fall noch mal eine besondere Ausnahme gemacht hat.«

			»Einstimmig …«, sagt der Innenminister sarkastisch.

			»Einstimmig, das kriege ich hin. Sie mögen vielleicht inzwischen glauben, dass wir gar nichts hinbekommen, aber das schaffe ich, mein Wort drauf.«

			»Und was nutzt uns diese gewisse Zeit?«

			»Die EU kann sich auf eine Flüchtlingspolitik verständigen, die wirklich konsequent ist.«

			»Und das glauben Sie selbst?«, gibt er zurück.

			»Ich weiß eines mit Bestimmtheit: Wenn die EU-Grenze erst für alle erkennbar gefallen ist, wird niemand mehr die Notwendigkeit einer Einigung sehen.«

			»Für die deutsche Grenze gilt dasselbe. Nein, es funktioniert nur so: Wenn sich die Bulgaren erst mal die erste Viertelmillion Flüchtlinge eingefangen haben, werden sie sich überlegen, ob sie eine zweite wollen.«

			»Installieren Sie wirklich diese Starkstromzäune?«

			»Kein Kommentar.«

			Es war in mehreren Zeitungen zu lesen, die Bild-Zeitung nennt ihn bereits »Mr 100.000 Volt«. Er hat es selbst durchsickern lassen, damit der Plan möglichst schnell bekannt wird. Politische Rückendeckung hat er dafür nicht. Das Kanzleramt weiß offiziell von nichts und muss angeblich den Vorgang erst prüfen. Sie haben ihm klargemacht, dass er dafür selbst den Kopf hinhalten muss: wenn es schiefgeht, wenn es kritisiert wird, wenn es einen Skandal gibt, eigentlich in jedem Fall. Es gibt Experten, die den Plan für völlig unmöglich halten, andere hingegen sagen, es sei durchaus machbar. Strom lasse sich in jedem Fall schneller verlegen als Truppen. Was ihm hilft, ist die Einschätzung, dass die Deutschen eigentlich nicht bekannt dafür sind, dass sie bluffen.

			»Ich fürchte, dann kann ich Ihnen nicht helfen«, sagt die Präsidentin niedergeschlagen. »Sie wissen, ich werde es weiter versuchen, aber mit fünftausend Flüchtlingen brauche ich denen nicht kommen.«

			»Und Sie wissen, dass ich nicht mitfeilschen kann. Ich kann siebentausend sagen, ich kann achttausend sagen, aber ich komme nie in die Größenordnung, mit der Sie was anfangen können. Ich könnte meiner Bevölkerung nicht einmal die Hälfte der Flüchtlinge vermitteln.«

			Die Leitung bleibt still.

			»Mir fällt nichts mehr ein«, sagt die Präsidentin. Auf einmal klingt auch sie unglaublich müde und erschreckend alt. »Ich weiß nicht mehr, wo ich noch ansetzen soll. Wir müssen’s offenbar drauf ankommen lassen.«

			Der Innenminister verabschiedet sich. Er steht in seinem Büro und stellt fest, dass auch er nicht mehr weiß, wo er ansetzen soll. Was bedeutet, dass er sich jetzt genauso gut auch ausschlafen könnte.





52


			Es ist leise geworden im Bus. Nicht nur leiser als in Serbien oder auch in Ungarn. Da war die Stimmung noch fröhlich, wie auf einem Ausflug zu einer gigantischen Dorfhochzeit. Jetzt sind alle nach und nach still geworden, sogar die kleinen Kinder, die sonst bei jeder Gelegenheit streiten oder quietschen. Schwer zu sagen, wann es angefangen hat. Vielleicht als die Berge immer höher neben der Fahrbahn aufragten. Wahrscheinlich erst als auf der Gegenfahrbahn immer weniger Autos zu sehen waren, am helllichten Tag. Inzwischen fährt dort niemand mehr.

			Die Deutschen haben ihre Seite der Grenze gesperrt, jetzt fühlen sich die Flüchtlinge bei dem Anblick der leeren Gegenfahrbahn seltsam allein. Wie im Western, wenn eine Schießerei droht und alle Unbeteiligten rasch den Saloon verlassen.

			Sie sehen durch die Fenster in dieses erstaunlich nasse Österreich. Die Wolken hängen tief. Der viele Regen hat das Land fruchtbar gemacht, zumindest dort, wo keine Häuser und Straßen sind. Es ist ein sehr vollgestelltes Land, überall ist etwas, nirgendwo ist nichts. Er hat sofort bemerkt, dass er recht hatte: Es gibt nirgendwo Ziegen. Das fällt auf, weil hier überall üppige Grasbüschel wuchern. Seltsam, dass diese Europäer nicht auf die einfachsten Ideen kommen. Vielleicht sind sie so modern und reich, dass sie die vielen Vorteile der Ziege aus den Augen verloren haben. Das ist doppelt gut: Dann macht er ihnen keine Konkurrenz. Sie haben Angst, dass man ihnen Arbeit wegnimmt, aber niemand hier arbeitet mit Ziegen. Achtzig Millionen Deutsche und praktisch keine Ziege – wenn sich nur zehn Deutsche eine Ziege teilen, ist das ein gigantischer Markt, den man besser entschlossen aufrollt.

			»Fahr langsamer«, sagt er zu Mahmoud. »Setz dich vor die Jungs hinter uns.«

			Er beobachtet, wie der österreichische Militärwagen vor ihnen davonzieht und dann in einigen hundert Metern ebenfalls langsamer wird.

			»Mehr in der Mitte«, weist er Mahmoud an, »die sollen nicht überholen.«

			»Mehr Mitte«, wiederholt Mahmoud wie ein Bootsmann. Lionel gibt durch, dass diejenigen, die hinten sitzen, dem folgenden Bus den Tempowechsel zusätzlich signalisieren sollen. Sie fahren jetzt über einen kleinen, erstaunlich schnurgeraden Fluss. Er hat die Rinne erst für einen Kanal gehalten, aber Google Maps nennt sie »Salzach«.

			»Soll ich anhalten?«, fragt Mahmoud.

			Lionel deutet auf die P-Schilder für die nächste Ausfahrt: »Erst dort.«

			Er hält ihm sein Smartphone hin, Google Maps zeigt einen kleinen Rastplatz.

			»Du fährst ab, über den Parkplatz und gleich wieder auf die Autobahn und stellst dich dort quer, aber so richtig. Ab hier gehen wir wieder zu Fuß.«

			»Dann wird’s jetzt ernst, hm?«

			Mahmoud zieht auf den Parkplatz. Man hätte noch etwas weiter fahren können, direkt bis zur Grenze, aber Lionel will das Bild nicht kaputtmachen.

			»Wenn wir stehen und die hinter uns auch, dann schnappst du dir ein paar Fahrer und machst mit den Bussen die Strecke richtig dicht. Ich will nicht, dass sich irgendwelche Schlaumeier vorbeimogeln.«

			Er hat mit einigen von Malaikas Fernsehleuten gesprochen. Sie sagen: Das Bild, das im Fernsehen am besten wirkt, zeigt hilflose Menschen mit Kindern an der Hand und auf jeden Fall zu Fuß. Weil dieselben Menschen mit denselben Kindern im Fernsehen weniger hilflos wirken, wenn sie in einem Bus fahren. Zumal im Bus kein Mensch sieht, ob du ein Kind an der Hand hast oder nicht.

			Die Autobahn macht hier eine langgezogene Linkskurve, die Kameras an der Grenze können da gut von weitem die Menschen mit den Kindern auf sich zukommen sehen. Dafür haben sie sie schließlich tagelang nach vorne durchgetauscht. Bei dem Fiasko an der türkischen Grenze haben sich die jungen Männer als die Stärksten gezeigt. Das hat die Reihenfolge durcheinandergebracht, weshalb sie jetzt nachsortiert haben. Jeder weiß, dass sehr viele junge Männer im Zug sind, aber das muss man nicht noch betonen. Eine Braut macht sich für die Hochzeit hübsch und nicht hässlich.

			Mahmoud steuert den Bus über den Rastplatz. Er bremst die Fahrt auf dem Zubringerstreifen, der wieder auf die Autobahn mündet, und stellt sich dann betont langsam quer. Dann öffnet er die Türen und schaltet den Motor aus, das erste Mal nach über einer Woche.

			Die Stille, die fehlende Vibration des Dieselmotors, gibt dem Moment etwas Endgültiges.

			Jemand juchzt. Plötzlich bricht Jubel aus, als wären sie schon am Ziel. Lionel steigt aus. Büsche säumen den Rastplatz. Durch die Büsche hindurch sieht man Blaulicht, die österreichische Polizei sperrt die Wege ab, damit niemand in letzter Sekunde doch noch auf die Idee kommt, vielleicht einfach schon hierzubleiben. Hilfsorganisationen haben Zapfstellen für Wasser und Ausgabestellen für Essen errichtet. Auch Militär sichert die Wege, die von dem Parkplatz wegführen, überflüssigerweise, denn diese Wege sind gesteckt voll mit Fahrzeugen, die mit den Logos von Hilfsorganisationen bepinselt sind. Der Parkplatz kann ja nur einen Bruchteil der Menschen versorgen. Menschen, die bislang offenbar neben ihren Autos gesessen und gewartet haben, stehen auf. Sie beginnen, Zigaretten wegzuwerfen, und trinken Pappbecher aus, um sich zu ihren Fahrzeugen zu begeben, mit denen sie die weiter entfernt gelegenen Teile des Zugs versorgen wollen.

			An den Drahtzäunen, die den Parkplatz abtrennen, stehen Schaulustige. Viele haben etwas Unförmiges in der Hand, das sich bei näherem Hinsehen als Plüschtier entpuppt. Er hat schon so was gehört: Flüchtlinge ziehen Plüschtiertouristen an wie ein toter Fisch die Katzen. Weil Europäer offenbar annehmen, dass der Flüchtling nichts notwendiger braucht als Plüschtiere. Bis auf die Ungarn, von denen eine Menge sie mit Steinen beworfen haben. In Wahrheit, so schätzt er nach einem kurzen Blick in den Bus, sieht es doch eher so aus, dass die meisten jetzt nichts lieber hätten als Seife.

			Lionel checkt auf seinem Handy das GPS-Signal der Säuglingswagen. Sie sind noch fünfzehn, zwanzig Kilometer weg, nähern sich aber schnell. Malaika ist in einem Bus fünf Kilometer dahinter. Ein pinkfarbenes Zebrafahrzeug drückt sich an den Bussen vorbei, es bremst, ein Kamerateam steigt aus und drängt sich eilig zu ihm durch. Er winkt ihnen zu, beruhigend, »Wir haben noch jede Menge Zeit«, sagen seine Hände. Jetzt gibt es nicht mehr zu tun, als zu warten. Auf die anderen Busse. Nicht auf alle, das wäre genauso sinnlos, wie mit nur hundert Leuten loszulaufen.

			In seinem Kopf rattert es weiter, aber tatsächlich gibt es jetzt nichts mehr zu tun, weil alles getan ist. Der Kopf macht seinen üblichen Blödsinn. War es wirklich richtig, hier über die Grenze zu gehen? Plötzlich drängt sich der Gedanke auf, dass er falsch entschieden hat. Dass die Innbrücke die bessere Lösung gewesen wäre.

			Aber diesen Gedanken hat er schon so oft abgeschüttelt, dass es ihm mittlerweile richtig leichtfällt. Sicher: Das wäre größtmögliche Wirkung auf kleinstem Raum gewesen. Sie ist nur dreißig, vierzig Meter breit, die Deutschen hätten sie mit aller Entschlossenheit absperren können, und sie wären eben mit aller Entschlossenheit dagegen angelaufen. Todesmutig, ohne jede Möglichkeit zum Ausweichen, denn links und rechts unter ihnen fließt der Inn. Dann hätten sich die Deutschen entscheiden müssen. Ein schöner Showdown. Aber wer hätte ihn gesehen?

			Wo sollen die Fernsehkameras hin? Die Deutschen werden ihnen keine schönen Standorte zur Verfügung stellen. Sie würden ihre Kameraleute wahrscheinlich in Boote oder auf verankerte Flöße auf den Inn setzen müssen. Und von dort, unterhalb der Brücke, kriegt man doch kaum Gesichter und nur schlechte, schwankende Bilder. Außerdem kann man nicht ausschließen, dass Flüchtlinge in den Inn springen, wenn es gefährlich wird. Dann sagen alle: Der war selbst schuld, der ist ertrunken. Am Salzburger Übergang wird das nicht passieren.

			Dafür ist mehr Platz, sich nach links und rechts zu verkrümeln. Er weiß nicht, wie groß der Wunsch wirklich ist, nach Deutschland und nur nach Deutschland zu kommen: Was ist denn, wenn die Hälfte sagt, dass Österreich eigentlich schön genug ist?

			Wenn die andere Hälfte glaubt, dass sie es ab hier auf eigene Faust schaffen kann?

			Was ist denn, wenn er morgen oder übermorgen losläuft und dann allein vor der Grenze steht? Am Ende des Tages sind auf Umwegen und Schleichpfaden alle, alle in Deutschland, mit einer Ausnahme: ihm.

			Lionel massiert sich mit dem Handballen die Stirn. All diesen Quatsch denkt er ja nicht zum ersten Mal. Und er kommt immer wieder zum gleichen Schluss: Wie könnten sie den Mann verlassen, der mit Malaika und den Kameras läuft? Sie werden ihnen folgen, weil das die beste Chance auf eine gute Zukunft ist.

			Die Deutschen werden nicht schießen, weil sie ein gutes Volk sind. Sie werden auch den Strom nicht einschalten. Sie erzählen solche Geschichten, weil Flüchtlinge anstrengend sind, das ist verständlich, und sie würden sich freuen, wenn etwas weniger Flüchtlinge zu ihnen kommen, das ist völlig in Ordnung. Deshalb tun sie so, als ob sie böse wären. Das ist eben Politik. Aber wenn es drauf ankommt, sind die Deutschen anständig.

			Der Regen hat aufgehört. Die Wolkendecke ist aufgerissen, und die Sonne macht den Rastplatz gemütlich. Jemand vom Fernsehen drückt ihm eine kleine Wasserflasche und etwas zu essen in die Hand. »Warum nicht?«, denkt Lionel.

			Er setzt sich auf den Boden, mit dem Rücken an einen sonnenwarmen Busreifen gelehnt, und betrachtet die Berge. Malaika hat ihm von ihnen erzählt. Dort wachsen Milch und Schokolade. Er hat ihr gesagt, dass sie sich da vielleicht irrt, dass der Kakao mit Sicherheit aus Afrika kommt. Sie hat geantwortet, das sei durchaus möglich, aber in Deutschland käme die Schokolade normalerweise aus den Alpen. Nur im Winter, da käme sie von einem König aus einem Dorf, das Aachen heißt.

			Lionel nimmt einen Schluck Wasser und beißt in fettiges Brot, auf dem eine hellgelbe Scheibe liegt, die ein bisschen ins Muffige spielt. Er kaut tapfer. Jeder soll sehen, wie gut er nach Deutschland passen wird. Das ist alles, was er tun kann, bis es Sonntag ist.





53


			Der Innenminister kommt sich vor wie in einer alten Wochenschau. Rommel inspiziert den Westwall. Vielleicht war es ungeschickt, sich eine Uniform der Bundespolizei geben zu lassen. Der Innenminister trägt eine schusssichere Weste, er sieht diesmal erstaunlich gut damit aus, entschlossen, als er die Journalisten begrüßt. NDR, WDR, BR, ZDF, RTL, MyTV, N24, alle sind da. Sie haben Zugang, fast überall, der Innenminister will zeigen, dass sie hier eine unüberwindbare Grenze gezogen haben. Gödeke führt ihn zu den Befestigungsanlagen, er trägt ebenfalls Uniform, allerdings mit Stiefeln und einer Pistole. Der Innenminister hat klargestellt, dass er Leute mit Schusswaffen sehen will.

			»Pistole, Maschinenpistole, am besten beides. Ich will, dass es in keiner Nachrichtensendung auch nur einen Kameraschwenk gibt, bei dem nicht mindestens drei Schusswaffen zu sehen sind. Wir meinen es ernst! Und Scharfschützen!«

			Er hat mit Gödeke den Ablauf mehrfach durchgesprochen. Keine Leutseligkeiten, keine freundlichen Bemerkungen zur Presse, die Botschaft soll unmissverständlich sein. Sie haben die Presse in einem Saal versammelt, wo man sie gut hört, und Gödeke dreht sich auch nicht zu den Journalisten und sagt: »Können wir?«, sondern er lässt sich vom Innenminister erst das Wort erteilen, bevor er sagt: »Meine Damen und Herren, wir haben nicht viel Zeit, also kommen Sie bitte mit.«

			Es geht darum, Entschlossenheit auszustrahlen. Außerdem wollte er die GSG 9 vor Ort haben: Er will, dass deren Sturmgewehre und Schrotflinten zu sehen sind. Er hat sämtliche verfügbaren Sonderwagen herbeibeordert, mit zusätzlich aufmontierten Schneepflügen, als könne man Flüchtlinge damit wegdrängen. Das ist auch mehr Symbolik. Ernster gemeint sind die Mowags, die er auf dem kurzen Dienstweg hat nachrüsten lassen. Wer sich auskennt, müsste sich wundern: Die Bundespolizei hatte bisher keine Mowags mit Maschinengewehren, schon gar nicht mit schweren. Und wer sich hier wundern würde, der könnte auch nach der rechtlichen Grundlage fragen. Da macht sich der Innenminister wenig Sorgen: Journalisten, die sich für Waffen begeistern, sind seiner Erfahrung nach weniger an Rechtsfragen interessiert. Und Journalisten, die sich für Rechtsfragen interessieren, kennen meistens nicht mal den Unterschied zwischen einem MG und einer Maschinenpistole. Die nehmen üblicherweise an, die Polizei hätte das wohl alles gleichermaßen irgendwo im Schrank.

			Sie begleiten die Journalisten zu den Transportern. Sie werden einen Umweg fahren müssen, um die Grenzanlagen von außen, von der österreichischen Seite aus, zu besichtigen, direkt hinausfahren kann man schon seit Tagen nicht mehr. Man muss jetzt über die Schweiz oder Italien hinfahren, oder man nimmt, wie gleich die Transporter, einige behördliche Schleichwege. Damit sie geheim bleiben, gibt es auch keine Außenfenster. Handys mussten abgegeben werden, damit kein Cleverle die Route per GPS verfolgt.

			Die letzten Tage mögen vielleicht wie eine Reihe von Rückschlägen gewirkt haben, aber für den Innenminister bedeutet das nur, dass eben niemand an seiner Stelle die unangenehme Aufgabe der Flüchtlingsabwehr durchführen wird. Nicht mehr, nicht weniger. Auch kein Problem.

			Er trifft mit Gödeke als Erstes ein, weil die Presse aus Verschleierungsgründen noch ein paar Schleifen extra drehen muss. Der Innenminister steigt aus und sieht sich um. Die Grenzzone, noch bis vor einer Woche stets zugeparkt mit Lastwagen, ist leergeräumt und wirkt wie ein vorbereitetes Schlachtfeld. Die Servicegebäude, die Tankstellen sind mit Zäunen abgesperrt, die wohl kaum reichen werden. Deshalb sind auch einige Fenster der Walserberg-Raststationsbauten mit Spanplatten zugeschraubt, vor allem in den oberen Stockwerken. Im Parterre hat man sie lieber gleich zugemauert. Das große Gebäude der Walserberg-Süd liegt still im Sonnenschein wie ein gestrandetes Schiff.

			Weil Plünderungen nicht unwahrscheinlich sind, wurden die Tankstellen restlos geleert. Soweit der Innenminister weiß, hat der Pächter Österreich bereits wegen des Verdienstausfalls verklagt. Geändert hat das nichts, auch die Österreicher wollen lieber zuerst das Problem lösen und die Rechtsfragen hinterher klären. Immerhin ist österreichische Polizei und das Bundesheer vor Ort. Das Bundesheer darf zum Schutz der Inneren Sicherheit eingesetzt werden. Die dürfen richtige Panzer auffahren. Nicht dass die im Nahkampf sinnvoller einzusetzen wären, aber es wirkt entschlossener. Oder könnte entschlossener wirken. Tatsächlich, findet der Innenminister, wirkt Österreich doch immer nur wie das Land, in dem Kottan ermittelt.

			Die Transporter mit der Presse kommen an. Der Innenminister wartet, bis die Reporter ausgestiegen sind, und lässt das bizarre Szenario auf sie wirken. »Wie bei der Ölkrise«, sagt ein Kameramann, der die Ölkrise auch nur aus dem Fernsehen kennen kann. Gödeke und der Innenminister gehen vor. Sie steigen mit den Reportern auf ein eigens errichtetes Pressepodest, auf dem man den Überblick bekommt. Sie blicken über die frisch errichteten Anlagen hinweg nach Deutschland.

			»Wie damals bei der Berliner Mauer«, sagt Mr Ölkrise.

			»Was wir hier sehen, sind Hochsicherheitszäune des höchsten Standards«, beginnt Gödeke. »Nach hinten mehrfach abgestützt, drucksicher. Wenige Querverstrebungen, kaum Klettermöglichkeiten. Übersteigschutz mit NATO-Draht. Die Träger sind jeweils über einen Meter tief im Boden einbetoniert. Der Zaun ist über Bodenniveau sechs Meter hoch, Überhang an der Krone.«

			»Schwierigkeitsgrad?«, fragt eine junge Frau keck.

			Der Innenminister schaut zu Gödeke.

			»Wir haben das vom Alpenverein schätzen lassen, die sagen: zwischen acht plus und neun minus.«

			Die kecke Frau pfeift durch die Zähne.

			»Da müssen Sie also schon ein paar Jahre üben, das klettert Ihnen keiner einfach mal so vor. Aber unser Ziel ist ohnehin, dass die hier überhaupt nicht erst mit dem Klettern anfangen.«

			»Könnte abschreckender aussehen«, meint ein junger Reporter. »Die Exklaven in Nordafrika sind besser gesichert.«

			Der Innenminister stimmt ihm stillschweigend zu.

			»Das Aussehen des Zauns ist vor allem der geforderten schnellen Reaktion der Behörden geschuldet«, erklärt Gödeke. »Es hilft nichts, wenn Sie hier direkt an der Autobahn die Supermauer bauen, und die ist dann aber nur zweihundert Meter breit, und daneben haben Sie dann bloß noch einen Gartenzaun. Da geht jeder außen herum zur nächsten Stelle, die einfacher zu überwinden ist. Also konnte die Entscheidung nicht für die sicherste Variante fallen, sondern für die sicherstmögliche Variante, die wir zugleich auch über eine möglichst große Distanz hochziehen können.«

			»Und wie lang ist Ihr Zaun?«

			»Das ist vertraulich. Wir haben allerdings den Vorteil, dass ein derart großer Zug nicht einfach mal eben unbemerkt zweihundert Kilometer weiter ziehen kann. Wenn die den Standort wechseln, können wir das auch, und zwar schneller.«

			»Wo sind wir hier?«, fragt ein Reporter. »Schon Deutschland, oder?«

			»Wir sind hier noch in Österreich«, sagt Gödeke. »Formal sind wir vorhin nach dem Schengener Abkommen nach Österreich gefahren. Um zu verhindern, dass die Flüchtlinge die Möglichkeiten nutzen, die ihnen ein Aufenthalt auf deutschem Boden bieten würde, hat man die Zaunanlage direkt auf der Grenze verlegt.«

			»Das ist der Unterschied zu Anlagen wie denen in Palästina oder Mexiko«, erläutert der Innenminister. »Dort geht es den Leuten darum, unbemerkt ins Land zu kommen. Die werden also nie israelisches oder US-Recht einklagen. Da kann man eine Zaunanlage auch mal fünfzig Meter weit ins Landesinnere verlegen. Wir gehen jedoch davon aus, dass diese Flüchtlinge massenhaft Asyl beantragen wollen, dazu reicht es prinzipiell, dass sie auf deutschem Boden sind – also gilt es, das zu verhindern.«

			»So eine Grenzanlage hat es noch nie gegeben.«

			»Aber wohl!«, sagt der Ölkrisenberliner.

			»Sicher nicht«, sagt Gödeke. »Es gibt Anlagen, die das heimliche Eindringen von Einzelpersonen und Gruppen verhindern sollen – Israel, USA. Es gibt und gab Anlagen, die das heimliche Ausbrechen von Einzelpersonen und Gruppen verhindern sollen – wie die Mauer, auf die Sie anspielen. Es gibt Anlagen, mit denen man bewaffnete Massenangriffe abwehren will – das ist jeder Burgwall bis hin zur Chinesischen Mauer. Aber es gab bislang keine Anlage, die auf einen Ansturm unbewaffneter Eindringlinge ausgelegt ist, die sich obendrein anschließend auf ihre Rechte berufen wollen.«

			»Das heißt, die Anlage verläuft exakt auf der tatsächlichen Grenze?«, fragt Kletterfrau.

			»Das trifft zu«, sagt Gödeke. »Die Stromkonstruktion hängt sogar ein wenig über.«

			»Sie haben das tatsächlich gemacht?«, fragt ein älterer Reporter.

			»Der Staat kann sich nicht erpressen lassen«, antwortet der Innenminister routiniert. »Diese Menschen sind auch in Österreich in Sicherheit. Die müssen nicht zu uns.«

			»Wie sicher ist die Konstruktion«, fragt der ältere Reporter. »Ist das, was man da sieht, alles, oder kommt da noch mehr? Welche Stromstärke liegt an, für wie viele Menschen ist das lebensbedrohlich?«

			»Details sind vertraulich«, sagt Gödeke. »Ich kann jedoch darauf hinweisen, dass wir herkömmliche industrielle Schutzzäune wegen ihrer unzureichenden Stromstärke nicht einsetzen konnten. Damit meinen wir Zäune, die man immerhin bereits zum Schutz von Kraftwerkarealen einsetzt.«

			»Ich versichere Ihnen, dass sich jeder Flüchtling, der sich an diesem Zaun zu schaffen macht, mit den unangenehmsten Folgen dessen konfrontiert sieht, was ›Made in Germany‹ bedeuten kann«, schaltet sich der Innenminister ein.

			»Tödlich oder nicht?«, brummt der ältere Reporter. »Darauf kommt’s doch an.«

			»Es ist eine einmalige Erfahrung, die der Betreffende nicht wiederholen wird«, gibt der Innenminister zurück.

			»Weil er nicht will? Oder weil er nicht kann?«

			»Kann. Nach menschlichem Ermessen.«

			»Also tödlich.« Der Reporter notiert es so zufrieden, als hätte er im Wald einen sehr schönen Pilz gefunden.

			»Ich sollte an dieser Stelle vielleicht etwas klarstellen, das in der letzten Zeit zu kurz gekommen ist«, holt der Innenminister aus. »Vor allem die Sache mit der Sicherheit.«

			»Das klingt eigenwillig – von einem CSU-Mann«, sagt der Pilzsammler.

			»Die meisten Leute glauben, ein Zaun sollte so sicher sein, dass niemand drübersteigt. Das ist aber nicht möglich. Es gibt keinen Zaun, der noch nie überwunden wurde.«

			»Warum bauen Sie dann überhaupt einen?«, fragt Klettermaus.

			»Ein Zaun«, doziert der Innenminister, »ist eine Aussage. Sie besagt, dass dort, wo der Zaun steht, der Weg endet.«

			»Das könnten Sie auch mit rotem Bindfaden machen«, sagt der Pilzsammler.

			»Richtig. Denn das Entscheidende an diesem Zaun ist nicht, woraus er besteht. Entscheidend ist, was Sie tun werden, wenn jemand beschließt, diesen Zaun zu missachten. Ob Sie Ihren Zaun oder Bindfaden auch verteidigen können. Ich versichere Ihnen, dass die Bundesrepublik Deutschland alle notwendigen Mittel und Einheiten hat, um ihre Grenzen zu verteidigen, und wir sind entschlossen, diese Mittel und Einheiten einzusetzen. Die Bundespolizei trainiert seit mehreren Wochen intensiv, wir sind auf jede Krisensituation vorbereitet.«

			»Wenn Sie so entschlossen sind«, sagt Ölkrisenberliner, »auf wie viele Todesopfer stellen Sie sich ein?«

			»Ich kann Ihnen keine Zahlen nennen.« Der Innenminister richtet sich auf. »Aber ich war beim Übergang der Flüchtlinge über die türkische Grenze dabei. Und die deutsche Bundespolizei wird in einem vergleichbaren Fall nicht zusehen. Solange Unbefugte versuchen, die Grenze zu überschreiten, werden wir sie daran hindern.«

			»Und wenn sie es weiterversuchen?«

			»So lange«, sagt der Innenminister, und er macht eine deutliche Pause, »bis es niemand mehr versucht.«

			»Das halten Sie nicht durch«, sagt die Kletterfrau und sieht den Minister herausfordernd an. »Wenn’s hart auf hart kommt, müssen Sie nachgeben. Dann müssen Sie aufmachen.«

			»Ich wüsste nicht, wo.«

			Die Kletterfrau dreht sich zum Zaun um. Und erst jetzt fällt es ihr auf.

			»Wir meinen es ernst«, sagt der Minister bestimmt. »Wir halten nicht heimlich Unterkunftsplätze bereit. Und wir machen nicht irgendwann auf. Weil, wie Sie sehen, es hier gar keine Öffnungen gibt.«





54


			Neun Uhr morgens. Sie haben überlegt, ob man im Morgengrauen ankommen soll, aber das erinnert zu sehr an einen Überfall. Morgens um vier stehen nur Einbrecher vor der Tür, feindliche Soldaten, die Geheimpolizei. Lionel will niemanden überraschen. Er will den Sonntag, weil die Deutschen da frei haben. Der Sender von Malaika hat es sogar in die TV-Zeitschriften schreiben können: der Tag der Entscheidung. Der Sender wird den ganzen Tag übertragen. Die Drohnen sind schon in der Luft, seitdem sie aufgebrochen sind. Er geht neben Malaika und Saba, wie eine kleine Familie. Er ist am Vorabend mit Malaika dreihundert Busse weit zurückgefahren, dort haben sie übernachtet.

			»Unsere letzte Nacht«, hat sie gesagt.

			»Die letzte Nacht in diesem Auto.«

			Astrid ist noch da gewesen, sie haben für den Fotografen verliebt in den Nachthimmel gestarrt, tatsächlich aber natürlich nicht in den Himmel, sondern – weil dem Fotografen das Licht da besser gefiel – immer zu den Überwachungslampen einer eingezäunten Fertigungshalle. »Ich lass euch dann mal allein«, hat Astrid gesagt, mit so einem Gesichtsausdruck, als würden sie gleich eine wundervolle Liebesnacht verbringen.

			Sie haben ein letztes Mal darüber nachgedacht, ob Malaika zurückbleiben sollte. Aber das wäre idiotisch gewesen. Malaika ist nun wirklich die Einzige, bei der man sicher sein kann, dass die Deutschen ihr nichts zustoßen lassen werden. Und obwohl er sie selbstverständlich beschützen will, ist Lionel nicht Macho genug, um zu übersehen, dass Malaika mit ihrer Berühmtheit und ihren Kameras noch viel mehr ihn beschützt.

			Der Plan lautet: Frauen und Kinder zuerst, den ganzen Tag über und dann mit Anlauf hinein in die Prime Time. Aber ganz langsam anfangen.

			Malaika und er sind mit Saba an der Hand um acht Uhr aufgebrochen. An jedem Bus, an dem sie vorbeikamen, haben sie die Menschen mitgenommen. Ohne große Eile, es ist kein Sturmangriff: »Deutschland ist das Land, in dem alles am besten funktioniert«, hat er dem Fernsehen gesagt, »und wir sind gute Menschen, die hart arbeiten. Aber harte Arbeit hilft nicht, wenn dein Haus brennt. Das ist alles, was wir wollen: In einem Haus arbeiten, das nicht brennt.«

			Es ist ruhig, bis auf einige Österreicher. »Gemma!«, rufen sie. Oder: »Schleichzeuch!« Oder: »Auf Wiedersehn!« Die Leute von den Hilfsorganisationen schütteln den Kopf, Pappbecher mit Kaffee in der Hand. Sie haben einen kleinen Schlenker zu einem Posten des Roten Kreuzes gemacht, die waren sehr freundlich und haben ihm einen Kaffee in die Hand gedrückt. Er hat gefragt, ob er auch Milch bekommen kann, »Ich trinke meinen Kaffee immer mit Milch«, eine kleine Notlüge, er mag keinen Kaffee. Aber die Deutschen trinken Kaffee noch lieber als Bier, und er will ein guter Deutscher werden. Das kann die Kamera ruhig sehen.

			»Sie können aber gut Deutsch«, sagt eine mollige Dame.

			»Sie auch«, sagt er, erstmals fürs Fernsehen. Sie lacht und holt unter dem Tisch einen Getränkekarton hervor, aus dem sie Milch in seinen Pappbecher kippt. Lionel verabschiedet sich von ihr und hebt den Pappbecher zur Kamera: »Prost!«

			Tatsächlich ist die Marschiererei ein bisschen überflüssig. Höchstens um sicherzustellen, dass wirklich alle Frauen und Kinder vorne dabei sind, aber die wissen eigentlich seit der Türkei, was sie zu tun haben. Sie haben sich vor den anderen Grenzen ähnlich vorbereitet, da ist es halt nur nicht nötig gewesen. Aber diese Autorin, der auch Malaika vertraut, hat gesagt, dass es blöd wirkt, wenn man vor dem Zaun übernachtet und sich dann morgens einfach nur hinstellt. Man muss fürs Fernsehen darauf zulaufen.

			Sie treffen auf eine erste Reihe von Militärfahrzeugen. Einige hundert Meter dahinter befinden sich Sperrzäune, ab da werden nur »Berechtigte« durchgelassen. Das sind Reporter, Polizei, Sanitäter, so was, hat ihm Malaika gesagt, »eben Leute mit einer Berechtigung. Einem Papier.« Was ihn auch deshalb irritiert, weil er ziemlich sicher ist, dass von den Vierhunderttausend hinter ihm kein Einziger eine Berechtigung hat oder ein Papier. Entsprechend unsicher wirken auch einige Polizisten: Wie soll man die Papierlosigkeit der Leute kontrollieren?

			Lionel ist sogar ziemlich sicher, dass einige mitmarschieren, die Papiere hätten. Leute mit sehr heller Hautfarbe, die Handyvideos drehen. Aber wer kann das sagen? Schließlich machen die meisten Menschen Handyvideos, heute ist der Tag dafür.

			Malaika zerrt an seiner Schulter, ah ja: Selfie-Zeit. Sie umarmt ihn, Saba ist zwischen ihnen, dann tippt sie ein bisschen und stellt das Foto online. Sie passieren jetzt die Säuglingswagen. Eine der Säuglingsschwestern schaut aus dem offenen Wagen, neben ihr drückt eine Kollegin einer Mutter ihr Baby in die Arme. Alle vier weinen. Die Säuglingsschwestern aus Abschiedsschmerz, das Baby aus Gewohnheit, die Mutter vielleicht aus Geselligkeit.

			Jetzt kommt die letzte Absperrung. Vorne sieht man bereits den Zaun. Sie haben sich die Gegend gut angesehen, diese Kamerafrau von Astrid hat ein bisschen mit ihrer Drohne geholfen – es ist tatsächlich derselbe Zaun hier wie zwanzig Kilometer rechts davon und links. Also fiel die Wahl auf den Platz mit der besten Sicht für die Kameras. Einfach am Grenzübergang. Die Sender überlassen allerdings nichts dem Zufall: Sie haben jede Menge Scheinwerfer installiert, falls es später dunkel wird. Es sieht aus, als käme man in eine große Arena.

			Lionel ist plötzlich übel. Es ist nichts, sagt er sich. Du bist an Land. Du steuerst selbst. Das ist doch besser als jedes Schlauchboot. Das war’s auf jeden Fall wert. Aber es fühlt sich gar nicht so prima an. Er versucht, noch mehr Positives zu finden. Der Zaun zum Beispiel.

			Der sieht gar nicht mal so schlimm aus. Vier, fünf fitte, clevere Jungs im Team, das könnte in einem unbeobachteten Moment ganz gut gehen. Aber mit vierhunderttausend Menschen scheidet die unbeobachtete Variante natürlich aus. Zumal sich die österreichischen Soldaten und Polizeileute sehr gründlich darum gekümmert haben, dass sich keiner in die Büsche schlägt. Es haben auch gar nicht so viele probiert: Wer einzeln aufgegriffen wird, ist schnell abgeschoben. Es ist wie bei den Sardinen: Sicherheit bietet nur der Schwarm.

			Überall am Zaun sind gelbe Warnschilder.

			Ob sie den Strom einschalten?

			Lionel bleibt stehen. Zehn Meter vor dem Zaun. Er sieht eine Menge vermummter, gepanzerter Polizisten auf der anderen Seite. Gepanzerte Fahrzeuge, irgendwelche pflugartigen Geräte. Er winkt ihnen freundlich zu. Sie reagieren nicht. Er sieht eine große Menge an Schusswaffen, alle Kaliber, auch Maschinengewehre. Er blickt nach rechts. Malaika steht dort. Kameraleute filmen sie beide von unten, Malaika wirkt wie ein gottgesandter Engel mit Flammenschwert, nur ohne Flammenschwert. Er sieht, wie Saba erst ihre Hand fest umklammert und dann seine. Er dreht sich um, zu den nachrückenden Menschen hinter ihm. Junge Menschen, Frauen mit Kindern an der Hand, mit Kindern auf dem Arm.

			Er dreht seinen Kopf wieder zum Zaun und nickt entschlossen. Der Plan: Frauen und Kinder zuerst. Und alle, die hinter ihm sind, wissen: langsam gehen, aber weitergehen. Immer weiter. Es gibt nur eine Richtung.

			Und wenn es nicht mehr weitergeht:

			Push!





55


			Geben Sie mir Abschnitt C«, sagt der Einsatzleiter. Der große Bildschirm zeigt jetzt einen der Randbezirke. Dort sind mehr junge Männer zu sehen, zu viele, um von einer zufälligen Gruppierung auszugehen.

			»Ich denke, die werden es als Erste versuchen. Kann ich noch eine Kamera haben?«

			Die Strategiespiele haben alle dasselbe gezeigt: Sie werden junge Männer vorschicken, die versuchen, den Zaun zu übersteigen und von der anderen Seite zu schwächen. Oder Asyl zu beantragen, das kann natürlich auch sein. Das muss man verhindern. Wie bei einem Luftballon: Wenn die Hülle an einer Stelle platzt, kann man sie nicht mehr kleben, und alles fällt in sich zusammen – es ist das erste Loch, das nicht entstehen darf.

			»Lautsprecher!«, befiehlt der Einsatzleiter, »und verschiebt zwei Wasserwerfer da rüber. Haltet mir diese Jungs auf Abstand!«

			Viel Abstand ist allerdings nicht mehr möglich. Den meisten ganz vorne in der Reihe ist es jetzt schon zu wenig Distanz zu dem unheimlichen Stromzaun. Noch niemand hat probiert hinzufassen. An manchen Stellen schieben die Vordersten schon besorgt zurück.

			»Sollen wir …?«, fragt Gödeke den Innenminister. Sie stehen nebeneinander und beobachten das organisierte Durcheinander, damit er jederzeit die Befehle autorisieren kann.

			Der Innenminister schüttelt den Kopf: »Neuntausend Volt sind genug.«

			Die Stromleitungen sind tatsächlich verlegt worden, sie funktionieren, liegen aber oben im Zaun, an der Krone. Es gab die Überlegung, den kompletten Zaun unter Strom zu setzen, das stellte sich aber schnell als kontraproduktiv heraus. Wenn eine derartige Menschenmenge gegen die Anlagen drängt, würde es allenfalls ein paar Hundert Tote geben, bis die Anlage überlastet wäre oder beschädigt. Und bei einer so großen Anzahl von Menschen, die auch nicht zurückweichen können, wären das ein paar Hundert Tote ohne jeden weiteren Effekt. Es wäre nicht mehr als ein »Wir haben es versucht«-Zeichen, und dieses Zeichen kann man mit gezielten Schüssen effektiver senden. Die Schüsse sind überall gut zu hören, es gibt weniger Opfer. Und die Angst vor dem Strom bleibt dabei erhalten. Das wird sie länger abschrecken.

			»We are sick to sit and wait, open up the fucking gate!«, singen sie jetzt.

			»Es gibt kein Gate«, murmelt der Innenminister. Es gäbe nur eine Möglichkeit, diesen Andrang wieder aufzulösen – von hinten, dort, wo sie alle noch wegbleiben können: Man müsste die Hinteren vertreiben, nach Österreich zerstreuen, dann könnte man auch die am Zaun zurücktreiben, und dann müssten diese Arschlöcher zusehen, wie sie die Leute wieder einsammeln, sie würden sich mit ihnen auseinandersetzen müssen, statt sie durchzuwinken. Aber das ist völlig undenkbar: dass man mit Tränengasgranaten oder etwas Ähnlichem auf österreichisches Gebiet feuert.

			»Okay«, sagt der Einsatzleiter, »Showtime!«

			Einer der Jungs klettert unter dem Jubel der Flüchtlinge auf die Schultern eines anderen. »Wasserwerfer, sobald er den Zaun auch nur anfasst«, sagt er in sein Headset. »Und bereitet euch auf Abschnitt A vor, da sind wohl die Nächsten.«

			Die Wasserwerfer strahlen los, sie schießen den ersten Jungen glatt von den Schultern des anderen, aber es sind bereits zwei weitere hochgeklettert, die sich an den Zaun klammern. Es sind glatte Stahlstreben, die jetzt auch noch nass sind, und trotzdem heften sie sich daran fest wie Geckos, mit nur einem Arm, den anderen halten sie nach hinten, sie wollen offenbar Jacken, Decken hochgereicht bekommen, irgendetwas, mit dem sie oben Stromkabel und NATO-Draht abdecken können.

			»Warndurchsagen!«, kommandiert der Einsatzleiter. »Scharfschützen, Achtung!«

			Es geht um mehr als nur Klettereien. Es geht auch darum, dass die Angst vor dem Strom wirkungsvoller ist als der Strom selbst. Solange niemand auf den Zaun klettert, weiß keiner, wie stark der Strom ist. Also gilt es, die Flüchtlinge am Boden zu halten. Der Einsatzleiter blickt kurz zum Innenminister und zu Gödeke, und als von dort keine Reaktion kommt, sagt er hart: »Warnschüsse!«

			Man hört das Abfeuern der Projektile. Die Kameras zeigen, wie die Menge zurückweicht, wenn man das so nennen kann. Sie scheint sich zusammenzuziehen, aber es ist kaum noch Spielraum vorhanden. Einen Meter – wahrscheinlich nur ein halber. Der Junge am Zaun lässt nicht los.

			»Er hat’s gleich«, warnt der Einsatzleiter, »Finger oder die Beine!«

			Zwei Schüsse knallen los, dann segelt der Junge mit einem Aufschrei zurück in die Menge. Weitere Schüsse gehen los, dann zeigen alle Kameras wieder einen sauberen Zaun. Der Innenminister holt sich einen Becher Kaffee. Er hat vorhin im Fernsehen gesehen, wie dieser Lionel dasselbe gemacht hat: sich Kaffee mitnehmen. Er hebt seinen Becher und prostet seinem nicht anwesenden Gegenspieler zu.

			Es könnte schlechter laufen.





56


			Irgendwann sind die Kameras aus der Menge abgezogen. Zunächst erschien es Nadeche logisch, weil sie keinen Abstand mehr halten konnten, und dann kann man auch keine guten Aufnahmen mehr machen. Außerdem sind genug Flüchtlings-Cams in der Menge. Aber jetzt fühlt sie sich doch etwas auf sich gestellt. Es kann mit den Schüssen zusammenhängen.

			Sie hat nicht genau gesehen, was passiert ist, man hat nur das Knallen gehört. Aber es hat sich herumgesprochen, dass man auf einige Flüchtlinge geschossen hat. Es ging eine Welle der Angst durch die Menge, Saba hat plötzlich vor Schmerz geschrien, weil ihr jemand auf den Fuß gestiegen ist. Die Schüsse haben wieder aufgehört. »Das gehört zum Poker«, hat ihr Lionel zugerufen, »das müssen sie machen. Die sind alle nur verletzt.« Stimmt natürlich.

			»Huuiii, das wird jetzt aber ganz schön eng hier«, sagt sie aufgekratzt in das Mikrofon an ihrem Mund. »Ich bin ja schon in einigen Discos gewesen. Ich hab mich auch im Karneval in kölsche Kneipen gezwängt. Aber hier ist jetzt echt nichts mehr mit Tanzen!«

			»Du bist gerade im Bild«, hört sie aus dem Knopf im Ohr, »winkst du mal? Auf zehn Uhr?«

			»Trinkt ihr schon Sekt? Es ist zwölf vorbei!«

			»Unsere Drohne kommt auf zehn Uhr. Von dir aus gesehen ziemlich weit links, aber nicht ganz links – das andere Links! Wo man die Uhr –. Ja. Genau. Einmal winken, bitte!«

			Nadeche schiebt ihren Arm nach oben, was schon nicht ganz einfach ist, und wedelt mit der Handfläche in die Richtung der Drohne. Das ist jetzt langsam echt nicht mehr lustig. Sie ist fünf oder sechs Meter vom Zaun entfernt, wo es noch enger sein muss, weil der Zaun weniger nachgibt als die Menschen drum herum. Hin und wieder versuchen sich Jungs aus der Menge daran hochzuziehen, aber noch jeder hat das mit zerschossenen Händen bezahlt. Tatsächlich wagt schon niemand mehr, den Zaun mit den Händen anzufassen. Unten klammert sich Saba an ihre Knie, um nicht von der Menge weggedrängt zu werden. Sie beugt sich hinunter, so weit es geht.

			»Magst du auf die Schultern von Lionel? Oder auf meine?«

			Das machen jetzt schon mehrere: Kinder, die alt genug sind, werden auf die Schultern genommen. Man spart Platz, und es ist sicherer für die Kinder.

			»Deine.«

			»Okay«, stöhnt Nadeche, »du musst mir aber helfen.«

			Bücken ist kaum noch machbar. Sie kann Saba auch nicht mehr einfach hochheben, die Menschen stehen so dicht, dass sie Saba senkrecht hochbefördern muss wie ein Korkenzieher.

			»Press dich ganz dicht an mich«, sagt sie, »ich ziehe, du krabbelst an mir hoch. Hak die Füße in meine Hosentaschen ein.«

			»Ich kriege die Füße nicht hoch«, keucht Saba.

			Nadeche spürt Finger an den Riemchen ihres BHs, dann sind die Riemchen ab. Die Finger krallen sich in den Ärmel ihres T-Shirts. Der Ärmel hält. Gutes Produkt.

			»Alles klar bei euch?«, sagt der Knopf im Ohr, »sollen wir den Hubschrauber schicken?«

			»Nein«, keucht Nadeche, während sich Sabas Kopf zwischen ihren Brüsten hochschiebt, »jetzt geht’s um die Wurst! Noch ein bisschen, dann müssen sie aufmachen. Ich meine, die sehen doch auch, was hier los ist!«

			Die Lautsprecher verkünden inzwischen unablässig, dass die Flüchtlinge die Grenzzone räumen sollen. Englisch, Deutsch und irgendwas anderes. Das würde euch so passen, denkt Nadeche.

			»Mein Schuh ist weg«, quietscht Saba.

			»Mach weiter, Spatz. In Deutschland gibt es viele Schuhe.«

			Sabas nackte Zehen wühlen sich in Nadeches Hosenbund, cleveres Mädchen. Sie hat gemerkt, dass sie frontal nicht hochkommt, also umklammert sie Nadeche mit den Schenkeln wie ein Kokosnusspflücker den Baumstamm und drückt sich hoch. Sie dreht sich geschickt, bis sie erleichtert von Nadeches Schultern lacht.

			»Hallo, Deutschland«, kreischt sie und winkt mit beiden Armen.

			»Wink mal auf zehn Uhr, Spatz.«

			»Geht doch«, lobt der Knopf im Ohr.

			»Habt ihr die Babys im Bild?«, schnauft Nadeche, dann sagt sie: »Wuuuff!«

			»Bitte?«

			»Whoah, das ist jetzt echt eng, da … hat’s mir die Luft rausgedrückt …« Sie pustet erneut unfreiwillig laut. »Habt ihr die … Babys im Bild?«

			Man hört kaum noch Babys in normaler Lautstärke weinen. Dafür kommt von überall her das Heulen mit diesem ärgerlich grollenden Unterton, mit dem Babys heulen, wenn es ihnen wirklich reicht.

			»Alles klar«, sagt der Knopf, »haben wir, sieht heftig aus. Die Zuschauer sind schon total geladen. Es gibt Demos, in Berlin, überall, wo wir Public Viewing machen.«

			»Wie viele … Zusch… aua?!!!«

			»Knapp hunderttausend in Berlin, über fünfundfünfzigtausend in München. Da durften wir leider nicht in die Innenstadt. Logisch, woher kommt der Innenminister? Aber bei euch an der Grenze ist auch die Hölle los. Über zehntausend sind angereist. Du siehst: Dein Job ist eigentlich durch. Kannst Feierabend machen.«

			»Hier wird nicht gekniffen …«, ächzt Nadeche. »Genau das wollen die doch!«

			»Ich meine, du siehst das nicht, aber da kommen echt viele Leute von hinten nach, das sieht von hier oben ziemlich überwältigend aus …«

			»Nur die Harten kommen in’ Garten«, schnauft Nadeche. »Ich weiß, wovon ich rede, ich komme aus kleinen Verhältnissen! Boah, Määnsch jetzt!«

			»Okay, dann machen wir aber jetzt eine Live-Schalte, sieht klasse aus. Mittendrin statt nur dabei! In zwei Minuten!«

			»Okay!«

			»Und vielleicht solltest du Saba runternehmen.«

			»Das wird nicht gehen.« Nadeche Hackenbusch versucht sich etwas Raum zu verschaffen, aber es ist nicht leicht.

			»Ist aber blöd. Wenn wir Saba im Bild haben wollen, haben wir nur ganz knapp deinen Kopf drauf. Und wenn wir dich drauf haben, hängt Saba halb raus.«

			»Aber ich kann da nix machen!«

			»Okay, wir lassen uns was einfallen. Weitwinkel oder so.«

			Nadeche packt aufmunternd Sabas Knie. Saba quietscht. Dann versucht Nadeche, Lionel zuzuwinken und ihm zu zeigen, dass sie jetzt gleich wieder auf Sendung sein wird. Lionel hebt den Daumen. Die Menge hat ihn jetzt ein paar Meter weggetrieben. Auch einiges anderes läuft nicht optimal: Dass die Live-Sendung jetzt von dieser ehemaligen Spielerfrau moderiert wird, ist ärgerlich. Wollten die nicht so was wie Schreinemakers sein? Jetzt werden sie so was wie Schweinsteigermakers. Schwamm drüber. Wenn sie erst wieder zurück ist, wird sie sich eine schöne, lange Auszeit nehmen, sie wird mit Lionel das Buch schreiben, für das sie vor einer Woche den Vertrag abgeschlossen haben. Und wenn das Buch so richtig brummt, wird sie eine grandiose Rückkehr ins Fernsehen starten, schön fett rein in den Donnerstagabend. Dass Heidi Klum nur so vom Laufsteg kugelt.

			»Zehn Sekunden, Nadeche!«, sagt der Knopf. »Und auf die Zehn!«

			»Geht klar!« Sie hebt den Kopf und sagt: »Auf geht’s, Spatz!«





57


			Das ist jetzt aber langsam grenzwertig«, sagt die eigentlich zuverlässige Anke. Sie stemmt abwechselnd die Hände in die Hüften, dann löst sie sie und ballt sie zu Fäusten, während sie hin und her geht. Ihr Blick fixiert den zentralen Bildschirm.

			»Na ja«, meint Olav, der über sein Headset den Kontakt zu Nadeche Hackenbusch hält, »das war am Mittag eigentlich heftiger.«

			»Heftiger?«

			»Das waren meines Wissens die ersten Live-Schüsse im deutschen Fernsehen.«

			»Die Schießerei hat wenigstens aufgehört. Jetzt schau dir das da vorne mal an, das ist ja wie Duisburg, Loveparade.«

			Olav überblickt die verschiedenen Bildschirme im Regieraum. Er schüttelt den Kopf und sieht zu Beate Karstleiter. Die tippt einem der beiden Techniker auf die Schulter. Es kommt Olav trotz des gedimmten Lichts im Regieraum vor, als sei der Techniker heute Vormittag noch nicht so bleich gewesen. Die Kamera zoomt in den Bereich des Zauns, es stimmt, die Menschen sind aneinandergepresst wie Heringe. Vor allem Frauen halten ihre Köpfe unnatürlich, sie schieben das Kinn nach oben, um zwischen den größeren Männern noch Luft zu bekommen. Man kennt solche Bilder nur aus U-Bahn-Zügen zur Stoßzeit, und hier geht das nun schon seit mindestens einer Stunde so. Einige Menschen wirken erschöpft, und das sind definitiv noch die, die am besten aussehen.

			Ab und zu gehen Schubbewegungen durch die Menge, daran merkt man, dass hinten wieder eine Gruppe von Neuankömmlingen den Druck erhöht. Diese Schubbewegungen, diese Druckwellen rauben einem schon vom Zusehen den Atem. Es ist so brutal wie einleuchtend: Das ist keine raffinierte Taktik, diese Leute wollen in dieses Land, und sie sind bereit, dafür zu sterben. Aber dieses Mal tun sie es nicht vor Sizilien, sondern direkt auf der Salzburger Autobahn.

			»Die da vorne, guck dir die doch mal an«, sagt die eigentlich zuverlässige Anke und zieht scharf die Luft ein. »die ist doch weggetreten. Die fällt doch nur deshalb nicht um, weil es zu eng ist. Die hat doch die Augen schon gar nicht mehr offen.«

			»Bist du sicher? Ich weiß nicht, vielleicht ruht die sich nur aus?«

			»Schaut doch hin! Die ruht sich nicht aus. Das muss da unten fünfunddreißig, vierzig Grad haben.«

			Die Tür klappt, Sensenbrink kommt in den Raum. Er sieht sofort an den Gesichtern, dass die Stimmung nicht so sensationell ist wie die Quote. »Was macht eigentlich unser famoser Innenminister? Sieht der nicht, was da los ist? Hat der keinen Fernseher?«

			»Möglich«, sagt die eigentlich zuverlässige Anke, »vielleicht ist er noch im falschen Programm. Der Bayerische Rundfunk hat die Übertragung jedenfalls eingestellt.«

			»Ach nee«, spottet Olav, »im Nichtsenden waren die schon immer gut.«

			»Vor allem, wenn man genug Gebühren hat«, wiegelt Karstleiter ab.

			»Mit welcher Begründung?«, will Sensenbrink wissen.

			Anke zeigt stumm und mit beiden Händen auf die Bildschirme: »Der BR weigert sich, das zu übertragen, der sendet nur noch Standbilder mit Audiokommentar.«

			»Ich hab bis gerade eben noch mit Kärrner konferiert. Als ich zuletzt reingesehen habe, war die Lage bedenklich, aber noch nicht übel. Was ist passiert?«

			Anke klopft dem blassen Techniker ebenfalls auf die Schulter, er holt die Einstellung noch mal auf den Schirm. »Sehen Sie die Frau da?«

			»Scheiße«, sagt Olav jetzt, »da ist noch so eine. Alter Schwede.«

			»Und da.« Beate Karstleiter steht auf. »Und da! Da auch.« Sie deutet auf den Schirm.

			»Herrgott, die sollen auf ihre Kinder aufpassen, wenn sie sie schon auf die Schultern nehmen«, platzt es jetzt aus dem Techniker. »Die schlafen ja auch schon halb.«

			Tatsächlich sind etliche Kinder zu sehen, die vor Müdigkeit zusammensinken. Einige kippen ihren Eltern über den Kopf, aber manche drehen auch zur Seite ab, und man kann deutlich erkennen, welche Eltern noch Kraft zum Aufpassen haben.

			»Gehen Sie mal für die Übertragung nicht so nah ran«, dirigiert Sensenbrink, und dann mit Nachdruck: »Ich sagte: nicht so nah!!« Aber tatsächlich zoomt der Techniker einen schlafenden Dreijährigen immer näher heran, als könne er ihn so aufwecken.

			»Eyyy!!!«, brüllt er. »Dein Kleener rutscht!«

			Und dann ist der Knirps weg. Er ist seitlich weggesackt und dann nach hinten, mit dem Kopf voran, wie beim Tauchen, in die eingekeilte Menge.

			»Ey, scheiße, wo ist der hin?!«

			»Der kann nicht weg sein«, sagt Olav, »da ist doch gar kein Platz zum Einsinken.«

			»Spul zurück«, fordert Anke, »das sehen wir uns auf dem Fünfer an.«

			»Aber live gehen Sie auf die Totale, klar?«, kommandiert Sensenbrink.

			Der Techniker fährt die Aufzeichnung zurück. Dann lässt er sie laufen. Man sieht das Kind nach hinten sinken, und dann schlägt sein Kopf auf den Kopf eines Mädchens oder einer jungen Frau dahinter. Die Frau sinkt zu Boden, das Kind hinterher, und über beiden schließt sich die Menschenmenge.

			»Scheiße«, sagt Sensenbrink, »ach du Scheiße.«

			Anke legt die Hände vor den Mund.

			»Die müssen den doch hochholen«, sagt der Techniker. »Den muss doch irgendeiner hochholen. Den Jungen und das Mädchen, beide!«

			»Da reagiert keine Sau«, beobachtet Karstleiter fassungslos.

			»Da kann keiner reagieren«, sagt Olav. »Die können sich nicht rühren.«

			»Das … das geht so nicht. Das ist doch vorher nicht so gewesen …« Sensenbrink reibt sich mit den Händen übers Gesicht. »Das muss sich erst in den letzten Minuten zugespitzt haben.«

			»Nein, das geht schon länger so«, sagt Anke.

			»Blödsinn. Herrgott, zoomt da mal nicht so nahe ran, das will kein Werbekunde sehen.«

			»Das Mädchen da!« Der Techniker beugt sich nach links und erbricht sich in den Papierkorb. Die eigentlich zuverlässige Anke schiebt seinen Rollsessel zur Seite und übernimmt die Kontrolle.

			»Die Frage ist, ob das sonst einer sehen will – oh Gott, da ist noch eine. Da! Gleich ist sie weg.« Eine Frau verschwindet lautlos in der Menge, wie Kakaopulver in einem Glas Milch.

			»Das war vorhin noch nicht«, wettert Sensenbrink, »das können wir so nicht senden. Geht in der Übertragung auf die Randbereiche. Schiebt eine Werbeunterbrechung rein. Und das Live-Bild macht ihr noch mal kleiner. Wieso kriegen wir da eigentlich keine Vorwarnung? Was macht eigentlich unser wunderbarer Star die ganze Zeit?«

			»Nadeche?«, fragt Olav, »wie sieht’s bei euch aus?«

			»Auf welcher Kamera ist die Nuss überhaupt?«, will Sensenbrink wissen.

			»Auf der zwei«, sagt der Techniker wacklig.

			»Nadeche?«, hakt Olav nach. Und Sensenbrink stellt fest:

			»Ihr erzählt mir nur Mist. Auf der zwei ist sie nicht.«

			***

			Der Innenminister reißt das Lenkrad herum und weicht einem Transporter aus. Die Wunde an seiner Stirn bricht wieder auf, er spürt, wie etwas an seiner Schläfe herunterläuft. Jetzt schicken sie schon Mannschaftswagen von der Grenze wieder zurück, das ist Wahnsinn, völliger Wahnsinn. Er braucht vorne jeden Mann. Er beugt sich zum Handschuhfach, um ein Taschentuch zu suchen, aber er findet nur Zigaretten, Handbücher und Ersatzmagazine für eine Pistole.

			Ein weiterer Mannschaftswagen mit Blaulicht rast vorbei, er setzt den Geländewagen beinahe in den Straßengraben. Ihm fällt auf, dass er sich nicht einmal angeschnallt hat. Sie sollen nicht noch mehr Leute abziehen, denkt er, aber er weiß nicht, wie er den Befehl geben soll. Mit diesen neuen Funkgeräten kommt er nicht klar, und das Handynetz ist überlastet. Man müsste es einem Polizisten sagen, aber wieder ist keiner da, wenn man ihn braucht.

			Er war an der Sperrzone, dort ist die Hölle los. Es sind nicht die Bauern, logisch, das würde den Bauern nie einfallen, es sind die aufgebrachten Fernsehzuschauer, Leute, die aufs Land gezogen sind, damit ihre Kinder es einmal besser haben oder grüner oder damit man einen eigenen Rasen hat für den Fünftausend-Euro-Grill und einen eigenen Spielplatz ohne fremde Kinder. Und es sind Leute, die aus den Städten extra hergefahren sind, um die Öffnung der Grenze zu fordern.

			Der Sperrbereich war ordentlich gesichert, er hat sich vorher selbst davon überzeugt: Es war ja abzusehen, dass diese Menschenrechtler und die Hilfsorganisationen mobilmachen würden. Aber niemand konnte mit der Wucht dieser Bilder rechnen. Mit Greenpeace oder wem auch immer kann man ja reden, diese Leute sind Profis. Aber diese protestierenden Amateure. Am allerschlimmsten sind diese betroffenen Weiber. Diese Erregung, dieses Gekeife, immer in den höchsten Tönen. Und natürlich: »Sie verstehen das nicht, Sie haben ja keine Kinder!«

			Das Fatale ist, dass so viele gekommen sind. »Zwanzigtausend«, hat ihm der junge Polizeiobermeister vorhin gesagt, als er den Innenminister hingefahren hat. »Zwanzigtausend?«, hat er zurückgefragt. »Nach Polizeiangaben oder in echt?«

			Der Polizeiobermeister hat sich zu ihm umgedreht und gesagt: »Wenn Sie mich fragen, sind’s doppelt so viele. Locker.«

			Die doppelt so vielen haben sofort gesehen, dass nur eine Handvoll Hundertschaften bereitsteht. Die Zufahrtsstraßen hätten blockiert sein sollen, aber es ist eben ein Unterschied, ob man Demo-Routiniers beim G20-Gipfel blockiert oder Leute, die meinen, sie müssten jetzt sofort Menschenleben retten. Irgendwann sind die einfach an den Straßensperren vorbeigegangen. Und dann haben die Bürgerwehren gedacht, ihre große Stunde wäre gekommen. Er hat es selber gesehen, er ist mit dem Polizeiobermeister an einer nicht funktionierenden Straßensperre stehen geblieben, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Absurd uniformierte Idioten kamen aus den Büschen, mit erstaunlichen Waffenbeständen, die versucht haben, sich mit der Polizei zu verbrüdern. Von mindestens vier Stellen wurde das gemeldet, unglaublich, wie viele es von diesen Irren mittlerweile gibt. Einige Polizisten waren sogar heilfroh, man fasst es nicht. Er hat noch per Funk den Befehl durchgeben lassen, diese Kumpanei sofort zu beenden, dann hat er die Schüsse gehört. Das waren keine Warnschüsse, diese selbsternannten Hilfspolizisten haben in die Menge gefeuert und geschrien: »Verpisst euch! Das ist unser Land!«

			Der Innenminister schüttelt den Kopf, wie um einen unangenehmen Gedanken zu vertreiben. Er hat es beobachtet, während der junge Polizeiobermeister mit dem Funkgerät des Geländewagens Hilfe anforderte. Es war ein dicklicher Mann, tätowiert, mit einer selbstgebastelten SS-Armbinde und einer Kalaschnikow, der dem Mann neben einer extrem nervtötenden Frau zweimal in den Bauch schoss und sie mit dem Gewehrkolben niederschlug, professionell, eine kurze brutale Bewegung, die Kante des Kolbens seitlich an den Kopf, der Kopf schnalzte zur Seite, als wäre ihr Hals aus Papier, sie kippte um wie eine Schaufensterpuppe.

			Dann springt der junge Polizeiobermeister aus dem Wagen, er reißt seine Pistole aus dem Holster und brüllt dem Innenminister zu: »Steigen Sie ein, und fahren Sie sofort ins Lagezentrum! Organisieren Sie Verstärkung. Los, los!« Er feuert einen Warnschuss ab, und weil der Kalaschnikow-Mann nicht reagiert, schießt er zwei, drei Mal auf ihn. Der Kalaschnikow-Mann geht in die Knie, daraufhin drehen sich vier seiner Mitidioten um, sie legen an und setzen dem jungen Polizeiobermeister zwei Kugeln in den Kopf. Ohne zu zögern, in einer gleitenden Bewegung, eine Drehung, Gewehr hoch, peng, als machten sie so was jeden Tag. Dann lässt der Innenminister den Motor des Geländewagens aufjaulen. Zwei widmen sich wieder den schreienden Demonstranten, die beiden anderen schießen ihm hinterher. Mehrere Kugeln schlagen ins Blech. Etwas zischt heiß an seinem Kopf vorbei. Kurz darauf ist er hinter einer Geländekuppe außer Reichweite.

			Der Innenminister holt alles aus dem Wagen, was er mal in diesem Rallye-Kurs gelernt hat. Was hat eigentlich der Verfassungsschutz in den letzten Monaten getrieben? Wie kann das sein, dass die Typen rudelweise auftreten? Das geht jetzt wirklich in Richtung Notstand, er wird die Bundeswehr brauchen. Er weicht einem Baum aus, der schräg in die Fahrbahn wächst, und rammt beinahe einen Mannschaftswagen, der bei einem ähnlichen Manöver umgekippt sein muss. Er sieht Beamte, die andere Beamte versorgen, er drückt seinen Wagen in den Acker nebenan, er kann nur hoffen, dass diese Geländewagen wirklich was taugen, und tritt aufs Gas. Der Motor brüllt auf und katapultiert den Wagen mit einem Satz wieder auf die Fahrbahn. Der Innenminister wirft sich zur Seite, um nicht mit dem Kopf an die Decke zu knallen, er holt das Handy heraus, tippt mit einer Hand.

			Er hätte die Bundeswehr gleich dazuordern sollen, aber da war’s noch kein Notstand, da wäre es nur zur humanitären Hilfe möglich gewesen, und er wollte keine falschen Signale senden. Nicht dass die Flüchtlinge denken, hier würden schon die Zelte aufgestellt. Jetzt hätte er Kompanien, Brigaden, alles dagehabt, Hunderte Männer, denen man nur eine Knarre in die Hand zu drücken bräuchte. Wie man es macht, ist es verkehrt, und das Handynetz ist auch nicht zu gebrauchen.

			Ein weiterer Mannschaftswagen kommt ihm entgegen, der Innenminister rammt seinen Fuß auf die Bremse, sein Gewicht drückt ihn ans Lenkrad, dann schaltet er hoch und gibt erneut Gas. Jetzt sieht er schon das Lagezentrum. Er hetzt den Wagen fast bis vor die Tür, eine niedrige Betonmauer übernimmt den Großteil des Bremsvorgangs, mühsam fängt sich der Innenminister mit den Armen am Armaturenbrett und Wagenhimmel ab, sein Kopf schleudert gegen das Lenkrad, er spürt nicht, wie sich seine Schneidezähne in die Unterlippe bohren. Er merkt, wie ihm etwas Leichtes auf den Kopf fällt und dann an seiner blutigen Schläfe vorbeirutscht. Er drückt sich zurück in den Sitz: Die Sonnenblende ist heruntergeklappt, etwas ist herausgefallen. Er blickt benommen auf den Boden, findet ein Stück Papier und hebt es auf. Ein Foto von dem jungen Polizeiobermeister und einem Mädchen. Der Polizeiobermeister ist mit nacktem Oberkörper darauf zu sehen, er trägt seine Dienstmütze schräg auf dem Kopf. Das Mädchen drückt sich im Bikini an ihn und greift nach seiner Mütze, aber er hält mit einem Arm das Mädchen und dem anderen die Mütze fest. Sie lacht. Jemand hat etwas mit Lackstift daraufgeschrieben:

			»Mein Kämpfer für Recht und Ordnung.«

			»Mein« ist unterstrichen.

			Und auf dem i-Punkt ist ein Herzchen.

			***

			Nadeche kommt auch deshalb zu sich, weil sie unglaublich unbequem liegt. Man kann es fast nicht mehr Liegen nennen: Ihre Beine, ihre Arme befinden sich überhaupt nicht nebeneinander, sie sind zwischen anderen Beinen eingekeilt, völlig verdreht, es ist kaum möglich, sie heranzuziehen. Ihr Gesicht liegt auf der Seite, ein Fuß stößt gegen ihren Hinterkopf, und ihre Wange schrammt über den Asphalt.

			Die Sprechchöre haben nachgelassen. Stattdessen hört man nur Stöhnen, Hilferufe und Männerstimmen, die etwas schreien, was beruhigend gemeint sein könnte. Sie erkennt ein paar Worte wieder, »weiter« und »Grenze«.

			Sie muss auf die Beine kommen.

			»Olav?«, sagte sie ins Headset, »Olav?«

			Olav antwortet nicht.

			»Olav«, sagt Nadeche besonders laut, weil die Verbindung wahrscheinlich Macken hat, »schickt den Hubschrauber! Sofort!«

			Dann fällt ihr ein, dass unter ihrer linken Hüfte die kantige Sendeeinheit liegen müsste. Die Sendeeinheit ist aber nicht da.

			Aufrichten. Auf die Knie kommen und dann hoch. Sie versucht sich zu drehen, aber dort, wo sie sich hindrehen will, sind fremde Beine. Sie versucht die Beine zu schlagen, um auf sich aufmerksam zu machen, aber sie kann noch nicht einmal ausholen. Vermutlich spüren die fremden Beine keinen Unterschied zwischen ihren Händen und anderen Beinen.

			»Lionel!«, schreit sie heiser und dann, noch lauter: »Saba!«

			***

			Ich habe versagt, denkt Admiral Mahmoud.

			Er ist da, wo ein Admiral hingehört, ganz vorn. Er wollte immer ein richtiger Admiral sein, der bei der Truppe ist, nicht einer, der sich hinten versteckt.

			Er hat versucht, die Leute zu organisieren, aber es gibt hier nichts mehr zu organisieren.

			Er hat versucht, Schutzringe für die Frauen und Kinder zu bilden, aber die Schutzringe sind schnell breitgepresst worden und nutzlos.

			Er hat gebrüllt, er hat an ihre Ehre appelliert, aber inzwischen bekommt er selbst keine Luft mehr, um zu brüllen. Er steht am Zaun und versucht verzweifelt zu verhindern, dass ein Arm oder ein Bein von ihm durch den Zaun rutscht.

			Er hat gesehen, was solchen Menschen passiert, wenn die Menge sich dann verschiebt. Wie Beine und Arme plötzlich völlig unmögliche Winkel zeigen, bis einem klar wird, dass sie nicht mehr an den Knochen hängen, sondern nur noch an der Haut. Das Gespenstischste aber ist die Stille. Weil keiner dieser Menschen noch die Luft bekommt, die er zum Brüllen braucht.

			***

			»Wo sind deine Deutschen, hm?«

			Lionel kann die Stimme nicht zuordnen, sie ist leise, aber deutlich, und sie kommt von irgendwo, wo er nicht hinsehen kann.

			»Wo sind deine Deutschen?«

			»Sie … sie werden aufmachen«, presst Lionel heraus.

			»Einen … Scheiß. Sie … lassen … uns … krepieren …«

			Lionel will etwas Längeres antworten. Etwas, das so ähnlich ist wie: »Das ist jetzt die Phase, auf die’s ankommt, da müssen wir durch, wir alle haben gewusst, dass es so kommt.« Aber er bekommt nicht genug Luft. Also sagt er: »Können … sie … nicht.«

			Schon jetzt sterben Menschen. Selbst wenn die Deutschen noch ein Wunder vollbringen, werden hier Menschen sterben. Und Lionel weiß, dass er keiner von diesen Toten sein will. Er spürt seine Hände nicht mehr, seine Beine sind taub.

			Es sagt sich so leicht: »Wir riskieren unser Leben so oder so.«

			Aber man riskiert es doch nur, weil man davon ausgeht, dass man es nicht verliert.

			»Wo sind deine Deutschen?«

			»Wo ist Malaika?«

			Lionel kann beides nicht beantworten. Und er stellt fest: Inzwischen ist ihm beides egal, wenn er nur diesen Tag überlebt.

			***

			»Das können die nicht bringen«, hört der Innenminister Gödeke schon von außen brüllen, »das ist deren Scheißland.«

			Ein Beamter öffnet ihm eilig die Tür zum Lagezentrum. Gödeke steht in der Mitte des Raumes, er schreit, er zetert inmitten einer Gruppe Polizisten, die mit ungläubigen Gesichtern auf die Bildschirme starren. Zwei zeigen das Fernsehprogramm, MyTV, aus dem Augenwinkel nimmt der Innenminister Laufbänder wahr »ckenbusch vermisst +++ Mehrere Tote +++ EU bietet Übernahme von 15.000 Flüchtlingen +++ Nadeche Hackenbusch vermisst +++«. Aber die wirklich üblen Nachrichten kommen nicht aus dem Fernsehen. Es sind die der Überwachungskameras auf der deutschen Seite des Zauns, die wirklich exklusiven Bilder.

			Es sind erschöpfte, lethargische Gesichter, die die Masse an den Drahtzaun drückt wie gegen einen gigantischen Eierschneider. Es gibt keinen Ton, aber der Innenminister hat noch nie so viel Angst gesehen, ohne dass jemand schreit. Arme recken sich flehend durch den Zaun, manche hängen auch nur noch herab. Er sieht einen Kinderkopf in einer extrem unnatürlichen Haltung.

			»Das ist unterlassene Hilfeleistung, was die da machen«, schreit Gödeke. »Das sollten wir uns mal erlauben.«

			»Wir erlauben es uns gerade«, denkt der Innenminister.

			Er sieht sich die Polizisten an, die in die Bildschirme starren. Er sieht ihr Kopfschütteln, die Überforderung. Es sind die Älteren, die als Erste nicht mehr in die Bildschirme sehen können, die immer wieder kurz den Blick abwenden. Polizeihauptmeister, ein Hauptkommissar, erfahrene Leute. Ihre Haltung ist mutlos. Und immer öfter, wenn sie den Blick abwenden, fällt er auf ihn. Bis nach und nach einer nach dem anderen sich zu ihm umgedreht hat. Der Einsatzleiter ist der Letzte. Das ist keine Befehlsverweigerung. Sie bitten ihn um Hilfe.

			Der Innenminister versucht sachlich zu bleiben. Es muss eine Lösung geben, egal wie unerträglich die Bilder sind. Was hat Priorität? Was ist seine vordringlichste Aufgabe? Er soll die Interessen eines Landes vertreten, seines Landes, er soll für die Bürger handeln. Aber ist es im Sinne der Bürger, was hier geschieht?

			»Herr Minister«, sagt Gödeke, »was sollen wir tun?«

			Leubl hat behauptet, dass diese Taten die Bürger verändern werden. Dass das, was hier geschieht, sie zu Mördern macht, zu Komplizen von Mördern. Er weiß nicht, ob das stimmt, aber sicher ist: Wenn er dieses Sterben hier weiter zulässt, werden die Deutschen bald Bürger eines anderen Landes sein.

			Man hat ihn nicht gewählt, damit er den Leuten das Land unter dem Arsch wegverändert.

			Aber auch mit noch mehr Flüchtlingen wird sich das Land ändern.

			Wenn es also in jedem Fall ein anderes Land geben wird: Welches andere Land soll es dann sein? Er schiebt die Hände in die Hosentaschen.

			Er spürt etwas, er tastet festen Karton. Das Foto.

			Die junge Frau. Der junge Polizeiobermeister.

			Der Innenminister richtet sich auf. Es fällt ihm schwer, seine Stimme klingt nach einer Mischung aus Ärger, Zugeständnis und Entschlossenheit, und seine Faust schließt sich um das Foto.

			»Meine Damen und Herren, das Einsatzziel hat sich geändert. Was wir hier sehen, ist vielleicht Recht«, sagt er. »Aber es ist nicht mehr in Ordnung.«

			***

			Nadeche hat nicht den Eindruck, dass jemand auf ihr Schreien reagiert. Sie hört gedämpft Schreie von anderswo. Eine Druckwelle geht durch die Menge, ein Schub in eine Richtung, vermutlich die, in der die Grenzanlagen sind, und mit dem Schub presst sich aus der Menge ein gemeinschaftliches Stöhnen.

			»Saba!«

			Am Boden ist sie nutzlos, sie muss aufstehen, sich auf den Arm stützen und hoch. Sie zerrt mit den Fingern an einem Hosenbein, prompt steht ein Fuß auf ihrem Unterarm. Nadeche schreit auf. Der Fuß verdreht sich, bis er nur noch mit den Zehen auf ihrem Arm steht, mehr Entgegenkommen scheint dem Fuß nicht möglich, aber Nadeche ist schon dafür dankbar. Ihre andere Hand wird plötzlich nass, körperwarm, erst jetzt fällt ihr auf, dass der Boden an mehreren Stellen feucht ist, auch unter ihrem Gesicht, aber da ist es vermutlich Blut.

			»Ich bin hier unten!«, schreit sie. »Hey!! Hier unten! Saba! Wo bist du?«

			Sie stellt mühsam ein Knie auf, aber ein Knie allein hilft nicht, und sie droht so auch noch auf den Rücken zu fallen. Auf dem Rücken liegen fühlt sich instinktiv an wie die gefährlichste aller Optionen.

			»Nadeche«, hört sie sehr leise.

			»Saba? Wo bist du?«

			»…eche!«, hört sie. Es ist unmöglich, festzustellen, von wo. »…deeeche!«

			»Ich komm zu dir, ich hole dich!«, schreit Nadeche, und dann geht eine weitere Welle durch die Menge, die Menschen verschieben sich über ihr wie große, massive Wogen, die Menge verdichtet sich noch mehr. »Ufffff«, sagen die Männer, die Frauen schreien, als ihnen die Luft aus den Lungen gedrückt wird. Nadeche Hackenbusch brüllt auf, weil etwas Schweres ihren Fuß unter sich begräbt. Sie versucht in einem Reflex, das Bein der Belastung zu entziehen, der Druck verschiebt sich jetzt, und ein noch grellerer Schmerz fährt ihr durch den Knöchel. Sie spürt, wie ihr Bein unter dem Gewicht nachgibt, dieser Schmerz bleibt, er vergeht nicht, er rauscht und dröhnt in ihren Ohren, sie ringt nach Luft, die Beine drehen sich um sie, sie versucht, bei Bewusstsein zu bleiben, so höllisch weh tut das. Sie spürt, wie das Schwere sich verschiebt und nur noch ihre Wade einquetscht, dafür stützt sich jetzt ein Fuß gegen ihre Schulter und drückt sie nach hinten.

			»Lionel!«, brüllt Nadeche mit allem, was ihre Lungen hergeben. Es kommen immer mehr Füße. Sie tasten sich voran, sie merken ja, dass sie dabei sind, sich auf etwas abzustellen, das viel zu weich für einen Boden ist, dann werden sie wieder angehoben, rasch, aber mühsam, als müssten sie sich durch etwas Zähflüssiges kämpfen, sie versuchen sich anders hinzustellen, aber es gibt kein Anders, die Füße tasten sie ab wie blinde Außerirdische eine fremde Lebensform, und irgendwann muss der Fuß nach unten, Nadeche kann nur versuchen sich zur Seite zu drehen, die Füße an sich abgleiten zu lassen.

			»Lionel! Ich bin hier!«

			Sie ist nicht sicher, ob ihre Stimme über die Schicht der Menschenärsche hinausdringt. Sie beginnt verzweifelt alle Beine zu kneifen, die sie erreichen kann, und sie versucht in das Bein zu beißen, das zu dem Fuß auf ihrer Schulter gehört. Das Bein reagiert, es verschiebt sich zu ihrer Brust, es drückt sie mit dem Schulterblatt gegen ein anderes Bein, das auch noch ein, zwei Zentimeter nachgibt, so dass Nadeche weiter nach hinten rutscht.

			»Lionel!!«, kreischt sie panisch, »hier unten!«

			Oben brüllt eine Stimme Kommandos. Die Beine über ihr versuchen sich zu koordinieren.

			»Hemp!«, brüllt die gedämpfte Stimme, und dann deutlicher: »Hand!«

			Sie reckt die andere Hand hoch, nach hinten verdreht gelingt es ihr immerhin, sie bis in Kniehöhe zu schieben, sie spürt schwielige Fingerspitzen, aber sie kann sie nicht greifen. Ihre Fingerspitzen tasten, es gelingt ihr, die Fingerkuppen in die Kuppen der schwieligen Hand zu haken, dann presst sich ein weiterer Schub durch die Menge, die Hand wird weggeschoben und ihr Arm unter einem fremden Knie eingeklemmt und auf den Asphalt gedrückt. Sie spürt, wie das fremde Knie sich aufrichten will, erst langsam, dann mit verzweifelter Anstrengung, und dann wird das Knie erstaunlich schlaff.

			»N…deche«, hört sie schwach. »…ab Angst!«

			Nadeche unterdrückt die Panik. Sie hat mit Lionel oft darüber geredet, was passiert, wenn die Grenze nicht geöffnet wird, und er hat gesagt, dass es keinen Zaun auf der Welt gebe, der dauerhaft diesen Druck aushalten würde. So wie das hier aussieht, kann es nur noch eine Frage weniger Minuten sein, bis der ganze Zaun umkippt und der Irrsinn aufhört. Jemand, der nicht allzu schwer ist, tritt ihr in den Bauch.

			»Saba, halt durch!«, schreit Nadeche mühsam, »das ist gleich vorbei.«

			Erschöpft wartet sie auf eine Antwort. Der Nacken schmerzt, es ist unglaublich anstrengend, die ganze Zeit den Kopf so hochzuhalten.

			»Saba, hörst du!?!?«

			Es passiert im Bruchteil einer Sekunde. Gerade eben noch versucht Nadeche, die Lage zu überdenken, und dann steht es vor ihr, klar wie der helle Tag und über jeden Zweifel erhaben: Wenn sie nicht innerhalb der nächsten Minuten hochkommt, wird sie Saba nie wieder hören. Sie fühlt, wie sie gellend zu kreischen beginnt, keine Worte, sie kreischt, so laut und schrill sie kann, lauter, als sie je in ihrem Leben geschrien hat, es muss allen klar werden, dass hier Schluss ist, dass es hier nicht um ein paar Schrammen geht, hier geht es um das Leben von Saba. Nadeche merkt, wie sie Kräfte freisetzt, von denen sie nichts geahnt hat. Der unerträgliche Schmerz in ihrem Bein ist plötzlich nur noch lächerlich, Nadeche zieht und zerrt und kämpft sich nach oben.

			Aber sie kommt nur beinahe bis auf Kniehöhe.

			Eine harte Kniescheibe rammt ihre Nase, sie merkt, wie es blutet, aber sie kann nicht einmal an ihre Nase greifen, um es wegzuwischen. Sie schreit, sie versucht, noch lauter zu schreien, aber ihre Stimme kippt, sie ist nicht mehr so durchdringend wie zuvor, und plötzlich hört sie von woanders eine andere Frau auf genau dieselbe Art schreien, aber lauter.

			»Saba!«, kreischt Nadeche, vielleicht denkt sie auch nur, dass sie schreit, es ist schwer zu unterscheiden, weil jetzt auch der Schmerz in ihrem Fuß zurückkehrt, stechender als zuvor. Ein Bein streift ihr das drahtige Headset vom Kopf, ein scharfer Bügel bohrt sich in ihre Ohrmuschel, ein Fuß steigt auf ihren Kopf und rutscht ab, über ihr Gesicht an der schmerzenden Nase vorbei. Sie spürt eine Form von Müdigkeit, eine Art vorbereitender Müdigkeit, weil ihr klar ist, dass sie jetzt gleich viel Kraft brauchen wird, es wird sehr anstrengend, noch anstrengender als zuvor, sie muss Kräfte sammeln. Es wäre gut, sich noch einmal kurz auszuruhen, es ist so nervtötend und fruchtlos, immer diese Beine wegzudrücken, schiebt man eines weg, kommt ein anderes, jetzt steht ein anderer Mensch auf ihrem Oberschenkel, sie dreht sich zur Seite, aber sie lässt den Fuß, wo er ist, es ist erträglich, ausruhen ist jetzt wichtiger, sie muss ihren Brustkorb schützen, sich schmal machen, eine weitere Schubwelle geht durch die Menge, und jetzt drücken zwei Füße sie zu Boden, ihr Hinterkopf schlägt hart auf den Asphalt, sie hebt ihn an, mehr aus Reflex, der Boden wirkt auf einmal einladend und gemütlich, wenn nur ihr Bein ni…

			***

			Blau blinkende Hoffnung. Es sind Einsatzwagen der Feuerwehren, aller Feuerwehren, die sie an die Grenze bekommen konnten. Sie arbeiten am Zaun, sie arbeiten fieberhaft, und sie fluchen, weil der Scheißzaun aus einer Scheißsorte von Scheißstahl besteht, die sich sogar mit den kräftigsten Rettungsscheren kaum durchtrennen lässt. Sie haben anfangs noch die Schere zu weit vorne angesetzt, doch dort ist der Druck nicht groß genug. Man muss die Schere möglichst nahe am Verbindungspunkt der Scherblätter ansetzen, aber dadurch ragt die Schere in die Menschenmenge, die an den Zaun gepresst wird. Sie haben gezögert. Rückfragen bei der Einsatzleitung. Bis der Innenminister aus dem Lagezentrum gerannt kam. Er hat dem nächstbesten Feuerwehrmann den unhandlichen Apparat aus der Hand gerissen.

			Der Innenminister sieht inzwischen aus, als hätte man ihn in Blut gebadet. Er wechselt sich mit einem Feuerwehrler ab, sie haben drei Holme durchtrennt, dazu musste er in einen toten Fuß schneiden und in einen lebenden. Um ihn herum dirigieren Feuerwehrleute zwei Bagger, die verhindern sollen, dass der Zaun plötzlich kippt und die Retter unter sich begräbt. Aber sie haben nicht genug Leute, nicht genug Bagger, nicht genug irgendwas. Die meisten Bereitschaftspolizisten werden inzwischen hinten im Grenzland benötigt. Sie müssen sicherstellen, dass Feuerwehr und Helfer überhaupt nach vorne durchkommen, wenn sie nicht schon in Gefechte mit Rechtsradikalen verwickelt sind. Richtige Gefechte, nicht irgendwelche Molotowcocktails, nein, Angriffe von Wehrsportgruppen, semiprofessionell, mindestens, die zur Grenze wollen, um dort das Recht in die eigene Hand zu nehmen. Hubschrauber sind jetzt im Einsatz. Immerhin das haben die Österreicher genehmigt. Sie sollen die Flüchtlinge vom hinteren Ende des Staus wegholen und nach Deutschland fliegen. Aber die Flüchtlinge hinten trauen den Piloten nicht. Sie wollen die Grenze überschreiten, weil sie nur dann sichergehen können, dass sie auch wirklich ankommen.

			Es ist unglaublich, wie sich der Zaun durchbiegt. Sicher, alles verbiegt sich irgendwann, jeder Stahl kann Beulen bekommen, aber wer den Zaun vorher gesehen hat, wird es nicht glauben. Sie haben den Strom abgestellt. Sie haben eilig diskutiert, ob sie die Flüchtlinge zum Klettern auffordern sollen, aber das würde nur dazu führen, dass die Kräftigsten über die Schwächsten steigen. Schlimmstenfalls wäre der Zaun plötzlich mit Menschen behängt wie Brücken mit Liebesschlössern, er kippt womöglich in die falsche Richtung. Sie müssen den Druck kontrolliert ablassen. Es geht nur mit der Öffnung des Zauns.

			Er hört die »Help«-Rufe schon gar nicht mehr, sie sind auch nicht mehr so eindringlich, die Menschen stoßen sie müde hervor, mechanisch, wie eine hängende Schallplatte. Einige schließen aus der plötzlichen Hilfe, dass möglicherweise der Zaun freigegeben ist, die Vordersten sind allerdings zu schwach, um sich noch hochzuziehen, oder sie stecken in der Menge fest. Der Minister denkt, dass man den NATO-Draht entfernen sollte. Er brüllt es den Feuerwehrleuten zu, die während der Arbeit zu diskutieren anfangen. Normalerweise denkt beim Zaunbau keiner daran, wie der Stacheldraht am einfachsten zu entfernen wäre.

			Jemand bringt einen Trennschleifer, ein Gerät wie eine Schneidemaschine für Riesenbrot. Der Minister hört, wie jemand »Scheißdrauf« sagt und: »Die krepieren uns sonst hier alle!« Die Maschine wird angeworfen, sie macht ein hässliches Geräusch.

			Ein kleiner Junge liegt unten auf dem Boden, direkt am Zaun. Der Junge sieht den Innenminister direkt an. Er wäre etwas entspannter, wenn er ihn nicht dauernd ansehen würde. Er hat schon versucht, die Rettungsschere anders anzusetzen, so dass er nicht immer im Blickfeld des Jungen ist, aber das hier ist der einzige sinnvolle Winkel. Als er ihn das erste Mal wahrgenommen hat, hat er versucht, ihm Mut zuzusprechen. Der Junge hat nicht reagiert. Der Minister hat inzwischen sein Sakko weggefeuert. Er hat versucht, die Schneidleistung der Rettungsschere durch verschiedene Winkelvarianten zu verbessern, und dabei ist ihm der kritische Blick des Jungen aufgefallen, als würde er staunen, wie man sich so ungeschickt anstellen kann. Dann hat sich plötzlich sein Gesichtsausdruck verändert.

			Der Minister hört einen dumpfen Knall, eine Fehlzündung, möglicherweise, er hebt den Kopf, um zu sehen, ob mit den Geräten alles in Ordnung ist, aber niemand reagiert. Er beißt die Zähne zusammen und drückt die Schere mit aller Kraft ans Metall. Der Zaun knarrt unwillig, als vermisse er jemanden. An der anderen Stelle haben sie offenbar ein wichtiges Teil entfernt, man sieht, wie der Bagger ins Wanken gerät. Der Baggerführer lässt den Motor aufheulen, um stärker gegen den Zaun drücken zu können. Der Minister pumpt sich noch einmal aus, dann lässt er sich nach hinten fallen, und der Feuerwehrler übernimmt wieder.

			Der Junge könnte acht oder neun Jahre alt sein, es ist schwer zu sagen, weil er nur seinen Kopf sehen kann, und dieser Kopf ist inzwischen weitgehend formlos. Jemand steht darauf, jemand, auf dem offenbar noch jemand anderes steht. Es macht dem Jungen nichts mehr aus. Der Minister versucht wegzusehen, aber es kommt ihm wie Verrat vor. Als würde ihm der Junge sagen, dass er ja auch nicht wegsehen kann.

			Er streckt stöhnend seinen Rücken durch, und dann hört er es wieder. Ein dumpfer Knall, gefolgt von einem zweiten.

			Es kommt von der anderen Seite.





58


			Astrid von Roëll hat den Bildschirm ausgeschaltet. Sie kann so was nicht ansehen, sie ist selbst anfällig für Platzangst. Sie kann die Ereignisse ohnehin nicht beeinflussen. Kay ist irgendwo mit der Drohne unterwegs, das Tagesaktuelle liefert die Agentur. Das ist jetzt mal so wie bei den Kollegen vom Sport früher, da muss man eben auf das Ergebnis warten. So spannend kann es ja auch nicht werden, warum soll das jetzt anders ablaufen als bei den Grenzen vorher? Deutschland ist eines der reichsten Länder dieser Welt, die machen schon irgendwann die Tür auf.

			Sie hat in den letzten Tagen öfter darüber nachgedacht, ob sie vorab einen Nachruf für Nadeche verfassen sollte, für den Fall der Fälle. Das kennt man ja von den großen Nachrichtenredaktionen, den großen Agenturen, dass die ab einem bestimmten Alter für berühmte Personen einen Nachruf in der Schublade haben, damit sie die schnellsten sind, wenn es mal so weit ist. Das kann man ja nicht immer planen, siehe Udo Jürgens. Gestern noch auf der Bühne, morgen – pffftt.

			Sie hat darüber nachdenken müssen, das trifft es besser, letztlich hat der Vizedämlack so was angedeutet: »Das ist natürlich ein unangenehmes Thema, Frau von Roëll, aber wir müssen andererseits professionell arbeiten …«

			Erstens ist sie keine Nachrichtenagentur, zweitens muss sie so auch schon genug machen, drittens ist sie ein Mensch, keine Maschine, und viertens kann es gut sein, dass Nadeche überhaupt nicht stirbt, und dann war alles umsonst. Und das ist nicht zynisch gemeint. Es ist sogar völlig unvorstellbar, dass Nadeche stirbt. Da ändert auch das Textband in den Nachrichten nichts.

			Das hat sie genau so dem Vizedämlack gesagt: »Wie kommen Sie darauf? Das ist Nadeche Hackenbusch! Wenn die stirbt, dann haben die das vorher geskriptet!« Und das gilt für »vermisst« natürlich mindestens doppelt.

			Das hat er dann auch eingesehen. Außerdem kann so einen Nachruf auch die Praktikantin zusammenstöpseln. Astrid wäre, wenn überhaupt, für die persönliche Note zuständig: »Die letzten Stunden von Nadeche Hackenbusch – wie ich sie erlebt habe«.

			Sie geht nach vorne und setzt sich auf den Beifahrersitz. Sie legt die Füße hoch. Vor ihr steht ein Bus, aus dem hinten drei junge Männer rausschauen. Sie lachen und machen Flirtgesichter. Sie schüttelt tadelnd den Kopf und fühlt sich heimlich geschmeichelt. Sie wird das Wohnmobil wahrscheinlich schon vermissen. Ein bisschen wenigstens. Wie oft wird sie hier noch übernachten? Ein Mal? Zwei Mal?

			Ob sich das Haus der Geschichte für das Auto interessieren wird? In diesem Wohnmobil ist immerhin eine der längsten Reportagen Deutschlands erschaffen worden. Wahrscheinlich die längste Reportage Deutschlands. Und zugleich eine der besten, das sollte man auch gleich dazusagen, wenn man ihr den Nannen-Preis übergibt. Oder diesen anderen da, Theodor-Dings-Preis. Pulitzer wäre auch denkbar, aber leider kennt sie ja noch keiner in New York.

			Sie spürt einen dumpfen Schlag, von unten. Als hätte die Autobahn gepupst.

			Die Jungs vor ihr im Bus haben es offenbar auch gespürt. Astrid macht ein verdattertes, lustiges, unschuldiges Gesicht und hebt die Hände: Sie war’s nicht, zeigt sie den Jungs. Aber die Jungs achten nicht auf sie. Die Jungs sehen über das Dach ihres Wohnmobils hinweg und deuten ihrerseits auf etwas. Dann furzt der Boden erneut. Astrid runzelt die Stirn. Sie nimmt die Füße vom Armaturenbrett und steigt aus.

			Ihr Blick folgt der Schlange der Busse. Es sind kaum Menschen zu sehen, alle sind in den Bussen, weil dort bei Sonnenschein der Blick auf die Handybildschirme besser ist. Für sie ist der Vorgang an der Grenze ja durchaus wichtig. Weit, weit hinten sieht Astrid zwei Rauchsäulen. Sie dreht sich um.

			Auf dem Feldweg, der parallel zur Autobahn verläuft, fährt ein Polizeifahrzeug. Es fährt sehr schnell, sie sieht den Mann auf dem Beifahrersitz, er gestikuliert heftig. Das Auto fährt rückwärts und kommt vom Weg ab. Der Polizeiwagen fährt rückwärts in den Acker, dann drehen seine Räder durch. Der Motor heult auf, der gestikulierende Polizist reißt die Beifahrertür auf und läuft über das Feld davon. Er macht große, ungelenke Sprünge und versinkt jedes Mal knöcheltief in der Erde. Astrid muss lachen.

			Die Autobahn bebt und brüllt auf, diesmal von vorne. Astrid dreht sich um und sieht einen Feuerball in der Schlange. Ein weiterer Feuerball, noch einer, noch einer, wie eine Kugelkette, wie eine riesige Zündschnur. Sie schaut auf den Bus vor sich, es wird unglaublich laut, der Lärm verschlingt sie wie ein großes Drachenmaul, dann ist nur noch ein Klingeln in ihren Ohren.

			Der Bus hat hinten kein Fenster mehr, auch an den Seiten nicht, der Bus hat überhaupt kein Fenster mehr, und das ist gut so, weil dann die brennenden Jungen herausklettern können. Sie schreien, aber vermutlich sind sie schon ganz heiser, Astrid hört überhaupt nichts, wenn, dann schreit überhaupt nur einer, die anderen beiden klettern nicht mehr, sie liegen halb aus dem Fenster wie Bettdecken, die man zum Lüften hinaushängt, brennende Betten, die werden sicher sehr nach Rauch riechen.

			Beds are burning, denkt Astrid.

			Sie sieht, wie eine Frau sich bemüht, die hintere Bustür zu öffnen, aber sie scheint nicht aufzugehen, innen liegt offenbar etwas vor der Tür, sie dreht sich um, um jemand anderes im Bus anzuschreien, sie bückt sich weinend, um das Etwas aufzuheben. Dann taucht ihr Gesicht wieder auf, der Mund ist weit aufgerissen, sie hat das mit der Tür wohl aufgegeben und versucht jetzt, durch das zerborstene schmale Fenster zu kriechen, sie steckt ihren Kopf hindurch und eine Schulter, einen Arm, dazu immer der aufgerissene Mund, Astrid hat noch nie gesehen, dass jemand die Augen so weit aufmachen kann, denn fangen die Haare der Frau zu brennen an, und eine große Flamme wälzt sich durch den gesamten Bus.

			The time has come.

			Heiße Luft schlägt in Astrids Gesicht, aber die Luft ist viel härter als Luft, als wäre Astrid frontal gegen eine glühende Wand gerannt. Sie riecht verbrannte Haare, der Schweiß läuft ihr in die Augen, sie wischt ihn mit dem Ärmel aus dem Gesicht, es schmerzt, der Schweiß ist dunkelrot, sie tastet ihre Stirn entlang und entfernt eine Glasscherbe, die ihr zur Hälfte unter der Haut steckt wie in einer praktischen kleinen Extratasche.

			Astrid beschließt, dem hüpfenden Polizisten hinterherzulaufen, dann knickt sie um. Ihr rechtes Hosenbein fehlt, das ist nicht schlimm, die Hose wollte sie sowieso wegwerfen, aber aus dem Knie ragt ein Stück Bus, das Bein funktioniert irgendwie nicht mehr so wie vorher, es fehlt ja auch Haut, man kann sehen, wie die einzelnen Knieteile aneinanderhängen, es sieht so ähnlich aus wie Hühnchen. Vielleicht liegt es nicht nur am Knie, da ist noch ein anderes Stück Bus in ihrem Oberschenkel. Ihre Hose ist tropfnass, das ist sicher gut: Wenn überall so viel Feuer ist, dann brennt sie nicht so leicht. Es ist aber schön, dass es nicht wehtut, überhaupt nicht, da hat sie gerade noch mal Glück gehabt.

			Sie dreht sich zu dem Bus hinter dem Wohnmobil, der noch unbeschädigt ist. Die Tür öffnet sich, ein Mann steigt aus, geschoben von einem Dutzend Händen, er sieht Astrid an, Astrid fühlt sich diesmal nicht geschmeichelt, so entsetzt schaut er, sie schüttelt gereizt den Kopf und verdreht die Augen. Ihr ist, als sähe sie eine schwebende Zigarre am Himmel. Etwas löst sich von der Zigarre, zwei kleinere Zigarren, eine davon kommt auf sie zu, dann läuft ihr wieder Blut in die Augen. Als sie es weggewischt hat, brennt unerwartet auch der Mann und mit ihm der Bus. Etwas Brennendes kriecht über den Boden, dann dreht es sich matt auf den Rücken und brennt reglos weiter.

			Mit keinem Geräusch explodiert Astrids Wohnmobil.

			Als Kind ist Astrid mal mit ihrer besten Freundin im Hagel heimgeradelt, im Hochsommer, das war lustig und schmerzhaft zugleich, überall sprangen die Körner herum, sie prasselten auf der Haut, im Gesicht, sie hat gequietscht, und Biggi, die etwas moppelige Biggi, hat zurückgequietscht, Astrid liegt jetzt auf dem Boden, sie versucht im Hagel zu quietschen, aber es ist ein mühseliges Gurgeln, sie muss sich ausruhen, sie ist ganz außer Atem. Sie lässt sich zurücksinken, ihr ist schwindelig, liegend ist es besser, dann läuft ihr das Blut seitlich aus den Augen, sie hebt nur vorsichtig den Kopf an, den schweren, schweren Kopf, sie sieht einen Teil des Besteckkastens aus ihrer Brust ragen, zwei Messer, Gabeln sind auch dabei, immerhin, muss man sie nachher nicht suchen, etwas hängt in ihrer Schulter, noch ein Holzsplitter des Besteckkastens. Astrid verschluckt sich, sie muss husten, etwas ist in ihrem Hals, ihren Lungen, auch das noch, verschluckt, sie räuspert sich, ihr Mund schmeckt so, wie es manchmal in der Autowerkstatt riecht, nicht da, wo sie mit Öl arbeiten, sondern wo immer die Metallspäne rumfliegen, sie hatte mal was mit einem jungen Kfz-Schlosser, der konnte kein Blut sehen, dem würde ihr T-Shirt gar nicht gefallen, obwohl nass.

			Ihr ist auf einmal furchtbar kalt. Erstaunlich, denkt Astrid von Roëll, dabei brennt das Wohnmobil doch lichterloh. Damit wird das Museum nicht mehr viel Spaß haben.





59


			Der Innenminister könnte schwören, dass es in dem Moment passiert ist, als ihn die Feuerwehrleute zurückgerissen haben. Da ging dieses Stöhnen durch die eingekeilte Menge, der Zaunabschnitt ist ihm plötzlich entgegengesprungen, und der Feuerwehrmann, mit dem er sich abwechselt, hat ihn am Kragen aus der Gefahrenzone gerissen. Sie haben gesehen, wie der Zaun auf einer Breite von zehn oder fünfzehn Metern umgeklappt ist, als sei er weich wie Wachs. Wie die Masse aus dem Kessel platzt, ein Menschenbrei, entsetzt schreiend, panisch übereinander, aufeinander. Und er hat gesehen, dass auch ihre Rettung Leben kosten wird, er hat gebetet, dass es Wenige sind. Lass es weniger als fünfzig sein, hat er gebetet, oder wenigstens weniger als hundert, oh Herr, lass es Wenige sein, denn sie sterben durch meine Schuld, strafe mich, aber verschone sie. Sie wollten in das gelobte Land, so wie dein Volk, und was ich dem Geringsten unter ihnen getan habe, das habe ich tausendfach getan.

			Er hat gebetet, dass der Rest der Struktur schnellstmöglich zusammenbricht, damit sich nicht alle durch diese lächerliche Lücke pressen müssen, und er erinnert sich noch, wie er gesehen hat, dass am anderen Ende ebenfalls der Zaun schwankte und umklappte. Dieses völlig irrationale Glücksgefühl, diese unglaubliche Erleichterung, so als ob das doch noch ein Happy End würde, obwohl es natürlich kein Happy End sein wird, weil er schon absehen kann, dass es furchtbar sein wird, was sie jenseits des Zauns finden werden, nicht nur wegen des Jungen mit den toten Augen.

			Dann erinnert er sich, wie aus dem Tal eine Reihe von Feuerbällen aufsteigt, gleißend gelbrote Perlen an einer Kette, punktgenau hintereinander, gesetzt wie von einem sehr pedantischen Gott. Wie sie auf ihn zukommen und wie dann der Menschenkessel in zehn oder zwanzig von diesen Feuerperlen explodiert. Der Innenminister erinnert sich noch, wie ein Mensch auf ihn zufliegt, kreisend wie ein Tänzer, mit ausgebreiteten Armen, aber ohne Beine und ohne Kopf, dafür mit einem seltsamen brennenden Hut in der Hand, einer Art Kapitänsmütze. Ab hier fehlt dem Innenminister ein Stück Erinnerung, scheinbar, es muss ihm fehlen, denn die Gegenwart passt nicht zu dem fliegenden Menschen.

			Der Innenminister läuft auf der Autobahn. Er geht die Busse entlang, es sind Hunderte Busse, vermutlich Tausende Busse, es ist kein Ende abzusehen, und jeder einzelne dieser Busse steht in Flammen. Dichter Rauch drängt in Wolken aus den glaslosen Fenstern, fett wie riesige, pechschwarze, sich aufrichtende Engerlinge. Die Sitze, die Innenverkleidung der Busse brennen wie Fackeln aus dreckigem Öl. Manche der schwarzen Holme biegen sich in der Hitze, es sind riesige, verkohlte Käfige. Auf den brennenden Sitzen sieht man die Menschen, ihre schwarzen Köpfe, oft nach vorne gekippt, meistens nach hinten, dunkle Schattenrisse vor dem flackernden Hintergrund. Münder klaffen in Schädeln wie gigantische Kerben in Baumstämmen, manchmal sieht man die hellen Zähne. Einige sehen in ihrer Pose verbittert aus, aber viele, als dächten sie gerade über die Mühen und Entbehrungen nach und über das Ergebnis und als lachten sie, lauthals und bitter.

			Manchmal erkennt man neben den Köpfen kleinere Köpfe und schwarze Arme um schwarze Hälse gelegt, und überall diese offenen Augen, noch offener als die Münder, diese entsetzlichen offenen Augen, die sich niemals schließen werden.

			Neben einigen der Busse stehen Menschen und sehen dem Inferno zu. Einige versengte Gestalten versuchen immer wieder, in einen der Busse zurückzukehren, sie heben ihre Arme, hilflos, sie setzen zum Gehen an, bis sie die Aussichtslosigkeit des Unternehmens einsehen, nur um kurz darauf wieder von vorne anzufangen. Der Innenminister sieht einen Mann, der mit seinem Handy filmt, und eine Frau, vielleicht seine Frau, die ihm weinend die Hand auf den Unterarm legt, bis er das Handy fallen lässt und sie umarmt.

			Es riecht stechend nach Diesel, brennendem Plastik, Kunststoff, Gummi und verkohltem Fleisch. Gelegentlich hüllt der drehende Wind den Innenminister in dünnere Schwaden des betäubenden Rauchs, manchmal kommen ihm aus den Qualmschwaden Menschen entgegen wie aus einer Unterwelt. Vielen fehlt Haut, bei anderen kann man nicht erkennen, wo die Kleidung endet und der Körper beginnt. Er weiß nicht, was er für sie tun soll, ohne Hilfsmittel, ohne Medikamente, ohne Wasser, mit nur einem Arm, den er noch bewegen kann. Er sollte umkehren, aber er fühlt sich verpflichtet weiterzugehen, er möchte wissen, ob jener furchtbare Gott wirklich in vollkommener Gründlichkeit jeden einzelnen Bus in einen brennenden Sarg verwandelt hat.

			Dann sieht der Innenminister die Frau und das Mädchen.

			Sie gehen langsam, wie wandelnde Tote, aber sie gehen. Das Mädchen ist kaum älter als acht oder neun Jahre, aber es ist das Mädchen, das die Frau an der Hand führt. Das Mädchen hat ein verrußtes Gesicht, wie die Frau, die vielleicht seine Mutter ist, es blickt ernsthaft nach vorne, es geht zögernd, als müsste es hier, auf der Autobahn, bei jedem Schritt neu entscheiden, ob es die Mühe noch lohnt. An einem Bus hinter dem Mädchen geht der Tank in Flammen auf, das Mädchen reagiert kaum, es verharrt einen Moment lang als dunkle Gestalt vor dem weißgelben Inferno, dann geht es weiter.

			Der Innenminister bleibt stehen. Das Mädchen geht mit kleinen Schritten, es zieht die Frau hinter sich her, bestimmt, aber nicht sehr kräftig, als wäre sie ein Spielzeug. Das Mädchen bleibt neben dem Innenminister stehen. Es wendet ihm den Kopf zu, es sieht hoch zu ihm. In seinen Augen ist nichts, keine Bitte, keine Wut, kein Vorwurf, keine Klage.

			Der Innenminister hält dem Mädchen die Hand hin, die er noch bewegen kann. Sie zögert, aber sie legt ihre freie kleine Hand in seine. Der Innenminister hält sie fest und dreht sich um. Dann geht er mit den beiden in Richtung Grenze.



Spekulationen um Tauernkatastrophe

			Experten schätzen: mindestens 300.000 Tote – Suche nach Verantwortlichen dauert an


Berlin – Zehn Tage nach dem empörenden Angriff auf Hunderttausende von unbewaffneten Flüchtlingen an der deutschen Grenze hat die Bundesregierung den Vorgang erneut scharf verurteilt und in der Suche nach Verantwortlichen rasche Erfolge gefordert. »Die gezielte, gewissenlose Tötung von weit über 300.000 Menschen ist nichts weniger als der größte Massenmord seit dem Zweiten Weltkrieg«, sagte der Bundeskanzler bei einer Beisetzungsfeier vor Angehörigen umgekommener Bundespolizisten, Feuerwehrleute und Sanitäter. »Es ist unsere Verpflichtung im Namen der Zivilisation und der Menschlichkeit, die Mörder ihrer verdienten Strafe zuzuführen.«

			Während sich offizielle deutsche Stellen nach wie vor bedeckt halten, suchen Ermittler weiter nach Indizien. »Die nötige Logistik schränkt den Kreis der Verdächtigen ein«, sagte ein hoher russischer Regierungsbeamter dieser Zeitung. »Ein koordinierter Militärschlag mit Tarnkappen-Drohnen, die mehrere hundert Ziele zugleich erfassen können, erfordert neben erheblichem militärischem Potential auch die entsprechende Technologie. Es ist kein Geheimnis, dass derzeit weltweit nur zwei Staaten über beides verfügen. Und Russland gehört nicht dazu.«

			Fachkreise und Militärexperten deuten dies als Hinweis in Richtung der USA und Israel, bezeichnen beide Optionen jedoch als »schwer vorstellbar«. Tatsächlich haben sowohl die Vereinigten Staaten als auch Israel den Vorgang im UN-Sicherheitsrat bzw. in der UN-Vollversammlung eindeutig und vorbehaltlos kritisiert. Aber die internationale Skepsis wächst. Der grüne Staatssekretär Volker Lohm: »Wenn im Wald ein erschossenes Reh liegt, dann fällt es schwer, nicht auf den Einzigen im Dorf zu schließen, der ein Gewehr hat. Vor allem, wenn es der Jäger ist.«

			Mit dieser Anspielung greift Lohm verschiedene kursierende Erklärungsansätze auf, die vor allem Israel ein Interesse daran unterstellen, das Abrutschen Deutschlands in die Rechtsradikalität zu verhindern. Es habe möglicherweise gegolten, die Bundesrepublik als verlässlichen Partner zu behalten. Experten weisen jedoch darauf hin, dass zu diesem Modell die stillschweigende Tolerierung der Aktion durch die überflogenen Staaten gehören würde. EU-kritische Kreise bieten hier die Erklärung an, es sei darum gegangen, Deutschland als zahlungskräftiges Mitglied in der EU zu behalten. Aber derlei ist auch Lohm zu viel: »Das ist weit hergeholt. Und bevor man sich in die wildesten Verschwörungstheorien stürzt, wäre es gut, wenigstens für einen Teil dieser Ideen einen Beweis zu präsentieren. Wenn aus dem Gewehr des Jägers nicht geschossen wurde, helfen alle Indizien nichts.«



* * *



			Die nötige Logistik schränkt den Kreis der Verdächtigen ein



* * *



			Unterdessen ist die Ermittlung der genauen Opferzahlen weiterhin schwierig, auch wenn eine Zahl unter 300.000 inzwischen von seriösen Quellen als vollkommen ausgeschlossen gilt. Nach wie vor werden weitere Verletzte und Tote aufgefunden, aber auch verstreute, traumatisierte Menschen. Als Haupthindernis bei der Ermittlung präziserer Zahlen nennen die eingebundenen amtlichen Stellen unterdessen vor allem die erheblich gestiegene Bereitschaft der Bevölkerung, Opfer aufzunehmen und vor den Behörden zu verstecken. (ap/dpa/Reuters)





ViSiT WWW.iBOOKS.TO





Hat es dir gefallen?



Sag uns, was du denkst. Wir freuen uns über Bewertungen und Rezensionen im Store.

Viel Spaß beim Lesen unserer eBooks!





Dir hat das Buch gefallen?


Dann gefallen dir auch diese Bücher:





Timur Vermes



XXL-Leseprobe: Die Hungrigen und die Satten

Roman





XXL-Leseprobe zu Timur Vermes' "Die Hungrigen und die Satten":



Vom Autor von ER IST WIEDER DA!



"Ein großartiges Buch: lustig, böse, traurig!" KESTER SCHLENZ, STERN



Deutschland hat eine Obergrenze für Asylsuchende eingeführt, ganz Europa ist bis weit nach Nordafrika hinein abgeriegelt. Jenseits der Sahara entstehen riesige Lager, in denen Millionen von Flüchtlingen warten, warten, warten. So lange, dass man in derselben Zeit eigentlich auch zu Fuß gehen könnte, wäre das nicht der sichere Tod.



Als die deutsche Starmoderatorin Nadeche Hackenbusch das größte dieser Lager besucht, erkennt der junge Lionel die einmalige Gelegenheit: Mit 150.000 Flüchtlingen nutzt er die Aufmerksamkeit des Fernsehpublikums und bricht zum Marsch nach Europa auf. Die Schöne und die Flüchtlinge werden zum Quotenhit. Und während sich der Sender über Live-Berichterstattung mit Zuschauerrekorden und Werbemillionen freut, reagiert die deutsche Politik mit hilflosem Wegsehen, Kleinreden und Aussitzen. Doch je näher der Zug rückt, desto mehr ist Innenminister Joseph Leubl gefordert. Und desto dringlicher stellen sich ihm und den Deutschen zwei Fragen: Was kann man tun? Und in was für einem Land wollen wir eigentlich leben?



Timur Vermes' neuer Roman ist eine Gesellschaftssatire, aktuell, radikal, beklemmend und komisch zugleich. DIE HUNGRIGEN UND DIE SATTEN fängt dort an, wo der Spaß aufhört.



"Wenn Timur Vermes' Erstlingswerk ER IST WIEDER DA böse, realistisch und komisch ist, so ist sein zweiter Geniestreich böser, realistischer und komischer." CHRISTOPH MARIA HERBST

Direkt im Shop ansehen





Timur Vermes



Er ist wieder da

Der Roman





Sommer 2011. Adolf Hitler erwacht auf einem leeren Grundstück in Berlin-Mitte. Ohne Krieg, ohne Partei, ohne Eva, dafür unter Tausenden von Ausländern und Angela Merkel.



66 Jahre nach seinem vermeintlichen Ende startet er gegen jegliche Wahrscheinlichkeit eine neue Karriere im Fernsehen. Dieser Hitler ist keine Witzfigur, sondern erschreckend real. Und das Land, auf das er trifft, ist es auch: zynisch, hemmungslos erfolgsgeil und vollkommen chancenlos gegenüber dem Demagogen und der Sucht nach Quoten, Klicks und "Gefällt mir!"-Buttons.



Eine Persiflage? Eine Satire? Polit-Comedy? All das und mehr: Dieser Roman ist ein literarisches Kabinettstück erster Güte.

Direkt im Shop ansehen





