

Vollständige E-Book-Ausgabe
des Romans
Die Sinistra
Copyright © 2015 Papierverzierer Verlag
Deutsche Ausgabe 2015 by Papierverzierer Verlag, Essen
Herstellung, Satz, Korrektorat, Cover: Papierverzierer Verlag
Fotos: © diter, © Jesse-lee Lang, © Algol, Fotolia.com
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ISBN 9783959623018

Prolog
»Sie hätten sich niemals mit Sterling Crane überwerfen dürfen.«
»Halt dein Sprechloch, Zähler! Wenn ich eine Einschätzung hören will, frage ich danach.« Es war zum Kotzen. Zu jeder vollen Stunde nervte Zähler Pullman mit seiner blechernen Litanei. Man konnte den Chronometer danach stellen. Im Stillen musste Pullman dem Automaton allerdings recht geben. Vor allem wenn man den Grund des Streits mit Crane bedachte. Eins Komma fünf Prozentpunkte bei der Prämienaufteilung waren echt eine Lappalie. Leider verließ Pullman jene Abgeklärtheit, die ihn in Gefechten so auszeichnete, bei Verhandlungen jedes Mal. Vielleicht sollte er auch diesen Teil des Geschäfts lieber Zähler überlassen.
Andererseits hatte Crane ihm schon immer ein ungutes Gefühl beschert. Der Mann würde die Geschlechtsorgane seiner eigenen Tochter an eine dieser reichen unfruchtbaren Vetteln aus der Oberschicht verschachern, ohne mit den Augenwinkeln zu zucken.
Früher war das anders gewesen. Im Kampf hatte Pullman sich stets auf den rattenflinken Crane verlassen können. Aber seit der die Seiten gewechselt hatte, vom Prämienhund zum Rekrutierer geworden war, da konnte man ihm nur noch trauen, wenn man beim Aufteilen der Provisionen selbst dabei war.
Pullman hätte am liebsten ausgespuckt, aber der robuste Zweisitzer, in dem er und Zähler saßen, war sein eigener. Abrupt musste er den Gleiter nach rechts ziehen, damit sie nicht mit einem der riesigen Antennenmasten zusammenstießen. Nachts ohne Höhenausgleich über die Dächer zu fliegen, hatte so seine Tücken.
»Seit wir nicht mehr in Cranes Dienst stehen, hat sich die monetäre Effektivität unserer Missionen um mehr als dreiunddreißig Prozent verschlechtert.«
Zähler konnte die Klappe einfach nicht halten. Das hatte man davon, wenn man seinen Automaton aus betrieblichen Gründen dafür verwendete, sowohl auf Leute zu schießen, als auch die Buchhaltung zu übernehmen: Vorhaltungen!
»Wir werden durch diesen Auftrag so viel Kohle machen, dass für dich sogar ein neuer Anstrich drin ist«, versprach Pullman seinem gewinnorientierten Androiden. Der klobige Zähler hatte schon einige üble Kratzer auf der grauen Tarnlackierung. Da musste er wirklich ein Auge drauf haben. Sonst würde sich irgendwann die eine oder andere Selbstschussanlage anhand dieser Ortungsflecken ein korrektes Körperschema zusammenpuzzeln und dann wäre Pullman um einen Partner ärmer. So nervtötend Zähler auch sein mochte, er konnte es sich nicht leisten, einen neuen seiner Sorte anzuschaffen. Denn, wie Pullman bei jedem Kontocheck schmerzhaft vor Augen geführt wurde, sein Blechkamerad hatte leider recht: Ihre finanzielle Situation war mehr als angespannt.
In der Ferne konnte man durchs Cockpit den nächtlichen Fertigungskomplex von ROBOT-A Inc. erkennen. Der Herrscher über das Wirtschaftsimperium für Handhabungsautomaten, Bellow Kessler, ließ seinen Residenzturm äußerst beeindruckend ausleuchten und der ihn umgebende Industriekomplex wirkte nicht weniger imposant. Allerdings würde beides hinter einer dicken Mauer verschwunden sein, sobald Pullman mit dem Rabiat-Gleiter in der zwei Kilometer entfernten Parkzone runterging.
Nach einigen Minuten wies ihm eine synthetisch-weibliche Stimme über Funk Parzelle 314 zu. Auf dem Holowürfel vor ihm wurde die Position markiert und über ein Meer von abgestellten Personenschwebern fliegend hielt Pullman darauf zu.
Als sie auf dem Boden standen, fiel der kantige Rabiat zwischen all den eleganten Fahrzeugen mit ihren im Scheinwerferlicht glänzenden Dächern auf wie eine fette Ratte in einer Ausstellung für Edelkatzen. Auf dieser Mission war eine Verkleidung nicht von Nutzen. Ein Mietschweber hätte bloß unnötige Kosten verursacht. Nur eine Kleinigkeit musste noch erledigt werden, und die war schon teuer genug gewesen.
Bevor die Türen des Gleiters nach hinten geschoben wurden, verpasste Pullman Zähler die Entwertungsprägung der Dynastieverwaltung. Der Plomber hatte ein Vermögen gekostet, weit mehr als die wirklich miserable Anzahlung.
Zähler neigte das gedrungen schädelartige Haupt und betrachtete die neueste Verunzierung seiner Panzerung.
»Wir sollten die Prägung morgen sofort wieder entfernen lassen, sonst bekommen wir Ärger mit den offiziellen Stellen.« Hinter seinem grobschlächtigem Äußeren und der tiefen Stimme verbarg sich manchmal eine pedantische Programmierung. Pullman fragte sich, wie er es nur so lange mit den wechsellaunigen Verhaltensparametern seines metallenen Mitstreiters ausgehalten hatte.
»Öl dir nicht in den Sicherungskasten, Zähler. Morgen sind wir beide schon an einem Ort, wo die Gesetze der Dynastie keine Gültigkeit haben.« Beim Gedanken an die mehr als üppige zweite Rate ihrer Belohnung zeigte Pullman zwei Reihen ungepflegter Zähne. »Aber vorher haben wir noch einen Job zu erledigen. Du weißt ja: Bezahlung bei Lieferung.«
Sie stiegen aus.
Dann bewegten sich die beiden zum hundert Meter entfernten Kabinenhaus am Eingang. Pullman musste zugeben, dass Zähler trotz seines weit zurückliegenden Herstellungsdatums noch mächtig was hermachte. Vor dem Auftrag hatten sie seine Gummierung an den Sohlen entfernt. Jetzt dröhnten seine Schritte so laut über den Asphalt, dass das Team der Wächter aufblickte, bevor sie fünfzig Meter ans Tor heran waren. Sirrend richteten sich die beiden automatischen Geschütze an der Mauer auf den Menschen und den Droiden.
»Was wollen Sie?«, fragte ihn ein dunkel Uniformierter via Lautsprecher. Sein abschätzender Blick galt Pullmans Torsopanzer, dem überlangen Messer und dem vollen Ausrüstungsgürtel. Natürlich war ihm klar, welchem Metier dieser Mann nachging und warum er mitten in der Nacht hier antanzte.
»Ich muss den hier …«, Pullman hatte Mühe, auf Zählers Schulterpanzer zu klopfen, »… leider einstampfen lassen. Keine Unbedenklichkeitsverlängerung mehr.« Seine Miene verfinsterte sich. »Er hat mich mal ´ne ganze Stange gekostet. Krieg ich wenigstens noch den Materialwert für ihn?«
Der Wächter schüttelte den Kopf, während sein jüngerer Kollege sich rüberbeugte und sagte: »Seien Sie froh, dass Sie für die Entsorgung nichts zahlen müssen. Eigneridentifikation?« Diese beiden arroganten …! In dieser Stadt genossen Prämienhunde kein sehr hohes Ansehen. Aber morgen würde alles anders werden. Dann musste er sich nicht mehr mit solchen Arschgesichtern rumärgern.
Pullman kramte einen alten Datenstick aus seiner Tasche und steckte ihn mit übertriebener Übellaunigkeit in die dafür vorgesehene Öffnung vor der Trennscheibe.
»Geldschneider«, murmelte er in seinen Stoppelbart, aber die Wächter ignorierten ihn. Als die Lampe des Datensticks grün leuchtete, nahm er das fingergliedlange Gerät wieder an sich. Zählers Daten waren jetzt gelöscht und in den Zentralrechner des Komplexes gespeist. Viel würde der damit jedoch nicht anfangen können.
»Führen Sie ihn in die Kabine!«
Pullman führte Zähler zu einer drei Meter hohen Zelle neben dem Wächterhäuschen. Die Tür stand offen, senkte sich aber sofort langsam, nachdem Zähler hindurchgegangen war. Täuschte sich Pullman oder ließ der Automaton tatsächlich den Kopf ein wenig hängen? Seine Fantasie musste ihm einen Streich gespielt haben. Zähler war ein Profi.
»Angenehme Nacht noch«, schallte es aus dem Lautsprecher an der Ecke und Pullman tat so, als ginge er zurück zum Rabiat-Gleiter. In Wirklichkeit lief er, sobald er außer Sichtweite der Wächter war, auf einem vorher genau geplanten Weg wieder zu der dicken Betonmauer zurück. Er hielt erst an, als er sich sicher sein konnte, eine von seinem Auftraggeber beschriebene Stelle erreicht zu haben.
Aus seinem Brustpanzer klappte ein kleiner Bildschirm, der Pullmans vernarbtes Gesicht bläulich beleuchtete. Vor ihm flammte eine vollständige Karte des Geländes mit den Standorten aller Sicherheitseinrichtungen auf. Er würde einen Auftraggeber nie fragen, woher er seine Daten bezog. Zu wenige Fragen konnten einem das Leben, aber zu viele Fragen den Auftrag kosten. Das war ein unausgesprochenes Gesetz der Prämienhunde. Trotzdem interessierte es ihn brennend, durch welche Lücke dieses Füllhorn an Informationen wohl gerutscht war.
Aus der größten seiner Gürteltaschen zog er einen zunächst unidentifizierbaren, in durchsichtige Folie eingeschweißten Gegenstand hervor. Beim Herausnehmen stellte sich dieser Gegenstand schnell als eine Leiche heraus. Ein toter Vogel. Er warf das stinkende, blutige Bündel über die Mauer.
Es zischte und funkte. Zwischen den gebogenen Pfählen auf der Mauerkrone entluden sich bläuliche Blitze. Alarmleuchten flammten auf und ein Suchscheinwerfer von einem Dach weiter hinten im Gelände nahm den brennenden Vogel ins Visier. Es roch nach verbranntem Fleisch und verschmorten Federn.
Sofort entfernte Pullman sich vom Ort des Geschehens. Die Wachen würden nicht lange auf sich warten lassen. Da machte es sich schlecht, wenn er noch an Ort und Stelle herumstand.
Ungefähr fünfhundert Meter weiter blieb er stehen. An der Stelle, an der der Vogel gegrillt worden war, konnte man die Positionsleuchten einer Suchdrohne sehen und leise Rufe vernehmen. Wenn Pullman sich beeilte, wäre er weit genug weg, sobald sich das Sicherheitsteam diesem Mauerabschnitt zuwandte.
Das Alarmgitter auf der Mauer würde nur so lange ausgeschaltet bleiben, bis die Wachen den Vogel entsorgt hatten. Er musste sich also sputen. Aus seinen plattenverstärkten Stiefeln schossen Kletterkrallen. Damit und unter Zuhilfenahme seines Seilwerfers war er im Nullkommanichts auf der Mauer. Dort schnitt er ein Loch in den fast unsichtbaren Draht, der zwischen die Pfähle gespannt war. Nur so groß, dass er gerade hindurchpasste. Auf der anderen Seite benutzte er kleine Metallspangen, um das Stück wieder einzusetzen. Wenigstens vorerst würde sein Eindringen unbemerkt bleiben. Die altmodischen Methoden waren oftmals die besten. Und die preiswertesten.
Schließlich sprang er von der Mauer und verschwand in der
Dunkelheit.
—
Pullman stand in einer riesigen Halle voller Schrott und ausgemusterter Automatons. Überall zischte und dampfte es. Im Hintergrund hörte man das beständige Brummen der Schmelzöfen. Sich unbemerkt bis in die Verwertungszone durchzuschleichen, war dank der überaus aufschlussreichen Karte ein Kinderspiel gewesen. Jetzt musste er in diesem Chaos aus Einzelteilen und Schrott nur noch Zähler finden.
Durch das gewaltige Rolltor am Eingang liefen drei der ewig rasselnden Förderbänder. Davor standen mehrere Reihen von exakt jenen Transportboxen, wie Zähler sie vor nicht ganz einer halben Stunde betreten hatte. In der Zwischenzeit war Pullmans Automaton bestimmt abgeschaltet worden, doch in seinem Inneren gab es einen verborgenen Schaltkreis, der unabhängig von anderen Energieversogern lief. Und Pullman sorgte mittels einer kleinen Fernsteuerung dafür, dass dieser Schaltkreis jetzt alle anderen wieder hochfahren würde.
Nicht lange, dann konnte man von einer der Boxen ein Rumpeln und ein leises Quietschen vernehmen. Mit der Vorsicht eines Bulldozers stemmte Zähler das Tor seines Gefängnisses von innen auf.
»Schön, Sie wiederzusehen«, kam es aus dem Lautsprecherfeld im Gesicht.
»Spar dir die Floskeln! Und nun halt erst mal die Füße still, bevor der Laden hier noch mitbekommt, dass er ein paar ungeladene Gäste hat. Setz dich hin!«
Angenehm kommentarlos tat Pullmans mechanischer Partner, wie ihm befohlen worden war. Pullman arretierte die schwarzen Gummistreifen wieder unter seinen Füßen. Danach behandelte er Zählers Gelenke und andere offenliegende bewegliche Teile mit einem Spezialöl. Dank dieses kleinen Cocktails würde man nur noch etwas von Zählers Masse hören können, wenn man direkt neben ihm stand.
»Angriffsmodus Eins!«, befahl Pullman.
Zählers rechter Unterarm klappte auf, aber statt der eingebauten Waffe sprang Pullman ein schwerer Automatikblaster in die Arme. Ein Ersatz für Zählers fehlende Bewaffnung fand sich problemlos zwischen den verschrotteten Resten im nächsten Hallenabschnitt. Munition hatte Pullman reichlich selbst mitgebracht.
Sie luden die Waffen durch, die Statusdioden wechselten von »Hundert Prozent aufgeladen« auf »Einsatzbereit« und der Prämienhund und sein Kampfroboter ließen die Verwertungshalle hinter sich.
Es lief alles wie geschmiert, bis sie in den steril erscheinenden Hauptkorridor vor der Forschungsabteilung abbogen.
Zähler hob die massige Hand. »Halt! Meine Sensoren registrieren Schrittgeräusche.«
Die Worte waren noch nicht ganz in Pullmans Verstand vorgedrungen, da eröffnete jemand von hinten das Feuer auf sie.
›Stiller Alarm‹, war alles, was Pullman dachte, dann funktionierte er nur noch. Für Zähler kam die eigene Warnung zu spät. Während um Pullman herum die Laserblitze einschlugen, hatten drei der Uniformierten aus der Angreifergruppe den Droiden mit Magnetharpunen getroffen. Lähmende Impulse zwangen Zähler in die Knie. Seine Videosensoren erloschen und steif krachte er in den Gang.
Pullman ging nicht mal in Deckung. Er nahm den Fall seines Partners nur am Rande wahr, feuerte und wich dem feindlichen Beschuss mit katzenartiger Gewandtheit aus. Zwei von den zehn Angreifern fielen durch seine roten Lichtgeschosse. Die anderen sprangen wieder zurück zu der Ecke, um die sie gerade gekommen waren.
Das gab ihm genügend Zeit, die drei Penner, die immer noch an dem bewegungslosen Zähler zerrten, auszuschalten. Mit erstickten Schreien und rauchenden Löchern in den Uniformen blieben sie im Gang liegen.
Pullman klinkte eine Brandgranate auf den Lauf seines Gewehres und heizte seinen Gegnern im wahrsten Sinne des Wortes ein.
Sterling Crane hatte seinerzeit einmal gesagt, Pullman kämpfe wie eine Maschine und dass er deswegen so gut mit Zähler auskäme. Pullman hatte das immer für jenes provozierende Gewäsch gehalten, wie es unter Prämienhunden zum guten Ton gehörte. Viele Menschen in Trentagon gaben sich fast ausschließlich mit elektronischen Wesen ab. Automatons waren eben erheblich einfacher im Umgang als Personen aus Fleisch und Blut. Zähler konnte einem zwar gehörig auf den Geist gehen, aber wenn´s drauf ankam, wusste man immer, wo sein Ausschaltknopf war.
Pullman fing an zu würgen, weil die Luft knapp wurde. Die Taktik des Prämienhundes ging auf. Zufrieden stellte er fest, wie das Gebäude auf seinen Brandsatz mit dem Freisetzen von Stickstoffwolken reagierte. Während sich aus dem Kragen der Rüstung ein dreieckiger Beatmer um seinen Mund schloss, würde sonst niemand mehr durch diese Gänge finden. Und wenn der Stickstoff sich verzogen hatte, würden Zähler und er bereits am Ziel sein.
Er drückte wieder auf Zählers Fernbedienung, aber diesmal wollte sich partout nichts tun. Ohne lange zu fackeln, zerschoss er eine Deckenlampe, griff durch das zerschmolzene Glas und zog zwei Kabel hinaus. An Zählers rechter Seite gab es ein Kläppchen, unter dem der verborgene Schaltkreis zugänglich war. Pullman zückte sein Messer. Sobald er die Spitze in den winzigen Spalt des Kläppchens gestemmt hatte, schaltete er es ein und hebelte es auf. Mit einem normalen Messer wäre dies unmöglich gewesen, aber Pullmans Klinge vibrierte im ultrahohen Bereich und trennte so ziemlich alles auf, solange es nur einen Ansatzpunkt für die Klinge gab. Vorsichtig steckte er die Kabel unter Zählers Verkleidung.
Es gab ein elektrisches Brummen und die Visorezeptoren des Androiden leuchteten wieder.
»Wie viele Feinde haben Sie ausgeschaltet?«, war das Erste, was er von sich gab. Der gute Zähler. Immer effizient in seiner Denkweise.
»Fünf!«
»Nur fünf?« Obwohl eine Kalkulation dazu wahrscheinlich gerade hinter seiner Stirnplatte ratterte, ersparte er sich zum Glück jede Bemerkung über die verbleibende Gegneranzahl.
»Die gute Nachricht ist, dass sich zwischen den Laboratorien und uns kein lebendiger Mensch mehr aufhält.« Den Grund dafür brauchte Pullman nicht zu nennen. Auch wenn der Automaton kein atmendes Wesen war, hatte man Messgeräte in seinem Kopf installiert, die jede Umweltbedingung ausreichend analysieren konnten.
Wie prognostiziert kamen sie unbehelligt bis vor die Halle des Forschungsbereichs, in der das Zugangstor zu den Hochsicherheitslabors lag. Da die Luft wieder ausreichend Sauerstoff enthielt, zog sich der Beatmer in den Brustpanzer zurück. Pullman ging auf der linken Seite des Eingangs in die Hocke. Dann checkte er Karte und Bildmaterial. Wenn sich auf der anderen Seite dieser Halle ein großes, rundes und hermetisch abgeriegeltes Tor befand, waren sie an der richtigen Stelle.
Und sie waren offensichtlich goldrichtig. Als sie in die Halle traten und Pullman gerade argwöhnisch dachte, dass es ihnen trotz allem doch sehr rasch gelungen war, in diese hochsensible Zone des Konzerns einzudringen, musste er feststellen, dass das Rundtor nicht das Einzige war, was zwischen ihnen und den Laboratorien lag. Zehn voll aufgerüstete Kampfroboter blockierten ihren Weg. Klobige Ungetüme, die sofort anfingen zu schießen.
Zähler brachte blitzartig seinen Schildarm zwischen Pullman und die erste Salve. Trotz der Schnelligkeit des Androiden fing sich Pullmans Körperpanzer einen Treffer. Eine Stichflamme versengte sein Ohr, aber er spürte es nicht. Der Prämienhund fiel in die Hocke und holte mit ein paar präzise gezielten Knieschüssen die beiden grausilbernen Kolosse von den Beinen, die links und rechts Streufeuer mit Repetierkanonen austeilten. Alles geschah, noch bevor Zählers Reflektorschicht durchgeschmolzen war.
»Neun und acht!«, kommentierte der ihren Erfolg nüchtern.
In der Zwischenzeit kamen drei Granatengeschosse von der Gegenseite angeflogen. Exakt gezielt, aber zu langsam für Pullman und Zähler. In unzähligen Gefechten dieser Art erprobt, warfen sie sich zur Seite, sobald sie das Fauchen des Abschusses hörten. Die Geschosse landeten im Korridor hinter der Halle und verwandelten ihn in einen Flammentunnel. Ein nützliches Hindernis für eine etwaige Verstärkung.
Zähler schnappte sich einen von den kleinen Containern, die überall herumstanden, und warf ihn mit einer ächzenden Rumpfdrehung gegen die feindliche Truppe. Sofort setzte Pullman nach. Er rannte dem Container hinterher, und während die acht verbliebenen Verteidiger dem aufschmetternden Stahlbehälter auswichen, sprang Pullman oben drauf. Er drehte sich nach links und deckte eine der Vierergruppen mit Salven aus seinem schweren Blastergewehr ein.
Die empfindliche Stelle hinter den Metallkrägen der Androiden war schwer zu treffen, aber von dem erhöhten Standpunkt aus und bei der frisierten Schussfrequenz seiner Waffe haute es hin. Innerhalb von Sekunden waren zwei Gegner am Boden und einer stolperte ohne Kopf umher. Dem letzten sprang Pullman direkt vor die Füße und rammte ihm mit aller Gewalt sein Messer in die empfindliche Kinnpartie. Aus den Visorezeptoren stoben Funken. Pullman machte einen Schritt zur Seite. Der Roboter donnerte neben ihn.
»Sieben … sechs, fünf … vier.« Zählers gelbe Hochenergiegeschosse fällte den Rest der Truppe, noch bevor dieser sich umorganisiert hatte. »Dreizweieins. Fertig!«
Die Waffen schwiegen. Zählers Repetiertrommel sirrte noch nach.
Bedauernd verzog Pullman die schwarzen Augenbrauen. »Vielleicht weißt du unsere Partnerschaft jetzt mal endlich zu schätzen, Zähler. So sieht das nämlich aus, wenn man einer unflexiblen Programmierung zum Opfer fällt.«
Zähler schloss zu ihm auf und räumte die Reste vor dem Tor weg. »Vielleicht hätten Sie bei ROBOT-A als Programmierer anheuern sollen.«
Was Zählers Kommentar wirklich Biss verlieh, war die Tatsache, dass er es absolut ernst meinte. Maschinen verfügten nicht über Sarkasmus.
Pullman winkte ihn zur Seite. »So. Wenn auch dieser Code stimmt, dann müssen wir nur noch den Kopf holen und uns durch die Kanalisation absetzen.« Hastig tippte er die Zahlenfolge ein, die ihm der kleine, wieder ausgeklappte Bildschirm aus seinem Brustpanzer verriet.
Mit einem mechanischen Seufzen lösten sich die Ränder der Tür. Zwei große Scharnierarme schwenkten sie nach innen.
In der achteckigen Kammer, die sich öffnete, stand ROBOTAs wohlgehütetes Geheimnis: ein Raum voller humanoider Kampfmaschinen, die größer waren als Zähler und noch wesentlich Ehrfurcht gebietender. Wahre Giganten. Aber was sie angeblich so gefährlich machen sollte, war eben jene Programmierung, mit der Pullman schon bei den Wächtern vor dem Tor gerechnet hatte. Schenkte man ihrem Auftraggeber Glauben, waren sie kreativ, anpassungsfähig und absolut tödlich.
Zum Glück war zu dieser Phase des Projekts keiner von ihnen eingeschaltet. Alle standen im Halbdunkel an Arbeitsstationen herum und blickten aus leeren Augenhöhlen ins Nichts.
Während Pullman sich auf die Suche nach ihrem Zielobjekt machte, deckte Zähler den Eingang.
Die Automatons hatten alle einen dieser flachen runden Köpfe, an denen hinten ein halb umlaufender Nackenschutz gesetzt war. Genau wie der, den er suchen sollte. Nur dass sein Zielobjekt ohne Körper in einem verglasten Fach an der Wand untergebracht sein würde.
Pullman ging zur Hauptkonsole nahe einer Wand zu seiner Linken und steckte einen kleinen rechteckigen Bypasser hinein. Nun hatte er mittels des Holowürfels, den das Gerät vor sein Gesicht projizierte, Zugriff auf alle Funktionen des Raumes, ohne dass die Zentralstelle davon Wind bekam. Er musste nur die Innenbeleuchtung für die Fächer der hinteren Wandabschnitte einschalten und sie entriegeln.
Drei Wände erhellten sich und alle Türchen der quadratischen weißen Fächer klackten.
»Ich nehme eine Lebensform wahr. Aber das kann nicht sein. Ohne Herzschlag …« Zähler bekam nicht die Gelegenheit, diesen Satz zu beenden.
Die Augen eines Automaton in der rechten Ecke flammten auf. Gleichzeitig schob sich aus der Decke eine Selbstschusskanone. Pullman hatte keine Ahnung, was für ein Ballermann das war, aber er hatte genug in den Spulen, um Zählers Panzerung mühelos zu durchschlagen.
Kopftreffer. Seine Gesichtsplatte wurde zur Seite gerissen und grelle Flammen zerschmolzen die Integralschaltkreise seines Gehirns. Innerhalb einer Sekunde war Zähler Geschichte.
Der Kampfroboter aus der Ecke stampfte auf Pullman zu. Rücksichtslos schubste er seine starren Kameraden dabei zur Seite.
Tische barsten. Klirrend ging Glas zu Bruch.
Pullman überlegte nicht, er reagierte bloß wieder. Reflexartig gab er dem Koloss drei kurze Salven auf die Fußgelenke, aber der Kerl hatte ebenfalls einen Schildarm und einen extrem schnellen dazu!
Bevor er allerdings drei weitere Schritte auf Pullman zu getan hatte, zeigte ihm dieser, dass auch sein Gewehr über einen Harpunenaufsatz verfügte. Der Magnetbolzen traf den Automaton direkt in den Bauch. Pullman war klar, dass die Ladung eines einzelnen Gewehres nie und nimmer einen bemerkbaren Effekt erzielen würde. Und richtig: In einer schnellen Bewegung hatte der Roboter den Bolzen abgerissen und wollte Pullman mit dem Seil die Waffe entreißen. Aber damit hatte Pullman gerechnet. Er hatte längst die Rückholspule der Harpune ausgelöst und sich fallen lassen. Als er unter den ersten von drei Tischen geriet, klinkte er das Seil aus. Einen Dreifachsalut auf die Beschichtung seines Torsopanzers! Der Vorwärtsschwung reichte, um ihn über den Boden direkt durch die Beine seines Feindes gleiten zu lassen.
Die gesamte Rutschpartie über blieb Pullmans Finger am Abzug. Die Reflektorschicht in der unteren Körperhälfte des Androiden warf Blasen. Schließlich kam Pullman im Rücken des Feindes zum Liegen.
Der Kampfroboter drehte sich herum. Seine Optiksensoren brannten wie Schmelzöfen. Kaum stand der Prämienhund auf den Füßen, wurde ihm das Gewehr aus der Hand geschlagen. Mit der anderen Metallpranke packte der Roboter zu und hob ihn vom Boden. Offenbar wollte er Pullman zerdrücken, doch der schweineteure Prälasiumpanzer leistete hervorragend Widerstand. Der Roboter zischte. Vor Wut?
Noch bevor er Pullmans Bein mit der anderen Hand greifen konnte, hatte dieser sein Messer in den Handgelenksschlitz gerammt. Die Klinge teilte sich und eine dritte, noch schmalere Klinge schoss hervor. In dem Gelenkspalt blitzte es. Dann fiel Pullman mit der erschlafften Hand zu Boden.
Während der Automaton wie verblüfft auf seinen Armstumpf blickte, hatte Pullman sich bereits wieder aufgerappelt. Er sprintete zur Wand. Wie eine Urgewalt stampfte der Kampfkoloss hinter ihm her. Aus vollem Anlauf heraus fuhr Pullman die Kletterkrallen aus und rannte ein Stück der gläsernen Wand empor. Die Glasfächer klirrten unter jedem seiner Schritte, bis er einen Salto schlug. Er sprang so hoch, dass er genau auf den Schultern des drei Meter großen Automaton landete.
Dort trieb er mit aller Gewalt sein Messer zwischen den Kragenring ins Genick des Roboters. Es gab ein elektronisches Schnaufen.
Zuerst polterte der Kopf vom Rumpf. Danach Stille.
Nach einer Sekunde sackte der Kampfdroide geräuschvoll in die Knie, um anschließend mit einem kräftigen Rumms gänzlich unter ihm zusammenzubrechen.
Pullman erhob sich und stellte sich neben den Besiegten. Unter der Panzerung hob und senkte sich seine Brust in schnellem Rhythmus. Keine Zeit für Bedauern oder Triumphe. Er blickte sich um. Wo war Fach 0040? Hoffentlich hatte er es nicht gerade mit den Kletterkrallen beschädigt.
Fach um Fach schritt er ab. In fast jedem lag ein Kopf in der Art, wie er ihn gerade vom Körper des Kampfdroiden abgetrennt hatte. Nur dass ihre Pupillen nicht von jenem gelben Feuer erfüllt waren. Sie blickten lediglich mit matt silbrigen Augen an ihm vorbei.
Endlich entdeckte Pullman das Fach. Er konnte keinen Unterschied zu all den anderen Köpfen ausmachen. Selbst als er durch die kleine Glastür nach ihm griff, schien der beträchtlich schwere Kopf wie all die anderen zu sein. Aber was sein Auftraggeber gerade an diesem Ding aus Fach 0040 so Besonderes fand, hatte ihn nicht zu interessieren. Wichtig war nur, dass er ihn fristgerecht ablieferte. Und davon konnte ihn jetzt niemand mehr abbringen.
Vielleicht wollte es der dunkelhäutige ältere Herr in dem weißen Gewand versuchen, der den Eingang versperrte?
Pullman schreckte zusammen. Bellow Kessler persönlich. Was machte der denn hier? Der Mann mit dem von Grau durchzogenen Bart schien ihm keine Erklärung liefern zu wollen und Pullman würde auch nach keiner fragen. Er wollte gerade das Gewehr heben, um Kessler einfach über den Haufen zu schießen, da fing der Vorsteher von ROBOT-A Inc. an zu murmeln. Während seine Finger minimalistisch in Pullmans Richtung gestikulierten, kam ein wahrer Fluss von unverständlichen Worten über seine Lippen.
Was, bei allen Teufeln, ging denn jetzt ab?
Pullman wurde erst schlecht, gleich darauf schwindelig. Das Gewehr fiel aus seiner Hand. Für einen Augenblick hatte er das seltsame Gefühl, er würde sich selbst in die Augen schauen, schließlich fiel er hin. Um ihn herum drehte sich alles. Nach einer gefühlten Ewigkeit schlug er mit der Nase auf den Boden. Da war gar kein Schmerz?!
»Gift!«, dachte er noch und wurde daraufhin sofort bewusstlos.
—
Als Pullman erwachte, schaute er direkt in Bellow Kesslers Gesicht.
»Ich sagte ihnen doch, er wäre der ideale Kandidat.«
Auch wenn sie seltsam hohl in seinen Ohren klang, kam Pullman diese Stimme bekannt vor. Kesslers Lippen hatten sich jedenfalls nicht bewegt. Der Industriekapitän schloss lediglich seine Hände um Pullmans Wangen. Allerdings konnte der nichts von der Berührung wahrnehmen. Er konnte, verflucht nochmal, seinen ganzen Körper nicht mehr spüren.
»Die Fächer!«, schoss es ihm durch den Kopf. »Das Nervengift musste in der Luft der Fächer gewesen sein.« Er verwünschte seine unprofessionelle Eile.
Jetzt drehte Kessler Pullmans Gesicht ein wenig zur Seite. Sterling Crane, diese verräterische Ratte, kam ins Sichtfeld. Er steckte also dahinter. Er hatte einen Mittelsmann engagiert, um Pullman in die Falle zu locken. Und das alles wegen eins Komma fünf Prozent.
»Sie müssen nur die Dämpfung der Gelenke an seine Bewegungsmuster anpassen, dann wird er tödlicher als alle vor ihm werden. Vielleicht sollten Sie darüber hinaus den Schutz der Gelenke und der Region unter dem Kinn noch einmal überdenken.«
»Wenn er fertig ist, bekommt er den Rang eines Commanders«, antwortete Kessler mit väterlichem Stolz in der Stimme.
Pullman bemerkte, dass er nicht auf dem Boden lag. Eigentlich war er genau davon ausgegangen. Bei diesem Blickwinkel jedoch war das unmöglich. Aber so leicht wie Kessler ihn nun herumschwenkte, konnte er sich auch nicht im Stand befinden.
»Der Kerl hat schon als Prämienhund gekämpft wie eine Maschine«, schnarrte Crane.
Als Kessler ihn in das gläserne Fach 0040 steckte und er seinen eigenen Körper auf dem Boden liegen sah, traf Pullman die Erkenntnis. Crane beugte sich gerade über ihn und entfernte die ID-Chips aus dem versteckten Fach im Torsopanzer.
Pullman war in dem Kopf eines Automaton!
Vor seinen Augen wurde die Tür mit der Nummer geschlossen. Kessler hatte ihn mit seinem Gemurmel irgendwie in diesen verfluchten Metallschädel befördert. Aber das konnte nicht sein. Das wäre Zauberei und so etwas gab es unter der Regentschaft des Dynasten nicht. Jeder, der auch nur den Anschein erweckte, irgendwelche übernatürlichen Kunststückchen oder religiösen Mätzchen zu veranstalten, wurde von einer Spezialeinheit des Regenten sofort zur Strecke gebracht.
»Sie sprachen von einer Truppe, die sich regelmäßig im Grenzkrieg verdingt.« Durch das Glas war Kessler nur schwer zu verstehen.
Crane nickte begeistert. »Oh, ja. Das sind wirklich ausgesprochen zähe Hunde. Sie würden exzellent zu 0040 passen.«
»Gut, leiten Sie das in die Wege, Crane. Bezahlung bei Lieferung.«
Bezahlung bei Lieferung. Der Leitsatz der Prämienhunde waren die letzten Worte, die Gregorian Pullman vernahm. Danach erlosch das Licht um ihn herum, und in gleicher Weise sein freier Wille.
Kapitel 1
Während der Aufzugfahrt nach unten konnte Caron den Blick kaum von den beiden Wachen nehmen, die man ihm zur Seite gestellt hatte. Auf ihrer Brust prangte das rote Herz mit der weißen Hand, das Symbol der absoluten Wahrheit. Ihre Verpflichtung galt allein dem Herrscher Trentagons: Carons Vater, dem Dynasten.
Beide waren in die gleiche Mischung aus braunen Rüstungsteilen und Stoff gekleidet. Doch die Zusammenstellung und der Grad der Abnutzung ihrer Ausstattung unterschieden sich erheblich.
Was mochte in den verwegen uniformierten Männern wohl vorgehen? Sie würden jederzeit ihr Leben für ihn hingeben, aber Caron auch genauso bedenkenlos niederschießen, sobald sie ihn als Bedrohung für den Dynasten einstuften. Trotzdem wünschte er sich nichts so sehr, als einer von ihnen zu sein. Und wenn das Schicksal es gut mit ihm meinte, dann wäre genau das schon bald der Fall.
Der Aufzug stoppte. Die Türen glitten auf. Beide Wächter rührten sich nicht, bis Caron selber aus der Kabine trat. Dann folgten sie mit ausdruckslosen Gesichtern unter den Helmen.
So lang und hell, wie er war, sah man dem Gang, den die Dreiergruppe nun entlangschritt, kaum an, dass er sich fast hundert Meter tief in der Erde befand. In regelmäßigen Abständen konnte man hinter den abgerundeten Fensterfronten der Regentschaftsbüros rege Betriebsamkeit erkennen. Dazwischen zeigten Panoramahologramme an den Wänden Szenen aus der wilden Natur.
Nach hundert Metern endete der Weg vor einer automatischen Doppeltür. Im Gegensatz zur unruhigen Geräuschkulisse des Ganges herrschte in dem recht geräumigen Zimmer hinter den Türen eine geradezu meditative Stille. Ein Brunnen aus weißem Stein plätscherte beruhigend vor sich hin. Abgesehen von den Soldaten, die den Ausgang auf der gegenüberliegenden Seite bewachten, war nur noch eine Person anwesend. Der Mann war ein paar Jahre jünger als Caron, trug den gleichen schlichten Tuchanzug wie er und saß in einem der Formsessel an den Wänden. Genau in dem Augenblick, als sich die Türen wieder schlossen, stand er auf.
»Caron!«, hieß er den Neuankömmling mit offenen Armen willkommen. »Du hast es also endlich geschafft?«
»Ich grüße dich, Bruder«, erwiderte Caron unterkühlt, denn die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass sein Gegenüber es keinesfalls so herzlich meinte, wie es den Anschein hatte. »Woher weißt du von meiner Unterredung mit Vater?«
»Der Dynast hat mich heute ebenfalls zu sich bestellt. Es gibt wohl einige Formalitäten zu klären, die sich aus deiner Abwesenheit ergeben werden.« Deutlicher musste sein Bruder nicht werden. Caron war klar, dass Sito, Nächster in der Erbfolge des Dynasten, nur darauf lauerte, Carons Aufgaben im Hintergrund zu übernehmen, und — falls er scheitern sollte — diese auch zu behalten. Caron würde weder den langweiligen politischen Unterricht noch das Auswerten von Aufklärungsprotokollen wirklich vermissen. Ihn erwartete weitaus Aufregenderes.
»Ich weiß, du lehnst gut gemeinte Ratschläge grundsätzlich ab, Sito, aber ich werde dir trotzdem einen mit auf den Weg geben: Die Administratorin der südlichen Halbinseln macht gerne Komplimente. Und wenn du mit ihr alleine bist, wird sie sogar noch direkter, aber in Wahrheit meint sie es alles andere als ernst. Maestro Govan hat mir erklärt, dass sie nur mit allen Mitteln von ihren windumtosten Felsen runter möchte, und ich musste leider einsehen, dass er recht hatte. Treib mit ihr also, was du willst, mach nur ja nicht den Fehler und offenbare dich dabei. Es würde sowohl deiner Sicherheit als auch der unseres Vaters sehr schaden.«
Sitos Gesichtsausdruck verlor etwas von seiner gespielten Freundlichkeit.
Caron ergänzte: »Ihre Tochter soll im Übrigen auch nicht besser sein, sagte Govan.«
Nun schaute Sito regelrecht verdrießlich. Carons Bruder war bei all seinem Opportunismus und den ungezügelten Ambitionen manchmal ein wenig vorschnell. Sollte er aus lauter Eitelkeit jemandem verraten haben, dass er weit mehr war als einer der hundert Günstlinge des Dynasten, nämlich ein leiblicher Sohn desselben, konnte er schneller zum politischen Faustpfand werden, als ihm lieb war. Und ein Dynast ließ sich niemals erpressen, selbst mit dem Leben des eigenen Kindes nicht. Sito wäre nicht der erste Spross eines Herrschers von Trentagon, der dies am eigenen Leib erfahren müsste.
Caron ließ ihn stehen und bewegte sich zum Durchgang in das kleine Reich seines Vaters. Die Wächter tauschten ihre Formalitäten mit seinem Begleitschutz nach dem strengen Prozedere der Sinistra aus. Dann öffneten sich zwei weitere Schiebetüren und Caron wurde ins innerste Zentrum der Macht eingelassen.
Hier waren Bildschirme, Holodisplays und Überwachungsanzeigen aller Art in mehreren konzentrischen Ringen angeordnet. Mit verschränkten Armen blieb Caron vor dem äußersten Ring stehen und beobachtete seinen Vater. Der Dynast stand umgeben von über einem Dutzend Übertragungsgabeln im kreisrunden Sendefeld in der Mitte. Zwischen den U-förmigen Zacken der Gabeln bewegten sich die holografischen Abbilder der mächtigsten Köpfe in ganz Trentagon. Und das im wahrsten Sinne des Wortes.
»Die Phase des letzten Geburtenrückgangs dringt jetzt langsam in den zweiten Dekadezyklus und schon machen sich die ersten negativen Auswirkungen bemerkbar. Das ist nicht mehr wegzudiskutieren«, sagte gerade der Kopf des Obersten Militäradministrators. »Sollte es an der Grenze im Laufe des nächsten Halbjahres wieder zu mehreren Großoffensiven kommen, weiß ich nicht, wie wir die aktuelle Frontlinie ohne vernünftigen Nachschub noch halten sollen. Entweder bitten wir unsere Nachbarn im Süden endlich um Unterstützung oder Trentagon kommt um Zwangsrekrutierungen aus der Zivilbevölkerung nicht herum.« Während er sprach, hatte seine Stimme an Schärfe gewonnen und die schiffchenartige Kopfbedeckung war um einen deutlichen Zentimeter näher an die buschigen Augenbrauen gerutscht.
»Extrinsische Rekrutierungsmaßnahmen wären eine Katastrophe für die Universitäten und Elitekollegien. Die Jahrgangsstärken nehmen auch so schon jedes Jahr ab«, ereiferte sich die Hochadministratorin für Edukation und der dreiköpfige Wissenschaftsrat gab ihr lautstark recht.
Für den Kopf mit dem weißen Schiffchen war dies Öl ins Feuer. »Dann müssen diese Institutionen von der Rekrutierung eben ausgenommen werden. Aber wenn wir uns weiterhin auf die bloße Einsicht unserer Bürger verlassen, dann wird es in Trentagon bald keinen Ort mehr geben, an dem man das Wissen mehren könnte, denn hier steht die Existenz des gesamten Sektors auf dem Spiel.«
Jetzt wehrten sich die Verwalter der verschiedenen Produktionsbereiche dagegen, dass man ihnen die jungen Arbeiter wegnehmen wollte, und jeder stimmte in das Streitgespräch mit ein. Bis auf den Mann in ihrer Mitte.
Mit einem schnellen Wischen seiner Hand drehte er der fruchtlosen Diskussion den Ton ab. Ein paar Sekunden brüllten die Köpfe noch stumm aufeinander ein, dann merkte der Erste, dass ihm niemand mehr zuhören konnte, und die Bewegungen seiner Lippen hörten auf.
Erst als auch der Letzte seine Aufmerksamkeit ganz auf den Dynasten lenkte, sagte dieser mit fester, dosierter Stimme: »Wir werden uns weder die Blöße geben, Wuanco um Hilfe zu ersuchen, noch unseren Bürgern die Freiheit nehmen, über ihren Lebensweg selbst zu entscheiden. Ich glaube kaum, dass Krieger wider Willen geeignete Kämpfer abgeben würden. Und damit ist dieser höchst unangenehme Disput ein für alle Mal beendet.«
Fast alle nickten.
Der Dynast schenkte dem Militäradministrator einen strengen Blick, dann nickte auch der. Mit der gleichen Geste, mit der er seinen Beraterstab gerade zum Schweigen gebracht hatte, räumte er ihm jetzt das Recht der freien Rede wieder ein. Dennoch sagte niemand ein Wort.
»Schon vor ein paar Monaten habe ich Maßnahmen eingeleitet, um sowohl die innere als auch die äußere Sicherheit für Trentagon weiter zu gewährleisten. Zu einem geeigneten Zeitpunkt werde ich die Administrative darüber genauer informieren. Möge euer Tag erfüllt verlaufen.« Nach einer weiteren Geste verschwanden die Köpfe. Der Dynast verblieb noch für einen nachdenklichen Augenblick, wo er war. »Es sollte eigentlich eine Finanzplanung für das nächste Jahr werden«, dachte er laut, dann winkte er Caron zu sich. Sein Ton wurde versöhnlicher. »Ich würde mir nichts mehr wünschen, als dass du diese Aufgabe eines Tages übernimmst. Eigentlich sollte ich dir gegenüber ein schlechtes Gewissen haben.«
Caron lächelte und umschloss mit dem Ritus der gleichgestellten Krieger den Unterarm seines Vaters mit der Hand. »Gab es Probleme?«
»Selbstverständlich. Und immer die gleichen. Jeder will dem anderen ein Auge aushacken, wenn möglich sogar beide. Und sobald sich einer von diesen Geiern mächtig genug fühlt, wird er mich beseitigen, um meinen Platz einzunehmen. Das ist der Weg der Dynasten. Wer sich dem nicht gewachsen fühlt, der gehört nicht an meine Position. Aber was rede ich. Heute gibt es weitaus Wichtigeres. Wie fühlst du dich, mein Sohn?«
Caron fuhr sich durch die schwarzen Haare. »Ein wenig aufgeregt, aber auch neugierig und voller Vorfreude.«
»Willst du es dir nicht noch einmal überlegen? Ich könnte dich gegebenenfalls mühelos in der Administration unterbringen. Nach dem Gespräch gerade kann ich mir nämlich durchaus vorstellen, dass das Manipulieren von Zahlen und Meinungen viel hilfreicher ist als Nahkampftraining und Zielübungen, wenn du selber einst über Trentagon herrschen willst.«
»Nein. Mein Wunsch steht unumstößlich fest: Ich will in die Sinistra.«
Der Dynast zeichnete mit einem Finger die Narbe nach, die sich von seiner Wange bis zur Oberlippe zog. »Du bist mir in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich.«
»Dasselbe wirft Sito mir auch dauernd vor. Er hat sich übrigens wahrscheinlich gegenüber der Administratorin der südlichen Halbinseln verraten.«
Der Mund des Dynasten bekam einen strengen Zug. »Das Naturell deines Bruders schlägt eher nach dem seiner Mutter. Sein Charakter unterscheidet sich erheblich von deinem, dennoch wurden auch ihm Fähigkeiten vererbt, die vorzüglich zu einem zukünftigen Regenten passen würden. Jedoch … wenn er sich durch eigene Unvorsichtigkeit in Gefahr bringt, soll er selber sehen, wie er seinen Hals rettet. Versagt er dabei, dann ist er vielleicht doch nicht so fähig, wie ich die ganze Zeit über gedacht habe.«
Für einen unbehaglichen Moment herrschte Schweigen zwischen Vater und Sohn, doch zu guter Letzt brach die Miene des Dynasten wieder auf.
»Natürlich bin ich dir dankbar für deine Offenheit, Caron. So kann ich im Vorhinein bereits verhindern, dass Sitos Fehler Trentagon schaden werden. Er selber hätte wahrscheinlich versucht, es zu vertuschen.« Dann baute er sich feierlich vor Caron auf. »Aber kommen wir zu dir und deinem wichtigen Tag morgen. Über deine Entscheidung, der Sinistra beizutreten, bin ich sehr glücklich. Ein Herrscher sollte aus erster Hand erfahren, was er seinen Kämpfern abverlangt. Wenn du deine Sache gut machst, habe ich schon bald einen Auftrag für dich, der eines Dynastensohns würdig ist.«
Carons Haltung straffte sich. »Ich werde dich niemals enttäuschen, Vater.«
»Davon bin ich überzeugt.« Jetzt deutete der Mann mit den schwarzgrauen Haaren ein Lächeln an. »Hast du dir einen Namen ausgesucht?«
»Salvador. Caron Salvador.«
»Ist das nicht ein wenig pathetisch für einen zukünftigen Regenten?«, fragte der Dynast skeptisch.
»Diesem Status bin ich doch wohl für die nächsten fünf Jahre enthoben. Es könnte also gar keine bessere Tarnung geben.«
»Ich gebe dir recht. Vergiss niemals, dass kein Mensch jenseits dieser Mauern wissen darf, wer du wirklich bist, Caron Salvador.«
Zur Antwort nickte Caron bloß. Sein Vater beugte sich an sein Ohr und flüsterte ihm ein einzelnes Wort zu. Fragend verzog Caron das Gesicht.
»Sollte eine Offenbarung deiner wahren Identität jemals unabwendbar werden, kannst du dich mit diesem Codewort als mein Sohn legitimieren. Nutze es weise. Verwende es nur, wenn Trentagon höchste Gefahr droht, andernfalls ist dein Anspruch auf die Stellung eines Dynasten für mich nichtig geworden.«
»Mir ist die Bürde dieser Verantwortung bewusst, Vater.«
Der Dynast betrachtete ihn drei Sekunden forschend, danach sagte er: »Die Zeit des Abschieds ist gekommen. Es fällt mir schwer, es auszusprechen, aber hoffentlich werden bis zu unserem nächsten Zusammentreffen fünf Jahre vergehen. Denn nur das würde bedeuten, dass du den Rang des Commodore erreicht hast und alles so verlaufen ist, wie wir es uns erhofft haben.« Diesmal ergriff der Dynast seinerseits den Unterarm seines Sohnes. »Mach mich stolz!«
»Nichts anderes wird geschehen«, versicherte Caron mit fester Stimme.
Kapitel 2
Caron kratzte sich im Nacken. Die neue Kurzhaarfrisur war ungewohnt. Doch wenn er sich in dem Militärshuttle umsah, hatte fast keiner der Mitreisenden längere Haare als er. Bloß einer Frau, zwei abgewetzte Sitzreihen vor ihm, fiel die schwarze Lockenpracht ungebändigt bis auf die Schultern.
Keiner hier wechselte ein Wort mit dem anderen. Zwar dröhnte das Geräusch der Antriebsdüsen laut durch die offenen Lamellenschlitze über den Fenstern, aber dies stellte wohl kaum einen Grund für die allgemeine Schweigsamkeit in dem Shuttle dar. Jeder von den dreißig Männern und Frauen hatte in der einen oder anderen Hinsicht eine militärische Ausbildung genossen. Von seinem Gefechtsinstruktor wusste Caron, dass solche Leute in der Regel nicht zu überflüssigen Gesprächen neigten. Allerdings konnte er sich ebenso gut vorstellen, dass alle, so hartgesotten wie sie auch aussahen, dasselbe Magendrücken verspürten wie er selbst.
Die Sinistra. Diese Sturm- und Sicherheitseinheit des Dynasten war der Traum eines jeden Kämpfers unter Waffen. Von der Front im Norden Trentagons bis hin zu den südwestlichen Territorien galt die Sinistra als die Elitebrigade. Betraten Krieger in Braun die Szene, mussten alle anderen zurückstehen. Selbst diejenigen, die in der Aufnahmeausbildung scheiterten, galten bei anderen Truppen als etwas Besonderes.
Caron reckte den Hals. Nicht mehr lange, dann mussten sie am Ziel angekommen sein. Er versuchte, den sogenannten Bunker irgendwo auszumachen, doch die kopfhohe Fensterfurche ließ ihm kaum genug Sicht auf den Flugverkehr, der links und rechts an ihnen vorbeisauste.
Nachdem ein besonders dicker Nachschubfrachter ihre linke Flanke passiert hatte, änderten die Piloten des Militärtransporters den Kurs. Für ein paar Sekunden flogen sie längsseits zu einem ausgedehnten Gebäudekomplex, der sich unter der heißen Sonne Trentagons erhob und wie eine abgeschnittene Pyramide aussah. Ein Raunen ging durch die Großkabine. Caron hatte richtig gelegen: Ein jeder hier erwartete das Kommende ebenso angespannt wie er selbst. Mit Glitzern in den harten Blicken und auf- und abgleitenden Adamsäpfeln wandten alle ihre Aufmerksamkeit nach rechts. Ein Kadett im Mittelgang stand sogar auf, um einen Blick auf das Hauptquartier der Sinistra zu werfen.
Nicht lange, dann setzte der Transporter zum Landeanflug an und der Bunker entzog sich wieder jeder Betrachtung.
In ein paar Minuten wäre Caron genau da, wo er schon sein wollte, als er noch als kleiner Junge mit hochrotem Gesicht Berichte über die Verteidiger des Dynasten im Nuevo-Sender verfolgt hatte.
—
In effizientem Eiltempo wurde die Ausbildungskompanie auf Korridore und Räume aufgeteilt. Kaum hatte Caron den braunen Overall und die schwarzen Plattenstiefel wie befohlen angelegt, ließ man die Kadetten auch schon wieder auf einem kleinen Exerzierplatz antreten. Die mit Pistenbeton bedeckte Fläche war, einer übergroßen Terrasse gleich, in die Südwand des Bunkers eingelassen. Unter der grellen Morgensonne geriet man nach ein paar Minuten ganz schön ins Schwitzen, doch von den vier rechteckig ausgerichteten Dreißigmannkarrees hörte man kein einziges mürrisches Wort.
Caron stand in der zweiten Reihe der vorderen Gruppe links. Über die Schulter seines Vordermannes konnte er fünf Männer erkennen, die sich in militärisch strammer Haltung vor ihnen aufgebaut hatten. Die Fünf trugen einen braunen Brustpanzer und jene schiffchenartige Kopfbedeckung, wie Caron sie vom Obersten Militäradministrator her kannte. Hinter dem Mann in der Mitte flatterte zusätzlich ein Cape im leichten Wind. Vor seinem Mund schwebte ein Stimmverstärker.
Caron blinzelte. Wenn er sich recht erinnerte, handelte es sich bei dem Mann mit dem Cape um einen Coronel, wahrscheinlich Peon Duro, den Leiter der Ausbildungsabteilung. Die vier Männer zu seinen Seiten waren anhand der Abzeichen auf den Schulterspangen als einfache Capitanes zu identifizieren. Für die ersten Monate würden sie Carons direkte Vorgesetzte sein.
»Bislang wart ihr alle aufrechte Kämpfer im Dienst von Trentagon; jeder von euch der Stolz seiner jeweiligen Truppengattung«, begann Coronel Duro in den Stimmverstärker zu bellen.
Caron musste an das Zeugnis denken, das ihm seine Ausbilder ausgestellt hatten. Die Noten darauf waren die besten und spiegelten authentisch seinen Leistungsstand wider, das hatte Maestro Govan ihm mehrmals versichert. Nichtsdestotrotz war es eine Fälschung. Das Militärkollegium in Balota hatte er nie besucht.
»Doch so gut eure Errungenschaften bis jetzt auch waren«, fuhr der Coronel fort. »… so hoch der Rang war, den ihr bekleidet habt, nun lasst ihr dies alles hinter euch. Allein die Tatsache, dass ihr hier im Centro Sinistra vor mir steht, beweist euer Bestreben nach einem höheren, edleren Weg. Wenn ihr eines Tages das Herz der Wahrheit auf und in eurer Brust tragt, gibt es keine Regel mehr außer dem Canon Sinistra. Jeder Mensch außerhalb unseres Bundes muss beiseitetreten, wenn ihr seinen Weg kreuzt. Das gilt bis hinauf in die Hochadministration.«
Caron schwoll die Brust bei dem Gedanken an solche Aussichten.
»Doch dieses Vorrecht ist alles andere als ein Geschenk. Ihr müsst es dem Schicksal abtrotzen. Seid euch dessen immer bewusst. Ihr alle müsst nichts Geringeres tun, als über euch hinauszuwachsen. Von den hundertzwanzig, die hier stehen, werden das nicht alle schaffen. Viele werden wieder in ihr altes Leben zurückgeschickt. Letztendlich werden nur dreißig in unsere Reihen aufgenommen. Ich erwarte also euer Bestes … oder mehr. Viva Verdad!«
»Viva Verdad!«, brüllten die vier Capitanes wie aus einem Mund und gesellten sich mit zackigem Schritt jeweils neben die Dreißigergruppe, für die sie ab heute die Verantwortung trugen. Dann marschierten sie geschlossen vom sonnigen Platz durch das große, dunkle Tor des Bunkers.
—
Zurück auf dem Korridor hieß es für Carons Mitkadetten gleich wieder, in Reihe vor den Türen ihrer Zimmer Aufstellung zu nehmen.
Der Capitan machte sich nicht die Mühe, sich vorzustellen, sondern brüllte sofort wieder los: »Ihr seid nun Mitglieder der Araca, des dritten Ausbildungszuges. Meines Zuges! Jede Anweisung, die ich euch gebe, werdet ihr gefälligst mit ›Ja, Capitan!‹ beantworten. So viel zu den Formalitäten.«
Noch eine Ansprache, dachte Caron genervt. Zum Glück pflegten die Offiziere der Sinistra sich kürzer zu halten als die Administratoren im Dynastensitz.
»Ihr habt den Coronel gehört. Nur dreißig werden es in die Sinistra schaffen. Ich werde dafür sorgen, dass die meisten davon Aracas sind.« Er holte einmal tief Luft. »Die Besetzung der Zimmer entspricht den Truppen dieses Zuges. Ihr schlaft mit den gleichen Leuten, mit denen ihr euch Seite an Seite durch diese Ausbildung kämpft. Gewöhnt euch also an die Gesichter, an die Geräusche, an den Geruch. Und ja: Frauen wohnen hier mit Männern in einem Raum. Da wo ihr herkommt, mag das anders gewesen sein, aber bei der Sinistra hat man nichts vor seinen Compañeros zu verbergen. Egal, wie groß …« Er lächelte vielsagend. »… oder wie klein es sein mag.«
Die Frauen lachten. Einige der Männer auch, aber längst nicht alle.
Schnell wurde der Capitan wieder ernst. »Ich erwarte alle Aracas so schnell wie möglich in Trainingsarena 037!«, brüllte er unvermittelt.
Niemand rührte sich.
»Das war ein Befehl! Na los, umziehen und dann in die Arena mit euren Ärschen!«
»Ja, Capitan!«, brüllten die Kadetten laut, aber nicht ganz synchron, zurück. Mit trampelnden Stiefeln lief jeder in sein Truppenzimmer.
»Wollen doch mal sehen, welche Gruppe ich als erste unten begrüßen darf«, rief der Capitan ihnen nach.
Auf den Zimmern erwartete sie die erste Überraschung. Sowohl ihre Taschen als auch ihre Kleidung war verschwunden.
»Was zum …?« Indem er sich über das ihm zugeteilte Bett beugte, verschluckte der Schrank von einem Kerl, der direkt vor Caron durch die Tür gegangen war, einen Fluch. Er hatte auf der groben Decke einen silbernen Codeschlüssel gefunden. Auf jedem Bett lag einer.
Caron schnappte sich den von seinem Bett und probierte ihn an einem der Spinde an der hinteren Wand aus. Nach dem dritten Versuch gab das Schloss an einer der schmalen Türen ein Zischen von sich und sie sprang auf. Caron war bereits dabei, eine der drei Uniformjacken auf ihre Größe hin zu überprüfen, während der Rest der Gruppe hektisch mit seinen Schlüsseln herumprobierte. Noch bevor er einen Blick auf das Größenmuster auf der Innenseite des Ärmels werfen konnte, fielen ihm Brustabnäher an der Jacke auf.
»Das ist dann wohl mein Schrank«, sagte jemand und griff von hinten nach der Jacke.
Caron drehte sich herum. Vor ihm stand die junge Frau mit den schwarzen Locken aus dem Transporter.
»Sieht ganz so aus«, erwiderte Caron ihr Grinsen und händigte den Codeschlüssel aus. »Aber wer hat meinen Schlüssel?«, fragte er in die Runde.
»Ich«, kam es vom anderen Ende der Spindwand. Ein hagerer Typ hielt das Plättchen in die Höhe. »Jedenfalls, wenn du Caron Salvador bist. Die richtige Statur hättest du für diese Sachen.«
Caron trat an den Spind. »Ich bin Salvador, aber woher weißt du das?«
»In den Schlössern sind die Stamminformationen des jeweiligen Besitzers eingetragen.«
»Das weiß ich auch, aber wie bist du an die Daten herangekommen?«
Der Kerl hielt einen Lesestift mit einem kleinen Display hoch. »Ich habe nicht alle meine Sachen nach dem Umziehen hiergelassen.« Er setzte eine verschlagene Miene auf.
»Sehr gut. Danke.« Diesen Typen musste Caron sich warmhalten. Er nahm seinen Schlüssel und ging die Sachen im Spind durch.
Auch der Rest der Truppe ließ sich von dem Hageren flugs die richtigen Spinde zeigen.
Caron war in Gedanken schon beim nächsten Schritt. Von seinen Studien über die Sinistra wusste er, dass es in einer der Schubladen ein Instruktions- und Regelbuch gab: der Codex Sinistra, Bibel der Ausbildung. In dem Buch stand unter anderem auch die Bekleidungsordnung für jede Gelegenheit. Er fand den Codex in einer der Schubladen und konnte sich anhand der Abbildungen rasch in die braune Sportmontur werfen.
Eilig stopfte er die abgelegten Sachen in den Spind, drückte die Tür zu und machte sich auf den Weg aus dem Raum. Auf jeden Fall wollte er unter den Ersten sein, die in der Arena eintrafen.
Caron war noch nicht an der Tür, da rief jemand: »Warte, Mann! Ich komme mit. Du hast vielleicht ein Tempo drauf.« Das Muskelpaket musste Caron beim Umziehen beobachtet haben. Während die meisten sich noch in die Hosen mit dem nicht ganz einfach zu wickelnden Stoffgurt kämpften, war er abmarschbereit und genauso korrekt gekleidet wie Caron selber. Caron nickte. Dann machten sich beide auf die Suche nach Trainingsarena 037.
—
Offenbar war die Suche nach der Trainingsarena 037 ein Aufnahmeritus mit Tradition. Sie setzte sich aus dem Studium der verwirrenden Orientierungstafeln und dem Hetzen durch Hunderte von Metern lange Flure zusammen. Dabei wurden Caron und sein kräftiger Begleiter von vielen der alteingesessenen Kadetten hämisch angefeuert und verspottet.
Carons Compañero hätte gerne zwischendurch angehalten, um nach dem Weg zu fragen, aber Caron überging ihn. Seinen Orientierungssinn in fremden Gebäudekomplexen hatte er bei unzähligen Botendiensten als Günstling mehr als einmal unter Beweis stellen müssen. Darin war er geübt. Außerdem wollte er den älteren Semestern keine Gelegenheit geben, weitere Späße mit ihnen zu treiben. Zig Mal die Tür zu einer schmierigen Hygienekammer mit höhnischen Spruchbändern aufzustoßen, würde sie bei der Suche nach Arena 037 kein Stück weiterbringen.
Irgendwann erzeugten ihre Trainingsschuhe in der riesigen Sporthalle 037 endlich die für Stoßbelag typischen Quietschgeräusche und Caron konnte sich ein Siegesgrinsen nicht verkneifen. Sie waren tatsächlich die Ersten. Die vier Capitanes waren unter den ausnahmslos niederen Dienstgraden schnell ausgemacht. Er und sein Truppenkamerad rannten um ein paar Kadetten in Konditionszirkeln herum und stellten sich in Standardabstand zu den Vorgesetzten auf. Nun blieb ihnen bloß noch, schweigend mit starr geradeaus gerichteten Augen auf die Dinge zu warten, die da folgen sollten.
Zunächst einmal folgte gar nichts. Die Capitanes standen steif wie Zielfiguren vor der nördlichen Wand der Halle. Um sie herum hätte auch eine Geiselnahme stattfinden können – sie wirkten, als ob selbst ein solches Ereignis sie nicht im Mindesten berühren konnte.
Nach und nach trafen die anderen Neulinge ein. Zunächst gehörten alle zu anderen Zügen, aber schließlich kamen auch welche aus Carons Zug dazu. Die erste vollständige Truppe, die vor den drahtigen Capitanes Aufstellung nahm, bewohnte den Raum neben Carons Truppe. Eine große blonde Frau mit Kurzhaarschnitt, die Caron vorhin auf dem Korridor schon einmal aufgefallen war, schien bei den Sechsen bereits die Führung an sich gerissen zu haben. Jedenfalls folgten ihr die übrigen, ausschließlich männlichen, Mitglieder brav in gerader Linie.
Der Rest von Carons Trupp kam ziemlich genau in der Mitte des letzten Drittels an. Sie hatten sich unter der Führung eines Kadetten mit den silbernen Schläfen gesammelt. Dessen Gesichtsausdruck verriet gar nichts, der des Hageren dafür umso mehr. Als er sich neben Caron und Muskelmann stellte, blitzte er sie verärgert an. Den Grund verstand Caron nicht genau. Sollte der Kerl doch froh sein, dass sie ein so gutes Ergebnis für ihren Trupp herausgeholt hatten.
Nachdem auch die Letzten durch das robuste Stahltor der Arena gefunden hatten, schrie einer der Capitanes: »Atención!« Ein Ruck ging durch die Truppen und alle standen stramm. Carons Capitan trat vor. Er kam direkt auf seinen Trupp zu. Innerlich bereitete Caron sich schon auf die erste Belobigung vor.
Dicht vor Carons Laufbegleitung blieb der Ausbildungsoffizier stehen. »Mein Name ist Capitan Adamanto. Wie heißen Sie, Kadett?«
»Roscoe Venlok, Capitan!«, brüllte dieser zurück.
»Okay, Cadetto Venlok. Sie waren einer der Ersten hier. Da Sie offenbar ein so findiges Kerlchen sind, können Sie mir doch sicherlich eine einfache Frage beantworten?« Capitan Adamantos Stimme war leiser geworden, dennoch konnte jeder in seinem Zug ihn deutlich verstehen.
Caron wurde irgendwie unwohl.
Venlok antwortete laut und deutlich: »Das kann ich, Capitan!«
Adamantos klare, graue Augen fixierten jetzt ausschließlich sein Gegenüber. »Wann ist mit einem Angriff des Feindes zu rechnen?«
Venlok wollte zum Sprechen ansetzen, dann verzog er fragend das Gesicht. Carons Blick konnten kaum folgen, aber urplötzlich krachte der angewinkelte Ellenbogen des Capitans vor Venloks Halsseite. Der Getroffene verdrehte die Augen und ging zu Boden wie ein Sack Kartoffeln.
Caron ballte die Fäuste.
Adamanto fuhr unbeirrt in seiner Rede fort: »Die Antwort auf meine Frage lautet: jederzeit. Der Feind hat tausend Gesichter. Manchmal lauert er im Körper des besten Freundes. Sie können niemandem vertrauen.« Der Atemrhythmus des Capitans hatte sich nicht verändert. »Die Gruppe von Kadett Venlok hat beim Auffinden der Arena, wie so manch andere auch, versagt!« Jetzt packte Caron die Wut. Er konnte kaum glauben, was er da hören musste. Das war eine glatte Lüge. Er und Venlok waren die Ersten in der Arena gewesen und der Rest war keinesfalls als Letzte hier eingetroffen. Ihm wollte Adamantos Verhalten nicht in den Kopf. »Sie haben versagt, weil sie nicht als Gruppe gehandelt haben. Lasst euch das alle eine Lehre sein.«
Caron schien nicht der Einzige zu sein, dem Adamantos Urteil gegen den Strich ging. Der Capitan begab sich gerade von Venloks regungslosem Körper weg, da machte Carons Truppenkameradin mit den schwarzen Locken einen Schritt nach vorn. Ihr Tritt zielte gegen Adamantos Rippen und um ein Haar wäre er auch dort gelandet, aber unter einer blitzartigen Wendung seines Körpers konnte Adamanto dem Fuß der Frau entgehen. Gleichzeitig packte er ihr Bein und verdrehte es. Die Frau stöhnte vor Schmerz auf. Adamanto war so schnell über ihr und hatte sein Knie gegen ihren Kehlkopf gedrückt, dass Caron es wieder kaum mitbekam. Die anderen Capitanes wollten ihm zur Hilfe eilen, doch er hielt sie zurück.
»Nicht schlecht, kleine Wildkatze. Mit wem habe ich das Vergnügen?«
Im Gegensatz zum Capitan ging der Atem der Frau stoßweise. »Felis. Felis Lagun«, presste sie hervor.
»Okay, Kadettin Lagun. Ich werde Sie jetzt aus Ihrer misslichen Lage entlassen und vergessen, dass sie mich angegriffen haben, bevor wir uns einander vorgestellt haben, wenn Sie mir eine gute Erklärung für ihren Verstoß liefern können. Comprende?«
Die Frau nickte mühevoll.
Adamanto gab sie frei und beide erhoben sich. Während sie sich über den Hals rieb, sah der Capitan sie erwartungsvoll an.
»Sie haben gesagt, dass wir jederzeit mit einem Angriff rechnen müssen, das schließt doch wohl sämtliche Ränge der Sinistra ein, oder nicht?«
»Das sehen Sie verdammt richtig, Lagun.«
»Ich wollte mich vergewissern, wie es um die Bereitschaft der Ausbilder hier steht, für das einzutreten, was sie uns beibringen wollen. Und außerdem …« Sie wischte sich mit der Hand über den Mund und blickte noch finsterer als der Hagere vorhin, » … außerdem hat der Capitan ein Mitglied meiner Truppe angegriffen.«
Adamanto nickte wieder. Caron war verblüfft, wie geschickt Lagun ihn mit seinen eigenen Argumenten geschlagen hatte.
Jetzt grinste der Capitan doch tatsächlich. »Ich hoffe, dass dies anschaulich genug für alle war. Nehmt euch ein Beispiel an Cadetta Lagun«, verwendete er die militärische Koseform von ›Kadettin‹. »Vielleicht nicht gerade an ihrer Impulsivität, aber doch daran, wie gut sie die erste Lektion des heutigen Tages schon verinnerlicht hat.« Er pfiff die Medicos heran.
Die zwei Sanitäter stürmten sofort aus ihrer verglasten Kabine in der Hallenwand und kümmerten sich um den am Boden liegenden Venlok.
»Ich verstehe das nicht, Capitan!«, rief der Hagere laut.
Adamantos selbstzufriedene Miene löste sich augenblicklich auf. »Erklären Sie sich, Kadett!«
»Wir sollen als Gruppe handeln, aber dürfen gleichzeitig niemandem vertrauen? Wie passt das zusammen?« Der Hagere war augenscheinlich ein Klugscheißer reinsten Blutes. Trotzdem musste Caron ihm recht geben.
»Ich verstehe eure Verwirrung«, wandte sich der Capitan nun an die Übrigen. »Eben weil es jederzeit zu einem versteckten Angriff aus den eigenen Reihen kommen kann, müsst ihr euch gut kennenlernen. Hier, im Centro Sinistra, seid ihr noch relativ sicher. Stellt euch also vor dem ersten Außeneinsatz bestens aufeinander ein, verschmelzt so sehr zu einer Einheit, dass ihr im gleichen Takt Luft holt! Nur so könnt ihr verhindern, dass sich irgendwann ein Gegner im Deckmantel unter euch mischt und der Sinistra in den Rücken fällt.« Mit einem knappen Nicken in Richtung des Hageren beendete er seine Ansprache. Er reihte sich wieder bei den anderen Capitanes ein. Der Ausbilder neben ihm übernahm das Wort.
»Wer jetzt denkt, es wäre schlecht, sich an Kadett Lagun ein Beispiel zu nehmen, weil sie einen Offizier angegriffen hat, dem kann ich nur antworten: Das ist ein Irrtum. Die meisten werden heute genug Gelegenheit bekommen, sich mit uns anzulegen.«
—
»Nur beim Kämpfen lernt man sein Gegenüber richtig kennen. Für´n Arsch, Mann!«
Caron lag in einem der unteren von zwei Dreietagenbetten und hörte dem direkt über ihm liegenden Roscoe beim Fluchen in die Dunkelheit zu.
»Adamanto hat mir heute drei Mal auf die gleiche Weise den Hintern versohlt. Möchte mal wissen, was er daraus gelernt hat. Ich hatte jedenfalls dadurch keinen besseren Einblick in seinen Charakter und sympathischer ist er mir auch nicht geworden.« Die Matratze über Caron knarrte. »Wie siehst du das, Salvador?«
»Caron«, antwortete der. »Nenn mich ruhig Caron.«
»Wie du willst, Salvador. Zu mir kannst du Roscoe oder Venlok sagen. Meine Exfreundinnen haben mich meistens ›mieser Penner‹ genannt. Ist mir alles drei recht.« Die Matratze knarzte ein weiteres Mal. »Und, Caron? Wie steht`s nun um deine Knochen und um dein Verhältnis zu unserem Capitano?«
»Drei Mal hat Adamanto versucht, mich zu erwischen und zwei Mal hat er es halt geschafft. Nichts, was mich umgebracht hätte. Ich glaube, er versucht seinen Job einfach so gut wie möglich zu erledigen. Die Okkulten da draußen werden weitaus mehr versuchen, als uns nur ›den Hintern zu versohlen‹. Wir werden schon warm mit ihm werden.«
»Ts, gerade von dir hätte ich mehr Verständnis erwartet, nachdem er dich heute Abend noch zur Küchenhilfe degradiert hat.«
»Ich schätze, Adamanto hat heute rausgekriegt, dass du immer wieder auf die gleichen Tricks reinfällst«, meldete sich der Kämpfer mit den silbernen Schläfen von ganz oben zu Wort. »Und wenn Carons Fähigkeit, sich auf andere einzustellen, so gut wie seine Beinarbeit im Zweikampf wäre, dann hätte der ›Capitano‹ garantiert nicht so verbissen probiert, ihn zweimal auf die Matte zu schicken.«
Roscoe stieß Luft aus. »Hört euch den an. Du hast gut reden, Martill. Dich hat der Kerl nicht mal schräg angeguckt, geschweige denn zum Tänzchen aufgefordert.«
»Keine Bange. Das hebt er sich sicherlich für morgen auf. Vielleicht wirst du dann voller Freude erleben können, wie der alte Martill dieselbe Prügel bezieht wie Roscoe Venlok, der miese Penner. Aber ich würde dir schwerstens raten, in den nächsten Wochen mehr Teamgeist an den Tag zu legen. Sonst wirst du nie zu den dreißig gehören, die hier bleiben dürfen.«
Roscoe wollte zu einer ätzenden Erwiderung ansetzen, stoppte sich dann aber selber. »Bei dem Wörtchen Teamgeist fällt mir noch was ein: Dank dir, Lagun. Malico hat mir erzählt, was du getan hast, während ich kurz ein Nickerchen auf dem Hallenboden gemacht habe.«
Das entsprach nicht ganz der Wahrheit, wusste Caron. Der hagere Malico hatte Roscoe vorhin unter der Dusche zahlreiche Vorhaltungen gemacht. Dabei war das Gespräch auf Laguns Aktion gekommen. Ihre kleine Gruppe hatte wahrlich keinen optimalen Start hingelegt, und daran war er selber nicht ganz unschuldig.
Caron drehte den Kopf zum gegenüberliegenden Etagenbett. Felis hatte gerade noch zu ihm rübergeschaut, da war er sich ganz sicher. Nun blickte sie, wie er zuvor, zu den zwei Betten über sich.
»Keine Ursache, Roscoe. Wenn du dich erkenntlich zeigen willst, dann warte das nächste Mal einfach auf mich, wenn wir irgendwo zusammen erscheinen sollen.«
»Soll mir eine Freude sein, Cadetta Lagun!«, ahmte Roscoe den Tonfall des Capitans nach.
Felis spielte mit einer Locke ihres Haars. »Warum Adamanto wohl so versessen darauf war, unsere Namen zu kennen, bevor er mit uns ins Sparring ging?«
»Sagt mal, habt ihr euch eigentlich nicht im Geringsten darüber informiert, wofür ihr euch gemeldet habt?«, fragte der Hagere jetzt aufgebracht. »Bei Salvador hat es ja wenigstens noch dafür gereicht, dass er wusste, wo er nach dem Codex Sinistra suchen musste, aber spätestens danach hört es bei euch allen auch auf, was?«
Jetzt wirkte selbst Felis leicht gereizt. »Red nicht so viel drum herum, Malico! Erhelle uns.«
»Ein Soldat der Sinistra versteckt seine Identität nie. Er ist stolz darauf. Die Okkulten hingegen lassen kein hinterhältiges Versteckspiel aus. Sie arbeiten mit Maskerade, Blendwerk und Intrigen, um ans Ziel zu kommen. Dass wir uns dazu bekennen, wer wir sind, unterscheidet uns vom Feind.«
»Davon habe ich gelesen, aber dass die Offiziere dabei so ins Detail gehen, das war mir nicht bewusst«, äußerte Felis sich erstaunt. »Danke für die Info, Malico.«
»So, jetzt wissen alle Bescheid. Könnet ihr jetzt endlich mal den Mund halten?«, mischte sich nun der letzte ihrer Gruppe, der mit der Messernarbe und der Hakennase, ein. »Ich will noch ein wenig Schlaf bekommen, bevor wir morgen wieder die Hucke vollkriegen.«
»Ist ja schon in Ordnung, Navaja. Gute Nacht, alle zusammen.« Felis drehte sich zur Wand.
»Gute Nacht, Lagun«, antworteten alle bis Navaja wie aus einem Mund.
Malico lachte freudlos auf. »Na wunderbar. Sind wir am Ende des Tages doch noch eine kleine zufriedene Familie geworden. Wer hätte das gedacht.«
»Klappe, Malico«, forderte jemand und Caron wusste nicht, ob es Navaja oder Martill, der Veteran, gewesen war.
—
Im Zentrum der Macht ging für den Dynasten ein langer Tag dem Ende entgegen. Einzig eine letzte Unterredung stand zwischen ihm und den Annehmlichkeiten einer seiner fünfunddreißig Ruheresidenzen. Welche das sein würde, wusste Trentagons Alleinherrscher noch nicht. Das entschied er jeden Abend aufs Neue nach dem Zufallsprinzip. Auf diese Weise wurde nächtlichen Attentätern das Handwerk so weit es ging erschwert.
Bis auf das Sendefeld in der Mitte und eine einzige Übertragungsgabel waren alle Geräte in dem runden Raum auf Stand-by geschaltet. Der Dynast hatte die Arme verschränkt und wirkte von außen wie die Ruhe selbst. Innerlich sah das anders aus. Er konnte es kaum erwarten, dass die bläuliche Gabel endlich aufflackerte und sich Bellow Kesslers Gesicht darin zeigte. Hatte er die Lage gestern vor den Hochadministratoren noch heruntergespielt, musste er sich selbst doch eingestehen, dass die Sicherheitssituation in Trentagon tatsächlich im Begriff war, zu kippen. Die bewaffneten Kräfte verfügten über zu wenig Personal. Selbst in den einzelnen Kampfgattungen splitteten sich die Loyalitäten mittlerweile auf. Und längst nicht alle Fraktionen waren bedingungslos nur auf ihn eingeschworen. Einzig und allein die Sinistra war eine Institution, auf die er sich noch hundertprozentig verlassen konnte.
So simpel diese Tatsache war, so gewaltig würde ihre Wirkung sein. Und deswegen durfte Bellow Kessler nie erfahren, welche Macht er im Moment über den Dynasten besaß.
Der Herrscher verlagerte sein Körpergewicht auf das andere Standbein und zog die Doppelknopfleiste am schwarzen Gewand zurecht, da erwachte die Übertragungsgabel zum Leben. Kesslers bärtiges Gesicht erschien.
»Möge Ihnen die Wahrheit gewogen sein«, grüßte er formell.
»Und möge Ihr Weg stets ein gerader sein«, erwiderte der Dynast. »Wie kommen Sie mit der Produktion voran?«
»Da das Regentschaftsbüro ROBOT-A Inc. so günstige Handelsbedingungen mit der Stahlgewinnungskooperative ermöglicht hat, ist die Produktionsphase für die ersten fünf vereinbarten Bataillone schon bald abgeschlossen.«
Wer immer die Kontrolle über die Kamera hatte, er schwenkte den Bildausschnitt über Kesslers Kopf und wieder zurück. Für einen Moment konnte man den schattenhaften Umriss eines Kampfautomatons wahrnehmen. Der Umriss war nicht nur doppelt so groß wie Kessler, sondern auch beinahe doppelt so breit.
»Die vollen 25 000 Einheiten?«, wollte der Dynast wissen.
Kessler nickte bedächtig, wobei sich so etwas wie ein Lächeln in seine eisig ernste Miene grub.
»Wann können Sie mit der Testphase beginnen?«
»In sechs, spätestens acht Wochen.«
»Sehr gut, …«
»Somit lägen wir einen ganzen Monat unter der vertraglichen Überstellungsvorgabe«, fiel Kessler dem Dynasten ins Wort.
Der hob den Zeigefinger. »Vorstand über die Handhabungsautomatenindustrie ist bereits eine überaus machtvolle Position, Kessler, aber es wäre durchaus denkbar, dass noch in diesem Planungsjahr der übergeordnete Hochadministrator der Metallproduktion in den Ruhestand versetzt wird.« Er ließ den Fingerzeig für eine Sekunde wirken. »Bis jetzt läuft unsere geheime Transaktion sehr positiv. Sorgen Sie dafür, dass das so bleibt, dann können Sie sich auf den Wechsel in ein größeres Residenzgebäude einstellen. Möge Ihr Tag erfüllt verlaufen.«
Kessler neigte das Haupt und der Dynast unterbrach die Verbindung.
Kapitel 3
Gente Martill sollte mit seiner Prognose vom Vortag fast recht behalten. Genau, wie er es befürchtet hatte, nahm sich Capitan Adamanto ihn am nächsten Morgen gleich als Ersten vor. Allerdings konnte man nicht gerade davon sprechen, dass der Veteran eine Abreibung bekam. Es war eher eine Begegnung auf Augenhöhe und Adamanto ging mit dem ehemaligen Steltzer-Grenadier, der im Grenzkrieg schon Trentagons Spinnenpanzer unterstützt hatte, sehr zurückhaltend um.
Dem nervösen Malico dagegen erteilte er im Anschluss eine ebenso eindrucksvolle Lektion wie Lagun und Caron am Vortag. Als er den jungen Mann mit der öligen Frisur dreimal recht schmerzhaft zu Boden geschickt hatte, ließ er Carons Trupp endlich in Ruhe und widmete sich dem Rest seines Zuges.
»Mit Navaja würde ich mich gut stellen. Der hat sich von uns Sechsen noch am besten verkauft. Was meinst du, Salvador? Wenn wir ihn zu viel ärgern, putzt er uns bei den Übungskämpfen doch bestimmt mühelos runter. Adamanto konnte ihn jedenfalls nicht einmal auf die Bretter schicken.«
Venlok war im Grunde gar nicht so verkehrt, dachte Caron. Er redete bloß zu viel. Gerade beim Sparring. Und so blieb er ihm eine Antwort schuldig, presste stattdessen die Lippen zusammen und gab Venlok einen harten Stoß auf die Brustplatte. Doch überraschend schnell drehte sich der gewichtige Venlok zur Seite. Carons Schlag verpuffte an seinem Schulterschutz. Der gepolsterte Übungspanzer, den sie nach den Zweikämpfen mit Adamanto hatten anziehen dürfen, fing die Wucht des Schlages ab und verwandelte seinen Treffer in einen statistischen Wert. Nun zeigte die holografische Anzeige über ihren Köpfen gerade mal fünf schlappe Punkte mehr. Lächerlich. Caron lag immer noch im Hintertreffen. Jetzt verlor er sogar gegen Venlok. Denn wenn der Muskelmann schon mal traf, dann setzte gleich ein wahrhaft gewaltiger Punkteregen auf seiner Seite der Anzeige ein.
Carons Gegenüber grinste unter seinem Übungshelm. »Ich glaube, unser Capitan hat mir doch etwas beigebracht.«
»Quatsch nicht so viel, Roscoe! Kämpf lieber!«, rief Felis Lagun in den Ring. Sie hieb in die Luft und hüpfte von einem Bein auf das andere, um nicht kalt zu werden. Während des Trainings trug Felis nun ein Haarnetz unter ihrem braunen Helm.
»Jetzt verlangt sogar die nette Lagun, dass ich dir den Arsch versohle, Caron«, meinte Venlok und wollte nochmal grinsen. Doch dazu kam es nicht.
Caron nutzte den Bruchteil der Sekunde, in dem Venlok seine Aufmerksamkeit ans Reden verschwendet hatte, und trat ihm seitlich gegen den Oberschenkel. Er erwischte punktgenau die Stelle, an der weder die weichen Rüstungsplatten noch irgendwelche dicke Muskeln Venloks empfindliche Knochenhaut gegen den Tritt wappnen konnten.
»Au, verflucht, Salvador!«
Caron traf dieselbe Stelle direkt ein zweites Mal. Die Anzeige registrierte keinen Trefferwert, aber Venloks rechtes Bein knickte ein. Bevor er stürzte, fing Caron ihn auf. Venlok drückte fünf Mal kurz hintereinander die sogenannte Handtuch-Taste am Steiß, eine Sirene quäkte misstönend und der Kampf war vorüber. Malico, Martill und Navaja applaudierten kurz.
»Du kannst ja ein richtig mieses Stück sein, Caron«, wunderte Venlok sich. »Der Tritt war so hinterhältig, der hätte glatt aus Adamantos kleiner Trickkiste stammen können. Hattest du vor, mir das Bein zu brechen?«
Caron schüttelte den Kopf. »In ein paar Minuten kannst du wieder stehen. Es tut nur weh. Alles, was ich wollte, war, dich zu einem schnellen Aufgeben zu bewegen«, meinte er und grinste dabei.
Venlok wollte beim Humpeln das rechte Bein belasten, verzog aber sofort das Gesicht. »Fühlt sich trotzdem an wie gebrochen.«
»Du hast es auch nicht anders verdient, Roscoe«, frotzelte Felis, während sie mit Gente Martill im Schlepptau in den Ring tänzelte. »Du hast Caron vorher trotz der Rüstung mindestens zwei üble blaue Flecke an den Rippen verpasst, möchte ich wetten.« Dabei schenkte sie Caron ein mitfühlendes Zwinkern.
Venlok setzte zu einer ärgerlichen Erwiderung an, doch lenkte dann sofort ein. »Vermutlich hast du damit sogar recht, Lagun.« Schließlich ließ er sich von Caron aus dem Kampfkreis ziehen. Während der ihm auch beim Hinsetzen auf den Hallenboden helfen musste, nahm Martill gegenüber von Felis Aufstellung.
Ihr Kampf dauerte nur kurz.
»Du bist ganz schön flink«, fasste der Veteran nach einem Dreirundenkampf zusammen.
Die einen Kopf kleinere Frau entgegnete missmutig: »Danke. Aber für einen Sieg hat es wohl trotzdem nicht gelangt.« Dennoch nickte Venlok, der in der Zwischenzeit wieder alleine stehen konnte, ihr anerkennend zu.
Caron war aufgefallen, dass es um sie herum immer lauter geworden war. So gut Laguns artistisch anmutende Vorstellung auch gewesen sein mochte, sie konnte wohl kaum für ein solches Spektakel gesorgt haben. Als Caron sich umblickte, stellte er dann auch fest, dass die beiden Kampfkreise neben ihnen verwaist waren und sich stattdessen eine aufgeregte Menge um den übernächsten Ring versammelt hatte.
Da sich niemand außer ihnen noch an Adamantos Befehl zu halten schien, die Zweikämpfe bis zum Ende der Einheit selbstständig fortzuführen, gesellte sich Carons Trupp zu dem Gedränge.
Der neugierige Venlok bahnte sich und Caron einen Weg durch die Kadetten, um näher an das Geschehen heranzukommen. Capitan Adamanto kämpfte gegen die große Frau mit dem blonden Bürstenschnitt. Natürlich trugen sie das Duelo ohne Schutzausrüstung aus und es ging mächtig zur Sache.
Zusammen mit unablässigen Schlagfolgen von Handkanten und Fäusten flog ein glitzernder Regen aus Schweißtropfen durch den Ring. Wie aus einer Kehle fingen die ersten Aracas an zu johlen, als Adamanto einem rasanten Kniestoß seiner Gegnerin nicht ganz ausweichen konnte. War es Überraschung oder Schmerz, was ihn aufkeuchen ließ?
Sofort ging der Capitan in die Offensive. Die Einzige, die dem Stakkato seiner Hiebe noch vernünftig folgen konnte, schien die blonde Frau zu sein, denn sie wich gewandt jedem Stoß aus.
Adamanto wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn und startete eine weitere Attacke. Dieses Mal wechselten sich Tritte und Schläge in unregelmäßigem Rhythmus ab. Aber die Frau blockte auch jetzt ohne ein Zeichen von Unsicherheit jede seiner Maßnahmen ab. Sie quittierte die Bemühungen des Capitans zwischendurch sogar mit einem Lächeln, das man unter anderen Umständen als kokett hätte bezeichnen können.
Caron ging jede Wette ein, dass Adamanto nun endlich die Beherrschung verlieren würde. Doch die Blonde ließ ihm keine Zeit dafür. Sie wechselte übergangslos aus der Defensive wieder in den Angriff. Des Capitans Unterarme waren stets zwischen ihren Schwingern und seinem Körper, doch seine Bewegungen wirkten mit einem Mal schwerfälliger und Caron fragte sich, wie lange das Duell der beiden wohl schon andauerte.
Trotz aller Anstrengungen hatte Adamanto noch eine Überraschung parat. In einer Sekunde noch müde wirkend, wich er in der nächsten einem Schlag aus und wollte nach seiner Kontrahentin greifen. Die trat im selben Moment einen Schritt zur Seite, packte Adamantos Handgelenk, drehte sich an ihm vorbei und ihm seinen Arm auf den Rücken. Leise knackte etwas in Adamantos Schulter, doch er verzog keine Miene. Die Blonde stand jetzt nah hinter ihm, jederzeit bereit ein weiteres Mal an dem verdrehten Arm zu rucken.
Knapp nickte Adamanto. »Okay, Kessler. Sie haben gewonnen.«
Daraufhin gab die Blonde ihn frei, verblieb aber in Kampfhaltung und ließ Adamanto keinen Sekundenbruchteil aus den Augen.
Der Capitan trat einen Schritt zurück, rollte die Schulter einmal vorsichtig, wieder knackte es dezent und er verbeugte sich vor Kessler. Erst jetzt nahm sie die Hände runter, entspannte ihre Haltung.
Die Hälfte der Kadetten klatschte anerkennend, die andere Hälfte guckte verdrossen oder schüttelte gar den Kopf. Caron gehörte zu denen, die klatschten.
Hatte ihm die Blonde da eben ein kurzes Lächeln geschenkt? Doch, hatte sie. Caron war sich fast sicher. Seine Wangen wurden warm.
»Ich weiß gar nicht, was es hier zu glotzen gibt!«, trieb Adamanto seinen Zug wieder auseinander. »Ihr hattet doch wohl Befehl, waffenlose Duelos zu trainieren, bis ich etwas anderes sage! Also ab!«
Venlok hatte nicht geklatscht. »Wenn ich so ein ›Wunschkind‹ wäre, dann würde ich Adamanto genauso leicht die Scheiße aus dem Leib prügeln.« Er sah so aus als wolle er auf den Hallenboden speien.
»Wie meinst du das?«, wollte Caron wissen, als die Kadetten langsam zu ihren Kreisen zurückkehrten.
»Weißt du denn nicht, wer die blonde Giraffe ist?«
»Sollte ich das?«
»Na, immerhin wart ihr beide auf dem gleichen Militärkollegium. Wenn sie dort auch nur die letzten beiden Jahrgänge besucht hat. Das ist Jayd Kessler, Bellow Kesslers Tochter.«
Natürlich hatte Caron von Kessler, dem Vorstand der Industrie für Handhabungsautomaten, gehört. Allerdings hatte er dessen Tochter nie zu Gesicht bekommen.
»Ganz schön hellhäutig für eine Kessler«, merkte er deswegen an.
»Darum geht es doch, Mann.« Nun stellten sich Navaja und Malico in ihren Kampfring, während Caron und Venlok sich weiter unterhielten. »Sie ist ein Klon. Sozusagen zusammengebastelt aus den besten Eigenschaften, die man für viel Geld kriegen kann.« Venlok wirkte noch ärgerlicher als zu dem Zeitpunkt, als er gestern von den Medicos aus seinem unfreiwilligen Koma geholt worden war. »Ich habe gar nichts dagegen, wenn sie mir im Labor einen neuen Arsch züchten, weil mir die Okkulten das Original weggezaubert haben, aber diese Typen aus den Geburtsröhren, die machen mir Gänsehaut. Die sind nicht ganz dicht.«
Das Klonen war auf dem gesamten Kontinent bis jetzt noch keine exakte Wissenschaft. Körperteile und Tiere konnten zwar exakt kopiert werden, aber das Zusammenstellen eines ganzen menschlichen Individuums war vom Ergebnis her oft mit Überraschungen verbunden. Die meisten Klone waren entweder von Anfang an nicht entwicklungsfähig und verblieben für den Rest ihrer jämmerlichen Existenz auf der Stufe eines sabbernden Kleinkindes oder sie durchlitten später, im Laufe der Pubertät, nicht erklärbare psychische Traumata. Kurze Zeit später wurden die meisten schlichtweg wahnsinnig. Nur wenige überlebten gesund das zwanzigste Lebensjahr.
Nichtsdestotrotz war ihm Jayd Kessler bis jetzt nicht verrückt vorgekommen. Und vorhin hatte sie ihn kurz angelächelt. Daran hatte er jetzt keinen Zweifel mehr.
—
»Hey, Caron! Du hältst schon wieder alle auf!« Caron bekam einen leichten Knuff in den Rücken. »Wenn unser Zug schon mal als Erster an der Rationsausgabe steht, will ich nicht trotzdem hinterher wieder wie eine Irre schlingen müssen. Die Mittagspause ist kurz genug.«
Dass Venlok schon drei Schritte von ihm weg war, hatte Caron gar nicht bemerkt. »´tschuldigung, Lagun«, stammelte er.
Bevor er durch Felis´ Knuff in eine Wirklichkeit aus klapperndem Besteck und lauten Gesprächen zurückgerissen worden war, hatte sich erneut Jayd Kesslers Blitzlächeln in seinen Verstand geschlichen.
»Du solltest es eigentlich besser wissen«, ermahnte er sich innerlich. Langsam kam er sich schon wie sein jüngerer Bruder Sito vor. Das Lächeln einer Frau, vor allem wenn sie die Tochter eines ambitionierten Industriemagnaten war, konnte alles Mögliche bedeuten. Andererseits konnte Jayd aber auch kaum ahnen, wer sich hinter dem Namen Salvador verbarg. Oder reichte ihr schon die Aussicht darauf, dass er die Gunst des Dynasten genoss? Waren sie sich vielleicht vorher bei irgendeinem offiziellen Anlass schon mal begegnet? Sicher nicht. An eine Ein-Meter-Neunzig-Blondine hätte er sich garantiert noch erinnert. Der Hautton des typischen Einwohners von Trentagon war der von dunkler Bronze und die meisten hatten schwarzes oder zumindest dunkelbraunes Haar. Auch wurden in der Regel hier bloß Männer dermaßen groß. Mit ihrer Erscheinung wäre Jayd selbst auf den bunten Empfängen des Dynasten zum Jahreswechsel aufgefallen und hätte unter den hohen Regentschaftsbeamtinnen wochenlang für Gesprächsstoff gesorgt. Aber auch wenn Jayds Verhalten nicht zwangsläufig einen opportunistischen Zweck haben musste, nahm Caron sich vor, besser vorsichtig zu sein.
»Wo bleibst du denn?« Diesmal war es Venlok, der ihn am Uniformkragen nach vorn zog. »Auf der Karte steht heute endlich Fleisch. Ist zwar Retortensteak, aber solange es kein Bewusstsein hat, bin ich Geklontem durchaus nicht abgeneigt.«
Der Portionierautomaton wirbelte mit seinen vier Servierarmen hinter der Metalltheke herum wie der Klingenjongleur eines Entertainmentpanoptikums. Nachdem er ihnen ein paar ledrige Proteinmatten, einen Klacks Stärkebrei und zur Unkenntlichkeit zerkochtes Gemüse auf die Blechtrays getafelt hatte, schaute Venlok längst nicht mehr so begeistert. Sanft drückte Lagun ihn zum nächsten freien Tisch und der Rest der Truppe folgte. Caron sah sich nach Kesslers Tochter um. Sie saß mit ihrer Gruppe am anderen Ende der spartanischen Messehalle.
»Die Ausbildung mag ja spitze sein, aber die Verpflegung ist jämmerlich«, klagte Venlok nach dem Hinsetzen. »Ich glaube, mein Gemüse schmeckt nach Servoöl von dem verdammten Roboter. Haben die hier keinen menschlichen Koch?«
»Doch, haben sie«, erwiderte Caron abwesend, da er den freundlichen, etwas eigenwilligen Küchenchef bei seinem ersten Reinigungsdienst hier kennengelernt hatte.
»Beschwer dich, soviel du willst, Roscoe! Hauptsache, du verträgst den Pamps«, mischte sich Navaja ein.
Venlok fuhrwerkte mit dem Messer an seinem »Steak« herum. »Ich werde schon nicht dran verrecken. Aber die Geschmacksnerven könnten mir an dem Fraß schon veröden.«
»Das ist mein Ernst, Mann!« Navajas hakennasige Miene wirkte noch grimmiger als ohnehin schon. »In den ersten drei Monaten kriegst du genau das Essen, das du auch in Sondereinsätzen oder beim Fronteinsatz vorgesetzt bekommst. Verträgst du das nicht, schicken sie dich und deinen empfindlichen Magen sofort wieder zurück nach Hause.«
»Das darf doch wohl nicht wahr sein«, stöhnte Malico auf. »Hier ist sogar das Essen eine Prüfung.
Lagun lachte. »Schmecken tut es jedenfalls so. Hey, Salvador!« Sie winkte mit der Gabel vor Carons Gesicht herum. »Isst du das noch oder starrst du nur drauf?«
Wieder schreckte Caron auf und fing sofort an zu essen.
Lagun lachte erneut. »Sonst hast du Manieren wie ein Oberschichtenschnösel. Aber heute ...«
Während die anderen über den kommenden Unterricht an den Waffen spekulierten, schaufelte Caron für den Rest der Pause seinen Stärkebrei genauso schweigsam wie Martill in sich hinein.
Er machte sich definitiv zu viele Gedanken über Jayd Kessler.
—
Leuchtende Flecken tanzten vor Carons Augen.
Plötzlich tauchte ein buntes Wischen hinter einer Häuserecke auf.
Egal, was es war, er zog den Abzug durch.
Während das Feuerstoßstakkato seines Lasergewehrs für einen Augenblick das Halbdunkel zerriss, wurden die Schussgeräusche vom Helm seltsam dumpf gehalten.
Hatte er getroffen?
Ein weiterer Schemen tauchte vor ihm auf. Diesmal ein eindeutig menschlicher Umriss. Er schoss sofort nochmal.
Zack!
Der Schemen verschwand.
Seit drei geschlagenen Tagen wurde dieser Kampfparcours von den Aracas jetzt schon durchgeführt, doch die Zielpositronik der Visierbrille verwirrte Caron immer noch mehr, als dass sie ihm half. Das ständige Blinken und Blitzen in seinem Blickfeld und die flackernde Zahlenflut der Anzeige in der Randzone machten ihm ein konzentriertes Vorrücken nicht gerade leicht. Sogar in den kurzen Schlafphasen verfolgte ihn dieses Lichtgewitter.
Caron blinzelte angestrengt. Hatte sich der Gegner dort vorne nochmal geregt? Oh, Mann! Er war ganz schön fertig.
Doch egal, ob er die letzten beiden Feinde erwischt hatte oder nicht, er und sein Mitstreiter waren auf jeden Fall noch am Leben. Immerhin etwas. Das jaulende Abbruchsignal kannte er nämlich mittlerweile nur zu gut. Bis jetzt hatte es praktisch jeden seiner Durchgänge beendet. Es ließ ihn nicht nur immer wieder halb taub werden, sondern hatte auch jedes Mal eine Standpauke durch Capitan Adamanto zur Folge.
Ah, jetzt hatte Caron die Situation einigermaßen erfasst. Sein Truppencompañero lag zehn Meter weiter vor ihm in Deckung. Etwa fünfzig Meter weiter weg befand sich die Nordwand der riesigen Übungshalle. Die Holoprojektoren des Simulators hatten sie zu einer Gebäudefront umstrukturiert, hinter der sich die Mitglieder einer Sekte verschanzt hatten. Ziel war es, alle Wächter zwischen der eigenen Position und dem Eingang zu neutralisieren. Danach hieß es, diejenigen, die hinter den Fenstern lauerten, auszuschalten und letztendlich den Eingang für nachrückende Einheiten zu sichern.
»Ich warte«, kam eine knappe Bemerkung aus dem Helmlautsprecher.
Die Software des Truppenfunks anonymisierte zwar die Stimme, aber Caron war sich sicher, dass es sich bei seinem Partner um den wortkargen Navaja handelte. Jeder andere hätte ihn wohl sehr viel blumiger zur Eile angetrieben.
»Bin auf dem Weg!«, gab er zurück und stürmte hinter seiner eigenen Deckung, einem zerbeulten Container, hervor.
Navaja kam hoch und beharkte die Gebäudefront mit Salven aus dem kurzen Sturmgewehr der Sinistra. Vor dem Loslaufen hätte Caron eigentlich seinen Schildarm aus der Deckung strecken sollen, um zu überprüfen, ob er noch die Aufmerksamkeit des Feindes genoss. Und als hätte der Simulator seine Gedanken gelesen, rollte trotz Navajas Deckungssalven plötzlich eine breite Feuersäule auf Caron zu. Irgendjemand hatte ihn noch auf dem Schirm und dieser Jemand hetzte ihm einen Flammenzauber auf den Hals!
Prompt änderte Caron die Richtung, sprintete nicht geradeaus zu der kleinen Mauer, sondern schlug einen Haken und landete hinter dem gleichen Schweberwrack, hinter dem sich auch Navaja versteckte. Schwer atmend warf er sich neben den Mann, den er für Navaja hielt.
»Was soll das denn?«, regte sich der Kadett in der vollen Kampfmontur auf. »Jetzt braucht es nur eine einzige Granate oder einen Kugelblitz und wir sind beide auf einen Schlag ausgelöscht.«
Caron hatte vor lauter Panik und Müdigkeit die grundlegenden Lektionen seiner Basisausbildung vergessen. Den Abschuss einer Sprengkapsel praktisch im Ohr, schluckte er einen Fluch hinunter.
»Kümmer dich um Missionsziel drei!« Der andere braun Uniformierte zog den Abzug des Panzerbrechers durch und hielt ihn fest. Ein Summton in höher werdender Frequenz ertönte. Dann stieß er gegen Carons Schulterplatte und zeigte zum Eingang. »Egal, was passiert! Renn bis zum großen Schott in einem durch! Lauf!«
Caron schnellte hinter dem Wrack hervor und rannte los. Erneut wurde er unter Feuer genommen. Dieses Mal war es normales Gewehrfeuer, aber der Schütze ließ beinahe sofort wieder von ihm ab. Navaja, oder wer auch immer da hinter ihm zurückblieb, bot sich als sehr viel einladendere Zielscheibe an. Dann krachte es hinter dem Schweberwrack. Navaja hatte den Abzug seines Gewehrs freigegeben.
In gleißendem Blau blitzte ein armdicker Strahl aus dem Gewehrlauf in das Fenster, aus dem die Schüsse kamen.
Flammen und Qualm pilzten aus der Öffnung in der Mauer. Der Feindbeschuss brach ab und Caron warf sich seitlich neben den Eingang. Wie zur Antwort schmetterte irgendjemand blindlings einen Blitz aus dem schwarzen Rechteck keine Handbreit an ihm vorbei.
Obwohl das polarisierte Visier noch keine freie Sicht zuließ, feuerte Caron nach Gefühl zwei Narkotik-Granaten durch das holografische Tor und …
… ein fröhliches Trillern beendete die Übung.
Ja! Sie hatten es hingekriegt. Caron ballte eine Faust. Zwischendurch hatte es übel ausgesehen, aber endlich hatten sie den »Häusersturm« bewältigt.
Er langte an den Helmverschluss.
»Salvador! Helm auflassen!«, fuhr Capitan Adamanto ihn über Funk an. »Ich beende die Übung, nicht der Computer! Jetzt schnappen Sie sich Ihren Compañero und dann will ich Sie beide, marsch, marsch, an der Startbarrikade zur Abschlussbesprechung sehen!«
Wie hatte der alte Fuchs das mit dem Helm nur wieder ahnen können? Caron gab seinem Mitstreiter hinter dem brennenden Schweber ein Zeichen und sie liefen Seite an Seite durch die trümmerübersäte Straßenschlucht zurück. An der stählernen Abwehrsperre, an der sie vor vielleicht zehn, fünfzehn Minuten mit dem »Häusersturm« begonnen hatten, wurden sie bereits ungeduldig erwartet.
»Schwere Munition, Sturmgewehr, Pistole und Säbel! In den kommenden Wochen werden wir herausfinden, welche Art Kämpfer in euch steckt«, hatte Adamanto zu Beginn der Waffenausbildung gesagt. Nun, vor der Ausbildung bei der Sinistra hatte Caron an allen Waffen brilliert. Doch im Bunker herrschten gänzlich andere Bedingungen als auf den Trainingsfeldern des Regierungssitzes. Bei der Sinistra fing er fast bei null wieder an. Jetzt war er selber gespannt darauf, wie Adamanto ihn nach dieser Leistung einschätzen würde.
Zusammen mit zwei anderen Kadetten stand Capitan Adamanto neben einer Gruppe Gefallener. Mittlerweile war die Sicht des Visiers von »Wärmebild« wieder auf »Normallichtbetoner« zurückgesprungen und Caron konnte erkennen, dass ein paar der Gefallenen lichterloh brannten. Der ölige Qualm, der von ihnen ausging, erfüllte die ersten zwanzig Meter der Strecke beinah vollständig. Wie froh war Caron doch, dass der Manöverrechner keinen Geruch simulieren konnte. Während der Capitan die behandschuhten Hände hinter dem Rücken verschränkte, nahmen Caron und sein Mitstreiter Haltung vor ihm an.
»Übungseinheit ›Häusersturm‹ erfolgreich absolviert! Melden uns zum Debriefing, Capitan!« Wenn die ersten Wochen Carons Truppe sonst nur wenig vorangebracht hatten, das synchrone Melden funktionierte nahezu perfekt.
Adamanto nickte. »Helme ab!« Hinter seinem Rücken holte er das schwarz gerahmte Display eines Datenbewahrers hervor.
Caron war froh, seinen »Kübel«, wie er den hoch technisierten Kommunikationshelm der Sinistra gerne schimpfte, endlich los zu sein. Nach dem Ausschalten der Visierbrille hatte sich die Halle vom Kriegsgebiet in eine Strecke voller monochromer kastenförmiger Hindernisse verwandelt. Die gerade noch so schwer zu befriedende Häuserfront war wieder eine Wand aus Nietstahlplatten. Neben Caron kam zu seinem großen Erstaunen Martill unter dem Helm zum Vorschein. Bei den Gestalten in Adamantos Rücken handelte es sich um Kessler und einen ihrer Compañeros. Offensichtlich hatten sie den Parcours nebenan absolviert.
»Einundfünfzig Prozent«, stellte Adamanto nach einem raschen Blick auf sein Display fest. »Mit Ruhm und Ehre haben Sie sich ja nicht gerade bekleckert, Salvador. Danken Sie Martill, dass er Ihnen am Ende die Cojones gerettet hat, sonst wären Sie nicht mal bis auf effektiven Kampfradius an das Ziel herangekommen.«
Caron wusste nicht, was er sage sollte. Ihm war klar gewesen, dass sie nicht gerade mustergültig durch die Übung gegangen waren, aber mit einem weiteren Anschiss hatte er nun wirklich nicht gerechnet.
Adamanto hatte wohl keine Antwort von Caron erwartet. Er schüttelte bloß Kopf samt Schiffchen. »Einundfünfzig Prozent, bei der Schwurhand. Bevor ich Ihren Trupp an den ›Häusersturm mit Abwehr durch schwere Hexerei‹ lasse, schauen Sie sich mal an, wie Kessler und Shrouk das machen. Die waren fast doppelt so schnell und hatten achtundneunzig Prozent beim Abschluss. Wegtreten!«
»Auf Ihre Order, Capitan!«
Als Adamanto sich abwandte, blitze wieder ein Lächeln in Jayd Kesslers Gesicht auf, aber diesmal war es eindeutig kein Flirtversuch. Diesmal war es als Herausforderung gedacht.
—
Über den gesamten ersten Monat waren die Kadetten dazu angehalten, ihre Zeit praktisch nur innerhalb des eigenen Trupps zu verbringen – selbst die dienstfreien Stunden. So wohnten Caron und Jayd Kessler zwar praktisch Wand an Wand, er kam jedoch nicht dazu, andere Worte als die vorgeschriebenen Grußformeln mit ihr auszutauschen. Alles, was er wusste, war, dass es in ihrer Gruppe gut voranging.Entgegen der groben Art, die Capitan Adamanto sonst durchgängig nach außen zeigte, wusste er geschickt, jeden einzelnen Kadetten mal mehr, mal weniger subtil zu fordern, sich in Menschenführung zu bewähren. Dies hatte zur Folge, dass sich in den übrigen Trupps in der Zwischenzeit ein bis zwei Kandidaten herauskristallisierten, die die Initiative ergriffen und denen die restlichen Teamkameraden folgten.
Einzig in Carons Truppe galt es den Posten eines solchen Anführers noch zu besetzen. Zwar richteten sich die sechs Kadetten aus Raum 3-2 im Ernstfall nach der Meinung von Gente Martill, weil er der Älteste und Erfahrenste von ihnen war, doch legten gerade Venlok, Malico und Caron selbst oft einen solchen Eigensinn an den Tag, dass von einer eindeutigen Führung noch lange keine Rede sein konnte. Da hatte auch Adamanto nichts bewegen können.Trotzdem träumte Caron schon davon, wie es sein würde, wenn der Capitan seine Schulterspange einst abnahm, sie mit Carons eigener verband und ihm alle Zugangsfreigaben eines Truppführers übertrug ...
Eines Abends, Caron kam mit seiner Truppe im Schlepptau gerade frustriert von einer Strafstunde Waffenkunde zurück, wurden sie von hinten angesprochen.
»Hey, Jungs! Ich glaube, wir sollten mal reden!«
Jayd Kessler! Sie passierte gerade einen tonnenförmigen Putzdroiden, der mit seinen ausladenden Gummikreiseln den Korridor wienerte.
»Ehrlich gesagt, Wunderkind, wüsste ich nicht, was es zu bereden gäbe«, wies Malico die hochgewachsene Jayd direkt ab.
Caron wollte nicht, dass ein falscher Eindruck entstand, und versuchte sofort, die Wogen zu glätten. »Ein kleines Gespräch unter Compañeros kann doch nicht schaden. Was gibt es denn?« Er wollte anhalten, doch die anderen gingen einfach weiter.
»So wie es aussieht, könnte ich euch vielleicht ein paar Tipps im Umgang mit Capitan Adamanto stecken. Schließlich sollen doch die meisten, die nach dem Abschlusstraining hierbleiben, Aracas sein, oder? Ich jedenfalls würde mich ungern an zu viele neue Gesichter gewöhnen müssen.« Diesmal hatte Jayds Lächeln etwas unverfälscht Freundliches.
»Komm schon, Caron!« Lagun zog an seinem Ärmel, noch bevor er das Lächeln erwidern konnte. »Wir sind alle ziemlich fertig. Lass uns den Abend mit was Angenehmerem verbringen als einem Ratgeber aus dem Reagenzglas.«
Caron verstand die Welt nicht mehr. Sogar die sonst so herzliche Lagun schien Vorbehalte gegen Klone zu haben. Auch wenn es ihm schwerfiel, wollte er den brüchigen Frieden in seiner Truppe nicht gefährden. So zuckte er lediglich entschuldigend mit den Schultern und kaum hatte er »Ein anderes Mal« über die Lippen gebracht, da hatte Felis ihn auch schon fortgezerrt. Mit einem nicht zu deutenden Gesichtsausdruck ließen sie Jayd Kessler im Gang zurück.
—
Zum guten Schluss gab es doch noch etwas, womit Caron bei Capitan Adamanto Eindruck schinden konnte. Nachdem sie im ersten Monat an den Vormittagen mit taktischem Unterricht über Straßenkampf und an den Nachmittagen mit Combatparcours oder Waffenkunde gequält worden waren, hatte der Automaton an der Waffenausgabe eines schönen Morgens für alle Kadetten die Lagerfächer für Hieb- und Stichwaffen geöffnet. Und speziell für Caron eröffneten sich dadurch ganz neue Perspektiven.
Der Säbel der Scimitar, der Schwertkadetten der Sinistra! Dieses für manche etwas umständlich erscheinende Schwert mit der typisch kantigen Klinge war schon immer Carons Lieblingswaffe gewesen. Kaum spürte er die Griffumwicklung aus grober Schildrinde, fühlte er sich wieder wie ein Krieger. Von einer Sekunde auf die nächste waren die Zeiten vergessen, in denen er Venlok oder Lagun visierblind über die Übungsbahnen hinterhergejagt war, um in dem ganzen Chaos doch nur die Hälfte aller Gegner zu treffen. Jetzt konnte er ohne diesen dummen, beengenden Helm zeigen, was er drauf hatte. Laut Maestro Govan war es sowieso besser, sich auf die Kraft seiner eigenen Augen zu verlassen als auf die Unterstützung technischer Hilfsmittel.
Dementsprechend selbstbewusst trat er auf. Nach den ersten Konfrontationen in den Kampfringen stellte sich sehr schnell heraus, dass Caron und Malico wohl die Schwertkämpfer ihrer Truppe werden würden. Malico schien diese Vorstellung wenig zu behagen. Caron hingegen war begeistert. Er malte sich den stolzen Gesichtsausdruck seines Vaters aus, sobald der durch eins der zahlreichen Geheimdossiers davon erfuhr, dass sein Sohn ein Scimitar geworden war. All die Schande der Wochen vorher war damit ausgelöscht und Carons Welt wieder in Ordnung.
Als er schwitzend und glücklich seinen letzen Säbeltanz des Tages mit Martill ausgetragen hatte und sie ihre Abschlussbesprechung erwarteten, fasste Adamanto zusammen: »Da scheinen wir doch endlich etwas entdeckt zu haben, wofür man Sie bei den Aracas gebrauchen kann, Salvador. Und ich habe mich schon gefragt, wie das Militärkollegium Balota uns nur so ein halbgares Bürschchen schicken konnte.« Endlich lag so etwas wie Anerkennung in der Stimme des Capitans. »Die Scimitar sind die vorderste Frontlinie, die ersten, die einen Raum stürmen, der Schild zwischen den Okkulten und den Stormgunnern. Als ein Scimitar sind Sie dem Tod näher als jeder andere. Ist Ihnen das klar, Junge?«
»Ja, Capitan«, brüllte Caron aus voller Brust.
»Gut. Wegtreten, Cadetto Salvador!«
—
Natürlich konnte Capitan Adamanto es nicht einfach bei der Anerkennung von Carons guter Leistung belassen. Für ihn war jede Begabung noch steigerungsfähig. Und da er keinen Hehl daraus machte, dass gerade bei Caron noch Nachholbedarf bestand, was das Kennenlernen seiner Compañeros bis in die letzte Nervenfaser anbetraf, standen am nächsten Tag wieder Säbeltänze auf dem Trainingsplan. Zunächst gegen Fechtdroiden, spindeldürre Metallirrwische, die Caron trotz ihrer präzisen Hiebprogramme nur wenig entgegensetzen konnten. Und danach ging es wieder gegen die eigenen Leute, aber diesmal in Sturmhauben. Im Verlauf der Duelos sollte Caron so schnell wie möglich herausfinden, gegen wen er da antrat.
Der Erste war Venlok. Caron war sich spätestens nach dem dritten Schlag hundertprozentig sicher. Der auffällige Körperbau und die leicht vorhersehbare, plumpe Technik machten es für Caron offensichtlich, dass unter der gewickelten Sturmhaube nur Roscoe Venlok stecken konnte. Und genauso verhielt es sich.
Es folgte Navaja. Anfangs war Caron sich nicht wirklich klar darüber, da Navaja und Martill sehr ähnlich kämpften, aber irgendwann bemerkte er an seinem Gegner eine gewisse Finesse bei seinen Angriffen, die Martill einfach abging. Und auch hier behielt er recht.
Was allerdings mit Malico über Nacht geschehen war, darüber konnte Caron nur rätseln. Carons Überraschung setzte ein, als die Klinge seines Gegenübers gleich zu Beginn ein bedrohliches Summen von sich gab. Die Vibrationsautomatik wurde im Sparring nur gegen anorganische Ziele eingesetzt. Wollte Malico Caron etwa verwirren? Und war so etwas bei einem Übungsduelo überhaupt erlaubt? Mit angeschalteter Klinge konnte es leicht zu Verletzungen kommen, weil nun der Übungspanzer der Kadetten einen Säbelhieb nicht mehr abfangen konnte.
Capitan Adamanto schritt nicht ein, also betätigte Caron den versenkten Schalter unter dem Heft des Säbels. Böse schnurrend erwachte seine Klinge ebenfalls zum Leben. Alle hielten die Luft an.
Es folgte eine Phase, in der Malico Caron regelrecht belauerte. Seine ersten Stöße erfolgten recht halbherzig und Caron dachte schon, sein Gegner wäre entweder noch müde vom gestrigen Duellmarathon oder er hätte heute einfach keine richtige Lust, nochmal gegen ihn anzutreten. Vielleicht wollte er ihn aber auch einfach nur einlullen, denn das gegenseitige Abtasten hatten sie eigentlich gestern schon abgehakt.
Urplötzlich eröffnete Malico einen regelrechten Blitzregen von Kopfhieben gegen Caron. Der riss zur Abwehr seine Klinge hoch.
Als die vibrierenden Induktionsmetalle aufeinanderprallten, stoben Funken in alle Richtungen. Anfangs verblüfft, ließ Caron sich nach dem vierten Hieb nicht mehr aus der Ruhe bringen. Seine ausgewogene Beinarbeit sorgte für eine feste, unnachgiebige Position, seine schnellen Reflexe dafür, dass er nie in die Gefahr eines direkten Treffers geriet.
Hatte das kleine Zwiegespräch der beiden gestern dazu geführt, dass Malico Caron heute unbedingt eine Lektion erteilen wollte? Caron hatte doch nur von der Ehre der Scimitar geschwärmt, während Malico immer wieder die höheren Überlebenschancen eines Stormgunners dagegengehalten hatte. Caron fand die Einstellung seines Compañeros selbstverständlich rückgratlos. Vor allem für einen angehenden Sinistra, der zu allem Überfluss Jayd Kessler aus weitaus geringeren Gründen verachtete, war das unangemessen. Aber ganz diplomatisch und um Harmonie bemüht, hatte er mit seiner Meinung geflissentlich hinter dem Berg gehalten. Hatte er jedenfalls gedacht. War ihm vielleicht trotzdem ein unvorsichtiges Wort herausgerutscht? Er konnte sich nicht mehr ganz genau erinnern, aber wenn Malico wirklich dermaßen nachtragend war, würde Caron ein echtes Problem mit ihm bekommen. Kameradschaft hin oder her.
Nun wurde Caron das erste Mal ein Stück zurückgedrängt. Malico war vom Schlagen zum Stoßen übergegangen, und das so aggressiv, dass Caron sich die meisten Attacken mithilfe des Klingenfängers am Heft vom Leib halten musste. Warm ergoss sich der Funkenregen der Vibroklingen über seine Unterarme. Schweiß sickerte in den braunen Kampfanzug. Unvermittelt aktivierte Capitan Adamanto das glitzernde Sperrfeld des Kampfrings, um die Zuschauer vor unvorsichtigen Säbelschlägen zu bewahren.
Malico fing an, seine Angriffsmuster in ständiger Folge zu wechseln. Hieb folgte auf Finte, Stoß auf Hieb und Finte auf Stoß.
Caron hielt dagegen.
Er und Malico trieben sich in dem runden Sperrfeld hin und her und es machte den Anschein, als erwehre sich Caron seines Kontrahenten beinahe mühelos.
Malico wurde immer ärgerlicher, Caron immer ruhiger. Irgendwann hatte er genug von Malicos Angriffen und übernahm die Offensive. Nun war es an ihm, den langsam nachlassenden Malico ein ums andere Mal in Bedrängnis zu bringen. Und der hatte wesentlich mehr Mühe damit, Carons Attacken abzuwehren, als dieser vorher Malicos.
Jetzt wurde die eine oder andere von Carons Schlagkombinationen von den Umstehenden schon mit einem Raunen quittiert. Für eine kurze Zeitspanne kontrollierte er den Kampf völlig. Malico hatte seine Kondition wohl überschätzt. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis er Caron unterlag. So schien es jedenfalls. Doch Malico hatte von Capitan Adamanto mehr gelernt, als es den Anschein erweckt hatte. In den nächsten Sekunden wurde deutlich, dass er sich nur zurückgehalten hatte, um neue Kraft zu sammeln.
Als er mit dem Rücken zum Sperrfeld stand, schnellte er unversehens aus der Defensive und griff Caron erneut an. Das war es, worauf Caron gewartet hatte. Sobald wieder einer dieser kraftvollen Abwärtshiebe auf ihn niederging, ließ er ihn an der Seite seiner Klinge abgleiten. Seine Arme brummten mächtig, als Malicos Säbel sich in seinem Klingenfänger verhakte. Dann vollführte Caron eine fließende Drehung um die eigene Achse. Dem überraschten Malico wurde die Waffe aus den Fingern gerissen und mit einem gleißenden Knistern gegen das Sperrfeld geschleudert.
Für einen Augenblick hörte man nur Malicos Atemstöße, dann wurde das Sperrfeld deaktiviert und die umstehenden Kadetten applaudierten.
Caron hörte Capitan Adamanto durch das rauschende Blut in seine Ohren fragen: »Nun, Salvador? Alles klar bei Ihnen? Gegen wen haben Sie gewonnen?«
Entgegen aller Zweifel, die ihm im Laufe der Auseinandersetzung gekommen waren, wollte Caron gerade laut »Malico!« rufen, da fiel sein Blick auf eben jenen, wie er direkt neben Adamanto stand.
»Jedenfalls niemand aus meiner Truppe, Capitan«, antwortete er stattdessen.
Als sein mysteriöser Widersacher den braunen Sturmhaubenwickel löste, zeigte sich wieder einmal Jayd Kesslers Gesicht.
Bellow Kesslers Tochter, die Frau, die tausend Arten des Lächelns zu beherrschen schien, lächelte abermals; diesmal tatsächlich bewundernd.
—
Capitan Furybund Adamanto stand regungslos im Büro des Coronels und wartete ab. Sein Schiffchen ruhte in den verschränkten Händen hinter seinem Rücken. So bekam die Deckenbeleuchtung Gelegenheit, die Narbe zwischen seinen raspelkurzen Haaren dramatisch in Szene zu setzen. Peon Duro, der Kommandant der Ausbildungskompanie, studierte auf der milchigen Holofläche vor sich die Progressionsstatistiken der jüngsten Kadettenjahrgänge.
Adamanto versuchte, seinen Blick auf den zahlreichen Auszeichnungen Duros und seiner Vorgänger an den Wänden zu belassen oder wenigstens den dürren Adjutantenautomaton in der Ecke zu fixieren. Es gelang ihm nicht. Ständig musste er auf das kleine Darstellungsrechteck links unten auf der Holofläche schauen. Die Videoübertragung war spiegelverkehrt, doch der Capitan erkannte auch so genug.
»Wann sind die Aracas soweit?«, wollte der Coronel wissen.
»Diejenigen, die schließlich bei uns bleiben können? In einem halben Jahr. Frühestens.«
Duro beschäftigte sich weiterhin mit den Zahlenkolonnen vor seinem Gesicht oder zumindest tat er so.
»Sofern sie die Ausbildung an einem Stück überstehen, werden alle bleiben.«
Duro war sein direkter Vorgesetzter. Als Soldat hätte Adamanto einem Coronel niemals widersprochen, doch irgendetwas musste verraten haben, dass er es dennoch nur zu gerne täte. Duro hob eine Hand. Jetzt starrte er Adamanto direkt durch das Holofeld an.
»Auch wenn eigentlich Sie in diesem Stuhl sitzen sollten, muss ich mich nicht vor Ihnen rechtfertigen, Adamanto. Allerdings respektiere ich Ihren Status in gewisser Weise. Deswegen möchte ich, dass Sie es wenigstens verstehen, auch wenn Sie es nicht gutheißen.«
»Es ist gleichgültig, was ich gutheiße oder nicht. Das Wohl der Kadetten liegt letztendlich in Ihren Händen, Coronel! Und solange er lebt«, er wies auf das kleine Bild links unten, »sehe ich keine Möglichkeit, der Sinistra als Vorsteher der Ausbildungskompanie oder gar des Bunkers mit ganzen Herzen zu dienen.«
Duro stand auf. »Sie sind immer noch davon überzeugt, es wäre besser gewesen, ihn zu töten, was? Selbst, nachdem er sich als eine solche Bereicherung der Ausbildung herausgestellt hat.«
»Ich würde ihn in der nächsten Sekunde umbringen, wenn man mir die Gelegenheit dazu ließe. Könnte ich die Zeit zurückdrehen, dann würde er diese Luft schon lange nicht mehr atmen.« Adamanto nahm den drohenden Zeigefinger herunter und hakte ihn wieder hinter seinen Gürtel.
»Beherrschen Sie sich, Capitan. Seit wir ihn dingfest gemacht haben, trauen sich noch nicht einmal mehr harmlose Betzirkel in die Öffentlichkeit. Wenn es hochkommt, nehmen wir vielleicht ein Mal im Monat ein paar religiöse Spinner bei illegalen Sitzungen in den Krematorien hops. Nehmen Sie Ihre Jungs also nicht so hart ran. ›Häusersturm, Hexerstufe Fünf‹, beim Herz der Wahrheit, Adamanto.«
»Meiner Meinung nach herrscht da draußen bloß die Ruhe vor einem schweren Sturm. Nur weil wir ihn hier bei uns in Gefangenschaft haben, heißt das nicht, dass seine Macht gebrochen wäre. Er hatte Tausende von Anhängern und wir haben nur ein paar hundert erwischt. Solange dieser Mann am Leben bleibt, ist die Gefahr für unseren Sektor nicht einschätzbar.«
Mit einem Handgriff kopierte der Coronel einige Dateien aus dem Holofeld, woraufhin zwei Hardcopies aus einem Schlitz seines Schreibtischs zischten. Er streckte dem Capitan die mehrschichtigen Scheiben durch das halbtransparente Weiß entgegen.
»Gut. Gehen wir für einen Moment davon aus, dass Sie recht haben und gleichzeitig spitzt sich die Lage an der Nordfront auf einmal zu: Die Freistellungsorder des Dynasten hängt wie eine stumme Drohung über dem Kopf eines jeden Sinistras. Sollten die Krieger der Wahrheit ihr tatsächlich folgen müssen, dann braucht Trentagon jeden Mann in einer braunen Uniform auf den Straßen. Sei er auch noch so jung oder unerfahren.« Jetzt wies er nochmal auf die verkleinerte Darstellung in der unteren linke Ecke. »Also sorgen Sie gefälligst dafür, dass Ihre Aracas so schnell wie möglich für ihn bereit sind, Captain Adamanto.«
»Zu Befehl, Coronel!« Adamanto nahm die Scheiben, knallte eine Hand an seinen Brustpanzer und trat ab.
Das gesamte Gespräch über hatte die Gestalt in der verschlissenen Kutte, die auf dem linken unteren Bild in ihrer dunklen Zelle kauerte, nicht einen Finger gerührt. Jetzt schaute sie langsam nach oben, aber ihr Gesicht blieb weiterhin im Schatten.
Kapitel 4
Die Aracas saßen auf den halbkreisförmigen Stuhlreihen des kleinen Holotoriums. Während auf der großen Holofläche in der Mitte die Wiedergabe der jüngsten Häuserkampfmanöver ablief, hielt Capitan Adamanto die dreidimensionale Aufzeichnung immer wieder an und machte mit seinem grünen Pointerpfeil auf Fehler einzelner Kadetten aufmerksam.
Carons Konzentration war schon vor fünf Minuten abgeschweift. Er beschäftigte sich mehr mit dem Inhalt von Jayd Kesslers persönlichem Datenbewahrer als mit den Geschehnissen in der simulierten Ritualhalle, an der Dirkun Galler und sein Team gerade klassisch scheiterten.
Jayds Platz befand sich schräg vor Caron. Sobald er sich weit genug zur Seite beugte, hatte er gute Sicht auf ihre Version des Gerätes, das alle Kadetten dafür verwendeten, Unterrichtsinhalte zu speichern und zu strukturieren. Wie im Holotorium vorgeschrieben, steckte ihr Datenbewahrer an der Gelenkstange ihrer Armlehne und versuchte von dort, aus Adamantos Lektionen sinnvolle und leicht reproduzierbare Abschnitte herzustellen. Doch dieser Vorgang war längst nicht alles, was auf dem Display ablief. Jayd hatte gerade eine Mitteilung von einem anderen Kadetten erhalten und geöffnet.
Was Celidria Brush an zeichnerischem Talent mitbrachte, war wirklich bewundernswert, dafür ging ihr sowohl an Respekt als auch an Geschmack so einiges ab. Sie hatte Jayd das Bild einer Frau übermittelt, die ein riesiges Reagenzglas an der Stelle stecken hatte, an die Trentagons Sonne keinen Strahl schicken konnte. Darüber blinkte höhnisch der Titel des Machwerks: »Mutter«.
Caron hätte am liebsten laut geflucht, aber dann hätte er sich vor allen bloßgestellt. Jayd dagegen zeigte keine erkennbare Reaktion. Sie löschte die Mitteilung und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Adamanto. Der war gerade dabei, den Durchgang von Kesslers eigener Truppe zu analysieren.
»Na warte«, dachte Caron. In Maestro Thuats Illustrierunterricht hatte er es zu einer gewissen Kunstfertigkeit gebracht. Wenn sein Talent auch nicht für einen Studienlehrgang in künstlerischer Grafik gereicht hatte, für diesen Fall würde es mehr als genügen.
Er löste den kleinen Lichtgriffel vom Datenbewahrer und machte sich an die Arbeit. Ein Auge behielt er auf Adamantos Ausführungen und eins auf seiner Zeichnung.
Irgendwie kam er sich ein wenig kindisch vor. Maestro Govan hätte über sein Tun wahrscheinlich missbilligend den Kopf geschüttelt, aber die grimmige Freude, die Caron dabei empfand, fühlte sich einfach zu gut an, als dass er sich von irgendetwas hätte abbringen lassen. Keine zwanzig Minuten später konnte er die Figur eines kleinen Adamanto und einer kleinen Celidria Brush betrachten. Nach einer Bearbeitung mit dem Animator fiel Carons Version von Celidria vor Adamantos Zeichnung auf die Knie und schob ihren Kopf genau an die Stelle, wo sich bei dem Schmähbild von Jayds Mutter das Reagenzglas befunden hatte.
Sichtlich zufrieden schickte er eine Kopie an Jayd Kesslers und eine an Cadetta Brushs Datenbewahrer.
In diesem Fall hatten sich beide Frauen weit weniger gut im Griff als vorher. Der Brush entwich ein empörtes Aufkeuchen und Jayd begann zu kichern wie ein kleines Schulmädchen. Caron durchfuhr es warm von Kopf bis Fuß.
»Salvador!«
Wie beim Heil der Wahrheit konnte Adamanto nur wissen, dass er …?
»An welchem wichtigen Element mangelt es den Durchläufen aller Truppen? Sogar dem von Kessler?«
Caron schluckte. Über die meisten der Mitschnitte konnte er nichts Aussagekräftiges sagen, da er schlichtweg nicht richtig aufgepasst hatte. Nur bei Jayds Trainingsaufzeichnung hatte er zugehört so gut es ging. Er überlegte krampfhaft. War Adamanto nicht die ganze Zeit voll des Lobes über das Team Kessler gewesen? Was war ihm beim Zeichnen entgangen?
Schließlich nahm er seinen Mut zusammen und antwortete: »Tut mir leid, Capitan. Ich weiß es nicht. Cadetta Kesslers Übung erschien mir bis auf Kleinigkeiten fehlerlos. Die Truppe hat sogar Horter, den Automaton mit der Ersatzmunition, optimal mit eingebunden.« Innerlich sah er sich schon bis zum Ellenbogen in Spülbrühe, weil in der Küche die entsprechende Maschine wieder ausgefallen war.
Doch Adamanto nickte nur leicht. »Wenn ich Sie wäre, hätte ich das Gleiche geantwortet, Salvador. Einem Sinistra mit etwas mehr Erfahrung wäre jedoch aufgefallen, dass die Übung zu früh endet und somit das Wesentliche auslässt.« Nicht nur Caron blickte jetzt fragend und Adamanto fuhr fort: »In den Übungen, die hinter Ihnen liegen, haben wir jede Form von Hexerei nachempfunden, die in Trentagon je vorgekommen ist. Aber keine Simulation reicht dabei an die Wirklichkeit heran. Wenn Sie in ein Gebäude stürmen und alle Handlanger eines Hexers beseitigt haben, dann geht der richtige Kampf erst los. Der Zirkelmeister selbst ist die größte Herausforderung im Krieg gegen das Okkulte. Erst wenn Sie ihn überwunden haben, ist Ihre Mission wirklich erledigt.« Er schaltete die Projektionssäule mit seinem Pointer aus. »Und weil sich weder die Präsenz noch die Macht eines Zirkelmeisters überzeugend nachstellen lässt, werden Sie es in zwei Wochen mit einem echten Meister seines Fachs zu tun bekommen. Die Unterrichtsvorbereitungen dafür beginnen morgen. Klasse entlassen!«
Mit schnellen Schritten verließ Adamanto das Holotorium durch den abschüssigen Gang, der die Sitzränge zerteilte.
»Ein echter Hexer! Im Centro Sinistra?«, staunte Venlok. Wie die anderen Aracas hatte auch er sich erhoben, nachdem Adamanto weg war. Wegen der Eröffnung des Capitans herrschte im Saal allgemeines Gemurmel.
Caron hatte mal wieder kein Ohr dafür. Auf seinem Datenbewahrer blinkte eine Botschaft von Jayd Kessler.
»Triff mich nach der Abendverpflegung hinter der Kantine bei den Verwertern!«
Kein besonders idyllischer Ort, aber das war ihm egal.
—
Jeder Bissen beim Abendessen ging Caron quer runter. Endlich bekam er eine Gelegenheit, ungestört mit Jayd zu reden. Sein Magen fühlte sich an, als hätte er einen Bienenstock verschluckt. Und dennoch durfte er der Verlockung seiner Gefühle nicht einfach so nachgeben, denn die Gefahr, dass jemand ihn durch Jayd manipulieren wollte, bestand durchaus. Sollte sie ihm nach dem Essen also ein romantisches Geständnis machen wollen, und da war er sich fast schon sicher, musste er gelassen bleiben. Zum Wohle Trentagons durfte er die Kontrolle über die Situation niemals verlieren.
Um Caron herum klopften Felis, Malico und Gente Sprüche und alberten herum. Die erste Woche, in der ihre Truppe sich keinen ernsthaften Rüffel von Adamanto eingefangen hatte, zeigte Wirkung.
»Wie sieht´s aus, Caron?« Nachdem er die Stabgabeln aus der Hand gelegt hatte, schlang Felis mit gespielter Zärtlichkeit einen Arm um ihn. »Wir wollen gleich noch eine Runde Battleball gegen Gallers Truppe spielen. Gehen wir beide diesmal auf eine Flügelseite?«
Caron wand sich aus ihrer Umarmung. »Tut mir leid, Lagun. Ich habe mir heute Abend einen Termin im Informationshort geben lassen, weil ich noch etwas über Adamantos ominösen Zirkelhexer herausfinden will.«
Venlok hob verwundert die Brauen.
»Seit wann bist du zum Schlaumeier mutiert, Salvador? Ich dachte, Malico wäre der Streber in unserer Gruppe.«
Malico antwortete auf Venloks Bemerkung mit einer obszönen Geste und Felis zog einen Schmollmund.
»Das ist jetzt schon das vierte Mal, dass du mir einen Korb gibst, Herzensbrecher. Solltest du mich irgendwann mal fragen, sage ich auch nein.« Sie seufzte.
»Beim nächsten Mal stehe ich unaufgefordert an deiner Seite, Felis. Versprochen.«
Felis tat so, als glaube sie ihm kein Wort.
Nachdem sie die Messehalle der Kadetten verlassen hatten, trennte sich Caron von seiner Truppe und ging Richtung Informationshort. Seine Ausrede entsprach zur Hälfte der Wahrheit. Er hatte tatsächlich einen Termin dort. Nur, dass der erst in einer Stunde war.
Er legte die Hälfte des Weges zum nächsten Fahrstuhl zurück, dann drehte er um. Wieder bei der Messe angelangt, suchte er im Korridor an der Rückseite nach einem schmalen Durchgang zwischen zwei dicken Entsorgungsrohren. Auch wenn er von keiner Tür abgegrenzt wurde, benutzten den dunklen Gang dahinter normalerweise lediglich Automatons, die Wartungsarbeiten an den Verwertern und Abflussrohren durchführten. Ganz abgesehen davon, dass es da drin wirklich eng war, stank es nach verrottenden Essensresten. Er und Jayd würden also ungestört bleiben.
Caron zwängte sich an der ersten Reihe von warmen, angelaufenen Röhren vorbei und war ziemlich froh, als sein Blick gleich danach auf Jayd fiel. Bei dem Bild, das sie im Licht eines der beleuchteten Bodengitter abgab, machte sein Herz einen Zusatzschlag. In den Kampflektionen war Jayd stahlhart und sie konnte strenger dreinblicken als Adamanto, aber selbst der alles andere als modisch geschnittene Kampfanzug der Sinistra konnte nicht verstecken, dass sie über die ansehnlichsten weiblichen Proportionen verfügte, die Caron je zu Gesicht bekommen hatte. Sie war so verdammt perfekt in jeder Hinsicht.
Zur Begrüßung schenkte Jayd ihm abermals ein Lächeln. Ein überaus warmes diesmal.
»Freut mich, dass du meine Einladung angenommen hast, Salvador.«
»Oh Mann, diesen Kameradenkram können wir uns sparen, meinst du nicht? Nenn mich Caron!«
Sie lachte. »Okay. Mir ist es auch lieber, wenn du Jayd zu mir sagst als Cadetta Kessler.«
Das war doch ein vielversprechender Anfang, dachte Caron.
»Was verschafft mir die Ehre zu diesem …«, er blickte sich zweifelnd um, »… romantischen Rendezvous?« Das Poltern aus einem der Entsorgungsrohre ließ sein letztes Wort fast untergehen.
»Zunächst wollte ich mich für dein Kunstwerk von vorhin bedanken. Seit Langem hatte ich mal wieder was zu Lachen und dann … Ich glaube, ich brauche einfach mal jemandem zum Quatschen.«
»Zum Quatschen? Redet ihr nicht in der Truppe ununterbrochen miteinander? So wie ihr die Übungen durchzieht, müsstet ihr euch doch mittlerweile in- und auswendig kennen.«
»Das täuscht«, gab Jayd betrübt zurück. »Ich gebe die Richtung vor und die anderen folgen. Und das tun sie nur, weil sie recht schnell gemerkt haben, dass ich die Beste in so ziemlich allem hier bin und etwas Gutes dabei herauskommt, wenn man sich an meine Anweisungen hält. Ein wirkliches Verhältnis habe ich zu keinem von denen.«
»Selbst zu Shrouk nicht?«, wunderte Caron sich.
Jayd schüttelte kurz den Kopf. »Selbst zu Shrouk nicht.«
»Na gut, aber gibt es bei den Aracas nicht noch dutzendweise andere, mit denen du reden könntest?«
Jayd presste die Lippen aufeinander. »Wenn du mir jetzt erzählen willst, du hättest noch nichts von den Vorurteilen mitbekommen, die gegen mich herrschen, dann habe ich mich wohl doch an den Falschen …«
»Moment, Moment!«, fiel Caron ihr ins Wort. »Natürlich habe ich von deiner … besonderen Art gehört. Aber längst nicht alle Kadetten hegen Vorurteile gegen Klone.« Jetzt war ihm der böse Begriff doch noch rausgerutscht – obwohl ihm das Wort Klon bislang gar nicht negativ erschienen war. Den Eindruck hatte er erst hier gewonnen.
Jayd starrte eine der unförmigen Stampfboxen an, schaute aber in Wahrheit ganz woanders hin. »Vor einem Monat mochte das vielleicht noch zutreffen, aber in der Zwischenzeit …«
Caron trat einen Schritt auf sie zu und konnte gerade noch den Impuls unterdrücken, einen Arm um sie zu legen, wie Lagun das eben bei ihm gemacht hatte. »Lass mich raten. Am Anfang waren wenigstens einige noch voller Bewunderung über deine Fähigkeiten und nun hast du den Eindruck, dir nach und nach alle zum Feind gemacht zu haben, nicht wahr?«
Die große Frau mit dem Bürstenschnitt nickte. »Genauso ist es. Woher weißt du das?«
»In meinen alten Ausbildungskadern herrschten ähnliche Verhältnisse wie in der Sinistra. Nur die Allerbesten kamen weiter. Unsere Gruppen waren recht klein und elitär. Erst hielten wir alle zusammen, aber dann verwandelten wir uns in erbitterte Gegner. Die anderen Kadetten haben mittlerweile mitbekommen, dass auch du nur eine weitere Konkurrentin um einen Platz bei den dreißig bist, die bleiben. So klatscht jemand an einem Tag noch Beifall, wenn du seinen Compañero besiegst, spuckt aber am nächsten Tag vor dir aus, weil er selber an dir scheitert.«
Jayd lehnte sich an eins der dickeren Rohre. »Mein Vater hatte recht. Ich hätte mich nie zur Sinistra melden sollen. Allerdings hat er mir auch wenig mit auf den Weg gegeben, um hier zu bestehen.«
Bekam Caron jetzt einen kleinen Einblick in die Familie Kessler? Die Gelegenheit war zu verlockend, um sie ungenutzt verstreichen zu lassen. »Ich verstehe nicht ganz. Nur gute Veranlagungen reichen längst nicht, um in der Sinistra voranzukommen. Deine Vorbildung erscheint mir alles andere als fehlerhaft!?«
Jetzt wirkte Jayd noch frustrierter. »Mein Vater war immer besorgt darum, dass mir eines Tages etwas zustoßen könnte. Also ist meine Kampfausbildung so perfekt gelaufen, wie man es sich nur wünscht. Seit ich vier war, weiß ich, wie man mit Stich- und Wurfmessern umgeht und seit meinem sechsten Lebensjahr gehörten Schießübungen zu meinem normalen Tagesablauf. Aber aus der gleichen Sorge, aus der er mich zur Wehrhaftigkeit erzogen hat, hat er auch dafür gesorgt, dass ich stets alleine blieb. Es gab keine Freunde oder Klassenkameraden, nur Lehrmeister und Dienstpersonal. Die Umgangformen der Sinistra sind mir völlig fremd.«
Jetzt dämmerte es Caron langsam. Noch jemand mit einem gefälschten Zeugnis. Er hatte zwar ständig ein paar der anderen Günstlinge um sich herum gehabt, trotzdem erinnerten ihn Jayds Worte frappierend an seine eigene Kindheit. Und gleichzeitig erklärte es, warum er Jayd nicht schon früher zu Gesicht bekommen hatte. Fast hätte er gelacht. Die harte Jayd Kessler! Die Frau, die sogar Capitan Adamanto im Sparring das Fürchten lehrte, kam mit den simpelsten Funktionen des sozialen Miteinanders nicht klar. Offenbar hatte man sie zeit ihres Lebens in einem goldenen Käfig gehalten und ihr dauernd bloß erzählt, wie brillant sie sei. Jetzt legte er seine Hand auf ihren Arm.
»Hab etwas Geduld. Genauso wie du dich im Kampf wieder hochrappeln kannst, nachdem man dir einen Treffer verpasst hat, kommst du auch über die Hackereien hier irgendwann hinweg. Ich bin nicht der Einzige, der bei dem Wort ›geklont‹ nicht gleich zurückzuckt. Und irgendwann wird aus ›Ich folge Kessler nur, um selber besser dazustehen‹ echte Kameradschaft. Freundschaften haben sich letztendlich auch in meinen Kadern entwickelt. Es hat halt lange gedauert.«
Jetzt sah ihm Jayd das erste Mal richtig in die Augen. »Das klingt einfach, aber ich bin mir nicht sicher …«
Und genau das war das eigentliche Problem, dachte Caron, sagte aber schnell: »Du hast meine Frage noch nicht beantwortet.«
»Frage?«
»Warum du dich ausgerechnet mit mir treffen wolltest.«
Jayds Mundwinkel zuckten leicht nach oben. »Sympathisch fand ich dich von Anfang an, aber dann hast du mich im Fechten besiegt. Spätestens da wusste ich, wenn ich mir einen echten Compañero suchen will, dann am besten einen, der einen Grund weniger hat, mich zu hassen.«
Caron spürte einen Stich. Jayd hatte bloß einen Compañero gesucht? Die Hand an ihrem Arm kam ihm mit einem Mal zu vertraulich vor. Rasch nahm er sie weg. Damit er sich nicht verriet, streckte er sie Jayd aber gleich zum Einschlagen wieder hin.
»Compañeros?«, fragte er.
»Compañeros!«, erwiderte Jayd und drückte seine Hand fester als nötig.
Caron hatte allen Grund, erleichtert zu sein, aber irgendwie war er auch tief enttäuscht.
—
»Und ihr habt euch wirklich nur die Hand gegeben?« Unglauben und Belustigung vermischten sich in Venloks Miene.
»Ja«, antwortete Caron kurz angebunden. Ihm war es peinlich, dass Venlok ausgerechnet jetzt wieder damit anfangen musste, und er bereute es im Nachhinein, sich ihm überhaupt anvertraut zu haben. Was hatte ihn da nur geritten? Zum Glück stand Jayds Truppe am anderen Ende des Zuges.
»Da bin ich aber froh. Sonst müsste ich vielleicht …«
»Könntet ihr beide jetzt die Klappe halten?«, zischte Felis Lagun dazwischen.
Der erste in den beiden langen Reihen der Kadetten brüllte »Atención!« Alle klemmten ihre Helme unter den Arm und nahmen Haltung an. Eine Hand zur Faust geballt, trat Capitan Adamanto gemeinsam mit den anderen Capitanes in den Gang.
»Steht bequem, Aracas! Wir kommen heute zur wichtigsten aller Übungen, dem …« Mitten im Satz drehte er sich herum und warf dem nächstbesten Kadetten einen Gegenstand aus seiner Faust zu. Es war die hochnäsige Brush, die geistesgegenwärtig danach griff und so verhinderte, dass sich der Mann neben ihr durch seine Reaktionsmüdigkeit eine Beule einfing.
»Bravo, Brush!«, kommentierte Adamanto. »Was halten Sie da in der Hand?«
Brush hielt den Gegenstand erst zwischen zwei Fingern vor ihr Gesicht, dann zückte sie ihren Datenbewahrer und ließ ihn im Magnetkissen über das Scanfeld schweben.
»Es scheint genau das zu sein, wonach es aussieht, Capitan. Ein Stein. Für eine genauere Untersuchung der Zusammensetzung müsste ich ins Labor.«
Adamanto winkte ab. »Nicht nötig, Cadetta Brush. Sie haben das Wichtigste erkannt.« Er streckte die Rechte aus. Brush warf ihm den Stein wieder zu.
Nachdem die Capitanes den Gang zwischen den Kadetten einmal entlanggeschritten waren, hielten sie vor dem schweren Stahltor an seinem Ende und Adamanto streckte den Stein gegen die Deckenbeleuchtung.
»Der Stein wird euer nächstes Ziel sein. Hinter diesem Tor sind noch zwei weitere. Eins schwerer gesichert und besser bewacht als das nächste. Und dahinter findet ihr einen Mann. Er selbst nennt sich Azote und war einst ein großer Hexenmeister, ein Verführer und Mörder. Ich werde Azote diesen Stein geben. Danach schicken wir euch einzeln zu ihm. Eure Aufgabe ist es, den Stein vom Hexenmeister zurückzufordern und mitzunehmen. Wie ihr das macht, ist mir egal. Es gibt keine Regel. Gar keine. Geschützt seid ihr durch eure Rüstung und euren Helm. Eure beste Waffe seid ihr selber.« Er drehte sich auf dem Absatz und betätigte den Schottöffner seiner Schulterspange.
Nachdem die Capitanes durch das Tor waren, schloss es sich mit kratzenden Geräuschen.
»Azote? Dieser Name sagt mir überhaupt nichts«, überlegte Gente Martill laut. »Caron? Malico? Habt ihr über den vielleicht irgendetwas herausgefunden?«
Caron verneinte stumm. Er hatte im Informationshort Stunden damit zugebracht, Verhaftungsprotokolle zu analysieren, aber über den Namen Azote war er dabei nicht gestolpert.
»Ich schon«, warf Malico ein und Caron drehte überrascht den Kopf.
»Wie hast du …?
»Auf die eine oder andere Weise«, entgegnete Malico selbstgefällig.
Nun vermisste Caron den Status des Dynastensohns doch noch. Mit seinen alten Privilegien wäre es für ihn ein Leichtes gewesen, an die Geheimdepeschen erster Priorität zu kommen. Wie hatte Malico das nur geschafft?
»Azote war eine ganz große Nummer. Sehr mächtig. Tausende sammelten sich damals unter dem Symbol des Skorpions, aber er hat nur aus dem Verborgenen gearbeitet. Deswegen hat ihn kaum jemand zu Gesicht bekommen. Hatte praktisch in jeder Sektorzone einen Geheimzirkel. Als man ihn schließlich geschnappt hat, war der gesamte Staatsapparat bereits von seinen Anhängern unterwandert. Sogar einige Hochadministratoren wurden damals hingerichtet.«
»Wer hat ihn denn zur Strecke gebracht?«, wollte Venlok wissen.
Malico entgegnete: »Dreimal darfst du raten, wer Adamanto diese schicke Narbe verpasst hat. Nur so viel: Die Explosion des Etro-Kraftwerks in Trentagon-Capitol vor fünf Jahren war kein Unfall.«
»Meine Güte!« Caron war echt beeindruckt. Er wusste, dass sein Vater ihm nicht alles erzählte, da sein Status als Dynastennachfolger noch nicht hundertprozentig gesichert war, aber dass er ihm so etwas hatte verschweigen können …
Aus einem Lautsprecher neben der Tür schallte Adamantos Stimme: »Wir verfolgen eurer Fortkommen über Funk und Helmvideo. Eastgap, Sie sind der Erste. Viel Glück und Viva Verdad!«
Der Aufgerufene trat vor das schwere Eisenschott und für Caron und seine Compañeros begann das Warten.
—
Praktisch jedes Mal, wenn ein Kadett in die Interrogationskammer trat, schüttelte Adamanto den Kopf. Einer der anderen Capitanes versuchte, ihn zu beruhigen.
»Was regst du dich immer wieder auf, Furybund. Irgendeiner von denen wird es schon schaffen. Wenn nicht heute, dann morgen oder in zwei Wochen.« Die vier standen in einer Reihe vor der gelbstichigen Holoprojektion der Kammer.
»Die von der Rekrutierungsadministrative haben vielleicht Nerven. Was schicken die uns in diesem Doppelquartal nur für eine grünohrige Bande? Ist die Lage wirklich schon so verzweifelt?« Adamanto brummte. Ein Ausdruck von Fassungslosigkeit, den nur seine Compañeros als solchen erkannten.
»Ist das nicht einer von deinen?«, fragte ein anderer Ausbilder leicht amüsiert.
»Na klar. Malico. Der Junge ist halb so alt wie ich und praktisch ein Krimineller. Hätte er sich nicht in die Sinistra pressen lassen, säße er jetzt am Sturmhorn hinter Gittern. Und so einer wird Scimitar in meinem Zug. Langsam glaube ich, dass das alles bloß ein schlechter Witz ist.«
Zwei der Capitanes sahen sich irritiert an. Kritik in dieser Form hörten Adamantos Compañeros sonst nie aus seinem Mund. Aber verglichen mit dem, was ihm auf der Zunge lag, war das noch harmlos gewesen. Coronel Duro beherbergte den Feind unterm Dach der Sinistra und schlimmer noch: Adamantos Vorgesetzter hatte seine Soldaten vom ersten Tag an angelogen. Alles natürlich nur auf Befehl von oben. Und Adamanto duldete es, stützte sogar die Lüge von den dreißig Auserwählten für die Sinistra. Damit sie nicht zu schlaff werden, sagte er sich immer wieder. Aber der wahre Grund war ein anderer. Letztendlich handelte auch er nur auf Befehl von oben und sah über den Rest hinweg. Genau wie Duro. Wie konnten sie noch in den Spiegel schauen, ohne dass ihnen schlecht wurde? Sie trugen das Herz der Wahrheit auf der Rüstung, verdammt noch eins! Gerade erst hatte er sie noch benutzt, die Worte, die Furybund Adamanto zeit seines Lebens so viel bedeutet hatten. »Viva Verdad.« Es lebe die Wahrheit. Wenn er genauer darüber nachdachte, wollte er beim nächsten Mal am liebsten an ihnen ersticken.
»Dieser Malico scheint wirklich was im Kopf zu haben«, sagte der erste Ausbilder und lenkte Adamantos Augenmerk wieder auf den Holoquader. »Er ist schon länger drin als jeder vor ihm.«
Adamanto schnaubte verächtlich. »Azote hat die Audioaufzeichnungsgeräte wieder außer Kraft gesetzt. Der spielt doch bloß mit uns, genau wie mit dem Jungen. Ich gebe Malico noch eine Minute, neunzig Sekunden allerhöchstens.« Bei seinen Worten schwebte seine Hand bereits über einem breiten roten Knopf auf der Konsole vor ihm.
—
Mit jedem seiner Kameraden, der durch das Schott ging, wurde Caron nervöser. Navaja und Malico waren schon weg. Warum hatte Adamanto ihn nicht auch schon aufgerufen? Und warum kam niemand zurück, um zu berichten, was hinter diesem Tor vor sich ging? Tatenloses Herumsitzen lag Caron gar nicht.
Etwas, das seine innere Ausgeglichenheit noch mehr ins Rutschen brachte, waren die zahlreichen Ausfälle der Beleuchtung im Gang. Jedes Mal danach sprangen die Lichtleisten unter heftigem Flackern wieder an und ein weiterer Kadett kam an die Reihe. Was war da nur los? Und wann ging es endlich bei den Aracas weiter? Nach den letzten drei Lichtgewittern hatte Capitan Nocta einen seiner Halcons reinbeordert. Offensichtlich waren jetzt erst mal die anderen Züge dran.
»Du solltest dich echt nicht mit Kessler abgeben«, versuchte Venlok Caron nun bereits zum dritten Mal, Jayd madigzumachen.
»Und du hörst dich an wie eine Sittenwächterin in den Residenzhöfen. Kannst du mich nicht endlich mal in Ruhe lassen?« In diesem nervösen Zustand musste Caron aufpassen, was er sagte. Sonst würden sich die anderen sicher bald fragen, zu welcher Gelegenheit er mit den Reglementierern der Oberschichtenetikette in Kontakt gekommen war.
»Ich rate dir das doch nur als dein Freund … dein Compañero.«
Oh! Venlok sah sich als sein Freund? Wie kam der grobe Muskelberg denn darauf? Sicher, mit ihm hing Caron am meisten zusammen, aber freundschaftliche Gefühle hegte er nun wahrlich nicht für Venlok.
»Auf solche Ratschläge kann ich im Moment verzichten. Wenn du deine Intoleranz nicht …«
»Könnt ihr beiden Dunkelbirnen euch mal auf das konzentrieren, was vor euch liegt, anstatt zu zanken?«, kam ihnen Felis dazwischen, wurde aber gleich ihrerseits von einem erneuten Ausfall der Lichtleisten unterbrochen. Kaum, dass der Gang wieder richtig hell geworden war, brummte es im Lautsprecher.
»Salvador! Helm auf und rein mit Ihnen!« Capitan Adamanto!
Caron schoss alles Blut vom Kopf in den Magen. Er stemmte sich an der Wand hoch. Beim Helmaufsetzen trat Felis an ihn heran und verpasste ihm eine kameradschaftliche Kopfnuss. »Denk an Adamantos Texte: Lass dich da drin auf keinen Scheiß ein! Pass auf, was du sagst, und noch besser, was du hörst!«
Halbherzig wehrte Caron sie ab. »Navaja hast du keine Ansprache gehalten. Meinst du, ich krieg das nicht hin?«
»Navaja ist ja auch ein Felsen. Aus dem kommt kaum was raus, deswegen geht auch kaum was rein. Der kommt da drin wahrscheinlich besser zurecht als jeder andere von uns.«
»Wenn du es sagst«, erwiderte Caron gereizter als er wollte.
Felis zog seine Helmschlaufe stramm. »Sollte Azote versuchen, dich zu provozieren, bleib cool! Kneif den Arsch zusammen und ab mit dir!«
Für eine Sekunde fürchtete Caron, sie würde ihm noch einen Klaps auf den Hintern verpassen. Lagun war ein Jahr jünger als er selber und benahm sich, als wäre sie seine Mutter. Peinlich. Die anderen Kadetten grinsten sich schon eins.
Steif schritt er vor das Tor.
»Viel Glück«, rief Lagun ihm hinterher. Oder jedenfalls glaubte Caron das. Bei dem lauten Geräusch, das das Schott beim Öffnen von sich gab, war er nicht ganz sicher.
Der Gang dahinter war kurz und nur spärlich beleuchtet. An seinem anderen Ende befand sich ein weiteres Schott, das von zwei bulligen Kampfautomatons bewacht wurde. Sobald er sich näherte, ging ein Ruck durch die beiden Roboter und Blasterläufe klappten aus ihren Unterarmen.
Der rechte Wächter streckte ihm die Metallpranke entgegen.
»Halt, Kadett!«, brummte er. »Identifikationsmodus.« Auf der Handinnenfläche glühte ein Scangitter auf und vor Carons Augen tanzten plötzlich Funken. Verfluchte Visierbrille. Brauchte man sie einmal, durfte man sie nicht benutzen.
»Biometrische Daten verifiziert. Sie dürfen passieren, Kadett Salvador.« Die Blaster schnappten in die Unterarme zurück und die beiden Automatons schalteten wieder auf Umgebungserfassung.
Vor Caron öffnete sich das Schott. Eigentlich hatte er gedacht, er befände sich bereits im untersten Stockwerk des Centro Sinistra. Aber nein. Statt der erwarteten Schleuse handelte es sich bei der Kammer hinter der Tür um einen Lift. Und der Richtungspfeil im Holofeld zeigte ihm, dass die Fahrt nach unten ging. Er bedachte die zahllosen runden Öffnungen in der Liftwand mit einem argwöhnischen Blick. Gas, Feuer, Laserenergie? Was würde aus ihnen herausschießen und diesen Aufzug in eine Kammer des Todes verwandeln?
Keine Minute später sah Caron sich erneut mit einem Wächterteam konfrontiert. Diesmal verwehrten nicht nur zwei Automatons sondern zusätzlich noch zwei Krieger der Sinistra den Durchgang. Gerahmt wurde das Ganze von sechs automatischen Geschützen, die aus den Wänden ragten. Über all dem sah Caron noch die erleuchteten Fenster einer voll besetzten Überwachungskammer.
»Diesen Azote hat man ganz schön tief weggesperrt«, dachte er voller Respekt.
»Ich weiß, hinter dieser Linie gibt es keine Regeln mehr für dich, aber tu dir selber einen Gefallen, Jungchen, und setz den Helm nicht ab. Visierbrille runter!«
Caron befolgte den Befehl. Daraufhin traten Wächter und Automatons beiseite und gaben das letzte Schott frei. Es schien noch schwergängiger zu sein als die vorherigen und gab einen langen schwarzen Raum frei. Ganz hinten wurde das Dunkel von einer Insel aus Licht begrenzt.
Dort saß jemand an einem Tisch.
Ein Mann in Robe.
Das musste Azote sein. Vor ihm lag ein kleiner, rundlicher Gegenstand – der Stein!
Beim Näherkommen fiel Caron auf, dass das Gesicht der Gestalt im Schatten der Kapuze verborgen blieb. So sehr er auch die Einstellungen seiner Visierbrille bemühte, es änderte nichts.
Sobald Caron den Tisch erreicht hatte, baute er sich vor Azote auf. Den bereitstehenden Stuhl ignorierte er. Allerdings wusste er nun nicht so recht, wie es weitergehen sollte.
Azote nahm ihm die Entscheidung ab. Er beugte sich nach vorn und eine krumme Nase stach unter der Kapuze hervor. Gut hörbar wurde Luft eingesogen. »Du riechst nach Begierde.«
Die direkte Konfrontation mit dem Hexer hatte Carons Magendrücken so schlimm wie nie werden lassen. Er zwang sich zu einem Grinsen.
»Das erzählen Sie bestimmt jedem, der hier runterkommt.«
Azote blickte auf. Jetzt sah man den größten Teil seines Gesichts. Er erwiderte das Grinsen. Sein Lächeln war mehr ein schiefes Blecken der Zähne. Und die Zähne verschwanden selbst dann nicht ganz hinter den wulstigen Lippen, als das Lächeln wieder erstarb. Bizarrerweise ließen Azotes extreme Narben noch erahnen, dass er einst ein attraktiver Mann gewesen sein musste. Wenn Adamanto dafür verantwortlich war, dann war er auch in dieser Hinsicht als Sieger aus ihrer Auseinandersetzung hervorgegangen.
»Der Wunsch nach diesem Stein liegt nur an der Oberfläche.« Die Stimme des Hexers war überraschend gut zu verstehen. Etwas heiser vielleicht, aber ganz und gar nicht, wie man es bei diesen Entstellungen erwartet hätte. »Deine wahre Begierde lauert darunter.«
»Ich merke seltsamerweise nichts davon«, gab Caron zurück. Konnte Azote tatsächlich Gedanken lesen? Ahnte er etwas von Carons Gefühlen für Jayd Kessler? Er nannte sich sofort einen Idioten. Was hatte Lagun gesagt? Nur nicht provozieren lassen. Er sollte sich an ihren Ratschlag halten.
Doch als ob er tatsächlich hinter Carons Stirn blicken könne, wedelte Azote mit dem Zeigefinger durch die Luft und sagte: »Du scheinst voller Begierden zu sein. Augenblicklich verlangt es dich nach zwei Dingen. Und du denkst, du könntest beide Dinge bekommen, wenn du diesen dämlichen Stein hier rausholst. Und das glaubst du wirklich? Du Clown!«
Was war ein Clown? Egal. Es hörte sich herablassend an. Und Verachtung konnte Caron überhaupt nicht leiden. Er würde das Spielchen etwas interessanter machen, indem er den Einsatz erhöhte.
»Sie sollten mich nicht so respektlos behandeln, Hexer. Mein Vater ist ein mächtiger Mann. Wenn Sie mir den Stein überlassen, ohne irgendwelche Schwierigkeiten zu machen, könnte ich im Gegenzug dafür sorgen, dass ihre Haftbedingungen sich erheblich verbessern.«
Azote strich sich mit der Hand über eine seltsame Tätowierung an seinem Kinn: ein schwarzes, auf dem Kopf stehendes Herz, das auf einen Dorn gespießt war. Aus seinem Unterricht für angewandte Historik wusste Caron, dass es das Zeichen einer uralten Spielkarte war, ein Symbol für Unglück.
Was für ein Wichtigtuer! Jetzt gab er vor, sich Carons Angebot tatsächlich zu überlegen. Der Hexer wollte bloß Hoffnung in ihm wecken. Als Nächstes würde er Caron bestimmt auslachen.
Und in der Tat stieß Azote verächtlich die Luft aus und lachte heiser. »Aber sicher doch, Bürschlein. Nur weil ich dir einen wertlosen Stein übergebe, bereitest du mir hier das Paradies auf Erden. Bist der Prinz von Trentagon, was? Das war ausgesprochen plump. Du musst mich für sehr einfältig halten.«
Carons Knoten im Magen löste sich augenblicklich auf. Azote war nicht der Einzige, der hier Gedanken lesen konnte. Indem er so knapp an der Wahrheit vorbeigeschlittert war, hatte er sich gleichzeitig als Schaumschläger entpuppt. Der Mann versuchte aufs Geratewohl, andere mit Andeutungen verrückt zu machen. Jetzt wollte Caron die Posse noch ein wenig weiter treiben. Vielleicht ließ sich der mächtige Azote so sehr ablenken, dass Caron einfach über den Tisch nach dem Stein langen konnte.
»Sie tun das einfach so ab, obwohl Sie eigentlich gar nichts«, er betonte das Wort überdeutlich, »über mich wissen? Ich könnte Ihren Aufenthalt hier wirklich ein wenig fröhlicher für Sie machen. Könnte ein Clown so etwas?« Der Sarkasmus in seiner Stimme war unüberhörbar.
Jetzt beugte Azote sich noch weiter nach vorn. Seine Faust knallte dumpf auf den Tisch und brachte den kleinen Stein zum Hüpfen. Während der rissige Mund sein Gesicht zerteilte, begann der Oberkörper zu beben. Er lachte schallend.
Die Unsicherheit kroch in Carons Därme zurück.
»Caron Salvador, du bist so ein arroganter Schnösel.«
Woher wusste Azote seinen Namen? Wieso glühten seine Augen plötzlich?
»Tanze für mich, mein Clown! Vielleicht gebe ich dir dann deinen kleinen unwichtigen Stein.« Diesmal wurde seine Stimme nicht durch das Mikro an Carons Ohr übertragen. Diesmal schienen die Worte direkt über den internen Kanal zu kommen.
Azote hielt Caron das Objekt seiner Begierde direkt vor die Nase.
Dem erschien der Handel des Hexers eigentlich ganz fair. Er hob die Arme und bewegte seine Füße im Takt zu einer stummen Melodie. Da waren die verhassten Zeremonienlektionen von Instruktorin Solemnidad doch zu etwas nütze gewesen. Im Grunde hätte Caron sich damals nie so anstellen sollen. Heute fand er Tanzen überhaupt nicht mehr geckenhaft. Ganz und gar nicht. Es war äußerst anregend. Ein leichtes Schwingen der Beine und danach war er am Ziel.
»Salvador! Helmfunk aus! Gehörisolierer an!«
Das war Capitan Adamantos Stimme. Der alte Spielverderber. Endlich hatte Caron in diesem viel zu ernsten Laden einmal ein bisschen Spaß, da fuhr ihm der miesepetrige Capitan natürlich gleich dazwischen. Sollte er doch selber hier runter kommen und die Hüften kreisen lassen. Würde ihm gut tun. Sogar der alte Azote ließ sich dazu herab und klatschte im Takt zu Carons Beinbewegungen.
»Verflucht, Salvador! Sie stellen jetzt sofort den Helmfunk ab! … Befehl!«
Irgendwie konnte er Adamantos Stimme nicht mehr richtig hören. Azotes dafür umso besser. »Vielleicht solltest du auf den guten Capitan hören? Er ist immerhin dein Vorgesetzter. Setz den Helm doch gleich ganz ab!«
Da musste Caron dem entstellten Zirkelmeister recht geben. Schließlich war es genau das, was Adamanto gerade von ihm verlangt hatte. Er löste den Kinnriemen.
Irgendwer brüllte aus weiter Entfernung seinen Namen.
Den Helm auf den Tisch schlagen? Na gut, warum nicht? Das Teil nervte Caron doch sowieso mehr als …
Ein Knall ertönte. Dann wurde es dunkel. Caron sah Azote, der mit seltsam verrenkten Armen in einem glitzernden Dämmfeld hing. Deswegen das Geflacker vorhin im Gang. Ein Dämmfeld dieser Größe aufzubauen, kostete so viel Energie, dass der Rest des Gebäudetraktes für kurze Zeit ohne Strom auskommen musste.
Der Hexer konnte nicht einmal mehr mit den Augen rollen. Auf seinen entblößten Unterarmen waren zwei Skorpione zu erkennen.
Was in aller Welt machte Caron hier? Er spürte einen unangenehmen Druck am Hals. Auf dem Tisch lag ein kaputter Helm. Sein Blick weitete sich. Der unangenehme Druck stammte von einer Scherbe seiner Visierbrille, die er sich selber an den Hals hielt!
Erschrocken ließ er die Scherbe fallen.
Im nächsten Moment nahm er zwei Wachen wahr, die ein Gestell hinter ihn schoben. Noch bevor er zu irgendeiner Gegenwehr ansetzen konnte, hatten die Wachen ihn in das Gleitgestell geschnallt und Arme und Beine fixiert. Als sie seinen Körper nach draußen schoben, blieb ihm nichts weiter als ein sehnsüchtiger Blick auf den Stein. Zusammen mit Azote entfernte er sich bis zur Unerreichbarkeit. Was war nur passiert?
Kapitel 5
Seit über acht Stunden hockte Adamanto im Überwachungsraum des Kadettenkollegiums. Es war mitten in der Nacht. Die meisten Aracas schliefen bereits und Adamantos Compañeros Nocta, Draft und Gorkan hatten schon lange dienstfrei.
An den Holostationen saß nur noch das Kernteam. Die zwei Kadetten waren allerdings mehr damit beschäftigt, via Hovercam die Außenanlagen des Bunkers zu durchstöbern, als ihre Kameraden beim Schlafen zu beobachten.
»So verbringt man seine Strafschichten angenehm«, dachte Adamanto zynisch, »mit dem Herumspielen am technischen Inventar. Draft sollte seine Jungs strenger an die Kandare nehmen.«
Auch wenn die Capitanes vor den Kadetten etwas anderes behaupteten, im Grunde teilten sie den Standpunkt ihres Coronels: Die gefährlichste Bedrohung stellte dieser Tage der Feind im Norden dar. Dort wurde noch echte und gefährliche Hexerei eingesetzt. Die Okkulten innerhalb der Grenzen Trentagons hingegen hatten in den letzten paar Jahren Ruhe gegeben. Kein Wunder, dass niemand mit einem Übergriff rechnete.
Adamanto sah das völlig anders. Mochte der Grenzkrieg noch so sehr eskalieren, solange Azote am Leben war, konnte sich die Sinistra im eigenen Land keine Unachtsamkeit erlauben, auch hier nicht, im Bunker selber.
Mit dieser Einstellung stand er ziemlich allein. Deswegen war er auch der Einzige, der heute Nacht den Blick weder von Caron Salvador noch von dem Hexenmeister lassen konnte. Salvador hing in einem der Fixiergestelle in der Aufwachzone und Azote lag in seiner Zelle.
Seit dem Vorfall in der Interrogationskammer rührte sich Adamantos alter Widersacher nicht mehr. Salvador hingegen hatte sich schon mehrmals gegen seine Fesslung gestemmt und lauthals von den vier Automatons, die ihn bewachten, verlangt, man möge ihn doch endlich befreien. Anfangs hatte Adamanto den Jungen noch beruhigt. Inzwischen war die Audioübertragung allerdings abgedreht. Solange Azote kein Lebenszeichen von sich gab, konnte Adamanto nicht sicher sein, an wen er da seine Energien verschwendete. Im Augenblick traute er in der Aufwachzone nur den vier bulligen Maschinenmenschen.
Automatons. Da durch Magie mental nicht manipulierbar, waren sie die einzig verlässliche Größe im Kampf gegen die Okkulten.
Capitan Gorkan hatte sich heute Abend als Letzter von Adamanto verabschiedet. Deutlich hatte man ihm ansehen können, dass auch er seinen Compañero mittlerweile für paranoid hielt.
Vom ersten Tag seiner Gefangenschaft an hatte Azote immer wieder diese Absenzen mit den kellertiefen Biowerten, speziell nach den Sitzungen mit neuen Kadetten. Solange niemand Adamanto eine medizinisch stichhaltige Erklärung für Azotes Zustand lieferte, würde er weiterhin hier hocken, sobald sein Dienst es zuließ, und über den bewusstlosen Hexer wachen.
In der Zwischenzeit sehnte sich Adamanto nahezu nach einer Bewegung Azotes. Der Capitan wurde langsam müde und er hatte keine Lust, das Dachsprungtraining durchzuziehen oder weitere Sitzungen mit dem Hexer zu beaufsichtigen, ohne mindestens vier Stunden Schlaf im Rücken.
Sein Wunsch wurde keine zehn Minuten später erhört. Auf der dreidimensionalen Übertragung aus seiner Zelle stemmte Azote sich auf die Arme und blickte in die Kameras. Er wusste genau, wer ihn auf der anderen Seite beobachtete. Da war Adamanto sich so sicher, wie er nur sein konnte. Und dieser verstümmelte Versuch eines Grinsens galt niemand anderem als ihm.
Aber jetzt würde er keine weitere Aufmerksamkeit mehr an Azote verschwenden. Es gab Wichtigeres. Salvador litt bestimmt schon an den ersten Muskelkrämpfen. Der Junge musste aus diesem verfluchten Gestell raus.
Der Capitan wandte sich an die beiden Kadetten hinter sich. Gerade wollte er seine Befehle in ihr Spielchen mit der Kamera bellen, da erregte etwas seine Aufmerksamkeit.
»Cam stoppen!«, rief er in scharfem Ton.
Der Kadett mit dem Steuerhandschuh erschrak dermaßen, dass er die Cam aus Versehen scharf nach rechts ruckte.
»Position des Bildausschnitts um zwei Sekunden zurück!«, fuhr Adamanto ihn an.
Der Angesprochene stammelte: »Auf Ihre Order, Capitan«, und übermittelte eine entsprechende Anweisung in das Routengedächtnis der schwebenden Kamera.
Adamanto hatte richtig gesehen. »Quadrant 64 unten rechts vergrößern! ... Fahren Sie näher ran, Kadett!«
Der junge Mann schluckte. In Adamantos Augenwinkeln entstanden Fältchen.
Die Kamera zeigte das Bild einer blutigen Frauenleiche. Keine zwanzig Meter von der Mauer des Bunkers entfernt. Und das Blut aus der Wunde am Hals lief noch! Wie sehr er es doch manchmal hasste, recht zu behalten.
»Ad-hoc-Alarm für die gesamte Westmauer! Ich will sofort vier Bereitschaftsteams da unten haben. Übergehen Sie die Befehlskette. Code: Shatterpoint. Ich übernehme die Einsatzleitung persönlich!«
Die Hände der Bereitschaftskadetten winkten hektisch über die Holofelder vor ihnen. Rote Warnlichter begannen zu blinken. Sämtliche optischen Überwachungseinheiten auf den Bildfeldern wurden gleichgeschaltet und synchron dazu flammten neben vier Herz-Hand-Piktogrammen am Rand die Statusmeldungen der angeforderten Teams auf.
Adamanto fuhr aus dem Stuhl. »Sorgen Sie dafür, dass Kessler und Malico in spätestens fünfzehn Minuten neben mir stehen!« Während er zum Ausgang stürmte, brüllte er noch: »Und irgendjemand soll Salvador befreien!«
—
Wie erwartet, traf Malico später als Kessler ein. Die blonde Amazone hatte wesentlich mehr Schmiss als dieser Ganove. Leider musste Adamanto anerkennen, dass sich unter seinem schmierigen Versuch eines Haarschnitts ein Verstand verbarg, der den von Kessler noch bei weitem übertraf. Allein aus diesem Grund hatte er Malico überhaupt aus der Koje gerufen.
Der junge Kadett eilte gerade durch ein rotes, den Tatort abgrenzendes Strahlenkaree, da lud Kessler schon erste Untersuchungsdaten aus den Spurensicherungsautomatons.
»Melde mich auf Ihre Order, Capitan.«
Wenigstens besaß der Kerl mittlerweile passable Umgangsformen, dachte Adamanto und sagte: »Rühren, Kadett Malico. Was sehen Sie hier vor sich?«
Malico betrachtete die Szenerie. Von Kesslers Anwesenheit nahm er kaum Notiz. Genauso wenig von dem Medictransporter mit seinen blitzenden Signallichtern, dem Gleiter der lokalen Polizeiadministration, den Automatons, den Medicos oder den Civic Cops. Seine zusammengekniffenen Augen konzentrierten sich auf das Wesentliche.
»Ein Ritualmord!«, entfuhr es ihm. Dabei war er wohl mindestens genauso überrascht wie Adamanto und Kessler vor ihm. So ein Frevel direkt vor den Toren des Centro Sinistra war wirklich ein dreistes Stück.
Aus Adamantos Schulterspange drang ein Signalton und er widmete seinem Datenbewahrer einen flüchtigen Blick. Team Drei hatte sich routinemäßig gemeldet. Ohne Dringlichkeitsvermerk, also keine Fortschritte beim Durchkämmen der umgebenden Gebäudeblöcke.
»Sehr richtig. Ein religiös motiviertes Tötungsdelikt«, wandte er sich deswegen wieder an Malico. »Und weiter?«
Malico ging zu dem Illuminationspfahl, an den man das nackte Opfer gekettet hatte. Im grellen Schein der Lampen wirkten die zahlreichen Verletzungen der Frau doppelt grausam.
Kessler gesellte sich zu ihnen. »Der Name des Opfers ist Juanita Winter. Sie war in der Fertigung für optische Sensoren beschäftig und ist vorgestern Abend von ihrer Schicht nicht mehr nach Hause zurückgekehrt.«
»Sie hatten also einen ganzen Tag, um sie auf das hier vorzubereiten«, folgerte Malico schockiert und Adamanto nickte. Seine Schüler hatten im Unterricht gut aufgepasst, doch bislang hatten sie bloß Auswendiggelerntes von sich gegeben. Gespannt wartete er auf erste Schlussfolgerungen.
Malico kniete sich neben die Tote, die wie eine Betrunkene, mit gesenktem Haupt und hinter dem Rücken verschränkten Armen, in ihrem eigenen Blut saß. Nachdem er das Scanfeld seines Datenbewahrers langsam über die blutigen Ritze an ihren Armen, an ihrem Bauch und ihren Beinen geführt hatte, glich das Gerät nun die Muster per Direktlink zum Sinistra-Zentralrechner mit denen vorangegangener Ritualmorde in Trentagon ab. Malicos Augenbrauen fuhren in die Höhe und im nächsten Augenblick bestätigte er das, was Adamanto eigentlich schon gewusst hatte.
»Ein ganz ähnlicher verbotener Ritus hat vor acht Jahren das erste Mal stattgefunden. Im Verlauf der nächsten drei Jahre ist er dann immer häufiger aufgetreten und urplötzlich nie wieder.«
»Was kann das nur bedeuten?«, fragte Kessler mehr sich selbst als die Umstehenden. Doch die Antwort darauf schoss im selben Augenblick durch Adamantos Gehirn, in dem Malico sie laut aussprach.
»Azote!«
»Wahrscheinlich«, erwiderte der Capitan knapp und wunderte sich keine Sekunde, wie Malico an Azotes Inhaftierungsdaten, die Ritualprotokolle seiner Zirkelmeister und damit zu dieser Erkenntnis gekommen war.
»Aber da gibt es überhaupt keinen Zusammenhang ...«
»Wir werden Ihnen den Zusammenhang später erklären, Cadetta!«, unterbrach Adamanto Jayd Kessler. Es schmeckt ihm ganz und gar nicht, dass er jetzt einen zweiten Kadetten in den Inhalt eines Geheimdossiers der obersten Priorität einweihen musste. »Äußern Sie sich lieber zu den Spuren, die die Automatons gesichert haben. Wir müssen langsam etwas an die Jägerteams weiterleiten. Oder wollen Sie die Bastarde, die das hier verbrochen haben, noch länger frei herumrennen lassen?«
Kesslers Gesicht war immer noch ein einziges Fragezeichen. »Die Angaben hier erscheinen mir nicht logisch. Ich würde gern einen der Androiden persönlich befragen, Capitan.«
»Nur zu, Kessler. Genehmigung erteilt.« Adamanto verschränkte die Arme.
Kessler schaute kurz auf ihr Display und rief dann: »Untersucher 878. Status und vorläufige Ergebnisse verbal wiedergeben.«
Der angesprochene Automaton nahm die gespreizten Metallfinger vom Boden. Dann kam er aus seiner knienden Position hinter der toten Frau hoch. Seine leuchtenden Augen wechselten von Violett auf ein weiches Weiß und schließlich trat er an Kessler heran. »Untersucher 878. Scanne nach Blutspuren. Im Umkreis von fünf Metern konnten drei Individuen differenziert werden. 1. Person: Winter, Juanita, wohnhaft in Block 30-4-2, Tshail. 2. Person: Mensch, männlich, unbekannt. 3. Person Mensch, weiblich, unbekannt.«
»Es sieht mir nicht danach aus, als wären hier drei Leute auf einmal umgebracht worden.« Malicos Worte lagen irgendwo zwischen einer Vermutung und einer Feststellung.
»Jetzt ergibt das Ganze schon mehr Sinn. Einige der Spuren scheinen verwischt worden zu sein«, antwortete Kessler, dann wandte sie sich wieder an den Automaton. »Lokalisation und chronologische Eckdaten der Blutspuren verschiedenfarbig gefiltert auf unsere Datenbewahrer«, befahl sie ihm. Innerhalb von Sekunden lieferte der Untersucher seine Übersicht. Kessler setzte ihre Überlegungen laut fort: »Das Blut der beiden Unbekannten ist schon älter … Es ist auch nicht direkt am Pfahl, sondern ein Stück davon entfernt.«
In Adamanto stieg eine Gefühlsmixtur hoch, die ihm nicht gefiel. Den höchsten Anteil daran hatte Wut.
»Capitan?«, fragte Kessler. »Es wäre ratsam den gesamten Bereich hinter dem Beleuchtungspfahl bis zur nächsten Gebäudewand abzusuchen.«
»Da gebe ich Ihnen verflucht recht, Cadetta Kessler«, erwiderte Adamanto und schickte alle Untersucher in den angegebenen Bereich.
Sie gaben den kupferfarbenen Automatons zwei Minuten Zeit, mit ihren Scanfingern den Boden abzutasten, dann fragte Adamanto die Resultate per Datenbewahrer ab. Kesslers Miene verzog sich. Je näher die Droiden der Wand kamen, desto zahlreicher und älter wurden die Blutrückstände.
Trocken bemerkte Malico: »Die Spur endet vor dem Abluftschacht. Wir sollten ein Wartungsteam rufen.«
»Ich glaube nicht, dass wir eins brauchen werden«, gab Capitan Adamanto zurück. Gemeinsam mit Kessler und Malico bahnte er sich einen Weg zwischen den knienden Droiden hindurch zu dem riesigen runden Gitter. Da die Innenseite fast vollständig von Papierfetzen verklebt war, ging kein Luftzug von ihm aus.
Adamanto befreite sein Messer aus der Duradid-Scheide. Er brauchte noch nicht einmal die Vibrationsfunktion seiner Klinge zu bemühen. Kaum hatte er sie zwischen Einfassung und Wand gestemmt, kippte das Metallgitter laut scheppernd vornüber.
Malico ließ spontan seine linke Hand vor die Nase schnellen. Aus der Öffnung schlug ihnen ein bestialischer Gestank entgegen. Adamantos Lippen wurden zu zwei dünnen Strichen.
»Hier drin hat niemand irgendwelche Spuren beseitigt«, kommentierte Jayd Kessler angewidert. Im Strahl ihrer Taschenlampe zeigte sich auf dem Boden des Belüftungsschachtes eine dicke braune Kruste: Das Resultat unzähliger vorangegangener Bluttaten. Die Verwaltung dieses Gebäudes durfte sich auf einige unbequeme Befragungen einrichten.
Malico drehte sich weg. Aber nicht weil ihm, wie Adamanto erst vermutete, schlecht wurde, sondern weil ihm noch etwas ganz anderes aufgefallen war. »War der Illuminationspfahl angeschaltet, als Sie hier runterkamen, Capitan?«, wollte er wissen.
»Das war er nicht. Das Ding fiel schon seit ein paar Monaten immer wieder aus. Für 03:00 war ein Austausch angesetzt. Also habe ich einen Expressdroiden angewiesen, ihn vorher in Gang zu bringen, damit wir besseres Licht für die Untersuchung haben.«
»Mir kommt da gerade ein ganz mieser Verdacht …«
»Im Schutz der ausgefallenen Lampe sind die Okkulten der Mauer von Mal zu Mal näher gekommen und heute Nacht haben sie das Opfer direkt an dem Illuminationspfahl fixiert. Diesmal wollten sie es uns wissen lassen!«, führte Jayd Malicos Gedanken zu Ende.
Der nickte und ergänzte tonlos: »Wir brauchen die Wachpläne und die Aufzeichnung der Cams dieses Abschnitts für die letzten drei Monate.«
Auch wenn sich in Adamanto alles dagegen aufbäumte, er konnte Malicos unausgesprochene Anschuldigung nicht übergehen. Inständig hoffte er, die Auswertung dieses Datenschwalls möge nicht tatsächlich auf eine Unterwanderung der Sinistra hinweisen.
—
»Leute, ihr kennt doch den Usus. Ich stehe unter dem Voto Sinistra. Also wisst ihr auch, dass ich euch kein Sterbenswörtchen verraten darf.« Hektisch schaute Malico von einem zum anderen. »Allein aufgrund meiner Andeutungen schlittert mein Arsch schon auf ganz dünnem Eis. Und jetzt gebt endlich Ruhe!«
Caron rieb sich über das schmerzende rechte Schultergelenk und löste damit gleich ein unangenehmes Ziehen im linken aus.
Die Vorgänge in Azotes Zelle und Carons anschließendes Martyrium in der Aufwachzone waren natürlich das Thema in Raum 3-2 gewesen. Doch nach Malicos Rückkehr kurz vor der Morgenverpflegung war sein Bericht blitzartig in den Hintergrund getreten. Inklusive Caron hatten alle an Malicos Lippen gehangen und ihn mit Fragen bombardiert.
Nur Navaja hatte keinen Ton geäußert, Malico aber sehr aufmerksam zugehört. Jetzt stand der Riese mit der olivfarbenen Haut auf und ging zu seinem Spind. Gente Martill klatschte in die Hände. »Höchste Zeit, dass wir in die Gänge kommen, sonst verpassen wir das Antreten.«
Venlok murrte zwar, aber wie der Rest folgte auch er Navajas Beispiel. Obwohl Malico bereits in voller Montur war, trat er an Carons Schrank. Als der seine Spindtür aufzischen ließ, raunte er ihm zu: »Wenn die anderen im Hygienebereich sind, muss ich dich was fragen.«
Caron brummte zustimmend. Der Rest verließ nach und nach den Raum.
»Über alles, was ich dir jetzt sage, musst du absolutes Stillschweigen bewahren! Comprende?«, begann Malico.
»Ja, ja. Ist klar, Mann. Aber wir haben es ein bisschen eilig. Schieß los!«
Malico fasste knapp zusammen, was er, Jayd und Adamanto an der Bunkermauer herausgefunden hatten, und endete mit der Frage: »Wann genau haben sie dich unten losgemacht?«
»Weiß nicht mehr. Als ich hier reingekommen bin, war es kurz nach vier. Vom Losschnallen bis dahin ist bestimmt eine Stunde vergangen. Warum fragst du?«
»Das passt ziemlich genau zum Todeszeitpunkt des Opfers.« Malico ordnete kurz seine Gedanken. »Meine Theorie ist folgende: Mächtige Zirkelmeister sind manchmal in der Lage, ihren Körper zu verlassen und in Menschen zu schlüpfen, die sie entweder sehr gut kennen oder die in ihrer unmittelbaren Nähe sind; am besten beides. Adamanto hat dich also unten hängen lassen, bis er sicher sein konnte, dass Azote sich nicht in dir befand.«
»Woran macht man das fest?«
»In der Regel haben Hexer keine Kontrolle über ihren Körper, nachdem sie ihn verlassen haben. Er wird wahrscheinlich bewusstlos in seiner Zelle gelegen haben und ist dann plötzlich aufgewacht. Aber das ist nicht der Punkt. Auffällig daran ist, dass dieses Ereignis offenbar in zeitlichem Zusammenhang mit dem Mord an Juanita Winter steht.«
Caron klaubte Handtuch und Rasierautomat aus dem Spind. Die Zeit lief ihm davon. »Worauf willst du hinaus?«
»Azote hat seinen Körper gar nicht verlassen.«
»Sondern?«
»Er war durch den Hokuspokus, den er mit uns veranstaltet hat, geschwächt.«
»Wie kommst du jetzt darauf?«
»Die Winter war nicht der erste Mensch, den man im Schatten des Bunkers gekillt hat. An fast derselben Stelle haben schon seit Monaten, vielleicht Jahren, Menschen ihr Leben gelassen. Deine neue Freundin hat das herausgefunden.«
»Du meinst, seine Anhänger bringen ihm regelmäßig Opfer dar und er stärkt sich an ihnen?«
»Genau. Aus diesem Grund war er wahrscheinlich handlungsunfähig. Dazu verdammt, in seiner Zelle zu warten, bis ihm ein neues Opfer gebracht wurde. Glücklicherweise ist das heute geschehen. Wer weiß, wie lange Adamanto dich sonst im Aufwachraum hätte hängen lassen. Eine Stoffwechselregelung von außen soll ja nicht gerade angenehm sein.«
Carons Verstand arbeitete auf Hochtouren. »Wirst du Adamanto von deiner Theorie erzählen?«
»Der wird sich wesentlich schneller eins und eins zusammenreimen können als ich, aber selbstverständlich werde ich pflichtgetreu Rapport erstatten.«
»Gut. Tu das. Trotzdem können wir uns diese neue Erkenntnis zunutze machen.«
»Ich warne dich, Salvador. Ich habe dir das alles im Vertrauen erzählt. Wenn du jetzt irgendein linkes Ding abziehen willst ...«
»Keine Sorge, Malico. Wir werden nur das machen, was Adamanto sowieso dauernd von uns will: Wir werden als Team arbeiten und wir werden uns diesen verfluchten Stein sichern.«
»Das ist noch nicht alles! Wir müssen sehr vorsichtig sein!« Nun erzählte Malico von Jayds Mutmaßungen über die Absichten der Okkulten.
Direkt danach kamen die anderen vom Waschen wieder rein. Caron und Malico sahen sich noch einmal an, dann packte Caron den Gesichtsenthaarer zurück. Einen Besuch im Hygieneraum konnte er jetzt vergessen. Er musste sich wohl oder übel unrasiert umziehen.
—
»Wie ihr sicher bereits festgestellt habt, hat keiner von euch Azote den Stein abnehmen können. Weder vorgestern noch gestern.«
Während Adamanto die Übung »Zirkelmeister« im Holotorium besprach, tippte Caron wieder fleißig in seinen Datenbewahrer. Diesmal hatte er keine persönliche Nachricht im Sinn. Diesmal ging seine Mitteilung an alle Aracas raus.
»Fehler Nummer eins: Die meisten haben dem Hexer viel zu lange zugehört. Am Helm gibt es eine Geräuschisolierung. Damit schaltet ihr das Außenmikro ab und schützt eure Ohren vor auditiv wirkender Bannkraft. Wenn ihr bereits unterm Zwang eines Okkulten steht, könnt ihr das natürlich vergessen. Benutzt die Funktion, bevor es zu spät ist!«
Caron war fertig und betätigte den Sendeschalter. Hoffentlich reagierte wenigstens die Hälfte der Kadetten auf seinen Aufruf. Dann würde irgendwann einer von ihnen eine reelle Chance gegen Azote haben. Am liebsten wäre er das natürlich selber. Wie gerne würde er seine Finger um den vermaledeiten Stein schließen. Aber da er um die Kondition des Hexers so kurz nach einem Opfer noch nicht mal Vermutungen anstellen konnte und die Kadetten sowieso in zufälliger Reihenfolge drankamen, war ein Erfolg der Aktion nicht voraussagbar.
Adamanto fuhr fort: »Am besten hat Cadetto Navaja abgeschnitten. Er hat den Stein zwar auch nicht gekriegt, war aber am nächsten dran und einer der wenigen, die die Verlieszone auf den eigenen Beinen verlassen haben. Gute Ansätze, Navaja!«
Navajas Reaktion als ein Nicken zu bezeichnen, wäre übertrieben gewesen. Doch Caron wusste auch so, dass der stumme Riese stolz auf sich war. Mittlerweile konnte er das leichte Zucken in seinen Mundwinkeln nämlich deuten.
Felis strahlte Caron triumphierend an. Mochte sie ihren kleinen Sieg feiern. Caron schwenkte den Datenbewahrer und erwiderte ihr Grinsen.
Sie streckte einen Daumen hoch. Jeglicher Wettbewerbsgedanke schien ihr abzugehen. Natürlich hatten sie Carons Vorschlag vorher besprochen und alle waren sich einig gewesen, der Idee eine Chance zu geben. Auch Jayd. Sie hatte ihm zugesichert, dass ihre Truppe mitziehen würde.
»Wenn ich dann Ihre vollkommene Aufmerksamkeit wieder genieße«, Carons Kopf ruckte augenblicklich in Adamantos Richtung, »kommen wir zum zweiten Kardinalfehler, dessen Konsequenzen für einige von Ihnen um ein Haar tödlich gewesen wären.« Nach dem Blick, mit dem ihn der Capitan auf dem Klappsitz festnagelte, schwor Caron sich, den Rest des Unterrichts ohne die geringste Ablenkung mitzuverfolgen. »Setzt niemals euren Kampfhelm ab! Im Gefecht nicht und gerade dann nicht, wenn ihr dem Feind Auge in Auge gegenübersteht! Während die integrierten Geräte eure Wahrnehmung unterstützen, versuchen die Hexer, eure Sinne zu verwirren, und zwar so lange, bis ihr ein hilfloses Werkzeug seid. Wenn nicht über die Sprache, dann zwingen sie uns ihren Willen über die Augen ins Hirn. Deswegen sollte die Visierbrille stets unten sein. Comprende?«
Irgendwie fühlte Caron sich gezwungen zu nicken, als alle Aracas wie aus einem Mund brüllten: »Ja, Capitan!«
»Ich kann euch nicht richtig hören, ihr Schlaffsäcke!«, bellte Adamanto zurück.
Aber es waren nicht die Kadetten des dritten Zuges, die ihm antworteten. Jäh erschallte die Einsatzsirene aus dem großen Lautsprecherfeld des Holotoriums. Adamantos Miene wurde eisig, er warf einen schnellen Blick auf seinen Datenbewahrer, dann übertönte er das Alarmsignal mit Leichtigkeit: »Alle Truppen sofort auf ihre Räume. Ich will in nullfünf Minuten Abmarschbereitschaft in Häuserkampfkonfiguration hergestellt wissen. Danach ab in die Waffenausgabe und anschließend folgt ihr den Automatons in die zugewiesenen Lander. Los, los, los!«
Alle Trupps schnellten von den Sitzen. Durch den Ausgang hindurch hetzte Carons Gruppe den anderen Aracas nach. Caron selber ließ sich von Felis durch das Gedränge schieben. Sein Herz schlug bis zum Hals. Ihr erster Außeneinsatz begann.
—
Indem die gewaltigen Tore in der Nordwand des Bunkers verschwanden, schob sich eins der schweren Bataillonsschiffe in Trentagons morgendlichen Flugverkehr. Seine dicke Panzerung befand sich in einem Moment noch in der schattigen Umarmung des Lufthafens, im nächsten glitzerte die Sonne auf den Fenstern seiner Brücke.
Bemüht darum, nicht in den Rückstrahl der Triebwerke zu geraten, schwirrten die zivilen Gleiter wie verirrte Insekten davon. Der Schlachtenträger vollführte eine schwerfällige Kehre, um dann von der Crew auf volle Kraft beschleunigt zu werden.
Caron war neben Venlok in ein Gestell geschnallt, das seine Truppe an der Wand ihres Landers fixierte. Was immer die Piloten des Bataillonsschiffs, in dem der viel kleinere Lander steckte, im Sinn hatten, Carons Magen war es nicht. Ohne Rücksicht auf irgendwelche Gravitationskompensation ließen sie das Schiff an Höhe gewinnen. Carons Ohren knackten. Es roch nach Waffenöl und Schweiß.
Weder Adamanto noch die Besatzung des Landers schienen sich an all dem zu stören. Der Capitan stand hochkonzentriert im Gravfeld seiner Kommandokugel. Dank des hellen Feldes innerhalb der Kugel und der holografischen Anzeigen, die sich immer wieder nach dem künstlichen Horizont ausrichteten, blieb er bei jedem Manöver aufrecht. Die Absetzer und Kanoniere genossen zwar nur den zweifelhaften Luxus von schlichten Schultergurten, dennoch grinsten sie die Frischlinge spöttisch an. Offenbar waren sie weitaus Schlimmeres gewohnt.
Gunsmith, der Vorratsautomaton, der Caron und seine Compañeros hierher gelotst hatte, hatte sich neben den Kisten mit Ersatzmunition in die Wand integriert. Seine Videosensoren glimmten im Ruhemodus. Ohne Befehl vom Capitan würde er sich nicht mehr wegrühren.
»Warum sind Turbinen von Militärschiffen nur immer so laut?«, dachte Caron verbissen. Unwillkürlich hatte er Felis’ und Venloks Hände gegriffen. Felis drückte zu und Venlok schob energisch das Kinn nach vorn.
»Jetzt treten wir den Okkulten mal kräftig in die Kutte!«, tönte er. Malico war kreidebleich. Navaja und Martill blickten stur auf die gegenüberliegende Wand des Landers.
»Auf mein Wort, Aracas!«, kam Adamantos Stimme über den Zugkanal. »Ein paar Sektenanhänger waren so dumm und wollten nach dem Frühstück ein Opferritual direkt vor unseren Sicherheitskameras durchziehen. Nun, dieser Freveltat haben wir schnell einen Riegel vorgeschoben. Das Opfer wurde befreit und einem unserer Jägerkommandos ist es gelungen, die Kutten bis in einen Lagerhauskomplex zu verfolgen.«
Caron und Malico sahen sich an. »Sie wollten es uns wissen lassen.« Jayds Worte standen unausgesprochen zwischen ihnen. Auf das Auswerten der hinterlassenen Spuren hatten ihre Gegner wohl nicht warten wollen. Das Ganze stank geradezu nach einer Falle.
»Leider ist das Jagdkommando auf erheblichen Widerstand gestoßen, als sie die Knierutscher hochnehmen wollten«, fuhr Adamanto fort. »Deswegen sind wir jetzt auf dem Weg. Uns wurde die Aufgabe übertragen, den gesamten Komplex zu sichern, während die 53. reingeht und den Laden zusammen mit der Jagdeinheit ausräuchert. Die Lander der Aracas beziehen auf dem Dach Stellung. Die übrigen Züge machen das Gelände am Boden dicht. Kein Okkulter kommt an uns vorbei! Verstanden?«
»Ja, Capitan!« Die Stimmen der Kadetten dröhnten so laut, dass die Köpfhörermembranen Kratzgeräusche von sich gaben.
Felis drückte noch einmal Carons Rechte. »Wir ziehen das ganz cool durch!«
»Aber locker!«, erwiderte Venlok und Caron gab ihm mit zusammengebissenen Zähnen recht: »Und wie wir das werden!«
Während das Schiff erneut scharf gewendet wurde und Caron das Gefühl überkam, er würde eigentlich auf dem Boden liegen, anstatt an einer Wand zu hängen, überprüfte er seine Ausrüstung ein letztes Mal. Zwar hatte Felis das bereits im Truppraum getan und er vertraute ihr hundertprozentig, doch er brauchte Ablenkung. Nachdem er mit allen Checkpoints durch war, schaute er nach Malico. Der schien sich wieder gefangen zu haben. Gut so. Er brauchte gleich jemanden an seiner Seite, der funktionierte. Caron rechnete zwar nicht damit, dass die Scimitare der Truppen überhaupt viel zu tun bekamen, aber man konnte nie wissen.
Plötzlich durchfuhr ein Ruck das kleine Schiff und Carons Magen drückte gegen seinen Unterkiefer.
»Lander abgeworfen«, informierte Adamanto.
—
Aus der Unterseite des Bataillonsschiffes wurden die Lander in Schwärmen über dem Lagerhauskomplex abgeworfen. Das Gebäude war nicht besonders breit, dafür aber ziemlich hoch. Höher als alle umliegenden Bauwerke.
Da das Ziel der Aracas das Dach mit seinen kegelartigen Turmausbauten war, fiel ihr Fall verhältnismäßig kurz aus. Als die Lander mit den Symbolen der Halcons, der Puños, der Craneos und der Lobos an den Wänden des großen Lagerhauses vorbeistürzten, zündeten Adamantos Schiffe bereits die Bremsdüsen. Staub und brennender Unrat wurden vom Dach geblasen. Die Lander drehten ihre schwer gepanzerte Unterseite zwischen den Düsenringen zur Dachmitte.
Caron würde sich wohl nie daran gewöhnen, dass sich der Boden beim Absetzen durch das Kippen des Rumpfes in die Rückwand verwandelte. Glücklicherweise glich das Rollgestell, in dem sie festgeschnallt waren, diese Bewegungen der Außenhülle vollständig aus. Schade, dass das im Transportflug nicht auch so funktionierte.
Ein Rumpeln erschütterte den Lander.
»Touchdown! Fertig machen zum Ausstieg!«, befahl Adamanto. Das Dach war jetzt zur gegenüberliegenden Wand geworden und klappte auf. Carons Truppe wurde von gleißender Sonne und umherwirbelnden Papierfetzen begrüßt. Davor bewegten sich die Silhouetten der Landercrew. Während die Kanoniere auf ihre Plätze in den Rotationsgeschützen kletterten, schnallten die beiden Absetzer die Kadetten los.
Gunsmith schälte sich aus der Decke.
»Raus mit euch!« Der Absetzer verpasste Caron einen Schlag an den Helm.
Der stemmte sich aus dem Gestell und eilte hinter dem wehenden Mantelsaum von Martill her. Wie alle Gunner trug auch Martill im Einsatz einen braunen Kapuzenmantel über der Rüstung. Das extrem teure Material wurde exklusiv für die Sinistra hergestellt. Es widerstand plasmatischen Strömungen und wirkte somit gegen die meisten Angriffszauber mindestens abmildernd, wenn nicht gar neutralisierend.
Draußen rannte Caron sofort nach rechts ans Heck des Landers. An der Antriebssektion angelangt, blieb er stehen und wartete Adamantos Befehle ab. Am Bug stand Malico und tat dasselbe. Martill, Navaja und Felis lagen zwischen den zwei Geschützen auf der neuen Oberseite des Landers. Fehlten nur noch Venlok und Gunsmith. Mit ihrem schweren Gerät auf den Schultern schlossen sie praktisch gleichzeitig zu den Scimitaren auf.
Zwischen der eckigen Rocketspit-Batterie und der Halterung für den Donnerwerfer wirkte Venloks Kopf richtig klein. Er zwinkerte Caron zu und entsicherte klackend den Werfer.
Ringsherum standen die anderen Lander der Aracas. Caron orientierte sich kurz anhand der Anzeigen auf der Visierbrille. Von seinem Standpunkt aus konnte er Jayd sehen.
Das Dach war gesichert.
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Nervosität war Furybund Adamanto fremd, selbst in der übelsten Häuserkampfscheiße. Aber jetzt, in der Holoblase des Kommandolanders, mit der Verantwortung für dreißig feuchtohrige Aracas, zeigte der das erste Mal Nerven.
Durch Helm- und Außenkameras hatte er eine ideale Sicht auf das Dach. Der Status der gesamten beteiligten Truppenteile war mittlerweile bei »Position bezogen« und alles stand im grünen Bereich. So vorbildlich, wie der Ausstieg gelaufen war, konnte er eigentlich stolz auf seinen Zug sein.
Doch in ihm wehrte sich so einiges gegen diesen Einsatz. Es war noch zu früh! Um sich durch einen nicht genau aufgeklärten Hinterhalt zu kämpfen, waren die Kadetten noch nicht gut genug aufeinander eingespielt.
Zu seiner eigenen Beruhigung funkte er die Befehlshaberin des Jagdkommandos an. »Huntress 43-01. Wie steht es bei Ihnen?«
»Sinistra Adamanto! Wurde auch langsam Zeit. Unsere Position könnte kaum besser sein. Wir hängen vor den Flüssiggastanks im Zehnten fest. Wie lange braucht Ihre Verstärkung noch?«
»Cazador hier!«, schaltete sich der Commodore der 53. ein. »Wir sind gerade durch den Eingang und unterwegs zu euch. Kein Widerstand bis jetzt.«
Die Jagdführerin lachte freudlos auf. »Das kann sich jederzeit ändern. Haltet die Augen überall!«
»Verstanden, Huntress 43-01. Sind gleich bei euch!«
Cazador war ein Compañero Adamantos aus alten Tagen; ein Commodore, wie er selbst einer gewesen war, bevor er sich freiwillig hatte degradieren lassen, um so nah wie möglich an Azote dranzubleiben. Der Mann war seiner Aufgabe bestens gewachsen, doch Adamantos Sorge um den ersten Ausbildungsjahrgang blieb.
Verbissen versuchte er, aus den Informationen der Holokugel die Art der Falle herauszulesen, in die sie alle gerade liefen. Warum nur hatte Duro darauf bestehen müssen, mit dem jüngsten Jahrgang auszurücken? Felderfahrung! Wenn es nicht so ernst gewesen wäre, hätte Adamanto laut gelacht. Der Coronel wollte sich doch bloß vor dem Dynasten profilieren. Aber in seiner selbst gewählten Position hatte Adamanto sich den Befehlen nun einmal zu fügen, und selbst wenn Zeit zum Debattieren gewesen wäre, es hätte nichts genutzt. Duro hatte wieder diesen stählernen Glanz in den Augen gehabt. Jedes Mal, wenn er diesen Blick drauf hatte, ließ er sich von keinem vernünftigen Argument beeinflussen. Auch das rief Erinnerungen in Adamanto wach. Mit demselben Gesichtsausdruck hatte Duro vor dem Ausschuss der Militäradministrative durchgeboxt, Azote im Bunker gefangen zu setzen, anstatt ihn kurzerhand hinrichten zu lassen.
»Was hast du nur vor, du widerlicher Sack Krötenscheiße?« Der Gedanke an Azote machte Adamanto mit jeder Sekunde mehr zu schaffen. Und so schnell er die Bilder um sich herum auch aufnahm und analysierte, es wollte sich kein Aha-Erlebnis einstellen.
»53., Zug 2-04. Wir sind bei den Jägern …« Der Funkspruch wurde von Kampfgeräuschen unterbrochen.
»Huntress 43-01 meldet erneuten Feindkontakt!«
Sofort mischte Cazador sich ein. »Capitan Kruger? 43-01? Kriegt ihr das in den Griff?« Seine Stimme war aus Granit.
Die Antwort wurde gebrüllt. »Negativ! Bisher nur konventionelle Gegenwehr, aber es sind einfach zu viele.«
»Die Züge drei bis fünf in den zehnten Stock zum zweiten Zug aufschließen! Meidet die Fahrstühle! Der gesamte erste Zug bleibt bei mir!«
Adamanto klinkte sich in das Netz der 53.. Noch keine Verluste. Auch wenn die Jungs jetzt alle durcheinanderbrüllten, Cazador hatte sie bestens im Griff. Seinen Aracas sagte er noch nichts von dem Gefecht. Es fand weit entfernt vom Dach statt und die Kadetten waren auch so schon nervös genug.
Auf dem Übersichtsdiagramm verharrte der zweite Zug der 53. bei der Jagdeinheit. Offensichtlich hatten die Okkulten sich eingegraben. Die restliche 53. verkürzte den Abstand zu ihren Kameraden nun recht schnell. Zwei der Züge drangen weiter ins Innere der Lagereinrichtung ein, um den vermeintlichen Standort ihrer Gegner in die Zange zu nehmen. Um den Ring völlig zu schließen, brauchte die Kompanie eine Viertelstunde.
Plötzlich wurde der Funk durch einen Knall überlagert. In Adamantos Kopfhörer erschallte ein Quäken und die Biosignale eines Sinistras sanken auf Nulllinie. »53., Zug 2-01 meldet Verlust. Die Kapuzen haben auf einen Gastank geschossen und sich zurückgezogen.«
Diese Hunde riskierten eine Menge. Adamantos Kiefer mahlten.
»Verstanden. Lasst ein Bergungsfeuer zurück. Habt ihr wenigstens einige von ihnen markieren können?«, wollte Cazador unverzüglich wissen.
»Ein paar. Aber sie werden sich die Markierungen bestimmt sofort aus dem Fleisch schneiden.« Tatsächlich erloschen drei der aufgeflammten Gegnerkreuze sofort wieder ohne die Meldung eines Abschusses. Doch immerhin blieben zehn weitere übrig.
Die Helmkameras des Zweiten Zuges zeigten größtenteils ein Flammenchaos. Jetzt musste sein alter Compañero sämtliche Einheiten ins Spiel bringen. Adamanto wünschte sich, es wäre sein Kampf.
»Erster Zug!«, rief Cazador seine Leute. »Wir begeben uns unter den Gegner. An alle anderen: Schneidet ihnen den Weg nach außen ab!«
»53.! Huntress 43-01 hier. Unser Munitionsautomaton hat beinahe Nullbestand. Zweiter Zug, könnt ihr uns aushelfen?«
»53., Zug 2-04. Positiv! Kaliber! Synchronisiere deinen Munitionsvorrat mit dem Androiden der Jagdeinheit 01 im 11. Stock.«
Jetzt rückten alle Züge der 53. vor. Sie schlossen ihr Netz um die Okkulten.
Adamanto hätte ein paar Trupps im Hintergrund gelassen, aber so wie er Cazador kannte, wollte der keinem Feind die Chance lassen, zu entwischen. Die Kuttenträger hatten den Bunker besudelt und somit das Herz der Wahrheit selbst entehrt. Gnade konnten sie nicht erwarten.
»Munitionssynchronisation vorgenommen«, meldete der Automaton der vierten Gruppe des zweiten Zuges.
»Wir haben sie!«, kam gleich darauf die Meldung des Capitans von Zug 2.
Und tatsächlich gab es für die zehn roten Kreuze jetzt kein Entrinnen mehr.
Adamantos Lander wankte. Ein dumpfes, aber mächtiges Rumoren erschütterte das gesamte Gebäude. Trotz des Stabilisierungsfeldes in der Holokugel musste er sich abstützen. »Was bei allen …«
Die zehn roten Kreuze waren verschwunden. Und mit ihnen die 53. und alle Jagdeinheiten! Sämtliche Bioanzeigen waren auf Null gesackt und vereinten sich zu einem Chor aus Quäkgeräuschen. Bei den immensen Strukturschäden des Lagerhauskomplexes war es ein Wunder, dass er überhaupt noch stand. Die Werte für plasmatische Reaktionen hingegen explodierten. Was ging da vor sich?
»Dritter Ausbildungszug 01 an Bataillonskreuzer Vindicta. Ich melde den Verlust der gesamten 53.! Und irgendetwas Großes bewegt sich da drin.« Adamantos Körper hatte sich mit Eis gefüllt.
»Erster Ausbildungszug 01. Wir bestätigen die Meldung.«
»Hier Capitan Draft. Wir auch, Vindicta.«
Meldungen der beiden anderen Züge mit gleichem Inhalt folgten.
Von Duro oder dem Admiral des Schiffes kam nichts zurück.
Adamantos Frust entlud sich in einer einzigen Frage. »Haben Sie verstanden, Vindicta?« Jetzt würde Peon Duro seinen Fehler, den ersten Ausbildungsjahrgang in eine solche Situation zu zwingen, hoffentlich einsehen. Mochte er in Schande entlassen und aus Trentagon verstoßen werden.
»Hier Coronel Duro auf der Vindicta. In Rücksprache mit dem Centro Sinistra ergeht folgender Befehl: Die Ausbildungskompanie 01 infiltriert das Gebäude, birgt die Verletzten und schaltet jeden Feind unverzüglich aus. Was immer dort so viel magisches Plasma verbraucht, es muss unter allen Umständen vernichtet werden. Das Kommando des Einsatzes fällt an Capitan Adamanto als dienstältesten Offizier. Weitere Verstärkung ist bereits in Marsch gesetzt. Viel Glück und Viva Verdad!«
»Dieser Bastard«, dachte Adamanto. »Er weiß einfach nicht, wann Schluss ist.«
—
Als das Dach bebte, bewahrte nur ein schneller Griff an Carons Arm Venlok davor, hinter dem Lander hervorzustürzen.
»Verdammte Inzucht! Was war das denn?«, erkundigte sich Malico in Carons Helm lautstark.
»Silencio!«, knurrte Martill, der nun doch pro forma von Adamanto zum Truppführer bestimmt worden war. »Wir sind alle genauso schlau wie du.«
Caron biss die Zähne zusammen. Er hatte von Anfang an kein gutes Gefühl gehabt. Als er dann Adamantos Befehle mitbekam, besserte sich das nicht im Geringsten.
»Funk jetzt frei für alle Kanäle! Capitanes! Lasst jeweils einen Trupp zurück und schleust den Rest ins Gebäude! Aracas, auf mein Wort! Trupp Eins bleibt in Position und sichert das Dach. Die anderen Gruppen infiltrieren den Komplex durch die Fenster. Wahrscheinlich hat es gerade das Jagdkommando und die 53. dazu erwischt. Seid also auf Zack! Da drin steht nicht mehr viel. Jedes Stockwerk ist instabil. Missionsziele für alle: Schafft die Verletzten da raus! Bei den Toten will ich Bergungsfeuer sehen und nagelt alles von den Füßen, das auch nur schräg mit den Armen in eure Richtung fuchtelt.« Adamanto schnaubte. »Und noch was: Irgendeine dunkle Scheiße läuft da drin ab. Irgendetwas, das die endoplasmatische Skala an die Grenze treibt. Macht dem ein Ende!«
Carons Oberschenkel fühlten sich plötzlich an, als hätte jemand die Muskeln dort gegen Blei ausgetauscht. Die gesamte 53. ausgelöscht! Und die Jäger! Die Falle war zugeschnappt!
Neben ihm rutschte Felis vom Lander.
»Vámonos!« Sie zog ihn am Schulterpanzer aus seiner Lethargie.
Wie automatisch ließ er sich von seinen Beinen zur Dachkante befördern. Dort traf er zusammen mit Venlok und Felis auf Malico und den Rest der Truppe. Sie schossen gerade ihre Kletteranker in den Boden.
»Ich hab es doch gewusst!«, schrie Malico.
»Sicherlich hast du nicht gewusst, dass sie gleich ganze zwei Kompanien auslöschen würden, oder?« Caron wollte selbst nicht wahrhaben, was er da aussprach.
»Wir werden diese Schweine jetzt so was von wegpusten«, mischte Venlok sich ein.
Martill überprüfte sein Seil, dann sah er sie alle an. »Bleibt bei der Sache, Kadetten! Wir gehen alle drauf, wenn einer von euch da drin nicht hundert Prozent gibt. Verstanden?«
Die Reaktion bestand aus einer Mischung von Knurren und Nicken.
»Comprende?«, schrie Martill und jetzt brüllten alle ein »Ja« zurück.
»Dann los! Die anderen sind schon drin!« Mit diesen Worten stießen Martill und Navaja sich von der Dachkante ab und verschwanden in der Tiefe. Der Rest folgte unmittelbar.
Caron hatte sich weiter als jeder andere von der Gebäudewand wegbefördert. Sobald die Seile des Trupps in die Gegenrichtung pendelten, zielte jeder mit seiner Waffe auf die Fensterfront und feuerte aus allen Rohren. Caron stieß mit einem Schrei auf den Lippen durch das splitternde Glas. Drinnen rollte er sich sofort ab.
Direkt neben ihm polterte Gunsmith über den Boden. Der Droide war etwas schneller auf den pneumatischen Beinen als seine menschlichen Mitstreiter, doch nicht viel. Scherben bedeckten seinen Metallpanzer. In Sekundenschnelle hatten Caron und seine Compañeros den Raum gesichert.
Die Scimitare bildeten immer die Vorhut, also traten Caron und Malico an den offenen Ausgang. Ihnen folgten die Gunner und zum Schluss Venlok und der Automaton mit den schweren Geschützen.
Vorsichtig spähte Caron durch die Türöffnung.
Noch ein Raum. Er schien leer.
Aber das konnte natürlich täuschen, also warf er eine kleine Hovercam durch die Türöffnung. Das Gerät drehte sich einmal in alle Richtungen, danach leuchtete die Statusdiode grün.
Mit der Linken winkte Caron die anderen heran. Der Armschild war viel schwerer als das Trainingsgerät am Residenzhof. Beim Fechten würde er ganz schön auf seine Balance achten müssen. Er packte seine Pistole fester.
Im Standardverfahren stürmte der Trupp in den Raum und sicherte auch hier wieder handbuchgemäß nach allen Seiten. Caron pflückte die Cam aus der Luft.
»Gut so, Araca 2«, kommentierte Adamanto. »Der nächste Raum führt zu einem Gang. Aber der Gang mündet im Chaos. Die Anzeigen sind undeutlich. Klärt auf, was da passiert ist! 3! Für euch gilt das Gleiche. Aracas 4 und 5! Seht zu, dass euch niemand durchgeht. Ihr seid zu weit auseinander.«
»Die Zerstörung scheint sich auf die Mitte des Gebäudes zu konzentrieren, aber irgendwie ist der Boden hier schon uneben. Passt auf, wo ihr hintretet!«, wies Martill sie an. »Salvador, Malico! Ab in den nächsten Raum!«
Auch dieser Raum war leer, doch hier versperrten die ersten Trümmer den Ausgang.
Die anderen Züge meldeten jetzt extreme Schwierigkeiten beim Eindringen in den Komplex.
»Wie weit seid ihr, Araca 3?«, wollte Caron von Jayd wissen.
»Alle Wege sind dicht. Hier sieht es ziemlich wüst aus. Wir weichen auf einen Gang aus, der in hundert Metern auf euren trifft.«
»Wir sind noch nicht im Gang, aber ich setze meine Mittagsration darauf, dass wir vor euch rausgefunden haben, was hier abgeht.«
Jayd lachte in den Kanal. »Angeber.«
»Salvador!«, zischte Martill und stieß ihn an. »Das ist kein Wettkampf. Bleib gefälligst konzentriert! Gunsmith! Räum den Ausgang frei!«
Der Automaton fuhr den Vorratsbehälter mit der Munition vom Rücken und stampfte zur Türöffnung. Mit zischenden Pneumatikpuffern nahmen sich seine stählernen Arme des Problems an und eine Minute später war die Truppe in dem heillosen Durcheinander des Ganges angelangt.
»Komm mit!«, forderte Caron Malico auf und wollte trotz der zersplitterten Wandelemente, die das Vorankommen äußerst riskant machten, anfangen zu laufen. Malico folgte ihm tatsächlich.
»Wartet! Ihr beiden seid mir ja schöne Scimitare.« Felis kam hinterhergehetzt. In dem lästigen Kapuzenmantel war sie nicht ganz so schnell. »Ihr sollt eure Truppe nach vorne beschützen. Wie soll das klappen, wenn wir zwanzig Meter hinter euch sind? Du solltest Martill nicht noch mehr reizen, Prinzlein.«
Caron seufzte ergeben und wurde langsamer. Mit Venlok und Gunsmith als polternde Nachhut schlossen die anderen auf.
»Was ist das?«, fragte Jayds Stimme.
So ein Mist. Caron konnte durch die Trümmer gerade das Ende des Ganges sehen, da schien Jayds Trupp schon am Ziel angekommen.
»Araca 3 meldet: Vermutlich Zivilisten gefunden! Wir hören eindeutig mehrere Frauen hinter einer Tür. Sie schreien um Hilfe. Erwarten Order.«
Adamanto brauchte eine Weile für die Antwort. »Kriegen Sie die Tür auf und befreien Sie die Zivilisten. Dann eskortieren Sie sie so schnell wie möglich zu einem Fenster. Zünden Sie dort ein Bergungsfeuer. Sobald die hier raus sind, haben Sie binnen fünf Minuten wieder aufgeschlossen! Comprende, Kessler?«
»Ja, Capitan!«
Caron bewunderte Jayd immer mehr. Ihr Tonfall blieb total lässig.
»Melden Sie sich, sobald Sie das Fenster erreicht haben, Araca 3! Die anderen rücken weiter vor!«
»Verstanden, Capitan!«, antwortete Caron anstelle von Martill und die anderen Truppführer taten es ihm nach. Martill sagte nichts dazu, sondern wies lediglich weiter geradeaus.
Als sie sich durch den Schutt kämpften, hörte Caron, wie Gunsmith hinter ihnen immer wieder die größten Stahlträger ächzend und quietschend zur Seite stieß. Damit würde er nicht nur sich, sondern auch ihrer Verstärkung ein Durchkommen erheblich erleichtern. Der Automaton handelte wesentlich vorausschauender als der ach so erfahrene und befehlstreue Martill.
Von vorn erklang ein diffuses Summen. Noch konnte man über dessen Herkunft nur spekulieren. Es machte Caron mit jedem Schritt kribbeliger. Malico schien dafür noch empfänglicher. Wie er jetzt immer hastiger durch die Trümmer eilte, wirkte er eher wie ein schlaksiger Teenager als ein Soldat der Sinistra. Die Gunner kamen wieder nur mit Mühe hinterher.
Mit einem Mal stieß Caron gegen einen Rückenpanzer. Malico war einfach stehen geblieben. Der Grund dafür ließ sich trotz der Wolken aus Gesteinsstaub direkt erkennen. Sie standen an einer Kante, hinter der es jäh in die Tiefe ging.
So etwas konnte Hexerei also bewirken.
Das Innere des Gebäudes war praktisch vollständig zerstört. Alle Stockwerke waren zusammengebrochen und machten einer Halle von monumentalen Ausmaßen Platz. Lediglich am Rand bildeten die Böden einzelner Etagen Galerien aus unsicheren Bodenresten.
Wie eine Insel ragten drei der unteren Stockwerke in der Mitte aus dem Trümmerfeld. Ein Altar aus abgebrochenen Wänden und verdrehten Stahlträgern.
Darüber schwebte der Umriss einer riesigen Gestalt.
An einen Menschen erinnernd, doch leicht flüchtig, befand sich die Erscheinung über einer vielköpfigen Gruppe kapuzenverhüllter Okkulter. Die Knierutscher stimmten zu Ehren der Erscheinung einen tiefen Gesang an. Dazu stiegen Fäden aus grellem Nebel zu ihr hoch, hüllten sie ein und verliehen ihr dadurch eine noch unstetere Wirkung. Jedes Mal, wenn der Kapuzenchor anschwoll, verfestigte sich der Umriss ein wenig mehr und warf den Gesang verstärkt zurück.
Daher kam also dieses seltsame Geräusch. Caron schluckte.
»Was ist denn da vorne los?«, wollte Martill wissen und erstarrte in der nächsten Sekunde. »Ach, du unheilige Scheiße! Ist es das, was ich glaube?«
»Ein Dämon«, stieß Malico hervor. »Diese Schweine wollen tatsächlich einen waschechten Dämon in unsere Welt holen.«
Caron zeigte vor den Hügel aus Gebäudeteilen, wo sich eine weitere, kleinere Erhebung gebildet hatte. »Und schaut euch mal an, was sie ihm zum Fraß vorwerfen wollen!«
Felis atmete hörbar aus.
Die maximale Vergrößerung ihrer Visierbrillen zeigte einen zweiten, sehr viel kleineren Altar, auf dem ein Mädchen von nicht einmal zehn Jahren lag. Sie wurde von zwölf Okkulten in dunkelgrauen Kutten umringt. Gesang hörte man von ihnen nicht, aber in einem unablässigen Kreis schritten sie um den Altar und bestrichen das gefesselte Mädchen mit Blut.
»Wir müssen die Kleine da rausholen«, meinte Venlok, der jetzt mit Gunsmith herangekommen war.
Martill wollte gerade eine Meldung an Adamanto absetzen, da knirschte es unter ihren Füßen.
»Zurück!«, schrie Caron und griff nach Malicos Arm. Doch es war bereits zu spät! Während der Rest noch nach hinten ausweichen konnte, gab unter ihm und Malico der Boden nach.
In einem Regen aus zerbrechenden Belagplatten ging es abwärts. Caron betätigte blitzschnell den Seilwerfer im Rückenpanzer und konnte nur hoffen, dass er Felis nicht erwischte.
So abrupt, wie er eingesetzt hatte, endete der Sturz.
Caron ächzte. An seinem linken Arm hing Malico. Das Seil hatte sich strammgezogen und sie schaukelten heftig hin und her. Dafür, dass Malico so schmächtig wirkte, war er ganz schön schwer. Zu ihren Füßen stürzten Trümmer in die Tiefe. Das würde nicht lange gut gehen.
Caron blickte nach oben und sah voller Erleichterung Felis´ Gesicht. Ihr Mund verzog sich unter der Visierbrille.
»Haltet still! Sonst können wir euch nicht raufziehen. Der Anker hat nicht richtig gepackt!«
Wie um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, ging ein Ruck durch das Seil. Malico rutschte Caron aus der Hand. Sie würden es nicht schaffen.
»Oh Mann! Scheiße!«, brüllte Malico auch gleich.
Caron packte fester zu, glitt aber an seiner Panzerung ab. »Schalte die Handschuhe auf magnetisch und halt dich am Armschild fest.« Caron ließ den Schild aus der Unterarmmanschette schnellen.
Malico langte nach oben, blieb mit einer Hand hängen, versetzte aber das Seil wieder in Schaukelbewegungen. Daraufhin rutschte er erneut. Caron wusste sich nicht anders zu helfen: Er holte mit Beinen und Oberkörper noch mehr Schwung.
»Hört endlich auf zu zappeln, Salvador!«, befahl Martill. »Gunsmith! Du bleibst, wo du bist! Komm von der Kante weg, Lagun! Navaja, Venlok! Ihr greift euch das Seil und zieht sie hoch!«
Durch den Schwung, den Caron erzeugte, pendelten er und Malico jetzt immer heftiger hin und her.
»Lasst die Finger von dem Seil!«, brüllte er trotz Funkverstärker nach oben.
Malico bekam Panik. »Was hast du vor?«
»Caron, du Idiot!«, hörte man Venlok jetzt. »So kriegen wir euch nie zu fassen.«
Caron und Malico rauschten nach einem fulminanten Rückwärtsschwung wieder nach vorn. Für Malico würde es bereits reichen. Für ihn selber vielleicht nicht, aber länger konnte Caron nicht warten, sonst waren sie beide tot.
Gerade überlegte er, ob er den Anker wirklich ausklinken sollte, da wurde ihm die Entscheidung abgenommen.
Das Seil gab nach.
Malico schrie auf. Felis auch.
Durch den letzten Schwung beschleunigt, wurde Malico in den Raum zwei Etagen unter Carons Trupp geworfen. Er prallte von der Wand ab und Caron knallte mit dem Bauchpanzer vor die Bruchkante des Stockwerks. Aus dem Thermobrandstein ragten glücklicherweise zwei verbogene Streben, die er zu fassen kriegte. Gierig nach Luft japsend, würgte er Galle runter. Das war knapp gewesen.
»Bei allen Teufeln, Salvador!«, fluchte Malico und überprüfte beim Hochkommen, ob noch alles an ihm dran war. »Hättest du mich nicht wenigstens vorher warnen können?«
»Keine Zeit«, presste Caron hervor und versuchte, nach der
bröckeligen Kante zu langen, damit er nicht von den Streben abrutschte.
»Wo seid ihr beiden Chaoten abgeblieben?«, schallte Felis Laguns Stimme nach unten. Lachte sie etwa?
»Abkürzung ins übernächste Stockwerk genommen«, brüllte Caron. Dann fuhr er Malico an. »Könntest du mir mal bitte helfen?«
»Oh, natürlich«, erwiderte der, kam zum Rand und zog Caron in das abgebrochene Zimmer. Ein ehemaliger Lagerraum. Von oben drang jetzt tatsächlich lautes Gelächter herunter. Caron blickte finster.
»Wenn ihr da oben fertig seid, dann lasst uns endlich das arme Mädchen retten!«, gab er zurück und erinnerte jeden an den Ernst der Lage.
Die riesige Gestalt hing noch unverändert über der Szenerie, und auch um das Mädchen herum zeigten die Okkulten kein Zeichen von Eile. Offenbar hatte noch niemand etwas vom Eintreffen der Kavallerie mitbekommen.
Das würde nicht mehr lange so bleiben. Carons Gedanke wurde von einem einzelnen Schuss über ihm unterstrichen. Das musste Navaja gewesen sein. Sehr zu Carons Überraschung hatten die Bemühungen ihres Scharfschützen jedoch nicht den erwünschten Effekt. Ein Blitz fuhr aus dem Schemen des Dämons zu dem kleinen Altar und wie um eine lästige Fliege abzuwehren, ließ einer der Kuttenträger die Kugel an seiner Hand abprallen. Dabei hatte er noch nicht einmal aufgesehen!
»Das bringt so nichts. Der Dämon beschützt sie. Wir müssen da runter«, rief Caron, ohne auf eine Reaktion von Martill zu warten.
Über sich hörte er, wie Venlok den Donnerwerfer in die Schulterhalterung klinkte. »Das können wir auch von hier aus ganz schnell ändern.«
Das wohlbekannte Brummen steigert sich zu einem Sirren und ein gleißender Kugelblitz schwebte der dunklen Gestalt in ihrem Lichtnebelmantel entgegen.
Da ertönte ein vielstimmiges Gebrüll. Aber es kam nicht von dem vermutlichen Dämon, sondern von den Hexern, die immer noch um das Mädchen schritten und es mit Blut zeichneten. Es handelte sich wohl um einen Schutzzauber, der den Kugelblitz augenblicklich ablenkte und verlöschen ließ.
Caron witterte eine Aufgabe für Scimitare. Sie mussten irgendwie in Schwertnähe an den kleinen Altar herankommen.
»Wir seilen uns ab. Los geht´s!«, schrie er deswegen.
Martill fuhr ihn an: »Nicht so schnell, Salvador! Wir machen erst mal Meldung.«
»Was ist da los bei Ihnen?«, wollte Adamanto auch prompt über Helmfunk wissen.
Martill fasste die Situation für den Capitan zusammen. Der Tanz der Okkulten um das kleine Mädchen wurde jetzt schneller und Carons Unruhe wuchs mit jeder Sekunde.
»Die Kleine hat nicht mehr viel Zeit«, drängelte er und hatte seinen verbogenen Kletteranker schon wieder aus dem rückwärtigen Fach in der Rüstung geholt.
Unten hatte einer von den Kuttenträgern seinen blutigen Wedel gegen einen gebogenen Ritualdolch eingetauscht.
»Sie dringen weiter geordnet vor!«, tönte Adamanto in Carons Ohren. »Statusmeldungen von allen Zügen und Truppen! Die Aracas beginnen.«
»Araca 1. Dach gesichert!«
»Araca 2. Position unverändert.«
»Araca 4. Stecken noch im Gang 4520. Unser Automaton hat aber den Weg gleich freigeräumt.«
»Araca 3. Die Frauen sind befreit. Warten an der südlichen Fensterfront linke Seite auf Berger.«
Und so ging das in einem fort. Die anderen Züge kamen noch viel schlechter voran. Keine der Gruppen war schon so weit wie die von Martill. Wie der Zufall es wollte, hatten sie wohl den Gang erwischt, der als einziger fast intakt geblieben war.
Unten am Altar waren aus dem einen Dolch mittlerweile vier geworden. Caron konnte nicht mehr tatenlos zusehen.
»Ich geh da jetzt runter und erschlage die Bande, bevor sie dem Mädchen noch mehr antun. Wer kommt mit?« Er schlang das Seil mehrmals um eine Strebe, damit es ihn trotz des verbogenen Ankers hielt, und trat dann an die Stockwerkkante. Malico sah ihn nur ratlos an. Caron sprang.
Von oben konnte man zwei Dinge hören: lauthalsiges Gefluche und ein weiteres Seil, das sich abrollte. Ersteres kam selbstverständlich aus Martills Mund. Das zweite Geräusch stammte erstaunlicherweise von Venlok.
»Salvador! Sie kriegen ein Tribunal wegen Aufhetzung! Bleiben Sie, wo Sie sind! Bis auf Kesslers Trupp bewegen sich alle schnellstens zu diesem Gewölbe. Vamos!«
Caron und Venlok standen bereits zwischen den Trümmern auf dem Boden. Venlok hatte seinen Werfer immer noch im Schulterhalter arretiert. »Du hast den Capitan gehört?«
»Klar«, antwortete Caron verdrossen und lief los. Venlok bewegte sich etwas langsamer in die andere Richtung.
»Ich verschaff mir eine bessere Schussposition. Gib Bescheid, wenn du fertig bist. Dann grille ich diesen Dämonenarsch.«
Caron sparte sich eine Antwort und zog stattdessen im Laufen sein Schwert aus der Rückenscheide.
Das Geräusch der widernatürlichen Erscheinung war zu einem Wummern angeschwollen. In der Zwischenzeit übertönte es den Gesang der Hexer um ein Vielfaches.
Als er durch die Trümmer hetzte, verdeutlichte Carons Visier, dass viele der silbrig schimmernden Fäden, die auf den Dämon zutrieben, von verkrümmten Körpern oder aus dem Schutt ragenden Gliedmaßen kamen. Astralplasma! Die Okkulten benutzten die Lebensenergie der getöteten Sinistras, um diese Abscheulichkeit nach Trentagon zu schaffen. Staub knirschte zwischen Carons Zähnen und juckte in seiner Nase.
Diesen abnormen Ritualen würde er ein schnelles Ende bereiten.
»Halcons hier. Trupp vier meldet: Position erreicht. Wir bestätigen die Meldung von Araca 3.«
»Eröffnen Sie das Feuer nach eigenem Ermessen. Unterstützen Sie Kadett Salvador. Er müsste sich von Süden dem kleinen Altar nähern.« Adamanto versuchte Schadensbegrenzung. »Salvador, das wirst du noch bereuen, du Idiot.«
Aus einem der dunklen Gänge von der gegenüberliegenden Wand erblühte Laserfeuer. Die ausgestreckten Arme der Kuttenträger, unterstützt von einem Blitzgewitter der Dämonengestalt, neutralisierten es. Zwei Donnerwerfer feuerten. Aber darauf antworteten die Okkulten aus dem Ring um das Mädchen wieder mit Absorbierzaubern. Solange niemand einen der beiden Zirkel auflöste oder zumindest störte, würde das ewig so weitergehen.
Caron sprang auf eine schräg nach oben ragende Bodenplatte. Gleich hatte er den kleinen Altar erreicht. Das Mädchen auf dem Tisch sah ihn durch den Kreis der Kutten und fing an zu schreien. Obwohl die Kleine sich jetzt mit aller Kraft gegen ihre Fesseln wehrte, nahm keiner der Hexer Notiz von Caron.
Der Aufstieg zum Altar wurde steiler.
»Araca 3. Der Berger ist hier. Abtransport der Zivilisten steht unmittelbar bevor.«
Nur noch wenige Meter. Er schaltete den Säbel ein. Gleich konnten diese Freaks etwas erleben.
»Hier Kreuzer Prestigio mit der 119. Sinistra an Einsatzleitung. Ihre Verstärkung ist eingetroffen. Erwarten Absetzmarkierungen für die Lander.«
Caron holte aus. Der Dämon schmetterte ihm einen Blitz entgegen. Und obwohl Caron bis in die Haarwurzeln elektrisiert wurde, durchtrennte er den ersten Hals samt dunkelgrauer Kapuze nahezu mühelos. Entweder reichte die Macht des Dämons noch nicht oder er wollte das Leben seiner Schergen nicht gefährden. Der kopflose Hexer kippte zur Seite und jetzt schenkte man Caron endlich Aufmerksamkeit.
»Araca 3! Verlegen Sie ihre Position sofort ans Ende von Gang 2532!« Als Adamantos Stimme durch seinen Schädel schallte, fing Caron einen schlampig geführten Dolchstoß mit dem Armschild ab und durchbohrte den Brustkasten seines nächsten Angreifers. »Keine Angst, Mädchen! Ich bin sofort bei dir!«, rief er dem halbnackten Opfer zu und schenkte dem nächsten Verteidiger ein bösartiges Lächeln.
Um den Zirkel aufrechtzuerhalten, wehrte sich nur immer jeweils ein Kuttenträger gegen Caron. Sie machten es ihm schon fast zu leicht. Der nächste Okkulte fiel, nachdem Caron seine Dolchhand abgeschlagen und die Klinge in seine Seite gerammt hatte.
»Araca 3 ist auf dem Weg.« Auch die Halcons und die Puños waren jetzt drin.
Wie ein tödlicher Wirbel stob Caron durch die flatternden
Kutten. Leiber krümmten sich zusammen und Hände wurden vom Körper getrennt, bevor sie magische Speere oder Dolche gegen ihn wenden konnten. Der Klingenfänger stellte sich als ein optimales Mittel gegen die halblangen Ritualmesser heraus. Hätte ihn das flackernde Helmvisier nicht so gestört, es wäre noch sehr viel schneller gegangen. Am Schluss sah er sich nur noch zwei Hexern gegenüber.
»Hier Führer 119.! Achtung Ausbildungskompanie 01! Wir stürmen das Gebäude!«
Plötzlich langte jemand von hinten nach Carons Kopf. Ein Messer blitze auf. Der Kerl hatte ihm durchs Auge stechen wollen, aber lediglich das Visier erwischt. Nun zog sich ein Riss quer durch Carons Vid-Feld. Mit dem Schlag seines Ellenbogendorns schüttelte Caron den Mann ab. Allerdings gab dabei der Visofilter flackernd den Geist auf. Endlich kein Lichtgewitter mehr aus dem »Kübel«. Ein Teil von ihm war heilfroh.
»Araca 3 hat das Ende von Gang 2532 erreicht. Bei der Wahrheit! Was ist das denn? Shrouk, Rampage! Rocketspitter entsichern! Feuert alles, was ihr habt, auf die Kreatur im Nebel!«
Jetzt konnten ihn diese Dreckskerle einmal richtig kämpfen sehen! Caron fuhr herum und wollte seinem Gegner den Garaus machen, doch der hatte seine Hände zur Abwehr ausgestreckt und betete ihm ein paar schnelle Beschwörungsformeln entgegen. Grüne Funken fuhren aus den Fingerspitzen und hüllten Caron von Kopf bis Fuß ein. Für einen Augenblick sah er nichts als gleißende Helligkeit.
Dann schien sein Armschild auf einmal viermal so schwer und das Gewicht des Säbels untragbar zu werden. Carons Arme sanken nach unten. Mochte er sich noch so sehr anstrengen, der Säbel entglitt den schwächer werdenden Fingern. Selbst sein Kopf schien plötzlich viel zu massig für die schwache Nackenmuskulatur. Carons Kinn sackte auf die Brust.
»Brauche Hilfe«, konnte er noch ins Mikro stammeln, danach lag ihm die Zunge wie Blei im Mund.
»Araca 3. Ihr habt Salvador gehört. Gunner und Scimitare abseilen!«
»Hat Martill das nicht mitgekriegt?«, dachte Caron. Wenigstens war Jayd auf dem Weg. Doch Carons Hoffnungsschimmer erhielt sofort einen Dämpfer.
Sein Gegenüber verzerrte das Gesicht zu einem kranken Grienen und erhob den Ritualdolch. Das konnte Jayd unmöglich schaffen. Innerlich wollte Caron sich gegen die Unausweichlichkeit seines nahenden Todes aufbäumen, aber sein schlaffer Körper sackte einfach in die Knie.
»Wo kommen die denn auf einmal her? Verkommene Verdammnis!« Der Helmfunk übertrug die Stimme des Kompanieführers der 119. fast so deutlich wie das darauf folgende Mündungsfeuer.
Caron scherte es nicht. Seine Welt bestand nur noch aus dem Blitzen einer Klinge und dem feurigen Blick eines Ritualhexers.
Das Messer fuhr herunter, verfehlte Carons Hals aber um mehrere Zentimeter und schabte über den Brustpanzer. Das irre Grinsen des Hexers hatte sich in eine Miene der Qual verwandelt. Er fiel vornüber und hinter ihm erhob sich, wie ein menschlicher Berg, Venlok.
Caron konnte den eigenen Sturz gerade eben mit den Händen abfangen, dann brach das Chaos los.
Beiläufig erledigte Venlok die beiden letzten Okkulten mit seinem schweren Handblaster, doch plötzlich brach ein wahres Lasergewitter von oben über sie herein.
»Wir können nicht sagen, woher sie gekommen sind, aber in den Gängen wimmelt es auf einmal von Okkulten. Erbitten Anweisung!«, brüllte Lobo 2 in den Kampflärm und mindestens sechs andere Truppführer mit ihm.
Zusätzlich zu dem Feindfeuer hagelte es jetzt Blitze von dem Dämon und seinen Hexern. Venlok hatte die Verbindung zwischen den beiden Zirkeln unterbrochen. Nun wollten ihre Gegner retten, was noch zu retten war. Vielleicht konnten sie ihrem Opfer das Leben noch aus der Ferne nehmen und das Ritual des Übergangs so erfolgreich abschließen.
Geistesgegenwärtig warf Venlok seine Kutte über den wehrlosen Caron und sprang auf den Altar. Ein menschlicher Schutzschild für das Mädchen.
»119., Trupp 2-02. Sind an einer Gruppe von mindestens zehn Kutten vorbei. Alle eliminiert.«
»Halcon 5. Wir haben das Ende unseres Ganges erreicht.«
»119., Trupp 2-02! Weiter vorrücken! Halcon 5! Feuern Sie auf die Hexer um den Dämon!« Adamanto ordnete das Chaos mit beherrschter Stimme.
»Caron! Wir kommen!« War das Felis´ Stimme gewesen?
Die Dämonenblitze hatten aufgehört, aber Venlok kassierte zwei Treffer. Ob sie seinen Brustpanzer durchdrungen hatten oder nicht, vermochte Caron nicht zu sagen. Auf jeden Fall schirmte er weiterhin das Mädchen ab. Die rechteckige Rocketspit-Batterie hatte er abgeworfen, aber mit dem Donnerwerfer nahm er den Dämon wieder unter Beschuss. Einmal – zweimal …
»Craneo 3. Wir sind ebenfalls alle durch.«
Jetzt verbrannten drei Laserstrahlen auf einmal Venloks Rüstung. Er brüllte etwas. Caron konnte nur auf dem Boden knien und teilnahmslos zusehen. Was immer der Okkulte mit ihm angestellt hatte, er würde es nicht so schnell überwinden.
Irgendjemand schüttete quer durch die Halle eine violette Funkenexplosion über Caron aus. Doch die ektoplasmatische Energie prallte wirkungslos an Venloks Mantel ab.
Carons mutiger Compañero hatte das Mädchen inzwischen mit seinem Messer befreit. Dafür steckte er schon wieder ein. Ernsthafter diesmal. Purer Schmerz entstellte seine Züge und für eine Sekunde sah es so aus, als würde er über der Befreiten einfach zusammenbrechen. Unter größter Willensanstrengung blieb er aufrecht. Wehren konnte er sich jetzt allerdings nicht mehr.
In dem Moment, als Caron Jayds Gesicht unter dem Helm erblickte, überschlugen sich die Erfolgsmeldungen der anderen Züge. Für ihn war es der schönste Anblick, den er sich vorstellen konnte. Doch der Triumph währte nur ein paar Sekunden. Dann wurde er von Venloks Fall überlagert. Nach drei weiteren Treffern hatte Carons Beschützer das Mädchen vom Altar gerissen. Den Blick leer, blieb er im Schutt auf ihr liegen. Das letzte, was Caron von ihm sah, war ein Faden roten Blutes, der sich seinen Weg über das Kinn bahnte. Dann wurde Caron auf die Füße gewuchtet.
Felis! Für eine Sekunde schien es so, als würden sie und Jayd sich um das Privileg, ihn hier rauszuschleppen, streiten, aber letztendlich setzte Jayd sich durch und warf Caron über ihre Schulter. Felis kümmerte sich um Venlok und das Mädchen.
Der Beschuss hatte sich deutlich verringert.
Irgendjemand feuerte eine Rakete genau auf die Brust des Dämons. Sein Brüllen und Toben war ohrenbetäubend. Dann kollabierte der Riss zwischen den Daseinsebenen und er verschwand.
Der leuchtende Nebel trieb auseinander.
Sie hatten gewonnen.
Doch Caron war das alles egal. Als er von Jayd über das Trümmerfeld des Lagerhauses in Sicherheit geschleppt wurde, kümmerte ihn allein Venloks Schicksal.
Kapitel 6
Gleich an Bord der Vindicta hatte man Caron unter Arrest gestellt. Nach der Landung im Bunker waren ihm Körperpanzer, Bewaffnung und Helm abgenommen worden, dann hatten ihn vier Wächter in den Vollzugslevel überführt.
Seitdem hockte er wie betäubt am Boden seiner Zelle. Die dumpfen Erinnerungen der vergangenen Stunden schienen ihn in dem zwei mal zwei Meter großen Raum schier erdrücken zu wollen.
War Venlok gestorben? Seinetwegen? Und war der Dynast schon über Carons Ehrverlust informiert worden? Mit Sicherheit gehörte jemand in der verglasten Kammer über dem Eingang zur Hochvertrauensunion. Unter Umständen sogar das gesamte Personal. Da kaum ein Verbindungsrekrut den anderen kannte, war das sehr gut möglich. Und diese Leute wussten bestimmt bereits über Carons weiteres Schicksal Bescheid. Er selber war sich darüber noch gar nicht im Klaren und diese Ungewissheit machte ihn wahnsinnig.
In einer schnellen Bewegung stemmte er sich die Wand hoch. Seine Beine kribbelten wie verrückt. Vielleicht sollte er doch langsam das Schlafbord aus der Wand holen. So wie es aussah, würde er wohl über Nacht bleiben.
Er warf einen lustlosen Blick in die Transferlade links neben dem Energiefeld, das den Eingang verschloss. Mindestens zwei Stunden war es bereits her, dass der Servicedroide den Dreikammernapf mit der Abendration hineingeschoben hatte. Das Gericht unter dem Dämmdeckel wäre noch so warm wie zu dem Zeitpunkt seiner Abfüllung, aber Caron stand überhaupt nicht der Sinn nach Essen. Erst jetzt bemerkte er seinen Durst. Seit heute Morgen hatte er nichts mehr getrunken, also nahm er lieber einen kräftigen Schluck aus dem Trinkwasserspender in der Wand.
Schließlich lehnte er sich gegen das transparente Feld vorm Eingang, verdrehte den Kopf und versuchte, einen Blick auf das Eingangsschott am Korridorende zu erhaschen. Er verblieb in dieser Haltung, bis die rötliche Ladung des Feldes zu warm für seine Hände wurde, doch schlauer war er danach auch nicht.
Es wollte sich einfach nichts tun. Seit seiner Inhaftierung kümmerte es niemanden, was mit ihm geschah und offenbar wollte ihn auch keiner darüber informieren, was draußen vor sich ging. Caron Salvador trug jetzt den Makel eines Aufhetzers; jemand, der im Gefecht den Kopf verlor. Gestern noch ein ehrenhafter Scimitar, heute ein unzuverlässiger Versager, der das Leben des Mannes auf dem Gewissen hatte, den er eigentlich hätte schützen müssen.
Nach langem Hin-und-her-Überlegen klappte Caron das Schlafbord mittels der großen Steuertaste aus der Wand und legte sich darauf.
Er blickte nach oben. Verfluchte Inzucht! Nach Schlaf war ihm erst recht nicht zumute, aber vielleicht verrieten ihm die Mikrofugen der Deckenplatten ein paar Antworten.
—
Caron fuhr vom Schlafbord hoch.
Das Schott zum Korridor war geöffnet worden!
Wie lange hatte er geschlafen? Egal. Irgendwer brachte endlich Neuigkeiten.
Leider vernahm er das Sirren von Servogelenken und so war klar, dass sich kein Mensch durch den Arrestkorridor näherte, sondern der gebeugte Serviceautomaton.
Der Maschinenmensch stellte sich neben das Sperrfeld der Zelle, ließ die Transferschublade aufgleiten und musterte den Inhalt für eine Sekunde. Seine gelben Visorezeptoren flackerten einmal kurz, dann tauschte er den Deckelnapf, der drin war, gegen jenen, den er in den schmalen Greifwerkzeugen hielt. Die Schublade zischte wieder nach innen. Carons Frühstück.
»Hey, Automaton! Vorläufiger Informationsstatus über die Dauer meines Aufenthalts!« Der Droide drehte nicht einmal den Kopf. »Was weißt du über den Gesundheitszustand von Kadett AJ01-T02-06, Venlok, Roscoe?« Die letzten beiden Worte brüllte er dem fortstampfenden Roboter geradezu hinterher, aber der verzögerte die Frequenz seiner Schritte nicht um einen Deut.
Caron trommelte gegen das Energiefeld. Die Gewalteinwirkung resultierte in einem schmerzhaften Spannungsanstieg, so ließ er davon ab und verpasste stattdessen der Transferschublade einen missmutigen Tritt.
»Insasse AL11-T02-02. Ich vermerke Ihr Fehlverhalten für 07:12 im Schichtprotokoll als ersten Verstoß gegen die Arrestbedingungen!« Die Stimme des Wächters dröhnte durch Carons Zelle. Jetzt wusste er wenigstens, wie spät es war. »Und noch was, Jungchen: Wenn du weiterhin nichts isst, dann vernachlässigst du deine Gesundheitserhaltungspflicht. Nicht nur, dass ein weiterer Ungehorsamsvermerk deine Lage noch verschlimmern wird, spätestens heute Abend werden die Medicos hier anrücken und Maßnahmen einleiten.« Im Lautsprecher knisterte es, danach herrschte wieder Ruhe.
Caron brummte verärgert. Er musste gestehen, dass er ziemlichen Hunger hatte. So nahm er die Morgenration aus der Transferlade und öffnete den Deckel. Wie hatte Malico so schön gesagt? »Eine Stoffwechselregulierung von außen soll ja nicht so angenehm sein.«
Während er sich das Essen mit den Fingern in den Mund stopfte, fragte er sich, ob und wann er seinen Scimitar-Compañero wiedersehen würde.
—
Der Serviceautomaton lieferte die Mittagsration ab und war dabei genauso wenig ansprechbar wie beim Frühstück. Auch zum Abendessen gelang es Caron nicht, nur ein Sterbenswörtchen aus seinem Metallschädel herauszubringen. Alles, was er mittlerweile sicher wusste, war, dass er zurzeit der einzige Gefangene hier war, denn der Automaton brachte ausschließlich Essen zu dieser Zelle und hielt sich an keiner anderen auf.
Es gab für Caron nicht die geringste Ablenkung. So konnten ihn die ständigen Grübeleien über Venlok ungestört quälen. Wenn er sich vor Augen führte, wie gering er Roscoe vor dem Einsatz geschätzt hatte, wurde ihm ganz anders. Während der nächsten Mittagsration kamen dann Gedanken an einen zutiefst enttäuschten Dynasten und einen triumphierenden Sito hinzu. Das verdarb ihm den Appetit vollständig.
Als Caron sich gerade mit Trinkwasser die Finger gesäubert hatte, rumpelte das große Schott am Ende des Ganges. Es waren eindeutig Stiefelschritte, die sich da näherten. Das war nicht der Automaton.
Caron stierte zum Eingang und sein Herz tat einen Sprung. Jayd kam ihn besuchen!
»Hallo, Caron.« Sie stand vor der Zelle und musterte ihn mitleidig. Eine Hand legte sie dabei ans Verschlussfeld. Rasch wischte Caron sich die feuchten Finger ab und legte seine Hand gegen die ihre. Wie sehr wünschte er, die rote Energieschicht würde einfach verschwinden. Doch der Moment verging wieder und Jayd hakte ihre Finger hinter den Gürtel. »Wie geht es dir?«
»Angepisst. Wie steht es um Venlok? Warum hat sich sonst noch niemand hier blicken lassen?«
»Ich dachte, du würdest dich wenigstens ein bisschen freuen, mich zu sehen. Was meinst du denn, was bei uns los ist?«
»Entschuldige. Natürlich bin ich froh, dich zu sehen.« Carons Tonfall änderte sich schlagartig. »Und nein. Ich habe keine Ahnung, was oben los ist. Wie sollte ich?«
Jayd schien versöhnt. »Niemand weiß, wie es Venlok geht. Der Unterricht ist bis auf Weiteres ausgesetzt. Dafür werden wir in regelmäßigen Intervallen zu Befragungen abbefohlen.« Sie sah Caron auf eigentümliche Weise an. »Martill und den Rest deines Trupps haben die Befrager besonders im Visier. Keiner von uns hat sie seit der Vindicta zu Gesicht bekommen. Wundere dich also nicht darüber, wenn sie noch keine Zeit für dich gefunden haben.«
Carons schlechtes Gewissen wurde übergroß. Er hatte sich in der Tat bloß Gedanken über Venlok und sich selber gemacht. Dass Felis, Malico, Navaja und Martill in Schwierigkeiten stecken könnten, darauf war er nicht gekommen. Was für ein Desaster!
»Danke, Jayd! Ich freue mich, dass du trotz des ganzen Chaos an mich gedacht hast. Manchmal bin ich so ein Egoist.« Caron wusste nicht, welchen Gesichtsausdruck er zur Schau stellte, aber er sorgte dafür, dass Jayd die Hand wieder ans Energiefeld legte. Sofort tat er dasselbe. Sah es durch das Flimmern des Verschlussfeldes nur so aus oder glänzten ihre Augen mit einem Mal?
Leise fragte sie: »Was hast du nur angerichtet?«
»Die Besuchszeit ist um, Kadett Kessler!« Aus dem Lautsprecher der Überwachungskabine drang ein Ton, der keinen Widerspruch duldete.
Jayd zog die Hand zurück und straffte ihre Haltung. Bevor sie zurückmarschierte, lächelte sie mit einem Mundwinkel und raunte: »Wir sehen uns noch, Compañero!«
Dann war sie verschwunden.
—
Es vergingen fast ganze zwei Tage, an denen Caron nichts anderes übrig blieb, als seine Mahlzeiten einzunehmen und die Zellenwände anzustarren. Kurz vor der nächsten Abendration bekam er dann endlich Besuch von seinen Compañeros.
Malico begrüßte ihn aufgeregt, Felis imitierte ungewollt Jayd, indem sie ihre Hand auf das Verschlussfeld legte, Martill war ein einziger stiller Vorwurf und Navaja hielt sich wie gewohnt mit verschränkten Armen im Hintergrund.
»Hallo Leute«, empfing Caron sie und erwiderte Felis´ Geste.
»Tut das gut, euch zu sehen!«
Martill guckte säuerlich. »Vielleicht bist du etwas weniger begeistert, wenn wir dir verraten, was dich erwartet«, ätzte er, aber Felis nahm Caron sofort in Schutz.
»Halt dich zurück! Er ist beschissen genug dran.«
»Aber echt, Martill!«, echauffierte Malico sich ebenfalls. »Caron hat mein Leben gerettet. Lass ihn in Frieden!«
Martill schnaubte, sagte aber nichts mehr.
»Ich hab schon gehört, dass sie euch meinetwegen ziemlich in die Mangel nehmen. Tut mir leid.«
Felis hob eine Braue. »Ach? Von wem?«
»Jayd war hier. Hat sie gar nicht mit euch gesprochen?«
»Jayd?«, echote Felis leise. Ihrer Hand schien die Wärme des Feldes wenig auszumachen, doch nun nahm sie sie herunter.
Malico wirkte verlegen. »Ich muss zugeben, dass unser Draht zu Jayd nicht gerade heiß ist.«
Felis ergänzte: »Was Malico damit sagen will, ist: Seit dem Vorfall im Lagerhauskomplex hatten wir nur wenig Kontakt zu anderen Kadetten. Und wenn wir daran etwas hätten ändern wollen, dann garantiert nicht bei Jayd Kessler.«
Jetzt nickte Martill das erste Mal.
Malico hingegen schüttelte vehement den Kopf. »Ich wusste auch erst nicht, was man von ihr halten soll. Aber seit der Untersuchung vor dem Bunker glaube ich, dass sie bei dem, was Caron bevorsteht, die beste Hilfe sein wird, die er kriegen kann.«
Caron wurde flau. »Was soll das heißen?«
Gente Martill war anzusehen, wie wenig er von alldem hielt.
»Sie haben heute Trego und Caball von den Lobos in unsere Truppe gesteckt. Das bedeutet wohl, dass Adamanto dich und Venlok abgeschrieben hat.«
Malico fuhr dazwischen: »Das hättest du ihm auch schonender beibringen können!« Zu Caron sagte er: »Wir wissen nichts Genaues über Venlok. Die Medicos haben ihn abtransportiert und bis jetzt dabehalten. Wäre er tot, hätte Adamanto den Zug sicherlich schon informiert, aber …«, er holte kurz Luft, » … aber die Comisare, die uns befragt haben, waren sich in einem Punkt einig. Dich erwartet ein Tribunal wegen Ungehorsams und unmittelbarer Lebensgefährdung eines Kameraden durch Aufhetzung. Wobei das Zweite wesentlich schwerer wiegt. Da war Coronel Duro sehr deutlich.«
Caron musste sich setzen. Egal was passierte, im besten Fall wurde er unehrenhaft entlassen und Venlok starb vielleicht. Beides war seine Schuld. »Aber ich wollte doch nur das Leben des Mädchens retten!«
»Das wird das Militärtribunal auch bestimmt berücksichtigen … vorausgesetzt, du hast einen geschickten Verteidiger«, versuchte Felis ihn zu trösten.
»Und das werde ich übernehmen!« Malicos Stimme bekam wieder einen aufgeregten Unterton. »Lass mich dein Advocat sein. In so etwas bin ich gut. Sie werden mir bestimmt nicht viel Zeit lassen, aber ich wälze jedes Gesetz und den gesamten Canon Sinistra dazu. Wenn es sein muss, die Nächte durch.« Carons Erstaunen wurde wohl falsch interpretiert, denn Malico fuhr fort: »Komm schon! Du hast mir da oben den Arsch gerettet. Gib mir eine Gelegenheit, mich zu revanchieren!«
Da konnte Martill sein Gesicht noch so missmutig verziehen, Caron war überwältigt. Aber sogleich machten sich auch Zweifel in ihm breit. »Wahrscheinlich werden deine Worte das Einzige sein, was mir das Hinrichtungskommando erspart. Wenn du allerdings gleichzeitig als Zeuge vor die Comisión trittst, laufen wir Gefahr, dass die Anklage Befangenheit beantragt. Kommen die damit durch, ist die Beweisgültigkeit deiner Aussage dahin.«
»Deswegen möchte ich Jayd hinzuziehen. Sie ist ziemlich intelligent und behält bei Schwierigkeiten den Überblick.«
»Du scheinst dir das ja bereits genau überlegt zu haben. Okay. Leg los!«
»Wie steht es mit euch? Jayd wird euch sicher eine Menge Fragen stellen wollen.« Malico sah in die Runde und erstaunlicherweise brauchte Felis noch länger als Martill, bis sie ihre Zustimmung gab.
»Besuchszeit abgelaufen!«, knarrte es aus den Lautsprechern.
»Gut. Dann mache ich mich gleich an die Arbeit.« Malico wandte sich mit Martill zum Gehen. Felis legte noch einmal die Hand auf das Energiefeld und wartete, bis Caron das Gleiche tat.
»Behalt die Flügel oben, Compañero. Wir hauen dich da raus«, sagte sie zum Abschied, dann drehte auch sie sich herum.
Nur einer stand noch unbewegt vor Carons Zelle. Der Stimme aus der Überwachungskabine gefiel das gar nicht.
»Das gilt auch für Sie, Kadett Navaja!«
»Nichts ist verloren, denn du hast noch deine Ehre«, brummte er Caron zu und seine Mundwinkel zuckten in der gleichen Weise wie bei seiner Belobigung durch Adamanto.
Schließlich folgte er Martill, Malico und Felis mit langen Schritten.
—
Eine ganze Woche lang blieben weitere Besuche aus. Der Serviceautomaton hatte zu den Mahlzeiten lediglich Voice-Mitteilungen für Caron dabei: von Jayd zwei, von Felis insgesamt vier, von Malico täglich eine. Dieser war es dann auch, der auf einmal wieder vor Carons Zelle stand.
»Wie war deine Woche?«
»Beschissen. Diese Zelle macht mich verrückt. Ich versuche, mich mit Liegestützen und Auf-der-Stelle-laufen fit zu halten. Aber ich krieg nur alle drei Tage neue Sachen. Immer nach den erfrischend kalten Duschintervallen aus der Decke. Aber wie dem auch sei. Was hast du rausgefunden? Und vor allem: Wie steht es um Venlok?«
»Ich habe es dir in den Audios ja schon erzählt: Es sieht nicht gut aus. Venlok bleibt vorerst im Centro Medical. Sie haben ihn in einem Curationstank eingelagert. In deiner Sache läuft es auch nicht gerade brillant. Die Comisión wird dir wegen des Ungehorsams die Hölle heißmachen. Normalerweise würde eine solche Übertretung des Codex mit dem Ziemertanz geahndet. Aber da die Folgen so dramatisch sind, erheben sie die Tat zu einem schweren Vergehen. Sollten Roscoes zerstörte Organe nicht nachgewachsen sein, bevor sein Kreislauf gegen die Erhaltungsmaschinen schlappmacht, dann wird er sterben und du wirst garantiert hingerichtet. Überlebt er die Prozedur, hast du Glück und dir steht nur ein Rausschmiss bevor.«
Bei dem Gedanken daran, dass er einmal um alle Soldaten des ersten Ausbildungsjahrgangs schreiten musste, während sie mit den Neuroziemern auf ihn einschlugen, war Caron alles andere als wohl, doch er hätte dies jederzeit gegen einen lebendigen Venlok eingetauscht. Ob unehrenhafte Entlassung oder Todesurteil, sein Leben als Dynastensohn war in jedem Fall verwirkt. »Und es gibt nichts, was wir dagegen unternehmen können?«
»Jayd und ich durchforsten Präzedenzfälle, Urteilsprotokolle und Statuten, bis uns die Augen zufallen, doch noch haben wir keinen Schlupfwinkel entdecken können. Ich frag mich sowieso schon, warum der Prozess bei dieser eindeutigen Beweislage nicht bereits begonnen hat.«
»Jayd hilft dir? Wo ist sie?«
»In diesem Moment hockt sie über ihrem Datenbewahrer und bereitet deine Verteidigung vor. Keine leichte Sache. Das kann ich dir sagen.« Er legte seinen eigenen Datenbewahrer in die Transferschublade. »Aber jetzt brauche ich unbedingt noch deine Aussage, damit wir sie in unsere Strategie einbauen können. Beschreib bitte den gesamten Einsatz. Lass kein Detail aus, auch wenn es dir unwichtig erscheint!«
Caron nahm Malicos Gerät aus der Schublade. Er löste die Aufnahmefunktion aus und gab die Geschehnisse zu Protokoll. Da er wusste, dass die Comisión Einblick in seine Aussagen nehmen würde, gab er sich Mühe, sachlich zu bleiben.
Als er fertig war, legte er den Datenbewahrer zurück in die Schublade. Malico schaute auf den Zeitgeber und wurde praktisch im gleichen Moment von der Stimme des Wärters zum Gehen aufgefordert.
»Einen Augenblick noch, Compañero! Das ist kein normaler Besuch. Da ich als Advocat des Insassen eingetragen bin, beantrage ich fünf Zusatzminuten.«
Caron war erstaunt. Dermaßen selbstbewusst hatte er den Jungen noch nie erlebt. Vielleicht würde aus ihm doch noch ein guter Scimitar werden.
»Ich habe dir noch nicht alles erzählt«, fuhr Malico eilig fort.
»Oh, Mann. Ich erlebe die liebe Jayd das erste Mal so richtig nervös. Was immer da zwischen euch läuft, Klone scheinen doch ein Herz zu haben. Jayd hat versucht, die Stimmung der Aracas auf deine Seite zu ziehen.«
Caron durchfuhr das angenehmste Gefühl seit Venloks Fall.
»Und Felis hat sie sogar dabei unterstützt. Jayd und Felis! Ich hätte nie gedacht, dass die beiden mal an einem Strang ziehen würden. Die Cadettas haben die anderen bearbeitet, wo sie nur konnten. Leider ohne großen Erfolg. Venlok halten jetzt alle für einen Helden. Dich komischerweise nicht.«
Das angenehme Gefühl verzog sich wieder. »Danke für die Information.«
»Das ist immer noch nicht alles.« Verstohlen schaute Malico noch einmal in die Wächterkabine. »Irgendwann hat dann Navaja für dich gesprochen. Navaja! Bei der Mittagsration mitten in der Messe. Kannst du dir das vorstellen? Da ging dann endlich ein Ruck durch die ganze Truppe … Na ja, wenigstens durch die Hälfte oder so. Aber ich habe jetzt noch Gänsehaut, wenn ich nur dran denke. Die Sache hat ganz schön was in Bewegung gesetzt. So, ich muss los. Mach dir keine Sorgen. Wir gaunern uns was zurecht. Bis jetzt ist mir noch immer etwas eingefallen, wenn´s brenzlig wurde.« Er salutierte vor Caron mit der Hand am Brustpanzer. »Bis morgen, vielleicht.«
»Ich danke dir … euch. Grüß die anderen von mir!«
Malico versuchte, zuversichtlich zu lächeln, dann ging er.
Ihm nachschauend, verabschiedete sich Caron innerlich von allem, was er angestrebt hatte. Jayd kam ihm dabei seltsamerweise als Erstes in den Sinn.
—
»Ich habe alles streng nach dem Canon Sinistra veranlasst, Coronel Duro.« Mit Mühe behielt Capitan Adamanto die Arme hinterm Rücken verschränkt. »Natürlich sollte er hart bestraft werden, doch wir haben bei dem Einsatz bereits zehn Rekruten verloren. Zehn Krieger, die die schwerste Konsequenz ziehen mussten, obwohl der Hauptteil der Verantwortung …« Jetzt stockte Adamanto. »… obwohl der Hauptteil der Verantwortung dafür meiner Meinung nach nicht bei ihnen lag!«
Der Coronel saß in seinem Stuhl zwischen dem mit einem Datenbewahrer beschäftigten Adjutantenautomaton und der leeren Schreibtischoberfläche. Seine Antwort klang bemüht ruhig. »Sie wollen damit also andeuten, dass …«
»Ich stelle damit fest, dass es für alle von uns besser wäre, wenn es nicht elf Kadetten sind, die wir deswegen abschreiben müssten. Vorausgesetzt, die Medicos flicken Venlok tatsächlich wieder zusammen.«
Duro atmete schwer aus.
Manchmal trieb er Furybund Adamanto mit seinen gegensätzlich erscheinenden Einstellungen zum Wahnsinn. Und der Coronel schien das auch noch zu genießen. Zuvor war es jedoch nie zu einem dermaßen offenen Ausbruch von Adamantos Seite gekommen. Genoss Duro das immer noch oder würde er den Capitan nun in seine Schranken weisen?
»Wie Sie sicherlich wissen, bin ich Presidente der Comisión, die Salvador aburteilen wird.« Duros Ton blieb sachlich. Das überraschte Adamanto. »Ich habe Malico gewähren lassen, indem ich duldete, dass er trotz fehlender Qualifikationen Salvadors Advocat wird. Ich habe sogar alle Befangenheitsanträge gegen ihn und Kessler abgeschmettert. Dabei habe ich mich ganz auf Ihre Beurteilung dieser Kadetten verlassen.« Der Adjutant drehte Duros Datenbewahrer nun so, dass man Francesco Malicos und Jayd Kesslers Personalakten sehen konnte. »Außerdem ziehe ich das Verfahren im Moment so weit in die Länge, dass Malico und Kessler genug Zeit haben, sich optimal auf das Tribunal einzustellen.« Jetzt lag eine Andeutung von Durchtriebenheit in Duros Lächeln. »Sie sehen also, dass ich sehr gut über das Bescheid weiß, was in meinen Ausbildungsjahrgängen vor sich geht. Besser vielleicht als Sie.« Seine Augen sprühten mit einem Mal vor Zorn. »Und des Weiteren ist mir berichtet worden, dass Sie Einsicht in die Aussagen der befreiten Frauen nehmen wollten. Halten Sie Ihre Nase da raus, Adamanto! Darum kümmern sich jetzt die Ermittler des Inneren Kreises.« Knapp zeigte er zum Ausgang. »Das ist alles! Jetzt scheren Sie sich raus und bereiten Sie Ihre Aussage so gut vor, dass wir Sie nicht noch aufgrund von mangelhaftem Führungsstil gleich mit belangen, Capitan!«
Adamantos Kiefermuskeln traten hervor. Eigentlich war diese Zurechtweisung schon lange fällig gewesen, sie aber nun endlich einzustecken, erzürnte ihn irgendwie. Angemessen energisch marschierte er ab.
Was er nicht mehr mitbekam, als er durch das Vorzimmer nach draußen stampfte, waren ein weiteres dramatisches Ausatmen Duros und die einzelne Schweißperle, die seine Stirn herablief.
—
Malico ließ noch drei Mal von sich hören. Seine letzte Voice-Mitteilung bestand lediglich aus einem Satz: »Beginn des Tribunals für morgen angesetzt.«
Damit war es um Carons Nachtruhe vollends geschehen. Unruhig wälzte er sich endlose Stunden auf dem harten Schlafbord hin und her. Obwohl die Morgenration von rein breiiger Konsistenz war, hatte er wesentlich mehr Mühe, sie runterzubringen als sonst.
Weiteres unnützes Warten blieb ihm erspart. Kaum hatte der gebeugte Serviceautomaton den Napf wieder eingesammelt, zischte das schwer gesicherte Eingangsschott und ließ eine Abordnung aus vier Sinistras und Jayd Kessler in den Korridor.
Die Sinistras trugen zusätzlich zu den Schulterspangen und dem Herz der Wahrheit Markierungen des Inneren Kreises auf dem Brustpanzer. Ein sicheres Zeichen dafür, dass der Dynast wusste, was mit Caron passierte.
Der Capitan trat vor, deaktivierte das rote Sperrfeld der Zelle und streckte Caron zwei aneinanderhängende Metallhandschuhe entgegen. Auch Jayds mitfühlendes Lächeln hielten Carons Knie nicht davon ab, weich zu werden.
Jetzt hieß es, sich zusammenzureißen! Trotzig streckte er Kinn und Hände vor.
Während Carons Finger in das kalte Metall glitten, setzte der Capitan die Handschuhe unter Spannung. Eng zogen sich die Schuppenmaschen um Carons Finger und verhinderten jegliche Bewegungsfreiheit unterhalb der Handgelenke.
»Insasse AL11-T02-02. Mein Name ist Capitan Clarkson. Mir wurde die Pflicht auferlegt, Sie zum Tribunal 34-U95-34HL in den Prozess-Level zu verlegen. Der Dynast erwartet von Ihnen, dem Weg der Wahrheit und Ehre bis zum Ende zu folgen. Raustreten!«
Caron befolgte den Befehl.
»Wie sieht´s aus?«, wollte Jayd wissen.
»Ging mir schon besser«, antwortete Caron, während sie von den Sinistras in die Mitte genommen wurden. Die Sechs setzten sich in Bewegung.
Ihr Weg führte in einen speziellen Raum des Prozess-Levels, in dem Caron sich waschen und die Uniform wechseln durfte. Jayd wartete zwar draußen, dennoch blieb er keine Sekunde unbeobachtet. Er war heilfroh, als man ihn wieder hinausführte, damit sie zum Tribunalraum eskortiert werden konnten.
Der Tribunalraum war einem Holotorium nicht unähnlich. Nur, dass am Boden vor den absteigenden Sitzreihen zwei massige Tische mit jeweils drei Formstühlen standen. Hinter dem Projektionsrondell befand sich eine langgezogene Empore. An ihrer ebenso langen Arbeits- und Operationsfläche würden gleich die fünf Mitglieder der Comisión sitzen. Davor befand sich ein einzelner Platz: der Sitz der Aufrichtigkeit.
Während Caron und Jayd unter den oberen Rängen hindurch und durch den Mittelgang geleitet wurden, drehten sich ihnen weit über hundert Gesichter zu.
Der gesamte erste Ausbildungsjahrgang war anwesend. Mindestens. Jeder Schritt, den Caron die langen flachen Stufen hinab tat, klang in seinen Ohren wie ein Trommelschlag.
Bis sie endlich an dem rechten der beiden Tische angelangt waren, konnte er keinen klaren Gedanken fassen. Würde sein Vater die Verhandlung verfolgen? Oder hatte er seinen Erstgeborenen bereits aufgegeben? Wenn Sito davon erfahren hatte, würde er das Spektakel garantiert nicht versäumen. Caron hoffte nur, dass Daikin, sein jüngster Bruder, nicht von dieser Schande erfuhr.
Neben Jayd am Tisch der Anklage saßen zwei Commandantes, Commodores einer Stabskompanie, in Prachtuniform. Seit Caron den Tribunalraum betreten hatte, unterhielten sie sich leise. Ihren Mienen haftete offizielle Ernsthaftigkeit an.
Caron und Jayd setzten sich an den Tisch des Ehrenfalls, wie der Platz für den Beklagten auch genannt wurde. Eigentlich hatte Caron damit gerechnet, Malico hier zu treffen, aber sein Stuhl blieb leer. Dafür saßen Felis, Gente Martill und Navaja direkt hinter ihm im Zuschauerraum.
Die Wächter befreiten Caron von den eisernen Handschuhen und bauten sich an den Flanken der Empore auf. Kaum hatten sie Aufstellung genommen, ertönte ein kurzes, einem Fanfarenstoß gleichendes Signal.
»Atención! Die 436. Kommission der Ordnung!« Alle standen auf.
»Im Dienst der Wahrheit stehen: Coronel Peron Duro als Presidente, Commodore Ulises Rank, Commodore Astuto Fernandez, Commandante Kierro Montana und Commandante Frank Serpan.«
Die fünf Kommissionsmitglieder nahmen steif ihre Plätze ein. Dann erst setzte sich der Rest des Saals.
Da er direkt von Coronel Duro angesprochen wurde, musste Caron sofort wieder aufstehen. »Kadett Salvador! Ihnen wird schwerer Ungehorsam ersten Grades gegenüber einem direkten Vorgesetzten zur Last gelegt. Dieser schwere Ungehorsam hatte die massive Gefährdung ihres Compañeros Roscoe Venlok, weiterhin als Opfer bezeichnet, an Leib und Leben zur Folge. Haben Sie das verstanden?«
Obwohl ihm der Hals auf einmal dick wurde, brachte Caron die Worte »Ja, Coronel!« klar und deutlich heraus.
»Ist nicht Kadett Francesco Malico als Ihr offizieller Advocat angegeben?«, schaltete Commodore Rank sich ein. »Weshalb bleibt er dann dem Tribunal fern?«
Jayd drückte Carons Arm und stellte sich neben ihn. »Mit Ihrer Erlaubnis, Commodore?«
»Erlaubnis erteilt!«, antwortete Duro anstelle des Commodores.
»Ich bin Kadett Jayd Kessler und als offizielle Vertretung für Kadett Malico eingetragen. Er befindet sich aktuell noch bei Ermittlungen, die das Tribunal betreffen, und wird später zu uns stoßen.«
»Ungewöhnlich.« Rank hob eine Braue und beschäftigte sich mit seinen Tabellen.
»Jedenfalls hoffe ich das«, raunte Jayd Caron zu, als sie sich wieder hinsetzten.
Das trug nun ganz und gar nicht zu Carons Beruhigung bei.
Coronel Duro ergriff wieder das Wort: »Nachdem die zu verhandelnden Verstöße gemäß den Statuten laut und klar ausformuliert wurden, bitte ich Anklage und Verteidigung darum, ihre Zeugen und Beweismittel aufzuführen.«
Zum Glück war die Anklage als Erstes an der Reihe, so hatte Caron noch ein wenig Zeit, mit Jayd zu reden.
»Wo ist Malico denn jetzt wirklich?«
»Ehrlich gesagt: keine Ahnung!« Sie schien aufrichtig frustriert. »In der Nacht hat er angeblich noch über neuen Dateien gebrütet. Heute Morgen musste auf einmal alles so schnell gehen, dass er ohne weitere Erklärung von der Bildfläche verschwunden ist.« Sie schob Caron den Datenbewahrer rüber. »Schau dir seine letzte Mitteilung an.«
Mit einer Berührung des Bildschirms rief Caron den Text auf.
»Bin in Eile. Wir haben noch etwas Wichtiges übersehen. Ich werde dem nachgehen. Kümmer du dich um Caron. Das Tribunal darf nicht enden, bevor ich zurück bin!«
»Seine Nachricht hat keine Lokalisationskennung«, stellte Caron fest.
Jayd schaute missmutig. »Er hat sie entweder in einer Institution von Geheimhaltungsstufe abgesetzt oder sie wurde teilweise abgeschirmt.«
Caron wollte kein passender Ort einfallen, an dem man jemanden wie Malico reinließ. Er hoffte nur, sein jugendlicher Compañero würde am Ende dieses Ausflugs nicht selber in einer Zelle landen.
Da an dem Einsatz im Lagerhauskomplex sehr viele Einheiten beteiligt waren, stellte sich die Zeugenliste der Anklage als überaus umfangreich heraus. Im Anschluss verlas Jayd ihre und Malicos Liste, wobei sie eigentlich nur die meisten der Namen wiederholte.
Caron brütete stumm vor sich hin und versuchte den Blicken der Comisión auszuweichen. Ihn beschlich das Gefühl, dass besonders Coronel Duro ihn nicht aus den Augen ließ. Zum Glück wartete Jayds Aufzählung mit wesentlich weniger Einzelposten auf als die der Anklage. Nachdem sie geendet hatte, widmeten sich die hohen Dienstgrade wieder ausschließlich den projizierten Daten über ihrem Tisch.
»Was kommt nun?«, wollte Caron wissen.
»Es folgt die Befragung der Anklagezeugen. Bei den meisten werden die Holorepros ihrer Aussagen genügen. Ich bin schon sehr gespannt, wen sie als Ersten in den Sitz der Aufrichtigkeit rufen.«
Und tatsächlich stellten als Nächstes zahllose, nach Rang geordnete Video-Clips von Carons Mitkadetten die Geduld der Anwesenden auf die Probe. In allen Holos ging es um den Funkverkehr zwischen Caron, seiner Truppe und der Einsatzleitung. Eigentlich eine reine Formsache, wie Jayd versicherte. Trotzdem unterbrach sie die Aufzeichnungen oft mit Zwischenfragen. Vermutlich reine Taktik, um das Tribunal herauszuzögern. Anfangs hörte Caron noch interessiert hin, doch von Aufzeichnung zu Aufzeichnung schaltete er innerlich immer mehr ab.
Der wichtige Verhandlungsteil wurde schließlich vom ersten richtigen Zeugen der Anklage eingeläutet: Gente Martill.
»Bei der Schwurhand gelobe ich, mich der Wahrheit und nichts als der reinen Wahrheit zu verpflichten. Viva Verdad!«, wurde er vor der Befragung eingeschworen. Dann setzte er sich auf den Platz genau unter der Comisión.
Die Anklage begann mit ihrer Befragung.
»Kadett Gente Martill, beschreiben Sie den Ablauf des Einsatzes Ordererfassungsschlüssel 06982 mit eigenen Worten!«
Der ergraute Martill gab seinen Bericht in möglichst nüchternem Tonfall ab. Auf dem Sendefeld zwischen ihm und dem Tisch der Ankläger wurde ein Übersichtshologramm mit sich aktualisierenden Begebenheitswerten vom Lagerhallenkomplex dargestellt. Synchron zu seinen Worten bewegte sich Carons Trupp in Form von kleinen Punkten vorwärts. Irgendwann zeigte Martill mit dem Finger auf das Holo. »Von da an liefen unsere Scimitare ständig zu weit vorne.« Er berichtete darüber, wie sie dem Dämon und den Priestern begegnet waren. »Ich habe die Gruppe nach Standardprozedur geführt, kam aber kaum hinter Salvador und Malico her. Plötzlich waren die beiden ein Stockwerk tiefer gestürzt und die Ereignisse überschlugen sich. Salvador war schon unten in der Halle, kaum dass sich die Situation geklärt hatte. Venlok gleich mit ihm. Ich konnte sie nicht aufhalten.«
»Man kann Ihnen keinen Vorwurf machen, Kadett«, merkte einer der beiden Anklagevertreter an. »Wenn Salvador nicht eigenmächtig gehandelt hätte, wäre Kadett Venlok wohl von allein auf die Idee gekommen, sich unerlaubt von der Gruppe zu entfernen?«
»Nein, Commandante, soweit ich Venlok kenne, glaube ich das nicht.«
»Wie schätzen Sie Kadett Salvador ein?«
»Er hat Probleme mit Befehlen und ist deswegen schwer zu führen.« Wenigstens hatte Martill Caron bei seinen Worten nicht in die Augen sehen können. Die Befragung der Anklage war damit beendet. Jayd erhielt das Wort.
»Kadett Martill! Halten Sie es für möglich, dass Kadett Salvador in einem weiteren halben Jahr Ausbildung noch die gleichen Schwierigkeiten hätte, sich an Befehle zu halten wie in diesem Einsatz? Oder war er vielleicht einfach überfordert?«
»Meines Wissens hat er ein Militärkollegium abgeschlossen. Dort hätte man ihm diese Flausen längst austreiben sollen.«
»Hat er seine Befehle denn lediglich aus lauter Halsstarrigkeit ignoriert?«
Martill überlegte. »Das nicht ... Er behauptete, er wolle das
Mädchen auf dem Altar retten …«
»Was ihm ja letztendlich auch gelungen ist.«
»Richtig. Aber zu was für einem Preis?«
»Und jeder andere Soldat hätte trotz der Tatsache, dass er kaum drei Monate bei der Sinistra war, anders gehandelt, hätte mehr Überblick gehabt?«
»Im Grunde arbeitet die Sinistra in der gleichen Weise wie jede andere Militäreinheit: nach dem Prinzip des Gehorsams. Das lernt man am ersten Tag der Grundausbildung. Egal, wo man seinen Dienst tut.«
Jayd las etwas in ihrem Datenbewahrer nach. »Sie sagen, Sie konnten Kadett Salvador im entscheidenden Moment nicht zurückhalten. Haben Sie es denn überhaupt versucht? Aus dem Einsatzprotokoll geht das nicht klar hervor!«
»Ich sagte es doch schon: Meine Gruppe war aufgeteilt worden. Ich musste mich gleichzeitig um die Ereignisse vor uns, um die Positionierung meiner Stormgunner und um das korrekte Wiedergeben der Situation vor dem Einsatzleiter kümmern. Darum sind mir Salvador und Venlok einfach durch die Finger geschlüpft.«
»Ich denke, bei allem Respekt, dass Sie der Situation einfach nicht gewachsen waren und deswegen Ihrer Pflicht nicht angemessen nachkommen konnten. Das sage ich ohne Vorwurf. Schließlich hatte ich selber eine Gruppe durch dieses Chaos zu führen. Meinen Sie nicht, dass es Kadett Salvador ähnlich ergangen ist, als er das hilflose Ritualopfer gesehen hat?«
»Vielleicht.« Martill blitzte Jayd, die gerade vor allen Kadetten seine Kompetenz in Zweifel gestellt hatte, an. Damit war seine ohnehin wackelige Autorität als Gruppenführer völlig untergraben.
»Ich beantrage, die letzten Sätze für null und nichtig aus dem Protokoll zu streichen!«, meldete sich die Anklage zurück. »Die Verteidigung stützt sich lediglich auf Vermutungen.«
Coronel Duro schüttelte den Kopf. »Abgelehnt.«
»Danke, Coronel. Die Verteidigung entlässt Kadett Martill vom Sitz der Aufrichtigkeit.«
Mit eisiger Miene bewegte Martill sich zurück in den Zuschauerraum.
Als Nächster wurde Capitan Adamanto aufgerufen. Er wiederholte das Wahrheitsgelübde und nahm auf dem frei gewordenen Sitz Platz.
Einer der Ankläger erhob sich.
»Capitan Furybund Adamanto, beschreiben Sie doch kurz den Ablauf des Einsatzes Ordererfassungsschlüssel 06982 und Kadett Salvadors Fehlverhalten aus ihrer eigenen Sicht.«
Jetzt wurde es für Caron richtig unangenehm. Die Comisión ließ ihn zwar in Ruhe, aber dafür schien Adamanto ihn mit seinen Augen an den Sitz nageln zu wollen. Es folgte eine sehr gründliche Darstellung der Ereignisse. Bis der Commandante vom Anklägertisch wieder zu Wort kam, hatte sich in Carons Nacken kalter Schweiß gesammelt.
»Das Kommando der Truppe AB01-03-03 war von Ihnen also eindeutig an Kadett Martill ergangen und Kadett Salvador als Scimitar eingesetzt?«
»Ungefähr eine Woche vor dem Einsatz ist das von mir verfügt und im Personalraster der Aracas eingetragen worden.« Dazu flammte eine vergrößerte Darstellung der entsprechenden Tabelle vor den Köpfen der Comisión auf.
»Und sowohl Sie als auch der von Ihnen eingesetzte Truppführer haben Kadett Salvador befohlen, bei der Truppe zu bleiben?«
»Explizit!«
»Sie haben die Aufzeichnung doch vorhin gehört«, dachte Caron entnervt.
»Wäre Kadett Venlok aus Eigeninitiative darauf gekommen, gegen seine Befehle zu verstoßen?«
Nun zögerte Adamanto und nahm endlich den Blick von Caron.
»Wie Sie den Ausbildungsprotokollen entnehmen können, hatte ... hat auch Roscoe Venlok gewisse Probleme, sich unterzuordnen. Aber in dieser Situation wäre er sicher bei der Gruppe geblieben, wenn ihn Salvadors Verhalten nicht dazu ermutigt hätte, auf eigene Faust loszuziehen.« Seine Stimme war frei von Zorn. Er sah zu Boden.
»Danke, Capitan. Wir sind fertig. Ich bitte die Comisión, Capitan Adamantos letzte Aussage im Protokoll als besonders wichtig hervorzuheben und übergebe das Recht der ersten Frage an die Verteidigung.«
»Recht erteilt«, veranlasste Commodore Rank. Der Commandante nahm wieder Platz.
Jayd stand auf. »Wie uns schon von seinem Gruppenführer bestätigt wurde, hat Kadett Salvador sich nicht grundlos gegen Ihre Order gestellt. Er wollte das Leben eines kleinen Mädchens retten. Und mit Kadett Venloks Hilfe ist ihm das auch geglückt. Laut Ihrer Personalakte, Capitan, sind Sie ein verdienter und sehr erfahrener Krieger der Sinistra. Wie schätzen Sie die Überlebenschancen des Ritualopfers ohne das Eingreifen der Kadetten Salvador und Venlok ein?«
»Damals so wie heute bin ich mir hundertprozentig sicher, dass das Mädchen ohne eine Intervention zu diesem Zeitpunkt getötet worden wäre.«
Jayd sah aus, als müsse sie eins ihrer Lächeln unterdrücken. Ein verschlagenes. »Wäre dieser Fall eingetreten, wie hätten die weiteren Konsequenzen ausgesehen?«
»Die Okkulten hätten sie geopfert und damit dem beschworenen Dämon einen Weg nach Trentagon bereitet.« Der alte Trotz war in Adamantos Haltung zurückgekehrt.
»Ich bitte die Comisión, diese Aussage im Protokoll als besonders wichtig hervorzuheben«, wandte sich Jayd an die Mitglieder auf der Empore, danach sofort wieder an Adamanto: »Dann kann man doch behaupten, dass Kadett Salvadors Ungehorsam und Kadett Venloks Aufopferungsbereitschaft maßgeblich zum Erfolg der Mission beigetragen haben, nicht wahr?«
»Das könnte man. Aber sich im Gefecht auf Wahrscheinlichkeiten zu verlassen oder Ungehorsam gegen einen Vorgesetzten auszuüben, kostet in der Regel viele Rekruten das Leben. Ein Soldat der Sinistra verpflichtet sich nicht nur zur absoluten Wahrheit, sondern auch zum absoluten Gehorsam.«
Die Ankläger nickten zufrieden.
»Aber in diesem Fall hat der Ungehorsam doch eher dafür gesorgt, dass die Ausfallrate unter den Sinistras nicht noch größer geworden ist als ohnehin schon, oder?«
»Vielleicht. Aber das liefert keine Entschuldigung für den Ungehorsam eines Soldaten!«
»Doch haben Sie selbst nicht unzählige Male in Ihrer Laufbahn Befehle bis zur Belastungsgrenze interpretiert, um das Leben Ihrer Untergebenen zu retten?«
Wo sich gerade noch der Eintrag von Martills Erhebung zum Truppführer befunden hatte, erschienen mit einem Mal Gefechtsprotokolle von mindestens zwanzig Jahren Sinistra-Geschichte.
Adamanto schenkte Jayd einen vernichtenden Blick.
Einer der Ankläger fuhr hoch. »Ich beantrage, Kadett Kesslers Beweisführung in diesem Fall für null und nichtig aus dem Protokoll zu streichen. Hier steht weder der Führungsstil des Capitans noch Verhaltensmuster aus seiner Vergangenheit zur Debatte!«
»Stattgegeben!«, verfügte Coronel Duro, doch irgendwie konnte Caron sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er an Jayds Strategie Gefallen fand.
Diese presste die Lippen aufeinander. »Also gut. Eins noch:
Hielten Sie Ihren Zug vor dem Einsatz für befähigt, mit einer solchen Situation fertigzuwerden?«
»Nein!«
Caron ahnte, worauf das hinauslief, und beobachtete die Vorgänge bei der Comisión genau.
»Sie wurden Ihrer Meinung nach also nicht ausreichend vorbereitet auf diese Mission geschickt?«
»Das ist korrekt.«
»War Kadett Salvador in Ihren Augen überfordert mit dem Einsatz?«
»Ja.«
Caron wurde schlecht. Nun stellte Jayd auch ihn als unfähig dar.
»Von wem stammten die Einsatzbefehle?«
»Von Coronel Duro.«
»Trifft dann nicht Coronel Duro eine gewisse Mitschuld an Kadett Salvadors Versagen?«
Einer der Ankläger wedelte erbost mit dem Datenbewahrer in der Luft herum. »Ich beantrage, dass Kadett Kesslers letzte sieben Sätze der Beweisführung für null und nichtig aus dem Protokoll gestrichen werden. Bei diesem Tribunal steht auch nicht die Kompetenz eines anderen Vorgesetzten zur Diskussion.«
»Stattgegeben!« Diesmal enthielt Duros Miene eine Warnung an Jayd, wie sie deutlicher kaum sein konnte.
Die zeigte sich unbeeindruckt. »Die Verteidigung entlässt Capitan Adamanto vom Sitz der Aufrichtigkeit.«
Caron konnte Jayds Mut kaum fassen.
Auf Adamanto folgten noch Felis und Navaja. Die Ankläger versuchten immer wieder, den eindeutigen Zusammenhang von Carons Ungehorsam und Venloks schweren Verletzungen hervorzuheben und Jayd stellte weiterhin seine Motive für die Befehlsverweigerung in den Vordergrund. Felis und Navaja ließen Carons Verhalten im besten Licht dastehen. Doch letztendlich waren beide keine große Hilfe. Felis schien verzweifelt.
Die Anklage war schließlich mit Jayds Zeugen fertig. Daraufhin ließ sie Teile von Zeugenprotokollen auf der Holofläche abspielen, die sie für besonders wichtig hielt. Caron konnte nicht erkennen, ob die Comisión das auch so sah, aber seine Hoffnung war gering. Immer öfter sah Jayd auf den Zeitgeber ihres Datenbewahrers und langsam zeigte sie Zeichen von Nervosität.
Gegen Ende sollte eigentlich Malico in den Sitz der Aufrichtigkeit beordert werden, aber leider war und blieb er abwesend.
»Wo bleibt der unzuverlässige Kerl nur? Wenn wir hiermit durch sind, erteile ich ihm höchstpersönlich mehrere Tritte in den Arsch«, fluchte Jayd leise, stand auf und sprach zur Comisión. »Da sich Francesco Malico augenblicklich nicht im Saal befindet, beantrage ich das Wiedergeben seines letzten Interview-Holos mit der Vertreterin der Verteidigung.«
Sofort schnellte ein Commandante der Anklage von seinem Platz. »Ich beantrage, jedwede Aussage von Kadett Malico wegen Befangenheit abzulehnen. Kadett Malico kann nicht Zeuge der Verteidigung und gleichzeitig Advocat des Beschuldigten sein.«
»Seine Aussage trägt in enormem Ausmaß der Wahrheitspflicht des Tribunals Rechnung«, konterte Jayd.
»Dann hätte er das Amt der Verteidigung nicht übernehmen dürfen.«
»Hochverehrte Comisión, darf ich Sie daran erinnern …«
»… und darf die Anklage Sie daran erinnern, dass es hierzu zwei Präzedenzfälle und eine eindeutige Verfügung vom Dynasten persönlich gibt«, fiel der Commandante Jayd ins Wort. »Das Zulassen von Kadett Malicos Aussage wäre ein offener Bruch des bestehenden Rechts, und zwar in der Eindeutigkeitsklasse eins!«
Natürlich projizierte die Anklage der Comisión sofort den entsprechenden Passus auf die Holofläche. Alle Mitglieder des Tribunalrats murmelten und nickten sich zu. Allein Duro blieb stocksteif.
»Die Comisión gibt dem Antrag der Anklage statt. Alle Aussagen des Kadetten Francesco Malico, mündlich oder aufgezeichnet, werden vom Tribunal 34-U95-34HL ausgeschlossen beziehungsweise aus den Protokollen gelöscht.«
Jayd seufzte hörbar. »Das darf doch wohl nicht wahr sein! Sie wollen dich tatsächlich hinrichten, egal, ob Venlok überlebt.«
Carons Körper wurde innerlich taub. »Was wirst du jetzt tun?«
»Versuchen, es zu verhindern. Da Malico jetzt aus dem Spiel ist, kann ich entweder das Unvermeidliche bloß noch etwas herauszögern oder die Sache völlig an mich reißen. Ganz oder gar nicht. Die nächsten Sekunden werden es zeigen.«
Caron betrachtete Jayds Datenbewahrer wie den sprichwörtlich letzten Strohhalm. Dort blitzen die Lebensläufe der Commandantes vom Anklagetisch auf.
»Verehrte Comisión! Ich habe hier noch ein paar Fakten, die das Tribunal betreffen und die ich mit dem Presidente gern unter vier Augen besprechen würde.«
Sie wollte tatsächlich die beiden Commandantes der Gegenseite diskreditieren! Wie war sie an solche Informationen gelangt? War das Malicos Werk? Caron wurde schwindelig. Nach dem Tribunal hätte Jayd keinen einzigen Freund oder Gönner mehr auf ihrer Seite. Sie wäre in der gesamten Sinistra als Verräterin verschrien. Wieso tat sie das für ihn, obwohl es aussichtslos erschien?
Die anderen Mitglieder der Comisión murmelten durcheinander.
»Unglaublich!«
»So etwas ist noch nie vorgekommen!«
»Das entspricht nicht dem Protokoll.«
Coronel Duro brachte sie zum Schweigen und winkte Jayd nach vorn. »Stattgegeben!« Allerdings wirkte er alles andere als sicher.
Jayd war gerade um den Tisch herum, da hielt sie inne, warf wieder einen Blick auf den Datenbewahrer und Erleichterung machte sich auf ihrem Gesicht breit.
»Ich ziehe meinen Antrag zurück und möchte Sie bitten, alle Übertragungsgeräte im Raum abzuschalten.«
Nicht nur Commodore Ranks Braue fuhr fragend in die Höhe.
»Kadett Malico hat gerade den Prozesslevel erreicht. Er bringt noch einen Zeugen mit.«
Jetzt ging sie ganz nach vorn und legte das olivgrün eingefasste Display auf den Tisch der Comisión. Alle fünf Mitglieder des Tribunalvorsitzes beugten sich sofort darüber.
»Stattgegeben! Stellt jedes Übertragungsgerät ab und die Lampen auf Notbeleuchtung um!«, veranlasste Coronel Duro, nachdem er die vorgebrachten Daten einen Moment studiert hatte.
Alle technischen Geräte im Zuschauerraum und alle Holoflächen erloschen. Von grellem Weiß wechselte die Beleuchtung auf ein gedämpftes Gelb.
Caron und alle anderen im Saal lenkten ihre Aufmerksamkeit nun auf den Eingang. Nach einer ganzen Weile öffnete sich das Doppelschott und Malico stolzierte hindurch. Hinter ihm schwebte ein massiger, langer Stahlcontainer durch den Mittelgang. Die Front war abgerundet und mit den Seiten streifte der übermannshohe Behälter fast die Lehnen der äußeren Sitze. Ein Team von Biochemitristen folgte ihm. Die Medicos konnten sich erst links und rechts von ihm bewegen, als der Tross die Fläche zwischen den Zuhörerrängen und der Empore erreicht hatte. Dort wurde sofort die mitgebrachte medizinische Ausrüstung aufgestellt.
Malico trat vor die Empore. »Presidente, verehrte Mitglieder der Comisión. Kadett Malico meldet sich zum Tribunal 34-U95-34HL in seiner Funktion als Advocat des Beschuldigten Caron Salvador. Entschuldigen Sie meine Verspätung. Leider ließ es der aktuelle Gesundheitszustand von Kadett Venlok nicht zu, dass wir eher hier sein konnten. Den genauen Ablauf seines Transports können sie den Datei-Akten entnehmen.«
Da alle Übertragungsfunktionen deaktiviert waren, reichte er dem Coronel seinen Datenbewahrer an.
Erneut versammelten sich fünf Köpfe über einem Display und studierten es eingehend.
»Sehe ich das richtig, Kadett Malico?«, begann Commodore Fernandez. »Sie haben Kadett Venlok den weiten Weg vom Centro Medical hierher schaffen lassen und die Signale der Wachstumsanreger dem Risiko von außen einfallender Strahlen ausgesetzt, nur um ihn als Zeugen zu präsentieren?«
»Jetzt wissen wir, warum er sich die ganze Zeit über nicht gemeldet hat«, flüsterte Jayd in Carons Ohr.
»Sie hätten ihn umbringen können, Kadett!«
»Das ist so nicht ganz korrekt, Commodore«, antwortete Malico. »Erstens ist seine Anwesenheit sowohl mit ihm selbst als auch mit den medizinisch Verantwortlichen abgesprochen, Vermerke diesbezüglich sind mit Namenskennung den Überführungsdaten beigelegt …«
»Sie haben ihn aus dem Koma holen lassen?«, unterbrach Fernandez.
Malico antwortete unbeirrt: »Erstens: Auch mit dem Einverständnis der Ärzte. Er wurde über meine Vorgehensweise aufgeklärt und hat seine Einwilligung darüber erteilt. Zweitens: Kadett Venlok ist hier nicht als Zeuge …«
Jetzt sprach einer der Biochemitristen in den weißen Overalls dazwischen. »Wir sollten uns beeilen. Der Patient muss schnellstens wieder zurück in einen richtigen Curationstank. Der Reisetank ist nicht die optimale Umgebung für ein störungsfreies Neuzüchten seiner Organe.«
Malico schaute Coronel Duro an.
Der nickte. »Beginnen Sie, Kadett Malico!«
Sofort gab Malico dem medizinischen Team ein Zeichen.
Die stumpf glänzenden Wände des Stahlbehälters fuhren nach hinten und gaben die Sicht auf einen Glastank und eine einzelne runde Metallscheibe an seinem vorderen Ende frei. Die Lichtleisten am Fuß der Glaswände sprangen an. In ihrem von gräulichem Gas getrübten Schein schwebte eine nackte Gestalt in dem Tank.
Venlok.
Vor seinen Mund war ein Beatmer mit zwei Lateralampullen geschnallt. Venloks schlimmste Verwundungen wurden von halbdurchsichtigen Säckchen bedeckt, in denen sich etwas Rotes verbarg. Zahlreiche Schläuche führten hinein und wieder heraus. Ein künstlicher Kreislauf, der sich im hinteren Teil des Tanks verlor.
Als der Biochemitrist, der gesprochen hatte, hinten am Tank einen Hebel betätigte, verfärbten sich zwei Schläuche an Venloks Kopf und nach wenigen Sekunden begannen seine schwerelosen Arme zu zucken. Schwerfällig schlug er die Augen auf.
Caron erschrak, als Malico die Stimme auffällig laut erhob.
»Ich beziehe mich auf Statut 511 des Canon Sinistra, unverändert seit Gründung der Sinistra. Laut dieses Statuts wird dem Opfer einer schweren Verfehlung bei entsprechender Gefahr für Leib und Leben selbst das Recht eingeräumt, den Täter mit aller Härte schuldig zu sprechen oder zu begnadigen. Sämtliche Kriterien hierfür sehe ich erfüllt. Im Centro Medical wurde Kadett Venlok darüber bereits in Kenntnis gesetzt. Darum beantrage ich die einstweilige Außerkraftsetzung der Comisión.«
Die Comisión beriet sich kurz, dann stimmten alle zu.
»Stattgegeben!«, informierte Peron Duro die Anwesenden.
Malico hatte sich bereits zu Venlok umgedreht. Er rief: »Kadett Venlok! Sind Sie bei Bewusstsein?«
Zwei im medizinischen Team nickten, aber Venlok rührte sich nicht mehr.
Die Medicos wurden hektisch.
In Caron machte sich Panik breit. Sollte Venlok jetzt sterben, war alles verloren.
Plötzlich flatterten Venloks Augenlider. Sein Kopf ruckte.
Aus der runden Scheibe im Glas wuchs eine Röhre genau vor Venloks Mund und vereinigte sich mit dem Beatmer.
»Kadett Venlok! Nehmen Sie das Urteilsrecht über Kadett Salvador im Tribunal 34-U95-34HL für sich in Anspruch?«
Venlok nickte leicht.
»Wie lautet Ihr Schiedsspruch?«
Aus der runden Scheibe drang ein Krächzen. Venloks Pupillen rollten auf einmal nach oben, seine Lider flatterten erneut wie wild. Dann kippte sein Kopf nach vorn. »Begnadigung«, hörte man ganz deutlich.
Kapitel 7
»Eigentlich kannst du froh sein. Ich habe schon Soldaten erlebt, die nach dem Ziemertanz ihr Innerstes nach außen gekehrt haben!«
Caron nahm Martills Worte kaum wahr. Sollte er sich samt seiner Geschichten vom guten alten Kriegerhandwerk zurück an die Nordfront scheren. Sogar starres Liegen auf dem Bett schmerzte wie die Hölle. Vier Runden hatte Adamanto Caron drehen lassen. Vier wahrheitsverlassene Scheißrunden!
Ihm war schon klar gewesen, dass sein Capitan ihn nicht straffrei aus der Sache lassen würde, aber drei Runden hätten völlig gereicht. Zum Glück langte nicht jeder Kadett so effizient mit dem Neuroziemer zu wie Martill. Jayd, Malico, Felis, Navaja und einige der anderen hatten ihn völlig verschont. Andernfalls hätte Caron aller Wahrscheinlichkeit nach tatsächlich die Kontrolle über seinen Schließmuskel verloren.
Felis wollte eine Hand an seine Stirn legen, aber Caron zuckte weg. Das war unklug. Die Berührung hätte weit weniger wehgetan als die Bewegung. Auf sein schlecht unterdrücktes Stöhnen antwortete sie: »Gleich beginnt der Unterricht wieder. Wir lassen dich dann mal allein.«
Caron lächelte und versuchte ein schwaches Winken.
»Auf geht´s!«, scheuchte Martill die anderen nach draußen. »Wir haben nicht das Glück, den Rest des Tages freizuhaben.«
Malico verdrehte die Augen und sprang von seinem Bett, doch Caron hielt ihn zurück.
»Was ist eigentlich mit Trego und Caball passiert?«
»Die haben sich eine Überdosis Cadetta Lagun eingefangen. Trego konnte seine Klappe nicht halten und Caball seine Finger nicht bei sich. Der eine hat den anderen soweit aufgestachelt, dass Felis Caball den Daumen gebrochen hat, nachdem er ihr zu nah gekommen war. Noch vor deiner Bestrafung heute Morgen hat der Capitan sie wieder in den Lobos-Zug gesteckt. Der war vielleicht sauer. Und das nicht auf Felis.
Caron musste ein schmerzhaftes Lachen unterdrücken. »Ich wollte dir auch noch danken. Ohne dich hätte der Wind meine Asche jetzt schon in alle Richtungen zerstreut. Du bist ziemlich gerissen. Meinen Respekt!«
»Abgesehen davon, dass wir jetzt quitt sind, gehen deine Lobeshymnen an den Falschen.« Da die restlichen Compañeros schon draußen waren, setze Malico sich noch kurz auf Carons Bett. Der spürte das Schaukeln der Matratze in jedem Knochen.
»Statut 511 ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Du wirst im Leben nicht erraten, wer mich drauf hingewiesen hat!«
»Adamanto!«, schoss es durch Carons Gehirn. Einerseits überraschte ihn diese Erkenntnis, andererseits passte das ganz gut zu dem mürrischen Capitan. Stand er doch in dem Ruf, seine Untergebenen niemals im Stich zu lassen. Caron gab sich alle Mühe, ihm den vierten Ziemertanz zu verzeihen.
»Coronel Duro!«
»Wie bitte?«
»Mitten in der Nacht tauchte auf einmal der Coronel im Informationshort auf und hatte einen von diesen altmodischen Scheibenspeichern in der Hand. Er hat mir sogar noch gesteckt, wo ich suchen musste. Keine zwei Stunden später stieß ich, vergraben unter den anderen Statuten, die mit Änderungen und Querverweisen nur so zugepflastert waren, auf Statut 511. Den Rest der Nacht verbrachte ich dann mit der Reise ins Centro Medical und dem Beantragen der Sonderpermissionen für Venloks Überführung.«
Caron war verblüfft, zugleich aber auch zu erledigt, um sich noch einen geordneten Gedanken über die Sache machen zu können.
»Trotzdem danke ich dir«, nuschelte er noch.
Wie Malico sich verabschiedete, registrierte er nicht mehr.
—
»Es ist für das Gremium der südlichen Hemisphäre schwer nachvollziehbar, warum sich Trentagon im Kampf gegen den gemeinsamen Gegner nicht helfen lassen will. Ich selbst habe damit, ehrlich gesagt, auch Schwierigkeiten.«
Der Dynast starrte den Sprecher, einen von zwei Köpfen in den Übertragungsgabeln des Inneren Machtzentrums, finster an. »Gemeinsamer Gegner? Unsere Nordgrenze zählt nicht zu den Befugnissen des Kontinentalrats. Der Krieg ist ganz allein Trentagons Angelegenheit.«
»Mit Ihrem Aberglauben an Magie und Okkultismus werden Sie Ihrem Feind immer ähnlicher. Rückständig und halsstarrig. Sollte Ihr Sektor irgendwann überrannt werden und Wuancos Herrscher ähnlich unflexibel sein wie Sie, Dynast, dann fürchte ich, dass sich das Problem zwangsläufig zu einer weltweiten Krise entwickeln wird. Und dann ist es die Angelegenheit des Kontinentalrats.«
»Dazu wird es nicht kommen!«, behauptete der Dynast fest.
»Unsere Satellitenbilder sagen etwas anderes.«
Der Dynast hasste den Sprecher des Rates. Auch an die abrasierten Augenbrauen und das bis auf schmale Streifen reduzierte Haupthaar würde er sich nie gewöhnen. »Sie können gerne mit meiner Militäradministrative über die Konditionen eines Söldnernachschubs verhandeln.«
»Kann Trentagon sich das noch leisten?«
Die Miene des Herrschers gefror. »Mein Oberster Finanzadministrator wird diesen Verhandlungen beiwohnen. Ich werde das sofort veranlassen.« Eine Holofläche erschien über seinem Unterarm. Nachdem er mit den Fingern verschiedene Lichtpunkte verschoben hatte, hob er die Hand zum Abschied und sagte: »Herrschen Sie mit offenen Augen.«
»Der Frieden ist unser aller Ziel«, antwortete das Hologramm und verschwand aus der Lichtgabel.
Der Dynast widmete sich direkt den Aufrechnungen von Rekrutierungsraten und Verlustquoten. Egal, welchen Zeitabschnitt er aufrief, die Entwicklungen der letzten Wochen waren besorgniserregend. Die Übersichtskarte der Nordfront verhieß entsprechend wenig Gutes. Nur ein einziger Bereich auf dem Holo wies eine grüne Färbung für »gewonnenes Terrain« auf. Einige andere Bereiche waren blau und standen für »Stillstand«, aber die Mehrheit war rot eingefärbt. Hier wurde »Ausweichen vor dem Feind« praktiziert. Wie lange würde das noch gutgehen? Kessler wollte seine Automatonarmee eigentlich bereits fertig haben. Bis jetzt hatte er lediglich Prototypen abgeliefert. Und die Expert-Ingenieure der Dynastieverwaltung waren gerade erst dabei, sie auf Herz und Nieren zu überprüfen. Das konnte dauern.
Da sein Herrscher ihn in der ganzen Zeit ignoriert hatte, beendete der Kopf des Obersten Militäradministrators sein Schweigen unaufgefordert. »Viele der bewilligten Söldnertruppen aus dem Binnenland sind nicht eingetroffen. Sogar die sonst so verlässliche Union des Sentinels scheint diesmal lieber in ihren geliebten Bergen zu bleiben, als die Kriegskontrakte mit uns zu erfüllen.«
»Geduld, Oberster Administrator. Für Verstärkung wird in diesem Moment gesorgt. In der Zwischenzeit lasse ich die Prämienangebote für die Front erhöhen. Das wird sicherlich die eine oder andere Kleinarmee aus dem Süden zu uns locken.«
»Vielleicht …«, begann der Mann mit dem weißen Schiffchen. »Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, unsere Prinzipien zu überdenken. Dieser Krieg sollte nicht nur auf Trentagons Schultern lasten. Lassen wir den Rest der Welt ihren Teil leisten …«
»Davon will ich nichts hören!« Der Dynast verbarg seine Verärgerung nicht. »Seit dem Fall Maylas tragen unsere Krieger diese Verantwortung allein. Ein ganzes Land ging damals unter, weil sich der Rest der Welt nicht einigen konnte. Das wird nie wieder geschehen.«
»Wenn zur Aufklärungsarbeit im Feindesland wenigstens Satelliten einsetzbar wären, dann würde ich ja …«
»Genug! Oder ich werde jemanden finden, der meine Standpunkte besser versteht und vor seinen Soldaten mit ganzem Herzen vertreten kann. Sie bekommen eine massive Truppenaufstockung, sobald es wirklich nötig wird. Das ist alles!«
»Wie Sie befehlen, Dynast.« Der Kopf sah aus, als wolle er zu einer Verneigung ansetzen, doch der Herrscher Trentagons ließ das Holobild bereits erlöschen.
»Die Truppen des Sentinels sind nicht eingetroffen?« Sito trat aus dem Hintergrund. »Das wäre das erste Mal. Da steckt doch bestimmt einer der Hochadministratoren dahinter. Vielleicht sogar der Oberste Militär selber.«
»Das wäre möglich«, antwortete der Dynast und dreht sich zu seinem Zweitgeborenen um. »Überprüft alle finanziellen Transaktionen des Sentinels. Wenn ihr auf etwas Ungewöhnliches stoßt, lass es mich wissen.«
»Wie du wünschst, Vater.«
»Was hast du heute gelernt?«
»Dass ich niemandem trauen darf?«
»Ich denke, diese Lektion hast du bereits mehr als einmal hinter dich gebracht.« Er hob einen Finger. »Heute hast du erfahren, dass man stark bleiben muss. Hätte ich dem durchaus nachvollziehbaren Wunsch des Kontinentalrats nachgegeben, wäre mir dies vom Militär sofort als Schwäche ausgelegt worden. All die Intriganten und heimlichen Anwärter auf meinen Sitz hätten das als Startsignal für ihre Machenschaften aufgefasst. Beweise immer die Unerschütterlichkeit deiner Autorität, sonst gehst du unter.«
Sito dachte eine Sekunde nach. »So wie Caron?«
»Caron?« Der Dynast schüttelte den Kopf. »Caron ist nicht untergegangen. Er hat bis zum Schluss durchgehalten. Er mag nicht frei von Fehlern sein, aber letztendlich hat er sich durchgesetzt.«
»Nicht aus eigener Kraft!«
»Die richtigen Mitstreiter an sich zu binden ist auch eine Stärke.«
»Aber du willst doch, dass jeder, der an Trentagons Seite kämpft, dafür bezahlt wird?«
»Solange die Unterstützung aus den eigenen Reihen stammt, ist nichts gegen sie einzuwenden. Dennoch greift auch hier das Prinzip ›quid pro quo‹. Sorge dafür, dass man sich um diesen Roscoe Venlok kümmert, als wenn er einer meiner Günstlinge wäre. Und denk über meine Worte nach, Sito!«
Carons jüngerer Bruder wusste, dass er damit entlassen war.
—
Unverrichteter Dinge verließ Capitan Adamanto Truppraum 2. Cadetta Kessler hatte ihm kaum weiterhelfen können. Sie hatte die Frauen aus dem Lagerhauskomplex zwar einigermaßen gut beschrieben, aber Adamanto bezweifelte, dass sie allein anhand der erstellten Gesichtsmatrixen aufzuspüren waren. Und ihre Namen hatten sie natürlich nicht genannt.
Diese Schwarzblut scheißenden Emporkömmlinge von der Hochvertrauensunion! Das passte zu denen: ihn von einer Untersuchung, die er selbst begonnen hatte, auszuschließen. Aber Adamanto pfiff auf den Inneren Kreis. Hatte er schon immer getan. Und wenn es um Azote ging, würde er auf alle Fälle mit von der Partie sein. Er hatte nicht fünf Jahre auf diesen Moment gelauert, nur um sich dann ausbooten zu lassen. Erst Rituale direkt vor dem Bunker, dann eine Falle, die unzählige Sinistras das Leben gekostet hatte. Da lief etwas ganz Heißes. An Azote kam Adamanto nicht unbeobachtet heran, an die paar gefangenen Okkulten genauso wenig. Deswegen blieben ihm nur die Frauen. Allerdings sah er sich nun gezwungen, etwas zu tun, das ihm fast genauso wenig schmeckte wie Aufgeben.
Adamanto atmete kräftig durch und öffnete die Tür zu Raum 3. Am Tisch saß der Mann, der als Einziger außer ihm etwas von der Verbindung zwischen Azote und dem Einsatz im Lagerhauskomplex ahnte: Malico!
Der junge Mann spielte gerade mit irgendeinem seiner kleinen Gadgets herum. Sobald er seinen Vorgesetzten erblickte, fuhr er vom Stuhl hoch und nahm die Hand an die Brust.
»Capitan!«
»Stehen Sie bequem, Kadett Malico!«
»Soll ich Rapport über mein Vorgehen in der Interrogationskammer erstatten?«
Adamanto interessierte sich nicht im Geringsten dafür, warum Malico auf Azote hatte einschlagen wollen, kaum dass er vor ihm gestanden hatte, und schüttelte deswegen den Kopf.
»Nein. Mir geht es eher darum, wie Sie an die Informationen für Salvadors Tribunal gelangt sind. Da war hochbrisantes Material dabei. Wirklich erstaunlich.«
Malico wurde blass. »Das kann ich erklären …«
»Klar könnten Sie das. Möchte ich wetten, doch auf Ihre fadenscheinigen Ausreden bin ich überhaupt nicht scharf.«
»Aber …« Jetzt schien der junge Mann mit den glänzenden Haaren noch verwirrter.
»Sie werden nicht bestraft! Ich will, dass Sie für mich das Gleiche wie für Kessler tun, Cadetto.«
Malico brachte immer noch kein Wort raus.
»Comprende?«
Jetzt nickte er langsam.
»Und wenn Ihnen bei irgendwem ein Wort darüber rausrutscht, dann hänge ich Ihre Cojones eigenhändig an die höchste Antenne des Bunkers, noch bevor Sie »Viva Verdad« rufen können! Ist das auch angekommen?«
So schnell, wie Malico nun nickte, rutschte ihm eine schmalzige Strähne in die Stirn.
»Gut.« Adamanto nahm sich einen Stuhl. »Dann kläre ich Sie mal über die Details auf.«
Malico war immer noch wie erstarrt.
»Schwingen Sie Ihren Hintern auf einen Stuhl, Mann. Und sperren Sie die Lauscher auf. Ich will weder brüllen noch irgendetwas wiederholen müssen.«
Etwas unsicher fand Malico auf seinen Hartplastikschemel.
Als er saß, begann Adamanto: »Ich will wissen, was hinter dem Einsatz im Lagerhauskomplex steckt und was Azote damit zu tun hat. Die Geheimniskrämer vom Inneren Kreis wollen sich nicht in die Karten schauen lassen, aber dafür habe ich ja Sie, Malico. Finden Sie diese Frauen, die Kessler befreit hat, damit ich sie befragen kann!«
»Was wissen wir über die, Capitan?«
»Cadetta Kessler hat behauptet, dass es sich bei den Damen wohl um Gunsteskorten handelte. Eine von ihnen war offenbar die Mutter des Ritualopfers. Angeblich hat sie dort nach ihr gesucht. Nachdem ihr ein Kunde berichtet hatte, er wüsste, wo sich ihr Mädchen aufhielte, ist sie von den Okkulten in eine Falle gelockt worden. Die anderen Frauen waren auf Kontrakt da.«
»Ist Ihnen der Name des Opfers bekannt?«
»Wenn die Hochvertrauensunion so dumm wäre, dann würde ich bestimmt nicht hier sitzen.«
»Schwierig …« Wie immer, wenn er angestrengt nachdachte, kniff Malico die Augen zusammen.
Plötzlich zischte die Eingangstür in die Decke.
»Mit etwas Glück können wir sie trotzdem finden.«
Adamantos Kopf ruckte zum Eingang.
Er war nicht davon ausgegangen, dass die anderen Ausbilder einen seiner Kadetten zu Azote schicken würden, nachdem er sie im Beobachtungsraum zurückgelassen hatte.
—
Caron hatte Azotes Stein auch beim zweiten Besuch nicht erwischt. Was hatte er auch erwartet? Von ein paar Kadetten wusste er, dass sie auf seinen Vorschlag einsteigen wollten – das waren aber längst nicht alle gewesen. Es war wahrscheinlich auch einfach noch zu früh und er zu ungeduldig. Dank des Minisenders, den Malico in die Interrogationskammer mitgenommen hatte, wusste Caron, dass der sich an die Absprache gehalten hatte. Ein Erfolg war ihm jedoch nicht beschieden gewesen.
Nach Malico, Jayd und einem Kadetten namens Grunt hatte man Caron als Vierten in die Interrogationskammer geschickt. Seltsamerweise hatte Grunts Vorgesetzter, Capitan Draft, sich dafür verantwortlich gezeigt.
Caron war also zu Azote rein und hatte ihn ebenfalls, wie geplant, kurzerhand angegriffen. Das hatte allerdings bloß dazu geführt, dass der Hexer Carons Arm erst mit einem Blitzschlag aus seinen Fingern betäubt hatte, ihn danach auslachte und verspottete und er sofort wieder gehen musste. Azotes Verausgabung hatte sich in bescheidenen Grenzen gehalten. Was für eine Blamage.
Die Frage, warum ihn Draft und nicht Capitan Adamanto zum Hexer beordert hatte, beantwortete sich gleich, nachdem Caron in den Araca-Flur abgebogen war. Eigentlich wollte er Jayd einen Besuch abstatten, um sich bei ihr endlich angemessen für seine Verteidigung zu bedanken. Da sah er, wie Adamanto aus ihrem Truppraum kam und sich von dort aus schnurstracks in Carons eigenen Truppraum bewegte. Nachdem sich die Servotür wieder geschlossen hatte, folgte Caron ihm, ließ aber die Finger von der Schulterspange. Stattdessen überzeugte er sich erst davon, dass ihn niemand beobachtete, und steckte sich dann Malicos Senderplatine ins Ohr. Blieb nur zu hoffen, dass Malico das Gerät nach seinem Besuch bei Azote noch nicht abgeschaltet hatte.
Caron lächelte. Jedes Wort der Unterhaltung aus Truppraum 2 wurde in bester Qualität aufgefangen. Keine zwei Minuten später hatte er genug gehört. Zeit, den Öffner an der Spange zu betätigen.
»Mit etwas Glück können wir sie trotzdem finden«, sagte er und schaute ins Gesicht eines sehr überraschten Capitans.
»Salvador! Kommt jetzt nach Aufhetzung auch noch Bespitzelung in Ihre Verfehlungsakte?«
Caron trat zum Tisch. Auch wenn er nicht so zuversichtlich war, wie er tat, wiegelte er mit den Armen ab. »Bei allem nötigen Respekt, Capitan, sollte die Mutter ihre Tochter vorher bei der Polizeiadministration als vermisst gemeldet haben, brauchen wir nur in deren Registern nachzuschauen. Cadetta Kessler kann sich bestimmt noch an die Mutter erinnern. Und ich für meinen Teil werde das Gesicht des kleinen Mädchens wohl nie mehr vergessen.«
—
Eins musste Adamanto diesen Typen aus Raum 3-2 lassen: Gelegentlich zickten sie rum wie Staatsdamen, aber sie waren auf Zack, wenn es hieß, sich durch Trentagons Datendschungel zu kämpfen. Sie gingen alle Vermisstmeldungen der letzten Wochen durch und fanden zunächst nichts. Nachdem Malico sich aber Zugriff auf die gelöschten – weil aufgeklärten – Fälle verschafft hatte, gelang es ihm, die Daten eines Deliktprotokolls wiederherzustellen, welches genau zu Adamantos gesuchter Zeugin passte. Und sowohl Mutter als auch Tochter konnten von Kessler und Salvador identifiziert werden.
Gleich am nächsten Tag orderte Adamanto einen Flug für sich. Seine Aracas freuten sich über einen freien Nachmittag und er saß im Militärshuttle nach Cancoon, der südöstlichen Nachbarstadt von Trentagon-Capitol. Da der Lufthafen Cancoon-Süd noch ein ganzes Stück von seinem Ziel entfernt war, legte Adamanto den Rest des Weges mit einem Transferschweber zurück.
»Traders Community, Block 43-C. Soll ich Ihnen eine Liste der Orte von besonderem Interesse auf den Datenbewahrer laden?«
Adamanto konnte sich lebhaft vorstellen, wie diese Liste aussehen würde. »Nein. Buch einfach die Transaktionsgebühr ab und lass mich da drüben bei der Treppe raus.« Gut, dass der Pilot ein Automaton war. Der Capitan wollte nicht unbedingt die Fantasien eines Zivilisten darüber anstacheln, was ein Sinistra-Offizier wohl in dem ehemaligen Handels- und jetzigen Amüsierquadranten von Cancoon trieb.
Er kletterte aus der Fahrgastzelle und der Personenschweber erhob sich sofort wieder in den dämmerigen Himmel. Nach wenigen Sekunden verschmolz das Leuchten seiner Stabilisatordüsen mit den unzähligen Werbeholos, die hier die Häuserwände zum Glühen brachten. In der Traders Community wurde auch jetzt noch Handel betrieben, nur in anderer Form als früher. Im Angebot waren die gesamte Palette an legalen Rauschmitteln und menschliche Zuwendung jeder Art. Sogar Sex mit Maschinenmenschen, in die geklonte Geschlechtsteile eingebaut waren, konnte man hier bekommen. Ein fragwürdiger Ort, um ein kleines Mädchen großzuziehen. Aber wer war er schon, dass er den Dynasten dafür verurteilte, solche Flecken nicht auszumerzen?
Das Gebäude, vor dem er stand, war nicht das größte im Umkreis, aber das bei weitem verwinkelteste. Es sah aus, als hätte das Kind eines Giganten mit seinen Bauklötzen der Schwerkraft getrotzt.
Einen Eingang konnte Adamanto nicht entdecken. Also ließ er sich von der Scoutfunktion seines Datenbewahrers leiten und erklomm die Treppe. Zwei Absätze später stand er vor einer halb verglasten Kabine. Dahinter war eine dunkle, zweiflügelige Schiebetür in die Mauer eingelassen. Ganz offensichtlich der Haupteingang.
Links und rechts von der Kabine standen zwei Schläger, bei denen Adamanto sich nicht sicher war, ob sie mehr Muskeln oder mehr Implantate am Körper hatten. Natürlich trugen sie schwere Sturmgewehre in den Armen und Energiepistolen in den Holstern. In der Kabine selber hockte ein Mann, der dermaßen ausladend gebaut war, dass seine Arme vom Körper an die Verglasung gedrückt wurden. Die Gebrüder Cyborg und das Menschenaquarium. An diesen drei Gestalten musste er wohl oder übel vorbei.
»Zu wem wollen Sie, Sinistra?«, fragte ihn der Dicke unwirsch. Haare hatte er keine mehr, dafür trug er ein Gestell vor dem Gesicht, das nur zwei Vermutungen zuließ: Entweder stellte es eine High-End-Brille dar oder den Augenersatz für jemanden, der geklonte Organe abstieß.
»Joleen Vastrelli, dritte Etage, Habitat 12-05.«
Der Dicke zuckte mit dem Kopf, woraufhin das Gestell in seinem Gesicht ein Klicken von sich gab.
»Joleen ist im Moment außer Dienst. Sie müssen mit einem anderen Mädchen vorlieb nehmen, Sinistra!«
Ob der gesamte Komplex ein Bordell war? Und hier wohnte Joleen mit ihrer Tochter zusammen. Adamanto war bestimmt nicht prüde, aber … Er schüttelte den Kopf und zeigte auf seine Schulterspange.
»Ich bin nicht zum Spaß hier, Freudenhändler! Ist Joleen Vastrelli in ihrem Habitat oder muss ich den ganzen Block nach ihr absuchen lassen?« Blieb zu hoffen, dass der Bluff funktionierte und der fette Widerling nicht auf Ärger aus war. Adamanto durfte in keinem Fall einen Einsatz der Polizeiadministration provozieren, sonst würde Coronel Duro von seinem Hiersein erfahren. Und das wäre ganz schlecht.
Die Apparatur des Kabinenmannes klickte abermals. »Sie ist da. Soll ich ihr Bescheid geben?«
»Ich will sie überraschen.«
»Verstehe. Carlos! Führ den Capitan zu Habitat 12-05 und pass auf, dass er dort nichts anfasst, das Geld kostet.«
Hinter den Glastüren führten drei lange Treppen nach oben. Adamanto hätte sich nicht gewundert, wenn dieser kleine Ausflug zu den überhängenden Etagen reine Schikane war, denn danach ging es in einen Lift, der sie gleich wieder drei Stockwerke nach unten brachte. Einen endlosen Flur später standen sie vor Habitat 12-05.
Der Capitan stellte sich auf das Feld vor der Eingangskamera, Carlos’ Atem im Nacken. Über der Tür zum Habitat erschien das Hologramm eines Frauenkopfes. Joleen Vastrelli hatte den Zenit ihrer Karriere eindeutig hinter sich.
»Wer sind …?«, begann sie verärgert, dann zögerte sie.
»Mein Name ist Capitan Furybund Adamanto von der Sinistra. Ich will Ihnen ein paar Fragen über Ihre Befreiung durch meine Einheit vor ein paar Wochen stellen.«
»Wer ist das?«, fragte eine Mädchenstimme aus dem Off. Der Kopf der Mutter drehte sich weg.
»Ein Soldat, Princesa.«
»So einer wie der, der mich gerettet hat?« Das Mädchen klang begeistert.
»Nein. Einer von denen, die Mama hinterher so gequält haben.« Ihr Kopf sah wieder Adamanto an. »Passen Sie auf, Sinistra! Abgesehen davon, dass ich auf Ihren Haufen seitdem einen Dreck gebe, haben mir Ihre Kameraden ziemlich drastisch zu verstehen gegeben, dass ich mit niemandem über den Vorfall sprechen darf … Dem Mann, der meine Tochter vor diesen Monstern gerettet hat, können Sie meinetwegen danken.« Sie schaute an Adamanto vorbei. »Wofür bezahle ich Allesantu eigentlich Protektionstaxe, Carlos? Schmeiß den Kerl raus!«
Das Hologramm verschwand. Der Capitan zog ab. Für heute gab er sich geschlagen, aber er würde wiederkommen.
—
Ungeachtet der Tatsache, dass der Außeneinsatz des ersten Ausbildungsjahrgangs sich in ein solches Debakel verwandelt hatte, war Coronel Duros Anweisung unmissverständlich gewesen. Die Kadetten brauchten mehr Erfahrung auf der Straße. So machte Capitan Adamanto aus seinem nächsten Besuch in Cancoon eine offizielle Mission. Dass es dabei in den Amüsierquadranten von Cancoon-Süd ging, würde Duro, wenn überhaupt, erst erfahren, nachdem Adamanto und Trupp 3-2 wieder zuhause waren.
»Na so was!«, sagte der Dicke aus der Kabine. Unter den Kaltlichtstrahlern wirkte seine Haut käsig. Der leichten Bewaffnung von Adamantos Begleitung schenkte er einen geringschätzigen Blick. »Jetzt sind es schon sieben von der Sorte. Beeindruckend. Wollt ihr etwa wieder zu Joleen?« Während er die beiden technisch aufgemotzten Hünen herbeiwinkte, zeigte er beim Lachen seinen Metallkiefer. »Sie will eure Sorte nicht empfangen. Ohne Fahndungsdirektive ist da nichts zu machen. Und jetzt verpisst euch!« Dann hob er die Hand. »Oh, wartet! Die Kleine darf bleiben. So ein athletischer Knackarsch ist momentan bei uns nicht im Programm, aber heiß begehrt.«
Hüne Carlos fuhr sich anzüglich mit der Zunge über die Lippen. Felis wich vor ihm zurück. Daraufhin kam er näher und sein Grinsen wurde noch eine Spur dreckiger. Als ihm Felis das Knie in den Bauchpanzer rammte, sodass es knackte, änderte sich sein Gesichtsausdruck schlagartig.
Während sie ihn packte und zu Navaja hinüberstieß, schnappte sie sich sein Gewehr und verpasste dem zweiten Wächter eine Blitzladung. Wächter Nummer zwei ging mit dampfenden Implantaten zu Boden. Zum Schluss entriegelte Felis die Magnetharpune, donnerte das Projektil vors Kabinenglas und löste den Ladungszylinder aus. Der Dicke knallte mit seinem Optristikvisier vor die Scheibe. So nah, wie Felis an die Verglasung ging, brauchten seine Augen keine Unterstützung mehr.
»Atención, du Pudding! Ich hinterlasse oben meine Karte. Und wenn irgendwelche Beschwerden über euch eintrudeln, dann komme ich zurück und verpasse euren Ärschen ein paar Krater. Kapiert?« Ohne eine Antwort abzuwarten, zog sie den Magnetbolzen von der Scheibe und der Kopf des Dicken sackte in seine Halswülste.
Navaja gab Carlos frei und Trupp 3-2 marschierte unbehelligt durch die schwarz verglasten Flügel des Eingangsschotts. Capitan Adamanto grinste zufrieden in sich hinein.
Den Weg zum Habitat schafften sie diesmal ohne Führer. Nach dem Rufsignal erschien abermals Joleens Kopf über der Tür.
»Sie schon wieder. Ich dachte, ich hätte mich deutlich …
»Ich habe jemanden mitgebracht«, unterbrach der Capitan sie und stieß Caron nach vorn.
»Möge Ihnen die Wahrheit gewogen sein, Zivilistin Vastrelli. Mein Name ist Kadett Caron Salvador. Ich habe Ihre Tochter aus den Fängen der Hexer befreit. Von Kadett Roscoe Venlok soll ich Ihnen die besten Wünsche übermitteln. Er war derjenige, der sich zwischen Ihre Tochter und diese Menschenschänder geworfen hat.«
Für ein paar Sekunden verschwand der holografische Kopf. Als er wieder aufflammte, seufzte Joleen Vastrelli tief. »Kommen Sie rein.«
—
Caron Salvador, der Held. Adamanto schüttelte den Kopf. Er selbst sah das nicht ganz so. Aber im Augenblick waren er und Kadett Martill, wie sie am Durchgang zur Küche standen, mit ihrer Meinung in der Unterzahl. Joleen Vastrelli hatte Salvador mit glänzenden Augen empfangen, sich mehrmals bei ihm bedankt und die kleine Lonis war ihm buchstäblich um den Hals gefallen. Nachdem er der Mutter erschöpfend über Kadett Venloks Wohlergehen berichtet hatte, war er von Lonis in ihr kleines Zimmer gezogen worden.
Salvador hatte ihnen den Weg geebnet, damit war seine Aufgabe erledigt.
Lagun, Malico und Navaja waren von der Vastrelli ins beengte Wohnzimmer gedrängt worden und saßen dort beieinander.
»Sollte Ihnen ihr Beschützer also noch einmal Probleme machen, dann schicken Sie mir eine Voice-Mitteilung. Ich werde ihm den Kopf schon zurechtrücken«, bot Felis Lagun der Gunsteskorte gerade an.
»Warum kümmert Sie das überhaupt? Ihre Kameraden haben nur Stress gemacht. Wollten uns zum Schweigen bringen. Erst haben sie uns drei Tage lang gelöchert und bedroht und am Schluss unter Schwur genommen.« Sie strich sich die Strähnen ihres Kunsthaarimplantats aus dem Gesicht. Die ehrliche Freude, mit der sie Caron begegnet war, hatte sich schnell verzogen.
Felis blieb dennoch ruhig. »Meine Mutter hat in einem der Amüsier-Quadranten von Maracas gearbeitet. Glauben Sie mir, ich weiß, wie das ist, von diesen Schweinen in Doppelschichten und zu schnellen Mittagskunden gepresst zu werden. Erst gaukeln sie einem vor, dass man für das Alter vorsorgen müsste, und dann ziehen sie einem das ganze Geld mit gefakten Aufwandsposten wieder aus der Tasche.« Sie lächelte. Mehr mit dem Mund als mit den Augen.
»Ihr Sinistras bringt nichts als Probleme. Die einen von euch verlangen: ›Halt die Klappe!‹ Und ihr sagt: ›Spuck´s aus!‹ Sie können von Glück reden, dass ich im Geschäftlichen dem freundlichen Umgang einen Vorzug gebe, Capitan Lagun.«
»Sie ist kein Capitan«, mischte Malico sich ein. »Wir sind nur Kadetten. Unser Capitan steht in Ihrer Küche und erwartet Antworten von uns. Er wird uns ziemlich in die Mangel nehmen, wenn er die nicht kriegt.«
»Mir kommen gleich die Tränen, Süßer. Wenn ich mir den Typen so ansehe, würde ich dir das sogar glatt abnehmen. Wäre trotzdem kein Grund für mich, einen Dynastieeid zu brechen.«
Felis bedachte Malico mit einem finsteren Blick. »Was mein Compañero damit eigentlich meint, ist, dass wir mit den Sinistras der Hochvertrauensunion herzlich wenig am Hut haben.«
»Das erzählt ihr mir.« Aus Lonis’ Zimmer drang fröhliches Gelächter. Joleen Vastrellis Miene weichte augenblicklich auf. »Die Liebe des eigenen Kindes ist das Einzige, auf das man sich wirklich verlassen kann.« Ihre kontrastreich geschminkten Züge standen im krassen Gegensatz zum aufrechten Klang ihrer Worte. »Da ihr die Kämpfer seid, die Lonis da rausgeholt haben, werde ich eine Ausnahme machen und eure Fragen beantworten. Aber falls ich irgendwelche Scherereien kriege, habe ich eine Datenbewahrerkennung, auf die ich verweisen werde.« Nun bedachte sie Felis mit jenem berechnenden Blick, mit dem sich Gunsteskorten den zahlungskräftigsten Kunden aus einer Partymeute fischten. »Schießen Sie los!«
Felis übergab das Gespräch an Malico. Überdeutlich standen die Worte »Versau es nicht wieder!« in ihrem Gesicht.
Malico zückte seinen Datenbewahrer und zeichnete auf.
»Okay. Wie sind Sie und Ihre Tochter in diesen Lagerkomplex geraten?«
»Zwei Wochen vor unserer Rettung ist Lonis eines Mittags nicht mehr vom Primärkolleg nach Hause gekommen. Ich habe die Polizeiadministrative eingeschaltet, aber die Ordnungswächter hier halten nicht viel von uns. Wir machen ihnen zu viel Arbeit. Wahrscheinlich haben sie gedacht, Lonis wäre abgehauen, weil sie es bei mir nicht mehr ausgehalten hat. Ich war völlig verzweifelt. Also habe ich meine eigenen Beziehungen spielen lassen, ein Bild von Lonis rumgeschickt. Die Woche drauf berichtete mir eine Kollegin von einem Kunden. Ihm war ein Mädchen aufgefallen, das aussah wie meine Lonis.«
»Wie lautet der Name dieser Kollegin?«, wollte Malico wissen.
»Keine Chance. Ich werde sie da nicht mit reinziehen.«
»Hat sie den Kontakt zwischen Ihnen und diesem Kunden hergestellt?«
»Sozusagen. Ich habe ihn aufgesucht. Er hat mich dann an einen seiner Auftraggeber verwiesen. In den Räumlichkeiten dieses Auftraggebers sollte das Mädchen gefangen gehalten werden und er schwor mir, dass sie meiner Lonis täuschend ähnlich sah.«
»Warum haben Sie zu diesem Zeitpunkt nicht die Polizeiadministration eingeschaltet?«
»Weil der Kontaktmann ein Prämienhund war und sein Kunde ein Sektenführer. Beide haben es nicht so dicke mit der Dynastieverwaltung.«
Malico nickte. »Aha. Und dann sind Sie ganz allein zu dem
Okkulten marschiert, um Ihre Tochter zurückzuverlangen?«
»Bei solchen Leuten verlangt man nichts. Man verhandelt.« Joleens Blick war wieder leer geworden.
»Und was ist bei diesen Verhandlungen herausgekommen?«
»Dass ich mich für eine Nacht mit meiner Dienstleistungspalette bei ihm verdinge und ich dafür meine Tochter zurückbekomme.«
»Und das haben Sie geglaubt?«
»Was blieb mir übrig? Es ging um das Leben meiner einzigen Tochter. Wären die Ordner aufgetaucht, hätte man Lonis sofort umgebracht.«
»Sie haben also die Nacht mit diesem Sektenführer verbracht und dann ...«
»Bei der hohlen Wahrheit, nein! Ich und ein paar andere Gunsteskorten waren Teil eines Festes in den unteren Stockwerken dieses Lagerhauses. Wir haben den Mitgliedern eines Hexenzirkels und ihren Gästen die Stunden verschönert. Aber glauben Sie ja nicht, dass ich dabei irgendetwas anderes empfunden hätte als die Sorge um Lonis.«
Es entstand eine peinliche Stille, in die Felis dann hineinfragte: »Diese Gäste, was waren das für welche?«
»Allesamt Prämienhunde. Ich glaube, diese Sekte hatte etwas Großes vor. Die Prämienhunde waren am Schluss sturzbetrunken und sind zusammen abgekarrt worden. Danach haben die Zirkelanhänger alle Gunsteskorten zusammengetrieben und in den Raum gesperrt, aus dem Ihre Truppe uns am nächsten Tag befreit hat.«
»War der Prämienhund, der Ihre Tochter gefunden hat, auch auf dem Fest?«
»Nein.«
»Haben Sie den Sinistras bei Ihrer Befragung den Namen Ihres Kontakts verraten?«
»Nein. Nachdem ich erfuhr, dass er wirklich nur versucht hatte, mir zu helfen, wollte ich nicht, dass er seine Lizenz verliert.«
Felis’ Stimme wurde warm. »Das kann ich gut verstehen. Wenn ich Ihnen verspreche, dass dem Mann nichts passieren wird, würden Sie uns dann seinen Namen nennen?«
»Schwören Sie Ihren Sinistra-Eid darauf?«
Felis nickte und legte ihre Hand auf die linke Rüstungsplatte, genau auf das Herz der Wahrheit. »Viva Verdad!«
»Sein Name ist Veloso Flask. Alle nennen ihn Flash, weil er angeblich so schnell ist.«
»Wenn er registriert ist, werden wir ihn recht schnell auftreiben. Danke, Joleen.«
»Wie ist es gelaufen?«, wollte Caron wissen, der sich von Lonis befreit hatte und in den Wohnraum trat.
»Ohne Sie läuft doch immer alles wunderbar«, meinte Capitan Adamanto und gab das Signal zum Aufbruch.
Joleen bedankte sich noch zwei Mal bei Caron und trug ihm auf, Venlok die besten Wünsche zur Genesung auszurichten. Dabei glaubte Caron, zwischen ihren Worten herauszuhören, dass sowohl Venlok als auch er selbst in einer einsamen Nacht gerne auf sie zurückkommen könnten. Was seinen Teil an diesem Angebot betraf, mochte er das auch falsch verstanden haben, da Felis ihn mitten im Satz bereits nach draußen geschoben hatte.
Auf dem Weg zum Shuttle brachten Felis und Malico den Rest auf den neuesten Stand.
»Das war gute Arbeit da drin«, lobte Adamanto sie, als sie wieder im Transporter saßen.
Caron hatte Bedenken. »Ein wilde Geschichte. Wie viel davon kann man glauben?«
»Eins hat mir wirklich zu denken gegeben«, warf Malico ein. »Es tauchen mir irgendwie zu viele Prämienhunde auf.«
»Das ist doch ganz normal. Die Jungs treiben sich nun mal überall herum und sind bei der Auswahl ihrer Kundschaft oft nicht wählerisch.«
»Oh, ihr wisst noch nicht alles.«
Adamanto stutze. »Dann klären Sie uns mal auf, Kadett Malico!«
»Als ich die Fahndungsraster der Polizeiadministrative durchstöbert habe, sind mir auffällig viele Vermisstenanzeigen vor die Augen geraten, in denen nach Prämienhunden gesucht wird.«
»Nach Prämienhunden?«, wunderte Felis sich.
Caron lachte. »Wer meldet die denn als vermisst?«
»Eigentlich niemand«, gab Malico zurück.« Aber wenn da schon so viele von den Kerlen in den Akten stehen, wie viele sind dann verschwunden, ohne dass wir davon wissen?«
Wenn Caron früher zu einem intriganten Administrator geschickt worden war, dessen Entmachtung sein Vater bereits verfügt hatte, der aber selbst davon noch nichts ahnte, dann hatte er das gleiche Gefühl gehabt wie jetzt. »Wir sollten schnellstens diesen Flash ausfindig machen.«
»Das sollten wir.« Das erste Mal, dass Capitan Adamanto und Caron sich einig waren ...
Kapitel 8
»Ich warne dich! Wenn du wieder versuchst, Hand an mich zu legen, schlage ich dich mit Blindheit, Salvador.« Aus Azotes Mund klang Carons Deckname wie eine Beleidigung.
»Ich habe schon gehört, was Sie mit den anderen Kadetten angestellt haben. Die Medicos haben sie innerhalb von drei Stunden wieder hingekriegt, Hexer«, bemühte er sich um einen ähnlich verächtlichen Tonfall.
»Nur weil ich es wollte. Mit dir werden sie ein weniger leichtes Spiel haben.«
Der runde Stein lag zwischen Azotes aufgestützten Ellenbogen auf dem Tisch. Im Schein des Punktstrahlers an der Decke glitzerte er verführerisch.
»Wie willst du mich heute dazu bewegen, dein Verlangen zu befriedigen? Was hat mir der Sohn eines so wichtigen Mannes aus Trentagon im Gegenzug für militärische Ehren und eine beeindruckte Angebetete anzubieten?«
»Keine Handel mehr, Azote. Heute werden wir uns bloß ein wenig unterhalten.«
»Aha. Ist dem so?«, fragte der Zirkelmeister gespielt überrascht. »Wo du es doch eigentlich nötig hättest, endlich mal mit Erfolgen zu glänzen, willst du Zeit für ein Schwätzchen verschwenden? Nicht sehr ratsam, denn wie ich hörte, lief es für den Prinzen von Trentagon in letzter Zeit nicht so gut.«
Warum, bei der Wahrheit, wusste Azote davon? Konnte dieser Kerl wirklich so gut schlussfolgern oder wagte er bloß wieder einen Schuss ins Blaue? Verfügte er gar über eine Informationsquelle im Bunker? Caron wurde wieder unsicher. Irgendwann würde er wohl oder übel mit seinem Vater darüber sprechen müssen. Aber war es vielleicht genau das, was Azote erreichen wollte? Es war zum Verrücktwerden.
Caron sammelte sich und gab dem Hexer seine eigene Medizin zu schmecken. »Da haben Sie wohl falsch gehört. Es ist noch gar nicht lange her, da habe ich Ihren Anhängern ganz gewaltig in den Arsch getreten.«
Azote zog die Lippenwülste hoch. »Du sprichst über Niederlagen? Ein gutes Thema. Einige deiner Kameraden sind gar nicht zu einer zweiten Runde erschienen. Insbesondere vermisse ich diesen groben Klotz Roscoe Venlok. Du weißt nicht zufällig, ob er hier nochmal auftaucht? Er konnte sich so vorzüglich aufregen. Vor allem, wenn das Gespräch auf seinen verräterischen Vater kam.«
Was meinte dieses Stück Scheiße denn damit wieder? Vor Carons innerem Auge tauchte das Gesicht einer beschwichtigenden Felis auf. Er atmete tief durch. »Dann wird es Sie freuen, zu hören, dass Venlok schon sehr bald wieder zu Ihrer Verfügung stehen wird. Ganz im Gegensatz zu über dreißig Ihrer Vasallen. Die haben wir nämlich genau dort hingeschickt, wo auch ihr widernatürlicher Helfer weilt: ins Vergessen!« Gegen Ende war er doch noch laut geworden. Jetzt ging Caron ganz nah an Azote heran.
Der Hexenmeister hob einen Arm und die Skorpiontätowierung kam zum Vorschein. Dazu wedelte er herausfordernd mit dem Zeigefinger. »Letzte Warnung, Salvador. Eine bloße Berührung und ich schwöre dir, dass du es nie wieder vergessen wirst!«
Caron lachte abfällig. »Leere Drohungen und Einschüchterungsversuche! Ist das alles, was Sie drauf haben? Falls es Ihnen noch nicht aufgefallen ist: Diese Zeiten sind endgültig vorbei. Jetzt werde ich Sie mal warnen: Egal, was Sie planen, Azote, Sie vergessen es am besten gleich wieder! Wir sind Ihnen näher auf den Fersen, als Sie ahnen ...« Daraufhin drehte er sich weg und ließ Azote in seiner Insel aus Licht zurück.
—
Das Ziehen des neuen Blasters klappte dank seines kleinen Geheimtricks ausgezeichnet. Die paar Tropfen Öl im Holster hatten Wunder gewirkt. Dabei kam es allerdings auf eine genaue Dosierung an. Schließlich sollte sich die Griffriffelung der Waffe nicht in ein Stück Seife verwandeln. Aber ausgefuchst, wie er war, hatte er die Energiepistole jetzt schneller schussbereit, als ein Gegner gucken konnte.
Nur mit dem Wegstecken haperte es noch. Wahrscheinlich hatte er sich noch nicht an die veränderte Position des Holsters gewöhnt. Das musste er unbedingt noch üben. Wenn einer seiner Kunden mitbekam, wie er sich durch Ungeschicklichkeit selbst entwaffnete, würde das unter den anderen Prämienhunden garantiert die Runde machen. Und das wäre ausgesprochen schlecht fürs Geschäft. Er war vielleicht nicht der Stärkste oder Breiteste unter ihnen, aber immerhin war er der Flash. Schneller als jeder andere dort draußen. Er hatte einen Ruf zu verlieren.
Beim nächsten Versuch fand der Blaster zwar in das Holster, aber der Bewegungsablauf hatte weder elegant noch verwegen ausgesehen. Veloso Flask brauchte noch eine halbe Stunde, bevor er ihn halbwegs drin hatte. Sobald das perfekt klappte, würde er in vollem Körperpanzer üben müssen.
Der Prämienhund bewegte sich von der mannshohen Projektionsfläche seines Spiegels weg und verstaute den Blaster in seiner Tresorkiste bei den anderen teuren Geräten. Dann ging er zu einer kleinen, abgeteilten Ecke im Raum. Dort standen ein Stuhl, ein Übertragungsterminal und ein Lagerschlitzregal für tragbare Informationsspeicher: sein Büro.
Das Auftragsraster entlockte dem Flash ein Stöhnen. Für 13:30 war Personenschutz angesagt. Er hasste diese Aufträge. Schmierige kleine Gauner, die sich die Finger schmutziger als üblich gemacht hatten und aus lauter Furcht vor Knochenbrechern oder Attentat-Automatons keinen Schritt mehr ohne Bewachung machen wollten. Kleines Geld für hohes Risiko. Wann würde er diesem Sumpf endlich entkommen und die wirklich dicken Kunden an Land ziehen? War sein Ruf noch immer nicht in der Oberschicht angekommen? Dauernd die gleiche Scheiße. Wie sollte er nur ...?
Er hielt inne. Rot pulsierend erhellte der Bewegungsalarm das trübe Appartement. Sofort rief Flask seine Kameras auf den Holowürfel des Terminals. Das sah ganz nach Ärger aus! Um sich nochmal mit eigenen Augen zu überzeugen, eilte er in die Eingangshalle und kippte einen der schwergängigen Lamellen-Shutter am Fenster auf.
Wie er befürchtete hatte: Er musste wohl oder übel jetzt schon in die Kampfmontur.
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Gute Verbindungen bei den Civic Cops zu haben, war immer von Vorteil. In der Regel war die Polizeiadministrative nämlich nicht gut auf die Sinistra zu sprechen. Es hatte einfach schon zu viel Kompetenzgerangel zwischen beiden Institutionen gegeben. Zum Glück hatte Adamanto einen alten Freund auf der mittleren Führungsebene von Trentagon-Capitol. Deswegen war der fingierte Unterstützungsantrag aufgrund religiöser Aktivitäten im Heimatquadranten von Veloso Flask keine große Sache gewesen. Und gegen das Versprechen, das Viertel nicht dem Erdboden gleichzumachen, hatte der Capitan seinen Vorwand für eine Blockfahndung erhalten.
Coronel Duro würde sich freuen. Damit setzte Adamanto die Weisung, schnellstens für ein paar realitätsnahe Einsätze bei den Aracas zu sorgen, vorbildlich um. Selbst wenn fünf Trupps gegen einen Prämienhund ein wenig viel erschien. Sein alter Rivale konnte ja nichts von der Verbindung zwischen Flask und der Dämonenbeschwörung im Lagerhaus ahnen.
Günstigerweise war die Gegend, in der der »Flash« wohnte, fast ebenso verlassen wie der Lagerhauskomplex. Industrieruinen! Sogar die Vegetation, die das Gelände nach und nach zurückeroberte, wirkte trocken und blass. Als Adamanto sich von seiner Gravkugel im Kommando-Lander eine Umgebungskarte zeigen ließ, fiel ihm auf, dass er die Gegend kannte. Das Etrokraftwerk, in dem er und Duro Azote geschnappt hatten, befand sich nicht weit von hier. Damals war Duro noch bei der Hochvertrauensunion und Adamanto Commodore gewesen. Seit der dramatischen Explosion vor fünf Jahren hatten sich die industriellen Administrativen von hier nach und nach zurückgezogen. Auch wenn das ausgetretene Etro nachweislich keine gesundheitlichen Schäden verursachte, wollte hier niemand mehr arbeiten. Und wohnen schon gar nicht. Die einzige Ausnahme war dieser Prämienhund Flash.
»Araca 4 an Capitan Adamanto. Unser Transporter landet im Zielgebiet«, wurde seine Konzentration vom Funk wieder zurechtgerückt.
»Adamanto hier. Bestätige Ihren Status in der Ablaufanalyse. Nach der Landung Operation fortsetzen wie im Briefing besprochen!«
»Araca 4. Wir haben verstanden, Capitan.«
Der Transporter von Trupp 4 sah aus wie der Lieferschweber eines gewöhnlichen Hardwarevertreibers. Zwei der Kadetten an Bord trugen die Uniformen ziviler Zusteller. Sie würden Flask einen recht großen Container vor das Eingangsschott liefern. Sollte er tatsächlich so dumm sein und die fehlgeleitete Bestellung persönlich abwimmeln, würde der Container aufklappen und ihn automatisch in seinem Inneren gefangen setzen. Wenn nicht ...
... nun ja, laut den Profildateien über Veloso Flask, den Flash, hatte er sich seinen affigen Spitznamen selber verpasst und war ein bestenfalls mittelmäßiger Prämienhund. Nichts und niemand, mit dem Fisher und Molino nicht auch ohne Rüstung und mit leichter Bewaffnung fertig würden. Aber selbst wenn unerwartete Probleme auftauchen sollten, hielt sich der Rest ihres Trupps nebst Kampfautomaton in der Lagereinheit des Transporters bereit.
»Araca 4 hier, Kadett Galler an Capitan Adamanto. Die Kadetten Fisher und Molino verlassen jetzt den Transportschweber.«
Adamanto ließ die versteckten Außencams ihres getarnten Vehikels nicht aus den Augen.
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»Meint ihr, Fisher und Molino kriegen das hin?«, fragte Caron und beobachtete den vor ihnen liegenden Straßenzug aufmerksam.
Navaja zuckte mit den Schultern. Felis starrte weiter aus dem Hauseingang, in dem sie Stellung bezogen hatten, und Martill meinte: »Wenn Araca 4 nicht, dann wir.« Dabei kaute er auf irgendetwas herum.
Nach drei Minuten kam ein gerauntes »Noch immer keine Reaktion!« von Fisher über den Zugkanal.
»Araca 3! Wie sieht es auf der Rückseite aus?«, wollte Adamanto wissen.
Jayd antwortete: »Alles ruhig, Capitan. Außer ein paar Ratten bewegt sich hier nicht viel.«
»Der ist längst untergetaucht. Vastrelli hat ihn bestimmt gewarnt«, vermutete Caron.
Fishers Geduld war aufgebraucht. »Erlaubnis zum Eindringen, Capitan?«
»Erlaubnis erteilt. Streng nach dem Codex, Fisher! Trupp 4! Fertigmachen zum Ausstieg!«
»Ja, Capitan!«
Es vergingen keine zwanzig Sekunden, dann kam: »Die Cam kann nichts erkennen. Da drin ist es so dunkel wie in einem Dämonenarsch.«
»Okay. Wir gehen rein! Araca 4, absitzen! Ihr bildet die Vorhut. 1, 2, 3 und 5! Position auf Missionsmarkierung B verlegen!«
»Das Spiel beginnt!« Martill schickte Caron und Malico wie gewohnt nach vorn. Dann folgten er selbst und Felis. Weil Venlok nicht dabei war, blieb Navaja bei Gunsmith zurück. Die beiden machten Rocketspitter und Scharfschützengewehr bereit.
Durch den Straßenzug vor dem Zielgelände nutzten Caron, Malico, Martill und Felis jede Deckung aus. Von der offenen Seite des Geländes bewegte Jayd sich mit Araca 3 auf die alte Fertigungsanlage zu. Die anderen Truppen kamen von Osten und Westen. Sie benutzten die Zufahrtswege für Bodenfahrzeuge.
»Wir sind drin. Das Schott war ein Kinderspiel«, informierte Molino.
Während er beim Vordringen nervös die Fensterfronten mit der Visierbrille scannte, musste Martill Caron immer wieder zum Tempodrosseln ermahnen.
Plötzlich rief Fisher in den Kanal: »Veloso Flask? Stehenbleiben!«
Und Molino fragte: »War er das? Ich konnte nichts erkennen.
Verflucht! Was ist nur mit den Brillen los?«
Caron und Malico waren mittlerweile bei der Betonmauer angekommen, die das Gelände von Flasks Wohnstatt eingrenzte. Durch die Löcher im rostigen Tor konnte Caron den Lieferschweber von Araca 4 vor der Fabrik erkennen. Martill ging auf der anderen Seite vom Tor in Stellung und wies seinen Trupp mittels der eingeübten Kommunikationsgesten in die nächsten Schritte ein.
Unvermittelt rumste es.
»Was zum ...?«, kam ein abgebrochenes Fluchen von Dirkun Galler, dem Truppführer von Araca 4. Unwillkürlich zuckten Martill, Malico und Felis in die Hocke.
Caron war als Einziger aufrecht geblieben. Es rumste nochmal und er sah, wie irgendetwas durch den Eingang der alten Fertigungshalle direkt in den blitzartig zuschnappenden Fangcontainer flog.
»Galler? Fisher? Araca 4, Statusmeldung!«, polterte Adamanto.
Aus dem Inneren des Fangcontainers drangen gedämpfte Rufe. Caron konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Galler kommentierte kleinlaut: »Etwas hat uns aus dem Eingangsbereich geworfen ... Wir stecken im Fangcontainer fest. Bis auf mich sind alle fixiert und Roughneck, unser Automaton, wurde deaktiviert.«
Jetzt lachten auch Martill und der Rest. Die Arresteinheit würde sich erst wieder im Centro Sinistra entriegeln lassen.
Adamanto schaltete sich ein. »Mir wird hier ein leichter Anstieg der endoplasmatischen Aktivitäten angezeigt. Was ist mit Molino und Fisher?«
»Wissen wir nicht.«
Caron funkte sie direkt an, aber weder Fisher noch sein Compañero reagierten. Das war nicht gut. »Beantrage Such- und Rettungsaktion«, gab er an den Capitan durch und setzte sich damit abermals über Martills Status hinweg.
»Halten Sie sich zurück, Salvador. Martill! Führen Sie Araca 2 rein! Araca 1, 3 und 5! Infiltration. Die schweren Waffen bleiben in Stellung!«
»Verstanden, Capitan!«, antwortete Gente Martill und schaute Caron ernst an. »Navaja! Sofort zu uns aufschließen. Malico! Schaff Container und Transporter aus dem Weg. Lagun, du hilfst ihm. Sobald du freie Schussbahn hast, Gunsmith, feuerst du eine Betäubungs- und eine Hemmgranate in den Eingang!«
Alle bestätigten ihre Befehle, und während Martill und Caron sich zu den Seiten des Eingangsschotts aufstellten, gingen die übrigen ans Werk.
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Kaum waren Container und Transporter aus dem Weg und Navaja bei der Truppe angelangt, zischten die von Martill angeforderten Granatengeschosse heran. Das schwarze Eingangstor der alten Fertigungsanlage wurde erst von grellen Blitzadern erhellt, dann von Rauchwolken ausgefüllt. Caron warf zwei kleine Hovercams hinterher und zog die Filtermembran samt Atemschläuchen vors Gesicht. Sobald die Cams das Wort »LEER« in die Visierbrillen übermittelten, wurde die Truppe von Martill mit einem lauten »Vamos, vamos, vamos« hineingetrieben.
Drinnen gingen die Soldaten hinter zwei dicken Stahlsäulen in Deckung.
»Araca 2 meldet: Eingangsbereich sicher! Was für ein Schweinestall.«
Die Sicht war mies. Das Betäubungsgas hatte sich verflüchtigt, doch Reste einer anderen Substanz schwebten noch durch das Halbdunkel. Zum üblichen Zahlengeflacker übertrug Carons »Kübel« jede Menge statische Störungen. Nur an den Stellen mit Tageslicht, das durch die Lamellen-Shutter der Fenster fiel, ließ sich ein klares Bild erkennen.
Allem Anschein nach benutzte der Flash das ehemalige Foyer der Fertigungsanlage entweder als Lager für unnütze Dinge oder schlicht und einfach als Müllhalde. Überall lag kaputter Kram herum. An den Treppen, die an den Seiten der Rezeptionstheke nach oben führten, stapelten sich ausrangierte Möbel bis zur überhohen Decke.
»In der Luft befindet sich irgendein Zeug, das unsere Visierbrillen stört. Die Scoutfunktion des Datenbewahrers arbeitet auch nicht richtig«, informierte Felis knapp.
Martill scherzte: »Dafür ist der Audio-Empfang ausgezeichnet.«
Adamanto schaltete sich ein. »Navaja! Schwenken Sie mal nach links. Hmm, nicht gut. 1, 3 und 5? Wie sieht es bei euch aus?«
»Araca 3 hier!«, meldete sich Jayd. »Bis jetzt keine Störungen der Hardware. Dafür ist auf unserer Seite kein Durchkommen. Alle Fenster sind verschweißt worden und Türen gibt es keine.«
Bei Araca 5 sah es genauso aus. Nur der erste Trupp hatte noch einen weiteren Zugang gefunden. »Wir sind gerade dabei, einen halb verschütteten Notschacht freizulegen«, ließ die Brush Capitan Adamanto wissen.
»Okay, Araca 1. Versucht, über den Schacht reinzukommen. Der Rest bewegt sich wie 2 über den Vordereingang rein. Vámonos!«
Caron und Malico schritten vorsichtig an der Theke vorbei zur linken Seite des großen Raumes. Felis und Martill folgten ihnen. Die Nachhut bildete Navaja.
Irgendwie gefiel Caron das alles mal wieder gar nicht. Er gab durch: »Unterhalb der linken Treppe befindet sich ein Absatz, über den man ins Kellerstockwerk sehen kann. Da führt eine alte Wendeltreppe runter. Durch die Gitterstufen und das Geländer kann ich die Tür sehen, die uns zu Flasks Habitat führen müsste.«
»Bestätigt, Salvador. Zur Erinnerung: Das ist die Stelle, an der Fisher und Molino sich das letzte Mal gemeldet haben. Kadett Martill! Sichert die Treppe, bis mindestens ein weiterer Zug bei euch eingetroffen ist. Dann nehmt ihr euch die Tür gemeinsam vor.«
»Verstanden, Capitan! Wir beziehen oberhalb der Treppe Stellung.« Martill teilte seine Truppe auf. »Halt die Augen offen, Navaja! Falls uns jemand von hinten beikommen will, nagelst du ihn um!«
Zwischen den beiden Treppen zogen sich die Minuten zu Ewigkeiten. Auf Carons Stirn juckte der Schweiß. »Der Flash hat in seinem Habitat bestimmt noch einige Überraschungen für uns parat. Wüsste gerne, welche.«
Felis nickte: »Wer von uns nicht?«
»Außerdem glaube ich, dass der Kerl nicht so allein wohnt, wie wir gedacht haben.« Felis nickt ein weiteres Mal, dann kündigte Jayd sich an.
»Nehmt den Finger vom Abzug, Araca 2. Wir stehen vorm Eingang und sind sofort bei euch.«
Nur gut, dass der Sinistra-Kanal codiert und abgeschirmt war, dachte Caron, sonst hätte Flask sich all diese Informationen zunutze machen können. Von hinten hörte man Geräusche. Navaja legte das Gewehr in Anschlag.
»Entspann dich, Großer!«, erklang Jayds Stimme. Während sie zu Martill ging, übernahm ihr Trupp die Rückendeckung. »Sollen wir auf 5 warten?«
»Nicht nötig. Ich denke, den Rest schaffen wir auch so. Und da sind ja auch immer noch die Jungs von Araca 1. Die sollten uns von der anderen Seite entgegenkommen«
»Okay. Packen wir´s an!« Jayd wollte gerade mit Shrouk und Chamberlain im Rücken die Wendeltreppe runterstürmen, da hielt Caron sie zurück.
»Hallo, Jayd. Ich freue mich, dich zu sehen. Bleib doch noch für einen Moment an meiner Seite.« Er schenkte ihr ein strahlendes Lächeln.
Sie schien irritiert. »Felis! Rutsch mal bitte den Stuhl mit dem kaputten Magnetkissenfeld rüber!«
Felis wirkte ähnlich verdutzt wie Jayd. Trotzdem packte sie den alten Bürostuhl und schob ihn auf der Sitzfläche zu ihm. Caron beförderte das verbeulte Ding mit einem Tritt die Treppe hinunter.
»Was bei der ...«, setzte Malico an, dann klappten die Treppenstufen mit einem lauten Schnappen ein.
Wo gerade noch unzählige Stufen in die Tiefe führten, war jetzt eine glatte Fläche und das Geländer war zu den Seiten weggekippt. Unten waren Stahlspitzen aus dem Boden gefahren.
Martill spuckte aus. »Na, das hätte einen sauberen Absturz gegeben. Woher wusstest du das?«
»Intuition«, antwortete Caron. Felis und Malico musterten ihn ungläubig. Er ging zum Geländer und brachte es in die alte Position. Die Spitzen waren wieder verschwunden. Trotz der Störungen im Vidfeld waren ihm Scharniere an den Geländerholmen aufgefallen. Unter dem ersten Holm ertastete er einen Schalter, mit dem man solche Treppen in der Regel entschärfte. Ein leichter Druck und die Stufen klappten in ihre ursprüngliche Position. Treppen dieser Sorte kannte Caron als ehemaliger Günstling nur zu gut. Sie waren Bestandteil einer jeden Attentatsabwehr. Denn wer heimlich in die Habitate der Führungsebene eindrang, vermied in der Regel Fahrstühle. Seinen Kameraden würde er das natürlich nicht erzählen. Schon allein, weil Jayd ihn so aufrichtig beeindruckt anschaute.
Mit einem breiten Grinsen setzte er einen Fuß auf die oberste Stufe.
Nichts geschah!
»Sicher!«, sagte Caron zufrieden und tänzelte die Treppe runter. Felis zuckte mit den Schultern und Martill schüttelte den Kopf, als er den Rest durchwinkte.
Unten machten Caron und Malico sich sofort am Doppelschott zu schaffen. Adamanto ermahnte sie via Zugkanal: »Vorsicht, Araca 2 und 3. Ihr seid nun genau an der Stelle, an der es Fisher und Molino erwischt hat.«
»Gibt es eine Möglichkeit, irgendwie auf die andere Seite zu sehen?«, fragte Jayd.
Malico verneinte. »Keine Fensteröffnung oder so etwas. Noch nicht einmal ein Spalt.«
»Aber ihr kriegt sie auf? Oder soll Wishny es versuchen?«, wollte Shrouk wissen.
Martill baute sich vor ihm auf. »Kein Bedarf.«
Malico bestätigte seine Worte, indem er einen Moment später seinen Datenbewahrer vom Schlossmechanismus rupfte und die Schotttüren zur Seite schaben ließ.
Caron fluchte. Er und Malico zogen die Schwerter, aber vor lauter Bildrauschen ließ sich jetzt gar nichts mehr erkennen.
»Was ist das nur für ein Zeug?« Vor den neuen Schwaden, die durch das Schott geweht kamen, kapitulierte der Vidfilter völlig. »Ich sehe nicht mehr das Geringste. Capitan, wir müssen die Brillen abschalten!«
»Negativ, Salvador. Auf keinen Fall! Kessler, Martill! Sorgen Sie dafür, dass Ihre Leute die Visierbrillen unten lassen!«
»Ich fürchte, wir haben keine andere Möglichkeit, Capitan«, ergriff Jayd für Caron Partei. »Die Sicht ist wirklich gleich null!«
Caron würde sich nicht länger von Veloso Flask an der Nase herumführen lassen. Er fuhr die Brille in den Helmrand. Natürlich rechnete er mit einer sofortigen Zurechtweisung durch Adamanto, doch der lenkte erstaunlicherweise ein.
»Bueno. Deaktiviert die Brillen! Aber sobald euch irgendetwas komisch vorkommt oder ich es befehle, sind die Dinger sofort wieder unten. Comprende?«
»Verstanden, Capitan!«, antworteten Jayd und Martill.
Durch den seltsamen grauen Nebel ließ sich zwar ohne Visierbrille auch nicht viel erkennen, aber besser als mit dem gestörten Vidverstärker war es allemal.
»Meine Augen brennen«, maulte Malico.
Als Caron sich den Gang hinter dem Schott genauer ansah, musste er lachen.
»Welche Nummer trägt das Habitat des Flash doch gleich?«, wollte er von seinem Mit-Scimitar wissen.
»19-0-D. Wieso?«
»Weil hier über jeder Tür genau diese Nummer steht.«
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»So ein Witzbold«, murrte Malico und scheiterte zum x-ten Male mit seinem Überbrücker an Tür Nummer eins.
Caron schob ihn zur Seite und ließ seinen Datenbewahrer die Wand abtasten. Dann feuerte er auf eine Stelle schräg über dem Schott. Die Querschläger zwangen seine Kameraden in Deckung.
»Hoppla! Was ist das denn für eine Legierung?«
»Du bringst uns noch alle um, Salvador!«, giftete Martill. »Wenn du scannst, dann gefälligst über die gesamte Bandbreite!«
Jayd zückte ihr Kampfmesser. »Eigentlich war die Idee gar nicht schlecht.« Sie stieß die Klinge in einen Schmauchfleck, den Carons Schuss hinterlassen hatte, und traf einen schmalen Schlitz. Elektrische Funken knisterten über ihr Messer. Danach gaben die Motoren der Türservos seufzend auf. Jayd hebelte die Doppelflügel einen Spalt weit mit dem Messer auseinander, den Rest übernahm Navaja mit den Armen.
Bevor Caron reagieren konnte, warf Wishny seine Cam in den Raum. Das Gerät drehte sich wie verrückt in alle Richtungen, blinkte rot und gab ein sich ständig wiederholendes Rattern von sich.
Caron zuckte mit den Schultern. Er sah Malico an, dann stürmten sie, Schwerter voran, in den dunklen Raum. Jayds Scimitare Wishny und Prosper folgten ihnen auf dem Fuß.
Außer dem grauen Nebel befanden sich im Innern jede Menge Staub und ein paar kaputte Büromöbel. Die folgenden Räume verfügten über eine ähnlich interessante Ausstattung. Eine Veränderung gab es erst nach dem siebten Schott mit der Überschrift 19-0-D. Dort platzten die Scimitare mitten in das Abendessen einer fünfköpfigen Familie.
»Whowhohoo!«, rief der Vater aus. Betont vorsichtig stand er mit erhobenen Armen von seinem Stuhl auf. Seine beiden Söhne ließen ihr Besteck auf die Teller klirren und flüchteten zur Mutter, die ein Baby im Arm hielt. Der kleine Wurm fing sofort an zu weinen.
»Was ist das Problem, verehrte Sinistras?«, fragte der Vater.
Caron ließ sein Schwert sinken, Martill und die nachrückenden Gunner jedoch visierten den Mann nach wie vor an.
»Wo ist Veloso Flask?«
»Ich weiß ehrlich nicht, wen Sie meinen. Wir kümmern uns nicht viel um unsere Nachbarn.«
Nun fielen die beiden älteren Kinder in das Schluchzen des Babys mit ein und Caron war kurz davor, seinen Säbel ganz wegzustecken. So freundlich wie möglich versuchte er, den beiden blonden Jungs zuzulächeln.
Jayd blieb sachlich. »Hier ist niemand außer Veloso Flask gemeldet. Haben Sie eine Wohnlegitimation für dieses Habitat?«
»Araca 3? Statusmeldung!«, bellte Adamanto.
Jayd antwortete ins Mikro: »Moment noch. Wir klären hier gerade was, Capitan.« Dann redete sie wieder auf den Familienvater ein. »Wie viele Leute wohnen hier noch?«
Martill erklärte Adamanto leise und dienstbeflissen, was vor sich ging, während der Mann Anstalten machte, vom Tisch wegzugehen.
»Stehen geblieben!«, fuhr Jayd ihn an.
»Ich wollte nur die Legitimations ...«
Adamantos Stimme fuhr wieder dazwischen: »Sofort die Brillen runter, Araca 3! Was seht ihr?«
Caron schaute so gebannt in die leuchtend blauen Augen des Babys, dass er zusammenzuckte, als Jayd die Brille aus dem Helm zischen ließ.
»Im Habitat ist kein Nebel. Trotzdem tun die Vidfilter ihren Dienst noch immer nicht. Wir sehen nichts außer gelben Flecken.«
»Lasst die Brillen trotzdem unten! Araca 2, was seht ihr?«
Caron stöhnte auf. »Das kann nicht sein!« Er zog die blinde Jayd hinter sich, denn die Augen des Babys wurden plötzlich tintenschwarz. Es drehte den Kopf auf den Rücken und sprang aus den Armen der Mutter direkt auf Martills Gewehr.
Martill schrie: »Was zur Hölle ... Nehmt das Ding von meinem Arm!«
Doch Carons Trupp hatte mehr als genug damit zu tun, sich der schwarzäugigen, gelenkverrenkenden Monster zu erwehren, in die sich die Familie auf einmal verwandelt hatte.
Caron selber bekam es mit den beiden Jungen zu tun. Er hielt sie mit dem Säbel auf Abstand, was gar nicht so leicht war. Einer von ihnen hatte sich auf alle viere begeben und krabbelte auf ihn zu. Der andere hieb mit krallenbewehrten Fingern nach Carons Unterleib. Dabei fauchten ihn die Zwei böse an.
Um Vater und Mutter davon abzuhalten, mit den neu gewachsenen Tentakelarmen nach ihnen zu schlagen, pumpten Felis und Navaja Laserenergie in die zwei Erwachsenen. Ihre Bemühungen zeigten leider keinerlei Wirkung. Mit bestialischem Gebrüll kam das Paar weiter auf sie zu.
Mittlerweile verfügte das Baby über mehr hornige Beine als ein Tausendfüßler und versuchte, unter Martills Oberarmpanzer zu kommen. Der schrie und schrie. Schließlich packte er sein Messer und stach auf die Kreatur ein, doch sie arbeitete sich unnachgiebig unter seine Rüstung.
Malico wollte Caron mit einem Tritt nach dem krabbelnden Jungen Luft verschaffen. Erstaunlicherweise fuhr sein Fuß einfach durch die Kreatur hindurch.
»Halt!«, rief Caron. »Stellt das Feuer ein! Das ist nicht echt! Ein Illusionszauber!« Im gleichen Moment zuckten die Tentakel des Mannes durch Felis’ Brustkorb, ohne sie zu verletzen oder umzureißen.
Martill brüllte immer noch. »Dieses Vieh ist echt, es zerbeißt meinen Arm!«
Während sich der Rest der Familie samt ihrer heimeligen Wohnstatt einfach auflöste und einem dunklen, chaotischen Appartement Platz machte, verwandelte sich die Mutter ein weiteres Mal. Im nächsten Augenblick war sie ein kuttenumhüllter Zirkelmeister. Navaja wollte ihn packen, doch er war zu langsam. Der Okkulte rempelte Martill um, stieß Jayds blinde Truppe telekinetisch zur Seite und war zur Tür hinaus, bevor Caron sich richtig umgedreht hatte.
Jayds Visierbrille schoss in den Helm. »Schnappt ihn euch! Wir kümmern uns um Martill!« Ohne eine weitere Aufforderung warfen sich Wishny und Shrouk auf den zuckenden und schreienden Martill, um ihn von der Bestie des getarnten Magiers zu befreien.
Der Rest von Araca 2 war innerhalb eines Lidschlages aus dem Habitat raus. Caron bekam gerade noch mit, wie Jayd Capitan Adamanto aufklärte, dann erregten scheppernde Schritte von der anderen Seite des Ganges seine volle Aufmerksamkeit.
Unverzüglich hetzten er und Malico dem Geräusch hinterher.
»Caron!«, brüllte Felis. »Sei nicht blöde! Nicht schon wieder! Wir können in diesem Nebel kaum was sehen und bei allem, was wir sehen, dürfen wir unseren Augen nicht trauen. Ohne funktionstüchtige Brillen wird das nichts. Wir sollten uns lieber um Martill kümmern.«
»Der wird doch von Jayds Männern bestens versorgt. Ich kümmere mich um die Brillen. Vertrau mir!« Caron lief weiter.
Felis schnaubte. Zweifelnd sah sie Navaja an. Der trottete brummend hinter Caron her. Rasch waren sie an der nun ungekennzeichneten Türenreihe des Korridors vorbei. Am Gangende riss Caron die Abdeckung einer Notfallschalttafel runter. Die holografische Projektion flackerte, blieb aber nach einer Sekunde stabil. Er berührte das rote Feld mit den Lettern »FEUER – Stiller Alarm«.
»Deaktiviert auf keinen Fall eure Membranen!«, warnte er. Augenblicklich blitzten überall orangefarbene Warnleuchten auf und von der Decke setzte ein Regen aus rostigem Löschwasser ein.
»Ein Glück«, dachte er. »Kein Stickstoff.«
Das Desastereindämmsystem hatte trotz seines Alters eine hitzegesteuerte Löschautomatik. So würde das Areal bloß vorbeugend mit Wasser besprengt, solange kein wirkliches Feuer ausbrach. Aber den grauen Nebel würde es aus der Luft waschen.
Über den Zugkanal verlangte Caron eine Positionsmeldung von Araca 1, da das Scoutsystem nach wie vor kleine Aussetzer hatte.
»Hier Araca 1. Wir sind jetzt im Gebäude«, informierte ihn Truppführerin Celidria Brush.
Capitan Adamanto schaltete sich ein. »Haben Sie Flask, Salvador?«
»Negativ, Capitan! Aber wir verfolgen einen Okkulten, der sicher weiß, wo er steckt.«
»Und wo seid ihr im Moment?«
Caron sah nach oben. »Am Fuß einer weiteren Wendeltreppe im Ostteil des Gebäudes. Das Teil scheint in die Ewigkeit zu führen.« Allein beim Blick in die Höhe wurde ihm schwindelig. »Ich kann den Okkulten über den Gitterboden laufen hören. Wir schnappen ihn. Sind auf dem Weg nach oben.« Malico, Felis und Navaja rief er ein markiges »Hoch mit euch!« entgegen.
»Araca 1! Sucht einen Weg ins obere Stockwerk und versucht, den Okkulten abzufangen. Und Achtung: Ich will ihn nach der Arrestierung noch vernehmen können. Comprende?«
»Ja, Capitan!«
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»Araca 3! Wir brauchen ganz dringend Medicos hier. Ich glaube, diese Kreatur hat Martill vergiftet. Ich habe ihm die ganze Ladung Konditionspusher aus dem Notinjektor reingejagt. Trotzdem ist die Wunde schwarz wie die Nacht.« Jayds Tonfall war besorgt.
Adamanto gab zurück: »Schafft Martill da raus! Ein Transporter ist schon auf dem Weg.«
»Shrouk, Tiegro! Ihr habt den Capitan gehört! Raus mit ihm!«
»Halte durch!«, dachte Caron.
In seinem Helm erklang erst Martills Stöhnen, dann fragte ihn Jayd: »Araca 2? Wo seid ihr?«
»Wir haben den Hexer bis in die Verwaltungsebene verfolgen können. Diese kleinen Büros mit ihren Verbindungsgängen sind ein verdammtes Labyrinth. Sie könnten nicht mal für Licht sorgen, Capitan?«
»Negativ«, kam von Adamanto zurück. »Vor dem Feueralarm habt ihr jetzt Ruhe, aber außer dem Notsystem ist alles lahmgelegt. Verlassen Sie sich auf Ihre Brille, Salvador!«
Caron verkniff sich eine Antwort und fragte: »Jayd? Wie weit seid ihr? Wann kommt ihr zu uns hoch?«
»Gar nicht. Das hier scheint Flasks Habitat gewesen zu sein. Der Okkulte hat es durchsucht. Allerdings glaube ich nicht, dass er etwas gefunden hat, sonst wäre er sicher schon über alle Berge gewesen. Wir versuchen rauszufinden, worauf der Kerl es abgesehen hatte.«
»Eigentlich ist das jetzt irrelevant, Araca 3. Werfen Sie einen kurzen Blick über alles, dann folgen Sie Araca 2!«, befahl Capitan Adamanto. »Die anderen Trupps sind jetzt ebenfalls im Gebäude und durchkämmen die mittleren Stockwerke.«
»Wenn die den Flash finden, kannst du ihn ja fragen, was er so Wichtiges in seiner Bude aufbewahrt, Jayd«, merkte Caron an und schaute dann mit der Reflexionsfunktion der Brille um die Ecke, an der er gerade stand.
Die Bild-in-Bild-Ansicht zeigte ihm einen leeren engen Gang, in dem es von der Decke tröpfelte. Er winkte Malico, Felis und Navaja zu sich.
»Möchte wissen, wo der Knierutscher abgeblieben ist.« Dann seufzte er. »Was soll´s. Wir haben nicht die Ewigkeit.«
Auf sein Kommando sprangen Malico und er mit gezückten Säbeln vor, Felis und Navaja sicherten nach Codexstandard. In den Kegeln ihrer Helmscheinwerfer regte sich nichts. Die drei letzten Schotts lagen vor ihnen. Eins links, eins rechts und eins in der Mitte.
Caron meinte zu Navaja: »Wir nehmen das rechte!«
Navaja nickte und holte einen Magnetgriff aus dem Ausrüstungsfach am Gürtel. Während alle hinter ihm Aufstellung nahmen, setzte er den Griff auf die Oberfläche des Schotts, aktivierte ihn und ruckte es zur Seite.
Nun fielen die Lichtkegel von Araca 2 auf zwei Männer in Kurieruniformen. Links von ihnen befand sich ein Notausgang.
»Fisher? Molino?« Langsam betrat Caron das kleine Büro. Irgendwo hörte man die Sprenkleranlage noch nachtropfen. »Los, sagt was, ihr zwei! Geht´s euch gut?« Man hätte auch mit dem leeren Raum reden können. Caron hob die Pistole. Er war fast auf Armlänge heran, da sackten beide in sich zusammen.
»Sind sie tot?«, wollte Felis von hinten wissen.
»Weiß ich nicht. Sieh nach! Wer war das denn?«
Im Bullauge der Nottür machte Caron plötzlich ein Gesicht aus, das im nächsten Moment wieder verschwunden war. Während Felis sich über die beiden Regungslosen beugte, öffnete Caron den Notausgang mittels des Drehkreuzes auf der Tür. Es funktionierte bemerkenswert leicht. Selbst mit einer Hand.
»Sie atmen noch«, hörte man Felis sagen, dann hetzte Caron schon in einen weiteren langen Korridor. Die Vergrößerung der Brille fing einen Mann in Körperpanzer auf, den er aus der Einsatzbesprechung kannte.
»An alle Truppen! Ich verfolge Veloso Flask Richtung ...« Er orientierte sich an den Notausgangshinweisen. »... Norden!«
Adamanto befahl: »Araca 1! Bewegt eure Ärsche zwei Stockwerke aufwärts, dann läuft er euch genau in die Arme!«
»Verstanden, Capitan.«
Carons Trupp lief durch düstere Gänge, hetzte Treppen hinauf und hinunter. Zwischendurch seilten sie sich sogar durch einen kurzen Aufzugschacht ab, aber der Prämienhund ließ sich weder durch Befehle noch durch Drohungen zum Stehenbleiben bewegen. Die Jagd dauerte an, bis dem Verfolgten in einem sehr langen Korridorabschnitt die Helmlampen von Araca 1 entgegenschienen. Caron holte tief Luft. Sie hatten ihn gestellt.
»Jetzt haben wir ihn«, tönte die Brush.
Gerade als Caron, Malico, Felis und Navaja auf zehn Meter an Flask heran waren, entschlüpfte der wieder durch eine Tür in der linken Wand.
»Verdammt!«, fluchte Caron. »Hinterher!«
Diesmal stürzten die Kadetten von Araca 1 und 2 ohne große Vorsichtsmaßnahmen hinter dem Gejagten her.
Der stand regungslos in der Ecke eines niedrigen, aber recht ausgedehnten Raumes. Er wandte seinen Häschern den Rücken zu. Kleine Lampenkegel tanzten über seinen abgeschabten Torsopanzer und die weiße Wand dahinter.
»Veloso Flask? Ich stelle Sie hiermit unter Arrest ...«
Es knackte vernehmlich, als Flask den Kopf um hundertachtzig Grad drehte. Und obwohl sein Genick gebrochen sein musste, brachte er noch hervor: »Seht euch vor ... Wir sind seine wahren Kinder ...« Danach fiel er nach hinten, genau auf sein Gesicht.
»Araca 2? Statusmeldung!«
Wie sollte Caron Capitan Adamanto das erklären?
Im gleichen Augenblick dröhnte Gefechtslärm durch den Zugkanal.
»Verteufelte Inzucht!« Das war Jayd.
»Araca 3? ...« Der Rest von Adamantos Worten ging im Lärm unter. Caron ließ den toten Flask liegen und rannte mit seinem Trupp zurück. Sollte Brush sich um Flask kümmern.
Schüsse, Brüllen, Knistern, Rauschen, Schreie und dann wieder Schüsse, all das begleitete Caron auf seinem Lauf durch die Irrwege der alten Fertigungsanlage. Das Herz schlug ihm bis zum Hals und durch seinen Kopf pulsierte nur ein Name. Jayd! Jayd! Jayd! Irgendwann hörte er nur noch sein Atmen und Funkstatik.
»Araca 3 hier! Acht Okkulte wollten uns ans Leben. Wir haben sie alle am Boden.« Sie lebte noch.
Carons Knie wollten vor Erleichterung nachgeben.
»Irgendwelche Verluste, Araca 3?«, fragte Adamanto angespannt.
»Wishny hat leichte Verbrennungen. Sonst nichts. Von den Okkulten lebt nur noch einer. Tut mir leid, Capitan.«
»Sie haben bestimmt Ihr Bestes getan, Kessler.«
»Moment! Er will uns was sagen.«
»Geräuschisolierer einschalten!«
»Nicht nötig. Hört sich nicht nach einer Beschwörungsformel an.«
Für zwei Sekunden knisterte es in Carons Helm. Dann hörte man eine leise, raue Stimme: »Wir sind ... seine wahren ... Kinder ...«
Kapitel 9
Verärgert wischte der Dynast über das Holofeld in der Mitte seines Kontrollraums. Er pickte das Portrait seiner ersten Kommunikationsoffizierin heraus und stach mit dem Zeigefinger hindurch. Das Bild erwachte zum Leben.
»Oberste Führungsebene der Handhabungsindustrie, Kesslers Büro!«, wies er die Frau an. »Und lassen Sie sich nicht von irgendwelchen Handlangern hinhalten! Ich will Kessler persönlich sprechen. Sofort!«
Es brauchte keine Minute, da tauchte das Gesicht des Verlangten in einer Übertragungsgabel auf. Würdevoll strich Kessler sich durch den Bart. Er zeigte nicht das leiseste Anzeichen von Nervosität. Im Gegenteil.
»Dynast!«, rief er aus und wollte sich seine Laune offenbar nicht durch ein Begrüßungsritual verderben.
»Ich hatte Ihnen einen Auftrag erteilt, nicht die Erlaubnis, sich auf meine Kosten zu amüsieren.«
»Entsprechen meine Schöpfungen nicht Ihren Erwartungen, mein Herrscher? Ich kann versichern, dass wir qualitativ beste Materialien für die Herstellung ...«
»Strapazieren Sie die Wahrheit nicht zu sehr, Kessler!«, fuhr ihm der Dynast dazwischen. »Die Qualität der Konstruktion steht hier nicht zur Debatte. Für Ihre hochgelobte neue Art der Programmierung gilt das allerdings keinesfalls. Was Sie uns geliefert haben, sind dumme Metallklötze, deren Handlungsstrukturen über kognitive Basismuster kaum hinauskommen. Erklären Sie mir das!«
»Ich dachte, dass Ihre Ingenieure zunächst einmal die Verarbeitung überprüfen wollten. Und das ohne den störenden Nebeneffekt einer hoch kreativen Konditionierung, die allein auf das Überleben der Automatons ausgelegt ist.«
»Die Mitglieder meines technischen Stabes sind durchaus in der Lage, den Ausschalter an einem Roboter zu finden. Gibt es nun schon Exemplare mit der neuen Programmierung oder sind Ihre Ingenieure immer noch dabei, ihnen die Bugs aus den Neurosimulatoren zu scheuchen?«
»Selbstverständlich haben wir die gesamte Verhaltensbandbreite der Verteidigungsautomatons bereits durchgeprüft und als in jeder Hinsicht angemessen verifiziert. Es gibt bereits über hundert Einheiten, deren Steuerschaltkreise tadellos arbeiten. Sollen wir Ihren Testexemplaren ein entsprechendes Update übermitteln?«
Kessler hatte also via Direktlink weiterhin Kontrolle über die ausgelieferten Droiden, dachte der Dynast erschrocken. Das musste so schnell wie möglich unterbunden werden.
»Wo befinden sich die fertigprogrammierten Einheiten?«
»In den Testanlagen meines Industriekomplexes.«
»Sehr gut. So soll es bleiben. Innerhalb der nächsten Stunden schicke ich ein Team von Spezialisten in Ihre Fertigungsanlagen. Wissenschaftler und Sinistras! Bereiten Sie alles vor!«
Verbindungen ohne Verabschiedung zu unterbrechen, wurde für Trentagons Herrscher langsam zur Angewohnheit. Sofort rief er ein Personalregister auf, um Leute auszuwählen, denen er eine solch delikate Aufgabe übertragen konnte. Aus dem Kaleidoskop von Gesichtern leuchtete eins plötzlich in einem roten Signalrahmen auf. Sito! Der Dynast pflückte sein Piktogramm aus der Menge.
»Möge dir die Wahrheit gewogen sein, Vater!«
»Und möge dein Weg stets ein gerader bleiben. Was gibt es, mein Sohn?«
»Ich habe die Untersuchung aller Transaktionen des Sentinels jetzt abgeschlossen. Die letzten größeren Finanzbeträge sind eindeutig von unseren Konten geflossen. Sein Lager ist unbesetzt und versiegelt. Er und seine Männer hätten also eigentlich wie vereinbart an der Front eintreffen müssen. Allerdings scheinen alle Sentinel-Krieger, wie vom Erdboden verschluckt. Selbst die Satelliten-Aufzeichnungen haben uns nicht weiterhelfen können.«
»Wurden sie manipuliert?«
»Wahrscheinlich.«
Der Dynast schluckte. »Hast du herausfinden können, mit wem sie als Letztes Kontakt hatten?«
»Laut der Kommunikationsprotokolle war das der Oberste Militäradministrator.«
»Der Oberste Militäradministrator?«, wiederholte der Dynast grimmig. »Ich will wissen, worum es in diesem Gespräch ging.«
Sito nickte.
Natürlich würde der erste seiner Generäle stichhaltige Antworten parat haben, aber wenn jemand versteckte Absichten aus Worten herauslesen konnte, dann Sito.
—
Adamanto stand in einer Box der technischen Abteilung und musterte seine Soldaten. Etwas war anders am Capitan. Caron wusste nicht was, aber er fühlte sich unwohl deswegen. Veränderungen an Menschen, gerade die subtilen, kaum fassbaren, bedeuteten meist nichts Gutes.
»Ich muss euch leider mitteilen, dass Kadett Gente Martill seinen Kampf gegen das Gift des Scorpulon auf dem Weg in die Lazarettstation verloren hat. Er ist noch im Medictransporter gestorben.«
Adamanto setzte sein Schiffchen ab. Die Kadetten von Araca 2 und 3 folgten seinem Beispiel. Mit einem Mal ging etwas feierlich Ernstes von den beleuchteten Knöpfen der Werkzeugstationen aus. Caron starrte bedrückt auf seine Stiefelspitzen, bis Capitan Adamanto das Wort erneut ergriff. »Aber kein Tod eines Sinistras ist sinnlos. Die Bestiologen der Sinistra können dank Martill die Wirkung der neuen okkulten Substanzen auf den menschlichen Körper untersuchen und ein Gegenmittel synthetisieren.«
»Hoffentlich bleibt wenigstens so viel von Martills Körper übrig, dass es nach dem Verbrennen für eine ehrenvolle Verstreuung der Asche reicht«, dachte Caron. Es war seltsam. Er hatte Martill nicht besonders gemocht, aber dass er nun tot war, hinterließ ein eigenartig taubes Gefühl. Was Adamanto wohl dabei empfand? Während der Capitan vor der Mannschaft bittere Ruhe ausstrahlte, leuchtete die Narbe beim Wiederaufsetzen seines Schiffchens feuerrot.
»Beschissen genug, dass es einen Araca erwischt hat. Ehren wir sein Andenken, indem wir uns auf das Nötige konzentrieren. Das Gerät, das Cadetto Malico im Ventilationssystem der Fertigungsanlage aufgestöbert hat, sollte so schnell wie möglich analysiert und die Datenplatte, die Araca 3 aus Flasks Versteck sicherstellen konnte, geknackt werden. Wir müssen wissen, welche Information Azotes Geheimzirkel sucht. Außerdem sollten wir unbedingt diesen Blockadestaub neutralisieren. Ich will den Kutten beim nächsten Mal wieder mit voll funktionstüchtigen Helmen die Cojones langziehen können!«
»Ja, Capitan!«, machten die Kadetten ihrem Frust Luft. In Felis’ Augenwinkeln glitzerte es feucht.
»Und noch etwas!« Die Kadetten nahmen nochmal Haltung an. »Alles, was hier drin besprochen wird, bleibt zunächst unter uns. Den Tod von Kadett Martill gebe ich erst beim Morgenappell offiziell an die Ausbildungsjahrgänge weiter. Was eure Untersuchungsergebnisse anbelangt ... die landen ausnahmslos auf meinem Datenbewahrer. Kopien werden keine gemacht. Comprende?«
»Ja, Capitan!«, antworteten alle nochmal. Auch Caron. Obwohl das schlechte Gefühl seit dem Einsatz in Flasks Habitat noch nicht verschwunden war. Ganz im Gegenteil. Adamantos seltsame Anweisungen bereiteten ihm noch mehr Kopfschmerzen. Was sollte er tun, wenn ihn ein Offizier der Hochvertrauensunion deswegen befragte? Was würde sein Vater von alldem halten? Carons Sinn für Komplotte schlug Alarm.
»Hat jemand von euch ein Problem damit?«
Wieder einmal fühlte Caron sich von Adamanto ertappt und brüllte schnell mit dem Rest: »Nein, Capitan!«
»Dann an die Arbeit!«
Caron ging zu dem Metalltisch in der Mitte der Box. Dort lagen zwei Gegenstände: ein Kasten mit runden Öffnungen auf Vorder- und Rückseite und eine Datenplatte, deren Größe das übliche Maximalmaß bei weitem übertraf. Jeweils fünf Kadetten begaben sich zu dem Kasten und fünf zu der ungewöhnlichen Speicherplatte. Caron gesellte sich zu Jayd und Wishny an den Kasten. Navaja und Felis folgten ihm. Malico machte sich sofort über die Platte her.
Jayd hob den Kasten vom Tisch. Über seine Verkleidung zog sich ein Wust aus Röhren und Kolben. Langsam schwenkte sie den kompakten Quader hin und her. »Ganz schön schwer«, bemerkte sie. Ein Teil der Röhren und Kolben war durchsichtig. Flüssigkeit schwappte mal leicht, mal zähflüssig durch sie hindurch.
»Etwas Licht?«, fragte Adamanto und die Scheinwerferbatterie über dem Tisch flammte auf. Jetzt konnte man deutlich die unterschiedlichen Farben der Flüssigkeiten in den Kolben erkennen.
»Sie haben die Nebelsubstanz vor Ort destilliert«, vermutete Jayd. »Wahrscheinlich zerfällt das Zeug sehr schnell. Ich übernehme die alchemistische Analyse. Wer kümmert sich um die Demontage?«
Wishny meldete sich etwas schneller als Caron, woraufhin der meinte: »Dann untersuchen wir die Teile nach Herstellungsmerkmalen. Ich kenne mich ein bisschen mit den Zulieferern von Waffen- und Schanzteilen aus. Möchte wetten, dass wir innerhalb der nächsten drei Stunden herauskriegen, woher die Schweinebande ihre Teile bezieht.«
So begannen sie mit ihrer Ermittlung. Sobald Wishny mit den pneumatischen Werkzeugen seiner Arbeitsstation erfolgreich war, reichte er die demontierten Teile entweder an Caron oder an Jayd.
Jayd goss die verschiedenen Flüssigkeiten in die Analyseapparatur und unterzog sie jeder Prüfmethode, die in Trentagon für okkulte Elemente geläufig war. Die anderen Komponenten des Verneblers teilten Caron, Felis und Navaja unter sich auf. Sie wendeten die Teile sorgfältig unter Optoscannern und durchleuchteten sie mit Strukturdechiffrierern bis auf Molekularebene. Aber zunächst wollte das Gerät keins seiner Geheimnisse preisgeben.
Jedes Mal, wenn Caron und Jayd gleichzeitig nach einem Teil griffen, berührten sie sich und Carons Haut kribbelte bis zu den Haarwurzeln. Ein Gefühl, das er von Mal zu Mal mehr genoss.
Adamanto bewegte sich zwischen zwei Technikboxen hin und her. In der zweiten Box saßen Araca 1, 4 und 5 und untersuchten Probespuren. Aber um die kümmerte er sich immer nur kurz, die meiste Zeit widmete er Carons und Jayds Truppe und zeigte dabei besonderes Interesse am Vorankommen von Malicos Datenentschlüsselung.
Malico hatte die unförmige Datenplatte mittels zweier Kabel an eine kleine Recheneinheit gestöpselt. Mit dem Datenhandschuh jonglierte er durch ein holografisches Chaos unverständlicher Zeichengruppen. Tiegro neben ihm wandte sich für eine Sekunde von dem optischen Verwirrspiel ab und fragte den Capitan: »Mit Verlaub. Woher wissen wir, dass Azote für den Tod von Martill und Flask verantwortlich ist? Der Zirkelmeister ist doch sicher in seiner Zelle verwahrt und kann von da aus eigentlich gar nichts anstellen.«
Für eine Sekunde dachte Caron, dass Adamanto Tiegro zusammenstauchen würde, weil er Jayds Compañero so seltsam ansah, dann sagte er lediglich leise: »Kadett Malico?«
Malico nahm seine Augen nicht von den bunt leuchtenden
Buchstaben im Holoquader. In konzentriertem Tonfall antwortete er: »Flask und der letzte Überlebende haben sich als ›seine wahren Kinder‹ bezeichnet. Das ist eine Formulierung, die die ersten Anhänger von Azote benutzten. Jene, die damals mit ihm zusammen nach Trentagon gekommen waren. Angeblich entsprach die Bezeichnung sogar der Wahrheit. Azote betrachtete sie jedenfalls als seine leiblichen Söhne und Töchter. Und nur sie waren außer ihm selber in der Lage, echte Magie zu benutzen. Somit liegt die Vermutung nahe, dass es sich auch im vorliegenden Fall um Mitglieder eines Azote-Zirkels handelte. Flask natürlich ausgenommen. Der befand sich ja offenbar nur unter der Kontrolle der Okkulten.« Ein grünes Symbol entwischte Malico. Er leckte sich über die Lippen und durchwühlte den Holoquader erneut.
Adamanto atmete tief ein. »All dies ist eigentlich Geheimwissen der obersten Priorität. Solltet ihr jemals zugeben, dass ihr davon Kenntnis habt, lässt euch die Hochvertrauensunion erst wieder aus ihren Interrogationskammern, wenn ihr alte Männer und Frauen seid. Für den Fall, dass unsere kleine Geheimaktion hier auffliegt, bevor sie brauchbare Ergebnisse gebracht hat, geht das alles hier auf meine Kappe. Ihr braucht nur zu behaupten, dass ihr nichts gewusst habt. Das ist auch der Grund, aus dem alle Untersuchungsergebnisse ausschließlich auf meinem Bewahrer landen. Und jetzt zeigt mir, dass wir die Schwarzblutpisser wesentlich schneller am Wickel kriegen als diese aufgeblasenen Unionsagenten in ihren Uniformen aus dem Bügelautomaten.«
Trotz der scheinbar schlüssigen Erläuterung Adamantos gab Carons schlechte Ahnung immer noch keine Ruhe. Nicht nur, dass Vernebler und Platte so eilig aus der Fabrik geschafft worden waren. Der Capitan hatte sie auch im Einsatzprotokoll unerwähnt gelassen. Caron sah Adamanto keineswegs auf der Seite des Bösen, aber mit dem Unterschlagen von Beweismaterial und einer mehr oder weniger privat geführten Untersuchung desselben brachte er seine Kadetten in eine äußerst heikle Lage. Und wofür? Wirklich nur um die Vertrauensunion zu überflügeln? Für einige Minuten starrte Caron das Bauteil in seiner Hand an, ohne richtig hinzusehen.
Schließlich knuffte Felis ihn in die Seite. »Hör auf zu träumen, Prinzlein«, sagte sie ernst.
Caron lächelte gezwungen. Er war sich nicht sicher, ob er einen Grund in der Hand hielt, seinen Vater zu alarmieren. Oder wenigstens Coronel Duro.
So dehnten sich die Stunden in der Technikbox ins Unendliche.
—
Wider Erwarten führten die Untersuchungen bis zum Abend zu keinem verwertbaren Ergebnis. Die Kadetten um Malico hatten sich nach und nach bei Adamanto abgemeldet. Bis auf Tiegro war niemand in der Lage gewesen, Malico geistig noch zu folgen. Hatte er anfangs bei Teilerfolgen noch Aufmunterungen oder konstruktive Vorschläge von Jayds Compañeros erhalten, erntete er im weiteren Verlauf nur noch Schulterzucken. Irgendwann gab auch Tiegro auf und hinter Malico stand bloß noch der Capitan.
Bei Caron und Jayd lief es genauso zäh. Wishny war mittlerweile mit Demontieren fertig und gegangen. Der Rest hatte zwar eine Unmenge an Spuren verfolgt, aber die wollten einfach in keine bestimmte Richtung führen. Egal, ob es sich um Metallteile, Glaskolben, Glastuben oder elektronische Komponenten handelte, sie stammten von überall und nirgends: aus Trentagon, Wuanco und manchmal noch ferneren Teilen der Welt. Alle waren hier vereinigt worden, um dieses fiese Maschinchen zu ergeben, aber es war einfach nicht rauszukriegen, wo genau das passiert war.
Für Caron rückte die Identifikation der Bauteile von Minute zu Minute mehr in den Hintergrund. Alles, was ihn interessierte, war in Jayds Nähe zu sein. Und er nutzte jede kleine Gelegenheit, ihre Hand zu berühren, wenn sie ihm etwas anreichte, oder lauerte darauf, Jayd an den Schultern zur Seite zu schieben, sobald sie beide in dieselbe Richtung wollten. Jayd schien das zu genießen. Ihr Lächeln war wieder aufgetaucht und Caron bildete sich ein, er sei der Grund dafür.
In einer kurzen Pause standen Caron, Malico und Felis in einer Ecke der Technobox.
»Es hat Martill also tatsächlich erwischt.« Malico schien der Tod des Veteranen sehr mitzunehmen und Felis ging es ähnlich.
Caron versuchte, die Stimmung zu drehen. »Du hast den Capitan ja gehört. Alles, was uns bleibt, ist Vergeltung.«
Felis zischte: »Dich scheint das ja alles nicht weiter zu stören.«
»Wie bitte?«
»Na, so wie du um Jayd herumstreichst, lässt das nicht viel Trauer erkennen. Glaubt ihr etwa, das kriegt außer euch keiner mit?« Sie schaute zu Malico. Der sah weg und schwieg.
»Mir ist Martills Tod nicht egal. Und alles andere ... geht dich nichts an.« Kaum waren die Worte über seine Lippen, taten sie Caron auch schon leid.
Aber es war zu spät. Felis’ Augen glänzten, versprühten dabei jedoch Blitze. »Vergiss nicht, mein Lieber: Jayd ist ein Klon. Keiner weiß, wie stabil ihre Emotionen ticken«, flüsterte sie wütend. »Ich möchte nicht erleben, was passiert, wenn ihr aus heiterem Himmel einfällt, dass sie nichts mehr mit dir anfangen kann.«
»Das ist dann wohl meine Sache.«
»Aber nicht, wenn wir kurz danach im Einsatz sind und du wieder blind und taub durch die Gegend läufst, anstatt fürs Team zu arbeiten.«
Das hatte gesessen. Caron ballte eine Faust. Dann ließ er seine Wut aus dem Körper strömen, wie Meister Govan es ihn gelehrt hatte. Schließlich erwiderte er zähneknirschend: »Du hast recht. Ich werde mich in Zukunft zurückhalten.«
Scheinbar gab Felis sich damit zufrieden. Sie arbeiteten weiter, doch Jayd, Navaja und Adamanto war bestimmt nicht entgangen, was gerade abgelaufen war.
Nach einer Weile fing Malico an, murmelnd vor sich hinzuschimpfen. Felis nahm ihren Kopf aus dem Gesichtsbecken des Optoscanners und rieb sich über die Nasenwurzel.
»Schmerzender Kopf?«, fragte Navaja. Auch er sah jetzt von den Hexadezimalsymbolen des Strukturdechiffrierers auf. Felis nickte müde.
»Vielleicht sollten wir beide für heute Schluss machen? Ich werde den Capitan fragen.«
»Auf keinen Fall!« Bei einem Seitenblick auf Caron und Jayd fuhr Felis´ Unterkiefer energisch nach vorn.
Malico dagegen ließ genau in dem Moment genervt von seiner Arbeit ab. »Unmöglich! Ich komme kein Stück mehr weiter. Nicht ohne einen Matrix-Kryptografen. Und zwar mindestens einen Dellex-15.3-1.«
»Sie wissen von der Existenz der 15.3-Baureihe?« Adamanto zeigte sich verblüfft. »Langsam wundert mich bei Ihnen gar nichts mehr, Malico. Wofür brauchen Sie ein Gerät, das die Frequenzen von Phantomtorpedos abschirmt?«
»Das werde ich Ihnen zeigen, wenn ich einen habe. Sagen Sie jetzt nicht, dass Sie mir so etwas besorgen können, Capitan.«
Adamanto räusperte sich. »Wollen Sie die Block-, die Strom- oder die Hybridvariante?«
»Keine Ahnung. Das müsste ich zunächst an einer Zeichenstrangprobe austesten.«
»Dann kommen Sie mal mit, Cadetto Malico. Wenn Sie den Leuten von der Hochvertrauensunion plausibel erklären können, wofür Sie den Dellex brauchen, ohne unser kleines Geheimprojekt zu erwähnen, verschaffe ich Ihnen die Gelegenheit.«
»Kein Problem«, erwiderte Malico und stellte dabei genau jene Miene zur Schau, die der Capitan sonst so hasste.
Adamanto wandte sich zum Gehen und nahm Malico mit. Caron sah die Chance, mit Jayd ein paar Minuten allein zu verbringen.
»Felis? Kannst du mir vielleicht einen Weltregisterabgleich aus dem Archiv besorgen? Ich brauche die Erfassungen von vor hundert Jahren bis zu denen vor fünfzig Jahren. So wie es aussieht, sind einige der Teile tatsächlich schon so alt, aber die Register aus der Zeit stehen nicht mehr zum Runterladen bereit.«
»Machen wir!«, sagte Navaja, noch bevor die Gefragte zu einer Erwiderung angesetzt hatte. Dann drückte er die verdutzte Felis vor sich her und folgte Adamanto zum Ausgang.
»Bis gleich«, zischte Felis beim Hinausgehen.
Jayd hatte schon eine Zeit lang nichts mehr gesagt. Sie fixierte die Analyseapparatur. Im Rührkolben wollten zwei unterschiedlich gefärbte Flüssigkeiten einfach nicht zueinanderfinden.
»Es ist schwierig, Substanzen zu bearbeiten, wenn man die auslösende Beschwörungsformel nicht kennt, nicht wahr?« Caron stellte sich an Jayds Seite. »Bevor man zwei unbekannte Stoffe zusammenbringt, sollte man ihre Wirkung erst in kleinen Dosen testen, ...«
»... damit man das Resultat einer kompletten Vereinigung abschätzen kann«, vervollständigte Jayd Carons Zitat aus dem Codex. Beim Sprechen waren sie sich immer näher gekommen. »Aber wie hilft uns das in dieser Situation?«
Caron sah ihr direkt in die Augen. Was würde sie machen, wenn er einfach wieder seinen Arm um sie legte? Ihr Ausdruck erschien plötzlich wieder unnahbar. Seine Hand zuckte zurück.
»Nehmen wir zum Beispiel Adamanto und uns. Seine kleine Geheimtruppe. Geht das zusammen mit dem Canon Sinistra, was denkst du Jayd? Er scheint uns ja einiges an Vertrauen entgegenzubringen. Aber können wir ihm ebenfalls trauen? Handelt er zum Wohl der Truppe?«
»Der Mann, der Azote zur Strecke gebracht hat? Ich glaube schon.«
»Aber warum dieses Versteckspiel? Warum holt er sich keine Unterstützung von Duro oder gleich beim Hyperiongeneral?«
»Hat Malico tatsächlich so weit dichtgehalten, dass er dir nicht erzählt, auf welche Schlussfolgerung uns das Opfer an der Bunkermauer gebracht hat?« Jayd war erstaunt.
»Ich sehe, worauf du hinauswillst. Ich an Adamantos Stelle würde den Kreis der Eingeweihten auch übersichtlich halten, wenn ich einen Verräter in den eigenen Reihen vermutete. Aber warum gerade wir? Kadetten? Adamanto hat doch bestimmt genug Freunde in der Sinistra mit weit mehr Einfluss als ein paar Frischlinge.«
»Es ist doch sehr viel wahrscheinlicher, dass der oder die Maulwürfe in einer Schlüsselposition sitzen. Also könnte jemand von den Alteingesessenen viel eher ein Verräter sein als einer von uns.« Nachdenklich blickte Jayd ins Analysegerät.
»So betrachtet, ergibt das einen Sinn. Wie weit traust du deinen Männern?«
»Fast so sehr, wie wir beide uns gegenseitig trauen, Compañero.«
»So, so. Also ich würde dir mein Leben anvertrauen, das wissen wir bereits. Aber wie weit geht dein Vertrauen?« Caron rückte wieder ein Stück an Jayd heran.
»Mehr als jedem anderen hier.« Sie wich ihm nicht aus und verschwendete auch keine Aufmerksamkeit mehr an die sich drehenden Kolben im Analysegerät.
Carons Puls raste schlimmer als bei der Verfolgungsjagd von Flask. Behutsam legte er eine Hand auf ihren Oberarm. »Mehr als einem Compañero?«
»Den letzten Mann, der mich so berührt hat, habe ich getötet.« Caron erschrak. Jayds Mundwinkel zuckten. »Aber du lebst noch.« Das folgende Lächeln war wohl das schönste, das Caron je an Jayd gesehen hatte. Als sich seine Lippen den ihren näherten, legte sie den Kopf auf die Seite und ...
Das Eingangsschott zischte auf.
»Capitan Adamanto hat gesagt, wir sollen für heute Schluss machen. Oben haben schon alle dienstfrei ...« Felis! Ihre Augen wurden erst groß, verwandelten sich dann in Schlitze und schließlich machte sie auf dem Absatz kehrt.
Caron hatte sich reflexartig von Jayd weggedreht. Wieso fühlte er sich mit einem Mal gezwungen, hinter Felis herzurennen? Er schimpfte sich selber einen Idioten. Beim Rauseilen warf er Jayd einen entschuldigenden Blick zu. »Wartest du auf den Capitan und bringst mir dann bitte meinen Datenbewahrer? Wir reden später noch, ja?«
»Klar«, antwortete sie freundlich, aber ihr Lächeln hatte das Strahlen verloren.
—
Felis musste vom Techno-Level bis zum Truppraum gerannt sein, sonst hätte Caron sie eingeholt. Jetzt stand er unschlüssig vor Raum 3-2. Was wollte er ihr überhaupt sagen? Eine Entschuldigung stand nicht zur Debatte. Wofür auch? Als er zu Felis gesagt hatte, dass er sich in Zukunft zurücknehmen werde, hatte er sich auf sein Verhalten im Einsatz bezogen, nicht auf den Kontakt zu Jayd. Warum ärgerte ihn sein schlechtes Gewissen überhaupt? Verdammt! Dafür gab es keinen vernünftigen Grund.
Schließlich drückte er auf seine Schulterspange und betrat den Truppraum.
Felis lag schon im Bett und hatte sich mit dem Gesicht zur Wand gedreht! Caron konnte es wegen der Decke nicht wirklich sehen, aber er ging stark davon aus, dass sie sich weder gewaschen noch umgezogen hatte. Während Navaja aus dem Waschraum trat, wollte Malico sich gerade schlafen legen. Für ihre fragenden Mienen hatte Caron bloß ein Schulterzucken.
Um die leidige Geschichte für heute zu Ende zu bringen, griff er sich seine Hygieneutensilien und eine frische Schlafkombi aus dem Spind.
Aber was war das? Zwischen Oberteil und Hose ertastete er einen festen Gegenstand, dessen Abmessungen ihm bekannt vorkamen. Ohne sich etwas anmerken zu lassen, verzog er sich in den Hygienebereich. Hier suchte er eine Defäkaliereinheit auf und schloss die Tür ab.
Nachdem Caron den Gegenstand mit zittrigen Fingern aus der Schlafkombi gewickelt hatte, ruhte ein silbernes Quadrat in seiner Hand. Die Nachricht in dieser Hülle hatte der Absender weder Funkfrequenzen, noch Speichern, noch Kabeln überantworten wollen. Eine Kommunikationsform, die ausschließlich von Hochadministratoren oder der Hochvertrauensunion gewählt wurde. Sein Mund wurde trocken. Dennoch strich er mit einem Finger über die Innenseite seiner Wange und schmierte den spärlichen Ertrag über die DNS-ID-Spur auf der oberen Kante der Scheibe.
Das Quadrat klappte auf. Aus seinem Inneren sprang ihm ein weißer Zettel entgegen. Während Caron das kleine Blatt entfaltete, begannen seine Ränder sofort dunkel anzulaufen. Zum Lesen blieb nicht viel Zeit.
Caron, mein Sohn. Möge dir die Wahrheit stets gewogen sein.
Ihn überkam Erleichterung. Die Nachricht stammte von seinem Vater.
Ich habe deinen krisenreichen Start in der Sinistra mit Besorgnis verfolgt. Der Weg zu einem waschechten Scimitar und zum Commodore wird noch ein steiniger sein. Auch dein Capitan räumte in seinen Berichten Schwierigkeiten ein. Mittlerweile erkennt er zum Glück leichte Tendenzen zum Positiven. Du erhältst nun deine letzte Chance, dich als mein Nachfolger zu bewähren.
Die Zeiten sind unsicher und der Personenkreis, dem ich noch voll vertrauen kann, wird enger. Du, mein Sohn, stehst allen voran. Deswegen ergeht an dich die folgende Mission: Ich habe eine brandneue Generation Automatons in Auftrag gegeben. In Zukunft sollen sie der Sinistra zur Seite stehen. Diese Automatons müssen vorher auf ihre Kampftauglichkeit überprüft werden. Ich habe den Brigadegeneral, Coronel Duro und Capitan Adamanto angewiesen, dafür ein Team aus Kadetten und vertrauenswürdigen Sinistras zusammenzustellen. Dich als meinen Günstling habe ich ihnen besonders empfohlen.
Zur genauen Untersuchung der Droiden werdet ihr in die Fertigungsanlagen von Bellow Kessler, dem Vorstand der Handhabungsautomatenindustrie, geschickt. Mittlerweile weiß ich nicht mehr, wie weit ich Kessler noch trauen kann. Sito ist bereits auf ihn angesetzt. Wie ich hörte, kämpft Kesslers Tochter in deinem Zug. Weil man sich seine Feinde noch näher halten sollte als seine Freunde, wird sie ebenfalls Mitglied eures Teams sein. Hab ein waches Auge auf sie. Beim geringsten Anzeichen von Verrat musst du Adamanto informieren oder sie selbst beseitigen.
Deine Kameraden lässt du über all dies selbstverständlich im Dunkeln.
Ich weiß, ich verlange viel von dir, Caron. In der Hoffnung, dass du allen Herausforderungen gewachsen bist: Möge dein Weg ein gerader bleiben.
Dein Herrscher und Vater.
Ergänzung 01: Morgen wartet eine freudige Überraschung auf dich.
Unter Carons Fingern löste sich das Papier in schwarze Asche auf.
Er steckte die silberne Hülle weg, öffnete die Tür der Defäkaliereinheit und wusch sich mechanisch. Adamanto wusste, dass Caron in der Gunst des Dynasten stand, hatte ihn aber dennoch in seine halblegale Untersuchung einbezogen. Damit war klar, was immer der Capitan auch bezweckte, geschah zum Wohle Trentagons. Diese Sorge war Caron schon einmal los, aber ...
Beim geringsten Anzeichen von Verrat musst du Adamanto informieren oder sie selbst beseitigen.
Das durfte alles nicht wahr sein. Jayd hatte ihm zwei Mal das Leben gerettet. Sie konnte nie und nimmer eine Verräterin sein, egal, was ihr Vater plante oder nicht.
Verstört kehrte Caron in den Truppraum zurück und legte sich hin. Zu allem Überfluss war heute der Simulationsmodus
»Felsiges Gelände« in die Matratze einprogrammiert worden. In dieser Nacht würde er keinen Schlaf mehr finden, da konnte auch die Aussicht auf eine »freudige Überraschung« nichts ändern.
Kapitel 10
Das sich öffnende Schott überraschte Furybund Adamanto, als er vor seinem Spind stand. Das konnte nur ein Vorgesetzter sein. Halb bekleidet nahm der Capitan Haltung an und drehte sich zum Eingang. Dort stand Coronel Duro in voller Uniform und zeigte ein beinahe böswilliges Lächeln. Seinen mechanischen Adjutanten, der ihm sonst auf Schritt und Tritt folgte, hatte er diesmal nicht dabei.
»Stehen Sie bequem!«, wies er Adamanto an und betrat dessen Privatquartier.
Der Capitan zog ein Hemd aus seinem Spind.
»Was verschafft mir die Ehre Ihrer Aufmerksamkeit vor dem Morgenappell?«
»Kein Grund, zynisch zu werden, Capitan. Einerseits wollte ich mich davon überzeugen, ob der berühmte Capitan Adamanto tatsächlich so spartanisch wohnt, wie man sich erzählt.« Adamanto schnaubte leise. Duro »besuchte« ihn nun bereits zum dritten Mal. »Andererseits dachte ich, es würde Sie interessieren, dass der Verräter geschnappt ist, dem wir die unbemerkten Opferrituale an der Westmauer verdanken.«
Adamantos Neugier entbrannte tatsächlich sofort, dennoch setzte er erst in aller Ruhe seinen Plattenstiefel auf den Hoverstuhl des Organisationstisches und klinkte die Verschlusshaken ein. Danach fragte er: »Und? Wessen Hinrichtung darf ich demnächst beiwohnen?«
Duros Lächeln war noch nicht verschwunden. »Niemandes. Bei dem Verräter handelte es sich um einen kleinen Capitan, dessen Eltern überführte Azote-Anhänger waren. Offenbar hat er mitbekommen, dass die Hochvertrauensunion ihm auf den Fersen war, denn seine Compañeros fanden ihn gestern Abend tot in einer Defäkaliereinheit. Es gilt zwar noch die eine oder andere Lücke in der Beweiskette zu schließen, aber alle Spuren weisen in seine Richtung.«
»Wie praktisch. Und so einen hat man in die Sinistra gelassen?«
»Die Rekrutierungsadministrative war wohl davon ausgegangen, dass es hier jemanden nach Wiedergutmachung verlangte. Bei dem neuen Liebling Ihrer Truppe, diesem Venlok, war das doch genauso. Haben Sie ein gutes Auge auf den Kerl, Adamanto!«
Der Capitan zog sich die Uniformjacke glatt.
»Kadett Venlok ist noch für Wochen außer Gefecht. Und wenn ich den Grund dafür bedenke, ist er bestimmt niemand, der nicht loyal zur Truppe stünde.«
»Ganz im Gegenteil, mein ... guter ... Capitan«, zog Duro die letzten Worte in die Länge. »Roscoe Venlok sitzt in dieser Minute in einem Transfershuttle vom Centro Medical zum Centro Sinistra.«
»Aha. Eine rasche Genesung.«
»Auffällig, nicht wahr? Sie haben die Geheimdepesche des Dynasten ja gelesen. Wir müssen wachsam sein. Steht das Team für den Spezialauftrag?«
»Ja, Coronel. Ich wollte Ihnen die Übersicht gleich übermitteln.«
»Gut. Ich sehe Salvador als gesetzt an.«
»Wer informiert die Mannschaft über den Tod von Kadett Martill?«
»Das überlasse ich Ihnen.« Jetzt lächelte sein Mund nicht mehr. »Eins noch: Indizienanalyse ist ein wichtiges Fach, hat aber in der aktuellen Situation nur eine geringe Priorität. Ich weiß nicht, warum Sie den Kurs vorgezogen haben, aber halten Sie die Unterrichtseinheiten in der Technobox so knapp wie möglich. Es gibt Wichtigeres.« Duro drehte sich um. »Sie sollten ein paar von Ihren Ehrdekorationen aufhängen, um sich vor Augen zu halten, wofür Sie kämpfen, Adamanto. Wir sehen uns nach dem Morgenappell.«
Das Eingangsschott schloss sich im Rücken des Coronels.
Adamanto setzte sich auf seinen Hoverstuhl. Auch wenn er jetzt eigentlich Dringenderes zu erledigen hatte, brauchte er ein paar Minuten, um sich abzuregen.
Ihn auf eine Stufe mit diesen blasierten Commandantes zu stellen, die nur auf die nächste Promotionsplakette aus waren! Adamanto wusste nicht, welchen Duro er mehr hasste: den aggressiven, als der er sich in letzter Zeit ständig zeigte, oder den profilneurotischen Schlappschwanz von früher. Fast sehnte er sich Letzteren zurück.
Ein unwichtiger Capitan sollte also der Verantwortliche für die Überwachungsaffäre an der Westmauer gewesen sein? Da hatte die Hochvertrauensunion ja ganze Arbeit geleistet. Adamanto glaubte Duro kein Wort.
Alles in allem musste er sehr vorsichtig sein. Wenn der Coronel herausfand, was Araca 2 und 3 in der Technobox wirklich untersuchten, wären sie alle dran.
—
Mit Rückenschmerzen stand Caron bei seinen Kameraden im Spalier vor den Truppräumen. Am liebsten hätte er sich in ein stilles Eckchen verzogen. Die Grübeleien und seine harte Matratze hatten die Nacht zu einer Hölle aus Herumwälzen und schlechten Träumen werden lassen. Und selbst das Aufwachen war keine Erlösung gewesen.
Zwischen ihm und Felis herrschte Funkstille. Als Jayd heute Morgen Carons Datenbewahrer reingereicht hatte, war Felis zum Glück gerade im Hygienebereich gewesen. Jayd hatte zwar wie immer gelächelt, aber Caron hatte kaum einen Ton rausgebracht. Wie konnte man sich in jemanden verlieben, sich aber gleichzeitig so elend in seiner Nähe fühlen?
»Atención!«, brüllte Celidria Brush Caron zurück in die Gegenwart.
Capitan Adamanto trat vor die Aracas. »Viva ...«
»Verdad!«, antwortete der Zug aus einer Kehle.
»Rühren. Kadett Galler?«
Galler trat einen Schritt vor. »Ja, Capitan!«
»Irgendwelche besonderen Vorkommnisse während der Nachtwache?«
»Nein, Capitan!«
»Gut. Nach dem Appell haben Sie vier Stunden Ruhephase. Um 11:00 melden Sie sich bei Capitan Draft in Technobox 4419.«
»Auf Ihre Order, Capitan!«
Adamanto hatte Galler sein Versagen bei Flasks Ergreifung noch nicht verziehen und ließ ihn deswegen durchgängig Nachtwache schieben. Ein Ende würde das wohl erst finden, wenn sich die Compañeros des Capitans endlich ihre spöttischen Bemerkungen sparten. Caron hoffte inständig, dass sich Draft, Nocta und Gorkan bald einkriegten. Ein unausgeschlafener Galler war noch schlechter auszuhalten, wenn man selber mit den Nerven runter war.
Als Nächstes setzte Adamanto die Aracas von Martills Tod in Kenntnis. Bei denen, die es noch nicht wussten, wurde Zorn laut. Felis sog neben Caron scharf die Luft ein.
»Sobald geklärt ist, wann wir Sinistra Martill diesem Land zurückgeben können, erwarte ich jeden Araca an Bord seines letzten Fluges«, endete Capitan Adamanto. »Und nun ... Auf mein Wort!«
Die Stiefel der Kadetten klatschten auf den Bodenbelag.
»Dreht links! Und Schritt!«
Die Aracas wendeten sich in die befohlene Richtung und folgten ihrem Capitan im Gleichschritt den Gang runter.
An seinem Ende brüllte Adamanto: »Aracas, halt!« Und er blieb vor einem großen, doppelflügeligen Schott stehen. Es verschloss den Comedor, die Kadettenmesse. Soweit man die Befugnis hatte, konnte man hier abends einen großen Teil seines Solds für Vergnügungen loswerden.
»Bis heute war der Comedor für euch verbotenes Terrain. Aus gegebenem Anlass und weil ihr lange genug dabei seid, gebe ich die Kadettenmesse für die Schulterspangen der Aracas ab jetzt frei.« Er hob den Zeigefinger. »Ihr dürft euch alles in Ruhe angucken. Cerveza gibt es aber erst nach Dienstschluss!«
Mit einem Daumen ließ er seine linke Schulterspange vom Brustpanzer schnappen. »Cadetto Salvador! Vortreten!«
Caron wurde abermals aus seinem Gedankenkreisel um Jayd gerissen. Er tat einen Schritt aus der Reihe. Sich vor ihm aufstellend, nahm der Capitan Carons Schulterspange ab und steckte sie mit seiner am Übertragungsport zusammen.
»Sollten Sie Ihre Compañeros jetzt noch ausreichend über den Umgang mit Rauschmitteln belehren können, gebührt die Ehre als neuer Truppführer von Araca 2 Ihnen.«
Hatte Caron sich verhört? Adamanto bestimmte ihn zum neuen Truppführer? Auch wenn es im Moment nur ein schwacher Trost sein konnte, so war es manchmal wohl doch von Vorteil, ein Dynastensohn zu sein.
Rasch rezitierte er aus dem Canon Sinistra: »Während eines Alarm- oder Bereitschaftsstatus’ sind Rauschmittel verboten. Im Normalstatus darf kein Soldat über die Menge des ihm zugewiesenen Rationsbestands hinaus konsumieren. Ungenutzte Zuweisungen verfallen und dürfen unter keinen Umständen an Kameraden abgegeben werden. Im Falle eines Ad-hoc-Alarms unter Rauschmitteleinfluss ist vor dem Einrüsten ein Unterarm ins Injektionsfach neben dem Bett einzuführen.«
»Sehr richtig. Um es euch noch einfacher zu machen, sind zehn dieser Fächer auch in die Wände des Comedors eingelassen. Aber ich rate jedem, der weiß, dass er nichts verträgt, davon ab, es zu übertreiben. Die Entgiftungsprozedur ist biochemisch etwas grob. Und glaubt mir: Einen vollgekotzten Lander will niemand.« Der Capitan nickte Caron zu.
Der legte die Schulterspange wieder an und betätigte sie.
Als sich die beiden Türen zum Comedor in die Wände schoben, erkannte man Schaukästen mit Genussmitteln in allen Facetten, eine Theke, die auf Knopfdruck fast jedes Destillat und Gebräu der Welt auf ihre Oberfläche schieben konnte, und eine der Zugstärke entsprechende Anzahl an Tischen mit Glücksspielsimulatoren. Überall standen abgeschabte Sessel herum.
Aber noch viel beeindruckender als all dies war, dass sich auf einem der Sessel, breit grinsend, Venlok lümmelte.
»Na, habt ihr mich vermisst?«
—
Das war also die Überraschung, die der Dynast gemeint hatte. Caron stürmte auf seinen zweimaligen Lebensretter zu. »Wer hat dich denn so schnell wieder zusammengeflickt?«
»Muss wohl einen Fürsprecher gehabt haben.« Venlok erhob sich aus dem Sessel und zuckte unter Carons Freundschaftsbekundungen zusammen. »Sachte, sachte. Ich bin noch nicht lange wieder an einem Stück. Nicht, dass was abfällt.«
Ungeachtet der Worte schloss Caron ihn in die Arme und begriff auf einmal, wie sehr Venlok ihm gefehlt hatte. »Mann, tut das gut dich wiederzusehen ...«, ihre Hände griffen ineinander, »... Freund.«
»Und dir gratuliere ich zur Beförderung frischgebackener Truppführer.«
Während er von Felis, Malico, Navaja und praktisch allen übrigen Aracas umringt und überschwänglich begrüßt wurde, wurde Venloks Grinsen noch breiter.
Capitan Adamanto ergriff wieder das Wort, nachdem der Sturm der Begeisterung sich etwas beruhigt hatte. »Wenn unser neuer Held nun genug in der Menge gebadet hat, setze ich die Einführung in den Umgang mit dem Comedor fort. Der Kurs in der Technobox beginnt um 9:00. Ihr habt also gleich noch genug Zeit, ihn mit Fragen zu bombardieren.«
Die Aracas sammelten sich in Trupps und hörten dem Capitan zu. Wenn auch etwas mehr Unruhe im Zug herrschte, als man es angehenden Sinistras sonst zugestand, zog Adamanto seine Erklärungen ungerührt durch. Danach verabschiedete er sich mit den Worten: »Die Truppführer sind dafür verantwortlich, dass alle pünktlich im Technologielevel erscheinen. Aracas entlassen.« Dann trat er ab.
Der Sturm auf Venlok setzte direkt wieder ein. Bevor er schließlich die Gelegenheit bekam, sich in Ruhe wieder hinzusetzen, kassierte er mehr Schulterklopfer und Klapse als bei einer Prügelei.
»Hat Adamanto das ernst gemeint? Das mit dem Helden?«
Felis strahlte ihn an. »Natürlich. Seit du unserem Scimitar zweimal das Ärschlein gerettet hast, bist du in aller Munde.« Caron fing sich einen giftigen Seitenblick ein. »...Und auch wenn die Aktion gegen den Befehl des Capitans ging, hast du dir damit seine Hochachtung verdient.«
Venlok sah Caron erstaunt an.
»So sieht es aus«, bestätigte der. »Und ich weiß gar nicht, wie ich dir für das alles danken soll.«
»Wir hingen da zusammen drin, Compañero. Du hättest für mich das Gleiche getan. Schade, dass Martill nicht mit uns feiern kann. Er hätte sich bestimmt geärgert.«
»Ja, verflucht schade«, gab Navaja ihm recht.
Der Erste, der das Schweigen wieder brach, war Venlok selber. »Wir werden heute Abend einen auf ihn heben. Habt ihr diesem Schleimbeutel Azote eigentlich schon den Stein abluchsen können?«
»Nachdem er den Adamanto-Lieblingen von Araca 1 schmerzhafte Nässwarzen unter die Fußsohlen gehext hatte, sind sie und die übrigen Truppen ganz schnell wieder von Carons Idee, ihm einfach die Scheiße aus dem Leib zu prügeln, abgekommen«, informierte Malico verdrossen. »Außerdem haben wir im Augenblick Wichtigeres zu tun.«
»Was könnte schon wichtiger sein, als Azote eins unter die Kapuze zu wuchten?«
»Adamanto setzt Araca 2 und 3 jetzt für einen Spezialauftrag ein.« Carons Tonfall war ein Flüstern. Venlok verzog fragend das Gesicht und Caron blickte sich vielsagend um. »Unten in der Technobox werden wir dir alles erklären.«
»Okay. Darauf kann ich warten. Aber ich komme auf keinen Fall damit klar, dass ihr bei dem alten Rumpelstilzchen einfach so schlapp gemacht habt.« Er stand auf. »Hört mal alle her! Malico hat mir gerade erzählt, dass ihr Carons Plan recht schnell ad acta gelegt habt.« Sämtliche Gesichter im Raum wandten sich ihm zu. »Ich fand den Plan gut. Finde ich immer noch. Und es war doch klar, dass Narbenfresse nicht begeistert davon sein würde. Wollt ihr Sinistras werden oder was? Wir riskieren jeden Tag draußen auf der Jagd nach den Kutten unser Leben. Und vor allem dann, wenn wir solche Männer wie Azote erwischen. Jetzt denken einige bestimmt: ›Ja, aber draußen geht es um Menschenleben und hier drin nur um einen dämlichen Stein.‹ Ich denke, hier geht es nicht nur um einen dämlichen Stein. Hier geht es ums Prinzip. Martill hätte das bestimmt genauso gesehen.« Jetzt wurden viele Blicke hart. »Und aus dem Grund werde ich nicht einmal zurückzucken, wenn Azote mehr macht, als mit dem Finger durch die Luft zu wedeln. Seht ihr das nicht auch so?«
Die Antwort begann zunächst als ein Murmeln. Dann sahen sich einige Aracas an und nickten. Das Murmeln wurde lauter. Und als die erste Faust in die Luft gestreckt wurde, setzten die Ovationen für Venlok ein drittes Mal ein.
Caron musste an sein letztes Gespräch mit Azote denken und daran, was der Zirkelmeister in Bezug auf Venloks Vater angedeutet hatte.
»Meine Güte, der alte Hexer scheint dir ja ganz schön böse auf den Fuß getreten zu haben«, sagte er zu seinem neuen besten Freund, als auch die letzte Jubelwelle abgeebbt war.
»Ist das verwunderlich? Ich dachte, ich wäre für mein großes Maul bekannt?«
Er überging Carons Anspielung einfach. Weswegen?
»Freut mich übrigens, dass sich das mit Jayd und dir wohl erledigt hat. Sie guckt dauernd hier rüber und du reagierst kein Stück. Braver Junge.«
Ach, du meine Güte! Jayd! Caron ließ den verdutzten Venlok stehen und ging schnurstracks zu ihr. Jayd entfernte sich ein wenig von Shrouk und Wishny und setzte sich mit Caron an einen Tisch in der Ecke.
»Dass ich gestern so schnell verschwunden bin, tut mir leid. Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist.«
»Vielleicht war das ganz gut so.« Dieses Lächeln erreichte ihre Augen nicht. »Ich habe nachgedacht. Wir sollten die Dinge nicht kompliziert machen.« Ruckartig stand sie auf und gesellte sich wieder zu ihren Compañeros.
Caron fühlte sich wie nach einer eiskalten Dusche. Was in aller Welt hatte das schon wieder zu bedeuten?
—
Caron, Venlok und ein paar von Jayds Männern starrten ratlos auf die Datenlawine, die Malico mit dem Steuerhandschuh ausgelöst hatte.
»Ich wusste doch, dass der Dellex es bringen würde«, verkündete er stolz.
Tiegros Augen zuckten hin und her. »Aber welche dieser Informationen war es, die die Knierutscher so unbedingt haben wollten?«
»Vielleicht war es nicht nur eine«, warf Caron ein. »Vielleicht sind es mehrere oder vielleicht sogar alle. Wer weiß ...«
»Sehr hilfreich, Caron.« Malicos Zynismus wurde von der Beiläufigkeit seines Tonfalls relativiert.
Venlok merkte an: »Sieht langweilig aus. Wie lange lässt euch der Capitano schon hier rumdoktern?«
»Seit gestern«, gab Caron zurück.
»Erst seit gestern? Felis und die Klonlady sehen so aus, als würden sie sich schon seit Wochen auf die Nerven gehen.«
Jayd hatte beim Auseinandernehmen des Serums, aus dem der Blockadestaub entstand, beinahe so etwas wie einen Wutanfall gekriegt, war aber dennoch kein Stück weitergekommen. Felis machte keinen Hehl aus ihrer Schadenfreude. Daraufhin hatten Caron und Venlok sich in Malicos Gruppe verzogen. Einzig Navaja hielt es noch tapfer zwischen den beiden Frauen aus. Seitdem sich Jayd nun auch die letzten ihrer Sympathien verspielt hatte, schien es die Lebensaufgabe der fiebrig forschenden Felis zu sein, dem Vernebler sein Geheimnis vor Kesslers Tochter zu entreißen.
Einerseits hätte Caron sie gerne beschützt, andererseits brauchte die selbstbestimmte Jayd kaum jemanden wie Caron als Beschützer. Hatte sie das nicht gerade erst klargemacht? Also meinte er: »Beachte die beiden einfach gar nicht, Venlok. Jayd hat niemandem etwas getan. Sie konkurriert höchstens mit dir darin, mir die Cojones zu retten.«
»Hey, das ist nicht das Gleiche. Ich handle selbstlos. Kessler schützt deine Cojones nur, weil sie noch damit spielen möchte.«
»Kannst von Glück sprechen, dass heute dein erster Tag nach langer Versehrtheit ist und dass ich dir was schuldig bin, du mieser Penner. Und jetzt lass es wirklich gut sein.«
»Oh, Mann! Seit sie mich eingelegt haben, hat Adamanto ja einen richtig ernsten Haufen aus euch gemacht.«
Anstatt sich über Venloks loses Mundwerk weiter zu ärgern und über Jayds Verhalten nachzugrübeln, zog Caron einen Datenhandschuh über und machte sich daran, Malico zu helfen.
»Bring mir bloß nichts durcheinander«, echauffierte der sich.
Caron hielt die Symbolflut mit der flachen Hand an.
»Kein Wunder, dass du keine Muster entdeckst, so schnell, wie du da durchrast.«
»Ich bin eben von schneller Auffassungsgabe.«
»Aber nur nach deiner eigenen Auffassung, Compañero.« Caron richtete den Holoquader neu aus. Er hatte Veloso Flasks Missionsraster erwischt. »Swarson, Personenschutz von Tag 14 11 2511 bis 17 11 2511, Anzahlung erhalten, Restbetrag nach Abschluss beglichen. In beiderseitigem Einvernehmen absolviert.« Die Aufträge mochten Bagatellniveau haben, aber Schlampigkeit konnte man Flask wirklich nicht vorwerfen. Bei Anfragen von Rekrutierern war er sogar noch mehr ins Detail gegangen. Jeden einzelnen Posten auszuwerten, würde Wochen, ja, Monate dauern. Jetzt verstand Caron Malicos Ungeduld.
»Wir sollten einen Fahndungsalgorithmus drüberjagen«, riet er Malico deswegen.
Vor dem Analysegerät wurde mittlerweile eine hitzige Debatte geführt. Felis hielt Jayd herausfordernd einen Konservierungsstab unter die Nase, von dem die nichts wissen wollte. Wenn das so weiterging, gingen die beiden Frauen gleich aufeinander los. Navaja wirkte das erste Mal, seit Caron ihn kannte, hilflos. Nur gut, dass Sekunden später Capitan Adamanto die Technobox betrat.
»Gibt es hier ein Problem, Kadettin Kessler?«
»Nein, Capitan.«
»Kadettin Lagun?«
»Nein, Capitan!«
»Gut. Weitermachen! Kadett Salvador? Sie kommen mit mir! Wir haben etwas zu besprechen.«
Caron streifte den Datenhandschuh ab und hoffte, dass Felis und Jayd diese Möglichkeit nicht nutzten, um sich doch noch an die Gurgel zu gehen.
—
Caron hatte noch keinen Raum gesehen, der schmuckloser ausgestattet war als Adamantos Quartier. Selbst in Truppraum 3-2 sah es gemütlicher aus. Wohnte der Capitan tatsächlich hier? Oder hatte er noch ein Habitat außerhalb des Bunkers? Andere Offiziere hatten mindestens Auszeichnungszertifikate an den Wänden hängen. Hier suchte man vergeblich nach so etwas. Auch Holos von Verwandten oder Freunden fanden sich nirgends. Warum kämpfte Adamanto, wenn ihm das eigene Ansehen so egal war und er auch niemanden hatte, der ihm wichtig zu sein schien? Loyalität? Selbstgerechtigkeit?
»Der Zeitpunkt ist gekommen, Missverständnissen vorzubeugen, Salvador.«
Da die Worte keine Aufforderung enthielten, stand Caron weiter still da. Er sah Adamanto dabei zu, wie er sich hinter den Organisationstisch setzte und seine Hände vor dem Bauch verschränkte.
»Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich habe Sie bloß zum Truppführer gemacht, weil Ihnen die anderen sowieso schon hinterherlaufen. Nicht, weil Sie ein Günstling sind. Comprende?«
»Ja, Capitan.«
»Sie genießen ab jetzt in bestimmten Dingen mein uneingeschränktes Vertrauen, aber meine Anerkennung haben Sie sich deswegen noch lange nicht verdient.«
»Ich werde mich jeden Tag bemühen, sie zu erlangen, Capitan.«
»Das sagen Sie, Salvador, aber irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass Sie wissen, wie Sie das erreichen sollen.«
Caron schaute nicht mehr stur geradeaus, sondern begegnete dem Blick des Capitans, auch wenn es ihm schwerfiel.
»In der Regel gebe ich Befehle und keine Ratschläge, aber weil ich davon überzeugt bin, dass in Ihnen ein besserer Krieger steckt, als Sie selbst ahnen, mache ich eine Ausnahme.« Adamanto starrte ihn eine Sekunde an. »Sie sind mutig, Salvador, keine Frage. Aber als Soldat darf man nicht als Erstes an sich denken und auch nicht daran, was die anderen von einem erwarten. Das stört nur beim Handeln. Sie müssen ein Gespür dafür entwickeln, wie man seiner Truppe am besten dient, Cadetto. Das Vertrauen in Ihre Vorgesetzten und in den übergeordneten Zweck, dem sie dienen, ist dabei ausschlaggebend. Das Wir ist immer wichtiger als das Ich oder das Du. Sie wissen jetzt, dass ich über alle Fakten unseres Auftrags verfüge, selbst über den Hintergrund. Wenn Sie mir zeigen, dass Sie mir vertrauen, auch wenn es Ihren eigenen Überzeugungen zuwiderläuft, haben Sie den ersten Schritt getan.« Plötzlich hatte der Ausdruck des Capitans fast etwas Listiges. »Erst, wenn Sie lange genug überlebt haben, um alle Regeln zu kennen, dann dürfen Sie sich anmaßen, sie zu überschreiten. In einem gesunden Maß natürlich.« Adamanto hatte den empfindlichsten Punkt direkt angesprochen.
In Carons Kopf überschlugen sich die Gedanken. »Ja, ... Capitan«, erwiderte er und erkannte das erste Mal so etwas wie ein Lächeln in Adamantos Gesicht.
»Ich hoffe, die Zeit wird Ihnen helfen, zu begreifen. Für den Anfang beschränken Sie sich darauf, wieder Ordnung in Ihren Trupp zu bringen.«
»Ja, Capitan.«
Adamanto wirkte erstaunt. »So wenig Widerspruch bin ich von Ihnen gar nicht gewohnt. Wahrscheinlich ist Ihnen wieder nicht klar, was ich damit meine, oder?«
»Ich ...?«
»Im Zuge des Spezialauftrags für den Dynasten verlegen Araca 2 und 3 heute Nachmittag in den Industriekomplex von Vorstand Kessler. Die Informationen, die Sie an den Trupp weitergeben dürfen, kriegen Sie kurz vor dem Einsatz auf den Datenbewahrer. Ich will, dass alle kopfmäßig auf dem Damm sind ...« Es entstand eine Pause, in der Caron das Gefühl bekam, Adamanto erwarte irgendeine Äußerung von ihm. Der Capitan seufzte. »Diesen Tag können Sie in Ihrem Bewahrer signalrot markieren, denn Sie kriegen heute sogar zwei Ratschläge von mir. Wenn Männer und Frauen gemeinsam in einer Armee dienen, kommt es zwangsläufig zu ... Komplikationen. Sorgen Sie an dieser Front schnellstens für klare Verhältnisse. Ich möchte nicht, dass ein Soldat das Leben verliert, nur weil er oder sie in Gedanken nicht in der Schlacht war, sondern irgendwo anders. Ihre momentane Unentschlossenheit ist nicht akzeptabel, Salvador. Hier kommt mein Rat: Die Liebe ist wie ein Krieg. Finden Sie raus mit wem Sie am besten Schulter an Schulter kämpfen und Sie wissen, wohin Ihr Herz gehört.« Er zwinkerte ihm zu. »Wegtreten, Cadetto!«
Caron knallte die Hand an den Brustpanzer und verließ Adamantos Quartier verwirrter, als er es betreten hatte. Was meinte der Capitan mit »unentschlossen«? Er vermisste die Nähe zu Jayd. Das war alles, was er wusste.
Kapitel 11
Caron hatte den Hauptfertigungskomplex für Handhabungsautomaten lange nicht mehr zu Gesicht bekommen. Als er Seite an Seite mit Malico und Felis die Rampe der Prestigio hinuntermarschierte, stellte er fest, dass Bellow Kessler Robot-A Inc. seinen persönlichen Stempel mehr als jeder andere aufgedrückt hatte. Der neue Residenzturm hätte einem Hochadministrator zur Ehre gereicht und die Abwehrmauer wurde immer wieder von mächtigen, nagelneuen Relaisstationen unterbrochen.
Auf der Piste der Verladehalle wurden Adamanto und seine Truppe von einem Wissenschaftsleiter erwartet, dessen buckeliges Äußeres in gewisser Weise an den Serviceautomaton aus dem Arrestlevel im Bunker erinnerte. Er hatte zwei Kurierdroiden an seiner Seite.
»Möge Ihr Weg stets ein gerader sein, Sinistra-Capitan Adamanto. Mein Name ist Geldon Barnes. Ich bin der von Vorstand Kessler eingesetzte Verbindungsingenieur für Ihr Team. Sinistra-Capitan Raposa ist vor fünf Stunden eingetroffen und befindet sich bereits in unseren Testeinrichtungen. Soll ich Sie dorthin begleiten?«
»Ich bin von nichts anderem ausgegangen.« Capitan Adamanto schaute den Verbindungsingenieur nicht einmal an. »Nachdem ich mit Capitan Raposa gesprochen habe, werde ich sicherlich noch einige Fragen an Sie haben. Halten Sie sich also in Reichweite!«
»Ganz auf Ihre Order, Sinistra-Capitan. Sie müssen sich jedoch vorher mit diesen Markierern ausrüsten.« Der Ingenieur hielt Adamanto einen fingernagelgroßen Baustein unter die Nase, der wie ein Schmuckstück glitzerte. »Wir waren gezwungen, unsere Sicherheitsmaßnahmen zu verschärfen. Nur so erkennen die Abwehrroutinen Ihre Männer als befugt an.«
Der Capitan nahm den Baustein an sich, und während die Kurierautomatons den Rest der Gruppe versorgten, klemmte er ihn an seine Schulterspange.
»Verschwenden wir keine Zeit mehr, Barnes.«
Der Angesprochene senkte den Kopf, trat beiseite und folgte Capitan Adamanto dann mit zwei Schritten Abstand. Die Kurierroboter mit ihren athletisch anmutenden Bewegungsmustern bildeten den Abschluss.
Sofort wurde die Gruppe von einem Gedränge aus Transportautomatons in allen Größen verschluckt. Wishny stieß einen Pfiff aus, für den er sich nachher von Adamanto bestimmt noch etwas anhören durfte. Allerdings konnte Caron Jayds Compañero gut verstehen. Der Landehafen von Robot-A war der wichtigste Umschlagplatz für neuwertige Automatons, Robotikkomponenten und Rohstoffe aller Art. Und obwohl ein äußerst lebhaftes Treiben zwischen den Verladerampen und den Transportern herrschte, wichen die Lastendroiden Barnes und den Sinistras mit solch traumwandlerischer Sicherheit aus, dass für Caron der Eindruck entstand, Araca 2 und 3 würden sich durch flüssiges Metall bewegen.
Die Betriebsamkeit nahm auch weit hinter der großen Schleuse des Kontorbereichs nicht ab, ebenso wenig in den Zugangshallen der Endfertigung. Erst vor dem Lift, der Caron und den Rest in die Testeinrichtungen bringen sollte, wurde es schließlich etwas ruhiger.
—
»Eine neue Generation Automatons erschafft man selbstverständlich nicht von heute auf morgen. Die innovative Programmierung, die Panzerung und das Kampfchassis durchliefen Phase um Phase ständiger Verbesserung. Als wir schließlich das Optimum erreicht hatten, waren vom ersten Plangitter bis zum einsatztauglichen Modell fünf Jahre vergangen.« Barnes verschränkte die Arme und stellte ein Sinnbild von Selbstzufriedenheit dar.
»Genauso lange hat Bellow Kessler das Amt des Vorstands inne«, dachte Caron. Hatte der Industriemagnat geahnt oder gehofft, dass Trentagon seine Maschinen irgendwann so dringend nötig haben würde?
Barnes klang wie der typische Präsentator auf einer Industrie-Exposition. Wäre der Kampf der drei Sinistras gegen einen von Kesslers Kampfdroiden nicht so beeindruckend, hätte Caron ihm gar nicht zugehört. Doch so stand er zwischen sechsundzwanzig seiner Compañeros im Vorführholotorium der Entwicklungsabteilung und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Einem der Soldaten im großen Holoquader wurde gerade das Gewehr weggerissen. Er klammerte sich daran fest, wurde aber wie ein Spielzeug gegen die nächste Wand geworfen. Der Automaton zersplitterte seine Waffe mit der Pranke, während die Lasereinschläge der anderen beiden Sinistras über seine Panzerung tanzten. Capitan Adamantos Miene und die seiner Kameradin Raposa wirkten bitterernst.
»Wie Sie feststellen können, haben wir die Hauptsteuerkabel für die motorische Reaktionsverarbeitung an den Cervicalwirbeln fixiert, den Nackenschutz verstärkt und die Kinnunterseite gepanzert. Eine Beschädigung des zentralen Neurosimulators mit konventionellen Handwaffen oder Sprengladungen ist damit so gut wie unmöglich.«
Das mussten auch die beiden verbliebenen Kämpfer gerade feststellen.
»Kann der sich nicht wie ein normaler Mensch ausdrücken?«, raunte Venlok Caron von der Seite zu und Felis nickte kaum merklich.
Caron hob den Arm. Obwohl Barnes es gerade sichtlich genoss, wie die beiden Holosoldaten durcheinanderbrüllten und vergeblich versuchten, ihren metallenen Gegner von zwei Seiten gleichzeitig anzugreifen, ließ er sich unterbrechen.
»Kadett Salvador?«
»Bei ihrer Größe kommen die Droiden doch auf mindestens eine halbe Tonne. Sind sie da in zivilen Wohnblöcken überhaupt einsetzbar?«
Barnes guckte, als habe Caron ihm die perfekte Eröffnung beim Battleball zugespielt, und stellte das Gewehrfeuer der Aufnahme leiser. »Durch die Verwendung von Nanogitterplatten konnten wir bei der Panzerung die Hälfte an Gewicht sparen. Ein DMK wiegt keine 300 Kilogramm und bleibt dank der fortschrittlichen Fibuladämpfer selbst im Lauf unterhalb der Traglastgrenze eines jeden unbeschädigten Gebäudes. Ich selber habe diese Panzerung entwickelt und perfektioniert. Beantwortet das Ihre Frage?«
»Mehr als genug.«
Venlok grunzte verächtlich. Ihm ging Barnes’ großspurige Art wahrscheinlich noch mehr auf den Geist als Caron. »Sieht trotzdem ganz schön schwerfällig aus, der Blechmann.«
»Und ich glaube, ich weiß auch schon, wie wir ihn knacken können.« Caron zwinkerte dem zweifelnd dreinschauenden Malico zu.
Obwohl der zweite Holosoldat gerade zu Boden ging und sein mittlerweile waffenloser Kamerad das Signal zum Kapitulieren gab, meinte Venlok so laut, dass es diesmal alle hören konnten: »Ich freue mich schon auf ein Tänzchen mit Ihrem Spielzeug.«
Capitan Adamanto war trotz Capitan Raposa, die direkt neben ihm stand, wohl nie so nah daran gewesen, die Augen zu verdrehen.
»Gibt es sonst noch irgendwelche Fragen an Verbindungsingenieur Barnes?«
Schweigen und Venloks Grinsen, mit dem er wie eine Kopie des Verbindungsingenieurs wirkte, waren die einzigen Antworten.
—
»Darf ich vorstellen? DMK-0040.«
Caron sah zu Jayd. Die sah zur Seite. Er wusste nicht, ob dieser direkte Kontakt vor der Auseinandersetzung wirklich noch eine Anschauungslektion war. Vermutlich wollte der Wissenschaftler einfach eine weitere Portion seines Glanzes über die Sinistras ausschütten oder sie schlichtweg einschüchtern.
Araca 2 und 3 hatten sich als Nächstes in einer achteckigen Kammer versammelt, um dort Robot-As Prestigeobjekt Auge in Auge bewundern zu dürfen. Die Außenteile des Automatons wiesen noch keinen einzigen Kratzer auf und seine goldenen Visorezeptoren blickten an ihnen vorbei.
Leider verfehlte dies bei keinem der Anwesenden die von Barnes gewünschte Wirkung. Selbst Adamanto und Venlok sahen mit so etwas wie Ehrfurcht zu dem grauen Kampfkoloss hoch.
Venlok reckte sich allerdings sofort und tätschelte den Oberarmkolben. »Dir haben sie bestimmt nicht nur kümmerlich kopiertes Ersatzfleisch vorgesetzt.«
Barnes fuhr mit dem Finger durch ein gelbes Dreieck auf der Holotafel, hinter der er stand. Alle Gelenkverbindungen des Automatons knackten und jeder Araca mit Ausnahme von Adamanto und Navaja zuckte zusammen. Der Droide drehte Venlok das Gesicht zu, um mit der geballten Linken in die Rechte zu schlagen, sodass es krachte.
Während Barnes jetzt eine spitzbübische Miene zur Schau stellte, zwang Venlok sich zum Weitergrinsen.
»Okay. Unser Verbindungsingenieur hat seinen Spaß gehabt«, schaltete Adamanto sich ein. »Auf mein Wort, Aracas! Sofortiges Einrüsten in Häuserkampfkonfiguration! Zeigen wir Robot-A mal, was die Sinistra unter Humor versteht!«
—
Zunächst wurden sie paarweise in die Kampfarena eingelassen. Barnes´ Anschauungsmodell erwartete Jayd und Caron bereits mit dampfenden Schulterkolben zwischen ein paar Hindernisblöcken in der Mitte der Arena. Der Körper blieb weiter regungslos, aber die feuergelben Video-Linsen verfolgten nun jeden ihrer Schritte.
»Brillen runter!«, befahl Adamanto durch den Helmfunk. Die Holoprojektoren verwandelten die Arena in den Innenhof eines Wohnblocks: eine kleine Gartenanlage. Adamanto stand hinter der Dachverglasung der Arena, blickte auf das Geschehen herab und beobachtete seine Schützlinge mindestens ebenso aufmerksam wie ihr stählerner Gegner.
Dass er als Erstes an Jayds Seite antreten musste, war pure Absicht ihres Zugführers, dachte Caron. Was immer der Capitan damit bezwecken wollte, sie würden ihm schon beweisen, dass sie zu einer makellosen Kampfvorstellung fähig waren. Egal wie verwirrt Caron im Moment auch wegen Jayds Verhalten sein mochte.
Jayd meldete: »Startmarkierung erreicht!«
Caron bewegte sich zu dem roten Holokreuz zwei Meter neben ihrem Rasenstück, das Kreuz erlosch und er gab die gleiche Meldung ab.
»Sequenz 78 initiiert. Simulation läuft.« Das war die künstliche Stimme der Arenaanlage gewesen. Sofort erwachte der DMK zum Leben. Er stand jetzt zwischen fünf Springbrunnen unter einem Pavillon aus Titan. Während er mit den Beinen aufstampfte, drehte sich sein Torso in ihre Richtung. Dabei schlug er die Pranken mit der gleichen martialischen Geste wie im Vorführraum ineinander. Der Waffenarm klappte auf und der Raketenwerfer wurde vom Kettenzug im Rücken auf die rechte Schulter gewuchtet. Sofort bewegte er sich auf seine menschlichen Ziele zu.
Selbst wenn es nur ein Übungskampf werden sollte, war Caron von der Hardwareausstattung des Droiden beeindruckt. Nicht nur, dass die Energiezellen der zweiläufigen Kanone auf dem Waffenarm Übergröße hatten, auf seinem Schildarm hockte auch noch ein zusätzlicher Flammenwerfer.
»Manöver 45-2!«, weckte ihn Jayds Stimme.
Er machte es ihr nach und hechtete hinter den nächsten Sprühblock der Pflanzbewässerung.
Keine Sekunde zu früh! An der Stelle, an der er gerade noch gestanden hatte, schlug ein Granatengeschoss ein.
Jayd würde nun alles tun, um den Roboter abzulenken, während Caron versuchte, näher an ihn heranzukommen. Der Panzerbrecher am Gewehr seiner Partnerin sirrte und nach wenigen Sekunden schmetterte sie einen der hochenergetischen Schockstrahlen hinter ihrem Sprühblock hervor.
Caron rannte zur nächsten Deckung, einer steinernen Sitzbank. Der Automaton ließ etwas verlauten, das verdächtig nach einem Grollen klang, und zog sich wieder zwischen die Brunnen zurück. Von da aus beharkte er den Boden zwischen sich und Jayd mit Laserfeuer.
»Gib mir Deckung! Ich muss näher ran«, hörte Caron sie durch den umherspritzenden Dreck.
Laut Visierbrille war die untere Körperhälfte des Automatons zwischen den Brunnen vor Beschuss geschützt. Mit dem Schwert würde Caron ebenfalls noch nichts anfangen können und …
Schon dröhnte wieder ein Stampfen durch die Arena. Der DMK war abermals auf dem Vormarsch.
»Träumst du?« Um Jayds Ruhe war es geschehen.
Caron löste eine Störgranate von seinem Gürtel, stellte sich kurz hin und warf sie zwischen die Brunnen. So war es jedenfalls geplant. Ein metallisches »Klong« ertönte und die Granate wurde zurückkatapultiert.
»Das war zu früh und zu weit, er hat sie pariert!«, brüllte Jayd, aber Caron vernahm nur noch das Dröhnen der Störladung, die sich über ihren Köpfen entlud.
Ein Blitzgewitter brach über sie herein. Carons Welt verschwand in einem Gleißen. Auch nach dem Abschütteln der Benommenheit verblieben weiße Flecken vor seinen Augen. Die Ladung musste den Vidfilter überlastet haben. Und um dem Ganzen noch eins draufzusetzen, ertönte jenes für einen Splitterdiskus so markante Heulen.
Die Scheibe schlug ungefähr auf halber Strecke zwischen Caron und Jayd in den Kies. Vom DMK ferngesteuert, krabbelte sie auf ihren sechs flinken Hakenbeinchen in die günstigste Position, um sie beide auf einmal auszulöschen.
Caron sprang.
Bevor sie beide draufgingen, sollte Jayd überleben und die Mission allein beenden. Caron konnte auch noch im nächsten Durchlauf glänzen. Aber statt auf dem Diskus zu landen und die tödlichen Schrapnellsplitter abzufangen, stieß er mitten im Sprung mit Jayd zusammen, die wohl das Gleiche gedacht hatte. Ungelenk fielen sie zu Boden.
Das war`s. Ende!
Noch bevor der Diskus sie beide in tausend Fetzen reißen konnte, dröhnte erst das Abbruchsignal in Carons Ohren und danach Capitan Adamantos Stimme: »Sehr edel. 122 Sekunden, Salvador. Neuer Rekord! So schnell waren Sie noch nie tot.«
—
Da hatten Jayd und er eine frustrierende Stunde über alles haarklein diskutiert, was in der nächsten Runde mit DMK-0040 besser laufen musste, und was passierte? Capitan Adamanto schickte Caron zusammen mit Felis in die Arena. Er hätte es sich fast denken können. Nach der seltsamen Distanziertheit, mit der Jayd ihm begegnet war, stellte dies den unbefriedigenden Höhepunkt seines Tages dar. Mit Felis hatte er nämlich seit ihrem Auftritt in der Technobox kaum ein Wort gewechselt, geschweige denn, gemeinsam Strategien ausgetauscht.
Die Verhältnisse in der Arena blieben unverändert. In Carons Kopf erklang »Sequenz 78 initiiert. Simulation läuft« und es ging los. Diesmal salutierte der Kampfroboter zwischen den Brunnen spöttisch. Mit einem Winken lud er seine Gegner zu einer weiteren Runde ein.
Felis bewies, dass sie sehr viel agiler war als Jayd. Blitzartige Haken schlagend war sie schon hinter einem Mäuerchen verschwunden, da hockte Caron noch hinter dem äußeren Sprühblock des Bewässerungssystems.
»Wir müssen ihn zwischen diesen Brunnen wegkriegen.« Felis’ Aufforderung klang, als müsste Caron allein dafür sorgen.
»Müssen wir nicht! Bleib, wo du bist, und deck ihn mit Sperrfeuer ein. Ich hab eine Idee.«
»Verstanden! Dann erstaune mich mal.«
Während Felis mal links, mal rechts hinter ihrer Deckung hochkam und einen Funkenregen auf den Brustplatten des Automatons verteilte, lief Caron wieder zur Bank. Auch wenn sie jetzt etwas weiter auseinander positioniert waren, schien es doch wieder die ideale Situation für einen Todesdiskus.
Automatons waren manchmal so berechenbar.
Als Caron erneut das typische Heulen vernahm, schnellte er dem Diskus mit abgeschaltetem Säbel entgegen. Er erwischte ihn mit der flachen Klingenseite und schickte die Waffe zurück zum Absender. Felis brauchte er nicht zu sagen, was zu tun war. Sie sprang auf das Mäuerchen und ihr wohlgezielter Schuss brachte den Todesdiskus genau über dem DMK zur Explosion.
Dank der exzellent programmierten Kampfreflexe war sein Schildarm hochgeschnellt, bevor der heiße Metallsplitterschauer seinen empfindlichen Visorezeptoren etwas anhaben konnte, aber er war beschäftigt. Und Felis sorgte mit einem Mix aus Granaten und Laserfeuer dafür, dass es so blieb. Erst als sie Gefahr lief, den auf den Roboter zusprintenden Caron zu erwischen, zog sie sich zurück.
Exaktes Timing.
Caron hatte den Hakenwerfer bereits nach vorn ausgerichtet. Er feuerte und der Automaton fing den Haken in der Luft ab. Caron blieb nicht mal Zeit zum Fluchen oder Staunen. Der Roboter ruckte an dem Seil und zog ihn daran auf sich zu. Es konnte trotzdem weitergehen wie geplant. Aufgrund des glatten Arenabelags rutschte Caron genau zwischen die Brunnen, auf die Beine des Gegners zu, erhob das Schwert und ...
... krachte genau vor den Schildarm des DMK. Trotz seiner Rüstung erschütterte ihn die Wucht von Kopf bis Fuß. Der Roboter wedelte mahnend mit einem Finger vor Carons Gesicht hin und her.
Felis rief etwas, dann wurde Caron gegen die Wand der Arena geschleudert. Benommen blieb er liegen.
Felis’ Geschrei drang gedämpft in sein Bewusstsein ... Irgendwann hörte es auf.
Genau wie der Kampflärm.
Caron tastete nach seinem Säbel, konnte ihn aber nicht entdecken.
Als sein Blick sich klärte, starrte er durch die zersplitterte Visierbrille direkt in den Lauf eines riesigen Unterarmblasters.
Gleißen. Abbruchquäken. Adamantos Stimme.
»235 Sekunden überlebt. Ich erkenne eine Steigerung, Salvador.«
—
»Morgen trete ich Barnes aus dem Kittel. Ich hatte fest damit gerechnet, dass der hohe Kragenschutz die Beweglichkeit seines Klotzkopfes einschränken würde.«
Venlok rieb sich die Schulter. Caron wusste, dass sich unter der Uniform ein blauer Fleck verbarg, der noch größer war als sein eigener am Rücken.
»Warum beschwerst du dich? Es war doch auch so«, gab Navaja seinem Partner der letzten beiden Durchgänge recht. Dabei zuckten seine Mundwinkel amüsiert.
»Trotzdem hat mir dieser Schraubenhaufen eine verpasst, dass ich das Nachglühen jetzt noch spüre.«
Außer Araca 2 war so kurz vor der Nachtruhe niemand mehr im Comedor. Vorsichtig hockte Venlok sich in einen der Sessel und stellte ein Glas Bier vor sich ab.
Felis schenkte ihm einen skeptischen Blick. »Er wird dich mit dem Sensorpack an der Rückseite des Kopfes geortet haben. Gegen die Dinger hilft auch kein ›Überraschungs‹-Angriff von hinten. Hättest du bei Barnes’ Einführung aufgepasst, statt Witze zu reißen, wüsstest du das.« Sie toastete ihm spöttisch zu, nippte an ihrem Glas und wischte sich kirschrote Flüssigkeit von der Oberlippe.
Venlok erwiderte den Toast. »Kannst du zu mir nicht wenigstens halb so charmant sein wie zu Caron?« Er blickte sich um. »Apropos, was sagt denn unser Streberteam dazu?«
Weder Caron noch Malico hatten sich bisher an der Diskussion beteiligt. Die beiden hockten am Ende des Tisches und knobelten einen Fahndungsalgorithmus für Veloso Flasks Daten aus. Halb tat Caron das aus aufrichtigem Interesse und halb, um sich damit von seinem Gefühlschaos abzulenken.
Nach ein paar Sekunden sah er hoch und erwiderte: »Eine Ortungsausstattung, die den üblichen Standard übersteigt, finde ich, ehrlich gesagt, nicht weiter erwähnenswert. Mir gibt etwas ganz anderes viel mehr zu denken.«
»Jetzt bin ich aber mal gespannt«, sagte Venlok nach einem tiefen Schluck.
»Das eigenartige Benehmen der DMKs.«
»Benehmen?«
»Na, zum Beispiel diese martialischen Gesten zu Beginn der Übungen.«
»Ist das nicht normal?«, schaltete Felis sich ein. »Automatons werden doch in der Regel so programmiert, dass sie menschliche Wesenszüge nachahmen. Manche sogar so weit, dass sie die Gesten ihrer Besitzer interpretieren und imitieren können.«
»Das trifft auf zivile Modelle zu. Doch von unseren Munitionsträgern macht das keiner. Warum sollte Barnes’ Team Speicherplatz für etwas so Überflüssiges an Militärdroiden verschwenden?« Venlok setzte eine besserwisserische Miene auf. »Um den Feind einzuschüchtern?«
»Wohl kaum. Dafür sorgt in der Regel das Designerteam. Davon abgesehen laufen Kesslers Wundermaschinen noch gar nicht lange genug, dass sie sich etwas hätten abgucken können.«
Während Caron sprach, hatte Venlok sein Bier geleert. »Und was willst du uns damit mitteilen?«
»Ich weiß nicht. Ich finde es einfach seltsam.« Damit wandte Caron sich wieder Malico und der Algorithmusmodifikation zu.
Venlok stierte enttäuscht in sein leeres Glas. »Das hat uns ja nun gar nicht weitergebracht.«
»Deine Kamikazeaktionen aber auch nicht.« Fing Felis etwa wieder damit an, Caron in Schutz zu nehmen? »Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir wünschen, dass du mir bei der nächsten Runde in der Arena lieber den Rücken frei hältst, anstatt einfach drauflos zu schießen und zu sprengen.« In einem theatralischen Flirtversuch blinzelte sie Venlok an.
»Wenn ich eine Liste mit all den Leuten machen würde, die sich von mir was wünschen, würde sie von hier bis zur Nordfront reichen«, gab er zynisch zurück. »Und die mit den Typen, von denen ich mir was wünsche, wäre sogar noch länger. Im Moment wünsche ich mir Malicos Bier. Auch wenn es bestimmt schon schal ist.«
Carons Kopf ruckte in die Höhe. »Wie war das?«
»Ich hätte gern noch ein Bier.«
»Nicht das. Das davor.«
»Das mit der Wunschliste?«
Caron nickte und Venlok wiederholte es.
»Sehr gut, Venlok. Danke.«
Erst grinste Venlok breit, dann schaute er verwirrt drein. »Danke? Wofür?«
Doch Caron stieß bloß Malico an. »Wir werden eine Liste von Velosos Geschäftskontakten machen!«
»Brillante Idee, darauf wäre ich nie gekommen.« Malico verdrehte die Augen. »Passt du dein geistiges Niveau jetzt wieder Venlok an oder hat dir Kesslers DMK doch stärker einen auf den Helm gegeben, als ich dachte? So eine Liste habe ich längst erstellt.«
»Wir brauchen noch ein paar Vergleichslisten dazu!«
Malicos Gesicht machte deutlich, dass er Carons Verstand kaum noch mehr in Zweifel ziehen konnte.
»Kannst du dich noch daran erinnern, worauf du gestoßen bist, als du für Adamanto die Mutter des kleinen Mädchens finden solltest?«
»Auf so einiges ...«
»Hattest du nicht von irgendwelchen vermissten Prämienhunden gesprochen?«
»Ah. Jetzt klingelt es langsam. Ich glaube, ich weiß, worauf du hinauswillst, Caron.«
»Wir besorgen uns die Daten der Vermissten, erstellen von ihnen ebenfalls Kontaktlisten und gleichen sie mit Velosos und untereinander ab. Ich bin mir ziemlich sicher, dass uns die Schnittmenge auf eine höchst interessante Spur bringen wird.«
—
Obwohl Araca 3 von Adamanto für einen und Araca 2 mittlerweile sogar für zwei Spezialaufträge in Beschlag genommen wurden, nahm er während des offiziellen Unterrichts kaum Rücksicht darauf. So stand erst mal ein erneuter Besuch im Arrestlevel an, noch bevor Caron und Malico dem Capitan von ihrer neuen Strategie im Fall Veloso Flask berichten konnten.
»Kadett Salvador! Wie geht es dir?« Azote begrüßte Caron an seinem Tisch, als handele es sich bei ihm um seinen besten Freund. »Unser gemeinsamer Bekannter Roscoe Venlok war tatsächlich wieder bei mir. Allerdings war er nicht ganz so wohlauf, wie du mir berichtet hast.« Er verzog die Lippenwülste zur Karikatur eines Grinsens. »Es wird dich freuen zu hören, dass ich seine schlimmsten Blessuren lindern konnte.«
»An Ihnen gibt es eine mitfühlende Seite?«, höhnte Caron. »Sie verstehen es doch immer wieder, mich zu überraschen, Hexer.«
»Das war das Mindeste, wo Venloks Eltern sich doch bis zum Schluss loyal zu mir bekannt haben. Sogar dann noch, als sie aus ihrem Habitat getrieben und auf offener Straße von der Sinistra niedergeschossen wurden. Ein unschönes Ende. Findest du nicht auch, Kadett Salvador? Der gute Roscoe jedenfalls hat geweint, als ich es ihm erzählt habe.« Die letzte Behauptung lief in einer Art Knurren aus.
Caron hätte am liebsten ebenfalls geknurrt, wollte aber Azote den Triumph nicht gönnen. »Ich frage mich, warum ich Ihnen überhaupt so lange zuhöre.«
»Du solltest dich lieber fragen, warum du einer Regierung dienst, die die Suche nach einem höheren Sinn im Leben nur mit Gewalt beantworten kann. Kein Wunder, dass so viele Menschen einst Zuflucht in meinen Reihen suchten.«
»Sie wollen wissen, warum ich meinem Dynasten diene? Weil Abschaum wie Sie die Verzweifelten mit falschen Antworten zu Freiwild für Manipulation macht. Und alles, was ihr ihnen bieten könnt, sind Lügen und Unterdrückung.«
»Und du meinst, euer Herrscher würde etwas anderes machen? Blinder Narr!«
Carons Hand schnellte vor, wollte nach dem Stein greifen, wurde aber mitten in der Luft gestoppt.
Azote schüttelte mitleidig den Kopf. »Alles in allem: äußerst kurzsichtig.«
Dann gab es wieder einen Knall und der Hexer erstarrte in einem Dämmfeld, das Grienen im Gesicht gefroren.
Innerlich verfluchte Caron sich. Wäre er doch tausendmal lieber an dem Versuch gescheitert, seine Faust an Azotes Unterkiefer zu platzieren.
—
»Läuft und sieht gut aus.« Malico lehnte sich zurück und streifte den Datenhandschuh ab. Außer ihm befanden sich in der Technobox noch Caron, Jayd, Felis und Capitan Adamanto. Der rieb sich übers Kinn.
»Sie haben verhältnismäßig wenig Vergleichsmaterial sammeln können. Aber Sie meinen, das bringt uns weiter?«
Caron sah über die vorbeirasenden Datenkolonnen im Holofeld. »Ganz bestimmt. In spätestens zwei Stunden haben wir ein Ergebnis.«
»Das will ich hoffen. Wir würden ziemlich in Erklärungsnot geraten, wenn uns jemand aus dem Inneren Kreis auf die Schliche kommt. Kessler? Lagun? Wie weit sind Sie mit Ihrer Analyse?«
Jayd trat vor. »Fertig. Ich konnte sogar schon eine Lösung synthetisieren, die dem Blockadeeffekt entgegenwirkt. Ist alles auf Ihrem Datenbewahrer abgelegt, Capitan.« Jayd blieb betont ausdruckslos, aber Felis zog ein Gesicht, als würde sie ihre Kameradin am liebsten fressen.
»Hervorragende Arbeit, Cadetta Kessler. Sie können stolz auf sich sein. Damit ist Ihnen etwas ohne Hilfe von außen gelungen, was so mancher Metachemiker der Hochvertrauensunion nicht hingekriegt hätte. Respekt. Ich werde dafür sorgen, dass es in die richtigen Hände gerät.« Er überprüfte die Daten kurz und sagte dann: »Zwei Stunden ... So viel Zeit haben wir nicht. Cadetto Malico, Sie bleiben hier und überwachen die Datenfilterung. Sollten Leute auftauchen, die nicht zu unserer Gruppe gehören, bringen Sie das Programm zum Absturz oder machen sonst was. Auf keinen Fall darf jemand mitbekommen, was wir hier treiben. Sobald Sie fertig sind, übertragen Sie die Daten ausnahmsweise auf Ihren Speicherkern. Dann löschen Sie hier alles und begeben sich ohne Umweg in Truppraum 2. Warten Sie dort, bis wir zurück sind. Comprende?«
»Ja, Capitan!«
»Der Rest kommt mit mir! Kesslers Höllenmaschinen warten.«
»Gute Jagd!«, verabschiedete Caron sich von Malico.
Malico, unverhohlen froh darüber, sich eine Runde Roboterprügel zu ersparen, erwiderte: »Macht euch um mich keine Sorgen.«
Kurz bevor sie den Schleusentunnel der Prestigio erreicht hatten, nahm Adamanto Caron auf die Seite. »Noch kein Wort zum Dynasten. Nicht solange wir kein lückenloses Bild von der Sache haben. Ich verlasse mich auf Sie!«
»Selbstverständlich«, antwortete Caron.
Während sie zusammen über die Rampe ins Schiff gingen, musste er über das komplexe Prinzip des Vertrauens nachdenken und daran, dass Adamanto immer noch nicht ahnte, welche Rolle Caron wirklich innehatte.
—
»Startmarkierung erreicht!«, meldete Venlok als Letzter. Der Arenarechner machte seine Ankündigung und startete die Simulation.
Diesmal waren sie zu dritt und befanden sich in einer Art Fertigungshalle. Caron und Felis sprangen hinter zwei stillgelegte Steuerkabinen, während Venlok lediglich in die Hocke ging. Sich mit einer Hand abstützend und die Spikes der Stiefel im Boden verankert, feuerte er gleich zu Beginn sein schwerstes Geschoss aus dem Raketenwerfer. Allerdings hatte er nicht auf den DMK gezielt, sondern auf den Transportturm neben ihm. Der Automaton spuckte dem Beschuss trotzdem Täuschkörper aus dem Waffenarm entgegen. Anstatt den Turm zu fällen und so den Verladekran auf den DMK zu schmettern, verwandelte sich Venloks Heatwave-Torpedo in spektakuläres, aber uneffektives Feuerwerk. Caron und Felis warfen sich an die entgegengesetzten Enden einer stillgelegten Produktionsstraße.
Trotz seines ersten Misserfolgs legte Venlok direkt nach. Er gab dem Rocketspitter auf der anderen Schulter die Gelegenheit, seinem Namen alle Ehre zu machen. Innerhalb von zehn Sekunden hagelte der gesamte Inhalt der Batterie auf den Gegner ein. Der wankte mit erhobenem Schildarm endlich in Deckung.
Venlok warf den leeren Rocketspitter ab und Felis hatte nun die erste abgesprochene Position erreicht. Kaum streckte der Kampfdroide seinen Waffenarm wieder hinter dem Turm hervor, hämmerte sie ihm ein paar glühende Salven dagegen. Caron hetzte weiter und auch Venlok verlegte seinen Standpunkt jetzt ein gutes Stück nach vorn.
Als Nächstes versuchte der Automaton, sich mit einer Granate Luft zu machen. Offenbar wusste er um Felis’ Position, denn diese sprang mit einem Mal von den Containerkisten weg, hinter denen sie gekniet hatte, und einen Herzschlag später wurden die Kisten krachend in Stücke gerissen.
Caron wäre vor Schreck beinah umgeknickt, als der DMK sofort wieder hinter dem Turm hervorkam. Zum Glück beachtete er ihn aber nicht und schoss sich stattdessen auf Felis ein. Venlok sorgte mit einem Donnerstrahl aus seinem Raketenwerfer dafür, dass sie sich mit rauchenden Stiefelhacken in Sicherheit bringen konnte.
Für einen Augenblick herrschte Stille. Caron war jetzt beim Transportturm angelangt. In dem Wissen, dass sich der massige Droide genau auf der anderen Seite befand, lehnte er sich eng an den Stahlsockel und zog langsam den Säbel aus der Rückenscheide. Das Summen der aktivierten Klinge war alles, was er hörte.
Was nun? Über welche Seite würde er dem Feind in den Rücken fallen, anstatt ihm geradewegs in die Arme zu laufen? Caron schmeckte Schweiß auf den Lippen und schluckte.
Plötzlich schlugen Felis’ Laserblitze auf der rechten Seite des Turms ein, also entschied er sich für links – aber nur, um dem DMK direkt in die glimmenden Visorezeptoren zu starren. Das Ausfächern seines Armschildes geschah aus reinem Reflex, bewahrte aber sein Gesicht davor, vom Feuer des auffauchenden Flammenwerfers geröstet zu werden. Den Rest schluckte die Rüstung.
Carons Entgegnung bestand aus einer instinktiven Drehung und einem Hieb, mit dem er den Unterarm des Kampfautomatons abschlug. Das Feuer erstarb. Sofort wollte der Droide ihn wegstoßen, erwischte Caron aber nur mit dem Stumpf. Der stolperte zur Seite und konnte sich gerade noch fangen.
»Alle vorrücken!«, krächzte er dabei ins Mikro.
Die erste volle Salve des DMKs blieb an seinem Armschild hängen, aber als Folge zog sich ein Spinnennetz glühender Rissstellen über die Innenseite. Da tauchte Felis im Rücken des Automatons auf und startete einen Entlastungsangriff. Um die neue Bedrohung zu beseitigen, schwenkte der Dark-Magic-Killer herum.
Keine gute Idee. Caron fuhr den Schild ein. Er schaltete seine Handschuhe magnetisch, machte einen Satz und kletterte auf den Rücken des Droiden. In der Zwischenzeit war Felis schon wieder abgetaucht.
Caron schlug mit dem Säbel gegen den Roboterschädel, doch die Klinge prallte ohne Wirkung ab. »Verdammte Brut!«
Der DMK wollte Caron abschütteln. Dieser verlor den Säbel und klammerte sich mit beiden Händen am Kopf des Droiden fest. Hatte ihr Feind da gerade geflucht? Bevor Caron sich weiter Gedanken darüber machen konnte, löste er eine Sprenggranate vom Gürtel, entsicherte sie und versuchte sie zwischen Kragenring und Kinn zu stopfen.
Genau in dem Moment bog Venlok um die Ecke des Turms und feuerte seine letzte Rakete auf den Kopf des Roboters.
Das Jaulen des Abbruchsignals hatte sich in das viel fröhlichere Abschlusstrillern verwandelt, der Automaton fror in seiner Bewegung ein und Caron konnte loslassen.
Er krachte zu Boden.
»Salvador, Venlok. Herzlichen Glückwunsch zur gemeinsamen Feuerbestattung. Immerhin darf Cadetta Lagun weiteratmen und Sie haben den »unzerstörbaren« zentralen Neurosimulator doch noch kaputtgekriegt. Alle drei weggetreten zum Abrüsten! Die Abschlussbesprechung erfolgt auf dem Heimflug.« Adamantos Lippen kräuselten sich zu etwas, das bei ihm als Lächeln durchging.
Ingenieur Barnes hingegen blickte das erste Mal betroffen durch die beleuchtete Aussichtsscheibe.
—
Im Bunker gelandet, erwartete die Truppe niemand anderes als Malico am Fuß der Rampe. Er sah aus, als wolle er mit der schon beinah penetrant zufriedenen Felis um die Wette strahlen. Felis mochte Jayd im Labor vielleicht hoffnungslos unterlegen gewesen sein, aber bei den Kämpfen mit Caron hatte sie wesentlich besser ausgesehen als ihre erklärte Kontrahentin. Somit war ihr Tag gerettet.
»Kadett Malico!« Capitan Adamanto betrachtete den Soldaten mit dem hinterlistigen Grinsen abschätzend. »Hatte ich Ihnen nicht befohlen, im Truppraum zu warten?«
Malico wurde ernst, nahm Haltung an und knallte seine Hand an die Brust der Uniformjacke. »Mit Verlaub, Capitan ... darf ich mich erklären?«
»Ich bitte darum.«
»Nach dem Filtern ist nur ein einziger Name übriggeblieben. Ich habe alle übrigen Daten sofort vernichtet. Velosos Scheibe sieht nun wieder unberührt aus.«
Capitan Adamanto neigte sich Malico entgegen. »Und?«
Malico flüsterte ihm etwas ins Ohr, das Caron auch bei angestrengtem Lauschen nicht verstehen konnte.
»Gut«, antwortete der Capitan danach. »Das dürfen Ihre Compañeros erfahren. Ich kümmere mich um den Rest.« An seinen Trupp gewandt, sagte er: »Ihr füllt jetzt nur noch die Schwachpunktprotokolle der DMKs aus, dann habt ihr dienstfrei bis zur Nachtruhe.« Ohne sich noch einmal umzudrehen, verschwand er in der Landehalle.
Caron schaute Jayd an. Die sah weg.
Das würde wohl kein Abend der gemeinsamen Aussprache werden.
Kapitel 12
»Da Capitan Adamanto nicht zur Verfügung steht, leite ich heute die Testdurchläufe.« Capitan Raposa stand in der rot gerahmten Appellzone im Landerhangar der Vindicta und versuchte, noch strenger dreinzuschauen als Carons eigentlicher Capitan. Es misslang. Allerdings nur ganz knapp. »Die Durchläufe der letzten Woche unterscheiden sich von den heutigen in einem entscheidenden Punkt: Sie kämpfen nicht mehr gegen die Dark-Magic-Killer-Automatons, sondern Sie helfen ihnen. Ähnlich wie im Centro Sinistra, werden ab jetzt Schlachtsituationen simuliert, in denen ihr okkulte Zirkel mithilfe der DMKs ausschaltet. Euer Ziel ist es, mindestens so optimal mit den Droiden zusammenzuarbeiten wie mit einem menschlichen Soldaten. Wie vorher auch steigern wir die Anzahl der Teilnehmer von Tag zu Tag. Denkt an die Schwachpunktprotokolle und an das, was ihr in den ersten Testdurchläufen falsch beziehungsweise richtig gemacht habt. Aktionsradien der Bewaffnung, welchen Teil der Droiden müsst ihr decken, wie könnt ihr ihre Bewaffnung am besten unterstützen?«
Caron meldete sich.
»Kadett Salvador?«
»Ich dachte, die DMKs sollten uns helfen und nicht umgekehrt.«
»Das ist exakt der Gedanke, der auch mir durch den Kopf ging, als ich die Orderdatei heute Morgen reinbekam. Auf meine Anfrage hat mir Verbindungsingenieur Barnes versichert, dass die Eigenständigkeit der neuen Automatons selbst einen gestandenen Sinistra verblüffen würde.«
Alle dreißig Aracas lachten leise und Capitan Raposa verzog belustigt den Mund. »Wir werden sehen, wer am Ende dieses Tages wirklich verblüfft dasteht.« Sie ballte eine Faust. »Ihr bekommt jetzt die üblichen Lokalisationschips für die Transportautomatons. Bringt sie sofort an euren Inventarkisten an. In fünf Minuten landen wir. Shrouk! Wishny!«
Caron wartete, bis sein Name aufgerufen wurde, und marschierte dann mit Venlok zur Umrüstkabine 2 an der Hangarwand. Direkt vor ihnen gingen Jayd und Wishny. Die große Jayd hatte praktisch nichts von ihrer sportlichen Anmut verloren, dagegen wirkte Wishny unfreiwillig komisch. Er hinkte leicht und eierte geradezu neben seiner Truppführerin her.
»Guck dir die beiden an. Ich glaube, Wishny wünscht sich im Moment nichts lieber als eine geklonte Kondition.«
Bevor Venlok weitere ungeschickte Bemerkungen zum Besten geben konnte, sagte Caron: »Kein Wunder. Ich fühle mich auch, als hätte mir 0040 alle Knochen neu geordnet. Du hast doch nicht weniger einstecken müssen. Weshalb bist du eigentlich noch so fit?«
»Eigentlich wollte ich es niemandem erzählen und du wirst mir wahrscheinlich kein Wort glauben, aber Azote hat mich bei unserer letzten Begegnung geheilt.«
Bei so viel schnörkelloser Wahrheit musste Caron seine Überraschung nicht spielen. »Er hat dich geheilt? Warum ...? Ich meine ... wie ist es dazu gekommen?«
»Ich habe keinen verfluchten Schimmer. Wir hatten kaum zwei Worte gesprochen, da packte er meinen Arm und fing an zu brummen. Erst hat es wehgetan und ich wollte mich befreien, konnte aber nicht. Mein Körper wurde auf einmal angenehm warm, dann ließ er mich los und ich fühlte mich wie neugeboren. Auch hinterher noch. Aber bei dem Gedanken, dass ich das unserer Narbenfresse verdanke, könnte ich kotzen.«
»Kein Einschreiten durch Adamanto?«
»Das Dämmfeld wurde erst aktiviert, als der Spuk schon vorbei war.«
»Und Azote hat dir noch nicht einmal einen Grund genannt?« Venlok schüttelte den Kopf.
»Eigenartig.«
Sie betraten die Umrüstkabine. Caron ging zu seiner Inventarkiste, die an der Wand eingerastet war, und befestigte den Lokalisationschip. Er rätselte darüber, ob Venlok ihm absichtlich etwas verschwieg, ob dies Azotes Weg war, Zwietracht in ihrem Trupp zu säen oder ob es eine Mischung von beidem darstellte.
—
DMK 0040 ging hinter einem Schweberwrack in die Hocke. Er erledigte die beiden Kutten in den Fenstern der projizierten Gebäudefront mit ein paar präzise gezielten Schüssen aus seinem Unterarmblaster.
»Häusersturm Hexerstufe sechs«, und Caron kam sich vor wie ein Stichwortgeber des Automatons.
Er wollte gerade den Armschild hinter einem Schutthaufen vorstrecken, da wies der Dark-Magic-Killer ihn an: »Unten bleiben!« Der Maschinenmensch selber stellte sich hin, übernahm das Deckungsfeuer auf links und rief dann: »Lauf!«
»Warum nehme ich Befehle von einem Automaton an?«, fragte sich Caron, feuerte, ohne zu gucken über den Haufen, und rannte los.
Bei diesem Schwierigkeitsgrad waren es zwei Feuersäulen, die auf ihn zurollten. Seine Visierbrille zeigte sogar die Silhouetten der beiden gestikulierenden Kapuzen, die dafür verantwortlich waren. Kaum hatte Caron sich im Schatten einer verfallenen Mauer in Sicherheit gebracht, lenkten die Hexer die Flammen aus ihren Händen dem Automaton entgegen. Der Erste wurde schneller von den Mikrosprengköpfen des DMK-Rocketspitters in Stücke gerissen, als er schreien konnte. Dem Zweiten gelang es zwar, den Automaton mit seinen Flammen einzuhüllen, der fächerte jedoch bloß seinen Armschild auf und feuerte mit dem Repetierblaster zurück. Mit zerlöcherter Kutte kippte der menschliche Schattenriss nach hinten und der Flammenteppich verging.
Der Automaton schickte ohne zu zögern eine schwere Rauchgranate in das Gebäude.
Als die Okkulten rausliefen, schleuderte er einen Todesdiskus hinterher. Nach einer fiesen Splitterdetonation krümmte sich die Hälfte von ihnen blutüberströmt auf dem Boden. Der Rest hatte Schutzschilde gewebt und sich so vor einem grausamen Tod bewahrt. Unter ihnen war auch der Zirkelmeister.
Endlich konnte Caron sich ins Spiel bringen. Seine Klinge würde einen Todestanz zwischen den restlichen Magiern veranstalten. Von denen würde nicht mehr viel übrigbleiben, das der DMK noch bekämpfen konnte, schwor Caron sich.
In seinem Rücken setzte der Kampfdroide sich polternd in Bewegung.
Ein Schatten flog über Carons Kopf.
Was immer die fünf verbliebenen Okkulten mit ihren Schutzschilden abwehren konnten, die Betonbrocken, die ihnen der Kampfdroide nun mit ächzenden Rumpfdrehungen entgegenschleuderte, schafften sie nicht.
Noch bevor Caron in Säbelreichweite war, lag vor dem Gebäude ein Haufen Geröll, unter dem sich nichts mehr regte. Lediglich ein kleiner Brocken kullerte von seiner Spitze herab in den Staub. Caron stand mit offenem Mund vor dem Werk der Vernichtung. DMK 0040 stellte sich neben ihn, stemmte die Metallhände in die Hüften und sah zu den Fenstern hoch.
Der Kugelblitz, der durch eine der blinden Scheiben klirrte, hätte von Caron im wahren Leben nichts weiter als ein Paar verkohlter Plattenstiefel übrig gelassen. Doch hier in der Holoarena bewahrte ihn der vorschnellende Schildarm von 0040 bloß vor dem Abbruchquäken.
Beiläufig beförderte der Automaton eine Brandgranate in das Fenster. Die Übung war beendet.
0040 drehte den Kopf nach unten. Warum sah Caron ein unverschämtes Grinsen in der unbeweglichen Gesichtsplatte?
»Simulation beendet!«, war alles, was von Capitan Raposa über Funk kam, dann versetzte sich der DMK wieder in den Ruhemodus.
—
»Irgendetwas ist faul an dir«, murmelte Caron. Er umrundete die Holosäule, in der 0040 stand, und inspizierte jedes Einzelteil an dem Metallhünen. Auf den zylinderartig angeordneten Anzeigen des Holofelds mochten alle Systeme als störungsfrei angegeben werden und die Datenfluktuationssignale in regelmäßigstem Rhythmus piepen, aber Caron wusste dennoch, dass der Automaton bestimmt nicht so funktionierte, wie sein Vater es in Auftrag gegeben hatte.
Der DMK befand sich im Stand-by und da Caron nicht wusste, was er aufzeichnete und wer es mitbekam, sparte er sich weitere Kommentare. Für sich vermerkte er, dass es im Achselgelenk eine Stelle gab, in die der Scimitar-Säbel ungehindert bis an die Torsomotoren dringen konnte. Etwas, das er bisher aus jedem Schwachpunktprotokoll herausgehalten hatte und das er auch erst erwähnen würde, nachdem er herausgefunden hatte, was ihn so an Kesslers Kampfdroiden störte.
»Was treiben Sie denn hier, Kadett Salvador?« Capitan Raposa war in die achteckige Kammer getreten. Caron nahm sofort Haltung an und führte den Sinistragruß aus.
»Verbindungsingenieur Barnes hat mich nach dem letzten Durchgang hierhergebracht, Capitan. Bevor er vor fünf Minuten verschwand, hat er gesagt, ich solle in meiner Funktion als Truppführer Araca 2 eine neue Einweisung erhalten. Allerdings ist er bis jetzt noch nicht wieder zurückgekehrt.«
»Was immer Barnes vorhat, es muss warten. Capitan Adamanto hat Ihren Trupp zum Bunker zurückbeordert. Worum es geht, kann ich Ihnen nicht sagen; nur, dass es keinen Aufschub duldet. Sie sollen sich umgehend auf einem für Ihr Team bereitstehenden Transporter der Guardia-Klasse melden.«
»Auf Ihre Order, Capitan.«
Sie seufzte. »Dann werde ich wohl in der Zwischenzeit mit den Kadetten aus den anderen Jahrgängen alleine weitermachen müssen.«
Caron wollte eigentlich sofort zur Guardia gehen, hielt aber irritiert inne.
»Dieser dämliche Gesichtsausdruck steht Ihnen gar nicht, Kadett. Ich wollte damit nur zum Ausdruck bringen, dass Sie und Ihre Truppe sich meiner Einschätzung nach ganz vorbildlich schlagen. Lassen Sie sich vom guten Furybund nicht zu sehr ärgern, kommen Sie so bald wie möglich wieder zurück und jetzt sehen Sie zu, dass Sie zu Ihrem Schiff kommen, sonst startet es noch ohne Sie.« Erst kniff Raposa ihm ein Auge, dann lachte sie sogar, als er sich zum Ausgang wandte.
Mochten Kessler und Azote sich noch so geheimnisvoll geben, irgendwann kam er ihnen auf die Schliche, aber Frauen ... Frauen würde er nie ganz verstehen.
—
»Ich dachte, es geht zurück zum Bunker«, merkte Jayd nach einem Blick durchs Bullauge der Bordmesse an.
»Das hat Capitan Raposa jedenfalls gesagt«, erwiderte Caron. Vom Serviceautomaton hinter der Messentheke nahm er einen flüssigen Aufputscher entgegen und setzte sich zu Araca 2 an den Tisch. Jayd gesellte sich zu ihrem eigenen Trupp.
»Dieser Kurs führt nicht zurück zum Centro Sinistra. Wir fliegen nach Norden.«
Felis rückte näher an Caron heran. »Wenn du es sagst.«
Navaja nickte und brummte: »Man sieht es am Schattenwurf der Gebäude.«
Caron konnte die Ruhe ihres Scharfschützen nicht teilen. Wurden sie vielleicht gerade in eine Falle gelockt? Vielleicht versuchte Kessler, sie loszuwerden, wollte an ihrer Stelle ein weniger neugieriges Testpersonal wissen. Aber nein. Das wäre viel zu auffällig und schließlich war seine eigene Tochter an Bord.
Die Stimme des Capitans der Guardia 54 tönte aus dem Lautsprecher: »Auf Order von Capitan Adamanto sollen alle Kadetten sofort im großen Frachtraum antreten. Ich wiederhole: Alle Kadetten sofort im großen Frachtraum antreten.«
Venlok stutzte. »Ist der Capitano doch an Bord?«
»Das tut nichts zur Sache. Ab mit unseren Ärschen ins Unterdeck!«, scheuchte Caron seine Compañeros hoch, hatte aber kein gutes Gefühl dabei.
Der große Frachtraum der Guardia 54 sah aus wie eine verkleinerte Version des Flugdecks der Vindicta. Allerdings parkten keine Lander neben dem Antretkarree, sondern lediglich zwei schnittige Scoutgleiter. Hier gab es auch nicht die Annehmlichkeit von Umrüstkabinen. Die Inventarkisten der Aracas waren in simple Regale geschnallt.
Jayd und Caron ließen ihre Trupps dem Codex Sinistra gemäß antreten und bauten sich vor ihnen auf. Aber es kam kein Vorgesetzter, dem sie hätten Meldung machen können.
Stattdessen tönte wieder die Stimme des Schiffscapitans durch den Lautsprecher. »Großer Frachtraum: Achtung! Alle festhalten!«
Mit einem protestierenden Heulen wurden die Schottflügel der Außenhülle auf einmal gegen den Flugwind aufgedrückt. Caron taumelte gegen Jayd, griff instinktiv um ihre Taille und klammerte sich dann mit ihr zusammen an die Nase eines Scoutgleiters.
»Was bei der Wahrheit ...?« Der kalte Wind riss ihm die Worte aus dem Mund. Sollten sie ohne Gleitschirm aus dem Schiff befördert werden? Aber warum dann die Warnung?
Die Helligkeit von draußen wurde abrupt von etwas Großem blockiert. Mit chirurgischer Genauigkeit schob sich ein Bomber seitlich in den Frachtraum. Das Schiff mit dem Camouflagemuster war vielleicht einen Arm kürzer als die Schottöffnung breit, doch der Pilot brachte es vor der Appellzone runter, ohne irgendein herabhängendes Kabel zu berühren oder einen Staucontainer umzustürzen.
Jayd lächelte Caron an, befreite sich aber schnell wieder aus seinem Griff. Er zog sich die Uniform unter dem Brustpanzer glatt, um wieder Haltung anzunehmen.
Der Frachtraum schloss sich. Das Rauschen des Windes wurde vom nachlassenden Dröhnen heruntergefahrener Triebwerke abgelöst. Nachdem die Deckplatten von den Abwurfschächten geworfen worden waren, falteten sich Gunsmith und Rampage aus den Schächten. Die beiden Munitionsautomatons griffen ihre Waffen und Backpacks aus dem Stauraum zwischen den Schächten. Danach verblieben sie mit hängenden Schultern im Bereitschaftsmodus.
Kein anderer als Capitan Adamanto kletterte aus dem Cockpit des klotzigen Bombers. Nachdem er seinen Pilotenhelm auf den Sitz fallen gelassen hatte, zeigte er eine Miene, die noch niemand der Anwesenden je an ihm gesehen hatte. Ganz offensichtlich schien er seinen Auftritt in vollen Zügen zu genießen.
»Araca 2 und 3 melden sich auf Ihre Order, Capitan«, rief Jayd, die sich schon wieder gefangen hatte.
»Sehr schön«, antwortete der Capitan. »Kommen wir direkt zu den Fakten.«
Er warf den Aracas eine dreieckige Scheibe vor die Füße, die eine Holofläche in die Luft projizierte. Ein mobiler Kommandostand.
»Meine Damen und Herren Kadetten, Sie befinden sich auf der Mission zur Ergreifung des Rekrutierers Sterling Crane. Crane hat sich höchstwahrscheinlich der Verschwörung gegen unseren Dynasten, dem Kontakt zu einem okkulten Zirkel und somit des Hochverrats an Trentagon schuldig gemacht.« Das schräge Konterfei des Rekrutierers erschien vor ihnen. »Cadetto Malico und Cadetto Salvador ist es gelungen, Crane als den Kontakt zu identifizieren, der Veloso Flask mit fast siebzig Prämienhunden in Verbindung bringt, die unter bislang ungeklärten Umständen verschwunden sind. Nach einem Fahndungsaufruf durch mich haben unsere Scoutjäger Cranes Lager einhundertfünfzig Kilometer südwestlich der Nordfrontmitte ausfindig gemacht.«
Eine Übersichtskarte erschien. Darauf blinkte ein rotes Quadrat vor einem kleinen Gebirgszug.
»Crane hält dort, wie für einen Rekrutierer zu erwarten, regelmäßige Konferenzen mit Prämienhunden und Söldnergruppierungen ab. Um das Chaos nicht ganz so groß werden zu lassen, werden wir ihn uns in einem Moment packen, in dem er sich eine Pause von diesen Aktivitäten gönnt. Salvador und Kessler! Sie folgen mir in die Offiziersmesse zur Besprechung. Von den anderen erwarte ich, dass Sie sich sofort mit den Missionsparametern vertraut machen. Ich will noch vor der Landung in Caguán einen vernünftigen Plan hören, der Crane an einem Stück in unsere Hände bringt.«
—
Caron saß auf einem Stamm und streckte ihrem Munitionsträger einen Stock entgegen. Erst tat er so, als würde er ihn fallen lassen, dann griff ihn sich aber immer in der letzten Sekunde mit der anderen Hand.
Währenddessen kaute Roscoe Venlok auf irgendeinem gelben Halm herum und starrte durch seine mit einem Sichtverstärker versehene Visierbrille. »Ich kann weder Beobachtungsposten noch sonst irgendwelche Überwachungssysteme ausmachen. Der Kerl scheint sich entweder ziemlich sicher zu fühlen oder er hat das alles gut versteckt.«
»Vermutlich rechnet er hier draußen mit keinem Angriff«, merkte Malico an.
»Sei dir da mal nicht zu sicher. Capitan Adamanto hat uns Häuser- und Straßenkämpfe bis zum Abwinken trainieren lassen, aber auf einen Geländekampf sind wir kaum eingestellt.«
Navaja schaltete sich ein. »Da ist nichts. Sonst wäre es mir aufgefallen.«
»Ohne Sichtverstärker?«
Navaja schaute Venlok an, als müsse er überlegen, ob sein Compañero eine Antwort wert war, und sagt dann: »Ich war Späher an der Nordfront. Fünf Jahre lang.«
»Noch ein Kriegsheld. Was für eine Überraschung.«
»Ruhe, Kadett Venlok«, kam es über Funk vom Capitan. »Bis auf Sie scheinen hier alle gut genug vorbereitet zu sein. Und jetzt halten Sie sich besser im Hintergrund und überlassen Ihren Compañeros das Beobachten. Wenn Crane Ihre Schulterbatterien genauso gut sehen kann wie ich von hier hinten, dann schickt er Ihrem Trupp gleich einen Seismo-Mörser gegen den Hügelkamm.«
Venlok spuckte den Halm ins hohe Gras und überließ es Felis, Malico und Navaja, die ausgedehnte Talmulde vor der Anhöhe zu sondieren, auf der Crane sein Lager aufgeschlagen hatte. Er setzte sich zu Caron und Gunsmith auf den Stamm unbeobachtete Carons Spiel mit dem Stock. Nach einer Weile fragte er: »Was soll denn das geben, wenn es fertig ist?«, fragte Venlok.
»Ein Experiment. Ich habe Gunsmith angewiesen, sich den Stock zu schnappen, sobald ich ihn loslasse.«
»Aber du lässt ihn ja nie los.«
»Das ist das Experiment.«
»Und was erwartest du, das passiert?«
»Nichts.«
»So viel Langeweile möchte ich auch mal ...«
»Zurück, Araca 2! Alle in Deckung!«, rief Jayd. Ihr Trupp näherte sich von der gegenüberliegenden Hügelseite. »Wir orten ein Schiff!«
Caron und seine Compañeros robbten, so schnell es ging, unter die Nadelbäume. Keine zwanzig Sekunden später wurden Triebwerksgeräusche von der vor ihnen liegenden Gebirgskette zurückgeworfen. Erst, als sie verstummt waren, befahl Caron: »Alte Positionen wieder einnehmen!«
Nun schlich er sich mit den anderen zum Hügelkamm und setzte ebenfalls den Sichtverstärker ein.
»Können Sie erkennen, wer da angekommen ist, Araca 3?«, wollte Adamanto wissen.
»Negativ«, antwortete Jayd. »Wir sehen von unserer Seite nur die westliche Hälfte des Lagers.«
Caron konnte aushelfen. »Das Landefeld liegt östlich und die Hügelkette, der ihr folgt, verbirgt ein Stück davon. Da stehen jetzt zwei Schiffe. Moment ... aus dem vorderen Transporter kommen ein paar Typen. Söldner. So um die zehn Mann. Sie werden von einer einzelnen Person und zwei Kampfautomatons begrüßt.« Er schaltete auf maximale Vergrößerung. »Der zwischen den Droiden muss Crane sein. Nun gehen sie zu den Zelten.«
»Dieser Crane schämt sich auch kein bisschen.« Malico gluckste. »Sein ›Empfangsraum‹ sieht vielleicht heruntergekommen aus. Das Tarnnetz ist mit Decken geflickt, die Windplatten hängen schief und warum er das Lüftungsgitter vorm Giebel gelassen hat, obwohl das Zelt vorn sowieso offen ist, weiß wahrscheinlich auch nur er selber. Ich wette, dass die Automatikstreben das Ding nie im Leben aufgestellt oder abgebaut kriegen.«
Felis lag so nah neben Caron, dass er den Duft ihrer Seifentablette aus der Hygienezelle riechen konnte. »Wenn du dir seine Gäste mal genauer ansiehst, Malico, wirst du feststellen, dass diese Sorte Besuch wohl kaum Wert auf Äußerlichkeiten legt.«
»Prämienhunde!«, kommentierte Malico herablassend. »Na ja, Hauptsache, Cranes stählerne Gorillas sind von der modernsten Sorte.«
Capitan Adamanto wurde ungeduldig. »Kommen Sie mal auf den Punkt. Was treiben die da?«
»Reden«, gab Caron zurück. »Sie haben sich hingesetzt, trinken und diskutieren. Die Automatons stehen Wache. Oha! Navaja? Siehst du, was ich sehe?«
»Was meinst du?«
»Über dem Typen mit den grauen Haaren und dem Ersatzauge.«
»Scorpio!«
»Wie bitte?« Adamanto.
»Crane hat einen Skorpion in einem Metallreifen im Zelt hängen. Sehr dekorativ.«
»Dieser Schwarzblutpisser.«
Caron war sich nicht sicher, ob der Capitan damit Crane oder Azote meinte, dessen Zeichen dies war, aber sonderlich schockierend fand er die Verbindung zwischen beiden nicht. »Kessler, Sie bewegen sich weiter auf Position Beta 3 zu! Salvador, Sie halten mich auf dem Laufenden!«
»Ja, Capitan!«
Caron musste schmunzeln. Er und Jayd versuchten nicht nur, gleichzeitig einander zu retten, sie meldeten sich auch völlig synchron.
Eine Viertelstunde später wurden die Diskussionen in dem Zelt heftiger. Es wurde gestikuliert. Nach einer weiteren Viertelstunde maulte Venlok, weil ihm langweilig wurde.
Dann gab Jayd irgendwann durch: »Araca 3 meldet: Position Beta erreicht.«
Und schließlich, nach etwa einer Stunde, erhoben sich die Gestalten im Zelt, schüttelten sich die Hände und gingen zurück zum Flugfeld.
»Die Konferenz ist beendet. Cranes Geschäftspartner sehen zufrieden aus und verlassen den Ort des Geschehens«, gab Caron an Capitan Adamanto durch.
»Sie gehen wieder auf Tauchstation. Sobald die hier raus sind, beginnt die Party.« Mit einem Klicken öffnete Adamanto einen neuen Kanal. »10. Kompanie, Jägerscouts! Da kommt gleich ein Schiff bei euch durch. Diskret verfolgen und feststellen, wohin die zehn Passagiere verschwinden.«
»Jeder Einzelne?«
»Jeder Einzelne.«
»Verstanden, Capitan.«
Caron robbte unter seinen Baum. »Jägerscouts«, dachte er. Der alte Adamanto behielt doch immer einen Trumpf in der Hinterhand.
Erneut dröhnten Triebwerke durch die Talmulde, ein Schatten huschte über die Baumwipfel und Adamanto befahl: »Araca 2 und 3, vorrücken!«
Bevor sie den Kamm runterschlichen, warf Caron einen letzten Blick auf die Lage.
»Achtung! Ganz so leicht wird es nicht!«
»Wieso?«, wollte Jayd wissen.
»Aus der Höhle hinter den Zelten kommen Männer in Kutten. Dreizehn, wenn ich richtig gezählt habe.«
»Gute Beobachtung, Salvador. Trotzdem vorrücken nach Missionsweisung. Ich bin gleich bei Ihnen, Araca 3.«
»Capitan Adamanto will es heute wirklich wissen«, dachte Caron und führte seine Gruppe in die Mulde.
—
»Position Gamma erreicht, Capitan. Gehen vorerst in Stellung.«
»Hier Capitan Adamanto. Auf welchen Bereich können Sie einwirken, Kessler?«
»Wie befohlen haben wir uns so positioniert, dass schwere Waffen und Scharfschützen freie Schussbahn auf das Besprechungszelt, das gelagerte Material unter den Tarnplanen und den Eingang der Höhle haben.«
»Gut so. Was treibt unser Freund?«
»Hockt vor einer Arbeitsstation im Besprechungszelt, trinkt weiter und unterhält sich mit irgendwem via Übertragungsgabel. Tiegro hat schon versucht, das Gespräch zu hijacken, aber die Frequenz ist zu gut verschlüsselt. Könnt ihr erkennen, mit wem der Kerl da verhandelt, Caron?«
»Negativ«, antwortete der und war froh, dass Jayd ihn ansprach, obwohl sich der Capitan jetzt seinem Trupp angeschlossen hatte. »Cranes Kopf ist im Weg. Malico ist auch nicht schlauer als Tiegro.«
»Was schlagen Sie vor, Salvador?« Wenn die vielen Schrammen auf seiner Rüstung nicht gewesen wären, hätte man den Capitan unter seinem Helm glatt für einen ganz normalen Sinistra halten können. Aber da Adamanto es ja auch ablehnte, das vernarbte Fleisch seiner Kopfhaut nachklonen zu lassen, konnte Caron sich mittlerweile vorstellen, was sein Vorgesetzter damit zum Ausdruck bringen wollte.
»Als Erstes würde ich Venlok und Gunsmith anweisen, den Antrieb des Schiffes auf dem Landeplatz in heißen Schrott zu verwandeln. Damit hat sich eine Flucht für den lieben Crane schon mal erledigt. Kadett Kesslers Trupp sollte gleichzeitig bereit sein, alles, was aus der Höhle kommt, auszuschalten, während wir das Lager einnehmen.«
»Mitbekommen, Araca 3?«, wollte Adamanto wissen.
»Jedes Wort.«
»Sobald der Befehl zum Zugriff erfolgt, wissen Sie, was zu tun ist. Ihre Gunner und Scimitare stoßen zum Lager vor, sobald Araca 2 stürmt!«
Es brauchte etwas weniger als eine halbe Stunde, um alle Einheiten optimal zu platzieren. Nachdem Capitan Adamanto im geöffneten Bildschirm seines Unterarmpanzers jeden Kadetten auf »Go« geschaltet hatte, überließ er Caron das Angriffssignal.
»Venlok, Gunsmith: Feuer!«
In einer Aufwärtskurve jaulten zwei Raketen auf das kleine Flugfeld im östlichen Teil des Lagers zu und schlugen in die Antriebssektion des dort abgestellten Transporters. Das Schiffsheck wurde von einer glühenden Wolke zur Seite geschleudert. Die Detonation ließ es ein Stück über den Platz schrammen. Vor der Felswand, die das Flugfeld nach hinten abgrenzte, blieb es brennend liegen.
Crane stieß seinen Feldhocker beim Aufstehen um. Als er die ersten Sinistras zwischen den Bäumen der Talmulde erkannte, riss er sein Rechenboard aus der Energieversorgung, verstaute es eilig in dem Containerwürfel unter seinem improvisierten Schreibtisch und schickte die Kampfroboter aus dem Zelt.
Was immer sich unter den Tarnplanen befunden hatte, es wurde in einem Flammeninferno vernichtet, das Cranes Zeltstangen aus der Verankerung riss und ihn von der Anhöhe herunter in die Böschung warf.
Die schweren Geschütze von Araca 3 waren im Spiel.
»Jetzt kriegen wir diesen Crane an den Cojones«, dachte Caron. Der rattengesichtige Rekrutierer lag weit von seinen Beschützern entfernt auf dem Boden.
»Haltet die Droiden beschäftigt!«, rief Caron. Er hetzte mit ausgefahrenem Armschild und summendem Säbel die Böschung hoch.
Mit dem vollständig ausgeklappten Waffenarsenal sahen die beiden Kampfautomatons aus wie aufrecht stehende Spinnen. Sie spuckten ihren Feinden alles an Munition entgegen, was sie in sich hatten. So warfen sich Caron und Malico einem wahren Feuersturm entgegen und auf ihre mittlerweile perfekt geführten Armschilde prasselten Dreckbrocken und Lasergeschosse ein. Caron war nicht mehr zu halten, doch Malico wurde am Knie getroffen und fiel zurück.
»Mehr Deckungsfeuer auf rechts!«, brüllte Caron.
Der Kopf des rechten Automatons wurde auf einmal herumgerissen. War das Navaja oder Penalty, Jayds Scharfschütze, gewesen? Infolgedessen rotierte der Androidentorso unkontrolliert und verteilte seine Projektile in jede Richtung. Bevor er seinen Kollegen ernsthaft beschädigen konnte, schoss der ihn kurzerhand in Stücke. Dafür sprengte Venloks Rocketspitter ihm gleich darauf den Waffenarm ab.
»Ha!«, jubelte der und kam mit Gunsmith von hinten heran.
Wäre Adamanto an Felis´ Seite nicht so beschäftigt gewesen, hätte sich der voreilige Roscoe bestimmt wieder einen Rüffel eingefangen. In den Händen des Capitans waren mittlerweile zwei schwere Howlbarrel-Blaster aufgetaucht. Mit beiden Läufen versuchte er, dem Droiden den Rest zu geben.
Caron hatte Crane jetzt fast erreicht ...
Da prallte er gegen eine Wand und landete rücklings im Dreck. Aber vor ihm war doch nichts ...
»Araca 3? Schlaft ihr? Aktivitäten bei der Höhle! Ein paar Okkulte bauen telekinetische Barrieren auf, verdammt noch eins.« Adamantos Freude über die beiden vernichteten Droiden hatte sich schnell in Ärger aufgelöst.
»... eindkontakt ... Mann verletzt ...«, drang Jayd bruchstückhaft aus dem Helmlautsprecher.
Caron traute seinen Augen nicht. Die Barrieren waren noch längst nicht alles. Direkt vor ihm wuchs ein Mann in schwarzer Robe aus dem Boden und half dem wieder zu sich kommenden Crane auf die Beine.
»Der Containerwürfel«, krächzte Crane. Sie stolperten hinter dem schwarzmagischen Schutzschirm zurück zur Anhöhe.
Oben, vor dem zerstörten Zelt, standen vier wild mit den Armen fuchtelnde Hexer und verbanden ihre Schilde zu einem einzigen großen. Man erkannte ihre Bemühungen daran, dass jedes abgefangene Projektil eine Entladung über die unsichtbare Sphäre jagte. Araca 2 und Adamanto entfachten ein fulminantes Blitzgewitter, das den Kapuzen den Schweiß auf die Stirn trieb. Doch ihre Kräfte hielten stand.
Malico riss an Carons Arm. »Komm hoch! Wir müssen weiter!«
»Aber dein Knie ... und der Schild!«
»Die Wunde ist nicht groß. Ich habe die Notgelenkverstärkung drangeklippt. Und denk an unsere dritte Stunde Theorie: Nur langsame Moleküle diffundieren durch magische Barrieren.«
Das bedeutete, dass sie nicht mehr laufen, sondern nur noch gehen durften. Etwas, das Caron mitten im Gefecht gar nicht behagte. Felis war schneller neben ihm und Capitan Adamanto schneller vor ihm, als er gucken konnte. Zu siebt drückten sie sich durch einen selbst mit der Brille nicht zu erfassenden Widerstand.
In der Zwischenzeit durchsuchten Crane und zwei Kutten fieberhaft die Trümmer. Kurz bevor Araca 2 es geschafft hatte, verschwand der Schild und nur Adamanto strauchelte nicht nach vorn.
»Schnappt sie euch!« Zur Betonung des Befehls ließ er die beiden Howlbarrels sprechen.
Caron rief Felis und Malico zu: »Wir müssen diesen Containerwürfel kriegen. Er scheint wichtig zu sein.« Erneut warfen sie sich den Okkulten entgegen.
Der Erste wischte Felis telekinetisch zur Seite und wehrte gleichzeitig einen Schuss von Navaja ab. Der Zweite begegnete Caron und Malico mit einem Kampfstab, der in zwei gekrümmten Klingen auslief.
Caron duckte sich weg und wollte den Stab in der Mitte durchschlagen, aber das Material widerstand. Und der Kerl war gut. Wo immer Caron und sein Scimitar-Compañero hinschlugen, eine seiner Klingen war vorher da.
»Kampftrance«, dachte Caron, als er die glasigen Augen unter der Kapuze sah.
Adamanto feuerte auf alles, was sich bewegte, doch die Kutten hatten einen neuen, kleineren Abwehrschirm um sich und die Säbelkämpfer gezogen. Felis drückte sich gerade hindurch.
Der erste Hexer wollte Caron jetzt mit einem bösen Kugelblitz den Garaus machen, doch Felis verhinderte dies. Geistesgegenwärtig drehte sie sich in den Blitz hinein und er verging zusammen mit ihrem Mantel in einem Feuerball.
Malico wich erschrocken zurück, Caron hingegen sah seine Chance. Von unten nach oben rammte er dem Kontrahenten den Säbel in den Bauch.
Adamanto war unterdes ebenfalls durch den Schirm hindurch. Er erwischte den Kugelblitzer mit zwei Schüssen in die Brust.
In diesem Augenblick hatte Crane seinen Würfel gefunden. Er umschloss den Tragegriff, als ginge es um sein Leben, und die Hexer nahmen ihn in ihre Mitte. Langsam, um die Aufrechterhaltung ihrer Abwehr bemüht, zogen sie sich zurück.
»Sie dürfen nicht in die Höhle kommen!«, brüllte Capitan Adamanto.
Venlok machte einen Seismo-Mörser klar.
Caron schrie: »Nicht! Crane und der Würfel!«
Aber Venlok schoss den Seismo über die Kapuzen der Hexer und der krallte sich oberhalb der Höhle ins Gestein.
»Gunsmith! Magnetharpune! Hol den Würfel!« Caron hoffte, dass ihr Automaton noch früh genug reagierte, denn nun ging alles blitzschnell.
Der Schirm fiel, weil sich nun alle Kapuzenträger umdrehten, um in die Höhle zu laufen.
Dann ging der Seismo hoch und das gesamte Areal erzitterte in einem dumpfen Rumpeln.
Unter dem ausgelösten Geröllschlag hindurch versuchten sich die Hexer so weit ins Innere des Berges zu retten, wie es ging. Dabei sirrte ein Magnetbolzen aus Gunsmiths Waffenarm durch ihre Roben. Der Automaton zerrte das Harpunenseil unverzüglich wieder zurück. Ein allgemeiner Aufschrei war die Folge.
Die Hexer starben schreiend unter dem herabstürzenden Gestein im Höhleneingang. Crane brüllte. Er klammerte sich immer noch mit aller Kraft an den Würfel und zusammen damit wurde er aus dem Pulk gerissen, zog in seiner Panik sogar noch einen der Okkulten mit sich.
Venlok sah, was geschah, und feuerte mit einem »Viva Verdad!« auf den Lippen einen weiteren Torpedo in den Höhleneingang.
Genauso schnell, wie tödliche Steingeschosse versprengt wurden, stob Araca 2 auseinander. Nur Venlok blieb stehen und lachte wie verrückt. Man hörte sein Gelächter sogar noch, als Caron und der Rest sich aus ihren flüchtig ausgesuchten Deckungen wieder erhoben. Und auch wenn sie alle kurz vor Schluss nochmal auf dem Arsch gelandet waren, konnte niemand Carons Freund böse sein, noch nicht einmal Adamanto. Denn zwischen rauchenden Trümmern und brennendem Gras lagen der Zirkelmeister, Sterling Crane und sein offenbar so wichtiger Containerwürfel.
»Capitan?«
»Cadetta Kessler? Wo sind Sie abgeblieben? Ihr Trupp hat den Hauptteil der Party verpasst.«
»Nachdem Shrouk und Rampage das Lager zerlegt haben, sind wie aus dem Nichts sechs Kutten vor uns aufgetaucht.«
»Verluste?«
»Wishny hat einen Arm verloren, ist aber so weit stabil. Von der Gegenseite gab es mal wieder keine Gefangenen. Tut mir wirklich leid.«
»Nicht weiter tragisch. Gut, dass ihr alle noch lebt. Verlegen Sie Ihren Trupp, so schnell es geht, an Position Zero. Wir haben hier jemanden zum Verhören.«
—
Crane und der ebenfalls bewusstlose Kuttenträger wurden Rücken an Rücken auf zwei verbogene Stühle gefesselt. Dem Rekrutierer verklebte Blut die Haare und die rechte Gesichtshälfte, aber er lebte. Malico hockte daneben und machte sich mit dem Datenbewahrer am Codecschloss des Containerwürfels zu schaffen. Seinen eigenen Rekord im wütend Dreinblicken übertreffend, schlug Capitan Adamanto Crane kräftig ins Gesicht. Der stöhnte und schlug die Augen auf.
»Guten Morgen! Sterling Crane, früherer Prämienhund, jetzt Rekrutierer, verantwortlich für das Verschwinden von über sechzig Söldnern ... und nicht zu vergessen: neuerdings Hexerfreund. Das sieht aber ganz finster aus. Wir werden im untersten Keller des Bunkers eine Extrazelle für dich freimachen.«
»Sie können mir gar nichts beweisen, Sinistra.«
»Ich muss dir auch nichts beweisen, Abschaum! Du musst mir beweisen, dass du es verdienst, deine jämmerliche Existenz fortzusetzen.«
Crane schwieg trotzig.
Felis sprang vor. »Wenn dieser Drecksack auch nur im Entferntesten etwas mit Martills Tod zu tun hat, dann geben Sie mir drei Minuten mit ihm, Capitan, und er singt jedes Lied, das wir hören wollen.«
»Immer mit der Ruhe, Cadetta.« Adamanto hielt sie mit einem Arm zurück. »Wenn er nicht kooperiert, dürfen Sie mit seinen Resten spielen. Aber er wird schon zur Vernunft kommen.« Zu Crane sagte er: »Erste Frage: Was treibt ihr hier? Zweite Frage: Was ist da so Wichtiges in deinem Containerwürfel?«
Cranes Nase zuckte im schmutzigen Gesicht. »Erste Antwort ...« Er spuckte vor Capitan Adamanto auf den Boden. »Zweite Antwort: Rührt den Container an und verabschiedet euch von euren Ärschen.«
»Wie weit sind Sie mit dem Ding, Kadett Malico?«, wollte Adamanto wissen.
»Hab den Riegelcode gleich dechiffriert. Kinderspiel.«
»Lassen Sie den Deckel noch drauf.«
»Ja, Capitan.«
»Nun wieder zu dir, Rattenjunge! Antwort eins: falsch!« Er zog einen Howlbarrel aus dem Holster. »Antwort zwei: Danke für die Warnung, aber deine teuren Dreifachsicherungen sind für unseren Malico hier bessere Rätselbeilagen. Warum sollten wir uns also Sorgen machen?«
»Sobald Deckel und Boden über einen bestimmten Winkel hinaus geöffnet werden, muss ich meinen Finger auf ein verstecktes Scanfeld legen. Mach ich das nicht innerhalb von zwei Sekunden oder jemand mit einem anderen Fingerabdruck vergreift sich daran – Bumm! ... Und es bleibt von uns bloß noch ein rauchender Krater.«
Caron fragte sich, ob Crane die Wahrheit sagte oder ob er bluffte. Wahrscheinlich war er sich nur sehr sicher, dass man ihn lebend brauchte.
Malico meldete: »Die Schlossbolzen sind unten.«
»Okay. Treten Sie zurück.« Nun zog Adamanto mit der freien Hand sein Messer. »Ich schneide dir jetzt einen Finger ab. Du wirst mir sagen, welchen und wo Malico ihn hinlegen muss.«
»Am Arsch.«
Der Capitan setzte den Lauf des Howlbarrels auf Cranes Knie. »Auf welchen Körperteil kommt es dir denn am wenigsten an? Ein Ohr? Deine Zehen? Oder einen ganzen Fuß?«
Crane presste die Lippen zusammen und schloss die Augen. Irgendwie hatte Caron diese Reaktion befürchtet. Dem Rekrutierer war egal, ob sie alle in einem Feuerball vergingen oder ob man ihn vorher noch verstümmelte. Er würde sein Schweigen nicht brechen. Warum tat er das? Sehr tapfer wirkte der kleine Mann nicht. Plötzlich wurde Caron einiges klar.
»Mit Verlaub, Capitan?«
»Kadett Salvador. Hätten Sie einen Vorschlag, welches Stück von Rekrutierer Crane wir als erstes an die hiesigen Raubtiere verfüttern sollen?«
»Das nicht. Aber ich glaube, dass sich die Angelegenheit auch ganz bequem und unblutig regeln lässt. Wir sollten einfach bei Ihrem ursprünglichen Vorschlag bleiben, Capitan.«
Offenbar konnte Adamanto nicht folgen, deswegen fuhr Caron schnell fort: »Wir überführen ihn in den untersten Arrestkorridor des Vollzugslevels und er kann sich dort eine Zelle mit dem einzigen Insassen teilen ...« Adamantos Miene hellte sich auf. »... und dem großen dunklen Oberzirkler Azote dann persönlich erklären, warum er sich von uns hat erwischen lassen.«
Cranes Augen bekamen die Größe von Untertassen. Adamanto ließ Messer und Blaster wieder verschwinden.
»Eine hervorragende Idee, Truppführer 2! Bereiten Sie die Gefangenen zum Abtransport vor.«
»Ja, Capitan.«
»Nein, Capitan!«, fuhr Crane dazwischen. »Verdammte Scheiße, Sie haben Ihren Deal! Wenn Sie mich einlochen, dann weit weg von denen da.« Er ruckte mit dem Kopf in Richtung seines Mitgefangenen. »Sollte man mir Normalvollzug garantieren und Azote vom Hals halten, öffne ich den Container für Sie und packe über alle Aktivitäten aus, von denen ich weiß.«
Adamanto steckte auch den Howlbarrel weg und tätschelte Cranes Hinterkopf. »Braver Junge. Wenn du auf deine Privatsphäre bestehst, Crane, ist für dich sogar eine schicke Einzelzelle drin. Salvador, Venlok! Abmarschfertig machen, die beiden.«
Venlok schlug Caron anerkennend auf die Schulter und sie gingen ans Werk.
Gerade als sie sich zu Crane runterbeugten, um seine Fesseln zu lösen, erwachte hinter ihm der Zirkelmeister. Er schaute sich desorientiert um, sein Blick fiel auf die Sinistras, dann auf seinen ehemaligen Verbündeten.
»Was tun Sie da, Crane?«
»Nichts, was dich etwas angehen würde«, gab Venlok zurück und stieß den Mann grob mit der Schulter. Adamanto zog ihn sofort an seine Seite.
Der Hexer fauchte: »Sie wollen denen doch wohl nicht den Inhalt des Würfels übergeben, Sie falsche Schlange.«
In diesem Moment kam Jayd mit Araca 3 die Böschung hoch.
»Melden uns auf Ihre Order, Capitan.«
Adamanto hob den Arm. »Sehr gut, Araca 3. Ich kümmere mich gleich um Sie. Wir haben nur gerade eine Bombe zu entschärfen.«
Der Hexer zerrte wie verrückt an seinen Fesseln. »Halten Sie sofort ein, Crane. Das wird Ihnen der Meister nie verzeihen. Im Diesseits nicht und im Jenseits erst recht nicht.« Er drehte den Kopf und musste hilflos zusehen, wie Crane sich vor Caron kniete und den Deckel des Behälters anhob. Plötzlich entdeckte er Jayd. »Sie sind bei den Sinistras?«, rief er überrascht. »Das kann nicht sein.« Mit der Macht der Verzweiflung an seinem Stuhl ruckend, kippte er in Cranes Rücken.
Crane fluchte.
Der Hexer rief aus: »Wir sind alle seine Kinder!«
Jayd sprang vor Caron, Crane wollte sich von dem Hexer befreien, da ging der Container hoch.
Um Caron herum gleißten die Flammen. Er wusste nicht, ob es Jayd oder die Druckwelle war, die ihn nach hinten warf.
—
Er fand sich auf dem Rücken liegend wieder, in seinen Ohren pfiff es. Auf seiner Brust lag etwas, das ihn nicht hochkommen ließ. Er fuhr die verrußte Brille in den Helm und erkannte, dass es Jayd war. Ihr Mund stand leicht offen, der Mantel war verkohlt, ihre Rüstung pechschwarz. Vorsichtig rollte Caron sich auf die Seite und Jayd auf den Boden. Sie atmete noch. Ein Glück.
Um ihn herum kamen seine Compañeros langsam wieder auf die Beine. Irgendwer rief etwas, aber Caron konnte es wegen des Pfeifens in seinen Ohren nicht verstehen. Es musste Navaja gewesen sein, der neben dem regungslosen Malico hockte.
Crane und der Hexer waren tot. Das, was von ihren ungeschützten Körpern übrig war, konnte unmöglich noch leben.
Machtlos und mit Tränen in den Augen rüttelte Caron an Jayd, aber sie wollte genauso wenig wie Malico wieder zu sich kommen. Venlok kauerte neben ihnen und war sich das erste Mal in seinem Leben nicht sicher, was er tun sollte. Tiegro und Shrouk hoben Jayd schließlich an und Venlok zog Caron auf die Füße.
Das Pfeifen nahm langsam ab. Jetzt waren Caron und sein »Kübel« doch noch Freunde geworden. Ohne den Helm wäre er jetzt mindestens taub, wenn nicht gar tot.
Felis brüllte: »Capitan! Das sollten Sie sich angucken.«
Sie hielt einen Gegenstand hoch, den sie aus den Überresten des Containers geholt hatte.
Er war rußgeschwärzt, stark verbeult, aber eindeutig der Kopf eines Dark-Magic-Killers.
Kapitel 13
»Wir müssen aus den vorderen Gräben raus oder unsere Züge werden abgeschlachtet!«
»Hier Commodore Linkin. Die 681. soll sofort auf Position Def-Sigma ausweichen!«
»Rückzug, Soldaten! Rückzug!« Im Ruf des Capitans schwang Erleichterung mit.
Zu den Helmfunkrepros sah der Dynast in seiner inneren Holosäule, wie die Reste der 681. Kompanie ihre Positionen in einem Fiasko aus Rauch und Explosionspilzen aufgaben. Dahinter erkannte man die an Dampfmaschinen erinnernden, unablässig feuernden Schwebepanzer des Feindes und eine geflügelte Gestalt, aus deren Fingerspitzen Flammen schossen. Die verletzt zurückgebliebenen Soldaten schrien auf. Dann brach die Übertragung ab.
»Das war heute Morgen an Abschnitt NF-33. Wohlgemerkt am rückwärtigen Rand der Konfrontationszone«, fasste der Oberste Militäradministrator das Gesehene zusammen. »Wenn wir unsere Kräfte nicht aufstocken, droht an den Abschnitten NF-32 und 34 ein ähnliches Desaster. In der langfristigen Konsequenz könnte das zu einer Spaltung unserer gesamten Streitmacht führen.«
Der Dynast brauchte alles an Kraft, um beherrscht zu antworten.
»Ich sehe das Problem und werde entsprechend reagieren. Verstärkung wird noch vor Ablauf dieser Woche eintreffen. Setzen Sie sich mit der Intendantur in Verbindung, die Versorgungskanäle zur Nordfront erhalten mit sofortiger Wirkung erste Priorität. Das ist so weit alles.«
»Ich danke Ihnen, Dynast. Möge Ihr Tag erfüllt verlaufen.« Das holografische Abbild verblasste. In den Ohren des Herrschers von Trentagon klang der Abschiedsgruß wie blanker Hohn.
Bevor er fortfuhr, gönnte er sich einen tiefen Schluck aus dem Kristallglas vom Hovertischchen neben sich. Dann sortierte er die Verbindung zum Centro Sinistra aus seinem Kontaktraster. Sein Ruf wurde sofort erhört.
»Dynast! Möge Ihnen die Wahrheit gewogen sein«, begrüßte ihn ein Kopf aus derselben Gabel, aus der der Oberste Militäradministrator gerade verschwunden war.
»Oberster Sinistra Mantro. Informieren Sie Coronel Duro! Spätestens morgen benötige ich den Beurteilungsrapport über Kesslers DMKs ...«
—
Was hätte Caron wieder einmal darum gegeben, sich von Adamantos stechenden Augen abwenden zu können. Aber diesmal wäre es einem Eingestehen des eigenen Unvermögens gleichgekommen. »Und ich versichere Ihnen, Capitan, egal, was so ein dahergelaufener Kuttenträger behauptet, man kann Jayd hundertprozentig vertrauen. Steht nicht im Codex Sinistra, dass der Feind mit Heimtücke und Hinterlist arbeitet?«
Der Capitan versuchte weiterhin, ihn über seinen Schreibtisch hinweg niederzustarren. »Wissen Sie noch, was ich Ihnen am ersten Tag hier beibringen wollte? Der Feind schleicht sich in unseren Rücken, überfällt uns hinter einer Maske. Er kann sich im besten Freund verstecken.«
»Jayd gehört nicht zum Feind.«
»Aber ihr Vater scheint ihm überaus nahe zu stehen. Und laut psychologischem Profil hat Jayd Kessler ein sehr enges Verhältnis zu ihm.«
»Capitan.« Caron stützte sich auf Adamantos Schreibtisch.
»Ich bitte Sie. In den letzten Wochen sind mir Zweifel an allem Möglichen gekommen. Malicos Ruf ist alles andere als unbefleckt und Venlok scheint irgendein undurchsichtiges Ding mit Azote am Laufen zu haben. Diesen komischen Barnes und seine DMKs brauche ich wahrscheinlich gar nicht zu erwähnen, aber für Jayd lege ich meine ... Cojones ins Feuer.«
»Möchte ich wetten. Schließlich sind Sie in das Mädchen verknallt und die perfekte, aber einsame Kessler in Sie!« Adamanto hatte sich hingestellt und war nun so laut geworden, dass Caron hoffte, niemand möge gerade an seiner Bürotür vorbeigehen.
»Das tut in diesem Fall nichts zur Sache«, gab er zurück.
Der Capitan schwieg. Schließlich fuhr er leiser fort: »Ich würde Ihnen gerne glauben. Andernfalls wäre Kadett Kessler schon im Vollzugslevel und nicht unter Hausarrest in ihrem Truppraum. Als Sie am ersten Tag hier angestiefelt kamen, Salvador, waren Sie nicht gerade ein Musterbeispiel in Sachen Empathie. Ja, Sie konnten sich seitdem steigern und immerhin sind Sie ein Günstling des Dynasten, aber das hier ist eine Nummer zu groß. Anstatt Ihre Cojones ins Feuer zu legen, sollten Sie lieber aufhören, mit ihnen zu denken.«
Jetzt ließ Caron davon ab, Adamanto zu fixieren und suchte an den kahlen Wänden seines Wohnbüros nach einer Eingebung. Nicht nur, dass Jayd mit einem verletzten Truppmitglied zurückgekehrt war, aufgrund des letzten Satzes dieses verfluchten Zirkelmeisters wurde sie jetzt von ihrem Trupp gemieden und vom Rest der Compañeros verachtet. So wie er sie kannte, trieb sie das in die Verzweiflung. Wie mochte das erst aussehen, wenn man sie tatsächlich arrestieren würde? Und was konnte er nur tun, um Adamanto umzustimmen?
Sein Gegenüber zog den Datenbewahrer aus dem Schreibtisch und machte sich zum Gehen bereit. »Unser Gespräch ist beendet, Salvador. Ich weiß noch nicht, was ich in den Missionsbericht schreibe, und obendrein ist der Befehl eingegangen, dass ich die DMK-Testrapporte so schnell wie möglich ins Innere Zentrum der Macht weiterleiten soll. So wie es aussieht, tritt die Freistellungsorder für die Nordgrenze in Kraft. Die Zeit läuft uns davon.«
»Dann wird Trentagons Sicherheit in die Hände der DMKs gelegt? Das müssen wir verhindern. Gehen Sie zu Duro. Weihen Sie ihn ein!«
»In was? Unsere Beweiskette ist nicht unbedingt lückenlos. Dass wir beide ein mieses Bauchgefühl haben und Sterling Crane und ein paar Kuttenträger einen von Kesslers Roboterschädeln mit sich rumschleppen, heißt gar nichts. Coronel Duro lacht mich aus und Kessler kriegt einen Rüffel wegen der Lücke in seinem Sicherheitssystem. Wenn er gleich einen ›Verantwortlichen‹ vorweisen kann, vielleicht noch nicht einmal das.«
Adamanto wusste immer noch nicht, mit wem er hier eigentlich sprach, dachte Caron und fragte sich gleichzeitig, ob die Zeit für eine Offenbarung gekommen war. Trentagon schwebte eindeutig in Gefahr. Andererseits musste er dem Capitan recht geben. Der eindeutige Zusammenhang zwischen Kessler und Azote war noch nicht hergestellt. Was, wenn Azote genau dieses Chaos bezweckt hatte? Wenn er zusammen mit Kesslers Ruf die letzte Chance auf ein sicheres Trentagon zunichtemachen wollte? Vielleicht hatte er einen Pakt mit dem Feind aus dem Norden geschlossen. Es gab nur einen Weg, das herauszufinden.
Capitan Adamanto wollte durchs Schott nach draußen. »Sie fliegen jetzt mit dem Rest von Araca 2 und 3 zu Raposa und erledigen die letzen Tests an Kesslers Automatons. Ich nehme mir Jayd Kessler zur Brust. Sobald sie auspackt, sind wir auf der sicheren Seite.«
Caron blieb stehen. »Warten Sie, Capitan. Ich weiß was Besseres.«
»Aha.«
»Sie zweifeln meine Menschenkenntnis an – und vielleicht sogar zu Recht. Um Ihre Zweifel zu zerstreuen, werde ich mich jetzt erst mit Jayd unterhalten, danach mit Azote. Sollte es mir heute gelingen, dem Hexer diesen Stein abzuluchsen, bitte ich um nichts weiter, als dass Sie sich meinen Plan anhören.«
Lag da jetzt ein Schimmer von Milde in den stahlgrauen Augen? Adamanto drehte sich wieder zum Ausgang. »Bevor ich Sie allein in Truppraum 3 schicke, erklären Sie mir doch noch, was sich da zwischen Azote und Venlok abspielt.«
—
»Hallo, Jayd.«
Beim Dreietagenbett am Eingang war er stehen geblieben. Sie saß zusammengesunken am Gemeinschaftstisch.
»Caron.« Die Fensterlamellen zeichneten dünne Lichtstriche auf den Tisch und ihr schwaches Lächeln. »Sind wir noch Compañeros?«
»Mehr als das. Sonst wäre ich nicht hier.«
»Die Jungs aus meinem Trupp kommen auch noch rein. Aber nur, um mich zu begaffen. Treue ist doch ein flüchtiges Gut.«
Caron machte zwei Schritte auf den Tisch zu. »Endlich redest du mal nicht wie ein Soldat, sondern wie eine Tochter von hoher Position. Gefällt mir.«
Eine Last ausatmend, erwiderte Jayd: »Genau das steht mir im Moment im Weg.«
»Muss es nicht.«
»Nicht? Genau deswegen hält mich jeder für einen Maulwurf, sogar Adamanto. Und was ich im Prozess für dich getan habe, fällt jetzt mit doppeltem und dreifachem Gewicht wieder auf mich zurück.« Sie war aufgestanden. In ihrem Antlitz blitzte Wut.
»Das ist nicht wahr.« Er stellte sich neben den Tisch.
»Und ob es das ist. Aufgrund eines bloßen Verdachts befördert mich Adamanto bald genau dahin, wo du gesessen hast. Vermutlich hat er das nur noch nicht gemacht, weil ihm noch keine plausible Erklärung für den Coronel eingefallen ist. Jetzt bin ich nämlich nicht mehr seine Cadetta, sondern bloß noch ein Sicherheitsrisiko. Adamanto wird mich genauso fallen lassen wie alle anderen auch.« Ihre Augen glitzerten.
Caron musste sich erst räuspern, bevor er weitersprechen konnte. »Du irrst dich. Du hast noch jemanden auf deiner Seite. Jemanden, der deine Treue niemals infrage stellt, der dir sein Leben anvertrauen würde, wenn es darauf ankäme: mich ...« Es war ihm egal, ob sie ihn wegstoßen oder mit einem ihrer Nahkampftricks zu Boden schicken würde. Er packte Jayd und drückte seine Lippen auf ihre.
Eine Sekunde versteifte sie sich. Dann war der Bann gebrochen. Caron kam sich vor, als würde er gleichzeitig fallen und fliegen. Doch eigentlich wog ihre Umarmung zu schwer für beides. Kein Kuss hatte sich je so angefühlt wie dieser Moment Endlosigkeit. Als sie sich wieder voneinander lösten, wusste Caron nicht, ob es seine oder ihre Tränen waren, die er auf der Wange spürte.
Jayd holte tief Luft. »Es ist so verwirrend ... ich meine ... in den Wochen seit unserem ersten Treffen habe ich mich benommen wie ...«
»Du musst dich nicht entschuldigen.« Zärtlich nahm er sie in den Arm. »Ich glaube, ich kann das besser verstehen, als du annimmst. Deswegen gehöre ich auch an deine Seite.«
»Aber was ist mit Capitan Adamanto? Wirst du ihn davon überzeugen können, mich in der Sinistra zu lassen?«
»Das ist schon in der Mache, würde Malico sagen. Ich habe dem Capitan natürlich erzählt, dass ich nicht den geringsten Zweifel an dir habe und wie du ganz richtig vermutest, begegnet er meiner Einschätzung sehr skeptisch. Jetzt muss ich ihm zwei Dinge beweisen.«
»Welche Dinge?«
Diesen Teil hasste Caron. Er hätte sich lieber mit Jayd auf eins der Betten zurückgezogen, um die neuen »klaren Verhältnisse« auszukosten, aber ... »Dass ich dich davon überzeugen kann, uns zu helfen, in der Fabrik deines Vaters nach Indizien zu suchen ...«
»Was!?«
»Ich fürchte, in Geheimdateien herumzuschnüffeln, hilft nicht mehr viel. Da muss schon etwas Handfesteres her.«
»Das darfst du nicht von mir verlangen.«
»Muss ich leider. Und lange Bedenkzeit hast du auch nicht. Die Sinistra wird bald aus Trentagon abgezogen: der Bunker, alle Stützpunkte. Nur die Ausbildungsjahrgänge bleiben zurück. Dann sollen wir gemeinsam mit den DMKs die Straßen von Okkulten sauber halten. Aber du musst zugeben, dass die neuen Kampfautomatons von ROBOT-A Inc. sich auf eigenartige Weise von ihren Vorgängern unterscheiden. Und dann noch diese zehn Prämienhunde, die wir bei Crane beobachtet haben ... Sie sind vom Rekrutierungslager zwar ein paar Umwege geflogen, aber letztendlich alle im Industriekomplex deines Vaters gelandet.«
»Für den richtigen Preis erzählen einem solche Typen doch alles Mögliche.«
»Mag sein, aber bis jetzt konnte sie niemand befragen, denn die Jungs sind noch nicht wieder rausgekommen. Was immer die da drin mit deinem Vater zu schaffen haben, es steht unter Garantie mit Azotes Skorpionzirkeln in Verbindung.«
»Nein!«
»Solltest du das weiter ohne triftigen Grund behaupten, dann wird der Capitan dich wirklich wegsperren. Doch wenn du uns hilfst, die Fabrikanlagen deines Vaters zu durchsuchen, können wir mindestens deinen Ruf wiederherstellen. Vielleicht finden wir ja gar nichts. Aber wenn doch, dann müssen wir diese DMKs schnellstens aus dem Verkehr ziehen und deinen Vater inhaftieren. Egal, auf welche Möglichkeit es hinausläuft, hinterher kennen wir die Wahrheit und haben jeden Zweifel an dir zum Schweigen gebracht.«
»Aber mein Vater ...«
»... ist dein Vater und du konntest ihn dir nicht aussuchen. Und was auch immer mit ihm passiert, ich bin an deiner Seite, um dir da durchzuhelfen.« Er drückte Jayd an sich. Sie sahen sich in die Augen und Caron spürte, wie der nächste Widerstand in ihr brach.
»Gut«, sagte sie bedrückt, »ich werde es tun.«
Sie küssten sich erneut. Wilder. Jayds Umklammerung hatte etwas Verzweifeltes.
»Von nun an wirst du nicht mehr alleine sein«, versprach Caron.
Sie brachte noch ein schwaches Lächeln zustande. »Wie sieht der zweite Beweis für Adamanto aus?«
»Ich muss ihn davon überzeugen, dass ich unseren Feind durchschaue, sonst traut er mir nicht zu, dass ich ihn von unseren Freunden unterscheiden kann. Das bedeutet, dass ich jetzt in den Vollzugslevel marschiere und Azote den Stein abknöpfe. Ohne ihn anzurühren.«
—
Die Rituale an der Westmauer, Dämonenopfer, Veloso Flask, Sterling Crane, Bellow Kessler, Azote. Es hing alles zusammen. Und genau in der Reihenfolge. Davon war Caron überzeugt. Hundertprozentig. Fünfundneunzig Prozent in jedem Fall. Aber was war schon ganz und gar sicher im Leben? Er atmete tief durch, dann betrat er die Interrogationskammer.
Wie üblich hatte man Azote hinter seinen Tisch gesetzt. Er hielt mit beiden Händen die Tischkante umklammert. Der Stein lag vor ihm.
»Truppführer Caron Salvador, der König der Aufschneider. Zu dieser Zeit? Müssten Sie nicht eigentlich ganz woanders sein? Was verschafft mir die Ehre?«
»Das erfahren Sie eher, als Ihnen lieb ist. Capitan? Zeichnen Sie auf?«
Azote wischte mit einer Hand durch die Luft. »Jetzt nicht mehr.«
»Hervorragend«, dachte Caron. Sollte Adamanto nämlich mitkriegen, was hier in den nächsten Minuten gesprochen wurde, würde er ihn kaum seinen zweiten Satz beenden lassen. Einen besseren Beginn hätte er sich gar nicht wünschen können.
Azote gab sich überheblich wie eh und je. »Bloß ein anregender Schwatz am Vormittag? Oder kommst du wegen des Steinchens?«
»Beides, denke ich.«
Bis auf die verunstaltete Nase sah man unter der Kapuze wieder nichts. »Jetzt sperr unter deinem Kopfeimer mal die Ohren auf: Du wirst diesen Stein niemals bekommen! Es sei denn, du erfüllst eine Aufgabe, die für mich eine mindestens dreimal so große Bedeutung hat wie dieser nutzlose Kiesel für dich. Melde dich, sobald du bereit bist, diesen Preis zu zahlen.«
Caron sah durch den Vidfilter, wie Azotes Augen aufflammten, dazu entlud sich ein kleiner Blitz an seiner Fingerspitze. Er selber hatte den eigenen Zeigefinger sofort am Geräuschisolierer.
»Für jemanden, der bloß tagein, tagaus hier unten in seiner Zelle hockt, wissen Sie ganz schön viel.«
Azote lachte rau. »Sollen nach den Schlägen nun also Komplimente deine Waffen sein? Amüsant.«
»Allerdings verfügen Sie längst nicht über alle Fakten, Hexer! Sie haben zum Beispiel keine Ahnung davon, dass wir gestern ihren Freund Sterling Crane aus dem Verkehr gezogen haben. Er wurde ein Stockwerk über Ihnen eingelocht und war überaus mitteilsam.«
»Es könnte mir kaum etwas gleichgültiger sein. Ich kenne keinen Crane.« Azote verschränkte die Arme in den Kuttenärmeln.
»So, so. Dafür kennt er Sie umso besser. Gut genug, dass er nichts mehr mit Ihnen und Ihrer Bande zu schaffen haben will. Die Sinistra war so frei, genau das zu garantieren. Aber seine Sicherheit hatte einen Preis. Raten Sie mal, welchen?«
Azote zögerte eine Sekunde. »Deine Spielchen langweilen mich. Raus!«
»In diesem Moment arrestiert die Hochvertrauensunion Vorstand Bellow Kessler. Seine Automatons werden nicht ausgeliefert und die Sinistra bleibt in ihren Garnisonen.«
»Was?«, hörte man unter der Kapuze hervorknurren. »Du lügst.«
Caron schob seinen Datenbewahrer über den Tisch. Erst erschien eine entsprechende Order vom Dynasten mit Authentifizierungskennung, danach rief er den Nuevo-Sender auf. Der Moderator gab gerade einen Kommentar dazu ab. Malicos Werk. Es war genial gemacht, würde aufgrund der knappen Stunde Arbeitszeit, die er dafür gehabt hatte, jedoch keinem dritten Blick standhalten. Caron steckte den Datenbewahrer schnell wieder ein. Zusammen mit seinem Kessler-Bluff musste das einfach reichen.
Azotes Gesicht kam ins Licht. So sah der Hexer also aus, wenn er geschockt war.
Carons Arm schoss vor und seine Hand schloss sich um den Stein. Azote interessierte es nicht. Er schien in sich zusammenzufallen. »Das werdet ihr bereuen ...«
Die Hand zur Faust geballt, stand Caron auf und ging. Er hörte einen Stuhl umkippen.
»Hast du gehört, Salvador? Dafür werdet ihr bezahlen. Du und allen voran dieser von einer Warzenhure gezeugte Adamanto! Und außerdem wirst du meinen kleinen Helfer Venlok jetzt auch verhaften müssen ...«
»Ziegensohn!«, dachte Caron und hörte nicht mehr hin.
Das Zellenschott schloss sich. Er öffnete seine Hand. Für einen Augenblick fürchtete er, das Gefühl des glatten runden Gegenstandes könnte eine Illusion sein. Ein weiterer Trick des Hexers. Aber nein, ruhig und glänzend lag der Stein in seiner Handfläche.
—
Jetzt genoss Caron nicht nur das Vertrauen Adamantos, sondern auch noch seinen Respekt. Ein völlig unwirkliches Gefühl. Auf die Frage »Wollen Sie mir erzählen, was da drin gelaufen ist?«, hatte Caron mit einem schlichten »Nein« geantwortet, ihm den Stein in die Hand gedrückt und damit war der Fall erledigt gewesen. Er musste den Mann, der Verletzungen wie Orden trug, mächtig beeindruckt haben.
Eigentlich war Jayd es gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen, doch jetzt, im Besprechungsraum der Vindicta, fühlte sie sich sichtlich unwohl. Caron saß neben ihr und drückte ihre Hand unterm Tisch. Warum machte ihm der feuchte Schimmer in Felis´ Augen immer noch etwas aus?
»So einfach geht das nicht«, brachte Jayd vor.
Venlok stöhnte und verdrehte die Augen.
Sie versuchte, sich zu rechtfertigen: »Selbst ich kann nicht so mir nichts, dir nichts ein Treffen mit meinem Vater verlangen, um ihn dann auszuhorchen. Er hat seine Geschäfte stets von mir ferngehalten. Wenn ich ihn ausgerechnet jetzt darüber befrage, würde es bestimmt seinen Argwohn wecken.«
»Auffallen dürfen Sie auf keinen Fall, Cadetta Kessler, aber ... die Mobilmachung der Sinistra ist bereits bekanntgegeben, Ihrer aller Ernennung zu Klasse-1-Kadetten beschlossene Sache. Vielleicht gaukeln Sie Ihrem Vater die stolze Kadettin vor, die jetzt als Truppführerin an der Seite seiner Schöpfungen in den aktiven Dienst wechselt. Wenn er wirklich in dunkle Machenschaften verstrickt ist, die mit dem Einsatz der Droiden zusammenhängen, wird er irgendwie darauf reagieren. Oder meinen Sie, es wäre ihm gleichgültig, dass seine einzige Tochter dabei in die Schusslinie gerät?«
Der Gedanke schien Jayd zu erschrecken. »Er war seit jeher sehr verschlossen. Es kann sein, dass er sich etwas anmerken lässt, aber auch genauso gut, dass nicht.«
Adamanto schaute auf den Zeitgeber. »Andeutungen reichen uns nicht. Dann können Sie auch gleich bei uns bleiben und beim Suchen helfen. Wir brauchen etwas, das so eindeutig ist, dass es sowohl den Coronel als auch die Hochvertrauensunion und letztendlich den Dynasten überzeugt.«
»Jayd kann machen, was sie will, aber wir sollten das nicht am hellen Tag durchziehen«, schaltete Malico sich ein. »Überall in ROBOT-A Inc. steht Personal herum. Sobald wir da auftauchen, wo wir nichts zu suchen haben, gucken uns zehn Arbeiter über die Schulter. Und ich wette, die meisten würden nur zu gerne eine Beförderungsabkürzung nehmen, indem sie unsere Aktivitäten melden.«
»Was schlagen Sie denn stattdessen vor, Kadett Malico? Einen nächtlichen Einbruch?«
»Warum nicht? Um die Zeit sind praktisch nur Automatons und Sicherheitspersonal anwesend. Und unsere Markierer funktionieren noch bis morgen. Wenn sich unsere Anstrengungen beim letzten Besuch als vergeblich erweisen, kehren wir heute Nacht zurück und schauen uns in Ruhe um. Könntest du vielleicht auf dem Weg zu deinem Vater Informationen über das Sicherheitssystem besorgen, Jayd?«
»Das müsste klappen«, erwiderte die.
Venlok bot Malico die Hand zum Einschlagen. »Ein Überraschungsbesuch beim alten Kessler. Ganz mein Ding.«
Auch Navaja gab Malicos Vorschlag mit einem knappen Nicken seinen Segen und Capitan Adamanto erhob sich vom Holotisch.
»Bien. Dann haben wir wenigstens einen Plan B.« Er legte eine Hand auf Jayds Schulter und nickte ihr ermunternd zu. »Kessler, Sie wissen, was Sie zu tun haben. Die anderen halten die Augen offen!«
Nach der Landung ließ Adamanto Verbindungsingenieur Barnes direkt auf dem Landefeld abblitzen. »Heute fallen Sie mir nicht mit Ihrem Gequatsche auf die Nerven, Barnes. Unser Dienst ist so gut wie getan. Informieren Sie Capitan Raposa von unserer Ankunft und sorgen Sie dafür, dass unsere Männer die letzten Stunden mit den Automatons allein verbringen können.«
»Auf Ihre Order, Sinistra-Capitan.«
»Und ich meine allein. Keine Kameras, keine Lauscher, keine Sensoren! Comprende?«
»Auf Ihre Order, Sinistra-Capitan.«
»Während Sie das erledigen, Verbindungsingenieur, könnten Sie für mich einen Termin bei meinem Vater ermöglichen?« Verglichen mit Adamanto war Jayds Ton von ausgesuchter Höflichkeit. »Es geht um etwas Dringendes. Privat.«
Damit rutschte sie in Barnes’ Werteskala sofort mächtig nach oben. »Wie Sie wünschen, Staatsdame Kessler. Ich werde sofort um eine Freigabe des Residenzturms für Sie ersuchen.«
»Das ist unnötig. Mein Gencode ist in allen Siegelprogrammen freigeschaltet. Sie müssen sich nur um den Termin kümmern.«
Zusammen entfernten sich Jayd und Barnes. Adamanto und der Rest statteten dem Forschungsbereich einen Besuch ab. Dort trafen sie auf Raposas Truppe, die ihre Testdurchläufe sofort einstellte.
Während die Automatons in ihre Ruheboxen wechselten, trieben sich die Sinistras in den Laboratorien herum.
Caron, Venlok und Malico blieben allein in der achteckigen Kammer bei 0040.
»So, mein Freund«, begrüßte Venlok den Automaton. »Jetzt wird dir mein Compañero Malico mal so richtig an die Wäsche gehen.«
Malico näherte sich dem Automaton von der Seite. Caron zückte sein Messer. Mit der aktivierten Klinge stemmte er den Schlitz zwischen Kragenschutz und Nackenring auf. Malico steckte drei aus seinem Datenbewahrer hängende Kabel in die Öffnung.
Kaum flogen seine Finger übers Display, meinte er: »Ich bin drin ... und du bist raus.«
Der DMK sackte ein Stück in sich zusammen, wurde aber von den Achselhalterungen im Projektionsrund aufrecht gehalten. Die Holosäule um ihn herum verdunkelte sich.
»Mich hat schon die ganze Zeit über interessiert, was in dir steckt.«
»So wie du ihm immer auf den Hintern starrst, dachte ich, dass dich das bei Dirkun Galler viel mehr interessieren würde.«
Venlok gluckste anzüglich.
Malico blieb cool. »Ganz ehrlich? Tut es auch und ich wäre froh, wenn du da irgendetwas für mich drehen könntest.« Er imitierte Venloks Zwinkern und versank in seiner Welt aus Zahlen und Symbolen.
Venlok machte große Augen.
»Ja, ist es denn ... Hättest du gedacht, dass unser Malico ein Mann dieser Sorte ist?«, fragte er Caron und machte eine doppeldeutige Geste.
Alarmiert nahm Caron ihn zur Seite. Bemerkungen dieser Art kamen in der Regel vom okkulten Feind, nicht von einem Bewohner der freien Welt. »Wir sollten uns kurz unterhalten.«
»Klar doch. Worum geht´s?«
»Nach meinem letzten Gespräch mit Azote bin ich mir ziemlich sicher, dass er mit Kessler unter einer Decke steckt. Und er scheint ganz heiß darauf zu sein, dass die Sinistra an die Nordgrenze verlegt wird. Wer weiß? Vielleicht planen Kessler und er sogar einen Staatsstreich. Also muss ich wissen, auf wen ich mich verlassen kann. Und bei dem, was du hier gerade vom Stapel lässt, frage ich mich, auf welcher Seite du stehst.« Caron erzählte Venlok von allem, was er bei den Gesprächen mit Azote erfahren hatte.
»Oh, Mann. Am besten hätte ich dir das schon viel früher erzählt.« Der sonst so lockere Ton war von Venlok abgefallen. Sein Gesicht hatte an Farbe verloren. »Es stimmt. Meine Eltern waren Jünger Azotes und sie sind von der Sinistra hingerichtet worden ...«
»Das tut mit leid.«
»Was soll ich sagen? Meine Kindheit war beschissen. Aber das war sie auch, bevor das passiert ist. Nachdem mich die Soldaten des Dynasten zur Waise gemacht hatten, hat sich mein Leben sogar zum Besseren entwickelt ... Na ja, zum Besseren, aber nicht zum Besten. In den Erziehungsinstituten bin ich überall angeeckt. Es gab es halt dauernd gute Gründe, sich zu schlagen. Als ich da mit Ach und Krach durch war, hat es dann gerade für mittelprächtige Sicherheitsunternehmen gereicht. Und die Frauen? Wer will schon etwas mit einem Protektoren zu tun haben, der dauernd rausfliegt ...« Er schluckte. »Aber dafür mache ich nicht die Sinistra verantwortlich, sondern meine Eltern. Weißt du, die Zeit, in der sie mit den Zirkeln kooperierten, war für mich die Hölle. Ständig Geheimnisse und Drohungen. Nichts durfte ich verraten, bis ich aus Angst gleich ganz geschwiegen habe. Und dann die Rituale. Ich musste einmal mit ansehen, wie sie den Sohn eines anderen Zirkelanhängers für eine Blutweihe missbraucht haben ... Deswegen war ich im Lagerhauskomplex direkt an deiner Seite ... Ich bin der Rekrutierungsadministrative ziemlich dankbar, dass sie ... Ach, ich rede schon wieder Scheiße.« Venlok blinzelte feucht. »Aber ich habe niemals auf Azotes Seite gestanden. Niemals. Und die Bemerkung gerade war nur eine gedankenlose Frotzelei. Wenn du willst, entschuldige ich mich bei Malico.«
Caron stand innerlich der Mund offen. Seit er ihn kannte, war Venlok das erste Mal ernst, und dann offenbarte er ihm gleich so etwas. »Ich glaube dir.« Er knuffte seinem Freund in die Seite »Wer bin ich denn, dass ich der alten Narbenfresse mehr vertraue als dir? Doch Jayd hat sich mein Vertrauen genauso verdient, deswegen erwarte ich, dass du ihr keinen Ärger mehr machst.«
»Seid ihr jetzt zusammen oder so was?«
»Falsche Antwort, Roscoe Venlok!«
»Ja, ist gut ...«
»›Gut‹ reicht mir nicht. Versprich es mir!«
Feierlich legte er die Schwurfinger auf das Herz der Wahrheit.
»Ich verspreche es. Viva Verdad und so.« Der alte Venlok war wieder da.
»Okay. Dann lass uns wieder rüber zu Malico. Ich will unbedingt noch etwas überprüfen.«
Sie gingen zurück zum Automaton.
»Schon was entdeckt?«, wollte Caron wissen.
»Ein Menge chaotischer und unnützer Routinen mitten in den wichtigen Systemstrukturen. Ich frage mich ernsthaft, ob das von einem Schimpansen programmiert wurde. In dem Teil, der diesem Wirrwarr organisatorisch übergeordnet ist, habe ich allerdings etwas wirklich Bemerkenswertes aufgetan.«
»Lass hören.«
»In der Perzeptionsverarbeitung sind eindeutige Kommandostrukturen vorhanden.«
Venlok schlug sich vor die Stirn. »Na logisch! Hätte ich mir doch denken können. Wie hätte es auch anders sein sollen.«
Überrascht sah Malico seinen Compañero an. »Nicht in den Bereichen, in denen 0040 seine eigenen Reaktionen auf Außenreize abgleicht.«
Venlok schnaubte. »Ich habe kein Wort verstanden. Kannst du dich mal so ausdrücken, dass auch ein unbedarftes Bürschchen wie ich es nachvollziehen kann?«
»In den Verhaltensanweisungen wurde eine Rangordnung unter den DMKs implementiert und 0040 scheint so etwas wie ein Commodore unter den Automatons zu sein.«
»Aber ich dachte, die DMKs sollen nur mit menschlichen Soldaten zusammen kämpfen ...«
»Das ist in der Tat äußerst ungewöhnlich«, schaltete Caron sich ein. »Kopier das und lass es uns später genauer untersuchen. Kannst du 0040 für einen Augenblick aktivieren, dabei aber jede Kontrolle von außen ausschließen?«
»Sekunde. Da existiert noch ein geschützter Direktlink.« Malico tippte etwas in den Datenbewahrer und wartete.
Venlok fragte: »Was treibst du da?«
Malico lächelte verschlagen. »Ich überlaste den Empfänger.«
0040s Kopf ruckte. Venlok fuhr zusammen.
Jetzt lachte Malico. »Keine Panik, Großer. Ich habe bloß den Receiver ausgebrannt. Wenn die Expertingenieure des Dynasten eine weitere Kontrolle über die Automatons durch ROBOT-A Inc. verhindern wollen, sollten sie mit den übrigen Modellen das Gleiche machen. Soll ich ihn einschalten?«
»Sofort.« Caron nahm einen Lichtgriffel von der Arbeitsstation neben sich. »Kann losgehen.«
Malico gab das entsprechende Kommando ein, der Roboter stellte sich auf und die Visorezeptoren glühten wieder.
»0040!«, sprach Caron ihn an. »Greif dir diesen Lichtgriffel, sobald ich ihn nicht mehr in der Hand halte!« Er hielt das kleine Gerät in die Höhe und öffnete die Finger, nur um gleich mit der anderen Hand wieder zuzupacken.
»Jetzt geht das wieder los.« Venlok verschränkte die Arme vor der Brust, fuhr aber sofort zusammen. »Habt ihr das gesehen?«
»Der DMK hat gezuckt«, bemerkte Caron.
Und tatsächlich blieb Kesslers Kampfdroide nicht so still wie Gunsmith. Zwischendurch klackten seine Armgelenke deutlich, während Caron immer nur so tat, als würde er den Griffel loslassen.
Irgendwann jedoch packte er zu.
Mit den Unterarmen in den Metallpranken rief Caron: »Ausschalten, ausschalten!«
Malico presste ein Kommando in den Datenbewahrer, 0040 sackte wieder zusammen und gab Caron frei.
Mit verkniffenem Blick rieb der über seine Arme. »Der Kerl hat wirklich einen mordsmäßigen Griff.«
»Und offenbar ein schwer zu zügelndes Temperament«, ergänzte Venlok.
Malico starrte auf die Daten, als hätte er ein Phantom gesehen. »Ich fasse es nicht. Das hätte eigentlich gar nicht passieren dürfen.« Er sah Caron an. »Du scheinst dich gar nicht zu wundern.«
»Ich habe so etwas in der Art vermutet. Trag es in dein Protokoll ein. Danach checken wir den Droiden auf weitere Abwehrschwächen.«
Jeder Quadratzentimeter des DMKs wurde ganz genau untersucht. Teilweise tasteten sie die Ritzen und Nuten mit den Fingern ab, aber bis auf eben jene Stelle im Achselservo konnten die Drei keine Lücke in der Panzerung mehr feststellen.
Nach einer Weile gesellten sich Navaja und Felis zu ihnen.
»Ihr könnt mit der Fummelei aufhören«, meinte Felis und blickte Caron eindringlich an. »Deine Freundin hat ihre Aufgabe zu Adamantos Zufriedenheit erfüllt.«
—
Bei seiner Rückkehr in den Bunker wurde das Testteam von reger Betriebsamkeit begrüßt. Die Mobilmachung der Sinistra war in vollem Gange. Zusammen mit dem Stab des Obersten Militäradministrators hatte das Oberkommando von Hyperion-General Mantro Orderkataloge für Logistik, strategische Positionierung der Truppenteile und zeitliche Abstimmung herausgegeben, die eigentlich unrealistisch erschienen. Deswegen verlangten die Commodores jetzt ihrerseits von den Capitanes und Versorgungsautomatons Höchstleistungen. Innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden mussten die Vorgaben von Material und Mannschaft in tadellosem Zustand für die Freistellungsorder realisiert werden. Auch wenn die Ausbildungsjahrgänge davon nicht betroffen waren, hatte Coronel Duro sich mit den Vorbereitungen für die morgige Vereidigung und den anschließenden Straßeneinsatz seiner Kompanien herumzuschlagen. Mehr als genug Arbeit für eine Nacht.
Capitan Adamanto überreichte ihm die Testrapporte, meldete Einsatzbereitschaft für seinen Zug und hatte anschließend freie Hand. Natürlich mussten die Aracas nicht eine Inventarkiste packen. Wenn der Capitan mit seiner Vermutung recht behielt, dass Kesslers eigenartige Automatons mehr im Sinne ihres Erfinders als in dem des Dynasten handelten, würde sich ohnehin kein Sinistra aus Trentagon-Capitol oder von sonst wo wegbewegen. Dann musste erst sichergestellt werden, dass von den Maschinenmenschen keine Gefahr ausging.
Als sehr viel schwieriger erwies sich da schon das Heranschaffen eines Landers. Dafür musste der Capitan erneut eins seiner Prioritätskennwörter opfern. Der Towerbesatzung flunkerte er vor, er hätte noch dringende Besorgungen zu erledigen, ohne die sein Zug durch die Bestandsüberprüfung rasseln würde.
Glücklicherweise war im Bunkerlufthafen ebenfalls mehr los, als das Bodenpersonal verwalten konnte. Sechs Sinistras, die sich in Nachtcamouflagepanzerung in einen Lander schmuggelten, fielen da nicht weiter auf. Und eine Startfreigabe bekam Adamanto gegen das Versprechen, pünktlich vor dem Morgenappell zurück zu sein.
»Gut, Kessler«, hörte man ihn aus dem Cockpit. »Dann beginnen Sie mal mit ihrer Einweisung.«
Mitten im Raum stehend, hielt die Truppe sich an den Schlaufen und Griffen der niedrigen Decke fest. Ihre Augen und Ohren waren auf Jayd gerichtet, während sie in der Kommandokugel des Capitans eine Holokarte von ROBOT-A Inc. aufflammen ließ.
»Das Sicherheitsnetz des Industriekomplexes ist außerordentlich engmaschig. Die noch immer gültigen Markierer lassen uns zwar nicht verschwinden, stellen aber jeden Bewegungssensor auf blind. Vor der Unterredung mit meinem Vater ist es mir gelungen, eine Übersicht der Sicherheitseinrichtungen mit allen Kamerapositionen, fest installiert oder schwebend, aus einer Wachkabine herunterzuladen.« Caron hörte genau, wie schwer ihr dies gefallen sein musste und hoffte, dass sie etwas Trost in seinem Blick fand. Sie fuhr fort: »Wir können nun den Sichtbereich der Kameras in Form von roten Dreiecken per Visierbrille oder Datenbewahrer abfragen. Die Bereiche, die dunkel bleiben, bezeichnen den Weg zu den Zielgebieten. Unser Extraktionspunkt liegt an einer Stelle der Ostmauer, an der die Kameras nicht ganz so dicht platziert sind. Achtet besonders auf die Hovercams! Der Nachttarneffekt unserer Rüstungen dürfte draußen noch greifen, aber drinnen müssen wir aufpassen. Unsere Uniformen sind zwar genauso schwarz wie die der Sicherheitskräfte, aber man wird uns trotzdem von ihnen unterscheiden können. Die neuen Jumpboots stecken noch in der Erprobungsphase, sollten ihren Dienst laut Entwicklerteam aber schon tun. Wenn wir einen passenden Moment erwischen, werden sie uns zusammen mit unseren Markierern unerkannt über den Sicherheitsdraht bringen. Vergesst nicht, vor dem Aufsetzen auf der anderen Seite nochmal die Sprungfunktion auszulösen, um die Landung zu dämpfen. In geschlossenen Räumen benutzt ihr besser die Kletterkrallen in den Boots und euren Handschuhen. Zielgebiete. Davon gibt es drei ver...«
»Okay. Das reicht soweit, Cadetta«, übernahm Adamantos Stimme. »Wir haben drei Zielgebiete.«
Jayd hob sie auf der Holosphäre farbig hervor.
»Dementsprechend gehen drei Zweierteams leicht zeitversetzt rein. Kessler und Lagun! Sie knöpfen sich die Hochsicherheitslabors vor.«
»Oh nein!«, dachte Caron. »Was für eine fatale Paarung.«
»Salvador und Venlok!«, fuhr der Capitan fort. »In den internen Logistikbüros sollten sich Aufzeichnungen finden, die uns vielleicht verraten, wie Kessler gedenkt, Cranes Söldner einzusetzen. Malico und Navaja! Im Verwaltungskern ist ein in sich geschlossenes Informationsdepot installiert, an das man von außen nicht rankommt. Hackt euch rein und ladet so viel Material runter wie nur irgend möglich.«
Bis zur Landung saßen Caron und Venlok im Rollgestell und planten ihr Vorgehen. Wie für einen Scimitar üblich, würde Caron vorangehen und Venlok, der seine Schulterbatterien gegen ein schweres Blastergewehr eingetauscht hatte, würde ihm den Rücken decken.
Irgendwann sackte der Lander nach unten. Die Aracas stellten sich in die Streben des Rollgestells. Während die roten Lichtleisten in der Decke auf Grün wechselten und sich nach hinten rollten, öffnete Adamanto das Schott.
Caron sah in die trübe Finsternis. Der Boden hatte sich in die Seitenwand verwandelt, bevor der Lander richtig aufgesetzt hatte. Die Lichtleisten erloschen.
»Kessler und Lagun! Raus mit euch!«, befahl Adamanto.
Caron drückte Jayds Hand, dann sprang sie mit Felis aus dem Lander und verschwand in der Dunkelheit.
Er und Venlok würden ihnen drei Minuten Vorsprung gewähren. So zog Caron sich in den hintersten Winkel des Landers zurück und sprach Adamanto über den Truppführerkanal an.
»Capitan? Warum mussten Sie ausgerechnet Jayd und Felis zusammen reinschicken? Ich hatte doch versprochen, Jayd im Auge zu behalten.«
»Wie gut auch immer Sie aufpassen würden, Salvador, ich wette, Felis kriegt es besser hin. Außerdem ist sie wahrscheinlich die Einzige von euch, die flink genug da rauskommt, falls Jayd Kessler doch auf der falschen Seite steht.«
»Sie haben Jayd alleine zu ihrem Vater gehen lassen, aber schicken ihr jetzt eine Anstandsdame mit? Ich dachte, Sie würden meiner Einschätzung trauen.«
»Mit Einschränkungen. Kessler ist nicht unbeobachtet zu ihrem Vater gegangen. Ich hatte ihr zusammen mit dem kleinen Schulterklopfer eine Wanze in die Schulterspange geschoben.«
»So viel zum beeindruckten Capitan Adamanto«, dachte Caron ernüchtert.
—
Felis hockte vor Jayd Kessler und spähte um eine Containerecke. Das Außenlager war riesig und nur spärlich beleuchtet, aber man konnte sich nie sicher sein, wann ein Transportautomaton um die nächste Ecke bog. Solange sie ihrer Funktion nicht im Wege standen, würden ihnen Bellow Kesslers Maschinen zwar dank der Markierer ausweichen, dennoch war es möglich, dass ein Wartungsbeamter zur falschen Zeit einen Blick auf die optischen Aufzeichnungen der Droiden tat, und dann fände die Mission ein schnelles und unrühmliches Ende.
»Laut Datenbewahrer stehen alle Kameras in günstigen Winkeln ... Jetzt!«, meldete Jayd.
Felis konnte auch keinen Automaton erkennen. »Also los!«
Sie rannten durchs Halbdunkel zu den Eingangsrampen. Unter den Rampen legten sie eine weitere Pause ein und im Anschluss ging es durch die Verwertungszone zur Forschungsabteilung. Die Laufpositionen wurden in unregelmäßigen Intervallen gewechselt. Jayd mochte Caron den Kopf verdreht haben, doch Felis traute ihr nicht einen wahrheitsverlassenen Meter über den Weg. Selbst wenn sie nicht direkt vor ihr herschlich, behielt sie Kesslers Tochter genau im Auge. In einer Duradid-Scheide an Felis´ Unterarm versteckte sich eine vergiftete Klinge. Beim geringsten Anzeichen von Verrat würde die Klonprinzessin das Gelände nicht mehr lebendig verlassen. Das war die Aufgabe, die Capitan Adamanto ihr anvertraut hatte, und genau die würde sie auch erfüllen.
Schritt für Schritt, immer die Kamerasichtkegel auf den Anzeigen im Auge, bewegten sich die beiden Frauen durch den Korridor zu den Hochsicherheitslabors. Da zog Jayd Felis unvermittelt mit einem ihrer Nahkampfgriffe in ein offenes Büro. Felis hatte blitzschnell das Messer in der Hand, doch Jayd blockte ihren Angriff mit dem leichten Armschild.
Sie legte eine Hand auf Felis´ Mund und zischte leise: »Pscht! Beruhige dich!« Dann ging sie hinter einer Arbeitsstation in die Knie und zwang Felis mit sich.
Draußen hörte man Schritte. Zwei Sicherheitstruppler, die sich lachend über sexuelle Praktiken austauschten. Schritte und Lachen entfernten sich wieder. Jayd gab Felis frei und stand auf.
»Sag mir das nächste Mal einfach Bescheid«, flüsterte Felis ärgerlich.
»Wenn ich vorher Zeit dafür finde.«
Felis brummte und blickte auf den Datenbewahrer. Dann funkte sie Capitan Adamanto an.
»Wir sind gerade an Missionsmarkierung Spezial-1 vorbei.«
»Gut«, kam die Antwort. »Irgendetwas, auf das Salvador und Venlok achten sollten?«
»Ein paar Wachen, die durch die Gänge patrouillieren. Ansonsten gibt es hier nichts Besonderes.«
»Mitgekriegt, Salvador?«
»Laut und deutlich, Capitan«, antwortet Caron über Funk. »Wieso?«
»Sie übernehmen die Hochsicherheitslabors!«
»Wie bitte?«
»Kleine Änderung des Plans. Sie und Venlok bekommen Laguns und Kesslers Aufgabe. Lagun und Kessler! Weiter nach Missionsparameter ›Neue Option‹.«
»Was hat das zu bedeuten?«, wollte Jayd wissen.
»Dass wir jetzt in den nördlichen Hauptkorridor abbiegen.«
»Wir gehen Richtung Residenzturm?«
»Genau. Und dank dir werden uns alle Türen offenstehen.«
—
Caron und Venlok brauchten eine knappe halbe Stunde, um sich in die Halle vor der Forschungsabteilung zu stehlen. Zwei Mal hatten sie dem Sicherheitspersonal und einmal einer Hovercam ausweichen müssen. Alles durchaus aufregend, aber nach der Sinistra-Ausbildung mitnichten dramatisch.
Mit gezückten Waffen betraten sie die Halle, in der eine achteckige Kammer mit rundem Tor untergebracht war, und Venlok sagte: »Zum Glück hat das Herumschleichen jetzt ein Ende. Die einzige Sicherheitskamera hängt in dieser Kammer und lässt sich obendrein kinderleicht erreichen.«
Caron schaute erst auf Venloks Display, dann auf seinen eigenen Datenbewahrer. Ins Holofeld neben dem Rundtor tippte er eine Zahlenfolge, die aus Jayds Datendiebstahl bei ihrem Vater stammte.
Dadurch, dass das Tor von zwei Scharnierarmen nach innen geschwenkt wurde, glich sich der Luftdruck zwischen Halle und Kammer zischend aus.
In die entstandene Stille meldete Malico über Funk: »Team 3 hier. Wir sind jetzt drin und auf dem Weg zum Verwaltungskern. Keine besonderen Schwierigkeiten.«
Caron überkam der Verdacht, dass es im Industriekomplex nichts mehr zu holen gab. Die Mission lief einfach zu glatt. Oder war sich Bellow Kessler so sicher? Azote würde bestimmt bald herausfinden, dass sein Verbündeter sich noch auf freiem Fuß befand. Und spätestens dann wäre beiden ebenfalls klar, dass Adamanto ihnen zwar auf die Schliche gekommen war, ihm aber noch die Beweise fehlten, um sie festzunageln. Dann würde bestimmt niemand mehr ungestört hier herumschleichen können. Caron hoffte nur, dass dies nicht schon heute Nacht geschah.
»Teams 1 und 2? Wie sieht es bei euch aus?«, erkundigte sich Adamanto.
Felis antwortete noch vor Caron: »Wir sind noch nicht im Residenzturm, aber auf gutem Weg. Die Frequenz der Wachen nimmt zu. Sonst läuft alles nach Plan.«
So wie Felis das Wort »alles« betonte, sagte es Caron deutlich, was zwischen ihr und Jayd ablief.
Er gab durch: »Wir betreten gerade die zentrale Lagereinrichtung. Hier ist nicht viel zurückgeblieben. Nur Werkzeuge, Arbeitsstationen und Wände mit leeren Glasfächern ...«
»Moment mal«, rief Venlok, der nicht wie Caron bloß durch das offene Rundtor schaute, sondern schon in der Kammer dahinter war, um die Cam wegzudrehen.
Caron trat ein und sah, was Venlok hatte stutzen lassen.
»Capitan? Ich glaube, wir haben die Söldner gefunden. Und so wie die aussehen, sind sie wohl tot.«
Auf mehreren zusammengeschobenen Tischen lagen jeweils eine Vierer- und eine Fünfergruppe Männer in abenteuerlich zusammengestellten Rüstungen. Davor hockte ein Söldner auf dem Boden und regte sich genauso wenig wie seine Kameraden.
Venlok näherte sich vorsichtig. Auch wenn der Geruch keinen anderen Schluss zuließ, als dass diese Männer nicht mehr am Leben waren, stieß er die Schulter des Sitzenden mit der Stiefelspitze an. Der Körper kippte zu Seite. Nun sah man, dass er in seinen eigenen Fäkalien gesessen hatte.
Adamanto wurde ungeduldig. »Hören wir noch etwas von Ihnen, Salvador?«
»Verzeihung, Capitan. Die Männer sind tatsächlich alle hinüber.« Er betrachtete die Zweierreihe fahler, lebloser Gesichter und erkannte den Kämpfer mit dem Ersatzauge wieder. »Wir haben sie noch nicht näher untersucht, aber ich glaube, es wäre naiv, anzunehmen, dass das andere Söldner als die aus dem Shuttle sind.«
»Untersuchen Sie sie trotzdem!«, wies Adamanto an.
»Auf Ihre Order, Capitan.«
Venloks Gesichtsausdruck machte keinen Hehl daraus, wie wenig Begeisterung er ihrer neuen Aufgabe entgegenbrachte.
—
»Könnt ihr uns vielleicht die Kennung der Raumkamera nennen, ehe ihr euch mit den Leichen befasst?«
Malico gab Navaja ein Zeichen. Sein Compañero sollte nun die quaderförmige Speicherbank an den Griffleisten aus ihrem Fach in der Wand ziehen. Er selbst hatte alle Leitungen zu den Informationsdepots über und unter der Bank mittels Navajas Datenbewahrer und ein paar Kabeln überbrückt.
Während er die Luft anhielt und Navaja vorsichtig an der Speicherbank ruckte, gab Caron durch: »SC-INT-Nova 820.«
Navaja zog die kofferförmige Speicherbank behutsam aus dem Fach und hielt sie schließlich an den Griffen in die Luft, ohne dass ein Alarm losgegangen wäre. Auch die Kontrollleuchten der umgebenden Speicherbänke im Wandraster blinkten weiter brav vor sich hin. Malico atmete auf.
»Leg sie auf den Boden.«
»Wie bitte?«, fragte Caron überrascht.
Malico beeilte sich zu sagen: »Nicht du. Ich habe mit Navaja gesprochen. Vor zwei Tagen waren die Söldner noch putzmunter. Sollten sie in eurem Raum gestorben sein, hat die Cam ihr Ableben vielleicht aufgenommen. Und dann ist die Aufzeichnung vermutlich noch hier irgendwo. Danach werden wir als Erstes suchen.«
»Hervorragende Idee, Cadetto Malico«, warf Capitan Adamanto ein. »Sobald Sie die Aufzeichnung haben, fahren Sie nach Plan fort. Und Team 2 macht sich jetzt unverzüglich an die Untersuchung der Söldner.«
War das letzte Geräusch Statikrauschen oder ein Aufstöhnen Venloks? Egal was es gewesen war, es brachte sogar Navaja zum Schmunzeln.
Malico stöpselte seinen Datenbewahrer in die herausgelöste Speicherbank. Die Dioden an der Vorderseite flackerten auf und er hatte Zugriff.
Dank eines ihrer vorbereiteten Suchalgorithmen brauchte es keine zehn Sekunden und er hatte einen Vermerk zur Kamera auf dem Display.
»Verflucht. Hier ist nichts zwischengespeichert. Die Daten sind sofort weitertransportiert worden.«
Er stand auf und ging zur Hauptsteuerkonsole in der Mitte des kleinen Raums. Eins der sechs im Kreis angeordneten Holokontrollfelder erwachte zum Leben, nachdem er mit seinem Datenhandschuh über das Aktivierungsfeld gestrichen hatte.
Während Malico mal kurz, mal weit ausholend durch die Datensäule vor sich rührte, verblieb Navaja regungslos hinter ihm.
»Da haben wir sie!« Er tippte das entsprechende Icon an, es wurde vergrößert, zeigte aber nur buntes Rauschen. Malico biss sich auf die Unterlippe. »Gib mir mal bitte meinen Datenbewahrer, Navaja.«
Der Angesprochene stöpselte das Gerät aus und reichte es seinem Compañero. Mit dem Handschuh verbunden, steckte Malico den Bewahrer durch die Holosäule. Er legte ihn genau hinter das Bild und berührte es mit einem Finger der anderen Hand. Das Wiedergabefeld blieb unverändert.
»Die Aufzeichnung ist codiert. Das kriege ich in so kurzer Zeit nicht aufgeschlüsselt. Aber ...« Er verkleinerte das verrauschte Feld und stieß es nach rechts. Dann rief er einen Übersichtsplan des Industriekomplexes auf. »Der Verwaltungskern dient auch als Verteilerstation für die Cambilder. Die Aufnahme wurde von hier aus an einen Terminal mit automatischem Decodierer gesendet. Allerdings befinden die sich alle im Residenzturm.«
Er holte seinen Datenbewahrer aus der Holosäule. Darauf war nun eine Miniversion der Karte zu sehen und er markierte drei Positionen mit der Fingerkuppe.
»Team 2?«
»Was gibt es, Malico?« Felis klang gereizt.
»Ich schicke euch die Aufnahme an diese drei Terminals. Da dürfte um die Zeit nichts los sein und ihr könnt mit der Täuschfreigabe, die ich entwickelt habe, ins System. Kommt ihr da vorbei?«
Nach einem Augenblick des Schweigens antwortete Felis: »Ein kleiner Umweg in die unteren Etagen, aber das kriegen wir hin.«
»Hervorragend. Unter dem Namen »Schlafende Hunde« findet ihr dort eine hoffentlich unverschlüsselte Einsicht in eine Woche Forschungslabor.«
—
Der Residenzturm war kein freistehendes Gebäude. Er ragte aus den Fertigungsanlagen für Waffenkomponenten und sein einziger offizieller Eingang war ein Landedeck auf dem Dach der zentralen Fabrikationshalle. Darüber hinaus existierte eine Vielzahl an internen Zugängen, die streng bewacht wurden. Felis und Jayd war es gelungen, unbemerkt bis in einen unterirdischen Korridor zu gelangen, der zum Turmfundament führte. Fünfzig Meter vor ihnen machte er einen Knick und in diesem Knick befand sich eine Anlieferstation, bestehend aus einer Überwachungskammer und einer gläsernen Schleuse. Um in den Residenzturm zu gelangen, mussten Jayd und Felis diese Schleuse passieren. Obschon die Station selber unbesetzt war, standen davor zwei schwarz Uniformierte.
Jayd deaktivierte die Reflexionsfunktion der Brille, mit der sie einen Blick um die Korridorecke getan hatte. »Die Wachen plaudern zwar sehr angeregt miteinander, aber unbemerkt werden wir an denen nicht vorbeikommen. Ich schätze, wir schaffen es noch nicht mal durch diesen Korridor. Lass es uns an einer anderen Stelle probieren.«
Schon allein Jayds besserwisserische Bestimmtheit reizte Felis, zu widersprechen. »Sehen wir uns erst in Ruhe die Karte an.«
Der lange, gerade Gang, den Jayd für so unüberwindlich hielt, verband ihren Flur mit einem Stück Korridor, das auf den Knick mit der Anlieferstation zulief. Auf der Übersicht ergab sich ein großes, eckiges U. In dessen Innerem gab es nichts als Funktionsräume und eine Kammer, die der Anlieferstation gegenüberlag.
»Was ist das hier für ein Raum?«, fragte Felis.
»Durch die Schleuse gelangen die Lebensmittellieferungen für die Residenzküche in den Turm. Bevor man sie hereinholt, werden sie von Automatons mit einer Scannerphalanx auf alles Mögliche überprüft. Die Scanner sind in dem Raum.«
»Sind die Androiden rund um die Uhr im Arbeitsmodus?«
»Nach 22:00 werden sie nur aktiviert, wenn eine Lieferung reinkommt.«
»Das klingt doch vielversprechend. Zwischen uns und dem Raum liegen ausschließlich Ersatzteillager und Ingenieurbüros und alle sind irgendwie miteinander verbunden. Ihre Schotts sind verschlossen, aber dafür bist du ja mitgekommen. Wir schleichen erst mal in diesen Scannerraum und dann sehen wir weiter.«
»Aber wie willst du die Wachen da wegkriegen?«
»Wir lenken sie ab. Wie, das entscheiden wir, sobald wir in dem Raum sind.«
»Das klappt nie«, gab Jayd zurück, aber Felis war bereits im ersten offenen Büroraum verschwunden.
Zweimal wäre ihre Mission beinahe in die Hose gegangen und man hatte sie nur deswegen nicht entdeckt, weil Jayd die jeweiligen Sicherheitskameras ein Stück nach oben drückte, während Felis unter ihnen hindurchschlich. Der Zorn in Felis´ Brust glomm natürlich immer noch, aber Bellow Kesslers Tochter gewann ein paar Punkte auf ihrer Vertrauensskala.
Schließlich schob sie sich durch das Zugangsschott des Scannerraums. Die Wand zum Korridor bestand zur Hälfte aus Glas!
Felis warf sich zu Boden. Die verräterische Jayd Kessler blieb natürlich stehen und wartete in aller Ruhe, bis die Wachen vor der Versorgungsschleuse zu ihr herübersahen. Jedoch reagierten sie in keiner Weise.
»Du kannst wieder hochkommen«, flüsterte Jayd amüsiert. »Die Polymerbeschichtung der Scheiben lässt nur in eine Richtung Licht durch.«
Felis erhob sich aus der unwürdigen Haltung und unterdrückte ein Schnauben. Ihre Hand war schon wieder zum Messer gezuckt, aber in der Tat standen die Wachen weiterhin beieinander und unterhielten sich ganz locker.
Sie sah sich um. Sämtliche Holoprojektoren, Displays und Signaltasten waren unbeleuchtet. Im dämmerigen Licht der grauen Glaswand zeichneten sich vier skelettartige Automatons ab. Über ihre Arbeitsstationen gebeugt, wirkten sie, wie mitten in der Bewegung eingefroren.
»Und jetzt?«, fragte Jayd.
»Jetzt hören wir uns mal an, worüber die beiden so reden, und entwickeln daraus vielleicht eine Ablenkungsstrategie. Wenn das zu nichts führen sollte, bleibt immer noch der gute alte Feueralarm.«
»Die Wachen meines Vaters haben mittlerweile Torsopanzer mit Beatmern. Die werden sich da nicht wegbewegen, selbst wenn der ganze Residenzturm über ihnen zusammenstürzt.«
»Warten wir es ab.«
Das Gespräch der beiden Wachen wurde durch die Scheibe dumpf gehalten. Selbst durch den Audioverstärker im Helm hatte Felis Mühe, etwas mitzubekommen. Aber es ging wohl um das Übliche: Soldvorstellungen, schnelle Gleiter und die Battleball-Meisterschaft. Der Zeitgeber in der Visierbrille zählte die Minuten runter. Bei Felis wollte sich keine bessere Idee einstellen als der fingierte Feueralarm.
Da schwiegen die Wachen für einen Moment, nickten und zogen wie auf einen nicht hörbaren Befehl hin ab.
»Vielleicht unsere einzige Chance. Vamos.« Felis wollte zum Ausgangsschott, aber Jayd hielt sie am Arm fest.
»Warte! Nicht so schnell. Das könnte ...«
Ärgerlich schüttelte Felis sie ab. »Finger weg! Solltest du dich als Hindernis erweisen, melde ich das sofort Capitan Adamanto und Caron ... den wird das nicht gerade glücklich machen.«
»Wir sollten trotzdem nicht kopflos losstürmen ...«
Sich nähernde Gesprächsfetzen unterbrachen Jayd. Das Erste, was man klar verstehen konnte, war: »Wenn Sie meine Vorsicht für Angst halten, dann hätten Sie mich gar nicht erst einladen dürfen, Vorstand Kessler.«
»Ich gebrauchte den Begriff ›zögerlich‹. Für ängstlich hält Sie wohl niemand, Abruto. Ich am allerwenigsten.«
Jetzt konnte man zwei Männer an der Scheibe vorbeigehen sehen. Einer von ihnen war der weiß gewandete Bellow Kessler, der andere ganz offenbar ein Prämienhund.
»Auch wenn Sie noch so viele Mittelsmänner zwischenschalten, habe ich den starken Verdacht, dass Sie in letzter Zeit massiv Söldner anheuern. Ihr Angebot muss schon sehr überzeugend sein, denn wenn ich schon Gefahr laufe, Teil eines gescheiterten Putsches zu werden, dann muss sich das Risiko für mich immens lohnen.«
Die beiden hielten vor der Schleuse der Anlieferstation.
»Es hat auch niemand etwas von einem Putsch gesagt. Und was mein Angebot anbelangt ... Ich denke, das wird sich als überaus lukrativ herausstellen.«
»Ihr Administratoren seid doch alle gleich. Keine Freunde von klaren Worten. Machen Sie nicht den Fehler zu glauben, dass Sie für Ihr Geld alles kaufen können, Kessler.«
Die Schleuse öffnete sich.
»Als Erstes werden Sie eine nagelneue Hardware bekommen, die Sie selbstverständlich behalten dürfen, nachdem die Mission erledigt ist.«
»Hört sich gut an. Sollten Sie wirklich ein großes Team zusammenstellen, will ich das Sagen haben. Klar?«
»Das liegt ganz in meinem Sinne, Abruto ...«
Der Rest des Gesprächs wurde durch das sich schließende Schott verschluckt.
Felis´ Datenbewahrer gab an, dass die Kameras in diesem Moment alle wegsahen. Sie packte die verstört wirkende Jayd am Arm.
»Nichts wie hinterher! Vamos, vamos!«
Jayd folgte ihr ohne Widerworte aus dem Scannerraum in den Gang und vor die Schleuse. Dann ließ Felis ihr den Vortritt.
»Schleuse öffnen! Schnell. Ich will wissen, was da gespielt wird.«
»Du hetzt uns noch ins Verderben.« Diesmal reichte kein einfacher Fingerabdruck. Jayd steckte einen Daumen in die Schlossöffnung. Das eben Gehörte schien sie wirklich schwer mitzunehmen, denn anders als bei der Eingangsuntersuchung zuckte sie bei der folgenden Gewebeentnahme deutlich. Als sie den Daumen wieder aus der Öffnung zog, wies er drei rote Punkte auf.
Die Schleuse glitt auseinander.
Felis rauschte durch und achtete darauf, dass ihre blonde Kameradin brav folgte. »Was meinst du, wo die beiden hinwollen?«, fragte sie.
»Ich kann es dir wirklich nicht sagen. Auf diesem Weg kommen wir entweder in die Großküchen oder in die Vorratslager.«
»Na warte«, dachte Felis. »Wollen wir doch mal sehen, ob Capitan Adamanto oder Caron dich nicht weichklopfen.«
»Capitan?«, funkte sie Adamanto an.
In dem Augenblick, den der Capitan zum Antworten brauchte, passierten sie den ebenfalls verglasten Kontrollraum und trafen auf eine Treppe, die nach unten und zu ihrem Terminal führte. Davor gingen zwei Gänge nach links und rechts.
»Was gibt es, Team 1?«
»Wir sind gerade auf Bellow Kessler höchstpersönlich getroffen. Und er hatte den wohl berüchtigtsten Prämienhund auf dem ganzen Kontinent im Schlepptau: Flinch Abruto. Was die zu besprechen hatten, hörte sich gar nicht gut an.«
Drei Sekunden Rauschen und Adamanto wollte wissen: »Wie weit sind Sie von dem Terminal weg, den Malico Ihrem Scout angegeben hat?«
»Haben wir gleich erreicht, aber vielleicht können wir auch so aus erster Hand erfahren, was Kessler vorhat.«
»Zu riskant. Der Terminal hat Vorrang«, bestimmte Adamanto knapp.
Felis stieß Luft aus. »Ja, Capitan.«
Wenn Jayd jetzt nur die Andeutung eines Grinsens zeigte, würde Felis sie niederschlagen. Doch Kesslers Tochter folgte ihr mit erstarrter Miene die Treppe runter.
—
Venlok maulte: »Es wäre ganz reizend, wenn du mir hier mal helfen könntest ...«
Caron hob die Hand, um ihn ruhigzustellen.
Zur Antwort brummte Venlok und wälzte die vorletzte Leiche auf den Rücken. »Der hat die Leichenstarre auch schon hinter sich. Die Jungs müssen kurz nachdem sie hier eingetroffen sind, das Zeitliche gesegnet haben.«
Auch wenn er dadurch nicht besser hörte, führte Caron seine Hand an den Helm und drehte sich weg. »Such einfach nach den ID-Chips und lass mich kurz in Frieden.«
»Das hat bei den anderen auch nichts gebracht. Ich nehme am besten sofort eine DNA-Probe.«
»Wenn die Chips da sein sollten, brauchen wir sie. Heute Nacht kommt es auf Schnelligkeit an!«
»Eine DNA-Entnahme geht viel schneller als das eklige Betatschen ...«
»Aber das Auswerten nimmt mehr Zeit in Anspruch. Und jetzt sei endlich still!«
»Meine Güte, stinkt das.«
Caron hörte nicht mehr hin. Er hatte keinen Kopf für Spurensicherung an Toten. Seit Jayds und Felis´ Eindringen in den Residenzturm hatte er nichts mehr von ihnen gehört. Das machte ihn fertig.
»Wir sind in einer kleinen Lagerhalle für Lebensmittel angekommen«, erlöste Jayds Stimme ihn nach einer weiteren qualvollen Minute.
Auch Adamanto klang hörbar erleichtert. »Ihr Ziel-Terminal wird zum Verwalten der Bestände benutzt. Haben Sie ihn schon entdeckt?«
Es folgte wieder eine Pause, bis Jayd sagte: »Wir stehen vor ihm und ... warten Sie ... ich glaube, ich habe die Datei gefunden. Ja, da ist sie. Beginne mit dem Runterladen. Oh ... das kann etwas dauern.«
Malico meldete sich. »Weil beim Übertragen gleichzeitig dechiffriert wird, Team 1. Ihr braucht jetzt nur noch etwas Geduld. Capitan?«
»Team 3«, antworte Adamanto.
»Wir sind hier so weit fertig. Ich bitte um Erlaubnis zum Abrücken.«
»Erlaubnis erteilt, Malico. Bauen Sie da alles wieder zusammen, wie es war, und dann bewegen Sie Ihre Ärsche zurück zu mir.«
»Verstanden, Capitan.«
»Ich höre etwas«, kam gleich darauf von Felis über Funk. »Das sind definitiv die Stimmen von Bellow Kessler und Abruto, Capitan. Vielleicht komme ich so nah an sie ran, dass ich sie belauschen kann. Jayd kann den Download überwachen.«
»Ist das sicher?«, wollte Adamanto wissen.
»Der Capitan traut Jayd noch immer nicht«, dachte Caron traurig.
»Ich denke schon.«
»Seien Sie bloß vorsichtig.«
Die folgende Ruhe im Kanal war fast mehr, als Carons Nerven noch ertragen konnten. Als sie von Venlok mit »Probe entnommen und gesichert« unterbrochen wurde, winkte er nervös ab.
»Kesslers und Abrutos Stimmen sind weg«, flüsterte Felis plötzlich. »Vor mir liegt so eine Art Büro. Niemand zu sehen, aber es ist der einzige beleuchtete Raum. Ich versuche rauszufinden, ob sie drin sind.«
Offenbar reichte es Felis nicht, dass Jayd dazu gezwungen wurde, Beweise gegen ihren eigenen Vater zu sichern, sie wollte ihr ins Gesicht sagen, dass sie ihn in flagranti erwischt hatte. Adamanto setzte eine Menge aufs Spiel, indem er sie nicht stoppte. Caron schüttelte den Kopf.
Da Venlok keine Lust auf einen weiteren Rüffel verspürte, hatte er in der Zwischenzeit von selbst begonnen, sich an der letzten Leiche zu schaffen zu machen.
Felis meldete sich wieder. »Ich bin jetzt durch die Tür. Hört ihr das?«
Caron vernahm ein fremdartiges Gemurmel und bekam das Gefühl, als würde ihm jemand das Gehirn durch die Augen ziehen.
»Abruto ist vom Stuhl gekippt. Vor ihm stehen drei DMKs ...«
»Lagun!«, brüllte Adamanto. »Raus da!«
Man hörte Felis atmen und dann: »Die Tür! Die Tür ist zu!«
»Wer gibt sich denn hier die Ehre? Was für eine Überraschung. Schnapp sie dir, Abruto!« Das fremdartige Gemurmel setzte wieder ein.
Caron und Venlok sahen sich an und dachten das Gleiche: Bellow Kessler!
»Geräuschisolierer an! Mission abbrechen! Alle sofort zurück zum
Lander. Kessler, versuchen Sie ...« Adamantos Stimme brach ab.
Der Funk war tot.
Venlok stieß die Leiche von sich. Caron kam aus der Hocke.
»Vamos! Vamos!«
Sie packten ihre Ausrüstung zusammen und setzten sich durch das Rundtor ab.
Caron übernahm das Überwachen des Datenbewahrers und Venlok das der Umgebung. Immer, wenn beide sicher waren, dass die dunklen Gänge keine Überraschung parat hielten, hetzten sie ein Stück weiter. Caron schwitzte aus allen Poren, was nicht nur an der wärmeisolierenden Tarnpanzerung lag. Seltsamerweise kamen sie wesentlich leichter aus Bellow Kesslers Fertigungsanlagen heraus als vorher hinein. Keine zwanzig Minuten später standen sie vor dem Schott, durch das sie eingedrungen waren, fanden es aber verschlossen vor.
»Verfluchter Mist! Die Markierer wirken hier nicht mehr.« Caron sah sich hektisch um.
In der Halle stand, lag und kniete ein Heer von abgetakelten Automatons. Alle abgeschaltet und auf den Weitertransport in die Verwertungszone wartend. Zwischen ihnen standen Transportboxen.
»Vielleich können wir uns in den Boxen verstecken, bis sie das Tor wieder öffnen«, schlug Venlok vor.
»Wer weiß, wann das sein wird. Und dann sind wir auch noch lange nicht vom Gelände.«
Venlok wollte am großen Haupttor der Halle entlanglaufen, um die Schotts auf der anderen Seite zu überprüfen, doch Caron stoppte ihn und drängte ihn hinter eine Stahlsäule.
»Wir sollten uns die nächsten Schritte in Ruhe überlegen. Sonst landen unsere Gesichter doch noch auf einem Monitor in der Sicherheitszentrale.«
»In Ruhe überlegen? Hier kommt gleich ein Team Wachposten reingestürmt und nimmt uns hops. Das Einzige, was wir tun sollten, ist uns den Weg durch dieses Schott schneiden oder schießen und dann die Beine in die Hand nehmen, solange Adamantos Lander noch da draußen wartet.«
Und es kam tatsächlich jemand in die Halle gestürmt: Jayd.
Sie sah schlimm aus. Beinahe hätte sie Caron umgerissen, als sie ihm in die Arme fiel. »Ich konnte nichts machen. Da war auf einmal alles voller Wachen. Du musst mir glauben ...«
Weinte sie etwa? Auf jeden Fall stand sie kurz davor, die
Beherrschung zu verlieren.
Caron drückte sie kurz an sich, nahm ihr Gesicht in seine Hände und schaute sie eindringlich an. »Ich glaube dir. Wir werden später darüber reden. Jetzt müssen wir erst mal hier raus. Die Schotts sind dicht. Hast du eine Idee, wie wir die Anlage sonst noch verlassen können?«
Sie nickte, ging zum Versiegelmechanismus neben dem Schott und zog einen Handschuh aus. Mit dem Finger strich sie über ihre Wangeninnenseite, schmierte dann damit übers ID-Feld. Das Schott fuhr in die Höhe.
»Sehr gut. Nichts wie weg.«
Sie rannten nach draußen und versteckten sich sofort hinter einer riesigen Rohrleitung. Auf dem finsteren Freigelände herrschte bis zur Mauer Ruhe. Rund um den Residenzturm sah das anders aus. Die Lichtkegel riesiger Bodenscheinwerfer fuhren über seine Außenmauern und Suchdrohnen und Gleiter der internen Sicherheit umschwärmten ihn von oben bis unten. Dazu schallten Sirenen herüber.
Caron lief los. Die anderen folgten.
Ihre Jumpboots brachten die drei Sinistrakadetten genauso verlässlich über die Mauer, wie sie sie hineingebracht hatten. Auf der anderen Seite schwebte Adamantos Lander schon ein Stück über dem Boden. Die Positionslichter abgeschaltet und die Triebwerke im Flüstermodus. Caron, Jayd und Venlok schnappten sich je eins der Seile, die aus dem Rumpf hingen.
»Was ist mit Lagun?«, wollte der Capitan über Funk wissen. Jayd schluckte. »Vermutlich gefangen genommen.« Adamanto stieß einen Fluch aus, den Caron nie vorher gehört hatte. Sowie die Liftautomatik sie nach oben beförderte, gewann der Lander an Höhe.
Am Rand des Einstiegs halfen ihnen Malico und Navaja hinein. Caron umschloss Jayds Hand und das Aufheulen der Triebwerke verschwand genauso hinter der sich drehenden Landeraußenwand wie Kesslers Residenzturm. Der Ort, in dem Felis vielleicht für immer verschwunden war.
Kapitel 14
»Sie erstatten hier allen Ernstes Rapport darüber, dass Sie eine Kadettin bei einer unautorisierten Geheimoperation verloren haben? Im Verantwortungsgebiet eines Dynastenverbündeten? Während der Mobilmachung! Sind Sie noch bei Verstand, Adamanto?«
Im Gegensatz zum Coronel blieb der Capitan ruhig wie ein Betonpfeiler. »Wenn Sie sich die Aufzeichnung ansehen, werden Sie feststellen, dass es Cadetta Laguns Opfer wert war.«
Opfer. Dieses Wort zerrte Caron vor Augen, dass Felis verloren war. Und wenn er die Art und Weise bedachte ...
Adamanto streckte einen Datenbewahrer in das Übertragungsfeld der Holofläche über Duros Schreibtisch und der Coronel schaltete es zum Download frei. Die Aufnahme startete unmittelbar. Diesmal musste nichts decodiert werden, und nun konnte sich Caron die entscheidenden Stellen ungestört ansehen, da er Jayd nicht wie beim ersten Mal vor einem Zusammenbruch bewahren musste.
Das Bild zeigte Bellow Kessler, wie er mit zehn Söldnern denselben Raum betrat, in dem Caron und Venlok heute Nacht die Leichen untersucht hatten. Ihre Leichen. Doch noch waren sie wohlauf und unterhielten sich, während ihr Anführer mit Kessler zu verhandeln schien. Im Hintergrund erkannte man zehn DMKs, die aufrecht an Arbeitsstationen herumstanden. Die Stationen waren aktiviert und ihre Holofelder pulsierten in beruhigendem Gleichtakt.
»Meine Herren«, wandte sich Kessler irgendwann an seine Verbündeten, »ich heiße Sie herzlich willkommen in der Armee des neuen Dynasten von Trentagon. Und glauben Sie mir, ich mache nicht denselben Fehler wie mein Vorgänger in spe und unterschätze die unleugbare Macht der dunklen Künste.«
»Magie und Religion hin oder her, Kessler«, grölte einer der Söldner. »Meinetwegen können Sie herrschen, wie immer Sie wollen. Hauptsache, unsere Prämie stimmt.«
Seine Kollegen gaben ihm lautstark recht.
Kessler lachte mit. »Glauben Sie mir, in ein paar Minuten werden Sie anders darüber denken.« Er erhob die Arme und gab das gleiche Gemurmel von sich, das Caron vor Felis´ Verschwinden gehört hatte.
Die Söldner wirkten mit einem Mal desorientiert. Sie glotzten an ihren Körpern hinunter. Dann fiel einer nach dem anderen zu Boden. Es sah aus, als hätten sie bloß das Bewusstsein verloren, aber Caron wusste es besser.
»Was ist da eben geschehen?«, fragte Coronel Duro tonlos.
Der Capitan antwortete: »Warten Sie es ab.«
Die Anzeigen der Arbeitsstationen begannen zu blinken wie bunte Stroboskope. Einer der Automatons begann zu zucken. Sein Kopf ruckte, seine Schultern bebten. Wie in Zeitlupe betrachtete er seine Hände und auch die anderen Maschinenmenschen gerieten unterdessen in Bewegung.
Kessler hielt sich geschwächt an der Kante einer Arbeitsstation fest. Als er sich wieder gefasst hatte, waren alle Automatons mit Leben erfüllt. Er lächelte.
»Sehr schön.« Dann fuhr er die Metallkolosse an: »Auf meine Order!«
Die DMKs standen klackend stramm.
»Meldet euch in Labor HS-04 zur Erstinspektion.«
Mit präzise aufeinander abgestimmten Bewegungsmustern marschierten die Roboter in einer Reihe aus dem Bild. Die Holofelder der Arbeitsstationen erloschen.
Bevor er seinen Schöpfungen folgte, rief Bellow Kessler in seinen persönlichen Kommunikator: »Die letzte Operation ist abgeschlossen. Schicken Sie jemanden zum Aufräumen.«
Obwohl sich jetzt außer der Aussicht auf zehn tote Söldner nichts mehr in dem Darstellungsrechteck tat, blieb der Blick des Coronels daran haften. »Und diese Aufzeichnung hat Ihnen wer besorgt?«
»Es handelt sich um Felis Laguns Datenbewahrer und Jayd Kessler hat ihr geholfen. Wir müssen davon ausgehen, dass Bellow Kessler Cadetta Lagun das Gleiche angetan hat.«
Wenigstens war Jayds Ruf damit vollständig wiederhergestellt, ging es Caron durch den Kopf. Beim Gedanken an Felis´ Schicksal überkam ihn allerdings blankes Entsetzen. Und Hass. Hass auf Jayds »Vater«.
»Aber wie kann er ein Sohn Azotes sein?« Unglaube spiegelte sich in Duros Miene wider.
Jetzt brach Adamantos Beherrschung. »Es ist doch wohl verdammt egal, wie oder von wem er seine Tricks gelernt hat. Viel wichtiger ist, was er getan hat!«
»Schwarze Magie. So mächtig. Und direkt unter den Augen des Dynasten.«
Caron meinte fast, Bewunderung aus den Worten Duros zu hören und erwiderte: »Und unter den Augen der Hochvertrauensunion. Der Regierungssitz muss sofort in Kenntnis gesetzt werden. Die Mobilmachung soll gestoppt werden. Wir müssen diese Abscheulichkeiten vernichten!«
»Es ist weit nach Mitternacht.« Jetzt wirkte der Coronel wieder abwesend. »Die meisten Truppenteile sind bereits abmarschbereit. In so kurzer Zeit ist das kaum aufzuhalten ...«
»Wenn Sie nicht dazu in der Lage sind, Coronel, dann nehmen Salvador und ich uns der Sache an«, fuhr Capitan Adamanto ihm ins Wort und umrundete den Tisch.
Der Adjutantenautomaton klapperte. Er fungierte auch als Duros Beschützer.
Der Coronel setzte sich aufrecht und wies ihn mit der Hand in seine Ecke. Seine Stimme klang wieder fest. »Nicht nötig. Ich werde unverzüglich bei Hyperion-General Mantro das Notwendige veranlassen. Ist das die einzige Kopie der Aufzeichnung?«
»Wir sind praktisch sofort damit zu Ihnen. Für eine Sicherung blieb keine Zeit.«
»Gut. Laguns Datenbewahrer bleibt bei mir. Das ist alles. Sie beide melden sich ordergemäß zum Morgenappell und der anschließenden Vereidigung. Damit keine Missverständnisse aufkommen, Adamanto: Die Sache bleibt unter Verschluss, bis Befehle für Gegenmaßnahmen raus sind. Habe ich mich deutlich ausgedrückt?«
Caron sah zu Adamanto. Der zögerte, sagte dann aber: »Auf Ihre Order, Coronel«, und Caron wiederholte es.
Bis auf die Zeit, in der er seine Aufmerksamkeit auf die schreckliche Aufzeichnung verwendet hatte, war Caron damit beschäftigt gewesen, die linke untere Ecke des Holofelds zu überwachen. Azote verschlief das Ende seiner eigenen Revolution.
—
Im Zwielicht des anbrechenden Morgens schmiegte Jayd sich in Carons Arm. »Was wird nun geschehen?«, flüsterte sie.
Caron sah von seinem auf Felis´ leeres Bett und wusste nicht, was er fühlen sollte. So drückte er Jayd an sich, sog ihren Geruch ein und antwortete beim Ausatmen: »Ich denke, es läuft auf eine offene Konfrontation hinaus. Die Sinistras in Trentagon-Capitol sind mobilgemacht. Es wird nur eine Order brauchen, sie gegen ROBOT-A Inc. ausrücken zu lassen. Und ich würde mir wünschen, dass die Aracas dabei sind. Ich will eine wichtige Rolle bei der Jagd auf deinen Vater spielen. Er soll dafür bezahlen, dass er schwach geworden ist, dass er sich der Dunkelheit ergeben hat und für das ekelhafte Ritual, mit dem er sich an Felis und all den anderen vergangen hat. Irgendwie müssen wir ihnen ihren Frieden geben. Und uns ...«
Jayd versuchte es zu verstecken, indem sie ihren Kopf an Carons Schulter barg, aber er hörte einen leisen Schluchzer.
»... und für das, was er dir angetan hat, muss er auch bezahlen.« Als er sie besänftigend streichelte, kribbelten ihre Nackenhaare unter seinen Fingerspitzen.
Nachdem sie sich etwas gefangen hatte, fragte sie: »Warum nicht die gesamte Sinistra? Wir haben die DMKs im Training erlebt. Gegen solche Gegner brauchen wir alle Kräfte, die wir haben.«
Langsam zeigte sich in Kesslers Tochter wieder die Soldatin, dachte Caron voll grimmiger Zufriedenheit und hatte nicht mehr die geringsten Bedenken, sie seinem Vater als zukünftige Braut vorzustellen. Er antwortete: »Der Rest wird immer noch im Norden gebraucht. Soweit man Duros Aussagen trauen darf, ist die Front in höchster Gefahr. Umso zwingender ist es, dass wir das DMK-Problem schnell in den Griff bekommen und deinen Vater hinter Gitter bringen. Er ist die zentrale Figur in diesem Spiel.«
»Ich werde dem Typen so kräftig und so oft in die Cojones treten, dass er sich wünscht, ein kleines Mädchen zu sein«, meldete sich Venlok jetzt von oben.
Und Malico bekräftigte: »Sollte ich ihn in die Finger kriegen, werde ich eins von den verbotenen Updates für Neuroziemer an ihm austesten, bis er ... bis er ...«
Er ließ den Satz unbeendet und Caron war sich nicht sicher, ob er ein Schniefen hörte.
Nur Navaja schwieg. Wie immer. Aber Caron hatte sein Gesicht gesehen, als die Aufzeichnung lief. Und er wusste, niemals waren sich die Kadetten von Trupp 2 so einig gewesen wie in diesen Stunden.
—
Die Wecksirene schreckte Caron auf. Er war wohl eingeschlafen, wenn auch höchstens für eine halbe Stunde. Jayd auch. Mit müden Augen und einem Kuss löste sie sich von ihm und schlüpfte in ihren eigenen Truppraum.
Navaja und Venlok waren bereits im Hygienebereich verschwunden, da musste er Malico tatsächlich wachrütteln.
»Sieh zu, dass du hochkommst. Wir haben heute einiges vor.«
Mühevoll stemmte sich der Jüngste aus Truppraum 3-2 unter seiner verdrehten Decke hoch. Er sah schrecklich aus. Der Verlust von Felis schien ihm noch näher zu gehen als Caron. »Die wollen uns doch jetzt nicht wirklich für diesen Mummenschanz antreten lassen?«
»Das will ich nicht gehört haben. Unsere Vereidigung ist kein Mummenschanz. Danach sind wir echte Kadetten erster Klasse. Mit allen Rechten und Pflichten. Außerdem will Duro, dass Azote und seine Zirkel denken, ihr Plan würde trotz allem aufgehen. Dass niemand auf den kleinen Kadett Salvador und seinen paranoiden Capitan hört, weil sie keine Beweise haben und Trentagon die DMKs so nötig braucht. Es sei denn, sie können unseren Datendiebstahl nachweisen ...«
»Keine Chance. Dafür habe ich gesorgt.«
»Dann gehen sie davon aus, dass sie die einzige wirkliche Zeugin ausgeschaltet haben. Und jetzt wasch dich und hau dich in die Paradeuniform.«
Caron konnte gut nachvollziehen, was in seinem Scimitar-Compañero vorging. Felis´ Schicksal lastete auch auf ihm wie ein Berg. Gleichzeitig entfachte ihr Verlust ein Feuer, das er brauchte, um das durchzustehen, was nun folgen würde.
Nach dem Besuch im Hygienebereich legten alle gemäß dem Codex Sinistra und den Prachtstatuten fürs Exerzieren ihre weiße Paradekombination an. Sie drapierten sich gegenseitig die noch leeren Rangkettchen über die Schulter, zogen sich die braune Dekorationsschärpe über der Brust glatt, steckten sich das Herz der Wahrheit an die vorgeschriebene Stelle und warteten auf Capitan Adamantos Befehl zum Antreten. Der schallte prompt von draußen durch den Gang.
Voll bleierner Trauer und mit heißer Wut in der Brust zwang Caron sich auf den Korridor. Navaja, Venlok und Malico folgten ihm. Da sie jeweils den eigenen Trupp zu führen hatten, blieb Caron und Jayd nur ein Seitenblick.
»Atención!«, begrüßte Kadettin Brush den Capitan und die Aracas standen still. In seiner weißen Uniform wirkte Adamanto, bis auf die Falten im Gesicht, wie aus dem Ei gepellt. Und bei der Bissigkeit, mit der er jetzt losbrüllte, wollte man nicht glauben, wie müde er in Wirklichkeit sein musste.
»Viva ...«
»Verdad!«, riefen die Kadetten, aber Carons und Jayds Trupps fehlte es dabei eindeutig an Überzeugung.
»Rühren.«
Adamanto schritt seinen Zug ab und achtete mit Argusaugen darauf, dass keine zerknitterte Hose, kein nachlässig geputzter Stiefel und keine schlecht sitzende Jacke den Gesamteindruck verdarben.
»Ihr seht hervorragend aus, Aracas. Macht mir da draußen keine Schande. In einer Stunde stehen hier wahre Sinistras vor mir. Und nun ... auf mein Wort!«
Die Stiefel der Kadetten klatschten.
»Dreht links! Und Schritt!«
Auf dem Weg zum Exerzierplatz kamen die Kadetten der anderen Capitanes und Jahrgänge Zug um Zug dazu. Am Ende marschierte ein kleines, geordnetes Heer aus dem dunklen Tor ins Freie. Es wurde diesmal nicht nur von der grellen Sonne, sondern auch von schmetternden Synth-Hörnen empfangen. Aus riesigen Lautsprechern erschallte der Marcho Sinistra, der Marsch, den die meisten Kadetten erst nach jahrelanger Grundausbildung zu hören bekamen. Ihrer aller Stiefel stampften dazu den Takt.
Auch Coronel Duro stand wieder da. Das Cape im leichten Wind wehend, den Stimmverstärker vor dem Gesicht schwebend und nun ebenfalls in Weiß gekleidet. Hinter ihm stand eine breite Doppelreihe an Adjutantenautomatons mit kleinen Tabletts in den Metallhänden. Nachdem sie ihre Züge umständlich in den zugehörigen Karrees abgestellt hatten, gesellten sich die Capitanes jeweils zu einem dieser Automatons.
Der Marcho Sinistra verklang.
»Kadettinnen und Kadetten«, donnerte die Stimme des Coronels über den Platz. »Ein wichtiger Schritt in der Entwicklung eurer Persönlichkeit ist getan. Es mögen noch nicht alle Kanten herausgeschliffen sein, trotzdem fällt euch von diesem Tag an die Pflicht eines wahrhaftigen Sinistras zu. Früher als jedem vor euch. Wie angekündigt, sehe ich einige Plätze leer. Das ist bedauerlich.«
Caron schluckte. Er sah, wie sehr Malico sich zusammenreißen musste. Selbst in Venloks Augenwinkeln glitzerte es feucht und in Navajas auch.
»Aber ihr, die ihr hier vor mir steht, wart niemals schwach, habt niemals aufgegeben, ihr habt es geschafft. Und ihr werdet noch mehr vollbringen, werdet in der neuen Aufgabe über euch hinauswachsen. Ganz so, wie Trentagon und der Dynast es von jedem seiner Sinistras verlangen. Aber vorher nehmt ihr den Lohn für überlegenen Mut und herausragende Ausdauer entgegen. Viva Verdad!«
»Viva Verdad!«, gaben die angehenden Sinistras, lauter als jeder Geräuschverstärker es vermochte, zurück. Im Laufe seiner Rede hatte der Coronel die Arme in die Luft gehoben. Jetzt nahm er sie langsam wieder herunter.
Danach trat er zum ersten Zugkarree, einen Capitan und einen Adjutanten an seiner Seite: Das Verleihen der ersten Ehrennadel und des Schulterspangenchips für Kadetten erster Klasse begann.
Caron spürte ein Kribbeln am ganzen Körper. Es dauerte und dauerte, bis die Aracas an der Reihe waren. In der Zwischenzeit lief ihm der Schweiß das Rückgrat runter und Malico war schon beinahe so blass wie seine Uniform geworden.
Die Grübeleien über Felis kehrten zurück und beinahe hätte Caron trotz seiner Ungeduld das Raustreten verpatzt. Coronel Duro, Capitan Adamanto und ein dürrer Maschinenmensch stellten sich vor den Zug. Caron musste gleich als Erster nach vorn.
»Ich frage Sie, Capitan Furybund Adamanto, ist der Ihnen überantwortete Caron Salvador fähig und willens, dem Dienst für den Dynasten und somit dem Dienst an der Wahrheit alles andere, sogar sein eigenes Leben, unterzuordnen?«, fragte Duro feierlich.
Adamanto antwortet: »Ja, Coronel! Fähig und willens.«
»Dann frage ich dich, Caron Salvador, bist du fähig und willens, dem Dienst für den Dynasten und somit dem Dienst an der Wahrheit alles andere, sogar dein eigenes Leben, unterzuordnen?«
»Fähig und willens. Ja, das bin ich, Coronel!« Vor Monaten hatte Caron diesen Moment noch herbeigesehnt. Jetzt, da er gekommen war, erschien ihm alles schal und unecht, die Worte unbedeutend.
»Dann erteile ich dir hiermit alle Privilegien eines Sinistra-Kadetten erster Klasse.«
Der Coronel nahm Ehrennadel und Schulterspangenchip vom Tablett des Automatons, befestigte das eine an seiner Rangkette und drückte ihm das andere in die Hand. »Als Anerkennung für deine Siege über deine Feinde und über dich selbst. Von nun an muss jeder vor dir weichen. Viva Verdad!«
Die Antwort wollte Caron kaum über die Lippen. »Viva Verdad!«
Nachdem Coronel Duro mit den Aracas durch war, mussten sie noch weitere dreißig Minuten im grellen Tageslicht ausharren, bis sie endlich ins Innere des Bunkers zurückmarschieren durften.
Caron fragte sich, was das alles sollte. Warum hockte Bellow Kessler nicht schon längst im tiefsten Arrestkorridor? Wieso musste hier jeder so tun, als ob sie tatsächlich den Dienst mit den DMKs aufnahmen? Und wie konnte an einem solch beschissenen Tag überhaupt die Sonne scheinen?
—
Direkt nach der Vereidigung erging via Datenbewahrer Anweisung an die Aracas, ihre Paradeuniform gegen den normalen Körperpanzer auszutauschen und sich für die Verlegung in ihre neuen Garnisonen bereitzuhalten.
Caron war heilfroh, dass Malico, Navaja und allen voran Venlok Jayds Anwesenheit in Truppraum 3-2 als selbstverständlich ansahen. Obwohl ihr Trupp ein fester Bestandteil der meisten verdeckten Missionen gewesen war, packten Shrouk und der Rest entgegen Adamantos und Jayds Anweisungen ihre Inventarkisten. Schon allein deswegen war Jayd nicht besonders scharf darauf, in ihrer Nähe zu sein.
So saßen sie und Caron auf dem Bett und warteten schweigend auf die Dinge, die da folgen sollten. Malico tigerte vor ihnen auf und ab. Navaja mimte die übliche Statue am Fenster. Venlok ließ trotz seiner Ich-lege-die-Beine-mal-lässig-auf-den-Tisch-Haltung den Datenbewahrer neben seinen Füßen nicht aus den Augen.
Angespannt lauerten sie auf die nächste Order. Die Frage war nur, wann und von wem sie eintreffen würde. Die Antwort kam fünf Minuten später vom Oberkommando. Venloks und Malicos Datenbewahrer piepten eine markige Melodie.
»Was steht an?«, fragte Caron die beiden.
»Was? Wohin?«
»Nach New Bucara.«
»Genau wie ich«, informierte Venlok.
Auch Navajas Datenbewahrer piepte. Er rief seine Order auf. »Mich will Duro nach Maracas-West schicken.«
Schließlich machte sich Carons Rufsignal bemerkbar. »Und mich nach Rubio Arauca. Alles ganz schön weit weg von hier. Ich frage mich, wie weit die Hochvertrauensunion dieses Spielchen noch treiben will.«
Navaja zog seine Inventarkiste unter dem Bett hervor, befahl ihr per Datenbewahrer, sich aufzufalten, und ging zum Spind.
»Nicht so voreilig!«, stoppte Caron ihn. »Für mich sind nach wie vor Capitan Adamantos Befehle bindend und ich bin de facto immer noch euer Truppführer. Niemand bewegt sich hier weg. Ich spreche jetzt erst mal mit dem Capitan.«
»Du willst dich über die Befehle des Oberkommandos hinwegsetzen?«, fragte Malico, doch auf Carons Display erschien bereits Adamantos Konterfei.
»Wir haben Order, auszurücken. Wie sollen wir uns verhalten, Capitan?«
»Mittlerweile wieder Commodore Adamanto, Kadett erster Klasse Salvador.«
»Entschuldigen Sie, Commodore.«
»Keine große Sache. Meine Beförderung war unpompöser und schneller vorüber als Ihre. Die Aracas sollen unter allen Umständen in ihren Truppräumen bleiben. Sie sollen sich bei ihren Schiffen mit meiner Orderkennung als einsatzuntauglich melden. Und Sie, Salvador, treffen mich im Lufthafen, an Verladeterminal 89-C. Ich bin auf dem Weg dorthin.«
»Auf Ihre Order, Commodore.«
—
Natürlich hatte Adamanto die Vindicta ausgesucht, um an Informationen zum weiteren Verlauf der Freistellungsorder zu gelangen. Der Teniente an der Einstiegsrampe erwies sich leider, gemäß der Natur eines Sinistras, als ausgesprochen befehlstreu und anschreiresistent.
Er kontrollierte lieber die hineintrappelnden Kompanien, salutierte vor ihren Coronels und markierte sie in seinen Transferkolumnen als »Einsatzbereit«, als dem frisch ernannten Commodore weiterhin sein Gehör zu schenken oder ihn gar an Bord zu lassen.
Caron konnte nur hilflos danebenstehen, während Adamanto innerlich kochte. Schließlich funkte er den Capitan des Schiffes über seine persönliche Frequenz an. Und der nahm das Gespräch tatsächlich an.
»Adamanto! Willst du mir noch einen Kuss aufdrücken, bevor wir in die Schlacht ziehen? Ich bin gerührt.«
»Hör mir zu, Bronca. Ich weiß, wir sind in der Vergangenheit oft aneinandergeraten, aber wenn es drauf ankam, haben wir Rücken an Rücken gekämpft ...«
»Komm mir nicht auf die Tour.«
Caron war verblüfft. So hatte er noch niemanden mit Adamanto reden hören, schon gar nicht einen unter ihm stehenden Rang. Und dass Adamanto sein Gegenüber nicht direkt zusammenpfiff, war mindestens genauso verstörend.
»Das hier ist wirklich wichtig. Ich muss dir ein paar Fragen stellen und dein sturer Leutnant will mich nicht an Bord lassen.«
»Ganz wie er sollte. Solange du nicht auf der Boardingliste stehst, hast du auf meinem Schiff nichts verloren, Furybund. Stell mir die Fragen doch jetzt.«
»Nicht über Funk. Nur unter vier Augen.«
»Ist das wieder so eine okkulte Verschwörungsscheiße?«
Adamanto schnaubte und hielt Caron das Sprechfeld seines Datenbewahrers unter die Nase.
»Ich habe hier einen Dynastengünstling bei mir, der meine Meinung teilt.«
»Mein Name ist Caron Salvador. Ich bin tatsächlich einer der hundert Günstlinge unseres Herrschers und ja, Sie sollten sich unter vier Augen anhören, was Ihnen der Commodore zu sagen hat.«
»Günstling, was?«, kam aus der Empfangsmembran.
»Du kannst es gerne überprüfen. Ich kann dir die Freigabe dazu sofort erteilen.«
»Lass mal. Wer bin ich, dass ich der obersten Führungsetage einen Wunsch abschlage? Aber macht schnell. Wir müssen in zehn Minuten hier weg sein.«
»Mitgekriegt?«, wollte Adamanto vom Teniente wissen.
Der nickte und sie liefen los. Da alle Einheiten entweder in Truppräume oder Lander wollten, waren nur die ersten hundert Meter Weg von Sinistras verstopft. Danach ging es für Caron und Adamanto in ungehindertem Eiltempo zum Lift in die Brücke.
Dort oben nahm niemand auf den wie in einem kleinen Amphitheater angeordneten Sitzen Notiz von den Neuankömmlingen. Nur der Capitan, der am Fuße dieses Halbrondells vor dem Hauptschirm thronte, ließ seinen Hoverstuhl herumfahren.
»Herzlichen Glückwunsch zur Beförderung, Commodore.« Er salutierte am Schiffchen, schaute dann zu Caron. »Kadett erster Klasse.«
Der hätte beinahe strammgestanden, aber Adamanto legte sofort los: »Das hier ist nicht unter vier Augen.«
»Ich habe vor meiner Brückencrew keine Geheimnisse.«
»Vielleicht solltest du das ...«
»Läuft alles nach Order?«, fragte der Capitan seinen Stellvertreter zur Rechten.
»Die zu verlegenden Einheiten sind sofort an Bord und die Startvorbereitungen werden in drei Minuten abgeschlossen sein, Capitan Bronca.«
»Endlich funktioniert mal etwas vor der Zeitvorgabe. Adamanto, ihr habt drei Minuten hier und jetzt oder ich muss dich rauswerfen lassen.«
Adamanto brummte: »Wie lauten deine Befehle?«
»Da wir ausschließlich vollausgebildete Einheiten aus Trentagon-Capitol hinausbefördern, ist unser nächster Stopp die Nordgrenze. Direkt in einem Rutsch durch. Soll ich dir das Zielgebiet auf dem Hauptschirm zeigen?«
Adamanto versuchte so etwas wie ein Flüstern. »Nein, danke. Und du hast keine anderen Befehle?«
Bronca antwortete in normaler Lautstärke: »Andere Befehle? Was denn für andere Befehle?«
»Ein Geheimdossier der Hochvertrauensunion?«
Jetzt lehnte sich Capitan Bronca vor und senkte amüsiert die Stimme. »Witterst du wieder eine Revolution?«
»Das letzte Mal hat mein Riecher dem Dynasten den Herrschaftsanspruch gerettet. Und wir sind seine – und nur seine – Kämpfer.« Mit einem Kopfnicken Richtung Caron ergänzte er: »Der Dynast vertraut mir. Das solltest du auch tun.«
»In Ordnung. Nur für deine Ohren und die Ohren des Günstlings: Ich habe keine anderen Befehle als den Transfer der mir anvertrauten Truppenteile zur Nordgrenze.«
»Was ist mit dem Rest der Flotte?«
»Soweit im Briefing besprochen, fliegen die ebenfalls entweder dort hin oder sie verteilen die Frischlinge auf die leeren Garnisonen.«
»Wer fliegt die DMKs?«
»Keine Ahnung. Kesslers Transporter?«
»Also keiner von unseren Jungs?«
»Auch davon wurde im Briefing nichts erwähnt.«
»Tu mir einen Gefallen. Von Sinistra zu Sinistra.«
Bronca schaute auf den Holowürfel über seiner Armlehne. »Kommt drauf an.«
»Bitte informier mich, sobald eine andere Order als die bestehende an euch ergeht.«
Der Schiffscapitan sah wieder auf. Seine Augen verengten sich. »Von der Union? Das kann mir als Hochverrat ausgelegt werden.«
»Es geht um Azote.«
»Und ich übernehme dafür die Verantwortung«, schaltete Caron sich ein.
»Teniente Sivu! Überprüfen Sie mal einen Kadetten erster Klasse mit dem Namen Caron Salvador.«
»Auf Ihre Order, Capitan.«
Adamanto ergänzte: »Fügen Sie Ihrer Erfassungskennung 9907-Z11 hinzu.« Zum Capitan sagte er: »Dein Vertrauen überwältigt mich, Bronca.«
»Nichts für ungut, Furybund. Aber irgendwo ist Schluss. Speziell du müsstest dafür Verständnis haben.«
»Status: Bedingungslos vertrauenswürdig«, meldete der Teniente und diese höchste aller Zuordnungen ließ sogar Adamanto schlucken.
Ein Sirren ertönte und der Navigationsoffizier rief: »Startvorbereitungen abgeschlossen.«
»Wenn du mir versprichst, deinen Hintern jetzt ohne großes Aufheben von meinem Schiff zu befördern, werde ich dich von jeder abweichenden Order wissen lassen.« Mit diesen Worten drehte sich Bronca samt Stuhl wieder zum Hauptschirm.
»Ich verlasse mich darauf«, erwiderte Adamanto und zog zusammen mit Caron ab.
Nachdem sie die Ausstiegsrampe heruntergelaufen waren, wurde gleich hinter ihnen die Bordwand hochgeklappt und die Vindicta erhob sich von ihrem Landeplatz. Sie schwebte den anderen Bataillonsschiffen durchs große Hangartor hinterher.
Caron und Adamanto blieb nichts anderes übrig, als den Triebwerkslärm zusammen mit der heißen Luft aus den Abwärmeventilen auszuhalten und der Flotte hinterherzublinzeln.
»Was nun?«, fragte Caron, nachdem ihr Röhren verklungen war.
Adamanto presste die Lippen zusammen. »Wir knöpfen uns Duro vor.«
Caron wurde mit jedem Moment unwohler zumute. Während seines Prozesses hatte er sich genauso gefühlt: wie kurz vor der eigenen Hinrichtung. Trotzdem folgte er seinem Commodore entschlossen.
Sie hatten gerade den Terminal durchquert, da ertönte eine Alarmsirene. Adamanto sah Caron an.
»Finden Sie raus, was da los ist, Salvador. Ich übernehme den Coronel.«
Kapitel 15
Das Warten war vorüber!
Selbst wenn für ihn keine Möglichkeit zum Kontakt nach außen bestünde, er hätte es überall um sich herum gespürt. Dieser Bunker, wie die Menschen ihn nannten, glich schon seit Tagen einem Bienenstock, doch mit einem Mal herrschte Ruhe. Salvador hatte gelogen. Und er hatte so getan, als wäre er darauf reingefallen. Hoffentlich würde er miterleben können, wie dieser Einfaltspinsel vor seinem Irrtum in die Knie ging.
Er schlug die Augen auf und erhob sich vom Pritschenbett. Fünf Jahre waren vergangen. Fünf Jahre, in denen Verhöre, Mahlzeiten, die Sitzungen mit Kadetten und ein überaus dürftiges Unterhaltungsangebot ausgewählter Holopropaganda alles gewesen war, was den Gleichklang seiner Tage unterbrochen hatte. Für andere eine Ewigkeit. Für ihn ein Lidschlag. Erstaunlich, dass sich niemand fragte, warum seine geistige Gesundheit nicht gelitten hatte.
Wie häufig waren ihm Ketten angelegt worden. Sie schränkten seine Bewegungsfreiheit kaum ein, aber ihre Speziallegierung verhinderte das Nutzen der Kraft, die man hier Magie nannte. Trentagon hatte vom Feind eine Menge gelernt. Leider – oder besser: zum Glück – nicht genug. Diese Dinger würden ihn an gar nichts hindern, dafür war er viel zu mächtig. Sie würden seine Kräfte bestenfalls stören. Um sie loszuwerden, war er allerdings auf konventionelle Hilfe angewiesen. Eine Verzögerung, kein Hindernis. Er musste lediglich an ein Vibromesser gelangen.
Durch Abtasten der Wand tauchte vor seinem inneren Auge der Verlauf jeder Energiezufuhr auf, die in diese Zelle führte. Er versuchte, eine direkte Verbindung zur Überwachungskammer aufzuspüren.
Die Versorgungsleitungen für das große rote Sperrfeld waren dreifach gesichert und kamen von sonst wo her. Ungeeignet. Da waren die Kameras, aber ihre Kabel bestanden aus Glasfasern. Es gab noch Steuerkabel. Sie dienten dazu, Ventilklappen in den Lüftungsschlitzen zu öffnen, durch die dann tödliches Gas in die Zelle gepumpt wurde. Diese Kabel waren zu dünn. Einer Belastung, wie er sie anstrebte, würden sie niemals standhalten. Aber es befanden sich noch drei Batterien versteckter Strahler hinter der Wandverkleidung. Damit, so meinten die Wächter in der Kammer, könnte man ihn betäuben oder gar erschießen und zu diesem Zweck wurde eine Menge Energie bereitgestellt. Eine tödliche Menge. Perfekt.
Eine kleine Geste in Richtung der Kameras hatte ihren Ausfall zufolge. Er setzte sich in aller Ruhe wieder und übte sich in einem letzten Moment Geduld.
Nach dem Rumpeln des Eingangsschotts dauerte es exakt zweiunddreißig Sekunden, bis zwei Sinistras mit je einem Kampfautomaton im Rücken vor das Sperrfeld der Zelle polterten. Das Messer wurde geliefert.
»Kette in die Wandöse, Abschaum.« Teniente Rondeen war immer ganz wild darauf, seinen Lieblingsgefangenen zu beschimpfen. Hin und wieder nutzte er auch Gelegenheiten wie diese, um ihn den Kolben eben jenes Gewehres schmecken zu lassen, mit dem er jetzt in die Zelle zielte. Obwohl alle vier wussten, dass sie nicht durch das Sperrfeld schießen konnten, taten sein Kamerad und die beiden Maschinenmenschen dasselbe. Soldaten! Ihnen bedeuteten Rituale noch mehr als Hexern oder Priestern.
Er bleckte die Zähne zwischen den Lippenwülsten, hakte sich in die Wand ein und wartete darauf, dass Teniente Rondeen ihn mittels Fernsteuerung in die Höhe fuhr. Als er anscheinend wehrlos genau gegenüber den versteckten Läufen hing, brachten die Wachsoldaten das rote Feld zum Erlöschen. Dann, die Gewehre immer noch im Anschlag, betraten sie die Zelle.
»Du und deine Spielchen, Azote.« Während der andere Sinistra die Kameras checkte, tätschelte Rondeen sein Knie. »Du weißt doch: Egal, was du mit den Cams anstellst, wir kriegen sie doch wieder hin oder beschaffen sofort Ersatz. Und über dich wird ein Hungertag verhängt.«
»Mir war langweilig und nach etwas Gesellschaft zumute, Rondeen. Da ich wusste, dass du mir nur deine Aufwartung machst, wenn ich mich an den Kameras vergehe, zog ich an deinem Faden und voilà: Wie bestellt steht die Marionette vor mir.« Er grinste so breit, dass die Spannung einen Lippenwulst anriss.
»Sprich mich gefälligst mit Rang an, du Stück Dreck!« Rondeen rammte ihm das Gewehr in den Magen.
Seine Beine zuckten nach oben. Doch nicht vor Schmerz. Seine Bauchmuskeln waren wie Rüstungsplatten. Eine Beschwörungsformel auf den Lippen stemmte er sich mit den Beinen von der Wand und riss Kette samt Öse heraus. In einem telekinetischen Überschlag lief er zwei Schritte über die Decke, schlang die Kette um Rondeens Hals und zog sie stramm, sobald er hinter ihm auf dem Boden aufkam. Noch bevor er den Sinistra umreißen konnte, rammte er eine Hand in die versteckten Wandstrahler. Gelbliche Blitze entluden sich von seinem Arm in die Wand.
Während alle für ein paar Sekunden geblendet wurden, schnellte seine okkulte Macht die Energieleitungen hoch, um ihre volle Gewalt in der Überwachungskammer zu entfalten. Dort brachen auf einen Schlag alle Systeme zusammen.
Rondeen war von der abgestrahlten Energie bewusstlos, aber sein Kamerad und die Automatons eröffneten erbarmungslos das Feuer. Mit einem erneuten Armwirbeln befreite der Hexer Rondeen von der Kette, packte ihn am Rückenpanzer und benutzte seine Brust als Schutz vor dem einsetzenden Laserhagel. Der Sinistra zuckte zwei Sekunden, dann hing er schlaff und Azotes Ketten waren zerschossen. Seine unheilige Macht war es schließlich auch, die Rondeen gegen seinen Kameraden schleuderte und den Schreienden umriss.
Die beiden Automatons erhoben ihre Armschilde und bewegten sich nun rückwärts aus der Zelle. Da ihnen Angst fremd war, konnte das nur eins bedeuten ...
Er verschränkte die Arme in der Kutte, wob murmelnd einen Schutzschild und die Kampfroboter ließen Granaten in den Raum krachen. Die folgenden Explosionen verschlangen ihn.
Während die Druckwelle die klobigen Droiden schwanken ließ, fauchte ein Feuersturm über ihre Schildarme. Sie stemmten sich dagegen, bis alles vorüber schien, verblieben allerdings weiterhin in Alarmbereitschaft. Es waren nicht bloß das reflektierte Flackern und der Rauch, was sie unruhig erscheinen ließ. Die Signale aus der Zelle wehrten sich gegen eine schlüssige Verarbeitung. Da wurden endoplasmatische Strömungen in einer Umgebung angezeigt, die eigentlich kein Leben mehr zuließ.
Ein Mensch hätte die Pritschenplatte nicht wahrnehmen können. Der rechte Automaton registrierte sie in Form einer verwischten Bewegung, als sie aus den Flammen auf ihn zuschoss, ihn durch den Eingang in die nächste Zelle riss und an deren Rückwand in der Rumpfmitte spaltete.
Der verbliebene Automaton wollte den Waffenarm erneut in Schussposition bringen, aber ein Ächzen seiner Gelenke war alles, was er zustande brachte, dann wurden ihm die Extremitäten vom Körper weggebogen und er selbst einen halben Meter in die Luft gehoben.
Ein schwarzer Umriss mit rotglühenden Augen trat aus den Flammen. An seinem gestreckten Arm hing der Roboter wie eine Puppe. Mit einem Schrei in einer fremden Sprache wurde er gegen die Überwachungskammer über dem Korridorausgang geschmettert.
Sein Körper hinterließ in den Sicherheitsshuttern, die vor das Glas gefahren waren, eine tiefe Beule. Dann krachte er von dort zu Boden, und auch wenn er noch versuchte, den Kopf zu heben, gaben seine Videosensoren den Geist auf.
Nun musste Azote sich rasch um die Besatzung der hermetisch abgeriegelten Kammer kümmern. Da dieser Teil des Arrestlevels nach den strengsten Sicherheitsroutinen funktionierte, herrschte nach der energetischen Überlastung das Prinzip der Eindämmung. Und weil seine kleine Machtdemonstration jedes Gerät in dem Raum zerstört hatte, war das auch nicht mehr rückgängig zu machen. Doch irgendwann würde irgendeine ausbleibende Rückmeldung den Rest des Bunkers auf die Vorkommnisse hier unten aufmerksam machen. Also musste er sich beeilen. Jedoch ... seine Befreiung hatte Kraft gekostet. Zu lange war er zu untätig gewesen.
Zwischen den ersterbenden Flammen konnte er klar und deutlich die Seelen der gerade getöteten Sinistras ausmachen. Er würde sich ihrer bemächtigen, bevor ihre Lebensenergie verblasste. Und das Messer! Er musste auch noch diese Kettenschellen loswerden. Danach durften die Sinistras in der Kammer ihm das gleiche Opfer wie ihre Kameraden bringen. Zu seinem Wohl und zum Wohle ihres geliebten Trentagon. Damit es bald einen Herrscher bekam, der dem Feind an der Nordgrenze wirklich die Stirn bieten konnte.
—
Lange hatte Caron nicht suchen müssen. Der Grund für den Alarm befand sich im untersten Stockwerk des Arrestlevels. Dort fand er den Aufzug, über den die Kadetten immer zu Azote gelangt waren, unbewacht, den Korridor davor nur von blitzenden Alarmleuchten erhellt. Zum Glück funktionierte der Lift noch. Beim Aussteigen sah er seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Das Tor, das Azotes Korridor versperren sollte, war nur noch ein ausgefranstes Loch in einem Metallrahmen. Der Durchgang blieb jedoch durch Schutt und Stahl verwehrt. Darüber, wo sich eigentlich die Überwachungskammer befinden sollte, war eine zweite Öffnung in die Mauer gebrochen worden. Eine Mischung aus älteren Sinistras vom Wachteam und jenen Kadetten erster Klasse, die man im Bunker stationiert hatte, kletterten heraus und hinein. Ein Gesicht erkannte Caron von den Craneos.
»Kadettin erster Klasse Owl! Was ist hier passiert?«
Die Angesprochene rutschte den Rest der beschädigten Wand herunter und kam vor Caron zum Stehen. »Salvador, was machst du denn hier? Sind die Aracas nicht längst verlegt worden?« Ihr staubbedecktes Gesicht zeigte ebenso viel Überraschung wie Verstörtheit.
»Commodore Adamanto hat einen Teil von uns hierbehalten, weil er wohl ahnte, dass genau so etwas geschehen würde. Ich bin in seinem Auftrag hier. Also: Was ist los?«
»Jetzt heißt es Commodore Adamanto?« Sie schien einen Moment zu überlegen. »Die Vorkommnisse sind eigentlich einfach zu erklären, auch wenn sie schwer begreifbar scheinen. Nach allem, was wir wissen, hat es erst eine enorme Energieüberlastung in der Überwachungskammer und danach eine Explosion in Azotes Zelle gegeben. Zum Schluss hat irgendetwas oder irgendjemand das hier angerichtet.« Sie wies mit dem Daumen hinter sich.
»Irgendetwas oder irgendjemand?« wiederholte Caron ungläubig. Irgendetwas oder irgendjemand schien ihm gerade den Boden unter den Füßen wegzuziehen.
Zwei andere Sinistras drängelten sich an ihm vorbei.
»Egal, wie deine Order lautet, ich will genau wissen, von wem du hier redest. Es stimmt doch, oder? Er ist ausgebrochen?«
Kadettin Owl geriet ins Stammeln. »Wir wissen ... noch nichts Genaues, aber die Automatons vom inneren Tor haben wohl Granaten auf ihn abgefeuert. Für die Details fragst du besser Capitan Jacoba. Ich darf dir wirklich nicht mehr sagen. Und ich müsste auch schon längst mit einem Bericht bei der Hochvertrauensunion sein.«
»Zu Fuß?«
»Die Kommunikation innerhalb des Bunkers ist zusammengebrochen. Möge dein Weg stets ein gerader sein, Salvador«, verabschiedete Owl sich und verschwand im Aufzug.
Caron versuchte sofort, Adamanto zu erreichen, bekam aber tatsächlich nur eine Offline-Meldung. Hier lief etwas mächtig krumm und es bestand kein Zweifel mehr: Trentagon rutschte in eine Katastrophe. Weil er nicht wusste, was er sonst hätte tun können, kletterte er durch das Loch in der Wand in die einstige Überwachungskammer.
Gleich nach dem Einstieg musste er sich an einem Terminal festhalten, weil die Kammer durch ihren Absturz extreme Schieflage hatte. Überall lagen Splitter, Hoverstühle, bewegliche Projektoren, Speicherkoffer und was sonst nicht befestigt war. Einiges war an den Sockeln der Arbeitsstationen hängenblieben, das meiste ruhte unten zwischen den verbogenen Streben der ehemaligen Glasfront.
Caron machte sich darauf gefasst, die entsetzlich zugerichteten Leichen seiner Sinistra-Compañeros zu Gesicht zu bekommen. Und auf dem halb gerutschten, halb gekletterten Weg die schiefe Kammer hinab, kam er auch an so mancher Leiche vorbei, nur dass sie bis auf leichte Verbrennungen keinerlei Verletzungen aufwiesen. Die meisten schienen sogar völlig unversehrt. Im Unterschied zu Kesslers Opfern hatte Caron allerdings nicht den Eindruck, dass die Männer und Frauen einfach zusammengebrochen waren. Sie lagen – verkrampften Gelenkpuppen gleich – mit weit aufgerissenen Augen in den Ecken.
Was hatte Azote mit ihnen angestellt?
Er kletterte durch die auseinandergebogenen Sicherheitsshutter.
Im Korridor sah es nur ungleich besser aus als in der Kammer. Zwei Tote und ein Automaton lehnten an den Wänden, auch hier gab es keine sichtbaren Verletzungen bei den Menschen. An mancher Zelle hingegen hatte es massive Zerstörungen gegeben, am heftigsten bei der, vor der Jacoba stand.
Caron grüßte den Capitan und den Kadetten an seiner Seite nach dem Codex und unterrichtete sie von Adamantos Weisung. Dann fragte er mit Blick auf das verkohlte Innenleben der Zelle: »Azote ist da drin doch nicht gestorben, oder?«
»In der Zelle befinden sich zwei verbrannte Körper in Sinistra-Rüstung. Vom Hexer keine Spur. Eine Einheit Spurensicherungsautomatons ist auf dem Weg hierher. Trotzdem: Sollte er sich nicht wirklich gut versteckt haben, müssen wir davon ausgehen, dass er entkommen ist.«
Auch wenn er es spätestens beim Betreten des Vollzugslevels geahnt hatte, wurde hiermit Carons letzte Hoffnung zunichtegemacht, dass sich die Situation ohne drastische Maßnahmen in den Griff kriegen ließ. Er musste handeln.
»Ich bin ...«
Ein verzerrter Signalton aus seinem Datenbewahrer unterbrach ihn. Flackernd kam Adamanto auf dem Display zum Vorschein.
»... müssen sofort ... mir kommen ...«
Statisches Rauschen.
»Commodore? Ich kann Sie kaum verstehen. Falls Sie mich hören: Der Alarm kam aus dem Vollzugslevel. Azote ist geflohen.« Caron hatte geschrien. Und doch hörte sich das Rauschen bis zu Adamantos Antwort überlaut an.
»... weiß ich bereits ... Coronel Duros Büro ... so schnell wie möglich. ... mit einem ganzen Team ...«
Die Verbindung war weg.
»Capitan? Können Sie ein paar Ihrer Sinistras entbehren? Ich muss zu Coronel Duro. Sofort.«
—
Adamanto trat aus dem Aufzug. Schlagartig schlugen seine Instinkte Alarm. Das Stockwerk der Ausbildungsverwaltung hörte sich ungewohnt an. So still. Dieser Bereich stellte nach der Freistellungsorder das zweite Herz der Sinistra dar, einen der wenigen Bereiche, aus dem so gut wie kein Sinistra abgezogen worden war. Adamanto zückte den Howlbarrel-Blaster, den er aus der privaten Waffenbox seines Wohnbüros gezogen hatte. Jetzt war er froh über den kleinen Umweg.
Als er einen Blick in das erste Verwaltungsquartier geworfen hatte, bekam der Knoten in seinem Bauch eine Windung mehr: leer.
Beim zweiten Blick bereute er, nicht auch noch seinen Helm dabei zu haben. Hier lagen die verkrümmten Leichen von fünf Sinistras über erloschenen Holotischen. Er zog einen von ihnen zurück auf seinen Hoverstuhl. Keine Schusswunden, keine Stich- oder Schlagverletzungen. Nur in Qual aufgerissene Augen und der Mund zu einem stillen Schrei verzogen. Es musste schwarze Magie am Werk gewesen sein. Sofort fand Adamantos Finger die Alarmtaste am Datenbewahrer, aber das Nachrichtentransferprogramm war so tot wie die fünf Soldaten in diesem Raum.
Behutsam und mit erhobenem Waffenarm schlich Adamanto weiter von Tür zu Tür. In jedem Raum bot sich der gleiche Anblick: entweder unbesetzte Arbeitsplätze oder in unnatürlichen Haltungen herumliegende Körper. Selbst die Kampfspuren hielten sich in Grenzen.
Er kam bis zur zweiten Gangecke, dann blieb er stehen. Stimmen drangen durch den Korridor. Offensichtlich aus Duros Büro. Und eine klang definitiv nach Azote. Adamantos Griff an den Datenbewahrer war reiner Reflex. Er wollte das Gerät gleich wieder wegstecken, doch auf der Empfangsanzeige tat sich etwas. Verdammt! Wenn er Azotes Stimme bis hierher vernahm, würde der Hexer ihn andersherum auch hören können. In vorsichtiger Eile stahl Adamanto sich zurück zum nächsten Raum ohne Leichen.
Dort ging er hinter einem Holotisch in die Hocke und wählte denjenigen an, dem er jetzt noch am meisten vertraute. »Salvador! Ich brauche hier Verstärkung. Sie müssen sofort zu mir kommen.«
Die Videoübertragung war verrauscht, aber der Audioteil beinahe ungestört. »Commodore? Ich kann Sie kaum verstehen. Falls Sie mich hören: Der Alarm kam aus dem Vollzugslevel. Azote ist geflohen.«
»Das weiß ich bereits. Er hält sich in Coronel Duros Büro auf. Ich stehe praktisch davor. Rücken Sie hier so schnell wie möglich an. Am besten mit einem ganzen Team. Und seien Sie, bei der Wahrheit, bloß leise.«
Schon brach der Empfang wieder zusammen. Adamanto konnte nur hoffen, dass Salvador die entscheidenden Anweisungen mitbekommen hatte und sich beeilte. Er selbst schlich wieder in eine bessere Lauschposition: neben die automatische Doppelschwenktür zu Duros Büro. Sie war von außen eingedrückt worden und stand offen. So hörte Adamanto den ersten Sprecher sehr gut.
»... deswegen werde ich den Bunker jetzt umgehend verlassen. Du sorgst dafür, dass mein Abschied glatt und unbemerkt über die Bühne geht.«
Wer auch immer bei Azote weilte, seine Antwort blieb unverständlich leise.
»Dann werden wir keine Minute mehr verschwenden.«
Das klang nicht danach, als ob das Warten auf Verstärkung noch eine Option darstellte. Einen Teil in Adamanto freute das. Er aktivierte die Aufzeichnungsfunktion am Datenbewahrer. Egal, was mit ihm geschah, die Sinistra musste erfahren, was hier vor sich ging.
Als er durch die Tür trat, stellte sich die zweite Person im Raum, wie nicht anders zu erwarten, als Peon Duro heraus. Der Coronel hatte sich gerade hinter seinem Holotisch erhoben und fragte: »Soll der Automaton Sie begleiten?«
»Ich glaube nicht, dass das nötig ist«, kam die Antwort aus Adamantos Mund.
Azote drehte sich herum.
Adamanto feuerte. Der Doppelstrahl aus seinen Läufen hätte den Hexer eigentlich in der Brust treffen sollen, doch lenkte er ihn mit seiner Hand durch die Holofläche des Schreibtischs in Duros Schulter. Der schrie und landete wieder in seinem Stuhl.
Jetzt bekam Adamanto es nicht nur mit dem Hexer, sondern auch noch mit dem Adjutantenautomaton zu tun. Er reagierte auf die Bedrohung seines Coronels nämlich mit dem Ausfahren des Waffenarsenals und einem Satz aus seiner Ecke über den Schreibtisch.
Adamanto wollte ihn kurzerhand umtreten, aber dank der überraschenden Standfestigkeit des dürren Droiden beförderte er sich damit gegen die Wand in seinem Rücken. Dabei zog sich sein Bein noch einen Schnitt durch die metallenen Skalpellfinger zu, dafür entging er sowohl dem Schuss aus dem tückischen Armblaster als auch einem gleichzeitigen Blitzschlag von Azotes Hand.
Ein Speicherregal flog in tausend Stücke, Adamantos Howlbarrel heulte auf, bevor er richtig zum Liegen kam. Den ersten Schuss parierte die Reflektorschicht des Adjutanten noch, den zweiten nicht mehr. Seine Brustplatte überhitzte und bekam Risse. Während er gegen Azote taumelte, wollte er ein weiteres Mal auf Adamanto feuern, doch dessen dritte Salve ließ die Haupthydraulikleitung im Torso bersten. Der Maschinenmensch erstarrte unter einem Feuerregen aus seiner Brust.
Azote zerschmetterte ihn mit glühender Faust. Adamantos Schussfeld war wieder frei. Die doppelten Hochenergieladungen knackten vielleicht eine Reflektorschicht, doch gegen die Macht Azotes hatten sie keine Chance. Adamanto fluchte. Hätte er eine Granate im Ausrüstungsgürtel, er würde sich und seinen Erzfeind ohne mit der Wimper zu zucken in die Luft sprengen.
Der Hexer war am Zug. Er spie Adamanto eine Beschwörung entgegen, woraufhin sich dessen Muskeln schmerzhaft verhärteten. Mit einem Heben seines Armes wurde Adamanto in die Luft gewuchtet.
Duro zielte mit seinem Dienstblaster auf ihn, aber Azote hieß ihm, er solle die Waffe wegstecken.
»Commodore Furybund Adamanto. Welch angenehme Überraschung.«
»Kämpfen Sie wie ein Mann, Hexer, und ich werde Ihnen eine echte Überraschung verpassen.« Adamanto probierte, die überstreckten Finger zu bewegen.
»Bemüh dich nicht«, merkte Azote verächtlich an. »Zugegeben, du hast wacker gekämpft. Wie ein aufrechter Sinistra. Aber letztendlich war deine Aufopferungsbereitschaft für Trentagon vergeblich.«
Adamanto wollte wieder eine Faust ballen, bekam aber kaum die Finger krumm und erntete neuen Spott.
»Wie fühlt man sich, Soldat, wenn man erkennt, dass man in all den Jahren der Einsamkeit Recht hatte, aber am Ende trotzdem versagen muss?«
»Nun ist es also wirklich geschehen: Der große Azote und seine Skorpionzirkel putschen. Gib mir den Rest, Schwarzblutpisser. Wie hast du das hingekriegt?«
Azote ließ Adamanto ein Stück in seine Richtung schweben, dann brachte er ein hustendes Lachen heraus. »Erbarmungswürdiger Versuch, Schlauberger.«
Der ehemalige Capitan der Aracas spürte ein Ziehen an seinem Gürtel und ein Zerren an seiner Hand. Azote ballte die freie Linke, Adamantos Howlbarrel und sein Datenbewahrer schwebten ihm entgegen. Mit einem Rucken seines Arms zerschmetterte er beides an der Wand. Anschließend begann etwas, an Adamantos Därmen zu zerren. In der nächsten Sekunde wurde er in hohem Bogen durch Duros Büro geworfen, prallte auf den Holoschreibtisch und riss alles von der Oberfläche mit sich. Duro konnte gerade eben noch in Sicherheit springen, als er dahinter aufschlug.
Vor Adamantos Augen tanzten schwarze Punkte. Das Erste, was er in dem Chaos klar vor sich liegen sah, war Felis Laguns Datenbewahrer. Und das Teil tat noch seinen Dienst. Er hieb auf die Aufnahmefunktion ein, wählte den ersten favorisierten Kontakt aus und stecke ihn in seine Tasche. Dann befreite er sein Messer aus der Duradid-Scheide, und obwohl ihm alle Knochen wehtaten, schnellte er hinter dem Schreibtisch hoch.
Das Messer flog so rasant auf Azote zu, dass ihm kein Auge folgen konnte, trotzdem schlug der vernarbte Hexer es zielsicher mit der bloßen Hand zur Seite. Dann krampften Adamantos Muskeln sich erneut zusammen. Er musste ein Stöhnen unterdrücken.
»Der stahlharte Furybund«, kommentierte Azote höhnisch und kam näher, »will sich nie die Blöße geben. Aber soll ich dir etwas verraten? In deinem verbohrten kleinen Soldatenschädel hast du dir die ganze Zeit über eingebildet, du wärest mein großer Erzfeind, meine Nemesis, der Mann, der mich zum Zittern und zur Raserei bringt.« Er schnaubte. »Du hättest nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein können. In Wirklichkeit bist du ein Nichts, die Randnotiz einer Geschichte, die du nie begreifen wirst. Ja, heute ist der Tag deines Todes, aber für mich ist das ungefähr so, als würde ich nach einer lästigen Fliege schlagen.«
Unter größter Anstrengung und der Vorstellung, seine Gesichtsmuskeln würden reißen, brachte Adamanto es zustande, Azote anzuspucken. »Dann ... bring ... es ... hinter ... dich.«
Azote lachte und erwartete wohl, dass Duro mitlachte, aber dem war überhaupt nicht nach Fröhlichkeit zumute.
»Meister, wenn Ihr unbeobachtet hier raus wollt, müssen wir langsam machen, dass wir wegkommen.«
»So viel Zeit muss sein«, entschied Azote und sprach wieder mit Adamanto. »Jetzt, da dein Computerfunkding nicht mehr läuft, werde ich dich an dem großen Meisterplan teilhaben lassen, den du gerade noch so unbedingt von mir hören wolltest. Vielleicht stirbst du dann noch ein bisschen verzweifelter als ohnehin schon.« Die Lippenwülste rissen noch weiter auf, denn sein Grienen war so breit wie nie vorher. Blut rann über das schwarze, auf dem Kopf stehende Herz mit dem Dorn. »Wie du dir vielleicht denken kannst, hat die Organisation Jahre in Anspruch genommen, denn es musste ja gut werden. Der da ...«, er wies auf Duro, der sich an die Wand drückte und seine Schulter festhielt, »... der dir immer so herrlich auf die Nerven ging, war schon einer meiner gläubigsten Schüler, bevor man in Trentagon den Namen Azote das erste Mal ausgesprochen hatte. Genau wie Kessler. Der Eine sollte dafür sorgen, dass die Gefahr durch die okkulten Kräfte innerhalb Trentagons heruntergespielt wurde, und es so schien, als wäre die innere Sicherheit eures Landes ungefährdet, während der Andere mir Krieger schuf, die sogar den legendären Sinistras überlegen sind. Und genau diese Sinistras steuern gerade dem gleichen Schicksal entgegen wie du, mein Freund. Ein bisschen Überzeugungskraft war schon vonnöten, aber letztendlich haben wir den Obersten Militäradministrator auf unsere Seite ziehen können. Die Schiffe der treuen Dynastiekrieger werden vom Himmel geschossen, sobald sie die Nordgrenze erreichen, die, unter uns gesprochen, nicht wirklich so dramatisch in Gefahr ist, wie man den Dynasten glauben machen wollte.«
»Meister! Wir müssen wirklich los«, drängelte Duro.
»Unterbrich mich nicht mit deinem feigen Gewäsch!«, giftete Azote zurück.
Der Widerstand um Adamanto wurde einen Moment schwächer, als der Hexer Duro durch einen grellroten Blitz niederstreckte. Peon Duro brach zusammen, wo er stand. Mit einer Hand zog Azote Duros Lebenskraft in sich hinein, mit der anderen Adamanto durch die Luft an sich heran. Dabei glommen seine Augen in feurigem Gelb.
»Verzeih die Unterbrechung. Dieser Fleck Schneckenschleim war eine Zeit lang nützlich, hat aber vergessen, wo sein Platz wirklich war. Allein, dass er dich vor fünf Jahren nicht besser an die Kandare genommen hat, damit er mich, wie geplant, allein gefangen nehmen konnte, war eigentlich schon unverzeihlich. Während ich dann hier in eurem Keller gastierte, wurde er zunehmend unzuverlässiger. Seine Überzeugung geriet ins Wanken. Ständig mussten wir ihn durch den Automaton überwachen und ich war immer häufiger gezwungen, in seinen Körper zu schlüpfen. Was habe ich diese markigen, aber völlig sinnentleerten Ansprachen geliebt ...« Sein Lächeln erstarb. »Aber genug davon. Kommen wir zum vergnüglichen Teil. Auch wenn du für mich nicht wichtiger bist als Dreck unter einem Fingernagel, wirst du leiden, leiden wie lange kein Mensch mehr vor dir. Und glaub mir, ich kenne mich da aus ...«
»Schlimmer als dieses Gequatsche kann es nicht mehr werden«, ächzte Adamanto.
Azotes Stimme verwandelte sich in ein Knurren. »Bei meiner Gefangennahme musste ich Schwäche zeigen ... Verletzbarkeit vorgaukeln. Du standest dabei nicht auf dem Plan, die Explosion des Kraftwerks ebenso wenig. So war ich deinetwegen gezwungen, fünf Jahre lang diese Maske zu tragen.«
Als Azote Adamanto am Uniformkragen packte, verzerrten sich seine Narben für einen Herzschlag in ein zorniges, aber ebenmäßiges Gesicht.
—
Capitan Jacoba hatte Caron nicht nur fünf seiner erfahrensten Männer mitgegeben, sondern auch noch in aller Eile einen Scimitar-Säbel für ihn besorgt. Jetzt stürmte er mit brummender Klinge an der Seite eines fremden Schwertkämpfers aus dem Fahrstuhl und hoffte, dass sich seine Erfahrungen mit Araca 3 als ausreichend erweisen würden.
Totenstille empfing sie. Der Anblick, der sich beim Sichern und Durchsuchen des Hauptkorridors bot, war Caron mittlerweile vertraut: Weniger Verwüstung als im Vollzugslevel, aber die zahlreichen Toten glichen denen von unten frappierend. Die ausgesetzten Cams zeigten keine Bedrohungen oder endoplasmatischen Emissionen an. Dennoch zweifelte Caron keine Sekunde daran, wer hierfür verantwortlich war. Doch wie war Azote unbemerkt vom tiefsten Stockwerk in den beinahe höchsten Level des Bunkers gekommen, ohne dass ihn die Überwacher der Hochvertrauensunion bemerkt hatten? Sicher, der Bunker war durch die Freistellungsorder hoffnungslos unterbesetzt, aber die Kameras ...
Sie bogen in den Korridor vor Duros Büro ab. Auch hier befand sich niemand Lebendiges. Die Türen zum Büro hingen schief nach innen. Caron schwante Schlimmes. Kaum, dass die Cams den Raum als sicher markiert hatten, hastete er vor und sah sich drinnen ein weiteres unrühmliches Mal bestätigt. Vor Schock fiel ihm der Säbel aus der Hand.
Die Beleuchtung flackerte, war teilweise ausgefallen. In einer Ecke des Büros war Duro halbverbrannt zusammengesackt, sein Adjutantenautomaton lag in Trümmern vor dem Schreibtisch und zwischen diesen Trümmern lag Commodore Adamanto: sein Körper ganz ähnlich verkrümmt und mit exakt derselben gequälten Miene wie all die anderen.
»Ach du tintenschwarze Pisse!«, entfuhr es einem der nachgerückten Sinistras.
Adamanto konnte doch nicht ... Caron fiel vor ihm auf die Knie, fuhr wieder und wieder mit dem Datenbewahrer über seinen Brustkorb. Er durfte nicht tot sein. Doch die Anzeige für Vitalfunktion spuckte nicht den geringsten Wert aus.
Heiße Tränen stiegen in Carons Augen. Was sollten sie jetzt nur tun? Wer sollte sie gegen Azote ins Feld führen? Mit dem Mann vor ihm schien auch jede Hoffnung dahin, den dunklen Mächten, die nach Trentagon griffen, Einhalt zu gebieten. Caron wollte sich abwenden, davonlaufen, wurde sich aber der Soldaten bewusst, die um ihn herum standen.
Plötzlich hörte er Capitan Adamanto in seinem Kopf brüllen: »Strengen Sie Ihr Hirn an, Truppführer Salvador! Habe ich Ihnen denn gar nichts beibringen können? Sie wissen ganz genau, dass Sie hierfür jemandem gewaltig in die Cojones treten müssen. Was soll also das Geheule? Wir sind Sinistras!«
Carons Mund verzerrte sich. Er kam aus der Hocke und drückte sein Kreuz durch.
»Untersucht jeden Quadratzentimeter in diesem Stockwerk genauestens. Ich will wissen, wo Azote abgeblieben ist und wer ihm geholfen hat. Unten in Truppraum AJ 01 3-2 hockt ein Kadett erster Klasse namens Malico. Der soll sofort hier erscheinen und Duros Holostation unter die Lupe nehmen. Die drei Kadetten bei ihm sollen gleich mitkommen.«
Er ging nochmal in die Knie, um Adamantos Augen zu schließen und ihn in eine würdevollere Position zu bringen.
»So leid es mir tut, Jungchen«, gab der Älteste aus dem Begleittrupp zurück, »aber was uns betrifft, so sind deine Befugnisse mit dem Commodore zusammen gestorben. Natürlich werden wir eine Untersuchung durchführen, aber für den Rest schicken wir zunächst einen Melder zu Capitan Jacoba.«
»Nicht nötig.« Einer seiner Kameraden hob die Hand an den Helm. »Die Kommunikation steht wieder.«
»Sehr gut. Dann können wir das auch auf diesem Wege erledigen.«
Im gleichen Moment wurde Carons Datenbewahrer angewählt. Im Display tauchte Felis´ Name auf. Ihre Lokalisationskennung stimmte mit seiner eigenen überein.
»Warten Sie bitte noch einen Augenblick, Sinistra Silbato. Irgendwo im Raum muss ein Datenbewahrer liegen, der jetzt blinkt, um eine Verbindung zu bestätigen. Helfen Sie mir suchen. Es ist wichtig«
Silbato nickte.
Sie durchwühlten Schubfächer und Trümmer, bis Caron auf die Idee kam, den toten Adamanto abzutasten. Da entdeckte er Felis´ Datenbewahrer in seiner Schenkeltasche. Mit zittrigen Fingern klaubte Caron das Gerät heraus. Die Aufnahmefunktion lief noch.
»Und jetzt?«, wollte Silbato wissen.
Carons Stimme war so unruhig wie seine Finger. »Jetzt haben wir wahrscheinlich eine Antwort auf alle Fragen, die sich uns in diesem Raum stellen.« Ein kräftiges Durchatmen und er war in der Lage, das Display zu bedienen. Nach dem ersten Rückspulen ließ der Verlaufbalken noch seine eigene und die Stimme von Sinistra Silbato erklingen. Also ging Caron an den Anfang der Aufnahme und drehte so laut wie möglich auf. Alle Anwesenden wurden Zeugen von Azotes aufschneiderischem Geständnis, an dessen Ende Capitan Adamantos Gebrüll einsetzte. Caron stoppte die Aufnahme. Er fühlte sich, als hätte man jemand anderen in seinen Körper gesteckt. Peon Duro ein Azote-Gläubiger und der Oberste Militäradministrator ein Verräter! War das Trentagons Untergang?
»Wir müssen das sofort dem Capitan melden!«
»Nein, Sinistra Silbato, das werden wir als Erstes Hyperion-General Mantros Stab melden und dann dem Obersten Sinistra selber. Ich bin ein Günstling des Dynasten.«
»Mag sein. Trotzdem fällt die Orderpriorität in einer solchen Situation an den militärischen Ranghöchsten der Einheit. In unserem Fall ist das Capitan Jacoba, Kadett erster Klasse Salvador.«
»Da denken Sie falsch!« Caron öffnete einen Link zum Zentralrechner des Bunkers und ordnete eine Überprüfung seines eigenen Namens an. »Erfassungskennung: 16807-Z11 Zusatzlegitimation Rapaz.«
Rapaz – Raubvogel: der Kosename, den seine Mutter immer benutzt hatte, wenn seine Brüder nicht anwesend waren. Er streckte Silbato den Datenbewahrer entgegen.
Der bekam große Augen und ließ seine Rechte an den Brustpanzer knallen. »Guardián, Hüter des Dynastensitzes. Wir stehen mit unserem Leben zu Ihrer Verfügung.«
Als die vier anderen Sinistras die Bezeichnung hörten, taten sie es ihm nach.
»Stehen Sie bequem.« Von einer Sekunde auf die nächste war es Caron peinlich, dass man vor ihm strammstand, aber er erinnerte sich selbst an den Ernst der Situation. »Fürs Erste reicht es mir, wenn Sie Kadett erster Klasse Malico und seine Compañeros hier hochschaffen.«
»Sofort, Generalguardián.« Er wies zwei seiner Compañeros an, für die Umsetzung des Befehls zu sorgen, während Caron mit dem Stab des Obersten Sinistra Kontakt aufnahm. Da seine aufgedeckte Position als Dynastensohn nun im ID-Schlüssel des Datenbewahrers implementiert war, wurde er automatisch zum ranghöchsten General durchgestellt.
»Hüter des Dynastensitzes«, meldete sich ein grauhaariger Haudegen mit fliehendem Haaransatz und einem nervösen Zwinkern. »Es ist uns eine Ehre. Wie können wir Sie unterstützen?«
»Ich setze die Freistellungsorder der Sinistra mit sofortiger Wirkung außer Kraft. Alle verlegenden Bataillone sollen unverzüglich in ihre Stützpunkte zurückkehren.«
Der General nickte. Es wurden keine Fragen gestellt, lästige Erklärungen blieben ihm erspart. Gewöhnungsbedürftig für Caron, aber in dieser Lage ungemein zweckmäßig. Es schien Stunden zu dauern, bis der General sich wieder an ihn wandte. Das Zwinkern war stärker geworden. »Wir können keinen Kontakt zur Flotte herstellen, Guardián. Ihre Kommunikationsbänke werden geblockt.«
»Lässt sich feststellen, von wem oder von wo aus?«
»Das Störsignal wird vom Gelände der Robot-A Inc. gesendet.«
»Das darf doch nicht ... Versuchen Sie es weiter und informieren Sie die Polizeiadministrative. Sie sollen Bellow Kesslers Industriekomplex stürmen, die Blockade unterbrechen und ihn selber in Gewahrsam nehmen. Tot oder lebendig. Aber Vorsicht! Auf dem Gelände halten sich mächtige okkulte Kräfte auf.« Mehr konnte Caron nicht tun. Er unterbrach die Verbindung grußlos und wählte sich zum Inneren Zentrum der Macht.
Sein Vater nahm den Ruf persönlich entgegen. »Mein Sohn? Wie konntest du dich preisgeben?«
Ahnte sein Vater nicht, was um ihn herum geschah? Der Verdacht, dass alles noch viel schlimmer war, als sie alle glaubten, verfestigte sich zur Gewissheit.
»Vater, bitte hör mir zu.« Mit so wenigen Worten wie möglich fasste er die Geschehnisse seit dem Einbruch in Kesslers Industrieanlagen zusammen.
Im Verlauf seines Berichts war sämtliche Farbe aus dem Gesicht seines Vaters gewichen. »Ein Staatsstreich.« Die Stimme des Dynasten blieb erstaunlich ruhig. »Eigentlich sollte es mich nicht wundern. Da müssen noch eine Menge mehr Hochadministratoren dahinterstecken als bloß Kessler und der Oberste Militär. Ich werde mich mit Sito beraten, wem von ihnen wir noch trauen können. In der Zwischenzeit haben wir ein weitaus größeres Problem. Die Stationierungsphase der DMKs läuft. Während wir uns unterhalten, werden diese Teufelsmaschinen überall in Trentagon stationiert.«
»Dann muss irgendjemand die Sinistra zurückholen«, antwortete Caron und wusste genau, wer das sein würde.
Kapitel 16
»Leider sind die besten Piloten zur Nordgrenze verlegt worden, Generalguardián. Und die schnellsten Maschinen gleich mit ihnen. Ich fürchte, Sie müssen mit diesen Rotaros vorlieb nehmen.« Verlegen kratzte sich der Deckoffizier unterm Schiffchen. »Sie machen nicht viel her, aber es geht genug Etro in die Tanks, dass Sie bis zur Front keinen Stopp einlegen müssen.«
»Kein Problem«, rief Caron gegen den anschwellenden Turbinenlärm auf dem Zwischendeck an der Nordwand an. »Wir kommen schon zurecht.«
Die von Mechanikern des Lufthafens gerade hektisch in Schwung gebrachten Zweimannjäger hatten wahrlich schon bessere Tage gesehen. Ihr brauner Reflektorlack blätterte von den kurzen Tragflächen und die Abwehrkanzeln dahinter waren mit Kratzern nur so übersät. Doch, wie der Offizier gesagt hatte, für einen Flug bis zur Nordgrenze würde es reichen. Azote und Kessler waren vermutlich so mit der Besetzung von Trentagon Capitol beschäftigt, dass Carons Gruppe kein Luftgefecht fürchten musste. Er schaute in die Runde.
»Wer von euch hat schon mal einen Rotaro geflogen?«
Das Offenlegen seiner wahren Identität hatte Venlok verstummen lassen.
Malico trat förmlich nach vorn. »Generalguardián! Ihr könnt über mich verfügen.«
Selbst Jayd schaute Caron voller Unbehagen an. »Über mich auch, Generalguardián.«
Er nahm ihre Hand und lächelte. »Ich bin es immer noch: Caron. Und ich würde mir wünschen, dass ihr wieder normal mit mir redet.«
»Da ich über einen schwindelimmunen Magen verfüge, wäre ich ein hervorragender Kanonier, Gen ... Car ... Salvador?« Wollte Venloks Hand da etwa zum Herz der Wahrheit?
Caron seufzte. »Es soll mir eine Freude sein. Dann besetzt du meine Heckkanzel. Und Jayd, du fliegst mit Navaja zusammen.«
Der Deckoffizier wurde unruhig. Offensichtlich behagte ihm dieser Bruch soldatischer Tradition nicht besonders.
»Und Sie lassen hurtig den besten Soldaten für schwere Drehgeschütze antreten, über den Sie noch verfügen. Irgendjemand muss meinem Compañero Malico den Rücken freihalten. Comprende?«
Das war ein Tonfall, den der Sinistra verstand. Er salutierte zackig, setzte die Order via Datenbewahrer um und verschwand im Aufzug zum Kontrolltower.
Caron zog Jayd in seinen Arm. Dann war es an ihm, Venlok mal einen kameradschaftlichen Knuff gegen den Oberarm zu verpassen. »Und jetzt befehle ich, dass ihr euch zusammenreißt. Nichts ist so, wie es nicht auch schon gestern oder vor einer Stunde war. Wir befinden uns im Angesicht höchster Gefahren und euer Compañero Caron weiß immer noch kaum, was er tut.«
Auch wenn es betrübt wirkte, bekam Jayd immerhin wieder eines ihrer Lächeln hin. Navaja strahlte noch mehr Sicherheit aus als sonst und Venlok erwiderte: »Auf Ihre ... äh, deine Order.« Dann grinste er.
»So gefällt mir das schon besser, Sinistras. Nun? Was würde der alte Capitan Adamanto jetzt wohl tun?« Er lächelte Malico aufmunternd zu.
Der gab zurück: »Lauthals fluchen und Azote das Knie unter die Kutte rammen?«
»Genau.«
»Wir sollten nicht ganz so überstürzt ins Gefecht ziehen«, gab Malico zu bedenken.
»Wie bitte?«
»Überleg doch mal. Kessler blockiert die Kommunikation zur Flotte. Azote schien mit den Audiogeräten zu spielen, wann immer ihm danach war, und jedes Mal, wenn wir ein Gebäude gestürmt haben, hatte ich das Gefühl, die Okkulten würden schon auf uns warten. Ich vermute, unsere Kommunikationsverschlüsselung ist für die dunkle Magie Azotes kein Hindernis mehr. Duro hat seinem Herrn alles verraten, was er wissen muss.«
»Er hat recht«, meinte Jayd und Venlok und Navaja stimmten ihr zu.
Caron ballte eine Faust. »Dann müssen wir von nun an sehr sparsam und vorsichtig mit unserem Funk umgehen. Ich werde die Stabszentrale informieren. Das ist wohl alles, was wir im Moment dagegen tun können.«
»Ist es nicht«, widersprach Malico. »Und unzureichend allemal. Sobald wir an Bord von Hyperion-General Mantros Kreuzer sind, werde ich einen neuen, besseren Codeschlüssel in den Hauptrechner und unsere Helme implantieren. Da mich diese Vermutung bereits länger beschäftigt, habe ich uns etwas zurechtgeknobelt.«
Venlok frotzelte: »Hör dir den Streber an. Unsereins kämpft ums Überleben und er stellt sich selber Rätselaufgaben, um die Gehirngrütze in Schwung zu halten.«
»Du kannst mich mal ...«
»Nein danke! So bin ich nicht gepolt, aber ich bin heilfroh, dass du nicht für die Gegenseite arbeitest.« Er nahm ihn in den Schwitzkasten, rieb mit der Faust über seinen Kopf und beide lachten.
Jayds Lächeln war aufgetaut und auch Navajas Mundwinkel zuckten wieder.
»Schön, dass ihr euren Humor wiedergefunden habt«, rief Caron sie zur Ordnung, »und ein wirklich guter Plan, Malico, aber da sehe ich jemanden, vor dem wir das nicht besprechen sollten.«
Juditha Espada von den Lobos hetzte in Pilotenmontur auf die Startzone zu. Als sie völlig außer Atem vor Caron zu stehen kam, rief sie mit einer an den Brustpanzer geknallten Hand: »Auf Ihre Order, Generalguardián!«
Caron verdrehte die Augen. Im gleichen Atemzug streckten alle Mechaniker-Teams die Daumen in die Höhe und signalisierten damit Abflugbereitschaft. »Du wirst als Kanonier in Malicos Gleiter eingesetzt, Espada. Kriegst du das hin, ohne die Rotarokanzel vollzukotzen?«
»Jawoll, Generalguardián!«
»Schön. Dann wollen wir mal.« Jayd wirkte wieder unsicher, als er sie ansah. Der Kuss, den er ihr gab, dauerte viel zu kurz, deswegen drückte er sie noch einmal an sich, bevor er rief: »Bemannt die Rotaros. Wir haben ein ganzes Land zu retten, Sinistras!« Schon kletterte er ins offene Cockpit der Maschine neben sich.
Bevor er den Lärm der Turbinen und abrückenden Tankschweber durch die hochfahrende Frontscheibe ausschloss, wartete er, bis Venlok in seinen Kanzelring hinter den Flügeln geklettert war.
Die Landestützen der Rotaros falteten sich unter den Rumpf und in die Tragflächen. Schließlich schossen die Maschinen von der Nordwand durchs Tor ins Freie.
—
Unter sich sah Caron, wie ein Pulk aus Transportern mit der Kennung von ROBOT-A Inc. seine Quaderformation aufgab und sich zwischen den Wolkenkratzern der Hauptstadt verteilte. Er konnte sich lebhaft vorstellen, welche Fracht in ihren Ladebäuchen steckte, und für einen Moment war er versucht, den Angriff zu befehlen. Doch gleichzeitig wusste er um die Sinnlosigkeit eines solchen Unterfangens. Drei Rotaro-Jäger hätten nicht die geringste Chance, eines der schweren, klotzigen Schiffe zu zerstören oder auch nur zur Landung zu zwingen. Unnötige Aufmerksamkeit wäre alles, was dadurch erregt werden würde. Die einzige Hoffnung für den Dynasten war und blieb die Sinistra. Nur mit ihrer geballten Stärke waren die DMKs noch aufzuhalten.
»Wie sieht es hinten aus?«, wollte er von Venlok wissen.
Der ließ die mit zwei Läufen bewehrte Flachkanzel, in der er lag, einmal um den Rumpf des Rotaros surren und gab durch: »Alles sauber hier am Allerwertesten, Generalguardián Salvador.«
Caron lachte. »Eigentlich heiße ich gar nicht Salvador. Die Dynastenfamilie legt ihren Nachnamen bei Amtsübernahme ab. Der Name diente lediglich der Tarnung.«
»Daran muss ich mich noch gewöhnen.«
»An was solltest du dich gewöhnen müssen? Du weißt erst seit einer halben Stunde, dass ich der Hüter des Herrschersitzes bin. Mein Vorname hat sich deswegen nicht geändert.«
»Du hast leicht reden. Ich habe dir mein gesamtes Leben runtergebeichtet und jetzt stelle ich fest, dass ich dich nie richtig gekannt habe.«
»Mir blieb leider keine Wahl. Aber wenn wir das hier überleben, springt für den besten Freund des Dynastensohns vielleicht eine Beraterstelle als Abwehrexperte für dunkelmagische Automatons heraus. Denk über folgendes Angebot nach: Den ganzen Tag nur Hardware hochjagen und dabei einen kompetenten Eindruck erwecken.«
»Bester Freund?« Man hörte Venloks breites Grinsen förmlich. »Das mit der Hardware kriege ich hin, schätze ich. Beim Rest muss ich überzeugend so tun, als ob – was bei der verdrehten Wahrheit ...?«
»Alle ausweichen!« Caron zog den Rotaro nach rechts. Von den Geschützen an der Stadtgrenze wurden dicke grüne Energiestrahlen in ihre Dreierformation geschossen. Jayds und Malicos Gleiter schwenkten nach links.
»Was soll das?«, wollte Malico zwischen Venloks derben Flüchen wissen.
Caron ließ seinen Jäger durch den grünen Strahlenhagel tanzen, immer darum bemüht, mehr Distanz zwischen sich und die mächtigen Geschütztürme am Boden zu bringen. Hier waren die Gebäude nur leider wesentlich niedriger als im Stadtkern und ihre Konzentration dünnte sich zur Grenze deutlich aus. Eine Möglichkeit, etwas zwischen die Türme und den Rotaro zu bringen, gab es nicht.
»Trentagon-Capitol! Stellen Sie sofort das Feuer ein! Hier spricht der Hüter des Dynastensitzes in einer Sondermission zur Nordgrenze. Wir können uns keine Umwege leisten.«
»Hier Stadtabwehr an Generalguardián. Aus unerfindlichen Gründen haben wir die Kontrolle über einige der Selbstschusskanonen verloren. Unsere Techniker setzen alles daran, sie lahmzu...« Der Kontakt brach ab.
Carons Gesicht wurde von einem ungesund grünen Stroboskoplicht erhellt, wenn Energiegeschosse näher an seiner Kanzel vorbeizischten, als ihm lieb war.
Erstreckte sich Azotes Macht also bereits bis hierher? Ihm wurde schlecht. Aber nicht von den eigenen Manövern, die ihn im Sitz hin- und herwarfen, sondern von dem Gedanken daran, was sie wohl bei ihrer Rückkehr erwarten würde.
Jayds Rotaro flog unter ihm durch.
»Ich setze mich nach neun Uhr ab und ziehe das Streufeuer in die Breite«, erklärte sie. Allerdings sah es eher danach aus, als suche sie einen Vorwand, Caron Deckung zu geben. Über ihre rechte Tragfläche senste ein dicker Strahl und kochte eine Narbe hinein. »Whoa! Das war knapp.«
»Zu knapp«, stellte Caron fest. »Dreh weiter nach Westen ab. Wir folgen dir und umfliegen sie.«
»Hast du nicht gerade durchgegeben, dass wir uns keine Umwege leisten können?«
»Gegrillt zu werden können wir uns noch viel weniger leisten«, rief Venlok dazwischen. Dabei versuchte er mittels hektischer Links- und Rechtsrucke seiner Kanzel, dem Beschuss zu entgehen.
»Verdammt richtig. Also: nach Westen!«
Jayd knurrte etwas Unverständliches. Malico ließ sich zurückfallen und zog das schwächer werdende Feindfeuer dadurch wirklich in die Breite. Keine halbe Minute und es blieb ganz aus.
Damit würde sich ihr Weg zur Nordfront ein bedeutendes Stück verlängern. Caron funkte ein Situationsupdate ins Innere Zentrum. Die Übertragung war, abgesehen von kleinen Aussetzern, störungsfrei und der Rapport grub neue Sorgenfalten ins Gesicht seines Vaters.
»Dir muss eins klar sein, mein Sohn: Heute erwarte ich nichts Geringeres als einen Sieg von dir.«
»Nichts anderes wird geschehen«, wiederholte Caron sein Versprechen, das er geleistet hatte, als er und der Dynast sich das letzte Mal Auge in Auge gegenüber gestanden hatten. Wenn auch sein Wille genauso ungebrochen war wie an jenem Tag, seine Überzeugung war es nicht.
—
»Kann mir jemand ein kleines Briefing zur Nordfront verpassen?«, verlangte Malico über Funk. »Mir ist eine Menge wohler, wenn ich weiß, was mich erwartet.«
Er und Jayd hatten Carons Flanken übernommen und flogen etwas versetzt vor ihm her. Unter ihnen zogen grüne Wälder vorbei.
»Das Heer des Feindes besteht ausschließlich aus Männern. Es gibt Soldaten, Zauberpriester und Waffen, die zwar aussehen wie aus einer anderen Zeit, aber sehr mächtig sind«, entgegnete Navaja. »Außerdem verfügen sie über Wesen, die vom Rest der freien Welt als biologische Metamutationen bezeichnet werden. Wie unsere Zirkelmeister. Doch ich sage euch, die sind weit übler als Mutanten. Das sind Dämonen.«
»Du scheinst dich ja sehr gut auszukennen, Navaja«, merkte Jayd an.
»Vor langer Zeit habe ich in einem Dorf gewohnt, das Trentagons Großarmee als Nachschublager diente. Durch einen schändlichen Verrat ist es dem Feind in die Hände gefallen und die Bewohner sind fast vollständig ausgelöscht worden. Damals ist eines dieser geflügelten Wesen über meine Familie und meine Freunde gekommen. Aus seinen Händen schossen Flammen, die sich sogar durch Metall fraßen, und seine Augen ließen die mutigsten Männer starr vor Angst werden. Wortwörtlich. Sagt selbst: Welches andere Wesen als ein Dämon kann so etwas?«
»Ich will deine Worte nicht in Zweifel ziehen, Navaja, und die Geschichte tut mit wirklich leid, aber auf solche Eventualitäten brauchen wir uns wohl kaum vorzubereiten. Wenn wir die Sinistra bis zu Front nicht eingeholt haben, ist sowieso alles zu spät.«
»Sei dir nicht zu sicher, Jayd Kessler. Wenn der Oberste Militäradministrator sich die Finger nicht selber schmutzig machen will, braucht er die Flotte nur anhand falscher Koordinaten in feindliches Territorium zu schicken. Dann übernimmt die Gegenseite seine Arbeit.«
»Warum sollte er sich auf ein solch unsicheres Spiel einlassen?«
»Weil er sich dann nicht vor seinen Männern rechtfertigen muss und einfache Soldaten den Sinistras nur wenig entgegenzusetzen haben. Außerdem ist das eine beliebte Taktik in diesem Krieg. Nachdem ich mit viel Glück aus meinem Dorf entkommen war, habe ich mich einige Jahre als Späher bei der Armee verdingt. Die Söldner, die die Informationen über meinen Heimatort an den Feind lieferten, wurden genau mit dieser Methode ins Jenseits befördert.«
Im Staffelkanal konnte man für eine Minute noch nicht mal ein Übertragungsklicken hören. Caron, den diese Geschichte äußerst unangenehm beeindruckt hatte, sagte schließlich: »Ich kann Navajas Darlegung im Allgemeinen bestätigen. Leider wissen wir nur wenig über den Feind, weil sich jeder ihrer sogenannten Templer das Leben nimmt, bevor er in Gefangenschaft gerät. Indem sie sich ihrem Gott opfern, kommen sie ins Paradies, so gibt es ihr Aberglaube wohl vor. Alles, was das Innere Zentrum der Macht sonst noch in Erfahrung bringen konnte, ist Folgendes: Ihr großer Staat im Norden trägt zwar den verherrlichenden Namen ›Das Gelobte Land‹, doch herrscht dort überall Verfall. Die Türme der Städte ragen bis in die Wolken und dienen bloß dazu, immer mehr Menschen aufzustapeln. Wie Zuchtvieh. Sobald sie unser Land besetzen, verschandeln sie es mit Stahl, Beton und Dunkelheit. Allerdings stimme ich Jayd zu: Wenn wir bis dorthin müssen, hätten wir auch gleich in der Hauptstadt bleiben können.«
»Ich unterbreche deine fesselnde Darstellung nur ungern«, meldete sich Venlok, »aber ich glaube, wir werden verfolgt«
»Wer sind die denn?«, wollte Malico wissen.
Caron scrollte sofort den Holoquader für die Heckansicht auf den Anzeigekegel und gab zurück: »Fragen wir doch einfach mal nach.« Dann ließ er vom Bordcomputer die Frequenz von sechs Schiffen ermitteln, die zwar keine Kennung ausstrahlten, aber als freundlich gesinnt ausgezeichnet wurden. »Hier Sinistra-Überwachungspatrouille an unidentifizierten Verband, Peilung 7X-2. Geben Sie sich unverzüglich zu erkennen.«
Diese Flitzer kamen verdammt schnell näher.
»Hier spricht Penktor Kadori. Meine freie Schutzstaffel war ursprünglich ebenfalls auf dem Weg zur Konfliktzone Eins, als uns eine lukrative Kontraktänderung vom Inneren Zentrum der Macht vorgeschlagen wurde. Wenn Sie der sind, für den ich Sie halte, dann sind wir jetzt zu Ihrem Schutz abgestellt, Hüter.«
Caron wechselte auf die interne Frequenz. »Nie im Leben würde mein Vater in einer solchen Situation Prämienhunde anheuern. Kanoniere bereit machen.« Zu Kadori sagte er: »Dann halten Sie Ihre Maschinen außerhalb der Reichweite von Lenkflugkörpern und sichern auf acht und vier Uhr.«
Aber statt dieser Anweisung Folge zu leisten, stießen die mantaähnlichen Flieger in den Raketeneinsatzradius vor. Sie näherten sich in ungebrochen hohem Tempo. Jede Verbindung nach Trentagon-Capitol war, welch Wunder, zusammengebrochen.
»Das sieht nicht gut aus.« In Malicos Stimme hatte sich Panik geschlichen.
Jayd rückte ihn zurecht: »Wir kriegen das schon hin. Navaja, mach zwei Snaketracker klar.«
»Venlok und Espada! Ihr auch«, befahl Caron und wandte sich dann nochmal an die Neuankömmlinge. »Bleiben Sie außerhalb der Reichweite unserer Raketen und sichern Sie die Flanken der Formation, Kadori, oder wir eröffnen das Feuer.«
Malico fiel in das aufpiepende Abschusssignal für schwere Waffen ein: »Das haben die schon getan.«
»Snaketracker, Feuer!«, befahl Jayd.
Die Raketen lösten sich fauchend unter den Rotarokanzeln und Navaja, Venlok und Malicos Kanonierin Espada bestätigten: »Snaketracker heiß und auf dem Weg.«
Danach schob Jayd sich in Carons Abgasstrahl.
In seinem hektisch rotierenden Ortungswürfel bewegten sich die grünen Signale der Abfanggeschosse auf die roten der Angreiferraketen zu. Diese reagierten zwar mit heftigen Ausweichbewegungen, dennoch erhöhte sich die Frequenz des Distanzpiepers stetig. Dann gab es fünf Feuerbälle am Himmel und bis auf eins brachen alle Signale ab.
»Sie haben dich noch auf dem Schirm! Täuschkörper, Malico«, rief Jayd.
Und Venlok brüllte Caron an: »Lass dich zurückfallen!« Er rotierte mit seiner Kanzel an die Oberseite ihrer Maschine.
Das würde verflucht eng werden, stellte Caron fest, ließ den Rotaro absacken, drosselte den Antrieb und überließ Jayd die Frontposition.
Malicos Stimme überschlug sich. »Espada! Hol das Ding aus der Luft!«
Espada tat ihr Bestes, aber die grellen Schüsse ihrer Zwillingskanone verfehlten die heranrasende Rakete ein ums andere Mal. Da schlug eine Salve schräg in ihre Schussbahn und verwandelte das Geschoss in explodierende Feuersplitter.
»Danke, Venlok«, stieß Malico erleichtert aus.
»Kein Problem, Streberlein. Ich tu nur, wofür ich bezahlt werde.«
Jayd warnte: »Diese angeblichen Prämienhunde sind auf Schussweite heran.«
Sogleich zischten von den kleinen dunklen Punkten, als die Caron die Schiffe nun erkannte, abgehackte rote Energiegeschosse heran. Um einem Treffer zu entgehen, ließ er seine Maschine weiter absacken und stieg dann so extrem wieder hoch, dass sogar Venlok aufknurrte. Jayd hielt die Formation, wahrte aber Abstand, damit die beiden kein zu leichtes Ziel abgaben. Malico scherte in die Gegenrichtung aus.
»Seltsam«, brummte Caron. »Sie scheinen sich auf Malico zu konzentrieren.«
In der Tat wurden Jayd und er lediglich von zwei Schiffen unter sporadisches Sperrfeuer genommen und damit von Malicos Rotaro weggetrieben.
»Vielleicht halten sie ihn für dich«, gab Jayd zurück. »Damit vergrößert er unsere Chancen, zu entkommen und die Sinistra zu erreichen«
»Niemals. Ich lasse ihn nicht zurück.« Caron riss das Steuer herum und überflog das Streufeuer. Jayd blieb an ihm dran. Navaja rasierte einem der Verfolger mit einem einzigen präzisen Schuss das große Heckruder ab.
Der Manta taumelte Richtung Erde und Venlok jubelte: »Sauber, Großer!«
Dann hetzten sie Malico mit einem letzten Gleiter im Windschatten hinterher.
»Wir sollten verschwinden, solange wir noch können, Caron«, gab Jayd zu bedenken. »Du bist zu wichtig!«
»Nicht so wichtig, dass er für seine Compañeros nicht auch mal die Cojones riskieren könnte«, lachte Venlok und drehte mit seiner Kanzel eine ganze Runde um den Rumpf. Er schien tatsächlich schwindelresistent und völlig in seinem Element.
Hinter Malicos Rotaro hatte sich eine Vierergruppe zusammengezogen und so flink er sein Schiff auch durch die Luft hüpfen ließ, über kurz oder lang würde ihn einer der roten Hochenergiestrahlen erwischen. Caron schlug einen letzten Haken, dann richteten er und Jayd sich, aus allen Rohren feuernd, auf Malicos Flugbahn aus. Einer Naturgewalt gleich stoben sie durch die Söldnerschiffe. Venloks Läufe glühten, als er einem feindlichen Jäger einen explosiven Tod bescherte. Navaja stanzte einen weiteren vom Himmel, während die wohl überforderte Espada lediglich einen Streifschuss verbuchen konnte.
Nun nahmen Caron und Jayd Malico in die Mitte. Die drei verbliebenen Verfolger ordneten sich neu.
»Vor uns liegt ein Gebirge«, informierte sie Venlok. »Lasst uns in den Talausläufer auf Nord-Nord-West abtauchen. Ich habe eine Idee.«
Caron rief ins Helmmikro: »Habt ihr das mitgekriegt? Wir verringern die Höhe und gehen auf den von Venlok angegebenen Kurs.«
»Verstanden«, bestätigte Malico.
Jayd meinte: »Ich hoffe, du weißt, was du tust. Die Flitzer von denen sind nicht nur schneller als wir, sie sind auch fast genauso wendig wie die Rotaros. Außerdem geben wir in dem engen Tal ein viel besseres Ziel ab, weil wir uns nicht mehr aufteilen können.«
»Du bist ein cleveres Mädchen, Jayd, aber ab und zu habe auch ich meine hellen Momente. Warte ab und staune, was passiert.«
So schossen sie, immer wieder den roten Energiepfeilen von hinten ausweichend, in das Tal.
Kaum hatte die düstere Schlucht ihre Schiffe verschluckt, pfiff der Laserhagel auch gleich sehr viel näher um ihre Cockpitverglasungen. Die Söldner flogen übereinander und feuerten, sobald die engen Kurven zwischen den Bergwänden es zuließen.
»Das ist doch scheiße!«, fluchte Malico. Seine rechte Düse rauchte mit einem Mal.
Auch Jayd hatte beim erneuten Versuch, Carons Rotaro abzuschirmen, mehrere Quadratmeter Reflexionslack eingebüßt. Ihre rechte Rumpfhälfte war praktisch vollständig schwarz. Venlok fuhr seine Kanzel nach rechts. Während die anderen Kanoniere aus ihren Geschützläufen ein ständiges Abwehrfeuer auf die Verfolger nagelten, hatte er aufgehört zu schießen. An Carons Heck steigerte sich ein wohlbekanntes Brummen zu einem Sirren.
»Venlok, tu was! Die rammen uns ihre Laser gleich in den Rachen«, brüllte Jayd. Aus lauter Verzweiflung begann sie, um die eigene Achse zu rotieren.
Und Venlok tat etwas. Er gab den Abzug frei. Der blaue Blitz aus den Zwillingsrohren schlug gegen eine Felswand, um von dort in tausend kleine Adern aufgesplittert und reflektiert zu werden. Die drei Verfolgerschiffe wurden von einem gleißenden Lichtnetz überzogen, dessen Entladungsreste sekundenlang über ihre Rümpfe tanzten.
»Na, beeindruckt, Cadetta Kessler?«, brüllte Venlok triumphierend.
»Da passt der Kerl in den Geografie-Lektionen einmal auf …«
»… und er weiß direkt um die sonderbaren Wirkungen vom Metall dieser Berge auf Rotaro-Lähmhaubitzen.«
»Wir sind sie noch nicht los«, warnte Caron, der die Mantas schon wieder in der Heckansicht aufblitzen sah.«
Venlok murrte sogleich: »Hab´s mitbekommen.«
»Wenigstens können sie nicht mehr auf uns schießen.«
Dafür flogen die Piloten jetzt schneller, noch riskanter und schlossen rasch auf.
»Wir sollten aus dem Tal raus«, schlug Malico vor.
»Nicht nötig. Denen geben wir jetzt den Rest.« Kaum hatte Juditha Espada die Worte ausgesprochen, fuhr ein ebenfalls blauer Energiestrahl aus Malicos Rotaroheck. Auch dieser zerplatzte an einer der Felswände zu einem gleißenden Netz, allerdings viel zu nah bei den Rotaros. Das ausgelöste Elektrogewitter ließ Caron sogar durch seine opak werdende Brille erblinden.
Aus dem sich klärenden Blickfeld sprang ihm ein Paar orange glühender Düsen entgegen, deren Hitzeausstoß sich gerade durchs Cockpitglas zu schmelzen drohte. Er drückte den Steuerstick mit der Linken nach vorn und gab Schub. Damit war er unter Malicos Maschine abgetaucht und der fast sicheren Kollision entgangen.
»Jetzt können wir uns auch nicht mehr wehren. Danke, Espada.« Venloks Begeisterung hatte sich ins Gegenteil verwandelt.
Die Zurechtgewiesene stammelte: »Das war ... nicht ... meine Absicht.«
»Lass sie in Frieden, Venlok. Schon in Ordnung, Espada.« Obwohl ein Systemcheck die Waffensysteme als unwiederbringlich offline deklarierte und Venlok damit alles Recht der Welt gab, auf Espada sauer zu sein, fand Caron, dass sein Verhalten keinem half. Außerdem hatten zwei der Verfolger nun Schwierigkeiten mit dem Antrieb und fielen immer weiter zurück. Blieb noch einer. Aber der erhöhte seine Geschwindigkeit gnadenlos.
Als der Fluss im Tal eine lange Strecke gerade verlief, hatte der Jäger sie eingeholt, hängte sich an Malico und schob sich langsam über dessen Rotaro.
»Was haben die nur gegen Malico? Jayd, kannst du den Kerl wegdrücken?«
»Bestimmt.«
Sie ruckte die Nase ihres Gleiters gegen das feindliche Schiff, behielt aber zwei Meter Abstand.
»Was ist los?«
»Ich komme nicht dran.«
»Wir verlieren an Höhe!«, schrie Malico.
Venlok fiel ein: »Ich werd´ verrückt. Der wirbelt mit dem Arm durchs Cockpit. Das ist ein Okkulter. Gibt es die auch ohne Kutte?«
Caron ahnte, was da passierte. Der Hexer wob einen magischen Schutz um sein Schiff und drückte Malicos gleichzeitig nach unten. Wenn sie den nicht abschütteln konnten, bekamen sie ein ernstes Problem.
»Versuchs weiter, Jayd. Ich sehe, was wir von hier aus machen können.«
»Bring uns genau über ihn«, verlangte Venlok.
Die Bergwände kamen näher, das Tal wurde enger. Indem der feindliche Jäger ihn immer weiter abwärts drückte, geriet Malico durch sein Gegensteuern leicht ins Trudeln. Caron kam Venloks Wunsch mit wohldosierten Steuerschüben nach. Die Abstandswarnung schrillte, aber er spürte einen unsichtbaren Widerstand im Steuerstick. Von hinten hörte er Venloks Kanzelantrieb knarren. Sein Compañero drehte sich langsam nach unten. Was hatte er vor? Sein Geschütz war doch nutzlos geworden.
Jayd rammte weiter von der Seite gegen das Schiff des Okkulten, blieb dabei aber genauso erfolglos wie Caron.
»Der Wind greift unter den Rotaro«, rief Malico über Funk. »Der Stabilitätskompensator ist an seiner Grenze. Ich kann den Vogel nicht mehr halten.«
Espadas Fluch hätte Capitan Adamanto alle Ehre gemacht.
Jayd presste hervor: »Wenn er sich überschlägt, sollten wir nicht mehr in der Nähe sein.
Was immer Venlok da trieb, er sollte sich besser beeilen. Das Tal verengte sich zusehends.
Sein Compañero schien Carons Gedanken aufgefangen zu haben, denn eine Sekunde später rief er: »Jetzt wird es ungemütlich, Salvador. Halt dich gut fest.«
Schüsse. Klirren. Der Steuerstick wurde Caron beinah aus der Hand gerissen. Mit eisernem Griff hielt er den Rotaro auf Kurs. Von hinten heulte es so laut, dass Caron froh war, seinen Kübel aufzuhaben. Die Maschine schlingerte nach beiden Seiten, aber der feindliche Jäger unter ihnen kippte von Malico weg. Mit rauchendem Cockpit driftete er zur Seite, fiel zurück und endete als krachende Feuerwolke auf der Talsohle.
»Wie hast du das hingekriegt?«, wollte Caron von Venlok wissen. Malicos Rotaro lag wieder gut in der Luftströmung, ihr eigener erzitterte dafür zunehmend. Caron drosselte das Tempo.
»Mein Blaster funktionierte noch«, brachte Venlok gegen das Tosen in seinem Mikro heraus.
Caron gab einen unterdrückten Begeisterungsschrei von sich. Während die Rammbewegungen der Rotaros so schnell waren, dass sie vom Schirm des Okkulten abgefangen wurden, hatte Venlok seine Kanzel ganz langsam hinter die unsichtbare Barriere gedreht und den Hexer einfach mit der Dienstwaffe durch die Kanzel erschossen. Caron wusste nicht, ob er ihn bewundern oder für geisteskrank halten sollte. In jedem Fall musste er da hinten jetzt mächtig frieren. In ein paar Minuten würde er bestimmt bewusstlos sein.
»Verflucht!«, stöhnte Jayd. »Wir sind immer noch gefragt.«
Caron wollte seinen Augen nicht trauen. Der Ortungswürfel zeigte zwei rote Punkte. Die beiden schon abgehängt geglaubten Verfolger hatten ihren Antrieb wieder hingekriegt. Da wurde es im Tal noch sehr viel dunkler. Caron blickte nach oben.
»Hochziehen, hochziehen!«, brüllte er.
»Was bei der Wahrheit ...?«
»Nicht fragen, Malico! Tu´s einfach.«
Sie zwangen die Rotaros in einen Steilflug, bei dem Caron sich nicht sicher war, ob das bunte Blinken vor seinen Augen wirklich nur aus der Brillenanzeige stammte. Gejagt von den beiden letzten Söldnermaschinen, schossen sie hoch aus dem Tal hinaus, aber nicht in den klaren Himmel, sondern mitten zwischen eine Ansammlung kapitaler Militärtransporter.
»Alle ausweichen! Ausweichen!« Das erste Mal, dass Jayds Stimme sich beinah überschlug.
Caron riss wie ein Wilder an der Steuerung und verhinderte so, dass sein Rotaro als unförmiger Metallklumpen am Luftkiel eines riesigen Bataillonsschiffs endete. Malico hatte ähnliche Mühen.
»Die Sinistra! Wieso haben wir die nicht geortet?«
»Aus dem gleichen Grund, aus dem Venlok so unbedingt in dieses Tal wollte. Das Metall im Gestein hat die Sensoren gestört.«
»Unbekannte Rotaro-Jäger«, wurden sie angefunkt. »Identifizieren Sie sich unverzüglich oder Sie werden vernichtet.«
»Hier spricht Salvador, Caron, Erfassungskennung 16807-Z11, Zusatzlegitimation Rapaz. Wir bitten, an Bord kommen zu dürfen. Und könnten Sie uns die Schmeißfliegen auf sechs Uhr vom Hals schaffen?«
Nach drei Atemzügen meldete sich die Stimme zurück und ihre Strenge hatte sich in Respekt verwandelt. »Generalguardián. Es ist uns eine Ehre, Sie in der Flotte willkommen zu heißen. Wir übermitteln Ihnen ein Lotssignal zu Hyperion-General Mantros Flaggschiff. Und Ihre Schmeißfliegen haben bereits die Flucht ergriffen.«
Mit Erleichterung stellte Caron fest, dass die beiden roten Punkte tatsächlich aus der Holoanzeige verschwunden waren. Daraufhin orientierte er sich durch die massigen Militärträger und Kompanietransporter hindurch zur Flottenspitze.
»Venlok?«, fragte er. »Geht es dir noch einigermaßen?
»Alles bestens«, kam die Antwort und man hörte selbst bei diesen zwei kleinen Worten, wie sehr seine Zähne klapperten.
—
Während sich Caron nie Gedanken darüber gemacht hatte, wie wohl das Interieur im Inneren Zentrum der Macht auf Außenstehende wirken mochte, imponierte ihm die Einrichtung von Hyperion-General Mantro ziemlich. Sein Vater, der Dynast, der viele hundert Meter unter der Erde residierte, mochte helle Töne um sich herum. Deswegen war es Caron im Bunker schon recht düster vorgekommen, aber der Vorraum zum Hauptquartier des Obersten Sinistras selbst ließ sich fast finster nennen.
Schwer zu glauben, dass sie sich hier an Bord eines fliegenden Schiffes befanden. Caron und Malico standen vor einem schweren Tor. Bewacht wurde es von zwei Statuetten, deren aggressive Haltung einem das Gefühl vermittelte, sie würden einen in der nächsten Sekunde anspringen. Ihre Eskorte, zwei Sinistras in Kampfmontur, zeigten sich wenig beeindruckt. Einer betätigte seine Schulterspange, das Tor schob sich schwerfällig zur Seite und die beiden postierten sich bei den Statuetten.
Trotz der Tastsache, dass er hier eigentlich die höchste Macht darstellte, musste Caron schlucken. Da Mantro Staatsempfänge mied, kannte er ihn bloß von Aufzeichnungen, aber als er ihn hier auf seinem thronartigen Sessel in der Mitte einer überbreiten Holosäule sitzen sah, kam ihm spontan das Wort Kriegerkönig in den Sinn. Der Oberste Sinistra erinnerte an Adamanto, bloß dass er breiter und älter war. Das Haar trug er noch kürzer geschoren und völlig grau, seine Haut war narbenfrei, aber faltiger.
Als Caron und Malico eintraten, erhob er sich. Um ihn herum, an der Innenseite der Holosäule, schwebten zwei Adjutanten mit Hoverstühlen. So hatten sich Hochadministratoren Informationen vor zehn Jahren vorfiltern lassen. Sie ließen sich von den Neuankömmlingen in keiner Weise ablenken.
»Guardián, Hüter des Dynastensitzes. Ich kenne unseren Herrscher schon seit vielen Jahren und es ist mir eine Ehre, endlich seinem wahren Erben ins Gesicht sehen und zur Seite stehen zu dürfen.« Der Bass dieser Stimme brachte Carons Därme zum Beben.
Objektiv betrachtet, überragte er den mächtigsten aller Generäle um eine halbe Kopflänge, aber es kam ihm überhaupt nicht so vor. Als Mantro sich vor ihm auf die Knie begab, hielt er es nicht mehr länger aus. »Bitte nicht, Hyperion-General. Sie sind ein langjähriger Verbündeter meines Vaters und ein hochdekorierter Krieger. Es steht mir noch lange nicht an, solche Ehrbezeugungen von Ihnen entgegenzunehmen.«
Mantro erhob sich energisch und sein Blick verriet, dass Caron die Situation genau richtig gehandhabt hatte. Die Form war gewahrt, aber die Verhältnisse waren geklärt worden.
»Die gesamte Flotte meldet jetzt Bereitschaft für Wendemanöver«, verkündete einer der Adjutanten in monotonem Tonfall. Er hatte ein Statusdiagramm aller Schiffe aus der Säule gegriffen und hielt es mit den Datenhandschuhen in ihre Richtung.
»Warum haben Sie unsere Rückkehr befohlen?«, wollte Mantro wissen. »Warum darf der Oberste Militäradministrator davon nicht informiert werden und warum können wir weder Kontakt zum Bunker noch zum Inneren Zentrum herstellen?«
»Der Dynast versucht in diesem Moment, einen offenen Angriff auf seinen Sitz abzuwehren. In den Putsch sind sowohl okkulte Kräfte als auch einige Hochadministratoren verwickelt. Unter anderem der Oberste Militär selber. Er hätte alle Schiffe dieser Flotte vernichten lassen, sobald sie an der Front eingetroffen wären. Wir können nur noch einander trauen. Selbst Sinistras der Hochvertrauensunion sind zunächst zu arrestieren.«
»Ein Putsch!? Wer wagt es ...?«
»Der Hexer Azote und Vorstand Kessler.«
»Der Entwickler der DMKs?«
»Und der gefährlichste Okkulte, dem Trentagon je die Stirn bieten musste. Ja, sie stecken unter einer Decke. Seit vielen, vielen Jahren und ohne dass der Dynastensitz Kenntnis davon erlangen konnte. Coronel Duro hat sich als Verräter entpuppt. Wie Sie sehen, ist die Lage wirklich ernst. Wenn wir in Trentagon-Capitol ankommen, haben die DMKs die Stadt wahrscheinlich schon unter ihre Kontrolle gebracht.«
»Wir werden sie vernichten und die Hauptstadt zurückerobern, Guardián.«
»Unterschätzen Sie Kesslers Schöpfungen nicht. Ihre Ausrüstung besteht aus dem Besten, das Trentagon zu bieten hat, und ihre Körper sind durch ein abartiges Ritual von ehemaligen Prämienhunden beseelt worden.«
Jetzt schluckte Mantro trocken.
»Damit die Sinistra weiß, was auf sie zukommt, haben wir ein umfassendes Briefing über die DMKs zusammengestellt, das auf den eigens durchgeführten Testreihen basiert. Malico!«
Carons Compañero nahm Haltung vor dem Obersten Sinistra an. »Wenn Sie erlauben, Hyperion-General.« Er wies mit dem Datenbewahrer auf die Holosäule.
»Aber sicher.«
Malico ging an ihm vorbei und überwand die Stufen bis zur Säule. Dort händigte er dem heranschwebenden Adjutanten das Gerät aus.
Caron erläuterte: »Das erste Datenpaket ist für die einzelnen Kompanieführer bestimmt und stellt dar, wie man die DMKs am effektivsten bekämpft.«
»Aber das ist noch nicht alles«, ergänzte Malico. »Der Funkverkehr zwischen der Flotte und dem Zentrum wird von Kesslers Industrie-Komplex geblockt. Das funktioniert aber nur, wenn sich Störgeräte hier an Bord befinden. Wir müssen sie aufspüren und vernichten. Außerdem haben wir Grund zu der Annahme, dass der Gegner unsere Geräuschisolierer und Frequenzverschlüssler umgehen kann. Ich habe auf die Schnelle ein neues Codierungspaket entwickelt. Sie finden es als zweite Datei unter dem Kürzel CMFLG. Nichts besonders Kompliziertes, aber da der Feind es nicht erwartet und er im Verlauf von Kampfhandlungen, kaum die Zeit finden wird, sich Gegenmaßnahmen einfallen zu lassen, wird es seinen Dienst tun.«
Der Adjutant nahm Malicos Datenbewahrer entgegen und speiste die Dateien in die Holosäule. »Wenn wir diese Schlacht überstehen, wird es mir eine Freude sein, zu wissen, dass die Zukunft Trentagons irgendwann in den Händen eines so vorausschauenden Dynasten wie Ihnen liegt, Caron.«
Spätestens als er das Glitzern in Mantros Blick wahrnahm, war Caron sich hundertprozentig sicher, dass er seine Entscheidung, sich offenbart zu haben, niemals bereuen würde.
—
Dingo Trochette starrte in den Himmel. Nach dem Ende einer anstrengenden Mittagsschicht wünschte er sich nichts so sehr wie die Ruhe seiner eigenen vier Wände. Erst vorgestern war er noch wegen der Ankündigung des Dynasten über die Sinistra-Verlegung an die Nordgrenze in Jubel ausgebrochen, hatte dann jedoch durch die anschließende Eröffnung, dass von nun an Automatons ihre Arbeit übernehmen würden, gleich einen Dämpfer erhalten. Und heute war es bereits soweit. Eine Armada aus eckigen Flecken verwandelte sich in kubische Transporter, teilte sich auf und landete überall in Dingos Heimatquadranten. Auf den umgebenden Flugverkehr nahmen sie dabei genauso wenig Rücksicht wie sonst die Sinistrapiloten.
Eines der Schiffe mit dem Logo der ROBOT-A Inc. setzte direkt vor Dingos Füßen auf. Noch bevor der aufgewirbelte Staub Zeit bekam, sich zu legen, öffnete sich die seitliche Frachtrampe und unter den neugierigen Blicken der Passanten stampften Automatons mit feuergelben Visorezeptoren und ausgeklappten Waffenarmen aus dem Inneren.
»Freie Bürger Trentagons«, schallte es aus den Lautsprechern auf dem Transporter. »Unser Sektor befindet sich zurzeit im Regierungswechsel. Der alte Dynast wird in diesen Stunden abgesetzt und der Vorstand der Handhabungsautomatenindustrie Bellow Kessler innerhalb der nächsten Tage offiziell in sein Amt eingeführt. Bitte bleiben Sie ruhig. Ihnen wird nichts geschehen. Bis zum Inkraftsetzen eines neuen landesweiten Statutenkatalogs haben Automatons mit der ID-Prägung DMK und die dafür gebildete Einsatz-Truppe »Scorpio Seguridad« volle Orderbefugnisse. Leisten Sie ihren Anweisungen bitte Folge und bleiben Sie in Ihren Habitaten, um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.«
Der Transporter hatte dreißig riesige Kampfroboter ausgespuckt, vor denen sich die Schaulustigen mittlerweile langsam aber sicher wieder zurückzogen. In Dingos Gedärmen lastete eine unangenehme Vorahnung. Und die würde erst wieder verschwinden, wenn er im dreißigsten Stock in der Sicherheit seines eigenen Habitats weilte und alle weiteren Geschehnisse im Nuevo-Kanal verfolgte.
Aber als er sich gerade herumdrehen wollte, zeigte der vorderste DMK mit dem massigen Greifwerkzeug auf Dingos Nebenmann, einen Typen mit schlecht aufgeforsteter Glatze.
»Begeben Sie sich in das Vehikel, Bürger.«
»Warum sollte ich das tun?«, entgegnete der Angesprochene der kratzigen Stimme aus dem Lautsprechermodul. Wie der Rest der Umstehenden rückte auch Dingo ein paar Schritte von ihm weg.
Der Automaton wiederholte: »Begeben Sie sich in das Vehikel, Bürger.«
»Dafür gibt es keinen Grund. Du hast ja noch nicht mal nach meinem Namen gefragt. Ich habe nichts verbrochen und gehe jetzt ...«
Der DMK schoss ihn nieder. Es war nur ein Bestäubungsstrahl, aber er hatte einen allgemeinen Aufschrei und die Flucht der anderen Passanten in alle Richtungen zur Folge.
Auch Dingo rannte los. Hinter sich hörte er Schüsse, Gebrüll und den Lautsprecher des Transporters, der wieder abspulte: »Freie Bürger Trentagons! Unser Sektor befindet sich zurzeit im Regierungswechsel ...«
Ohne zu wissen, wohin er überhaupt lief, hetzte Dingo durch seinen Block. Wie, im Namen der verdrehten Wahrheit, sollte er in sein Habitat gelangen, wenn alle Zugänge verriegelt waren? Immer wieder kam er an Stellen vorbei, an denen ein ROBOT-A-Inc.-Transporter gelandet war. Wenn er ihm nicht ausweichen konnte, versteckte er sich außerhalb ihrer Sensorreichweite und beobachtete, wie die DMKs Unschuldige niedermähten, sie in die Transporter warfen oder mit vorgehaltenem Waffenarm dazu zwangen, sich selbstständig hineinzubegeben. Mancherorts versuchten die Bürger auch, sich zu wehren, bewarfen die Automatons oder schlugen mit allem, was sie in die Hände kriegten, auf sie ein. Sie hatten keine Chance. Alle wurden überwältigt, nicht einer zurückgelassen.
Sobald die Transporter dann gestartet waren, lief Dingo Trochette weiter. Er musste irgendwo ein Versteck finden. Vielleicht waren die riesenhaften Roboter noch nicht bis in den Osten der Stadt vorgedrungen. Wenn er eine Hoverrail erwischte, würde er bei seinem Cousin in Chale untertauchen können. Oder besser noch, er rief einen Transferschweber. Doch zwischen den Gebäuden kreuzten nur noch vereinzelte DMK-Transporter. Alle zivilen Luftfahrzeuge schienen vom Himmel gewischt.
Um die nächste Ecke eilend, hätte er um ein Haar zwei Civic Cops umgerannt.
»Wohin so eilig, Bürger?«, wollte einer von ihnen wissen.
Als Dingo das Skorpion-Symbol auf der Uniform bemerkte, war es zu spät. Ein Gleißen und er spürte die Hitze eines Betäubungsstrahls in der Brust.
—
Im Laufe der Ereignisse war der Oberste Wächter der Ordnung in Trentagon, der Hochadministrator der Civic Cops, aus der Zentralen Beaufsichtigungsstelle geflohen und hatte sich in die Inspektionsabteilung begeben. Die Verständigungswege innerhalb der Hauptstadt und aus ihr heraus erwiesen sich als zunehmend unzuverlässig. Die mächtige Fensterfront der Inspektionsadministrative zeigte wesentlich besser, was draußen vor sich ging, als die vielen erloschenen Bildflächen seiner persönlichen Holosäule.
Die Direktverbindung zum Dynasten hatte er in Form eines Ohrclipmikros mitgenommen.
»Die Okkulten versammeln sich am Platz der großen Wahrheit«, gab er durch. Beim Blick über den Platz, an den das Hauptquartier der Polizeiadministrative grenzte, fuhr sich der Hochadministrator erst durchs Haar, gleich drauf über die blaue Uniform. Er war nicht der Einzige, der hier stand. Praktisch die gesamte Belegschaft hing vor dem zwei Etagen hohen Panoramafenster und verfolgte, was Azotes Skorpionzirkel im Zentrum der Stadt aufführte.
»Gibt es Neuigkeiten von Kesslers Industriekomplex?« Die Stimme des Dynasten zitterte leicht.
»Seit über einer Stunde hat sich von dort niemand mehr gemeldet. Ich fürchte, dass alle Einheiten verloren oder gefangen sind.«
»Was treibt der Feind?«
Der Hochadministrator versteifte sich. In der Mitte des ausgedehnten Platzes war ein Transporter der ROBOT-A Inc. gelandet. Darauf standen mehrere Personen.
»Wer sind die da auf dem Schiff?«, wollte er von einem der Verwalter mit Optristikvisier vor dem Gesicht wissen.
»Einen von ihnen haben wir definitiv als Vorstand Kessler identifiziert. Die in den Roben sind garantiert okkulte Zirkelmeister und ich möchte wetten, dass der Kerl direkt neben Kessler Azote ist.
Der Administrator gab die Informationen an den Dynasten weiter.
Der meinte: »Lassen Sie die beiden sofort ausschalten.«
»Das wird nicht so ohne Weiteres möglich sein, Dynast. Um das Schiff herum stehen noch Hunderte weitere Zirkelanhänger, die einen Abwehrschirm gewoben haben und singen. So laut, dass man es bis hierhin hören kann. Und die Burschen werden wiederum von einem ganzen Heer aus DMKs umringt. Dazu kommen pausenlos Transporter an. Entweder positionieren sie neue DMKs oder kippen Gefangene an den Rand des Platzes, die ...«, sagte er stockend, »... die sofort von den Automatons hingerichtet werden.«
Einige der Opfer trugen die blauen Uniformen seiner eigenen Männer.
»Setzen Sie dem ein Ende! Sofort! Wir können nicht zulassen, dass Azote ...«
»Ich fürchte, auch das ist nicht mehr möglich. Nach unserem Zugriff auf ROBOT-A Inc. und dem teilweisen Zusammenbruch der Kommunikation verfüge ich kaum noch über genügend koordinierte Einheiten, um das Gebäude zu sichern, geschweige denn, um die Bürger in den Straßen zu schützen.«
»Und wenn Sie selber ein Gewehr in die Hand nehmen müssen, Hochadministrator: Ich befehle Ihnen ...«
Der erste heimliche Wunsch des Wächters der Ordnung war in Erfüllung gegangen, als die Verbindung zum Dynasten urplötzlich weg war. Vielleicht würde sich auch sein zweiter erfüllen und die Sinistra tauchte rechtzeitig auf, um ihm die Verantwortung für all dies abzunehmen. Und wenn dies nicht geschähe? Das Okkulte galt seit Jahrzehnten als das Böse in Trentagon und genauso stellte es sich auch jetzt dar. Was aber, wenn die neue Übermacht, dieses Gebäude mit ihren DMKs stürmte? War der Punkt gekommen, an dem er, um sein eigenes und das Leben seiner Leute zu schützen, seine Loyalität überdenken musste?
Die Augen des Obersten Polizeiadministrators weiteten sich. Draußen über den singenden Kutten und den sterbenden Menschen gewann ein riesenhafter schwarzer Umriss an Gestalt.
Kapitel 17
Die Brücke der Tormenta, Mantros Flaggschiff, glich der der Vindicta, nur dass sie um einiges geräumiger war. Zwar herrschte dasselbe Dunkel wie im Hauptquartier des Obersten Sinistra, doch belebten hier über fünfzig betriebsame Leitoffiziere die Atmosphäre. Während sie auf den halbrunden Rängen der Brückencrew über ihren Holostationen saßen, stand Caron neben Mantros Hoversessel. Von dort aus versuchte er, aus den Piepsignalen, den Routinedurchsagen und den verschiedenen bunten Statusfenstern des Hauptschirms schlau zu werden.
»Sie müssen noch einen Störer finden. Sie müssen einfach«, murmelte er.
»Ruhig Blut, Hüter«, brummte Mantro. »Wir haben die Übertragungsphalanxen aller Schiffe gecheckt. Mehrfach. Jeder kleine Schaltkreis tut seinen Dienst einwandfrei. Da wir trotzdem noch keinen Kontakt zum Inneren Zentrum haben, kann dies nur eins bedeuten: Irgendwo befindet sich noch mindestens ein funktionstüchtiger Frequenzverzerrer.«
»Aber Ihre Männer haben bereits siebzehn Stück enttarnt.« Carons Glaube an die Unfehlbarkeit der Sinistra und an die seines Vaters hatte in den letzten Stunden erheblich gelitten.
»Die Sinistra verfügt ja auch über die größte Flotte Trentagons. Da gibt es eine Menge dunkle Ecken, um diese Dinger zu verbergen.«
Caron fragte sich, wie Mantro diesen Verrat nur so ruhig hinnehmen konnte. Wehmütig wünschte er sich Capitan Adamanto zurück. Er hätte Caron den Kopf jetzt sicher wieder zurechtgerückt, ihm vorgehalten, dass seine Ungeduld weder sich noch der Mannschaft einen Gefallen tat. Tief durchatmen war alles, was Caron tun konnte. Zum Wohle der Sinistra musste innere Ruhe bewahren.
»Alles, was ich mir wünsche, ist eine letzte Absprache mit dem Dynasten vor dem Angriff.«
»Unsere Scoutschiffe werden die Lage in der Hauptstadt ausspähen und den Herrscher informieren, bevor wir zuschlagen.« Mantro sah von seinem Sitz herauf, direkt in Carons Augen. »Euer Vater ist in Sicherheit. Wir werden Trentagon-Capitol befreit haben, bevor Azotes Zirkel auch nur einen Fuß ins Innere Zentrum der Macht gesetzt haben.«
So gerne Caron die Zuversicht Mantros geteilt hätte, es wollte ihm einfach nicht gelingen.
»Bataillonsschiff ›Guillotina‹ meldet: eine weitere Funkstöranlage entdeckt und deaktiviert!«, ließ ein Commandante von den Sitzrängen plötzlich verlauten.
»Stellen Sie sofort eine Übertragung zum Centro Dinastía her!«
»Auf Ihre Order, Generalguardián.«
Bange Sekunden vergingen, in denen Caron praktisch schon hörte, wie Mantros Kommunikationsoffizier ihnen mitteilte, dass er immer noch keinen Kanal zum Dynastensitz aufbauen konnte.
»Verbindung steht!«
Auch wenn er seinen Ohren kaum traute, tauchte in der mittleren Übertragungsgabel vorm Hauptschirm tatsächlich der Kopf seines Vaters auf. »Tormenta? Oberster Sinistra Mantro, sind Sie das wirklich? Ist mein Sohn bei Ihnen an Bord?« Das Bild war blaustichig und verrauscht.
»Möge die Wahrheit diese dunklen Stunden erleuchten, mein Dynast. Ja, hier spricht Hyperion-General Mantro. Ihr Sohn steht direkt neben mir und unsere Flotte befindet sich auf dem Rückweg zur Hauptstadt.«
»Vater«, schaltete sich Caron ein. »Ich bin so froh, dass du lebst. Wie ist die Lage?«
Die Übertragung blitzte. Sein Vater verzog missmutig den Mund. »Das Einzige, was noch unter meiner vollständigen Kontrolle steht, ist der Dynastensitz selber. Bis jetzt hat sich noch keiner von den schändlichen Verrätern hier runtergewagt, doch die vereinigten Hochadministratoren legen ein auffallend unverbindliches Verhalten an den Tag. Unsere Kommunikation ist lückenhaft. Sito vermutet, dass einige von ihnen ihre Verbindungsbüros angewiesen haben, die Empfänger abzuschalten und zu warten, wie sich der Putsch entwickelt. Ach, ja: Die Civic Cops und einige halbzivile Institutionen stehen weiterhin zu uns. Noch. Allerdings können sie der Lage nicht mehr Herr werden.«
»Was wissen wir über die Positionierung des Feindes?«, wollte Hyperion-General Mantro wissen.
»Da die Verbindung zu den meisten Überwachungskameras in Trentagon-Capitol noch steht, konnte mein Stab herausfinden, dass Kessler und Azote ihre DMKs quer durch die Hauptstadt geschickt haben. Sie beschaffen ihnen Opfer für ein großes Beschwörungsritual. Ihre sonstigen Aktivitäten beschränken sich auf den Platz der großen Wahrheit, wo dieses Ritual stattfindet. Sie haben unzählige Bewohner zusammengetrieben, töten sie und es sieht ganz danach aus, als ob ihre Lebensenergie zu einem Tor transformiert wird, durch das ein Dämon auf den Platz dringt. Der Katalysator dafür dürfte ein Junge sein, der im Zentrum der Aktivitäten auf einen Altar gekettet wurde. Drumherum feiern Hunderte von Zirkelanhängern ihren vermeintlichen Sieg. Bilder, die ich dem Kontinentalrat das nächste Mal unter die Nase halten werde, wenn er unsere Angst vor dem Okkulten wieder ins Lächerliche ziehen will.«
Azotes Anhänger hatten das nachgeholt, was ihnen im Lagerhauskomplex nicht gelungen war. Caron hielt es auf Mantros Brücke nicht mehr aus. Seinem Vater rief er zu: »Ich überlasse dem Hyperion-General die letzten Schlachtvorbereitungen und gehe jetzt zu meinen Männern. Erwarte mich an der Spitze von Trentagons Befreiungsarmee, Vater. Viva Verdad!«
»Viva Verdad, mein Sohn!« Der Stolz in der Stimme seines Vaters brachte Carons Herz zum Hämmern.
»Obwohl ich großen Respekt vor Ihrer Entscheidung habe, Hüter, weise ich Sie darauf hin, dass Sie das nicht tun müssen«, wandte Mantro ein. »Sie können die Maßnahmen mit mir zusammen von der ›Tormenta‹ aus koordinieren und den Sinistras Mut zusprechen.«
»Ich bin ein Scimitar, Hyperion-General. Da ich mit dem Säbel weitaus besser umgehen kann als mit taktischen Karten, ist mein Platz in den Reihen der kämpfenden Sinistras. Unser aller Leben liegt jetzt in Ihren Händen.«
Auch Mantros Blick sagte nun mehr als jedes weitere Wort.
»Melde mich ab zum Rapaz-Zug der 54. Kompanie.« Caron knallte die Hand auf das Herz der Wahrheit und verließ die Brücke.
—
Die 54. gehörte zum gleichen Bataillon wie die 53. Kompanie, die damals im Lagerhauskomplex ausgelöscht worden war. Und jeder ihrer Sinistras brannte darauf, sich für dieses vergossene Blut zu rächen. Das hatte Caron bei seinem Willkommensappell in ihren Augen gesehen, es war bei den anschließenden Jubelrufen mehr als deutlich durchgeklungen und auch jetzt im Lander spiegelte es sich in jedem Gesicht des Rapaz-Zugs wieder.
Caron stand zwischen einer Hologravkugel und dem Coronel jener Kampfgruppe, die extra für den Hüter des Dynastensitzes ins Leben gerufen worden war: die fünfunddreißig besten der an die Nordgrenze abkommandierten Soldaten, Jayd, Venlok, Malico, Navaja und zwei Munitionsautomatons. Zwar befanden sich fast alle, wie auch Caron selber, in voller Kampfmontur, doch war noch keiner von ihnen in den Gestellen des Guardián-Landers festgeschnallt. Alle umklammerten Waffen und Ausrüstung und hingen an Carons Lippen.
»Auf der Seite des Dynasten stehen noch die Civic Cops, die Einheiten des Centro Medical und die Katastrophen-Eindämmungs-Administrative. Sie sind in der ganzen Stadt im Einsatz, um die Folgen der DMK-Überfälle abzufangen. Deswegen können wir von ihrer Seite nur wenig Unterstützung erwarten. In den Straßen patrouilliert eine von Kessler ins Leben gerufene Truppe, die sich »Scorpio Seguridad« nennt, aber um die müssen wir uns später kümmern. Unser Fokus liegt auf dem Kern der feindlichen Armee, der sich hier befindet ...« Mit einem Pointer drehte Caron die Holoblase, bis die Aufzeichnung einer Überwachungskamera vom großen Platz der Wahrheit erschien. Er vergrößerte das Bild, woraufhin ein Meer aus Köpfen, einige menschlich, die erdrückende Mehrheit metallisch, erschien. »Unsere Ziele der höchsten Priorität: Usurpator Kessler und sein Verbündeter, der oberste Zirkelmeister Azote, sind genau in der Mitte.«
Caron zoomte auf den entsprechenden Ausschnitt. Die Sinistras quittierten den Anblick mit einem Raunen. Auch wenn die Übertragung verrauscht und mit Störblitzen übersät war, konnte man doch deutlich erkennen, wie sich hinter den beiden Genannten und einer großen Gruppe von Robenträgern eine Gestalt erhob. Und diesmal stellte sie nicht mehr länger nur einen Schatten dar, wie im Lagerkomplex. Dieses Mal war sie ein geflügelter Gigant, mindestens dreimal so groß wie Azote, mit schwarzledernen Schwingen, die in hässlichen Widerhaken ausliefen. Ihre Fratze bestand aus glühenden Augen und aufgeworfener Haut. Die spitzen Fänge darunter wurden von einer Unzahl von Barteln und tentakelartigen Auswüchsen gerahmt. Sie zuckten mal in diese und mal in jene Richtung.
»Wie Sie unschwer erkennen können, ist es dem Feind gelungen, mächtige Unterstützung nach Trentagon zu beordern. Eine Klassifizierung konnte aufgrund der äußeren Umstände noch nicht vorgenommen werden, aber ich kann Ihnen versichern, dass dieses Wesen, entgegen aller wissenschaftlichen Thesen der Freien Welt und des Kontinentalrats, nicht aus dieser Daseinsebene stammt. Es handelt sich unzweifelhaft um einen Dämon. Wobei wir allen Grund zu der Annahme haben, dass es ein recht mächtiger Vertreter seiner Art ist.«
Auch wenn die Sinistra schon existierte, seit Carons Vater den Dynastensitz an sich gebracht hatte, konnte man davon ausgehen, dass selbst ihre Veteranen niemals ein solch mächtiges dunkles Wesen zu Gesicht bekommen hatten. Umso bewundernswerter, dachte Caron, dass niemandem unter den Anwesenden auch nur ein Hauch von Angst anzumerken war. Ihm selbst war nicht so wohl bei dem Gedanken, mit wem sie sich da anlegen mussten. Ein Gefühl, das allerdings sehr schnell verflog, wenn er das Bild wieder auf Normalgröße brachte.
»Um die Gruppe in der Mitte hat sich ein Pulk von schwarzmagischen Adepten gesammelt. Nach den Erfahrungen der letzten Wochen können wir davon ausgehen, dass sie einen Abwehrschild um den Platz weben werden.«
Eine dunkelhäutige Sinistra, die Helm und Ellenbogenpanzer noch nicht angelegt hatte, hob den Arm.
Caron rief sie auf. »Sinistra ...?«
»Crosstown. 54-5-5, Generalguardián. Was schwebt da für ein Zeug über dem Platz?«
»Ein okkulter Nebel. Das ist es auch, was die Übertragung so schlecht erscheinen lässt. Damit wird Azote versuchen, die Geräte in unseren Helmen zu stören, aber keine Angst. Dank Cadetta Kessler«, Caron zeigte auf Jayd, «haben wir ein Gegenmittel in der Hand, das unsere Bomber im zweiten Anflug über dem Platz ausschütten werden. Egal, was danach noch auf den Füßen steht: Wir werden es messerscharf erkennen können.« Er lächelte entschlossen.
Die Sinistra bleckte ihrerseits die Zähne und nickte dazu.
»Aber unsere schwierigsten Widersacher sind gleichzeitig die zahlreichsten.« Er hob die exakt rechteckig aufgestellten Kontingente der DMKs hervor. »Nach den Schätzungen des Stabes hat Kessler die vollen 25 000 Einheiten auf dem großen Platz der Wahrheit aufmarschieren lassen. Das bedeutet: Es gibt praktisch für jeden von uns einen Gegner. Normalerweise eine günstige Quote für die Sinistra, aber in diese Rechnung sind die Okkulten und ihr Dämon noch nicht einbezogen. Und jeder, der beim Briefing aufgepasst hat, weiß, dass man die Dark-Magic-Killer-Automatons keineswegs auf die leichte Schulter nehmen darf. Sie sind perfekte Mordmaschinen. Ihre ersten Opfer können Sie hier erkennen.«
Caron zeigte mit dem Pointerpfeil auf den unregelmäßigen Ring vor den Droiden. Hier standen wieder menschliche Kämpfer mit unterschiedlichsten Waffen in den Händen. Bemerkenswert war der äußerste Ring aus Leichen vor ihren Füßen. Unzählige Körper mit Einschusslöchern in der Kleidung, aufgerissenen Mündern, blicklosen Augen. Es wurde so still, dass man sogar das sonst kaum wahrnehmbare Zischen der Lüftung hörte.
Caron musste sich räuspern, bevor er fortfuhr. »Heute können wir den Sieg nur davontragen, wenn alle Teile unserer Streitkräfte präzise wie ein Uhrwerk funktionieren. Denn für dieses Gefecht gehen wir nicht in unserer üblichen Kampfordnung, sondern in Wellen vor. Stellt euch gut darauf ein. Die Scimitare der ersten und zweiten Welle, die ich persönlich in die Schlacht führe, werden die wichtigste Rolle spielen, dann folgen unserer Gunner und schließlich schwere Waffen und Scharfschützen. Heute sind wir die einzigen aufrechten Beschützer gegen einen schwarzen Sturm. Im Falle unserer Niederlage stehen unsere Bürger, unsere Familien, einer Dunkelheit gegenüber, wie sie dieses Land nur aus der Kriegszone kennt. Ich erwarte also von euch allen das Beste ... und mehr. Unser Leben für die Wahrheit, unser Leben für den Dynasten! Viva Verdad!«
»Viva Verdad!«
Caron hätte jeden Schwur darauf geleistet, dass selbst Capitan Adamanto niemals eine lautere Erwiderung von seinen Männern bekommen hatte. Dennoch brüllte er: »Ich konnte euch hören, aber die Kutten auf dem großen Platz bestimmt noch nicht!«
Die Wiederholung der zwei wichtigsten Worte im Leben eines Sinistras brachte die Hülle des Landers zum Vibrieren. Gut so. Das hier wurde in jedes Bataillonsschiff, zu jeder einzelnen Kampfgruppe übertragen und ihren Siegeswillen ins Unermessliche steigern.
Unter Johlen und Beifall überließ Caron dem Coronel die weitere Einführung in den Einsatz. Er gesellte sich zu Jayd, Venlok, Malico und Navaja.
»Das war mal eine Ansprache, wie sie selbst dem alten Capitano zur Ehre gereicht hätte«, empfing Venlok ihn. »Ich bin jetzt noch ganz feucht um die Augen.«
Bevor er ihm einen seiner kameradschaftlich gemeinten Schläge verpassen konnte, fiel Jayd Caron in die Arme und küsste ihn wild. »Warum?«
»Warum, was?«
»Warum musst du unbedingt in der ersten Reihe stehen? Reicht es dir nicht, die Schlacht an Bord des Rapaz-Landers zu koordinieren? Wozu diese Heldennummer?«
»Mit Heldentum hat das herzlich wenig zu tun. Indem ich die Scimitare anführe, tue ich das, womit ich der Sinistra am besten dienen kann, und erfülle gleichzeitig meine Rolle als Hüter des Dynastensitzes. Ich bin nicht zum Taktiker geschaffen, der nur danebensteht und Däumchen dreht, während ihr alle euer Leben riskiert. Damit käme ich nie klar. Insbesondere nicht, wenn ich dich dabei verlieren würde.«
»Das ist etwas anderes.« Ihre Augen schimmerten. »Ich habe die Schande meines Vaters zu bereinigen und es wird mir schwer genug fallen, mich ihm entgegenzustellen, aber du ...« Mit einem Finger zog sie Carons Augenbraue nach, dann küsste sie ihn erneut.
»Ich kann euch ja beide gut verstehen, Jayd«, warf Venlok ein und Jayd verdrehte die Augen. »Ehrlich. Caron weiß das. Stimmt doch, oder?«
»Ja, ich ...«
»Siehst du, Jayd. Aber wenn ich heute schon den Löffel abgeben muss, dann lieber an der Seite eines gestandenen Scimitars und waschechten Dynastensohns als an der eines kleinen Rechenstrebers.« Er lachte und nahm Malico in den Schwitzkasten.
Jayd verdrehte die Augen nochmal. Navajas Mundwinkel zuckten.
Malico kämpfte sich aus Venloks Arm und deutete einen Schlag an, dann rückte er seinen Helm wieder gerade. Zu Caron sagte er: »Leider muss ich Jayd recht geben, Caron. Der Tod liegt in der Luft. Es ist das gleiche Gefühl wie damals auf dem Dach dieses elenden Lagerhauses.«
»Die Okkulten spielen niemals ehrlich. Aber was sollen wir deiner Ansicht nach sonst tun? Ihnen Hauptstadt und Dynastensitz einfach überlassen? Wenn wir gar nicht kämpfen, stirbt mein Vater, und Kessler und Azote haben gewonnen.«
»Ich weiß nicht. Aber ... wieso versammeln die sich alle auf diesem einen Platz wie auf dem Präsentierteller? Strategisch betrachtet ist das totaler Unfug. Es wäre viel ratsamer, sich in der Stadt zu verteilen und erst mal die wichtigsten Knotenpunkte zu besetzen.«
»Azote braucht alle magiekundigen Anhänger für seine Dämonenbeschwörung, und während die beschäftigt sind, müssen sie verteidigt werden. Es soll wohl genau das Desaster verhindert werden, das wir ihnen bei der letzten Beschwörung bereitet haben. Denn natürlich weiß der große böse Hexer mittlerweile, dass die Sinistra auf dem Rückweg ist. Er hält wahrscheinlich genau deswegen eine Konzentration seiner Kampfkraft für das Klügste. Außerdem gehen er und Kessler ja davon aus, dass sie unsere Audioverbindungen kontrollieren.«
»Die tun was?«, fragte Venlok erstaunt und auch Jayd zeigte sich alarmiert.
»Ein Grund weniger, dass du blindlings in den Kampf rennst.«
»Kein Grund zur Sorge«, beschwichtigte Caron die beiden.
»Unser Freund Malico hat allen Sinistras eine eigens kreierte Verschlüsselung mit dem letzten Missionsupdate in die Helme übertragen lassen. Unseren Funkverkehr schützt sie jetzt schon.« Er zwinkerte. »Die werden sich wundern.«
Venlok gluckste: »Das gefällt mir. Ich hoffe, dass ich Azote persönlich ins Jenseits befördere. Und nachdem ich Kessler sein vertrocknetes Herz aus dem Leib gerissen habe, werde ich mir aus seinen überraschten Augen zwei schicke Schlüsselanhänger basteln.«
»Venlok!«, warnte Navaja.
Jayd war zusammengezuckt, wand sich aus Carons Arm und verschwand Richtung Defäkaliereinheit.
Caron seufzte: »Du kannst manchmal so ein ungehobelter Holzkopf sein, Roscoe Venlok.« Dann eilte er Jayd hinterher, aber die hatte die Tür bereits geschlossen.
—
Mittlerweile befanden sich alle Rapaz-Soldaten festgeschnallt im Rollgestell des Hüter-Landers. Obwohl sie keine Scimitare waren, hatte Caron verfügt, dass seine Freunde an seiner Seite ins Gefecht zogen. Mantro hatte abgeraten, Jayd aber vehement darauf bestanden, in Carons Nähe zu bleiben. Und die anderen waren ihrer Meinung gewesen. So hing er zwischen Jayd und Venlok – und neben ihnen wiederum Malico und Navaja. Ebenfalls auf Carons Order hin wurde die Kommunikation zwischen der Hauptstadt und der Flotte für alle hörbar in die Lautsprecher des Truppenraums und die Helme übertragen.
Obwohl die Beleuchtung ins Bereitschaftsorange gewechselt war, hatte Coronel Saxon, ihr taktischer Führer, in seiner Holoblase nicht viel zu tun. Seine Haltung änderte sich allerdings sofort, als die Bemühungen von Mantros Kommunikationscommandante erste Ergebnisse brachten.
»Hier Stadtabwehr Trentagon-Capitol, wir ... die automatischen ... deakti ..., aber es sind mobile ... angerückt ... Scorpio Seguridad ... Gegenwehr leistet.«
»Hier spricht die Tormenta mit Hyperion-General Mantro an Bord. Wir haben verstanden und werden entsprechend vorgehen. Ziehen Sie sofort alle Einheiten vom Feind ab! In einer Minute dringen wir in Ihren Luftraum ein. Ich wiederhole: Alle Einheiten sofort abziehen.«
»Trentagon-Capitol. Endlich. Wird auch langsam Zeit.« Venlok drehte den Kopf in den Nacken, wobei ein Halswirbel knackte.
Malico ergänzte: »Und die Okkulten stören noch immer unseren Funk.«
»Nur die Übertragungen aus der Stadt raus«, erklärte Caron.
»Wir können ihnen deine neue Verschlüsselung nicht übermitteln, ohne Gefahr zu laufen, dass Kessler sie abfängt und Gegenmaßnahmen einleitet. Das wäre ...«
Der dumpfe Knall mehrerer Explosionen von draußen unterbrach ihn. Selbst im Lander konnte man spüren, wie das Großschiff zitterte und den Kurs korrigierte.
»Tormenta an Bomberverband Puramento. Ziele sind markiert. Neutralisationspriorität nach eigenem Ermessen. Erwarten Meldung nach Vollzug.«
»Hier Staffelteniente Haynes. Haben verstanden, Tormenta. Jungs, ihr habt den Obersten Sinistra gehört. Drauf und dran!«
Voller Anspannung achtete Caron auf jedes Knistern aus den Helmlautsprechern, doch es wollte und wollte keine Abschussmeldung kommen, nur Ausweichanweisungen an die übrigen Bataillonsschiffe und dann und wann ein dumpfes Grollen. Er hätte sich am liebsten losgeschnallt und wäre an ein Fenster gerannt, wenn es nur eins gegeben hätte.
Malico war derjenige, der als Erstes offen Nerven zeigte. »Was geht denn da vor sich? Ich meine ... die größte Flotte des Landes, und wir hängen am Stadtrand von Trentagon-Capitol wegen ein paar mobiler Geschütze oder so was fest.«
»Halt den Säbel still, kleiner Scimitar«, versuchte Venlok ihn zu beruhigen. »Es hat auch noch keine Verlustmeldung bei unseren Piloten gegeben.«
Navaja nickte. »Ein gutes Zeichen.«
»Das ist mehr als nur ein gutes Zeichen. Die Jungs reißen den Skorpionen gerade ihren Stachel raus.«
Jayds Hand hielt Carons Rechte umklammert. Sie war schweißnass und eiskalt. »Egal, was heute da draußen mit uns geschieht, vergiss nie, dass ich dich liebe. Auch wenn ich manchmal unsicher bin, wie ich meine Gefühle zeigen soll, möchte ich, dass du weißt, dass du der wichtigste Mensch in meinem Leben geworden bist. Ich werde dich mit allem beschützen, was ich in die Waagschale werfen kann.«
»Ich ...« Caron wusste nicht, was er darauf erwidern sollte, weil es eigentlich genau die Worte waren, die aus seinem Mund hätten kommen sollen. Er bereute es, dass sie sich wegen des automatischen Gurtzeugs nicht in die Arme schließen konnten. »... werde ohne dich nicht mehr weiterleben können, also sei vorsichtig da draußen«, vollendete er seinen Satz.
Ihre Augen glänzten wieder, aber sie lächelte. Ein Anblick, den Caron niemals mehr vergessen würde.
»Staffelteniente Haynes vom Bomberverband Puramento an Tormenta. Ich melde die Vernichtung von 85 Prozent aller zugewiesenen Ziele. Der Rest ist geflohen.«
Das folgende Siegesgeschrei im Lander machte es Caron unmöglich, Mantros Antwort zu verstehen, so drückte er einfach Jayds und Malicos Hände.
Venlok war völlig aus dem Häuschen. »Was habe ich dir gesagt, Malico? Die Sinistras zählen nicht umsonst zu den Besten der Besten. Jetzt sind die Kutten reif. Allesamt.«
»Genau«, machte Caron seiner Anspannung Luft. »Diesmal hat Azote sich mit den Falschen angelegt.«
Navajas Miene strahlte stoische Zuversicht aus. Malico blickte weiterhin skeptisch.
Die Ansage »Ankunft im Zielgebiet, Großer Platz der Wahrheit, in vierzehn Minuten und dreißig Sekunden«, schallte über alle Gesprächsfetzen hinweg.
Zeit, den Ausrüstungszustand ein letztes Mal von der Crew checken zu lassen.
—
Die Bataillonsschiffe der Sinistra sanken majestätisch durch die niedrige Wolkendecke. Von ihren Jägerstaffeln flankiert, näherten sie sich unnachgiebig dem großen Platz der Wahrheit. Die Gegenwehr in Form hastig errichteter Flugabwehrdonnerer auf den Dächern der Wolkenkratzer wurde von Sinistra-Bombern umgehend zum Schweigen gebracht. Dazu zeichneten sich immer wieder Flammenbälle vor dem dunkelgrauen Himmel ab: ehemalige Schweber, die im Sperrfeuer der Großschiffe zerplatzten.
Es war eine Schneise der Verwüstung, die die Holokugel um Coronel Saxon wiedergab, aber auch eine des Triumphes. Wären die zahlreichen Rauchfronten und Flammen in der Skyline nicht gewesen, hätte Caron sich noch wesentlich wohler gefühlt. Doch nun kam die Sinistra, um alles zum Besseren zu wenden.
Unvermittelt erschien der Schädel eines DMKs in Saxons Gravkugel. Caron ging jede Wette ein, dass er ihn schon mal gesehen hatte.
»Commander 0040 an Sinistra-Flotte. Drehen Sie sofort ab und steuern Sie im Lufthafen TC-03 die zugewiesenen Landeplätze an oder Sie werden allesamt vernichtet.«
»Wir verhandeln nicht mit Maschinen«, schrie Venlok dem Kopf im Hologramm zu, obwohl er wusste, dass er ihn nicht hören konnte. Saxon schenkte weder den mitübertragenen Koordinaten noch dem Automaton irgendwelche Beachtung.
So schob 0040s Abbild nach: »Dies ist eine einmalige Offerte.« Dann verschwand es.
»Hyperion-General Mantro an alle Bomberverbände«, klang es aus Lautsprechern und Helmen. »Zielanflug ›Eiserner Besen‹ durchführen!«
»Auf Ihre Order, Hyperion-General. Starten ›Eiserner Besen‹.«
Die Bomberstaffeln lösten sich zusammen mit ihren Begleitjägern aus der Formation. In einer langgezogenen Abwärtskurve glitten sie auf den Platz der großen Wahrheit zu. Von dort wurden sie mit so schwerem Laserfeuer empfangen, dass die kleinen Schiffe immer wieder zum Auseinanderscheren gezwungen wurden oder wenigstens dazu, zur Seite zu rucken. Die meisten entgingen den tödlichen Strahlen, einige nicht. Die Getroffenen prallten vor Gebäude oder stürzten in Qualmspiralen in die Straßenschluchten.
»Die Okkulten wehren sich viel zu halbherzig«, knurrte Malico.
Venlok bekam große Augen. »Ich glaub´s ja wohl nicht. Wäre es deinem inneren Frieden zuträglicher, wenn die Knierutscher noch mehr von unseren Jungs und Mädels in Schlacke verwandeln?«
»Genau das stört mich. Niemand wird hier in irgendetwas verwandelt. Keine magische Abwehr. Nur konventionelle. Wofür haben die sich einen Dämon besorgt?«
»Still jetzt!«, fuhr Caron dazwischen.
Die Bomberstaffel meldete: »Zielgebiet Alpha erreicht. Abwurfphase.«
Jayd drückte Carons Hand jetzt so fest, dass es wehtat.
Noch war der große Platz wegen der ihn umgebenden Gebäude nicht gut zu erkennen, die Bomber, die ihn überflogen und zwischen grellen Abwehrfeuerblitzen schwarze Pünktchen verloren, umso deutlicher. Plötzlich zog die Staffel hoch, und kaum waren die Pünktchen unter ihr verschwunden, wölbten sich rote Feuerpilze in den Himmel. Die immense Detonationswelle fegte Flammenwände durch die Straßen und die Bataillonsschiffe schwankten wie Lampions im Wind.
Caron fragte sich, wie viele Unschuldige am Ende dieses Tages für die Niederschlagung der Skorpionzirkel ihr Leben gelassen haben mochten.
»Staffelteniente Haynes, Verband Puramento, meldet eine Effizienzquote von unter zwei Prozent. Ich wiederhole: Der Schirm der Okkulten hat die Wirkung des Großbombardements auf unter zwei Prozent beschränkt.«
»Nicht sehr überraschend«, dachte Caron laut.
Es folgte eine Pause, dann gab Mantro zurück: »Mission nach Szenario ›Mann gegen Mann‹ fortsetzen.«
»Auf Ihre Order, Hyperion-General. Wir gehen in den zweiten Anflug und deaktivieren den Blockadestaub für die Bodentruppen.«
Coronel Saxon brachte die Holokugel zum Rotieren, indem er die Trupps des Rapaz-Zugs einer letzten Kontrolle unterzog. »Macht euch fertig, Sinistras. Sobald die Vögel zurückkommen, sind wir an der Reihe. Wie im Briefing besprochen, gehen die Scimitare unter dem Generalguardián als Erste raus. Dann folgen Gunner und schwere Waffen nach Trupps gestaffelt. Die Scharfschützen werden auf den Dächern abgesetzt. Seid auf der Hut. Unsere große Zahl und unsere Bewaffnung sind eine bedeutsame Stärke, aber dort unten kann uns dies auch zum Verhängnis werden. Ihr wisst, was von euch erwartet wird.«
»Ja, Coronel!«, antwortete der Rapaz-Zug inbrünstig.
Caron wandte sich an seine Compañeros: »Ihr wisst ja Bescheid: Eure Order lautet, dass ihr mir folgt, egal, was Saxon oder Mantro befehlen.«
»Um nichts in der Welt lasse ich dich da draußen allein«, gab Jayd zurück.
Und Venlok feixte: »Weise Entscheidung. Ich bleibe besser auch in der Nähe. Irgendwer muss ja auf seinen Arsch achten, wenn er ihn wieder riskiert.«
Sogar Navaja ließ sich zur Andeutung eines Lächelns hinreißen, doch Malico wirkte nach wie vor abwesend.
Venlok stieß ihn unsanft an. »Hey, hör auf zu träumen, wenn dir dein Generalguardián eine Order erteilt.«
Er erntete einen verkniffenen Blick. »Ich bin bei euch, aber irgendwie ...«
»Schon gut, Malico«, besänftigte ihn Jayd. »Ich denke, wir wissen, was du meinst.«
Das Bataillonsschiff brummte, ihr Transporter sackte nach unten.
Coronel Saxon brüllte: »Lander abgeworfen!«
Auch wenn sein Gehirn wieder zum Helm hinauszuwollen schien, schaute Caron so lange zu Jayd, bis diese nicht mehr geradeaus ins Leere blickte. »Wir schaffen das.« Worte, die er nicht auszusprechen brauchte, sie verstand auch so, was er ausdrücken wollte. Da war Caron sich ganz sicher.
Während die Lichtleisten im Lander auf Bereitschaftsrot wechselten, drehte sich der Innenteil zwischen den Düsenringen bereits. Sie waren noch nicht richtig in Position, da rief Saxon: »Erste Welle. Scimitare absetzen!«
Das Hilfspersonal rührte sich nicht. Ihre Aufgabe hatte sich mit dem letzten Überprüfen der Ausrüstung erschöpft. Das Gurtzeug entriegelte der Coronel. Es klackte und fuhr mit einem Sirren ins Rollgestell. Caron stemmte sich hoch. Malico bekam einen letzten Schlag gegen den Rückenpanzer und sogleich standen sie beide mit gezücktem Säbel vor dem Ausstieg.
Die Außenwand klappte auf, Caron brüllte: »Klingen aktivieren!«, und sie rannten mit zwölf weiteren Scimitaren im Rücken die Rampe hinunter. Die anderen sortierten sich zunächst nach Waffengattung.
Vom Himmel regnete es Lander. Kaum hatte einer seine Einheiten über die Rampe geschüttet, schoss er wieder nach oben und ein anderes Schiff landete an seiner Stelle. Die Unterstützung durch Geschütze kam diesmal aus der Luft, zerschellte aber in leuchtenden Splittern auf dem Schild der Okkulten. Es war ein Höllenlärm. Starker Rauch behinderte die Sicht.
Zum Glück hatten Azote und Kessler nicht, wie befürchtet, den gesamten Platz besetzt. Ihr Heer ließ genug Raum zu den verkohlten Gebäudefassaden, dass von den fünftausend Kämpfern der ersten Welle die wenigsten auf die Straßen ausweichen mussten.
Während er zusammen mit den Scimitaren der anderen Lander gegen die äußeren gegnerischen Reihen stürmte, wollte Caron Malico schon recht geben. Irgendwie machte es ihnen der Oberhexer zu leicht. Dann sah er, was da einen so dichten Qualm produzierte. Die Bomber der Sinistra hatten aus Azotes Opfern einen Scheiterhaufen gemacht, auf dessen Anblick einen selbst die ausgefeilteste Trainingssimulation nicht ausreichend vorbereiten konnte: ein Ring aus brennenden Leichen. Der Gestank raubte einem den Atem. Zwischen der flirrenden Luft und dem okkulten Abwehrschirm dahinter zeichnete sich eine Reihe ungeordneter Kämpfer mit Gewehren im Anschlag ab. Sie gehörten zur verfluchten Scorpio Seguridad. Noch bevor Caron seinem Grimm weiter Nahrung geben konnte, eröffneten sie das Feuer.
Caron und Mantro befahlen fast gleichzeitig »Scimitare, Armschilde!« in den offenen Kanal. Wie all die anderen Säbelkämpfer der Sinistra stoppte Caron, ging in die Hocke und ließ den Schild aus der Unterarmmanschette schnellen. Keine Sekunde zu spät.
Pfiffen die ersten Energiesalven aus dem schwarzen Rauch noch über ihre Köpfe hinweg, waren die nächsten tiefer angesetzt und zischten gegen die Schilde.
Aber nicht alle Scimitare waren in die Knie gegangen. Die zweite Hälfte stand noch. Zusammen mit der ersten Hälfte und ihren Armschilden bildete sie die perfekte Deckung für die nachrückenden Stormgunner und Soldaten mit schwerem Gerät. Die Gunner lehnten sich auch gleich auf die Schultern der stehenden Scimitare und erwiderten die gegnerischen Salven, wie in zig Trainingsstunden eingebläut, durch Lücken zwischen den Schildreihen.
Die zahlenmäßig deutlich unterlegenen Verteidiger hatten keine Chance. Wie viele der Sinistra-Gunner durch ihre Gewehre fielen, konnte Caron nicht sagen, aber groß war ihre Verlustquote bestimmt nicht. Die Männer und Frauen vor dem Schild wurden regelrecht in Stücke geschossen. Das, was von den Verteidigern zwischen die verbrannten Opfer sackte, hob sich kaum noch von ihnen ab. Die Schüsse verklangen. Nicht weit von Caron entfernt donnerte ein Hochenergieball über die Flammen gegen den Schild, doch die Ladung verglomm ergebnislos. Er erkannte Venlok, der seinen Werfer wieder senkte.
Nun glitten die Brillen der Scimitare aus den Helmen. In geschlossenen Reihen sprangen sie durch Feuer und Rauch, und dahinter wurde der Blick frei auf eine unendlich erscheinende Masse aus DMKs. Um sie herum war der Blockadestaub bloß geringfügig neutralisiert, denn offenbar hatte längst nicht alles Gegenmittel der Bomber den okkulten Schild durchdrungen. So zeichnete sich in der Helmansicht eine gewaltige, nebulös gelbliche Sphäre ab. Weiter hinten konnte man einen Transporter erkennen, auf dem sich ein geflügelter Schemen erhob. Das musste der Dämon sein, den die Sinistra heute zurück in die Hölle schicken würde. Und Azote, Kessler und ihre treuesten Vasallen, die sich dort in Sicherheit wiegten, würden sich ihm gleich anschließen.
Da die riesigen Automatons nicht nach draußen schießen konnten, blieben ihre Waffenarme eingeklappt und sie selber eine Armee aus starren Blechsoldaten. Malico schluckte und auch Caron empfand dieses stille Abwarten in gewisser Weise als gespenstisch.
»Hier Hyperion-General Mantro an Hüter«, klang es aus Carons Helm. »Damit wir die folgenden Wellen absetzen können, müssen Sie die ersten beiden jetzt rasch unter den Schild führen.«
»Die Bomber haben durchgegeben, dass am nördlichen Ende genug Platz für die dritte Welle ist«, warf irgendwer dazwischen.
»Gut, gebt der Vindicta die Order, ihre Lander dort runterzubringen.«
Eins der Bataillonsschiffe steuerte über den robotergefüllten Platz.
Caron streckte den DMKs seinen aktivierten Säbel entgegen, brüllte: »Für die Wahrheit, für den Dynasten!«, und rannte los. Ob Stormgunner, Schwerbewaffneter oder Munitionsautomaton, alle folgten ihm. Unter der Führung der Scimitare brandete die erste Welle gegen den Schild der Okkulten.
Caron fühlte den unsichtbaren Widerstand in seinem Weg wie damals bei Cranes Kommandolager. Heute musste er sich aber nicht aus eigener Kraft hindurchpressen, diesmal übernahm das der Pulk aus erfahrenen Sinistras hinter ihm. Selbst als Säbel und Schild auf der anderen Seite herauskamen, zeigten die DMKs keine Regung. Zwischen ihnen standen allerdings weitere Kämpfer mit Gewehren und Okkulte, die mit den Armen gestikulierten.
Kaum waren die ersten Scimitare ganz durch, schossen violette Funken aus den Fingern der Robenträger. Die Getroffenen blieben wie angewurzelt stehen.
»Erste Welle! Wir brauchen ganz dringend die Stormgunner hinter dem Schirm!« Bei diesen Worten pflückte Caron eine aktivierte Granate vom Gürtel. »Jeder, der durch den Schirm kommt, zündet sofort einen Aufklärer.«
Rot blinkend landete die Granate über den Köpfen der Robenträger, ließ sie panisch die Flucht ergreifen, sorgte aber mit einem satten Puffgeräusch lediglich dafür, dass der Blockadestaub aus der Luft gebrannt wurde. Andere Scimitare folgten dem Beispiel und die Sicht klärte sich so weit, dass die Visierbrillen wieder mit 95 Prozent Effizienzrate funktionierten.
Caron fragte in den Zugkanal nach Jayds Position.
»Links hinter dir, Hüter«, kam ihre Stimme aus dem Helm. Sie stand in der Tat fast direkt neben ihm. Wenn sie sich Sorgen um ihren Vater oder eine direkte Konfrontation mit ihm machte, verbarg sie es hinter einem hochdisziplinierten Verhalten. Caron hingegen lachte jetzt auf, hob Schild und Säbel und lief den Roboterreihen entgegen. Diese rührten sich jedoch nicht einmal, als Jayds Schüsse gegen ihre Reflektorschicht knallten.
Caron stellte sich darauf ein, spätestens auf Gegenwehr zu stoßen, wenn er sich in Reichweite ihrer Arme befand. Doch auch dann geschah nichts. Nur die Hexer zwischen ihnen betäubten mit ihrem violetten Lichtregen einen Scimitar nach dem anderen. Dazu gaben ihnen die Scorpio-Seguridad-Schweine Feuerschutz.
Auf Carons Armschild schlugen ein paar Treffer Funken, Jayd erledigte den Schützen, dann blieben sie vor dem ersten DMK stehen. Prompt wäre Caron das Opfer eines heranstürmenden Hexers geworden, wenn Malico nicht abgetaucht wäre und Jayd nicht ihren braunen Sinistramantel zwischen ihn und die magischen Funken gebracht hätte.
»Danke, Jayd. Ich war einen Moment ...«
In der gleichen Sekunde schoss ein Arm zwischen den Automatons hervor, der Caron packen wollte. Malico stach zu. Ein Gurgeln, und der Arm verschwand wieder.
»Wir sollten wirklich nicht weiter reingehen«, merkte Jayd an.
Und Malico stimmte zu. »Das sehe ich ganz genauso. Der Dämon verhält sich immer noch auffallend ruhig.«
Die restlichen Scimitare waren weniger zurückhaltend. Obwohl mittlerweile Dutzende von ihnen bloß noch herumstanden, keinen Finger mehr rühren konnten oder schon in die Knie gesackt waren, warfen sich die meisten so lange zwischen den magischen Funkenstürmen hin und her, bis sie auf die scheinbar wehrlosen DMKs einschlagen konnten.
»Diese Blechbüchsen sind so gut wie Schrott«, kommentierte einer.
»Ein Kinderspiel. Sollten die nicht angeblich so gefährlich sein?«, ein anderer. Man hörte sogar spöttisches Lachen.
»54-03-01 meldet eine offensichtliche Fehlfunktion der DMKs. Die Dinger rühren sich nicht.«
»Hier Hyperion-General Mantro an die Scimitare der ersten beiden Wellen. Macht so viele wie möglich unschädlich, bevor Kessler sie doch noch zum Laufen bringt.«
Als die ersten Stormgunner schließlich durch den Schild drangen, brach die Hölle los. Ein horizontaler Laserregen prasselte auf die DMKs ein und Carons Trupp war nun auch der Gefahr ausgesetzt, von hinten getroffen zu werden.
»Auf mein Wort, Scimitare! Ihr habt Mantro gehört«, gab Caron an alle durch. »Wir gehen weiter rein und schnappen uns Azote und Kessler, solange wir noch können. Die Stormgunner sollen uns Deckung geben. Für euch hat die Armfuchtlerbrut oberste Priorität. Die schweren Waffen vernichten so viele DMKs, wie sie können. Sobald ihr auf Waffenradius an den Dämon heran seid, nehmt ihr ihn mit der speziell beschichteten Munition aus den Rocketspittern unter Feuer. An alle: Vámonos!«
Venlok, der mittlerweile zusammen mit Navaja aufgeschlossen hatte, lachte: »Endlich eine klare Marschrichtung.« Damit sandte er einen Donnerblitz mitten unter die fliehenden Okkulten. Sie wurden gegen die DMKs geschleudert und blieben zwischen ihnen wie weggeworfenes Spielzeug hängen. Sein nächster Schuss ging sogar Richtung Azote, was mit einem noch verächtlicheren Lachen einherging. Allerdings verlor sich der grelle Blitzball irgendwo an der Innenseite des magischen Schilds. Jayd schüttelte den Kopf.
Gemeinsam drangen sie weiter vor. Caron und Malico begannen zu laufen. Hinter, vor und neben ihnen strömten die anderen Sinistras durch die DMK-Reihen und versuchten, ein Maximum an Schaden anzurichten, was aber meist in einem simplen Umstürzen der Automatons endete. Die umstehenden Roboter taten nichts, außer ihren fallenden Kameraden auszuweichen.
Caron und Malico arbeiteten effektiver. Sie duckten sich neben den Kampfrobotern und stießen ihnen ihre Säbel bei jeder sich bietenden Gelegenheit in die Achsel. Daraufhin blieben die Metallhünen zwar stehen, aber ihre Videosensoren erloschen.
Jayd, Venlok und Navaja schossen auf alles, was sich den Scimitaren in den Weg stellen wollte. Die Scorpio Seguridad versuchte ihrerseits, die Hexer zu schützen, verlor aber zunehmend an Boden. Sobald die Träger schwerer Waffen anfingen, die DMKs massiv unter Feuer zu nehmen, brüllte der Dämon auf. Zusammen mit den Zirkelmeistern um Azote schleuderte er den großen Kalibern kombinierte Absorbierzauber entgegen. Metall traf auf Metall, Laserenergie auf Stoff und Fleisch, Blitzladungen auf endoplasmatische Energie. Auf dem großen Platz herrschte eine Geruchskombination aus Fleischgaranlage und Schweberkonstruktionsstraße. Dazu gellten Schreie, unterbrochen von Salven und energetischen Entladungen, dann folgten noch lautere Schreie.
»Dritte Welle abgesetzt.«
»Vierte auch«, tönte es kurz hintereinander aus Carons Helm.
Mantro befahl: »Die leeren Lander sollen mit den Notlöschern diesen Flammenring beseitigen. Sobald die Wellen drei und vier unter dem Schirm sind, wird fünf runtergebracht.«
Bis jetzt lief alles wie geplant. Weder Funk noch Visierbrillen hatten Ausfälle, aber es würde bald sehr voll hier unten sein.
Caron rammte einem weiteren DMK den Säbel in die kaum zu erreichende Stelle im Achselgelenk. Jayd und die übrigen Gunner schalteten einen Hexer nach dem anderen aus. Jetzt, wo die dritte Welle ohne Widerstand vor dem Schirm nachrücken konnte, zogen sich die Kuttenträger immer schneller immer weiter ins Zentrum des Platzes zurück. Praktisch keiner von ihnen konnte seine dunkle Magie noch ungestört gegen die einbrechenden Sinistra-Kräfte einsetzen.
Aus diesem Grund kam die erste Welle Scimitare dem Schiff, das Kessler, dem Dämon, Azote und seinen Vasallen als Bühne diente, jetzt von allen Seiten schnell näher.
Stormgunner und schwere Waffen zogen nach. Immer öfter flog etwas aus Venloks Donnerwerfer zum Dämon, aber mehr als einen blumigen Fluch hatte es nicht zur Folge, denn der innerste Ring des Skorpionzirkels brachte sein Lichtprojektil zum Erlöschen.
Als sich der Kreis um Azote und Kessler so eng geschlossen hatte, dass Caron bereits ihre Gesichter erkennen konnte, sah er den narbigen Hexer lächeln.
Zwischen den DMKs tat sich auf einmal etwas, und jetzt war es nicht nur Venlok, der in den offenen Kanal schimpfte. Das hier entwickelte sich nicht gut.
»Achtung, Tormenta. Sehen Sie das? Die DMKs wachen auf. Informieren Sie Welle vier und fünf, dass sie mit massiver Gegenwehr zu rechnen haben.«
»Verstanden, Generalguardián«, antwortete Mantro und gab die Meldung an ihren Nachschub weiter.
»Jayd! Pass auf!«
Der Automaton neben Jayd wollte nach ihr schlagen. Aus dem Stand vollführte sie einen Überschlag von ihm weg und die Faust des Roboters krachte gegen den Arm seines Nebenmannes. Der blieb bis auf eine Ausgleichbewegung starr. Der erwachte Droide funkelte böse mit den Visorezeptoren und holte nochmal aus.
Caron bewegte sich zur Seite, lauerte auf eine Möglichkeit zum Zustoßen. Malico hingegen tauchte unter einem Hieb mit dem Armschild – der ihm fast den Kopf abgetrennt hätte – weg, und Navaja schoss dem Gegner auf kurzer Distanz im Scharfschützenmodus ins Metallgesicht. Der Kampfdroide wankte, seine Gesichtsplatte glühte, aber er blieb funktionstüchtig. Als er den Waffenarm hob, um Navaja zu erschießen, jagte Caron ihm den Säbel von unten in die Achsellücke.
Es knarzte, die Videosensoren erloschen, der DMK fror in der Bewegung ein.
»Schwarze Pisse, wir haben hier kaum Platz«, entfuhr es Venlok, der aus Angst, jemanden mit dem Werfer zu verletzen, nach hinten ausgewichen war.
Caron sah sich um. Was den Sinistras zu schaffen machte, erschwerte die Situation auch für die gigantischen DMKs, die sich nun immer zahlreicher an der Schlacht beteiligten. Faktisch gesehen hatten sie den Kampf sogar völlig übernommen, denn die Kutten scharten sich mittlerweile alle um ihre Führer und deren Schiff.
Überall sonst herrschte das reinste Chaos. Scimitare hieben auf DMKs ein, wurden gepackt und herumgeschleudert. Daraufhin versuchten die Stormgunner verbissen, Kesslers Schöpfungen zusammenzuschießen, ohne ihre Kameraden zu verletzen. Und die schweren Waffen deckten das Zentrum des Platzes mit einem beständigen Energiegewitter ein. Doch der Dämon und seine Helfer fingen alles mit Leichtigkeit ab.
Auch die Jägerstaffeln der Sinistra griffen nun ein. Sie pumpten Salve um Salve auf den magischen Schutzschild. Aber der wollte einfach nicht schwächer werden.
»Fünfte Welle abgesetzt«, dröhnte es aus dem Helmfunk, in dem jetzt Meldungen und Unterstützungsersuche wild durcheinander tönten. Das hatte Saxon damit gemeint, als er gesagt hatte, ihre zahlenmäßige Stärke könnte sich auch zur größten Schwäche wandeln. Noch nie vorher hatten so viele Sinistras auf so engem Raum kämpfen müssen.
»Egal, was die DMKs treiben: Wir werden dem Skorpionzirkel jetzt so schnell wie möglich die Köpfe abtrennen«, wies Caron die anderen an. »Azote, Kessler und dieser Dämon sind unsere Ziele. Kommt mit!« Venlok nickte energisch und Caron wollte sich gerade wieder nach vorn werfen, da umklammerte Malico seinen Armschild.
»Nein!«
»Was hast du?«
»Ich weiß jetzt, wieso dieser Dämon die Sinistra nicht schon längst in Asche verwandelt hat. Wir müssen uns ganz genau überlegen, was wir machen. Und ich hoffe, meine Frequenzverschlüsselung ist wirklich so gut, wie ich denke.«
»Weshalb ...?« Weiter kam Caron nicht, dann sah er, dass der Dämon die Arme anhob. Ein Geräusch wie von einem übergroßen Korken, der sich aus einem Flaschenhals löste, dröhnte über das Areal und der okkulte Abwehrschirm war plötzlich doppelt oder gar dreimal so groß wie vorher. Er umfasste nun nicht nur die umliegenden Blöcke, sondern auch alle Sinistraschiffe in der Luft.
»Caron! Befiehl der Flotte, auf den Dämon zu feuern. Jetzt können wir sie allemachen.« Venloks Stimme überschlug sich beinahe. Er wollte den Werfer in die Schulterhalterung klinken.
»Und sie sollen sich beeilen«, bekräftigte Malico. »Das hier ist eine Falle.«
Auch Caron spürte, dass etwas nicht stimmte, aber bevor er die Order an Mantro weitergeben konnte, stampfte ein DMK auf sie zu. Jayd und Navaja beharkten ihn mit Lichtsalven.
Während die beiden Scimitare hinter ihren Gunnern in die Hocke gingen, instruierte Caron die Flotte: »Alle Schiffe eröffnen unverzüglich das Feuer auf das Platzzentrum. Die anderen Kutten sind egal. Verbrennt Azote zu Asche.« Dann schrie er über das Gewehrfeuer hinweg: »Was für eine Falle?«
»Die Zahlen!«, antwortete Malico.
»Welche Zahlen?«
»Die Anzahl der Prämienhunde, die verschwunden sind.«
»Was ist damit?«
»Das können doch nie und nimmer 25 000 sein. Man bräuchte Jahre, um so viele zu rekrutieren. So lange existieren die DMKs noch gar nicht und so was wäre der Hochvertrauensunion bestimmt irgendwann aufgefallen.«
Caron traf die Erkenntnis wie ein Schlag: Die meisten der DMKs hatten sich nicht geregt, weil sie noch unbeseelt waren. Ihre Körper waren die Hüllen für ...
Viele der Schiffe hatten ihre Geschütze erfolgreich ausgerichtet, scheiterten aber an einem zweiten Schirm, den die Hexergruppe um Kesslers Transporter errichtet hatte.
Der Dämon nahm die Arme wieder herunter und begann zu gestikulieren. Dazu zuckten die Fänge und Tentakel in seinem Gesicht arhythmisch hin und her. Azote und Kessler berührten ihn und gestikulierten ihrerseits mit ihren freien Armen.
Auf einmal übertrug der Helmfunk drei Stimmen in fremder, gutturaler Sprache.
»Funk abschalten! Geräuschisolierer an oder wir sind alle verloren!«, brüllte Caron in den offenen Kanal, um den eigenen Befehl sogleich selbst umzusetzen. Doch statt der erhofften Stille dröhnten die drei Stimmen weiter durch Carons Kopf.
Erst wurde ihm schlecht, gleich darauf schwindelig.
»Die Verschlüsselung ...«, lallte er.
Malicos Gesicht verlor jedes bisschen Farbe.
Venlok presste die Lippen zusammen, sein Werfer krachte zu Boden. Unvermittelt trudelten die Jäger-Gleiter vor der grauen Wolkendecke hin und her. Einige prallten vor Gebäude, andere vor die unsichtbare Barriere. Nur die großen Bataillonsschiffe hingen ganz still in der Luft.
»Hüter? Welle eins? Hören Sie das?«, kam es von ganz weit weg. »Äschert das Zentrum des Platzes ...« Die drei Stimmen waren so viel verlockender, so viel mächtiger. Caron hatte den Säbel fallen gelassen, wollte nach seiner Pistole greifen, verlor sie aber gleich wieder.
Wie ein paar der anderen Sinistras riss sich auch Navaja den Helm vom Kopf. Es half nichts. Verstärkt durch die Münder der DMKs, drangen die Stimmen an jedes Ohr.
Um Caron drehte sich alles. Für einen Sekundenbruchteil hatte er das seltsame Gefühl, er würde von oben auf sich herabblicken. Venlok und Malico hatte es von den Füßen gehauen. Navaja stolperte gegen den nächsten DMK. Zu schwach, sich noch festzuhalten, glitt er an dessen Panzerung hinab.
Dann krachte etwas gegen Carons Helm und nach einem heißen Schmerz im Nacken erlosch sein Bewusstsein.
—
Hatten den Dynasten noch Stolz und Zuversicht erfüllt, als seine erste Kommunikationsoffizierin übermittelte, dass die Sinistra in der Hauptstadt eingetroffen war, so hockte er jetzt kraftlos auf dem Boden. Er starrte auf seine Holosäule im Inneren Zentrum und konnte die Bilder vom großen Platz kaum begreifen – auch, wenn sie dort immer und immer wiederholt wurden. Es hatte noch nicht mal eine richtige Schlacht stattgefunden, kein heroischer Kampf bis zum Letzten. Seine loyalen Kämpfer waren einfach unter der dunklen Magie Azotes und der seines Dämons zusammengebrochen. Wie nichts.
Danach hatte sich Azote von seinem unheiligen Helfer über den Platz fliegen lassen und unter ihrer Führung war die DMK-Armee einfach über die toten Sinistras hinweggetrampelt. Die wenigen Munitionsautomatons, die sich noch hatten wehren können, waren von ihren übermächtigen Gegnern praktisch zu Metallspänen zerrissen worden. Ganz am Schluss hatte Kessler, einem König gleich, sein Schiff bestiegen und die Szenerie verlassen.
»Wo ist mein Hüter? Warum hat Caron das geschehen lassen?«, waren die ersten zusammenhängenden Sätze, die der Dynast, neben seinem Hovertischchen hockend, herausbrachte. Das Geschrei, die Bitten um Unterstützung oder Anweisung aus dem Hauptquartier und die Bilder des Chaos aus den anderen Administrationen zogen unwahrgenommen an ihm vorüber. Von einem der Terminals des dritten Rings löste sich sein Zweitgeborener und ging neben ihm in die Knie.
»Wir wissen nicht, was mit Caron geschehen ist.« Sitos Stimme klang beinahe zärtlich. Sein kalter Blick strafte diesen Klang jedoch Lügen. »Der Stab ist sich allerdings darüber einig, dass es vorbei ist.«
»Vorbei?«, wiederholte der Dynast.
»Der Dynastensitz ist gefallen.«
Nun projizierte ein Commodore die Übertragung seiner Helmkamera mit Hochprioritätsfreigabe riesengroß in die Holosäule. Den Helm hatte er abgenommen und sich vors Gesicht gehalten. Seine Lippe war geschwollen und aus seinem Mundwinkel lief Blut. Er musste der Sinistra-Leibgarde angehören, die den Dynastensitz nie verließ. »Die DMKs sind ins Centro Dinastía eingedrungen. Ich wiederhole: Okkulte Streitkräfte haben das Tor zum Zentrum gesprengt.«
Das Bild verwischte und verwackelte. Als der Helm wieder auf dem Kopf des Soldaten saß, konnte man die feuergelben Augen der DMKs und Mündungsfeuer zwischen Rauch und Trümmern hindurchblitzen sehen. Die Sinistragewehre brachten die Reflektorschicht ihrer Armschilde zum Glühen, und wenn einer der Verteidiger einen kritischen Treffer im Gesicht landete, brach sogar vereinzelt ein Droide zusammen, trotzdem stampfte ihre Masse unbarmherzig weiter durch die Überreste des Haupttors.
Das letzte Abwehrgefecht der Dynastenleibgarde war lang und hart. Gang um Gang mussten die DMKs sich ihren Weg ins unterste Stockwerk erkämpfen, aber letztendlich blieben sie siegreich. Noch schneller kamen sie voran, als Azote an ihrer Seite auftauchte. Der Hexenmeister konnte überaus grausam sein, was das Benutzen seiner Kräfte anging. Gemeinsam mit seinen Metallmonstern schlachtete er die Elitegarde einen nach dem anderen ab. Sobald ein Abschnitt erobert war, ließ Azote die Toten von seinen in Kutten gehüllten Handlangern abtransportierten. Der Dynast konnte und wollte sich gar nicht vorstellen, was man mit ihnen anstellen würde.
Irgendwann trat Sito in die Holosäule und befahl: »Hier spricht Sito, neuer Hüter des Dynastensitzes. Sinistras! Euer Eid verlangt, dass ihr euren Herrscher bis zum letzten Blutstropfen schützt. Weicht bis zum Inneren Zentrum der Macht zurück und zieht dort eure letzte Verteidigungslinie. Für die Wahrheit, für den Dynasten, bis in den Tod!«
»Verstanden, Hüter.«
Da die Order direkt aus dem Inneren Zentrum selber kam, zog niemand sie in Zweifel. Einige Sinistras hielten ihre aussichtslose Stellung, um dem Gros der letzten Überlebenden die Möglichkeit zu verschaffen, Sitos Befehl zu erfüllen. Sie starben im Laserfeuer und Granatregen, während ihre Kameraden durch die Gänge bis in den Warteraum hetzten, der vor Monaten den Schauplatz für Carons und Sitos letztes Treffen dargestellt hatte. Jetzt war er Pufferzone zwischen der Kommandozentrale und dem Würgegriff des Feindes. In aller Eile besserte man sich dort gegenseitig die verkohlten und mürbe gewordenen Rüstungsplatten aus und versorgte die schlimmsten Verletzungen notdürftig. Dann gingen die Soldaten hinter dem Brunnen und bei den Seitenwänden in Stellung.
Ein paar Augenblicke herrschte Totenstille, bis man langsam aber stetig ein rhythmisches Stampfen vernehmen konnte. Erst dumpf und leise, schließlich laut und eindringlich. Die DMKs hatten den Gang vor dem Schott erreicht.
Die Sinistras griffen ihre Gewehre und Pistolen fester, ihre Gesichter wirkten wie aus Stein gemeißelt. Sie wussten, was ihnen bevorstand: Jeden Moment würde das Schott mit Hexerei oder Waffengewalt zerstört werden und das letzte Gefecht ihnen allen einen grausamen, aber ehrenvollen Tod bescheren.
Doch bevor das geschehen konnte, aktivierte Sito mit einem Fingerzeig ein großes gelbes Feld in der Holosäule und rief damit Notfallroutine 211 auf. Aus Wänden und Decke des Vorraums schoben sich Selbstschusskanonen. Selbst denjenigen, die noch schnell genug waren, ihre Armschilde aufzufalten, half es nichts. Die grellen Energiegeschosse schlugen durch Panzerung und Helme, als wären sie nicht vorhanden. Die Leibgarde des Dynasten starb zuckend und schreiend zwischen zerkochtem Wasser und zertrümmerten Brunnenteilen. Dann zog sich die Holosäule zusammen.
Der Herrscher selber sah aus weit aufgerissenen Augen, wie sein Sohn beide Türen des Warteraums, die zum Gang und die zum Inneren Zentrum der Macht, öffnete. Hindurch drückten sich als Erstes zwei DMKs mit gestreckten Waffenarmen.
»Gesichert«, meldete der Erste aus dem Lautsprecherfeld.
»Gesichert«, meldete danach auch der Zweite.
Azote betrat den Raum und schlug seine Kapuze zurück. In einer dunklen Robe, die aussah, als hätte man sie erst heute für ihn gewoben, schritt er über einen weiteren Teppich aus Leichen. Weder seine schrecklichen Narben noch die Trümmer des Brunnens oder das Wasser, das ihm aus den Resten desselben entgegenspritzte, zerstörten seine über alles erhabene Ausstrahlung.
Mit vier DMKs als Begleitung betrat er den nächsten Raum, die nunmehr dunkle Hauptwirkungsstelle des Dynasten.
Sito schritt auf den Hexenmeister zu und fiel vor ihm auf die Knie. »Ich bin Sito, zweiter Sohn des Dynasten und werde euch ein wertvoller Diener sein.«
Azote verzögerte seine Schritte, schenkte Sito einen beiläufigen Blick und sagte zum Automaton rechts hinter ihm: »0040! Töte den Verräter. Schmerzhaft.«
Der Schuss des DMKs durchschlug Sitos Bauch fauchend, bevor dieser etwas erwidern oder auch nur zur Seite schnellen konnte.
Während der Dynast nach hinten wich, sah er geschockt von seinem sich im Todeskampf windenden Sohn zu seinem Widersacher. Eine Wand im Rücken beendete den sinnlosen Fluchtversuch. Azote richtete sich vor ihm auf.
»Viva Verdad!«, rief der Dynast ihm mit fester Stimme entgegen. Azotes Lippenwülste verzogen sich. Sein verunstaltetes Gesicht verwandelte sich einmal mehr in das eines Mannes, dessen Lächeln eine gewisse Ironie anhaftete. »Mit der Wahrheit hatte dies alles wenig zu tun.«
Das Letzte, was der Dynast sah, war Azote, wie er mit glühenden Fingerspitzen nach seinem Gesicht griff. Danach erlosch das Licht um ihn herum.
Für immer.
—
Als Caron erwachte, schaute er direkt in Jayd Kesslers Gesicht. Sie hatte die Hände um seine Wangen geschlossen. Wie so oft in den letzten Tagen erreichte ihr Lächeln ihre Augen kaum.
»Ich sagte doch, dass ich dich mit allem beschützen werde, das ich in die Waagschale werfen kann.« Obwohl er offenbar keinen Helm mehr trug, klang ihre Stimme seltsam hohl in seinen benebelten Ohren und sein Kopf schmerzte dermaßen, dass er meinte, den Rest seines Körpers nicht mehr spüren zu können. Überflog dort eine Gruppe Medictransporter ihren Standpunkt?
»Wo sind wir? Was ist mit Venlok, Malico und Navaja geschehen?«
Jetzt drehte Jayd Carons Kopf vorsichtig und einige an einer Dachkante liegende Sinistra-Scharfschützen kamen ins Sichtfeld. Sie sahen allerdings nicht so aus, als würden sie die Gegend sichern, sondern eher so, als würden sie neben oder auf ihren Gewehren schlafen. Weiter hinten stand ein verwaister Lander. Zwischen ihm und den Scharfschützen lagen noch einige Scimitare, so als wären sie mitten im Lauf auf den rettenden Lander zu gestolpert und nicht mehr aufgestanden.
Jayd küsste Carons Stirn, aber er spürte es nicht.
»Ich konnte nichts für sie tun. Es ist geschehen.«
»Wie meinst du das?«
Als sie ihm vom Boden hochhalf, bemerkte Caron wieder, wie stark Jayd sein musste. Ihre Umarmungen waren jedenfalls sehr viel sanfter ausgefallen. Erschrocken sah er in die blicklosen Gesichter der Scharfschützen, seine Beine wollten unter ihm nachgeben und Jayd packte wieder zu.
»Sind sie ...?«
»Das Leben hat sie verlassen«, nickte Jayd.
Als Caron jenseits der toten Soldaten über die Dachkante blickte, sackte er unweigerlich in die Knie, ohne dass Jayd etwas dagegen ausrichten konnte. Die Bataillonsschiffe und ihre Jäger waren verschwunden, der Ring aus Feuer erloschen. Dafür rauchte es aus mehreren schwarzen Kraterlöchern in den umliegenden Fassaden und zusätzliche Feuersbrünste tosten über Trentagon-Capitols Skyline. Der große Platz unter ihnen war mit Körpern übersät. Zusammengebrochen, wo sie gestanden hatten, konnte man zwischen den Braununiformierten keine Asphaltplatte mehr erkennen. Nicht die geringste Spur von Azotes Zirkeln, dem Dämon oder den DMKs.
»Unsere Compañeros liegen irgendwo da unten, nicht wahr?«
»Als ich dich in den Lander gezerrt hatte, standen sie bereits nicht mehr auf den Füßen.«
In diesem Moment hätte Caron nur zu gerne auf seine verhasste Visierbrille zurückgegriffen. Wenn er wenigstens Venloks Gesicht identifizieren könnte. Oder Malicos. So war das Leben eines Soldaten. Man konnte sich nicht verabschieden. Freunde verschwanden einfach. Selbst der Baum Navaja: alle unwiederbringlich gefangen in den Körpern der DMKs. Was mochte mit seinem Vater geschehen sein? Und was mit Sito und Daikin?
»Aber wir sind bestimmt nicht die einzigen Sinistras, die das überstanden haben.«
»Doch.«
»Wie kannst du dir da so sicher sein? Und warum liegen wir nicht auch da unten?«
»Weil ich über den einzig funktionierenden Geräuschisolierer verfüge und dir habe ich ein Gerät an den Helm geknallt, das diese Funktion übernommen hat, bevor ich dich betäubte.«
Carons Kopf schmerzte immer noch, sein Blick trübte sich wieder. »Aber wir waren doch vorbereitet. Mit Malicos geändertem Funkcode hätten wir Azote und seine Ausgeburt der Lüge überrumpeln müssen.«
Nun fixierte Jayd einen Punkt jenseits des Daches. »Ich habe meinem Vater Malicos Verschlüsselung von der Defäkaliereinheit der Tormenta aus übermittelt. Nachdem alle Störer entfernt worden waren, konnte ich meinen Datenbewahrer dafür benutzen.«
Schwankte das Dach oder verlor Caron wieder das Bewusstsein? »Du hast was getan?«
»Ich trug dafür Sorge, dass Trentagon einen Herrscher bekommt, der es wirkungsvoll vor den übermächtigen Heerscharen im Norden beschützen kann.«
Sein Vater hatte recht behalten, was Jayd betraf ... In Caron brach alles zusammen, woran er je geglaubt hatte. »Ich habe dich geliebt, habe dich vor jeder Anfeindung beschützt«, sagte er tonlos. »Doch du ... Du hast mir etwas vorgespielt, warst die ganze Zeit nichts anderes als eine Spionin für deinen Vater. Ich bin dir von Anfang an vollkommen egal gewesen. Du hast mich benutzt, um Trentagon zu verraten!« Die letzten Worte schrie er fast.
»Das war kein Verrat. Dein Vater hat dieses Land verraten, indem er uns immer nur in die Irre geführt hat. Sogar der Oberste Militäradministrator hat das erkannt. Mein Vater hat bloß sein Recht auf den Dynastensitz geltend gemacht und dein Vater war zu schwach, sich dagegen zu wehren. Das ist der Weg der Dynasten.«
»Aber dafür habt ihr euch mit dem Feind verbünden müssen!«
»Aus deinem Mund sprechen die starren Ansichten einer überholten Generation. Azote ist genauso ein Gegner des Nordens, wie wir es sind. Darüber hinaus hat er uns mit der Vereinigung von DMKs und Sinistra alle Mittel gegeben, die Dunkelheit aufzuhalten.«
»Vereinigung ...?« Durch Carons Adern strömte pures Adrenalin, alle Schwäche fiel von ihm ab. Während er aufstand und sich von dem schrecklichen Anblick zu seinen Füßen abwandte, zog er den Säbel aus der Rückenscheide. In einer schnellen Bewegung brachte er die Klinge zum Brummen und schlug nach Jayd. Dabei brüllte er: »Azote ist die Dunkelheit!«
Ihre hoch entwickelten Reflexe brachten Jayd mit einem Rückwärtssprung genau neben einem der toten Scimitare in die Hocke.
»Caron! Bitte! Nicht! Verstehst du denn nicht? Ich hätte dich genauso gut da unten deinem Schicksal überlassen können. Was meinst du, warum ich das nicht getan habe?«
»Das ist mir egal. Du hast mich manipuliert, seit wir uns kennen ...«
»Am Anfang ja, aber später haben sich meine Gefühle in echte Liebe verwandelt.«
»Du kannst nicht lieben. Du bist ein Klon.« Seine Stimme troff vor lauter Ekel. Seine Säbelspitze zeigte genau auf ihr Gesicht.
»Bitte, tu das nicht. Verurteile mich nicht wie die anderen engstirnigen Dummköpfe. So bist du nicht.«
»Was weißt du schon über mich?«
»Alles.«
Er schnaubte verächtlich. »Ich war so dumm, dir zu vertrauen. Wider jede Vernunft.«
»Urteile nicht zu hart. Ja, ich hatte den Auftrag, dich zu schützen, dich von Spur zu Spur bis zu diesem Moment zu leiten, damit du die gesamte Sinistra unter deiner Führung an einem Punkt vereinigst. Etwas, das es noch nie vorher gegeben hat. Aber dabei ist noch etwas passiert, das vorher noch nie geschehen ist. Das erste Mal ist jemand in mein Leben getreten, der mich so akzeptiert, wie ich bin, der keine Anforderungen an mich stellt: du. Und was ich für dich empfinde, war nie gespielt. Deswegen habe ich dich gerettet. Damit wir beide zusammen sein können. Es wird die einzige Belohnung sein, die ich von meinem Vater für meine Dienste fordern werde.«
Gegen Ende war sie immer schneller geworden, Carons Blick immer finsterer.
»All die Unschuldigen, unsere Freunde und Kameraden: Du und dein sauberer Vater, ihr habt sie alle ermordet!« Mit erhobener Waffe sprang er vor.
Jayd bekam den Säbel aus der Rückenscheide des toten Scimitars neben sich in die Hand und brachte ihn gerade noch zwischen sich und Carons Angriffsschlag. Da ihre Klinge nicht aktiviert war, wurde sie in tausend Splitter zerschmettert.
»Venlok!«, schrie Caron.
Jayd brachte sich mit einem Rückwärtssalto in Sicherheit. »Opfer verlangt der Krieg im Norden auch. Und wegen deines Vaters sind es jeden Tag viel zu viele. Verstehst du denn nicht? Um den Krieg aufzuhalten, hatten wir keine andere Wahl.«
Caron war mit zwei Schritten bei ihr. »Malico!«
Der Name zerschnitt die Stille auf dem Dach wie sein Hieb die Luft über Jayds Kopf. Sie hatte sich fallen lassen, rollte sich neben den nächsten toten Scimitar und entriss dessen schlaffen Fingern den Säbel. Mit dem wohlbekannten bösen Brummen erwachte er zum Leben.
Caron stach nach Jayds Unterleib, doch sie rollte sich weg. »Navaja!«, brüllte er ihr hinterher.
Mit pantherartiger Gewandtheit federte Jayd in die Hocke. Er wusste, dass sie sich auch ganz leicht einen Blaster hätte greifen können, aber das war ihm gleich. Dafür, was sie getan hatte, musste sie sterben. Er hieb ein weiteres Mal von oben auf sie ein. »Capitan Adamanto!«
Sie hielt dagegen, ließ seinen Säbel an der Klingenseite herabgleiten und der verkantete sich im Fänger überm Heft. So sehr Caron auch zog, er bekam den Säbel nicht los. Also versuchte er, sie mit aller Macht nach unten zu drücken.
»Caron«, beschwor sie ihn. »Lass uns den Aufstieg Trentagons als Verteidiger der freien Welt gemeinsam erleben.«
»Niemals!«
»Was willst du denn tun, nachdem du hier runter bist? Einfach losziehen und Azote und meinen Vater umbringen?«
Sie senkte die Arme keinen Millimeter. Hatte Jayd sich in ihrem ersten Übungsduelo offenbar zurückgehalten, bekam er jetzt ihre volle Stärke zu spüren. Er konnte nicht verhindern, dass sie ihn nach oben drückte, bis beide wieder aufrecht waren.
Dabei redete sie weiter auf ihn ein: »Du unterschätzt seine Macht, wenn du meinst, du könntest gegen Azote bestehen. Niemand kann das. Selbst mein Vater nicht. Kannst du dich daran erinnern, dass er dir gesagt hat, du würdest diesen Stein in der Interrogationskammer erst bekommen, wenn du ihm einen wichtigen Dienst leistest? Ja, ich weiß davon. Schau dich um! Du hast genau das getan, was du tun solltest. Was glaubst du denn, wie lange der Meister aller Magier schon ein Auge auf dich geworfen hat?«
Caron verweigerte eine Antwort, biss die Zähne zusammen und versuchte erneut, seine Klinge freizuzerren.
»Seit du ein kleiner Junge warst, hat er diesen Moment geplant. Und du würdest staunen, wer ihm dabei alles zur Seite gestanden hat. Meister Govan hat dich nicht allein aus eigenem Antrieb ermutigt, technischen Hilfsmitteln abzuschwören und dich den tapferen Zielen der Sinistra zu verschreiben.«
Carons Wut wuchs mit jedem Wort. Er wünschte sich, tot zu sein, wenn er nur Jayd, Bellow Kessler und diese Schlange Azote mit sich nehmen könnte. Schließlich explodierte sein Zorn in einem Kniestoß gegen Jayds Bauchpanzer. »Martill!«
Sie drehte sich und fing sein Knie mit ihrer Hüfte ab, aber dadurch hatte Caron den Säbel freibekommen. »Ich flehe dich an. Ich möchte dich nicht verlieren und nur ich kann dich vor Azotes Macht schützen. Mit meines Vaters Hilfe. Nimm meine Hand und lass uns zusammen von diesem Dach gehen.«
In einem hatte Felis recht gehabt: Jayd war unerfahren in ihren Gefühlen. Und er wusste, wie blind sie im Zwischenmenschlichen war. Oder wollte sie nicht erkennen, dass Azote ihn niemals am Leben lassen würde? Caron holte aus. Eigentlich hatte er Jayds Hand abschlagen wollen, doch sie blockte und er steigerte sich in einen wahren Hagel von Hieben hinein.
Auch wenn sie ihm angezüchtete Stärke und Geschicklichkeit entgegensetzte, hatte Jayd Carons Technik, wie schon bei ihrem Übungsduelo, wenig entgegenzusetzen. Er jagte sie in einem Funkengewitter praktisch über das gesamte Dach, konnte sie aber weder in die Enge noch über die Dachkante treiben, sie auch nicht dazu bringen, über einen der Toten zu stolpern. Sie kämpften, bis seine Arme nur noch aus Anstrengung und Schmerz zu bestehen schienen, und irgendwann ließen ihre Reflexe tatsächlich nach. Caron mobilisierte noch einmal jedes bisschen Kraft, spulte alle ihm bekannten Bewegungsmuster ab. Und über das Zischen und Blitzen des aufeinanderschlagenden Induktionsmetalls klang immer und immer wieder der Name, der ihn allein noch aufrecht hielt: »Felis! Felis! Felis!«
Da rief ihm Jayd entgegen: »Warte! Felis lebt!«
Es waren die einzigen Worte, die Caron tatsächlich innehalten ließen, auch wenn er befürchtete, dass nur eine weitere von Azotes wohlplatzierten Lügen aus Jayds Mund kam.
»Sag mir einen Grund, warum ich dir das glauben sollte!«
In einer müden Abwehrgeste hob Jayd einen Arm. »Als mein Vater sie beim Einbruch in einen DMK transferieren wollte, hat Felis sich die Trommelfelle mit ihren Handschuhkrallen durchstoßen. Sie wurde gefangen genommen und Azote verfügte, dass sie bis auf Weiteres im Fundament des Residenzturms eingesperrt blieb. Er wollte ein Druckmittel gegen dich behalten. Jetzt braucht er sie nicht mehr. Wir sollten sie befreien, bevor er sie opfern lässt.« Die Hand, die Caron gerade noch auf Abstand halten sollte, streckte sich ihm nun abermals einladend entgegen.
Seine Miene verlor den verbissenen Ausdruck. Er ergriff die Hand in einer Art versöhnlicher Geste oder tat zumindest so. Dann stieß er den Säbel ansatzlos zwischen Jayds Brustpanzersegmente.
Erstaunen und Qual ließen ihre Augen groß werden. Ihr Säbel schepperte auf den Boden, Carons vibrierte gegen ihre Panzerung. Aus Jayds Mund drang ein Keuchen, das viel zu hoch für ihre tiefe Stimme klang. Dann rutschte sie, beide Arme vom Körper gestreckt, unter einem scheußlichen Geräusch über die Klinge in eine letzte Umarmung.
»Ich liebe dich ...« Auf ihren Lippen standen Blutbläschen. Sie raffte noch einmal jedes bisschen an weichender Stärke zusammen, um Caron zu küssen ... aber er stieß sie von sich.
Sie glitt von der Klinge und sackte zu Boden.
Eine Weile lag Jayd still und zusammengekrümmt. Bloß ihre Finger schlossen und öffneten sich langsam. Caron wollte nicht zu ihr, konnte sie aber auch nicht alleine sterben lassen.
Irgendwann registrierte er ihren letzten Atemzug durch einen Tränenschleier hindurch. Er wischte sich durchs Gesicht, bevor er müde, steif und taub für alle Gefühle dieser Welt aufstand. Den Säbel wegsteckend, ging er langsam zur toten Tochter von Bellow Kessler. Etwas von ihrem Blut füllte er in ein Probenröhrchen seines Gürtels. Danach lief er in den Lander und flog davon.
Epilog
Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Der Datenbewahrer war ihr mit der Rüstung abgenommen worden und Fenster gab es hier keine. Deswegen konnte sie weder die ungefähre Uhrzeit bestimmen, noch sagen, wie viele Tage ihre Gefangenschaft schon andauerte. Felis Lagun schlief, wenn sie müde war und aß, sobald sie hungrig wurde. Vorausgesetzt, es lag etwas in der Transferlade neben der Stahltür, die den Weg nach draußen versperrte.
Dieser Raum war eine Zelle. So viel war klar. Er verfügte über ein Schlafbord, das sich in die Wand fahren ließ, eine Defäkaliereinheit mit Deckel und zahlreiche Möglichkeiten, jemanden zu fixieren. Ihr Wachpersonal bestand offensichtlich aus einem einzigen Menschen, der sie ab und an durch den Sehschlitz in der großen Tür beobachtete. Ach ja. Da waren auch noch die Malträtierautomatons.
Als Felis probiert hatte, an der Wandöffnung des Schlafbords herumzumanipulieren, war ihr nicht nur klar geworden, dass dies ein sinnloses Unterfangen darstellte, sie hatte auch auf schmerzhafte Weise erfahren müssen, dass sich wohl irgendwo Überwachungskameras verbargen. Denn gleich nach dieser verunglückten Aktion waren drei exotisch ausgestattete Maschinenmenschen in die Zelle gekommen und hatten sie mit Schmerzüberlastern, Neuropharmaka und den altbewährten Elektroschocks bis zur Bewusstlosigkeit gefoltert. Vielleicht war das Ganze auch ein Verhör gewesen. Aber da Felis seit dem Vorfall in Kesslers Residenzturm nichts mehr hörte, konnte sie nicht sagen, ob die Maschinenmenschen den Versuch unternommen hatten, mit ihr zu sprechen. Alles, was sie wusste, war, dass ihr kleiner Finger seitdem zwei gefühllose Stellen hatte und dass irgendwer dafür bezahlen würde, sobald sie sich befreit hatte.
Seitdem beobachtete sie alles ganz genau.
Als Erstes wollte sie herausfinden, wo sich dieses kleine Drecksloch mit der übergroßen Tür befand. Es konnte irgendwo in den Außenbezirken von Trentagon sein. Oder auch in den Bergen. Allerdings vermutete Felis stark, dass sie noch in Kesslers Industrieanlagen steckte, hatte aber bisher keinen Beweis für ihre These.
Wenn sie nicht ihre Flucht plante, grübelte sie darüber nach, wie es ihren Compañeros ergangen sein mochte, und verfluchte sich innerlich. Wäre sie nur nicht so verdammt unvorsichtig gewesen. Aber die Aussicht darauf, Jayd Kessler durch eine Überführung ihres Vaters vor Caron und Adamanto bloßzustellen, war zu verlockend gewesen ...
Caron Salvador. Hoffentlich ging es ihm gut. Ob Jayd ihn in der Zwischenzeit enttäuscht hatte, wie Felis seit ihrer ersten Begegnung vermutete? Von der war nichts Gutes zu erwarten. Bellow Kesslers Tochter haftete eine seltsame, unechte Ausstrahlung an.
Plötzlich schien irgendetwas anders. Zunächst wusste Felis nicht zu bestimmen, was ...
Heute hatte man sie sitzend ans Schlafbord gekettet und sie spürte, wie die Metallpritsche leichte Vibrationen in ihre Fingerspitzen übertrug.
Wenige Herzschläge später öffnete sich das verhasste Guckloch in dieser verhassten Metalltür. Erst flackerte etwas orange, wurde danach aber abgedeckt. Für eine Schrecksekunde dachte Felis, es wäre wieder der gefühllose Vidsensor eines Folterdroiden oder das mysteriöse menschliche Auge, aber schließlich glühte dort etwas Gelbes auf, das sie nur zu gut kannte.
Das Panzerglas im Guckloch zerbarst. Zusammen mit Scherben und Metallsplittern wurde ein gelbes Maschinenauge in die Zelle gesprengt. Felis war so überrascht, dass sie sich nicht rührte. Die nächsten Vibrationen des Schlafboards spürte sie sogar durch den braunen Overall. Die Tür wurde aus der Zarge gerissen und donnerte auf den Boden. Teile eines Automaton-Körpers stürzten hinterher. Der zerschossene Kopf eines DMKs kullerte vor Felis´ Füße.
Im Türloch zeichnete sich der Umriss eines Sinistras mit Donnerwerfer im Anschlag und Säbel in der Rückenscheide ab.
Es war Caron! Felis hielt den Atem an.
Er tippte irgendetwas in den Schlossmechanismus, die Alarmleuchten im Gang erloschen und er stürmte in die Zelle. Erst ließ er den Werfer aufs Schlafboard fallen, dann zückte er seinen Säbel und zerschnitt Felis´ Ketten. Bei der anschließenden Umarmung blieb ihr die Luft weg. Und obwohl Carons Kuss alle Grenzen von Freundschaft überschritt, ließ Felis ihn geschehen. Mehr noch: Sie erwiderte ihn voller Leidenschaft.
Schlagartig drängte sich ihr ein Gedanke auf, bei dem sie seine Arme schnell wegdrückte.
»Jayd?«, fragte sie unbeholfen und wusste weder, wie laut sie gewesen war, noch ob sie den Namen ihrer Widersacherin richtig ausgesprochen hatte.
Caron redete auf sie ein. Sie konnte nur hilflos mit den Schultern zucken. Darauf nahm er einen Finger hoch und löste das über der Scimitar-Scheide festgeklippte Backpack. Neben ein paar leichten Rüstungsteilen kam ein metallener Ring mit zwei Kappen, die wie Schirmchen aussahen, zum Vorschein. Schließlich bedeutete Caron Felis, die Mähne auf die Seite zu nehmen, und setzte ihr den Ring so auf den Kopf, dass die Schirmchen sich genau über ihre Ohren stülpten. Der Ring zog sich stramm, Felis fühlte ein kaltes Ziehen in den Gehörgängen und verstand danach wieder jedes Wort.
»Jayd hat uns verraten. Ihretwegen habe ich die Sinistra in eine Falle geführt und Azote und Kessler haben sie alle in DMKs gesperrt.«
»Geführt? Die gesamte Sinistra? Malico, Venlok, Navaja und der Capitan? Sag mir nicht, sie sind ...«
Caron nickte traurig. »Hier! Leg die Rüstung an und ich erzähle dir alles.«
Während Felis sich in die mitgebrachten Teile warf, berichtete Caron, was sich seit ihrem nächtlichen Einbruch bis hin zur Katastrophe auf dem Großen Platz zugetragen hatte. Zwischenfragen stellte Felis keine, bekam nur immer größere Augen.
Als er geendet hatte, war sie gerade dabei, ihre Brust- und Rückensegmente festzuzurren, und meinte: »Damit hätte ich nie gerechnet. Es ist, als ob ich aus dem einen Alptraum erwache, nur um gleich im nächsten, schlimmeren zu landen. Können wir denn gar nichts tun? Schließlich bist du tatsächlich der Prinz von Trentagon.«
»Nicht mehr. Mein Vater und meine beiden Brüder sind tot, der Oberste Militäradministrator übergelaufen und die übrigen Administrativen werden sich auf den neuen Dynasten einschwören. Die Skorpionzirkel zwingen das Land gerade unter ihre Herrschaft. Und damit sind sie so beschäftigt, dass es mir sogar ohne große Schwierigkeiten gelungen ist, hier runter zu kommen. Ich glaube, Azote und Kessler haben dich schlichtweg vergessen.«
»Woher wusstest du, wo ich zu finden bin? Und wie bist du der Magie dieses Dämons überhaupt entkommen?«
»Die Antwort auf beide Fragen lautet: Jayd. Sie war es, die mich gerettet und mir erzählt hat, wo Azote dich versteckt hält. Und letztendlich hat sie auch dafür gesorgt, dass ich Einlass in den Residenzturm bekam. Oder zumindest ... ihr Blut.«
»Ist sie ... Ich meine ... hast du sie ...?«
»Mein Herz schlägt nicht mehr für Jayd und ich habe dafür gesorgt, dass ihres auch nie wieder für mich schlagen kann.« Er reichte Felis seine Pistole. »Aber jetzt komm. Wenn wir uns beeilen, gelingt es uns vielleicht noch, ungesehen zu entwischen.«
»Was sollen wir jetzt tun?«
»Ich werde mich nach Wuanco durchschlagen und Trentagons Fall entweder vor den Kontinentalrat bringen oder im Exil eine Widerstandsbewegung aufbauen. Vermutlich beides. Aber egal, was kommt, ich werde Kessler, Azote und seinen Schwarzblutpissern das Leben schwer machen. Und ich würde mir wünschen, dass wir das zusammen durchziehen. Du und ich, Felis. Seite an Seite. Die beiden letzten Aracas.«
Felis schaute Caron an. In seinem Blick entdeckte sie einen Schimmer von Capitan Adamanto. Unter anderen Umständen hätte sie gelächelt. So küsste sie ihn auf die Wange, lud die Waffe durch und erwiderte: »Seite an Seite. So sei es. Vámonos!«
Tom Daut

Aus der Zeit vor Tom Daut gibt es wenig zu berichten. Nur, dass ich Fantastik schon seit meiner Kindheit liebe und mich das normale Arbeitsleben trotz zwei Ausbildungen lediglich so lange binden konnte, bis das Schreiben den größten Teil meiner Freizeit in Anspruch nahm. Als Konsequenz warf ich meinem Chef die Brocken vor die Füße, wie man bei uns im Sauerland so sagt.
Empfangen wurde Tom Daut dann als Idee am Anfang des Sommers 2011. Aus Zorn geboren, dem Vater gegenüber voller Bewunderung, von der Mutter verstoßen, erblickte er im August 2011 mit 42 Jahren das Licht der Welt. Die folgenden zwei Jahre nutzte er ein berühmtes soziales Netzwerk und das Veranstalten sog. Hörbuch-live-Lesungen auf Cons, Kleinkunstbühnen und Kneipen, um die Fantastikszene auf sich aufmerksam zu machen.
Mittlerweile ist Tom ein fester Bestandteil meines Lebens. Dank ihm, dem ehemaligen facebook-Projekt »Die Sinistra« und einer Reihe von Kurzgeschichtenveröffentlichungen fühle ich mich in der Familie deutscher Fantastikautoren pudelwohl.
Let´s read!
Weitere Infos zum Autor auch auf seiner Website: http://tomdaut.webs.com
In Verbundenheit
Dieses Buch ist den 714 Lesern, Unterstützern und Fans gewidmet, die der SINISTRA ihr Vertrauen durch ein »Gefällt mir« ausgesprochen haben, noch bevor sie überhaupt fertiggeschrieben war, die mich mit ihren Rückmeldungen über zwei Jahre lang motiviert haben durchzuhalten, auch wenn es schwierig wurde.
Ein besonders dickes Dankeschön geht an meine Partnerin in crime, life and literature: Heike Schrapper. Mit ihrer Zeit, Arbeit und Hingabe hat sie dafür gesorgt, dass dieser Roman in der Form entstehen konnte, in der er jetzt vorliegt.
Sie war es, die mich ernährt hat, mir ein Dach über dem Kopf gewährte und die auf unseren Lesetouren die vielen, vielen Kilometer unter unsere Reifen brachte, damit ich die Idee der SINISTRA durchs Land tragen konnte.
Besonders verdient hat sich auch Rune Baßmann gemacht, indem er dem alten E-Book ein so bedienerfreundliches Inhaltsverzeichnis mit Kapitelanwahl verpasst hat, sowie die Fehlerjäger Isabella Landgraf, Wolfgang Dillenburger und Yoann Kehler.
Und nicht zuletzt möchte ich Verlegerin Andrea Wölk für ihre Unterstützung in meinem ersten Jahr als veröffentlichter Autor und Verleger Schemajah Schuppmann für sein spontanes Vertrauen in meine Arbeit danken.
Ich verneige mich vor euch allen ...
Weitere Titel aus dem Papierverzierer Verlag
Dark Edition:
Phoenix - Tochter der Asche
Phoenix - Erbe des Feuers
Weg Ins Nichts (Rojan Dizon 1)
Der letzte Aufstand (Rojan Dizon 3)
Stuttgart 21 - Isabelle
Stuttgart 21 - Jennie
Schwarzes Blut - Mortalitas
Schwarzes Blut - Munditia
Flüstern der Toten
Die Sinistra (Anno Salvatio 423)
Sunnie und Polli im Land der Monate
Das geheime Leben des Nachtfalters
Fabrick
Zombies weinen nicht
Empire State
Vermillion
Deadlands - Ghostwalkers
Junge Fantasie:
Vampi - Die kleine Vampirfledermaus
Der kleine Troll und der Weihnachtsstern