Henning Sußebach

Deutschland ab vom Wege

Eine Reise durch das Hinterland

Ihr Verlagsname

Verlagslogo

Über dieses Buch

Der «Zeit»-Reporter Henning Sußebach zeichnet ein großes, glänzend geschriebenes Porträt unseres Landes.

6,2 Prozent Deutschlands sind asphaltiert und betoniert. Sußebach sucht das Abenteuer – und betritt den Rest: Er verlässt die Straßen und die Städte und durchwandert das deutsche Hinterland, vom Darßer Leuchtturm bis auf den Gipfel der Zugspitze. Seine Wanderung führt ihn in Gegenden, die wir kaum kennen, obwohl sie vor unserer Haustür liegen, und zu Menschen, die das Land bewirtschaften, aber von Städtern kaum wahrgenommen werden; Maisbauern und Hippies, AfD-Wähler und Schlachter. Und gerade hier, im Hinterland, reift die beunruhigende Erkenntnis: Die gesellschaftliche Spaltung verläuft nicht allein zwischen Armen und Reichen, sondern vor allem zwischen Stadt und Land. Den Atomausstieg oder Sanktionen gegen Russland kann man in der Stadt richtig oder falsch finden, auf dem Land können diese Entscheidungen einen den Job kosten. Doch diese existenziellen Nöte – sie werden in der Stadt kaum erkannt.

Henning Sußebach erzählt mit großer literarischer Kraft von seiner Reise, auf der er die Straßen verließ und in lauter Leben trat.

Über Henning Sußebach

Henning Sußebach, geboren 1972, ist Redakteur der «Zeit». Seine Arbeit wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem dem Egon-Erwin-Kisch-Preis, dem Theodor-Wolff-Preis, dem Henri-Nannen-Preis und dem Deutschen Reporterpreis. Bekannt ist der Autor vor allem für seine Reportagen aus dem deutschen Alltag.

Für Nicole, Marie und Henri,

die mich gehen ließen

I Der Norden

An einem Morgen im August, an dem die Nachrichtensprecher das Land vor Sturm und Regen warnten, ging ich los. Ihre Radiostimmen hatten beleidigt geklungen, als ich sie beim Bäcker zum letzten Mal hörte; ein Tiefdruckgebiet war dabei, den Sommer über der Ostsee zu zermalmen. In den Straßen von Prerow, Mecklenburg-Vorpommern, lag Urlaubsstille. Nur ein paar Männer liefen durch den Ort, unterwegs zum Brötchenholen. Es war acht Uhr früh und der Boden taunass; ich bog ab in ein Küstenwäldchen. Als ich den Dünenkamm überblicken konnte, war der Strand leer, das Meer vom Wind schraffiert, über mir ein Himmel voll zerzauster Wolken.

Ein bisschen meteorologische Melodramatik – ich fand das ganz passend, damals.

Seit einem Jahr war der Tag im Kalender vermerkt. D-Wanderung stand da, als handele es sich um etwas Alltägliches wie einen Zahnarzttermin, einen Elternabend, einen Geburtstag in der Verwandtschaft. Doch die darauffolgenden Felder waren frei, für Tage, Wochen, Monate. Immer schneller war das Datum näher gerückt, plötzlich hatte ich ein letztes Mal im eigenen Bett geschlafen, ein letztes Mal zu Hause geduscht, ein letztes Mal die Zeitung aus dem Briefkasten geholt, ein letztes Mal die Nachbarn in ihren Autos zur Arbeit fahren sehen, ein letztes Mal vier Teller vom Tisch geräumt. Ich hatte den Führerschein aus meinem Portemonnaie genommen, den ADAC-Mitgliedsausweis, die Flugmeilenkarte, Kundenkarten von Cafés, Kaufhäusern und Wäschereien, all die in Plastik gepressten Daseinsnachweise eines Normalbürgers. Mitten im Sommer hatte ich eine Mütze in den Rucksack gedrückt und war an die Ostsee gefahren. Ich würde lange weg sein.

Vielleicht bemerkten die wenigen Urlauber, die sich im Laufe des Tages atmungsaktiv verpackt aus Hotels und Pensionen wagten, am Strand einen Mann, der in Richtung Süden ging und etwas zu dick angezogen war. Für einen Tagesausflug hatte er zu viel Gepäck dabei, seine Haare waren auf Vorrat geschnitten. Aber das konnte nur ich wissen, der ich froh war, mich nicht durch Hitze an tausend Halbnackten vorbeiwinden zu müssen. Der aufkommende Sturm war mir dabei Kumpan: Ich lehnte mich gegen den Wind und gegen das Gewicht des Rucksacks. Gesenkten Blickes sah ich meine Stiefel wie zwei fremde, braunhäutige Wesen im Wechsel über den Sand wischen. Für unbestimmte Zeit sollte dies mein Blick auf die Welt sein. Nicht gerahmt von einer Windschutzscheibe, nicht begrenzt durch einen Bildschirm.

Das Küstengetöse aus Baumrauschen und Wellenbrechen umgab mich wie ein Schutzwall. Und das war gut. Denn eine Frage wollte ich am ersten Tag nicht gestellt bekommen: «Wohin soll’s gehen?» Die Antwort erschien mir selbst irrsinnig: Ich werde einmal durch ganz Deutschland laufen, vom Meer bis in die Berge, von der Ostsee auf die Zugspitze. Und das, möglichst ohne Straßen zu benutzen, ohne Asphalt zu betreten.

 

Die Idee hatte im Wald auf mich gewartet, ein halbes Jahr zuvor. Es war Neujahr, ein glaskalter Wintertag. Äste und Zweige siebten das Sonnenlicht zu einem wirren Muster, unter meinen Schuhen brach gefrorenes Laub. Nach dem Mittagessen hatte ich mich ins Auto gesetzt und war an den Stadtrand gefahren; eine kleine Unternehmung zum Ende einer Schreibtischwoche und kurz vor dem Beginn einer nächsten.

Meine Frau, meine Kinder und ich; wir leben in einer Kleinstadt bei Hamburg. 30000 Einwohner, Kaufhaus, Tankstelle, Schulzentrum, Schwimmbad und das übliche Siedlungsgeschachtel aus Häusern, Hecken, Carports. Hinter der Bahnlinie, die unseren Wohnort mit Hamburg verbindet, liegt ein Moor. Eine rostige Brücke spannt sich über die Gleise, dahinter führt ein morscher Holzsteg durch eine Senke. Links und rechts Schilf und Gräser, die sich im Wasser spiegeln, einige Windungen, später dann Wald. An jenem Wintertag war das Schilf in Eis gefangen, leises Rascheln in trockenen Dolden. Ich hauchte Atemwölkchen in die Kälte, mir begegneten Herren und Hunde. Etwas in mir entschied, weiter als sonst zu laufen, mich dem Rhythmus der eigenen Schritte zu überlassen. Ich ging und ging, und irgendwann ließ mich das Gehen vergessen, dass ich ging.

Bis da diese Straße war.

Zweispurig zerschnitt sie den Wald, zerschnitt auch die Schritt für Schritt erlaufene Selbstvergessenheit. Auf solch einer Straße war ich bis zum Moor gefahren. Auf solchen Straßen war ich täglich unterwegs. Was störte mich jetzt daran?

Die Straße schien mir etwas zu sagen: So, hier ist Schluss. Dreh um und geh nach Hause, du Sonntagsspaziergänger.

Sonntagsspaziergang.

Das Wort hatte ich nie gemocht. Für ein Kind klingt es nach Langeweile. Einem Erwachsenen verrät es, dass sein Leben zu einer ewigen Wiederkehr von Werktagen und Wochenenden geworden ist, an denen in zweckmäßiger Unzweckmäßigkeit Fahrräder bestiegen, Badeseen besucht oder Wälder durchwandert werden – wobei nie gewiss ist, ob es eher darum geht, Abstand von der Arbeit zu gewinnen oder Nähe zur Natur zu finden. Einen fremden Kontinent würde ich so nicht mehr entdecken, sondern am nächsten Morgen wieder zur Arbeit fahren. In der Spur bleiben. Ein Ziel verfolgen. Nach vorne schauen statt zur Seite. Dafür war die Straße in diesem Augenblick Symbol.

Zu Hause ging ich ins Internet. Über Deutschland, las ich, liege ein dicht geknüpftes Straßennetz von 650000 Kilometern Länge. 13,6 Prozent des Landes sind als Siedlungs- und Verkehrsfläche kartiert: Straßen, Häuser, Parkplätze, Gärten, Garagen, Verkehrsinseln. Und 6,2 Prozent der Republik sind komplett versiegelt, zusammengenommen entspricht das der Größe von Rheinland-Pfalz. Überall stand, wie schlecht das ist. Wo betoniert und asphaltiert wird, kann Wasser nicht versickern, häufen sich Überschwemmungen und Erosion, stirbt Leben.

Mich schreckte eher etwas anderes. Ich bin ein Mann von Mitte vierzig, und wie so viele Menschen Mitte vierzig dachte ich, ich käme viel rum, hatte aber das betonierte Rheinland-Pfalz lange nicht mehr verlassen. Bürgersteige, Bahnhöfe, Bundesstraßen, Büros. Von Sonntagsspaziergängen abgesehen, spielt sich mein Leben auf toter Fläche ab, der Alltag ist asphaltiert, die Bewegungsabläufe sind begradigt, alle scheinbar individuell gewählten Wege deckungsgleich mit dem Verkehrsnetz. Wir sind eine hochmobile Gesellschaft, mehr und schneller unterwegs als jede Generation zuvor. Drei von vier Deutschen leben in Städten; ihre Wege werden deshalb nicht kürzer. Wir pendeln von Zentrum zu Zentrum, Hochgeschwindigkeitszüge halten Wochenendbeziehungen zusammen, Handys begleiten und beraten uns mit Staumeldern, Taxi-Apps und dem Verspätungsalarm der Bahn. Die am häufigsten verschickte Textnachricht der Jetztzeit lautet sicher: «Bin noch unterwegs.»

Aber wer «noch unterwegs» ist, ist nicht zwangsläufig in der Welt. Hessen kenne ich fast nur aus den Fenstern des ICE, Thüringen als düsteres Waldland hinter Leitplanken und den Frankenwald als Raststätte. Wann ich zuletzt mit einem Bauern geredet habe, kann ich nicht sagen.

Vermutlich geht es nicht anders in einer arbeitsteiligen, auf Effizienz getrimmten Gesellschaft. Wir spezialisieren uns, wir machen Termine, wir verschwenden keine Zeit. Bei Herzchirurgen macht das Sinn. Auch Piloten sollten routiniert sein. Ich aber bin Journalist bei der Wochenzeitung Die Zeit, und etwas beunruhigte mich: Ich bin kein Fachredakteur, kein Experte für Konjunkturfragen, Sicherheitspolitik oder angloamerikanische Literatur. Als Reporter habe ich die Aufgabe, rauszugehen, loszuziehen, Realität zutage zu fördern wie einen Rohstoff. Das ist der aufregendste Job, den ich mir denken kann. Jeden Monat mache ich etwas anderes. Mal interviewe ich Fußball-Nationalspieler, mal begleite ich aus Syrien vertriebene Dorfbewohner in ihr neues Leben in europäischen Städten, mal beobachte ich wochenlang einen aufstrebenden Politiker. Meine Arbeit hat mich nach Afrika, Asien, Amerika und Australien katapultiert. Langeweile kenne ich nicht. So sollte das auch sein in einem Beruf, dessen Kern die Neugier ist. Dessen größte Routine daraus besteht, Routinen zu brechen, Gewohnheiten zu hinterfragen und Perspektiven zu wechseln.

Nun fragte ich mich: Hat es etwas zu bedeuten, wenn sich auch ein Reporter fast nur auf jenen 6,2 Prozent des Landes bewegt, die besonders leicht zugänglich sind? «In München sein» heißt auch für mich: wie zig andere Geschäftsleute am Mietwagenschalter des Flughafens ein Auto abholen, eine Adresse ins Navigationssystem eintippen, dem Pfeil folgen, am Ziel einen Parkplatz suchen, in einer Parteizentrale, einer Fabrik, auf einem Trainingsplatz auf den Gesprächspartner warten, reden – und anschließend alles wieder zurück. Je wohlhabender und organisierter das Land ist, in dem ich unterwegs bin, desto geordneter verläuft eine Recherche. In Deutschland passiert selten etwas richtig Unverhofftes.

Habe ich keine auswärtigen Termine, ähnelt mein Alltag dem eines normalen Angestellten noch mehr: Dann geht es darum, morgens um 8.12 Uhr den Pendlerzug nach Hamburg zu erwischen, der um 8.25 Uhr im Hauptbahnhof einfährt, von wo aus ich fünfzehn Minuten ins Büro laufe, mich dort gegen 9 Uhr am Computer einlogge, und der Takt des Arbeitstages beginnt, Telefonieren, Konferieren, Produzieren, ehe ich mit Glück um 17.34 Uhr den Pendlerzug zurück erreiche, der immer von Gleis 5 abfährt und um 17.51 Uhr wieder in der Vorstadt ankommt – tut er das nicht, bricht im Waggon sofort hektisches Telefonieren aus, wird jede verlorene Minute gemeldet. So sehr sind wir Planmäßigkeit gewohnt. In aller Regel weiß ich, wann ich wo bin und wen ich dort treffe: Im Morgenzug die Nachbarn, mittags in der Kantine die Kollegen, im Abendzug wieder die Nachbarn. An Bürotagen gibt es zu fast jeder Zeit einen zugehörigen Ort, zu jedem Ort eine zugehörige Zeit und zu jeder Zeit und jedem Ort ein zugehöriges Tun und zugehöriges Personal, bei der Zeit zum Beispiel donnerstags um 11.45 Uhr im sechsten Stock eine Redaktionskonferenz – deren Beginn manchmal verschoben werden muss, weil der ICE von Berlin nach Hamburg liegengeblieben ist, die Weltlage aber erst dann besprochen werden kann, wenn jene Autoren eingetroffen sind, die Stunden ihres Lebens eingekapselt in einem Zug zwischen den beiden größten deutschen Städten verbringen.

In einem derart getakteten, spurtreuen Alltag schleifen sich auch Denkrillen ein. Wichtig wird, wovon im Zugabteil die Rede ist, was in der Reiselektüre geschrieben steht, worüber im Autoradio berichtet wird, was im Facebook-Profil passiert, während draußen das Land vorbeizieht. Dazu kommt, dass wir auch im Privatleben meist Freunde und Nachbarn mit ähnlichen Jobs, vergleichbaren Einkommen und verwandten Ansichten haben. So pendeln wir präzise getaktet zwischen Wohn- und Arbeitsort. Das Dazwischen überwinden wir so geradlinig wie möglich. Wir führen ein Leben, wie wir nicht Urlaub machen möchten: im Hop on hop off-Modus.

Wie klein und eng der Raum ist, den wir unsere Welt nennen! Was für ein Irrtum zu glauben, er dehne sich im Zeitalter der Mobilität und Globalisierung aus. Wir springen nur weiter und schneller von Punkt zu Punkt.

Ehrlich gesagt, weiß ich heute nicht mehr genau, was davon ich schon an der Straße im Wald an jenem Neujahrstag dachte. Damals hatte sich in den Vereinigten Staaten ein Präsidentschaftsbewerber namens Donald Trump in den Augen der politischen Klasse durch allerlei Unsinn und Hetze disqualifiziert. Niemand benutzte das Wort «postfaktisch». Kaum jemand sprach von «Abgehängten». Allenfalls Computernerds und Soziologen interessierten sich für filter bubbles, für Informationsblasen, die jeden von uns umhüllen. Als ich ein halbes Jahr später loslief, hatten die Briten dann für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt, und in den USA war Trump inzwischen zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner bestimmt worden, unterstützt vor allem von Männern und Frauen auf dem Land. Beim Aufbruch ahnte ich allenfalls vage, dass meine Wanderung und das Weltgeschehen etwas miteinander zu tun haben könnten. Zugleich war da noch ein spielerischer Grundgedanke, die reine Neugier, die mich trieb: Als Reporter wollte ich das Unbekannte kennenlernen, das Abseitige erkunden – zumal wenn das Abseitige so groß ist, dass man es genau genommen nicht abseitig nennen kann: fast das ganze Land!

So beschloss ich, in die Fläche zu gehen. Auf das Territorium zwischen den Linien und Punkten, auf denen wir uns bewegen. Meine Füße mit derselben Konsequenz, mit der ich bislang den betonierten Teil des Landes betreten hatte, auf frei gebliebenen Boden zu setzen. Auf die anderen – kann man wirklich sagen: die restlichen? – 93,8 Prozent. Auf Äcker statt Straßen, in Wälder statt Parkplatzwüsten.

Mir stand eine Expedition in eine naheliegende Ferne jenseits der Seitenstreifen bevor, auf einen unentdeckten Kontinent gleich nebenan. Auf einmal lag das eigentlich vertraute, von Geographen vermessene, von Satelliten fotografierte Land da wie eine terra incognita. Wäre es einfach oder schwierig, voranzukommen? Wie viele Straßen, Zäune und Gesetze würde ich überschreiten müssen? Wenn man der Langsame unter Schnellen ist: Läuft einem dann die Zeit weg – oder gibt es keine Eile mehr? Ist die Natur Freund oder Feind? Welchen Tieren begegnet man? Was für Menschen? Wird das Land da draußen gefährlicher sein als an U-Bahnhöfen, Tankstellen, Flughäfen? Was wird zwischen den vertrauten Punkten passieren?

Und: Führte mich mein Vorhaben von etwas weg – oder zu etwas hin?

Plötzlich waren da lauter Fragen, pausenlos, kaskadengleich. Werde ich, unterwegs in Wäldern und auf Feldern, politisch eher grün oder schwarz denken? Inwieweit wird das Land abseits der Straßen und jenseits der Städte mit dem Bild übereinstimmen, das wir als Zeitungsleser und Fernsehzuschauer von ihm haben? Aber auch: Wie werde ich an Wasser kommen? Wie an Nahrung? Und was, wenn ich krank werde?

So unwissend, so ausgeliefert, aber auch so fiebrig und erwartungsvoll hatte ich mich schon ewig nicht mehr gefühlt.

Tagelang saß ich über Karten gebeugt, sah den vertraut gekrümmten Umriss Deutschlands, suchte darin nach freiem Terrain, fand aber nur Zerstricheltes und Zerschnittenes und beschloss, vom Darßer Leuchtturm an der Ostsee bis zur Zugspitze zu gehen, von Mecklenburg nach Bayern. Nach geographischen Koordinaten eine Wanderung von Norden nach Süden, politisch betrachtet vom Osten in den Westen. Ein Weg, vier Himmelsrichtungen, knapp achthundert Kilometer Luftlinie und etwa tausend Kilometer über Land. Wobei «tausend Kilometer» nur eine Berechnung von Google war, die sich wieder auf Straßen bezog. Würde meine Route kürzer oder länger sein? Kein Computerprogramm, kein Navigationsgerät, kein Atlas wusste eine Antwort. Meteorologen können das Wetter vorhersagen, Biologen klonen Schafe, Weltraumforscher lassen Sonden auf fernen Planeten landen. Wie lange ein Mensch zu Fuß und querfeldein durch Deutschland braucht, weiß niemand. Würde ich vierzig, sechzig oder achtzig Tage laufen? Überhaupt ankommen? Bevor ich den ersten Schritt gesetzt hatte, hatte das Abenteuer begonnen.

 

Der erste Tag war stumpfes Gehen. Links der Strand, rechts das Meer, vor mir Ungewissheit, hinter mir ein Vorsatz, den ich bald gebrochen hatte: mich nicht allzu oft umzudrehen. Noch lange sah ich durch das Gischtweiß über dem Küstenstreifen den Leuchtturm, an dem ich losgelaufen war, erst backsteinrot, dann vergrauend. Brach die Sonne durch, folgte mir ein Schatten; ein Fremder mit Kapuzenkopf und Rucksackbuckel.

Regen hatte den Sand gefestigt, der Boden ließ die Schuhe federn wie zur Ermutigung. Ich trat auf Algenfäden, die an Magnetbänder aus Musikkassetten erinnerten. Am Horizont das Dreieckssegel eines Windsurfers. Noch ging ich durch touristisches Gebiet, auf dem Saum zwischen Zivilisation und Wildnis, wenn man einen Badestrand so nennen mag. An diesem Tag würde keine Straße stören, die Küstenlinie zeichnete den Weg vor, ein sandiger Korridor ins Wagnis. Das war mir recht. Ich kannte das Ufer aus früheren Sommern. Zugleich merkte ich, wie sehr mich mein Vorhaben schon am ersten Tag von Vertrautem entfremdete: Die wenigen Urlauber, denen ich begegnete, pendelten zwischen ihren Windburgen und dem Wasser, bewegten sich aus meiner Sicht quer zum Strand, ich lief nun längs. Vor jedem Schauer konnten sie jederzeit in ihre Autos oder Ferienhäuser fliehen, nummerierte Aufgänge führten durch die Dünen in eine Welt, zu der ich mir den Zutritt versagt hatte. Die Cafés, Minigolfplätze, Bademode-Boutiquen außer Sichtweite: All das ging mich nichts mehr an. Ich ging nicht schwimmen, zog nicht die Schuhe aus wie sonst und duckte mich unter Seebrücken hindurch. Die Dinge verloren die ihnen zugeschriebene Bedeutung. Ein Strand, Ort des Verweilens, diente jetzt dem Vorankommen.

Stur lief ich nach Süden, Ahrenshoop blieb ein Name auf der Landkarte, das Mittelalter-Spektakel im Ostseebad Dierhagen eine Buchstabenfolge auf einem welken Plakat. Sonderbar, was wenige Stunden des Laufens und das Wissen um eine selbstgewählte Sonderrolle mit mir machten. Als ich eine junge Strandverkäuferin um ein Käsesandwich bat, ließ sie mich warten, bis sie ein Foto der Wellen gemacht hatte, die sich an den Buhnen brachen. Die Frau, fast noch ein Mädchen, sagte «’tschuldigung, erstes Mal chier». Sie kam aus Bulgarien und sprach schleppendes, kehliges Deutsch. Obwohl wir nichts gemein hatten außer einer gewissen Verlorenheit, fühlte ich Komplizenschaft mit ihr. Als es Abend wurde, kalt und klamm, mochte ich dreißig Kilometer gelaufen sein. Auf einem Campingplatz in den Dünen schlug ich mein Zelt auf. Aus einem Sanitärhaus drangen Geschirrklappern und Duschrauschen. Nach dem Sonnenuntergang zogen einige Gäste in Gruppen in den nächsten Ort, in die geteerte Welt mit ihren Restaurants, Bars und Andenkenläden. Ich legte mich hin und wartete auf Schlaf.

 

Am nächsten Morgen verließ ich den Strand. Wäre ich weiter der Küste gefolgt, hätte ich irgendwann am Rostocker Hafen gestanden. Ich betrat einen moorigen Wald, dunkel und feucht, erfüllt vom Geruch faulen Laubes, gesättigt vom Regen des vergangenen Tages. Jägerhochsitze ragten aus dem Dickicht. Über den Pfaden flirrten weiße Schmetterlinge, unterwegs in ihrer eigenen Sphäre, nach menschlichen Maßstäben kniehoch. Dieser zweite Tag war eigentlich ein erster: Kein Ufer gab mehr die Richtung vor. Hier begann das Dazwischen, die Fläche zwischen den Punkten. Hier lief ich durch einen Tunnel aus Tönen, die nicht mehr menschengemacht waren. Tieralarme, ausgelöst von: mir. Manchmal schrie ein Vogel auf, manchmal raschelte ein flüchtendes Tier durchs Gebüsch. Manchmal erschrak ich, weil keines der Geräusche vorhersehbar war, dann wieder erheiterte mich meine Ahnungslosigkeit. Ich war hier Analphabet. Ich wusste nicht, ob sich im Gestrüpp vor meinen Füßen bloß eine Amsel verbarg oder eine Natter. Ich wusste an diesem Morgen nicht mal mehr, wo ich abends sein würde. Es gab kein Datum, an dem ich etwas erreicht haben müsste, keine Uhrzeit, zu der ich eine Verabredung einzuhalten hätte, kein Hotelzimmer, das ich vorab reserviert hatte. Es gab nur ein Ziel, unendlich und unkenntlich fern im Süden.

Irgendwann im Laufe des Tages aber würde ich aus dem Wald treten und an einer Straße stehen.

«Und was machst du dann!?»

Die Frage hatte jeder gestellt, dem ich von meiner Idee erzählt hatte. In der andauernden Wiederholung der immer gleichen Worte schwang oft ein triumphierender Tonfall mit. Ich verstieß gegen Gewohnheiten. Ich tat etwas Abwegiges. Ich war ab vom Wege. Das löste Aversionen aus.

Was also tun, wenn ich an eine Straße käme? Freunde, Nachbarn, Kollegen führten eine endlose Prinzipiendebatte mit mir, wochenlang wogte eine Diskussion, die – das begriff ich währenddessen – schon Teil des Experimentes war.

Jene meiner Bekannten, die im Alltag auf ein Auto angewiesen waren, wollten mir kompromisslos jedes Betreten von Asphalt, auch jedes Überqueren von Wegen verbieten. Nach ihren Maßstäben wäre die Reise an der ersten durchgehenden Küstenstraße beendet gewesen und mein Vorhaben als Spinnerei entlarvt. Ihre Strenge hatte ein Scheitern zum Ziel. Und gescheitert wäre ich: Einer wissenschaftlichen Analyse von Satellitenbildern zufolge gibt es weltweit nur noch 600000 unbebaute, unzerschnittene Gebiete, die mindestens einen Kilometer von der nächsten Straße entfernt liegen. In Deutschland so gut wie keines.

Die Umweltbewegten in meinem Freundeskreis wiederum, also jene, die sich selbst viel verboten – die einen Fleisch, andere Billigstrom, wieder andere den Einsatz von Schneckenkorn im Garten –, waren liberaler. Ihnen war an einem Gelingen gelegen; sie schlugen ein Guthaben von tausend freien Straßenüberquerungen zwischen Meer und Bergen vor.

Auch über Hilfsmittel wurde gesprochen. Einige Eingeweihte meinten, ich solle auf Stelzen über Straßen gehen. Oder mich tragen lassen. Oder im Baumarkt einige Meter Kunstrasen kaufen und als grünes Band über das graue Band der Straßen rollen.

Allen Vorschlägen war eines gemein: Immer ging es um einen Verhaltenskodex für das betonierte 6,2-Prozent-Gebiet, alles Denken und Diskutieren bezog sich noch auf die Straßen, die vorgegebenen Bahnen. Was ich im offenen 93,8-Prozent-Territorium erleben würde, wie ich mich dort verhalten sollte, leicht ver-rückt in der Landschaft stehend, davon war nie die Rede, dafür fehlte uns allen die Vorstellungskraft. Doch genau dort wollte ich hin. Dort wollte ich etwas sehen, nicht unbedingt gesehen werden. Auf Stelzen oder mit einer Teppichrolle hätte ich im Mittelpunkt gestanden, wie ein Performancekünstler, ein Öko-Aktivist, ein Ideologe. Ich wäre als wandelndes Ausrufezeichen unterwegs gewesen. Dabei war ich voller Fragen.

Als ich an meinem zweiten Tag an die erste Straße kam, an die mecklenburgische Landesstraße 22, die Graal-Müritz mit Ribnitz-Damgarten verbindet, als von beiden Seiten Familienvans, Handwerkerkombis und Wohnwagengespanne heranschossen, viele mit Tagfahrlicht, schnell wie Projektile, als der gesamte Küsten- und Urlaubsverkehr von links nach rechts und rechts nach links an mir vorbeirauschte, als ich im Seitengrün stand, lange auf eine Lücke wartete und schließlich den ersten Schritt tat, die Sohlen meiner Stiefel die Straße berührten, mochte das für Außenstehende unspektakulär sein – für mich jedoch nicht. So wie ich tags zuvor längs zum Strand gegangen war, den alle anderen unterwegs zum Wasser querten, querte ich jetzt die Straße, auf der sich alles längs bewegte. Mir war, als hätte jemand den Boden unter meinen Füßen um neunzig Grad gedreht. Oder als hätte ich entschieden, fortan quer im Bett zu schlafen. Ich würde Städte meiden und Straßen nur dort, wo es sich nicht verhindern ließ, rechtwinklig passieren, kurz aus dem Grün auftauchen und wieder darin verschwinden. Immer quer, niemals längs, das war mein Gesetz.

In den Vorgesprächen fühlte sich ein belesener Freund deshalb an den ersten Satz in Uwe Johnsons Roman Mutmassungen über Jakob erinnert, an einen der meistgedeuteten Sätze der deutschen Literatur: «Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen.»

Beim ersten Mal war selbst der kürzeste Weg fast zu lang. Von Westen kommend, rauschte ein silberner BMW, Kennzeichen RDG für Ribnitz-Damgarten, heran. Er war schneller, als ich dachte. Oder ich war langsamer, als er annahm. Den letzten Schritt machte ich im Sprung, kurz trafen sich unsere Blicke. Ich sah hinter spiegelnden Scheiben die Silhouette des Fahrers. Er sah einen Wanderer, auf dessen Rücken ein Rucksack wippte.

Ein Schreck, eine Sekundenschnittmenge, dann drifteten wir beide im rechten Winkel auseinander.

 

Es wurde kein schöner Tag, nicht nach klassisch romantischen Wandermotiven, wie ich sie aus den Sehnsuchtsmagazinen an den Bahnhofskiosken kannte. Zwischen Strandwelt und Binnenland zogen sich Verkehrsschneisen von West nach Ost, landkartenlogisch verliefen Straßen und Schienen parallel zur Küstenlinie. Auf die L 22 folgte die B 105, auf der Karte ein bundesstraßenroter Strich, der Lübeck mit Greifswald verband. Für mich war sie ein bebendes Stück Asphalt, von noch mehr Verkehr in Schwingung gebracht und gehalten. Lastwagen schoben Druckwellen vor sich her, grüßten mit Windstößen. Nach minutenlangem Zögern war ich auf der anderen Seite, kletterte nach zehn Metern Asphalt über eine Leitplanke, schlug mich durch einen Streifen Brombeersträucher und kam mir vor, als würde ich mich durch ein gestürztes Stück Schichtkuchen arbeiten, einen allerdings, der nicht aus einer Abfolge von Teig, Frucht und Sahne bestand, sondern aus Widerständen, aus Dornen und Gräben. Ich glaubte, es sei geschafft, da trat ich auf Schotter, sah über mir Oberleitungen und dann einen Bahndamm. Die zweigleisige Trasse zwischen Rostock und Stralsund, schnurgerade, für Schnellzüge gebaut. Einige Sekunden war ich «Person im Gleis», der die Knie zitterten und der Puls in den Ohren hämmerte. Die Amplitude der Emotionen schlug weiter aus, als ich das kannte, Furcht wechselte mit Euphorie wechselte mit Ermattung. Erst am Vortag war ich losgegangen – was und wer war ich seitdem alles gewesen? Sonderling am Strand, Eigenbrötler im Zelt, jetzt gehetzt wie ein Tier. Der, der ich ursprünglich war, war ich nur noch, wenn ich in mein Notizbuch schrieb. Als ich die Schienen geschafft hatte, hielt ich mich an meinem Bleistift fest wie an einem Pflock.

Vor meinem Aufbruch hatte ich Gespräche mit Fachleuten gemieden, ich wollte möglichst unvoreingenommen losgehen, meine Wahrnehmung nicht vorab einfärben lassen, weder von wissenschaftlichen Erkenntnissen noch von Spekulationen. Mit lediglich drei Experten hatte ich geredet, einer war Heinrich Reck, ein Biologe aus Kiel. Er erzählte, dass es in Deutschland inzwischen 124 Autos pro Quadratkilometer gebe, aber nur noch 0,5 Hirsche. Er sagte, bei Wölfen, Luchsen, Fischottern und Feldhasen liege die «Sterblichkeit durch Straßenverkehr» bei fünfzig Prozent, in Statistiken würden solche Tiere als «Fallwild» geführt. Ein ebenso großes, den Bürgern aber unbekanntes Problem sei eine «Verkammerung der Landschaft»: Überall engen Straßen, Kanäle und Zäune die Lebensräume ein. Es gebe schon Inzucht bei Rehen, weil die Reviere so klein geworden seien. Und in den Städten haben die Vögel damit begonnen, in der Nacht zu singen, in höheren Frequenzen als üblich, um das Verkehrsgetöse zu übertönen.

Was für ein Sog für uns Menschen hingegen vom Anblick einer Straße ausgeht, was für eine Logik auch. Straßen nehmen den Weg des geringsten Widerstandes, darin ähneln sie Wasser. Wo Widerstand ist, wird er abgetragen, fortgesprengt, überbaut. Sich auf einer Straße zu bewegen, liegt in der Natur des Menschen. Schon das basale Verb «bewegen» beruft sich auf den Weg. Hat ein Mensch in Wald und Wiese einen Pfad getreten, wird jeder der Spur des Vorgängers – noch so ein Wort – folgen. Denn jeder Weg ist Beleg für ein Durchkommen, er gibt eine Garantie, die über den Radius der eigenen Sinne hinausreicht. In solch einer Spur zu bleiben, ist: zwangsläufig.

Die Welt über Wege verfügbar zu machen, ist so elementar, wie ein Haus zu bauen oder eine Klinge zu schleifen. Anders als beim Gutenbergdruck, dem Ottomotor und der Kalaschnikow findet sich in der Menschheitsgeschichte nicht der erste, der einzige Straßen-Erfinder, dessen Name bis heute bekannt wäre. Nahe des pakistanischen Dorfes Harappa wurden Reste eines 4000 Jahre alten Straßennetzes aus der Bronzezeit freigelegt. Babylonier, Etrusker und Griechen bauten Straßen. Die Römer erschlossen ihr Reich durch Heer- und Handelswege, 100000 Kilometer lang. Straßen sind Machtmittel, seit jeher. Wer einen Krieg gewinnen will, baut eine Heerstraße oder überzieht ein ganzes Reich mit Autobahnen. Wer eine Wahl gewinnen möchte, verspricht eine Ortsumgehungsstraße. Diktatoren und Demokraten denken gleichermaßen in Straßen, Chausseen lenken und leiten die Massen, zugleich sind sie die letzten öffentlichen Räume in einer privatisierten Welt. Jede Revolution spielt sich auf einer Straße ab, ob auf der Place de la Bastille in Paris, dem Tahrir in Kairo oder dem Leipziger Ring. Und jede Privatstraße hat etwas Unanständiges.

Straßen geben Heimat und ermöglichen ein Fortkommen, garantieren Sicherheit und Freiheit, sind Orte des Aufbruchs und der Ankunft, jeder Roadmovie erzählt davon. Jedes Kind kann sagen, in welcher Straße es wohnt. Jeder Erwachsene begreift, worum es geht, wenn Cyndi Lauper I Drove all Night singt. In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden vierzig Prozent aller Heiratsanträge in den USA in einem Auto gemacht, die Hälfte aller Amerikaner hatte den ersten Sex auf der Rückbank, im Paradise by the Dashboard Light, im Licht des Armaturenbretts, so umschrieb es Meat Loaf. Auch der Fluchtweg aus dem Straßenalltag ist oft wieder eine Straße, eine Einkaufsstraße, eine Uferstraße oder eine Traumstraße: Broadway und Route 66, Highway No. 1, Ring of Kerry, Amalfitana. Es ist kein Widerspruch, dass eine enge Hamburger Gasse «Große Freiheit» heißt. Es gibt Passstraßen, Küstenstraßen und Romantische Straßen, Spielstraßen, Wohnstraßen und Waschstraßen, Straßencafés, Straßenkünstler und Straßenhändler, Straßenfeger, Straßenprostituierte und Straßenwahlkampf, Straßenschuhe, Straßenbekanntschaften und Straßenatlanten, die keinen Wald und keinen Berg mehr zeigen, sondern ein Muster aus Autobahnen, Bundesstraßen, Kreisstraßen und Landstraßen, uns so geläufig wie die Fliesenfugen im eigenen Bad. Wer kennt aus dem Verkehrsfunk nicht die vertrauten Namen nie gesehener Orte, Breitscheid und Biebelried, Kirchheim-Teck und Kreuz Lotte, Metropolen eines Verkehrsnetzes, das wie eine zweite Wirklichkeit über dem Land liegt.

Der Biologe aus Kiel benutzte längst den Begriff des Anthropozän, die Definition eines neuen Erdzeitalters, der zufolge nicht mehr Warm- oder Kaltzeiten den Planeten prägen, sondern vor allem der Mensch. Er berichtete, dass er inzwischen Wildbrücken über Autobahnen baue, begeistert sprach er von einem «Bundesfernstraßennetz für Tiere», bei dem es mit ein paar bepflanzten Übergängen nicht getan sei. Er müsse jeder Tierart mit Biotopen den Weg dorthin weisen, «wie von Kneipe zu Kneipe», Kröten beispielsweise mit einem Tümpel alle fünfzig Meter. Der Mensch hat die Erde derart nach seinen Bedürfnissen geformt, dass auch Verwilderung nur mehr mit menschlichen Mitteln möglich ist. Der Biologe, schien mir, baute an einer neuen Arche, auf der wieder alle Arten zusammenkommen sollten. Dieses Mal, um eine Autobahn zu überqueren. Am Ende des Gespräches sagte der Mann, ich würde das Land wahrscheinlich aus «Großwildsäuger-Perspektive» erleben, und wünschte mir viel Glück.

Er hatte recht und unrecht. Südlich der Bahntrasse öffnete sich die Landschaft, bis hin zu einem niedrigen Horizont lagen Weiden und Felder. Fahlgrüner Mais, verblichener Raps und Stoppeläcker, von denen ich nicht wusste, ob dort Weizen, Gerste oder Roggen geschnitten worden war. Agrarland, gepflügt, geeggt, gekämmt, geometrisch gewinkelt und gezirkelt. Ein vertrauter Anblick, zugleich das drückende Gefühl, Verbotenes zu tun, als ich den ersten Fuß in eine Furche setzte, den zweiten und einen Acker in Richtung Süden durchschritt. Ich war sichtbar wie eine Vogelscheuche, senkrechter Strich in einem Bild aus lauter Horizontalen, winzig und zugleich unübersehbar, eine Figur am falschen Platz. Weit vor mir, am äußersten Rand des wahrnehmbaren Raumes, kroch ein Traktor auf der Linie zwischen Himmel und Erde voran, ließ rasselnd und klirrend sein Pfluggeschirr fallen, ein Geräusch wie ein Gruß aus dem Mittelalter. Erstaunlich, wie weit die Luft hier draußen die Töne trug.

Stundenlang ging ich durch unbeschildertes Land, sah von Dörfern nur ferne Dachfirste und Ställe, grau und groß wie Fabriken. Der Boden war sandig und tief, trotzdem kam ich schnell voran, nichts zwang zu einem Umweg auf dem glattgezogenen Agrarland. Zwar wurde der Körper müde, lastete der Rucksack auf den Schultern wie ein Joch, aber den Kopf beflügelte das Gefühl, nicht mehr alles vor mir, sondern erstmals etwas hinter mir zu haben. Diese Wanderung war ein Tauschgeschäft: Mit jedem Meter, den ich lief, wurden aus Mutmaßungen Erlebnisse. In einem Auto wäre ich den ganzen Tag lang der gleiche Fahrer, derselbe Mensch geblieben, den ich als Ich zu kennen glaubte, beschützt von Blech und Glas, umhüllt von 21 Grad konstanter Raumtemperatur, beschallt von einem Radiosender, dessen vertrauten Stimmen und zielgruppenbezogener Musikauswahl, rasend schnell unterwegs in einem mobilen Stück Privatsphäre, das bei aller Bewegung vor allem Stetigkeit garantiert. Auch alle Werbung für car connectivity, für vernetztes Fahren, ist eigentlich ein Beständigkeitsversprechen. Wenn das @ dem Menschen in der Maschine folgt, können wir unterwegs noch konsequenter die bleiben, die wir zu Hause oder bei der Arbeit sind: Ehepartner, Eltern, Geschäftsleute.

Jenseits der Schutzkapsel wechselte mit dem Landschaftsbild und den Tageszeiten auch meine Rolle. Das wurde beunruhigend, als am Abend Wolken wie Schwämme alle Konturen von der Erde wischten und ich in leise knisterndem Nieselregen nach einem Winkel für mein Zelt suchte. Es gab keinen. Nichts in der mecklenburgischen Ebene war wild, alles gegliedert und aufgeräumt, nirgends bot sich ein Versteck. Dieselbe Gegend, die ich tags als frei von Hindernissen empfunden hatte, wirkte nun zu leer, um Schutz zu finden. Hatte ich auf meinem Weg eine Schafherde unter einer Baumkrone weiden gesehen? Oder irgendwo auch nur eine einzige Kuh in einem hölzernen Unterstand? Nirgends ein Tier, nirgends ein Rückzugsraum.

Es war Sorge vor den Menschen, die mich zum nächsten Dorf trieb: Lieber wollte ich einen Bauern nach einem Schlafplatz in der Scheune fragen, als weit abgelegen von ein paar Halbstarken aufgemischt zu werden. Lange vor dem ersten Schritt hatte ich in dieser Angelegenheit schon eine Begegnung gehabt – mit eigenen und eingeredeten Ängsten. Ich wurde gewarnt vor Wölfen, Zecken, Jungbullen, nicht angeleinten Hunden, Betrunkenen, Nazis und vor betrunkenen Nazis. Ich hatte mich gegen Tollwut und Frühsommer-Meningoenzephalitis impfen lassen, zum ersten Mal in meinem Leben im Internet nach freien Waffen gesucht und Schreckschusspistolen, Elektroschocker, Armbrüste, Schlagringe und Stahlkugelschleudern mit Namen wie Baikal, Tactical, Detective und Diabolo gefunden; ein Arsenal der Angst und Aggression, das ich bis dahin nur aus der Berichterstattung über beziehungsunfähige Einzelgänger oder ideologisch aufgeladene Randgruppen kannte, bedauernswerte Menschen, die sich in eingebildeten Kriegen wähnten. Jetzt klemmte an meiner Gürtelschnalle eine Dose Pfefferspray, metallisch kalt wie ein Revolver.

Ich näherte mich dem nächsten Dorf vom Feld her, von den Rückseiten der Gärten und Häuser, die zur Hälfte noch ihre DDR-Kleider trugen; groben, graubraunen Putz. An einem Bauernhof verbellten mich zwei Hunde.

Ein Haus weiter hörte ich ein Brummen und sah durch eine Hecke einen Mann, der Rasen mähte, im Wettlauf mit dem Regen. Ein bulliger Typ, den Kopf kahl geschoren. Er bemerkte mich nicht, gefangen in Konzentration und dem Krawall, den sein Mäher machte. Ich musste wie eine Spinne in sein Blickfeld geraten sein, die man erst gar nicht wahrnimmt und dann nur noch. Der Mann zuckte, starrte, sammelte sich und kicherte dann, nervös und hell.

Ich fragte, ob ich mein Zelt hinter seiner Hecke aufschlagen dürfe, für diese eine Nacht. Er sagte: «Junge, komm erst mal rein.»

 

Wann hatte mich zuletzt jemand «Junge» genannt? Wenn ich dienstlich irgendwo hinkomme, im Auftrag der Zeit, dem Zentralorgan des deutschen Bildungsbürgertums, habe ich Visitenkarten dabei. Hin und wieder fahre ich im frisch gewaschenen Mietwagen vor. Und je enger meine Gesprächspartner dem akademischen Milieu verbunden sind, desto respektvoller behandeln sie mich. Lehrer und Buchhändler wirken manchmal beinahe ehrfürchtig, sie fragen, wie ich das deutsche Schulsystem oder «die internationale Lage» bewerte. Mir ist das unangenehm. Ich fühle mich oft überschätzt. Denn je länger ich Journalist bin, desto weniger meine ich zu wissen. Und je näher ich einem Thema, einem Ort, einem Menschen komme, desto unsicherer werde ich in meinen Urteilen.

Bis kurz vor meinem Aufbruch hatte bei uns zu Hause ein junger Flüchtling aus Syrien gewohnt, sieben Monate, im Gästezimmer. Wir hatten ihn nicht aufgenommen, weil wir Multikulti-Schwärmer wären. Meine politischen Reflexe sind zwar eher links, die Ursache für Armut suche ich erst einmal beim Reichtum anderer. Und Menschen auf der Flucht sind für mich in erster Linie hilfsbedürftig, nicht bedrohlich. Bei Bundestagswahlen habe ich trotzdem für verschiedenste Parteien gestimmt, öfter ratlos als entschlossen.

Den jungen Syrer nahmen wir auf, weil wir dachten: Wenn die Weltgeschichte schon aus den Fernsehnachrichten ins Leben springt, warum dann nicht direkt zu uns? Ist doch spannend. Außerdem geht die Sache schief, wenn Millionen Zuwanderer in Heimen versauern.

Mit dem Flüchtling in unserem Haus, an unserem Esstisch, in unserem Bad erlebten wir eine aufregende Zeit voller Widersprüche: Der junge Mann lernte fleißig Deutsch, hatte als Muslim anfangs aber Probleme, meiner Frau die Hand zu geben. Er hatte in Syrien Mathematik und Informatik studiert, glaubte jedoch nicht an die Evolution, sondern an die Schöpfungsgeschichte von Adam und Hauua, den Adam und Eva des Koran. Homosexualität fand er abstoßend, zugleich entschuldigte er sich für jeden Machoflüchtling. Sprachtest und Integrationsprüfung bestand er mit voller Punktzahl.

Man könnte denken, in der Redaktion hätte ich zum Integrations-Experten werden müssen, aber es gelang mir nicht, auch nur einen einzigen Kommentar zum Thema zu schreiben. Wie genau schaffen wir «das»? Ich komme zu keinem abschließenden Urteil. Auch weiß ich nicht, ob genmanipulierte Pflanzen den Hunger auf der Welt besiegen oder das Ende der Menschheit bedeuten und ob Videoüberwachung eher Sicherheit bringt oder Freiheitsrechte einschränkt.

Als Reporter habe ich das Glück, keine Kommentare schreiben zu müssen und Geschichten auch dort suchen zu dürfen, wo kein Deutungskampf tobt. Meine Meinungsschwäche habe ich zur Methode entwickelt und bin in den vergangenen Jahren öfter losgezogen in thematisches Niemandsland. Einmal trieb ich mich in Hamburg wochenlang auf dem Ohlsdorfer Friedhof herum, eine Trauerlandschaft, größer als New Yorks Central Park. Ich lernte Amtsärzte kennen, die Leichen aus Altersheimen auf Misshandlungen untersuchten. Erfuhr, dass die Lebenden ihre Toten im Laufe der Jahrhunderte mal nach Herkunft, mal nach Berufen, mal nach Religionen sortiert begraben hatten. Schließlich stellte sich heraus, dass Deutschlands Friedhöfe um ihre Existenz kämpfen, weil sich niemand mehr ins Raster der Reihengräber fügen will, sondern sich entweder anonym und billig in der Urne bestatten oder seine Asche naturnah unter einem Baum vergraben lassen möchte.

Einmal sprach ich tagelang mit einem ganz normalen Ehepaar, Mann und Frau, beide achtzig, seit fünfzig Jahren verheiratet, über die Liebe und was das Alter aus ihr macht.

Einmal ließ ich einen Berliner Flaschensammler seitenlang aus seinem Alltag berichten. Der Mann erstellte ein Soziogramm seiner Stadt, indem er beschrieb, wie sich Viertel für Viertel der Müll unterschied und welche Bevölkerungsgruppe ihm zu welcher Tages- und Nachtzeit wie begegnete.

Keiner der Artikel war dringlich, nichts taugte als Breaking News. Bei der Zeit, was für ein Luxus, ließen sie mich trotzdem machen. Vermutlich, weil ich beim Umgehen aller aktuellen Aufregerthemen manchmal Unentdecktes entdeckte, Unerzähltes erzählte und die toten Winkel der Wahrnehmung ein wenig kleiner wurden. So wie die Welt nicht nur aus Straßen besteht, setzt sich die Wirklichkeit ja auch nicht allein aus Koalitionskrisen, Terroranschlägen und Superwahljahren zusammen, also dem, womit sich Redaktionen befassen müssen.

Jetzt einmal abseits der Straßen durch Deutschland zu laufen, das war so abseitig und ergebnisoffen, wie es nur ging. Ich hatte vorab keine Ansprechpartner angerufen, keine Termine gemacht, keinen Weg abgesteckt, keinen Ort definiert – es sei denn, man nahm das ganze Land. Ich hatte nicht mal ein klar umrissenes Thema. Vielleicht würde ich ein Survivalbuch schreiben, in dem ich Regenwürmer fraß. Oder einen Bericht über die landschaftliche Schönheit, eventuell auch Ödnis jenseits der Städte.

An diesem Abend in Mecklenburg, an dem mich nur eine Hecke von einem kahlköpfigen Mann trennte, sah es allerdings so aus, als machte mein Experiment mich nicht zum Eremiten. Es führte mich unter Menschen, ins Haus eines Unbekannten. Ich folgte dem Mann durch den Garten, zog auf der Terrasse die Stiefel aus und trat ein.

 

Im Haus saß eine Frau und kraulte eine Katze. Der Mann stellte sich als Wolfgang vor, seine Frau als Ute. «Ich sag Utchen. Mich kannste Wolle nennen.» Die beiden mussten über fünfzig sein, ich fragte sie nicht. Ihr Alter blieb unausgesprochen, ihre Nachnamen auch. Das Haus war klein, das Erdgeschoss schien ein einziger Raum zu sein, viel Gelb und Rot an den Wänden, wie in einem glimmenden Ofen. Kerzen brannten, Ute hob die Katze vom Schoß und entkorkte eine Flasche Wein. Wolfgang stand mit dem Rücken zu ihr vor einer Küchenzeile, ich hörte das Öffnen und Schließen einer Kühlschranktür, Unterdruckschmatzen, Plastiktütengeraschel, dann das Knistern, wenn Fleisch in heißes Fett gelegt wird.

Mich umfing die Privatheit zweier Fremder; ich war Gast im Leben eines mir unbekannten Paares. Für meinen Job habe ich Hunderte Menschen in ihren Häusern besucht, bin in ihre Leben vorgedrungen mit gezielten Fragen. Die Frau und der Mann in diesem Wohnzimmer, sie hätten mich bei einer solchen Begegnung als Ostdeutsche oder als Landmenschen oder als Mitglieder einer Generation interessiert, in der man eben Ute und Wolfgang hieß. Jetzt konnten die beiden sie selbst sein.

Ute erzählte von ihrer Arbeit als Krankenschwester, Wolfgang von seinem Job als Anlagenführer an einer Maschine, deren Funktion ich nicht begriff. Zwei Berufe im Schichtdienst. Manchmal lebten und schliefen Ute und Wolfgang wochenlang aneinander vorbei, manchmal teilten sie Tage und Nächte, so wie diesen Abend: In einem Haus irgendwo in Mecklenburg saßen drei Menschen um einen Tisch, ein jahrtausendealtes Motiv, gewöhnlich und doch unüblich, weil keine Verabredung, kein familiäres Band, kein Geschäftsinteresse, keine Parteimitgliedschaft, keine Religionszugehörigkeit uns zueinandergeführt hatten, sondern nur Zufall.

Wolfgang stellte eine Schüssel voller Blumenkohl auf den Tisch, eine Platte mit panierten Putenschnitzeln und Kartoffeln «aus dem eigenen Garten», das war ihm wichtig.

«Und nu nimm, Junge!», sagte er.

Ich war nie zuvor in diesem Dorf gewesen, wenn doch, musste ich mit den ortsüblichen fünfzig Stundenkilometern hindurchgefahren sein und in weniger als einer Sekunde ein Haus passiert haben, das dünn und flach wie eine Attrappe blieb, in dem sich jetzt aber die Zeit dehnte, zu einem Abend und einer Nacht, darin zwei Menschen, die Minute für Minute mehr Facetten bekamen.

Ihr Haus, sagten Ute und Wolfgang, sei früher ein Stall gewesen, sie hätten ihn selbst ausgebaut. Ob ich nicht das andere, ältere Gebäude auf dem Grundstück gesehen habe, das vorn an der Straße? Darin hatten Wolfgangs Eltern gewohnt, Erwin und Aurelia, vor den Russen aus Ostpreußen und dem Sudetenland geflohen, nach Westen, aber nicht weit genug. Ihr Leben als junges Paar lebten sie eingefangen in der DDR. Erwin molk auf der LPG «Treue» Kühe, Aurelia putzte im «Energiekombinat Nord». Als die Mauer fiel und Unmögliches möglich wurde, waren beide alt. Der Vater starb, die Mutter wurde krank, Ute und Wolfgang pflegten sie; zu den Schichten auf der Arbeit kam ein Schichtdienst zu Hause, bis ihre eigene Gesundheit fast ruiniert war. Da waren Schmerz und Scham, als beide sagten, sie hätten Aurelia kürzlich in ein Heim gebracht. «Das Haus an der Straße steht leer, da kannste schlafen», sagte Wolfgang. «Wenn du morgen aufstehst, sind wir schon bei der Arbeit. Zieh einfach die Tür zu.»

Der Mann, der mir im Garten noch bullig erschienen war, wirkte jetzt beinahe zart.

Es war dunkel, als ich über eine nasse Wiese zum Haus von Erwin und Aurelia hinüberging, am Rande eines Dorfes, von dem ich jetzt wusste, dass es nur zwölf Kilometer von Rostock entfernt lag. Trotzdem war hier schon alles anders als in der Stadt und in den Diskursen, die ich verlassen hatte. Hier lebten Kinder und Eltern nicht 500 Kilometer getrennt, sondern beieinander, einige so lange und so eng sie konnten. Hier gab es auch keine Wohnungsnot, hier standen Häuser leer. Natürlich kannte ich all das, als Theorie, als Nachricht, als Statistik. Mich überraschte, wie abrupt der Wechsel war. Und wie absolut. Ich wusch mich in einem rosa geblümten Bad, in dem sich einst Erwin und Aurelia gewaschen hatten. Ich trocknete mich mit ihren Handtüchern ab und stellte meine Zahnbürste in ihre Zahnputzbecher. Das Haus war nicht leer, mir war, als wären die Bewohner eben erst gegangen. Es atmete noch aus, in den Zimmern war alles noch da, Möbel wie Requisiten eines eben abgesetzten Theaterstücks, Spitzengardinen, marmorierte Tapeten, tiefe Teppiche in Beige, ein Wohnzimmer mit Kacheltisch, schweren Sesseln und grauem Fernsehschirm, eine weiße Küche, in der ich hätte kochen können; in den Regalen Salz, Pfeffer, Muskat und Brathähnchenwürzer, im Schlafzimmer das Ehebett. Ich legte mich auf Aurelias Seite, im Gedenken an einen Menschen, den ich nicht kannte und dessen Hinterlassenschaften in der Stadt längst beim Trödler gelandet wären.

 

In den folgenden Tagen ging ich nach Süden; um mich herum blieb der Norden. Poppendorf, Thulendorf, Broderstorf, nach Autofahrerverständnis alles noch küstennah, nördlich der A 20, der Ostseeautobahn. Auf den Feldern stoben Rehe auf und sprangen davon, schwarzäugig und stumm. Auch Feldhasen und Wachteln sah ich erst, wenn sie sich aus ihrer Angststarre lösten, wie in einer Explosion von Körperlichkeit. Eine Zeitlang schwebte über mir ein Bussard, kreiste geduldig und schien meine Eignung als Beute abzuschätzen. Tagsüber begleitete mich ein einsilbiger, spitzer Schrei, als folge mir ein und dasselbe Tier, nachts lag ich im Dachstuhl einer Scheune, im Gebälk ein Rascheln und Rumpeln, das nicht von Mäusen herrühren konnte. Wahrscheinlich ein Marder; der Stadtmensch im Schlafsack wusste es nicht.

Ich kam langsamer voran als gedacht, nicht mit fünf Stundenkilometern Gehgeschwindigkeit, eher vier. Seit ich Aurelias Bett verlassen und die Tür ihres Hauses zugezogen hatte – zu der Uhrzeit, in der meine Nachbarn im Morgenzug nach Hamburg rasten –, folgte ich einer violetten Linie, die mir ein GPS-Gerät vorgab, das ich einige Monate zuvor gekauft hatte. Die Linie auf dem Display wies weit über den Horizont hinaus, auf einen unsichtbaren Punkt zu. Auf N 54.02.425/E 012.19.970 führte ein Wassergraben unter der Autobahn 20 hindurch. Asphalt zu meiden, das hieß auch, Brücken auszulassen, wo es möglich war. Ein modriger Durchschlupf war jetzt mein Ziel.

Vor Beginn der Wanderung hatte ich mir vorgestellt, dass ich mittags im Schatten breiter Baumkronen rasten und abends mein Zelt an gluckernden Bächen aufschlagen würde. Ich sah mich an Waldrändern entlangstreifen, exponiert und zugleich geschützt, immer mit weitem, wissendem Blick in irgendwelche Niederungen. Mein Bild der Natur – und mein Bild von mir in der Natur – war geprägt durch Werke Caspar David Friedrichs und Carl Spitzwegs, wohl auch Pieter Brueghels. Das merkte ich jetzt, da die Wirklichkeit feuchter, struppiger, unübersichtlicher und der Mensch darin weniger souverän war, als es alle Gemälde und alle Werbekampagnen der Outdoorausrüster suggerieren, in denen junge, sehnige Wanderer frei durch karge, meist skandinavisch wirkende Allmende flanieren, steinig und zugänglich zugleich, Niemandsland und doch Allgemeingut, wie für ein Abenteuer modelliert, weil in jedem Bergbach Felsen in Schrittweite liegen und Abend für Abend eine Klippe wartet, mit grandiosem Blick auf einen Fjord und genügend Platz für ein Zelt und ein Lagerfeuer.

Einige Monate vor dem Abmarsch hatte ich in einem Outdoorgeschäft meine Ausrüstung gekauft. Ein junger Mann sprach viel über Membrane und Fasern; die Markenslogans auf den Etiketten von Jacken, Zelten und Schuhen glichen aktuellen Buchtiteln: Ich bin raus, Ich bin dann mal weg, Draußen zu Hause, Into the Wild, Quality Time. Auf den ersten Blick bediente alles dieselbe Sehnsucht nach Ausbruch, Freiheit und Intensität – auf den zweiten gab jede Ware ein Sicherheitsversprechen, eine Gelingensgarantie, schloss mit Wasserdichte und Rissfestigkeit jede Unwägbarkeit wieder aus. Alles war teuer; je weniger die Ware wog, desto mehr musste man bezahlen. Ich kaufte einen Daunenschlafsack, ein ultraleichtes Einmannzelt, das GPS-Gerät, einen Kompass, ein Taschenmesser, einen Ersatzakku für mein Handy, ein Mikrofaserhandtuch, Unterwäsche und Socken aus Merinowolle, eine Trekkinghose und eine Regenjacke aus Skandinavien sowie den ersten Hut meines Lebens. Der Kassenzettel war lang, die Zahl am Ende vierstellig. Ich bekam eine weitere Kundenkarte, trug eine sehr leichte Einkaufstasche nach Hause, stellte sie auf die Waage und wusste nach Abgleich mit den aktuellen Rohstoffpreisen: Ich hatte den Kilopreis von Silber bezahlt.

Auf einen Kocher hatte ich verzichtet. Da ich allein wandern würde, hätte ich alles selber tragen müssen; Töpfe, Geschirr, Gaskartusche, Teller, Besteck. Lohnte das, wenn ich nicht wusste, wo und wie ich überhaupt Vorräte auffrischen konnte? Niemand im Laden kannte eine Antwort, die Verkäufer waren beunruhigt: Hatte die Freizeitindustrie nicht für jede Unternehmung ein Produkt? Jetzt hatte ich im Rucksack etwas abgepacktes Brot, ein Glas Nutella, Nüsse und eine Tüte überteuertes Müsli, laut Etikett mit dem «proteinreichen Powerkorn Amaranth» angereichert, dazu zwei Flaschen Wasser – fand aber selten Möglichkeit, mich hinzusetzen und zu rasten. Keine Bank, kein Baumstumpf, kein Fels, nur verschlammte Äcker und triefnasse Moosböden. Ich aß und trank im Stehen, manchmal im Gehen wie ein rastloser Triathlet. Zwar hatte ich bereits einige Wanderungen durch die Alpen unternommen und konnte die Distanzen zwischen zwei Schutzhütten einschätzen, als Reporter hatte ich einmal zu Fuß die entmilitarisierte Zone zwischen Israel und dem Gaza-Streifen durchquert – aber in der heimischen Landschaft, der Umgebung, die mir am meisten vertraut sein müsste, hatte ich keinerlei Unterwegs-Erfahrung. War es Mittag, Kantinenzeit, fehlte ein Baum, unter dem ich mich hätte ausruhen können wie die Bauern auf Brueghels Bildern. Wurde es Abend, Bettzeit, fand ich keinen spektakulären Schlafplatz wie in der Jack-Wolfskin-Werbung. Zeiten, Orte und Handlungen waren voneinander entkoppelt.

Autofahrern mag das befremdlich erscheinen; hinter jeder Kurve öffnen sich ihnen neue Landschaftsräume, bieten sich neue Optionen, ein «mal eben» oder ein «kurz noch». Wer Hunger hat, findet schon ein Restaurant. Wer müde ist, den erwartet irgendwo ein Hotel. Wir Gegenwartsmenschen sind unterwegs in der Gewissheit, jederzeit über die Vielfalt der nächsten einhundert Kilometer verfügen zu können.

Für mich als Fußgänger war eine Autostunde, die Elle der Neuzeit, selbst an einem ganzen Tag nicht zu schaffen, allenfalls dreißig, höchstens vierzig Kilometer. In der ohnehin eintönigen, flurbereinigten norddeutschen Landschaft schränkte das die Möglichkeiten stärker ein, als ich erwartet hatte.

Insbesondere mit dem Essen war alles anders. Allenfalls von der Straße aus betrachtet, in der Geschwindigkeit, mit der Autos und Züge Städte verbinden und das Land verdichten, ist Deutschland voller Supermärkte, Gasthöfe, Kioske, Schnellrestaurants, voller Aral-, Edeka- und McDonald’s-Embleme. Ich hatte angenommen, täglich Gewerbegebiete und Einkaufszentren umgehen zu müssen, am Rande dieser Wucherungen aber irgendwie an Nahrung zu kommen. Ich trug 300 Euro Bargeld bei mir. Doch wo ich jetzt war, war nichts, kein Dorfladen, kein Straßenimbiss, keine Tankstelle. Die 93,8 Prozent offenes Land, sie begannen direkt hinter den Ortsausgangsschildern, dort, wo man auf der Landstraße von Tempo 50 erst auf 70 und dann auf 100 beschleunigt, in den sechsten Gang schaltet und nichts dabei denkt, wenn man in die Weingummitüte neben dem Schaltknüppel greift.

Zum Essen kommen – abseits der Straßen hieß das jetzt: keinen Baum auslassen, jeden Apfel pflücken, jede Brombeere mitnehmen, egal wann und wo. Auch Maiskolben brach ich ab, schälte sie, zupfte ihnen die Kräuselhaare vom Kopf und kaute ihr pappiges Korn. Einmal aß ich mich eine Allee verkrüppelter, vergessener Pflaumenbäume entlang, oft lief ich über Teppiche aus Fallobst, von Wespen umsummt. Was für ein reiches Land, das Früchte reifen, fallen und verfaulen lässt! Mein Power-Protein-Müsli lag verschlossen im Rucksack. Ich wanderte jetzt durch Müsli.

Auch hatte ich vor meinem Aufbruch geglaubt, allein mit mir würde ich anders, tiefer, denken. Waren Gehen und Philosophieren seit den Griechen nicht eins? Die Stille und Leere der ersten Tage füllte mein Hirn mit zusammenhanglosen Textfetzen, einer Endlosschleife aus Belanglosigkeiten und Pseudobedeutendem, das sich nicht aufzuschreiben lohnte, dazu Werbeslogans, Jingles und Fragmente alter Popsongs. Live is life, nana-na-nana. Befreit vom üblichen Müssen, wusste der Kopf nicht, was er jetzt tun könnte. Doch ich dachte nicht nichts. Ich merkte, wie ich zu stinken begann und wie tief mich das verunsicherte, obwohl keine Verabredung und keine Konferenz anstand. Ich staunte, wie sehr das Laufen den Tag füllte und wie wenig sonst geschah. Mochten die Äcker von Allmacht und Allgegenwart des Menschen geprägt sein, ich begegnete so gut wie niemandem.

So wurde aus dem Loslaufen ein Weitergehen. Oft regnete es, der Himmel war zu jeder Stunde grau, Tage verloren ihre Struktur, ich pflückte und kaute, stakste mit Storchenschritten über Elektrozäune und kämpfte mich durch Weiden, auf denen wieder keine Kuh zu sehen war und nasses Gras kniehoch stand, viel höher, als ich vermutet hatte, als Weiden noch Unterwegspanorama im Zugfenster waren. Ich stolperte durch Wassergräben, die unter Gebüsch verborgen lagen, und lief mit erhobenen Händen durch Brennnesselgürtel, Gefangener des Gestrüpps. Der schmale, violette Strich auf dem Bildschirm meines GPS-Gerätes zog an mir, gewann eine Bedeutung, als müsse er alles Geradlinige, Vorhersehbare und Verbindliche ersetzen, das nicht mehr galt. Die Linie täuschte mich, ließ mich vergessen, dass ich nur noch so weit planen konnte, wie ich sah; oft nicht einmal das. In unscheinbaren Senken wurde der Boden tief, Felder endeten an Entwässerungsgräben, zu breit für einen Sprung. Das GPS – vielmehr meine GPS-Gläubigkeit – führte mich immer wieder geradewegs in Schlamm und Matsch, Feuchtigkeit quoll in meine Schuhe. Mehr als eintausend Euro hatte ich für moderne Ausrüstung ausgegeben, jetzt fehlten mir Geduld, Erfahrung und etwas ganz Einfaches, Elementares. Etwas, womit ich mich durch Dickicht schlagen und in überwuchertem Gelände vorantasten könnte. Mir fehlte ein Stock.

 

Ein Stock. Caspar David Friedrichs Wanderer über dem Nebelmeer hatte einen, Carl Spitzwegs Sonntagsspaziergänger auch. Ich neuzeitlicher Idiot, rund zweihundert Jahre später membranverpackt aufgebrochen, hatte keinen. Ich brauchte einen Stock, dachte an nichts anderes mehr als daran – und wie unkontrollierbar Gedanken außerhalb der gewohnten Routinen werden. Im Alltag gibt es Termine, die das Denken in Bahnen halten, in jedem Büro und jeder Familie die Ansprüche anderer, die den eigenen Interessen Grenzen setzen. Jetzt hallte andauernd und unwidersprochen «EIN STOCK!» durch meinen Kopf, der Wunsch wurde immer lauter und allumfassender, bis da in den borkigen Wäldern des Landkreises Rostock ein Mann an Zweigen zerrte, mit seinem Taschenmesser an Ästen sägte, Stöcke vom Boden hob und sie mit Schlägen gegen die Baumstämme auf Festigkeit prüfte. Alle waren morsch und brachen.

Der zweite Forscher, mit dem ich vorab gesprochen hatte, war Professor für Sozialgeographie an der Universität Jena. Benno Werlen, aufgewachsen in einem Schweizer Bergdorf, entlegen im Wallis. Werlen bedauerte mich für meine Idee. «Es wird Ihnen da draußen nicht gutgehen», hatte er gesagt.

«Für wen ist das Land, so wie’s heute aussieht, gestaltet?», hatte er gefragt und selbst die Antwort gegeben: «Für den erwerbstätigen Teil der Bevölkerung. Für den arbeitenden Menschen im Auto. Genau die Aspekte, die entscheidend sind fürs Bruttosozialprodukt, haben Vorrang bei der materiellen Gestaltung der Welt.» Kinder, nach ökonomischen Kriterien unproduktiv, würden «in umzäunte Bereiche abgesondert». Zugverbindungen in dünn besiedelte Gebiete werden eingestellt. Und ein erwachsener Mann, der tagsüber an einer Bushaltestelle sitzt, anstatt zu arbeiten oder wenigstens im Auto den Eindruck von Eile zu erwecken, ist uns suspekt.

Der Geograph klagte nicht darüber, er war nicht eifernd in seiner Analyse. Kühl setzte er mir auseinander, wie sehr das Denken in Straßen, in Automobilität und Effizienz uns und unsere Umgebung präge. Schon die erste McDonald’s-Filiale, sagte der Professor, sei ein Drive-in gewesen, ein Pavillon auf einem Parkplatz in Kalifornien. «Warum? Weil seit der Industrialisierung Wohnen und Arbeiten getrennt sind, dementsprechend viel ist man unterwegs – und wenig zu Hause. Eine Reaktion darauf war, dass man das Essen ans Auto band. Man lässt sich Futter ans Steuer reichen. Das ist Fastfood! Schnelles Sattmachen gelingt aber nur mit wenig Auswahl und serieller Produktion. Wenn alle das Gleiche essen, wird auch überall das Gleiche angepflanzt. Man braucht: Rind, Brötchen, Gurke.»

Der Geograph musste lachen bei der Vorstellung, mich durch diese Rind-Brötchen-Gurken-Landschaft laufen zu sehen. Ein Arbeitsloser, ein Autoloser, ein Dorfkauz wisse dort vielleicht etwas mit sich anzufangen, aber nicht ich, der typische Erwerbstätige, Konsument und Städter, für dessen Bedürfnisse das Land zwar gemacht sei – aber nur, solange ich ihm fernblieb.

 

Bevor ich die Autobahn sah, hörte ich sie. Erst wespenwütendes Summen einiger Motorräder, dann helles Sirren großer Lastwagenreifen, verbunden vom Rauschen Hunderter Autos, deren Schildkrötenrücken ich schließlich über den Horizont huschen sah. Emsige, fußlose Wesen. Es war der vierte Tag, auf N 54.02.425/E 012.19.970 tat sich im Straßendamm eine düstere Lücke auf, hindurch trieb schwarzes Wasser in einem trichterförmigen Kanal. Ich folgte dem Bachlauf wie in eine Gruft, gedeckelt von vier Fahrspuren Stahlbeton, durch die ein Ta-tak der Zweiachser, ein Pa-tang-pa-tang der Vierachser und das Rumpeln und Grollen leerer Container hallte. Hamburg und der Hafen waren nicht weit für jene da oben, auch nicht Schwerin und Stralsund, Świnoujście und Szczecin, der ganze Norden und Osten Europas, den die Straße über mir erschloss. Nichts in der Unterführung wies auf einen bestimmten Wochentag hin, aber ich wusste, es war Freitag, über mir hatte ein Wochenende begonnen. Die meisten Autos fuhren nach Osten, hatten gerade die Abfahrt Dummerstorf passiert, die nächste hieße Sanitz. Einige jagten noch letzten Terminen entgegen, andere steuerten schon Ferienhäuser und Yachthäfen an, wieder andere reisten nach Hause, polnische Klempner, weißrussische Putzfrauen, unterwegs zu ihren Kindern. Ta-tak, Ta-tak, Pa-tang-pa-tang, Ta-tak. Ich stand unter einer Schallglocke aus Dringlichkeitsgeräuschen wie in einer Klanginstallation in einem Museum für Gegenwartskunst, ein 44 Jahre alter Mann, der sich nicht erinnern konnte, wann er zuletzt eine Autobahn unterwandert hatte, und der jetzt überlegte, ob es die Vorhersagen des Sozialgeographen bestätigte oder ihnen widersprach, dass er den ersten erhebenden Draußen-Moment seiner Wanderung in einer finsteren Unterführung hatte, ganz nah an einer Straße. Zwei Meter unterhalb der Fahrbahndecke fühlte ich mich in die Kindheit versetzt, zurück in eine Zeit, als ich dornenzerkratzt und pollenbestäubt Stunden in «Geheimverstecken» verträumte, in den ödesten Winkeln einen Zauber empfand, weil sie frei von elterlicher Aufsicht waren und jeder Zuschreibung durch die Erwachsenen entzogen blieben. Dieser Ort war so einer.

 

Am Ende des Tages fand ich Unterschlupf im Gartenschuppen eines alten Mannes, der Günther hieß. Südlich der Autobahn hatte ich einen Streifen Trostlosigkeit durchschritten, verlassen wie ein Kriegsgebiet. Die Suche nach einem Stock hatte ich vorerst eingestellt, stattdessen wurde Stunde um Stunde die Frage drängender: Wo schlafen? Ich war nass, und seit dem Abend bei Ute und Wolfgang war mir nach Nähe, zumal sie das größere Abenteuer versprach als eine Nacht im Zelt.

Der Hof lag langgestreckt im Brachland wie ein gestrandeter Wal, die eine Hälfte zerfallen, offen liegendes Fachwerkgerippe, die andere Hälfte rote Backsteinhaut. Licht fiel aus einem Fenster, dem Auge des sterbenden Hauses. Mir öffnete ein Mann mit rundem, gutmütigem Gesicht und dem Körper eines Kolosses. Schlafen? Im Ruinenteil des Hofes? Gemütlicher sei es im Schuppen, sagte er. Sobald ich meinen Schlafsack ausgerollt habe, solle ich zum Essen herüberkommen. Die Haustür sei angelehnt, er werde mir Puschen hinstellen.

In Wollschlappen betrat ich Günthers Welt, den fremden Kontinent, den ich hatte erkunden wollen und der hier schroff statt schön war, von Enttäuschung erodiert. In seinem Wohnzimmer, unter einem Gemälde der Kreidefelsen von Rügen, begann der alte Mann zu erzählen. Bis zur Wende hatte Günther in der staatlichen Schweinezucht gearbeitet, Sauen mit Ebersperma besamt und seine Freunde mit Fachwissen belustigt wie dem, dass ein Eber bis zu einem halben Liter Ejakulat ausstößt. Günther erklärte mir meine nassen Schuhe und die vor Feuchtigkeit gequollenen Füße: Kein Bauer treibe seine Kühe noch aus dem Stall, weil er ihnen dann zum Melken hinterherlaufen müsse. Verlorene Zeit, verlorenes Geld. Wo ich abgefressenes Gras vermutet hatte, wuchsen Mähweiden, die nur wenige Male im Jahr geschnitten würden. Grasende Rinder, weidende Schafe, staksende Hühner? Nicht in Mecklenburg, in dieser Ebene, über die man mit riesigen Maschinen hinweghobeln und so den Jahresertrag binnen Stunden einbringen kann. Rind, Brötchen, Gurke.

Günther war kein Öko, nie gewesen, an diesem Abend nannte er sich einen Marxisten, der einst kolchosebegeistert die Industrialisierung der Landwirtschaft vorantrieb, bis ihn dieselbe Industrialisierung arbeitslos machte, als aus dem Westen Maschinen in sein Land und in sein Leben kamen, die größer, stärker und zuverlässiger als alles Dagewesene waren und auch ihn weghobelten. Günther versuchte es mit privater Rinderzucht, aber ein Infekt fiel über seine kleine Herde her. Dann Fischzucht, doch auch die Zander starben. Dann Diabetes, Herzinfarkt. «Ich hab immer ‹Hier!› gerufen, wenn es was zu verteilen gab», sagte Günther und dachte dabei nicht an Glück.

Mir war unwohl. Ich, der Jüngere, hörte ihm aus der Position des Privilegierten zu, der Systemwechsel und Abstürze nur von Computern kannte. Und er, der Ältere, ließ im Laufe des Abends eine Weltwut erkennen, die mir zunächst irrational erschien, beinahe pubertär. Günther begann seine Sätze mit Einleitungen wie «Es ist doch so …» und «Ich muss es so sagen …», dann folgten krude Theorien über die Bundeskanzlerin als Volksverräterin und AfD-Parolen, zukunftsängstlich und fremdenfeindlich. Günther vertraute den alten Parteien nicht mehr, den Gewerkschaften nicht, dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht. Er hatte die Zeitung abbestellt und las jetzt Compact, ein hasserfülltes Magazin für Pegidisten und Verschwörungstheoretiker, das Angela Merkel gern mit Kopftuch zeigt.

Ich war zu Gast bei einem selbsternannten Verteidiger des christlichen Abendlandes, der zugleich Atheist war und ein brauner Roter, wenn ich das richtig deutete. Zwischen seinem und meinem Leben gab es keinerlei Überlappung; das Einzige, was uns verband, war die Widersprüchlichkeit unserer Ansichten. Aber jetzt saßen wir zusammen, bei Käse, Brot und Gewürzgurken: er, ein Nachrichtenphänomen, und ich, als Journalist eines seiner Feindbilder. Er, für den es in meiner Welt die Bezeichnung «Wutbürger» gab, und ich, der für ihn sicher ein «Gutmensch» war.

Etwas hinderte mich zu gehen. Günther war ein wechselwarmes Wesen. Eiskalt zu allem Unvertrauten, aber warm zu mir, der ich doch auch ein Fremder war. Er hätte mich, Vertreter der vermeintlichen Lügenpresse, verachten können, wirkte aber dankbar, dass ihm jemand zuhörte. Ich teilte keine seiner Positionen und sagte ihm das auch, begriff jedoch, wie er in den politischen Schmollwinkel geraten war. Aus der Sicht des Landmenschen Günther war die Demokratie zu einer geschlossenen Veranstaltung von Stadtmenschen geworden, die ihre Positionen «alternativlos» nannten und Männer wie ihn «Pack»; die sich in allem einig waren, beim Atomausstieg und bei Auslandseinsätzen; sich aber um Anliegen und Ängste der Menschen außerhalb ihrer Wertewelt nicht mehr scherten. Günthers Vorwurf war dieser: Sobald eine politische Entscheidung die Stadt verlässt und sich auf dem Land materialisiert, interessiert das in der Stadt niemanden mehr.

Günther deutete ins Dunkel vor dem Fenster, im Nachtschwarz blinkten rote Lichter. Vor zehn Jahren, sagte er, habe ein Konsortium Windräder aufgestellt, die Fanale städtischen Fortschrittsdenkens. Arbeiterkolonnen errichteten die Rotoren im vorgeschriebenen Mindestabstand zum nächstgelegenen Haus; hergeleitet aus Schallberechnungen, Schlagschattenprognosen, der Höhe der Masten. Jetzt sollten die alten Räder gegen neue getauscht werden, doppelt so hoch – also auch in doppeltem Abstand? Günther schüttelte den Kopf. Im Einvernehmen, dass die Energiewende alternativlos sei, galten jetzt andere Regeln. Die neuen Masten würden dort gebaut, wo die alten standen. In Günthers Augen der Beleg, dass Gesetze den Gegebenheiten angepasst werden, nicht die Gegebenheiten dem Gesetz. Günther fühlte sich nicht mehr vertreten. In seiner Verbitterung hatte er sich andere Vertreter gesucht.

Auf einer Wanderung, in einer fremden Umgebung, im Kontrast zu all dem, was man nicht ist, schärft sich auch das Bild des eigenen Ich. Ich bin für den Atomausstieg. Ich finde, das wohlhabende Deutschland kann ein Projekt wie die Energiewende am ehesten angehen. Zugleich trafen Günthers Worte ein Unbehagen, das schon länger in mir wühlte: Wann hatte ich – als Städter, als Vorstädter – jemals selbst die Konsequenzen für meine politischen Entscheidungen und moralischen Überzeugungen tragen müssen? Den syrischen Flüchtling hatten wir freiwillig aufgenommen. Ich fahre mehr Bahn als Auto, weil unsere Wohnlage mir das erlaubt. Und die einzige Folge daraus, dass ich Ökostrom beziehe, ist kein Windrad im Garten, sondern dass ich jeden Frühling eine Abrechnung bekomme, der mein Energielieferant eine Urkunde aus braunem Recyclingpapier beilegt, auf der steht, wie viele Tonnen Kohlendioxid ich der Erdatmosphäre mit meinem ökologischen «Strommix» erspart habe. Als wäre ich derjenige, der eine Leistung erbringt.

Dabei wird auf dem Land gemacht und getan, um den Städtern ihr moralisch integres Leben zu ermöglichen. Die Wortführer in den Zentren werden von den Folgen ihrer eigenen Entscheidungen meistens verschont.

Insgeheim wusste ich längst: Mein Entschluss, die Straßen zu verlassen und über Land zu laufen, war zwar im Wald gefallen, aber gereift war er zuvor, in der Stadt. Fast mein ganzes Leben habe ich in Städten verbracht, erst im Ruhrgebiet, dann in Berlin, Prenzlauer Berg. Ich glaube, seit jeher ist die Stadt der beste Platz, um Gewohntes in Frage zu stellen, weil sich hier freier von Zwängen denken lässt als anderswo. Zugleich ist die Stadt der beste Ort für Selbstbetrug und Selbstgerechtigkeit. Dort ist die Energiewende mit der Unterschrift unter einem neuen Stromvertrag geschafft. Mit einem Bahnhof vor der Tür fällt der Verzicht auf ein Auto nicht schwer. Nirgends ist es leichter, ein guter Mensch zu sein.

Aber ist man deshalb besser als die anderen?

Das Überlegenheitsgefühl des Städters; moralisch, intellektuell, stilistisch: Es war mir an mir selbst aufgefallen, als ich in der Stadt lebte. Und an den anderen, als ich mit meiner Familie berufsbedingt aus Berlins Mitte an den Hamburger Stadtrand zog; einfach, weil es uns im Zentrum zu teuer war. Nach dem Umzug litten wir an der Abwesenheit von Kinos, Konzerten, Restaurants und Plakaten, die täglich tausend Möglichkeiten verkündeten. Und wir litten unter einem Unverständnis unserer Stadtfreunde in Hamburg wie Berlin, das ich als herablassend empfand. «Da draußen wohnst du?!», wurde zur Standardfrage, die eher eine Verurteilung war. Als gäbe es kein Leben außerhalb der Großstadt.

Diese urbane Herablassung pflege auch ich weiter. Noch einen Ort weiter draußen, in der nächstkleineren Kleinstadt, kenne ich schon niemanden mehr.

In seinem verfallenden Hof sagte Günther, irgendwann habe er seine Sicht der Dinge nirgends mehr wiedergefunden. Das Thema Wiedervereinigung war durch. Das Thema Windräder auch. Und wer als Schweinezüchter auf dem Land seinen Job verlor, konnte von städtischen Vegetariern auch keine Anteilnahme erwarten, nicht einmal Aufmerksamkeit.

Es war, als gäbe es ihn gar nicht.

So saßen wir beide beisammen, auf der einen Seite des Tisches Günther, auf der anderen ich – in den Augen meiner Stadtfreunde ein Landei, aus Günthers Sicht ein Städter. Mir war, als befände ich mich exakt auf einer Kluft, auf einer historischen Verwerfung, die zwischen Stadt und Land, zwischen Avantgarde und Abgehängten, zwischen Morgen und Gestern zu verlaufen schien, womöglich aber auch zwischen Arroganten und Ignorierten; ganz genau konnte ich das an jenem Abend noch nicht fassen. Vielleicht, weil meine eigene Position nicht klar war. Vehement verteidigte ich alle Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte gegen den verbitterten Alten, alles scheinbar Städtische, das doch universell ist: Gleichberechtigung, Schutz von Minderheiten, Nachhaltigkeit. Zugleich verstand ich Günthers Gefühl der Erniedrigung, des Vergessenseins. Auch, weil es etwas mit meiner Arbeit als Journalist zu tun hatte.

In Günthers verfallendem Haus erinnerte ich mich an den Empfang eines Verlages, zu dem ich einmal eingeladen war. Es kamen mehrheitlich Männer, dem Anlass entsprechend trugen sie Anzug, und je hochrangiger und mächtiger die Gäste, desto filigraner war ihr Schuhwerk. Chefredakteure, Herausgeber, Intendanten – viele von ihnen hatten nur hauchzarte Mokassins an den Füßen. Die Weltendeuter waren in unzerkratzten Schühchen unterwegs, die auf beinahe schwebende, punktuell geführte Leben hinwiesen, auf Bodenberührung allenfalls noch in DB-Lounges, Flughafen-Transitzonen und an Taxiständen. Sie waren auch an diesem Tag sicher nicht mit der U-Bahn gekommen. Wann hatten sie wohl zuletzt einen Bauernhof besucht?

Als ich in den Gartenschuppen ging und im Haus hinter mir das Licht erlosch, wusste ich nach wie vor nicht, was zuerst da gewesen war in Günthers Leben: sein Ressentiment, seine Bitternis – oder seine Begründung dafür. Mir fiel nur auf, dass Günther sich nicht über zu wenig Rente, zu schlechte Straßen oder gestrichene Busverbindungen beklagt hatte; einzig über zu wenig Achtung und Aufmerksamkeit. Und ich verstand, dass meine Wanderung abseits aller Wege mich mitten in ein Thema geführt hatte, das größer und wuchtiger war, als die meisten Demoskopen, Politiker und auch wir Journalisten in den Städten zu jener Zeit vermuteten.

 

Der Schmerz kam aus dem Nichts. Ich versuchte, ihn zu ignorieren und so ins Nichts zurückzudrängen – was schon deshalb nicht gelang, weil ich zugleich damit befasst war, Worte für den Schmerz zu finden. Er war nicht stechend, nicht drückend, sondern brennend. Es gibt kein originelleres Wort für das, was ich unter meinen Füßen spürte. Die Blasen dort, sie waren von dem Moment an bedeutsamer als alle lebensweltlichen Blasen, über die ich gerade noch nachgedacht hatte, als alle Berliner Blasen, Redaktionsblasen und Wutbürgerblasen. Im Büro hätte ich den Kollegen vom Abend mit Günther erzählt, den Computer hochgefahren und Fachbücher mit Titeln wie Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit bestellt, hätte zu recherchieren begonnen, stringent einer Erkenntnis entgegen. Der Reporter in mir wollte das auch jetzt, auf einem Acker bei Güstrow, aber die Erkenntnis des neuen Tages war: dass meine Füße brannten und dass mein Experiment mit mir machte, was es wollte – was wiederum ich gewollt hatte. Mein gut sortierter Alltag, in dem mir Twitter Wem folgen?-Vorschläge schickte und Amazon Das könnte Sie auch interessieren-Hinweise machte; es gab ihn nicht mehr. Jetzt war ich jemand, der auf dem Acker den Schmerz zuließ und weiter zu kategorisieren begann; auf eine Weise, die mir selbst peinlich war, mich aber auch fesselte. Dieser Schmerz war nicht sphärisch wie Kopfweh, sondern mechanisch. Ich hatte direkten Einfluss auf ihn. Sobald ich lief, tat es weh. Blieb ich stehen, hörte es auf. Lief ich dann wieder los, war der Schmerz allerdings schlimmer als vorher, weil kalte Blasen offenbar stärker brannten als warmgelaufene. Würde ich deshalb weiterlaufen, wäre das aber auch keine Lösung, denn dann würden die Blasen nur noch größer, tiefer und blutiger werden. Ich weiß nicht, ob irgendjemand, der im August 2016 auf der Bundesstraße 104 zwischen Güstrow und Sternberg unterwegs war, einen Wanderer bemerkte, der mal in Rücklage, mal weit vorgebeugt, mal mit großen, mal mit kleinen Schritten lief, ein Schmerzingenieur im Selbstversuch. Ich war in den falschen Stiefeln losgelaufen, in viel zu leichten Schuhen, wie sie gerade überall in den Läden stehen, komplizierte Konstrukte aus Netz, Goretex und etwas dekorativem Leder, anatomisch gestaltet, organisch, wie um den Fuß gewachsen. Nur leider nicht dicht. Die Mokassins unter den Wanderstiefeln.

 

An den mecklenburgischen Seen kam der Sommer zurück, als wolle er sich erklären. Plötzlich war Leben im Land, Licht, von allen Seiten kam Bewegung ins Bild. Mähdrescher mit riesigen Heuschreckenkörpern fraßen sich durch die Felder. Am Rande eines Hofes sah ich einer Gruppe Mädchen beim Voltigieren zu; ein Kind stand Kreis um Kreis auf dem Rücken eines Pferdes, stockgerade und stolz, Zirkus ohne Zelt. Wurde es Abend, brachten Väter ihren Söhnen auf abgelegenen Waldwegen Motorradfahren bei. Ich lief jetzt in schweren, klobigen Stiefeln, ein altes, krachledernes Paar, das meine Frau aus dem Keller geholt hatte. Wir trafen uns an einer Landstraße zwischen den Dörfern Hägerfelde und Klein Upahl; ich hatte zu Fuß eine Woche dorthin gebraucht, sie mit dem Auto zwei Stunden.

Trockenen Fußes ging ich durch von der Eiszeit geschliffene Landschaft, eher dünig als hügelig, in Senken lagen kreisrunde Seen, auf einem Steg saßen zwei junge Frauen, Rücken an Rücken. Gern hätte ich beide nach ihren Leben gefragt, aber das hätte bedeutet, sie zu erschrecken. Für sie kam ich aus dem Nichts, ein Fremder, der wie auf der Flucht über die Felder stolperte. Mir wuchs jetzt ein Bart.

Am Dobbertiner See legte ich einen Tag Pause ein, hielt am Ufer meine Füße in die Sonne, teilte mir ihre Wärme mit einer Blindschleiche im Gras. Dies war Fontane-Land, windstill. Im Wasser spiegelten sich die Türme eines Klosters, trutziger Außenposten der Christianisierung, schon vor Jahrhunderten säkularisiert und von allen folgenden Herrschern in eigener Sache genutzt. Unter den Nazis Unterschlupf für ausgebombte SS-Angehörige, nach Kriegsende Entlausungslager für russische Kriegsgefangene, von 1962 an Heim für geistig Behinderte und psychisch Kranke unter Trägerschaft der Bezirksnervenklinik Schwerin, seit der Wende geführt von einer Diakoniewerk gGmbH.

Ich lernte, der Legende nach heiße Dobbertin «guter Ort», eine slawische Gründung, dobry, dobre, dobar, dober sagt man auch heute wenig weiter östlich. Und Dobbertin war gut zu mir. Unter den psychisch Kranken im Städtchen fiel ich kaum auf, als ich – bis auf wenige Schritte asphaltfrei – über sandige Gehwege lief und von Grünstreifen zu Grünstreifen ins Gasthaus «Zwei Linden» sprang, um etwas Warmes, Gekochtes, Gegartes zu essen und mir in bierschwerer Runde Gasthofgeschichten anzuhören. Die Männer im Wirtshaus waren Handwerker und Landwirte, die Frauen Lageristinnen und Kassiererinnen in den Discountern an den Rändern der nächstgrößeren Städte: Krakow, Plau und Lübz. Eine junge Mutter, die bei Penny an der Kasse saß, erzählte, sie habe immer eigenes Kleingeld im Kittel, den Säufern fehle andauernd ein Cent, um die Flasche Korn bezahlen zu können, oder sie suchten zu lange mit zittrigen Fingern, da lege sie schnell die fehlende Münze dazu, «sonst gibt das nur Stress». Ein Bauer ließ wissen, er habe soeben seinen «Brotweizen» geerntet, genau mit dem richtigen Proteingehalt, um ihn zum Höchstpreis zu verkaufen. Den kümmerlichen Raps lasse er stehen, er hoffe auf Hagelschlag und eine satte Versicherungssumme.

Am Tresen war ein Rechnen wie an der Börse, die meisten wetteten in diesem Jahr auf Mais, auf «Futtermais» für die Rind-Brötchen-Gurke-Konsumenten und auf «Energiemais» für Biogasanlagen. Die Zusammensetzung meines «Strommixes» fand Ausdruck in endlosen Maisfeldern und spitz zulaufenden Biogas-Meilern, oft hatte ich gleich zwei nebeneinander gesehen.

«Wie schöne, straffe Brüste, wa?», fragte einer.

Ich saß in einem Gasthof in der sogenannten Provinz, aber mir war, als liefen genau hier alle Fäden des Weltgeschehens zusammen. Deutschland war Maisland geworden, erst wegen der Massentierhaltung, dann wegen der Energiewende. Seit 1980 hat sich die Anbaufläche von Mais im Land verdreifacht, nach Fukushima bauten sie noch mal mehr an, erklärten die Bauern, das Land sehe komplett anders aus als vor wenigen Jahren.

In Dobbertin lernte ich auch einen jungen Schlachter kennen, der sagte, seit den Sanktionen gegen Russland habe er kaum noch Arbeit. Vor dem Krimkrieg wurden fast alle Schweine, die er in Filets, Koteletts und Nackenstücke zerlegte, nach Moskau exportiert. Mit jeder Bombe, die Putin jetzt auch noch auf Aleppo werfen lasse und jeder Vollversammlung der Vereinten Nationen, die darauf folge, rücke die Arbeitslosigkeit näher an sein Leben. Der Mann hatte zwei kleine Kinder.

Ein außer Kontrolle geratenes Atomkraftwerk in Japan, die Besetzung einer Halbinsel im Schwarzen Meer, ein Bürgerkrieg in Syrien und die Zukunft einiger Männer in einer ostdeutschen Kneipe, alles hing mit allem zusammen, jetzt, da nicht mehr Eiszeiten die Erdoberfläche prägten, sondern Subventionen, und eine Entscheidung in New York, Berlin oder auf dem Kommandostand eines russischen Flugzeugträgers im östlichen Mittelmeer einen Mecklenburger zum Gewinner oder Verlierer der Geschichte machen konnte, je nachdem, ob er auf Mais oder Fleisch gesetzt hatte.

Was ist heute eigentlich der Zufluchtsort für Romantiker – das Land oder die Stadt? Wo spielt sich Wesentliches ab und wo Nebensächliches? War ich wirklich ein Aussteiger mit meinen Stiefeln und der staubigen, taschenbesetzten Hose? Oder nicht eher ein Einsteiger?

Der junge Schlachter sagte, die einzigen beiden Parteien, die gegen Sanktionen gegen Russland seien, also am ehesten seinen Job retten könnten, wenn sie an der Regierung wären, seien die Linke und die AfD. Aber er bringe es nicht über sich, sie zu wählen. Seine Überzeugungen waren ihm wichtiger als seine berufliche und finanzielle Sicherheit.

Als Stadtkind fragte ich mich, ob ich bei Wahlen je gegen meine Interessen gestimmt hatte. Ob es überhaupt möglich war, in Berlin, Hamburg oder München derart existenziellen Entscheidungen ausgeliefert zu sein wie der Schlachter von Dobbertin. Wählte ich die Grünen, weil mir an Umweltschutz lag, nahm ich eventuell einen etwas höheren Steuersatz in Kauf. Stimmte ich für die CDU, um Angela Merkel in ihrer Flüchtlingspolitik zu bestärken, würde es vermutlich nichts mit einem Tempolimit auf den Autobahnen. Aber nie ging es um meinen Job.

Als Reporter fragte ich mich, wieso so selten etwas über Menschen wie den Schlachter von Dobbertin zu lesen war. Taugte er nicht zur Romanfigur, mehr noch als AfD-Günther, weil er mit sich rang und kämpfte?

Warum, verdammt, traf ich diesen Mann erst jetzt?

Auch im Gasthof fiel hin und wieder das Wort «Lügenpresse», hinzu kam die Vokabel «Märchenmedien», die war mir neu. Als Journalist weiß ich, dass es keine Verschwörung der Eliten gibt und der Begriff «Lügenpresse» eine Erfindung der eigentlichen Lügner ist, der Hetzer vom rechten Rand. Trotzdem haben Menschen wie ich – nicht nur Journalisten, auch Filmregisseure, Professoren, Politiker und viele Talkshowdauergäste – einen Fehler gemacht. Wir waren träge. Das ist ein schwerer Vorwurf an Leute, die von Berufs wegen neugierig sein sollten. Unser Kontakt zu viel zu vielen Menschen ist gerissen. Vor allem zu jenen auf dem Land.

Die meisten Redaktionen sind voller Städter, die fast immer auch Akademiker sind. Das ist kaum vermeidbar, eher systemimmanent, weil es in meinem Beruf um Lesen und Schreiben geht, nicht darum, wie man ein Schwein schlachtet, einen Motor wartet oder ein Dach deckt. Der Fehler ist, sich deshalb wissend zu fühlen statt beschränkt. Wer verdrängt, dass es die anderen sind, die etwas können und etwas erleben, ist verschlossen da, wo Aufgeschlossenheit angebracht wäre.

Ich kenne Redakteure, die fast nur mit Redakteuren befreundet sind. Ich kenne Redaktionen, in denen zig Menschen ähnlichen Alters, ähnlicher Sozialisation und ähnlichen Status beieinandersitzen, die sich alle für Werke von Quentin Tarantino interessieren, aber nicht für marode Turnhallen oder für Sturmschäden des Orkans Kyrill. Ich kenne Journalisten, die Spielfilme über den Abstieg der Arbeiterklasse zum Anlass nahmen, mit dem Hauptdarsteller darüber zu sprechen, wie es war, sich in die Rolle eines Leiharbeiters einzufühlen, statt die Redaktion zu verlassen, um mal einen Leiharbeiter zu treffen. Es gab eine Zeit, da sprachen in vielen Medien Städter mit Städtern über Stadtthemen, Akademiker schrieben für Akademiker über Akademikerthemen. In einigen Zeitungen wurden bis in feinste Verästelungen zwischen Positionen von Post-, Post-Postfeministinnen und Pop-Feministinnen unterschieden oder Antworten auf Antworten gedruckt, die bereits Antworten auf einen Essay waren, der sich mit der Frage befasst hatte, ob das Rauchverbot in Restaurants Ausdruck eines neuen Tugendterrors sei. Insbesondere in Berliner Redaktionen konnte man den Eindruck haben: Das Spektrum des Bedenkens- und Berichtenswerten werde immer schmaler – und zugleich verfestigte sich das Vorurteil, gleich außerhalb der Stadt beginne eine Art nationales Dschungelcamp, ein Dumpfland, in dem die Leute nur damit beschäftigt waren, ihre Autos zu waschen und Grills anzufeuern.

In der Woche, in der ich an der Ostsee losgelaufen war, hatte eine Kollegin in der Zeit einen klugen Artikel mit der Überschrift Was macht die Autoritären so stark? Unsere Arroganz geschrieben. Es war eine Anklage der urbanen Eliten, eine Selbstanklage: «Wir definieren, was guter Geschmack ist, was sich gehört und was nicht, und wir verachten diejenigen, die sich nicht daran halten. Wie ein Revolutionsregime sind wir über jeden Vorwurf erhaben, denn wir, oder zumindest die Generationen vor uns, haben für diesen Platz in der Gesellschaft kämpfen müssen. Wir haben die Toleranz sozusagen erfunden, deshalb definieren wir sie jetzt auch. Herausgekommen ist die unantastbare Herrschaft des Richtigen, also unsere Herrschaft. Es stimmt ja, wir haben viel Gutes in die Welt gebracht, Gerechtigkeit und Freiheit für Frauen, Migranten, Behinderte, Homosexuelle, das alles ist unsere Tradition. Doch die Klassen haben wir nicht abgeschafft. Wir haben uns nur an die Spitze der Klassengesellschaft gesetzt. Von unten dürfte das Ganze anders aussehen.» Dieses Unten, das war jetzt der white trash, das waren Übergewichtige, Helene-Fischer-Fans und Kerle wie im Dobbertiner Gasthof, die «als» und «wie» verwechselten und keine Vegetarier waren, sondern riesige Schnitzel zersäbelten. In ihrem Artikel fragte die Kollegin, warum auf dem letzten Parteitag der amerikanischen Demokraten zwar eine 25 Jahre alte Trans-Frau, die auch schon ein Praktikum im Weißen Haus gemacht hatte, als Gastrednerin sprechen durfte – aber kein Arbeiter mehr. «Was ist mit den anderen? Die weder schwarz noch hochbegabt sind, weder stilvoll noch transgender und vielleicht noch nicht mal eine Frau?»

In der Dobbertiner Kneipe lief an jenem Abend ein Fernseher. Fußball. In der Halbzeitpause Nachrichten. Die Wirtin regelte die Lautstärke runter. Auf dem Bildschirm sah ich Anton Hofreiter von den Grünen tonlos poltern. Ich mag ihn. Er spricht nicht in Floskeln. Er traut sich, wütend zu werden. Seine Überzeugungen scheinen ihm wichtiger zu sein als seine Karriere. Am Revers seines Jacketts trug Hofreiter eine Regenbogenflagge, Symbol für Vielfalt, Toleranz und Solidarität mit Homosexuellen. Auch das finde ich gut. Eine Zivilisation zeichnet sich dadurch aus, wie sie mit Minderheiten umgeht.

An diesem Abend ging mir auf, dass Hofreiter die Flagge nahezu immer trägt, wenn er im Fernsehen auftritt, in jeder Talkshow, zu jeder Pressekonferenz. Wie meine Kollegin von der Zeit fragte ich mich, ob das dann nicht schon wieder eine etwas intolerante Toleranz ist. Warum gibt es keine Solidaritätslabels für ungelernte Arbeiter mit Zeitverträgen? Für alleinerziehende Mütter mit zwei Jobs? Für Arbeitslose über fünfzig? Oder für Menschen, in deren Dorf der letzte Briefkasten abmontiert wurde?

Zwar flogen Reporter wie ich regelmäßig in die Welt und sprachen mit chinesischen Näherinnen, nicaraguanischen Kaffeebauern oder afghanischen Oppositionellen, aber ein Mann wie der Schlachter von Dobbertin kam nicht vor, auch nicht AfD-Günther in seinem erodierenden Leben. Als höre die Welt am Rande der Städte auf und werde erst in exotischer Ferne wieder interessant!

Im Dobbertiner Gasthof musste ich mir eingestehen, dass auch ich als Reporter Themen meist in unmittelbarer Nähe oder weiter Ferne gesucht hatte, zwar oft bei Benachteiligten und Enttäuschten, bei Obdachlosen in Berlin und alkoholabhängigen Apachen in den USA, aber selten in der Mitteldistanz, im Bayerischen Wald, im Spessart oder in Mecklenburg, wo ich jetzt auf Männer stieß, von denen einige begonnen hatten, den Wert der Demokratie anzuzweifeln.

Übrigens sei da auch noch die Wildschweinplage, seit überall hoher Mais stehe, erfuhr ich beim Abschied. Mir sei noch keine Bache begegnet, die ihre Frischlinge vor mir schützen wolle? Da könne ich aber froh sein! Und aufpassen, weil auf dem Land jeder Vater mit seinen Kindern auf die Jagd gehe, seit alles zerwühlt werde, auch Gärten und Bolzplätze. «Die Kleinen haben einen nervösen Finger. Die schießen, sobald sich was bewegt.»

In der Nacht erhellte das Display meines GPS-Gerätes mein Zelt am Ufer des Sees. Ein dünner Strich auf der digitalen Karte vollzog den Weg nach, den ich bis Dobbertin gegangen war, ein Zickzack aus Umwegen, Irrtümern, Anfängerfehlern. Seit ich auf dem Darß losgelaufen war, hatte ich erst 95 Kilometer Luftlinie zurückgelegt. Blieben bis zur Zugspitze noch 690.

 

Als der große Reporter Wolfgang Büscher vor mehr als zehn Jahren von Berlin bis nach Moskau gelaufen war und ein zutiefst kluges, leises Buch über seine Erlebnisse schrieb, hinterließ er allen nachfolgenden Wanderern Sätze, die nun auch in mir hallten. «Es ist eigenartig, wie das Gehen durch fremdes Land, allein, auf sich gestellt, die Instinkte weckt und sich seine eigenen Gesetze schafft», schrieb Büscher. Ein Gesetz lautete: «Dreh nicht um. Geh weiter, auch wenn du es nicht verstehst. Du wirst es morgen verstehen.»

Obwohl ich keine Staatsgrenze überschritt, streng genommen nicht durch «fremdes Land» ging, nicht durch kyrillisch beschriftete Städte, nicht in russische Weiten, beschrieben Büschers Worte auch mein Erleben und wurden Tag für Tag wahrer. Das Laufen war Lernen. Jeder Kilometer war eine Vorbereitung auf den nächsten. Ich erlief mir eine Verfassung des Vorwärtskommens in einem Land, das meins war und das ich doch nicht kannte.

Jetzt sah ich in jedem Bauern einen Zeitzeugen.

Jetzt versuchte ich, meine Arroganz zu unterdrücken, die immer dann aufkam, wenn ich an eine Straße kam und ein Auto vorbeifuhr, auf dessen Heckscheibe Mutti’s Taxi oder Kevin an Bord stand.

Jetzt mied ich die Maisfelder.

Jetzt hielt ich jedes Rascheln für ein Wildschwein.

Jetzt machte ich Lärm, bevor ich in ein Dickicht ging, pfiff dann oder sang.

Jetzt rief ich jedes Mal, bevor ich wieder in freie Schussbahn trat: «Achtung, Mensch!»

Ich lernte, dass es eine Landschaft in der Landschaft gab, durch die ich gut vorankam: Feld und Flur – hatte ich das Begriffspaar je zuvor benutzt? Ich mied allzu dichte Wälder, auch Naturschutzgebiete; hinter Schildern mit der Biosphären-Eule wurde es oft sumpfig. Zerschnitt eine Böschung den Blick, blieb ich stehen und schaute: War das Laub silbrig, wuchsen dort Weiden? Ich ging nicht mehr auf den niedrigsten Punkt zu, wo sich Schatten und Feuchte hielten, sondern suchte Wege über Hügel und Kuppen. Begegneten mir Wanderer mit Walkingstöcken, war der nächste Ort gefährlich nah. Geriet ich an Stadtränder, in widerborstiges Niemandsland zwischen den Zuständigkeiten, auf triste Brachen, in denen Fernsehkrimis beginnen könnten, war das Risiko groß, ins überwucherte Straßenraster eines aufgegebenen Gewerbegebietes zu laufen. Städte umging ich wie eine Spinne, wob Ausweichwege wie Fäden um das Zentrum eines Netzes. Um Lübz herum brauchte ich einen halben Tag. In meinem Kopf wiederholte ich dabei den Namen des Ortes so oft, Lübz, Lübz, Lübz, bis er zur Weltstadt wuchs.

 

Langsam trocknete die Sonne das Land. Eine Zeitlang lief ich längs der Straßen, die halbwegs nach Süden führten. Hin und wieder zweigten Feldwege ab, für einige Meter asphaltiert. Statt sie zu queren, umging ich sie, als schritte ich ausgehend von einer Wirbelsäule einzelne Rippen ab. Für die Autofahrer, die mich sahen, muss das ein verstörender Anblick gewesen sein.

Entlang der Straßen bekam das Land wieder Namen, knapp und karg, als habe es den Ahnen an Zeit und Sentiment gefehlt: Wüstemoor, Ziegendorf, Hauptstraße, Dorfstraße, Bahnhofstraße. Als ich mich einer Pferdeweide näherte, nahmen die Tiere stampfend Reißaus. Näherten sich Autos, blieben sie statuengleich stehen. Bald war ich per du mit Lastwagenfahrern, zumindest mit ihren Namensnummernschildern hinter den Windschutzscheiben: MANFRED, BERND und LUCKI. Im Grün der Seitenstreifen lagen zerquollene Zigarettenpackungen mit polnischen Warnhinweisen, Palenie zabija, zerplatzte Windeln, McDonald’s-Tüten, Schnapsflaschen, Red-Bull-Dosen und Coffee-to-go-Becher, lauter Erwachsenenmüll, Hinterlassenschaften eiliger Unterwegsernährer, die sich aus mir unerreichbaren Quellen speisten. Ich lief durch Abschnitte voller Morgenmüll und entlang von Wegen voller Abendabfall. Warum was wo lag, blieb ein Rätsel. Wieder aß ich mich durch Apfel- und Pflaumen-Alleen. Ich durchquerte schnurgerade Straßendörfer, weil dort, wo ich aus Westdeutschland Gehwege kannte, nur sandige Pfade verliefen. Die Perspektive des Wanderers, der alles vom Rand statt aus der Mitte der Straße sah, detailscharf statt geschwindigkeitsverwischt: Sie ähnelte jenen Träumen, in denen man durch sein eigenes Zuhause schwebt, ohne sich über das Schweben zu wundern, in denen man Vertrautes aus ungewohntem Winkel betrachtet, tonlos redet, manchmal läuft und läuft und läuft und doch auf der Stelle tritt. Ewigkeiten schritt ich auf gelbe Bundesstraßenschilder zu, großflächig wie ein Kinderzimmer. Kurven, in denen rote Pfeile Autofahrer vor zu hohem Tempo warnten, zogen sich endlos. Viele Höfe standen leer, hin und wieder sah ich gebeugte Alte auf Fahrrädern, quälend langsam und trotzdem schneller als ich, blieben sie außerhalb der Rufreichweite.

Da war etwas, das mich zunehmend beschäftigte. Eine Leere, die auch die Sonne nicht wegstrahlte, eher leuchtete sie etwas aus: Mecklenburgs Dörfern fehlte eine Mitte. Waren es überhaupt Dörfer – oder eine Aneinanderreihung von Häusern, ein Nebeneinander lauter Einzelner? Jeder Garten umzäunt und herausgeputzt, der Rasen dunkel gedüngt und gemäht; auf nahezu jeder Parzelle zwei Drittel Zier und ein Drittel Nutzen, Gewächshäuser, Hochbeete, Hühner. Selten sah ich einen Marktplatz, fast nie eine Kirche, ein Pfarrhaus oder eine Festhalle, Orte, an denen sich das Leben bündeln könnte. Friedhöfe lagen weit außerhalb, wie Sondermülldeponien.

Durchstreifte ich eine dieser mecklenburgischen Siedlungen, fiel mir die Schichtung der Straßen auf. Oben lag Asphalt, an den Rändern wie Lava im Fluss erkaltet. Darunter ein unverschütteter Saum aus Pflastersteinen, womöglich aus der DDR, wahrscheinlicher aber aus Preußen. Daneben Sand, ein Streifen ostelbischer Steppe. Bei diesem Anblick begriff ich das Wort Ge-Schichte. Es war eine Geschichte, die nicht meine war. In Schrittgeschwindigkeit wurde das offenkundig.

Ich fand kaum Identitätsstiftendes, nichts Tröstliches, keine Priorität jenseits der Arbeit. Dies war einst Junkerland, nie in Händen vieler, nie von tausend Bauernfamilien gehütet und vererbt, sondern erst in Besitz weniger Großgrundbesitzer, dann unter Verwaltung sozialistischer Kollektive. Die DDR mit ihren Fünfjahresplänen, Ernteparolen und Helden der Arbeit hatte perfekt auf diese feudale, religionslose, widerstandsfreie Kulturlandschaft gepasst. Land, das ausgebeutet wurde, nicht geliebt. Dass hier keine Bänke standen, war keine Nachlässigkeit, sondern Kultur. In diesem Teil Deutschlands wurde geschuftet, nicht geruht, nicht genossen und erst recht nicht gepilgert wie in meiner westfälisch-katholischen Heimat. Statt Glockengeläut hörte ich nur Hundegebell. Vermisste ich jetzt etwas, das mir vorher nie gefehlt hatte?

Auf dieser Wanderung legte ich mit jedem Kilometer zwei zurück. Einen immer tiefer ins Land. Und einen immer tiefer ins Ich. Da wartete jemand, den ich nicht kannte.

 

Ich betrat Brandenburg an einem namenlosen Tag und auf einem namenlosen Fleck. Es war warm, ich schwitzte. Mir folgten Fliegen wie Möwen einem Fischkutter, und ich folgte einer Idee, von der ich fürchtete, sie sei bloß Illusion. «Hotel am Schloss» hatte auf dem Schild gestanden. Drei Worte, vierzehn Buchstaben, aber in der Phantasie sah ich eine gekieste Zufahrt, einen blühenden Garten, eine Restaurantterrasse, ein Zimmer mit Badewanne, ein Bett.

Wo vor Tagen Blasen waren, bespannte harte Haut die Füße, zäh und ingwerfarben. Das Gehen fiel mir leicht, manchmal sah ich meinen Beinen beim Laufen zu und dachte: Das da bist jetzt du. Mein Kopf hatte den Rucksack als Körperteil akzeptiert, ich war in ein Stadium gelangt, in dem mir Losgehen selbstverständlicher schien als Stehenbleiben. Wer jemals an einem Flughafen auf einem der Laufbänder unterwegs war, die den eigenen Gang beschleunigen, und dann wieder festen Boden betrat, weiß, was ich meine.

Zugleich zehrte das Unterwegssein. Man ist allein. Man ist im Freien. Man fühlt sich schmutzig. Man ist durstig oder hat Angst vor dem Durst. Man vermisst ein Dach, ein Haus, eine Hülle, die einen vor dem Draußen dadurch schützt, dass sie den Sinnen eine Pause gönnt. Deren Wände das Rascheln und Rauschen der Nacht wegfiltern. In deren Innerem allem genau ein Zweck zugeschrieben ist: dem Herd, dem Kühlschrank, dem Sofa, dem Lichtschalter, dem Waschbecken, der Toilette. Zwar nannte ich das, was ich im Zelt tat, ins Bett gehen, und das, was ich im Wald machte, aufs Klo gehen. Aber das traf es nicht.

Ein mittlerweile vertrauter Schatten begleitete mich, als ich am Abend tatsächlich eine gekieste Zufahrt betrat und auf ein Haus aus braunem Bruchstein zulief, davor wie hängende Blütenkelche orangefarbene Sonnenschirme einer Brauerei. Im Garten trugen Hortensien schwer an ihren Rispenköpfen. Auf der Restaurantterrasse sagte der Wirt, alle Zimmer seien vergeben. Aber an Tagen, an denen es spät werde, fahre er nicht mehr nach Hause, sondern lege sich auf den Dachboden über der Küche. Da könne ich auch schlafen. Denn heute werde es spät. Er warte noch auf einen Gast.

Der Wirt, leise, fast lautlos im Auftreten, trug einen grauen Bart und eine Brille, klein und rund wie ein Statement. Wenn er lächelte, lächelten seine Augen mit und ließen mich an Steven Spielberg denken, den Regisseur und Traumfabrikanten. Doch dies war die Prignitz, nicht Amerika.

Als die letzten Gäste auf ihre Zimmer gingen, der allerletzte Gast aber noch nicht eingetroffen war, schloss der Wirt eine Tür am Ende des Speisesaales auf und führte mich in eine Bibliothek. Oder war es eine Zeitkapsel? Holzdielen, Biedermeier- und Art-déco-Möbel, Bücher von Fontane, Tolstoi, Fallada, Rilke, den Manns. Wir saßen in tiefen Sesseln. Er, der Genießer, trank Wein. Ich, der Durstige, Bier. Der Wirt hatte viele Fragen, ich brachte mittlerweile Geschichten mit. Als ich meine erzählt hatte, begann er mit seiner: Das Hotel sei einst ein Fohlenstall gewesen. Der gehörte zum Schloss der Adelsfamilie zu Putlitz, das sich hinter dem Wald im Rücken des Hotels verberge. Seine Mutter, ein Dorfkind, habe als Mädchen mit den Schlosskindern gespielt, 1945 aber verließen die Gutsherren das Land, zurück blieb das Volk und bei der Mutter eine Nostalgie, die sich auf den Sohn übertrug.

Der Wirt litt still in seinem Sessel, als ich ihm von der Leere erzählte, die ich in den umliegenden Dörfern empfand. Denn die Leere, die fühlte auch er, der hier zu Hause war, und sie ängstigte ihn, denn wo Leere ist, ist Platz für Ideologien, in diesen Zeiten sind es die rechten. Ein Linker war der Wirt nicht, ein Mann mit einer Schwäche für Ölgemälde, teures Porzellan und zwei Möpsen, die ihm röchelnd durchs Hotel folgten. Auch war er kein Rechter, nicht mal träumte er von Restauration, von einer Rückkehr der Familie zu Putlitz, er nahm nur Anleihen dessen, was mal da war, um ein Vakuum zu füllen. Der Wirt lud zu Lesungen und literarischen Dinners ein, das Mobiliar für die Bibliothek hatte er auf Flohmärkten gesucht, einige Gemälde auf ebay ersteigert, jedes Detail hatte Bedeutung, nichts war beiläufig; in dieser Hinsicht war er wirklich ein Spielberg und sein Haus eine Traumfabrik, die in die Wirklichkeit abstrahlen sollte.

In der Stadt hätte sich der Wirt die Mühe nicht machen müssen, dort war alles gegeben, hier nichts. In der Stadt ist Kultur ein Angebot, auf dem Land ist sie eine Leistung. In der Stadt gibt es Infrastruktur, auf dem Land besteht die Infrastruktur aus den Menschen und dem, was sie tun oder unterlassen.

Am nächsten Morgen – der Wirt und ich hatten in gegenüberliegenden Ecken des Dachstuhls gelegen und abwechselnd dem Schnarchen des anderen gelauscht – war endlich der lang erwartete Gast gekommen. Eine Veganerin mit Kernobstallergie, sie mäkelte am Frühstück herum. Der Wirt trug ein Gesicht wie eine Fassade, räumte die Tische ab und sagte zu mir: «Kommen Sie mit.»

In seinem Auto, französisches Fabrikat, fuhren wir ein Stück des Weges zurück, den ich am Vortag gelaufen war. In Gegenrichtung, nach Norden, gestattete ich mir diese eine Autofahrt. Der Wirt hielt in einem Dorf, das eine Mitte hatte, und in dieser Mitte stand eine zierliche Kirche, die Patronatskirche der Familie zu Putlitz, Fachwerk, Stein und Schiefer, AD 1913. Das Tor war verschlossen, aber der Wirt hatte einen knochigen Schlüssel dabei, ein Klacken, ein Knarzen, dann trat er zur Seite und winkte mich stumm herein. Im Kirchenschiff blaues Gestühl und noch die Kälte der Nacht, neben dem tuchverhangenen Altar ein Kachelofen, die Decke ein helles Tonnengewölbe, mit Blumen bemalt, rostige Kandelaber, laut Inschrift «gestiftet von Hans Kolbow, Maurer und Zimmermeister», auf einer Empore die Orgel, rot lackiert, Leierkasten eines Riesen.

«Hat sich kaputtgestanden, spielt ja keiner», sagte der Wirt.

Es gab keinen Pfarrer mehr zu dieser Kirche und kaum mehr Besucher als ihn und eine Frau, von der er sich hin und wieder den Schlüssel lieh. Mit Glück gab es zu Weihnachten so etwas wie einen Gottesdienst. Oder einen Morgen wie diesen, sagte der Wirt. «Ich hätte Sie nicht gehen lassen, ohne dass Sie diese Kirche gesehen haben.»

Über hölzerne Treppen stiegen wir den Turm hinauf, Spinnweben im Gesicht und Taubenkot an den Schuhen. Ein Storch sah zu. Oben hingen zwei Glocken im Gebälk, eine kleine und eine sehr kleine. Mit den Fingernägeln schlug der Wirt an seine, ding, dann ich an meine, dang. Ding, dang, ding, dang. Dann Stille, vielleicht für immer.

 

Am elften Tag, ich hatte nachgezählt, ging ich durch ein Gemälde. Diesmal expressionistisch, vielleicht Nolde. Der Horizont lag tief, alles war nach Komplementärfarben geordnet: Himmelblau über Weizengelb, Ziegelrot unter Baumgrün. Dem Anschein nach war Sommer, dem Geruch nach Herbst. In der Nacht hatten die Menschen ihre Öfen angefeuert, die Morgenluft trug ein torfiges Aroma. Ein Starenschwarm fiel über einen Kirschbaum her, eine Wolke aus schwarzen Körpern und hellem Getschirpe.

Westlich von Wittenberge bestieg ich einen Deich und sah dahinter die Elbe. Langsam, in öligen Strömungsschlieren glitt das Wasser von links nach rechts, von Ost nach West; die Himmelsrichtungen hatten auf meinem Weg feste Plätze. Ich hatte den Fluss herbeigesehnt, als Beleg für ein Vorankommen, als Wegmarke, die sich – anders als die Nicht-Orte zuvor – von niemandem wegdiskutieren ließ, nicht von Unkenntnis, nicht von eigener Verzagtheit, vom Gefühl, nicht voranzukommen. «Heute querst du die Elbe», sagte ich zu mir selbst, mal leise, mal laut; mir gefiel das altertümliche Wort queren. Wann quert man schon noch etwas? Queren klingt nach Beschwernis, aber auch nach Belohnung. Elbe, Main, Donau. Drei Flüsse, die das Land vierteln, nicht nur geographisch. Nach elf Tagen hoffte ich, jenseits der Elbe warte Neues, wie hinter dem Brenner oder jenseits des Ural; so bedeutsam hatte die Langsamkeit des Wanderns den Fluss werden lassen.

Auf der Deichkrone fädelte ich mich für einige Kilometer in einen Strom neongrell gekleideter Radwanderer ein, trieb mit ihnen nach Westen, auf Hamburg zu, und stieg dann auf eine Fähre, die schnell und schlank wie ein Weberschiffchen über den Fluss pendelte. Das Boot war kein Boot im eigentlichen Sinne, hatte weder Bug noch Heck, kein Vorne und kein Hinten; nur eine Schranke an jedem Ende, dazwischen lindgrün gestrichener Stahl. Am Steuerstand saß in einem schwarzen Drehsessel der Fährmann, unmaritim wie sein Schiff. Kariertes Kurzarmhemd, Jeans, Sandalen. Fünfmal glitt ich mit ihm über den spiegelglatten Fluss, nur eine ungerade Zahl an Überfahrten würde mich ans andere Ufer bringen. Einmal fuhr ein kahlköpfiger Wachmann aus Gorleben mit, einmal eine Familie, Urlauber, die das Navigationsgerät auf der Straße gehalten hatte, bis sie im Wasser versank. «Wer ‹kürzesten Weg› eingibt, landet bei mir», sagte der Fährmann. In der Flussmitte ließ er die Fähre einmal auf der Stelle kreisen, eine Karussellfahrt für die Kinder, die mache er auch bei Hochzeitspaaren, manchmal transportiere er Pferde, und wenn sein Schiff voller Trabbis sei, sagte der Fährmann, «ist wohl irgendwo wieder Nostalgietreffen».

Dass ich die Fähre nicht verlassen wollte, immer wieder hin und her fuhr, lag daran, dass ich dankbar war, mir auf dem Wasser den Weg nicht selbst erschließen zu müssen, gar nicht zu können. Die Richtung war vorgegeben, das Brummen eines Motors vertraut; es war wie eine Pause von einer Wanderung, die auch schon Pause von etwas war.

Die Fähre hieß Ilka, und ich vergaß zu fragen, warum, weil ich zu müde war und weil der Besitzer von sich aus erzählte. Dass immer weniger Menschen Muße hätten, die Elbe per Schiff zu queren. Dass aber fast jeder, der komme, eine Geschichte mitbringe. Seit eine Firma für Jalousien vom Westen in den Osten gezogen sei, flussaufwärts den Subventionen hinterher, habe sich der Pendlerstrom gewendet, als sei eine ökonomische Tide gekippt. Mehrere Winter fuhr er zu Heiligabend einen Weihnachtsmann von West nach Ost, «der kam nie zurück, aber jedes Jahr wieder». Einmal glaubte der Schiffer, Zeuge einer Entführung zu werden, als ein Mann mit einem Auto auf sein Schiff rumpelte, auf dem Beifahrersitz saß eine Frau mit verbundenen Augen. Es wurde ein Heiratsantrag. Später sah er die beiden als Ehepaar wieder.

Als ich mich eine halbe Stunde hatte hin und her wiegen lassen, raffte ich mich auf, zahlte für die Überfahrt und lief durch einen Zipfel Niedersachsen. Dann lag auf dem Weg, den ich mir vorgeschrieben hatte, flach und weit Sachsen-Anhalt, Lutherland, und ich war wieder allein.

Es war ein Alleinsein eigentümlicher Art, eine Einsamkeit unter vielen. Die Wärme hatte das Getreide reifen lassen, jetzt wurden die Mähweiden geschnitten, wurde Heu gewendet und Weizen geerntet. Mähdrescher zogen ihre Bahnen über die Felder, begleitet von Traktoren, in deren Anhänger sie das Korn spien. War ein Wagen voll, rückte der nächste nach. Die Landwirte schnitten mir Sichtachsen frei, Flure und Gänge öffneten sich – zögernd lief ich hindurch, weil der Schweizer Sozialgeograph vorausgesagt hatte, dass ich zur Erntezeit Ärger bekommen würde. «Was Sie für Natur halten, sind Produktionsflächen, Privatbesitz. Das ist vielleicht nicht so erkennbar, weil da Pflanzen sind und kein Beton. Aber Sie haben da draußen keine Zuständigkeit.» Jetzt schritt ich über Felder, die endlich begehbar waren, sorgsam geeggt wie japanische Zen-Gärten. Ich trat eine Fußspur quer durch alle Rillen und Linien, die die großen Maschinen zogen, hoch oben in Glaskapseln Fahrer wie Agronauten, ich winkte verlegen, und sie hoben die Hand zum lässigen Präsidentengruß. Entweder war ich ihnen egal und ein Trampelpfad keine Gewinneinbuße, oder sie hatten vor lauter «Produktionsdruck», von dem der Geograph gesprochen hatte, nicht mal mehr die Zeit, mich zu maßregeln. Von oben betrachtet, dachte ich, hätten die Maschinen und der Mensch auf dem Feld das perfekte Motiv für einen Bildschirmschoner abgegeben: ein großer und ein kleiner Punkt, die sich verschieden schnell und in unterschiedlichen Richtungen über ein Viereck bewegten, aber sich niemals berührten.

II Die Mitte

Etwas blieb gleich südlich der Elbe. Der sandige Boden, staubfeines Korn, das ich auf der Zunge schmeckte und aus den Augen rieb. Und etwas wurde anders. Da waren mehr Kirchtürme, rot und spitz, alle ähnlich, wie aus einer Zeit, einer Hand, einem Bausatz. Das Land bekam langsam eine Struktur, einen Rhythmus, wie ich ihn kannte.

Durch den Sand, der nun südelbisch war, ging ich lange auf eine stecknadelköpfige Baumreihe zu, wahrscheinlich eine Allee quer zu meiner Laufrichtung. Zwischen den Bäumen leuchtete ein dottergelber Fleck, der, als ich näher kam, zu einem Ortsschild wurde, auf dem stand: Deutsch – Gemeinde Zehrental – Landkreis Stendal. Zur Begrüßung schrie ein Hahn.

Auch Deutsch war ein Dorf auf sandigem Grund, also begehbar; so beschloss ich, seinem Namen nachzugehen. Es war Mittag, Ende August, Sommerferienstille. Das Dorf stand; Häuser, Autos, Traktoren, Pfluggeschirre, der Kirchturm wie eine Kopie der vorherigen. In einem Garten saß ein Mann, alt, dick, halbnackt, auf einer Hollywoodschaukel; über den Zaun hinweg fragte ich, ob er mir verraten könne: Was ist Deutsch?

«Da musse nach Mewes gehen.»

Kurz glaubte ich, er meine einen anderen Ort, Mewes, Mewow, Mewin, einen der unzähligen W-Flecken des Ostens, aber dann rief er von der Schaukel herüber: «Der Mewes is gebürtiger Deutscher.»

Der Mewes hockte im Gemüsebeet, als ich an seinen Garten herantrat. Ein Kahlkopf um die siebzig. Mühsam erhob er sich, rieb seine Hände sauber und lief mit dem verschleppten Gang eines arthritischen Mannes auf einen ziegelroten Dreiseithof zu, sein Elternhaus.

Der Mewes war das Dorfgedächtnis von Deutsch, zwischen Kindheit und Rente ein «Futter-Agronom». Wieder eine LPG-Geschichte. Zur Langsamkeit einer Wanderung gehören auch – oder vor allem – Wiederholungen. Rinder, Schweine, Mais und Gülle. In mein Notizbuch schrieb ich: Der Mittlere Westen Deutschlands liegt im Osten …

Wir saßen an einem kleinen Tisch unter der Hofeiche, ich trank den Staub und den Durst weg, und der Mewes erzählte, was Deutsch ist. Einen Bürgermeister gab es nicht in diesem Ort mit 110 Einwohnern, 41 Häusern und 32 Hunden. Kein Geschäft, die Schule in den sechziger Jahren geschlossen, dreißig Kilometer bis zum nächsten Gymnasium, die Dorfchronik im Zuge des Arbeiteraufstandes vom 17. Juni 1953 verschwunden. Sicher sei aber, dass der Name Deutsch nichts mit «deutsch» zu tun habe. Das Dorf wurde schon vor über tausend Jahren als Heimstatt einer Sippe namens Dudicha erwähnt; dann begann die Zeit, mit dem Wort zu spielen.

Es dauerte etwas, bis ich merkte: Der Mewes spielte auch mit mir. All seine Berichte hielten einen Sicherheitsabstand zum Heute. Die Kirche, ja, neogotisch, 1885 bis 1886 erbaut, als eine von vielen, die Kaiser Wilhelm I. den Untertanen vom Reparationsgeld spendierte, das die Franzosen ihm zahlten. Leider ließ Willhelm II. dann für seinen Weltkriegsbedarf zwei Glocken konfiszieren. Der letzte Brand im Dorf? 1954. Ein Orkan deckte 1972 das Kirchendach ab. «Und neulich hat ein junger Mann in einer Kurve den Zaun genommen.»

Als der Mewes dachte, ich ging, blieb ich. Mochte ich mich mit dieser Wanderung willkürlichen Begegnungen ausgeliefert haben, dem Wetter, dem Relief, den Launen anderer und meinen eigenen, dem Schicksal, der Fügung, höherer Gewalt und was noch allem – dieses Mal fühlte sich das falsch an. Ich war in ein Dorf gelaufen, jetzt wollte ich es auch verstehen. Möglich, dass ich mit einigen Leuten sprach, über Zäune hinweg. Oder an einem Aushang der Gemeinde Telefonnummern abschrieb. Oder verschwand und im Dunklen zurückkam.

Es brauchte nicht viel, und Deutsch war: ein Dorf, in dem ein Vierzehnjähriger ein Mädchen geschwängert hatte, in dem der Strom ausfiel, sobald ein Sturm einen Baum in die Überlandleitung warf, in dem ein Anwohner die weithin sichtbare, hölzerne Windmühle auf seinem Grund demontiert, verkauft und dem Ort so sein Wahrzeichen genommen hatte. Vor allem aber war Deutsch ein Dorf, in dem ein hochaktueller Streit tobte. Der letzte Bauer hatte seine Milchkühe abgeschafft und auf Biogas umgestellt, wofür er nur noch zwei Angestellte brauchte. Deshalb waren noch mehr Ostdeutsche arbeitslos. Und Westdeutsche, die aus der Stadt aufs Land gezogen waren, um über Weiden und Weizen in die Idylle zu blicken, schauten aus mühsam renovierten Resthöfen auf wandhoch stehenden Mais. Ausgerechnet der Bauer, der mit einem grotesk großen Pick-up-Geländewagen durch Deutsch rollte, auf der Fahrerkabine sechs Scheinwerfer wie für ein Erschießungskommando, vermutlich für Wildschweine, machte in erneuerbaren Energien, Umweltschutz. Und linksalternative Zigarettendreher beschwerten sich über den Gestank seiner Biogasanlage, verbrannten aber Laub im Garten, was, so war zu hören, der Bauer wieder irgendwem meldete. Was war richtig, was falsch? Was gut, was schlecht? Ein materialistischer Großkotz tat jetzt Gutes, zumindest lieferte er Biostrom. Postmaterialisten mussten sich vorwerfen lassen, dass es ihnen auch nur ums eigene, gute Leben gehe. In ihrem Ärger über die Energiewende waren sie sich sogar mit AfD-Günther einig, ohne es zu ahnen. Alles war durcheinander in Deutsch, so durcheinander wie im ganzen Land. In Deutsch bündelte sich noch einmal alles, was ich seit meinem Aufbruch erlebt hatte, als zöge jemand eine etwas verfrühte Halbzeitbilanz. Ich erfuhr von Feindschaft, Anzeigen und Denunziationen. Von seinen Gegnern wurde der Bauer «Dorf-Putin» und «Neu-Junker» genannt, sie hätten ihn auch als «Mais-Trump» beschimpfen können und er sie als «Linksversiffte»; jeder nahm verbale Anleihen aus Geschichte und Weltpolitik, und das war interessant. Die ganze Unordnung der Welt, alle Konflikte, alle Konfrontation, das fand sich in der kleinsten Zelle. Vielleicht gerade da. Und eher als anderswo. Weil in einem Dorf kein Platz zum Ausweichen bleibt.

Wie im Gasthaus von Dobbertin war mir wieder so, als sei ich in der Stadt von etwas verschont geblieben. Als sei die Wirklichkeit auf dem Land noch wirklicher.

 

Seit ich meine Lebens- und Gedankenwelt verlassen hatte, seit ich ungeschützt, aber mit geschärften Sinnen über Land lief, sah ich klarer all die Lebenswelten, die die anderen umhüllten; nicht nur in der Stadt. Da waren die Landwirte in ihren raumschiffgleichen Erntemaschinen, in denen Monitore in Echtzeit den Ertrag anzeigten. Da war AfD-Günther in seiner Verlorenheit. Da waren Kinder, die eine Stunde im Bus zur nächsten Schule fuhren. Da war ein seltsames Dreiergespann; eine dicke Frau und zwei noch dickere Männer, die mich morgens um elf auf ein Bier einluden. Da waren Eltern im Stressmodus, die ihre Töchter und Söhne in Autos verfrachteten. Da waren knittergesichtige Frauen in Kittelschürzen, die wie erstarrt auf Bänken vor ihren Häusern saßen. Da waren Hippies, hinter deren Hof ich unter Hanfbüschen zeltete, alle ein bisschen gealtert und desillusioniert in ihrer Kommune, die noch klischeegerecht bunt, chaotisch und unaufgeräumt war, in der zugleich inzwischen bürgerliche Ordnung herrschte, weil längst wieder Familie für Familie einzeln wohnte, kochte und schlief.

Hätte ich eine Landkarte der Milieus gezeichnet, einen Atlas aller Begegnungen, er wäre sehr kleinteilig und bunt geworden, viel vielfältiger als vermutet,voller «Resonanz» – so hatte sich der dritte Experte ausgedrückt, mit dem ich vor meinem Abschied aus dem Alltag gesprochen hatte. Hartmut Rosa, Soziologe, nicht unbekannt und in seiner Forschung gerade mit der Frage befasst: Welchen Bezug hat der Einzelne zur Welt, wenn seine Reichweite immer größer wird, er aber vor lauter Unterwegssein nirgends mehr wirklich ist? Hartmut Rosa sprach von «Weltreichweite». Wir kommen im Auto, im Zug, im Flugzeug sehr schnell sehr weit, im Internet sogar augenblicklich ans andere Ende der Welt, «und das alles im Sitzen». Ausgerechnet im Gehen, in der Bewegung, werde sich meine Weltreichweite radikal verkürzen, sagte der Soziologe. «Und Sie werden überall Resonanz erfahren.» Erlebnisse, Begegnungen, Gespräche, Angst, Enthusiasmus.

Ich weiß bei Soziologen selten, wann sie Kompliziertes einfach erklären und wann sie Einfaches kompliziert ausdrücken. Aber Hartmut Rosa hatte vollkommen recht: Warum beschäftigen wir uns das ganze Jahr über mit der Frage, wo und wie wir unsere dreißig Urlaubstage verbringen, wenn nicht wegen fehlender «Resonanz» im Sitzalltag? Wieso reicht Seife zum Waschen nicht mehr aus, sondern muss es ein Duschgel mit Mango-Aroma und Massage-Effekt sein, mit «irgendeinem Naturdingsda und Rückkopplungseffekt», wie der Soziologe es nannte? Weshalb macht uns ein Like auf Facebook so glücklich?

Hätte er nur Zeit, sagte Hartmut Rosa. Dann würde er gern mit losziehen, sein Büro verlassen, denn «eigentlich bietet die Welt so viele Perspektiven – und die Möglichkeit, auch sich selbst ganz anders zu begegnen. Das Selbst und die Welt sind immer unmittelbar aufeinander bezogen. Ändert sich das eine, ändert sich automatisch das andere.»

Jetzt, im Resonanzraum Sachsen-Anhalt, geographisch auf einer Höhe mit Berlin und Hannover, war ich tatsächlich nicht mehr ich, und die anderen waren nicht mehr einfach nur die anderen. Im Osten war ich westdeutscher, als ich mich kannte, katholischer und kirchenbedürftiger. Auf dem Land, das der Osten hier zugleich war, und in andauernder Bewegung, war ich außerdem hungriger, durstiger. Und blutrünstiger. Ich hatte jetzt natürliche Feinde. Seit mich Furcht vor Wildschweinen durch die Wälder begleitete, erkundigte ich mich bei Bauern auf den Feldern, wann die nächste Jagd anstehe und ob ich dabei sein dürfe. Wenn schon geschossen wurde, wollte ich am richtigen Ende des Gewehrlaufs stehen. Essen, Trinken, Schlafen, Schießen. Die Frage, ob ich am nächsten Bauernhof meine Wasserflaschen auffüllen dürfte, war drängender als die, ob der Bauer dort ein Öko oder ein Giftspritzer war, ein Mann oder eine Frau, ein Rechter oder ein Linker, denn Hilfsbereite und Arschlöcher gab es hier wie da; politische Kategorien interessierten mich immer weniger, zu selten passten sie auf das Erleben; die Richtung, die mich interessierte, war Süden, und auch das war eine Erkenntnis: Meine politischen Reflexe wurden außer Kraft gesetzt. Zwar ist man zu Fuß sehr langsam, doch kommt bei genau dieser Art der Fortbewegung manche Gewissheit nicht mit.

Ich hatte jetzt 200 Kilometer hinter mir und fühlte mich weder klüger noch dümmer als zu Beginn; auch war mein Ich nicht «wahrer» als früher. Ein paar Tagesmärsche weiter würde es ja schon wieder ein anderes sein. Das wusste ich jetzt, darüber erschrak ich nicht mehr. Ich erschrak darüber, wie gern man glaubt, man sei in erster Linie das Produkt seiner selbst und nicht seines Umfeldes. Und die eigene Sicht auf die Welt sei die einzig wahre.

 

Eines Abends trank ich mit einem Rumänen. Ich hatte mein Zelt unter einem Walnussbaum aufgeschlagen, mit Einwilligung einer Bäuerin. Vor ihrem Hof stand ein alter VW Golf, der rote Lack von vielen Sommern gebleicht. Er gehörte Liviu, einem schmächtigen Kerl mit Spargelarmen, die Augen verschattet, grauer Pullover, so stand er plötzlich vor mir.

Liviu war kein Erntehelfer und kein Hilfsarbeiter. Er war Arzt, vor drei Monaten in Rumänien losgefahren, 1600 Kilometer in ein neues Leben, in dem er Dorfdoktor werden sollte. Denn Deutschland ist nicht nur das Land, in dem das Obst ungepflückt von Bäumen fällt. Hier wollen Ärzte auch nur in Städten Ärzte sein.

Liviu war 35 und kam aus Craiova, 300000 Einwohner; ein Krankenhausarzt mit mehr Renommee als Gehalt. Deshalb war er einer Vermittlungsagentur gefolgt und wurde nun im nächsten Ort in die Praxis einer Siebzigjährigen eingearbeitet; er würde sie übernehmen, genauer gesagt: kaufen, von Geld, das er nicht hatte. Jetzt blieb das Wartezimmer der alten Ärztin leer. Manche Patienten wollten lieber keinen Arzt als ihn, einen Rumänen. Klauten die nicht Autos? Liviu wiederum waren die Deutschen fremd. «Sind kalt», sagte er, «sind nicht südig.»

Es gibt Geschichten, bei denen man schon am Anfang das Ende fürchtet. So auch bei Liviu. Einem Mann, zu stolz für die Situation, in die er geraten war.

Liviu war als Arzt gekommen, jetzt aber ein Außenseiter, wie ich einige traf in den Randbezirken der Wahrnehmung. Nach der bulgarischen Strandverkäuferin war er der zweite Osteuropäer. Amerikanern, Briten oder Franzosen begegnete ich nie; die gehören nicht zum Fußvolk der Globalisierung. Unterm Walnussbaum erzählte Liviu von seinen Problemen mit der deutschen Seele und der deutschen Sprache, nicht «südig», sondern dunkel. «Schutz, Schluss, Schulter. Nur U und SCH», sagte Liviu, für alles ein Artikel, der, die, das, «und in Deutsch muss man auch warten immer auf Verb: Herr Doktor … ich weiß nicht … was ich … am Rücken … habe.» Ein Arzt braucht Worte, ein Arzt braucht Vertrauen, Liviu fehlte es an beidem. Ich begegnete ihm an einem biographischen Kipppunkt, an dem er die Ablehnung, die er erfuhr, seinerseits in Ablehnung umwandelte. Alles an Liviu war Anspannung, seine Gesten waren scharf, seine Sätze auch. Liviu wunderte sich, dass sich die Deutschen ihre Eheringe auf die rechte Hand stecken, Rumänen tragen sie links: «Wo Herz ist, natürlich!» In Rumänien stürben die Leute früher, aber sie stürben wenigstens am Leben, meist an einem Herzinfarkt, am Essen und am Alkohol. «In Deutschland haben alle Depressionen.»

Liviu war nicht allein gekommen, er hatte seine Frau Simona mitgebracht und seinen dreijährigen Sohn, der wie der Vater hieß. Die Familie wohnte in einer möblierten Ferienwohnung im Hof der Bäuerin, Liviu bat mich hinauf. Simona, dunkeläugig, dunkelhaarig, makellos wie eine Schönheitskönigin, in Rumänien Studentin, hatte gekocht, mitten im Sommer ein Winteressen: Polenta, Schwein, Paprika. «Deutsches Essen nicht gut für uns», sagte sie, «wir haben Bauchschmerzen. In Rumänien wir haben normale Markt, kennst du? Da kommt ein Bauer und verkauft. Hier nicht, sogar im Land nicht! Ihr habt Supermarkt. Ist teuer, aber nicht frisch.» In ihren Augen, schien mir, war Hoffnung schon von Enttäuschung abgelöst; während wir aßen, saß Simona am Laptop, schickte Mails nach Rumänien und klickte Bilder aus ihrem alten Leben auf den Bildschirm: die Hochzeit, gefeiert in einem marmornen Ballsaal, das Haus, groß und weiß, der Hund Albano, die Katze Romina, Grillfeste mit Freunden.

Wir saßen in einer kleinen Küche, dunstwarm, kochneblig, draußen war es dunkel geworden, Deutschland vor dem Fenster ein Reich der Düsternis. Es war Ende August, die Tage wurden kürzer, mir blieb das unterwegs nicht verborgen. Da war mehr Schatten. Was würde der Herbst mit der Familie machen? Liviu verhärtete hier, Simona versank in digitalen Fotoordnern. Er war seinem Ego gefolgt, sie hatte ihres aufgegeben. Ein Paar in seinem verletzlichsten Moment.

Den ganzen Abend über dachte ich: Liviu, rette deine Frau, deine Familie, dein Leben! Steig in den roten Golf und fahr los!

Aber Liviu war nicht nur zu stolz für die Erniedrigungen, die er im neuen Land verspürte. Er war auch zu stolz, um in sein altes zurückzukehren. Was hatte er zu Hause nicht alles an Gründen vorgebracht? Die Verlässlichkeit der Deutschen. Ihre Wirtschaftskraft. Die Zukunft des Sohnes. Vielleicht stünden auch bald wieder die Russen in Rumänien, sagte Liviu. Sein Land sei selten frei gewesen, erst von Deutschen besetzt, dann von Sowjets. «Gibt einen Spruch in Rumänien», sagte Liviu: «Es war schwierig mit der, die, das, aber schwieriger mit dawai ceas.» Für diese zwei Worte seien die Rotarmisten berüchtigt gewesen. Dawai ceas, her mit der Uhr!

«Der, die, das … ich werd lernen», sagte Liviu, holte eine Flasche hervor und goss ein: Țuică. Der, die, das Schnaps. Liviu wünschte noroc!, ein zigfach belegtes rumänisches Wort für Gesundheit, Glück, Hals- und Beinbruch, alles Gute, zum Wohl. Simona war mit dem Kind im Schlafzimmer verschwunden.

Liviu trank aufs Bleiben. Ich trank, um zu schweigen. Einem Lustreisenden wie mir, dessen Weg sich kurz mit dem zweier wahrer Wanderer gekreuzt hatte, stand Reden nicht zu.

Am nächsten Morgen weckten mich die Hähne. Es war noch dunkel, als ich ging.

 

Ich war allein losgelaufen an der Ostsee, ohne Freund, ohne Hund, ohne Stock. Mittlerweile hatte ich Begleiter, wenn auch unsichtbare. Ich bekam SMS-Nachrichten, besorgte von Ute und Wolfgang, anspornende vom Schlachter aus Dobbertin. Ich sagte Liviu und Simona, was ich ihnen beim Essen nicht gesagt hatte, empfahl ihnen in Selbstgesprächen Ausflüge nach Magdeburg und Wolfsburg, wenn sie schon bleiben würden. Auf leisen Sohlen schloss hin und wieder der Wirt des Schlosshotels auf und mahnte, ein Auge für versteckte Kunstschätze zu haben. Über alle Phantome beugte sich AfD-Günther wie ein Erinnerungsriese am Ende der Gruppe.

So zog durch Sachsen-Anhalt eine Geisterprozession, die nur ich sah, Giganten und Zwerge, die wuchsen und schrumpften, denen sich immer wieder neue Gestalten anschlossen, während andere zurückfielen ins Vergessen. Ich begann, Erinnerungen und Wochentage durcheinanderzubringen; nichts in der Heidelandschaft nördlich von Magdeburg unterschied einen Montag von einem Mittwoch oder Freitag. Die Zeit hatte ihr Raster verlassen. Nur noch selten dachte ich: «Gerade sitzen die Kollegen in einer Konferenz zusammen … gleich werden in der Bundesliga die Spiele angepfiffen.» Öfter aber: «Jetzt wird zu Hause der Tisch gedeckt.»

Ein Begleiter war lästig, er ließ sich nicht abschütteln. Es war der Durst. Die Ebene gab Nahrung, aber kein Wasser, dem ich traute. Nichts floss, alles stand, vieles stank nach Gülle. Ich fragte bei Bauern und über die Zäune von Schrebergärten, die in leicht überbrückbaren Abständen übers Land gestreut waren, meine neuen Raststätten. Immer bekam ich zu trinken, manchmal schlossen sich Spender kurz meiner Geisterprozession an, aber vorweg ging nun ein Nörgler. Und das war ich.

Seit dem Darß hatte ich Sand unter den Füßen. Alles roch nach mir, und ich roch mich in allem, der Wäsche, dem Schlafsack, dem Handtuch, dem Zelt. Im Schraubgewinde der Wasserflaschen blühte Schimmel, seit mir ein Kleingärtner Apfelschorle gemischt hatte. Ich vermisste: einen Espresso, einen Stuhl, ein Bett, eine Badewanne, eine halbe Stunde mit einer Zeitung am Esstisch, einen vertrauten Ausblick aus einem vertrauten Fenster, einen beiläufigen Griff in den Kühlschrank, die augenblickliche Verfügbarkeit einer kalten Cola, eine Kugel Eis in der Waffel, den Duft frischer Bettwäsche, auf einen Schalter drücken zu können, um Licht zu haben, einen ans Sofa verschenkten Abend, eine Familie.

Mehr als alles vermisste ich ein Glas Milch. Zu Hause trank ich nie Milch, jetzt hätte ich meine Stiefel dafür gegeben. Immer nur Obst, Obst, Obst, nie Käse, nie Joghurt, nichts Gekühltes und nichts Erhitztes, alles auf Zimmertemperatur. Noch ein Wort, das nicht mehr passte. Draußentemperatur hätte gestimmt.

Ich musste stehen bleiben, um nachrechnen zu können, wie lange ich unterwegs war. Siebzehn Tage. Ich war vorangekommen, hinter mir lagen fast dreihundert Kilometer. Auch hatte mir das Bild meiner selbst – Mann, Rucksack, Hut – immer besser gefallen. Und mein Körper überraschte mich. Ich war in einem Alter, in dem das eigene Fleisch zum Feind wird, weil es nicht mehr leistet, was der Kopf von ihm verlangt. Weil es – in Form von Fett und Falten – dem Kopf, diesem großen Illusionskünstler, das wahre Alter vorhält. Als ich ein Junge war, empfand ich wie jeder Junge meinen Körper kaum, er war eine Selbstverständlichkeit, ein nachwachsender Rohstoff, jede Wunde schloss sich schnell. Als junger Mann hatte ich meinen Körper zum Freund, jeder Muskel stemmte mein Selbstbewusstsein etwas höher. Dann begann die Entfremdung. Misstrauisch hatte ich Schmerzmittel und Durchfallmedikamente eingepackt, doch nicht eine einzige Tablette gebraucht.

Aber bald wären drei Wochen um, eine Zeitspanne, in der in einem asphaltierten Leben der Benzinpreis gestiegen oder gefallen wäre, Apple mindestens ein Update aufs iPhone geschickt hätte, neue Filme angelaufen und neue Bücher erschienen wären, der FC Bayern München eine Krise oder einen Lauf gehabt hätte, in der Hamburger Hafencity ein neues Bürohaus eingeweiht worden wäre, Marietta Slomka und Claus Kleber sich im heute-journal zweimal abgewechselt hätten und auch der längste Urlaub des Jahres schon wieder zu Ende ginge, weil nichts länger als drei Wochen dauert. Nur ich tat immer noch dasselbe. So durstig, wie mein Körper war, so satt war mein Kopf. Inzwischen hielt ich die Langsamkeit und Langeweile, die ich mir verordnet hatte, selbst nicht aus. Ich war überdrüssig des norddeutschen Tieflandes und der ostdeutschen Geschichten, des Sandbodens und der Schmucklosigkeit. Hatte genug von all den Dorfnamen, die einsilbig auf -ow, -in und -itz endeten. Sehnte das Deutschland herbei, in dem die Orte zweisilbig -leben, -rode und -hausen hießen. Ein bisschen Anschaulichkeit, ein bisschen Ornament, ein bisschen Süden.

 

Wer nach Süden geht, sieht die Nordseite von allem, läuft dem Licht entgegen und zugleich ins Dunkel. Die Sonne voraus, ging ich immer auf die Schattenseiten der Wälder und Ackerfurchen zu, durch hart konturiertes Land voll schwarzer Silhouetten und messerscharfer Linien. Lag Tau auf den Weiden, brach sich in den Tropfen das Licht, als sei Glas zu Bruch gegangen. Drehte ich mich um, sah ich im Norden eine Landschaft, so farbsatt, als sei sie mit einem goldstichigen Kodakfilm fotografiert worden.

Auf einer Wanderung nach Norden wäre ich ein anderer gewesen, unterwegs in einer ausgeleuchteten Fläche, der eigene Schatten als Kundschafter vorneweg. Den Weg nach Süden, gegen kulissenhafte Konturen, geht man vorsichtiger, mit schmalen Augen, aber auch in Vorfreude, weil zu jedem Schatten das Versprechen eines helleren Dahinter gehört.

Am neunzehnten Tag sah ich ein schwarzes Sägeblatt am Horizont, den Harz. Ich lief, wie ich bis dahin nicht gelaufen war, lief, lief, lief, als begänne gleich hinter dem Harz Italien. Bei Wernigerode erreichte ich endlich die Berge – ich dachte tatsächlich: Berge –, keuchte ein kleines Tal hinauf und war glücklich, dass zum ersten Mal eine Steigung an meinen Waden zog. Es gab jetzt ein Hoch und Tief, es gab Ausblicke, in Senken sah ich Villen mit spitzen Giebeln und Türmchen, die Häuser waren nicht mehr steinnackt, sie trugen Schindelkleider, waren farbgeschminkt, ihre Fenster hatten Läden wie Augenlider, hier sagte alles «Ja!» zum Leben, nicht mehr «muss wohl …».

Die Brockenbahn rief dunkel wie ein alter Uhu durch den Wald, als ich weiter hinaufstieg, nicht mehr durch Sand, sondern über Nadelteppiche und Felsbuckel, wurzelgeäderte Wege und gluckernde Rinnsale, die ich eher hörte als sah. Nach der Weite des Nordens wirkte der Harz kleinteilig wie ein japanisches Bonsai-Arrangement, in seiner Natürlichkeit künstlich, und das ist er ja auch: ein absichtsvoll belassenes Stück Idylle. Über allem der Brocken, mit Antenne und Horchstation auf seiner kahlen Kuppe, als habe eine Näherin Nadel und Fingerhut zurückgelassen.

Kurz beunruhigte mich, wie sehr ein Rentnerreiseziel mich jetzt beschwingte – und dass ich ein Wort wie «beschwingte» benutzte wie zuvor schon «queren» und «Feld und Flur». Meine Gedankensprache war ältlich geworden, modernes Stadtvokabular beschrieb meine Erlebnisse nicht, ich dachte in Begriffen wie «unwegsam», «lieblich», «beschwerlich», «erhebend», «Fingerhut» und «Tagesmarsch», rollte zwar noch nicht das R, war aber besorgt, Tag für Tag kniebundhosenhafter zu werden.

Auf der Schotterglatze des Brockens, in praller Sonne, sah und hörte ich dann nur mürrische Menschen, dieser Berg war der Gipfel der schlechten Laune, rotgesichtige Rentnerpaare hatten schon mittags genug voneinander, angetrunkene Hirschhornknopfträger stritten sich, das Essen war teuer und schlecht – aber ich war glücklich und hoffte, das sei der Beweis, nicht dazuzugehören. Wahrscheinlich war es nur selbstgefällig. Und ein Zeichen von Überforderung. Erstmals seit Wochen war ich wieder unter Menschen in Einkaufsstraßendichte.

Beim Brockenwirt fand ich keine Milch, die Kaffeesahne war zu fettig, also trank ich eine eiskalte Cola und noch eine und noch eine. Anschließend ging ich zum Wetterwart, zu zweit stiegen wir den Beobachtungsturm hinauf, die Holzfassade außen wettergegerbt und sonnengeschwärzt, innen noch einmal Osten, noch einmal DDR, unten im Steinfundament ein Professorenzimmer in Täfelung aus den fünfziger Jahren, ein Stockwerk darüber die Messstation des Radioaktivitätsdienstes, in der 1986 die Geräte ausschlugen und die Weisung aus Ostberlin eintraf, Tschernobyl zu verschweigen. Dann Büros, Akten, Computer, Isobarenkarten und Satellitenbilder, schließlich eine Tür wie eine Raumschiffschleuse, dahinter die Dachterrasse. Mir war, als markiere der Turm die Mitte von etwas, als stehe er genau auf dem Schnittpunkt einer historischen und einer geographischen Linie. Ich sah den Osten und den Westen, den Norden und den Süden. Dort, wo ich hergekommen war, lag ein flacher, gelb-grüner Flickenteppich, rot eingewebt Goslar, Bad Harzburg, Wernigerode. Dort, wo ich hinwollte, sah ich verblauende Bergketten, wie Wellen am Meer. Ich hatte 320 Kilometer Luftlinie hinter und 470 Kilometer vor mir, doch vom Gefühl her die Hälfte geschafft.

Schon in wenigen Tagen würden in Häusern und Büros Kalenderblätter umgeschlagen, von August zu September. Der Wetterwart, ein Schlaks mit kehliger Stimme, sagte, dies sei der erste meteorologische Sommertag auf dem Gipfel. «Um 12.07 Uhr hat die Temperatur erstmals in diesem Jahr die 25 Grad erreicht.» Er sprach von «Saharaluft», von einer «leichten Brise aus Südwest» und fast unbedecktem Himmel. Allerdings rückten von Norden Wolken namens «Cirrus fibratus spissatus» heran, dicht und faserig. «In zwei Tagen müssen Sie mit heftigen Gewittern rechnen.»

Es war Eile angesichts des Bevorstehenden, die mich aufbrechen ließ, und Überschwang angesichts des Erreichten, der mich dazu trieb, an diesem Abend im Wald zu schlafen. In der Einsehbarkeit des Nordens hatte ich Nähe zu Häusern und Menschen gesucht. Im Süden – oder dem, was ich für Süden halten wollte, obwohl es allenfalls die Mitte war – sah ich überall Verstecke. Auf einer Lichtung faltete ich mein Zelt auf, direkt neben einem Jägerstand. Einen sichereren Ort konnte es nicht geben. In einem Bach füllte ich meine Flaschen, kletterte auf den Hochsitz, aß Brot, das es beim Brockenwirt zur Suppe gegeben hatte, und sah Mückenwolken im Gegenlicht schweben. Schnell wurden die Baumschatten länger, dunkle Finger griffen nach dem Zelt. In der Nacht meinte ich das Schlagen von Autotüren zu hören. Das Schnalzen eines Vogels erinnerte mich an das Geräusch unseres Rasensprengers. Und da war ein Kreischen, das mich von bremsenden Fahrrädern träumen ließ. Ich schlief und schlief nicht, lag im Wald und war zugleich in der Stadt, drei Wochen weg von zu Hause und doch im eigenen Garten, in der Schwebe, in der Mitte von allem.

 

Auf der Sonnenseite des Sägeblatts, im Süden des Harzes, lag Thüringen. Der Boden nicht mehr sandgrau, sondern rostrot, die Hügel mit toskanischem Schwung, von Strommasten durchstichelt. Ich lief auf dem Grünen Band, dem alten Kolonnenweg der DDR-Grenzer, eine skipistenbreite Schneise zwischen Ostbäumen und Westbäumen, deren Sämlinge noch an der Wiedervereinigung arbeiteten. Die Grenze, sich selbst überlassen, ein grüner Streifen, der 1400 Kilometer durchs Land führt, gab den Weg vor, nahm das Denken ab; es war keine angewandte Mathematik mehr nötig, kein Wanderer-Dreisatz wie bislang: Ist der direkte Weg – trotz Hindernissen wie Zäunen, Gebüsch und Steigungen – der schnelle? Oder der weite, widerstandslose, etwa einem Fluss oder einem Tal folgend?

Das Band ließ keine Wahl, die Entscheidung über seinen Verlauf war 1945 getroffen worden. So kompromisslos, wie sich die Alliierten gegenüberstanden, führte die alte Demarkationslinie jetzt durch Senken und über Hügelkämme. Ich lief auf Duderstadt zu, auf Göttingen, auf Friedland, vorbei an Baumkindern, Birken und Fichten, alle nach 1989 geboren, locker gestreut zwischen den beiden wandartigen Waldrändern links und rechts. Selten schnitt eine Straße das Band, immer stand am Rand das gleiche braune Schild: Hier waren Deutschland und Europa bis zum 9. November 1989 geteilt. Im Wildwuchs standen Grenzpfähle wie stumme Zeugen, auf Anhöhen und an Biegungen Wachttürme, mit ihren Sehschlitzfenstern den Hochsitzen der Jäger auf zynische Art ähnlich. Aus einer Wiese ragte eine Gedenktafel für die Toten eines Grenzabschnitts: Helmut, 1963 – Peter, 1964 – Wolfgang, 1972 – Heiko, 1979 – André, 1981. Die Namen hatten sich mit den Generationen geändert, von nachkriegsdeutsch zu weltzugänglich. Die Sehnsucht der Männer war immer dieselbe geblieben; die Jahreszeit, in der sie überhandnahm, auch: Vier der fünf starben im Sommer.

Jetzt war wieder Sommer, und angesichts der Weltgeschichtsnarbe, auf der ich ging, war es unmöglich, nicht an die Wunden zu denken, die zuletzt aufgerissen waren. Der Krieg zwischen Russen und Ukrainern, die Tragödie in Syrien, der hasserfüllte Wahlkampf in den USA, der Brexit, die Polarisierung der Politik in Europa. Ich lief über etwas, das zuwuchs, in einem Jahr, in dem die Geschichte nach neuen Bruchstellen suchte. Welche würden das sein? Da waren schon Ground Zero, Aleppo, Donezk und das Bataclan. Da waren aber auch geographische Willkür und Ortlosigkeit: In Deutschland hatte der erste islamistische Attentäter nicht in Berlin zugeschlagen, sondern in einem Würzburger Vorortzug, mit einer Axt. In Dresden brachte Pegida Tausende auf die Plätze, in Leipzig nicht. Politische Gegner prügelten sich nicht mehr auf der Straße, sondern bepöbelten sich im Internet, luden sich auf Facebook mit Hass auf. In den Vereinigten Staaten wurden hektisch Landkarten mit roter Trump-Provinz und blauen Clinton-Städten erstellt, um den Ursprung eines dräuenden Unheils zu finden, denn Donald Trump holte in den Umfragen immer weiter auf. In Deutschland schien sich die Zukunft Sachsen als ersten Ort für ihre Dramen ausgesucht zu haben, aber das musste noch nichts heißen; erst kurz zuvor war eine Bahnhofsbaustelle im Südwesten der Republik das größte gesellschaftliche Schlachtfeld gewesen.

Warum was wann wo geschieht – auf dem Grünen Band drängte sich die Frage zum zweiten Mal auf.

Das erste Mal hatte ich darüber im Norden nachgedacht, noch in Brandenburg. Dort stand auf meiner Karte ein Name, zu dem ich ein Bild suchte, weil das Wort wie ein Irrtum wirkte, versehentlich in eine weiße Fläche gedruckt: Königsgrab. Welch ein König mochte das gewesen sein? Und was für ein Volk, das diesen König abseits von allem begrub?

«Wenn wir das wüssten», sagte der Archäologe, den ich dort traf, wo auf der Karte der Name stand.

Hinter einem Dorf, das nicht als einziges in der Gegend Seddin hieß, weil Namen in Brandenburg doppelt und dreifach vergeben werden, sah ich vor einem Waldrand erst zwei himmelblaue Dixieklos, im angrenzenden Maisfeld dann die Buckel von sechs Studenten. Kniend kratzten und schabten sie in einem Aushubquadrat, scharf konturiert, als werde hier demnächst die Bodenplatte für ein Einfamilienhaus gegossen. Um Behausungen gehe es in der Tat, sagte der Grabungsleiter, mit dem ich am Rand stand, aber die seien 3000 Jahre alt, aus der Bronzezeit. Aus einem Lautsprecher schallte deutscher Rap.

Die Geschichte des Königsgrabes von Seddin, von ihrem Ende her erzählt: 1899, als das Land Straßen baute und Steine brauchte, machten sich zwei Arbeiter auf zu einem Hügel, dessen symmetrische Form nicht ins Land passte und von dem es hieß, dort liege ein König namens Hinz begraben. Hinz wie Heinz, wie Heinrich, der Legende nach ein Riese, gütig und gerecht, vor langer Zeit bestattet in einem Sarg aus Gold, Silber und Bronze, zugedeckt von Abertausenden Feldsteinen, einer nordischen Pyramidenvariante, mehr als sechzig Meter im Durchmesser und über zehn Meter hoch. Brocken für Brocken trugen die Arbeiter ab, bis sie auf einen Hohlraum stießen, eine Grabkammer. Archäologen aus Berlin eilten herbei, sicherten Schmuck, ein Schwert und eine Urne, darin Überreste des Königs. Drei Jahrtausende lang war eine Erinnerung, älter als die Bibel, durch die Zeit mäandert. Das Begräbnis des Königs habe sich ungefähr zu jener Zeit abgespielt, in der Homer in Griechenland die Odyssee schrieb, sagte der Archäologe. «Leider war das hier noch eine schriftlose Epoche. Deshalb wissen wir so wenig.» Wo heute Deutschland ist, gab es damals noch keinen Staat. Auch Berlin nicht, nicht einmal als Namen.

Wir standen im Mais, die Sonne brannte. In der Nähe gab es einen kleinen Fluss, die Stepenitz, sie wand sich nach Süden, zur Elbe hin. Einmal sei er den Flusslauf hinaufgepaddelt, sagte der Archäologe, mit einem Kajak, das einen ähnlichen Tiefgang hatte wie die Flachboote, die die Menschen vor 3000 Jahren benutzten. «Auf der Höhe des Grabfeldes endet die Schiffbarkeit», sagte der Archäologe, «geostrategisch ein günstiger Platz.» Vermutlich war der Sagenkönig ein handelnder Häuptling gewesen, auf dessen Land Salz und Bronze aus dem Süden gegen Bernstein aus dem Norden getauscht wurden. Es gibt mehr und mehr Funde, die diese Theorie stützen, Scherben von Tongefäßen. Aber das sind schweigende Überreste, weshalb der König bis heute Hinz heißt und sein Volk keinen Namen hat, seine Kultur nicht, sein Reich nicht.

Schwitzend standen wir da, als ich fragte, ob die Menschen in 3000 Jahren ähnlich ratlos vor unseren Hinterlassenschaften stehen werden. In der Stadt hatte mich das nie beschäftigt. Eine Stadt stimmt nicht demütig, eine Stadt lässt jeden an ihrer Pracht teilhaben: Du! Ich! Wir! Jetzt! Hier! In der Stadt werden Baulücken geschlossen, wird Scheitern schnell überbaut; auf dem Land bleiben Vergeblichkeit und Verfall länger sichtbar. Das Land hat ein anderes Gedächtnis, es hatte Aurelia nicht vergessen und auch nicht Hinz. Nach menschlichem Ermessen sind Städte Monumente des Gelingens. Städte sagen, was ist. Das Land fragt, was wäre. Was wäre aus Seddin geworden, wenn die Sippe des namenlosen Königs sich bis in die Schriftzeit an der Macht gehalten hätte? Wie würde es sich in Mecklenburg-Vorpommern leben, hätten die Römer die Schlacht im Teutoburger Wald gewonnen? Und wäre die friesische Küste voller Burgen, Schlösser, romantischer Städte, hätte nicht 1164 eine Flut das Land verwüstet, fortgerissen und für einige Zeit entvölkert?

Mir folgten Konjunktive, seit ich ab vom Wege war, aus dem Hier und Jetzt getreten. Auf der Autobahn wurde jeder «Zeitverlust von zwanzig Minuten durch Stau und stockenden Verkehr» gemeldet. In der Stille, durch die ich nun lief, wurden Jahrhunderte sichtbar, trieb die Zeit wie auf Schollen, vorwärts, rückwärts, ineinander und übereinander, oft überlappte eine Epoche die andere. Deutscher Rap über 3000 Jahre alten Scherben. Sämlinge auf dem Grünen Band. Pflasterstein unter Asphalt. Wildschweine, die das Land zurückeroberten. Aurelias unberührtes Schlafzimmer. Uralte Dorfsilhouetten, durch die der Durchgangsverkehr der Globalisierung donnerte. AfD-Günther, der alles an seinen besten Jahren im Sozialismus maß. Der Wirt des Schlosshotels, der ein wenig Vergangenheit in die Gegenwart holte.

Am Königsgrab von Seddin sagte der Archäologe, er wisse nicht, was morgen vom Heute übrig sein werde. «In meinem Beruf denke ich rückwärts, nicht vorwärts.» Wenn er spekulieren solle, dann denke er dies: Sollte kein Krieg und keine Katastrophe die Menschheit auslöschen, dürften die Städte des Jetzt, die Ordnung der Welt, noch lange Bestand haben. «Überlegen Sie nur, wie ewig Rom schon am Netz ist!» Auch nach einem Meteoriteneinschlag oder Atomkrieg würden wir unseren Nachkommen mehr hinterlassen als alle Ahnen uns, eine dicke Schicht aus Metropolenbeton, Straßen wie Flöze, Sedimente unverrottbaren Plastiks. Trotz der Massen an Material glaube er aber, dass sich Historiker in 3000 Jahren wieder ratlos über ihre Funde beugen. «Wir stehen erneut vor schriftlosen Zeiten.»

Der Archäologe sagte das nicht kulturpessimistisch, nicht beifallheischend. Es werde ja nach wie vor geschrieben und gelesen, fotografiert und geteilt. Bücher, Filme, Fernsehserien halten Gedankengut und Gestaltung des Jetzt fest, Milliarden Menschen dokumentieren in sozialen Netzwerken ihr Dasein, die Welt ist voller Existenznachweise. Dennoch werde ihm langsam bange, sagte der Archäologe. Kunst und Kultur, auch Ansichten und Meinungen, bestünden nur noch aus Pixeln. «Das meiste schwebt digital in irgendwelchen Clouds rum.» Und eine Cloud kann niemand ausgraben.

An den Archäologen musste ich denken, als ich auf dem Grenzweg stand. Die neue Unruhe in der Welt, sie wirkte schwer greifbar, man spürte sie nirgends und zugleich überall. Unmut sammelte sich nicht mehr in Fabrikhallen oder Hinterzimmern, sondern fand sich im Netz ebenso wie auf Günthers Hof.

Zwei Tage folgte ich dem Grünen Band. Wo Stacheldraht war, wuchsen jetzt Dornbüsche, biestiges Zeug, das mir die Hose aufriss. Es war heiß, 36 Grad, ich zog den Hut durch Bachläufe und kühlte den Kopf, bis ich kein Wasser mehr fand. Das Denkmal, auf dem ich lief, war nicht nur tröstlich, weil es an einen übersichtlichen und überstandenen Konflikt erinnerte, es war auch sehr deutsch. Wenig Pathos, viel Öko. Der alte Grenzstreifen ist Deutschlands größter Biotopverbund, 150 Naturschutzgebiete reihen sich aneinander, Lebensraum für 600 bedrohte Arten wie Rotrückenwürger, Frauenschuh-Orchidee und Abbiss-Scheckenfalter. Während meiner Vorbereitung, auf Satellitenbildern betrachtet, hatte das Grüne Band wie eine Garantie fürs Vorankommen und für Erlebnisse gewirkt. Ein Irrtum. Hier wuchs das Land auf unwegsame Weise zusammen. Ich begegnete nichts und niemandem. Einmal kamen mir zwei gepanzerte Radritter auf Mountainbikes entgegen, atem- und grußlos. Bevor ich Luchse sah, sahen sie mich. Wege wucherten zu, Waldränder schnitten die Sicht ab wie Scheuklappen, nirgends ein Brunnen, und der Wald gab nichts her, kein Obst und keinen Mais. Ich hätte weitergehen können, die ganze innerdeutsche Grenze bis nach Hof, aber wozu? Die Isolation auf diesem Geschichts-Grat glich der Isolation auf der Straße.

Als ich nach den Trinkflaschen griff, waren sie leer. Der Proviant ging mir aus, die letzten zehn Nüsse zerkaute ich einzeln und langsam, bis bitterer Brei an meinem Gaumen klebte, die «Cirrus fibratus spissatus»-Wolken mich einholten, das Blau aus dem Himmel bleichten und es dunkel wurde. Vor meinen Schuhen huschten Eidechsen umher, die Bäume raschelten sich Warnungen zu, erste Böen wälzten die Hitze um. Die alte Grenze hatte mich auf einen Hügelrücken geführt; kein guter Platz, um ein Gewitter auszusitzen. Links lag Thüringen, ich lief nach rechts, hinab durch einen Wald und auf eine Wiese, auf der in derselben Sekunde ein niedersächsischer Rentner auf Bahn 17 des Golfclubs Rittergut Rothenberger Haus e.V. in der Ausholbewegung innehielt und seinen Begleiter fragte: «Was ist das denn für ein Spinner?»

 

Der Regen brach los, als die Vereinsmeisterschaft des Golfclubs gerade zu Ende ging. Die Spieler schulterten Schläger und Taschen und flohen zum Clubhaus, wie auf einer Hallig über welligem Grün gelegen. Eine sich verdichtende, dampfende Menge Mensch kam da zusammen, aufgekratzt und farbenfroh wie Grundschulkinder, an der Pforte in Empfang genommen von einem jungen, großgewachsenen Mann, der mit runder Hornbrille und nach hinten gelegtem Haar an Karl-Theodor zu Guttenberg erinnerte, einen ähnlich adligen Namen trug und mich einlud, zu bleiben.

Und erst einmal zu duschen.

Im Duschraum war ich der Jüngste und zugleich Bärtigste, Struppigste, Stinkendste unter sechzigjährigen Männern, die ihre Körper mit Lotion einrieben. Ich lernte den Inhaber eines Möbelhauses kennen, einen FDP-Staatssekretär außer Dienst, einen ehemaligen Referenten des Pharmakonzerns Pfizer. Alle nackt. Die Tür ging auf, und in den Warmwassernebel trat ein grauhaariger Mann in orangefarbenen Bermuda-Shorts.

«Ah! Da ist ja unser armer Wanderer», sagt er.

«Ich bin nicht arm», sagte ich.

«Und wennschon», sagte er, «ist doch nicht schlimm.»

Das war der Rentner, dem ich auf Bahn 17 in die gerade noch theoretische Flugbahn des Balles gelaufen war. Ich weiß nicht, ob die Männer mich in der Duschkabine leise lachen hörten. Nicht einmal war ich unterwegs in Gefahr geraten, aber immer wieder in seltsame, manchmal komische Situationen: Bei Günther war ich Vertreter des Establishments gewesen, jetzt ein Underdog unter Geld- und Zeitmillionären.

Der Mann mit Adelstitel, der mich ins Clubhaus eingeladen hatte, stellte sich als Schwiegersohn der Besitzerfamilie vor, als Chef in Charge; seine Frau wusch alle Wäsche, die ich nicht am Leibe trug, so stand ich auf Socken und in schlammfarbenen Wechselsachen zwischen papageibunten Golfern, die mir Getränke spendierten und beim Anstoßen fragten: «Bist ’n Linker, was?»

Nach der Siegerehrung wurde das Buffet eröffnet, es gab Wildschwein, vom Chef geschossen auf Bahn 15, jetzt zerlegt, geschmort und auf metallisch glänzenden Kochern dargeboten. Im Laufe des Abends geriet ich zwischen zwei Fronten. Da war der Chef. Und da war der Champ, einer der besten Spieler des Clubs. Chef und Champ: Das sind natürliche Konkurrenten, ob in Beruf oder Sport – jeder hat eine ihm eigene Macht und ist versucht, sich über den anderen zu erheben. Im bullerwarmen Clubhaus stritten Chef und Champ um meine Aufmerksamkeit. Der Chef bat mich an seinen Tisch und erzählte mir von der aufwendigen Pflege des siebzig Hektar großen Platzes, von Dachsen, Waschbären, Füchsen und Eisvögeln. Vom Tresen winkte der Champ, deutete wie eine Pantomime auf ein Bier, das er hatte zapfen lassen, legte mir, sobald er mich zu greifen bekam, einen Arm um die Schulter, führte mich von Staatssekretär zu Chefarzt zu Fensterfabrikant und rief in den von Glas zu Glas ansteigenden Gesprächslärmpegel: «Guckt mal, wen ich hier habe!»

Etwas war anders als zuvor. Im Osten war ich auf eine Art gemocht worden, die mich überraschte. Ökos sahen in mir einen Menschen, der die Natur liebte. Konservative jemanden, der das Land liebte. Junge sahen einen Junggebliebenen. Alte einen tugendhaften Wandersmann. Aussteiger einen Aussteiger und Außenseiter einen Außenseiter. Das Bild des Gehenden, Laufenden, Suchenden rührte in allen etwas an, jeder sah sich selbst darin. Ich war Projektionsfläche.

Jetzt war ich Exot. Für den Champ ein Gaukler, der ihn an diesem Abend unterhalten sollte. Für den Chef ein janusköpfiges Wesen, Chance und Gefahr, weil er wusste, ich würde über seinen Golfclub schreiben.

War es der Westen, der mir diese Rolle zuteilte? Oder nur die Tatsache, dass ich vor dem Gewitter in ein besonders hermetisches Sozialgefüge geflüchtet war?

Einige Jahre zuvor hatte ich ein Experiment gemacht. Für die Zeit wollte ich etwas über Deutschlands Reiche schreiben, über ihre Biographien, ihren Alltag, ihre Sicht auf die Welt. Die Recherche war kompliziert. Anders als Asylsuchende, Arbeitslose oder Mieter von Sozialwohnungen sind Wohlhabende dem Staat kaum Rechenschaft schuldig, sie kommen allein zurecht. Ich fand wenig Statistiken und keine Institutionen, bei denen ich hätte anfragen können wie bei Gewerkschaften oder Hilfswerken. Kein Millionär, den ich anschrieb, versprach sich etwas von einem Interview, von Öffentlichkeit im Allgemeinen. Mit den üblichen Methoden kam ich nicht weiter. Schließlich ließ ich mir einen Bart wachsen und heuerte eine Schauspielerin an. In einer Kleiderkammer liehen wir uns malträtierte Klamotten und brachen auf nach Kronberg im Taunus, ein Örtchen, dessen Bewohner die größte Kaufkraft des ganzen Landes haben sollen. Wir spielten ein obdachloses Paar, zogen eine Woche durch Villenviertel, klingelten hier, klopften da, fragten, wo in der Gegend wir schlafen und ob wir etwas zu essen bekommen könnten. Mal bekamen wir Obst und Schokolade geschenkt, mal ein «faule Feiglinge» zu hören, mal ein: «Hier ist’s scheiße für solche wie euch.»

Die Reaktionen auf den Artikel waren verheerend, nicht nur in Kronberg. Überall aus dem Land kamen Briefe und E-Mails, auch aus der Mittelschicht, von Beamten, Angestellten und Handwerkern, die schrieben, ich sei nicht mehr unvoreingenommen losgezogen, das Experiment nicht ergebnisoffen gewesen. Dass nur Kommunisten, die ihre Leserbriefe mit Brecht-Zitaten versahen, von dem Rollenspiel begeistert waren, bestätigte den Vorwurf noch.

Jetzt, im Golfclub, war ich ebenfalls ziemlich heruntergekommen, aber der Mann mit dem Bart war wirklich ich. Dieses Ich wollte an diesem Tag nichts erzwingen, es war unvermittelt und unvorbereitet zwischen Unbekannte geraten und erfuhr an diesem einen Abend mehr als in einer ganzen Woche in Kronberg. Zwar verfügten einige im Clubhaus über mich, wie sie über die Belegschaften ihrer Firmen verfügten, Chef und Champ nutzten mich für ihre Konkurrenzkämpfchen. Doch das war nicht alles. Einer erzählte mir von seinem Wald, den er nicht nur besaß, sondern liebte. Einer von seinem unerfüllten Wunsch, auch mal auszusteigen. Eine von ihrer Scheidung. Einer von einem Golfpartner, der nicht mehr spielte, sondern wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis verschwunden war. Eine von jemandem, der sich das Leben genommen hatte. Als einige Damen mich einluden, zu ihnen nach Hause zu kommen, um «endlich einmal auszuschlafen», wurde es mir zu intim.

Der Chef führte mich in eine Blockhütte am Abschlag von Bahn 1. Am nächsten Morgen brachte der Champ mit einem Golfwagen ein Frühstück vorbei. Dann schlossen sich beide Kontrahenten meiner Phantomprozession an. Sie brauchten ein bisschen, um mit den anderen ins Gespräch zu kommen, aber es wurde.

 

Die vierte Woche brach an, der September. Niedersachsen blieb zurück, die violette Linie auf dem GPS-Gerät wies über den Grenzzickzack zwischen Hessen und Thüringen hinweg.

Ich hatte die Straßen verlassen, war aber unter Menschen.

Ich war langsamer als alle, und doch konnte sich um mich herum augenblicklich alles ändern.

Ich musste nicht hungern. Nur der Milchdurst blieb.

Alle Hypochondrie hatte ich aus dem Körper gelaufen; keinen Bedarf nach Ruhetagen, nur nach Bewegung. Die Uhr rutschte mir aufs Handgelenk, den Gürtel zog ich enger.

Zwar blieb ich allerorts nur kurz, aber mir war, als schritte ich schräg durch alle Beziehungslinien der Gesellschaft. Vom rumänischen Arzt zu Golfern, von AfDlern zu Hippies. Nie lief ich auf, sondern immer über die Hasslinien der Republik, die oft vertikal durch die Schichten verlaufen, von unten nach oben und von oben nach unten oder zwischen den Ideologien. Genauso schnitt ich durch die Solidaritätslinien, die eher horizontal durchs Land führen, von gleich zu gleich.

Ich sah mich durch das Raster der Gesellschaft laufen wie den Broadway durch Manhattan, an jeder Kreuzung Leute, die niemanden kannten, dem ich vorher begegnet war, mir gegenüber aber alle bemüht waren, ihre Vorstellung dessen zu erfüllen, was einen guten Menschen ausmacht. Tatsächlich fragte ich mich, was geschehen würde, wenn alle einmal ihre Aufgaben, Zwänge und Zuschreibungen verließen und wandern gingen oder für einige Zeit die Leben tauschten, der Städter mit dem Landbewohner, der Schlachter mit dem Leitartikler, Günther mit dem Golfplatz-Champ, die Belegschaft eines Bauernhofes mit einer Bundestagsfraktion.

 

So zog ich weiter, bald entlang der Werra. Die Hügel dort trugen Waldmützen, ich lief oben an den Hängen, da, wo sich Felder und Waldrand trafen. Hier gab es jetzt den weiten Caspar-David-Friedrich-Blick: Das Tal war wie mit Asphalt ausgegossen, für mich unbetretbar, weil dort alles zusammenlief und verklumpte, Arbeiten, Wohnen, Einkaufen. Was im Flachland verborgen geblieben war, wurde nun sichtbar. Ich blickte in hessische Märklinlandschaft hinab, auf Marktplätze und Schulhöfe, in Gärten und Altstadtgassen. Freibadgekreisch und Grillgerüche wehten herauf, Baustellengehämmer, das Humpftata eines Dorffestes. Einmal sah ich einem Ort eine Stunde lang beim Ortsein zu, spürte Heimweh nach einem Städtchen, dem ich nicht entstammte, und gefiel mir zugleich in der Rolle des Zuschauers in seiner Landschafts-Loge. Ein Ich in Auflösung, nirgends zugehörig und für alles Verständnis aufbringend, ein Eremit, der sich mit jedem befreundet fühlte.

Hin und wieder stieß ich oberhalb des Tales auf verwitterte Schützenhallen und Schießstände. Ich rüttelte an Türen, alle waren verrammelt. Im Golfclub hatten sie mich einen Linken genannt. Dabei hätte ich nach wie vor gern geschossen.

Je bewegter und welliger das Land, desto leichter kam ich voran. Hindernisse waren früher sichtbar. Die Straßen lagen nicht schwer auf dem Boden, es gab mehr Brücken, unter denen ich einfach hindurchgehen konnte.

Als ich die Autobahn 38 hinter mir gelassen hatte, in einem Nirgendwo zwischen Leipzig und Kassel, war auch die Grenze zum Katholizismus überschritten. Jetzt sah ich Bänke am Wegrand. Hügel wurden von mächtigen Bäumen gekrönt, in deren Schatten Kruzifixe standen und sich ein ausgemergelter Jesus mit Dornenkrone und Schmerzgesicht über Töpfe voll frischer Blumen beugte, meist Sonnenblumen, Astern und Margeriten. Auf schrundige Rinde war das Muschelsymbol des Jakobswegs gedruckt. Alle Viertelstunde sandte ein Kirchturm einen Glockenschlag durchs Land, dienend und fordernd zugleich. Hier wurden Ansprache und Anmaßung von Religion offenbar, alle Empathie und Enge, für die sie steht. «Ruh dich aus!», rief alles, und: «Gedenke meiner!» Du bist nicht allein! Es gibt einen Größeren als dich! Nach der Leere des Nordens eine Überfülle, eine üppig dekorierte Landschaft, wie ich sie erst in Bayern erwartet hatte. Straßen, die in den Wäldern, wo ich ging, als Pfade ausliefen, hießen Kummerberg und Ölweg. Auf vielen Kuppen oberhalb der Dörfer standen Kreuze; jedem Ort sein Golgatha. Mehrmals stieß ich auf Tuffsteingrotten, in denen ewige Lichter brannten und weiße Madonnen kummervoll den Kopf neigten.

Dies war das Eichsfeld, katholische Insel im Protestantismus durch historische Fügung. Das Gebiet gehörte früh zum Fürstbistum Mainz, mit der Reformation wurden fast alle Bewohner evangelisch, die Gegenreformation zwang sie 1575 zurück und baute eine Bastion des Katholizismus. Die Zahl der Kirchgänger im Eichsfeld liegt weit über dem deutschen Durchschnitt. Internetlexika nennen das Eichsfeld eine «historische Landschaft», die Teile Niedersachsens, Hessens und Thüringens umfasst, ein Fleck, der mit aktuellen Grenzverläufen nicht mehr übereinstimmt. Wieder Zeit-Geschichte, eine Geschichte verschiedener Zeiten, hier liegt eine längst vergangen geglaubte Religiosität zutage, die ringsum von Säkularismus verschüttet ist.

Auf Pilgerpfaden, die Schildern zufolge nach Köln und Aachen führten und von dort weiter bis Santiago de Compostela, auf einem uralten und von Sinnsuchern wiederentdeckten Wegenetz lief ich auf einen Berg zu, der symmetrisch perfekt in der Landschaft stand, ein bewaldeter Kegel, eine geologische Laune, Blickfang seit Jahrmillionen, wie gemacht, um von Menschen als Kultstätte erwählt zu werden.

Der Hülfensberg, ein Stück triassisches Urgestein, 200 Millionen Jahre alter Fels, der in die Jetztzeit ragt, war germanisches Heiligtum. Einer Legende nach soll auf dem Gipfel die dem Donnergott Thor geweihte Donareiche gestanden haben. Bis der christliche Missionar Bonifatius sie um das Jahr 723 fällte und aus dem Holz eine Kirche baute. Kein Donner grollte, kein Blitz kam vom Himmel, als Bonifatius das Beil schwang. Die germanischen Götter waren offenbar ohnmächtig – und die Heiden bekehrt. Den Christen dient der Hülfensberg seither als Wallfahrtsort, Tausende schnaufen viermal jährlich den Berg hinauf, auf dem Gipfel steht ein Kloster der Franziskaner.

Es war Nachmittag, als ich auf den Kreuzweg stieß, einen 700 Meter langen Anstieg unter Linden, steil und schnurgerade dem Kloster entgegen, Demonstration kirchlicher Macht und Demütigung des Einzelnen. Station für Station stieg ich hinauf, folgte dem Leidensweg Jesu, bis mir am siebten Schaubild – Jesus stürzt zum zweiten Mal unter der Last des Kreuzes – ein Mann begegnete und «Grüß Gott» sagte. Er trug eine Gießkanne und erzählte, er habe gerade «an der Sieben» Heidekraut gepflanzt und «an der Neun» – Jesus stürzt zum dritten Mal unter der Last des Kreuzes – die Blumen gewässert. Ich erfuhr, dass die Menschen im Tal die Zuständigkeiten für den Kreuzweg aufgeteilt hatten. Pflanzen, Jäten, Gießen. Je höher die Station, desto größer das Opfer. Der Mann mit der Kanne sagte, seine Frau sei «nicht mehr gut zu Fuß», seit einiger Zeit steige er den Berg allein hinauf, jeden zweiten Tag. «Ich bete dann für unsere Kinder, die so weit weggezogen sind, der Sohn bis nach Berlin.»

Dann begann er zu weinen.

Nach Station 14 – Der heilige Leichnam Jesu wird in das Grab gelegt – sah ich unter Bäumen die Kirche und das Kloster und klopfte an der Pforte. Es öffnete ein Mönch in brauner Kutte mit Kordelgürtel, Bruder Johannes, der mich in rheinischem Singsang «hächzlisch» willkommen hieß und in ein Zimmer unterm Dach führte. Bett, Tisch, Waschbecken, Bibel.

Was suchte ich, kein Kirchgänger, in diesem Kloster? Genau konnte ich es nicht sagen. Was mir in Mecklenburg gefehlt hatte, war kein praktizierter Glaube, eher eine kulturelle Prägung, womöglich nur eine vertraute Gliederung der Landschaft. Hier sah ich das Gegenteil, einen christlich dekorierten Landstrich, voll mit katholischem Nippes. Seit ich die Stadt verlassen hatte wie einen Hafen, suchte ich wie ein Schiff auf dem Meer nach einer Position, indem ich meinen Abstand zu Fixpunkten und Polen vermaß. Erstmals bekam ich einen Überblick über das gesamte Spektrum: Stadt- und Landvolk, Gläubige und Ungläubige, Linke und Rechte, Arme und Reiche, Ossis und Wessis, Erzeuger und Konsumenten, Erneuerer und Bewahrer. Ich hatte an der Klosterpforte geklopft, wie ich an den Türen von Schießständen rüttelte. Auch hätte ich an einem Faschingsumzug, einem Maibaumtanz, einer Ortsvereinssitzung der SPD, einer Wildschweinjagd und einer Krötenrettung des BUND teilgenommen, um meinen Standpunkt zu ermitteln in der sich immer weiter dehnenden Fläche.

Im Kloster lebten fünf Mönche. Am Tag, an dem ich um ein Bett gebeten hatte, war Bruder Rudolf im Urlaub an der Ostsee und Bruder Bernhard auf Studienreise in Assisi. So saß ich mit drei Mönchen beisammen, die aussahen, als habe ein Bischof mit Freude an Klischees sie ausgesucht.

Da war Bruder Johannes mit knittrig-asketischem Heiner-Geißler-Gesicht.

Da war Bruder Jordan, dem hinter seiner Brille noch der Junge anzusehen war, der in der Schule gute Noten bekommen haben dürfte, für die Mädchen aber unsichtbar blieb.

Und da war Bruder Rolf, bärtig und gemütlich rund wie die Werbefigur eines Klosterbieres.

Wir aßen zu Abend aus Tupperdosen. Brot, Käse, Wurst, dazu Tee. Bruder Rolf sprach das Tischgebet. Jordan machte Müsli-Witze: «Wenn der Herrgott wollte, dass wir Körner essen, hätte er uns einen Schnabel wachsen lassen.»

Wir lachten, räumten den Tisch ab, und ich half Bruder Rolf, dem Bärtigen, in der Klosterküche beim Spülen. Als die Teller getrocknet und die Tassen eingeräumt waren, führte Rolf mich hinüber zur Kirche, einem Baustil-Puzzle aus verschiedenen Jahrhunderten, gedrungenes Gewölbe, Wallfahrtskreuz mit lächelndem Heiland, und vorn im Hochaltar, ausgeleuchtet hinter Glas, die Kirchenreliquie, ein Stück Unterarmknochen, Bonifatius zugeschrieben. Im linken Seitenschiff blieb der Mönch abrupt stehen und wies zur Decke. Aus dem Stein ragte ein schwarzes Stück Holz. Eiche. Uralt. Viele Pilger glauben, dass es sich um einen Überrest der Donareiche handelt. Bruder Rolf flüsterte in die Kirchenstille: «Ist untersucht worden. Das Holz ist 200 Jahre jünger als Bonifatius. Wahrscheinlich haben die Baumeister dieser Kirche ein Stück der Vorgängerkapelle belassen, aus Pietät.» Historiker vermuten den Standort der Eiche heute sechzig Kilometer weiter westlich, bei Fritzlar.

Bruder Rolf war nahe Lippstadt geboren, seit 2001 betete er auf dem Berg. In breitem Watt-willste-machen-Westfälisch sagte er, er weise jeden, der nach der Eiche frage, auf den aktuellen Stand der Wissenschaften hin. «Aber nicht jeder will das hören.»

In diesem Jahr war in den Zeitungen viel von der «Rückkehr der Religion» die Rede; wir hatten sie in unserem Haus am Hamburger Stadtrand selbst erlebt. Der syrische Flüchtling wohnte ein paar Tage bei uns, da ging er mit seinem Handy durchs Wohnzimmer und bestimmte per App die Lage von Mekka, die Richtung, in die er fortan beten würde. Er war ein normaler junger Mann, so normal, wie man sein kann, wenn man einem Krieg entkommen ist. Wir gingen ins Kino und in Shisha-Bars, zum Eisstockschießen und an den Strand. Was mich manchmal befremdete, war seine buchstabengenaue Korantreue. Jeden Schluck Wasser, jeden Schluck Tee trank er aus einer Tasse, die unsere Bank ihm zur Eröffnung seines Girokontos geschenkt hatte. Nie rührte er unsere Becher an, weil auf irgendeinem weihnachtlichen Gartenfest vor Jahren womöglich einmal Glühwein darin gewesen sein könnte.

«Ich müsste sie einmal mit Sand ausreiben und siebenmal waschen», sagte er. «Sonst sind sie unrein, und ich begehe eine Sünde, wenn ich daraus trinke.»

Wir diskutierten viel. Die Regel mit den Bechern war vermutlich tausend Jahre vor Erfindung der Spülmaschine aufgestellt worden, in Zeiten sich vollsaugender Tonkrüge. Ich sagte, wenn Mohammed und Jesus heute auf die Erde kämen, hätten sie bestimmt andere Vorstellungen von Schuld. Dann wäre ein Langstreckenflug sicher sündiger als ein nicht ganz sauberes Glas, in dem einmal Alkohol war. Es ging mir bei diesen Gesprächen nicht um den Islam, sondern um Religion an sich – und weniger um den Flüchtling, vielmehr um mich. Dass der junge Syrer sich an etwas Vertrautem festhielt angesichts all des Neuen, war verständlich. Mehr noch: Er verteidigte seine Religion gegenüber den Horden des IS, die sie missbrauchten und vor denen er geflohen war. Aber was war mit mir? Ich ging einmal im Jahr in die Kirche, zu Weihnachten, und fühlte mich jedes Mal wie ein Heuchler. Ich kam gut ohne Religion zurecht und lebte deshalb nicht unmoralischer als andere. Ich fand sogar, ohne Religion gebe es einen Grund weniger, sich zu streiten, schlimmstenfalls einen Krieg anzuzetteln. Ausgerechnet angesichts der Religiosität unseres syrischen Gastes beschloss ich endgültig: Es gibt keinen Gott.

Aber lässt sich das beschließen? Wie eine Vereinssatzung oder das nächste Urlaubsziel?

Ich fragte Rolf, den Mönch vom Hülfensberg, wie er sich Gott vorstelle. Womöglich als bärtigen Alten? Da lachte er schallend und rief: «Nein! Für mich hat Gott keine männlichen Züge, auch keine weiblichen. Am ehesten ähnelt er dem Horizont. Ich habe ihn nie ganz im Blick, ein Teil liegt immer hinter mir. Und je näher ich ihm komme, desto mehr entzieht er sich.» Der Mönch sagte das zwischen allerlei Kruzifixen, Statuen und Heiligenbildern und ließ mich allein mit der Verblüffung darüber, dass ein Geistlicher weniger dogmatisch sein kann als viele Gläubige. Mein Unterwegs-Ich beschloss, die Sache mit dem Glauben noch einmal zu überdenken. Auch das noch.

 

Als ich herabstieg vom Berg, lag ein Nebelsee im Tal, die ersten Buchen waren bronzen gefärbt, vom trockenen Spätsommer und beginnenden Herbst. Hin und wieder schneite es Blätter, ein Flirren wie der Konfettiregen bei Pokalübergaben, aber in allumfassender Stille. Auf den Weiden blühte Klee, blassblau verpackte Heurollen standen herum wie Riesenpastillen und rochen süßlich-gärend. Oberhalb eines Ortes lief ich über einen Friedhof und nahm im Notizbuch ein paar Namen voller Vokale mit, die auch Liviu, dem rumänischen Arzt, gefallen hätten: Anneliese, Emma, Alwin und Edeltraut. Ich durchschritt einen Buchenwald hoch über der Werra. Erst stieg ich bergauf, dann bergab. Als ich an den Waldrand kam, sah ich die Tankstelle.

Vier blaue Fahnen, eine vertraute Raute und auf dem Tankstellendach ein luftgefüllter Würfel, auf dem stand: So heiß. So frisch. So lecker. Schlüsselworte in einer vertrauten Typographie. Fast jede Marke hat ihre eigene Hausschrift, Mercedes-Benz eine monarchisch barocke, die Deutsche Bahn eine sachlich serifenlose, Aral diese weiße, weich gerundete auf blauem Grund.

Die Tankstelle war die erste in Reichweite auf meiner Reise, wie etwas Vertrautes und wie ein Versprechen lag sie da, hastig stolperte ich den Hang hinab und musste an den Sozialgeographen denken, der von Tankstellen als Landmarken der Gegenwart gesprochen hatte: «Früher sah man von weitem die Kirchtürme, mit ihrem Glockenspiel und ihren Uhren synchronisierten sie den Alltag. Dann kamen Rathaustürme dazu; im Mittelalter war ja die Trinität von Markt, Kirche und Rathaus von Bedeutung. Jetzt gibt es wieder andere Markierungen und symbolische Repräsentationen.» So heiß! So frisch! So lecker! Nach vier Wochen mit lauwarmem Wasser und Rohkost, die das Land mir mal reichlich und mal rationiert zugeteilt hatte, war es eine berauschende Vorstellung, die Wahl zu haben – in einer Tankstelle, von der das fahrende Volk denkt, dort finde es nur das Nötigste.

Ich gestand mir einige Schritte auf Asphalt zu, die womöglich verboten waren, zumindest nach Maßstäben und Prinzipien der Stadt, deren moralischem Überlegenheitsgefühl ich mehr als 400 Kilometer entlaufen war, ging auf die gläserne Schwingtür zu wie ein Pilger auf eine Klosterpforte, trat ein in eine Fülle von Farben und Formen, Kühlschrankgesumm und Kassengepiep. Zum Nötigsten gehörten: Eis, Chips, Schnaps, Schokolade, Nüsse, Zigaretten, Zeitungen, Bonbons, Illustrierte, Croissants, Salzstangen, Sonnenbrillen, Bockwürste, Ketchup, Motorenöle, Prepaidkarten, Scheibenwischer, Schwämme, Brot, löslicher Kaffee, Konservensuppen, Ladekabel, Stromadapter, Blumensträuße, Mandala-Malbücher, Scheibenklar, Tiefkühlpizzen, Nudeln, Gewürzgurken, Hörbücher, Teebeutel, Senftuben. An der Stirnwand dieser Kirche des Konsums stand ein achtflügeliger Altar, der Getränkekühlschrank. Darin war das Angebot von Tugend zu Laster sortiert, begann links mit Wasser, ging nach rechts in Säfte über, dann in Limonaden, Energydrinks, Bier-Misch-Getränke, Bier, zuletzt härtere Sachen. Ich zählte 20 Sorten Wasser, 22 Energydrinks und 36 Biere, stand unschlüssig herum, überfordert von der sofortigen Verfügbarkeit von allem und beobachtet von zwei Frauen hinterm Kassentresen, eine ältere, die mich beäugte, und eine jüngere, die Strubbelhaare weiß gebleicht, belegte Brötchen arrangierend.

Aus dem Kühlaltar nahm ich eine Flasche Kakao, ging zur Kasse, bestellte noch mehr Milch in Form eines Cappuccino, dazu ein Croissant, ewig nicht gegessen, und zwei Zeitungen. Ich sagte den beiden Frauen, dass ich gern einige Stunden in ihrem Schlaraffenland verweilen würde, und war in Sorge, sie hätten kein Verständnis, ist eine Tankstelle doch kein Ort des Bleibens, sondern des Kommens und Gehens, des Schwungholens, Krafttankens und Weitermachens. Wenig später merkte ich, dass das ein Irrtum war.

An einem Stehtisch, auf einem Barhocker sitzend, trank ich, aß ich, las in der Zeitung von einer Waschbärenplage und schaute Klassenfotos der Schulanfänger an, erwartungsfrohes Zahnlückenlächeln. Es war später Vormittag, Handwerkerzeit, Männer in Zimmermannshosen kauften Bockwürste, die schrumpelig im Heizglas standen und an anatomische Absonderlichkeiten im Keller einer medizinischen Fakultät erinnerten. Die Kunden trugen Arbeitskleidung mit rotem Engelbert-Strauss-Label, dem Statussymbol des Landvolks, aus Bein- und Brusttaschen ragten Zollstöcke und Bleistifte. Es gab keinen Rucola-Salat und kein Bärlauchpesto, die Brötchen waren mit Butter beschmiert und mit Remoulade getränkt; es gab wenig, was ein Städter gegessen, und viel, worüber er gelächelt hätte, aber über allem lag der fürsorgliche Ton der beiden Frauen, von denen ich mittlerweile wusste, dass die ältere Renate hieß und die jüngere Mandy.

«Soll ich’s in Folie packen?»

«Na, ausgeschlafen?»

«Grüß mal zu Hause!»

«Wie war der Urlaub?»

In einer ruhigen Viertelstunde kam Mandy an meinen Tisch und erklärte mir den Tagesablauf, den Wechsel der Kundschaft je nach Uhrzeit: Dies war Waldland, Holzfällerland, Sägewerkland. Morgens um fünf kämen Männer wie Frauen, Schichtarbeiter auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause, gegen neun die Handwerker, am späten Vormittag die Hausfrauen auf Einkaufstour, nachmittags die Büroangestellten und Kinder auf der Jagd nach Pokémon-Karten, abends junge Leute, die Pizza und Bier für Hauspartys kaufen, nachts übermüdete Lastwagen- und Langstreckenfahrer, zu jeder Tages- und Nachtzeit Notärzte, Polizisten, Mitarbeiter von Pflegediensten. Mandy war nicht nur Kassiererin, sondern auch Brötchen-Schmiererin, Lottoschein-Annehmerin, Spülmaschinen-Einräumerin, Tankdeckel-Öffnerin, Reifenwechslerin, Scheibenwischwassereinfüllhelferin und Café-Barista, vor allem Zuhörerin, Beichtmutter, Trösterin. «Abends öffnen sich die Herzen», sagte sie, dann geht es um Ehekrisen, Entlassungen, Schichtstress, Geldsorgen und Erziehungskummer.

So saß ich in einer Tankstelle und dachte: Vielleicht müssen wir doch nicht alle miteinander wandern gehen, sondern nur 24 Stunden an diesem wohl letzten klassenlosen Ort verbringen, dieser Kathedrale des zu Ende gehenden Karbonzeitalters, immer erleuchtet, immer geöffnet für Katholiken, Protestanten, Muslime, Hindus, Agnostiker und Atheisten, für Junge und Alte, für Müde und Wache, für Reiche und Arme, einem Ort, an dem alle dasselbe suchen, in der gleichen Schlange warten und denselben Preis bezahlen, denn Tanken muss jeder, der ein Auto hat, und das sind in Deutschland viele. Ich überlegte, ob all die Meinungsforscher, die zuletzt so oft danebenlagen bei der Frage, was das Volk beschäftige, sich einmal ausführlich mit Mandy unterhalten sollten. Und ob Redaktionen ebenso viele Hinterland- wie Hauptstadtkorrespondenten beschäftigen müssten, um Antworten auf Fragen zu bekommen, die sie von selbst nicht stellen. Um ein Ohr zu haben für jede Ansicht, jede Dummheit, jede Hoffnung, jede Idee, jede Einfalt, jede Vielfalt, jede Alltäglichkeit, jede Angst – nicht, um sie sich anzueignen, aber um sie zu kennen. Um herauszufinden, was anderen wichtig ist. Nicht uns.

III Der Süden

In Tann in der Rhön lag ein Paket für mich bereit. Der Karton war lang und schmal, eine Angel hätte hineingepasst, auch ein Gewehr, aber darin lag ein Stock. Und dieser Stock hatte eine Geschichte.

Einige Tage zuvor hatte ich über den Zaun eines Kleingartens hinweg mit einem schnauzbärtigen Mann namens Wolfram gesprochen. Er hatte mich übers Feld kommen sehen und zu sich gerufen, eine Flasche Limonade aus seiner Laube gegen Reisegeschichten aus meiner Erinnerung getauscht und meinen Behelfsstock betrachtet, einen Haselnusszweig, unten abgebrochen, feucht und faserig; ich wusste nicht mehr, der wievielte Versuch es war.

«Du musst nach Lindewerra, zum letzten Stockmacher», sagte Wolfram.

Es war ein Gespräch, wie ich viele führte, meistens mit Männern, immer per du, oft fielen Ortsnamen, die ich nie zuvor gehört hatte. Jede Wegbeschreibung hatte ich mitgeschrieben, aber selten genutzt, weil sich viele Ratschläge doch auf Straßen bezogen oder zu Zielen führten, die isoliert auf Asphaltwüsten lagen. Es gab auch Menschen, die mir zum Abschied «gute Weiterfahrt!» wünschten.

Ohne viel zu erwarten, gab ich die beiden Worte «Lindewerra + Stockmacher» in die Google-Suchmaske meines Handys ein, das ich unterwegs an jede erreichbare Steckdose anschloss – in ähnlicher Dringlichkeit, mit der Reiter früher ihre Pferde zur Tränke führten. An einigen Tagen lief ich mit leerem Akku, unerreichbar. Gab es Strom, wurden sofort Hunderte E-Mails herangeschwemmt, von Kollegen, Freunden, Nachbarn, vor allem von Firmen, deren Kunde ich einmal gewesen war und die mir wieder etwas verkaufen wollten.

AmbienteDirect.com schrieb: «Wir vermissen Sie!»

Air Berlin lud mich ein, am «Super Sunday» günstige Flugtickets in die USA zu kaufen.

Globetrotter mailte: «Final Sale – Stöbern Sie in Ihrer Größe!»

Booking.com teilte mit: «Henning, wir haben Last-Minute-Angebote für Sie in Lissabon gefunden!»

Madeindesign.com empfahl «200 Designerstücke, die die Geschichte geprägt haben!»

Flying Blue teilte mir meinen Meilenstand mit.

Der adidas Online Shop schrieb: «Wings + Hirns gibt sein Debüt bei adidas.»

In meinem Maileingangsfach war ich jemand, der sein Haus mit Designobjekten vollstellte, durch die Welt flog und dabei adidas trug – so arriviert, wie die Zeit-Kollegin in ihrem Arroganz-Artikel angedeutet hatte. Jetzt lief ich in zerrissener Hose durch Deutschland und stellte fest, dass «Lindewerra + Stockmacher» schon fünfzig Kilometer entfernt in meinem Rücken lagen und es ohne Flying Blue zwei Tage dauern würde, dorthin zurückzulaufen. Ich stand auf einem Acker bei Bad Hersfeld, in der Mitte der deutschen Warenwelt, aus der Amazon, Hermes und Libri ihre Kunden beliefern, und tippte auf meinem Handy eine Nummer ein. Ein Signal glitt ins All und wurde von einem Satelliten in spitzem Winkel wieder zurückgeworfen, hinab ins Werratal, wo in einem 250 Einwohner zählenden Dorf ein Handwerker zum Hörer griff. Für ihn begann ein Geschäftsgespräch, für mich ein Telefonat mit der Vergangenheit.

Der Mann, der nur Stimme blieb, war einer der letzten Stockmacher des Landes und der einzig übrig gebliebene in Lindewerra, tätig in fünfter Generation. Seit Jahrhunderten hatten die Menschen am Ufer der Werra Tierhäute gegerbt, dafür benötigten sie Wasser und Rinde, aus der sie Gerbsäure gewannen. An den Hängen zum Fluss fällten sie Eichen, schälten die Stämme, und aus den Stümpfen wuchsen Schösslinge, Hunderte, Tausende; gerade und straff. 1836 kam ein Stockmacher nach Lindewerra und begann, aus den Trieben Stöcke zu schnitzen. «Ein Abfallprodukt», sagte die Stimme am Telefon. Wenige Jahrzehnte später kamen auf 250 Einwohner 30 Stockmacher, fast jede Familie war beteiligt, «in den dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden im Ort jedes Jahr eine halbe Million Stöcke gefertigt. Damals hatte jeder Mann ja fünf bis sechs Stöcke.»

Der Mensch ist erst stocklos, seit er nicht mehr läuft, sondern Auto fährt. In den Gräbern ägyptischer Pharaonen wurden Krummstäbe gefunden. Hirten stützten sich auf Stäbe. Könige trugen ein Zepter mit sich. Bis heute betreten Bischöfe Kirchen mit einem Bischofsstab. Handlungsreisenden des Mittelalters dienten Stöcke als Selbstverteidigungswaffe gegen Hunde und Wegelagerer. Als das Bürgertum nach den europäischen Revolutionen den aufrechten Gang erlernte, half dabei der Spazierstock: Selbstbewusstes Gehen, gleichmäßiges Schreiten wurden in den neuen Parkanlagen der Städte und auf Promenaden regelrecht eingeübt, Taktgeber war dabei der Gehstock. Ein Stock galt als Ermächtigungs- und Ertüchtigungsutensil, eine aufwendige Schnitzerei oder Silberarbeit am Knauf war ein Distinktionsmerkmal wie jetzt die Chromleiste in der gehobenen Ausstattung eines Autos, ein Stocknagel vom Brockengipfel ein Weltläufigkeitsnachweis wie heute ein Elch-Aufkleber auf der Kofferraumklappe.

Als der Mensch begann, sich im Sitzen statt im Gehen fortzubewegen, ging die Zeit der Stockmacher von Lindewerra zu Ende. Ein Gehstock wurde vom Symbol des Aufbruchs zum Symbol des Gebrechlichen. Der letzte berühmte Kunde in Lindewerra hieß Otto Graf Lambsdorff.

Ich hätte mir im Outdoor-Laden natürlich einen Teleskop-Stock aus Carbon kaufen können, sagte der Stockmacher am Telefon, eine neue Zeit der Stöcke sei angebrochen, sie seien wieder Symbole, jetzt einer neuen Ertüchtigung. «Aber ich werde Ihnen etwas aus Holz schicken, organischer, elastischer. Sie bekommen einen zusätzlichen Körperteil.»

In der Rhön öffnete ich nun das Paket, das nur wenige Kilometer unterwegs gewesen war, aber aus einer anderen Zeit zu stammen schien, so wie ich, der ich mich wie die Menschen vor einhundert Jahren durchs Jetzt bewegte. Was im Karton lag, hätten AmbienteDirect.com, Booking.com und der adidas Online Shop womöglich nur «Artikelnummer 519» genannt, dabei war es ein dunkelbrauner Stock aus Edelkastanie, in den spanischen Pyrenäen gewachsen und dann in dreißig Arbeitsgängen geschält, über Wasserdampf gerichtet, vier Tage lang getrocknet, geschliffen, geflammt, lackiert und mit einer vernickelten Bergstockspitze beschlagen. Der Knauf, einst ein Stück Wurzel, reichte mir bis zum Brustbein. In meinem Pendlerzug, im Büro, auch im Moor, in dem alles angefangen hatte, hätte der Stock wie ein lächerliches Accessoire gewirkt. Jetzt wog ich ihn, stach ihn zaghaft in den Boden, machte mich mit ihm bekannt. Bis zur Zugspitze blieben noch 360 Kilometer.

 

Der neue, alte Stock war wie geschaffen für die urtümliche Landschaft, in die ich gegen Ende der vierten Woche geriet. Die Rhön verschwieg ihre vulkanische Entstehung nicht, die Berge glichen Kegeln, ihre Kuppen waren kahl. Der Blick reichte weiter als im Harz, und der Wind blies unerbittlich. Die Orte in den Tälern hießen Findlos, Wüstensachsen, Brand und Altenfeld, harte, karge Namen. Das Relief war eigentümlich, als wolle es sich einer Nutzung entziehen: abrupte Anstiege, steile Hänge, eine Engräumigkeit, zu widerspenstig für raumgreifende Landwirtschaft. Dies war eine Wanderlandschaft, Wälder und Weiden wechselten schneller als auf dem gesamten Weg zuvor, erstmals lief ich durch Milchtütenidylle, über Matten violetter Herbstkrokusse und über Lichtungen, entlegen wie kleine, alpine Almen. Kälber ließen mir stoisch-skeptische Blicke aus weit auseinanderstehenden Augen folgen.

Das alles konnte ich jetzt lesen: Was ein Wanderer «abwechslungsreich» nennt, ist für einen Landwirt arbeitsreich. Die Rhön ließ sich nicht mit riesigen Maschinen beackern wie Mecklenburg, hier standen an Waldrändern kleine Scheunen und Schober, darin altes, rostiges Gerät, klappriger und ärmlicher als im Osten.

Auf einer Lichtung saß auf einem Traktor ein Mann, der sich als Albert vorstellte und nicht mehr genau wusste, wie alt er war, «72 oder 73», sagte er, «macht eh keinen Unterschied». Sein Trecker war kaum jünger, ein alter Deutz, lindgrün mit roten Radkappen und Scheinwerferaugen wie im Zeichentrickfilm. Albert sah aus wie der passende Filmbauer dazu, Schlägermütze, Karohemd, Weste, Cordhose, die Stiefel geschnürt mit Elektrozaundraht. Mit seinem Deutz holperte er über einen schmalen Streifen Weide zwischen zwei Wäldern und wendete Heu.

«Das ist kein Heu», sagte Albert. «Das ist Grummet.»

Ich lernte: Heu heißt nur der erste Schnitt des Jahres, eingebracht im Frühsommer. Nun stand der Herbst an, nachts fiel das Thermometer auf vier Grad, aber es war trocken, und Albert kümmerte sich um den zweiten Schnitt, das Grummet, das in einigen Tagen luftdicht in Plastik verpackt auf seiner Wiese liegen würde. In der Herbstsonne werde das Grummet gären, «so wie du zu Hause Kraut für den Winter einmachst», sagte Albert. Einige Wochen später folge der dritte Schnitt, das «Aftergrummet», und dann, ja, dann … sei da etwas Neues: Auf seiner Weide, 645 Meter hoch in der kalten Rhön gelegen, schaffe er seit einiger Zeit einen vierten Schnitt im Jahr, «nur hab ich kein Wort dafür».

Manchmal sagt ein fehlendes Wort besonders viel. Den Begriff «Heu» kennt jeder, ein erster Weidenschnitt gelingt überall im deutschen Sprachraum. Der Name für den zweiten Schnitt ist schon regional verschieden, der «Grummet» heißt auf Alemannisch «Emde» und auf Ostfriesisch «Ettgrön»; der dritte Schnitt, geographisches Glück, mancherorts «Böüfel», andernorts «Woad». Uralte Sprache, der es angesichts einer Veränderung an Vokabeln fehlt.

Da war es wieder, das Anthropozän, dieses Mal auf einer entlegenen Weide, wo ein alter Mann nach neuen Begrifflichkeiten suchte. Der Mensch veränderte die Erde schneller, als er dafür Worte fand.

«Das ist der Klimawandel», sagte Albert auf dem Traktor, ein Profiteur, der nicht triumphierte und nicht leugnete, sondern sich in seiner Besorgnis mit den Besorgten einig war. «Stell dir vor, es gibt zwei Erden, eine mit und eine ohne Menschen», sagte er, «und ab und zu unterhalten sich die beiden Chefs. Fragt der Chef der Erde ohne Menschen: Wie läuft’s bei dir? Sagt der andere: Lief lange gut. Aber seit einiger Zeit hab ich so ’n zweibeiniges Wesen bei mir. Das werde ich wohl wieder abschaffen.» Dann warf Albert den Traktor an und tuckerte davon, auf seine saftgrüne Weide.

Ich hatte an diesem Tag ein Ziel, einen Hof, ein Kind, von dem man mir berichtet hatte. Immer wieder war ich auf dem Weg Jungen und Mädchen begegnet, die anders waren als Kinder in der Stadt. Kinder auf motorisierten Gefährten, Kinder mit Aufgaben, Kinder in Verantwortung, Kinder im selben erdigen Ernst, wie ihn der alte Albert ausstrahlte. Ich sah Zwölfjährige mit Aufsitzmähern Rasen mähen. Ich sah sie auf Mopeds Kühe eintreiben und Zäune umstecken, wenn eine Weide abgefressen war. Mitten im Wald traf ich Dominika, 16, ein modernes Rotkäppchen, jetzt ganz in Schwarz und mit Piercings an Ohren und Nase. Sie war Polin, ihr Freund lebte einen Ort und einen Berg weiter, fünf Kilometer durch den Wald. Es fuhr kein Bus, sie durfte noch nicht Auto fahren, bei ihm reichte das Geld nicht für ein Mofa, also besuchten sie sich zu Fuß. Ein Mädchen allein im Wald. Burschen, die mit Mähmessern hantierten. Kinder, die Traktoren fuhren.

Alle Motive hätte ich als naturnah romantisieren oder als Tristesse malen können. Mich bedrängte ein anderes Gefühl, ein Phantomschmerz. Etwas war grundlegend anders als in der Stadt, in allen Familien, in denen Wohnen und Arbeiten getrennt sind und auf den Visitenkarten der Eltern Berufsbezeichnungen stehen, die niemand außer ihnen selbst entschlüsseln kann. In der Anschaulichkeit rund um die Bauernhöfe der Rhön verstand ich, wie abstrakt das Leben heute ist, wie abstrakt vor allem Kindheit funktioniert. Sich im Sandkasten zu streiten und wieder zu versöhnen, eine Sprache zu lernen, ein Instrument zu spielen, das schult, das formt die Persönlichkeit, das macht manchen vielleicht sogar Freude – aber was davon ist Spaß im Jetzt und was eine Investition in die Zukunft? Wann sieht ein Kind ein augenblickliches Ergebnis seines Handelns – und wie oft wird aus jedem Tun und Lassen nur eine Prognose für seine Visitenkartenzukunft erstellt?

Nördlich der Rhön hatte ich mit einem Milchwagenfahrer darüber geredet, und der sagte: Alles, worüber Pädagogen sprachen, «Eigenverantwortung», «Freiarbeit», «spielendes Lernen» – auf den Bauernhöfen, die er anfahre, gab es das längst. «Oder noch.» Es wurden nur keine großen Worte darum gemacht. Und so, wie der Kleingärtner Wolfram mir den Stockmacher empfohlen hatte, riet der Milchwagenfahrer, ich solle zu einem kleinen Weiler an den Hängen der Wasserkuppe hinaufsteigen. Dort lebe auf einem Hof ein Junge, der ganz besonders sei.

Deshalb saß ich eines Abends mit Tobias vor einem Kuhstall, und wir blätterten gemeinsam in einem Zuchtbullen-Katalog. Tobias war vierzehn, schon groß, noch bartlos und erst in Erwartung des Stimmbruchs, er sprach kein weiches Hessisch, sondern noch weicheres Fränkisch, obwohl der Hof nördlich der Regionsgrenze lag. Seine Eltern führten einen Betrieb mit 55 Milchkühen, eben hatte die Familie sie von der Weide getrieben, jetzt weihte der Kindsmann mich in die Aufgabe ein, die der Vater ihm übertragen hatte: die Zucht.

«Das muss ich jetzt lang erklären, sonst verstehen Sie das nicht», sagte Tobias. Auf seinem Schoß lag der Katalog, dick und hochglänzend wie vom Otto-Versand, allerdings stand im Titel Bullen, darunter «August 2016». Jede Kuh und jeder Bulle, lernte ich, lässt sich nach Kriterien wie «Milchtyp», «Fundament», «Euter» und «Rahmen» beurteilen, wobei «Rahmen» die Körpergröße meint und «Fundament» die Beschaffenheit der Beine. Manches ist offensichtlich, anderes wird per Gentest bestimmt. Tobias blätterte durch den Katalog, für den Bullen namens Skyfall, Startrek und Topgear vor Panoramatapete fotografiert worden waren, jede Körperbeschaffenheit bis ins Kleinste aufgeschlüsselt: Beckenneigung, Beckenbreite und Klauendiagonale. Hundert Kriterien, tausend Kennziffern. Wie in einem Automagazin.

«Ich guck mir unsere Kühe an und überlege, welcher Bulle darauf passt», sagte Tobias. «Es kann sein, dass ein Bulle einen guten Euter macht. Dann tu ich den auf die Kuh mit schlechtem Euter. Und die Kuh mit schlechtem Fundament kriegt einen Bullen mit gutem Fundament.» Die Herde seines Vaters habe einen traditionell «guten Fleischwert», sagte Tobias: «Ich kümmere mich jetzt um einen guten Euter.»

Der Junge glühte vor Stolz. Ein Vierzehnjähriger in der Rolle des Schöpfers. Ein Kind, dessen Körper noch nicht mit der Pubertät und den damit verbundenen Peinlichkeiten durch war, das aber hellstimmig von portioniertem Bullensperma sprach, das es aus einem Budget bezahlte, vom Vater anvertraut. «Ein Stäbchen Sperma kostet zwischen sechs und zwanzig Euro, die werden von der Besamungstechnikerin in den Muttermund der Kuh gespritzt.»

Ich war jetzt lange über Land gelaufen, von Bauernhof zu Bauernhof zu Bauernhof. Manchmal hatte ich Sorge, dass ich allzu eins war mit den Leuten, womöglich eine Art Stockholm-Syndrom nach mehrwöchigem Wandern. Aber war das hier nicht wirklich faszinierend?

In der Stadtwelt, aus der ich gekommen war, ging es an jedem Tag, in jeder Zeitungsausgabe, bei jedem Nachbarschaftstreffen um die Erziehung unserer Kinder; kaum ein Thema ist präsenter. Welche ist die beste Schule? Was ist das passende Hobby? Ist der Freund nicht ein Junge, der einen runterzieht? Meist versuchen wir Eltern, das Leben unserer Kinder in richtige Bahnen zu lenken, Babyschwimmen, Reiten, Auslandsjahr. Nichts davon ist falsch. Hier sah ich etwas, das noch richtiger war: Tobias’ Vater werkelte im Abendlicht auf dem Hof herum, trug Eimer hin und her, wusch den Trecker, öffnete und schloss Gatter und überließ seinen Sohn dem fremden Gast. Er ließ ihn mit mir allein, so wie er ihn bei der Zucht der Herde allein ließ. Für ihn war die beste Erziehung eine, die nicht wie Erziehung aussah.

Vor einigen Jahren hatte ich ein ganzes Buch über Kindheit, Bildung und die Überkümmerung seitens von uns Eltern geschrieben. Auf die Idee, ein Alternativbeispiel auf dem Land zu suchen, war ich nicht gekommen. Ein Kapitel über Tobias und seinen Vater fehlte. Jetzt saß ich neben diesem Vierzehnjährigen, versuchte, seinen Ausführungen über Euterqualitäten von Fleckvieh zu folgen, und dachte gleichzeitig darüber nach, was sich von dem, was ich erlebte, in mein eigentliches Leben als Vater übertragen ließe. Sollte ich eine Kuh in unseren Vorstadtgarten stellen, wenigstens eine Ziege, irgendwas Wuchtigeres als Haustierbeiwerk? Einen Tag in der Woche nicht mit meinen Kindern sprechen und sie sich selbst überlassen? Mir einen praktischen Beruf suchen, der es den Kindern ermöglichte, sie zwang, mit anzupacken? Mir fiel nichts ein. Alles, was auf dem Land beiläufig geschah, wäre in der Stadt gewollt gewesen.

Tobias ging in die neunte Klasse. Er sagte, in der Schule verrate er kaum jemandem, was er tue, «das finden die uncool». Das städtische Leben, es begann direkt unten im Tal, wo sich die Dörfer verdichten, die Eltern zur Arbeit auspendeln und die Kinder Minecraft spielen, ein Computerspiel, in dem sich die Spieler ihre eigene Welt bauen. Das tat Tobias auch, nur echt. Es dämmerte, als er mich einen Hang hinaufführte zu einer Hütte, in der ich schlafen durfte. Im Tal gingen die Lichter an. Ich fragte ihn, was seine Klassenkameraden da unten besser könnten als er. Der Junge überlegte. Es war schon zu dunkel, um in seinem Gesicht zu lesen. Dann sagte er: «Die können besser Tastatur schreiben.»

 

Bayern machte sich rar, ließ mich kommen, wehrte sich, sperrte sich, machte den Grenzübertritt zu etwas Spektakulärem, und das war typisch für das letzte Bundesland, das vor mir lag und sich so selbstbewusst Freistaat nennt. Von der Hütte, zu der mir Tobias am Abend zuvor den Weg gewiesen hatte, ging es steil bergauf, einem Joch entgegen, das zwischen zwei Bergen lag, Teufelsberg und Hohe Hölle. Ich war allein, aber umschallt von Menschengeräuschen. Aus dem Tal hallte das Dröhnen der Autobahn 7 herauf; darunter mischten sich Hubschrauberkrawall und Kriegsgeknatter, auf dem Truppenübungsplatz Wildflecken schoss eine Panzerhaubitze, Donner grollten über die Rhön. In der Nacht hatten Flugzeuge ein kompliziertes Schnittmuster aus Kondensstreifen an den Himmel gemalt.

Bislang hatten sich alle Bundesländer beiläufig geöffnet, manche gaben sich erst spät zu erkennen, an den ersten neuen Autokennzeichen, die ich sah, wenn ich entlang einer Straße lief. Nicht so Bayern, dieses vorwitzige Staatsgebilde, das sich gegen Lederhosenklischees nicht wehrt, sondern sie bestärkt, das seine Hofbräuhäuser bis nach China exportiert und dessen Ministerpräsident andauernd in die Bundespolitik hineinredet, woraufhin ihm seine Herausforderer bundespolitisch ins Hineinreden hineinreden, immer wieder und immer sehr laut, weshalb Bayern omnipräsent ist, jedem ein Begriff, jeder hat eine Vorstellung. Was zeichnet Niedersachsen aus? Was ist das Besondere an Sachsen-Anhalt? Wer nach Bayern geht, hat ein Bild vor Augen, je nach Einstellung und Erwartung voller Kirchen, Kühe, Hightech, Heiligenbildchen oder Wohlstandsbäuche. Bayern ist das Bundesland mit den meisten Urlaubern und den meisten Feiertagen. Für mich war es am 31. Tag der Wanderung das Land, in dem ich von gekiestem Biergarten zu gekiestem Biergarten laufen und meinen Milchdurst loswerden könnte, in dem ich ebenso schrulligen wie liebenswürdigen Kleinbauern begegnen würde, die ihren Hut zum Gruß lüften, und in dem ich – in einer letzten Prüfung – besonders tief verwurzeltem, ländlichem Konservatismus ausgesetzt wäre. So dachte ich, als ich die Passhöhe zwischen Hessen und Bayern erreichte und von Süden die Sonne blendete. Voraus glitten Hänge sanft ins Gegenlicht, dahinter lag die fränkische Ebene in silbrigem Dunst. Im Schatten eines Baumes ruhte eine Schafherde, umzäunt, einen Schäfer sah ich nicht. Einem Münchner Freund schrieb ich eine SMS, er antwortete prompt: «Willkommen im gelobten Land! Wo die Blumen blühen und der Herrgott noch jemand ist!»

Bis zur Zugspitze blieben 342 Kilometer.

Etwas war anders, schon im ersten Tal. Die Straßen waren breiter als jene, die ich in Hessen überquert hatte, auf dem Asphalt jagten Audis mit ihren Haifischmäulern und BMWs mit Falkengesichtern heran, gierige Kühlergrills, grimmige Scheinwerferschlitze. Die meisten Wagen waren schwarz, sie waren laut, wohl wegen ihrer starken Motoren und breiten Reifen, sie rauschten schnell vorbei, als seien Diplomaten in heikler Mission unterwegs.

Es waren Botschafter des bayerischen Wohlstands.

Nach einem Monat unterwegs war ich Verblüffen gewöhnt, kaum mehr überrascht, was mich alles überraschte, aber auf mich als Fußgänger wirkte das, was ich nun von Bayern sah, wie ein Film in leichtem Zeitraffer, zehn Prozent schneller abgespielt als normal, dazu die Lautstärke aufgedreht. Hessen stand, Bayern brummte. Mehr Autos, größere Autos, schnellere Autos. Über Dörfern kreisten Baukräne, da war Sägengeschrei und Hammerklopfen, aus allen Winkeln drangen Bewegung und Geräusch heran.

Wie groß der Unterschied zu allem Vergangenen – noch ein Begriff, in dem ich jetzt das Wort Gehen bemerkte –, wie groß dieser Unterschied wirklich war, wird jeder anders empfinden, abhängig von der Art, in der er reist. Mir erschien der Wechsel gewaltig, als Überforderung, wie sie auch Menschen kennen, die nach einer langen Radtour oder einem einsamen Segeltörn ins Sinnendickicht einer Stadt oder eines Hafens geraten.

 

Ich sah den Fuchs an der Staatsstraße 2430 zwischen Burkardroth und Bad Bocklet. Ein zierliches Wesen, kaum größer als eine Katze, schlanke Läufe, die Zähne leicht gebleckt. Er war tot.

Ich war an vielen überfahrenen Tieren vorbeigegangen, an Igeln, Katzen, Waschbären, viele derart entstellt, dass sich der Blick reflexartig abwandte und ich nicht immer sicher war, was da fleischrot auf der Straße lag und Reifen für Reifen weiter zermetzelt und verteilt wurde. Trotz allen Wegsehens schaute ich hin, unausweichlich, und sah Wesen, wie von Picasso dekonstruiert, Augen, Köpfe, Gedärm, einzelne Pfoten, weit verstreut oder ineinander verwunden.

Der Fuchs musste angefahren worden und dann im Straßengraben verendet sein, ich bemerkte ihn erst, als ich vor ihm stand. Äußerlich unversehrt lag er da, auf der Seite in hohem Gras, der Wind spielte mit seinem Fell. Hob und senkte sich nicht sogar die Blässe an seinem Bauch? Das Auge, das ich sehen konnte, war geschlossen, als schlafe er nur. Der untere Reißzahn stieß in seine Oberlippe. Der obere Reißzahn stand heraus wie bei einem Kind, das sich zu Karneval als Vampir verkleidet hat. An allen Kadavern zuvor hatte mich Ekel vorbeigetrieben, hier blieb ich stehen, verunsichert von der Gänze des Körpers, womöglich auch aus Pietät. Noch hatte sich der Straßenreinigungsdienst nicht des Fuchses angenommen, weder der kommunale noch die Krähen. Nur eine Fliege saß schon auf seinem Augenlid.

Autos fuhren heran und vorüber, aus den flachen Fensterkeilen sahen die Fahrer nur mich, nicht das Tier im Gras. Eine Viertelstunde stand ich da und grübelte, ob der Fuchs mich ermahnen wollte, ein Thema der ersten Tage nicht zu vergessen, die Versiegelung der Landschaft, die «Verkammerung» der Lebensräume, über die der Biologe gesprochen hatte. Aber hatte ich es tatsächlich vergessen? Der Fuchs hatte eine Straße betreten und das mit dem Leben bezahlt. Ich hatte die Straßen verlassen und war in lauter Leben getreten. War das nicht eins?

Seit ich in Bayern war, fand ich vor lauter Straßen kaum Leben. Da war nicht nur der tote Fuchs, da war auch das Problem, dass ich mehr als zuvor ein Fremder war, der Befremdliches tat. Ein Satz wie «Entschuldigung, ich habe Durst» passte nicht mehr in eine Landschaft, in der Klöster Schankstuben waren und erwartungsgemäß alle paar Kilometer Schilder auf Biergärten hinwiesen. Was ich tat, erschien nicht mehr plausibel, jedenfalls nicht den vielen Unterwegsmenschen, und ich traf nur die, weil jeder in Bayern, das hier noch Franken war, Arbeit zu haben schien, eine Aufgabe, ein Ziel; nur keine Zeit. Die Leute verwiesen mich jetzt an den nächsten Gasthof. Dort sprach dann nicht mehr Mensch zu Mensch, sondern Kellner mit Kunde. Interaktionen waren vom Tausch Ware gegen Geld bestimmt, ich lernte nur noch das Dienstleistungspersonal des Landes kennen und war zum Touristen geworden. Die Geldscheine im Portemonnaie wurden weniger, die Restaurantbelege mehr. Verhungern würde ich nicht, eher vereinsamen.

Ein subjektives Empfinden? Unter den Flächenländern weist Bayern das größte Bruttoinlandsprodukt pro Bürger auf. Die Autos haben im Durchschnitt mehr PS und sind jünger als in jedem anderen Bundesland. Seit Jahrzehnten hat Bayern auch den größten Flächenverbrauch republikweit. In den vergangenen Jahren wurden täglich dreizehn Hektar Boden in Siedlungs- und Verkehrsflächen umgewandelt, neunzehn Fußballplätze jeden Tag. Seit 1960 ist Bayerns Bevölkerung um ein Drittel gewachsen. Die Siedlungs- und Verkehrsfläche hat sich fast verdoppelt. Das moderne Leben ist raumgreifend, in der Stadt, wo viele Singles wohnen, auf dem Land, wo Familien ihre Hausträume verwirklichen. Zwar gibt es Gesetze. Für jede neue Straße verlangt der Bund eine «Ausgleichsmaßnahme». Das heißt nicht, dass für jeden Quadratmeter frischen Asphalts ein Quadratmeter alten aufgebrochen werden muss. Meist reicht es, einen intensiv genutzten Acker in eine Streuobstwiese umzuwandeln. So wird das Netz immer dichter, werden mit jedem Neubaugebiet die Wege länger, mit jeder Umgehungsstraße aber wieder schneller zu bewältigen, sind mehr Menschen in immer schnelleren Autos und im Zeitraffermodus unterwegs, wird das Land stetig erschlossen – und verschließt sich genau dadurch für alles andere. Auch vor mir, einem Wanderer mit hölzernem Stock, der an der Staatsstraße 2430 vor einem toten Fuchs stand wie der einzige Besucher auf einem Begräbnis.

 

Und dann ging mir das Geld aus. Nach wenigen Tagen in Bayern war nichts mehr da. All die Wochen war unwichtig gewesen, wie viele Scheine und Münzen ich bei mir trug. Geld war so nebensächlich wie in einem normalen Leben Windrichtung oder Luftdruck. So belanglos, dass ich vergessen hatte, über diese Belanglosigkeit zu staunen. Abseits der Straßen war ich wieder das Kind gewesen, das noch kein Taschengeld bekam. Auch keins brauchte, weil seine Bedürfnisse andere waren.

Das war jetzt vorbei. In Bayern, dem Land, das sich für seine Idyllen lobte und liebte, war ich in die kühle Logik des modernen, arbeitsteiligen Wirtschaftskreislaufs geraten. Bayern funktionierte wie ein Freizeitpark, wie eine kostenpflichtige Naturattrappe. Überall waren beschilderte Wege, Wellnesswege, Bierwege, Premiumwege, fast war zu befürchten, mitten im Wald würde ein Kassenhäuschen stehen. Mit einem Mal ging es mir wie Michael Holzach, auch ein Journalist, der dreißig Jahre zuvor das Buch Deutschland umsonst geschrieben hatte, nachdem er ohne Geld durchs Land gelaufen war: «Ohne Geld durch eine Welt zu gehen, in der sich alles um Mark und Pfennig dreht, hatte etwas Utopisches für mich, erschien mir wie ein Gang in absolutes Neuland.»

Im Norden, im Osten zumal, war ich durch offenes, manchmal wundes Land gelaufen, vorbei an Altem und Vergessenem wie den Apfelbaumalleen, die mich autark machten. Jetzt wurde das Straßennetz dichter, und die Zwangsläufigkeiten der 6,2-Prozent-Welt rückten wieder näher. Werktags sah ich unterwegs so gut wie keinen Menschen, den ich auch nur um Wasser bitten konnte. Kleingärten lagen verschlossen hinter Zäunen, sämtliche Bewohner der vielen Neubaugebiete schienen zur Arbeit ausgerückt zu sein. Niemand war ansprechbar, außer eben in Ausflugslokalen am Wegrand. Aber wie an Geld kommen? Bankautomaten lagen unerreichbar in den Städten. Und Vorräte hatte ich keine mehr.

Stehenbleiben wäre keine Lösung gewesen, und das Gehen war ein Leichtes. Frankens Wälder machten nicht satt, so sah ich mich auf den Äckern um, wie ich es im Norden getan hatte. Der Boden war graubraun wie Brotrinde, die Felder abgeerntet und umgepflügt, das Grün und Gelb aus der Landschaft geschnitten, mit den Farben auch die Früchte. Nach einigen Stunden sah ich ein Trumm über einen Acker ziehen, darauf zwei Gestalten wie ein Prinzenpaar auf einem Faschingswagen. Die Frau und der Mann sortierten Kartoffeln. Aus den Furchen, die zurückblieben, klaubte ich Knollen, die durchs Sortierraster der Maschine gefallen waren, zwei Hände voll, und aß sie roh.

 

Ich traf Hilde im Rücken eines Dorfes. Vielmehr traf sie mich, sie musste mir nachgelaufen sein. Wie jeden Tag war ich auf einen Ort erst zugegangen und hatte ihn dann an den Rändern umrundet. Denn an den Rändern wuchsen die Obstbäume. Diesmal war da eine brüchige Stimme, die fragte:

«Wer bist denn du?»

Es dauerte einige zerblinzelte Sekunden, bis ich im Gegenlicht, im Schatten eines Verandadaches, die Frau sah. Ein Kopf unter weißem Haar. Ich nannte meinen Namen.

«Ich bin die Hilde», sagte sie und verstummte.

Also ging ich weiter. Jede Siedlung auf dem Land hatte ihre schäbige Ecke, in der Pflugeisen verrosteten, Kaminholz trocknete und Autowracks ausgeschlachtet wurden. Hier war ich ungestört, blieb ungesehen. Ich saß im Schatten eines Haselnussstrauchs, als plötzlich Hilde hinter mir stand.

«Ist das dei Hud?»

«Ja.»

«Setz den mal auf.»

Das tat ich.

«Ooooh. Guuuud.»

Hilde war alt, trug eine weite Hose und Schlappen und setzte sich ins Gras. Um ihren Hals hing ein Bändchen mit Schlüssel, zwei rosafarbene Spangen hielten das Haar aus der Stirn. Ein Mädchen, das Frau und wieder Mädchen geworden war. In ihrem runden Gesicht liefen alle Falten auf den Mund zu, feine Rinnen, die in einen fast zahnlosen Krater mündeten, darüber eine Stupsnase und zwei Kindsaugen.

«I kann nirgends mehr hin», sagte sie. «I bin ned mehr beisammen. Muss aufpasse, dass i ned abhau.»

«Wie weit darfst du denn?», fragte ich.

«Vergessen», sagte sie.

Der erste Mensch, mit dem ich seit längerem sprach, war dement. Alle Zeit der Welt, außen vor, tagsüber allein, bis die erwachsenen Kinder von der Arbeit nach Hause kamen.

«Wo willst hi?», fragte sie.

«Zur Zugspitze», sagte ich.

«Kenn i ned.»

«In den Alpen ist das.»

«Gehst da heud no hi?», fragte sie.

«Das wäre schön», sagte ich.

«Hast denn auch a Göd?»

«Gerade nicht.»

Mit ausgestreckten Beinen saß Hilde da, steif wie eine Puppe. Mal schwieg, mal sprach sie. Nicht alles verstand ich, wegen ihres Dialektes und weil sich Sätze in Nuscheln und Vergessen verloren. Soweit ich begriff, wartete Hilde an diesem Tag auf ihren Vater, der längst gestorben war. Ich fand nicht heraus, in welchem Jahr sie sich wähnte und an welchem Ort. Mir war, als sei sie mir nachgelaufen, weil ich an ihrem Hof vorbeigegangen war wie lange niemand mehr, und nun saßen wir da, zwei aus der Zeit gefallene Gestalten. Sie mit Mädchenhaarspangen. Ich mit Wanderstock. Auf einmal zuckte Hilde zusammen, als habe eine Wespe sie gestochen. Die alte Frau sah mich von der Seite an und rief: «Du bist da Russ! A Russ bist du!» Dann stob sie auf und lief in Trippelschritten zurück zum Dorf.

Ein Jahr, nachdem ich als falscher Obdachloser in Kronberg im Taunus unterwegs gewesen war, zog ich noch einmal los, dieses Mal nach Berlin-Neukölln, eine der ärmsten Gegenden Deutschlands. Meine Begleiterin und ich schliefen in kirchlichen und kommunalen Unterkünften und lernten Tag und Nacht neue Menschen kennen; allein deshalb, weil wir nicht die einzigen Verlierergestalten waren, die durch die Stadt zogen. In Plaudergruppen, die sich vor Kiosken und Pfandflaschenautomaten sammelten, bekamen wir Hinweise, wo es Hilfe für uns gäbe. Nach einer Woche hatte meine Begleiterin einen Job als Kellnerin in einer Schrebergarten-Spelunke, und rückwirkend bekam das umstrittene Taunus-Experiment doch noch Aussagekraft. Soziologen erklärten uns: Menschen aus unteren sozialen Schichten müssen im Alltag öfter improvisieren, sie sind stärker auf Kooperation angewiesen als Personen in wohlhabenden Haushalten. Geschwister teilen sich ein Zimmer. Balkon grenzt an Balkon. Bestenfalls hilft man dem Nachbarn bei der Reparatur des Autos. Wo Menschen in Wohlstand leben, sind sie weniger auf andere angewiesen. Sie haben die Freiheit, sich auf sich selbst zu konzentrieren. Und wenn sie etwas gemeinschaftlich unternehmen, dann organisiert, mit Berufskollegen, in Vereinen, auf Sportanlagen.

Jetzt, in Bayern, hatten die Dörfer eine Mitte, unter Bäumen standen Bänke, aber niemand saß darauf. Ich traf keinen AfD-Günther mehr, nicht da, wo ich mich durchs Land schlug. Es gab keine Dominika, die zu ihrem Freund laufen musste, weil die bayerischen Burschen Autos besitzen – aber das bleibt eine Vermutung, ich konnte nicht fragen, wenn ich in der Ferne Lichtkegel durch die Dämmerung schweifen sah. Gewiss war, dass ich nur noch absoluten Randgestalten begegnete. Dem Fuchs und Hilde. Der eine tot, die andere dement.

In den Straßengräben verwitterten Holzkreuze, von Eltern aufgestellt in Erinnerung an verunglückte Kinder.

Dani, 24.

Mike, Motorradunfall, 22.

Julia, Beifahrerin, 17.

Verkehrsunfälle sind die häufigste Todesursache junger Menschen weltweit. Bis 1955 starben die meisten Jungen und Mädchen im Säuglingsalter, jetzt ist das Risiko im Alter von 15 bis 24 besonders hoch; auf der Straße.

Es war dann eine Kellnerin, mit deren Hilfe ich an Geld kam. In einem Strandbad bezahlte ich mit der EC-Karte Getränke, Eis und Kuchen, die ich nie bestellt und nicht gegessen hatte. Den Gegenwert bekam ich bar. Die Bedienung bat um Verschwiegenheit. Ihr Chef würde versteuern müssen, was er nicht eingenommen hatte. Sie könnte Ärger kriegen.

So eng waren die Räume jetzt wieder geworden.

 

Zum Ende der fünften Woche erreichte ich den Main. Nicht dort, wo sich der Fluss wie ein Postkartenmotiv durch sein Tal windet, sondern in einer ebenen Auenlandschaft bei Schwarzach. Hier reihte sich Zeltplatz an Zeltplatz. Männer auf Jetskis quirlten das Wasser auf. Ihre Frauen saßen auf Plastikstühlen am Ufer, leckten die Fingerkuppen feucht und blätterten durch Modezeitschriften.

Wieder war es ein heißer Tag, der Sommer, so spät im Jahr gekommen, wollte nicht weichen. Dreißig Grad und mehr im September, die Erde rissig, auch meine Haut, die Augenlider schorfig, die Unterarme verbrannt. Vor vielerlei Augen stieg ich eine Steintreppe hinab in den Fluss, ohne Schuhe, aber in Hemd und Hose, voller Staub und Schweiß. Als die Kühle des Wassers alles durchdrungen hatte, zog ich mich aus, wrang alles zusammen wie einen Schwamm, warf ein nasses Bündel ans Ufer und schwamm durch den Fluss, einmal unter die Weiden auf der anderen Seite und zurück, schwamm gegen die Strömung, die nach regenlosen Wochen nur noch schwach war, holte Luft, tauchte unter und trank Mainwasser, so sehr war mir nach Abkühlung von außen und von innen.

Zeltplatz war das falsche Wort für den Ort, an den ich an diesem Tag geraten war. Ein Provisorium war so verhäuslicht worden, dass es kein Provisorium mehr war. Soweit ich sehen konnte, war mein Zelt das einzige zwischen Hunderten von Wohnmobilen und Wohnwagen am Flussufer. Die Menschen waren mit ihren Autos «raus in die Natur» gefahren, um dort dicht an dicht auf einer parzellierten Wiese zu sitzen und alles zu tun, um beim Grillen den grillenden Nachbarn zu ignorieren. Die Grenzen der Stellplätze waren mit Geranientöpfen markiert. Viele Gäste hatten Fahnen gehisst: bayerische Rauten, fränkisches Rot-Weiß, das Südstaatenkreuz, Totenköpfe. Überall Quietschen und Klappern, das beim Öffnen und Schließen von Tupperdosen entsteht, dazu das Surren kleiner Kühlschränke. Männer drehten Markisen aus den Dächern ihrer Wohnmobile. Frauen wedelten ihre frisch lackierten Nägel trocken. Ich sah Paare, die mit Handbesen Baguettekrümel von Stuhlpolstern fegten. Am nächsten Morgen putzten sie Vogelscheiße von den Windschutzscheiben ihrer Autos, mit destilliertem Wasser.

Alles war so eng wie in Woodstock, nur ohne Lust auf Gemeinschaft. Oder war ich nur neidisch auf die anderen? Auf ihre frisch gewaschene Wäsche, ihre gekühlten Getränke, ihre eingecremten Beine?

Mit der Betoniertheit des Landes kam die Betoniertheit des Denkens zurück, auch bei mir. In der Stille des Nebeneinanders konnten allerlei Vorurteile wachsen, schaute ich so abschätzig auf die anderen wie sie auf mein hüfthohes Zelt.

Ich ging tags darauf durch streng gekämmte Weinberge, barocke Örtchen mit Schnörkelkirchen klebten an den Hängen, ich naschte Trauben, gedrückt von dem Gefühl, größeren Mundraub zu begehen als beim Mais. Hier stahl ich Kulturgüter. Der Kontakt zu den Menschen brach ab, aber die Landschaft wurde einladender, lieblicher – noch ein altes Wort, das gebraucht werden wollte. Jedem Feldquadrat war Pflege, jedem Rebstock Handarbeit anzusehen. Städter nehmen Landschaft meist als etwas Gegebenes wahr, dabei steckt schon im Begriff das Menschgemachte, das Schaffen, das Gemeinschaftswerk: Mannschaft, Nachbarschaft, Landschaft. Jetzt erkannte ich die Mühen, die Akkuratesse und meine kleine, trotzige Wilderei darin.

 

Als wolle das Wetter mein Stimmungstief illustrieren, sandte es eine Kaltfront vom Atlantik nach Mitteleuropa. Sie erreichte das Altmühltal zur selben Zeit wie ich, am vierzigsten Tag. Das Tal war tief, schmal; Wolken legten sich wie ein grauer Deckel darüber, es regnete pausenlos, die Welt wurde eng. Nebel ließ Blicke ins Leere laufen, auch waren da keine Geräusche aus der Ferne mehr, nur noch nahes Tropfen, Triefen, Klöppeln und das Rascheln des Regenponchos. Es war so feucht, dass die Brillengläser beschlugen. Ich lief durch Fichtenwälder, in denen Nässe die Baumstämme schwarz gefärbt hatte; die Nadeln unter den Sohlen knirschten nicht mehr, jedem Schritt folgte ein Schmatzen, bei jeder Erschütterung verwandelten sich Kieselsteine vor meinen Stiefeln in Kröten und sprangen davon.

Irgendwo hier verlief der Limes, die alte Grenze zwischen Raetien und Barbaricum; einige Römerstraßen sollten noch erhalten sein, als bemooste Dämme in den Wäldern. Auf ihnen zu laufen, hätte ich mir erlaubt, obwohl diese Wege der Anfang von etwas gewesen waren; antike Autobahnen. Jetzt fand ich sie nicht. Manchmal sah ich die Altmühl, der Regen malte Ringe in den Fluss. Auf Uferwiesen lagen Kanus, schlank wie Fischleiber. Die Wetterwarte der Zugspitze meldete Schnee. Noch 160 Kilometer.

In Dollnstein quartierte ich mich in einem Gasthof am Fluss ein und blieb zwei Tage. In dem Haus war alles verblasst, die Fassade, die Markise, die Teppiche, die Gardinen. Ich schien der einzige Gast zu sein, im Frühstücksraum saß ich allein. Tags sah ich aus meinem Fenster in den Regen. Einmal posierte ein Hochzeitspaar unten am Fluss, spitzfingrig zog die Braut ihr Kleid hoch und stakste durch Pfützen, der Bräutigam machte ein Schmerzensgesicht im Wind, dazu lachten Enten ihr Schnatterlachen.

Auch Dollnstein hatte einst an einer Römerstraße gelegen, Archäologen gruben hier Reste einer Villa Rustica aus, eines antiken Landgutes. Im Mittelalter war der Ort ein bedeutender Markt, bis heute prägt eine Burg die Silhouette. Jetzt ist Dollnstein nur noch Durchgangsstation von Rad- und Bootstouristen, die der Altmühl in Richtung Donau folgen. Über dem Ort lag eine Saisonschlussmüdigkeit, die meiner Erschöpfung angesichts des nahenden Endes ähnelte.

Im leeren Gastraum hörte ich Radio, wie zur Reintegration. Auf Bayern 3 lief Werbung, bald war «Weltreifentag … Winterreifen nicht vergessen», es folgten die Nachrichten, Syrien, Merkel, Islamischer Staat, Trump und «ein Wetter, da möchte man gar nicht vor die Tür gehen», sagte die Sprecherin. Der Verkehrsfunk meldete Stau und stockenden Verkehr, hier «eine Viertelstunde Zeitverlust» und dort «sogar zwanzig Minuten». Dann Durchhalte-Musik und eine Gute-Laune-Moderatorenstimme, die den radioüblichen Countdown bis zum Wochenende anzählte: «Nur noch drei Tage, dann …»

Die Zeit lief wieder linear.

Die Wirtin und ich saßen beisammen und sprachen. «Die Leut’», sagte die Frau, «die hatten’s nie so eilig wie heute.» Vor dreißig Jahren habe sie mit ihrem Mann das Lokal von den Eltern übernommen, damals kamen Sonntagsausflügler und blieben zwei Stunden. «Heut’ wollen alle schon beim Bestellen bezahlen.» Der typische Tourist? Ein Radler, der darauf besteht, sein 2000-Euro-Gefährt auf der Sonnenterrasse direkt neben den Tisch zu stellen, statt es unten am Fluss anzuschließen, der dann Rhabarberschorle ordert und patzig wird, wenn es mal nur Apfel, Traube, Johannisbeere oder Kirsche gibt, der bei seiner Beschwerde der Wirtin aber kaum in die Augen schaut, weil er zur selben Zeit auf seinem Tachometer die gefahrene Strecke, die Durchschnittsgeschwindigkeit und Trittfrequenz prüft. Selbst Hotelgäste haben keine Ruhe mehr, schlafen nicht aus, sondern wollen sonntags um sieben Uhr frühstücken und dann weiter. Zum Buffet kommen sie mit Helmen, Handschuhen und Windschutzbrillen. Wie ein Sondereinsatzkommando vor einer Geiselbefreiung.

«Die genießen nicht mehr, die machen nur Strecke und ziehen Bilanz», sagte die Wirtin. «Jetzt ist den Leuten die Gemütlichkeit sogar im Urlaub verlorengegangen. Versteh ich nicht.» Als Geschäftsfrau hatte sie ihre Schlüsse daraus gezogen. «Seit ich die Salatplatte Vitalis nenne», sagte sie, «verkaufe ich sie viel öfter als früher.»

 

München näherte ich mich auf derselben Sichtachse wie Hunderte, Tausende Autofahrer am selben Tag, zur gleichen Stunde. Ich lief entlang der Autobahn 9, schnurgerade auf einem kilometerlangen grasbewachsenen Damm, errichtet gegen die Lärmfluten der achtspurigen Straße neben mir. Im Süden lag das Autobahnkreuz München-Nord, Schnittstelle von A 9 und A 99, ein Verkehrsherz, auf dessen Bahnen täglich 220000 Fahrzeuge wie Blutkörperchen aus allen Teilen des Landes zusammenfließen und dann nach kurzer Komprimierung in Kurven, Bögen, Schleifen wieder in alle Richtungen auseinanderströmen, nach Nürnberg, nach Stuttgart, Salzburg, Innsbruck, zum Brenner und von dort bis nach Italien. Das Kreuz München-Nord ist das meistbefahrene in Bayern und – nach dem Frankfurter Kreuz, dem Kreuz Köln-Ost, dem Kreuz Leverkusen und dem Kreuz Hilden – das am fünftstärksten frequentierte in Deutschland. 80 Millionen Autos im Jahr. Eine ganze Bevölkerung.

Das Bild, auf das ich zulief, war mir so vertraut wie der Ostseestrand, an dem ich 44 Tage zuvor gestartet war: rechts der Autobahn lag die wolkenweiße Arena des FC Bayern, links erhob sich der Fröttmaninger Berg, eine begrünte Müllkippe, auf dem Gipfel ein Windrad. Jeder, der mit dem Auto in die Alpen oder an die Adria reist und über München fährt, kennt den Anblick; Stadion und Windrad bilden ein modernes Stadttor, dahinter ist etwas Neues, ist wirklich Süden, verwandelt sich Reisestress in Urlaubsgefühl, und dann kommen auch schon die Berge.

Es war Nachmittag, als ich auf den Müllberg zulief, im Schattenreich zahlloser Brücken und Unterführungen des Autobahnkreuzes. Am Straßenrand saß eine Frau in einem Van, las ein Buch und grüßte freundlich. Stadtentwöhnt, begriff ich erst einige Meter später, dass sie eine Prostituierte war.

Ich stieg den Berg hinauf. Knapp unter dem Gipfel, hinter einem Gebüsch, schlug ich mein Zelt auf, Dunkelheit fiel herab, ich saß da mit meiner Mütze. Drei Grad über null.

Vor mir, hinter mir, neben mir, unter mir lag München. Im Süden die Türme der Frauenkirche, das gletscherglänzende Dach des alten Olympiastadions, der Fernsehturm, das Vierzylinderhaus von BMW und ein Wetterleuchten: die Wiesn. Im Norden hoben Flugzeuge ab, silbrig glänzten ihre Rümpfe im letzten Licht. Auf dem Autobahnkreuz ver- und entknotete sich stetig der Verkehr, rote Lichter, weiße Lichter unterwegs nach Stuttgart, Nürnberg, Berlin, Salzburg, Bozen. An diesem Abend spielte der FC Bayern gegen Hertha BSC, die Arena glühte rot wie ein Stück Kohle, manchmal drang durch das Motorenrauschen der Autobahnen die Stimme des Stadionsprechers bis auf den Berg hinauf, dreimal auch Jubel, einmal verstand ich drei Silben. «Ri-bé-ry!»

An diesem Abend auf dem Müllberg befiel mich ein Michael-Collins-Gefühl. Collins war der dritte Astronaut der Apollo-11-Mission, bei der ersten Mondlandung 1969 umkreiste er den Mond, statt ihn wie Neil Armstrong und Edwin Aldrin zu betreten. Er war ganz nah dran, aber nicht dabei. Gern hätte ich jetzt im Stadion gesessen, wäre nach Wochen als Einzelner Teil einer Gruppe gewesen, Teilnehmer statt Beobachter, eingebunden in Rituale und dadurch unsichtbar. Gleichzeitig war ich gefangen von der Einsamkeit auf der Müllhalde, den Aussichten und Einsichten von dort oben. Außer mir war alles in Bewegung. Die Passagiere in den Flugzeugen, die blinkend in den Nachthimmel stiegen, würden in einer Stunde eine Distanz zurücklegen, für die ich sechs Wochen gebraucht hatte. Auf der Autobahn glitten Menschen im selben Augenblick nach Hause, in dem in Thüringen eine junge Polin durch den Wald zu ihrem Freund lief. Und 70000 Fans sahen dem FC Bayern beim Fußballspielen zu, während sich ein rumänischer Arzt in Sachsen-Anhalt allein mit einer Entscheidung quälte und ein Bauernsohn in Hessen den passenden Bullen für die Kuhherde des Vaters suchte.

Wir alle wissen, dass sich hinter jedem Fenster ein Leben verbirgt. Es ist eine Binse, anzumerken, was alles gleichzeitig geschieht und wie ungleich unsere Aufmerksamkeit verteilt ist. Unsere Hirne sortieren unentwegt in Ablagen, Schubladen und Papierkörbe, je mehr passiert – und zurzeit passiert sehr viel –, desto schneller und kompromissloser. Was ist wichtig und was unwichtig? Für wen bleiben ein paar Minuten und für wen nicht? Es geht kaum anders, als zu kategorisieren und zu ignorieren. Aber an diesem Abend, an diesem Ort war das schwer zu ertragen, wusste ich doch: Die Schneise zwischen Stadion und Windrad, das Stadttor, hinter dem bislang stets ein Skiurlaub, eine Kletterwoche oder endlos lange Sommerferien begonnen hatten, war jetzt die Tür, durch die ich wieder jene Welt betreten würde, deren Logik, deren Aufmerksamkeitsökonomie und deren Wahrnehmungsgesetze ich an der Ostsee verlassen hatte.

 

In München wartete ein Mann auf mich. Wir hatten uns am Fluss verabredet, an der Isar, die sein Leben war und für einen Tag mein Weg sein sollte. Vor dem Aufbruch hatte ein bayerischer Kollege gesagt, am Ufer der Isar müsste ich es durch München schaffen, ohne allzu viele Straßen zu betreten.

Asphaltfrei durch eine Millionenstadt? Durch das kraftstrotzende Zentrum des kraftstrotzendsten Bundeslandes der kraftstrotzenden Republik? Mit 4400 Einwohnern je Quadratkilometer ist München die am dichtesten besiedelte Stadt Deutschlands; Berlin mit dem Tiergarten kommt auf 3800, Hamburg mit Alster und Hafen auf 2300 Menschen.

In nachtfeuchter Kleidung stieg ich vom Müllberg herab und lief durch Auenwälder zum Fluss. Es war ein windstiller Morgen. Im Englischen Garten wärmte die Sonne den Nebel weg. Eilig, flimmernd, brausend wie ein Bergbach strömte mir die Isar entgegen, ihr folgten winterlich dick vermummte Radfahrer, unterwegs zur Arbeit in den Münchner Dienstleistungs- und Mediennorden: Allianz, Bayerischer Rundfunk, Pro7, Sat.1. Es war, als liefe ich in einen Trichter; von beiden Seiten rückte die Stadt näher. Auf dem Land hatte ich oft nicht gewusst, ob ein Bussard oder Habicht über mir kreiste; jetzt gab es für alles, was ich hörte und sah, ein Wort: Bus, Bahn, Bank, Laterne, Parkuhr, Paketbote, Kiosk, Pizzakarton. Als sei ich in den eigenen Sprachraum zurückgekehrt. Doch blieb alles Städtische, das ich vom Ufer sah, einige Meter entfernt, entrückt, wie hinter Glas. Auf der Wiese, die Stadt und Fluss trennte, meinem Weg, trudelte mir ein Kassenbon vor die Füße, «Café Tomaselli» stand darauf, Alter Markt 9, 5020 Salzburg, Austria. Drei Tage zuvor hatte dort jemand 4,20 Euro für einen Cappuccino und 4,00 Euro für eine heiße Schokolade bezahlt. Vielleicht ein Vater mit Kind, eine bittere Scheidungsgeschichte, versüßt mit Kakao. «Es bediente Sie Nr. 12, Herr Goran.» Ein Zettel aus Salzburg in München. Sonderbar.

Der Mann, mit dem ich verabredet war, würde an der Maximiliansbrücke warten, die Bayerns Landtag mit Münchens Stadtzentrum verbindet. Er war Sozialdemokrat, Jahrzehnte im Stadtrat. Ich erkannte ihn sofort, als er auf einem Fahrrad herbeigeradelt kam: groß, schlank, aufrecht, Nickelbrille, Strohhut, im Gefolge ein ergebener Jagdhund.

Im Mai 1985 hatte Wolfgang Czisch, ein Verehrer Willy Brandts und schon umweltbewegt, bevor es die Grünen gab, einen Brief an Münchens Oberbürgermeister geschrieben. Antrag Nummer 636 der SPD-Stadtratsfraktion, vier Seiten lang: der «Isar-Plan». Er wollte den Fluss renaturieren, die Stadt reanimieren. Und Menschen zusammenführen, die sich nichts mehr zu sagen hatten.

Nun, drei Jahrzehnte später, im Alter von 73 Jahren, setzte sich Czisch auf eine Bank am Fluss und erzählte; am Ufer gegenüber flappte müde die blauweiße Rautenfahne des Landtags. Czischs Großmutter war Münchnerin, er in Stuttgart geboren. Wann immer der Enkel sie in den Nachkriegsjahren besuchte, sah er die Isar, «die Reißende, die Schöne» durch München rauschen. Bald verschwand der Fluss in einem Bett aus Beton, die Ufer wuchsen zu. «Als ich als Student wieder nach München kam, fand ich den Fluss nicht mehr.»

Czisch sprach prägnant, präzise, mit der Selbstsicherheit eines Mannes, der einen Sieg errungen hat. Als er mit Mitte vierzig den «Isar-Plan» schrieb, glaubte er selber kaum daran, dass er sich durchsetzen würde: Er wollte «Münchens Seele» wiederbeleben, die Betonufer wegreißen, den Fluss durch ein Kiesbett mäandern lassen, «mitten in der steinernen Stadt». Ein Vierteljahrhundert später, nach politischen Kämpfen und Finanzierungskriegen, nach dem Bau komplizierter Flussmodelle und der Berechnung aller Eventualitäten auf den 200 Flusskilometern zwischen Sylvenstein-Stausee und Donau, unter Berücksichtigung aller unterirdischen Abwasserrohre, Stromkabel und Bahnlinien, und nach dem Einsatz von Baggern, Abrissbirnen, Presslufthämmern, war die Vision von Süden her Wirklichkeit geworden.

Wolfgang Czisch sprang auf und mit ihm sein Hund. Er nahm sein Rad, wir liefen los. Czisch erzählte schneller, als ich mitschreiben konnte, aber ich sah, was er meinte: Die Isar wand sich um kleine Kiesinseln, überall saßen oder lagen Menschen am Ufer, einige bauten Steinpyramiden wie auf Passhöhen, andere sonnten sich, einer kühlte eine Flasche Bier im Wasser. «Wer da im Kies sitzt», sagte Czisch, «der nimmt München als eine Stadt am Fuß der Alpen wahr, die Isar stellt jetzt wieder Bezüge her: Wo bin ich? In welcher Zeit lebe ich? In welchem Raum? Und sie deckt den ganzen Stadtlärm zu mit ihrem wunderbaren Geräusch!» Czisch rief das, der Fluss rauschte tatsächlich alpin, flirrend verteilte er das Sonnenlicht in die Stadt, schien die Leute zu beruhigen und zu beleben, brachte zur Mittagspause Menschen zusammen, die davor und danach isoliert in ihren Büros saßen. Manchmal gab es Streit, manchmal Scherben, oft ergab sich ein ruppiges Miteinander, hin und wieder auch nur ein Nebeneinander von Arbeitslosen und Angestellten, Buchlesern und Lärmenden, Fleischgrillern und Salatessern; immer aber ein Wimmelbild voller Begegnung. Czischs Hund nahm ein Bad im Fluss und schüttelte anschließend einen Regenbogen aus seinem Fell.

Ganz ohne Asphalt zu berühren, kam ich nicht durch München. Einige Auffahrten zu Brücken mit Königsnamen – Ludwig und Wittelsbacher – musste ich queren, unter anderen kam ich hindurch, knirschenden Kies unter den Schuhen. All die Wochen über war ich über Straßen gehuscht wie Jakob über die Gleise, mal waren es fünf, mal zehn am Tag, mal keine. Bis auf zwei Brücken über Main und Donau, die ich längs laufen musste, war ich immer quer zu allem unterwegs, hatte keine Bank und keinen Supermarkt betreten, dafür eine Tankstelle. Aber war das noch wichtig? Man kann streiten, ob mein anfänglicher Impuls nebensächlich geworden oder nach wie vor wesentlich war. Die Idee hatte mich geleitet, ins Land geführt auf Wegen, die keine Wege waren, auf eine Art und Weise, die mir inzwischen so zwangsläufig erschien wie die wilde Isar in München und so logisch wie der Vorschlag eines Reporterkollegen des Spiegel, eine Journalistenschule für Nicht-Journalisten zu gründen – quasi zur Renaturierung unseres Berufes.

Journalisten nehmen sich wichtig, auch dieses Buch ist Beleg dafür. Wir haben weniger Einfluss auf den Lauf der Welt, als wir glauben, im Guten wie im Schlechten. Rassisten sind nicht erst durch unsere Themenauswahl zu Rassisten geworden. Die AfD ist fremdenfeindlich, weil Fremdenfeinde sie führen. Arbeiter wählen rechts, weil die SPD sie allzu lange vergessen hat. Die Demokratie wird beschädigt, wenn Parteien sich allzu einig sind und Verleger Lokalzeitungen kaputtsparen.

Aber wenn Lügner die Politik kapern, sollten Medien sich erst recht um die Realität in ihrer ganzen Breite sorgen. Wenn ein Diskurs nur noch in vorhersehbaren Bahnen verläuft wie eine Straße oder ein begradigter Fluss, sollten Journalisten dagegen anarbeiten. Mit einer Nicht-Journalistenschule. Mit offenen Augen und Ohren. Indem sie Menschen, die als Leser, Hörer und Zuschauer nur noch Empfänger von Botschaften und Nachrichten sind, wieder zu Sendern machen. Und sollte ich meinem Chefredakteur nicht eine Reporterlotterie vorschlagen? Könnte er nicht alle vier Wochen aus einer Lostrommel den Namen eines Kollegen oder einer Kollegin ziehen und dann einen Dartpfeil auf eine Deutschlandkarte werfen? Wo der steckenbliebe – ob bei Unterlüß, Gollmitz, Uffenheim oder Bad Bergzabern –, würde der ausgeloste Redakteur einen Monat leben. Wir alle würden mit Geschichten wiederkommen und mit einer ganz besonderen Weltgewandtheit, gewonnen in der Peripherie.

Zurück in der Stadt, in Zwängen und Zeitnöten, würde der Vorschlag allerdings ähnlich abwegig klingen wie die Idee, abseits der Straßen durchs Land zu laufen und sich davon irgendeine Erkenntnis zu versprechen.

 

Ich verließ die Isar bei Wolfratshausen, keuchte einen Bergwald hinauf und sah, auf dem Kamm angelangt, erstmals die Alpen. So ersehnt und doch so unerwartet standen sie am Horizont, als habe ein Bühnenbildner sie eben erst hingestellt. Groß und grau gezackt. Nach sieben Wochen verdinglichte sich das Ziel von einem Wort zu einem Fels: Zugspitze. Schnaufend lief ich der letzten Schattenwand entgegen, die immer wieder hinter Baumreihen des Voralpenlandes versank, um nach jedem Anstieg etwas größer über Wiesen und Weiden emporzuwachsen. Mein Atem ging schlussspurtschwer, eilig folgte ich einer Perlenkette bayerischer Seen nach Süden. Starnberger See, Kochelsee, Walchensee. Die Bergkulisse bekam Konturen, Tiefe, umfing mich, umschloss mich, als ich am 49. Tag Schloss Elmau passierte, das Partnachtal hinauflief und meinen Gehstock auf felsigen Pfaden als Taktstock einsetzte: Tak-tak-tak-tak.

Ich hatte sieben Bundesländer durchwandert, 800 Kilometer Luftlinie und 1200 Kilometer Fußweg hinter mir, eine Hose zerrissen, ein Paar Stiefel zerschlissen, sechs Kilogramm verloren. Erst jetzt, im Schlagschatten der Berge, wurde die Landschaft so schön und schroff, dass sie zum Motiv für all die Outdoor-Magazine getaugt hätte, die in den Bahnhofskiosken der Städte auslagen. Nein, Deutschland war nicht «atemberaubend», nichts war wirklich «entlegen», nichts «wild» oder «urig»; meistens war da nur «Gegend». Kein Wolf hatte mir aufgelauert, kein Wildschwein meinen Weg gekreuzt, kein Schuss war gefallen. Eine Schlange hatte ich gesehen, plattgefahren auf einer Straße. Mein Taschenmesser hatte ich nur ausgeklappt, um hin und wieder Langeweile wegzuschnitzen. Das Pfefferspray lag tief im Rucksack, verschüttet und vergessen. Bis zum Schluss musste ich nicht eine Tablette schlucken, hatte nie Kopf-, Knie- oder Rückenschmerzen, als sei der Körper nach einem halben Leben endlich zu seinem Recht gekommen. Wer und was alles war ich in den zurückliegenden Wochen gewesen? Ein Bürowesen mit Bewegungsdrang, ein schießwütiger Öko, ein Agnostiker mit Kirchensehnsucht, ein Stadtkind, das sich mit der Landbevölkerung solidarisierte, obwohl es so gut wie nichts verstand von dem, was es hörte und sah. Was für ein Hochmut zu glauben, man sei man selbst allein aus eigener Kraft, überall und unter allen Umständen derselbe und die eigenen Ansichten besonders rational, edel und gut. Das war in den sieben Wochen unterwegs nicht so. Warum sollte es dann in der Zeit davor, statisch in der Stadt, so gewesen sein?

Als Journalist sucht man die Extreme, das Abenteuer, die Exotik, die Gefahr, den schrecklichsten Fall, die neueste Neuigkeit, den bösesten Bösen und den besten Guten. Nichts davon hatte ich gefunden. Statt mit den Ungewöhnlichen hatte ich mit den Normalen geredet. Nicht mit den Berühmten, sondern mit Unbekannten. Nicht mit Lauten, sondern mit Leisen. Nicht mit Organisierten, sondern mit Einzelnen. Exklusivinterviews mit Menschen, die nie zuvor gefragt worden waren. Keine redaktionskühle Vorauswahl hatte mich zu ihnen geführt. Alle, mit denen ich sprach, hatten einen Heimvorteil. Immer war ich Außenseiter, nie Etablierter.

Ich war nicht ab vom Wege gewesen. Sondern mittendrin. In einer Zeit, in der wir alles zu kontrollieren, zu versichern, zu prognostizieren versuchen, in der wir für alles Verträge abschließen, Gutachten in Auftrag geben und Hotelportale nach Bewertungen durchsuchen. In dieser Zeit hatte ich die Kontrolle aus der Hand gegeben. An jedem Tag, in jedem Wald, bei jeder Begegnung hätte mein Weg eine andere Richtung nehmen können.

Einen Monat nachdem ich in den Schatten der Zugspitze trat, sollte Donald Trump zum neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt werden, angesichts dieser Katastrophe die Selbstbefragung der sogenannten Eliten in Washington, New York und San Francisco, in Berlin, Hamburg und München beginnen, Politiker und Journalisten das Hinterland entdecken, zögernd, unsicher, als beträten sie einen lange vergessenen Keller.

Eine Zeitlang hörte ich zuversichtlich hin. Jetzt ging es um filter bubbles, die eigenen und die der anderen. Es ging um die Frage, wie die Demokratie zu verteidigen sei: durch das Beharren auf mühsam erkämpften Werten und Freiheiten – oder durch den Versuch, mit den Verlorenen ins Gespräch zu kommen. Die Beharrenden warfen den Gesprächssuchern Opportunismus und Unterwerfung vor, die Gesprächssucher den Beharrenden Überheblichkeit. Talkshows wurden einberufen, Parteitage abgehalten, Essays geschrieben und Antworten auf diese Essays. Nach einiger Zeit schloss sich der Debattenzirkel wieder und kreiste in summender Selbstbeschäftigung um sich selbst.

Am meisten verblüffte mich, dass viele Diskutanten – Beharrende wie Gesprächssuchende – für die Menschen außerhalb ihrer Blase nur abwertende Begriffe fanden. Sie sprachen von «Abgehängten», «einfachen Leuten» und einer «Masse», die offensichtlich dumm, leichtgläubig, emotional verführbar sei und die es schnellstens zurückzugewinnen, wenigstens zu kontrollieren galt – wie ein verfügbares, gleichförmiges, formbares, breiiges Etwas.

Nie hörte ich in einer der Talkshows einen Teilnehmer sagen, wie unterschiedlich, vielfältig und bunt die Gesellschaft außerhalb des eigenen Wahrnehmungsradius ist. Wie viel Erfahrung jenseits der eigenen filter bubble zu entdecken wäre. Dass das Meinungsspektrum im Hinterland womöglich breiter ist als im eigenen Freundes- und Kollegenkreis. Dass die kulturelle Leistung einer Laienschauspielgruppe größer sein kann als der jährliche Kauf eines Theater-Abonnements. Dass eine regelmäßige Doppelkopfrunde in einem abgelegenen Dorfgasthof einen ähnlich konstituierenden Wert für eine Gesellschaft haben kann wie ein einmaliges Symposium. Dass «draußen im Lande» nicht nur «postfaktisch» fühlende Menschen leben, sondern viele Männer und Frauen, die manche Folgen der Globalisierung, der Arbeitsmarktderegulierung, der neuen Kriege und Schweinefleisch-Sanktionen direkter – faktischer – zu spüren bekommen als andere.

 

Die Wochentage hatten wieder Namen, und die Zeit war bis in ihre kleinste Einheit strukturiert, als ich an einem Mittwochmorgen um 10.34 Uhr das Bordrestaurant in Wagen 8 des ICE 880 betrat, eines Hochgeschwindigkeitszuges, der die Strecke von München nach Hamburg in fünfeinhalb Stunden bewältigen würde. Ich trug einen Vollbart, der borstig und vernachlässigt wirkte und in Kontrast stand zu meiner Kleidung: ein Paar tadellose Schuhe, eine dunkle Jeans, ein neues Hemd, das den essigsauren Geruch gerade gekaufter Ware verströmte.

In der letzten Nacht am Berg hatte ich schlecht geschlafen. Auf 2000 Metern Höhe, in einer Wüste aus grauem Geröll, hatte ich Unterschlupf in einer Hütte des Deutschen Alpenvereins gefunden. Der Wirt teilte mich einer Gruppe schnarchender Kerle zu. Ich wälzte mich in einem hölzernen Stockbett, trieb auf Träumen, sträubte mich gegen den Wetterbericht, der für den nächsten Tag Wolken, Nebel, Gewitter angekündigt hatte.

Als ich aufwachte, war es noch dunkel, die Luft klar, am Himmel die Sichel des Mondes, nach oben offen wie eine Schale. Ich wuchtete den Rucksack auf die Schultern, nahm Stock und Mütze, schnürte die Schuhe und schlich hinaus. Das Thermometer an der weiß gekalkten Hütte zeigte null Grad. Hinter den Gipfeln begann es zu dämmern, im Tal etwas Nebel. Der fünfzigste Tag. Kein Laut. Keine Geräusche außer denen, die ich selber machte. Im Zickzack führte ein Pfad durch die Felswelt, mit knarzenden Schritten kam ich voran, Kalkstein färbte die Stiefel mehlig. Die Finger wurden kalt, Handschuhe hatte ich vergessen, vor Wochen, als ich meine Sachen packte. Noch 900, 800, 700 Meter. Je heller es wurde, desto schneller wuchsen die Wolken, sie quollen aus den Senken herauf und krochen über die Grate herab. Einen Tag früher, und der Himmel wäre blau gewesen. Einen Tag früher, und der Gipfel wäre in Sicht geblieben. Einen Tag früher, und meine Wanderung hätte mit einem Triumphmarsch durch Sonnenscheinwerferlicht geendet.

Aber auf welchen der vergangenen 49 Tage hätte ich verzichten wollen? Mir fiel keiner ein.

So umschlossen die Wolken von allen Seiten einen Wanderer, der allein auf harschem Schnee unterwegs war, aber nicht einsam. Mit dabei waren die bulgarische Sandwichverkäuferin vom Ostseestrand; Wolle und Utchen aus Mecklenburg; AfD-Günther; die Maisbauern und der Schlachter aus Dobbertin; der nostalgische Inhaber des Schlosshotels; der Fährmann von der Elbe; die Bewohner von Deutsch; die gealterten Hanf-Hippies; der rumänische Landarzt und seine verzweifelte Frau; der Wetterwart vom Brocken; Chef und Champ vom Golfplatz an der innerdeutschen Grenze; Rolf, der Mönch; Mandy von der Tankstelle; das polnische Mädchen aus dem Wald; der Stockmacher aus dem Werratal; der alte Bauer Albert, der nach wie vor ein Wort für die vierte Heuernte des Jahres suchte; Tobias, der junge Rinderzüchter; die demente Hilde; die Wirtin aus dem Altmühltal; der Flussbefreier von München. Meine ganze Geisterprozession von Großen und Kleinen, Jungen und Alten, Aufrechten und Gebeugten, Zuversichtlichen und Zermürbten, manche miteinander im Gespräch, andere im Zwist, einige stumm, alle anders, niemand nichts, jeder lebenskundig, jeder kenntnisreich, jeder anhörenswert, jeder ein Elementarteilchen der Demokratie. So stiegen wir hinauf in die Wolken.

Einen Tag später schlingerte der ICE 880 über Weichen hinweg und hinaus aus dem Schienenwirrwarr der Großstadt, nahm Fahrt auf, Tempo 200, die übliche Geschwindigkeit. Im Speisewagen waren nahezu alle Tische besetzt, eine Frau lugte über den Rand ihrer Lesebrille auf einen Laptop, einige Männer strichen auf den Displays ihrer Handys herum und tasteten wie blind nach ihren Kaffeetassen. Ich fand noch einen Sitzplatz am Fenster, gegen die Fahrtrichtung. Die Landschaft draußen kam mir nicht entgegen, sie entfernte sich, schrumpfte, alles verschmolz und verschwand in einem Fluchtpunkt am Horizont: Häuser, Bäume, Strommasten. Der Zug schwebte an allem vorbei und über alles hinweg. Keine Steigung, kein Gefälle, keine Kurven.

Um 10.52 Uhr nahm ein junger, leicht sächselnder Kellner im Speisewagen seinen Dienst auf, ging von Tisch zu Tisch und bat zuletzt den bärtigen Mann am Fenster um eine Bestellung.

«Könnte ich bitte ein Glas kalte Milch bekommen?», fragte der Mann.

«Kalte Milch?», sagte der Kellner. «War das richtig?» In seinen sieben Dienstjahren hatten sich nur Kinder Milch gewünscht, und das sehr selten.

Der Bärtige erzählte etwas von einer langen Wanderung und Milchdurst, schwer verständlich, etwas wirr. Dann glitt sein Blick wieder zum Fenster. Er hatte eine Zeitung dabei, aber er las nicht. Vor ihm lag ein Notizblock, aber er schrieb nicht. Auch ein Handy besaß er, doch er telefonierte nicht. Bis der Zug Hamburg erreichte, saß der Mann einfach da, sah ins Land hinaus und machte angestrengte, schmale Augen, als suche er nach etwas, das er draußen verloren hatte.

Sie können dem Autor unter @hsussebach auf Twitter folgen.

 

Auch freut er sich über Zuschriften an:

Henning Sußebach

c/o Rowohlt Verlag GmbH

Hamburger Straße 17

21465 Reinbek

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Mai 2017

Copyright © 2017 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages

Umschlaggestaltung Anzinger und Rasp, München

Umschlagabbildung Michael Wendt/EyeEM/Getty Images

Karte © Peter Palm, Berlin

Schrift DejaVu Copyright © 2003 by Bitstream, Inc. All Rights Reserved.

Bitstream Vera is a trademark of Bitstream, Inc.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN Printausgabe 978-3-498-06307-8 (1. Auflage 2017)

ISBN E-Book 978-3-644-05541-4

www.rowohlt.de

ISBN 978-3-644-05541-4

Verbinden Sie sich mit uns!

 

 

Neues zu unseren Büchern und Autoren finden Sie auf www.rowohlt.de.

 

Werden Sie Fan auf Facebook und lernen Sie uns und unsere Autoren näher kennen.

 

Folgen Sie uns auf Twitter und verpassen Sie keine wichtigen Neuigkeiten mehr.

 

Unsere Buchtrailer und Autoren-Interviews finden Sie auf YouTube.

 

Abonnieren Sie unseren Instagram-Account.

 

 

 

 

                  

Besuchen Sie unsere Buchboutique!

Die Buchboutique ist ein Treffpunkt für Buchliebhaberinnen. Hier gibt es viel zu entdecken: wunderbare Liebesromane, spannende Krimis und Ratgeber. Bei uns finden Sie jeden Monat neuen Lesestoff, und mit ein bisschen Glück warten attraktive Gewinne auf Sie.

 

Tauschen Sie sich mit Ihren Mitleserinnen aus und schreiben Sie uns hier Ihre Meinung.