DIE CHE-WAG-WANG-HOA-PAPIERE
Jim Cooper, einst der gefürchtetste Mann von Chicago, hatte sich einst, wie wir wissen, nach Minnesota zurückgezogen, wo er eine Hühnerfarm betrieb. Auf die Dauer war ihm das zu langweilig geworden. Es gelüstete ihn, wieder in seiner alten Branche tätig zu werden.
Wir begegnen ihm, wie er an einem geheimen Ort eine geheime Nachricht entgegennahm.
‚Diese Durchsage ist absolut geheim und streng vertraulich‘ hieß es da. ‚Notieren Sie den Text auf einem Zettel, lernen Sie den Text auswendig und vernichten Sie den Zettel! Unser Mann heißt Theodor Patterson. Er ist Professor der Linguistik an der Universität in Quebec, Spezialgebiet Geheimschriften. Besondere Kennzeichen: Auffallend klein, übertrieben konservativ gekleidet, Gehrock, Stehkragen. Abflug Quebec am 15. Mai, 9 Uhr 45, Zwischenlandung in New York: 12 Uhr 45, Ankunft in Chicago: 16 Uhr 30. Zugriff unmittelbar nach der Landung!‘
Diese Durchsage war so geheim, dass sie selbst einem Manne, dem sonst nichts im weiten Umkreis von Chicago geheim blieb, geheim blieb. Einem Mann, dessen gewisse Kreise der amerikanischen Unterwelt, des mittleren Polizeidienstes sowie der Hochfinanz nur mit Ehrfurcht gedenken:
Dickie Dick Dickens, der moderne Kreuzritter für unaufgeklärten Gesetzesbruch und fortschrittliche Rechtsumgehung, Dickie Dick Dickens, dessen Wirken seinen Niederschlag nicht nur in den oben erwähnten Kreisen der Unterwelt, des Polizeidienstes und der Hochfinanz gefunden hat sondern in fast allen Lebensbereichen der menschlichen Infrastruktur.
Noch heute, Jahrzehnte nach seiner Glanzzeit, kündet der Volksmund in mannigfaltiger Weise von seinen Aufsehen erregenden Taten.
„Dass dich doch der Dickie hole!“ (Eine gern und oft gebrauchte Verwünschung aus dem Sauerland.)
„Ich bin schick, du bist schick, doch am schicksten ist der Dick“ (Ein hannoveranischer Kinderreim.)
‚Verschwinde wie Dick im Spinde!“ (Ein volkstümlicher Abschiedsgruß aus den Vogesen.)
„Wer nach Dick ruft, darf sich nicht wundern, dass er umkommt.“ (Ein wallisischer Bauernspruch.)
„Wenka Dick, menka Dick, sorka, worka, renka Dick.“ (Ein grönländischer Abzählvers.)
Zur Zeit, da unsere Geschichte spielt, wusste Dickens noch nicht, was ihm bevorstand. Fernab von ihm, der sich arglos genüsslichem Nichtstun hingab, begann das Schicksal die Fäden zu spinnen.
Genauer gesagt in der ‚Shot-Gun-Barrel-Hall‘, dem beliebten Treffpunkt der oberen Unterwelt, wo Dickies ergebener Mitarbeiter Bonco unverhofft auf einen alten Bekannten traf, auf Snipper Jonas, der ihm früher sehr am Herzen gelegen war.
„Ja, ist denn das die Möglichkeit!“ rief Jonas, „Bonco, alter Junge! Ja, grüß dich, Boncolein!“
„Ja, Snipper Jonas! Tag, mein Herz! Komm, setz dich zu mir! Gut sieht du aus, aber alt!“
„Das sagst du immer, wenn du mich triffst.“
„Du hast aber noch niemals darüber gelacht!“
Sie riefen nach dem Wirt, wollten etwas trinken. Snipper Jonas bestellte eine Flasche Pommery, was Bonco erheblich verwunderte. Aber schnell bekam er heraus, weshalb Jonas so spendabel war. Er war verkauft worden, von einem Bandenchef an den anderen, für eine Ablösesumme von 8.000 Dollar, er selbst hatte ein Handgeld von 4.000 Dollar erhalten, daher der Pommery.
Snipper Jonas hatte vorher zur Capelli-Bande gehört, jetzt hatte ihn Jim Cooper erworben.
Der Wirt brachte den Champagner.
Bonco war so entzückt, dass er gleich zu rezitieren anfing:
„Es muss ein wunderschöner Traum sein:
Ein Freund und eine Flasche Schaumwein!“
„Übrigens“, sagte Snipper Jonas, „da wäre noch ein Platz für dich frei.“
„Ich sitze ja schon.“
„Ich meine nicht hier, sondern bei Jim Cooper.“
Das war nun gar nichts für Bonco. Empört rief er aus: „Aber Mäuschen, wo denkst du hin? Ich soll mich abwerben lassen? Nie und nimmer!“
„Du kannst ja auch ’nen Gastvertrag abschließen. Mensch, Engelchen, das wäre doch was! Wir beide! Cooper arbeitet neuerdings ganz modern. Keine schweren Dinger. Nur zarte Jobs! Erpressungen, Entführungen und solche Sachen. Jetzt nehmen wir uns zum Beispiel einen kanadischen Professor vor, einen Geheimschriftspezialisten, alter Herr, kein Risiko. Du kannst sofort einsteigen, ’ne ruhige Kugel, aber splendider Verdienst. Du brauchst dich nicht mal zu bewerben, ich regele das für dich.“
Bonco fühlte sich irgendwie ungemütlich. Deswegen sagte er erst mal „Prost!“ und nahm einen kräftigen Schluck. „Du bist süß!“ sagte er dann. „Wirklich lieb von dir! So was würde mir schon Spaß machen. Aber, Herzele, wie stehe ich dann da? Ich kann doch meinem Chef nicht untreu werden! Was soll denn Mr. Dickens von mir denken?“
An dieser Stelle sei der bescheidene Hinweis gestattet, dass nicht nur die Wege des Schicksals sondern auch die Gedanken von Dickie Dick Dickens unberechenbar sind. Als dieser von Boncos Unterhaltung hörte, schwieg er zunächst nachdenklich.
Als er sein Schweigen beendet hatte, fragte er: „Wie, sagtest du, heißt dieser Professor?“
„Theodor Patterson, berühmtes As. Man sagt, es gibt keinen Geheimcode auf der Welt, den der nicht knacken kann. Er soll hier die ‚Che-wag-wang-hoa‘-Papiere entziffern.“
„Na, das ist doch was. Und wie will ihn Jim Cooper entführen?“
„Es tut mir wirklich leid, Mr. Dickens, aber das wusste Snipper Jonas noch nicht. Die Planeinweisung findet erst morgen statt. Aber etwas steht fest: Keine Gewalt sondern die elegante Tour. Cooper hat sich total umgestellt, meint Snipper. Ein kleines erlesenes Mitarbeiterteam. Kleine exquisite Dingerchen.“
Es war das zweite mal, dass Dickie Dick Dickens in diesen Minuten vor sich hin schwieg. Dann aber brauste er auf: „Das könnte ihm so passen!“
Hier meinte seine Braut, die liebwerte Effie Marconi, etwas sagen zu dürfen: „Du bist ja nur neidisch, Dickie!“
„Merkst du denn nicht, Effie, dass dieser Mistkerl an meinem Lebensnerv sägt?! Der soll seine Bandenkriege führen, seine Materialschlachten! Das ist sein Metier. Aber nachdem er mit seinen Gewaltverbrechen Schiffbruch erlitten hat, verlegt er sich jetzt auf Trickspezialitäten. Das, meine Liebe, ist jedoch mein Metier!“
Bonco nickte mehrmals. „Diese blöde Gewerbefreiheit in unserer Demokratie verdirbt die besten Sitten!“
„Dem werd‘ ich’s zeigen!“ knurrte Dickens.
„Was hast du vor, Dick?“ fragte Effie.
Er überlegte eine Weile, was die anderen stumm über sich ergehen ließen. Er erfuhr von Bonco, wann der Professor in Chicago ankommen würde, planmäßig um 16 Uhr 30 mit Zwischenlandung in New York. Das genügte ihm schon. Jetzt brauchte er nur noch zu erfahren, wie der Professor aussah.
„Na, wie Professoren so aussehen“, ließ ihn Bonco wissen. „Ziemlich mickrig, aber sehr würdig. Und immer gekleidet wie bei ’ner Schiffstaufe, Gehrock und Stehkragen. Mehr weiß man nicht von ihm. Das ist ja die Kalamität, man muss ihn aus den Fluggästen herausfischen. Foto existiert nicht.“
Das brachte Dickie Dick Dickens auf eine seiner beispiellos brillanten Ideen. Er betrachtete Opa Crackle eine Weile, betrachtete ihn mit Wohlwollen.
„Hm“, machte er dann, „wenn man dir einen Gehrock anzieht, den Schnurrbart ein bisschen stutzt, die Fingernägel schneidet und die Haare kämmt, würde dir jedermann einen gut verdienenden, mittelständigen Professor abnehmen. “
Opa Crackle war wie vor den Kopf geschlagen. „Fingernägel schneiden, Haare kämmen? Ja, spinnst du?“
Dickens reagierte nicht. Er legte Bonco die Hand auf die Schulter. „Mein Freund, du bist sofort beurlaubt. Gehe zu Jim Cooper und mache einen Gastvertrag. “
„Dann darf ich mich wohl den Worten meines verehrten Vorredners anschließen, Mr. Dickens: Sie spinnen!“
Es half nichts, Bonco musste in den sauren Apfel beißen
10 , er setzte sich mit seinem Freund Snipper Jonas in Verbindung, und der schaffte sofort den Kontakt zu Jim Cooper.
Jim Cooper, an die Hühnerhaltung gewöhnt, hatte ein altes Landhaus am Weichbild der Stadt gekauft, wo er zwar keine Hühner hielt, aber zwei Enten und eine Gans, Geflügel, das eigentlich zum alsbaldigen Verzehr bestimmt war. Cooper, an sich ein geübter Totmacher, brachte es jedoch nicht übers Herz, die Tiere zu schlachten. In einem geräumigen, holzgetäfelten Zimmer hielt er, nur hin und wieder durch das Geschnatter der Tiere gestört, an einem großen, runden Eichentisch Hof.
Snipper Jonas hatte ihm das Anliegen seines Freundes nahegelegt, was Cooper mit Freude begrüßte, da er so ohne Ablösesumme zu einem neuen Mitarbeiter kommen konnte.
Einige seiner frisch angeheuerten Mitarbeiter spielten in der Zimmerecke Poker, während Cooper an dem großen Eichentisch mit Bonco und Jonas verhandelte.
„Also abgemacht“, sagte er und streckte Bonco die rechte Hand entgegen. „200 Mäuse die Woche und Spesen.“
Bonco schlug ein. „Einverstanden, Mr. Cooper.“
„Snipper Jonas, du nimmst Bonco unter deine Fittiche. Ihr arbeitet zusammen. Als erstes macht ihr euch an die Entführungsgeschichte.“
„Für wen soll die eigentlich steigen?“ fragte Snipper Jonas. „Ich meine, in wessen Auftrag sollen wir den Professor kidnappen?“
„Weiß noch nicht. Muss überlegen. Hab‘ da verschiedene Offerten. Ein Mann wie Professor Patterson wird von den Geheimdiensten der ganzen Welt gesucht. Wenn wir ihn erst mal haben, können wir in aller Ruhe das Höchstgebot aushandeln.“
Das leuchtete ein. Jonas und Bonco waren von Coopers Darlegung sehr angetan.
Der meinte, die Sache sei sehr einfach. Bei des Professors Zwischenlandung in New York kämen sie ins Spiel. Hier hätten sie genug Zeit, den Professor ausfindig zu machen und denselben Flieger zu besteigen.
„Aber keine Fisimatenten, Jungs! Lasst die Messer stecken! Ihr seid friedlich, höflich und entgegenkommend. Ihr setzt euch im Flugzeug neben ihn, schleicht euch in sein Vertrauen, zeigt ihm ein paar Porno-Bildchen, ladet ihn zu einer Flasche Rotwein ein. In Chicago angekommen, helft ihr ihm aus dem Flugzeug, tragt ihm seine Koffer und führt ihn schlankweg zu den Reportern, die auf dem Flugfeld auf ihn warten. Kapiert?“
Jonas und Bonco fanden es butterleicht.
Allerdings erfuhren sie nun etwas, das ihnen nicht so leicht fallen sollte: „Aber aufgepasst, dass ihr ihn zu den richtigen Reportern führt, das heißt zu den falschen! Zu meinen Reportern. Wir kommen mit sechs Mann, alle als Reporter verkleidet. Ich selbst werde auch da sein. Mit ’nem Kamerawagen von der Wochenschau. Wir umringen den Professor, machen Fotos, stellen Fragen und drängen ihn in den Kamerawagen. Dann Türe zu, ab dafür, und schon sitzt der Vogel im Käfig.“
Bonco fand den Plan genial. So genial, dass er sogleich ein Sprüchlein folgen ließ:
„Willst du gefahrlos deiner Wege wandeln,
musst du erst denken, später handeln!“
„Bah!“ knurrte Jim Cooper. „Das Denken ist erledigt. Jetzt müsst ihr handeln. “
„Und wie gern wir das tun! Was, Snipper-Bub?“
„Aber klar doch, Herzchen!
Noch in derselben Nacht machten sich Snipper-Bub und Bonco-Herzchen im Schlafwagenzug auf den Weg nach New York
11 . Den Vormittag verbummelten sie im schönen Manhattan, begaben sich dann pünktlich zum Flughafen, um ihren Auftrag auszuführen.
‚New York Airport‘, hieß es damals, ‚Knotenpunkt internationaler Luftfahrtlinien, Drehscheibe der Kontinente. Hier werden Brücken geschlagen von Land zu Land, von Volk zu Volk, von Mensch zu Mensch. New York Airport, das Tor zur großen, weiten Welt.‘
Bitte, Damen und Herren, beachten Sie, wir schreiben das Jahr 1925. Wie erinnerlich, waren die damals benutzten Flugmaschinen bei weitem nicht so fortschrittlich wie heute. So konnte es schon mal geschehen, dass die Dame an der Lautsprecheranlage am Flughafen melancholisch verkündete: „Transcontinental Airways gibt die außerplanmäßige Bruchlandung der Flugnummer TCA 34 aus Quebec bekannt. Die Fluggäste können in den umliegenden Krankenhäusern besucht werden. Danke.“
Am 26. Mai 1925, als sich Snipper Jonas und Bonco beim Flughafen einfanden, war jedoch normaler Flugbetrieb.
12 Uhr 45 erklang die Lautsprecheransage: „New York Airport. Transcontinental Airways gibt die planmäßige Ankunft ihrer Flugnummer TCA 47 aus Quebec bekannt. Die Fluggäste werden am Ankunftschalter Gate 7 erwartet.“
Bonco war glücklich. „Sieben! Die magische Zahl! Besser konnten wir es gar nicht treffen.“
Was Snipper Jonas nicht ahnte, war, dass bereits am Flugfeld zwei Herren auf die Maschine warteten, Dickie Dick Dickens und Opa Crackle, ersterer im korrekten Straßenanzug mit einer hurtig gestohlenen Kennmarke des FBI in der Hand, letzterer mit gestutztem Schnurrbart, sauberen Fingernägeln, Gehrock und Stehkragen.
„Was geschieht, wenn das Flugzeug ausgerollt ist“, fragte Opa Crackle.
„Ganz einfach Opa: Du mischst dich unter die aussteigenden Fluggäste, gehst mit ihnen zum Flughafengebäude und machst ein würdiges, professorales Gesicht. Alles andere ergibt sich automatisch. Bonco weiß Bescheid.“
Der Flieger rollte aus, die Gangway wurde herangeschoben, eine Stewardess öffnete die Kabinentür und schreckte etwas zurück, da Dickie Dick Dickens unmittelbar vor ihr stand.
„Nanu, wie kommen Sie denn hierher?“ wollte sie wissen.
„Ganz einfach die Gangway hinauf“, antwortete Dickens, wies die FBI-Marke vor und fügte düster hinzu: „Ich komme im Auftrag des Federal Bureau of Investigation.“
Die Stewardess war beeindruckt. Dickie erklärte ihr, er sei lediglich für die Sicherheit einer ihrer Fluggäste verantwortlich, eines gewissen Professor Patterson.
„Tut mir leid“, sagte sie, „ich habe die Passagierliste nicht im Kopf. Wie heißt der Professor?“
„Theodor Patterson.“
Ein Herr in einem gediegenen, etwas altmodischen Anzug, der unmittelbar hinter der Stewardess stand, fragte ruhig: „Ja, bitte?“
Dickens zog den Hut. „Das ging ja schnell. Willkommen in New York, Professor!“
Der Herr staunte über den unerwarteten Empfang. Dickens wies wiederum seine FBI-Marke vor und sagte sanft: „Das erkläre ich Ihnen gleich.“ Sodann wies er die Stewardess an, mit den anderen Fluggästen schon mal vorauszugehen, er werde mit dem Professor folgen.
Auf dem Wege zu einem Seiteneingang des Flughafengebäudes erklärte Dickens dem Professor verhalten, aber mit wichtiger Miene, seine Behörde habe zuverlässige Informationen, nach denen ein Chicagoer Gangstertrupp die Absicht habe, ihn zu entführen.
Den Professor schien das wenig zu überraschen. „Um ehrlich zu sein, ich habe so etwas befürchtet.“
Zur gleichen Zeit warteten vor dem Gate Nr. 7 Snipper Jonas und Bonco auf die Fluggäste, die, von der Stewardess geführt, langsam auf sie zukamen.
Snipper Jonas war beunruhigt. „Das sind ja mindestens zwanzig Personen! Wie sollen wir da den Richtigen herausfinden?“
„Keine Unruhe, Herzchen, das kriegen wir gleich. Oh, da ist er ja schon!“ Er steuerte mit flinken Schritten auf Opa Crackle zu. „Herr Professor Patterson, wenn ich nicht irre?“ sprach er ihn an.
Opa Crackle, im Gehrock und Stehkragen, gab sich würdig und säuselte mit gutturaler Liebenswürdigkeit: „In der Tat, mein lieber junger Freund. Darf ich vermuten, dass wir uns kennen?“
„Es ist schon lange her.“
„Ja, mein Personengedächtnis lässt mich mit fortschreitendem Alter leider immer häufiger im Stich. Ein Schüler von mir, nehme ich an?“
„Nicht ich selbst. Meine Schwester hat bei Ihnen gehört, Caroline Freshman. “
„Ja, ja, mag sein. Wir sollten uns ausführlich unterhalten, junger Mann. Doch leider drängt die Zeit. Ich muss meine Anschlussmaschine nach Chicago erreichen.“
Das sei aber ein reizender Zufall, sagten Bonco und Snipper Jonas wie aus einem Munde, sie flögen nämlich ebenfalls nach Chicago und würden sich freuen, wenn sie dem Herrn Professor Gesellschaft leisten könnten.
So nahm, wie deutlich erkennbar, sowohl Jim Coopers Plan eine treffliche Entwicklung wie auch der des Dickie Dick Dickens.
Dickens führte seinen ‚Schutzbefohlenen‘ mit freundlichen Worten zu Gate 9.
Der sagte erstaunt: „Hier geht es doch zum Abflug nach Milwaukee
12 !“
„Ganz recht. Und wir müssen uns beeilen. Das Flugzeug startet in zehn Minuten.“
„Ich glaube, ich sollte Sie über einen kleinen Irrtum informieren, mein Herr...“
Dick fiel ihm ins Wort: „Ich weiß, Sie wollen nach Chicago. Aber aus Sicherheitsgründen machen wir einen kleinen Umweg über Milwaukee.“
„Was, um Himmels Willen soll ich dort?“
„Abwarten, Professor, in Ruhe abwarten, bis die Luft in Chicago wieder rein ist. Dort wird nämlich zu Ihren Ehren eine ziemlich kindische Komödie aufgeführt.“
Am Flughafen von Chicago nahm diese ‚kindische Komödie‘ ihren Fortgang. Snipper Jonas und Bonco führten den als Professor kostümierten Opa Crackle seitwärts zu einer als Presse- und Wochenschaureporter kostümierten Gruppe von Jim Coopers Ganoven. Sie umringten ihn und behelligten ihn mit mancherlei Fragen, die er mit Dignität zu beantworten suchte.
„Können wir erfahren, weshalb Sie nach Chicago gekommen sind?“
„Nun ja, eine sehr nützliche Frage. Lassen Sie mich versuchen zu antworten. Ich bin gekommen, um in Ihrer schönen Stadt bestimmte Aufgaben zu effektuieren, deren Wahrnehmung mir in meiner Heimatstadt Quebec aus Gründen, die im einzelnen aufzuzählen ich mir ersparen möchte, nicht möglich ist.“
Die ‚Reporter‘ machten Blitzlichtaufnahmen, Opa Crackle musste lächeln und noch mal lächeln, um dann zu dem Kamerawagen gedrängt zu werden, wo ihn nun Jim Cooper mit brummiger Freude in Empfang nahm.
Drinnen in der Eingangshalle wartete indessen Sergeant Martin mit drei Polizeibeamten vergeblich auf Theodor Patterson.
Eine halbe Stunde später erschien Sergeant Martin im Büro seines Vorgesetzten.
Er knallte die Tür zu und brüllte schon beim Eintreten: „Herr Chefkommissar, Herr Chefkommissar!“
Chefkommissar Lionel Mackenzie duckte sich vor der Lärmentfaltung. „Warum knallen Sie die Tür, Sie Unhold? Warum schreien Sie wie ein Dampfertyphon? “
„Etwas Entsetzliches ist geschehen, Herr Chefkommissar! Dieser Professor Patterson ...“
„Vorsicht, Martin! Sie sprechen doch nicht etwa von dem kanadischen Wunderonkel, der die Che-wag-wang-hoa-Papiere entziffern soll?“
Doch, natürlich tat er es. Er berichtete, dass der Professor, während die Polizeieskorte in der Eingangshalle auf ihn wartete, von einer Horde Reportern umringt, mit einem Kamerawagen der Wochenschau fortgeschafft worden war.
„Dann müssen wir sofort bei dieser Wochenschau anrufen.“
Das hatte Sergeant Martin schon getan, mit dem eindeutigen Ergebnis, dass die keinen Kamerawagen zum Flughafen geschickt hatten. Alle Anzeichen deuteten darauf hin, dass der Professor entführt worden war.
„Eine Katastrophe!“ wütete Lionel Mackenzie. „Wissen Sie, was die Che-wag-wang-hoa-Papiere sind.“
„Indianische Geheimdokumente. Man nimmt an, dass sie Aufschluss über die Entstehung Chicagos
13 geben.“
Lionel Mackenzie ächzte vor Verdrossenheit. „Völlig wurscht, worüber sie Aufschluss geben. Sie sind das Steckenpferd von Senator Hillcox. Der möchte mit der Entzifferung der Che-wag-wang-hoa-Papiere in die Geschichte eingehen. Unser Senator, Martin! Der Polizei-Senator! Das bedeutet meinen Ruin! Die Beförderung kann ich mir an den Hut stecken, meine Karriere ist hin, Und Sie, Sergeant Martin, können von Glück reden, wenn Sie mit einer fristlosen Entlassung davonkommen!“
Martin senkte den Kopf. Er wagte nicht, etwas zu erwidern.
Chefkommissar Lionel Mackenzie war von Trübsinn befallen. „Fassen Sie es bitte nicht als Schikane auf, was ich Ihnen jetzt sage.“
„Nein, Herr Chefkommissar.“
„So sehr es mir auch widerstrebt, wir werden arbeiten müssen. Der Professor muss wieder gefunden werden!“
Effie Marconi, Dickies liebliche, jedoch auch tüchtige Lebensgefährtin, hatte inzwischen ein nettes, kleines Landhaus in der Nähe von Milwaukee gemietet. Für Dickies Geschmack war es wohl etwas kärglich eingerichtet, aber für den vorgesehenen Zweck musste es ausreichen.
Natürlich wollte der Mann, den Dickie Dick Dickens für Professor Patterson hielt, sehr schnell erfahren, weshalb er hier festgehalten werden sollte.
„Ich fürchte“, gab Dickens zur Antwort, „Sie werden die Antwort nicht gerne hören. Bitte, nehmen Sie eine Zigarre, das beruhigt.“
„Ich bin ruhig.“
„Noch, Professor, noch. Sehen Sie, als ich mich bei der Stewardess nach Ihnen erkundigte, behauptete ich, ein Agent des FBI zu sein. Und Sie waren leichtsinnig genug, mir zu glauben.“
Der Mann lächelte. „Und jetzt, mein Herr, möchte ich Ihnen empfehlen, sich eine Zigarre anzuzünden.“
„Schau einer an! Warum?“
„Sie hegen die Hoffnung, in mir Professor Patterson vor sich zu haben. Das ist dummerweise nicht der Fall.“
Dickens blieb vor Staunen die Sprache weg.
„Mein Name ist Hickeldey. Ich bin Sicherheitsbeamter der kanadischen Geheimpolizei.“
Eine herbe Enttäuschung für den sonst so erfolggewohnten Dickie Dick Dickens. Sein ganzer kunstvoll ausgewogener Plan brach damit desaströs zusammen.
Der ungünstige Stern, unter dem Dickies Unternehmen zu stehen schien, überschattete übrigens auch Chefkommissar Lionel Mackenzie, dem die Entführung des vermeintlichen Professors aufgebürdet wurde.
Sergeant Martin meldete ihm lauthals den Besuch von Senator Hillcox. Mackenzie klagte, dass sich wohl nun die ganze Welt gegen ihn verschworen habe und ergab sich zähneknirschend seinem Schicksal.
„Das ist ja wohl die erbärmlichste Blamage, die Sie sich in Ihrer jämmerlichen Laufbahn geleistet haben!“ schimpfte Senator Hillcox. „Hatte ich nicht höchstpersönlich dezidierte Sicherheitsmaßnahmen angeordnet?!“
Ihm genügte es nicht, dass Mackenzie vier Beamte abgeordnet hatte, einen Zug hätte er schicken müssen, eine Kompanie!
Mackenzie hielt entgegen, dass er nicht all seine Beamten wegen der verflixten Che-wag-wang-hoa-Papiere von ihrer Arbeit abhalten könne.
„Unsinn!“ schimpfte der Senator. „Die Che-wag-wang-hoa-Papiere sind nur ein Vorwand. In Wahrheit wollen wir den Professor überreden, seine Kunstfertigkeit dem Geheimdienst der Vereinigten Staaten zur Verfügung zu stellen. Ein Anliegen von höchster nationalen Dringlichkeit! Und Sie knausern mit Polizeibeamten! “
„Tut mir leid, Senator!“
„Mir ist egal, was es Ihnen tut. Ich erwarte nur, dass Sie den Professor so schnell wie möglich herbeischaffen. Mit allen Ihnen zur Verfügung stehenden Kräften! Und zwar hat dies unter strengster Geheimhaltung zu geschehen! Kein Wort an die Öffentlichkeit, verstanden?“
Lionel Mackenzie hatte verstanden. Sergeant Martin hatte verstanden. Etwas kleinlaut erklärte er jedoch jetzt: „Verzeihen Sie, Herr Senator, ich fürchte nur, dazu ist es zu spät. Die Nachricht über die Entführung geht in dieser Minute über den Äther.“
„Professor Patterson ist auf dem Flughafen von Chicago von unbekannten Tätern entführt worden“, so hieß es in den Mittagsnachrichten. „Professor Patterson gilt als bedeutendster Experte auf dem Gebiete der Schriftenentschlüsselung.“
Dickie Dick Dickens seufzte, als er die Meldung hörte, Effie Marconi seufzte, und auch Eric Hickeldey seufzte.
„Nun ist es doch passiert“, sagte er. „Tut mit leid für Sie, mein Herr. Sie hatten sich solche Mühe gegeben, und nun ist Ihnen doch jemand zuvorgekommen. “
„Ich werde versuchen, es mit Fassung zu tragen.“
Eric Hickeldey ging ein paar Schritte auf und ab. Er brauchte das, um sich einigermaßen zu beruhigen. „Das wird Ihnen zweifellos leichter fallen als mir. Sie haben einen bedauerlichen Fehlschlag erlitten. Ich sehe meine ganze Existenz vernichtet!“
„Keine Sorge, Mr. Hickeldey, ich bin nicht blutrünstig. Gleich nach dem Abendbrot können Sie gehen, wohin Sie wollen.“
Damit war Hickeldey jedoch verwunderlicherweise keinesfalls einverstanden. Er wollte in Dickies Gewahrsam bleiben, und das unter allen Umständen. „Ich habe ein Recht darauf, ordnungsgemäß wie ein Entführter behandelt zu werden! “
Effie sah Dickens vorwurfsvoll an. „Meine Güte, was hast du uns da eingebrockt! “
„Sehen Sie, mein Fräulein“, erklärte Hickeldey, „meine Behörde hat mich zum persönlichen Schutz des Professors abgestellt. Seit zwei Jahren bin ich sein Leibwächter, wohne in seinem Haus, folge ihm wie ein Schatten. Jetzt habe ich ihn einmal aus den Augen verloren...“
„Wann und wo?“ fragte Dickens.
„Drei Tage vor unserem Flug nach Chicago. In unserem Reisebüro. Wir hatten gerade die Tickets für den Flug besorgt, da war er plötzlich wie vom Erdboden verschluckt!“
„Sie haben natürlich sofort Ihre Behörde informiert?“
„Dann hätte ich einen fürchterlichen Rüffel bekommen. Nein, ich habe die Suche nach dem Professor auf eigene Faust unternommen. Ein Leichtsinn, gewiss, aber jetzt bin ich in der glücklichen Lage, nachweisen zu können, dass ich unter Androhung von physischer Gewalt an der Suche gehindert worden bin. Wie stände ich sonst da? Ich würde entlassen. Ich verlöre sogar meinen Pensionsanspruch! “
Effie fand das degoutant. „Sie sind ja ein Herzblatt! Das Schicksal des Professors kümmert Sie gar nicht?“
„Oh doch, wir machen uns große Sorgen.“
„Wir?“ fragte Dick.
„Seine Frau und ich. Sie ist nur ein Nervenbündel.“
„Das kann man verstehen. Die Ärmste!“
„Keine Sentimentalitäten, Effie!“ forderte Dickie. „Wir sind genug damit beschäftigt, uns selbst leid zu tun.“
„Man sollte sie wenigstens informieren!“
„Davon würde ich abraten.“
„Wieso, Mr. Hickeldey, warum?“
„Seien wir doch ehrlich.“ Hickeldey machte ein Gesicht wie eine zerquetschte Pflaume. „Wir haben die gleichen Interessen. Jeder von uns will den Professor befreien. Aus verschiedenen Beweggründen, das versteht sich. Aber für keinen von uns würde es nützlich sein, wenn sich jetzt noch ein dritter um den Verbleib des Professors kümmert.“
„Das wird der gesamte Polizeiapparat tun.“
„Kennen Sie die Chicagoer Polizei, Mr. Dickens?“
„Mehr als mir lieb ist.“
„Dann wissen Sie auch, dass von ihr keine Gefahr droht. Aber die Frau Professor kennen Sie nicht. Die ist jung, unverbraucht, reich und ein Vulkan voll Energie und Durchsetzungsvermögen. Wenn die sich mit der Polizei verbündet, sind unsere Chancen eliminiert.“
Nichts und niemand konnte aber verhindern, dass die Frau Professor durch die Radionachrichten bereits über die Entführung ihres Mannes informiert worden war. Sie war, wie Hickeldey sagte, unberechenbar, Schlimmstes war zu befürchten. Man musste sie dringlich beruhigen, beschwichtigen, besänftigen.
Dick machte den Vorschlag, Hickeldey möge mit dem Wagen zur nächsten Telefonzelle fahren und die Frau anrufen.
Hickeldey war überhaupt nicht einverstanden. „Und Sie machen sich in der Zwischenzeit aus dem Staub! Nein, ich bleibe Ihr Gefangener.“
„Sie können auch von hier telefonieren“, schlug Effie vor.
„Mein Gott“, wendete Dickens ein, „das Haus steht seit zwei Jahren leer. Das Telefon ist längst abgeschaltet.“
Damit aber traf er Effies Stolz empfindlich. „Aber Liebling, wofür hältst du mich?“ sagte sie. „Für eine Schlampe? Ich habe natürlich sofort, nachdem ich hier angekommen bin, die Überlandleitung angezapft. Der Apparat steht draußen im Flur, Mr. Hickeldey, er steht zu Ihrer Verfügung.“
„Das wird ein schwerer Gang“, murrte Hickeldey, ging hinaus und wählte die Nummer.
Dickie und Effie horchten gespannt auf seine Worte.
„Guten Tag, gnädige Frau“, sagte er mit hingebungsvoller Servilität, „hier ist Eric Hickeldey. – Nein ich bin nicht in Chicago. Es ist etwas dazwischen gekommen. - - Aber nein, Claire, kein Grund zur Besorgnis... – Ach, das wissen Sie schon? Ja, ja, aber die Polizei ist auf dem besten Wege... Alles geht seinen geregelten Gang. - Aber nein, das halte ich für verfrüht, ich werde ... – Das ist nicht nötig, ich habe ... – Es gibt wirklich keinen Anlass ... – Aber nein, Claire ... gnädige Frau, ich werde noch heute ... – Ja ... – Ja ... – Ja ... Wie Sie meinen, Claire, auf Wiedersehen.“
Wie ein durchs Wasser gezogener Pudel kam er zurück. „Fehlanzeige! Sie ist eben eine Frau von schnellen Entschlüssen. Ein wahrer Wirbelwind! Sie kommt mit dem nächsten Flieger nach Chicago.“
„Da haben wir den Salat!“
„Ich hätte es ja gerne verhindert, aber so bleibt uns nur eine Möglichkeit, diese Frau unter Kontrolle zu halten.“
„Und die wäre?“
„Wir werden sie vom Flughafen abholen und keinen Moment aus den Augen lassen.“
Es half nichts. Dickie und Effie hätten sich gerne nutzvolleren Tätigkeiten hingegeben. Statt dessen sahen sie sich gezwungen, am Knotenpunkt internationaler Luftfahrtslinien die Ankunft einer frustrierten Professorengattin abzuwarten.
Eric Hickeldey sah die Dame schon von weitem. „Am besten, Sie halten sich erst mal im Hintergrund, damit ich sie schonend vorbereiten kann“, sagte er und ging ihr mit weit ausgreifenden Schritten entgegen.
„Jetzt, Dickie!“ tuschelte Effie. „Jetzt haben wir Gelegenheit zu verduften. Dann sind wir den Kerl los!“
„Nein, mein Schatz, wir haben soviel Zeit vertrödelt, jetzt möchte ich die kanadische Wundergattin auch kennen lernen! Das sind wir unserer Neugier schuldig!“
Sie sahen eine jugendliche, attraktive Person mit lebhaften Trippelschritten auf sie zukommen. Sie war hübsch, sexy, viel zu jung für einen Professor und augenscheinlich in fröhlicher Stimmung.
Effie wunderte sich. „Schau mal, wie sie lacht!“
Dickie wunderte sich ebenfalls. „Statt zähneklappernd nach ihrem verschwundenen Mann zu jammern, lockt sie froh!“
Hickeldey führte die Dame heran. „Claire, darf ich Ihnen zwei Freunde von mir vorstellen. – Oh, jetzt kenne ich nicht mal Ihre Namen.“
Dickens hob die Schultern. „Unsere Bescheidenheit. Wir drängen uns niemandem auf. Aber es freut mich, Sie kennen zu lernen, Frau Professor! Hatten Sie einen guten Flug?“
Frau Patterson strahlte über das ganze Gesicht. „Es war ein Erlebnis! Wir hatten wunderbares Wetter und ein vorzügliches Menü. Putenbrust mit Champignons. Schade nur, dass die Zwischenlandung in New York so kurz war. Ich hätte mir so gern die Stadt angesehen.“
„Na, Chicago ist ja auch ganz hübsch.“
„Sehen Sie, genau das hat auch der Pilot gesagt. Ich habe ihn natürlich gebeten, etwas länger in New York Halt zu machen. Aber er ist ein grässlicher Egozentriker. Er denkt nur an die anderen Passagiere und seinen Flugplan. Aber das hat er jetzt davon!“
Dickie verstand nicht. „ Was hat er wovon?“
„Ich werde die TCA kaufen und den Piloten entlassen. Aber jetzt möchte ich mich etwas in der Stadt umsehen. Sie kennen sich in Chicago aus?“
„Ziemlich. Es ist meine Heimat.“
„Wundervoll! Sie müssen mir alles zeigen! Aber zuerst mal gehen wir essen. Und heute Abend machen wir einen ausgiebigen Bummel durch die Nachtlokale. Sie sind alle eingeladen.“
Hickeldey versuchte einzuwenden: „Claire, ich glaube, wir sollten auch ein wenig an den Professor denken.“
„Ach ja, Eric, das habe ich Ihnen noch gar nicht gesagt: Noch eine erfreuliche Nachricht! Stellen Sie sich vor, die kanadische Regierung hat mir einen Scheck über 10.000 amerikanische Dollar ausgestellt. Als Lösegeld für meinen Mann.“
„Donnerwetter!“
„Ich finde es wahnsinnig schick, mit einem so wichtigen Mann verheiratet zu sein, der meiner kanadischen Regierung 10.000 US-Dollar wert ist. Auf dem Flughafen in Quebec hat man sogar Fotos von mir gemacht. Sie werden es nicht glauben, Eric, die Entführung ist Stadtgespräch. Der Bürgermeister wollte ja auch mir zu Ehren einen Empfang geben. Aber ich finde es geschmacklos, hunderte sensationsgierige Leute einzuladen, sich auf Kosten einer armen Witwe zu amüsieren. “
Effie lächelte hold. „‚Witwe‘ ist ja zum Glück etwas übertrieben. Wir hoffen sehr, dass Ihr Mann noch am Leben ist.“
„Um so besser. Wissen Sie, man soll immer auf das Schlimmste gefasst sein, dann kann man nicht enttäuscht werden.“
Dickens beschloss, auf Claire Pattersons Ton einzugehen. „Doch nun wollen wir uns die Stimmung nicht verderben lassen“, sagte er frohgemut. „Kommen Sie, Madame, der Wagen steht vor der Tür. Chicago, die wunderschöne Millionenstadt, wartet auf Sie.“
Chefkommissar Lionel Mackenzie saß hinter seinem Schreibtisch. Mit grimmigem Gesicht und erlesener Schrift setzte er ein Schreiben auf, das er Sergeant Martin übergab. Er möge es mit der Maschine abschreiben und ihm zur Unterschrift vorlegen.
Was es sei?
Sein Entlassungsgesuch.
„Ich gehe in Pension.“
„Aber Herr Chefinspektor!“ rief Martin. „Wollen Sie nicht vorher die Akte lesen?“
„Damit ich mir die Krätze an den Hals ärgere? Vielleicht steht sogar ein wertvoller Hinweis in der Akte. Dem müssten wir dann nachgehen und uns in Gefahren stürzen! Nein! Ich gehe in Pension! Oder glauben Sie, ich lasse mir von Senator Hillcox das Leben versauern? Alle halbe Stunde ruft er an und fragt, wie weit wir mit den Ermittlungen sind. Ha, ich gehe in Pension, hinaus in die Berge! Morgen Mittag schon sitze ich am munter plätschernden Bergbächlein, mein Angelzeug in der Hand, erquicklichen Gedanken hingegeben.“
Das Telefon klingelte. Mackenzie vermutete, dass es wieder Senator Hillcox war und wies Sergeant Martin an, den Hörer abzunehmen. Er selbst sei unwiderruflich krank.
Das Gespräch war sehr kurz. Martin sagte ein paar mal „Ja“ und dann: „Ich werde es ausrichten.“
„Na?“ fragte Lionel Mackenzie.
„Der Herr Senator lässt mitteilen, dass Washington für die Befreiung des Professors eine Prämie von 25.000 Dollar ausgesetzt hat. Steuerfrei!“
Der Chefkommissar überlegte. „Hm, 25.000, ohne Abzüge, wenn wir den Professor schnappen...“
„Wenn wir das aber den Entführern mitteilen“, gab Martin zu bedenken, „machen die vielleicht ein Gegenangebot und zahlen uns 30.000, wenn wir den Professor nicht schnappen.“
„Bravo, Martin! In geschäftlichen Dingen haben Sie schon viel von mir gelernt. Na, dann geben Sie mir mal die Akte! Steht irgendein Hinweis drin?“
„Jawohl. Es ist beobachtet worden, dass ein gewisser Snipper Jonas im Flugzeug neben dem Professor gesessen hat.“
„Snipper Jonas?“
„Ein kleiner Ganove.“
„Organisiert?“
„Sie werden staunen. Er gehört zu einer neuen Bande, die ein alter Bekannter von uns gegründet hat.“
„Wer?“
„Jim Cooper.“
Jim Cooper saß auf einer Bank vor dem Landhaus, das er in der Nähe von Milwaukee gemietet hatte. Er war guter Dinge und fütterte die Enten, die schnatternd um seine Knie herum watschelten, und gab seiner Gans fröhlich ein paar Leckerbissen. Der ehemals große Gangsterfürst hatte einen neuen Lebensinhalt gefunden.
Drinnen im Haus, an dem runden Eichentisch saßen gelangweilt Opa Crackle und Bonco. Opa Crackle machte einen niedergeschlagenen Eindruck. Bonco fragte ihn, ob ihm eine Laus über die Leber gelaufen sei.
„Es ist eine Schweinerei“, erboste sich Opa Crackle, „dass man mich hier verdursten lässt! Schöne Gangsterbande das, die ein so hoch gestelltes Opfer wie einen kanadischen Professor der Darberei aussetzt!“
„Jim Cooper hat doch alle Ohren voll damit zu tun, Kontaktleute für deine Übereignung auszusuchen.“ Bonco grinste. „Ich war in der Stadt und habe dir was mitgebracht. Deinen Lieblingswhisky!“ Er stellte die Flasche auf den Tisch.
Opa Crackle wollte sofort nach ihr greifen, doch Bonco bestand darauf, dass er aus einem Glas trank, wie sich das für einen vornehmen Professor gehört. Er holte zwei Gläser aus dem Nussbaumschrank und goss sie ein.
Sie tranken. Bonco schenkte noch mal ein und sagte geheimnisvoll: „Was glaubst du, wen ich in der Stadt getroffen habe?“
„Wilhelm Tell.“
„Quatschkopf! Nein, Dickie Dick Dickens. Stell dir vor, er führt die junge Ehemotte von diesem Professor in der Stadt herum. Junge, Junge, das ist vielleicht ein spitzes Mäuschen! Heute Abend geht er mit ihr aus, in die Djingo-Bar.“
„Wenn er sich nur gehörig amüsiert!“
„Nur dienstlich, Opa. Dich lässt er übrigens schön grüßen, und du sollst auf jeden Fall die Rolle des Professors so lange wie möglich durchspielen. Es ist wichtig, damit er Zeit gewinnt.“
Sie mussten ihr Gespräch abbrechen. Jim Cooper hatte die Enten gefüttert und kam nun herein.
„Na, Professor? Alles in Ordnung?“ fragte er.
Opa Crackle bediente sich wieder des professoralen Tonfalles, den er sich einstudiert hatte: „Danke, danke. Der junge Mann hier gibt sich im Rahmen seiner bescheidenen Kräfte erkleckliche Mühe. Dennoch möchte ich energisch Protest gegen die empörende Verfahrensweise einlegen, mit der man mich schamlos meiner Freiheit beraubt.“
Cooper lachte nur, schickte Bonco hinaus und griff nach dem Whisky. Er machte sich nicht die Mühe, ein Glas einzuschenken sondern trank aus der Flasche.
„Prosit!“ sagte Opa Crackle und blickte Bonco nach. „Es ist schon in hohem Maße erstaunlich, in diesen Kreisen einen derart höflichen Menschen anzutreffen. “
„Sie werden noch mehr staunen, Professorchen. Auch ich bin höflich. Das Schicksal schmirgelt den Menschen. Sie können sich jetzt aussuchen, wohin ich Sie vermittle.“
„Aha. Und wie, bitte, darf ich geneigt sein, das zu verstehen?“
Cooper rückte etwas näher heran. „Ich habe meine Kontaktleute abtelefoniert. Ein Mann wie Sie ist überall gefragt. Das beste Angebot kommt aus Saudi-Arabien. Aber mit diesen Kameltreibern muss man vorsichtig sein. Dann hätten wir noch annehmbare Offerten aus Brasilien, der Schweiz, der Elfenbeinküste - - aber was haben Sie denn, Professor?“
„Gute Ohren Mr. Cooper! Hören Sie nicht die Autos?“
Vor dem Hause bremsten knirschend vier Polizeiwagen. Sie waren ohne Blaulicht und Sirenen vorgefahren. Aus einem der Wagen stieg Chefkommissar Lionel Mackenzie, nahm ein Megaphon zur Hand und rief: „Hier ist die Polizei. Genau hinhören, Jim Cooper! Wir wissen, dass Sie Professor Patterson gefangen halten. Ihr Haus ist umstellt. Machen Sie keine Schwierigkeiten! Kommen Sie mit erhobenen Händen heraus!“
2 Uhr 15, früher Morgen, Djingo-Bar. Eine Jazzband spielte flotte Musik. Die Leute amüsierten sich. Ganz besonders Claire Patterson, die mit den weniger begeisterten Eric Hickeldey, Effie Marconi und Dickie Dick Dickens an einem bequemen Nischentisch saß.
„Dieses Chicago ist ein Erlebnis! Vielen Dank, dass Sie mich herumgeführt haben! Diese Fülle von Eindrücken!“
Effie quengelte, dass sie ja eigentlich gar nicht zu einer Sightseeing-Tour nach Chicago gekommen sei.
„Erst muss sich der Mensch doch akklimatisieren!“ erwiderte Claire wohlgelaunt.
„Bis mitten in die Nacht?“
„Oh, Sie kennen mich nicht, meine Liebe. Morgen früh mit dem ersten Hahnenschrei bin ich topfit. Das ist mein Naturell, wissen Sie. Darüber hat er sich oft beklagt, mein Theodor, über mein wirbliges Temperament, wie er es nennt. Aber jetzt kommt’s ihm selbst zugute. Morgen früh spucke ich in die Hände, und wenn ich ganz Chicago auf den Kopf stellen muss, ich werde ihn finden! Auch wenn er gerne unter fremden Namen reist, der Schlingel. Er wird doch wohl aufzutreiben sein.“ Sie lachte hell auf. „Ganze 165 Zentimeter in dieser riesigen Stadt! Aber ich finde ihn!“
„165 Zentimeter?“ fragte Effie.
„Ja, soviel misst er. Von Kopf bis Fuß. Eine ziemliche Zumutung für eine ausgewachsene Frau. Aber ich lasse mir meinen Optimismus nicht rauben. Er wird mir nicht auskommen! Auch wenn es Zeit kostet und Energie. Möglicherweise erwartet mich auch eine herbe Enttäuschung. Dafür muss man vorher ordentlich auftanken. Nur ein seelisch intakter Mensch ist einem Schicksalsschlag gewachsen. Herr Ober, noch eine Flasche Champagner. Und nun möchte ich tanzen. Kommen Sie, Eric!“
Seinen Unmut tapfer verbergend, erhob sich Hickeldey und führte sie auf die Tanzfläche.
Effie sah ihnen nach. „Sie ist ja der reine Wirbelsturm!“
„Nur nicht so harmlos“, sagte Dickie. „Bei einem Tornado ist die Bahn berechenbar, bei ihr nicht.“
Während nun Eric Hickeldey und Claire Patterson in wildem Entzücken über die Tanzfläche wirbelten, bewegte sich Bonco wie ein Schatten durch die Bar und trat zu Dick und Effie. Die waren natürlich auf sein Erscheinen nicht gefasst, was aber Bonco wenig störte.
„Ich habe mich im letzten Moment davonstehlen können. Stellen Sie sich vor: Die Polizei hat Jim Cooper verhaftet.“
„Diese Spitzbuben!“ meinte Effie.
„Und Opa Crackle?“ fragte Dickens.
„Der wurde ‚befreit‘. Aber da kam er wohl mehr vom Regen in die Traufe, denn jetzt sitzt er in Polizeigewahrsam.“
Das war schlimm. Es war ja zu erwarten, dass Claire Patterson als erstes zur Polizei gehen würde, wenn sie ihre 165 Zentimeter suchte.
„Und dort“, sagte Dickie, „führt sie ein freudestrahlender Chefkommissar Lionel Mackenzie stante pede zu Opa Crackle, und unser Spiel ist aus!“
Der Ober brachte den Champagner und füllte die Gläser.
Effie folgte nun Dicks Aufforderung und holte ein Pülverchen aus der Tasche, das sie zu gleichen Teilen in die Gläser von Eric Hickeldey und Claire Patterson einstreute. Nach Dickies Berechnung gab es den beiden 15 Stunden gesunden Schlafes, und ihm selbst genügend Zeit, um den richtigen Professor zu suchen. Es würde etwa 40 Minuten dauern, bis die Mittelchen zu wirken begannen. Also mussten sie schnell in ihr Hotel befördert werden.
Dickens verlangte vom Ober die Rechnung, noch bevor die beiden Tänzer an den Tisch zurückkamen.
„Uff!“ schnaubte Frau Patterson, „dieser Charleston nimmt einem fast die Luft!“
„Und macht durstig, nicht wahr.“ Dick hob sein Glas. „Dann trinken wir doch erst mal auf den gelungenen Abend! Cheerio, gnädige Frau, cheerio, Mr. Hickeldey!“
Als der Ober Dick die Rechnung brachte, protestierte Mrs. Patterson: „Aber nein, das geht nicht! Ich habe Sie eingeladen.“
Dickie aber lächelte mit falscher Güte. „Oh, meine Liebe, das würde ich nicht zulassen, zumal ich jetzt die undankbare Rolle des väterlichen Freundes übernehmen muss. Es ist vier Uhr nachts, meine Teuerste, und Sie haben einen anstrengenden Tag vor sich. Danke, Herr Ober, es stimmt so.“
Als sie sich auf den Heimweg begaben, war die sonst brodelnde Millionenstadt noch ruhig, nur ein paar Zeitungsjungen und einige Milch- und Bäckerbuben radelten pfeifend durch die Straßen. Still ruhte der Michigansee, langsam kroch die Sonne über den Chicagoer Horizont.
Als die Sonne im Zenit stand, rasselte in Dickies idyllischem Blockhaus am Rande der Stadt das Telefon. Es war ein Ferngespräch aus Quebec. Sam Hoppler, ein führender Hehler von Quebec war am Apparat. Dickie hatte ihm ein Telegramm geschickt und um gewisse Recherchen gebeten. Die Auskunft, die er jetzt erhielt, war erstaunlich. Professor Patterson war vor drei Tagen mit einem Sicherheitsbeamten in einem Reisebüro, um Flugtickets zu besorgen. Danach war er spurlos verschwunden. Einfach so. Als habe er sich einfach aufgelöst.
Die Frage war jetzt, wie, um Himmels Willen, konnte so was passieren?
Dickens überlegte eine Weile. Das konnte er gut, wie wir wissen. Und dann hatte er so etwas wie eine Erleuchtung.
„Kinder, ich glaube, ich hab’s. Ein zerstreuter Professor! Er weiß, dass er nach Chicago fliegen wird, er hat sein Flugticket in der Hand. Vor dem Reisebüro steht der Omnibus, der zum Flughafen fährt. Der Professor steigt ein, weist draußen seinen Flugschein vor. Ein Flugzeug nach Chicago mit Zwischenlandung in New York ist startbereit. Man bucht ihn ohne Einwände auf diese Maschine um...“
Das war der Augenblick, an dem Dickens wiederum ins Nachdenken verfiel.
„Stimmt was nicht?“ fragte Effie.
„Im Gegenteil, es stimmt haargenau. Demnach wäre er schon vor drei Tagen in New York eingetroffen.“
Bonco rief im Jubelton: „Natürlich!“
„Na, Bonco, denkst du an dasselbe wie ich?“
„Ich denke an die Bruchlandung.“
„Exakt!“
Dickie ließ sich das Telefon geben, suchte die Nummer des Shelton-Krankenhauses in New York, rief dort an und fragte, ob sie Verletzte der Bruchlandung des Fluges TCA 34 aufgenommen hätten.
Aber ja, hatten sie.
Dickie hielt sich nicht länger mit Telefonieren auf. Ab ging’s mit dem nächsten Flieger nach New York. Mit Effie begab er sich direkt ins Krankenhaus. Er behauptete, seinen Onkel besuchen zu wollen, den Herrn Professor Patterson. Die Frau in der Empfangsloge verneinte. Ein Herr dieses Namens sei nicht eingeliefert worden, es täte ihr sehr leid, und sie vertiefte sich wieder in ihr Rätselheft.
„Moment, meine Dame“, störte sie Dickens, „nicht gleich die Segel ins Korn werfen. Unser Onkel hat nämlich eine Marotte. Er reist gern unter fremden Namen. Ein alter Herr, trägt immer einen Gehrock.“
„Und Stehkragen“, ergänzte Effie.
„Er ist auffallend klein.“
„Ein Meter 65.“
Jetzt ging der Empfangsdame ein Licht auf. „Aber ja, natürlich, der kleine alte Herr auf Zimmer 22.“
„Ist er arg verletzt?“
„Ihr Onkel hat einen Armbruch. Er heißt übrigens Miller.“
Effies mitfühlendes Herz kam auf dem Weg zu Zimmer 22 wieder mal voll zur Geltung. „Ach, Dickie, denk doch nur, der kleine, alte Herr! Und jetzt liegt er auch noch mit einem Armbruch in einer total fremden Stadt, in einem kalten Krankenhauszimmer, mutterseelenallein!“
„Effie, was für ein Lied trällerst du mir da?“
„Und was für ein garstiges Schicksal seiner harrt! Eine Entführung in ein scheußliches, fernes Land! Ich finde, Dick, das wäre endlich einmal eine Gelegenheit, Gutes zu tun. Wir sollten ihm die Freiheit schenken.“
Dickens lachte. „Aber mein Täubchen, wir tun doch Gutes. Überleg doch mal, Washington bezahlt 25.000 Dollar, die kanadische Regierung 10.000, und da sollen wir uns lumpen lassen? Nein, nein, der Professor wird befreit!“
Sie gelangten zum Zimmer 22, klopften kurz an und traten ein.
Ein kleiner Herr mit einer großen Hornbrille blickte von einem Journal auf und fragte ziemlich indigniert, weshalb man ihn in seiner Ruhe störe.
„Zuerst mal gute Besserung“, sagt Effie.
„Herr Miller, wie ich gehört habe?“ fragte Dickens.
„So ist es.“
„Vielleicht können Sie mir helfen, Mr. Miller. Ich suche einen Herrn verschiedenen Namens aber gleichen Aussehens wie Sie. Er heißt Patterson.“
Der Herr im Bett zuckte nur die Achseln. „Tut mir leid“, sagte er und blickte wieder in seine Zeitschrift.
„Außer dem Armbruch haben Sie keine Schäden?“ fragte Dick.
„Nein.“
„Dann kann ich’s Ihnen ja ruhig sagen. Gegen diesen Professor Patterson ist eine Entführung geplant.“
Der kleine Herr erwiderte freudig: „Ach, deswegen kommen Sie? Na, endlich! Sie haben ganz recht, ich bin Professor Patterson.“
Jetzt geschah genau das Gegenteil von dem, was Dickens vermutet hatte. Nicht der Professor sondern er selbst war zutiefst erstaunt. „Was? Sie wissen von der Entführung?“
„Natürlich weiß ich davon. Wofür halten Sie mich? Für einen Narren, der blindlings in sein Schicksal läuft?“
Dickens beruhigte den Professor. Er solle sich keine Sorgen machen, er würde nicht behelligt werden.
„Keine Entführung?“
„Keine Entführung.“
Effie strahlte wonniglich. „Ist das nicht wundervoll? Ich habe ihn dazu überredet.“
Der kleine Herr richtete sich in seinem Bett auf. Zornig sagte er: „Es ist unglaublich! Nehmen Sie zur Kenntnis, dass ich dagegen aufs Schärfste protestiere! “
„Moment mal“, rief Dickie dazwischen, „verstehe ich das richtig? Sie wollen entführt werden?“
„Selbstverständlich. Was verabredet ist, ist verabredet!“
„Warum?“
Der Professor ließ sich wieder ins Bett sinken. „Sie werden das nicht verstehen. Sie sind jung, ich gehe auf die fünfundsechzig.“
Darauf eiferte Effie: „Aber gerade deshalb wünscht man sich doch einen Lebensabend in Frieden und Behaglichkeit.“
„Deswegen will ich ja entführt werden!“
„Verstehe ich nicht.“
„Können Sie auch nicht, mein Fräulein. Sie werden nie in die Lage kommen, mit einer Frau verheiratet zu sein. Sie kennen nicht die Pein, die einem eine unternehmungssüchtige Ehepartnerin verursachen kann.“
Aha! zündete es bei Dickens, der weibliche Tornado, der Wirbelsturm.
„An eine Scheidung ist nicht zu denken“, fuhr Patterson fort. „Ich bin nicht nur katholisch sondern auch begütert. Aber sie begnügt sich nicht, mein Geld mit vollen Händen aus dem Fenster zu werfen, sie verlangt weit mehr von mir. Ich bin dazu verurteilt, das Leben eines Gesellschaftslöwen zu spielen: Partys, Empfänge, Vernissagen, Theaterpremieren, Wohltätigkeitsveranstaltungen, Tanzabende, Barbecues – und das jeden Tag! Eine Tortur, unvorstellbar. Sie kennen meine Frau nicht...“
„Sie irren, wir kennen sie.“
„Dann bitte ich Sie inständig: Entführen Sie mich! Ich zahle Ihnen jeden Preis.“
„Wohin wollen Sie denn entführt werden?“
Patterson atmete erleichtert auf. Dieser junge Mann schien Verständnis für seine Sorgen zu haben. Er überlegte eine Weile, dann antwortete er: „Die Ideallösung wäre wohl die Schweiz. Ein friedliches Ländchen. Dort gibt es wenig Arbeit. Die halten sich ihren Geheimdienst nur aus Prestigegründen.“
„Mal sehen. Ich glaube, das ließe sich machen.“
„Aber es muss geheim bleiben. Absolut geheim. Wenn es meiner Frau zu Ohren kommt, sitzt sie im nächsten Flugzeug, und alles ist wieder aus!“
Im Polizeipräsidium von Chicago unterhielt sich Chefkommissar Lionel Mackenzie mit Opa Crackle, den er ja nach wie vor für Professor Patterson hielt. Er entschuldigte sich heftig, dass er ihn immer noch in Polizeigewahrsam festhielt, aber das sei durch die Tatsache begründet, dass man ihn vor einer neuerlichen Entführung bewahren wollte. Ein beklagenswerter Umstand, gewiss, aber man müsse sich in Geduld fassen, nicht etwa, dass Mackenzie warten wolle, bis er die Belohnung einkassieren könne, oh nein, in einer Viertelstunde erwarte er Senator Hillcox. Der sei sehr stolz darauf, dass die Befreiung gelungen sei und möchte gerne mit dem Professor plaudern.
„Aber ich nicht mit ihm!“ verwahrte sich Opa Crackle brüsk, aber im sonoren Tonfall, den er sich für den ‚Professor‘ zurechtgelegt hatte. „Seit ich diese Stadt betreten habe, bin ich zweimal entführt und gefangen gehalten worden, einmal von Gangstern, einmal von der Polizei. Ich habe mit einem Chicagoer Senator nichts zu plaudern!“
Lionel Mackenzie blickte verdrossen zur Stubendecke auf. „Das halte aus, wer will! Hätte ich mich doch bloß nicht darauf eingelassen! Da tut man seine Pflicht, und was hat man davon? Nackenschläge, nichts als Nackenschläge!“
Sergeant Martin blickte zur Tür. „Verzeihung, Herr Chefkommissar“, donnerte er, „es kommt noch viel schlimmer.“
In der Tür stand nicht, wie erwartet, Senator Hillcox, sondern Dickie Dick Dickens.
„Jetzt trifft mich der Schlag aller Schläge!“ lamentierte Mackenzie. „Wie kommen Sie denn hierher?“
„Durch die Tür“, antwortete Dick und begrüßte den vermeintlichen Professor, indem er ihm freundschaftlich auf die Schulter tippte. „Hallo, Opa, wie geht’s denn so?“
Der Chefkommissar muckte unverzüglich auf: „Opa?! Was ist das für ein verdammtes Kauderwelsch? Was heißt hier Opa?“
„Ja, jetzt dürfen Sie staunen. Ach, Opa, zeig doch mal dem Herrn Chefkommissar deinen Ausweis!“
„Den echten oder den ...“
„Den echten natürlich. Du bist bei der Polizei, da darf der Mensch nicht flunkern.“
Mackenzie stellte mit Abscheu fest, dass der aus den Gaunerhänden befreite ‚Professor‘ in Wahrheit ein alter Farmer aus dem lauschigen La Crosse am Mississippi mit dem Namen Olivar Crackle war.
„Eine bedauerliche Blamage“, sagte Dickens, nicht ohne Mitleid. „Was mag bloß Senator Hillcox dazu sagen?“
„Das überlebe ich nicht!“ jammerte Mackenzie. „Nein, ich weigere mich einfach, das zu überleben!“
Dickie setzte sich neben ihn und fand trostreiche Worte: „Nicht so voreilig, mein Lieber! Ich bin heute die Güte selbst und reiche Ihnen die Hand zum Bunde. Lassen wir Opa Crackle schlicht seiner Wege ziehen, bevor der Senator kommt, und ich biete Ihnen ein Schreiben des echten Professors, in dem er Ihnen für Ihre Bemühungen herzlich dankt und sich mit Bedauern verabschiedet, da ihm dringende Termine ein weiteres Hier bleiben verbieten.“
Das Handschreiben sei graphologisch unanfechtbar, fügte er hinzu, und er würde es dem Chefkommissar gerne überlassen, wenn er ihm einen kleinen Revers unterschriebe, in dem er ihm 80 Prozent der Belohnung überschreibe, die auf die Befreiung des Professors ausgesetzt war.
„Was wollen Sie mit so ’nem Revers?“ fragte Mackenzie. „Das können Sie vor keinem Gericht der Welt einklagen.“
„Aber vor der Presse.“
Der Chefkommissar strich die Segel. „Schon gut, Dickens, sie haben gewonnen. “
Dickens war zufrieden. „Da wäre jetzt nur noch die Sache mit Jim Cooper“, sagte er.
Den hatte ja die Polizei festgenommen, weil sie ihn für den Entführer von Professor Patterson hielt. Er war jedoch unschuldig und müsse demnach aus der Haft entlassen werden.
„Ha!“ rief Lionel Mackenzie. „Der Saukerl hat genug anderes auf dem Gewissen!“
„Aber stellen Sie sich die Blamage vor Gericht vor: Snipper Jonas im Zeugenstand. Von ihm erfährt der Vorsitzende, dass die Polizei keinen Professor sondern Opa Crackle entführt hat. Opa Crackle erscheint als Zeuge. Na, da möchte ich mal erleben, wie sich Chefkommissar Lionel Mackenzie zwischen die Parkettritzen verkriecht!“
Das war zuviel für den leidgeprüften Chefkommissar. Er kapitulierte. Er überließ es sogar Dickie Dick Dickens auf dessen Wunsch, dem Gangsterboss die frohe Nachricht zu überbringen.
Schwere Wolken lagen über dem Stadtgefängnis von Chicago. Die Sonne versagte mal wieder ihren Dienst.
Schwere Wolken lagen auch über dem Gemüt von Jim Cooper, der in einer der wenig komfortablen Zellen einsaß. Die Wolken lichteten sich auch nicht, als Dickie Dick Dickens seine Zelle betrat.
Der hielt sich fern von aller Häme. Er behauptete sogar, dass es ihm leid täte, den erfahrenen Unterweltfürsten hinter Gitterstäben zu sehen. Aber, so ließ er ihn hoffen, könne dieser Zustand bald ein Ende nehmen. „Sie könnten“, sagte er, „in wenigen Minuten mit mir zusammen das Gefängnis verlassen.“
„Donnerwetter!“
Jim Cooper war hin- und hergerissen zwischen Hoffnungsschimmer und Misstrauen. „Zu welchen Bedingungen?“ fragte er.
„Zu einer ganz kleinen: Geben Sie mir Ihre Kontakte! An wen wollten Sie den Professor ausliefern?“
Cooper knurrte, er habe viele Kontakte.
„Am meisten würde ein Entführungsangebot in die Schweiz konvenieren.“
Cooper ließ seinen bulligen Kopf hin und her schwingen. „Na ja, die Offerte aus der Schweiz ist gar nicht so übel.“
„Geben Sie mir den Kontakt!“
„Bringen Sie mich hier raus, und Sie haben ihn.“
So hätten wir ausnahmsweise ein perfektes Happy Ending zu bieten, jeder war glücklich, jeder war froh.
Chefkommissar Lionel Mackenzie, weil ihm eine tödliche Blamage erspart blieb,
Jim Cooper, weil er aus dem Gefängnis freikam,
Professor Patterson, weil er einem ungetrübt behaglichen Lebensabend in der Schweiz entgegensah,
und schließlich Dickie Dick Dickens, der sowohl den Preis für die Entführung des Professors einstrich als auch die Belohnung, die von der amerikanischen Regierung für dessen Befreiung ausgesetzt war.
Das war offenbar Effie Marconi nicht genug. „Und was ist mit der Belohnung der kanadischen Regierung?“ wollte sie wissen.
„Sense, mein Täubchen“, gab Dickie zurück, „die Belohnung können wir uns ins Haar schmieren. Wir haben einen Fehler gemacht.“
„Welchen?“
„Du erinnerst dich, dass wir gestern Abend Mr. Hickeldey und der Frau Professor ein Pülverchen in den Sekt gestreut haben?“
„Sie sollten 15 Stunden erholsamen Schlaf finden.“
„Wir haben nicht darauf geachtet, wo sie schliefen“
„Wo schliefen sie denn?“
„Im selben Zimmer. Dabei muss Claire Patterson ungeahnte Kräfte in dem strammen Geheimdienstmann erweckt haben. Jedenfalls ist sie schon am folgenden Abend durchgebrannt. Nach Venezuela. Mit Eric Hickeldey und dem Scheck der kanadischen Regierung.“
In einem Brief an seine Jugendfreundin Bella Cora del Hortini erwähnt Dickie Dick Dickens dieses Geschehen mit einem Hauch von bissigem Ingrimm.
„Dieser Vorfall“, so schreibt er wörtlich, „beweist aufs Neue, dass eine temperamentvolle Frau selbst im Schlafe, oder gerade im Schlafe, völlig unberechenbar ist. Armer Mr. Hickeldey!“